syndicom magazin Nr. 14

syndicom

Das syndicom-Magazin bietet Informationen aus Gewerkschaft und Politik: Die Zeitschrift beleuchtet Hintergründe, ordnet ein und hat auch Platz für Kultur und Unterhaltendes. Das Magazin pflegt den Dialog über Social Media und informiert über die wichtigsten Dienstleistungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote der Gewerkschaft und nahestehender Organisationen.

syndicom

Nr. 14 November–Dezember 2019

magazin

Frischluft

im

Bundeshaus


Anzeigen

Reka-Card: So kommen Sie zu

mehr Geld für Freizeit und Ferien

Haben Sie bereits eine Reka-Card? Als Mitglied von syndicom erhalten

Sie 7 % Rabatt auf Reka-Card-Guthaben. Mit der Karte bezahlen Sie für

Zug tickets genauso wie im Restaurant oder fürs Tanken. Und ist das

Guthaben aufgebraucht, können Sie online einfach neues nachladen.

Wo bezahle ich mit der Reka-Card?

Mit der Reka-Card bezahlen Sie am Kartenterminal

der Reka-Annahmestellen. Sie können die

Karte aber auch in den Apps von SBB Mobile,

Fairtiq oder BLS hinterlegen und so schnell und

unkompliziert Tickets kaufen. Auch an den Tankstellen

von AVIA, BP und neu auch Coop Pronto

bezahlen Sie fürs Tanken an den Automaten oder

im Shop mit der Reka-Card. Bei schweizweit

mehr als 9000 Annahmestellen kommt jede und

jeder auf seine Kosten. Dazu zählen unter anderem

Restaurants, Hotels, Bergbahnen und Skilifte,

Freizeitparks, Museen, Fitness centren und

sogar Selecta-Automaten.

Wie komme ich zu meiner Reka-Card?

Reka sendet Ihnen einen Einzahlungsschein an

Ihre Privatadresse. Nach Ihrer Einzahlung erhalten

Sie Ihre Reka-Card und separat eine PIN

zugestellt. Gleichzeitig haben Sie online via

rekanet.ch Zugang zu Ihrem persönlichen

Reka-Konto. Hier können Sie Ihre Karte sperren,

falls Sie verloren geht, Ihr Guthaben einsehen

oder zusätzliches Guthaben kaufen mit 2 % Vergünstigung.

Inspiration für Ferien und

Freizeit finden Sie unter

reka-guide.ch

oder auf Instagram unter

@reka_moment

Schweizer Reisekasse (Reka)

Genossenschaft

Reka-Geld Kundenservice

Tel. +41 31 329 66 67

reka.ch

kundenservice@reka.ch

ENGAGIERT FÜR DIE ACHTUNG

DER KINDERRECHTE, HIER

UND WELTWEIT

Terre des Hommes Suisse arbeitet Hand in Hand mit seinen lokalen

Partnern, um Kindern die folgenden Rechten zu ermöglichen :

das Recht auf Bildung das Recht auf Schutz das Recht auf Partizipation

Auch Sie können handeln.Schließen Sie sich uns an und setzen

Sie sich für die Achtung der Kinderrechte, hier und weltweit, ein.

Entdecken Sie unsere Programme und alle unsere Aktionen auf

den folgenden Webseiten :

www.terredeshommessuisse.ch

facebook.com/terredeshommes.suisse

instagram.com/terredeshommessuisse

© Terre des Hommes Suisse

Ch. du Pré-Picot 3

1223 Cologny-Genf, Schweiz

Tel. +41 (0)22 737 36 36 - CCP 12-12176-2

Terre des Hommes Suisse ist seit 1988 von der Zentralstelle

für Wohlfahrt ZEWO anerkannt. Dieses Qualitätslabel zeichnet

vertrauenswürdige Wohltätigkeitsorganisationen aus.


Inhalt

4 Teamporträt

5 Kurz und bündig

6 Die andere Seite

7 Gastautor

8 Dossier: Unsere Neuen

im Parlament

Liebe Leserinnen und Leser

16 Arbeitswelt

19 Bessere Renten für

Selbständige

22 Politik

25 Recht so!

26 Freizeit

27 1000 Worte

28 Bisch im Bild

30 Aus dem Leben von ...

31 Kreuzworträtsel

32 Was ich vom Parlament

erwarte

«We, not me» – wir, nicht ich!

Grüne Welle, Klimapolitik, Linksrutsch,

Frauenwahl – Schlagzeilen, die nach der Wahl

die Gazetten und Berichterstattungen dominierten.

Klar ist, dieses Wahlergebnis kommt

für die Schweiz einem Erdrutsch gleich.

Unser Parlament wird weiblicher und jünger.

Die Kosten für die Krankenkasse, die ungelösten

Probleme bei der Rentenfrage und der Klimawandel

führten zu einem starken Mobilisierungseffekt

bei den jungen Wählerinnen und

Wählern. Ebenso hat der Frauenstreik seine

Wirkung entfacht. Diese Populationen verlangen

eine nachhaltige Politik, Gesellschaft und

Umwelt. Lösungen für die Zukunft, und diese

nicht irgendwann. Und vor allem eine Politik,

die nicht die Einzelnen, sondern die Gesellschaft

ins Zentrum stellt.

Genau – We, not me!

Wie sich dies auf die offenen Fragen und

Problema tiken wie Klima politik, den Lohnschutz,

die Rentenfrage, den Service public,

die steigenden Gesundheitskosten, Gleichstellung

oder auf die fortschreitende Digitalisierung

in der Arbeitswelt auswirkt, ist allerdings

weiter offen. Gefragt sind in allen

Belangen Lösungen, die breite und nachhaltige

Wirkung entfalten für eine moderne Schweiz,

die ihren gesellschaftlichen und sozialen

Verpflichtungen nachkommt. Daran wird ein

Parlament gemessen.

Daniel Münger,

Präsident syndicom

4

8

22

Titelbild:

Fabien Fivaz (Grüne Neuenburg),

Baptiste Hurni (SP Neuenburg), Tamara

Funiciello (SP Bern) und Franziska Roth

(SP Solothurn) am Tag der neuen

Parlamentarier*innen im Bundeshaus.

Hinten: Flavia Wasserfallen (SP Bern).


4

Teamporträt

«Es macht Spass, unsere Erfahrung

sinnvoll und nützlich einzusetzen»

Paul Heinzelmann war zehn Jahre im

Betriebsdienst der SBB tätig und Mitglied

der Gewerkschaft SEV. Anschliessend

arbeitete er 30 Jahre lang bei

Swisscom, wo er verschiedene Positionen

innehatte, darunter in der Personalabteilung

und im Customer Field

Service. Er ist Mitglied bei syndicom

und ging 2018 in den Ruhestand.

Edith Annaheim hat 44 Jahre bei

Swisscom gearbeitet, syndicom-Mitglied

ist sie seit 26 Jahren. Sie war aktiv

im Vorstand der Sektion Olten/Solothurn.

2016 kam Edith zu Worklink, dem

Instrument des Swisscom-Sozialplans,

und konnte sich dort als Mitinitiatorin

der Organisation Plus einbringen. In

dieser Funktion hat sie schon über

150 Beratungsgespräche durchgeführt.

Auch Jürg Schär war vor der Pensionierung

im letzten Februar bei Swisscom,

in der Informatik. An seinem ersten Arbeitstag

1984 ist er der Gewerkschaft

beigetreten und ihr seither treu geblieben.

In der Organisation Plus engagiert

er sich in den Pensionierungsberatungen,

um bei schwierigen Entscheiden

im Übergang zu einem neuen Lebensabschnitt

sozialen Kontakt zu bieten.

Text: Mark Herbst

Bild: Peter Mosimann

«Organisation Plus»:

Jetzt kommen die

Älteren!

Die Idee, Erfahrung und Wissen der

reiferen Kolleg*innen einzusetzen

und zu nutzen, hat dazu geführt, im

Mai 2019 die «Organisation Plus» bei

syndicom zu bilden. Mit viel Engagement

und Freude wurden und werden

Projekt ideen zur Mitgliederwerbung

entwickelt, erste Projekte

wollen wir jetzt umsetzen!

Edith Annaheims Projekt richtet

sich an alle Mitglieder, die sich eine

Frühpensionierung überlegen: «Warum

soll ich länger arbeiten, wenn ich

im Fall einer Entlassung sowieso

kaum noch Chancen bei der Arbeitssuche

habe? Die Option vorzeitige

Pensionierung muss man im Einzelfall

prüfen. syndicom kann dich beraten

und dir helfen, eine Entscheidung

zu treffen!»

Unser Mitglieder-Projekt betrifft

die Austrittsbearbeitung. Warum

schrumpfen Gewerkschaften, in unserem

Fall syndicom? Weil mehr

Mitglieder austreten als eintreten,

so einfach! Die Organisation Plus

nimmt die Problematik auf und will

den Austretenden die Vorteile einer

Mitgliedschaft wieder in Erinnerung

rufen und die Wertschätzung entgegenbringen,

die sie vielleicht in der

Vergangenheit vermisst haben –

selbstverständlich mit Respekt und

Mut zur Einfachheit. Paul Heinzelmann

sagt: «Mit meiner Mitarbeit

kann ich Mitglieder und syndicom

sinnvoll unterstützen. Der Austausch

und die erfüllende Aufgabe machen

viel Spass. Mach doch mit!»

Dies geschieht zusammen mit

Sébastien Bourquin, Leiter der Mitgliederentwicklung.

Wir wollen seine

Erfahrungen nutzen und erarbeiten

ein Vorgehen, das in kleinen, bearbeitbaren

Portionen aktive Aufgaben

zuweist. Jürg Schär dazu: «Die aktive

Mitgestaltung ist eine Chance für

alle Mitglieder, das Verbessern der

Wertschätzung liegt in unseren Händen.

Ich mache mit!»

Wir wollen auch bei der Mitgliederwerbung

aktiv werden. Interessierte

Kolleg*innen um die 60 sind

bei uns in der Organisation Plus

herzlich willkommen. Wir treffen

uns regelmässig, erarbeiten die

Werkzeuge, die wir brauchen, nutzen

die bereits bestehenden und freuen

uns, Projekte zu realisieren, die unserer

syndicom Nutzen stiften und

uns selbst auch Freude bereiten.


Kurz und

bündig

Sozialpartnerschaftlicher Dialog mit Smood \ Altersdiskriminierung

bekämpfen \ Jurassische Chauffeur*innen demonstrieren

vor dem Parlament \ SGB-Initiative für 13. AHV-Rente \ Frauen

bei Ringier sichtbarer \ 170 Lohnerhöhungen nachträglich

5

Dialog bei der

Smood AG eingeleitet

Die Foodkurier*innen der Smood AG, die

mit der Migros zusammenarbeitet, beschwerten

sich über ihre Löhne und

Arbeitsbedingungen, insbesondere über

die Kommunikation von Einsatzplänen

und über Entschädigungen für die Nutzung

ihrer privaten Telefone und Fahrzeuge.

Diese Kurierdienste fallen unter

das Postgesetz, dessen Bedingungen

eingehalten werden müssen. syndicom

ist erfreut, dass die Smood AG Bereitschaft

signalisiert, einen sozialpartnerschaftlichen

Dialog aufzunehmen. Das

Unternehmen könnte insbesondere den

GAV für Velokuriere und urbane Kurierdienstleistungen

unterzeichnen.

Altersdiskriminierung

bekämpfen

Der Verband Avenir50plus, der die Interessen

von älteren Erwerbslosen wahrnimmt,

hat bei Professor Kurt Pärli eine

Rechtsschrift in Auftrag gegeben. Diese

spricht sich für einen Rechtsschutz vor

Altersdiskriminierung aus. Wie der Verband

betont, wird die Einführung einer

Überbrückungsleistung, die verhindert,

dass Ausgesteuerte nach einem langen

Erwerbsleben zur Sozialhilfe gehen

müssen, ihr Ziel nur zusammen mit einem

solchen Rechtsschutz erreichen.

Unmut und Demonstration vor

dem jurassischen Parlament

Rund 150 Chauffeur*innen und Sympathisant*innen

demonstrierten am

27. November vor dem jurassischen Parlament.

Sie wehren sich gegen die Art

und Weise, wie die Buslinien in diesem

Kanton ausgeschrieben wurden. In der

Ausschreibung wurde auf Kriterien zum

Schutz der Arbeitsbedingungen verzichtet.

Die Chauffeur*innen, die symbolisch

gelbe Westen trugen, übergaben der Regierung

Praliné-Bomben, um zu zeigen,

dass sie mit den Ausschreibungen eine

soziale Zeitbombe in der Hand hält und

die Fahrer*innen nicht opfern darf.

10-Punkte-Massnahmenpaket

des SGB für mehr Kaufkraft

Die Delegiertenversammlung des SGB

hat eine Volksinitiative für eine 13.

AHV-Rente beschlossen. Damit soll

dem Problem abgeholfen werden, dass

die Pensionskassenrenten sinken, während

die Beiträge immer mehr steigen.

Die zusätzliche Rente wäre gleich hoch

wie die übrigen monatlichen AHV-Renten.

Dies entspräche einer Erhöhung

um 8,33 %, von der die tiefen und mittleren

Einkommen am meisten profitieren

würden. Im Übrigen hat der SGB

zehn Massnahmen für mehr Kaufkraft

vorgeschlagen. Dazu gehören die Ausschüttung

eines Teils der SNG-Gewinne

an die AHV, ein 13. Monatslohn für alle

in den GAV und in den Betrieben und

eine Erhöhung der Familienzulagen.

Ringier will Frauen sichtbarer

machen

Der Ringier-Konzern will mit Hilfe von

Künstlicher Intelligenz die Artikel über

Frauen und Männer auf seinen Webseiten

analysieren. Bilder, Titel und Leads

werden im Hinblick auf die Sichtbarkeit

von Frauen und Männern ausgewertet.

Gleichzeitig wird gemessen, wie oft

Frauen und Männer zu Wort kommen.

Auf Blick.ch liegt der Anteil der Artikel

über Frauen bei 25 %. Ziel ist, Frauen

sichtbarer zu machen, indem die Redaktionen

für die Gleichwertigkeit in

der Berichterstattung sensibilisiert

werden.

170 Mitarbeitende von

PostFinance erhalten

Lohnerhöhung im Nachhinein

PostFinance und syndicom haben die

Umsetzung der 2019 eingeführten

Lohnmassnahmen kontrolliert.

Dies betraf die 800 Personen, denen

der Vorschlags wert nicht gewährt wurde.

Für 170 PostFinance-Mitarbeitende

wurde vereinbart, auf der Grundlage

der Kontrolle eine nachträgliche Lohnerhöhung

vorzunehmen.

Agenda

Dezember

bis 31.

Akrobatik

Zürich, Bauschänzli.

Der traditionelle Weihnachtszirkus

Conelli zeigt internationale Stars der

Akrobatik-Szene.

Januar

bis 5.

Picasso, Gorky, Warhol

Kunsthaus Zürich.

Skulpturen und Arbeiten auf Papier aus

der Sammlung Looser.

20.

Ehrlichkeit ist

Interpretationssache

Rüschlikon/Zürich, Gottlieb Duttweiler

Institut, 18 Uhr.

«Typisch Mensch? Verhalten und Ehrlichkeit

in einer digitalen Welt»: Der

Verhaltensökonom Michel Maréchal

diskutiert mit dem Neuro psychologen

Lutz Jäncke.

22.

Unterwegs mit dem

Nachtwächter

Bern, Zytglogge, Kramgasse, 18.30 Uhr.

Das Mittelalter erleben mit dem Hüter

der Stadt. Haarsträubende Erzählungen

über Hinrichtungen und Gespenster

hören und erfahren, wieso sich

in Bern ein Nachtwächter und eine

Nachtwächterin abwechselten.

Februar

Vom 27. bis 29.

Reclaim Democracy

Kongress, Zürich, Rote Fabrik.

Der Kongress wird vom Denknetz

Schweiz in Kooperation mit 47 Partnerorganisationen

ausgerichtet.

An über 50 Workshops werden rund

2000 Teilnehmende erwartet. syndicom

wird einen Workshop zum Thema

Service public digital durchführen.

syndicom.ch/agenda


6 Die andere

Hans Hollenstein

Seite

ist seit 2012 Präsident der Eidgenössischen Postkommission

(PostCom). Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften

an der Universität Bern arbeitete er im Kader der Axa-

Winterthur. 2005 bis 2011 war er im Zürcher Regierungsrat.

1

Wie sehen Sie nach sieben Jahren als

PostCom-Präsident und zum Zeitpunkt

Ihres Rücktritts die Gesamtsituation

der Post?

Die Schweizerische Post wurde vom

Weltpostverein zum dritten Mal in

Folge als beste Post der Welt ausgezeichnet.

Sie erfüllt und übertrifft alle

Vorgaben von Gesetz und Verordnung.

Die Post steht aber auch im

Wettbewerb und vor grossen Herausforderungen,

vor allem was die

Grundversorgung und ihre künftige

Finanzierung anbelangt.

2

Haben die Mindestanforderungen,

die 2019 für Unternehmen ohne GAV

eingeführt wurden, die Gefahr von

Lohndumping gebannt?

Ja. Wir stellen fest, dass die Mindeststandards

wirksam vor Lohndumping

schützen und heute eine grosse Zahl

von Angestellten – auch über die

Sozial partner – von höheren Standards

profitieren.

3

Haben Sie mit der Festlegung eines

Mindestlohns von 18.27 Franken in

der Logistik dem Lohndumping nicht

gerade Tür und Tor geöffnet?

Die PostCom ist nur für den Postsektor

zuständig. Mit der Einführung

dieser Standards haben wir das

Lohndumping auf keinerlei Weise

begüns tigt, ganz im Gegenteil. Wir

tragen zur Verhinderung eines Prekariats

bei und schützen die Schwächsten,

die keinen GAV haben. Im Übrigen

kontrolliert die PostCom die

Einhaltung der Arbeitsbedingungen

und sanktioniert wenn nötig.

4

Was halten Sie von den neuen

Konkurrenten, die seit Kurzem im

Markt tätig sind?

Die PostCom verfolgt die Entwicklungen

in den Postmärkten sehr genau

und prüft bei jedem neuen Anbietertyp,

ob er unter die Postgesetzgebung

fällt. Die Gleichbehandlung aller Unternehmen

in einem Postmarkt muss

unbedingt gewährleistet werden.

5

Ende 2018 war die Anzahl der Poststellen

(1078) fast gleich hoch wie die

Anzahl der Postagenturen (1061).

Wie sieht es Ende 2019 aus?

Ende 2019 wird es mehr Agenturen

als Poststellen geben. Der Transformationsprozess

geht weiter. Man

muss aber sagen, dass die Agenturen

auch Vorteile bieten, zum Beispiel

längere Öffnungszeiten.

6

Sollen die Angestellten der Agenturen

besser ausgebildet werden, um

die Dienstleistungsqualität zu verbessern?

Das ist tatsächlich eine unserer Forderungen,

die in unserem Jahresbericht

aufgeführt sind. Die Post soll

insbesondere zur Einführung eines

Qualitätssicherungssystems für Postagenturen

verpflichtet werden.

Text: Sylvie Fischer

Bild: PostCom


Gastautor

Vor Kurzem habe ich einige Tage mit

23 Studierenden des Masterstudiengangs Journalismus

in Neuenburg verbracht, an einem Kurs

über die Grundsätze unseres Berufs. Wache

Geister, gute Fragen: In den Westschweizer Redaktionen

wird sich in 18 Monaten ein sehr guter

Jahrgang wiederfinden. Dennoch habe ich mich

– laut – gefragt: Wie viele arbeiten in zehn

Jahren noch im Journalismus und wie viele in

der Kommunikation? Einige verzogen den Mund,

denn alle träumen von Recherchen und Reportagen.

Und die Journalist*innen arbeiten für die

Wahrheit und die Demokratie. Die Kommunikationsmitarbeitenden

für ihr Unternehmen.

Ja, das ist etwas verkürzt. Es gibt Journalist*innen,

die andere Beweggründe haben. Und

die Arbeit einiger Kommunikationsmitarbeitender

ist von echtem öffentlichem Interesse.

Dennoch gelten die Grundsätze aus unserem

Kurs – Suche nach der Wahrheit, Distanz zu den

Akteuren, den Interessen der Bürgerinnen und

Bürger dienen – nicht für die Kommunikation.

Ich vermute, dass zwei Drittel in die Kommunikation

gehen werden. Die der Universitäten

zum Beispiel. In seinen Recherchen für ein Buch

zählte Urs Hafner 179 Kommunikationsleute in

12 Institutionen. Viermal mehr als in den 80ern.

Uni Genf und ETH Zürich liegen mit 25 Stellen an

der Spitze. Was Urs häufig hörte: «Die Medien

machen ihre Arbeit nicht mehr, also müssen wir

es selbst tun.» Tatsächlich sind die Magazine

der Unis besser als manche Titel der grossen

Schweizer Medienunternehmen. Gleiches gilt für

die Kultur, die Wirtschaft, die Gesundheit.

Die Moral der Geschichte? Journalist*innen,

an die Arbeit! Wenn die Lesenden nicht mehr

zwischen Journalismus und Organisationskommunikation

unterscheiden, dann müsst ihr

diesen Unterschied zeigen: in den traditionellen

Medien oder in neuen Medien wie meinem, die

ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Eines

Tages wird das Pendel wieder in die andere

Richtung ausschlagen.

Viel Kommunikation,

wenig Journalismus

Serge Michel, 50 Jahre alt, ist in Yverdonles-Bains

(VD) aufgewachsen. Er ist Mitgründer

und Redaktionsleiter der digitalen

Heidi.news. Er war stellvertretender

Herausgeber von Le Monde und Chefredakteur

von Le Monde Afrique. Seine

ersten Berichte erschienen 1989 im

Journal de Genève.

Für seine Bericht erstattung aus Iran,

wo er vier Jahre als Korrespondent für

Le Figaro und Le Temps arbeitete, erhielt

er 2001 den Albert-Londres-Preis. Später

wurde er stellvertretender Chefredaktor

des Temps. Im Jahr 2005, während er bei

LʼHebdo war, gründete er den Bondy Blog

als Stimme der Banlieue. Serge ist Autor

mehrerer Bücher über Iran, Irak, Afghanistan

und über die Chinesen in Afrika.

7


Franziska Ryser, Grüne St. Gallen,

vorn Mitte, und Valentine Python,

Grüne Waadt, auf dem Einführungstag

für neue Parlamentarier*innen

im Bundeshaus. Dahinter: Marionna

Schlatter-Schmid, Grüne Zürich, und

Christine Badertscher, Grüne Bern,

in grüner Jacke: Manuela Weichelt-

Picard, Grüne Zug.


Die Stützen und die Gegner der Gewerkschaften in den Räten

Was wir vom jüngeren und weiblicheren Parlament erwarten

Invasiver Lobbyismus und «Parlamentariershopping»

Interessenbindungen werden offengelegt oder halt nicht

Dossier 9

Unsere

Neuen im

Parlament


10 Dossier

«Die Zukunft wird zeigen, wo das

neue Parlament seine Werte hat»

syndicom-Präsident Daniel Münger spricht

über die Rolle der Frauen in den Gewerkschaften

und die Themen, für die syndicom sich

mit dem neuen Parlament einsetzen wird.

Interview: Sylvie Fischer

Bilder: Yoshiko Kusano

Daniel Münger, was denkst du als Präsident von syndicom

von diesem neuen Parlament? Sind die Gewerkschaften

mit mehr Grünen und Frauen besser dran?

Die Umverteilung, der Umbau unserer Wirtschaft, die

digitale Zukunft und die sozialen Herausforderungen

sind eine Frage der Werthaltung. Die Zukunft wird uns

zeigen, wo das neue Parlament seine Werte haben wird.

Corrado Pardini und Adrian Wüthrich (SP, BE) müssen

gehen, aber viele Frauen stehen jetzt für die Haltung der

Gewerkschaften: Tamara Funiciello aus der Unia, Samira

Marti (SP, BL), Präsidentin VPOD Region Basel, Edith

Graf-Litscher (SP, TG), Sekretärin SEV, oder Katharina

Prelicz-Huber (GPS, ZH), Präsidentin VPOD und Mitglied

des Präsidialausschusses des SGB. Ist es jetzt Zeit, dass

die Frauen auch in den Gewerkschaften eine grössere

Rolle spielen?

Die Frauen spielen in den Gewerkschaften schon lange

eine bedeutende Rolle, und dies zu Recht. In politischen

Kernthemen, wie zum Beispiel dem Lohnschutz bei den

bilateralen Verträgen, sind wir auf ihre starken Stimmen

angewiesen.

Man muss auch die wiedergewählten Barbara Gysi und

Irène Kälin dazuzählen, die die Gewerkschaftsbünde

von St. Gallen und Aargau präsidieren. Werden gewisse

Themen mehr debattiert mit diesem grösseren Frauenanteil?

Welche? Unterstützt syndicom diese Projekte?

Es ist zu hoffen, dass Themen wie Gleichstellung, Vereinbarkeit

von Familie und Beruf, die Rentenfrage, um

nur ein paar zu nennen, in Zukunft einen deutlich höheren

Stellenwert geniessen werden. syndicom steht für

diese Themen und setzt sich dafür ein.

Wird sich syndicom mehr für die Klimafrage engagieren?

Und wie?

syndicom wird sich mit aller Kraft für einen Umbau unserer

Wirtschaft und Gesellschaft einsetzen. Dabei wird

entscheidend sein, dass die Zeche für den ökologischen

Umbau nicht die Arbeitnehmenden zahlen.

Wir werden

nicht müde,

für gleichen

und guten Lohn

zu kämpfen.

Die Bremsen

Auf Platz 1 der Gegner der Gewerkschaftspolitik in der

Schweiz bleibt natürlich die SVP. Man erinnere sich an ihr

fragwürdiges Kampagnenplakat für die Wahlen im Herbst.

Darauf wurde ein Apfel von Würmern ausgehöhlt, die ihre

politischen Gegner darstellten. «Sollen Linke und Nette die

Schweiz zerstören?», war darauf zu lesen. Seine politischen

Gegner als Ungeziefer abzubilden, erinnert an die von Nazi-

Deutschland verwendete Propaganda zur Entmenschlichung

der Jüdinnen und Juden. Nationalrat Albert Rösti aber erklärte,

das Sujet wolle die Gefahren für das Land zeigen, beispielsweise

die «Klima hysterie» und das Rahmenabkommen

mit der EU. Es sei daran erinnert, dass die Gewerkschaften

das Rahmenabkommen in der aktuellen Form ablehnen.

Für sie sind die flankierenden Massnahmen eine rote Linie,

die nicht überschritten werden darf.

Bei bestimmten Arbeitgebern und den rechten Parteien

gebe es heute starke Tendenzen, überhaupt nicht mehr

mit den Sozialpartnern zu verhandeln, warnt SGB-Präsident

Pierre-Yves Maillard. Zur Zeitung work sagte er, die SVP-

National rätin Magdalena Martullo-Blocher habe dies vorgespurt.

2017 habe sie sich öffentlich gegen Mindestlöhne,

gegen Gesamtarbeits verträge und gegen den Lohnschutz bei

den flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit

ausgesprochen. In ihrer Sicht hätten diese Massnahmen den

Gewerkschaften «unverhältnismässig viel Macht» verliehen.

Damit, so Pierre-Yves Maillard weiter, träten einige SVP-Mitglieder

die alten Schweizer Prinzipien mit Füssen, die von den

Bürgerlichen selbst stammen: Die sozialen Fortschritte sollen

nicht im Gesetz, sondern in der Sozialpartnerschaft geregelt

werden, hätten diese immer gesagt.

Der SVP-Nationalrat Thomas Aeschi ging noch weiter und

kritisierte die Sozialpartnerschaft als Ganzes. Arbeitgeberverbände

wie Gewerkschaften würden sich auf dem Rücken

der Arbeitgeber und der Angestellten bereichern, indem sie

immer neue Gesamtarbeitsverträge abschliessen.

Der SVP-Initiative gegen die Personenfreizügigkeit tritt die

Unia mit aller Macht entgegen. Sie sieht darin einen Angriff

auf die flankierenden Massnahmen. Die Initiative schwächt

den Lohnschutz und unsere Gesamtarbeitsverträge und

stempelt alle ohne Schweizer Pass zu Sündenböcken, meinen

die Unia-Delegierten.

Auch bei neuen Nationalräten wie etwa beim SVP-Mann

Jean-Pierre Gallati (AG) wird die Tendenz deutlich, die unternehmerische

Freiheit gegen die staatliche Förderung in

Stellung zu bringen (diesmal im Falle der Medien). Auch hier

in klarer Gegnerschaft zu gewerkschaftlichen Positionen.


Adrian Wüthrich, Alt-Nationalrat (SP, Bern),

Thomas Hardegger, Alt-Nationalrat (SP, ZH),

Katharina Prelicz- Huber, Nationalrätin (Grüne, ZH),

Martin Naef, Alt-Nationalrat (SP, ZH),

Claude Janiak, Alt-Ständerat (SP, BL).

Sind die sehr niedrigen Frauenrenten in der zweiten Säule

und der AHV ebenfalls ein Kampfthema für syndicom?

Und wie will syndicom den Kampf gewinnen?

Die Rentenfrage ist Kernthema für uns Gewerkschaften.

Die am Kongress des SGB beschlossene Lancierung einer

13. AHV-Rente und die damit verbundene Stärkung der

ersten Säule sind ein Schritt in diese Richtung. Die Gewerkschaften

werden nie aufhören, für gute Renten zu

kämpfen.

Am 14. Juni haben die Frauen auch ihre zu niedrigen

Löhne thematisiert. Wie wird sich syndicom dafür engagieren?

syndicom thematisiert seit Jahren bei unseren Sozialpartnern

die Lohngleichheit. Dies hat in unseren GAV zu

einigen Erfolgen geführt. syndicom wird nicht müde

werden, nicht nur die Lohngleichheit, sondern alle niedrigen

Löhne zu thematisieren und für diese den gewerkschaftlichen

Kampf zu führen.

Was werden in dieser Legislaturperiode der Räte, etwa

bis 2023, die wichtigsten Themen für syndicom sein?

Unsere Legislatur bei syndicom geht bis zum nächsten

Kongress im 2021. Unsere Themen, was syndicom intern

angeht, sind die Mitgliederentwicklung, das finanzielle

Gleichgewicht, unser Vertrauensleutenetz. Im gewerkschaftspolitischen

Bereich stehen viele Herausforderungen

an, etwa die bilateralen Verträge mit der EU und der

damit verbundene Lohnschutz, der Service public, die

Digitalisierung, die Arbeitszeitverkürzung oder die Weiterentwicklung

unserer Vertragswerke.

Wie wichtig ist es, dass nun SGB-Präsident Pierre-Yves

Maillard und der Walliser Mathias Reynard (SP), Präsident

des Walliser Gewerkschaftsbundes, im Nationalrat

unsere Themen unterstützen können?

Je stärker die gewerkschaftliche Stimme im Parlament

hörbar ist, desto besser für uns. Insbesondere wenn es

um die flankierenden Massnahmen zu den bilateralen

Verträgen, den Service public, die Rentenfrage, aber

auch um die digitale Zukunft der Schweiz geht.

Die Verteidigung des Service public hält uns auch bei der

Post in Atem. Welche Parlamentarier*innen sind für syndicom

hier hilfreich und welche stehen auf der Bremse?

Der Service public ist nicht nur eine Frage bei der Post.

Die Politik ist gefordert, für unsere Gesellschaft einen

modernen, zukunftsgerichteten Service public im Lande

zu formen. syndicom hat dies längst erkannt und an unserem

letzten Kongress mit Forderungen untermauert.

Diese Forderungen dienen europaweit als gewerkschaftliches

Vorbild für einen modernen Service public im

digita len Zeitalter. Dabei gilt es vor allem, die immer

noch bestehenden Liberalisierungs- und Deregulierungstendenzen

zu stoppen und das Parlament mit unseren

Forderungen zu überzeugen.

Ein Grüner oder eine Grüne im Bundesrat.

Was denkt syndicom darüber?

syndicom hat dieses Thema in seinen Gremien noch

nicht diskutiert. Meine Meinung ist, dass der Bundesrat

die politischen Stärken im Parlament abbilden soll.

«Die Arbeitenden

sollen nicht die Zeche

für den ökologischen

Umbau zahlen»

Daniel Münger


12 Dossier

Die Stützen

Eine Wahl der Rekorde: Noch nie hat eine Partei auf einen

Schlag 17 Sitze hinzugewonnen, wie es die Grünen im

Nationalrat taten. Neu kommen sie auf 28 Mandate.

Die Grünliberalen haben 16 Sitze. Und noch nie hat eine Partei

12 Sitze auf einmal verloren, wie jetzt die SVP. Nach Klimademos

und Frauen streik ist die schweizerische Politlandschaft

volatil wie nie zuvor. 58 Sitze haben die Partei gewechselt,

ein Rekord!

Der Nationalrat bleibt allerdings bürgerlich dominiert. SVP

(25,6 %), FDP (15,1 %) und CVP (11,4 %) zusammen bleiben stärker

als Grüne und SP, welche Federn lassen musste (16,8 %).

Für die Neugewählten bedeutet dies, dass sie Allianzen bilden

müssen, um politische Kämpfe zu gewinnen. Das trifft sich

gut. Denn der SGB hat zwar die Nichtwiederwahl von Corrado

Pardini (SP, BE), Mitglied der Geschäftsleitung der Unia, zu

bedauern, einer «hochkarätigen Persönlichkeit mit ausgezeichnetem

Leistungsausweis». Dafür werden sich zwei

Romands, weit über die Parteigrenzen hinaus beliebte Wahl -

Lokomotiven, im Parlament für die gewerkschaftlichen Anliegen

einsetzen. Pierre-Yves Maillard (SP, VD) zum einen, der

SGB-Präsident, der massgeblich zum Kompromiss zwischen

Arbeitgebern (SAV) und Gewerkschaften (SGB, Travail.Suisse)

für die zweite Säule beigetragen hat: Erreicht wurde, dass

der Senkung des Umwandlungssatzes auf 6 % eine bessere

Absicherung der Teilzeitangestellten und geringere Beiträge

bei den Seniorinnen und Senioren gegenübergestellt werden.

Zum anderen Mathias Reynard, Präsident des Walliser

Gewerkschaftsbundes, der sich stark engagiert für die Geschlechtergleichstellung,

die Arbeitsbedingungen der Angestellten

und die Verteidigung des Service public (Post, öffentlicher

Verkehr) sowie im Kampf gegen Homophobie.

Eine Verbindung zu den Arbeitnehmerorganisationen sichern

bei den Frauen neben Tamara Funiciello, Feministin und

frühere Unia-Gewerkschaftssekretärin (siehe Seite 22 dieser

Ausgabe), auch die Präsidentin des VPOD Basel, Samira Marti

(SP, BL), zu deren politischen Schwerpunkten soziale Gerechtigkeit

und Feminismus gehören, sowie Edith Graf-Litscher

(SP, TH), Sekretärin des SEV, die sich insbesondere für den

Service public im Verkehrsbereich engagiert. Für Katharina

Prelicz-Huber (Grüne, ZH), VPOD-Präsidentin und Mitglied des

Präsidialausschusses des SGB, zeigt die Wahl in den Nationalrat,

dass die progressiven, linken Kräfte zugelegt haben und

damit die Stimme der Arbeitnehmenden im Parlament stärker

geworden ist. Auch sie setzt sich für eine Reform der Altersvorsorge

ein, von der insbesondere Frauen profitieren können.

Die Löhne müssen vor allem in bestimmten «Frauenberufen»

aufgewertet werden. Der Grüne Fabien Fivaz (NE), der sich auf

kantonaler Ebene besonders für die Erhaltung der Sozialpartnerschaft

im öffentlichen Dienst eingesetzt hat, könnte

eine wertvolle Verstärkung werden. So auch die beiden auf

Arbeitsrecht spezialisierten Anwälte Christian Dandrès (SP,

GE) und Baptiste Hurni (SP, NE).

Unter den Wiedergewählten sind Barbara Gysi (SP, SG),

Präsidentin des Gewerkschaftsbundes St. Gallen und Verfechterin

der Lohngleichheit und einer besseren Anerkennung der

Care-Arbeit, und Irène Kälin (Grüne, AG), Präsidentin von

« Arbeit Aargau». Sie kämpft für Elternzeit, eine Digitalisierung,

die die Menschen mitnimmt und mit ihnen ausgestaltet wird,

und für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Im Ständerat schliesslich wurde Paul Rechsteiner (SP, SG),

ehemaliger SGB-Präsident, wiedergewählt, der sich in sozialen

Kämpfen, aber auch für den Lohn- und Rentenschutz und

tragbare Krankenkassenprämien engagiert. Für eine Sensation

sorgte Marina Carobbio (SP, TI), deren Vater, Werner

Carobbio, ein Urgestein der Tessiner Linken ist. Sie wird die

erste Frau und erste Sozialdemokratin für das Tessin im

Stände rat.

Pierre-Yves Maillard,

Präsident des SGB und

Nationalrat (SP, VD),

und Paul Rechsteiner,

früherer Präsident des

SGB und weiter Ständerat

(SP, SG).


Dossier

Einblicke in die Dunkelkammer:

So regiert das Kapital die Politik

13

Ist es schon Korruption? Oder noch

Lobbyismus? Die Schweiz braucht dringend

griffige Regeln für die Politikfinanzierung.

Text: Oliver Fahrni

Bilder: Yoshiko Kusano

Das neue Parlament ist bestellt. Nun hat, am frühen

Abend des 20. Oktober, die Jagdsaison der Lobbyisten

begon nen. Sie nennen es «Parlamentariershopping»:

68 Neugewählte müssen auf die Interessen und Wünsche

von Banken, Konzernen und Verbänden eingeschworen

werden, die Wiedergewählten gilt es bei der Stange zu

halten.

Seither wird eifrig getafelt und diniert, möglichst

diskret. Netzwerke müssen neu geordnet werden. Dossiers

über geeignete Kandidat*innen lagen längst bereit,

etwa beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse, der

in seiner Parlamentariergruppe zuletzt mehr als die Hälfte

der gewählten eidgenössischen «Volksvertreter*innen»

steuerte. In Verwaltungsräten werden Sessel für die

Politikerinnen und Politiker bereitgestellt, manche fett

honoriert. Und ist es kein VR-Mandat, tut es auch ein

Beratervertrag.

3274 Mandate diverser Art hat die unabhängige Organisation

Lobbywatch.ch für die 246 National- und Ständeräte

und -rätinnen gezählt (in der alten Zusammensetzung).

In Wahrheit dürften es deutlich mehr sein, denn

die Zahl stützt sich auf die Selbstdeklaration der Gewählten.

Nur wird die nicht kontrolliert. So berichtete der «Beobachter»

2018 etwa, dass der BDP-Politiker Lorenz Hess

nur 9 seiner 21 Mandate offengelegt habe – verschwiegen

habe er unter anderem seine Rolle im Versicherungskonzern

Visana, die immerhin mit weit über 100 000 Franken

bezahlt sei.

Der Parlamentarier ist der bessere Lobbyist

Kein Zweifel möglich: Der Schweizer Politikbetrieb ist gut

geschmiert. Hunderte von Einflussagenten verfügen über

ausreichend Mittel, die Gunst der Gewählten mit Zuwendungen

zu vergelten, mit Geld, Honoraren für reale und

fiktive Beratungen, Reisen und Spesen, mit Krediten und

anderen Vorteilen.

Gut geschmiert und bestens organisiert. Ein SVP-

Parlamentsneuling erzählt beim Kaffee im Berner Hotel

Belle vue, wie ein Parteikollege und ein Versicherungslobbyist

ihn und andere Frischlinge gedrängt haben, auch

für die nächsten Jahre einer versicherungsfreundlichen

Zusammensetzung der Kommission für soziale Sicherheit

und Gesundheit (SGK), eine Domäne der SVP, zuzustimmen.

Die Kommissionen sind das Herz der Schweizer Politik.

Was dort in nicht-öffentlichen Sitzungen an Gesetzen

und Bestimmungen fixiert wird, gilt. Manchmal ändert

das Ratsplenum noch Nuancen, doch nur selten stösst ein

Rat um, was eine Kommission vorgespurt hat. Dafür

sorgen allein schon der Druck der Lobbyisten und die

informellen Absprachen hinter den Kulissen in «Interessengemeinschaften»,

«Aktionskreisen» und «Reflexionsgruppen».

Die SGK ist, neben der Kommission für Wirtschaft und

Abgaben (WAK), nicht nur ein besonders wichtiges

Gremium für den Alltag und die soziale Sicherheit der

Nationalrätin Regula Rytz

(Grüne, Bern) und

Ständerätin Céline Vara

(Grüne, Neuenburg).

Bürger*innen, sie ist auch ein krasser Fall: 2015–2019 waren

in der SGK Ständerat Kommissionsmitglieder mit einem

direkten Mandat aus der Versicherungsbranche gar

in der absoluten Mehrheit, wie Martin Hilti, der Geschäftsführer

von Transparency International in der Schweiz,

festhält. Transparency, eine Nichtregierungs organisation,

kämpft weltweit gegen die Korruption.

Was Wunder, haben die Versicherungskonzerne freie

Fahrt für den Abriss an den Sozialversicherungen zugunsten

der privaten Versicherungen, exorbitante Prämienexplosionen

und einiges mehr. Der Wille der Bürger*innen

spielt keine Rolle mehr, denn es hat sich eingestellt,

was der freisinnige Appenzeller Ständerat Andrea Caroni

erfreut als «Verschmelzung von Parlamentarier und

Lobby ist» beschreibt.

Am 20. Oktober

hat die Jagdzeit

der Lobbyisten

begonnen.


14

Dossier

Ist das noch Lobbyismus

oder ist es schon Korruption?

Das hässliche Wort Korruption

Geld regiert – und dies ungebremst, in der Schweiz. Das

gilt für das Parlament, das gilt für die Parteienfinanzierung,

das gilt für Wahlen und Abstimmungskämpfe. Als

«einziges Land Europas hat die Schweiz auf nationaler

Ebene die Politikfinanzierung nicht reguliert», sagt Korruptionsexperte

Hilti. Er erkennt darin ein «eklatantes

Demokratie defizit».

Zwar haben Sozialdemokraten, Linke und Grüne mit

Vorstössen immer wieder versucht, Transparenz, Fairness

und Demokratie herzustellen, doch die bürgerlichen

Parlamentarier*innen schmettern das regelmässig ab. Sie

haben dafür gesorgt, dass der Einfluss der Lobbys im vergangenen

Jahrzehnt sogar stark zugenommen hat. Ihre

Kungelei ist schlicht zu profitabel.

Gerne schieben die Bürgerlichen die Schutzbehauptung

von der direkten Demokratie vor: Mit Geld lasse sich

kein Sitz im Parlament und keine Abstimmung kaufen.

Studien belegen jedoch in Dutzenden von Fällen den Zusammenhang

zwischen eingesetzten Mitteln und Resultat,

und allein schon der massive Einsatz von Geld durch

die Konzerne und ihre Lobbys widerspricht dieser These.

Im Auftrag des SP-Nationalrates Cédric Wermuth haben

zwei Journalisten, finanziert durch ein Crowdfunding,

die Geldflüsse genauer recherchiert («Lobbyreport

2019»): Allein aus den Branchen Versicherungen/Krankenkassen

und Banken/Finanz konnten sie Zuwendungen

von 26 Millionen Franken an Parlamentarier*innen nachweisen

– 96 Prozent davon gingen an Vertreter*innen von

SVP, FDP und CVP. Manche Räte und Rätinnen häufen dabei

bis 30 Verwaltungsratsmandate auf. Modellrechnungen

zeigen, dass für die Periode 2015–2019 leicht eine

halbe Milliarde Franken aus der Wirtschaft an die Politiker*innen

geflossen sein könnten. Ohne die teuren Abstimmungskampagnen

einzurechnen.

Ist das nun schon Korruption oder ist es noch Lobbyismus?

Dass gesellschaftliche Gruppen sich für ihre Interessen

einsetzen, ist eine Grundlage der Demokratie. Aber

diese Geldflüsse und alle anderen eingesetzten Mittel

müssen für sämtliche Bürger*innen offen einsehbar sein.

Und verbindliche Regeln sollten dafür sorgen, dass die

Interessen gruppen über in etwa gleich lange Spiesse verfügen.

Vom Nutzen des legalen Fussabdruckes

Diese Geldflüsse

müssen für alle

einsehbar sein

Zu Beginn des Jahres hat Transparency «Das Lobbying in

der Schweiz» durchleuchtet («Verdeckter Einfluss. Heikle

Verflechtungen. Privilegierter Zugang»: Transparency.ch,

unter Publikationen). Die Korruptionsbekämpfer formulieren

10 dringende Verbesserungsmassnahmen für ein

legitimes Lobbying in der Schweiz. Darunter Offenlegungspflichten

und entsprechende Register und Kontrollen.

Ausgewogene Kommissionen und Gremien. Und transparente

politische Prozesse. Martin Hilti: «Im gesetzgeberischen

Prozess sind nur zwei Phasen des Lobbyings transparent:

die Vernehmlassung und die Debatten in den

Rats plenen. Aber die Öffentlichkeit sollte den gesamten

legislativen Fussabdruck, also alle Einflussnahmen während

dem ganzen Prozess kennen.»

Tatsächlich finden entscheidende Momente der Gesetzgebung

und der Bundesratsbeschlüsse in einer Art

Dunkelkammer statt, wo Verwaltung, Lobbys und Politiker*innen

mauscheln. Interessengruppen schreiben

manchmal ganze Gesetzestexte oder schrauben an ihnen

herum – und niemand erfährt davon. So geschehen beispielsweise

mit der Unternehmenssteuerreform II, die

durch die Eingriffe von Treuhand-Lobbyisten zum

Milliarden beschiss wurde. Und die Lobby-Politiker*innen

peitschen dies dann durch die Kommissionen.

Das Stimmvolk könnte bald Licht in die Dunkelkammer

bringen. Im Dezember kam die Volksinitiative

für Transparenz in der Politikfinanzierung ins Parlament.

Vor dem Volk wird sie gute Chancen haben.

Transparency.ch

Volksinitiative: Transparenz-ja.ch

Fotostrecke

Die Berner Fotografin Yoshiko Kusano ist seit 2000 im Bundeshaus

akkreditiert und verfolgt das Geschehen unter der

Kuppel. Sie hat dieses Dossier bebildert, mit Fotos vom Einführungstag

für neue Parlamentarier*innen, Momentaufnahmen

im Café des Alpes im Bundeshaus und draussen sowie

von der Pressekonferenz der Grünen, an der die Bundesratskandidatur

von Regula Rytz bekannt gegeben wurde.

Yoshiko Kusanos Bilder wurden mehrmals am Fotopreis des

Kantons Bern ausgestellt. Nach einer Lehre im Atelier von

Guy Jost in Bern ist sie als Freischaffende für diverse Medien

und Agenturen im In- und Ausland tätig. Die Leser*innen des

syndicom-Magazins kennen sie von ihren Porträts und Reportagefotos,

in denen sich ihre Sensibilität, ihr Interesse

für Menschen und schöne Bildgestaltungen zeigen.

2019 brachte sie Fotografinnen aus der ganzen Schweiz zu

einer gemeinsamen Arbeit über den Frauenstreik zusammen.

yoshikokusano.com


Das Parlament: grüner, jünger, weiblicher

Parteistärken im Nationalrat 2019

Angaben in Prozent

FDP 15,1 %

SP 16,8 %

GPS 13,2 %

CVP 11,4 %

SVP 25,6 %

Quelle: bfs.admin.ch

glp 7,8 %

Sonstige 4,5 %

BDP 2,5 %

EVP 2,1 %

EDU 1 %

45,1 %

Wahlbeteiligung

Durchschnittsalter der 200 Nationalratsmitglieder

Wahlbeteiligung tiefer als in den vergangenen Jahren

2007

2011

2015 2019 2007 2011 2015 2019

51,4 50,2 50,3 49 48,3 % 48,5 % 48,41 % 45,1 %

Quelle: sda

Quelle: Bundesamt für Statistik, gfs.bern

Die Jüngsten 2019

GPS

44,8 Jahre

Ständerat Mandatsverteilung und

Veränderung zu 2015

Lega

SP

glp

45 Jahre

47,1 Jahre

48 Jahre

GPS

SP

5

9

+4

–3

Quelle: sda

CVP

0

So viele Frauen im Nationalrat wie noch nie

13

2019

FDP

–3

2011

2015

12

29 %

32 %

42 %

SVP

Sonstige

1

6

+1

–1

Quelle: bfs.admin.ch

Quelle: bfs.admin.ch

Frauenanteil in der Volkskammer des Parlaments

Wahlen 2019, in Prozent

15

42 %

6

47,4 %

2

53,2 %

1

61,3 %

3

53,1 %

19

39,7 %

Schweiz

Quelle: Interparlamentarische Union

Spanien

Kuba Ruanda Bolivien Frankreich


16

Eine bessere

Arbeitswelt

Flexibilität muss

entschädigt werden

Die Uhr im Kopf:

Angestellten

wird es schwer

gemacht, ihre

arbeitsfreie Zeit

zu organisieren.

(© Elnur Amikishiyev)

Du wirst kurzfristig in eine andere

Schicht versetzt. Du wirst am Vorabend

für einen Einsatz am nächsten

Tag angefragt und sagst aus Loyalität

zur Arbeitskollegin Ja. Statt der vereinbarten

zwei Samstage im Monat

machst du «ausserordentlicherweise»

drei. Die WhatsApp-Nachricht deines

Chefs kommt am Morgen früh vor

Dienstantritt. Jede*r kennt diese

Situationen, es wird allmählich zur

Normalität. Arbeitgeber verlangen immer

mehr Flexibilität. Die Arbeitnehmenden

können ihre freie Zeit kaum

mehr vernünftig planen und ihre

Erholung wird beeinträchtigt. Doch

müssen wir dies einfach hinnehmen,

flexibel sein, weil es dem Zeitgeist entspricht?

Nein. Denn unsere Flexibilität

dient dem Arbeitgeber. Er spart

damit Geld. Im Fachjargon heisst das

Opportunitätskosten. Und diese Kosten

dürfen nicht allein auf Arbeitnehmende

abgewälzt werden. Dafür müssen

sich die Gewerkschaften einsetzen,

sei es auf gesetz licher Ebene oder über

die Sozialpartnerschaft. Flexibilität

muss entschädigt werden, sie muss

etwas kosten.

Matthias Loosli

syndicom gehört ins

Parlament

In den nächsten vier Jahren wird sich

weisen, wie stark sich die grün-feministische

Verschiebung auf die Entscheide

des neuen Parlaments auswirken

wird. Denn die Mehrheiten

haben sich nicht wesentlich verändert.

Die bürgerlichen Parteien dominieren

nach wie vor in beiden Räten.

syndicom hat bei diesen Wahlen

wichtige Bezugspunkte verloren, nicht

nur im linken Lager. Die «Verlängerung

der Werkbank» ins Parlament ist

mit diesen Wahlen geschwächt worden.

Weshalb? Ein Grund ist hausgemacht;

denn vor vielen Jahren haben

unsere Delegierten entschieden, nicht

aktiv eine eigene politische Präsenz

im Parlament aufzubauen. Ein Fehler,

der korrigiert werden muss. Als Gewerkschaft

des Service public können

wir es uns nicht leisten, im Parlament

keine Vertretung zu haben.

Der Umbruch bei Post und Swisscom

ist nicht nur vom Marktumfeld

und von der Technologie getrieben,

sondern auch von den bundesrätlichen

Zielen. syndicom ist durch die

starke Stellung bei der Swisscom und

der Post auf eine starke politische Vertretung

und Vernetzung im Parlament

angewiesen. Wir dürfen es nicht mehr

dem Zufall überlassen, ob wir auf dem

politischen Parkett in Bern vertreten

sind. Denn wir sind es unseren Mitgliedern

schuldig, direkt mit zu beeinflussen,

in welche Richtung sich der

Service public und damit die Post und

die Swisscom entwickeln.

Giorgio Pardini, Leiter Sektor ICT und

Mitglied der Geschäftsleitung


«Verbindliche Regeln zur Nutzung der KI bei gleichzeitiger

Minimierung der damit verbundenen Risiken» Aus der KI-Resolution von syndicom

17

Künstliche Intelligenz für

die Menschen

Die syndicom-Mitglieder im Sektor ICT haben am

1. November zum Abschluss einer nationalen Konferenz

eine Resolution zu Künstlicher Intelligenz (KI) verabschiedet.

Potenzial für den gesellschaftlichen

Fortschritt

An der Konferenz zum Thema «Künstliche

Intelligenz und Ethik» beleuchteten

die eingeladenen Redner*innen

verschiedene Aspekte im Zusammenhang

mit KI: Gender, Datenschutz,

Menschenrechte und Ethik sowie entsprechende

Anwendungen. Aufbauend

auf Erkenntnissen auch dieser

Referate, konnte der Sektor ICT Positionen

zu Künstlicher Intelligenz festlegen.

Wir anerkennen das Potenzial von

KI für den gesellschaftlichen Fortschritt,

sofern die Technologie zugunsten

der Menschen eingesetzt

wird. Deshalb wollen wir uns auch aktiv

am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen

– damit das Wohlergehen der

Menschen im Vordergrund steht.

Chance für die Arbeitszeitreduktion

Das Zusammenspiel zwischen Mensch

und KI-Systemen birgt die Chance,

das Verhältnis der Lebensbereiche zueinander

neu zu denken und zu gestalten,

dies besonders in Verbindung mit

einer bedeutenden Arbeitszeitreduktion

ohne Einkommenseinbusse. Damit

die Chancen genützt und gleichzeitig

die Risiken im Zusammenhang

mit KI minimiert werden können, will

syndicom die Entwicklung und Anwendung

von KI verbindlich regeln.

Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie

schützen

Wir fordern in der Resolution, dass

Freiheits- und Menschenrechte sowie

rechtsstaatliche und demokratische

Prinzipien geschützt werden müssen.

Bei der Entwicklung von KI-Systemen

soll die Diversität der Entwickelnden

geachtet und gefördert werden. Zudem

soll beim Design, bei der Entwicklung

und Einführung sowie beim

Einsatz von KI-Systemen die ethische

und soziale Verantwortung wahrgenommen

werden. KI-Systeme sollen

transparent, verständlich, erklärbar

und als solche erkennbar sein.

Wenn KI-Systeme Menschen betreffen,

sollen die Betroffenen das

Vortrag auf der nationalen syndicom-Konferenz

zur Künstlichen Intelligenz. (© syndicom)

Recht haben, diese Entscheide anzufechten

und durch einen Menschen

prüfen zu lassen. Waffen, die auf

KI-Systemen basieren, sind zu verbieten.

Politische Forderungen

Die Datenpolitik der Schweiz muss

wirksame Regeln für die Datensicherheit,

den Datenschutz und den Schutz

der Privatsphäre enthalten. Um die

Mitbestimmung aller Arbeitenden in

Bezug auf KI-Systeme und die Datenverarbeitung

sicherzustellen, müssen

entsprechende Personalvertretungen

gebildet und mit wirksamen Mitbestimmungsrechten

ausgestattet werden.

Daniel Hügli

Unsere Resolution und mehr Infos (frz.):

Bit.ly/35KF5XZ

Weltkonferenz der

grafischen Industrie

und Verpackung

Vom 21. bis 25. Oktober fand in Toledo

(Spanien) die Konferenz von UNI

Global Graphical & Packaging statt,

dabei war auch syndicom. Rund

hundert Gewerkschafter*innen aus

42 Ländern kamen unter dem Motto

«Unsere Gewerkschaft kämpft!» zusammen.

Die Branche

Seit Jahren befindet sich die Branche

in einem tiefgreifenden technologischen

Wandel. Das E-Book hat sich

dennoch nicht durchgesetzt. Global

gesehen unterscheiden sich die grafischen

Industrien der einzelnen Länder

nicht stark. Der Zeitungsdruck ist

rückläufig, während sich der Bereich

Verpackungen, speziell Kartonagen,

dank dem Online-Handel positiv entwickelt.

Auch bei den Tissue-Erzeugnissen

(WC- und Haushaltspapier,

Reinigungs- und Taschen tücher) gibt

es Wachstum. Beherrscht wird die

Branche von multinationalen Konzernen:

Amcor, Westrock, Smurfit Kappa,

Sofidel, Kimberly Clark, DS Smith

werden von vielen Teilnehmenden erwähnt.

Politik und Arbeitsbedingungen

Beunruhigend ist die Politik der

Trumps, Bolsonaros, Orbans, Salvinis

und ähnlicher Entscheidungsträger,

wie auch die Situation in der Türkei, in

Syrien und in Chile. Die wiedergewählte

Präsidentin von UNI Global, Joaquina

Rodriguez, erklärte, dass wir

uns nicht nur für unsere Arbeitsbedingungen,

sondern auch für eine solidarischere

Welt einsetzen müssen.

Der Kampf für die Rechte der Arbeitnehmenden

ist besonders hart

etwa in Indonesien, Brasilien, Senegal

oder Côte d’Ivoire. In diesen Ländern

sind Arbeitnehmerrechte inexistent

oder es fehlen die Ressourcen, um sie

zu verbessern. Dennoch kämpfen alle

mit grosser Entschlossenheit. In Kolumbien

werden jährlich 150 Gewerkschafter

getötet. In Polen werden die

Gewerkschaften wieder aufgebaut,

ausgehend von den grossen Multis.

Aus England kam die Warnung, dass

bestehende Gesamtarbeitsverträge

un be dingt verteidigt werden müssen,

da es dort aufgrund der Politik fast keine

mehr gibt. Und wenn man an die

Schweiz denkt, stellt sich die Frage:

Muss man erst den Tiefpunkt erreichen,

bevor die Leute reagieren?

Angelo Zanetti

Zentralsekretär Medien

uniglobalunion.org


18 Arbeitswelt

«Ich will schon kooperativ sein.

Aber die Grenzen sind eigentlich überschritten.» Karin Steinmann

Einseitige Flexibilität

akzeptieren wir nicht

Matteo Antonini ist Leiter des Sektors Logistik und

Mitglied der syndicom-Geschäftsleitung

Die Post verlangt von ihren Angestellten

je länger, je mehr Flexibilität. Eine

Umfrage bei PostMail zeigte letztes

Jahr: Bei drei von vier Personen entspricht

die Einsatzplanung nicht

ihrem Arbeitspensum. Sie werden

häufiger eingesetzt, und jede*r Vierte

erhält den Arbeitsplan erst eine Woche

im Voraus. Das betrifft primär

Teilzeit-Angestellte, häufig Frauen.

Die einseitig abverlangte, unentschädigte

Flexibilität wirkt sich negativ auf

das Privatleben der Angestellten aus,

und zwar physisch und psychisch.

Deshalb muss es unser Ziel sein, dass

Flexibilität entschädigt wird.

syndicom verständigte sich mit

den Verantwortlichen von PostMail

auf einen standardisierten Prozess, in

dem die Bedürfnisse der Teilzeit-Angestellten

nach freien Tagen erhoben

werden. So ein Mechanismus löst

nicht die ganze Problematik der einseitig

abverlangten Flexibilität, er ist

nur ein Puzzle stein. In den laufenden

GAV-Verhandlungen fordern wir, dass

der gezeichnete Prozess künftig für

alle Bereiche der Post gilt.

Die gewerkschaftliche Antwort auf

einseitig abverlangte Flexibilität ist

klar: Wer von den Angestellten Flexibilität

verlangt, muss dafür bezahlen.

Die Post muss Opportunitätskosten

selber tragen und darf sie nicht einfach

auf die Mitarbeitenden abwälzen.

Matteo Antonini

syndicom.ch/gavpost

«Ich muss flexibler sein,

auf Kosten meiner Freizeit»

Karin Steinmann ist Kundenberaterin bei PostNetz. Sie erzählt,

wie die Dienstplanung ihr Privatleben beeinflusst und dass

Loyalität unter den Arbeitskolleg*innen grossgeschrieben wird.

Wie sieht deine Arbeitswoche aus?

Mit einem Pensum von 80 % arbeite

ich Montag bis Freitag meistens von

10 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr. Samstagseinsätze

gehören 2-mal pro Monat

dazu. Aber da muss ich flexibel bleiben.

Es kann schon vorkommen, dass

ich 3–4 Samstage hintereinander eingeplant

bin. So komme ich regelmässig

auf eine 6-Tage-Woche. Und den

fixen freien Tag, der mir als Teilzeitangestellte

zustehen sollte, gibt es nicht

mehr einfach so. Oder meine Arbeitskolleg*innen

müssten in die Bresche

springen – das will ich nicht, wir sind

loyal zueinander. Aber es hat sich

schon einiges verändert.

Was hat sich verändert?

Auf meiner Poststelle sind wir weniger

Personal. Auf meiner Poststelle wurde

vor einem Jahr eine 100 %-Stelle gänzlich

gestrichen. Wir müssen also flexibler

sein. Von anderen höre ich, dass

ihre Einsatzpläne fast täglich ändern.

Manchmal erfahren sie am Vorabend,

auf welcher Poststelle und zu welcher

Zeit sie am nächsten Tag arbeiten.

Man kontrolliert am Abend, wie der

Einsatz am Morgen sein wird. Auf die

Karin Steinmann, Kundenberaterin PostNetz

in Biel, seit 36 Jahren bei der Post,

alleinstehend mit zwei Kindern, arbeitet mit

einem 80 %-Pensum. (Bild zVg)

Einsatzplanung, die 2–3 Monate im

Voraus kommt, kann man sich kaum

verlassen. Das beobachte ich seit fünf

Jahren.

Was heisst das für dein Privatleben?

Die Planung meiner Freizeit, die Teilnahme

am sozialen Leben ist schwierig.

Ein Glück, sind meine Kinder

gross – ich kann mir kaum vorstellen,

wie das Eltern mit Betreuungsaufgaben

meistern. Bis zu einem gewissen

Grad will ich kooperativ sein. Aber die

Grenzen sind eigentlich überschritten.

Ich wollte eine Weiterbildung besuchen,

was ja vom Arbeitgeber erwünscht

wird, doch mit diesen

Arbeitseinsätzen ist das quasi unmöglich.

Wie erklärst du dir den Wandel?

Natürlich verändert sich die Gesellschaft.

Alles ist auf Abruf, vieles geschieht

elektronisch. Das verstehe ich.

Ich bin ja ein Teil dieser Entwicklung.

Das setzt die Post unter Druck. Doch

den Spardruck, gerade bei PostNetz,

baden häufig wir aus, indem von uns

mehr Flexibilität verlangt wird. Das

geht auf Kosten unserer Freizeit, der

Gesundheit und schlägt auch auf die

Motivation.

Was wünschst du dir?

Eigentlich mag ich meinen Beruf, den

Kundenkontakt, die Abwechslung –

ich bin seit vielen Jahren dabei. Doch

es scheint mir, dass meine Arbeit weniger

geschätzt wird. Wenn ich flexibler

sein muss, dann möchte ich auch

eine Gegenleistung dafür – aber die

sehe ich nicht. Ich empfinde diese

Entwicklung als sehr einseitig, und sie

geht zulasten der Angestellten.

Interview: Matthias Loosli


«Altersvorsorge für Selbständigerwerbende: Frische Ideen

vom neuen Parlament gefordert!» Michael Moser

19

Anständige Renten für

die kreativen Berufe

Rund um die Kampagne Was-ist-meine-Arbeit-wert.ch, die sich

mit dem Wert der Arbeit in der grafischen Branche befasst, hat

syndicom eine Umfrage über die Arbeits- und Einkommenssituation

bei selbständigerwerbenden Kreativen gestartet.

In dieser Umfrage fragt syndicom

auch ab, wie die Selbständigerwerbenden

für das Alter versichert sind. Die

Antworten sind alarmierend und erschreckend:

Gerade mal 24,5 % wissen,

wie hoch ihre Rente dereinst sein

wird, und nur 13,6 % sind überzeugt,

dass sie tatsächlich zum Leben reichen

wird. Nachfragen bei der Pensionskasse

Freelance von syndicom

bestäti gen, dass eine typische selbständige

Grafikerin zwischen 30 000

und 40 000 Franken Jahreseinkommen

bei der Pensionskasse versichert.

Dies ergibt im Pensionsalter zusammen

mit der AHV eine Rente zwischen

2372 und 2681 Franken – was nicht für

das Leben im Alter reicht und erst

recht nicht der Lohn für ein ganzes Berufsleben

sein darf.

Und das sind sogar noch diejenigen,

die überhaupt einzahlen können.

All jene, die sich die 12,5 % für Beiträge

an die 2. Säule gar nicht leisten können,

sitzen am Schluss sogar mit nur

einer 1431-fränkigen AHV-Rente da.

Das veraltete Rentensystem

braucht dringend neue Impulse

Warum ist so etwas 2019 also überhaupt

möglich? Warum ist unser Rentensystem

immer noch darauf ausgerichtet,

dass jemand sein ganzes

Leben zu 100 % angestellt ist, während

mit der Umgestaltung unserer Arbeitswelt,

dem Aufkommen von neuen Arbeitsformen

immer weniger Leute so

arbeiten können, selbst wenn sie es

wollten?

Hier sind dringend neue politische

Lösungen gesucht, und zwar sofort!

Schritte, die in die richtige Richtung

gegangen wären, nämlich Richtung

Stärkung der 1. Säule, wurden mit der

Alters vorsorge 2020 und vorher AHV+

abgelehnt. Die laufende Revision

AHV 21 enthält nichts, was die Situation

der Selbständigerwerbenden verbessern

würde. Mit dem jüngeren,

progressiveren und moderneren Parlament

besteht zumindest die Hoffnung,

dass das Bewusstsein für neue

Arbeitsformen verbreiteter sein wird.

Hoffen alleine ist ganz sicher nicht

genug. Ohne den Druck der Betroffenen

wird sich nichts verändern, so viel

ist klar. syndicom will darum 2020 mit

der Kampagne Was ist meine Arbeit

wert? einen ersten Schritt tun und gewerkschaftspolitische

Massnahmen

zugunsten der Grafikerinnen und Grafiker

und auch aller anderen Selbständigen

und Arbeitenden in neuen Arbeitsformen

ergreifen.

Michael Moser

Nicht mal 14 % der Selbständigen glauben, dass ihre Rente dereinst zum Leben reichen wird. (© Fotomelia)

Umfrage: Was-ist-meine-Arbeit-wert.ch

Info: syndicom.ch/wasistmeinearbeitwert

Appell der

Vierten Gewalt an

das Parlament

Unser politisches System baut auf der

Gewaltenteilung auf. Die Legislative

beschliesst Gesetze, die Exekutive

setzt sie um und die Judikative entscheidet

im Rechtsstreit. Dies verhindert,

dass die Macht bei einzelnen Personen

oder Institutionen konzentriert

wird: Gewaltenteilung soll dem Machtmissbrauch

einen Riegel schieben.

So viel zur Theorie. Um zu informieren,

wie die drei Behörden und die

Unternehmen funktionieren, braucht

jede demokratische Gesellschaft eine

vierte Gewalt: die Medien. Sie beobachten,

recherchieren, haken kritisch

nach. Sie sind die Wachhunde der

Demokratie. Können die Medien ihre

Funktion immer weniger ausüben,

weil die Stellen abgebaut werden, die

Honorare der Freien ins Bodenlose

sausen, die neuen Medien finanziell

kaum überleben, dann haben wir alle

ein Problem: Wir werden unvollständig

oder falsch informiert über das,

was hinter den Kulissen abgeht.

Daher appelliert syndicom an das

neue Parlament: es ist höchste Zeit für

eine neue Förderung der Medien! Wie

sie effektiv gestärkt werden, steht in

unserem neuen medienpolitischen

Positionspapier. Ziel ist, dass die Medienschaffenden

unabhängig, nach

den berufsethischen Regeln des Presserats

und mit anständigen Arbeitsbedingungen

und Löhnen ihrer Rolle als

Vierte Gewalt gerecht werden können.

Stephanie Vonarburg, Vizepräsidentin syndicom,

Leiterin Sektor Presse und elektronische Medien.


20 Arbeitswelt

«Ein Tag auf der Strasse reicht nicht. Um die Welt zu

verändern, müssen wir uns organisieren.» Pierre-Yves Maillard

Für einen

starken öffentlichen Dienst

Pierre-Yves Maillard sieht dem zentralen Thema der nächsten

Delegiertenversammlung des SGB mit Begeisterung entgegen.

Er fordert eine Annäherung zwischen den Bewegungen der Zivilgesellschaft

und den Gewerkschaften.

«Endlich jemand, der klar, direkt und

ohne Umschweife spricht!» Der Erste,

der am Treffen mit Pierre-Yves Maillard

in Bellinzona seine Freude ausdrückte,

war der Dolmetscher. Der Anlass

war der zweite «Denktag» des SGB

Tessin und Moesa von Mitte November.

Seit einigen Monaten organisiert

die kantonale Sektion eine Reihe von

Treffen zwischen Basis, Angestellten

und Vorstandsmitgliedern, um Synergien

zwischen den Mitglieds-Gewerkschaften

zu erschliessen.

Die Arbeitsgruppen für Kommunikation,

AHV, Service public, Frauen

usw. nutzten die Gelegenheit für eine

Gesprächsrunde mit dem neuen SGB-

Präsidenten Maillard, die sich sofort

zu einer Art Rundum-Interview entwickelte.

Man diskutierte das Rahmenabkommen

mit der EU, die Lage der

SRG nach dem No-Billag-Referendum,

den Frauenstreik, das Lohn dumping

und die SVP-Initiative gegen die Freizügigkeit.

Und die Post.

Pierre-Yves Maillard gewann am «Denktag»-

Treffen viele Sympathien. (© Giovanni Valerio)

Privatisierungen zurücknehmen

Letztes Jahr hat der SGB Tessin drei

Volksinitiativen zur Wiedereinführung

der Regiebetriebe des Bundes

vorgeschlagen. Mit der Post könnte

man beginnen, sie ist für die Bevölkerung

wichtig. Auch in EU-Ländern gibt

es Ansätze, die öffentlichen Dienste

wieder zu verstaatlichen.

«Der Service public wird das Thema

der nächsten SGB-Delegiertenversammlung

im Mai», erklärte Maillard

und führte aus: «Wir haben die Betriebe

einem Management überlassen,

das nur an Produktivität und Rentabilität

denkt, nicht an den Dienst für die

Gesellschaft. Die Post macht eine

unfaire Buchhaltung: Sie betont verlustbringende

Bereiche gegenüber anderen,

um die Schliessung von Poststellen

zu rechtfertigen. Das Gleiche

geschieht bei den SBB. Privatisierung

birgt ein sehr hohes Risiko, auch in

den anderen Sektoren – Energie, Gesundheit

und Finanzen.»

Die Gewerkschaft gehört denen, die

sich darin engagieren

Auch die Allianz mit den Bürger- und

Konsumentinnenverbänden und verschiedenen

Bewegungen ist wichtig

für den Erfolg gewerkschaftlicher Aktionen.

«Schaut euch nur an, was am

14. Juni los war: eine Mobilisierung,

wie es sie in den letzten 30 Jahren

nicht gegeben hat», rief Maillard aus.

«Wir müssen den Leuten begreiflich

machen, dass ein einziger Tag auf der

Strasse nicht ausreicht. Um die Welt

zu verändern, müssen wir uns organisieren:

Nur so können wir stark werden.

Wenn festgestellt wird, dass es

in den Gewerkschaften nur wenige

Frauen und wenige junge Menschen

gibt, sollen sie sich uns anschliessen,

um das zu ändern. Es sind die Mitglieder,

die die Gewerkschaft ausmachen!

Ich hoffe, dass es in Zukunft eine immer

grössere Annäherung zwischen

den verschiedenen Bewegungen und

den Gewerkschaften geben wird.»

Maillard ging dann auf zwei weitere

Herausforderungen ein: «In 20 Jahren

werden wir in vollem Ausmass

mit dem demografischen Drama der

altern den Bevölkerung konfrontiert

sein. Daher braucht es neue Dienstleistungen,

die hunderttausend neue

Arbeitsplätze schaffen können. Und

zur Bewältigung der Klimakrise müssen

wir die kollektive Mobilität weiterentwickeln

und das Produktionssystem

verändern. Für all das brauchen

wir staatliche Mittel und die Garantie

eines starken öffentlichen Dienstes:

Das ist die neue Wirtschaft!»

Giovanni Valerio

Dossier des Gewerkschaftsbunds:

sgb.ch/themen/service-public

Neues Parlament:

Jünger, weiblicher,

grüner – besser?

Jetzt haben wir es also: Unser neues

Parlament. Auffällig viele junge Menschen

wurden ins Parlament gewählt:

sieben Leute unter 30 sitzen neu im

Nationalrat. Aber 40 % sind weiter zwischen

50 und 60. Der Frauenanteil ist

um 10 Prozentpunkte auf 42 % gestiegen.

Männer sind also immer noch

übervertreten. Die Grünen legen 6 Prozent

zu und die rechtsbürgerliche

Mehrheit aus FDP und SVP wurde abgelehnt.

Aber gewerkschaftliche Anliegen,

griffige Klimamassnahmen

und fortschrittliche Gesellschaftspolitik

werden es weiter schwer haben.

Wir können erwarten, dass junge,

gewerkschaftsnahe Nationalrätinnen

wie Samira Marti und Tamara Funiciello

junge Menschen wie mich gut

vertreten und unsere Anliegen einbringen.

Gerade wenn es um Digitalisierung,

Familienpolitik und echte

Gleichstellung geht, ticken wir oft anders.

Dort können wir sicher neue

Ideen, neue Bewegung erwarten.

Doch gewerkschaftliche Anliegen

haben im neuen Parlament keine automatische

Mehrheit. Weiter müssen

Koalitionen mit bürgerlichen Parteien

geschmiedet werden. Starke gewerkschaftliche

Aktionen, geschicktes

Lobbying und das Einbringen unserer

Stimme in die öffentliche Diskussion

sind auch weiter nötig. Aber wenigstens

ist unsere Stimme ab jetzt jünger

und weiblicher.

Dominik Fitze ist der Jugendsekretär bei

syndicom.


«Gibt es das tatsächlich in der Schweiz, dass Arbeit nicht

bezahlt wird?», fragt einer. – Ja, das gibt es. Mireille Guggenbühler

21

Ausstehende Honorare

endlich bezahlt

Über ein Jahr hat der Verlag Dornbusch freischaffende Journalist*innen

nicht bezahlt. Erst nach dem Einsatz von syndicom,

zusammen mit den Freien, wurden die Rechnungen beglichen.

Mittlerweile gibt es eine Broschüre mit empfohlenen Umgangsregeln

zwischen Redaktionen und Freien.

Im Gebäude der Dornbusch Medien

AG in Baden wird an diesem warmen

Sommertag gezügelt. Zwei Männer beladen

einen Lastwagen – wir stehen

nebendran und schreiben Plakate. Die

beiden wollen wissen, was wir hier

tun.

Die Erklärung verblüfft sie: Wir

sind freischaffende Journalistinnen

und Journalisten und hierhergekommen,

um unsere ausstehenden Honorare

einzufordern. «Gibt es das tatsächlich

in der Schweiz, dass Arbeit

nicht bezahlt wird?», fragt einer der

Zügelmänner. Ja, das gibt es.

Insgesamt 25 freischaffende Journalistinnen

und Journalisten haben

im Auftrag für die Titel der Dornbusch

Medien gearbeitet – und dafür Rechnung

gestellt. Doch die Rechnungen

wurden nicht bezahlt, darauffolgende

Mails oder Telefonate ignoriert. Die

Gesamtsumme der ausstehenden Honorare:

über 30 000 Franken.

Die Bibel als Richtschnur

Der Firmenname der Dornbusch Medien

AG lehnt sich an die Bibelstelle

um den brennenden Dornbusch an,

wie Redaktionsleiter Anton Ladner

2015 gegenüber kath.ch festhielt. Die

Bibel also ist die Richtschnur des

Unternehmens, das Wochenmagazin

Doppelpunkt: Magazin für Achtsamkeit

das Aushängeschild des Verlags.

Für dieses Aushängeschild schreiben

zu dürfen, ist ein Privileg. Dies gab

Verlagsleiter Fabian Egger allen zu

verstehen, die an jenem Sommertag

und auch später noch um ihre ausstehenden

Honorare gekämpft haben.

Begründet wurde die fehlende Zahlungsbereitschaft

mit dem angestrebten

finanziellen Turn around von

Dornbusch. Um ihn zu erreichen, wurden

die Honorare auf Eis gelegt. Und

zwar bis diesen Herbst. Erst im Oktober

2019 wurden die Rechnungen der

Freischaffenden beglichen – nach teilweise

mehr als einem Jahr Wartezeit

und auch nur, weil sich syndicom seit

vergangenem Sommer zusammen mit

den Betroffenen dafür eingesetzt hat.

Was ist ein fairer Umgang?

Ist ein solcher Umgang mit Freien fair

und professionell? Wenn nicht: Wie

könnte ein solcher denn aussehen?

Diese Frage haben sich freie Journalistinnen

und Journalisten sowie Vertreterinnen

und Vertreter von Redaktionen

gestellt und zehn Tipps erarbeitet,

die nun als Broschüre vorliegen. Es

handelt sich um empfohlene Umgangsregeln,

die keinen juristischen

Charakter haben – aber vielleicht eine

Diskussion auszulösen vermögen, wie

Freie und Redaktionen miteinander

umgehen wollen.

Mireille Guggenbühler

Freie Journalist*innen protestieren vor der Dornbusch Medien AG in Baden. (© Marco Geissbühler)

Hier findest du die Broschüre:

syndicom.ch/10tipps

Keine Chance für

sexistische Werbung

bei der Post

Der Frauenstreik mit über 500 000

Teilnehmenden hat ein starkes Zeichen

für Gleichstellung, Lohngleichheit

und gegen Sexismus am Arbeitsplatz

gesetzt. Er hat die Schweiz

aufgerüttelt und auch die Arbeitgeber

für diese wichtigen Fragen sensibilisiert.

Gerade sind Gleichstellungsfragen

ein Schwerpunkt bei den laufenden

Verhandlungen zum GAV Post.

Umso irritierender war es für die

mehrheitlich weiblichen Schalterangestellten

der Post, als sie von ihren

Vorgesetzten aufgefordert wurden,

Flyer mit dem Text: «Ein Lächeln genügt,

um mich anzumachen» an die

Kundschaft zu verteilen. Es sollte witzige

Werbung für eine PostFinance-

App sein, die sich per Gesichtserkennung

entriegeln lässt. Sofort meldeten

sich die Mitarbeitenden bei syndicom.

Sie wollten veraltete Stereotype nicht

bedienen. syndicom setzte der Post

ein Ultimatum, und die Werbeaktion

wurde unverzüglich eingestellt. Die

Post hat den Fehler schnell eingesehen.

Leider ist es niemandem vorher

aufgefallen. Der Kontext ist entscheidend:

Auf unpersönlichen Plakatwänden

mag der Spruch als Wortspiel

durchgehen, aus den Händen von

weiblichen Angestellten ist er inakzeptabel.

Das Beispiel zeigt, weshalb

wir uns weiter tagtäglich für die

Gleich stellung einsetzen müssen.

Christian Capacoel

Die Vorgeschichte bei syndicom.ch:

Bit.ly/2DewWyL


22 Politik

«Ja, sicher fühle ich mich

repräsentativ»

Die Nationalratswahlen

brachten Gewinne für die

Frauen. Der Frauenanteil

stieg auf 42 Prozent, das sind

84 der 200 Sitze. Neu gewählt

ist auch Tamara Funiciello,

eine junge, starke Politikerin,

die als Jusopräsidentin Furore

machte. Was hat sie zur

Politik bewegt und warum

ist sie Gewerkschafterin?

Interview: Patrizia Mordini

Bild: Alexander Egger

Jung, links und Frau. Fühlst du dich

repräsentativ im neuen Parlament?

Ich fühle mich sicher repräsentativ.

Ins neue Parlament wurden 7 unter

30-Jährige gewählt. Manche verstehen

nicht, dass man als Mitglied

einer bestimmten Gruppe eine bestimmte

Realität erlebt. Dies schärft

den Blick für Problematiken, die

sonst leicht übersehen werden. Und

das kann und muss man dann gut

vertreten. Bei der Rentenfrage zum

Beispiel stehen für lesbische Frauen

spezifische Fragen im Zentrum oder

bei der «Ehe für alle».

Ein Riesengewinn für Frauen und

Grüne, ein Verlust für SP und

Gewerkschaften …

Mit Corrado Pardini, Adrian Wüthrich

und Philipp Hadorn wurden

leider drei gestandene Politiker abgewählt.

Gerade Corrado hat so viel

für die gewerkschaftlichen Anliegen

getan und wichtige Dossiers besetzt

wie EU/flankierende Massnahmen.

Seit 6 Jahren arbeite ich mit ihm zusammen.

Für mich ist es krass, nun

ohne ihn im Parlament zu sein. Es

wurden jedoch auch neue Leute gewählt

wie Pierre-Yves Maillard und

Greta Gysin, die klar gewerkschaftlich

politisieren und die sozialen

Themen voranbringen. Insgesamt

haben wir immer noch eine linke

Minderheit, da die GLP nicht links

ist. Dieser sogenannte Linksrutsch

ist eben kein wirklicher.

Was gab den Ausschlag, dich

politisch zu engagieren? Wie

erlebtest du die Gewerkschaft, als

du jünger warst?

Bis ich 10 war, lebte ich in Sardinien

und mein Vater war selbständig. Zu

Hause sprachen die Eltern oft über

politische Themen. Ich stamme aus

einer politischen, gewerkschaftsnahen

Familie. In der Schweiz arbeitete

meine Mutter bei der GBI.

Als mein Vater bei der Wifag seine

Stelle verlor und Corrado für einen

guten Sozialplan sorgte, wurde ich

Mitglied der Gewerkschaft. An der

Uni wurde ich zur Feministin. Als

ich mich im Studierendenrat engagiert

hatte, erkannte ich die Wichtigkeit

von Gendersprache. Und

Gleichstellung heisst, dass es Frauen

und Männern gleich gut gehen soll.

Feminismus ist für mich aber, dass

es Frauen und Männern besser geht.

Marxismus analysiert übrigens nur

den Widerspruch zwischen Kapital

und Arbeit und lässt die unbezahlte

Arbeit aus, die mehrheitlich von den

Frauen geleistet wird.

Wie hat dich geprägt, dass dein

Vater aus Italien stammt und die

Eltern Arbeiter sind?

Ich weiss, was es heisst, wenn noch

viele Tage bevorstehen und kein

Geld auf dem Konto ist, oder zu entscheiden,

ob man jetzt zum Zahnarzt

geht oder nicht. Ich habe während

der Schule und dem Studium

viele Jobs gemacht wie Büros putzen.

1 Million sind armutsgefährdet

in der Schweiz!

Was denkst du über die Gewerkschaften

heute?

Sie sind unverzichtbar. Ich wurde

vor 7 Jahren bei der Unia als Zuständige

für Detailhandel und Frauen

angestellt und bin heute noch als

Jugendzuständige im Gewerkschaftsbund

Kanton Bern tätig. Die Gewerkschaften

sind mein politisches

Daheim. Aktuell würde ich stärker

auf die Mitgliederbindung als die

Gewinnung setzen. Und die Gewerkschaften

attraktiver für Frauen

machen.

Mit Sicherheit wirst du dich im

Natio nalrat mit deinen Themen

Gleichstellung und soziale Gerechtigkeit

einsetzen. Hast du schon

Vorstösse im Köcher?

Das wäre etwas vermessen. Schwerpunkte

sind für mich eine Senkung

der Arbeitszeit, keine Erhöhung des

Rentenalters, die Revision des

Sexual strafrechts und der Kampf

gegen den Abbau des Service public

– und es fehlen 25 000 Kitaplätze.

Die Gewerkschaften beteiligten

sich stark an der Organisation des

Frauen streiks. Sollen sie das auch

beim Klimastreik im nächsten Mai?

Alle Streiks hängen zusammen!

Der Klimastreik stellt die gleiche

Frage, nämlich: was soll im Zentrum

stehen? Es braucht einen Systemwechsel

– im Dienste aller Menschen.

Ich kann mir gut vorstellen,

für gewerkschaftliche Themen mit

den neuen Kolleg*innen zusammenzuarbeiten.

Man darf Politik

im Rat und auf der Strasse nicht

trennen. Eine starke Bewegung auf

der Strasse kann etwas im Rat verändern!


Politik

LGBTI-Personen brauchen

den Schutz des Gesetzes

23

Am 9. Februar 2020 kommt

es zu einer Volksabstimmung

über die Erweiterung der

sog. Rassismus-Strafnorm

um das Kriterium der

sexuellen Orientierung.

70 % der homosexuellen

Arbeitnehmenden haben in

den letzten drei Jahren

Diskriminierung im Beruf

erlebt.

Text: Reto Wyss, SGB

Bild: Burst

Damit die Schweiz die bereits 1965

von der UNO verabschiedete Rassendiskriminierungskonvention

ratifizieren konnte, revidierte sie im

Jahr 1995 endlich ihr Strafgesetzbuch

und erweiterte es um den als

«Rassismus-Strafnorm» bekannten

Artikel 261bis. Es war ein harter

Kampf gegen die Reaktionären in

diesem Land, die sich angeblich

«den Mund nicht verbieten lassen»

wollen.

Nicht minder im Verzug ist die

Schweiz heute, was den Schutz von

Lesben, Schwulen, Trans- und Interpersonen

betrifft. Wir liegen in der

europäischen Rangliste zur rechtlichen

und gesellschaftlichen Lage

von LGBTI-Personen auf dem beschämenden

22. Rang – noch hinter

Ungarn, das nicht für ein besonders

queerfreundliches Klima bekannt

ist. Die Rangierung der Schweiz hat

wesentlich damit zu tun, dass «Aufrufe

zu Hass» gegen LGBTI-Personen

bei uns noch immer nicht

rechtlich geahndet werden können,

wofür wir übrigens regelmässig vom

Europarat gerügt werden.

Volksabstimmung im Februar

Mit der Erweiterung der Strafnorm

um das Kriterium der sexuellen Orientierung

würde sich das zumindest

für Lesben, Schwule und Bisexuelle

endlich ändern. Kollege Mathias

Reynard hat die Gesetzesänderung

bereits 2013 mit einer parlamentarischen

Initiative verlangt. Das Parlament

ist ihm nach langem Hin und

Her mit grossem Mehr gefolgt,

worauf jedoch rechtskonservative

Kreise erfolgreich das Referendum

ergriffen haben (wenn auch mit unlauteren

Mitteln: «Unterschreiben

Sie hier gegen Homophobie!»). Am

9. Februar 2020 kommt es daher

noch zu einer Volksabstimmung.

Diskriminierung findet dort

statt, wo die Leute ihre Zeit verbringen,

und deshalb allzu oft auch am

Arbeitsplatz. LGBTI-Personen sind

davon besonders betroffen, wie sowohl

statistische Fakten als auch

unzählige individuelle Erfahrungen

zum Vorschein bringen. Gemäss aktuellen

Umfragen haben 70 % der

homosexuellen Arbeitnehmenden

in den letzten drei Jahren im Beruf

Diskriminierung erlebt. Bei Transpersonen

sind Diskriminierungen –

gar Kündigungen – aufgrund ihrer

Geschlechtsidentität noch viel häufiger.

Leider sind nun gerade Letztere

von der Erweiterung des Strafartikels

explizit ausgeschlossen, denn

das für sie relevante Kriterium der

«Geschlechtsidentität» kippte das

Parlament wieder aus der Vorlage.

Nach einer erfolgreichen Volksabstimmung

muss hier schnellstmöglich

nachgebessert werden.

Und das Gleichstellungsgesetz?

Am Arbeitsplatz geht Diskriminierung

von beruflicher oder sozialer

Ausgrenzung über obszöne Bemerkungen

bis hin zu Zwangsoutings

und sexueller Belästigung. Materiell

ist Diskriminierung für LGBTI-Personen

einschneidend, wenn sie in

der Verweigerung oder im Verlust

des Arbeitsplatzes gipfelt. Noch gibt

es keine rechtliche Handhabe, wie

das Bundesgerichtsurteil vom Mai

zur Nichtanwendbarkeit des Gleichstellungsgesetzes

für LGBTI-Personen

wieder zum Ausdruck brachte.

Die erweiterte Strafnorm würde dies

für schwule, lesbische und bisexuelle

Arbeitnehmende endlich ändern,

denn Arbeitsverträge fallen klar in

den Schutzbereich. Arbeitnehmende

hätten endlich eine Möglichkeit,

sich bei diskriminierender Verweigerung

(allenfalls dem Verlust)

einer Stelle rechtlich zu wehren.

Davon abgesehen: Die Abstimmung

am 9. Februar hat grosse

Signal wirkung. Sehen wir weiter zu,

wie einige wenige die Gesellschaft

auf Kosten von Minderheiten spalten?

Oder wollen wir eine Schweiz,

in der alle ihren Platz haben und

sich sicher und willkommen fühlen?

Ein Ja ist unabdingbar, und dafür

müssen auch wir Gewerkschaften

vehement einstehen!

Der SGB zum erwähnten Urteil:

Bit.ly/2QPeMvG

Materiell ist Diskriminierung

für LGBTI-Personen besonders

einschneidend, wenn sie

in der Verweigerung oder im

Verlust des Arbeitsplatzes

gipfelt.


24 Politik

Bezahlbare Wohnungen

sind möglich!

Am 9. Februar stimmen wir

über die Volksinitiative des

Mieterinnen- und Mieterverbandes

ab. Diese ist dringend

nötig. Denn die Mietpreise

steigen seit Jahren an.

Text: Mieterinnen- und

Mieter verband Schweiz

Bild: Fotomelia

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund

hat die Initiative «Mehr bezahlbare

Wohnungen» seit der Lancierung

unterstützt und ist im

Initiativkomitee vertreten.

Wie der Bundesrat in seiner

Botschaft zur Initiative «Mehr bezahlbare

Wohnungen» selbst feststellt,

«greift die Initiative einen für

die Wohnraumversorgung in der

Schweiz wichtigen Punkt auf. Für

Wohnungssuchende, insbesondere

für solche mit geringer Kaufkraft, ist

es schwierig, eine ihren Bedürfnissen

entsprechende Wohnung zu finden.

Indizien dafür sind die hohen

Wohnkostenbelastungen der wirtschaftlich

schwächeren Haushalte

sowie die Zunahme des Pendelverkehrs»

(Botschaft, S. 2).

Da mehr gemeinnützige Wohnungen

errichtet werden sollen,

baut die Initiative auf einem

bewährten System auf: der Wohnungsproduktion

durch gemeinnützige

Wohnbauträger. Bereits heute

produzieren diese Wohnbauträger

in Städten, aber auch auf dem Land

bezahlbare Wohnungen, die langfristig

deutlich günstiger sind, da

sie keine Renditeobjekte sind.

Immer mehr Wohnungen von

renditegetriebenen Gesellschaften

In den letzten Jahren ist es zu einer

beunruhigenden Veränderung auf

dem Immobilienmarkt gekommen.

Im Jahr 2000 gehörten nämlich

noch fast 60 % der Mietwohnungen

einer Privatperson. Heute sind nur

noch 47 % der Mietwohnungen im

Besitz von Privatpersonen. Weder

die öffentliche Hand noch die

Wohnbaugenossenschaften konnten

seit dem Jahr 2000 ihren Anteil

an den Mietwohnungen wesentlich

erhöhen. Von 2000 bis 2017 hat sich

der Anteil der Mietwohnungen, die

in der Hand von Immobilienfirmen

sind (Versicherungen, Banken, Immobilienfonds,

Immobilienaktiengesellschaften

etc.), von 29 % auf

39 % erhöht. In absoluten Zahlen

bedeutet dies einen Zuwachs von

300 000 Wohnungen. Das Resultat:

Es werden häufig zu teure Wohnungen

gebaut werden und an Lagen,

wo es wenig Nachfrage gibt. Bei gewinnorientierten

Mietverhältnissen

sind die Mieten im Schnitt deutlich

höher als bei gemeinnützigen Wohnungen.

Der Unterschied macht

jährlich ganze zwei Monatsmieten

aus. In Kernstädten sind es sogar

drei Monatsmieten. «Es ist so, dass

schweizweit so viele Wohnungen

leer stehen, wie es in der Stadt Bern

Wohnungen gibt. Aber in der Stadt

Bern stehen keine Wohnungen leer

und es herrscht Wohnungsnot. Daher

braucht es insbesondere in den

Städten dringend Lösungen, und da

sind auch der Bund und die Kantone

gefragt», so Carlo Sommaruga,

Präsident MV Schweiz.

Wir können Wohnungen deutlich

günstiger bereitstellen, wenn sie

keinen Gewinn abwerfen müssen.

Der Bundesrat gibt vor, die Situation

zu verbessern, indem er den «Fonds

de Roulement» über die nächsten

zehn Jahre mit 250 Millionen Franken

realimentiert. Tatsächlich führt

dies aber dazu, dass jedes Jahr

weiterhin nur 800 bis 900 gemeinnützige

Wohnungen gebaut werden,

was in etwa dem jetzigen Stand entspricht.

Der Anteil der gemeinnützigen

Wohnungen wird damit weiter

sinken.

Die Initiative ist umsetzbar

Dank dem Vorkaufsrecht zu Marktpreisen

kommen gemeinnützige

Wohnbauträger zu Bauland und

dank dem bewährten Fonds de Roulement

kommen Wohnbaugenossenschaften

zu Krediten. Den Bund

kosten die Kredite nichts, aktuell

spülen sie gar Zinsen in die Bundeskasse.

Wohnbaugenossenschaften

bauen dort, wo es eine Nachfrage

nach mehr bezahlbarem Wohnraum

gibt. Bei energetischen Sanierungen

muss der Erhalt von bezahlbarem

Wohnraum stärker berücksichtigt

werden. Balthasar Glättli, Vizepräsident

MV Schweiz: «Die Mieten in der

Schweiz steigen und steigen Jahr für

Jahr. Es ist im Interesse der gesamten

Bevölkerung, dass die Mieten

bezahlbar sind. Die Initiative ist

nötig, umsetzbar und sehr effektiv.»

Mieterverband.ch


Recht so!

25

Lieber Rechtsdienst

Ich bin syndicom-Mitglied aus Überzeugung

und möchte mich auch in der Firma für

meine Kolleginnen und Kollegen einsetzen,

sie vor der Geschäftsleitung ver treten.

Könnte ich deshalb «aus Rache» entlassen

werden?

Wenn ich als Arbeitnehmervertreterin gewählt

werde: welchen Handlungsspielraum

habe ich, besonders was die Zeit angeht,

die ich für die Wahrnehmung des Mandats

benötige?

Falls ich nicht gewählt werde: Wie kann ich

meine gewerkschaftlichen Rechte dann

ausüben?

Antwort des syndicom-Rechtsdienstes

Die Koalitionsfreiheit oder das Recht, sich gewerkschaftlich

zu betätigen, ist in der Bundesverfassung (Art. 28) verankert.

Dort werden die Gewerkschaftsvertreter*innen

oder die von den Arbeitnehmenden gewählten Vertreter*innen

allerdings nicht ausdrücklich erwähnt.

In erster Linie ist der Schutz der Arbeitnehmervertretenden

im Mitwirkungsgesetz (Art. 12) festgelegt. Dieses

Gesetz hat einen breiteren Geltungsbereich als das Obligationenrecht

(OR), sieht aber keine spezifischen Sanktionen

vor wie das OR.

Im Arbeitsrecht herrscht eine grundsätzliche Vertragsfreiheit.

Artikel 336 OR enthält aber eine nicht abschliessende

Liste von Fällen, in denen eine Kündigung missbräuchlich

ist. Der Begriff der missbräuchlichen

Kündigung selbst wird allerdings nicht definiert. Gemäss

der Lehre ist eine Kündigung missbräuchlich, wenn die

Gründe, auf denen sie beruht, unserem Gerechtigkeitsempfinden

zuwiderlaufen, weil sie mit den in der heutigen

Gesellschaft anerkannten Werten im Widerspruch

stehen.

Missbräuchlich sind insbesondere Kündigungen

wegen der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft oder der

rechtmässigen Ausübung einer gewerkschaftlichen Tätigkeit

(Art. 336 Abs. 2 Bst. a und b). Dabei handelt es sich

um eine relativ zwingende Bestimmung. Das heisst, es

darf nicht zum Nachteil der Arbeitnehmenden davon

abgewichen werden.

Damit die gewerkschaftliche Tätigkeit geschützt ist, muss

sie rechtmässig und gemäss dem Arbeitsvertrag (oder

dem Gesamt- bzw. Normalarbeitsvertrag) ausgeübt werden.

Grundsätzlich hat der Arbeitgeber das Recht, die Ausübung

der gewerkschaftlichen Tätigkeit durch Vertrag,

Reglement oder Anordnungen einzuschränken (vgl.

Art. 321d OR), wenn diese Einschränkung auf objektiven

Gründen beruht. Dazu gehören etwa das Interesse an

einem ungestörten Betriebsablauf oder die Kundenbeziehungen.

Die gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmenden

haben keinerlei besondere Privilegien in

Bezug auf ihre Treuepflicht.

Anders ist es bei den gewählten Arbeitnehmervertreter*innen,

die ihre Tätigkeit während der Arbeitszeit ausüben

können, wenn die Wahrnehmung ihrer Aufgabe es

erfordert und ihre Berufsarbeit es zulässt (Art. 13 Mitwirkungsgesetz).

Im Gesetz ist nicht festgelegt, welche gewerkschaftlichen

Rechte die Arbeitnehmenden im Betrieb ausüben dürfen.

Häufig ist diese Frage in den Gesamtarbeitsverträgen, Betriebsreglementen

bzw. Einzelarbeitsverträgen geregelt.

Als rechtmässige Tätigkeiten betrachtet werden müssten

beispielsweise die Verteilung einer Gewerkschaftszeitung

während der Pausen oder die Nutzung eines vom Arbeitgeber

zur Verfügung gestellten Raums für eine Informationsveranstaltung

ausserhalb der Arbeitszeit.

syndicom.ch/rechtso


26 Freizeit

Tipps

Mit Stress und Älterwerden

umgehen im Beruf

Wie ist es, wenn man im Berufsleben

älter wird und das 50. Altersjahr

bald überschreitet oder bereits

überschritten hat? Im Movendo-

Kurs «Älter werden im Beruf», der

am 12. und 13. Februar in Männedorf

(ZH) im Hotel Boldern stattfindet,

lernen die Teilnehmenden mit

der Erwachsenenbildnerin Astrid

Mehr, ihre Stärken und Schwächen

herauszuarbeiten und eine gute

Balance von Berufs- und Privatleben

zu erreichen. Die Veranstaltung

richtet sich an Mitglieder und Interessierte,

die eine Standortbestimmung

machen und es wagen wollen,

Veränderungen in Angriff zu nehmen.

Diese können sie in diesem

Kurs planen und so den Zugang zur

eigenen Energie wiederfinden (kostenlos

für die Mitglieder, 820 Franken

für die anderen).

Auch für Jüngere ist das Berufsleben

oft mit Stress verbunden.

Heute leiden viele Menschen am

Arbeitsplatz unter Überlastung und

ständig steigenden Anforderungen.

Stress kann krank machen. Hier gilt

es, früh genug die Notbremse zu ziehen.

Die Bildungsveranstaltung

«Umgang mit Stress in Beruf und

Alltag» vom 17. bis 18. Februar in

Gais, Hotel Idyll, wird von der Erwachsenenbildnerin

Sybille Wölfing

geleitet und hat zum Ziel, dass die

Teilnehmenden mit Stress umzugehen

lernen. Der Kurs ermöglicht

eine Auseinandersetzung mit der

eigenen Situation und zeigt, welche

Veränderungsstrategien man anwenden

kann. Die Teilnehmenden

werden eine Stressanalyse durchführen

und sich Ziele setzen, um

den Umgang mit Belastungen besser

meistern zu können (kostenlos

für die Mitglieder, 820 Franken für

die anderen).

Dunkles Kapitel

© Chronos Verlag

Unter dem Titel «Des lois d’exception?

/ Sondergesetze?» beschreibt

die Unabhängige Expertenkommission

Administrative Versorgungen –

die auf eine Initiative des Ständerates

und ehemaligen Präsidenten

des Gewerkschaftsbundes Paul

Rechsteiner eingesetzt wurde –, wie

mit der Massnahme der administrativen

Versorgung etliche Menschen

weggesperrt und vom gemeinen

Recht ausgeschlossen wurden: Alle,

deren Verhalten als sittenwidrig angesehen

wurde oder die ihre Pflicht

als gute Arbeiter nicht erfüllten.

1981 wurde die Massnahme und ihr

rechtliches Instrumentarium abgeschafft,

später mit der Entschuldigung

des Bundesrates verurteilt.

Dieses zweisprachige Buch beleuchtet

auch die Praxis der administrativen

Versorgung im Kanton Freiburg

im 20. Jahrhundert: Es ging darum,

«Arbeits scheue zur Arbeit zu erziehen

und Vagabunden ihre Träume

von Freiheit ohne Arbeit zu nehmen».

Denn die Kosten der Fürsorge,

welche den Gemeinden oblagen,

verlangten, diese Bürger «wieder

gerade zubiegen».

Aber nicht nur: Auch ledige junge

Mütter und Kinder von Eltern,

die «falsch dachten» oder schlicht

arm waren, wurden Opfer solcher

Platzierungen. Genauso wie «Gewohnheitstrinker»,

denen Ärzte,

Kirchen und gemeinnützige Vereine

eine Behandlung angedeihen

liessen, wie zwei Beiträge über

Luzern und Thurgau zeigen.

Auch die schwache gerichtliche

Kontrolle dieser Massnahmen und

der kaum vorhandene Schutz der

Versorgten – ohne Gewerkschaft

oder andere Vertretung – wird aufgedeckt.

Ein umfassender Bericht,

der uns die Augen öffnet.

Scham und Hemmungen

© MFK

Heisse Ohren beim Flirten, Angstschweiss

vor einem öffentlichen

Auftritt: Solche eher unangenehmen

Situationen sind den meisten von

uns nicht unbekannt. Das Museum

für Kommunikation in Bern beleuchtet

diese und zeigt ihr verborgenes

Potenzial. Denn Hemmungen

bewahren uns vor unüberlegten

Handlungen und falschen Entscheidungen.

Im Rahmenprogramm können

wir unsere Hemmungen fallen lassen:

In einer Lach-Yoga-Stunde (14.

Januar, 12–13 Uhr) zum Beispiel, wo

es darum geht, so viel wie möglich

zu lachen, mit Atemtechniken, die

das Glücklichsein fördern und dank

denen wir das Leben etwas leichter

nehmen können.

Darf man in der Nase bohren?

Ein aussergewöhnliches Theaterexperiment

gibt Kindern zwischen

8 und 15 die Möglichkeit, darüber

zu diskutieren, was man darf und

was nicht. Es geht um den Mut, öffentlich

die eigene Meinung zu sagen

(ab 25. Januar).

In der «Human Library» können

wir unbekannte Welten kennenlernen

(30. April). Ein transsexueller

Mensch, ein*e Obdachlose*r oder

eine Sexarbeiterin beantworten unsere

Fragen. Eine Möglichkeit zum

Austausch und zur Überwindung

unserer Ängste und Hemmungen.

In einem Workshop mit Amnesty

International lernen wir, auf

Stamm tischparolen, bei denen uns

oft die Argumente fehlen, passend

zu antworten (5. Mai, mit Anmeldung!).

Anmeldung:

Movendo.ch

Des lois d’exception? / Sondergesetze?

Christel Gumy et al., 2019, 48 Franken

MFK.ch

Bis 19. Juni 2020


1000 Worte

Ruedi Widmer

27


28 Bisch im Bild Im Oktober und November 2019 war syndicom vor dem Parlament in Delémont

bei den 150 Demonstrierenden und allen, die sich solidarisch zeigten, in Gossau

und Eclépens an den Ausstellungen über die Gleichstellung, in Winterthur am

Journalismustag und in Biel bei den Pensionierten.

1

2

3

4

5


1–4 In Delémont demonstrierten vor dem jurassischen Kantonsparlament rund 150 Chauffeur*innen von PostAuto und den Chemins de fer

du Jura (CJ) sowie Sympathisant*innen. Die Chauffeur*innen werden nicht hinnehmen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen infolge der

Ausschreibung der Buslinien verschlechtern. (© Hélène Tobler)

5 Die Delegiertenversammlung von Post CH bekundet ihre Solidarität mit den jurassischen Chauffeur*innen. (© Sheila Winkler)

6 Ebenfalls solidarisch zeigte sich die Versammlung in der lateinischen Schweiz am 15. November. (© Sheila Winkler)

7 In Gossau fand am 14. Oktober die Vernissage der Ausstellung über die Gleichstellung im Logistikzentrum der Post statt. (© Dominik Fitze)

8 Die Gleichstellungsausstellung wurde auch im Briefzentrum Eclépens gezeigt. (© syndicom)

9 Der syndicom-Stand am Journalismustag in Winterthur. (© syndicom)

10 Die Retraite des Vorstands der Pensionierten wurde in Biel durchgeführt. (© Rodolphe Aeschlimann)

29

6

8

7

9

10


30

Aus dem

Leben von ...

Nicolas Maître

«Es soll auch für uns lukrativ sein»

Nicolas Maître (*1961) hat mit 17 bei der

Post als Briefträger angefangen. Er arbeitete

vor allem in Biel in der Zustellung

und im Versand. 1988 übernahm er

von seinem Vater in vierter Generation

die Poststelle in Epauvillers. Im Jahr

2000 schloss er eine Weiterbildung

zum Techniker Informatik ab. Heute

übernimmt der Vater von drei erwachsenen

Kindern Stellvertretungen in den

jurassischen Poststellen. Seit 2009 ist

er Gemeinderat von Clos du Doubs und

seit 2015 SP-Abgeordneter im jurassischen

Parlament.

Er ist seit über vierzig Jahren

Gewerkschaftsmitglied.

Text: Sylvie Fischer

Bild: Hélène Tobler

Die Chauffeurslöhne

im Jura dürfen

nicht sinken

«Ich bin Mitglied der Verkehrskonferenz

für die Gemeinde Clos

du Doubs. 2017 habe ich an einer

Sitzung dieser Konferenz von der

Ausschreibung der Buslinien erfahren.

Ich machte mir damals bereits

Sorgen, dass dies auf dem Rücken

der Angestellten geschehen könnte.

Aber der Verkehrsminister versprach

uns, es gäbe keinen Grund zur Beunruhigung.

Was nicht stimmte, denn

keines der Versprechen wurde gehalten.

Bald reiche ich im jurassischen

Parlament den vierten Vorstoss ein.

Wir erhalten einen gewissen gewerkschaftlichen

Druck aufrecht, um die

Entscheide des Kantons Jura und des

Bundes in Richtung einer zufriedenstellenden

Lösung zu lenken.

Erstens fordern wir einen Jahreslohn,

der über dem Mindestlohn von

58 000 Franken liegt, den das Bundesamt

für Verkehr (BAV) empfiehlt.

Der branchenübliche Lohn im Jura

wird derzeit auf 72 000 Franken geschätzt.

Wir wollten, dass die Regierung

die Kriterien Qualität, Fixkosten

und Personalübernahme in die

Ausschreibungsbedingungen aufnimmt,

was sie nicht getan hat.

Der Kanton hätte freiwillig angeben

können, dass für diese Funktion

ein branchen üblicher Lohn existiert,

da der Lebens standard in unserer

Region in der BAV-Richtlinie nicht

berücksichtigt wird. Wir möchten,

dass diese Kriterien, die gute Arbeitsbedingungen

sicher stellen, beachtet

werden. Die Entscheidung darf nicht

zulasten des Personals ausfallen.

Die französische RATP oder die

spanischen Unternehmen, die sich

für die Übernahme der Buslinien interessieren,

kümmern sich nicht um

diese Fragen. Sie sind sogar so weit

gegangen, die Chauffeur*innen auszuspionieren,

um das beste Angebot

einreichen zu können! Besorgt bin

ich auch, weil einige Firmen Sicherheitsprobleme

mit ihrer Busflotte

haben. Dies sollte beim Vergleich der

Anbieter negativ gewichtet werden.

Meine 80%-Stelle bei der Post ermöglicht

mir, alle zusätzlichen politischen

und gewerkschaftlichen Aufgaben

wahrzunehmen. Dass meine

Frau Verständnis dafür hat, trägt

ebenfalls dazu bei. Dank den Stellvertretungen

in den Filialen habe

ich im Jura ein ziemlich grosses

Kontaktnetz.

Ich bin vor allem Aktivist und Gewerkschafter

sowie SP-Abgeordneter.

Deshalb bin ich bereit, bis zum

Schluss zu kämpfen, damit die Vergabe

nicht auf Kosten der Angestellten

dieser Buslinien geht. Der Entscheid

dürfte Anfang 2020 bekannt

gegeben werden. Auf Empfehlung

der Regierung vergibt der Bund

(BAV) die Linien für zehn Jahre. Ein

lukratives Geschäft von 20 Millionen

Franken jährlich, also 200 Millionen

in zehn Jahren. Wir kämpfen dafür,

dass ein grosser Teil dieser Summe

via Löhne den Chauffeur*innen zukommt,

damit sie und ihre Familien

anständig leben können.»

syndicom.ch zu den jurassischen Buslinien:

Bit.ly/2raqV3C


Impressum

Redaktion: Sylvie Fischer, Giovanni Valerio,

Marc Rezzonico, Marie Chevalley

Tel. 058 817 18 18, redaktion@syndicom.ch

Mitarbeit: Rieke Krüger

Porträts, Zeichnungen: Katja Leudolph

Fotos ohne ©Copyright-Vermerk: zVg

Druck, Layout und Korrektorat: Stämpfli AG, Bern

Adressänderungen: syndicom, Adressverwaltung,

Monbijoustrasse 33, Postfach, 3001 Bern

Tel. 058 817 18 18, Fax 058 817 18 17

Inserate: priska.zuercher@syndicom.ch

Abobestellung: info@syndicom.ch

Abopreis ist im Mitgliederbeitrag inbegriffen. Für

Nichtmitglieder: Fr. 50.– (Inland), Fr. 70.– (Ausland)

Verlegerin: syndicom – Gewerkschaft

Medien und Kommunikation, Monbijoustr. 33,

Postfach, 3001 Bern

Das syndicom-Magazin erscheint sechsmal im Jahr.

Ausgabe Nr. 15 erscheint am 24. Februar 2020

Redaktionsschluss: 13. Januar 2020.

31

Das syndicom-Kreuzworträtsel

Immer gern gesehen: Zu gewinnen gibt

es diesmal einen Coop-Gutschein im

Wert von 40 Franken, gespendet von

unserer Dienstleistungspartnerin Coop.

Das Lösungswort wird in der nächsten

Ausgabe zusammen mit dem Namen der

Gewinnerin oder des Gewinners veröffentlicht.

Lösungswort und Absender auf einer

A6-Postkarte senden an: syndicom-

Magazin, Monbijoustrasse 33, Postfach,

3001 Bern. Einsendeschluss: 13. 1. 20

Die Gewinnerin

Die Lösung des syndicom-Kreuzworträtsels

aus dem syndicom-Magazin

Nr. 13 lautet: DIGISOZIAL.

Gewonnen hat Ruth Scheidegger aus

Aarberg. Der Reka-Check ist unterwegs.

Wir gratulieren herzlich!

Anzeige

ALLES IST BESSER

GESCHÜTZT

ALS MENSCHEN AUF DER FLUCHT

Werde aktiv auf

amnesty.ch

AI_MAG_Beobachter_182x58_d_4c_Sticker.indd 1 30.08.16 09:43


32 Inter-aktiv

Was erwartest du dir vom

neuen Parlament?

Regina Frei, Buchhändlerin

Ich erhoffe mir vom neuen Parlament,

dass es jetzt vor allem das

schon lange nötige Anpassen der

bestehenden Gesetze an die zunehmend

offenere Gesellschaft vorantreibt,

besonders im Bereich der

Gleichstellung aller Menschen.

Benjamin von Wyl,

freischaffender Journalist

Ich hoffe auf eine baldestmögliche

Verfassungsänderung:

Der Medienartikel für Radio und

Fernsehen soll auf Zeitungen

und Onlinemedien ausgeweitet

werden.

Andrea Pardo, Zusteller

Ich erhoffe mir, dass den Löhnen

der unteren Mittelschicht mehr

Beachtung geschenkt wird. Ich

wünsche mir anständige Löhne

für alle und Erleichterungen für

Familien mit Kindern (Krankenkasse,

Steuern). Es braucht

weniger Worte und mehr Taten!

Niclas Glauser, Enterprise

Customer Care Swisscom

Ich erwarte: Einen weiteren

Schritt zur gesellschaftlichen

und rechtlichen Gleich stellung

aller Geschlechter und eine

faktenbezogene Diskussion

zum Thema Einführung 5G.

Sebastian Walter,

DevOps Engineer Swisscom

Patrick Pflumm,

Chauffeur PostAuto

Ich erwarte, dass die Löhne verteidigt

werden und nicht die

Grenzen. Es muss für gerechte,

vertraglich festgelegte Löhne

gekämpft werden, bei denen

nicht zwischen einheimischen

Arbeitnehmenden und Grenzgänger*innen

unterschieden

wird.

Rachel Grüninger,

PostAuto-Angestellte

Ich erwarte, dass den lokalen Arbeitnehmenden

besondere Sorge

getragen und ihnen ein anständiger

Mindestlohn geboten wird. Als Frau

wünsche ich Gleichstellung zwischen

den Geschlechtern, was die

Behandlung und auch die Entlöhnung

angeht. Ich würde auch einen

längeren Vaterschaftsurlaub begrüssen.

Der Klimawandel muss gestoppt

werden, aber nicht auf den Schultern

der Arbeitenden. Die Unternehmen,

welche seit Jahren die Umwelt

zerstören, sollen den Umbau der

Wirtschaft bezahlen.

Priscilla De Lima,

Journalistin

Alda Viviani,

Freelance-Übersetzerin

Ich erhoffe mir vom Parlament

den Einsatz für einkommensabhängige

Krankenkassenprämien,

die

höchstens 10 Prozent des

Einkommens betragen.

Vom neuen Parlament erwarte

ich konkrete Massnahmen für

Lohngleichheit und eine bessere

Vereinbarkeit von Familie und

Beruf.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine