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Saargeschichten Ausgabe 58/59 (1/2-2020)

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saargeschichte|n

58 | 59 hefte 1|2_20 magazin zur regionalen kultur und geschichte

hector und paris

ein spektakulärer fall zu beginn des »saarhunderts«

Einzelpreis 10,– EUR 16. Jahrgang

doppelausgabe

100

seiten


Erscheint

Dezember

2020

Kleine Abbildung:

Ausgabe I – 2017

Nach dem erfolgreichen Restart des Landkreis-Neunkirchen-Buches im Jahr 2017, wird

demnächst der zweite Band des beliebten Buches erscheinen. In der 2. Ausgabe finden Sie einen Sonderteil

zum 150-jährigen Bestehen der Kreissparkasse Neunkirchen sowie viele weitere spannende Berichte zur

Geschichte und Entwicklung des Landkreises.

Sie erhalten die Bände im Buchhandel, bei Amazon oder direkt www.edition-schaumberg.de

Das Landkreis-Neunkirchen-Buch, Ausgabe I – 2017

288 Seiten, Festeinband, großes Format, durchgeh.farbig, ISBN 978-3-941095-47-2, 25,00 EUR

Das Landkreis-Neunkirchen-Buch, Ausgabe II – 2020

288 Seiten, Ausführung wie Ausgabe I, ISBN 978-3-941095-70-0, 25,00 EUR; lieferbar ab August

Brunnenstraße 15 · 66646 Marpingen · Telefon 06853 502380 · info@edition-schaumberg.de

www.edition-schaumberg.de


das ding aus der saargeschichte

Er gehört zum vielleicht größten Kunstschatz, den Saarlouis

seit mehr als dreihundert Jahren in seinen Mauern

verwahrt. Gobelinbezüge aus der königlichen Manufacture

d’Aubusson schmücken Sitz und Rückenlehne dieses einen

von insgesamt zwölf chaises à la reine, die Ende des 17. Jahrhunderts

als Patengeschenk in die neu erbaute Festungsstadt

Ludwigs XIV. geliefert wurden. Wie die Sessel, so sind

auch die dazugehörigen Wandteppiche aus Gobelin mit

Schwertlilien geschmückt, den floralen Insignien des Herrschaftshauses

der Bourbonen. Einst verliehen Gobelinstühle

und Teppiche dem Präsidialgericht am heutigen Großen

Markt in Saarlouis besonderen Glanz, noch heute sind

die Prachtstücke fast am gleichen Ort, nämlich im Gobelinsaal

des Rathauses, zu bewundern.

Auch die goldfarbenen Holzgestelle der Stühle, einst in

einer Metzer Werkstatt gefertigt, mit ihren Blumen- und

Muschelapplikationen das Zeitalter des Rokoko vorwegnehmend,

haben Macht und Pracht des Sonnenkönigs bis

heute in der französischsten Stadt des Saarlandes erhalten.

Nur einmal, Anfang des 20. Jahrhunderts, war dieses kulturelle

Erbe Saarlouis‘ ernsthaft gefährdet. Nachdem die preußischen

Stadtväter selbst kurz mit dem Gedanken gespielt

hatten, die mittlerweile 18 Sessel zu verkaufen, um die leeren

Kassen zu füllen, machte die französische Besatzung im

Frühjahr 1919 kurzen Prozess. Sie requirierte das gesamte

Gobelin-Ensemble, weil sich Saarlouis in der nationalen

Frage nach dem Ersten Weltkrieg nicht »französisch«

genug gezeigt hatte.

Die chaises à la reine stehen damit am Beginn jenes

Säkulums, das wir heute als das erste Jahrhundert

saarländischer Eigenständigkeit feiern können.

Nach einer kurzen Odyssee kehrten die Sessel

nach Saarlouis zurück, möglicherweise auch

deshalb, weil dort ein Jahr lang der frankophile

Arzt und spätere Minister Jakob Hector

als Bürgermeister amtierte. Hector ist vor allem

mit einem nach ihm benannten Prozess in die

saarländische Geschichte eingegangen.

Wie sich dieser legendäre Prozess in die Historie

des Landes zwischen Deutschland und Frankreich

einordnen lässt, das wird in der Titelstory

dieser Ausgabe erstmals ausführlich thematisiert.

Foto: Sascha Schmidt


impressum

inhalt

Herausgeber Edition Schaumberg, Brunnenstr. 15,

66646 Marpingen, info@edition-schaumberg.de,

www.edition-schaumberg.de

Gegründet 2005 vom Historischen Verein für die

Saargegend e.V. und vom Landesverband der historisch-kulturellen

Vereine des Saarlandes e.V.

Redaktion Ruth Bauer, Dr. Paul Burgard, Tobias

Fuchs, Bernhard W. Planz, Dr. Jutta Schwan

Redaktionsanschrift Brunnenstraße 15, 66646

Marpingen, info@edition-schaumberg.de (Redaktion

Saargeschichten)

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0178.8953500

Gesamtherstellung Edition Schaumberg

ISSN 1866-573x

Erscheinungsweise Viermal jährlich im März, Juni,

September, Dezember.

Einzelausgabe 5,– EUR, Bei Bestellung über den Verlag

zzgl. Versandkosten; Doppelausgabe 10,– EUR.

Jahresabonnement 22,– EUR (incl. Versand innerhalb

Deutschland); Ausland zzgl. anfallende Versandkosten.

Hinweis zu den Beiträgen Namentlich gekennzeichnete

Beiträge geben nicht unbedingt die

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Zeitschrift veröffentlichten Beiträge sind urheberrechtlich

geschützt.

Das Ding aus der Saargeschichte 3

Klaus-Peter Henz Fortuna im Wareswald 5

Bärbel Kuhn, Andreas Schorr Eine frühe Karte des Saargebiets 11

Paul Burgard Hector und Paris, Saarlouis und Berlin 14

Ein Minister vor Gericht: Was der spektakuläre »Fall Hector«

über die Anfänge des Saarlandes erzählt

Florian Bührer Mit dem Rütlischwur heim ins Reich! 44

Der Abstimmungskampf von 1935 und seine eidgenössischen Vorbilder

Ralph Schock Seines Zeichens Dichter 51

Der Kölner Expressionist Johannes Theodor Kuhlemann und Saarbrücken

Kristine Marschall Von der Industriebrache zum postmodernen Ökopark 56

Der Bürgerpark Hafeninsel in Saarbrücken-Malstatt

Joachim Conrad »Bei Kameraden und Vorgesetzten stets beliebt« 64

Das Schicksal der Dillinger Ernst und Otto Schmeyer –

nach ihren Feldbriefen erzählt

Hans-Christian Hermann Der lange Schatten des Abstimmungskampfes 72

Ein schwieriges Erbe: Zur Entstehungsgeschichte des

Deutsch-Französischen Gartens

Sabine Graf Europadämm(er)ung in Saarbrücken 83

Zwei Teppiche und ein Bildprogramm

Ausstellungen + Neue Publikationen 94

Ach du liebe Zeit … Die Glosse in den saargeschichte|n 96

saargeschichte|n bildet … 98

Hinweis zum Titelbild

Truppenparade auf dem Großen

Markt in Saarlouis am Französischen

Nationalfeiertag 1919. (Ausschnitt).

Im Mittelpunkt der Aufnahme und der

Parade steht die mit einer Tricolore

geschmückte Militärkommandatur.

(StA SLS, Bildersammlung)


fortuna im wareswald

saargeschichte|n 7

von klaus-peter henz

Seit 2001 finden nun schon archäologische Ausgrabungen

im gallo-römischen Vicus Wareswald

statt, einer kleinen, ländlichen Siedlung aus römischer

Zeit. Der Begriff Vicus meint eine ländliche

Siedlung, häufig entlang der nun in Stein ausgebauten

Handelsrouten. »Gallo-römisch« verweist

auf die auch nach der römischen Eroberung

des Gebietes weiterhin ansässige einheimischkeltische

Bevölkerung, die in einem »Romanisierung«

genannten Prozess römische Lebensart

annimmt ohne die keltischen Wurzeln gänzlich

abzulegen.

Gelegen am Fuße des Schaumbergs, erstreckt

sich der Ort auf Gemarkungen der Gemeinden

Tholey, Oberthal und Marpingen. Durchgeführt

werden die Ausgrabungen durch die Terrex

gGmbH, einer Grabungsgesellschaft des Landkreises

St. Wendel und der Gemeinden Marpingen,

Nonnweiler, Oberthal und Tholey. [1] Neben

[1] Die archäologischen Grabungen werden von der Terrex

gGmbH in Kooperation mit der WiAF gGmbH durchgeführt.

Die Grabungsgenehmigung erteilt das Landesdenkmalamt

des Saarlandes als Fachaufsichtsbehörde.

Wohnhäusern, teils mit Fußbodenheizungen,

Badezimmern und Wandmalereien ausgestattet,

konnten auch Gebäude ausgegraben werden, die

von Händlern und Handwerkern genutzt worden

waren, Berufsgruppen, die typischerweise

einen solchen gallo-römischen Vicus bewohnen.

In der Siedlung herrschte insbesondere im 2./3.

Jhd. ein relativer Wohlstand, der sich in der hohen

Anzahl der umlaufenden Münzen zeigt, die auf

regen Handel schließen lassen. Insbesondere die

Ausbeutung der Rötel-Vorkommen, die auf den

Gemarkungen Oberthal und Theley anzutreffen

sind und seine Weiterverarbeitung zu einem

einheitlich geformten Handelsgut, den »Rötel-

Stiften« war wohl ein bedeutender Produktionszweig

im Vicus. Hunderte solcher Stifte wurden

während der Ausgrabungen geborgen. [2]

Sicher spielte auch der Handel mit landwirtschaftlichen

Erzeugnissen eine bedeutende Rolle.

Die Produktion dieser Güter übernahmen landwirtschaftliche

Gehöfte, die sog. »villae rusticae«,

die sich um einen vicus gruppierten. Die

[2] Glansdorp (2011), 25f.

Der Wareswald in

der Landschaft. Ganz

rechts der heutige

Parkplatz mit Standort

des Pfeilergrabmals,

in der Mitte

die Tempelbauten

und das »Haus der

Fortuna«, links der

Siedlungskern mit

Wohnbebauung.

(Foto: A.Groß)


Die moderne Visualisierung

des Pfeilergrabmals

aus dem 2.

Jhd.n. Chr. Sie führt

dem Betrachter die

beeindruckende

Größe des ursprünglichen

Monumentes

vor Augen. (Foto:

A.Groß)

Rechts: Opfergabenbringer

mit Vogel auf

dem linken Arm. Das

kleine Sandsteinrelief

war sicher eine Weihung

in den Tempel.

(Foto: M. Schäfer)

Besitzer der Latifundien erlangten teilweise großen

Wohlstand, den sie auch präsentierten. So

entstanden etwa repräsentative Grabbauten um

den Reichtum einer solchen Familie zu zeigen.

Auch im Wareswald lassen sich solche Gehöfte

nachweisen, in deren unmittelbarer Nähe ein sog.

Pfeilergrabmal entdeckt wurde. Der ca. 12 Meter

hohe aus Sandstein erbaute Pfeiler war rundum

mit Reliefs verziert, die wohl Szenen der antiken

Mythologie zeigen, wohl auch die Familienmitglieder

abbildete und viele Darstellungen aus

einem Weinberg beinhaltete. [3] Die gründliche

Zerstörung des Monumentes – das immense

Steinmaterial weckte in nachantiker Zeit große

Begehrlichkeiten – lässt eine Rekonstruktion des

Dargestellten jedoch nicht mehr zu. Nach dem

Abbau der Steinblöcke wurden die störenden, da

vorspringenden Reliefs abgeschlagen und verblieben

am Ort. Das Monument war in eine ca.

12 x 12 m messende Umfriedung eingestellt und

stand in unmittelbarer Nähe einer Straße, die ver-

mutlich vom Gutshof kommend am Pfeilergrab

vorbei auf die Durchgangsstraße der Siedlung im

Wareswald führte. An der Straße zugewandten

Seite war eine Inschrift angebracht, von deren

Existenz lediglich ein erhaltener Buchstabe zeugt.

Die Überreste mindestens eines weiteren, aber

deutlich kleineren Grabmonumentes unweit des

großen Pfeilers weist darauf hin, dass hier die

verstorbenen Familienmitglieder aus der »villa

rustica« in Gräbern mit zum Teil monumentaler

Architektur innerhalb eines kleinen Friedhofs

beigesetzt worden sind. Vor allem die Stilanalyse

der figürlichen und vegetabilen Relieffragmente

legen eine Errichtung des Monumentes in der 2.

Hälfte des 2. Jhd. n. Chr. nahe. [4]

Der heutige Besucher kann an Ort und Stelle eine

sog. Visualisierung des Monumentes in Augen-

[3] Henz/Klöckner (2009), 69–88.

[4] Henz/Klöckner (2009), 87f.

Luftbildaufnahme der

Tempel im Wareswald.

der große

Tempels rechts war

dem Gott Mars (Cnabetius?)

geweiht.

Direkt daneben

(auf dem Bild links

anschließend) ist

seit der Grabungskampagne

2019 die

Existenz eines zweiten

Umgangstempels

bekannt geworden.

(Foto: A.Groß)


saargeschichte|n 9

schein nehmen und wird auf Infotafeln über die

Darstellungen informiert.

Die Heiligtümer im Wareswald

Bereits mehrere Jahrzehnte zuvor war ca. 150

Meter östlich des großen Pfeilers ein Tempel

errichtet worden, der dem Mars, wahrscheinlich

dem Mars Cnabetius geweiht war. 11,60 m x 14,20

m misst die Cella – der Hauptraum des Tempels

mit der Götterstatue –, um die mit einem Abstand

von ca. 3,80 m ein weiteres Mauergeviert von

19,50 m x 22,80 m angelegt wurde. Der so entstehende

Umgang verleiht diesem Tempeltyp

seinen Namen. Er gehört zu den sog. »gallo-römischen

Umgangstempeln, die auch und gerade

im Gebiet der Treverer weite Verbreitung fanden.

Funde bronzener Figürchen des Gottes Mars

im Tempel führen zur Zuschreibung des Heiligtums

an diesen Gott. Darüber hinaus erwähnt

eine Weiheinschrift, bereits im 19. Jhd. »aus dem

Varuswalde« gefunden, den »Mars Cnabetius«,

den lokalen Genius. Es ist daher durchaus wahrscheinlich,

dass diese Gottheit in unserem Tempel

verehrt worden ist.

Zahlreiche Funde, die im Tempel geborgen wurden,

beleuchten die Kultpraxis im Heiligtum.

Neben einem kleinen Sandsteinrelief, das einen

Adoranten mit Vogel als Opfergabe zeigt oder der

Darstellung eines Molossers, einem Kampfhund,

der auch im Krieg eingesetzt werden konnte und

sicher zu einer Figurengruppe gehörte, sind vor

allem eiserne Lanzenspitzen zu erwähnen, die in

großer Zahl geopfert worden waren. Sie belegen

die Fortführung der Weihungen solcher Lanzenspitzen

in der römischen Kaiserzeit im Gebiet des

keltischen Stammes der Treverer. [5]

Auch Münzen gehören zum Fundgut. Die große

Mehrzahl der Stücke stammt aus dem 2. bis 4.

Jhd. n. Chr. Die Münzreihe legt eine Gründung des

[5] Adler (2018), 66–69.

Tempels am Anfang des 2. Jhd. n. Chr nahe und

zeigt darüber hinaus, dass hier die Ausübung des

Kultes bis an das Ende des 4. Jhd. n.Chr. andauerte.

Der Mars-Tempel war nur eines von mehreren

Heiligtümern in einem »Heiligen Bezirk«. Aus

den aktuellen Grabungen der Kampagne 2019

stammen die Mauern eines zweiten Umgangstempels,

in Struktur und Ausdehnung dem Mars-

Tempel ähnlich. Sie werden von Studierenden der

Kennesaw State University of Georgia unter der

Leitung von Prof. Philip Kiernan untersucht. Seit

zwei Jahren besteht eine Kooperation der Terrex

gGmbH mit der amerikanischen Universität, die

ihren Sitz in Kennesaw, Atlanta hat.

Wann der Tempel gebaut wurde und wem hier

die Opfernden Gaben brachten, sollen weitere

Grabungskampagnen zeigen.

Das Gebäude »G«

Nach umfangreichen Rodungsarbeiten im

Gelände nördlich der Tempelanlagen ergab sich

die Möglichkeit, die Fläche archäologisch zu

sondieren und einige sog. Suchschnitte anzulegen.

Unmittelbar unter dem Waldboden, der

von einem Bagger entfernt wurde, tauchten

erste Mauersteine, Bruchstücke römischer Dachziegel

und Keramikscherben im Boden auf. Die

während der anschließenden Ausgrabungsarbeiten

gefundenen Mauerstücke ließen rasch

ein Gebäude erkennen, dessen Ausdehnung

allerdings noch unbekannt ist, da sich die Außenmauern

über die derzeitigen Grabungsgrenzen

hinaus erstrecken. Daher kann für eine nordöstlich

verlaufende Mauer lediglich eine Mindestausdehnung

von 15 m ermittelt werden. Die

Mauer verläuft parallel zur Hangkante. Eine

zweite Mauer geht im rechten Winkel davon ab

und läuft in südöstlicher Richtung hangaufwärts

unter die heutige Asphaltstraße. Auch hier lässt

sich die Ausdehnung noch nicht bestimmen. Die

Mauerstärke von durchgehend ca. 80 cm weist

Links: Bronzefigur

eines Molossers, eines

Kampfhundes, der in

römischer Zeit auch

in der Arena eingesetzt

wurde. Der

Hund allgemein gilt

als Attributtier des

Gottes Mars, dem die

Weihung wohl galt.

(Foto: M. Schäfer)

Rechts: Eiserne

Lanzenspitzen, die

meist mit dem hölzernen

Schaft im Tempel

geweiht wurden. Sie

belegen die Weiterführung

der an sich

keltischen Sitte des

Waffenopfes auch im

2. Jhd. n. Chr. bei den

keltischen Treverern.

(Foto: M. Schäfer)


Oben links: Das

neu aufgefundene

Gebäude »G« in

einer Luftaufnahme,

unmittelbar an und

vielleicht unter der

modernen Straße

gelegen. (Foto: A.

Groß)

Oben Mitte: Detailaufnahme

des

Gebäudes »G«. In der

Bildmitte rechts ist

der kleine Raum mit

Fußbodenheizung

zu erkennen, dessen

Boden aus Dachziegeln

in Zweitverwendung

besteht. In

der Bildmitte ist ein

wohl später hinzugefügter

Einbau zu

sehen.

dabei auf eine zweigeschossigen Bau hin. Die vorläufigen

Grabungsergebnisse lassen erkennen,

dass mindestens ein weiterer Raum zu einem

späteren Zeitpunkt dem Bau hinzugefügt und

mit einer Fußbodenheizung versehen worden

war. Das Gebäude wurde offensichtlich mehrfach

umgebaut und in seiner inneren Ausstattung

verändert, unter anderem durch den Einbau

mehrerer Mauern. Bemerkenswert ist auch, dass

der Außenbereich des Gebäudes, hangabwärts

gelegen, als Park oder Garten gestaltet gewesen

sein könnte. Während der Ausgrabungen jedenfalls

wurden eine Art Durchgang zu einer Freitreppe

aus großen, sorgfältig behauenen Sandsteinen)

sowie eine Trockenmauer aufgedeckt,

die als Terrassenmauer gedient haben könnte.

Gebäudemauern fanden sich in diesem Bereich

indes nicht. Auch hier hoffen die Archäologen auf

weitere Erkenntnisse durch die geplanten Untersuchungen

der Kampagne 2020.

Das Gebäude, soweit es bislang ausgegraben

wurde, war offensichtlich voll unterkellert, die

Kellerböden mehrfach erneuert, der Keller später

mit Brandschutt verfüllt worden In diesem

Bereich fanden sich auch viele Bruchstücke großer

Vorratsgefäße, aber auch ein Anteil an Feinkeramik

sowie die Reste einiger feiner Glasgefäße,

die meist in das 2./3. Jhd. n. Chr. datiert

werden können. In diese Zeit wird vorläufig auch

die Nutzung des Gebäudes datiert. Die einzige

bisher gefundene Münze, ist zwar ein Denar des

Kaisers Vespasian, geprägt 72/73 n. Chr.), allerdings

ist das Stück stark abgegriffen und war

sicherlich eine lange Zeit im Umlauf, bevor es im

Wareswald in den Boden gelangte.

Die Statue der Fortuna

Eine besondere Überraschung bot sich den Ausgräbern

dann beim Freilegen der Südwest-Ecke

des Gebäudes. Inmitten des Brandschuttes, wohl

Oben rechts: Die

Sandsteinfigur der

Fortuna in Fundlage

im Gebäude »G«.

Freitreppe aus großen

Sandsteinblöcken

gesetzt. Der Außenbereich

des Gebäudes

wies neben der

Treppe auch trocken

gesetzte Terrassenmauern

auf, die darauf

hinweisen, dass

das Gelände offensichtlich

als Gartenanlage

genutzt

wurde. (Fotos: Terrex

gGmbH)


saargeschichte|n 11

zwischen den Resten des hölzernen Inventars

eines abgebrannten Wohnraumes, lag eine noch

ca. 35 cm hohe Figur aus Sandstein, die sich nach

sorgfältiger Freilegung, Einmessung und Bergung

als eine Statue der Fortuna, der römischen

Göttin des Schicksals und des Glücks, herausstellte.

Zu erkennen gibt sich die Göttin durch

das Füllhorn, das sie an ihrer linken Seite trägt

sowie durch das, nur in Teilen erhaltene Steuerruder

zu ihrer Rechten. Einige Teile, so auch der

Kopf sind abgebrochen.

Die Figur weist deutliche Brandspuren auf, die

sich als bandförmige Verfärbung schräg über

den Rücken ziehen und auch auf der Vorderseite

am linken Arm, am linken Bein und am Saum

des Gewandes zu beobachten sind. Auch an den

Bruchstellen der Skulptur und am Halsansatz

des abgebrochenen Kopfes sind die Brandspuren

zu verfolgen, die Figur ist daher im bereits zerbrochenen

Zustand mit den heißen Materialien

des Brandschuttes in Berührung gekommen. Solche

Götter-Figuren wurden häufig in den sog.

Lararien aufgestellt, Hausaltären, die der täglichen

Religionsausübung dienten und in denen

neben dem Lar, dem Beschützer des Hauses,

mannigfaltigen Gottheiten Opfergaben dargebracht

wurden.

Das Füllhorn, das die reich gewandete Figur im

linken Arm hält, weist bereits auf die Göttin

Fortuna hin, zumal ihr als zweites Attribut an

ihrer Rechten ein Steuerruder eines Schiffes beigegeben

ist. Mit diesen Attributen ist die Göttin

auf zahlreichen Münzen der römischen Kaiserzeit

abgebildet und wird dann häufig als »fortuna

redux« bezeichnet, als die »Rückführende«,

die vor allem von Soldaten um eine gute Rückkehr

aus Krieg oder Stationierung in fernen Ländern

gebeten wurde. Jedoch scheint ein solch

»soldatischer« Aspekt nicht so recht in eine zivile

Kleinsiedlung, wie wir sie im Wareswald vor uns

haben, zu passen. Denkbar wäre immerhin ein

Veteran als Stifter, der sich im vicus Wareswald

nach seiner Entlassung niedergelassen hatte und

das Stück in einem Tempel aufstellen ließ.

Die einzige Münze,

die bislang geborgen

werden konnte: ein

Denar des Kaisers

Vespasian, geprägt

72/73 n. Chr. Die

Rückseite zeigt die

Kultwerkzeuge der

Auguren: simpulum,

aspergillum, Opferkanne

und lituus.

Foto: A. Didas

Unmittelbar nach

der Bergung zeigt

sich die vorzügliche

künstlerische Arbeit

an der Figur. Die

Beschädigungen

im Kopfbereich

und an der rechten

Körperseite sind

zu erkennen. (Foto:

Terrex gGmbH)


Links: Nach der Restaurierung

in den

Werkstätten des

Landesdenkmalamtes

treten die Brandspuren

deutlich zu

Tage. (Foto: N. Kasparek,

LDA)

Rechts: Die Statue

der Fortuna in der

Sonderausstellung im

Museum für Vor- und

Frühgeschichte Saarbrücken.

Restaurierter

Zustand.

Im Frühjahr 2020

wurde ein Köpfchen

aus Sandstein

im Bauschutt

der Ausgrabungen

gefunden. Ob er zur

ausgegrabenen Fortuna

gehört, wird sich

zeigen?

(Foto: LDA)

Die Figur ist aus gelblichem, hellem und feinkörnigem

Sandstein hergestellt. Die Provenienz

des Steines wurde bislang nicht ermittelt. Mit

großem Geschick und Können hat der Bildhauer

die Göttin geformt. Proportionen und die Standstellung

im sog. Kontrapost mit zurückgesetztem

linkem Fuß und rechtem Standbein, der darauf

ruhenden schräg gestellten Hüfte und dem in

Gegenrichtung schwingenden Oberkörper bis

in die Schultern gekonnt ausgeführt. Die sehr

gute Qualität der Bildhauerarbeit zeigt sich ins-

besondere in der Darstellung der Gewänder. Über

dem ärmellosen Chiton aus dünnem Stoff liegt

der Mantel, der über die linke gelegt ist und zur

rechten Hüfte hinabgeführt wird und von dort,

den Oberkörper freilassend zur rechten Schulter

verläuft. Das Gewand zieht in reichem Faltenwurf

bis zu den Füßen. Die übereinander liegenden

Kleidungsstücke sind in ihrer Stofflichkeit

herausgearbeitet, dünne Stoffbahnen von dickeren

unterschieden, die Faltenwürfe detailliert

dargestellt. Die hohe künstlerische Qualität der

Skulptur spricht dafür, die Entstehung in einer

renommierten Werkstatt, eventuell in Trier im 2.

Jhd. n. Chr., anzunehmen.

Der Kopf der Fortuna?

Seit Mai 2020 laufen die Grabungen im Gebäude

»G« weiter. Hochinteressante Ergebnisse sind

hierbei zu erwarten. Ganz aktuell wurde im

Brandschutt ein kleiner Frauenkopf aus Sandstein

gefunden, aus der Schicht also, aus der

auch schon die Fortuna-Statue stammt. Der Kopf

wurde umgehend in die Restaurierungswerkstätten

des Landesdenkmalamtes gebracht, wo

er nun zunächst restauriert wird. Erst danach

wird es möglich sein, die Zusammengehörigkeit

der Figur des letzten Jahres mit dem aktuellen

Fund zu vergleichen.


eine frühe karte des saargebiets

saargeschichte|n 13

von bärbel kuhn und andreas schorr

Mit dem Friedensvertrag von Versailles vom

28. Juni 1919 wurde das neu gebildete »Saarbeckengebiet«

für 15 Jahre vom Deutschen Reich

abgetrennt und unter die Verwaltung des frisch

konstituierten Völkerbunds gestellt. Die vorliegende

Karte aus Privatbesitz [1] darf wohl als ein

frühes regionales Zeugnis zur Popularisierung

des neuen Gebietes gelten. Sie erschien im Verlag

der Gebrüder Hofer in Saarbrücken, der auch

die »Saarbrücker Zeitung« herausgab. Die Karte

wurde zum Preis von 50 Pfennig angeboten,

wahrscheinlich in den Verkaufsstellen der »Saarbrücker

Zeitung«. Da die Karte nach ersten

Recherchen in regionalen Archiven nicht nachgewiesen

ist und bislang in einschlägigen Werken

nicht erwähnt wurde, war sie vermutlich

nicht in hoher Auflage gedruckt worden.

Auf der Karte wurden unterschiedliche Typen von

Grenzen beziehungsweise Grenzabschnitten eingezeichnet

und in der Kartenlegende benannt.

Unter anderem ist von einer »örtlich noch zu

bestimmenden Grenze« die Rede. Gemeint

ist die östliche Grenze des Saargebietes. Die

gestrichelte Linie bezeugt den damals noch provisorischen

Charakter dieses Abschnitts. Das wird

vor allem westlich von Zweibrücken sichtbar: Hier

hat die Grenze abgerundete Formen und gleicht

nicht einer Zickzacklinie wie etwa im Hochwald,

wo sie den Gemarkungsgrenzen der Gemeinden

folgt. Die Karte stammt damit aus der Zeit vor

dem Abschluss der Grenzvermessung, also zwischen

der Unterzeichnung des Versailler Vertrags

[1] Die Karte wurde erstmals publiziert in Kuhn, Bärbel: Beharrung

und Aufbruch in bewegten Zeiten. Wiesbach im

Saargebiet der Völkerbundzeit (1919–1935), in: Wiesbach.

Geschichte eines saarländischen Dorfes, hg. von der Gemeinde

Eppelborn durch Kuhn, Bärbel; Maas, Hans Günther;

Schorr, Andreas (St. Ingbert 2018) S. 223–239, hier S.

224 (Gesamtkarte in Verkleinerung) und S. 225 (Ausschnitt

mittleres Saarland).

(28. Juni 1919) und der urkundlichen Grenzfestlegung

für das »Saargebiet« (21. Dezember 1921),

als der östliche Grenzverlauf genau geregelt

wurde. Weiter gibt die Preisangabe in Pfennigen,

als Hundertstel-Unterteilung der zunächst weiter

geltenden Mark des Deutschen Reiches, einen

Hinweis auf die Entstehung in der frühen Phase

des Saargebiets, vor der Einführung des französischen

Franken als alleiniges Zahlungsmittel am

1. Juni 1923.

In § 48 des Versailler Vertrages wurden die Prinzipien

für die Grenzziehung des neuen Gebildes

festgelegt: »Ein Ausschuß von fünf Mitgliedern,

von denen eines von Frankreich, eines von

Deutschland und drei von dem Rate des Völkerbunds,

welch letzterer seine Wahl unter den

Staatsangehörigen anderer Mächte zu treffen

hat, ernannt werden, tritt binnen zwei Wochen

nach Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrags

zusammen, um an Ort und Stelle den Verlauf

der […] Grenzlinie festzulegen. Wo dieser Verlauf

nicht mit den Verwaltungsgrenzen zusammenfällt,

wird der Ausschuß bemüht sein, dem

angegebenen Verlauf unter möglichster Berücksichtigung

der örtlichen Wirtschaftsinteressen

und der bestehenden Gemeindegrenzen nahezukommen.«

[2]

Der Ausschuss bestand dann neben dem französischen

und dem deutschen Delegierten aus

einem britischen, einem brasilianischen und

einem japanischen Vertreter. Mit der am 21.

Dezember 1921 in Paris unterzeichneten Urkunde

legte er die Grenzziehung fest. [3] Die Umgrenzung

[2] Hier zitiert nach: http://www.documentarchiv.de/wr/

vv03.html (zuletzt gesehen am 27. April 2020).

[3] Urkunde publiziert in: Amtsblatt der Regierungskommission

des Saargebietes 1928, S. 179–192, Landesarchiv

Saarbrücken, Inv.-Nr. 901/Z40, online: http://ndkio.homepage.t-online.de/grenzprotokoll.htm

(zuletzt gesehen

am 27. April 2020).


des Saargebiets richtete sich nicht nach den

preußischen und bayerischen Landkreisen, sondern

nach damals hochmodernen wirtschaftsgeografischen

Gesichtspunkten: den Kohlelagerstätten,

den Industriestandorten sowie den

Wohngebieten der Bergarbeiter. [4] Nach dem Versailler

Vertrag sollte die Grenze nach Süden und

Südwesten die im selben Vertragswerk nach den

Verhältnissen des Jahres 1870 wiederhergestellte

französische Staatsgrenze sein. Die Kriterien

für die Festsetzung der neuen Grenzabschnitte

gegen das Deutsch Reich waren unterschiedlich:

Die Grenze im Nordosten und Osten sollte nach

topografischen Punkten, im Nordwesten und Norden

entlang von Verwaltungsgrenzen gezogen

[4] Vgl. zu den Grenzziehungen auch Aust, Bruno; Herrmann,

Hans-Walter; Quasten, Heinz: Das Werden des Saarlandes

– 500 Jahre in Karten (= Veröffentlichungen des Instituts

für Landeskunde im Saarland. Band 45) (Saarbrücken

2008) Karten 30, 31, 57.

werden. Für die vorliegende Karte lässt der Titel

»Karte des Saarlandes« aufhorchen, denn offiziell

hieß die Region in der Zeit der Völkerbundverwaltung

»Saargebiet«, einer Klammerform

aus »Saarbeckengebiet«, französisch Territoire du

Bassin de la Sarre. Nach weiteren Überprüfungen

und technischen Korrekturen wurde die Grenzziehung

1928 im Amtsblatt der Regierungskommission

des Saargebietes veröffentlicht.

Neben der Bezeichnung »Saarland« lassen

sich auf der Karte einige weitere Hinweise finden,

die auf eine eigene, im damaligen Sinne

»deutsche« Perspektive des Saarbrücker Verlags

schließen lassen, die nicht im Einklang mit

den Auffassungen der Völkerbundverwaltung

sowie der französischen Wirtschaftsregierung

und Militärverwaltung stehen konnte: Auf eine

Beschriftung »Deutsches Reich« im nordwestlichen

Anschluss an das Gebiet wurde verzichtet.

Da sich die Bevölkerung des Saargebiets weiterhin

als deutsch und somit als Teil des Deutschen


Reiches verstand, könnte ein Motiv für diese wohl

bewusst gewählte Darstellungsweise sein, dass

eine Grenze zum »Reich« erst gar nicht benannt

werden sollte. Aber auch die Rückkehr des Reichslands

Elsass-Lothringen nach Frankreich war

offenbar noch zu neu, um bereits akzeptiert zu

werden. Es finden sich westlich der Saargebietsgrenze

sowohl die Bezeichnung »Elsass-Lothringen«

(und nicht etwa »Frankreich«) als auch die

damals allgemein geläufigen deutschen Ortsnamenformen

wie zum Beispiel »Busendorf«

statt Bouzonville und »Kammern« statt Lachambre.

Die neue beziehungsweise wieder errichtete

Grenze zu Frankreich wurde in der Kartenlegende

als »lothringische Grenze« bezeichnet.

Weiter fällt auf, dass die Grenzen der Landkreise

auf der Karte fehlen. Die Zerschneidung der seit

dem frühen 19. Jahrhundert bestehenden Kreise

schlug politisch hohe Wellen und wurde von vielen

Menschen beiderseits der neuen Trennungslinie

als schmerzlich empfunden. Die beim Deutschen

Reich verbliebenen Teile wurden dort ganz

bewusst als »Restkreise« verwaltet und ihre amtlichen

Namen erinnerten an die aus der Sicht des

Deutschen Reiches vorläufig eingebüßten Kreisstädte:

»Kreis Merzig-Wadern (Rest)« mit Sitz in

Wadern und »Kreis Sankt Wendel-Baumholder

(Rest)« mit Sitz in Baumholder. Ob die Grenzen

der Landkreise aus gestalterischen Gründen,

also der Übersichtlichkeit der Darstellung, oder

aus politischer Absicht nicht in die Karte aufgenommen

wurden, muss offenbleiben.

Eingezeichnet wurde hingegen als dünn

gestrichelte Linie die ehemalige, im Saargebiet

weitgehend bedeutungslos gewordene bayerisch-preußische

Grenze. Sie wurde in der

Kartenlegende als »Pfalzgrenze« bezeichnet und

damals offenbar noch als relevant angesehen.

Vielleicht war sie auch als Merkposten gedacht,

denn man stellte sich nichts Anderes vor als eine

Rückkehr der jeweiligen Teile des Saargebiets zu

Preußen und Bayern, was jedoch nach der Rückgliederung

ins Deutsche Reich im Jahr 1935 nicht

geschah. Anekdotisch und in Ortsneckereien wird

bis heute auf saarländische »Preußen« und »Bayern«

Bezug genommen. Anstatt der Kreisgrenzen

übernehmen auf der Karte die eingezeichneten

Straßen und Bahnlinien die orientierende Funktion

im Raum und verweisen – wohl ungewollt –

auf die französische Absicht, mit dem Saargebiet

eine neue politische Einheit auf wirtschaftsgeografischer

Grundlage zu schaffen und aus den

älteren Zusammenhängen herauszulösen.

saargeschichte|n 15

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hector und paris,

saarlouis und berlin

Ein Minister vor Gericht:

Was der spektakuläre »Fall Hector« über die Anfänge des Saarlandes erzählt

von paul burgard

Wer sich mit der saarländischen Geschichte des 20. Jahrhunderts befasst, wird

mit Sicherheit ziemlich schnell auf seinen Namen stoßen. Allerdings hat sich

der Arzt und Politiker Jakob Hector nur in zweiter Linie durch seine Tätigkeit

als Bürgermeister von Saarlouis und Minister der internationalen Regierungskommission

im kollektiven Gedächtnis des Landes verewigt. Fast zum Mythos

gewordene Erinnerungen ranken sich vielmehr um eine gerichtliche Auseinandersetzung,

die im Jahr 1923 für internationales Aufsehen sorgte. Viele der

wichtigsten Kapitel des jetzt als »Saarhundert« gefeierten Säkulums lassen sich

am Beispiel dieses außergewöhnlichen Prozesses erzählen: die Entstehung eines

eigenen Saar-Staates, die Wechselfälle der deutsch-französischen Beziehungen,

die Grundlagen saarländischer Identität und nicht zuletzt der Wandel von

Erinnerung und Geschichtsbildern.

Niemand kann sagen, die Saarlouiser hätten keinen guten Platz für die

Erinnerung an ihren Doktor gefunden. [1] In einem gutbürgerlichen Viertel

haben sie sie benamt, die Dr.-Jakob-Hector-Straße, einseitig bebaut mit

18 Häusern, vom Verkehr der parallel verlaufenden Wallerfanger Straße

durch eine Doppelreihe Laubbäume abgeschirmt. Die hundert Meter

entfernte Klinik vom Roten Kreuz (dessen saarländischer Ehrenpräsident

Hector war) ist ein ebenso würdiger Nachbar wie die

Straße für Robert Koch, die unmittelbar neben Jakob Hector ganz

nebenbei auch zeigt, dass man mit Professur und Nobelpreis das

[1] Der Fall Hector ist in der Literatur bisher erstaunlich wenig beachtet worden.

Zwar wurde er in Abhandlungen zur Zeit des Völkerbundes quasi als Symptom

der Zeit immer wieder thematisiert, aber nie als eigenständiges Kapitel für den

Einblick in die 1920er Jahre analysiert. Nicht einmal eine etwas ausführlichere

faktische Darlegung hat seit der Darstellungen in den zeitgenössischen

Medien und Kampfschriften mehr stattgefunden. Am ausführlichsten

und durchaus quellennächsten ist noch die entsprechende Passage in

Hermann Röchling, Wir halten die Saar!, Berlin 1934, S. 81–88 gelungen.

Siehe zum Fall Hector auch Ludwig Linsmayer, Politische Kultur im

Saargebiet 1920–1932, St. Ingbert 1992, S.205f.; Peter Lempert, »Das

Saarland den Saarländern«. Die frankophilen Bestrebungen im Saargebiet

1918–1935, Köln 1985, hier v.a. S. 40–46. Beim »Klassiker« zur

Völkerbundszeit von Maria Zenner, Parteien und Politik im Saargebiet

unter dem Völkerbundsregime, Saarbrücken 1966, spielt der Fall

Hector nur am Rande eine Rolle. Auch bei Hans Jörg Schu, Chronik der

Stadt Saarlouis 1679–2005. Ein chronologischer Bericht über die Entwicklung

der Festungsstadt, Saarlouis 2010, wird Bürgermeister Hector

kaum und der Fall des Ministers überhaupt nicht thematisiert.


saargeschichte|n 17

kompensatorische »Dr.« vor dem Namen nicht

mehr braucht, um vor aller Welt zu dokumentieren,

dass der einzig wahre Doktor nur ein Mediziner

sein kann. Im Saarlouiser Straßennetz wird

Hector nicht nur in einen prominenten medizinischen

Kontext eingebettet. Parallel- und

Anschlussstraße bringen ihn auch in Verbindung

mit der kommunalen Politik, und zwar – ob

gewollt oder nicht – mit deren französischer

Variante. Ferdinand Heil und Michel Reneauld,

die Namensgeber besagter Straßen, führen den

Betrachter nämlich zurück in jene Zeit, als Saarlouis

von Paris aus regiert wurde, Heil als erster

Maire der Sonnenkönigsstadt überhaupt, Reneauld

als Stadtoberhaupt in der Ära Napoleons,

dessen General er auch war. Arzt und Politiker

zwischen Saarlouis und Paris, so könnte man die

Botschaft über die Vita Hectors also durchaus

aus dem Stadtplan der heimlichen Hauptstadt

des Saarlandes herauslesen. Was gar nicht so

weit von der historischen Wahrheit entfernt ist,

nicht einmal das mit der heimlichen Hauptstadt.

Jung, dynamisch, erfolgreich – und preußisch?

Dass er nach dem Ersten Weltkrieg zu den führenden

Männern gehören würde, die mit der

französischen Besatzungsmacht kooperierten,

dass er mit Unterstützung aus Paris zum Minister

werden und später an der Spitze frankophiler

Bewegungen stehen sollte, dass er bereits 1930 die

Staatsbürgerschaft der Grande Nation erwerben

würde und 1935 mit seiner Familie ins französische

Exil gehen musste: Das alles war Jakob Hector

keineswegs ins Stammbuch geschrieben. Als

Hector 1872 im heute zu Dillingen gehörenden

Dorf Pachten geboren wurde, grassierte auch an

der mittleren Saar eher das preußische als das

französische Fieber. Zwar gehörte Pachten bis 1815

zum Herzogtum Lothringen, besaß Dillingen mit

seinem Eisenwerk eine lange französische Tradition,

die wie jene des benachbarten Saarlouis

bis ins 17. Jahrhundert zurückführte. Aber das

alles war zur Zeit von Jakobs Geburt schon seit

sechs Jahrzehnten aus und vorbei. Längst hatten

die Preußen das Land in Besitz genommen und

auch kulturell »kolonisiert«, waren die französischen

durch preußische Truppen in der Garnison

Saarlouis abgelöst worden, hatte vor

allem die Reichsgründung den nationalen

Kompass an der Saar endgültig

in Richtung Berlin eingenordet. Wenn

eines den Menschen im Saarlouiser

Land in der nun beginnenden

Ära des Kaiserreichs besonders am Herzen

lag, dann war es zu zeigen, wie deutsch sie

waren – und wie sehr sie sich vom französischen

»Erbfeind« jenseits der Grenze unterschieden.

Leider sind die biografischen Überlieferungen

zum jungen Jakob Hector ziemlich dürftig. Insofern

ist es schwer zu sagen, wo und wie der aufstrebende

Mann aus Pachten seinen kulturellen

Standort im Zeitalter von Nationalismus und

Imperialismus fand. Fest steht, dass der Sohn

eines Bauern einen bildungsbürgerlichen Aufstieg

schaffte, der für einen wie ihn in dieser Zeit

und in diesem Saar-Land nicht alltäglich war. Das

Gymnasium besuchte er fernab der Heimat, im

westfälischen Rheine, das dortige Dionysianum,

eine ehemalige Franziskanerschule, seit 1861

preußisches Vollgymnasium, war vermutlich aus

konfessionellen wie aus ökonomischen Gründen

eine geeignete Lernstätte für das jüngste

von neun Kindern eines saarländischen Bauern.

Als er 1895 in der Stadt an der Ems sein Abitur

absolvierte, war der Pachtener bereits 23 Jahre

alt, der Weg von der saarländischen Dorfschule

zum westfälischen Gymnasium verlief also nicht

Die Dezennaltabelle

der Bürgermeisterei

Fraulautern, zu der

Pachten gehörte,

zeigt, dass Jacob

Hector an einem

ungewöhnlichen

Datum geboren

wurde: am 29. Februar

1872 (LA SB,

Bestand Dezennaltabellen)


Im dritten Haus von

links, am Großen

Markt 16, lebte und

arbeitete Jacob Hector

mit Familie bis

zu seiner Emigration

1935.

(StA SLS, Sammlung

Postkarten)

ganz geradlinig. Nach dem Abitur zog es Hector

zum Medizinstudium nach Deutschland und in

die Schweiz. An den renommierten Universitäten

von Heidelberg, Gießen, Würzburg, München und

Lausanne lernte er die ärztliche Heilkunst, ehe er

1900 in Berlin approbiert und ebendort 1901 promoviert

wurde. Nicht ganz gewöhnlich war ein

solch ausgedehntes akademisches Itinerar im

Kaiserreich, zumal für einen unbemittelten Dorfjungen,

was womöglich für eine Unterstützung

durch (katholische?) Stipendien spricht. Nicht

ganz gewöhnlich für einen jungen Arzt war es

aber auch, dass Hector das erste Jahr des neuen

Jahrhunderts, das erste seiner langen medizinischen

Karriere, auf Schiffen verbrachte. Auf den

Dampfern des Norddeutschen Lloyd hatte er

sich im August 1900 als Schiffsarzt verdingt, war

für das leibliche Wohl einer eher besser situierten

Gesellschaft auf Weltreisen nach Nord- und

Südamerika, Afrika und Fernost verantwortlich.

Zurück in der Heimat, ließ er sich kurz nach seiner

Heirat im Herbst 1901 mit Haus und Arztpraxis

am Großen Markt in Saarlouis nieder, im Zentrum

der französischsten Stadt des Saarlands. Mit

Ausnahme eines gut zehnjährigen Exils in Frankreich

hat Hector hier ein halbes Jahrhundert lang

als praktischer Arzt gewirkt, bis zur Emigration

1935 im Haus Nr. 16, nach der Rückkehr 1946 in der

Nummer 7. [2]

[2] Hans Peter Klauck, Die Bürgermeister der Stadt Saarlouis

1683–2005, in: Unsere Heimat 30, 2005, S. 12–30

(hier S. 23); ders., Jakob Hector, in: Saarland-Biografien

(www.saarland-biografien.de); ders., Die Einwohner der

Stadt Saarlouis 1851–1902. Teilband 6, A–H, Saarlouis

2012, S. 552f. Nachrufe waren in der in SVZ v. 6. Februar 54

und der SZ v. 7. Februar 54 abgedruckt. Vgl. auch Andres,

Hecor und die Saarfrage (wie Anm. 42). Zum Dionysianum

vgl. Festschrift des Gymnasium Dionysianum in

Rheine. Den Freunden der Schule als Erinnerungsgabe

an die Dreihundertjahrfeier im Jahre 1959, Rheine 1959.

Die Abiturientenliste von 1895 mit Hector S. 351. Die

Wohnungen Hectors am Großen Markt nach den Adressbüchern

von Saarlouis 1909 und 1925 sowie für die

Nachkriegszeit nach den Briefwechseln in der LEA-Akte

(LA SB, LEA 14261).

Nur ein paar Meter entfernt von Haus und Praxis,

zwei Häuser neben der Ludwigskirche, begann

auch Hectors politische Karriere. Hier befand

sich nämlich das alte Saarlouiser Rathaus, in dessen

Ratssaal er am 13. Januar 1913 als Stadtverordneter

einziehen konnte, in dem er allerdings,

anders als hie und da zu lesen, niemals als Beigeordneter

agierte. Die Wahl zu einem von 26

Saarlouiser Stadtverordneten zeigt dennoch, wie

schnell sich Hector in der Stadtgesellschaft etabliert

hatte, vor allem in deren besseren Kreisen:

Kommunalpolitik war vor dem Ersten Weltkrieg

in Preußen noch eine Honoratioren vorbehaltene

Veranstaltung. Dass ein Arzt mit gut gehender

Praxis zu eben dieser besseren Gesellschaft

gehörte, war spätestens im 20. Jahrhundert allerdings

quasi zur Selbstverständlichkeit geworden.

Bei diesem Werdegang ist es eigentlich kaum

ersichtlich, wie der junge Jakob Hector seine

»Liebe« zu Frankreich entdeckt haben könnte.

Eine Vita mit den beschriebenen Stationen

schloss im Gegenteil die Entfaltung einer wie

auch immer gearteten Frankophilie im Normalfall

sogar aus. Sowohl die höheren Schulen (auch

vor dem katholischen Dionysianum in Rheine

stand ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal) als auch

die Universitäten waren im Kaiserreich eher

Brutstätten eines mehr oder weniger aggressiven

Nationalismus, den man unter dem Einfluss

genau so gesinnter Kommilitonen fern

der Alltagserfahrungen in der deutsch-französischen

Heimat nicht anders als selbstverständlich

empfinden mochte. Sollte – wovon wir ebenfalls

nichts wissen, was aber vor dem Start einer

akademischen Ausbildung in den 1890ern fast

als must have galt – Hector auch seinen Militärdienst

als Einjährig-Freiwilliger abgeleistet

haben, müsste das einen preußisch-deutschen

Patriotismus noch stärker fundamentiert haben.

Auch das Jahr mit dem Norddeutschen Lloyd hat,

anders als das heute gerne kommuniziert wird,

nicht per se zum Erlernen von Weltoffenheit im

modernen Sinne beigetragen: Sogar die zivilen

Passagierschiffe dampften im Zeitalter der wilhelminischen

Flotteneuphorie und der kurz vor

Hectors Dienstantritt beim Lloyd gehaltenen

Hunnenrede Wilhelms II. vor allem mit imperialistisch-kolonialem

Antrieb. Schließlich dürfte

es im Sinne eines beruflichen und kommunalpolitischen

Fortkommens im kaiserzeitlichen

Saarlouis besser gewesen sein, wenn man nicht


saargeschichte|n 19

zu sehr mit den französischen Stadtgründern

und deren Nachkommen sympathisierte. [3]

Wenn die zeitgenössischen Aussagen und in

deren Gefolge die Lokalgeschichte der historischen

Wahrheit nur einigermaßen nahekommen,

dann war Jakob Hectors »frankophile

Einstellung« schon recht bald nach dem verheerenden

Weltkrieg im Saarlouiser Land allseits

bekannt. Möglicherweise hat also der Weltkrieg

selbst zu einem Gesinnungswandel beigetragen.

Aber auch das muss vor dem Hintergrund des

allgemeinen Szenarios eine fast schon kontrafaktische

Spekulation bleiben. Denn erstens wissen

wir nicht, ob – und wenn ja: in welcher Form

– Hector überhaupt am Ersten Weltkrieg teilgenommen

hat; im August 1914 war er bereits 42

Jahre alt, damit allerdings prinzipiell noch wehrpflichtig.

Zieht man die Protokolle der Stadtverordnetenversammlungen

zu Rate, dann zeigt

sich, dass Hector – nachdem er bis dahin nie

gefehlt hatte – zwischen Juli 1914 und Herbst

1915 nur zweimal an Sitzungen teilnahm und wie

andere Kollegen während des Krieges des Öfteren

absent war. Möglich also, dass er als Arzt

jenseits der Front zeitweise gebraucht wurde,

unwahrscheinlich hingegen, dass er selbst – wie

das bei anderen manchmal vermerkt wurde –

[3] Zur Entstehung von Nationalismus in Schulunterricht:

Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte.

Dritter Band: Von der »Deutschen Doppelrevolution« bis

zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849–1914, München

1995, S. 405ff.; 938-945; 1002ff.; zum Lloyd vgl. Reinhold

Thiel. Die Geschichte des Norddeutschen Lloyd 1857–

1970 in fünf Bänden. Band II, 1884–1899, Bremen 2002;

Arnold Kludas, Die Seeschiffe des Norddeutschen Lloyd

1920 bis 1970. Band 2, Herford 1992.

fehlte, weil er »im Felde« [4] stand. Aber selbst

wenn Hector im aktiven Einsatz gewesen wäre,

hätte das nicht zwangsläufig »friedensstiftend«

gewirkt, haben die grausamen Fronterfahrungen

im Ersten Weltkrieg bekanntlich sogar eher dazu

beigetragen, die feindlichen Gefühle zwischen

Deutschen und Franzosen zu vergrößern, als sie

abzubauen. Kluge und humanitär gesinnte Köpfe

mochten damals, nach dieser »Urkatastrophe«,

über neue Wege der Völkerverständigung nachdenken.

Ohne allerdings die nationalen Prioritäten

dabei aufzugeben. Die Visionen des durch

und durch deutschen Sozialdemokraten Max

Braun haben dafür im Saargebiet ein gutes Beispiel

gegeben. Freilich glaubte Braun an ein

runderneuertes Europa mit seinen revolutionierten

Kernstaaten: einem (sozial)demokratisch

gewandelten Deutschen Reich und einem Frankreich,

in dem die imperialistisch-kapitalistischen

Kräfte endlich aus der bereits existierenden

Demokratie verschwunden sein würden. [5]

[4] Schon vor der Mobilmachung, am 16. Juli 1914, fehlte

Hector allerdings zum ersten Mal überhaupt. Die Frequenz

der Versammlungen nahm während des Krieges

nicht ab, die Zahl der abwesenden Verordneten lag jedoch

oft zwischen fünf und zehn Personen. In den späteren

Kriegsjahren wurden auch die entschuldigt und

unentschuldigt fehlenden Verordneten notiert, zu letzteren

gehörte Hector hie und da. (StA SLS, Beschlussbücher

1913–1920, S. 197 u. 481 als Beispiele für differenzierte

Anwesenheitslisten).

[5] Zu Max Braun, seinen nationalen und frühen europäischen

Vorstellungen vgl. ders., Unsere Hoffnungen und

Ziele, in: Fritz Kloevekorn (Hg.), Das Saargebiet, seine

Struktur, seine Probleme, Saarbrücken 1929, S. 549–555.

Im alten Saarlouiser

Rathaus (links, heute

ist hier die Buchhandlung

Bock &

Seip) lenkte Jacob

Hecor ein Jahr lang

als kommissarischer

Bürgermeister die

Geschicke der Stadt

Saarlouis. Im Haus

Nr. 7 (rechts neben

der Ludwigstraße;

heute Gebäude der

Sparkasse) befanden

sich nach 1946 Wohnung

und Praxis von

Dr. Hector. (StA SLS,

Sammlung Postkarten)


Beginn der

Besatzungszeit: Franz.

Truppen zu Fuß und

zu Pferde haben mit

Geschützen und

Fahrzeugen am 23.

November 18 auf dem

Großen Markt Aufstellung

genommen.

(StA SLS, Bildersammlung)

Zwischen Compiègne und Versailles

Als die französischen Truppen wenige Tage nach

dem Waffenstillstand im Saarland einzogen,

schienen diese Bataillone eher den alten Kräften

in Paris zu gehorchen. Obwohl mit Georges

Clemenceaus ein linksbürgerlicher Politiker die

Regierungsgeschäfte lenkte, blieben rechtskonservative

Kräfte mit oder ohne Regierungsamt

einflussreich, sie waren es vor allem auch,

die auf einen harten Kurs gegenüber dem Kriegsverlierer

Deutschland drängten. Ganz davon

abgesehen spielten die Militärs aller Nationen

ohnehin oft gerne nach eigenen, nicht unbedingt

auf friedliche Völkerversöhnung zielenden Regeln,

ein kalter Nachkrieg, der nicht selten auf Kosten

der Bevölkerung ging. Im Saargebiet, dessen

besondere Rolle in der Nachkriegsordnung sich

bereits in den ersten Monaten des Waffenstillstands

abzeichnete, gab es derartige Übergriffe

auch. Freilich hielten sie sich bei genauerem Hinschauen

doch in sehr viel zivilisierteren Grenzen,

als es die Zeitgenossen empfunden haben mochten

und als es der propagandistische Nachhall

der zwanziger Jahre nach außen vermittelte.

Was dem Konflikt seine besondere Schubkraft

gab, was ihn nachhaltig mit negativer Energie

auflud und die öffentliche Meinung mit den

schlimmsten Phantasien konfrontierte, das war

vor allem die nationale Frage. Oder präziser die

Frage des Nationalgefühls, jenes eigentlich erst

im 19. Jahrhundert entstandenen Sentiments,

das umso explosiver wirkte, je mehr es in einer

gleichsam physisch aggregierten Form daherkam.

Also buchstäblich körperlich spürbar war

und dementsprechend aus und mit der Natur des

Menschen begründet werden konnte. »Was denn

für Blut eigentlich in seinen Adern rollt«, fragte

der Leitartikler in der Saar-Zeitung mit einer

damals überhaupt nicht anders als rhetorisch zu

verstehenden Frage an die Adresse eines Kollegen

im frankophilen Saarlouiser Journal, »Internationales?«

[6] Weil Nationalität über Fleisch

und Blut definiert wurde, war es auch »natürlich«,

dass man nur eine einzige nationale Identität

haben konnte, und zwar diejenige, die einem

angeboren war, deren Wahrung aufs engste mit

der persönlichen Ehre zusammenhing und die es

notfalls unter Einsatz von Leib und Leben zu verteidigen

galt. Umgekehrt gab es in einer solchen

Gedanken- und Gefühlswelt, in einer buchstäblich

verkörperten Nationalität, viele Gefahren

der Verunreinigung und Infizierung mit Fremdkörpern,

die bis hin zu jener »Perversion« führen

konnten, die eigene Nationalität in Frage zu stellen

oder gar zu wechseln.

Um nationale Identität, um deren ehrenhafte

Verteidigung und die vielfältigen Gefahren,

denen sie ausgesetzt war, ging es auch in der

saarländischen Besatzungszeit 1918/19 – gerade

im preußisch-französischen Saarlouis. Am

21. November 1918, so erzählen es die Quellen

im Weißbuch der Regierung von 1921, verließen

die letzten deutschen Truppen Saarlouis, verabschiedet

von den Einheimischen mit Blumen,

Girlanden und Ehrenpforten. Wenige Stunden

später standen schon die Soldaten des französischen

Kriegsgewinners vor den Toren der Stadt,

um hier jedoch alles andere als einen triumphalen

Empfang bereitet zu bekommen. Nur wenige

Einheimische seien auf den Straßen gewesen, ein

einziger habe es gewagt, Vive la France zu rufen

– und der sei deshalb, so behauptete zumindest

die vox populi später, verprügelt worden. Das

Spiel um die Wahrung der nationalen Ehre, die es

umso mehr aufrecht zu erhalten galt, als man um

den militärischen Sieg scheinbar betrogen worden

war, ging am nächsten Tag weiter. Der von

den Franzosen geforderte Empfang von General

Lecomte am Saarlouiser Stadttor durch Bürgermeister

und Stadtverordnete wurde jedenfalls

verweigert, mit der bauernschlauen Begründung,

dass man auch preußischen Militärs niemals derart

entgegen gekommen sei. Im Gobelinsaal des

Rathauses standen Bürgermeister Dr. Peter Gilles,

der an diesem Tag in sein Amt eingeführt worden

war (nachdem tags zuvor die Amtszeit von

Dr. Karl-August Kohlen abgelaufen war) sowie

die Beigeordneten später aber doch zum Rencontre

mit dem General bereit. Der sprach zwar

demonstrativ von den ungezählten »Schandtaten

der Deutschen« im vergangenen Krieg,

[6] Saarlouis in Wahrheit – nicht Dichtung, in: Saar-Zeitung

Nr. 83 v. 12. April 20, S.1.


saargeschichte|n 21

zeigte ansonsten aber viel Entgegenkommen,

das die Saarlouiser Stadtväter mit der Versicherung

des loyalen Verhaltens ihrer Kommune

erwiderten. Der friedliche Neuanfang lief also gar

nicht so schlecht, wenngleich die Saarlouiser Bürger

auf den Straßen der Stadt den neuen Machthabern

eher die kalte Schulter zeigten. [7]

Um die Jahreswende 1918/19 wurden verschiedene

Sollbruchstellen in der vermeintlich

festgefügten »deutschen Front« des Saarlouiser

Landes immer deutlicher. Das hatte

zum einen seine historischen beziehungsweise

grenzüberschreitenden Gründe, wenn zum Beispiel

einige Familien sich ihrer französischen

Herkunft beziehungsweise des französischen

Ursprungs der Stadt Saarlouis erinnerten oder

auch deutsche Bewohner mit ehemals lothringischem

Wohnsitz und guten (wirtschaftlichen)

Beziehungen zur Grande Nation die Nähe der

Militärverwaltung suchten. Das hatte zum anderen

damit zu tun, dass diese Militärverwaltung

nun auf offiziellen und inoffiziellen Wegen, mal

mit Zuckerbrot, mal mit Peitsche, versuchte, die

Saarlouiser Bevölkerung auf einen Kurs heim ins

Frank-Reich zu bringen. Ob das kurzfristig auf

dem Weg der Annexion oder mittelfristig durch

das Votum der Saarländer selbst geschehen

sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch offen, war

außerdem eine Frage, deren international und

friedensvertraglich geregelte Sanktionierung

ja noch ausstand. Und so lange noch nicht klar

war, in welche nationale Zukunft das Land gehen

würde, war vieles möglich, sowohl bei den französischen

Machthabern wie bei den Bürgern von

Saarlouis.

Es ist schwer zu sagen, ob und inwieweit die

profranzösischen Aktivitäten dieser Übergangszeit

von oben gesteuert wurden oder auf die

persönlichen Initiativen frankophiler Persönlich-

[7] Das Saargebiet unter der Herrschaft des Waffenstillstandsabkommens

und des Vertrags von Versailles. Als

Weißbuch von der deutschen Regierung dem Reichstag

vorgelegt, Berlin 1921, hier die Nr. 3, S. 19–21. Die Amtseinführung

von Gilles nach StA SLS, Beschlussbuch der

Stadtverordnetenversammlung 1913–1920, S. 483ff.

keiten vor Ort zurückgingen.

Nicht selten wird beides

zusammen gewirkt haben,

wie es sich besonders bei

der Familie Fabvier nachvollziehen

lässt, deren Name

uns im Zusammenhang

mit der frankophilen Agitation

der ersten Nachkriegsjahre

immer wieder begegnet. Das sogenannte

schwarze Schloss, ein ursprünglich den Villeroys

gehörendes Wallerfanger Rittergut, bewohnten

die Fabviers seit dem 19. Jahrhundert, sie waren

im Saarlouiser Land von gewissem Einfluss und

griffen seit 1918 in Person des Leutnants Fabvier

als französische Militärverwalter aktiv ins

Geschehen ein. Das war auch im Rahmen jener

konzertierten Aktionen der Fall, mit denen man

Saarlouis und Umgebung Anfang 1919 auf einen

antipreußischen und profranzösischen Kurs zu

bringen gedachte. Aufrufe zum Boykott der Wahlen

zur Nationalversammlung, Unterschriftenlisten

für den Anschluss des Kreises Saarlouis an

Frankreich, Anträge auf Erhalt der französischen

Staatsbürgerschaft, diese allgemeinen und viele

individuellen Maßnahmen gehörten ins Portfolio

der aktiven Frankreichstrategie der Jahre

nach 1918. Argumentativ unterfüttert wurden

diese Initiativen stets mit historischen, rechtlichen,

politischen und ökonomischen Gründen:

mit dem französischen Ursprung Saarlouis’, mit

dem »widerrechtlichen Raub« von 1815, mit der

preußischen Unterdrückung des katholisch-französischen

Landkreises, nicht zuletzt mit den düsteren

wirtschaftlichen Perspektiven, die im Fall

eines Verbleibs im Deutschen Reich drohten.

Quantitativ betrachtet fand die französische

Werbung im Saarlouiser Landkreis nur einen

ziemlich bescheidenen Widerhall. Gleichwohl

stieg die Unruhe mit der Ungewissheit

über die eigene Zukunft; sie wurde zudem

befeuert von der dramatischen Zuspitzung bei

den Saarverhandlungen von Versailles. Frankreichs

Annexionsansprüche und Wilsons Selbstbestimmungsvision

waren hier ziemlich schroff

aufeinandergeprallt und konnten erst nach harten

Kontroversen in eine Kompromisslösung

gegossen werden.

Clemenceaus Diktum von den angeblich 150.000

im Saargebiet lebenden Franzosen hallte lange

nach, bot vor allem in den ersten Monaten des Jahres

1919 den Hintergrund für die gesteigerten Agitationen

im französischen Saarlouis. Ob sie nun

als gesamtsaarländische Nachkommenschaft

der »ursprünglichen« Saarfranzosen gedacht

Im »Schwarzen

Schloss« in Wallerfangen

lebte die

franz. Familie Fabvier

seit dem 19.

Jahrhundert. Das

Bild aus den 1920er

Jahren zeigt das

Anwesen in marodem

Zustand.

(LA SB, Bildersammlung)


Im Mittelpunkt des

Großen Marktes, der

seinerseits das Zentrum

der Stadt des

Sonnenkönigs war,

stand die französische

Militärkommandatur.

Der Stich aus dem 19.

Jahrhundert zeigt den

alten Paradeplatz zu

einem Zeitpunkt, als

er bereits in preußische

Herrschaft übergegangen

war. (LA SB,

Bildersammlung)

wurden oder ob man sie mit den Bewohnern

des Landkreises identifizierte, jedenfalls ergab es

durchaus einen Sinn, wenn man entsprechende

Bekenntnisse für die Pariser Politik ausgerechnet

in Saarlouis suchte. Denn hier konnte man auf

gewisse historische Fakten verweisen, hier konnte

der Wunsch nach Angliederung an Frankreich

zumindest einigermaßen glaubhaft als Ausübung

des Selbstbestimmungsrechtes interpretiert

werden. [8]

Von März bis Mai 1919, während in Versailles

die kontroversen Verhandlungen und die

schwierigen Entscheidungen über die Saarfrage

anstanden, spitzte sich die Lage in Saarlouis

dramatisch zu. Auf der einen Seite erhöhte

die Militärkommandantur erheblich den Druck,

forderte Loyalitätsbekundungen ein, nahm

Einfluss auf die Berichterstattung der Presse,

behauptete öffentlich, dass die Entscheidung

für eine französische Zukunft Saarlouis’ bereits

gefallen sei, wollte einen vorgesehenen Empfang

für Marschall Foch so gestaltet wissen, dass

Saarlouiser Kinder Blumen überbrächten und

Gedichte aufsagten, während ein Chor von Einheimischen

die Marseillaise singen sollte. Auf

der anderen Seite begegneten Parteien, Verbände

und Verwaltungen den französischen

Herausforderungen mit Bekenntnissen ihres

[8] Zu den Saarverhandlungen auf der Friedenskonferenz

vgl. Helmut Hirsch, Die Saar in Versailles. Die Saarfrage

auf der Friedenskonferenz von 1919, Bonn 1952; jetzt

auch die Einordnung im Rahmen des gesamten Friedensprozesses:

Saarland und Fiume, Schantung und

Kleinasien. Die Krise der Konferenz im April 1919, in: Jörn

Leonhard, Der überforderte Frieden. Versailles und die

Welt 1918–1923, München 2018, S. 819–837.

Deutschtums. So etwa in einer Kundgebung am

7. März, in dem der »unabänderliche Willen der

Bevölkerung, am deutschen Vaterland festzuhalten«

artikuliert wurde. »Weder die zwangsweise

Einführung des französischen Unterrichts

in allen Schulen, weder die Zusicherung finanzieller

und wirtschaftlicher Vorteile, weder die

französischerseits veranstalteten Propagandaversammlungen

und Werbungen, weder die

gewaltsame Unterdrückung von Äußerungen

deutscher Gesinnung, noch die Knebelung

unserer Presse (…) werden uns in unserer

Anhänglichkeit und Treue gegen das Deutsche

Reich wankend und zum Anschluß an Frankreich

zu bewegen vermögen.« Ein Bekenntnis, das der

Kreistag von Saarlouis gut drei Wochen später

»in der jetzigen Schicksalsstunde« mit ähnlichen

Worten bekräftigte. [9]

Der spektakuläre Höhepunkt der Kontroverse

um die nationale Frage von Saarlouis hatte allerdings

bereits zwei Wochen zuvor in und um das

Rathaus der Kreisstadt stattgefunden. Am 14.

März war Major Delévaque, Adjutant des Stadtkommandanten

Poulet, bei Bürgermeister Gilles

erschienen. Er behauptete, dass Saarlouis faktisch

bereits französisch sei, dass Marschall Foch kommen

würde, um die entsprechende Proklamation

zu vollziehen, und fragte das Stadtoberhaupt,

was die Stadt in diesem Fall zu tun gedenke. Gilles

erwiderte, dass er diese Frage nur nach Konsultation

mit dem Stadtrat beantworten könne,

der Adjutant stimmte zu und sagte sein persönliches

Kommen zur Entgegennahme dieser Antwort

in der Stadtverordnetenversammlung am

[9] Weißbuch (wie Anm. 7), Nr. 9, S.31f.; die Kundgebung des

Kreistages vom 31. März in Nr. 16, S. 40.


saargeschichte|n 23

17. März zu. In den Tagen dazwischen

tagte das städtische Kollegium drei

Mal, um eine entsprechende Resolution

zu verabschieden. Keine leichte

Aufgabe, zumal es auch innerhalb des

Rates disparate Meinungen dazu gab.

Nachdem ein diplomatisch ziemlich

geschickter Entwurf gefunden war,

der sowohl der Größe der französischen

Nation huldigte als auch, daraus

abgeleitet, eine Lanze für das

(deutsche) Selbstbestimmungsrecht

der Saarlouiser brach, fiel der Showdown

im letzten Moment doch aus. Oberst

Poulet verbot die von ihm nicht genehmigte

Stadtverordnetenversammlung und rügte das

eigenmächtige Vorgehen seines Adjutanten.

Hunderte Saarlouiser Bürger, die sich auf dem

Markt vor dem Rathaus versammelt hatten, ließen

daraufhin vielfache Hurra-Rufe hören und

sangen Deutschland, Deutschland über alles. [10]

Der nur knapp verhinderte Eklat und die eindeutige

Positionierung der Saarlouiser Stadtväter

hatten Konsequenzen politischer und

persönlicher Art. General Andlauer, seit dem 24.

Januar Chef der französischen Militärverwaltung

im Saargebiet, erschien an mehreren Tagen in der

Stadt, um sich in persönlichen Gesprächen ein

Bild von der Lage zu machen. Adjutant Delévaque

und sein Helfer, Leutnant Collong, wurden sofort

von ihren Aufgaben entbunden, später auch der

Stadtkommandant Poulet. Bürgermeister und

Landrat von Saarlouis, die beiden ranghöchsten

Saarlouiser in diesem Drama, sollten zwei Monate

später ebenfalls ihr Amt verlieren: Wiewohl bis

zum Mai noch einige schwerwiegende Konflikte

gefolgt waren, dürfte seit dem neuralgischen

Märztag ihr Weg ins politische Abseits vor-

[10] A.a.O., S. 32.

gezeichnet gewesen sein. Auf

der anderen Seite begann an diesem Tag vermutlich

der politische Aufstieg jenes Mannes,

der mit der Resolution seiner deutschen Stadtratskollegen

vom 17. März nicht so ganz einverstanden

gewesen war.

Dr. Hector oder: wie er gelernt haben könnte,

den Erbfeind zu lieben

Wann und wo ist der Funke übergesprungen?

Wie kam es, dass Jakob Hector nach einer eindeutig

preußischen Sozialisation und in einem

Nachkriegsklima, das im Saarlouiser Land ein

kerndeutsches Bekenntnis fast gebieterisch verlangte,

mit französischen Stellen zu kooperieren

begann? Waren es persönliche Erlebnisse als Arzt

während des Weltkrieges gewesen, die ihn frankreichfreundlich

stimmten? Brachte ihn, ähnlich

wie den aus Saarlouis stammenden Geheimrat

Muth zur gleichen Zeit, sein tiefer Katholizismus

dazu, im Vergleich mit dem protestantischen

Preußen die Vorzüge des katholischen Frankreich

zu entdecken? Immerhin stammte Jakob

aus einer strenggläubigen Familie, immerhin war

er selbst Präsident katholischer Studentenverbindungen

gewesen, immerhin hatten sich einige

Kreise im katholischen Saarlouis schon lange

General Andlauer,

Chef

der französischen

Militärregierung

an

der Saar seit Januar

1919, war ursprünglich

als Präsident

der Regierungskommission

im

Gespräch und blieb

dem Saarland lange

verbunden. Die Aufnahme

zeigt Andlauer

zusammen

mit dem französischen

Außenminister

Bidault bei einem

Festakt auf Schloss

Halberg am 20.

Dezember 1952. (LA

SB, Sammlung NPress

Act)

Gedruckte Proklamation

General

Andlauers vom 20.

April 1919 (LA SB,

Plakatsammlung)


Das »neue« Landratsamt

am Kaiser-

Friedrich-Ring war

ein Epizentrum

preußisch-deutscher

Nationalkultur – auch

während der Auseinandersetzungen

um die Zukunft

Saarlouis‘ nach dem

Ersten Weltkrieg.

(StA SLS, Postkartensammlung)

gegen die Bevormundung durch das protestantische

Saarbrücken gewehrt. Hatte der bestens

vernetzte »Stadtarzt« Hector im Laufe seiner (bis

dahin) fast zwanzig Saarlouiser Jahre besondere

Beziehungen zu französischen und frankophilen

Familien der Region aufgebaut? Oder nutzte er

einfach »nur« die Gunst der Stunde, um einen

ihm notwendig erscheinenden Politikwechsel

einleiten zu können und dabei selbst an die Spitze

der Stadt vorzurücken? [11]

Dass »die Ursachen des Falles Hector (…) nichts als

die verständlich menschliche Schwäche des biederen

praktischen Landarztes (waren), einmal aus

der Enge des täglichen ärztlichen Einerlei herauszukommen,

ins Rampenlicht der Öffentlichkeit

zu rücken und eine politische Rolle zu spielen«,

das scheint aber dann doch viel zu kurz und zu

pejorativ gegriffen. Namentlich dokumentiert

tritt Hector erstmals im Zusammenhang mit

der eben zitierten Note der Stadtverordneten

vom 17. März 1919 als »frankophiler« Politiker in

Erscheinung. Neben dem jüdischen Kaufmann

Henry Cahn, so wird es im »amtlichen Bericht«

[11] Tatsächlich könnte der Katholizismus bei frankophilen

Bestrebungen der Nachkriegszeit eine größere Rolle

gespielt haben, als das meist gesehen wird. Geheimrat

Johann Peter Muth hatte im Frühsommer 1919 bereits

ein entsprechendes Schreiben nach Paris gesandt,

in dem die Segnungen französischer Politik seit der

Zeit Ludwig XIV. aufgezählt und den »Unterdrückungen«

durch das protestantische Preußen gegenübergestellt

wurden. Muth war als Bürger von Saarlouis im

August 1870 aus seiner Heimatstadt ausgewiesen worden,

weil er mit seiner Verwandtschaft zuvor an einer

Marschall-Ney-Feier teilgenommen hatte. Im Juni 1919

unterzeichneten die führenden Zentrumsfunktionäre

von der Saar ein Schreiben, in dem dafür plädiert wurde,

Muth zum saarländischen Mitglied der künftigen

Regierungskommission zu küren. Vgl. dazu: Dokumente

zur Zeitgeschichte des Saarreviers, in: SZ v. 18. April

1920 sowie als Replik darauf : Veröffentlichung von Dokumenten,

in: Saarzeitung v. 20. April 1920.

festgehalten, sei er der einzige aus dem Kreis von

25 Ratsherren gewesen, der zunächst gegen das

Papier gestimmt hatte, bei der Endfassung dann

aber doch zur einstimmigen Geschlossenheit des

Stadtrates beitrug. [12]

In den Wochen danach wurde das Klima der

nationalen Konfrontation noch rauer, trotz der

bereits erwähnten Ablösung der Saarlouiser

Militärkommandanten. Während in Versailles

die Saarfrage auf des Messers Schneide stand,

begann auf den Saargruben eine weitere große

Streikwelle, es ging um Lohnfragen und Arbeitszeit.

Die Militärverwaltung ließ die Bergleute

requirieren, erklärte den Belagerungszustand,

wies schließlich Anfang April über 400 Streikende

aus, darunter etwa 100 aus dem Landkreis

Saarlouis. Und in der Kreisstadt selbst ging

es weiter mit einer Politik der Nadelstiche, diesmal

mit überaus symbolträchtigen Angriffen auf

das Kulturgut der Stadt. Die 18 Gobelinstühle

aus der Zeit Ludwigs XIV. ließ der neue Kommandant

de Job requirieren, einige Tage später

sogar die Wandbehänge aus Gobelin im Rathaus

abmontieren, außerdem sollten ein Schrein

mit Medaillons sowie das Stadtarchiv mit alten

Bildern und Urkunden in die Hände der Franzosen

übergehen. Mit Gobelinstühlen und Wandbehängen

war das beschlagnahmt worden,

was die Stadt »1/4 Jahrtausend als ihren wertvollsten

Schatz gehütet und geschätzt« hatte. [13]

So jedenfalls bezeichnete es Bürgermeister Gilles,

der die Wegnahme nur unter scharfem Protest

zuließ, die die Deutsche Waffenstillstandskommission

darüber benachrichtigte, worauf

diese eine offizielle Protestnote bei der interalliierten

Kommission einreichte.

[12] Undatiertes und unbenamtes Schreiben, in: LA SB, NL

Schneider 239; Weißbuch Nr. 14, S.38. Interessanterweise

sind die entsprechenden Passagen über diese Dissonanz

in der Stadtversammlung nicht in den Beschlussbüchern

festgehalten.

[13] Weißbuch Nr. 17, S. 42.


saargeschichte|n 25

Sechs der damals insgesamt

18 Gobelinsessel

aus dem

Saarlouiser Rathaus,

die als eine Folge

der gescheiterten

Frankreichpolitik der

Besatzungszeit für

eine Weile aus der

Stadt verschwanden

waren. Die Aufnahme

stammt aus der Zeit

vor dem Ersten Weltkrieg.

(LA SB, Bildersammlung

HV)

Die Beschlagnahmung der kostbaren Kulturgüter

aus der französischen Gründungszeit von

Saarlouis war eine in ihrer Deutlichkeit kaum zu

überhörende politische Botschaft. Nachdem sich

Bewohner und Offizielle der Stadt zuvor mit vielen

kerndeutschen Worten stets gegen die französischen

Werbungen gewehrt hatten, nachdem

in Versailles über die nationale Zukunft des Landkreises

de facto bereits entschieden war, zeigten

die Militärs vor Ort, dass die Saarlouiser dann

künftig auch nicht mehr mit der besonderen

Unterstützung aus Paris zu rechnen hatten. Das

war genau der Zeitpunkt, zu dem sich der Stadtverordnete

Hector offenbar genötigt sah, aktiv zu

werden und für eine neue Stadtpolitik einzutreten.

Am 16. April, einen Tag nach der Konfiszierung der

Gobelinstühle, erschien er bei Bürgermeister Gilles

»und erklärte ihm, es sei an der Zeit, die von

der Stadt zu vertretende Politik endlich anders

zu orientieren. Er habe den Eindruck, daß nach

den Vorgängen vom 17. März das Verhältnis zwischen

Besatzung und Stadt getrübt sei.« Da Hector

die unmittelbare Zukunft seiner Stadt noch

für offen hielt, meinte er sogar, dass im deutschen

Saarlouis noch starke Erinnerungen an die

französische Zeit herrschten und dass, falls die

Stadt an Frankreich fallen sollte, in 10 bis 15 Jahren

niemand mehr merken würde, dass die Kommune

einmal deutsch gewesen sei. Schließlich

verlautbarte er gegenüber Bürgermeister Gilles

sogar »die Überzeugung, daß Sie zum Nachteil

von Saarlouis die Stadt regieren«. [14]

Solche Worte waren im April 1919 natürlich ziemlich

starker Tobak – sowohl, was den Frontalangriff

gegen das Stadtoberhaupt betraf, als auch

und vor allem hinsichtlich der Gewissheit, die

preußisch-deutschen Nationalfarben von Saarlouis

problemlos wieder gegen die blau-weißroten

zurücktauschen zu können. In den darauffolgenden

Tagen forcierte Hector sogar noch

seinen politischen »Borderline«-Kurs, wollte bei

Gilles die Einrichtung einer städtischen Kommission

erreichen, die in Versailles antichambrieren

sollte, um für alle der drei möglichen Zukunftsfälle

von Saarlouis gewappnet zu sein. Im Fall

der Rückkehr zu Frankreich sollte die Saarlouiser

Abordnung die größtmögliche Unterstützung für

die Stadt in Paris erwirken, im Falle der Neutralität

für einen Anschluss an Frankreich werben (weil

sonst Saarlouis binnen 15 Jahren wirtschaftlich

ruiniert sei), im Falle des Verbleibs bei Deutschland

gar nichts tun müssen. Die Beigeordneten

der Stadt und ihr Bürgermeister waren, wie nicht

anders zu erwarten, gegen die politische Strategie

des Jakob Hector. Der sich daraufhin, so

erzählt es der amtliche Bericht, »frostig« aus dem

Rathaus entfernt habe. [15]

Die plötzliche Vorliebe des Dr. Hector scheint

ungeachtet aller zeitgenössischen und historischen

Unkenrufe eher einer pragmatischen Einsicht

in Notwendigkeiten und Möglichkeiten

der Stadtpolitik als einem quasi libertären

Umgang mit nationalen Gefühlen geschuldet

gewesen zu sein. Trotz aller auch unter französischer

Militärherrschaft riskant bleibender

Exponierung in der nationalen Frage respektierte

Hector in letzter Konsequenz eben doch

die deutsche Staatsräson von Saarlouis, wollte

sich ebenso selbstverständlich dem schicksalshaften

Urteil von Versailles fügen, suchte nicht

bedingungslos den Anschluss an Frankreich,

trat auch bei den vielen Bemühungen franko-

[14] Weißbuch Nr. 18, S. 44.

[15] ebda.


Die Karte vom Cours

de la Sarre von 1703

zeigt die französische

Saarprovinz mit ihrer

»Hauptstadt«, der

Festungsstadt Saarlouis

(LA SB, Kartensammlung

Hellwig)

philer Kräfte bis zum Frühjahr 1919 nie namentlich

in Erscheinung. Nicht einmal nach der

Abfuhr, die er sich bei Bürgermeister Gilles und

den Beigeordneten geholt hatte: Die Saarlouiser

Abordnung, die am 19. April für eine Woche mit

Unterstützung der Militärregierung nach Paris

reiste, tat dies ohne den sich immer deutlicher

Frankreich nähernden Arzt vom Großen Markt. [16]

Dass diese Annäherung in einem reziproken Verhältnis

zur Distanzierung von Gilles’ »deutschem«

Konfrontationskurs (so dürfte ihn jedenfalls Hector

gedeutet haben) geschah, ist mehr als wahrscheinlich.

Ebenso wie die nicht durch Quellen zu

stützende Vermutung, dass Hector bei der zweiten

Saarlouiser Delegationsreise nach Paris, die

nur wenige Tage nach der ersten stattfand, mit

an Bord gewesen sein könnte.

Jedenfalls kam es genau nach diesem zweiten

Saarlouiser Bittgang gen Süden zu einem von

Frankreich gewünschten Machtwechsel im Rathaus.

Am 28. April hatte Dr. Gilles noch seine

Protestnote gegen die Requierierung der Wandbehänge

und eine entsprechende Eingabe an die

deutsche Delegation in Versailles unterschrieben,

wenige Tage später war er bereits abgesetzt und

durch Dr. Hector kommissarisch ersetzt worden.

Am 12. Mai wurde er gar gemeinsam mit

dem Saarlouiser Landrat ins Rechtsrheinische

ausgewiesen, folgte damit einigen unbeliebt

[16] Weißbuch Nr. 19, S. 45f. Allerdings wird ebda., Anm. 2,

auch erläutert, dass man sich bei einer Vorbesprechung

dieser Reise darauf geeinigt hatte, dass nach den Vorkommnissen

des 17. März kein Stadtverordneter unter

den Delegierten sein solle.

gewordenen Mitbürgern, die schon eine Woche

zuvor die Reise ins unfreiwillige Exil hatten

antreten müssen. Wie sehr der neue Bürgermeister

Hector die Unterstützung Frankreichs

besaß, wurde spätestens am nächsten Tag ganz

klar. Am 13. Mai nämlich wurde er auch offiziell

vom Stadtrat zum neuen Stadtoberhaupt

gewählt, nachdem der in der Sitzung anwesende

Leutnant Fabvier zuvor erklärt hatte, dass General

Andlauer wünsche, dass Hector in dieses Amt

gewählt würde. 20 von 22 anwesenden Stadtverordneten

folgten diesem »Wunsch« und der

gebürtige Saarlouiser Fabvier sprach danach

seine Hoffnung aus, dass nun in der Stadt wieder

mehr Ruhe einkehren möge. Jakob Hector nahm

das Ergebnis der geheimen Abstimmung dankbar

an. [17]

Das gute Jahr, das Hector als Saarlouiser Bürgermeister

verbrachte, war nicht gerade eines, in

dem man die Stadt vom Ruhekissen aus regieren

konnte. Erst recht nicht dann, wenn man wie Hector

weiterhin auch seinem bürgerlichen Beruf als

praktischer Arzt nachging. Da waren zum einen,

wie die überlieferten Protokolle und Berichte

von den Stadtverordnetenversammlungen ausweisen,

die vielen elementaren Probleme, die die

Kommune nach dem langen Krieg zu bewältigen

hatte. Lebensmittelknappheit, Wohnungsnot,

die mangelhaften Verhältnisse von Straßen und

Infrastruktur, die Not der Gewerbetreibenden,

verschärft durch die Folgen von Streiks und

[17] Weißbuch Nr. 24, S.49. Dieser Bericht entspricht dem

Protokoll der Stadtverordnetenversammlung vom 13.

Mai 19, vgl. Beschlussbuch 1913–1920, S. 540ff.


saargeschichte|n 27

Teuerungskrise, schließlich auch noch ein Hochwasser

im Januar 1920, das Teile der Stadt regelrecht

absaufen ließ. Nicht zu vergessen die

Umstellung auf Friedenswirtschaft und -politik,

was erst im Frühjahr 1920 erreicht wurde,

nachdem die Militärregierung auf Kreis- und

Kommunalebene ihre Verwaltung aufgegeben

hatte. Über all dem schwebte die große nationale

Frage, die Hector offenbar stets in sozio-ökonomischer,

in landes- und kommunalpolitischer

Perspektive begriff. Und von der er daher glaubte,

dass sie zum Wohle seiner Stadt am besten gelöst

wäre, wenn sie im engen Schulterschluss mit

dem französischen »Heimatland« von Saarlouis

realisiert würde. In diesem Fall, so dachte Hector

wohl tatsächlich, könnte es sogar gelingen, die

Vorherrschaft des preußisch-protestantischen

Saarbrücken zu beenden und Saarlouis von der

heimlichen zur wirklichen Hauptstadt der neuen

Saar-Lande zu machen.

In Saarlouiser Optik ergab ein nationaler Salto

rückwärts in die französische Vergangenheit

genau deshalb einen Sinn, weil die erhoffte kapitale

Zukunft so in der Geschichte ihre Legitimation

erhielt: Schließlich war Saarlouis ja schon

zwischen 1680 und 1815 die »Hauptstadt« eines

französisch dominierten Saarraumes gewesen.

Exakt auf dieser Basis argumentierte auch eine

Denkschrift sowie ein Begleitschreiben, die Hector

wenige Wochen nach seinem Amtsantritt auf

den Weg nach Paris bringen ließ. »Diese Stadt«,

so heißt es in dem Schreiben vom 24. Juli 1919,

»die nach Absicht ihres Gründers die gegebene

Hauptstadt der Saarprovinz war, steht Gefahr,

durch die unbestreitbar preußische Stadt Saarbrücken

aus ihren Rechten verdrängt zu werden.«

Deswegen baten Bürgermeister und Stadtverordnete

in der Denkschrift die »hohe Regierung«

– Adressat war die damals erst noch zu schaffende

Regierungskommission – »Saarlouis zum

Sitz des Regierungsausschusses und des obersten

Gerichtshofes des neuen Saarstaates zu

machen.« Außerdem wünschten die Saarlouiser,

auch Bischofssitz, (französische) Garnisonsstadt,

Verkehrsknotenpunkt und schließlich Sitz einer

neu zu errichtenden technischen Fach(hoch)

schule zu werden. Wäre all dies wie von Hector

1920 gewünscht Realität geworden,

würde wahrscheinlich auch das Saarland

von heute ein anderes Gesicht

haben. [18]

Es war also nicht gerade wenig, was

man sich da an der mittleren Saar für

die staatliche Zukunft mit der wohlwollenden

Unterstützung aus Paris

erhoffte. Um der Sache den nötigen Nachdruck

zu verleihen, wurde deshalb auch die Übergabe

der Denkschrift in Versailles beziehungsweise

Paris zur Chefsache erklärt. Hector stand selbst

an der Spitze einer kleinen Saarlouiser Delegation,

um Premierminister Clemenceau und seinem

engsten Mitarbeiter auf der Friedenskonferenz,

André Tardieu, am 1. August 1919 persönlich die

Wünsche der Stadt Louis’ XIV. darzulegen. [19]

Die Eisenbahnfrage, die auf der Saarlouiser Agenda

nicht zuletzt wegen der gewünschten Direkt-

[18] Das Begleitschreiben zitiert nach: N.N., Prozeß Dr. Hector

gegen die »Saarbrücker Zeitung«, in: SZ v. 23. März

23; ein gedrucktes Exemplar der Saarlouiser Denkschrift

(»Die Zukunft der Stadt Saarlouis«) in: LA SB, NL

Schneider 239.

[19] Nach Schu, Chronik (wie Anm. 1) , S. 109, verweigerten

die (meisten) Stadtverordneten dem Bürgermeister die

Begleitung anlässlich der Übergabe in Paris. Das deutet

bereits auf das Zerwürfnis zwischen Versammlung

und Hector hin, das im Prozess von 1923 dann in aller

Öffentlichkeit dargelegt wurde.

Ausweisung von Saarländern

durch die

französische Militärverwaltung,

hier in

Sulzbach im Sommer

1919. (LA SB, BSlg HV)

Der französische

Premier- und Kriegsministers

Georges

Clemenceaus, Widerpart

des amerikanischen

Präsidenten

Wilson auf der Versailler

Konferenz, ist

mit seinem Diktum

von den »150.00

Saarfranzosen« auch

in die saarländische

Geschichte eingegangen.

(wiki commons)


verbindung nach Paris einen besonderen Platz

einnahm, wurde auf einen entsprechenden französischen

Vorschlag hin sogar mit einer eigenen

Denkschrift kommuniziert; auch das ein sicheres

Indiz für den kurzen Draht, der damals zwischen

der saarländischen Möchtegern- und der französischen

Hauptstadt existierte. Um das große Ziel

zu erreichen, hängte sich die Stadtführung unter

Hector ziemlich weit aus dem nationalen Fenster,

betonte nicht nur ständig die historische Verbindung

zwischen Paris und Saarlouis, sondern

ließ in der französischen Version der Denkschrift

auch Sätze fallen, die so in der Urschrift nie zu

lesen waren und die ganz klar eine viel weitergehende

Liaison für die Zukunft assoziierten. Zu

klar wurden damit die damals gültigen nationalen

»Grenzwerte« überschritten, mit Folgen, die

Jakob Hector schon bald zu spüren bekommen

sollte.

Hectors Jahr als Bürgermeister war das Jahr, in

dem sich die Zukunft des Saargebietes und diejenige

von Saarlouis konkretisierten. Und in beiden

Fällen geschah das in einer Richtung, die

der Pachtener nicht unbedingt gewünscht hatte,

gegen die sich seine grenzüberschreitenden

politischen Aktivitäten eigentlich gerichtet hatten.

Im Sommer 1919 war es das Saarstatut des

Versailler Vertrages, das ihn zur Intervention in

Paris motiviert hatte, im Januar 1920 das Inkrafttreten

des Statuts und der Regierungsantritt der

Mandatsverwaltung, die ihn noch einmal zur

Grenzüberschreitung animierten. Fast schon ein

wenig verzweifelt klang es am 15. Januar 1920 –

zu einem Zeitpunkt, da die Würfel längst gefallen

waren –, wenn in einem handschriftlichen Brief

Hectors, den vorgeblich alle Saarlouiser Stadtväter

an den »Herrn Ministerpräsidenten und

Kriegsminister« Clemenceau richteten, wenn

also scheinbar alle Saarlouiser Ratsherren ihrer

»sicheren Hoffnung Ausdruck (gaben), daß Frankreich

ihrer Stadt, die über ein Jahrhundert lang

wegen ihres Ursprungs und ihrer Zuneigung zu

Frankreich von Preußen boykottiert wurde, helfen

wird, wieder in ihre historischen Rechte eingesetzt

zu werden.« Wenn in einem an die französische

Regierung adressierten Brief darum

gebeten wird, Saarlouis dabei zu helfen, wieder

in seine historischen Rechte eingesetzt zu werden,

dann war das zweifelsohne mehr als eine

geschichtliche Reminiszenz, und entsprechend

eindeutig wurde dieser Hilferuf später auch von

jener Seite verstanden, die alles andere als eine

Annäherung an Frankreich wünschte. [20]

[20] Zitat nach »Prozeß Dr. Hector«, a.a.O. (wie Anm.18).

Immerhin hat die Regierungskommission unter

ihrem französischen Präsidenten Victor Rault

das Saarlouiser Flehen insoweit erhört, als der

im Versailler Vertrag für das Saargebiet vorgesehene

Oberste Gerichtshof tatsächlich in die

alte Festungsstadt kam. Einen Tag nach ihrem

Amtsantritt, am 27. Februar 1920, wurde diese

Entscheidung der Reko publiziert, und natürlich

wurde das in der Saarlouiser Öffentlichkeit

auch als Punktsieg gegen den preußischen Rivalen

aus Saarbrücken gefeiert.[21] Gleichwohl war

das höchstens ein Trostpflaster im Vergleich zu

dem Programm, das in Hectors Denkschrift für

die Zukunft der Stadt des Sonnenkönigs entworfen

worden war. Von einem Regierungs- oder

Bischofssitz blieb Saarlouis weit entfernt, und

auch eine spürbare Verbesserung der wirtschaftlichen

Situation war durch französische Protektion

nicht zu erwarten. Vielleicht hat dieses

magere Ergebnis mit dazu beigetragen, dass sich

der lokale Widerstand gegen Hectors riskanten

Kurs just seit diesem Zeitpunkt formieren und

bald lautstark artikulieren konnte. Allerdings

konnte sich die volle Wucht des kerndeutschen

Nationalgefühls erst gegen den Bürgermeister

und späteren Minister entladen, als die französische

Militärmacht langsam an Bedeutung verlor

– und Stück für Stück bekannt wurde, wie sehr Dr.

Hector mit den Franzosen 1919/20 geflirtet hatte.

Rücktritt kommt vor dem Fall

Der politische Fall des Dr. Hector nahm bereits Formen

an, als sein politischer Aufstieg noch bevorstand.

Nur durch die Gerichtsverhandlungen von

1923 wissen wir überhaupt, was da wie zu Beginn

des Jahres 1920 seinen Lauf nahm und warum es

schließlich nicht mehr zu stoppen war. Das Verhängnis

begann mit den beiden Begleitschreiben

zu den Pariser Eingaben, die Hector ohne Wissen

und Wollen der gewählten Stadtverordneten

schrieb oder verfassen ließ. Letztlich fatal waren

für ihn außerdem seine mangelhaften, eigentlich

kaum existenten Französischkenntnisse, die

ihn zum einen von kompetenten Übersetzern

abhängig, zum anderen die persönliche Kontrolle

über das Ergebnis der Übersetzung unmöglich

machten. Schon von daher gab es zu viele Mitwisser

von einem Unternehmen, das zumindest

im Saargebiet eigentlich als undercover-Aktion

angelegt war. Wenigstens zwei Übersetzerinnen

waren allein für das zweite Schreiben im Spiel, und

außerdem gab es da auch noch die Stenotypistin

[21] Vgl. den Leitartikel »Saarlouis – Saarbrücken« in der

Saarzeitung vom. 13. März 20.


saargeschichte|n 29

Auch die Sozialisten

im Reich protestierten

energisch gegen

den »Raub des deutschen

Saargebiets«,

hier auf einem Plakat

des »Werbedienstes

der sozialistischen

Republik« von 1919.

(Sammlung Gerhard

Paul)

Frau Jost, die im Prozess 1923 aussagte, dass es

»empörend für eine deutsche Frau (gewesen

sei), solche Briefe schreiben zu müssen«. [22]

Die Empörung über »solche Briefe«, die sich für

einen »deutschen Saarlouiser« nicht gehörten,

teilten wohl noch so einige Mitbürger der Stadt.

Sogar vor der unmittelbaren Umgebung des

Bürgermeisters machte sie nicht halt, schuf

undichte Stellen im Zentrum der städtischen

Macht. Aus dem Schreibtisch des Bürgermeisters

wurden jedenfalls irgendwann zwischen Januar

und März 1920 einige delikate Briefe gestohlen,

darunter auch die beiden hier angezeigten

Begleitschreiben, das eine sogar in Hectors

[22] Der Hectorprozeß. Fünfter Verhandlungstag, in: SZ v. 6.

März 23.

Originalhandschrift. Und diese beiden »Briefbomben«

landeten dann auf unbekanntem Wege

ausgerechnet in den Händen des jungen Joseph

Goergen, damals Jurastudent und Mitarbeiter

eines juvenilen Redaktionsteams der Saarzeitung,

die ebenso forsch die Sache des katholischen

Zentrums wie die eines kerndeutschen

Saargebiets vertrat.

Der ältere Bruder von Joseph Goergen, auch er

Jurist, war als Justitiar von Saarlouis pikanter

Weise die rechte Hand von Dr. Hector und Autor

der deutschen Fassung jener Denkschrift, die

im Sommer 1919 zwar an die kommende Saarregierung

adressiert war, recht eigentlich aber

Augen und Ohren der französischen Regierung

erreichen sollte. Honi soit qui mal y pense, aber

in diesem Fall lag das Schlechte einfach zu nahe,


Kleinanzeigen

und redaktionelle

Erklärung aus der

Saarlouiser Saar-Zeitung

vom April 1920.

weswegen der ältere Goergen quasi selbstverständlich

in Verdacht geriet, die kompromittierenden

Briefe gestohlen und seinem jüngeren

Bruder zugespielt zu haben. Er mochte sich gegen

diesen Verdacht noch so sehr wehren (und später

im Prozess auch unter Eid beschwören, dass er die

Schriften nicht geleakt hatte), der Bürgermeister

und die französische Militärregierung glaubten

ihm offenbar nicht, und so wurde der ältere

Goergen nicht nur seinen Job, sondern für sieben

Monate auch seine Aufenthaltsgenehmigung

im Saargebiet los. Eine Ausweisung, die die Zahl

von Hectors Gegenspielern aber im Endeffekt

erhöhte – statt sie wie beabsichtigt zu reduzieren.

Vielleicht war auch die politische Naivität

eines Nebenberufspolitikers dafür verantwortlich,

wenn Hector nicht bedacht hatte, dass die

gefährlichsten Gegner oft die werden, die man

aus dem gemeinsamen Haus vertrieben hat.

Außer Frage steht jedenfalls, dass Hectors politische

Demontage in der medialen Öffentlichkeit

stattfand, ausgetragen vor allem als Zeitungskrieg

zwischen dem frankophilen Saarlouiser

Journal und der deutschen Saarzeitung von

Redakteur Goergen. Im März oder April 1920, so

gab es Hector im Prozess zu Protokoll, habe Goergen

in zwei Artikeln die Pariser Briefe herangezogen

und ihm damit – will wohl sagen: mit

deren Veröffentlichung – gedroht. Der Redakteur

meinte hingegen, er habe keineswegs gedroht,

sei vielmehr von Hector als »alldeutscher Hetzer«

beschimpft worden und habe lediglich am

Ende des zweiten Artikels konstatiert, dass er im

Gegensatz zum Bürgermeister eine weiße Weste

habe, die nicht durch zwei nach Paris geschickte

Briefe befleckt sei. [23] Es ist nicht ganz einfach,

die einzelnen Stationen einer langsam eskalierenden

Auseinandersetzung zu benennen. Oft

wurden die Artikel in der damaligen Zeit nicht

namentlich gekennzeichnet, wurden Argumente

literarisch-metaphorisch sublimiert oder Stellvertreterkriege

geführt, indem man einen anonymen

Leserbrief (nach dem Muster: Eingesandt –

Ein Rodener) zum Ausgangspunkt für die jeweils

[23] Prozeß Dr. Hector gegen »Saarbrücker Zeitung«, wie

Anm. 18.

nächste Eskalationsstufe nutzte. Deutlich nachvollziehbar

ist jedoch, dass die nationale Tonlage

auf der »deutschen« Presse-Seite seit Ende der

Militärherrschaft insgesamt strammer wurde

und nationale Abweichungen jetzt offen attackiert

werden. Man positioniert sich nun eindeutig,

vor allem in Saarlouis, das wegen seiner

französischen Geschichte im Reich in den Ruf der

»Unzuverlässigkeit« gekommen sei. In dem allerdings

nur einige »Dunkelmänner« und »räudige

Schafe« innerhalb der »Herde« guter Deutscher

für Unruhe oder gar für die »Anstiftung zum

Landesverrat« gesorgt hätten, wie er namentlich

in den erschlichenen Anträgen zur Naturalisierung

von Saarlouisern greifbar geworden sei.

»Die Elemente aber«, so urteilt die Saarzeitung

am 19. April 1920, »die zum Landesverrat verleitet

haben, verdienen die größte Verachtung

aller anständigen Deutschen. Sie müßten aus der

deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossen

werden, wenn sie sich nicht schon selbst ausgeschlossen

haben. An alle gutgesinnten deutschen

Saarlouiser aus Stadt und Land richten wir

die dringende und herzliche Bitte: Schließt euch

zusammen zu einer heiligen Gemeinschaft, um

Euer edelstes Gut, die deutsche Nationalität … zu

schützen. Ihr, die Ihr Deutsche seid und bleiben

wollt, pflanzt die Liebe zum Vaterland in die Herzen

Eurer Kinder …« [24]

Im Klima dieser nationalen Polarisierung von

Saarlouis wurde auch die Kritik am Bürgermeister,

die zuvor in der Regel nur »mitgedacht« worden

war, mehr oder weniger konkret. Abermals

war der Auslöser ein Eingesandt, eine Zuschrift,

für deren Form und Inhalt die Redaktion nur

die »preßgesetzliche Verantwortung« zu über-

[24] Der Tiefstand des nationalen Geistes, in: Saarzeitung Nr.

90 v. 19. April 20; die »Dunkelmänner« und »räudigen

Schafe« sowie die »nationale Unzuverlässigkeit« nach

einer am 31. März 20 abgedruckten Zuschrift: »Saarlouis‘

Ruf in Wahrheit und Dichtung«. Die vom Autor

über sich selbst in dem Text gemachten Angaben könnten

darauf hindeuten, dass hinter ihm der ehemalige,

ausgewiesene Saarlouiser Bürgermeister Dr. Gilles

steckte – und dass seine implizite Kritik an den »Dunkelmännern«

(auch) seinem Nachfolger Hector galt.


saargeschichte|n 31

Die erste und einzige

Meldung vom Rücktritt

Jacob Hectors als

Saarlouiser Bürgermeister

in der Saar-

Zeitung vom 29. Mai

1920.

nehmen hatte. Der Briefeschreiber kritisiert darin

zunächst lediglich den etwas despektierlichen

Ton gegenüber den Rodener Stadtverordneten in

der Ratsversammlung und die »Tatsache«, dass

der Stadtteil gegenüber der Stadtmitte in der

Kommunalpolitik stets vernachlässigt werde.

Bei der Gelegenheit glaubt er aber auch darauf

hinweisen zu müssen, dass es Zeit werde, »daß

die Stadt wieder einen Berufsbürgermeister

bekommt, der mehr Zeit hat, um nach dem

Rechten zu sehen.« Und der überhaupt als Verwaltungsfachmann

professioneller im Bürgermeisteramt

arbeiten könne, als es der gelernte

Arzt Hector tue. Im Übrigen habe Bürgermeister

Hector »doch bestimmt erklärt, am 1. April sein

Amt niederzulegen«. [25]

Tatsächlich warfen die ersten Kommunalwahlen

im Saargebiet Ende Mai 1920 bereits ihre Schatten

voraus, tatsächlich unterschrieb Hector oft

als »kommissarischer Bürgermeister«, war also

das Statement des offenkundig eingeweihten

»Rodeners« zum angekündigten Rücktritt Hectors

sicher nicht aus der Luft gegriffen. Gleichwohl

wurde aus der Normalität eines kommunalen

Amtswechsels im Furor des nationalen

Bekenntniseifers ein lokales Politikum. Hector

habe in der Stadtverordnetenversammlung das

Rodener Eingesandt zur Debatte gestellt, habe

sich über die »Haß und Zwietracht« verbreitende

Zentrumspresse, namentlich die Redaktion der

Saarzeitung beklagt, habe schließlich die Vertrauensfrage

gestellt, die nach namentlicher

Abstimmung einstimmig für ihn ausfiel. Ein deutlicher

Hinweis, wie prekär die Situation im Saarlouiser

Rathaus mittlerweile war. Und die Saarzeitung,

höchstwahrscheinlich in Person Joseph

Goergens, goss weiter Öl ins Feuer. Eine öffentliche

Stellungnahme erwarte die Zeitung nach den

Anschuldigungen des Bürgermeisters, sie fahre

im Gegensatz zu diesem nicht auf einem Karren

»der je nach der politischen Konjunktur Berliner

oder Pariser Richtung« einschlage, habe »Zeit

und Nerven und vor allem keine Veranlassung

unsere schwer belastenden Karten vorzeitig aus-

zuspielen«. Der bedrohlichen Anspielung auf die

gelakten Paris-Papers folgte ein verbales Finale,

das man aus heutiger Perspektive fast wie eine

finstere Prophezeiung auf das Jahr 1935 lesen

kann. Der Geist der nationalen Unzuverlässigkeit,

so heißt es da, »wird eines Tages, wenn der

Gerechtigkeit und vor allem dem Recht, das der

Welt innewohnt und sich letzten Endes doch

Bahn brechen muß, zur Rechenschaft gezogen

werden; er wird, wenn einmal das sogenannte

Selbstbestimmungsrecht zur Wirksamkeit werden

sollte, seinen Verrat am Volkstum bitter zu

büßen haben.« [26]

Wenige Tage nach der Veröffentlichung dieser

Zeilen war Jacob Hector als Bürgermeister

zurückgetreten. In wenigen, allerdings sehr fett

gedruckten Buchstaben verkündete die Saarzeitung

am 29. Mai in ihrem Lokalteil: »Herr

k. Bürgermeister Dr. Hector hat, wie uns mitgeteilt

wird, sein Amt mit dem 28. Mai niedergelegt.«

Danach herrschte erst einmal langes

Schweigen in Saarlouis: in der Saarzeitung, über

Dr. Hector und über die frankophilen Affären, die

man mit ihm in Verbindung brachte. Zum nächsten

Bürgermeister von Saarlouis wurde nach

den Kommunalwahlen vom 11. August 1920 Dr.

Johann Josef Latz gekürt. Er bekleidete dieses

Amt bis in das Jahr 1936 und war danach noch

neun Jahre lang Stadtoberhaupt in Sulzbach. An

nationaler Zuverlässigkeit, wie man sie in den

saarländischen 1920ern verstand, hat es ihm

bestimmt nicht gefehlt.

Plötzlich Minister

Als Jacob Hector nach den Turbulenzen im Frühjahr

1920 seinen Platz im Saarlouiser Rathaus

räumte und in den einstweiligen politischen

Ruhestand trat, hätte er wohl selbst nicht vermutet,

schon wenige Monate später noch viel

stärker im Rampenlicht des jungen »Saarstaats«

zu stehen. Denn der Posten des saarländischen

Ministers in der Regierungskommission, den

Hector am 20. September 1920 übernehmen sollte,

war Ende Mai gerade einmal seit vier Mona-

[25] Eingesandt, in: Saarzeitung v. 20. Mai 20.

[26] Zu dem Angriff des Bürgermeisters Dr. Hector, in: Saarzeitung

v. 23. Mai 20.


Dieses Entree

im Gebäude des

heutigen Saarbrücker

Landgerichtes

passierten

Minister, Beamte

und Mitarbeiter

der Regierungskommission

auf

dem Weg zu ihren

Amtsstuben. (LA SB,

Bildersammlung)

ten besetzt von Alfred von Boch. Einem alten

Bekannten aus Saarlouis also, der bis zum Jahresbeginn

noch als Landrat des Kreises amtiert

hatte und dort, wenn die Nachrichten von seiner

Verabschiedung zutreffen, durchaus beliebt

war. Es war wohl alles andere als ein Zufall, dass

die ersten drei saarländischen Minister in der

Reko aus Saarlouis stammten. Zwar wurden die

Kommissare offiziell vom Völkerbundrat ernannt.

Aber gerade in den frühen Zwanzigern war man

dort offenkundig bereit, den französischen Wünschen

nach Hegemonie in diesem Gremium zu

entsprechen. Ein Kandidat aus der französischsten

Stadt des Saarlandes passt jedenfalls sehr

gut in diese Konstellation, die mit dem mächtigen

Präsidenten Rault, dem seit Jahrzehnten in

Paris lebenden Dänen Moltke-Huitfeld und dem

Belgier Jaques Lambert ohnehin mehr als frankophil

eingefärbt war. [27]

Aber schon bei dem Wohlfahrts- und Landwirtschaftsminister

von Boch wurde, wie bei seinen

Nachfolgern dann auch, deutlich, dass die

saarländischen Vertreter in der Reko keineswegs

willfährige Mitspieler in einer von französischen

Interessen gelenkten Saarpolitik sein

wollten. Zum frühen Bruch der ersten Kommission

kam es anlässlich der Beschlüsse über das

saarländische Beamtenstatut, die erste große

Bewährungsprobe der Reko seit ihrem Amtsantritt

im Februar. Es ging bei dem Streit zwi-

[27] Zur französischen Reko-Macht der ersten Jahre vgl.

Zenner, Parteien und Politik (wie Anm. 1), S. 40f..

schen Regierung und (deutschen) Beamten um

soziale, um Prestige- und nicht zuletzt um politisch-nationale

Fragen, ein Paket, über das man

sich bis August 1920 nicht einig werden konnte,

so dass am 6. August ein großer Streik fast

aller saarländischer Beamten begann. Rault verhängte

den Ausnahmezustand, ließ das Militär

aufmarschieren, es folgte eine Woche mit den

bis dahin schlimmsten Zusammenstößen im

Saargebiet, mit Verhaftungen, Ausweisungen,

Entlassungen. Am Tag des Streikbeginns reichte

von Boch seine Demission beim Generalsekretär

des Völkerbundes ein. Schon in der an diesem

6. August 1920 stattfindenden Sitzung der

Regierungskommission fehlte von Boch, sogar

ohne Angabe von Gründen. Der saarländische

Stuhl am Regierungstisch sollte damit für mehrere

Wochen leer bleiben, ausgerechnet in dieser

sehr turbulenten Zeit. [28]

Zu viert und ohne Saarländer musste also die

Reko die erste große Staatskrise durchfechten,

aber vielleicht war die lange Vakanz der französischen

Kommissionsführung gar nicht so unrecht.

Da erst in der dritten Septemberwoche im Völkerbundrat

über die Akzeptanz von Bochs Demission

entschieden werden konnte und dieser wiederum

nur dann selbst einen Ersatzmann benennen

durfte, wenn die Gründe für sein Fernbleiben von

seinen vier Kollegen akzeptiert wurden, blieben

die »Internationalen« bis zur Sitzung vom 11. September

unter sich. Am 25. August endlich einigte

sich das Gremium darauf, dass von Bochs Fernbleiben

wegen »Krankheit und aus persönlichen

Gründen« akzeptabel sei und man deshalb bis zur

Entscheidung des Völkerbunds mit dem von ihm

benannten »Übergangsminister« arbeiten könne.

Die Wahl des ehemaligen Landrats fiel nicht etwa

auf einen Saarlouiser Landsmann, sondern auf

den Eppelborner Bartholomäus Koßmann, ehemaliger

Reichstagsabgeordneter, ehemaliges

Mitglied der Weimarer National- und der preußischen

Verfassungsgebenden Versammlung, einflussreicher

Politiker des Zentrums. [29]

[28] Zum Beamtenstreik Zenner, a.a.O., S. 50f. und den Quellentext

in: Weißbuch, Nr. 143, S.213–215. Exemplarisch

die Denkschrift über die ungünstige finanzielle Lage

der vom Deutschen Reich, Preußen und Bayern in die

Dienste der Saarregierung beurlaubten Beamten, in: LA

SB, EBD 550.

[29] Vgl. zu den entscheidenden Sitzungen der Reko: Commission

de Gouvernement de la Sarre, Procès-verbeaux

vom 6., 7., 17. und 25. August sowie vom 11. September

1920, in: LA SB, NL Koßmann 1, S. 99; 112; 116; 119; 195.


saargeschichte|n 33

Die zweite

Regierungskommission

des Saargebiets

mit Hectors Nachfolger

Julius Land

(o.l.) sowie sitzend

Präsident Victor Rault

(links) und George

Washington Stephens

(r.); stehend

neben Land Graf von

Moltke-Huitfeldt und

Jacques Lambert. (LA

SB, BSlg)

Obwohl Koßmann schon 1920 ein, wenn nicht das

politische Schwergewicht des Saargebiets war

und er gerade für das Wohlfahrtsministerium der

geradezu prädestinierte Ressortchef gewesen

wäre, blieb er in der Regierungskommission

zunächst eine politische Eintagsfliege. Historiker

Koßmanns haben sich bis heute immer wieder

gefragt, warum der ausgewiesen erfahrene

Sozialpolitiker 1920 aus den Höhen der Berliner

Luft freiwillig in die verräucherten Niederungen

des Saargebiets zurückgekehrt ist, um dort als

Oberregierungsrat in eine Ministerialverwaltung

einzutreten, deren Chef er eigentlich sein konnte.

Vielleicht war das zumindest aus saarländischdeutscher

Perspektive aber ganz anders geplant

gewesen, stand der im Juni aus der Nationalversammlung

ausgeschiedene Koßmann im August

1920 bereits Gewehr bei Fuß, um von Boch dauerhaft

zu beerben. Immerhin sollte es beim Ausscheiden

Hectors drei Jahre später ja dann genau

so kommen, dass der vom demissionierten Minister

benannte Ersatzmann zum echten Nachfolger

aufstieg. Auch Koßmanns biographische Daten

sprechen dafür, dass er nicht unbedingt freiwillig

als Subalterner ins Wohlfahrtsressort einzog.

Exakt drei Tage, nachdem seine Nominierung

zum Ersatzmann Bochs von der Reko abgenickt

worden war, verlegte er seinen langjährigen

Wohnsitz von Neunkirchen nach Saarbrücken. Im

Übrigen soll das Verhältnis zwischen Koßmann

und seinem Minister Hector später ziemlich frostig

gewesen sein, am Ende sei der Eppelborner

sogar regelrecht kalt gestellt gewesen. Und als

1922 Koßmanns Wahl zum ersten Präsidenten des

Landesrats anstand, war Hector der einzige in der

Reko, der nicht für seinen Ex-Mitarbeiter votierte:

Auch das könnte nicht nur im politischen Dissens,

sondern ebenso in der Konkurrenzsituation von

1920 begründet gewesen sein. [30]

[30] Sitzung der Reko mit dem Ersatzmann Koßmann am 11.

September 20, in NL Koßmann 1, S. 119–124; zum »kaltgestellten«

Koßmann vgl. Philipp W. Fabry, Bartholomäus

Koßmann. Treuhänder der Saar 1924–1935, Merzig

2011, S.67; Reinhold Bost, Bartholomäus Koßmann.

Christ – Gewerkschaftler – Politiker 1883–1952, Blieskastel

2002, S. 178. Nach den Erkenntnissen aus den

Reko-Akten müsste über die Umstände des Wechsels

von Koßmann aus Berlin nach Saarbrücken neu nachgedacht

werden. Vgl. auch meinen Beitrag in den saargeschichten

3/19, hier v.a. S. 19. – Zur Designation Koßmanns

zum Landesratspräsidenten am 11. Juli 22, vgl. NL

Koßmann 25, S. 192f.


Paris gegangen war. Mit machiavellistischem

Auge betrachtet konnte es sogar von Nutzen

sein, mit Hector einen Saarländer im Kabinett

zu haben, der wegen seiner heiklen Aktionen als

Bürgermeister in seiner Heimat auf unsicherem

Terrain stand. Jedenfalls lobte Präsident Rault

bei Hectors Amtseinführung am 23. September

1920, dass »les circonstances de ce choix …

des plus favorables« seien und dass »sa désignation

répondait à leur désir«, also der Wunsch

aller Minister der Reko gewesen sei – soweit sie

die französischen Interessen im Gremium unterstützten,

möchte man hinzufügen. [31]

Die zweieinhalb Jahre, die Jacob Hector als

Minister für Wohlfahrt und Landwirtschaft in

der Regierungskommission verbrachte, waren

zweifelsohne der Höhepunkt seiner politischen

Karriere. Sie umfassen aber auch die Zeit zwischen

Beamten- und Hunderttagestreik, die oft

konfliktreiche Phase also, in der das Saargebiet

und seine internationale Mandatsregierung

»das Laufen« lernten, eine Zeit also, aus der man

viel darüber erfahren könnte, wie die Implementierung

des neuen Systems funktionierte – und

inwiefern der Saarländer in diesem System die

Das Schreiben aus

Hectors Ressort zum

Übergang der Heilanstalt

Homburg in

staatliche Verwaltung

markiert den Beginn

des Universitätsklinikums.

(LA SB, LRA

IGB).

Neun Tage nach Koßmanns erstem und für einige

Jahre letzten Auftritt am Saarbrücker Regierungstisch

fand in Paris eine Sitzung des Völkerbundrates

statt. Monsieur Caclamanos, der Vertreter

Griechenlands, legte dabei den Bericht über die

Regierungskommission des Saargebietes vor, in

dem er die Demission von Bochs und die Nachfolgerfrage

thematisierte. Letztbezüglich habe er

»Erkundungen eingezogen und einige mögliche

Kandidaten erwogen. Ich bin stehen geblieben

bei dem Namen des Dr. Hector, ehemals Bürgermeister

von Saarlouis, wo er seinen Beruf als

Arzt ausübt.« Caclamanos’ Statement zu Hector

klang nicht unbedingt wie ein unwiderstehliches

Plädoyer für den fraglos besten Kandidaten –

zumal mit Koßmann ein unzweifelhaft höher

qualifizierter Saarländer schon auf der Matte

stand. Man kann sich also sehr leicht vorstellen,

dass Harr Calcamanos bei seiner Kandidatensuche

tatkräftige Unterstützung vor allem in

eine gewünschte Richtung erhielt. Und dass die

französischen Protektoren dieser Richtung sich

noch lebhaft daran erinnerten, wie sehr Dr. Hector

in den Nachkriegsjahren auf Tuchfühlung mit

[31] Bericht über die Sitzung des Völkerbundrates v. 20. September

20 nach SDN, Journal Officiel 1, 7, S. 44ff, hier zitiert

nach der deutschen Übersetzung in Weißbuch Nr.

156, S. 234; Sitzung v. 23. September 20, NL Koßmann 25,

S. 125.


saargeschichte|n 35

ihm zugedachte Rolle ausfüllte. In der landesgeschichtlichen

Literatur erfährt man darüber

erstaunlich wenig, zu sehr scheint diese frühe

Phase im Schatten der großen (nationalen) Nachkriegskrisen

zu stehen oder wie selbstverständlich

als die Zeit der autokratischen Herrschaft

Victor Raults abgehandelt zu werden. Von der

Arbeit Hectors als Ressortminister erfährt man

allenfalls den auch in seinen Nekrologen stets

hervorgehobene Aufbau der Homburger Heilund

Pflegeanstalt zum Landeskrankenhaus, die

Fundamentierung der heutigen Universitätskliniken

also (was ja per se durchaus als großes

Verdienst zu belobigen ist). Praktisch nichts

wurde hingegen zu seiner Rolle im Kollegium der

Regierungskommission verlautbart, zu selbstverständlich

ging man wohl davon aus, dass Hector

stets am Pariser Tropf hing und sich dementsprechend

passiv verhalten habe. [32]

Schon eine flüchtige Durchsicht der Protokollbände

der Reko vermittelt jedoch ein anderes

Bild – das den Saarlouiser nicht nur immer mit

einer durchaus eigenständigen Stimme im internationalen

Diskurs agierend zeigt, sondern auch

deutlich macht, dass er vor der sachlichen Konfrontation

mit dem scheinbar übermächtigen

Präsidenten Rault nicht zurückschreckte. Selbst

der Vorwurf eines Verstoßes gegen den Geist des

Versailler Vertrages steht da mal gegen den Präsidenten

im Raum und eine scharfe Replik, die sich

Hector deshalb vom Regierungschef einhandelt.

Auch »saarländische« Minderheitenvoten, später

eine »Spezialität« von Bartholomäus Koßmanns

Reko-Politik, tauchen da auf, Voten, mit denen er

sich einsam gegen die Mehrheit seiner Kollegen

aus den Völkerbundstaaten stellte, um seine Mission

im Sinne des »Saarvolkes« zu erfüllen. Als es

seit 1922 um die konfliktreiche Zusammenarbeit

mit dem Landesrat und die Einsetzung eines

Studienausschusses ging, meinte Rault gar, dass

sich Hector nicht über die diesbezüglichen Probleme

wundern müsse, da er es ja gewesen sei

»qui a toujours defendu le principe de la collaboration

avec la population«. Überhaupt könnte

sich das, in Parallelität zur Zeit im Bürgermeisteramt,

als Maßstab für das politische Handeln

[32] Vgl. zum Beispiel: den Nachruf »Zum Gedächtnis von Dr.

med Jakob Hector« in der SZ v. 6. Februar 54. – Der Übergang

der Klinik aus dem Provinzialverband der Rheinprovinz

und der Pfalz in saarländische Obhut erfolgte

nach Verhandlungen mit der Reko unter Hectors Verantwortung

zum 1. November 1921. Vgl. das in Saarlouis

(!) datierte Schreiben vom 20. September 21 in LA SB,

LRA IGB 6030.

Hectors herauskristallisieren: das Bestmögliche

für die Menschen seiner Heimat, seines »Wahlbezirks«

zu erreichen, ob es sich dabei um die

Bürger_innen seiner Stadt oder die seines neuen

»Landes« handelte. Die Sache hatte freilich einen

Haken: Dass er im Einsatz für die Heimat sogar

bereit war, nationale Schranken zu überspringen,

mag für uns heute sympathisch wirken, war

damals für die meisten Menschen jedoch genau

das Gegenteil davon. [33]

Weil die nationale Selbstvergewisserung in

der Folge von Versailles für die vom Reich

abgetrennten Saarländer eine überragende

Bedeutung quer durch alle Parteien bekam, ist es

fast erstaunlich, wenn Hector seine ersten beiden

Amtsjahre als Regierungskommissar relativ

unbeschadet überstand. Zwar soll es, wie es spätere

Aussagen im Prozess belegen, immer wieder

belastende Anschuldigungen gegeben haben, die

nicht nur gerüchteweise durchs Land zogen, sondern

auch in der Öffentlichkeit ausgesprochen

wurden. Aber richtigen Gegenwind bekam der

Wohlfahrtsminister erst, als die saarländischen

Parteien mit dem Landesrat ein institutionelles

Gehäuse für die Artikulation ihres Protestes

erhalten hatten, der nun auch in Genf legitimer

Weise vorgetragen werden konnte. Dann aber

kam die Kritik umso heftiger. Nur wenige Tage

nach der konstituierenden Sitzung am 19. Juli

1922 richteten die saarländischen Parteien und

26 von 30 Landesratsmitgliedern an den Völkerbundsrat

die Bitte, Hectors Amtszeit nicht mehr

zu verlängern und den nächsten Saarländer am

Regierungstisch entweder nach allgemeinen

Wahlen oder auf Vorschlag des Landesrats zu

ernennen. Demokratische Teilhabe und nationale

Selbstbestimmung: Das war der offizielle Rahmen,

in dem die deutsche Opposition gegen den

Minister mit »anrüchig« frankophiler Vergangenheit

Fahrt aufnehmen konnte. [34]

Nachdem weder Genf noch die Reko in Saarbrücken

auf die Eingabe reagiert hatten, legten

die Saarländer nach. Als die turnusgemäße Ver-

[33] Hector als engagierter Wortführer schon in den ersten

Verhandlungen am Reko Tisch, zum Beispiel in der

Sitzung vom 13. Oktober 20, NL Koßmann 1, S.140. Der

Streit mit Rault – es ging hier um die Frage der Renten

für die Beamten der Zentralverwaltung in der Sitzung

vom 24. Juni 22, NL Koßmann 25, S. 179ff., hier v.a. S.180;

die Bemerkung Raults zu Hectors Bedürfnis nach ‚demokratischer

Rückbindung’ in der Sitzung vom 11. Juli

22, a.a.O., S.203.

[34] Der Fall Hector und seine Konsequenzen. Die Fraktionen

des Saargebietes, Saarbrücken 1922.


Im »neuen« Landgericht

(dem Vorgängerbau

des

heutigen) an der

damaligen Saarbrücker

Alleestraße

(heute: Franz-Josef-

Röder-Straße) fand

der Prozess gegen SZ-

Redakteur Adolf Franke

wegen Beleidigung

von Minister Hector

statt. (LA SB, BSlg)

längerung von Hectors Mandat im September

1922 anstand, erschien ein Artikel in der Saarbrücker

Zeitung, der diesmal wirklich ganz großes

Geschütz auffuhr. Redakteur Adolf Franke

bezog sich in seinen Ausführungen über den

»Fall Hector« explizit auf die Eingabe der saarländischen

Parteien, die diese »dieser Tage dem

Völkerbundsrat auf dem vorschriftsmäßigen Weg

über die Saarregierung übersandt« hätten. Und

er übte sich in der Beurteilung von Hectors Politik

der Jahre 1919/20 nicht gerade in Zurückhaltung:

»Herr Dr. Hector hat schmachvollen Landesverrat

verübt durch einen gemeinen Betrug«. Noch

bevor Franke diese seine Anklage überhaupt

ausgesprochen oder gar begründet hatte, hatte

er bereits das Urteil über seinen »Angeklagten«

gesprochen: »Herr Dr. Hector mag seine Sachen

packen und das Saargebiet im Eiltempo und für

immer verlassen. Ob er vielleicht nun noch in

Frankreich irgendwo ein Dankasyl findet, das zu

erwägen ist nicht unsere Sache. Vielleicht heißt

es auch: der Mohr hat seine Schuldigkeit getan

...« Unüberhörbar war da bereits der Ton der spöttischen

Ausgrenzung, der den (nationalen) Diskurs

der 1920er Jahre von allen Seiten dominierte.

Die Nazis haben ihn später aufgenommen und

bis zur mörderischen Konsequenz perfektioniert.

[35]

Unmittelbar unter dem Artikel Frankes erschien

die Meldung, dass Hector abermals vom Völkerbund

für ein weiteres Jahr in seinem Amt bestätigt

worden sei. Die saar-deutsche Öffentlichkeit wird

es als weitere Provokation verstanden und deshalb

mit Genugtuung zur Kenntnis genommen

haben, dass die Saarparteien drei Wochen nach

dem Angriff in der Saarbrücker Zeitung ein zweites

Mal beim Völkerbundsrat antichambrierten,

diesmal auch, um Redakteur Franke dezidiert den

Rücken zu stärken. Spätestens jetzt war der Zeitpunkt

gekommen, dass der schwer beschuldigte

[35] Adolf Franke, Der Fall Hector, in: SZ v. 4. September 1922.

Dr. Hector reagieren musste. Nachdem

er die vorausgegangenen Verbalattacken

offenkundig ignoriert hatte,

war der jetzt im Raum stehende Vorwurf

so schwerwiegend, dass ihm

nichts anderes übrig blieb, als Anzeige

gegen Adolf Franke zu erstatten. Gerade

die nationale Frage war, wie bereits

erwähnt, eine Ehrenfrage, die anders

als im 19. Jahrhundert nun nicht mehr

im Duell, sondern in dessen domestizierter

Form vor Gericht ausgetragen

wurde. Der politische Beleidigungsprozess

gegen den Redakteur Adolf Franke wurde

am 23. Februar 1923 vor der Strafkammer des

Landgerichts Saarbrücken eröffnet. [36]

Verkehrte Welt: der Kläger als Angeklagter

Eigentlich hätte der Prozess gegen Franke und

die Saarbrücker Zeitung schon vier Wochen vorher

stattfinden sollen. Ein Termin war sogar

bereits festgelegt, wurde dann aber wieder aufgehoben.

Die ungewöhnliche Verlegung hatte

einen gewichtigen Grund: Nach einem vorangegangen

politischen Verfahren, deren es so

viele in der Völkerbundszeit gab, musste vom

Obersten Gerichtshof die Frage der Unabhängigkeit

des Gerichts in solchen Fällen geklärt werden.

Erst nachdem die im rechtsstaatlichen Sinne

gewünschte Stärkung der richterlichen Autorität

höchstinstanzlich fixiert worden war, Richter also

nicht mehr durch die Intervention der Regierung

bei politischen Verfahren ausgetauscht werden

konnten, wurde der Franke-Prozess eröffnet.

Schon am ersten Verhandlungstag sollte er de

facto zu einem Hector-Prozess werden.

[36] Zur Logik der Politischen Strafprozesse in den 1920er

Jahren vgl. Linsmayer, Politische Kultur (wie Anm. 1), S.

205–208. Die Prozessakten zum Fall Hector sind wie

die meisten frühen Unterlagen des Saarbrücker Landgerichtes

bedauerlicher Weise durch Kriegseinwirkung

oder Hochwasser verloren gegangen. Zum Glück (und

in dem Fall natürlich auch aus Eigeninteresse) hat die

Saarbrücker Zeitung den Fall damals sehr intensiv begleitet;

dass sie als Betroffene oft auch in eigener Sache

interpretierte, schmälert den insgesamt objektiven

Gesamtbestand der damit erhaltenen Dokumentation

kaum. Die folgenden Seiten beziehen ihre Informationen

aus der ausführlichen Berichterstattung über

die sechs Verhandlungstage in: SZ v. 23./27. Februar 23;

1./4./6./9. März 23 sowie der medialen Würdigung des

Prozesses im Leitartikel: »Ein Sieg der Wahrheit« am 9.

März 1923.


saargeschichte|n 37

Es begann alles wie gewöhnlich vor den Schranken

eines Gerichts: Die Feststellung der Prozessbeteiligten

des Verfahrens unter der Leitung

von Landgerichtsdirektor Dr. Messinger, die

Benennung und Frage der Zulässigkeit der Zeugen,

die Verlesung der Anklageschrift. Hector,

der als Zeuge und Nebenkläger auftrat, wurde

von Rechtsanwalt Donnevert aus Saarlouis vertreten,

der als Stadtverordneter aber auch als

Zeuge geladen war und daher Dr. Schmidt in

seiner Vertretung ins Rennen schicken musste.

Der Beklagte Franke erschien mit den Rechtsanwälten

Dr. Steegmann und Dr. Lehmann vor

Gericht, beide waren auch politische Schwergewichte,

der eine als Vorsitzender des Saar-Zentrums,

der andere im Vorstand der Saar-SPD. Und

beide waren, um das gleich vorwegzuschicken,

keine deutschnationalen Hard liner, das Gegenteil

war der Fall, Lehmann musste als Jude später

sogar vor den Nazis fliehen. [37] Hectors Anwalt

bemühte sich vergeblich darum, Joseph Goergen

als Zeugen der Gegenseite nicht vor Gericht

zuzulassen, aus formalen Gründen, wahrscheinlich

ahnte man bereits, dass von ihm besonderes

Ungemach drohte. Die zur Verhandlung stehende

öffentliche Beleidigung Hectors gründete sich

vor allem, so hielt es das Gericht fest, auf Frankes

Diktum vom schmachvollen Landesverrat verübt

durch einen gemeinen Betrug. Der Angeklagte

begründete dies, wie in seinem Beitrag für die

SZ, mit dem Hinweis auf die Denkschrift der Parteien

und die darin festgehaltene Tatsache, dass

aus einer ökonomisch motivierten Bittschrift

der Stadt Saarlouis durch absichtlich gefälschte

Übersetzung eine Ergebenheitsadresse der Verwaltung

einer deutschen Stadt entstanden sei

– womit sowohl die französische Seite als auch

die Stadtverordneten betrogen worden sein. Zu

seiner Anschuldigung gegenüber Hector, so gab

es Franke zum Abschluss seines einführenden

Statements zu Protokoll, habe er sich demnach

»als Vertreter der Öffentlichkeit und als Deutscher

verpflichtet gefühlt.«

Die Zeugenbefragungen des ersten Verhandlungstages

drehten sich vor allem um die

Entstehung der Saarlouiser Denkschrift, um die

Modalitäten der Übersetzung, die Verhandlungen

darüber in der Stadtverordnetenversammlung

[37] Zu den Viten kurz: Peter Wettmann-Jungblut, Rechtsanwälte

an der Saar 1800–1960. Geschichte eines bürgerlichen

Berufsstandes, Blieskastel 2004, S. 512 u. 537

sowie in LA SB, MJ-PA 308 (Lehmann); LG SB 218 (Steegmann).

Zu Landesgerichtsdirektor Messinger die umfängliche

Personalakte MJ-PA 359.

und schließlich die Überbringung der Schriften

zur Saarabteilung der Friedenskommission in

Versailles sowie den hohen Politikern und Militärs

in Paris. Es lässt sich bereits in dieser Phase

der Verhandlungen erkennen, dass es von Anfang

an Widerstände gegen die Diktion der französischen

Fassung seitens der Stadtverordneten

gegeben hatte – und dass an mehr als einer Stelle

getrickst worden war, um eine Version nach Paris

bringen zu können, die deutlich frankophiler ausfiel

als das Original. Vor allem jene Stelle in der

zweiten, bedeutend kürzeren französischen Version

(die vom Wallerfanger Urban Fabvier besorgt

worden war), in der »Le Maire et le conseil de Sarrelouis

(…) vous assurer en meme temps de sa

fidèlité et de sa loyauté« erregte stark die deutschen

Gemüter. Es klingt schon nach ziemlichen

Taschenspielertricks, wenn man die Stadtverordneten

wechselweise dadurch zu beruhigen

suchte, dass man fidèlité und loyauté als Rechtschaffenheit

und Wahrheit übersetzte, dass man

Glauben machen wollte, diese Bekundungen

gälten der neuen Saarregierung (die formal

der Adressat der Denkschrift war) oder schlicht

die Verordneten in dem Glauben ließ, dass die

Begriffe vor der Übergabe in Paris entfernt würden.

Auch viele andere, neuen Sinn stiftende

Abweichungen brachten deutlich mehr französischen

Esprit in die Übersetzung, als er im Original

jemals erwünscht gewesen wäre. So zum

Beispiel die besonders heikle Konzedierung einer

l’annexion de la Lorraine im Bezug auf die Grenzziehung

von 1871, ein Verständnis der Geschichte,

das in Deutschland selbst in den Weimarer Parteien

verpönt war. Kurzum, das Gericht konnte

im Grunde schon in diesem frühen Stadium bei

einer objektiven Würdigung der gehörten Dinge

eigentlich nur zu der Auffassung kommen, dass

da einiges faul gewesen sein musste in der von

Dr. Hector verantworteten Stadtpolitik. Und dass

die französische Botschaft, die 1919 den Pariser

Machthabern übermittelt wurde, so zumindest

nicht von den Saarlouiser Stadtverordneten

abgesegnet worden sein konnte. [38]

Die Verteidigung des Ministers und ehemaligen

Bürgermeisters stand bei kritischen Fragen von

[38] Die Parteien des Landesrats hatten ihrer Eingabe von

1923 Hectors Denkschrift zur »Zukunft der Stadt Saarlouis«

angefügt, in einer synoptischen Druckform, die

die Unterschiede zwischen deutscher und französischer

Fassung schon bildlich klarmachte, in dem besonders

anzufechtende Passagen der französischen

Übersetzung zudem gesperrt gedruckt waren. Vgl dazu

das Druckexemplar in: NL Schneider (wie Anm. 18).


André Tardieu, Berater

Clemenceaus auf der

Versailler Konferenz

und später mehrfach

französischer Minister

und Ministerpräsident,

war ein

wichtiger Ansprechpartner

für die Saarlouiser

Delegationen

in den Jahren 1919/20.

(wiki commons)

Anfang an auf schwachen Füßen. So erklärte er

beispielsweise zur eklatanten Diskrepanz zwischen

deutscher und französischer Denkschrift,

dass sein Französisch »damals« - also drei Jahre

vor dem Prozess – so schlecht gewesen sei, dass

»er nicht in der Lage gewesen sei, die Unterschiede

zwischen dem deutschen und französischen

Texte zu erkennen.« Ungeachtet der Tatsache,

dass eine solche Uneinsichtigkeit schon

wegen der quantitativ gravierend voneinander

abweichenden Textcorpora schwer nachvollziehbar

ist, enthob das Hector natürlich nicht der

politischen Verantwortung für die schlechterdings

kaum übersehbaren Differenzen. Ebenso

kurios war Hectors Replik auf die Frage von

Frankes Verteidigern, warum er die Denkschrift

nicht – wie eigentlich verabredet – auch in französischer

Fassung zur Kontrolle an die Stadtverordneten

gegeben hätte? Weil, so Hector, er nach

seiner Parisreise, auf der er sehr vielen maßgeblichen

Franzosen das Druckwerk überreicht habe,

keine Exemplare mehr zur Verfügung gehabt

hätte. Vielleicht hatte Hector tatsächlich gar

nicht damit gerechnet, vor einem Tribunal, das ja

eigentlich einen anderen anklagte, in die Defensive

zu geraten. Eine Einstellung, die freilich für

einen Minister auch reichlich naiv gewesen wäre.

Jedenfalls war und blieb die Verteidigungslinie

Hectors so brüchig, dass ihr Zusammenbruch

absehbar war.

Der kam dann tatsächlich bereits mit der Vernehmung

des zwölften und letzten Zeugen am

ersten Verhandlungstag. Das war eben jener

junge Joseph Goergen, der ehemalige Redakteur

der Saarzeitung, mit dem Hector schon

1920 im Clinch gelegen hatte und der bereits

in den Artikeln jener Monate vor dem Rücktritt

des Bürgermeisters hatte ahnen lassen, dass er

schwergewichtiges Beweismaterial in Händen

hatte. An diesem 23. Februar 1923 wurde es von

Goergen der Öffentlichkeit präsentiert, mit dreijähriger

Verspätung, ganz so, als habe Hectors

Gegenspieler nur auf diesen Moment gewartet.

Zwei Schreiben aus dem Bürgermeisteramt, so

der Zeuge, seien ihm aus dritter Hand zugespielt

worden. Es handelte es sich dabei um jene beiden

bereits oben erwähnten Briefe vom 23. Juli

1919 und vom 15. Januar 1920, die als Begleit- und

Bittschreiben nach Paris gebracht worden waren

und bis zum Zeitpunkt des Prozesses in der saarländischen

Öffentlichkeit offenkundig noch

völlig unbekannt waren. Als Rechtsanwalt Dr.

Steegmann sie nun vor Gericht in ihrer französischen

Übersetzung verlas, gab es im Saal »eine

ungeheure Erregung«, die sich noch steigerte,

nachdem die deutsche Fassung gefolgt war.

Die Bombe, die da gerade geplatzt war, hatte

verheerende Wirkungen. In der hochgradig

emotionalisierten und nationalisierten

Öffentlichkeit, weil hier erstmals ein handfester

Beweis dafür auftauchte, dass die kerndeutsche

Identität der Saarländer tatsächlich von Frankreich

bedroht sein könnte, und zwar durch die

»Untergrundtätigkeit« von Kollaborateuren aus

den eigenen Reihen. Anders als bei den allermeisten

sonstigen Injurienfällen, in denen sich

fast immer zeigte, dass da etwas konstruiert worden

war, um dem Ruf des politisch missliebigen

Kontrahenten zu schaden. Entsprechend hochgradig

erregt zeigte sich zum Ende des ersten

Verhandlungstages vor allem der unversehens

zum Hauptbeschuldigten gewordene Dr. Hector.

Unter Eid könne er beschwören, so der Doktor

mehrfach, dass er das erste Schreiben nicht

kenne, nicht verfasst und nicht dem französischen

Premierminister Clemenceau überreicht

habe. An das zweite Schreiben, dessen deutsches

Original seine Handschrift tragen solle, könne er

sich nicht erinnern. Um den Dingen möglichst

zügig auf den Grund gehen zu können, ordnete

das Gericht an, dass sich sofort eine dreiköpfige

Delegation mit einem Auto der Regierungskommission

auf den Weg nach Saarlouis machen

solle, um das Stadtarchiv nach den Originalschriften

und allen Hinweisen auf die Entstehung

der Denkschrift zu untersuchen und gegebenenfalls

zu beschlagnahmen.

Die Vorlage für den Brief vom 15. Januar 1920

mit der Handschrift Hectors wurde tatsächlich

gefunden. Anhand des Ausgangsjournals für

1920 ließ sich sogar nachvollziehen, wann er unter


saargeschichte|n 39

Der Landesrat war der

wichtigste institutionelle

Gegenspieler

des frankophilen Kurses

von Jacob Hector.

Hier ein Bild aus der

letzten Sitzung des

Landesrats im Saarbrücker

Rathaus,

Dezember 1934. (LA

SB, BSlg.)

welcher Nummer an den Ministre de La Guerre

nach Paris geschickt worden war. Dieser Fund ließ

die letzten Dämme brechen. Als am Montag nach

der samstäglichen Durchsuchung in Saarbrücken

wieder verhandelt wurde, überschlugen sich die

Ereignisse. Hector war nicht mehr vor Gericht

erschienen, hatte ein ärztliches Attest vorlegen

lassen, nach dem er aufgrund von Grippe, nervösen

Beschwerden und Herzleiden für eine Woche

krankgeschrieben war. Auch Hectors Anwalt Donnevert

erschien nicht mehr, hatte nach der neuen

Erkenntnislage sein Mandat niedergelegt, da er

in Kenntnis der ihm bisher vorenthaltenen Informationen

nichts mehr verteidigen könne. Frankes

Anwälte hingegen gingen in die Offensive. Lehmann

erklärte, dass ihn der physische und psychische

Zusammenbruch Hectors angesichts der

erdrückenden Beweislast nicht wundere. Steegmann

hatte bereits am ersten Verhandlungstag

betont, dass er die von Hector reklamierte

Erinnerungslücke für unmöglich halte: Wer

einen solchen Brief an Clémenceau geschrieben

habe, erinnere sich sein ganzes Leben daran. Es

bestünde, so die quasi zu Staatsanwälten mutierten

Verteidiger Frankes, der starke Verdacht, dass

Hector einen Meineid geschworen habe. Sie legten

daher vor Gericht seine Verhaftung nahe, da

Fluchtgefahr bestünde. Außerdem solle sein Haus

durchsucht, seine Privatkorrespondenz beschlagnahmt

und weitere Zeugen gehört werden. Viele

Indizien sprächen dafür, dass Hector auch der Initiator

des ersten, des Begleitschreibens der Denkschrift

gewesen sei.

Mit jedem weiteren Verhandlungstag wuchs der

von ihm selbst initiierte Prozess zu einem völligen

Alptraum für Hector, in politischer wie in

persönlicher Hinsicht. Nur seine, am zweiten Verhandlungstag

durch Gerichtsbeschluss erst sanktionierte

Immunität als quasi »exterritorialer«

Beamter des Völkerbundes, verhinderte seine

sofortige Strafverfolgung. Eine amtsärztliche

Untersuchung Hectors sollte nun feststellen, ob

er weiter verhandlungsfähig sei – und eventuell

am Krankenbett befragt werden könne. Dass

der buchstäbliche Fall eines Ministers auch das

Gericht zunehmend nervös machte, zeigte sich

am dritten Prozesstag. Als der Noch-Angeklagte

Franke angeblich wenige Minuten zu spät vor

Gericht erschien, erhielt er eine scharfe Rüge des

Vorsitzenden. Und an Verteidiger Lehmann richtete

Dr. Messinger die hier vollkommen unangemessen

ironische Frage, ob er deshalb nun

auch die Verhaftung Frankes beantragen wolle.

Der derart aus der Rolle gefallene Richter dokumentierte,

dass der Fall Hector längst zum Politikum

geworden war, dessen Auswachsen zur

Staatskrise man befürchten konnte. Als die Verteidigung

Frankes immer weitere Zeugen vor

Gericht bestellen wollte, um das ganze Ausmaß

der Saarlouiser »Frankreichpolitik« der Jahre

1919/20 zu beleuchten, schob der Regierungschef

persönlich einen Riegel vor: Seinen höchsten

Beamten, die vor die Saarbrücker Schwurkammer

geladen werden sollten – darunter auch der

Generalsekretär und nachmalige Reko-Minister

Morize –, erteilte er Aussageverbot. Da zeitgleich

jener große Bergarbeiterstreik begonnen hatte,

der hundert Tage währen sollte und zur »nationalen«

Kraftprobe wurde, wollte Rault offenbar

nicht noch eine zweite offene Flanke haben.

Sein bisheriger Wohlfahrtsminister hatte da

allerdings schon die Konsequenzen gezogen

und endgültig das Handtuch geworfen. In einer

Erklärung, die sein neuer Rechtsanwalt Flesch am

vierten Verhandlungstag verlesen ließ, gab Hector

an, sich nun doch erinnern zu können, den

ersten Brief seinem Oberstadtsekretär diktiert

und den zweiten selbst geschrieben zu haben.

Die Zeitungslektüre der Namen seiner städtischen

Angestellten, die an der Aktion damals

beteiligt waren, habe seiner Erinnerung auf die

Sprünge geholfen. Im Fall des zweiten Briefes


Mitglieder der

Regierungskommission

unter Präsident

Rault (m.) und französische

Militärs

besuchen das Festgelände

auf dem Großen

Exerzierplatz in

Saarbrücken anlässlich

des französischen

Nationalfeiertages.

(LA SB, BSlg.)

revidierte er ebenfalls seine erste eidliche Aussage,

begründete die fehlende Erinnerung am

ersten Verhandlungstag mit dem Stress einer

zehnstündigen Gerichtsverhandlung und der Tatsache,

dass ihm, einem Menschen, der sich ständig

mit geistigen Materien zu befassen habe, die

Erinnerung an das ein oder andere Detail schnell

eingetrübt werden könne. Im Übrigen habe er

aber beide Aussagen in dem subjektiven Bewusstsein

getätigt, die Wahrheit zu sagen. So wackelig

– oder eher: vorgeschoben – diese Aussagen auch

wirken mochten, sie kamen doch noch gerade

rechtzeitig, um den juristisch begründeten Vorwurf

eines vollzogenen Meineids loszuwerden. [39]

Noch am gleichen Tag erklärte Hector in einem

Schreiben an die Regierungskommission, dass er

sein Amt aus gesundheitlichen Gründen nicht

mehr wahrnehmen könne. Als seinen Stellver-

treter benannte er Julius Land, ehemaliger Landrat

des Kreises Saarlouis. [40]

Nur das Ende des Prozesses in Saarbrücken verhinderte,

dass noch viel mehr Details über die

Beziehungen zwischen Saarlouis und Paris in

Hectors Amtszeit als Bürgermeister ans Licht

kamen. Und die Liste der Zeugen, die noch aufgeboten

worden waren, sprach dafür, dass da

noch so einiges zu sagen gewesen wäre. Am

sechsten und letzten Verhandlungstag erschien

aber kein einziger der Zeugen mehr vor Gericht,

ob sie nun krank gemeldet waren oder ein Aussageverbot

von höchster Stelle hatten. Außerdem

erklärte Dr. Flesch, der Anwalt des ursprünglichen

Nebenklägers Hector, dass der Strafantrag

seines Mandanten gegen Franke zurückgezogen

worden sei. So gab es nichts mehr zu verhandeln.

Damit fehlte allerdings nun auch das Forum für

die weitere öffentliche Aufarbeitung. Immerhin

sorgten die Verteidiger Frankes noch für einen

unüberhörbaren Schlussakkord. Steegmann

taxierte Frankes mediale Enthüllung im Nachhinein

als »eine höchst verdienstvolle Tat, (…) die

[39] Hectors Revision seiner ersten Aussagen und sein dazu

gemachter Kommentar zielte v. a. auf die §§ 158 und 163

StGB, nach denen die Strafe bei Meineid auf die Hälfte

bis ein Viertel reduziert wurde beziehungsweise Straflosigkeit

zur Folge hatte, wenn eine gegenläufige Aussage

vor der Anzeige wegen Meineids erfolgte, wenn

der »Meineid« niemand geschadet hatte und er aus

Fahrlässigkeit erfolgt war.

[40] In seinem Schreiben an die Regierungskommission

heißt es, dass Hecors Krankheit ihn hindere, »pour

plusieurs semaines« an der Arbeit der Reko teilzunehmen,

und dass er daher Julius Land, »ancien Landrate

de Sarrelouis«, als seinen Stellvertreter benenne. Hector

kannte Land auch als Stadtverordneten, er gehörte

dem Rat bereits vor Hector an. Vgl. Procès-verbal du

Conseil de Gouvernement vom 3. März 23 (LA SB, NL

Koßmann 35, S.73) sowie: StA SLS das Beschlussbuch

Stadtverordnetenversammlung 1913–1920.


saargeschichte|n 41

der ganzen Saarbevölkerung zum Wohle

gereicht und für die sie ihm immer dankbar

sein wird«. Und Kollege Lehmann plädierte

entgegen der ursprünglichen Vorstellung

des Gerichts, dass der Staat die Kosten des

Verfahrens trage, dafür, dass alle Kosten

von Hector übernommen werden müssten,

einschließlich jener Unkosten, die dem

Angeklagten entstanden waren. Genau so

beschloss es dann das Gericht. [41]

Vollständiger als Hector konnte man ein

Gerichtsverfahren eigentlich kaum verlieren.

Der Prozess hatte als Beleidigungsklage

gegen einen Redakteur begonnen

und endete als völliges Debakel für einen

Minister. Der Nachhall dieses spektakulären

Verfahrens war noch lange zu hören,

weit über das Prozessende, ja über das

Ende der Völkerbundszeit hinaus.

Ein asiatisches

Gesicht in blau-weißrot,

die Kokarde auf

dem Kopf und eine

(falsche) Schlange,

die das Saargebiet

vergiftet: Die Attribuierung

des frankophilen

Saarbundes

auf einem »deutschen«

Plakat anlässlich

der Landesratswahlen

von 1932 war

eindeutig. (Sammlung

Gerhard Paul)

Vom Nachbeben zum Nachleben

Vor einigen Jahren hat Alexis Andres, französischer

Diplomat und Enkel des früheren saarländischen

Innenministers Edgar Hector, einen

Artikel über die politische Vorstellungswelt seines

Großvaters publiziert. Auf der Suche nach

den frankophilen Wurzeln von Hectors saarländischer

Politik im teilautonomen Saarstaat

kommt Andres zu Beginn auch kurz auf das Wirken

seines Urgroßvaters Jakob Hector zu sprechen.

Ein Grund für dessen Rücktritt aus der

Reko im März 1923 sei die Sorge des Urgroßvaters

gewesen, sein Familienleben vor den politischen

Spannungen schützen zu müssen. Spannungen,

die vor allem auf die »scharfen Angriffe« der

»prodeutschen Opposition« im Saarland gegen

die »frankophilen Neigungen« Jakobs zurückzuführen

gewesen seien. [42]

Nach dem bisher zum Fall Hector Dargelegten

möchte man den einen oder anderen Widerspruch

gegen diese etwas einseitige Begründung

erheben. Im unmittelbaren Handlungszusammenhang

der frühen 1920er Jahre waren

es vorderhand und zuallererst natürlich nicht

familiäre Gründe, die den Rücktritt verursachten,

[41] Infos und Zitat nach: Der Hectorprozeß. Der sechste

Verhandlungstag, in: SZ v. 9. März 23.

[42] Alexis Andres, Edgar Hector und die Saarfrage 1920-

1960, in: Rainer Hudemann u.a. (Hgg.), Grenz-Fall. Das

Saarland zwischen Frankreich und Deutschland 1945–

1960, St. Ingbert 1997, S. 163–176, hier S. 164. Vgl auch die

Straßburger Maîtrise d’histoire des gleichen Autors:Edgar

Hector et la question sarroise 1920–1957.

sondern die in einem einwandfrei rechtsstaatlichen

Verfahren nachgewiesenen ‚Grenzüberschreitungen’

während Hectors Amtszeit als

Bürgermeister von Saarlouis und sein haarscharf

am juristisch sanktionierten Meineid vorbeischrammendes

Verhalten vor Gericht. Als Minister

einer Regierungskommission, die ohnehin

ständig im Kreuzfeuer der (inter)nationalen Kritik

stand, war er so schlechterdings nicht mehr

haltbar, sein Rücktritt kam also quasi zwangsläufig.

Dennoch wäre es nicht gerechtfertigt,

Andres’ Darstellung einfach als pure Apologetik

im Dienst einer möglichst ungetrübten Familienbiografie

zu qualifizieren. Das Narrativ der Familie

Hector hat in diesem Punkt nämlich durchaus

auch seine historisch berechtigten Seiten. Zum

einen, weil völlig überzogene Anfeindungen der

Hectors durch eine »deutsche Opposition« tatsächlich

stattfanden – diese ihre aggressiv-ausgrenzenden

Wirkungen aber erst später und in

anderem Kontext entfalteten. Zum anderen, weil

die öffentliche (Selbst-)Demontage einer politischen

Führungsfigur wie Jakob Hector auch ein

unmittelbares Nachbeben in der Völkerbundszeit

verursachte. Dass davon er und seine Familie

persönlich betroffen sein würden, war kaum

anders zu erwarten, gerade bei nationalen Fragen,

die in den 1920ern stets in unmittelbarer

Verbindung mit denen der Ehre verhandelt wurden.

Mit welcher Hypothek Hector den Neustart in

Privat- und Berufsleben schaffen musste, machte

schon die Eingabe der Saarparteien an den

Völkerbund vom 13. März 1923 klar. »In den Augen


An einem Umzug

frankophiler Organisationen

des Saargebietes

durch Paris

nahm Anfang der

1930er Jahre der

junge Edgar Hector,

Sohn Jakob Hectors

und nachmaliger

saarländischer Innenminister,

als Gallionsfigur

der »Sarre« in

tragender Funktion

teil.

der gesamten Saarbevölkerung«, heißt es da, »ist

und bleibt Dr. Hector allzeit ein Meineidiger und

ein Verräter. Jedermann ist empört, dass ein derartiger

Mann eine so lange Zeit der Vertreter der

Saarbevölkerung in der Regierungskommission

des Saargebietes sein konnte.« Da wir keinen

unmittelbaren Einblick in die Familiengeschichte

jener Zeit besitzen, können wir nur ahnen, was

eine solche Belastung für das Leben in und um

den Großen Markt 16 in Saarlouis bedeutete.

Fest steht zunächst einmal nur, dass Jakob Hector

nach seinem knapp dreijährigen Intermezzo

als Berufspolitiker wieder in seine Arztpraxis

zurückkehrte. Und wenn die Taxierungen späterer

Jahre über diese Zeit zutreffen, dann hatte

Hector nach 1923 wieder eine gut gehende Praxis,

die ein ordentliches Familieneinkommen garantierte.

Eine solche erfolgreiche Reintegration war

keineswegs selbstverständlich nach dem öffentlichen

Absturz, bringt in solchen Fällen der politische

Niedergang doch oft einen harten Einschnitt

in der sozialen Reputation mit sich. Aber vielleicht

war es auch genau umgekehrt. Nach verschiedenen

Erzählungen war Jakob ein guter und

beliebter Arzt, und es könnte genau diese Positionierung

in der lokalen Gesellschaft gewesen sein,

die ihn die Demontage als politische Führungsfigur

relativ schadlos überstehen ließ. [43]

Eine andere Frage ist, wie die dramatischen Ereignisse

von 1923 auf die Kinder der Hectors wirkten.

Die drei ältesten waren Jungen, Arno, Kurt

und Edgar, zum Zeitpunkt des Prozesses knapp

17, 15 und 12 Jahre alt, in einem Alter also, da die

Vaterfigur eine doppelt wichtige Rolle spielt.

Zumal in einer Zeit wie damals, als die Welt der

männlichen Sozialisation von lauter (nationalen)

Heroen bevölkert war. Es braucht nicht viel

Phantasie, um sich vorzustellen, welches Echo die

öffentliche Brandmarkung des Vaters als nationaler

»Verräter« und »Meineidiger« in dieser

[43] Die Eingabe vom 13. März 23 zitiert nach LA SB, NL

Schneider 239; die Einschätzung der Einnahmen aus

dem Praxisbetrieb von Hector in der Völkerbundszeit

nach: einer Taxierung der Ärztekammer in den Entschädigungsakten

der Hectors: LA SB, LEA 14216, Bl. 24.

pubertären Welt ausgelöst hat. Und dass der tägliche

Gang zur deutschen Schule zu einem Spießrutenlauf

werden konnte. Was wiederum ein

Grund dafür gewesen sein mag, dass der Vater

den jüngsten Sohn Edgar für seine letzten Schuljahre

aufs Kolleg der Jesuiten nach Metz schickte.

Die Fürsorge für die Kinder, sie spielte im Hause

Hector sicher eine besonders große Rolle, nicht

zuletzt seit den Erfahrungen aus der ›Gründerzeit‹

der Familie, als dem jungen Paar 1905 binnen

drei Wochen die ersten drei Kinder im Alter von

wenigen Monaten bis zwei Jahren verstarben. [44]

Obwohl man Anfang des 20. Jahrhunderts mit

einem solchen ›schnellen Kindstod‹ viel häufiger

rechnen musste als heute, war das für einen

Arzt und tiefgläubigen Katholiken fraglos eine

traumatische Erfahrung. Umso mehr wird sich

der Vater nach den Ereignissen der frühen 20er

bemüht haben, Schaden von seinen verbliebenen

Kindern abzuhalten. Gemeinsam mit seinem in

Paris auf das Jurastudium wartenden Sohn Edgar

erwarb er 1930 sogar die französische Staatsbürgerschaft.

Vermutlich deshalb, weil das sonst

für den noch minderjährigen Edgar nicht so ohne

weiteres möglich gewesen wäre.

Was von außen – und das heißt: in der historischen

Rückschau wie in der Perspektive von

Hectors Gegenspielern – wie die konsequente

Fortführung eines frankophilen Lebensweges

aussah, das könnte also auch hier noch in eine

andere Richtung weisen. Ähnlich wie bei seinen

profranzösischen Entscheidungen der Nachkriegsjahre

könnte der Weg zur französischen

Staatsbürgerschaft vor allem pragmatischen

Gründen geschuldet gewesen sein, Einsicht in

jene Notwendigkeiten dokumentieren, die man

zu beachten hatte, wenn man die beste Lösung

für seine »Schutzbefohlenen« finden wollte.

Umgekehrt bedeutete dies allerdings auch, dass

Hector nicht die gleichen unverrückbaren Vorstellungen

von Nation und Nationalgefühl teilte

wie die allermeisten seiner (deutschen) Zeitgenossen.

Dass alles Nationale bei ihm nicht jenes

zunehmend ethnisch-völkisch grundierte Fundament

besaß, das die Volksgemeinschaft gerade

nach den Fronterlebnissen des Ersten Weltkriegs

entwickelt hatte. Dass ihm seine Nation

mithin nicht in Fleisch und Blut übergegangen,

nicht untrennbar mit seiner physischen Existenz

verbunden, sondern im Notfall eben auch

austauschbar war. Wäre Hectors Leben einfach

einem frankophilen Muster gefolgt – und zwar in

[44] Vgl.: Klauck, Einwohner Saarlouis (wie Anm.2), Nr. 22270,

S. 553.


saargeschichte|n 43

unserem heutigen, eher positiv konnotierten Verständnis

ebenso wie im durchweg negativen seiner

Zeitgenossen – dann hätte diese Biographie

in vielen Dingen sicher anders ausgesehen. Dann

wäre er bestimmt nach dem GAU von 1923 und

erst recht nach dem Super-GAU von 1935–45

nicht in Saarlouis geblieben beziehungsweise

dorthin zurückgekehrt. Dann hätte er ohne Zweifel

auch sprachlich schon viel früher eine größere

Annäherung an Frankreich gesucht (Hector, so

wird berichtet, hatte hingegen noch in der Exilzeit

aus sprachlichen Gründen Schwierigkeiten,

seinen Arztberuf in Frankreich auszuüben) und

wäre nach den schlimmen Erfahrungen mit großer

Wahrscheinlichkeit dauerhaft in der Grande

Nation geblieben. [45]

Das Beispiel der Frankophilie deutet an, dass

wir sehr viel intensiver über die Kategorien des

Nationalen nachdenken müssen, wenn wir all

das verstehen wollen, was mit dem Fall Hector

verbunden ist. Wir müssen diese Kategorien historisieren,

kontextualisieren, anthropologisieren,

quasi verflüssigen, um nicht durch ein statisches

Begriffsverständnis die Geschichte der 1920er

Jahre zu vernebeln, anstatt sie aufzuklären. Das

gilt für das Selbstverständnis der historischen

Akteure von einst ebenso wie für die wechselnden

Bilder, die wir Nachgeborenen uns von ihnen

machen. Dass das Verdikt vom frankophilen Dr.

Hector, mit dem die Saardeutschen in den Zwanzigern

ihren Zeitgenossen belegten, etwas ganz

anderes konnotierte, als wenn wir heute – aus

der Sicht eines Deutschen – von einem frankophilen

Saarländer sprechen, ist unmittelbar

nachvollziehbar. Der Unterschied von gestern zu

[45] Zur Entwicklung des Nationalismus in Deutschland vgl.

Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland

1790–1990, München 1993, S. 173; Erich Hobsbawm, Nation

und Nationalismus, S. 212ff. Die Informationen zu

Hectors Berufstätigkeit in Frankreich und den mangelnden

Französischkenntnissen nach seiner Entschädigungsakte

in: LA SB, LEA 14216, Bl. 18ff.

heute liegt vor allem darin,

dass bei buchstäblichem

Gleichklang die Frankreichliebe

heute nicht nur denkbar,

sondern möglich, gar

wünschenswert geworden

ist.

Insofern hat die Frankophilie

eine verblüffend ähnliche

Karriere gemacht wie

jene Diskurse über Leib und

Körper, die mit den Vorstellungen

von Nation – wie bereits angedeutet

– so eng verbunden waren. Nichts hat den Körper

in seinen möglichen und verbotenen Äußerungsformen

so eindeutig definiert wie eine scheinbar

ewig festgefügte Ordnung der Geschlechter.

Alles, was von dieser sexuell codierten Ordnung

abwich, wurde als Perversion empfunden, als

widernatürliche Abweichung von jener selbstevidenten

Norm, die die Welt zusammenhielt.

Auf dieser gedanklichen Metaebene betrachtet,

funktionierten Norm und Abweichung in der

Geschlechterordnung ebenso wie in der Ordnung

nationaler Identitäten. Und so nimmt es

kaum Wunder, dass man die Frankophilie lange,

zum Teil noch immer, sprachlich ebenso kategorisierte

wie Homosexualität: Von Neigungen

ist in dem einen wie in dem anderen Fall bis

heute die Rede. Wobei es diese Neigungen früher

zu unterdrücken, gar auszumerzen galt, während

sie mittlerweile als eine von vielen Möglichkeitsformen

gelebt werden wollen. Überspitzt

formuliert entspricht heutige Diversität der

Lebensstile der Internationalisierung, Europäisierung,

Globalisierung politischer Identitätsvorstellungen.

Der Vergleich von nationalen Fragen und Körperbildern

lässt ahnen, wie schwer es ist, eine adäquate

Beurteilung des Falles Hector, seiner Folgen

und der mit ihm verbundenen Erinnerung zu finden.

Weil hier gerade das, was scheinbar ewig gültigen

Naturgesetzen unterliegt, sich in Wirklichkeit

als den Gesetzen der Relativität gehorchend

offenbart. Tatsächlich ergibt sich je nach Standpunkt

ein ganz anderes Bild, einschließlich

jener Ausblendungen und Verfälschungen, die

Perspektivwechsel eben mit sich bringen. So war

bereits die zeitgenössische Auseinandersetzung

von vielen kognitiven Dissonanzen begleitet. Die

saardeutschen Gegenspieler Hectors, infiziert

von der Sozialisation im Kaiserreich und befeuert

von den Erfahrungen des Weltkriegs, konnten

des Doktors Aktivitäten kaum anders deuten

denn als schändlichen Verrat und Betrug – wie

Ein beredtes Zeugnis

für den Wandel der

saarländischen Vorstellung

von Frankophilie

stellte der

erfolgreiche Wahlkampf

des nachmaligen

Ministerpräsidenten

Oskar

Lafontaine im Jahr

1985 dar: Das »savoir

vivre« war staatstragend

geworden.

(LA SB, Plakatsammlung)


Edgar Hector bei

einem Empfang

des saarländischen

Ministerpräsidenten

im Ministerpräsidium

in der Saarbrücker

Schillerstraße 1949.

Neben Hector Josef

Kurtz (l.) und Emil

Weiten (r.)

sonst hätte man eine Politik erklären können, sie

so offenkundig der natürlichen Ordnung widersprach?

Sie übersahen dabei ganz (und vermutlich

auch gerne), dass Hector sehr wohl im Interesse

des (lokalen) Gemeinwohls handelte, dass

er diese Gemeinschaft aber ganz offenkundig

nicht als vom nationalen Blut schicksalhaft

zusammengehaltenen Volkskörper begriff. Dass

gerade er als Arzt dem engen Konnex von Körper

und Nation skeptisch gegenüberstand, ist vielleicht

kein Zufall, zumal solche transzendenten

Gemeinschaftsvorstellungen in einem unmittelbaren

Konkurrenzverhältnis zu denen »seiner«

heiligen katholischen Kirche standen.

Ob man Hectors Politik der Jahre 1919/20 im

juristischen Sinne überhaupt als »Landesverrat«

hätte sanktionieren können, ist eine andere

Frage. Immerhin befand sich die Saar damals in

so etwas wie einem nationalen Schwebezustand,

schufen das Besatzungsregime, die Möglichkeiten

einer friedensvertraglichen Neuregelung

und schließlich der internationale Status der

Völkerbundsregierung ganz andere Voraussetzungen

als es vor 1919 oder nach 1935 der Fall

gewesen wäre. Selbst wenn aber Hector in diesem

Punkt einen Freispruch vor einem virtuellen

Gericht und der realen Geschichte erreichen

könnte, so war doch sein Verhalten nicht frei von

Schuld, von Fehlern und Fehlwahrnehmungen.

Denn so sehr er sich mit seiner Frankreichpolitik

eigentlich für das Wohl seiner Stadt einsetzen

wollte, so sehr übersah er dabei gut und gerne,

dass er sich über die nationalen Gedanken und

Gefühle der allermeisten Mitbürger_innen in seiner

Kommune recht eigenmächtig hinwegsetzte.

Dass er damit die demokratischen Spielregeln im

Saarlouiser Rathaus missachtete. Dass er sogar

bereit war, den großen Mehrheitswillen mit

einem Doppelspiel zu delegitimieren. Ob er dabei

wissentlich trickste oder nur in wohlmeinender

Absicht Dinge zuließ, von denen er selbst lieber

nichts wissen wollte, ist letztlich nur ein gradueller

Unterschied. Vermutlich glaubte er einfach,

auch da ganz Arzt, die einzig richtige Medizin für

seine politischen »Patienten« zu haben.

Die kollektive Erinnerung des Saarlandes an den

Fall Hector hat sich sehr lange gehalten, teils

namentlich, noch viel mehr aber als Metapher für

jenes Feld der deutsch-französischen Wechsellagen,

in dem das Land seine nationale, staatliche

und kulturelle Identität gesucht und gefunden

hat. Die langlebige Erinnerung hat sicher damit

zu tun, dass der Fall Hector den Anfang unseres

»Saarhunderts« beschreibt, dass er genau an jener

Schnittstelle stattfand, an dem staatliche Identitäten

– erstmals einschließlich einer solchen des

Saarlandes selbst – neu verhandelt und nationale

Gefühlslagen neu befeuert wurden. Im Fall Hector

steckte damit bereits die gesamte Potenzialität

des saarländischen »Sonderwegs«, der im

deutsch-französischen Antagonismus begann

und im Zeichen deutsch-französischer Freundschaft

bis heute fortlebt. Die unterschiedliche

Perspektivierung der nationalen Frage, die schon

den Hectorprozess so explosiv gemacht hatte,

bestimmt auch die historische Rückschau auf den

Fall. Die einen, deren nationales Blut die Frankophilie

bereits in den 1920ern in Wallung gebracht

hatte, sahen in ihm so etwas wie die Erbsünde

des Separatismus’ und der patriotischen Unzuverlässigkeit.

Der Fall Hector stand deswegen

ganz folgerichtig stets am Anfang jenes deutschnationalen

Narrativs vom Saarland, das nach

den nationalsozialistischen Monstrositäten zwar

modifiziert, aber nicht grundsätzlich in Frage

gestellt werden musste. Mit dem Innenminister

Edgar Hector hatte die »deutsche« Opposition

auch im frankophilen Nachkriegssaarland einen

glänzend funktionierenden Gegenspieler aus der

gleichen Familie gefunden, der damit die alten

Vorstellungen vom Zusammenhang von Blut und

Nation quasi ex negativo spiegelte.


saargeschichte|n 45

Der seit 1930 französische

Saarländer Jacob

Hector (3.v.l.) unter

Franzosen: Hoher

Kommissar Gilbert

Grandval, General

Joseph Louis Marie

Andlauer, Madame

Christine Grandval

(erste Reihe, v.l.n.r.).

(LA SB, NPressPhA)

Auf der anderen Seite der saarländischen Sonderwegsgeschichte

stand die Fraktion derer,

deren nationale Identitätsvorstellungen entweder

bereits nach dem Ersten Weltkrieg Flexibilitäten

zuließen (eine winzige Minderheit)

oder nach den schlimmen Erfahrungen der

Nazizeit einem leiblich-völkisch begründeten

Nationalismus endgültig abgeschworen hatten.

In dieser bis heute lebendigen Tradition hat die

Erinnerung an Jakob Hector einen neuen Platz

erhalten. Seine frankophile Politik wurde nicht

nur vom Ruch des Vaterlandsverrats befreit, sondern

retrospektiv geadelt: durch Hectors Beitrag

zum Widerstand gegen Hitler (der 1933 mit

der Gründung der von Frankreich unterstützten

Saarländischen Wirtschaftsvereinigung begann),

durch seine Emigration nach Frankreich, durch

seinen Status als Verfolgter des Nationalsozialismus.

Dass auch die Umstände des Falles Hector

vor diesem Hintergrund unter eine Art Generalamnestie

gestellt wurden, ist moralisch absolut

verständlich, historiographisch aber fragwürdig.

Nicht nur, weil der Prozess bereits zehn Jahre

vor der nationalsozialistischen Machtergreifung

stattgefunden hatte, sondern auch, weil diese

Überblendung nicht unbedingt zu einer intensiveren

Beschäftigung mit diesem wichtigen Kapitel

saarländischer Geschichte beigetragen hat.

Und heute, was ist geblieben in der saarländischen

Erinnerung an Jakob Hector und seinen Fall?

Man hat auch nach längerer Beschäftigung das

Gefühl, dass es abgesehen von der bereits eingangs

benannten Fanalwirkung seines Namens

wenige Fakten aber viele moralische Grautöne

gibt. Weil die »deutsche« Tradition ihn nicht

gänzlich zur Antifigur aufbauen konnte (dagegen

stand sein antinazistisches Engagement) und

die antinazistische Tradition ihn nicht rundweg

positiv vereinnahmen konnte (dagegen stand

sein undemokratisches Verhalten am Beginn des

»Saarhunderts«), wurde er in eine Ecke des saarländischen

Geschichtsraumes gestellt, die man

am besten nur wenig, ganz diskret beleuchtet.

Selbst in Saarlouis, jener Stadt, in der er sein halbes

Leben gewohnt und gearbeitet und für die

er riskante Reisen nach Paris unternommen hat,

selbst in dieser »seiner« Stadt stammt die heutige

Erinnerungskultur eigentlich von gestern.

Wäre der frankophile Saarstaat nicht gewesen,

würde man Hectors Namen in der Saarlouiser

Öffentlichkeit vermutlich vergeblich suchen.

Denn nur damals gab es für ihn eine öffentliche

Rehabilitation, er erhielt die Ehrenbürgerschaft

der Stadt und schon ein Jahr später (1951), noch

zu seinen Lebzeiten, wurde eine Straße nach

ihm benannt. An der vielleicht deswegen wiederum

das Erstaunlichste ist, dass sie die »Kulturrevolution«

von 1956/57 überlebt hat.

Aber wer weiß, vielleicht gibt es in Saarlouis

ja irgendwann ein Hector-Revival. In Zeiten, in

denen Kulturmanagement und Stadtmarketing

den Reiz der Frankophilie neu entdeckt haben,

in denen man mit strahlenden Augen und ohne

nationale Störfeuer seine französische Festungsgeschichte

präsentieren kann (natürlich auf

Deutsch), in denen man savoir vivre zu Füßen

eines saarlouis-französischen Generals zelebriert,

der nicht nur zu leben, sondern natürlich auch zu

töten verstand – in diesen verrückten, schönen,

modernen Zeiten könnte man sich doch eigentlich

auch wieder mehr an jenen frankophilen

Mann erinnern, der vor hundert Jahren ganz

heimlich große Pläne für seine Stadt entwickelt

hatte. Wären sie aufgegangen, die Saarlouiser

müssten heute nicht mehr nur von der heimlichen

Hauptstadt des Saarlandes schwärmen.

Sie könnten sogar auf das Adjektiv verzichten.


mit dem rütlischwur heim ins reich!

Der Abstimmungskampf von 1935 und seine eidgenössischen Vorbilder

von florian bührer

Toni Zepf, Saarkundgebung

am Niederwalddenkmal

27.

August 1933, Farblithographie,

100 x

155 cm, Auftraggeber:

Saarvereine. (Institut

für Zeitungsforschung

Dortmund)

An der Saar kam es 1935 zu regelrechten Plakatschlachten.

Der Grund: Wie im Versailler Vertrag

vorgesehen, fand am 13. Januar 1935 unter Aufsicht

des Völkerbunds eine Volksabstimmung

statt. Die Saarländer und Saarländerinnen sollten

über ihre Zukunft entscheiden. Vor allem von

deutscher Seite ging der Abstimmung eine massive

Propagandakampagne voraus. Unter Führung

der NSDAP hatten sich 1933 im Saarland

rechte Parteien zur »Deutschen Front« formiert,

die vom Deutschen Reich auch finanziell unterstützt

wurde. Egal ob Befürworter oder Gegner

eines Anschlusses an das Dritte Reich – ihre visuellen

Argumente ähnelten sich stark. Blickt man

aus der Schweiz auf die eingesetzten Bildmotive

ist man überrascht. Denn die sind auch im eidgenössischen

Bildgedächtnis omnipräsent.

An der Saar sei es bei der Saarabstimmung 1935

zu »regelrechten Plakatschlachten« [1] gekommen,

schreiben die Historiker und Autoren Gerhard

Paul und Ralph Schock. Das verwundert insofern,

da in Deutschland Volksabstimmungen nur selten

stattfinden und folglich das Abstimmungsplakat

hier ein Nischendasein fristet. Anders

in der Schweiz. Flaniert man dort vor einem

Abstimmungssonntag durch den öffentlichen

Raum, wird man von der Vielzahl an Plakaten

förmlich erschlagen. Mit Beginn des

Schweizer Bundesstaates und der ersten eidgenössischen

Volksabstimmung 1848 tauchten

allmählich immer mehr Plakate an Häuserund

Plakatwänden auf. Nicht so in Deutschland.

Denn zur gleichen Zeit wurde hier das politische

Plakat verboten. Das Zensurgesetz blieb

bis 1918 in Kraft, politische Plakate waren in

Deutschland bis 1914 in Gänze verboten. [2]

Es dauerte beinahe 20 Jahre, bis im Saarland der

besondere Plakattypus des Abstimmungsplakats

auf deutschem Bode eine kurze Blütezeit erfuhr.

Die beiden Abstimmungskämpfe von 1935 und

1955 zeigen die wechselvolle Geschichte des Saar-

[1] Gerhard Paul; Ralph Schock, Saargeschichte im Plakat

1918–1957, Saarbrücken 1987, S. 7.

[2] Kai Artinger, Das politische Plakat – Einige Bemerkungen

zur Funktion und Geschichte. In: ders (Hg.), Die Grundrechte

im Spiegel des Plakats von 1919 bis 1999, Berlin

2000, S. 15–22, hier S. 19.

landes zwischen Deutschland und Frankreich,

zwischen Demokratie und diktatorischer Herrschaft

und zwischen militärischer Besatzung und

vermeintlicher Befreiung. Jeder dieser Punkte

würde meterweise historische Bücherregale füllen.

Die Bildwissenschaft interessiert sich jedoch

mehr für die eingesetzten Bildmotive. Denn sie

sind es, die die stummen Plakate zum Sprechen

bringen. Wie sich zeigt, waren vor allem bei der

ersten Abstimmung 1935 an der Saar Bildmotive

beliebt, die in ihrer ästhetischen Gestaltung

und in ihrer ikonographischen Aussage im kollektiven

schweizerischen Bildgedächtnis einen

festen Platz haben, und die auch in den eidgenössischen

Abstimmungskämpfen seit mehr


saargeschichte|n 47

als hundert Jahren eine große Rolle spielen. Nämlich

die Gründermythen Wilhelm Tell oder der

Rütlischwur. Sie sind so genannte »Schlagbilder«,

die der Hamburger Kunst- und Bildhistoriker

Aby Warburg während des Ersten Weltkriegs

als Reaktion auf die gestiegene Bildproduktion

prägte. Er meinte damit den gesteigerten affektiven

Gehalt von Bildern, die besonders in politischen

Streitfragen mit Kalkül eingesetzt wurden.

[3]

Durch sie werden politische Vorstellungs- und

Erscheinungsbilder geformt und propagiert. Die

saarländischen Plakate zeigen, dass diese Schlagbilder

länderübergreifend ihre Wirkung in der

politischen Propaganda entfalten. Egal bei welch

politischer Couleur. Egal ob an der Saar, an der

Prims oder eben an der Limmat.Der Duft der Freiheit

weht nur wenige Jahre an der Saar Nach

der Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten

Weltkrieg trat am 10. Januar 1920 der Versailler

Vertrag in Kraft. Da sich Frankreich mit der Annexion

des Saarreviers nicht durchsetzten konnte,

einigten sich alle Parteien auf den Kompromiss,

dass das Saargebiet fünfzehn Jahre lang vom

Völkerbund verwaltet werden sollte. Der französische

Staat übernahm als Ersatz für die im

Ersten Weltkrieg zerstörten nordfranzösischen

Kohlengruben und als Reparationsleistungen

die Kontrolle über die Gruben an der Saar. Unter

dem Vorsitz des Franzosen Victor Rault nahm die

Regierungskommission am 26. Februar 1920 ihre

Amtsgeschäfte auf. Rault drang darauf, die französischen

Rechte an der Saar auszubauen und

kritische Stimmen zu unterdrücken. Erst 1922

wurde auf Drängen der Bevölkerung ein Länderrat

eingerichtet, der politisch aber nur eine

beratende Funktion hatte. Nach fünfzehn Jahren

musste also die saarländische Bevölkerung

darüber entscheiden, ob sie zu Frankreich oder

Deutschland gehören wollte, oder ob der Status

Quo, das Mandat des Völkerbundes, aufrechterhalten

werden sollte. Der überwiegende Teil

der Saarbevölkerung neigte der Rückgliederung

an Deutschland zu. Am Tag der Abstimmung war

dann die vaterländische Gesinnung des Volkes

stärker als alle wirtschaftlichen Erwägungen, die

gegen den Anschluss sprachen. Über 90 Prozent

der Wähler stimmten für die Wiedervereinigung

mit dem Deutschen Reich. [4]

Im Herbst 1933 setzte in den saarländischen

Städten und Dörfern ein regelrechter »Plakat-,

Transparenten- und Fahnenkrieg« [5] ein. Zwischen

Befürwortern und Gegnern einer »Heimkehr ins

Reich« entbrannte ein heftiger Kampf auf den

Plakatwänden. Die »Deutsche Front« stand an

der Spitze jener politischen Kräfte, die für die

Rückkehr des Saargebiets in ein diktatorisch

regiertes, faschistisches Deutsches Reich eintraten.

Sie war eine Sammelbewegung aus konservativen,

rechtsgerichteten und bürgerlichen

Parteien und setzte auf die Zugkraft nationaler

Parolen. [6] Auch Gebrauchsgraphiker wie der

Saarbrücker Toni Zepf stellten ihre Arbeit in den

nationalen Dienst. Sein 1933 entworfenes Plakat

»Saar Kundgebung am Niederwald-Denkmal«

wirbt mit einer gewaltig senkrecht in den Himmel

ragenden, schwarz-weiß-rot eingefärbten

Schwurhand, hinter der aufrecht und herrschaftlich

auftretenden Germania für die Rückkehr

des Saarlands nach Deutschland. Inmitten einer

heimisch anmutenden, grau schattierten Landschaft

steigt jene Schwurhand empor, die in der

Schweiz eine wohl Bekannte ist. Als Insigne der

Qualität ziert sie seit vielen Jahren Lebensmittelverpackungen

und der Legende nach sollen

drei freiheitsliebende Eidgenossen sie auf einer

Anonym, Wählt Liste

3 zu den Grossratsund

Regierungsratswahlen

im Kanton

Bern vom 5./6. Mai

1934, Auftraggeber:

Nationale Front, Farblithographie,

100 x 71

cm. (Plakatsammlung

Bern, SNL_POL_333)

[3] Aby Warburg, Heidnisch-antike Weissagungen in Wort

und Bild zu Luthers Zeiten (1920). In: Horst Bredekamp;

Michael Diers; Kurt W. Forster; Nicholas Mann; Salvatore

Settis; Martin Warnke (Hg.): Aby Warburg. Gesammelte

Schriften. Erste Abteilung, Band I.2. Die Erneuerung der

heidnischen Antike. Kulturwissenschaftliche Beiträge

der europäischen Renaissance, Berlin 1998, S. 487–558,

hier S. 513.

[4] Peter Rütters, Landesparlamentarismus – Saarland, In:

Siegfried Mielke; Werner Reuter (Hg.): Landesparlamentarismus.

Geschichte – Struktur – Funktionen, 2. durchgesehene

und aktualisierte Auflage, Wiesbaden, S. 471–

508, hier S. 472.

[5] Paul; Schock, 1987, S. 61.

[6] Wolfgang Behringer; Gabriele Clemens, Geschichte des

Saarlandes, München 2009, S. 101.


Anonym, Nur Status

Quo schützt unsere

Heimat, Auftraggeber:

Status-quo-

Bündnis 1934, Farblithographie

50 x 66

cm. (Deutsche Bibliothek

Frankfurt am

Main)

Wiese am Vierwaldstättersee im ausgehenden

15. Jahrhundert gen Himmel gereckt haben. Die

Hand rekrutiert auf den Rütlischwur – jener

Gründungsmythos der Schweiz, mit dem sich die

Eidgenossen gegen die Habsburger Tyrannei zur

Wehr gesetzt haben. [7] Im populären Geschichtsbild

der Schweizer Bürger ist der Schwur Symbol

der Unabhängigkeit und der Selbstbestimmung.

Im »Weissen Buch von Sarnen«, einer Sammlung

eidgenössischer Urkunden, hieß es 1470:

»und swüren einandern truw und wahrheit und

ir lib und güt ze wagen und sich der herren zu

[7] Ausführlich zum Rütlischwur und den historischen Begebenheiten:

Jean-François Bergier, Wilhelm Tel – Realität

und Mythos, Zürich 2012.

werren.« [8] Hunderte Jahre später aktualisierte

Zepf den Schwur vor einem Hakenkreuz, wahrlich

dem Symbol schlechthin für Unfreiheit und

Unterdrückung: »Schwört und sprecht: Recht

bleibt Recht, Wahr bleibt wahr: Deutsch die Saar.«

Zepf hat den Treueschwur nationalsozialistisch

aufgeladen und macht das nicht zuletzt durch

die Farbkombination schwarz-weiß-rot deutlich.

In seiner Darstellung schwört das Volk nicht der

Freiheit, sondern der nationalsozialistisch Tyrannei

die Treue. Diese faschistische Umdeutung des

[8] Zit. in: Georg Kreis; Josef Wiget, Mythos Rütli: Geschichte

eines Erinnerungsortes, Zürich 2001, S. 77. Sinngemäße

Übersetzung: und schwören gegenseitige Treue und

Wahrheit, Leib und Leben zu wagen und sich gegen die

Herren zu wehren.


saargeschichte|n 49

Schwurs hat das Saarland aber nicht exklusiv. In

der politischen Agitation der Schweiz erlebte der

Rütlischwur vor allem während der Geistigen

Landesverteidigung einen Höhepunkt. Die Geistigen

Landesverteidigung war eine politisch-kulturelle

Bewegung von den 1930er bis in die 60er

Jahre, die »schweizerische« Werte stärken und

das Land gegen die Bedrohung von Nationalsozialismus,

Faschismus und später Kommunismus

schützen sollte. Freilich war die Bewegung

nicht vor faschistischen Tendenzen sicher. Beinahe

zeitgleich warb die »Nationale Front« im

Kanton Bern zu den Grossrats- und Regierungsratswahlen

mit der Schwurhand. Beide

Bewegungen waren in ihrer politischen Haltung

identisch. Auch die »Nationale Front« lehnte sich

an die NSDAP an und machte aus ihrer Liebe

zum Nationalsozialismus keinen Hehl. [9] Statt

schwarz-weiß-rot sollte auf dem Plakat eine rote

Schwurhand samt weißem Kreuz die patriotischem

Gefühle ansprechen. In beiden Plakatbeispielen

ging der freiheitsstrebende Schwur und

der Nationalsozialismus eine unheilvolle Symbiose

ein.

Die Gegner der Rückgliederung des Saarlandes

traten für den Staus Quo ein. Sie mussten im

Abstimmungskampf gegen eine Welle des

[9] Jakob Tanner, Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert,

München 2015, S. 234.

Nationalgefühls ankämpfen. Da die

Befürworter einer Rückkehr zum Großdeutschen

Reich die nationale Unzuverlässigkeit

der Linken betonten,

mussten die Anhänger des Status Quo

ihre Liebe für die Heimat und ihr nationales

Bekenntnis unter Beweis stellen.

»Nur Status Quo schützt unsere

Heimat« verkündet das bekannteste

Plakat der Einheitsfront aus Sozialisten,

Antifaschisten und Kommunisten.

Wie auch ihre politische Kontrahenten

vertrauten sie der Wirkmacht der

Schwurhand. Mit ihr in tiefer Nacht

über einem stilisierten Saargebiet

voller Kirchtürme und Fördergerüste

wollten sie die Propaganda der Gegner

vereinnahmen und das Nationalgefühl

von links instrumentalisieren.

In der Schweizer Plakatgeschichte ist

es keine Seltenheit, dass dasselbe Plakatsujet

während einer Abstimmung

von rechts, wie auch von links vereinnahmt

wird. [10] Der Rütlischwur

hat viele Zungen. Er ist länderübergreifend

offen für unterschiedliche, mitunter

divergierende Interpretationen. Auch an der

Saar.Auch auf ihrem Plakat »Volksfront für Status

Quo« stellte die Einheitsfront den schweizerischen

Gründungsmythos in ihre Sache. Die

drei Eidgenossen wurden ab dem 18. Jahrhundert

zu einem beliebten Motiv im eidgenössischen

Kunstschaffen. Eine der prominentesten Visualisierungen

der freiheitsgewillten Eidgenossen

ist sicherlich Johann Heinrich Füsslis Gemälde

»Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem

Rütli« von 1781. Anfang des 20. Jahrhunderts vollzog

sich die schrittweise Ablösung vom konkreten

Ort und die Ausdrucksfähigkeit der Gruppe

wurde für einen allgemeinen politischen Kontext

vereinnahmt. [11] Auf dem Plakat des Status-Quo-

Bündnisses haben die drei Schwörenden ihre historische

Kleidung zugunsten des »Dresscodes«

der vorkriegszeitlichen Drei-Klassen-Gesellschaft

eingetauscht. Sie verkörpern die Vereinigung des

Bürgertums, der Arbeiter- und der Bauernschaft.

In ähnlicher Tonlage hat Friedrich Schiller in sei-

[10] Siehe hierzu etwa: Bruno Margadant, Das Schweizer Plakat:

1900–1983, Basel 1983 oder auch Bruno Margadant,

»Für das Volk – gegen das Kapital«: Plakate der schweizerischen

Arbeiterbewegung von 1919 bis 1973: 99 Plakate,

Zürich 1973.

[11] Florian Bührer, Die Ikonographie Schweizer Abstimmungsplakate,

Berlin 2015, S. 49.

Anonym, Volksfront

für Status

Quo, Auftraggeber:

Status-quo-Bündnis,

1934, Schwarzer

Druck auf weißem

Grund, 91 x 61 cm.

(Hoover Institution

Library & Archives,

Stanford University,

XX343.8994)


Hans Schweitzer

(Mjölnir), Deutsche

Mutter - heim zu Dir!,

Auftraggeber: Deutscher

Front 1934, Farblithographie,

84 x 119

cm. (Bundesarchiv

Koblenz, Plak 003-

004-019)

nem Drama Wilhelm Tell den Rütlischwur formuliert:

Dort versprechen sich die drei Eidgenossen:

»Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,

in keiner Not uns trennen und Gefahr.« [12] Der

Gefahr des Nationalsozialismus begegneten die

Anhänger des Statue Quo allerdings ganz und gar

nicht geeint. In ihrem Plakatschaffen ignorierten

sie ganze Bevölkerungsgruppen wie Anhänger

der katholischen Kirche oder Frauen. So ist die

Selbstbeschreibung »Volksfront« mit Vorsicht zu

[12] Friedrich Schiller, Wilhelm Tell, Tübingen 1804, S. 147.

genießen, wie Gerhard Paul und Ralph Schock

anmerken. [13] Immerhin: Frauen durften bei der

Abstimmung ihre Stimme abgeben. Dieses »Privileg«

war den Schweizer Frauen noch jahrelang

vergönnt. Die Mutter der Nation Ein »optischer

Schrei« [14] , der Aufmerksamkeit erzeugt, ist Hans

Schweitzers Plakat »Deutsche Mutter – heim

[13] Paul; Schock, 1987, S. 67.

[14] So beschreibt der Kunsthistoriker Kai Artinger die wesentliche

Aufgabe eines Plakats. Sieht hierzu: Artinger,

2000, S. 19.


saargeschichte|n 51

zu dir«. Es erfüllt im besten Sinne ein wesentliches

Merkmal politischer Plakate, wie es in der

Schweiz von Plakatkennern vor vielen Jahren

formuliert wurde: »Es wird an unterschwellige

Regungen appelliert, und es werden Emotionen,

manchmal Aggressionen ausgelöst.« [15]

Die »Nationale Front« zielte mit ihrem Plakat

auf die »Ausschaltung des kalt rechnenden Verstandes«

und die »Eroberung des Herzens«. [16] Für

Schweitzer, der unter dem Pseudonym Mjölnir

gestaltete, ist die Rückkehr des Saarlandes zum

Dritten Reich etwas sehr persönliches. Es ist, als

komme der Sohn heim und falle in die Arme der

Mutter. Mjölnir, einer der bekanntesten nationalsozialistischen

Plakatkünstler, proklamierte

unmissverständlich: Deutscher Sohn, komm

heim ins Reich! Der Sohn hat auf dem Plakat die

französische Fabrikkulisse hinter sich gelassen

und überquert die saarländisch-französsiche

Grenze. Erschöpft fällt er in seiner deutschen Heimat

seiner Mutter vor dem Trier Dom in die Arme.

In einer Zeit voller Ungewissheit greift Mjölnir

die latenten Bedürfnisse der saarländischen

Bevölkerung nach Geborgenheit und Sicherheit

auf. Das großdeutsche Reich als hilfsbereite Mutter

versprach in Zeiten der großen Wirtschaftskrise

den Menschen an der Saar vermeintlich

Arbeit und Brot. Die enge Koppelung der Begriffe

Mutter und Heimat bot, wie die beiden Publizis-

[15] Willy Rotzler; Fritz Schärer; Karl Wobmann, Das Plakat

In der Schweiz, Zürich 1991, S. 11.

[16] Paul; Schock, 1987, S. 61.

tinnen Maruta Schmidt und Gabi Dietz

aufzeigen, den Nationalsozialisten

eine entsprechende Projektionsfläche,

um die Begeisterung und Bindung

der Volksgemeinschaft an die eigene

Nation und deren vermeintliche

Größe anzufachen. [17] Die gesellschaftliche

Überhöhung des Mutterbildes

und vor allem der Bildtypus der liebevoll

und schützenden Mutter, die

sich dem Kind zuneigt und es schützend

umfaßt, ist in der politischen

Ikonographie wohlbekannt. In der

Schweiz ging die »Matrona Helvetia«

als mütterliche Personifikation in der

Ikonographie des 19. Jahrhunderts ein.

Im Konflikt mit Preußen um den Kanton

Neuenburg 1856 und zur Zeit der

ersten Gesamtrevision der Verfassung

1874 trat die Helvetia als gerüstete

Mutter wehrhafter Söhne mit Speer,

Schild und Panzer auf. [18] Dieses Bild

der angriffslustigen Helvetia hat sich während

des Ersten Weltkriegs gewandelt. Von nun an

hat sich die Helvetia Schild und Speer abgelegt.

Ganz im Sinne des Zeitgeists zeigt eine Postkarte

des Roten Kreuz zur Bundesfeier 1917 sie in

ihrer mütterlichen Rolle. Nach einem Gemälde

von Eugène Burnand gibt sie sich als einfache

Bürgersfrau, gekleidet in einen groben Mantel,

und hilft den Schwachen und Verfolgten. Barmherzig

nimmt sie ihre Landeskinder unter den

Mantel. Die häufige Darstellung der Helvetia als

Mutter für bedrängte Kinder, Alte und Flüchtende

in der Not ist ein typisches Schlagbild der Schweizer

Ikonographie. Jedoch tritt sie immer jung

und aufrecht auf. Mjölnirs Darstellung der älteren

Frau in gebückter Haltung und grauem Haar

zeugt von den Qualen, die der verlorene Weltkrieg

und der Versailler Vertrag über sie – also über

Deutschland – gebracht haben. Macht weit auf

die Tore Ein besonderes Plakat ist Sepp Semars

»Zu Deutschland«. Am oberen Rand prangt ein

lichtdurchflutetes Hakenkreuz. Es ist eines der

wenigen Plakate, das mit nationalsozialistischer

Symbolik wirbt. Ansonsten verzichtete die »Deutsche

Front« darauf, derart offen ihre politische

Heimat zur Schau zu stellen. Die Plakate sollten

den Eindruck erwecken, es handle sich bei der

[17] Maruta Schmidt; Gabi Dietz, Frauen unterm Hakenkreuz.

Eine Dokumentation, München 1985, S. 56–67.

[18] Ted Stoll, Helvetia und ihre Schwestern: Trouvailles aus

der Rumpelkammer der Geschichte: ein inoffizieller

Beitrag zum Jubeljahr 1991, Bern 1990, S. 76.

Sepp Semar, Zu

Deutschland, Auftraggeber:

Deutsche

Front 1934, Zweifarbendruck,

82 x 117

cm. (Bundesarchiv

Koblenz, Plak 003-

004-020)


Rolf Gfeller, Wählt

freisinnig, Für eine

starke freie Demokratie,

Auftraggeber:

Freisinnig-

Demokratische

Partei der Schweiz,

1951, Farblithographie

127,5 x

90,5cm. (Plakatsammlung

Bern,

SNL_POL_586)

Abstimmung um eine nationale Entscheidung

unabhängig politischer Rahmenbedingungen. [19]

Der Zweibrücker Gebrauchsgrafiker Semar stellte

sein künstlerisches Talent regelmäßig in den

Dienst des Nationalsozialismus. Sein Aushang

»Zu Deutschland« strahlt eine enorme Entschlossenheit

und Siegeszuversicht aus. Ein muskulöser,

ganz in schwarz gekleideter Arbeiter in

Rückansicht stößt mit einem mächtigen Kraftakt

ein schweres Tor auf. Es ist das Tor zum Dritten

Reich. Endlich tritt der junge Mann aus der französischen

Unterdrückung heraus und in das wärmende

Licht des Hakenkreuzes. Für Semar stand

ohne Zweifel fest, wo die Zukunft des Saarlandes

liegen sollte.

In seiner ästhetischen Gestaltung erinnert das

Plakat unweigerlich an ein Plakat des Berner

Künstler Rolf Gfeller. Für die Freisinnig-Demokratische

Partei der Schweiz gestaltete er in den

Fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein

[19] Franz Maier; Sylvain Chimello; Charles Hiegel, Krieg auf

Plakaten – La Guerre par l‘Affiche, Koblenz 2000, S. 77.

nahezu identisches Plakat. Zumindest

aus formalen Gesichtspunkten. Ebenfalls

in Rückansicht stößt ein hermsärmeliger

junger Mann, nicht ganz

so muskulös, in zeitgenössischer Kleidung

kraftvoll zwei Türflügel auf und

eröffnet sich und dem Betrachter den

Weg in die Zukunft. Anders als bei

Semar liegt die Zukunft aber nicht im

nationalsozialistischen Terrorregime,

sondern in einer starken und freien

Demokratie. Es ist wohl gewiss, dass

Gfeller nicht Semars Plakat zum Vorbild

nahm. Vielmehr erinnern die beiden

Plakate in ihren Kompositionen und

der malerischen Stile an ein bekanntes

Schweizer Gemälde. Wären statt

der Türflügel schroffe Felsen und Wolken,

würde man unweigerlich an den

Hodlerschen Tell denken. Der Schweizer

Nationalmaler Ferdinand Hodler

erschuf um 1896 den überlebensgroßen

»Wilhelm Tell«. Der Schweizer

Freiheitskämpfer steht frontal auf

einer Anhöhe, fixiert den Betrachter

mit grimmigem Ausdruck, in der linken

Hand trägt er die Armbrust als

Zeichen der Kampfbereitschaft. Links

und rechts sind die bekannten Wolken,

aus denen er hervortritt. Durch

die Kehrtwende der Figur verändern

beide Künstler die Aussage. Sie sprechen

den Betrachter nicht mehr direkt an, sondern

zeigen ihm den künftigen Weg. Der könnte

unterschiedlicher nicht sein. Bei Semar endet

der Weg im Nationalsozialismus endet, Gfeller

macht sich für eine freie Demokratie stark. Am

18. Januar beschloss der Völkerbund die Wiedervereinigung

des Saargebiets mit dem Deutschen

Reich zum 1. März 1945. An jenem Tag fanden an

der Saar große Feierlichkeiten statt und Adolf

Hitler nahm vor dem Saarbrücker Rathaus den

Vorbeimarsch der »Deutschen-Front«-Formation

ab. »Getreu bis in den Tod« hatten sich die Saarländer

dem nationalsozialistischen Deutschland

verschworen und leisteten diesen Schwur noch

einmal auf einem Plakat vom 1. März. Wie wir

wissen, kam der Tod bereits wenige Jahre später.

Was aber bis heute blieb sind die Bildmotive – die

Schlagbilder – die ihre Kraft aus den Varianten

langer Überlieferungen gewinnen und die an der

Saar, weit weg der eidgenössischen Heimat, offen

für unterschiedliche, mitunter divergierende

Interpretationen sind.


seines zeichens ein dichter

saargeschichte|n 53

Der Kölner Expressionist Johannes Theodor Kuhlemann und Saarbrücken

von ralph schock

Unter dem Titel »Also heraus und weit weg!

– Expressionismus, eine Epoche und die Saarregion«

wird im Sommer 2020 im Conte-Verlag

ein Lese- und Bilderbuch erscheinen, in dem

Ralph Schock Spuren expressionistischer Schriftsteller

und Künstler mit einem Bezug zur Saarregion

dokumentiert.

Zu ihnen gehört der am 4. November 1891 in Köln

geborene und am 9. März 1939 dort gestorbene

Lyriker, Kabarettist, Mundartautor und Musikkritiker

Johannes Theodor Kuhlemann.

Wir drucken einen Auszug aus dem Kapitel über

ihn.

Der 77-seitige Gedichtband »Consolamini«, 1919

im Kairos-Verlag in Köln-Ehrenfeld erschienen,

ist das Hauptwerk dieses rheinischen Expressionisten.

Die Illustrationen des Bandes stammen

von Max Ernst, der im gleichen Jahr zusammen

mit Johannes Baargeld und Hans Arp die Kölner

Dada-Gruppe gründete. Die fünf Zeichnungen

waren die ersten Buchillustrationen des damals

noch weitgehend unbekannten Künstlers. Kuhlemann

und Ernst, gleichaltrig, waren befreundet.

Als Max Ernst seine erste Frau Luise Straus heiratete,

verfasste Kuhlemann ein dreiteiliges Hochzeitscarmen

mit dem Titel »Hymne«. Mit folgender

Nachschrift wurde es in »Consolamini«

aufgenommen: »Gesprochen am 7. Oktober 1918

auf der Hochzeit meiner Freunde Max Ernst und

Lou Straus.« (S. 65).

Schon 1915 hatte Max Ernst versucht, Kuhlemann

an den »Sturm«-Herausgeber Herwarth Walden

zu vermitteln, wo er selbst schon zahlreiche Illustrationen

veröffentlicht hatte. Am 19. Dezember

jenes Jahres übersandte er Walden ein Kuhlemann-Gedicht

mit der Bitte um Publikation: »Ich

schicke Ihnen ein sehr erhabenes Gedicht meines

Freundes Joh. Th. Kuhlemann«. Doch Walden war

der Text möglicherweise zu erhaben, zu einer Veröffentlichung

kam es jedenfalls nicht.

Zu dem Band »Consolamini« hatte Max Ernst

Federzeichnungen beigesteuert, obwohl ihm

der »symphonische, leicht hölderlinsche« Ton der

Gedichte inzwischen »bereits fremd geworden«

sei, wie Werner Spies weiß, der in den Zeichnungen

Ernsts »Klee-Reminiszenzen« erkennt. Da der

Lyrikband nahezu unverkäuflich blieb, wurde fast

die gesamte Auflage 1920 eingestampft. Seine

ersten Gedichte hatte Kuhlemann bereits 1913

in der in Heidelberg erschienenen Anthologie

»Fanale« veröffentlicht, in der auch Lyrik des in

Saarlouis geborenen Expressionisten Richard

Maximilian Cahén abgedruckt war.

Der mehrfach unter dem Pseudonym »Ithaka«

(abgeleitet aus den Anfangsbuchstaben seines

Namens) veröffentlichende Autor verließ

1919 Köln, um eine Stelle als Schriftleiter einer

Saarbrücker Musikzeitschrift zu übernehmen.

Er wohnte laut Eintrag im Saarbrücker Melderegister

vom 11. Dezember 1919 bis zum 20.

August 1920 in der Blumenstraße 33, danach, bis

zu seiner Abmeldung aus Saarbrücken am 27. Mai

1922, in der Lebacher Straße 17. Als Beruf ist auf

der Meldekarte »Schriftsteller« angegeben.

In Köln wurde Kuhlemann vor und nach seinem

Aufenthalt an der Saar von dem Tabakgroßhändler

Josef Feinhals (Collofino) gefördert, einem vermögenden

Kunstsammler und Mäzen der Kölner

und Rheinischen Kunst- und Kulturszene. Der

Autor, der sieben Fremdsprachen beherrschte

und sich exzellent in europäischer Geschichte,

Kunst, Literatur und Musik auskannte, wurde von

Feinhals als Sekretär angestellt und arbeitete als

Kulturhistoriker in dessen Tabakmuseum. Der gut

vernetzte Unternehmer Feinhals war auch mit

Hermann Hesse befreundet, der ihn unter seiner

latinisierten Namensform Collofino in mehreren

Erzählungen und im »Glasperlenspiel« erwähnte.

Leider ist über eine Beziehung zwischen Hesse

und Kuhlemann nichts bekannt. Die umfangreiche

Korrespondenz von Feinhals, die darüber


Saarbrücker Meldekarte

des Johannes

Kuhlemann. (StA SB)

vielleicht hätte Auskunft geben können, wurde

mit der Villa des Unternehmers Anfang Juli 1943

bei einem Bombenangriff auf Köln zerstört. Feinhals-Collofino

starb am 1. Mai 1947, und zwar auf

Schloß Randegg, dem Wohnsitz seines Freundes,

des in St. Avold geborenen expressionistischen

Schriftstellers und Kunstsammlers Hans Koch.

In einer biographischen Skizze, der Einleitung

zu einer Ausgabe von Gedichten Kuhlemanns in

Kölner Mundart, geht Otto Brües kurz auf dessen

Saarbrücker Zeit ein: »Er wird dort Schriftleiter,

und die Weite seiner Bildung ermöglicht

ihm, sich auf vielerlei Gebieten zu tummeln, vor

allem kann er seiner Neigung zur Musik nachgehen.

Seine Musikkritiken gehören zum Besten,

was er wertend hinterlassen hat.« Brües erwähnt

auch dunkle Seiten Kuhlemanns: »Daß sein äußeres

Leben nun gesichert scheint, bedeutet ihm

wenig. In seinem Innern ist er, der leicht Verletzliche,

zutiefst verwundet, auch die Freundschaft

vieler junger Menschen, die sich um ihn

scharen, bringt ihm keinen Trost. […] Er wird nun

im Übermaß der Eindrücke leiblich und seelisch

krank, und die Freunde finden ihn manchmal auf

dem Bette wie tot.« (S. 11) Dies scheint auf eine

depressive Veranlagung Kuhlemanns hinzudeuten,

zudem war er offenbar dem Alkohol nicht

gänzlich abgeneigt. Das legt ein seinem Gedicht

»Der Botengänger« beigefügtes Motto des französischen

Lyrikers Charles-Louis Philippe nahe: »Il

y a un bon Dieu pour les ivrognes« (Gott sei auch

den Trunkenbolden, den Säufern, gnädig …)

Der Schriftsteller Karl Willy Straub (1880–1971),

der nach dem Ersten Weltkrieg in Saarbrücken

lebte, begegnete dort Kuhlemann. In einem drei

Jahrzehnte später entstandenen Gedenkartikel

erinnerte er sich recht herablassend an ihn: »Seines

Zeichens ein Dichter. Ein schmächtiger, mit

einer Hornbrille bewaffneter junger Mensch, der

es nicht dabei bewenden ließ, selbst in die Saiten

seiner etwas verstimmten Lyra zu greifen, sondern

auch die vor ihm und neben ihm dichtenden

Kollegen von Goethe bis Stefan George einer

ihm lauschenden Gemeinde nahe zu bringen

versuchte. Einen besonderen Kreis von Hörern

bildete eine Anzahl junger Menschen beiderlei

Geschlechts, meistens Pennäler und höhere

Töchter der oberen Schülerklassen. Da es Kuhlemann,

dem Vermittler besserer Literatur, an

einem geeigneten Raum fehlte (in seine Mietbude

konnte er wirklich niemanden einladen,

ohne missverstanden zu werden), so verlegte er

seine wöchentlich einmal abzuhaltenden Privatissima

kurzerhand in das Schloßcafé. Hier in

einer stillen Ecke versammelten sich die Adepten

einer brotlosen Kunst und lauschten bei Kaffee

und Kuchen den Ausführungen des vom Nymbus

[!] der Dichtkunst umgebenen Meisters. War die

Stunde abgelaufen, dann türmte sich das Honorar

in Gestalt von Crèmeschnitten, Nußschiffchen

und Mohrenköpfen auf Kuhlemanns Teller. Aber

wohin mit dem Segen? Der Meister wußte sich

zu helfen. Er verschwand geheimnisvoll im W.C.

Wenn er wiederkam, entnahm er seiner Rocktasche

mehrere Meter des bekannten schmalen

grauen oder rosanen Kreppapiers und begann,

dem Naturalien-Honorar einen Verband anzulegen,

um dessen Kunstfertigkeit ihn mancher

Sanitäter hätte beneiden können. Für die Speisekammer

der nächsten Tage hatte Johannes Kuhlemann

gesorgt.

Zehn Jahre später schlug mir ein Teilnehmer der

Rheinischen Dichtertagung in Freiburg [1931] auf

die Schulter. Es war ein sehr korpulenter Mann

mit dicker Hornbrille und Baskenmütze. Die Art

der Begrüßung eines mir völlig Fremden ging

mir auf die Nerven, weshalb ich wohl etwas

zurückhaltend meinen Namen nannte. ›Sie kennen

mich nicht mehr?‹, lachte der Dicke. ›Ja, ich

habe mich ein bißchen verändert, das muß ich

zugeben: Johannes Kuhlemann aus dem Schloßcafé

in Saarbrücken.‹ ›Ach, Sie sind es‹, rief ich

nun, versöhnt mit der burschikosen Begrüßung.


saargeschichte|n 55

Inneres des Schlosscafés

an der Viktoriabrücke

in Saarbrücken

1900.

Urheber: Kunstanstalt

Demetz, St. Ingbert.

(LA SB; B 1686/8 C)

›Da scheinen Sie ja der Währung des Schloßcafé-Honorars

treu geblieben zu sein!‹ Wir feierten

das unverhoffte Wiedersehen ausgiebig.«

Zwanzig Jahre später wurde in der Zeitschrift

»Saarheimat« ein weiterer Text Straubs

abgedruckt, in dem er erneut etwas überheblich

auf Kuhlemann zu sprechen kommt. Leider fehlt

dem Beitrag eine Quellenangabe. Ich vermute,

dass er im Auftrag von Karl-August Schleiden

entstand, dem Herausgeber der »Saarheimat«,

und dann in dessen Redaktionsschreibtisch lag,

bis er zwei Jahre nach Straubs Tod schließlich

gedruckt wurde. Straub schreibt:

»Neben diesen mehr oder weniger ernst zu nehmenden

Künstlern [Fritz Grewenig, Christoph

Voll, Richard Wenzel] machten in diesen Jahren

zwei junge Menschen den untauglichen Versuch,

in Saarbrücken sogar so etwas wie eine Bohème

heimisch werden zu lassen. Der eine kam aus dem

Rheinland und hieß Johannes Taddäus [recte:

Theodor] Kulemann [recte: Kuhlemann]; der

andere hatte seiner tschechischen Heimat Valet

gesagt und hörte auf den Namen Mischa Szenkar.

Kuhlemann war der typische Kaffeehausliterat.

Wo er nächtigte, war unbekannt. Tagsüber saß

er im ›Schloßcafé‹ im Kreise literaturhungriger

Gymnasiasten und las ihnen aus einem Bande

George’scher Lyrik vor, die schon deshalb auf die

Jünger Apolls ihren Eindruck nicht verfehlten,

weil sie die Interpunktion und Orthographie auf

den Kopf stellten und damit die Autorität ihres

Deutschlehrers ad absurdum führte. Um mich zu

Luisenbrücke mit

Schloss-Café und

gegenüberliegendem

Gebäude

frühe 1920er Jahre

LA SB

(B 1720/10 C)


amüsieren, setzte ich mich öfters in die Nähe dieses

Kreises. War die Literaturstunde zu Ende, verschwand

Kuhlemann in den Räumlichkeiten ›Für

Herren‹. In das dort von der Rolle abgewickelte

Papier verstaute er dann die von seinen Schülern

gestifteten Kuchen, denn jene pflegten in Naturalien

zu bezahlen! Aber Kuhlemanns Ambitionen

beschränkten sich nicht auf diese Privatissima

in Literatur. Dann und wann veranstaltete

er auch ›Lesungen‹ für die große Öffentlichkeit.

Als er aber in der Auswahl seiner literarischen

Erzeugnisse einmal garzusehr den Takt

gegenüber dem weiblichen Publikum vermissen

ließ – nebenbei erschien er in kurzen Hosen und

gepumptem Gehrock – hatte seine Stunde in

Saarbrücken geschlagen. Das Gedicht von der

›bleichen Wasserleiche‹ war für schwache Nerven

zuviel. In Köln fand Kuhlemann den Mäzen,

den er brauchte. Der Zigarrenfabrikant Feinhals

machte ihn zu seinem Bibliothekar!«

Die Rezitation besagten Gedichts dürfte jener

»berufliche Eklat« gewesen sein, der in einer

kurzen biografischen Notiz über Kuhlemann in

den »Literarischen Nachlässen in Rheinischen

Archiven« genannt wird als Grund für die Rückkehr

nach Köln. Das Gedicht über die »bleiche

Wasserleiche« mit dem Titel »Im Karpfenteich«

verfasste Hanns Heinz Ewers. Viele Abende lang,

so ein zeitgenössischer Bericht, habe er es vor

einem begeisterten Berliner Publikum in Ernst

von Wolzogens Kabarett »Überbrettl« vorgetragen,

»schmatzend wie ein Karpfen«. Das

Publikum in Saarbrücken mag von einer Lyriklesung

möglicherweise Erbaulicheres erwartet

haben als die Rezitation eines solchen Gedichts.

Der Text über die drei Karpfen ist abgedruckt in

dem gemeinsam von Hanns Heinz Ewers und

Theodor Etzel verfassten und 1901 in München im

Albert Langen Verlag erschienenen »Fabelbuch«

(S. 23). Die beiden Autoren dieses Bandes, die

befreundet waren, hatten etwa 20 Jahre vor Kuhlemann

eine Zeitlang an der Saar gelebt. Der eine,

Etzel, ab 1895 als Beamter in Merzig und später,

von Januar bis August 1899, in Saarbrücken als

Herausgeber der Zeitschrift »Der Kunstfreund«;

der andere 1897 einige Monate als Referendar am

Landgericht in Saarbrücken.

Im Karpfenteich

Im Karpfenteiche

schwamm einmal eine bläulich bleiche

und schleimig weiche Wasserleiche.

Ein Karpfenjüngling kam heran

und fing wie folgt zu reden an:

»O Menschenlos! Gewiss die Flammen,

die aus verschmähter Liebe stammen,

verbrannten seinen armen Sinn

und trieben ihn zum Wasser hin!«

Ein anderer Karpfen hört sein Klagen

und hub verächtlich an zu sagen:

»Ach wat! Im Dusel hat er sich verloffen

fiel in den Teich und ist darin versoffen!«

- Jedoch ein alter, hundertjähriger Knabe

erfreute sich der guten Gottesgabe.

Er sprach kein Wort, er frass und frass,

dass er die Welt darob vergass,

und dacht: »Nicht immer gibts im Teiche

solch eine schöne, schleimig weiche

und bläulich bleiche Wasserleiche!«

Der Schriftsteller und Jurist Hanns Heinz Ewers

war von 1912 bis 1920 mit der französischen Lyrikerin

und Malerin Marie Laurencin (1883–1956)

liiert, die zuvor die Gefährtin von Apollinaire

gewesen war. 1914 hatte sie den deutschen Maler

Otto von Wätjen geheiratet und war mit ihm 1918

nach Düsseldorf gezogen. Beide Künstler wurden

von der Galerie Alfred Flechtheim vertreten. Da

der Galerist in engem Kontakt zu dem Sammler

Collofino-Feinhals stand, dürfte Kuhlemann auf

diesem Wege die Französin kennengelernt haben.

Jedenfalls war ihm Marie Laurencin ein Begriff,

ist ihr doch eines jener Landschaftsgedichte des

Bandes »Consolamini« gewidmet, die später

von Erwin Schulhoff vertont wurden. Karl Otten

schreibt in seinen Erinnerungen über Kuhlemann:

»Unter den Besuchern der Ausstellung [Rheinische

Expressionisten, 1914] war mir ein anderer

Dichter aufgefallen, mit dem ich mich

anfreundete, Johannes Theodor Kuhlemann,

braunhäutig, schwarzhaarig, glich er einem Franzosen

oder Spanier eher als einem echten Kölner.

Er war Sekretär des großen Collofino-Feinhals,

jenes reichen Zigarrenhändlers, der das Tabakbuch

schrieb und moderne Bilder sammelte.«

Das Saarbrücker Schloßcafé scheint in jener Zeit

ein beliebter Treffpunkt von Schriftstellern und

Künstlern gewesen zu sein. Auch Alfred Döblin,

der von Januar 1915 bis Juni 1917 in Saargemünd

als Militärarzt stationiert war, berichtet, dass er

»oft herübergewandert« sei, um dieses Lokal zu

besuchen: »Saarbrücken war mir doch damals


saargeschichte|n 57

die ›Großstadt‹. Da war nicht nur das eine Kaffee,

sondern das schöne Schloßkaffee am Wasser, wo

man interessante durchreisende Menschen sah.«

Vermutlich in diesem Szene-Café dürften sich

der expressionistische Lyriker und der böhmische

Komponist und Pianist Schulhoff begegnet

sein. Dieser, damals ein Anhänger des Dadaismus,

hatte am 15. Oktober 1920 eine Stelle als Klavierlehrer

an einem privaten Saarbrücker Konservatorium

angetreten; zwei Unangepasste, bis 1922

in die Diaspora verbannt.

Kennengelernt hatten sich die beiden schon früher.

Denn der damals in Dresden lebende Schulhoff

hatte gute Kontakte in die Künstlerszene

Kölns und Düsseldorfs, etwa zu Otto Dix, der mit

Schulhoffs Schwester Viola liiert war. Dix porträtierte

Hans Koch sowie den Komponisten, der

seinerseits von Dix das Gemälde »Billardspieler«

erwarb .

In der Erwin-Schulhoff-Sammlung im Archiv der

Berliner Akademie der Künste ist die Partitur

»Landschaften op. 26: Fünf Gedichte von Johannes

Theodor Kuhlemann« archiviert mit der Datumsangabe

»23. August 1918«. Schulhoff kannte also

Kuhlemanns Lyrik, zumindest den Zyklus »Das

Herz« und dessen Landschaftsgedichte, bereits

ein Jahr vor der Veröffentlichung. Opus 26 ist eine

Symphonie für Mezzosopranstimme und Orchester.

Vermutlich waren sich die beiden Künstler sogar

schon früher begegnet; denn in dem von Klaus

Simon im Schott-Verlag herausgegebenen Schulhoff-Werk

»Sämtliche Lieder, Bd. 2, Frühe Lieder

II (1911–1915)« findet sich bereits eine Vertonung

des Textes »Der Apfel« von Kuhlemann. Seine

Geburtsstadt Köln ehrte den Schriftsteller mit

einer Straßenbenennung in dem Stadtteil Altstadt-Süd.

Landschaft

Die Türen sind zugeweht

lang. Aber die kalten Kissen

schluchzen der Lust nach. Schräg

rauscht der Vorhang

herein, wie die Liebe kommt,

tiefrot und zum Weinen.

Schmücke mit Silber und Eis

und brich ein Fenster

der hoch andrängenden Welt.

Landschaft

(Marie Laurencin)

Alle Frauen weinen. Der graue Prinz

hat seinen Vater erschlagen. Er reitet

durch der Frühe singende Schneedome

der Lilie nach, die seine vollendeten

Hände halten. Aber

ein Haus ist, dessen bange Wölbung

er nie verlassen wird. Bis in die Keller

fällt Regen böse Jahre lang.

Bitter starren die toten Adern

der Erde. Doch in den höheren Lüften

singt Ariel einsam.

Landschaft

Demut faltet den Raum. Wir müssen

sterben. Aus nächtlichen Spiegeln

zittert Unruh. O Woge

des Monds! Es ruft

über den Fluß. Und hoher,

aller Tage gekrönter Stern

ist unterwegs, hebt

hinter der Wand der Meere sich auf.

Ich kann den Tod nicht, wie

den Abend lieben. Am Ende

steht der Engel: mitten

unter dem Tor. Ihm bergen

lauschendes Haupt die Völker. Auch mir

rauscht am Boden das Gras. Die Pfade

enden im schaurigen Herzen mir.

Junges Mädchen stirbt im Hospital

In meinem Bette flieg ich durch den Raum.

Schneewälder wiegen mich in neuen Düften.

Noch sengen Erdenfeuer aus den Lüften

der letzten Berge düster meinen Traum.

Noch bin ich weich von Schmerz. Hier ist der Saum.

Im Tale brechen leise meine Hüften

und sehnen sich zu ruhn in jungen Grüften,

gebadet und gesalbt. Ich weine kaum

und sinke. Menschen stehn um mich gehäuft,

verliebte, fremd, beladen mit Gerüchen,

Tabak und Blumen aus der alten Welt.

Und Dinge klirren wie verlornes Geld

im Saal, aus dessen bunten Bibelsprüchen

ein letztes Mal Gespräch und Liebe träuft.


von der industriebrache

zum postmodernen ökopark

Der Bürgerpark Hafeninsel in Saarbrücken-Malstatt

von kristine marschall

Bürgerpark

Hafeninsel, Aquädukt,

2018.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Innenstadt

Saarbrückens zu etwa 80 Prozent in Trümmern.

Der dichte Wiederaufbau auf historischen

Quartiergrundrissen prägte das nachkriegszeitliche

Stadtbild in weiten Bereichen. Die verkehrsgerechte

Stadt der 1960er Jahre wurde

durch den Bau der Stadtautobahn in der Flussaue

der Saar Realität. Eine Folge davon war die

Beseitigung der Luisenanlage in Alt-Saarbrücken.

Dieser öffentliche Park erstreckte sich seit 1876

links der Saar in Alt-Saarbrücken bis auf Höhe

der gegenüberliegenden Hafeninsel in Malstatt-Burbach.

Seit dem späten 17. Jahrhundert

wurde hier im Hafenbecken am Altarm der Saar

die in den umliegenden Gruben gewonnene

Steinkohle gewogen, gelagert, von Lastkränen

umgeladen und verschifft. Eigentümer waren

die Saarbergwerke. In der Nachkriegszeit wurde

das Hafenbecken mit Kriegstrümmern verfüllt.

Das Areal wurde zum Schuttdepot. Über Jahrzehnte

erfolgte auf weiten Teilen eine natürliche

Renaturierung. 1967 entstand die Kongresshalle

östlich des bachliegenden Bereichs der ehemaligen

Hafeninsel und eine Teilfläche wurde als

Parkplatz genutzt.

Anfang der 1980er Jahre konkretisierte sich die

Planung der Verkehrsanbindungen der A 1 (Trier,

Köln) und der A 623 (Friedrichsthal, Zubringer zur

A 8 Pirmasens) an die linksseitige A 620 (Stadtautobahn

Saarbrücken-Saarlouis) über die neue

Westspangenbrücke, die 1986 fertiggestellt

wurde. In diesem Zusammenhang ließ die Stadt

Saarbrücken in einem Gutachterverfahren ein

Nutzungskonzept für die historische Industriebrache

beziehungsweise die Kriegstrümmerlandschaft

des ehemaligen Kohlehafens vom

Büro Peter Latz und Partner, Gunter Bartholmai

und Nicki Biegler erstellen, das 1981 in der großformatigen

Publikation Hafeninsel. Alternativen

zur Gestaltung eines citynahen Parks veröffentlicht

wurde.

Die Planer und Landschaftsarchitekten

Dipl. Hort. Anneliese Latz, Prof.

Dipl. Ing. Peter Latz und Paul von Pattay

erarbeiteten dabei drei Konzepte,

wobei die Variante eines geometrischbarocken

Parks ebenso verworfen

wurde wie die des klassischen englischen

Landschaftsgartens. Beides

erschien zu traditionell und hätte in

keiner Weise Rücksicht auf die vorgefundenen

Strukturen genommen.

Diese bildeten jedoch die entscheidende

Prämisse für die dritte,

sowohl naturnah als auch geometrisch

gestaltete Alternative, deren syntaktisches

Konzept umgesetzt wurde. Entscheidend

war die Akzeptanz der vorhandenen

räumlichen Gegebenheiten.

Dabei spielten die Integration differenzierter

Nutzungsanforderungen


saargeschichte|n 59

Bürgerpark Hafeninsel,

gestutzte

Heckenscheiben und

hohe Pappelallee als

Sicht- und Lärmschutz

an der Westspange,

2018.

und entsprechende technische Lösungsansätze,

zudem Ansprüche an die ästhetische Formensprache

und eine moderne Anwendung von

Vegetation eine entscheidende Rolle.

Grundvoraussetzung für die Planung war die

Analyse der architektonischen Hinterlassenschaften,

der Topografie und des vegetativen

Bestandes. Hinzu kam die Beschäftigung mit der

ursprünglichen Nutzung dieses Industriestandortes

und seiner Altlasten. Die Überprüfung der

städtebaulichen Situation und die besonders

von sozialen und wirtschaftlichen Erwägungen

geprägte optimale Anbindung des neuen Parkareals

an die Stadt waren erklärte Ziele von Peter

Latz.

Das Parkareal auf etwa 190 m über NHN erstreckte

sich Anfang der 1980er Jahre auf etwa 9,5 Hektar

entlang des rechten Saarufers und wurde von

der neuen sechsspurigen Westspange mit ihren

zwei Auf- und Abfahrten sowie dem darunter

befindlichen Parkhaus in Nord-Süd-Richtung in

zwei annähernd gleich große Hälften geteilt. Aktuell

begrenzt eine große Niederlassung der Steag

(technischer Service, Energieanlagen Süd) das

Terrain im Westen. Die St. Johanner Straße mit

dem 2000 implementierten Großkino Cinemax

inklusive Parkplatz schirmen das Areal im

Nordwesten von der Wohnbebauung des südlichen

Malstatt ab. Im Nordosten entstand in

den 1990er Jahren entlang der Hafenstraße

die in zwei parallelen Gebäuderiegeln untergebrachte

Agentur für Arbeit Saarland. Bereits

1967 entstand die Con gresshalle im Osten nach

Entwurf des renommierten Architekten Dieter

Oesterlen. 1996/97 wurde die Parkfläche durch

die Erweiterung der Congresshalle neu begrenzt

und durch den vom Johannes-Hoffmann-Platz

erreichbaren, langgestreckten fünfteiligen Parkhausriegel

vermindert.

Fußläufig zugänglich ist der Park über den

von der St. Johanner Straße abzweigenden

Schleusenweg im Westen, der zugleich das Areal

auch begrenzt, und einen weiteren Stichweg,

der als Verlängerung der von Norden auf die

St. Johanner Straße treffenden Straße Auf der

Werth westlich am Kino vorbei zum Park führt

und dort auf die große diagonale Erschließung

Richtung Saar und Westspange überleitet. Auch

auf der östlichen Seite des Kinos kann man den

Park betreten und gelangt auf einen Hauptweg

in Nord-Süd-Verlauf, der, durch einen schmalen

Grüngürtel (eng gestellte diagonale Heckenriegel

und Alleebäume) von den Parkplätzen

unter der Westspange getrennt, bis an den künstlichen

Teich führt. Parallel dazu verläuft auch von

der Hafenstraße aus ein vergleichbar gestalteter

Weg auf die östliche Seite des Teichs. Auf Höhe

der Abzweigungen der Westspange führen ausladende

Betontreppenkonstruktionen sowohl

links als auch rechts hinunter auf das Parkniveau.

Man findet sich fast mittig in der Anlage zwischen

hohen schmalseitig aufgereihten Heckensegmenten

wieder. Des Weiteren sind zwei

Zugänge von der Congresshalle angelegt, die

zum einen auf den Freiplatz unterhalb des neuen

Parkhauses führen beziehungsweise zur West-

Ost-Querung des Bürgerparks. Der Uferweg entlang

der Saar ist als Teil des Parkkonzeptes über

mehrere Wege und dem zentralen Platz am Teich

mit dem Park verbunden. Entlang der Saar werden

die westlichen und östlichen Parkteile durch

niedrige Stützmauern geschützt.


Bürgerpark Hafeninsel,

Amphitheater,

2018.

Parallel zum Gutachterverfahren lobte die

Saarbergwerke AG einen Wettbewerb für verdichteten

Wohnungsbau als nördliche Randbebauung

aus. Projektiert wurden viergeschossige

Wohnbauten von gehobenem Standard, die

jedoch nicht umgesetzt wurden. Vielmehr entstanden

in den kommenden Jahren entlang der

St. Johanner Straße und Hafenstraße in unmittelbarer

Parknähe große Verwaltungs-, Veranstaltungs-

und Parkhauskomplexe. Der Bürgerpark

büßte die in den 1980er Jahren planerisch intendierte

Bürgernähe mehr und mehr ein, da die

Wohnquartiere durch verschiedene Neubauten

städtebaulich in den Hintergrund rückten.

Peter Latz erhielt den Auftrag, die inzwischen

stark verwilderte Landschaft im Bereich der ehemaligen

Hafeninsel als Bürgerpark zu gestalten.

1983–1989 entstand ein innerstädtischer Landschaftspark,

der die Geschichte des Industrieortes

ebenso einbezieht wie das Trümmerfeld

der Nachkriegszeit, und eine zeitgenössische, von

ökologischen Gesichtspunkten geprägte Anlage

in einem über Jahre hinweg aufgelassenen stadtnahen

Bereich schafft. Diagonale Wege und Sichtachsen

sowie ein dem Gauß-Krüger-Koordinatensystem

folgendes Raster strukturieren den

Park. Engagierte Bürger, Studentengruppen

und Arbeitskräfte eines Arbeitsbeschaffungsprogramms,

Lehrlinge und Handwerker konnten

in Workshops Details nach eigenen Vorstellungen

gestalten. Ziel war die identitätsstiftende Einbeziehung

der Bevölkerung in den Schaffensprozess

bei möglichst kostengünstigen Arbeitsleistungen.

Den Auftakt der Parkanlage im Anschluss an

die Congresshalle bildet eine begehbare türkisfarbene

Stahlpergola mit großen segmentbogigen

Öffnungen, die mit vergitterten

Zwischenelementen alternieren. Sie wurde mit

Glyzinien (Blauregen) bepflanzt. Durch diese

begrünte Torwand gelangt man auf die mit Kopfsteinpflaster

versehene große Freifläche, dem

multifunktional nutzbaren Festplatz. Dieser wird

im Norden durch zwei die Parkgrenze entlang

des neuen Parkhauses säumende Mischhecken

abgeschlossen.

Auf dem Kopfsteinpflaster des Festplatzes wurde

die einzige von insgesamt drei geplanten Skulpturen

aufgestellt. Der Pariser Bildhauer Michel

Gérard schuf die 1991 eingeweihte Installation

Wanderung eines Caspar David. Sie besteht

aus zwölf geschmiedeten Stahlelementen, die

von Saarstahl in Völklingen produziert wurden.

Das größte Element, ein Bogen von vier Metern

Höhe und zwölf Metern Durchmesser, steht auf

einer Fundamentplatte, ebenso sechs stehende

Spitzen. Ein Spieß mit Spirale und eine überdimensionierte

Garnrolle ruhen auf dem Pflaster.

Anfang des 19. Jahrhunderts begann die industrielle

Ausbeute der Erde. Gérard wählte Leitmotive

aus den Gemälden Caspar David Friedrichs

– Regenbogen und Bergspitzen. Romantische

Naturvorstellung und industrielle Fertigung stehen

eng beieinander. Übergroß erscheinen die

Werkzeuge der Plünderung der natürlichen Ressourcen.

Die begehbare Installation schafft ihren

eigenen Bezug zum ehemaligen Kohlehafen und

dem Umgang mit Natur im industriellen Zeitalter.

Der Saaruferweg ist in ähnlicher Dichte wie in

der Grünanlage des Stadens in Saarbrücken-

St. Johann mit Platanen gesäumt, welche hier


saargeschichte|n 61

als beidseitige Allee gepflanzt sind. Oberhalb

des Uferwegs verläuft einer der Hauptwege

des Parks parallel zur Saar von der Congresshalle

zum Parkende am Schleusenweg. Flankierend

bilden rechteckig gestutzte Mischheckensegmente

Nischen aus, in denen weitere mit

Beleuchtungskörpern ausgestattete Rankhilfen

und Sitzgelegenheiten stehen. Die Bepflanzung

verdichtet den Weg seitlich, so dass der Blick eng

auf die Wasserwand fokussiert wird. Zwischen

dem tunnelähnlichen, geschotterten Weg und

dem offenen Festplatz wurden streng orthogonal

Linden aufgestellt, die einen weitläufigen

beschatteten Baumplatz bilden. Im Laufe der Zeit

haben die Wurzeln die ehemals plane Kopfsteinpflasterung

in sanfte Wellenformationen versetzt.

Der künstliche Teich erstreckt sich beidseits

und unter der Westspange und spiegelt deren

Unterbau. Sein Saum ist teils mit feinem Sand

aufgefüllt, teils mit einer Bambusanpflanzung

begrünt, zu der sich im Laufe der Zeit noch Rohrkolben

gesellt haben. Hier siedeln inzwischen

verschiedene Enten- und Halbgansarten. Ein aufgeständerter

Metallsteg führt nahe am Halbrund

der hoch aufragenden Wasserwand aus

Ziegelsteinen vorbei über den Teich hinweg und

unter der Westspange hindurch. Dieser Steg

war ursprünglich beleuchtet. Die Wasserwand,

eines der Schlüsselelemente der Landschaftsgestaltung,

erinnert an ein Segment aus einem

römischen Aquädukt. Wie dort fließt das Wasser

in einer offenen Rinne im oberen Abschluss. Eine

Vielzahl kleiner Wasserspeier mit runden Öffnungen

seitlich der Rinne ermöglichen Wasserergüsse

aus höchster Höhe in den Teich. Auf diese

Weise wird die urbane Geräuschkulisse durch das

fallende Wasser überdeckt und zudem mit

Sauerstoff angereichert bevor es wieder

dem Teich zugeführt wird. Es handelt sich

nicht allein um eine beeindruckende Konstruktion,

sondern hier wird auch pragmatisch

das Oberflächenwasser gesammelt

und die Wasserzu- und -ableitung des

Parks über das kleine unweit aufgestellte

Pumpenhaus bewerkstelligt.

Die aufgeständerte offene Parkhausebene

beidseitig der darüber verlaufenden Westspange

wird von einem breiten Band diagonal

in enger Abfolge angeordneter Mischheckenreihen

begleitet. Diese bestanden

aus Weißdorn, Linden, Hainbuchen, Flieder

und Liguster, der sich dem Formschnitt am

besten anpasste und nun als dominantes

Gehölz die mannshohen Hecken des Parks

prägt. Geplant waren bis zu vier Meter Heckenhöhe,

um die Hochstraße zu kaschieren. Die

Formerziehung durch entsprechende Schnittmaßnahmen

erwies sich jedoch als zu hoher

gartentechnischer Aufwand, zumal in dem zur

unteren Parkebene abschüssigen Gelände.

Als weitere die Höhenstaffelung gen Hochstraße

fortsetzende Elemente tragen die beiden Alleen

hoch aufgeschossener Säulenpappeln auch zur

Sichtabschirmung bei. Peter Latz verband mit

ihnen die Assoziation an südländische, von Zypressen

gesäumte Straßen.

Wichtige Prämissen für die Parkgestaltung waren

eine möglichst Verkehrslärm absorbierende Konzeption

(Wasserwand, Heckenmauern), um neben

der aktiven Nutzung, die vorwiegend im Ostteil

des Parks verortet wurde (Festplatz, später Boulebahn,

aktuell neue Skateranlage), Ruhezonen

in Flussnähe und im Westteil zu erschaffen. Der

Park bietet ein großes Spektrum im Umgang mit

Pflanzkulturen, welches die historische Dimension

der Entwicklung neuzeitlicher Grünanlagen

vom Barock über die romantischen Landschaftsgärten

des 19. Jahrhunderts mit ihren architekturhistorischen

Zitaten widerspiegelt. Vom

ausgeprägten Formwillen (Heckenerziehung,

Buchsbaumformtrimmung) und linearer, geometrischer

Anordnung (Betonung der diagonalen

Wegeführung beziehungsweise Rasterung

mittels Pflanzschemata, lange Blickachsen) reicht

das Repertoire über pflegeintensive Teilbereiche

(Kräuterkiste, Rosenanlage, Beetbepflanzung) zur

Steinspirale mit differenzierten Bodensubstraten,

die der Spontanvegetation zur Verfügung gestellt

wurden, sowie zum weitgehend unangetasteten

Trümmergrundstück mit ökologischem Eigenleben.

Bürgerpark

Hafeninsel,

Spolienwand, 2018.


Aspektreich bieten die überaus zahleichen und

vielfältigen überlieferten Materialien, aus denen

Wegbeläge, Mauern, Treppen, Sitzgelegenheiten,

Nischen, Einfassungen von Pflanzbereichen und

Aussichtspunkte entwickelt wurden, unzählige

optische und haptische Attraktionen. Latz

entwickelte Klamottmauerwerk als Grundbestandteil

der Mauertechnik im Park, für das

die vorgefundenen riesigen Blöcke zusammenhängender

Mauer- beziehungsweise Betonverbände

umgenutzt wurden. Das Entdecken historischer

Relikte und deren Umdeutung im neuen

Parkkontext ist Programm. Neben dem Hauptzugang

von Seiten der Congresshalle, wo durch

die begrünte mehrbogige Pergola der Wechsel

aus der urbanen Struktur in die Grünzone

besonders akzentuiert wird, sind noch sechs

weitere Zugänge vorhanden. Die leichte Erreichbarkeit

des Bürgerparks war ein wichtiges planerisches

Anliegen. Alle Zugänge sind Ausgangspunkte

von Hauptwegen, die zugleich, durch

architektonische und/oder vegetabile seitliche

Wegbegleiter hervorgehoben, lange Blickachsen

bilden. Zusammen mit der diagonalen Wegeführung

sollte eine optische Erweiterung erzeugt

werden.

Gen Westen erschließt sich über die Teichachse

zunächst ein klassisches Landschaftsparksegment

– eine kleinhügelige, mit Buschund

halbhohen Baumgruppen bestandene

Schutttopografie, die vielfältige An- und Einblicke

gewährt. Die syntaktische Durchdringung

naturnaher Gestaltung und geometrischer Ordnung

gelingt im Westteil des Parks am eindringlichsten.

Neben Strauchrosenrabatten wurden

vereinzelte Ölweiden und Traubenkirschen

gepflanzt. Hauptwege bilden ein großes Dreieck

aus, das in optimaler Sonnenlage eine Wildkrautflur

in quadratisch gerasterten Flächen aufnahm.

Eine dieser Fläche füllt eine große steinerne Spirale,

deren unterschiedliche Bodensubstrate differenzierte

Spontanvegetation befördern sollte.

Ein weiteres Hauptanliegen bestand in der

Auflassung verschiedener Parkareale, die ökologisch

sich selbst überlassen blieben, wie das

Trümmergrundstück im Süden und Osten des

Rondells. Dieses entstand als architektonischer

Schwerpunkt im Westen des Parks in Nachbarschaft

zur ungebändigten Natur, in Anlehnung

an römische und neuzeitliche Vorbilder, als Ort

multipler kultureller Open-Air-Veranstaltungen.

Das große in den Schutthügel eingetiefte, von

hohen Stützmauern und einer mit Glyzinien

berankten Pergola umgebene Kreisrund ist über

drei in den Hügel eingeschnittene Zugänge und

Treppen erreichbar. Die Brunnen- beziehungsweise

Bühnenanlage liegt im Zentrum, umgeben

von höhengestaffelten Sitzbänken. Klinker ist

das vorherrschende Material. Von Buchsbaum

gesäumte Blumenbeetsegmente lassen den Ort

zum geordneten, intensiv gepflegten Garten im

Park werden. Versenkt in den Schutthügel entsteht

ein Ruheort abseits des Verkehrs- und

Stadtlärms.

In Richtung Schleusenweg und Unteres Malstatt

waren im Bereich des Bauhofes Nachbarschaftsgärten

geplant, die den Malstatter Anwohnern

zur individuellen Bepflanzung und Nutzung zur

Verfügung gestellt werden sollten. Die persönliche

Gestaltung durch die Anwohner sollte dem

Park zu besserer Akzeptanz durch die Bevölkerung

verhelfen.

Eine weitere Ruhezone bietet der zwischen Rondell

und Westspange ebenfalls in Rundform

angelegte Kastanienhain, ein leicht abgesenkter

Platz mit gemauerten Sitzgelegenheiten, welcher

den ursprünglichen Belag samt Kastanienbäumen

in den Park integriert. Eine Hecke erhöht

optisch den rückwärtigen Wandabschluss, so dass

auch diese kleine Arena sich in den umgebenden

Grünbereich einfügt. Nahe der Böschungsmauer

am Uferweg im Südwesten erlaubt ein Pavillon

den Ausblick über die Saar nach Alt-Saarbrücken.

Die meisten Hauptwege haben begleitend architektonische

Ausstattungen, wie zum Beispiel

kniehohe Mäuerchen, Treppenwangen aus Spolien,

mannshohe Stützmauern mit Pilastern,

Segmentbögen und Nischen oder aufgesetzte

Betonquader mit Schlackesplittoberfläche. Allein

der lange, parallel zur St. Johanner Straße verlaufende

nordwestliche Begrenzungsweg ist

als Pflanzenwand ausgebildet. Das Besondere

der fast zwei Meter hohen Wallhecke in Mischkultur

ist ihr Schnittbild, das als pulsierende

Welle hinter einer Reihe von Götterbäumen viel

Raum einnimmt. Torähnliche Durchlässe, meist

als Ziegelsteinkonstruktionen, wie hohe Pfeiler

mit Übergängen oder Bogenkonstruktionen

ergänzen das architektonische Inventar des Parks

und dienen wiederum der Akzentuierung der

Blickachsen.

Straßenbäume kündigen in den Randbereichen

des Parks bereits die Grünanlage an. Im Park kontrastieren

ruhige Rückzugsräume mit offenen

strapazierfähigen Flächen. Zur Benutzerfreundlichkeit

gehörten eine konstante Beleuchtung

des Hauptwegenetzes, eine Toilettenanlage und

ein Funktionsgebäude für die Gartenpflege.

Die historische Nutzung als Kohlehafen und

die Zweitnutzung als Kriegsschuttdeponie ist


saargeschichte|n 63

Bürgerpark Hafeninsel,

Park- und

Spolienlandschaft,

2018.

anhand diverser Relikte und Ruinen der ehemaligen

Logistikanlage in situ im Park mannigfaltig

ablesbar. Der nach syntaktischem Entwurfskonzept

realisierte Landschaftspark Hafeninsel

im Saarbrücker Stadtteil Malstatt zeichnet

sich durch seine minimalistischen Eingriffe in

die vorhandene Topografie aus. Die natürliche

Pionierpflanzenwelt des Brachlandes wurde in

bestimmten Segmenten bewahrt.

Viele Spolien, überwiegend aus kriegszerstörten

Architekturen des Stadtgebietes, als historische

Relikte uminterpretiert, erhielten eine neue

Funktion und wurden erkennbar teils durch

neue Materialien ergänzt. Die vorgefundenen

historischen Hinterlassenschaften dienen als

Bedeutungsträger der Aufarbeitung des Vergangenen.

Parallel werden die Geschichte und

die Pflanzensukzession des Ortes in großen

Bereichen des Parks thematisiert. Dabei spielt

die vorgefundene Vielfalt der Pflanzen und der

Bodensubstrate aus den verschiedensten geologischen

Vorkommen des Saarlandes eine entscheidende

Rolle. Angestrebt wird die existierende

Flora weiter zu entwickeln, um artenreiche

Biotope zu generieren. Diese stehen in Kontrast

zu den pflegeintensiven Gartenarealen, die sich

über die Hafeninsel verteilen.

Der Rückgriff in die europäische Kunst- und Baugeschichte

findet im Bereich der Landschaftsgartengeschichte

statt. Das Label postmodern

wird aussagekräftig in der hervorragenden syntaktischen

Neuinterpretation barocker Gartenstrukturen

und englischer Landschaftsgartenelemente

dargelegt. Die Grundformen der

beiden neuen Großbauwerke des Parks lösen

Assoziationen an römische Aquädukte und Arenen

aus. Einzelne Relikte werden aufgegriffen,

in den neuen Park integriert (zum Beispiel eine

Kellerruine im Westen, Schienen und Pflaster im

Osten) und zum Teil neu interpretiert (zum Beispiel

Kastanienhain oder Klammottmauern). Eine

für die postmoderne Architekturströmung charakteristische

Uminterpretation und Funktionsänderung

einzelner, größerer historischer Bauelemente

fehlt.

Bedeutend erscheint der neuartige Ansatz im

Umgang mit einer innerstädtischen Industriebrache.

Die Landeshauptstadt hatte sich Anfang

der 1980er Jahre für einen Wandel der städtebaulichen

Leitbilder entschlossen. Zwischen

den Saarbrücker Industriestandorten, den Verwaltungssitzen

und den Nahtstellen der Stadtteile

Malstatt-Burbach und St. Johann entstand

vor dem Hintergrund der damals begeisterten

und engagierten Umweltbewegung in Deutschland

ein Nukleus ökologischer Stadterneuerung.

Als Vorläufer von Parkanlagen mit industrieller

Vorgeschichte kann der 1973 bis 1975 nach Entwurf

von Richard Haag angelegte Gas Works

Park in Seattle, Washington, angesehen werden.

Die historische Kohlevergasungsanlage blieb im

öffentlichen Park als Landmarke, als Zitat der

ehemaligen industriellen Nutzung, erhalten,

während das Gelände jedoch wegen starker Altlasten

abgedichtet und planiert wurde.

Die Saarbrücker Hafeninsel ist eines der frühesten

europäischen Beispiele für die Konversion

einer Industriebrache in einen innerstädtischen

Landschaftspark und bleibt im Saarland singulär.

Etwa zeitgleich entstand 1983 bis 1998 im Nordosten

von Paris der Parc de la Villette auf dem ehemaligen

Schlachthofareal. Die größte öffentliche


Pariser Parkanlage berücksichtigt die 1982 formulierte

Wettbewerbsanforderung, die Geschichte

des Ortes bei der Planung zu berücksichtigen.

Der schweizer Architekt Bernhard Tschumi schuf

den 35 ha großen Park mit knallroten Pavillons,

den Folies, als Knotenpunkte auf einer orthogonal

gerasterten Matrix. In Barcelona wurde

1985 bis 1986 ein ehemaliges Werksgelände der

spanischen Eisenbahngesellschaft in einen 2,7 ha

großen innerstädtischen Quartierspark, dem Parc

del Clot, umgewandelt. Die Landschaftsarchitekten

Dani Feixes und Vincente Miranda nahmen

Industrierelikte in die Parkgestaltung auf

und interpretierten sie im neuen Umfeld um.

Thema dieser landschaftsarchitektonischen

Bestrebungen war die Reintegration von altindustriellen

Standorten in urbane Funktionsräume

in städtebaulich wertvoller Lage. Aus dem

Industriestandort und der Kriegsschuttdeponie

wurde ein vielseitig nutzbarer Freizeitbereich.

Eine Revitalisierung im industriellen Architekturkontext

erfolgte im Saarland erstmals in großem

Maßstab im Zusammenhang mit der Umund

Nachnutzung des baulichen Bestandes

des ehemaligen Eisenwerkes in Völklingen, das

1994 als erstes Industriedenkmal in die Weltkulturerbeliste

der UNESCO aufgenommen und

dann zum Großmuseum, Veranstaltungsort und

multimedialem Wissenschaftszentrum weiterentwickelt

wurde.

Im 21. Jahrhundert wird das Thema Industriebrachenumgestaltung

seit 2006 alljährlich im Rahmen

der ibug künstlerisch vereinnahmt – ein

sächsisches Festival für urbane Kunst, welches

Oberflächen, Räume und Plätze der Industriebrachen

künstlerisch recycelt.

Im Werk des Landschaftsarchitekten Peter Latz

nimmt das Saarbrücker Projekt Bürgerpark

Hafeninsel sicherlich einen besonderen Stellenwert

ein, da er dem Saarland über lange Jahre in

Leben und Arbeit verbunden war. So wuchs er im

Saarland auf und gründete nach dem Studium

der Landschaftsarchitektur an der TH in München

und der Weiterbildung im Städtebau an der

RWTH Aachen 1968 mit seiner Frau Anneliese

ein Landschaftsarchitekturbüro in Aachen und

zusammen mit Herbert Kruske in Saarbrücken.

Zusammen mit dem Dillinger Architekten Conny

Schmitz führte er bis 1976 ein Büro für interdisziplinäre

Stadtplanung in Saarlouis. 1974 wurde

Kassel Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Ab 1983

an der TU München-Weihenstephan als Lehrstuhlinhaber

für Landschaftsarchitektur und

Planung beschäftigt, zog das Büro 1991 nach

Ampertshausen bei Kranzberg/Bayern. Peter Latz

wurde vielfach international ausgezeichnet. 1989

erhielt er für den Bürgerpark Hafeninsel den

Landschaftsarchitekturpreis des Bundes Deutscher

Landschaftsarchitekten (BDLA) und 2000

für die Planung des Emscher Parks in Duisburg-

Nord den Ersten Europäischen Preis für Landschaftsarchitektur

in Barcelona. 2001 folgte die

Grande Médaille d’Urbanisme der Académie

royale d’architecture in Paris und 2016 verlieh

ihm die International Federation of Landscape

Architects in Turin den Sir Geoffrey Jellicoe Award.

Die Belassung und Einbeziehung historischer

Grundstrukturen folgt dem Motto function follows

form, das vom Büro Latz und Partner erstmals

bei der Parkgestaltung der Saarbrücker

Hafeninsel realisiert wurde. Im Werkzusammenhang

erscheint der Bürgerpark als Pionierprojekt.

In kleinem Maßstab wurden prototypisch Fragestellungen

und Analysemethoden bezüglich der

historischen, vegetabilen und städtebaulichen

Matrix angewandt. Die umfassende Nutzungssuche

für vorstrukturierte Areale wurde später

im Großformat im Emscher Park in Duisburg-

Nord ausdifferenzierter umgesetzt. Die Industrieanlagen

sind keine Zitate einer abgeschlossenen

Epoche wie in Seattle, sondern bleiben im Kontext

verbundene interagierende Elemente

analog zu Biotopen oder Gelände- und Infrastrukturen

des ehemaligen Industriestandorts.

Die Parkkonzeption ermöglicht und fördert die

Spontanbildung von Biotopen (Teich mit neuer

Flora und Fauna, Ökokiste auf dem Schutthügel).

Die Weiterentwicklung natürlicher Prozesse und

die damit einhergehende langsame Veränderung

der Parkanlage waren im Konzept vorgesehen.

Für Peter Latz war die Realität offen und

interpretierbar. Eine neue Gestalt konnte

durch Anreicherung mit funktionalen und

gestalterischen Elementen ohne Negation oder

Zerstörung des Historischen entstehen. Wichtig

sei ein Park mit offenem Ende, das heißt einer

Entwicklungsfähigkeit innerhalb der Grundstruktur,

da auch künftig Ansprüche und Konflikte

den Park neu definieren werden.

Den größten Eingriff in die Parksubstanz

bedeutete der Verlust einer Teilfläche im Nordosten

zugunsten des langestreckten mehrteiligen

Parkhauses in den 1990er Jahren. Anlässlich

des Neubaus der Landeszentralbank im

Winkel zwischen Westspange und Hafenstraße

1990 konnte Peter Latz das südlich anschließende

Gelände mit einem Kiefernhain neu gestalten.

Analog dazu wurden auch die drei Kiefern im

Zugangsbereich auf der Nordwestseite der

Congresshalle gepflanzt. Zwischenzeitlich erfolg-


saargeschichte|n 65

te der Rückbau der Toilettenanlage. Ein Unterstand,

eine reversible leichte Metallkonstruktion,

wurde für die Mitglieder des ortsansässigen Bouleclubs

genehmigt. Die Brunnenanlage in der

Arena wurde 2018 provisorisch mit einer begehbaren

Holzkonstruktion mit Metallbelag zerstörungssicher

gegen Vandalismus abgedeckt.

Aktuell (2018) wird ein Schutthügel nordöstlich

der Wasserwand für eine Skaterbahn neu modelliert.

Die bisherigen Veränderungen haben die

wesentlichen Strukturen und Komponenten

des Landschaftsparks nicht maßgeblich beeinträchtigt,

vielmehr tragen die neuen Nutzungen

durch Boulespieler und Skater vermehrt zu dessen

Akzeptanz, positivem Gebrauch und somit

zur Erhaltung bei.

Der in vielerlei Hinsicht innovative Park ist ein

signifikanter Bedeutungsträger für die Saarbrücker

Stadtgeschichte und die saarländische

Industriegeschichte sowie den in den 1970er

Jahren in Deutschland aufkommenden ökologischen

Wertewandel. Der Bürgerpark Hafeninsel

stellt zugleich im internationalen Kontext

der Landschaftsarchitekturgeschichte ein

herausragendes Zeugnis dar. Der Landschaftspark

besitzt aus stadt- und regionalgeschichtlichen,

insbesondere aus architektur-, industrieund

gartenhistorischen Gründen im öffentlichen

Interesse eine besondere Bedeutung.

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»bei kameraden und

vorgesetzten stets beliebt«

Das Schicksal der Dillinger Ernst und Otto Schmeyer –

nach ihren Feldbriefen erzählt

von joachim conrad

Peter Schmeyer

(1889–1932) um 1914.

(PA Schmeyer Homburg.

NL Cäcila

Schmeyer Best.7,1)

»Media vita in morte sumus« – Mitten im Leben

sind wir im Tod. Der Tod traf im Zweiten Weltkrieg

unzählige Familien in Deutschland – aber

manche mehr als andere. Das zeigen die Feldpostbriefe

der Brüder Ernst und Otto Schmeyer

aus Dillingen. Durch den Tod der beiden Söhne

veranlasst, hütete die Mutter Cäcilia die Dokumente

wie einen Schatz. Nach ihrem Tod blieben

sie weitgehend unbeachtet in einem Ordner,

bis sie der Urenkel von Cäcilia Schmeyer, Thomas

Schmeyer, wiederentdeckte und zugänglich

machte.

Der Vater der Brüder Ernst und Otto, Hüttenarbeiter

Peter Schmeyer [1] aus Dillingen, hatte

noch im Ersten Weltkrieg für Kaiser und Reich

gekämpft. Sein Militärpass hat sich erhalten. [2]

In Friedenszeiten, am 13. Oktober 1909, trat er

seinen Dienst in der 11. Kompanie des Oberrheinischen

Infanterieregiment Nr. 97 an und

wurde bis zum Gefreiten befördert. [3] Die Liste der

Gefechte, an denen er im Ersten Weltkrieg teilnahm

ist lang [4] , dazu gehören Verdun (3. November

1917 bis 9. April 1918) und Flandern (5. Mai

[1] Peter Schmeyer, geboren am 15. Mai 1889 in Dillingen,

dort gestorben am 16. Juli 1932.

[2] PA Schmeyer Homburg. NL Cäcila Schmeyer Best. 1,1 Militärpass

von Peter Schmeyer.

[3] Durch den Militärpass erfahren wir, dass Peter Schmeyer

1,66 m groß war und – wie üblich – in der ersten Schießklasse

ausgebildet wurde. Nach seiner Beförderung zum

Gefreiten am 17. Dezember 1910 erfolgte die Beurlaubung

zur Reserve am 25. September 1911. 1914 brach dann

der Krieg aus.

[4] Das waren: 21. bis 25. August 1914 Longwy, 1. September

1914 Dannevoux, 29.November 1914 bis 5. Januar 1915

Argonnenwald, 25. September bis 11. Oktober 1916 Verdun,

24. Dezember 1916 bis 8. März 1917 Champagne, 3.

November 1917 bis 9. April 1918 Verdun (mit Unterbrechung),

5. Mai bis 11. September 1918 Flandern (mit Unterbrechung).

bis 11. September 1918), wobei ausdrücklich festgehalten

wurde, dass die Teilnahme an den

Schlachten immer wieder unterbrochen wurde

durch Heimaturlaube. Die Verwundungen [5] halten

sich im Rahmen, die Auszeichnungen auch:

am 1. August 1917 Eisernes Kreuz II. Klasse und am

26. Juli 1918 das Verwundetenabzeichen.

[5] Notiert sind für den 1. September 1914 ein Schuss in die

rechte Hand und für den 5. Januar 1915 eine Gehirnerschütterung.


saargeschichte|n 67

Peter Schmeyer hatte die standeslose Katharina

Cäcilia Stein [6] geheiratet; sie gebar ihm drei

Söhne: Ernst, Otto und Josef. Cäcilia Schmeyer

muss eine starke Frau gewesen sein, denn sie

kämpfte ein Leben lang. Am 16. Juli 1932 war Peter

Schmeyer wohl an den Spätfolgen des Krieges

gestorben, und seine Witwe Cäcilia focht (ihren

ersten Kampf) um die Rente und den Unterhalt

der Söhne aus. [7] Sie nahm dann am 30. November

1935 eine Putzstelle bei der Dillinger Hütte an,

die sie noch am 3. August 1944 innehatte. [8]

Der älteste Sohn Ernst Peter war den Eheleuten

am 16. Dezember 1920 in Dillingen geboren worden.

Er besuchte die achtklassige katholische

Volksschule am Ort, die er am 30. März 1935 verließ,

[9] machte eine Ausbildung zum Technischen

Zeichner und besuchte die Gewerbliche Berufsschule

Bezirk Dillingen-Saar. [10] Mit Kriegsbeginn

wurde er zum Heer eingezogen.

[6] Katharina Cäcilia Schmeyer geb. Stein, Hausfrau, geboren

am 29. April 1897 in Hülzweiler, gest. am 22. April 1972

in Wallerfangen.

[7] PA Schmeyer Homburg. NL Cäcila Schmeyer Best. 2,1

Schreiben des Knappschaftsvereins der Dillinger Hüttenwerke

zu Dillingen-Saar betr. Die Witwenpension

nach dem Tod des Peter Schmeyer († 16. Juli 1932) vom

26. Juli 1932.

[8] Ebd. Best. 2,2 Arbeitsbuch als Putzfrau auf der Dillinger

Hütte.

[9] Ebd. Best. 3,2 Entlassungszeugnis der Katholischen

Volksschule Dillingen vom 30. März 1935.

[10] Ebd. Best. 3,3 Zeugnis der Gewerblichen Berufsschule Bezirk

Dillingen-Saar vom 27. Oktober 1937.

Der zweite Sohn Otto wurde am 23. März 1926

in Dillingen geboren und besuchte ebenfalls die

katholische Volksschule. [11] Am 3. Oktober 1940

unterschrieb seine Mutter den Lehrvertrag bei der

Aktiengesellschaft der Dillinger Hüttenwerke; er

wurde Modellschreiner und verließ die Gewerbliche

Berufsschule Dillingen am 20. März 1943. [12]

Bald danach zog er ins Feld. Beide Brüder sollten

sterben. Nur der dritte, Josef Ambrosius, geboren

am 3. Oktober 1929 in Dillingen, hatte die Gnade

der späten Geburt und blieb am Leben. Von ihm

sind im Nachlass der Mutter Cäcilia keine Dokumente

erhalten. Das Gros des Nachlasses besteht

aus Korrespondenz, besonders mit dem älteren

[11] Ebd. Best. 4,1 Zeugnisheft der Katholischen Volksschule

in Dillingen. Die Laufzeit des Heftes reicht aber nur vom

7. April 1932 bis 20. März 1939.

[12] Ebd. Best. 4,5 Beglaubigte Abschrift des Schulabgangszeugnisses

vom 20. März 1943.

Gruppenbild 1917.

(PA Schmeyer Homburg.

NL Cäcila

Schmeyer Best. 7,11)

Ernst Schmeyer als

Säugling um 1921. (PA

Schmeyer Homburg.

NL Cäcila Schmeyer

Best. 7,12)


Ernst Schmeyer

(rechts) und Hans

Ferner um 1939. (PA

Schmeyer Homburg.

NL Cäcila Schmeyer

Best. 7,14)

Die Hosen sind durchgescheuert.

Album

mit Bildern von Otto

und Ernst Schmeyer

im Zweiten Weltkrieg.

(PA Schmeyer

Homburg. NL Cäcila

Schmeyer Best. 9,1

Nr. 5)

Sohn Josef. Diese Korrespondenz beleuchtet bei

der ganzen tragischen Situation der Mutter die

Verhältnisse dieser Zeit.

»Ein fröhliches Treiben« – Reichsarbeitsdienst

Während die Rote Zone und damit Dillingen evakuiert

war, befand sich Ernst Schmeyer in Schönebeck

an der Elbe im Reichsarbeitsdienst. Anlässlich

eines Heimataufenthaltes wollte er die

Mutter mit den jüngeren Brüdern besuchen und

machte sich mit dem Fahrrad auf den Weg durch

den Hunsrück. Vergeblich. Ihm wurde gesagt,

man habe die Dillinger nach Bleicherode in den

Harz gebracht. »Das erste, was wir dort hörten,

war, das[s] wir arbeiten könnten. Dazu hatten wir

aber keine Lust. Von Essen u. Quartier war hier

überhaupt nichts zu sehen und noch viel weniger

von den Dillingern. Wir hatten hier die Nase ziemlich

voll und den Magen bedenklich leer. Wir fuhren

anderntags auf eigene Gefahr nachmittags

um V 8 Uhr los in Richtung Magdeburg […]. Es

hieß, hinter Magdeburg sind die ganzen Dillinger.

So kamen wir hier nach Schönebeck ziemlich ausgehungert.

[…] Jetzt bin ich hier bei einem Apot[h]eker

und habe es sehr gut, habe ein Zimmer u.

ein Bad dabei. Bis jetzt brauchte ich noch nichts

zu bezahlen; es sind sehr nette Leute.« [13]

In Schönebeck arbeitete Ernst in der ortsansässigen

Patronen- und Zündhütchenfabrik

als Zeichner und verdiente 120 Reichsmark. Der

Neunzehnjährige konnte seiner Mutter stolz vermelden,

dass er 153 Pfund wog, beichtete aber

auch, dass er in Dillingen zwei Tage »vergnügt

mit den Soldaten verlebt [hat] zwischen Wein

und Bier. Es wurde nämlich sämtlicher Alkohol

von den Männern ausgetrunken; das war ein

fröhliches Treiben.« [14]

Nachdem Ernst Schmeyer nach Wiesbaden als

Gefreiter gewechselt war, berichtet er vom Alltag

in den Kasernen. An keiner Stelle hat man den

Eindruck, dass ein grausamer Krieg tobte. »Unser

Dienstplan ist folgender. Morgens um 6 Uhr ist

Wecken. Um 6.50 Uhr haben wir Antreten zur

Befehlsausgabe. In den 50 Min. müssen wir Betten

bauen, etwas Kaffee trinken und waschen.

Von 7.00 Uhr bis 9.00 Uhr haben wir Unterricht

über das Gewehr; Rangordnungen von Offizieren

usw. Von 9 bis V 10 haben wir Kaffeetrinken.

Von V 10 bis 10 formale Ausbildung, also Exerzieren,

Gewehrübungen, Gehen und Stehen. Das

macht mir am meisten Spaß. Da geht es so richtig

stramm zu. Von 12 bis 2.00 haben wir Mittagspause.

Wenn wir raustreten, müssen wir die Finger

vorzeigen. Das Essen ist tadellos. Wir erhalten

ganz selten nur Eintopf, und die Woche hatten

wir jeden Tag Fleisch. Von 2.00 Uhr bis 6.00 Uhr

haben wir verschiedenen Dienst. Entweder theoretisch

oder Luftschutzübung oder Gewehr oder

Kleiderappell oder Sport. Um 10 Uhr müssen wir

in den Betten sein. Vorher aber müssen wir die

Stube blitzblank machen.« [15]

»Alles halb so wild« – Durchhalteparolen

Um Mutter und Brüder zu beruhigen, bemühte

sich Ernst Schmeyer beständig darum, positive

Nachricht zu übermitteln. Der Gefreite schrieb

aus Wiesbaden: »Meine Uniform passt mir fabelhaft.

Aber Stiefel haben wir noch nicht und neue

Stiefelzieher brauche ich noch nicht. Eine Ausgangsuniform

haben wir auch schon. Meine

eigene Wäsche werde ich auch wieder schicken.

Meine Militärwäsche bekommen wir gewaschen.

[13] Ebd. Best 3,4. Brief von Ernst Schmeyer an die Mutter

vom 24. September 1939, S. 1. Der Verf. schreibt fast

ohne Satzzeichen; sie sind hier ergänzt.

[14] Ebd., S. 2–3.

[15] PA Schmeyer Homburg. NL Cäcila Schmeyer Best. 3,5.

Brief von Ernst Schmeyer an die Mutterr vom 12. Oktober

1940.


saargeschichte|n 69

Wir brauchen nur die Taschentücher und Strümpfe

zu waschen und die Halsbinden.« [16] Nur selten

und knapp kommen klare Worte: »Es gefällt mir

immer noch gut, wenn es auch manchmal scheisse

ist« [17] , dann geht es positiv weiter: »Auf unserer

Stube liegen alles Pfälzer oder Mannheimer,

und wir haben eine Bombenkameradschaft.

Einen Volksempfänger haben wir uns auch schon

zugelegt.« [18]

Also »bestens versorgt« hatten die Rekruten auch

viele Vergnügungen, schenkt man den Briefen

von Ernst Schmeyer Glauben. »Wir bekommen

[…] am Freitag Geld und unser Soldbuch und

dann können wir allein ausgehen. Hier in Wiesbaden

ist ein schönes Treiben in den Lokalen und

ganz tolle Mädels, und als Soldat hat mans ziemlich

leicht, um mit Mädels weg zu gehen.« [19]

Und weil die Mutter kritisch nachfragte, schrieb

Ernst: »Du machst Dir bestimmt zu schlimme

Vorstellungen, was wir alles aushalten müssen.

Ich glaube, daran ist nichts anderes schuld als die

Wochenschau und die Bilder in der Zeitung. Das

ist doch klar, das[s] die nicht Bilder bringen können,

wo wir in Ruhe liegen oder sonst was treiben.

Das würde die, welche zu Hause sind, doch gar

nicht interessieren und würde bestimmt langweilig

werden.« [20]

Der jüngere Bruder Otto scheint von seinem großen

Bruder gelernt zu haben, denn im Dezember

1944 schreibt er über die Westfront: »Wir sind

immer noch da, wo wir von Landau aus hin sind,

und das weißt Du ja. Wir sollten ja zuerst nach 4

Wochen wieder von hier weg, aber nun hat sich

die Lage so geändert, daß wir hier bleiben müssen.

Du brauchst nun aber nicht zu erschrecken, und

Dir unnötige Sorge zu machen. Das ist alles halb

so wild. Der Westwall ist hier ziemlich stark, und

der Amerikaner wird sich bei uns schon die Zähne

ausbeißen. So einen kleinen Vorgeschmack hatte

er schon heute Mittag bekommen. Er war nähmlich

(!) mit ein paar Panzern etwas vor gekommen,

und das hat ihn unsere Ari [21] im Nu wieder vertrieben.

Die ersten Kugeln sind auch schon über

uns weg, und das ganze ist halb so wild, wenn

man die Nase rechtzeitig in den Dreck steckt. |

Und Dreck ist hier im wahrsten Sinne genug.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] PA Schmeyer Homburg. NL Cäcila Schmeyer Best. 3,10.

Brief von Ernst Schmeyer an seine Mutter und seine

Brüder vom 4. Dezember 1941.

[21] Ari = Angehöriger der Artillerie.

Du brauchst Dir also um mich keine Sorgen zu

machen, ich passe schon von selbst auf.« [22]

Am 7. Januar 1945 sollte Otto Schmeyer mit 19

Jahren in Stundviller/Elsass fallen. Noch vier

Tage zuvor schrieb er der Mutter: »Wir liegen hier

immer noch in Ruhe, und führen ein ganz tadelloses

Leben. Den ganzen Tag machen wir nichts

anderes als schlafen und Essen. Das Essen ist ganz

prima, und zu rauchen haben wir auch genug. Du

brauchst Dir also um mich überhaupt keine Sorgen

zu machen. Nun will ich schließen, denn ich

muß mich noch rasieren. Ich hab einen Bart wie

ein U-Boot-Fahrer. Denn an Weihnachten hab ich

mich das letzte mal rasiert.« [23]

»Wieder im Luftschutzkeller« –

Luftkrieg und Mittagsschlaf

Die Luftangriffe nahmen zu. Ernst Schmeyer

betonte gegenüber der Mutter das Positive.

»Wenn wir Alarm haben, dann haben wir von

2-3 Mittags Schlafstunde.« [24] Und später genauer:

»Wegen dem Fliegeralarm brauchst Du Dir

keine Angst zu machen. Wir sind nämlich Mittags

immer froh, wenn wir eine Stunde länger schlafen

können. Und der Fliegeralarm dauert auch

höchstens nur eine Stunde, und Bomben sind

noch keine […] abgeworfen worden.« [25] Zu Weihnachten

äußerte sich Ernst Schmeyer, inzwischen

Funker, gegenüber dem kleinen Bruder Josef ganz

ehrlich: »Ich habe Deine Karte in mein Spind aufgehängt

und sieht schön aus. Es ist jetzt 9 Uhr

[22] PA Schmeyer Homburg. NL Cäcila Schmeyer Best.4,9.

Brief von Otto Schmeyer an seine Mutter und Bruder

Josef vom 16. Dezember 1944.

[23] Ebd. Best.4,11. Feldpostbrief von Otto Schmeyer an seine

Mutter und Bruder Josef vom 3. Januar 1945.

[24] Ebd. Best. 3,5. Brief von Ernst Schmeyer an die Mutter

vom 12. Oktober 1940.

[25] Ebd. Best.3,6. Brief von Ernst Schmeyer an die Mutter

vom 30. Oktober 1940.

Baden in einem russischen

See.

Album mit Bildern

von Otto und Ernst

Schmeyer im Zweiten

Weltkrieg. (PA

Schmeyer Homburg.

NL Cäcila Schmeyer

Best. 9,1 Nr. 7)


Friseurtag im Lager.

Album mit Bildern

von Otto und Ernst

Schmeyer im Zweiten

Weltkrieg. (PA

Schmeyer Homburg.

NL Cäcila Schmeyer

Best. 9,1 Nr. 10)

abends und ich sitze wieder im Luftschutzkeller.

Ich lag gerade 5 Min. im Bett und mußte wieder

heraus. Hier darf man nicht wie zu Hause im Bett

liegen bleiben.« [26]

Was der Luftkrieg aber aus einem jungen Mann

von rund zwanzig Jahren machte, der – von seiner

Familie getrennt – »den starken Mann« spielen

musste, ist seinem kurzen Bericht über einen

Alptraum zu entnehmen: »Die vorige Nacht

hatte ich geträumt von Dillingen. […] Ich träume

sonst nie, und da kann ich tagsüber noch so viel

erlebt haben. Ich habe geträumt, ich hätte mit

Otto beim Gratz am Geschäft gestanden und

auf einmal wäre eine ganze Masse Flugzeuge

angekommen. Alle Leute glaubten, es seien deutsche.

Bis auf einmal rief ich zu Otto: ‚Die werfen

Bomben‘, denn ich hörte das übliche Zischen in

der Luft. Wir sprangen beide sofort in Deckung,

und schon hagelte es an allen Ecken und Enden.

Wie ich auch hier sah, waren es Engländer. Wir

gingen dann noch seelenruhig Wurst und Brötchen

kaufen, und dann wurde ich wach […]. Wieder

war es nur ein Wünschen. Ich hätte ja lieber

diesen Bombenangriff mitgemacht und wäre

aber die Hauptsache zu Hause. Allerdings dürfte

man bei einem solchen Bombenangriff kein Loch

in den Kopf kriegen. War auch schwerer Quatsch,

der Traum, was?« [27]

»Seit langer Zeit wieder gebadet« –

Der Frontalltag

Ernst Schmeyer verdanken wir zahlreiche Bilder,

denn er bat seine Mutter, ihm den Fotoapparat

zu schicken. [28] Immer wieder erzählt er in seinen

Briefen vom Alltag an der Ostfront. »Der ganze

Nachschub, überhaupt sämtliche Verbindungen

mit dem vorgesetzten Oberst [halten wir nur

über das] Flugzeug. Wir waren die ersten 14 Tage

eingeschlossen. Das geht Euch ja gar nichts an.

Das ist ja Dienstsache. Mache dir keine Angst

[26] Ebd. Best.3,7. Karte von Ernst Schmeyer an Josef Schmeyer

vom 3. Dezember 1940. Auf derselben Karte zeigt er

sich als großer und fürsorglicher Bruder: »Lieber Josef,

wie gefällt es Dir denn noch in der Schule. Bekommst

Du bald wieder Ferien. Hast Du Dich auch geschickt,

daß Dir der Nikolaus was bringt und das Christkindchen.

Ich bekomme für Weihnachten sehr wahrscheinlich

kein Urlaub. Ich hoffe aber bald nach Neujahr.«

[27] Ebd. Best.3,18. Brief von Ernst Schmeyer an seine Mutter

und seine Brüder vom 11. Januar 1942.

[28] Ebd. Best. 3,5. Brief von Ernst Schmeyer an Cäcila

Schmeyer vom 12. Oktober 1940.

deswegen, denn jetzt ist wieder alles in bester

Ordnung.« [29]

Die hygienischen Zustände waren grauenvoll,

aber ein junger Mann wird seiner Mutter gegenüber

nicht so deutlich, sondern sagt durch die

Blume, wie ihn die Verhältnisse quälen. Ein gutes

Beispiel liefert ein Brief vom 7. Dezember 1941:

»Ich war gerade eben in meiner Farm. Wenn Du,

liebe Mama, jetzt wüßtest, was das wäre. Jeder

von uns hat eine Zucht von kleinen [Tierchen] […].

Habe eben ein paar mit dem Lasso [gefangen].

Jetzt merken die lieben Tierchen, daß ich von

ihnen schreibe und jetzt marschieren dieselben

im Takt des Pariser Einzugsmarsches auf meinem

Rücken und Bauch auf und ab. Bei uns nennt man

dieselben Schneiderläuse. Von Flöhen oder Wanzen

merke ich nichts. Ich werde aber, wenn wir

das nächste feste Quartier erhalten, dieselben

vertreiben. Ich werde die ganze Wäsche mal

Nachts in die Kälte legen und dann werden dieselben

schon den Schnupfen bekommen.«[30]

Und ein paar Wochen später: »Eben war ich wieder

in meinem Jagdrevier und habe eine ganze

Anzahl Abschüsse. Die Biester können einen aufregen.

Wenn man in der Kälte ist, merkt man

nichts. Wie man es aber warm bekommt, fangen

die an zu laufen.« [31]

Russland wäre nicht Russland, wenn der Junge

aus Dillingen nicht die Sauna für sich entdeckt

hätte. »Gestern habe ich seit langer Zeit wieder

[29] Ebd. Best.3,10. Brief von Ernst Schmeyer an seine Mutter

und seine Brüder vom 4. Dezember 1941.

[30] Ebd. Best.3,11. Brief von Ernst Schmeyer an seine Mutter

und seine Brüder vom 7. Dezember 1941.

[31] Ebd. Best. 3,12. Brief von Ernst Schmeyer an seine Mutter

und seine Brüder vom 16. Dezember 1941.


saargeschichte|n 71

gebadet. Ach war das schön. Es war ein Dampfbad,

da wurden Steine heiß gemacht und darauf

Wasser geschüttet. Das Wasser verdampft

und durch die Hitze kommt [man] dermaßen ans

Schwitzen, daß das Wasser nur einem so runterläuft.

Das Bad ist ziemlich gesund, nur bekommt

man Hunger darauf.« [32]

Der jüngere Bruder Otto erlebte den Umstand,

an Weihnachten nicht zu Hause zu sein, als

besondere Anfechtung, thematisierte aber nur

den Schmerz der Familie, um selbst unangreifbarer

zu sein: »Wie werdet Ihr den heiligen

Abend da gesessen haben, und wieviele Tränen

sind wieder geflossen. Hoffentlich wart Ihr nicht

all zu traurig. Nun will ich Dir mal schreiben, wie

ich hl. Abend erlebt habe. Zunächst mal wußten

wir hier in unserer Einsamkeit garnicht richtig,

wo wir mit dem Datum dran waren, und feierten

darum hl. Abend einen Tag zu früh. Am anderen

Tag erst erfuhren wir das richtige Datum. Na

das macht auch nichts, sagten wir, dann feiern

wir eben zweimal. Aber Scheibe (!): Am hl. Abend

um 6 Uhr dann Alarm. Alles mußte in den Graben,

weil der Amerikaner einen Angriff plante. Unsere

Ari hat ihm aber den Spaß verdorben, und so

wurde der Alarm um 12 Uhr beendet. Unser Chef

ging um 11 Uhr durch den Graben, und wünschte

jedem frohe Weihnachten und ließ Zigaretten

verteilen. Von 12 Uhr ab habe ich dann 2 Stunden

geschlafen, und um 2 Uhr mußte ich dann

raus mit auf Spähtrupp. Das waren meine Weihnachten

1944. Die werde ich nie im Leben vergessen.

Aber es kommen auch wieder andere

Zeiten, und dann wird alles nachgeholt.« [33] Otto

Schmeyer ist im Januar darauf gefallen; es war

sein letztes Weihnachtsfest.

»Erfroren habe ich mir noch nichts« –

Wetter und Arbeit im Osten

Der Funker Ernst Schmeyer lernte an der Ostfront

den russischen Winter fürchten. »Wir haben

hier jetzt richtigen Winter. Heute morgen hatten

wir 35° kalt. Der Schnee liegt aber noch nicht

so hoch. Wir haben 25 cm Schnee vielleicht […].

Da war aber so ein Wind. An dem Weg mußten

wir gerade ein ganz kurzes Stück Leitung schalten.

Der Wind hat einen bald vom Mast herunter

geschmissen. Und kalte Füsse (!) und Finger gibt

es, wenn man so auf dem Mast hängt. Aber das ist

alles nicht so schlimm. Die Infanterie ist wohl viel

beschissener dran. Wir haben wenigstens Ruhe,

wenn wir unsere Leitung gebaut haben.« [34] Die

Mutter reagierte prompt: »Hoffentlich hast Du

die Hände und Füße noch nicht erfroren. Wenn

Du doch so auf die Masten klettern mußt, kannst

Du doch keine Handschuhe anlaßen, und im

Auto werden Dir die Füße steif werden, oder habt

Ihr auch von den neuen heizbaren Einlegesohlen,

wie sie hier erzählen und im Radio?« [35] Ernst antwortete

wahrheitsgemäß: »Erfroren habe ich mir

noch nichts. Dabei hatte ich schon oft zum Weinen

kalte Füsse (!) und Finger. Aber es ging wieder

vorbei. Wir hatten auch schon ganz schön kalte

Tage. Augenblicklich geht es wieder. Wir haben

heute vielleicht 10° Kälte oder auch nicht soviel.

Ein Silvester und Neujahr habe ich verbracht […].

Wir lagen im Bett und hörten etwas Musik. Um

12 Uhr wurde ich wach gemacht. Wir gratulierten

uns gegenseitig, und ich schlief, nachdem das

Glockengeläut im Radio wieder vorbei war, ruhig

ein. Wenn Du auf warst, wirst Du auch die Musik

gehört haben, welche nach dem Glockengeläut

gespielt wurde. Die hat mir prima gefallen. Es war

Auf dem Telegrafenmast.

Album mit

Bildern von Otto und

Ernst Schmeyer im

Zweiten Weltkrieg.

(PA Schmeyer Homburg.

NL Cäcila

Schmeyer Best. 9,1

Nr. 12)

[32] Ebd. Best.3,11. Brief von Ernst Schmeyer an seine Mutter

und seine Brüder vom 7. Dezember 1941.

[33] Ebd. Best.4,10. Brief von Otto Schmeyer an seine Mutter

und Bruder Josef vom 25. Dezember 1944.

[34] Ebd. Best. 3,12. Brief von Ernst Schmeyer an seine Mutter

und seine Brüder vom 16. Dezember 1941.

[35] Ebd. Best. 3,19. Brief von Cäcilia, Otto und Josef Schmeyer

an Ernst Schmeyer vom 22. Januar 1942.


die ‚Götterdämmerung‘ von Wagner.«[36] Wenige

Tage später geriet der junge Mann in russische

Kriegsgefangenschaft und galt ab 22. Januar 1942

als verschollen.

»Ohne besonders großen Widerstand« –

Der Vormarsch

Von den eigentlichen Kriegshandlungen

berichten die Brüder Ernst und Otto eher selten;

die Zensur wird ihnen die Möglichkeit

genommen haben. In einer Karte an den jüngsten

Bruder Josef – er setzt nach dessen Namen

den Begriff »Kaninchenzüchter« ins Adressfeld,

um dem Jungen eine Freude zu machen – schreibt

Ernst Schmeyer über das Leben auf dem Russlandfeldzug:

»Ich bin heute in guter Laune und

habe Bauchweh vor lauter Lachen. Hier sind wir

in einem kleinen Dorf und in dem Hause machen

die Mädchen ein paar russische Volkstänze. So

etwas mußt Du mal sehen. Der eine spielt auf der

Ballalaika (!) und die anderen singen gegenseitig

und trampeln mit den Füßen und tanzen im Kreis

herum.« [37]

Im Dezember 1941 wird Ernst deutlicher und

berichtet einer Familie Eggert vom Verlauf des

Russlandfeldzuges, wie er ihn mitgemacht und

erlebt hat. »Ich bin jetzt schon seit Kriegsbeginn

in Rußland, und ich wäre froh, wenn wir bald aus

dem Arbeiterparadies heraus können. […]. Denn

hier in Rußland lebt man wie vor hundert Jahren,

und das noch nicht ein mal. […] Am 22. Juni

sind wir als motorisierte Division bei Tilsit über

die Deutsch-Litauische Grenze, ohne besonders

großen Widerstand. Durch ganz Litauen ging es

schnell, und hier hieß es, nichts als fahren und

am Feinde bleiben. Am Tage haben wir 100 – 150

km zurückgelegt, und das auf Wegen, welche

nur aus Sand und Schlaglöchern bestanden. […]

Unser Vormarsch ging immer noch in dem gleichen

Tempo weiter durch Lettland über die russische

Grenze bis nach Pleskau [heute Pskow]. Hier

wurde die Stalin-Linie durchbrochen und weiter

ging es den Peizus-See bis an die Luga. Hier

blieben wir 4 Wochen liegen, denn der Russe

verteidigte den Fluss. Aber dieses war nicht der

Grund zu unserem Stillstand. Der ganze Nachschub

mußte wieder herangebracht werden.

Während diese[r] 4 Wochen lag unsere Kompanie

am Samra-See, und hier konnten wir es gut

aushalten und unsere Wäsche wieder in die Reihe

[36] Ebd. Best. 3,17. Brief von Ernst Schmeyer an seine Mutter

und seine Brüder vom 9. Januar 1942.

[37] Ebd. Best. 3,9. Karte von Ernst Schmeyer an Josef

Schmeyer vom 27. November 1941.

bringen. Das schlimmste Übel bis jetzt war der

Staub und die unendlich vielen Stechmücken.

Die konnten einen verrückt machen. Abends war

man müde, und die Biester stachen sogar durch

die Wolldecken, die man über das Gesicht zog.

Wir sind dann weiter gezogen und haben die

starke Verteidigungslinie bei Petersburg durchbrochen.

Wir waren bis auf Sichtweite an die

Stadt herangekommen. Hier wurden wir dann

herausgezogen und kamen an die Mittelfront.

Hier haben wir die Umfassungsschlacht bei

Wjasma mitgemacht und haben dann in schnellem

Vorstoß Kalinin genommen. Hier sah ich zum

ersten Mal in Rußland mehrstöckige Steinhäuser,

in dem aber nur Kommissare wohnten. Der Winter

hat jetzt die Operationen still gelegt. An 2

Tagen hatten wir schon 35° unter Null.« [38]

»Mit seinem Leben bezahlt« –

Mütterliche Suche nach dem Sohn

Cäcilia Schmeyer sollte innerhalb von weniger als

drei Jahren zwei von drei Söhnen verlieren. Ernst

starb mit 21 Jahren, Otto mit 19. Als Ernst am 3. Mai

1942 in russischer Kriegsgefangenschaft starb,

wusste niemand von seinem Schicksal, nachdem

er seit dem 22. Januar vermisst war. Ein Offizier

schrieb der Mutter: »Ihr Sohn war mit einem Bautrupp,

dem er seit längerer Zeit angehörte, in der

Nacht vom 21. zum 22.1.42 bei einem Bataillonsstab

in Krassny-Cholm, einem kleinen russischen

Dorf an der Moskauer Front. Der Trupp

hatte die Aufgabe, die zum Regiment führenden

Fernsprechleitungen zu unterhalten. In den frühen

Morgenstunden gelang es russischen Spähtrupps,

unsere Posten an einer Seite des Dorfes

zu überrennen und mit stärkeren Kräften in das

Dorf einzudringen. Der Bataillonskommandeur

mußte auf Grund dieser Lage das Absetzen vom

Ort befehlen. Ihr Sohn lag nun mit seinem Trupp

und mehreren Leuten des Bataillons in einem

Hause an der Dorfstraße, in die die Russen mit

Maschinengewehren hineinschossen. Keiner der

Leute des Bataillons und auch der Kommandeur

selbst nicht hat in der Hitze des entbrannten

Gefechtes beobachtet, daß irgendeiner der

Kameraden aus dem betreffenden Hause herausgekommen

wäre. Es besteht nun – ich will es

Ihnen ganz offen schreiben – die Möglichkeit, daß

Ihr Junge, der ja immer zu den Tapfersten gehörte,

mit den fünf Kameraden im Kampf gefallen ist,

es ist jedoch auch möglich, daß er in Gefangenschaft

geraten ist. Das Dorf wurde später von uns

[38] Ebd. Best.3,13. Brief von Ernst Schmeyer an Familie Eggert

vom 16. Dezember 1941.


saargeschichte|n 73

aus taktischen Gründen nicht wieder genommen,

so daß mir leider weitere Nachforschungen nicht

möglich sind.« [39] Und dann folgten die üblichen

Floskeln: »Der Verlust Ihres Sohnes trifft die Kompagnie

deswegen besonders hart, weil er zu den

zuverlässigsten Fernsprechern gehörte, und weil

er bei Kameraden und Vorgesetzten stets beliebt

war. Er hat seinen freudigen Einsatz für die Kompanie

und damit für unser aller großes Ziel nun

wahrscheinlich mit seinem Leben bezahlt.« [40]

Nun begann ein Kampf für die Mutter. Nachdem

auch der Kompaniechef, Oberleutnant Köhlhofer,

einen Bericht abgegeben und weitere Vermisste

benannte hatte [41] , wollte Cäcilia Schmeyer nichts

unversucht lassen, das Schicksal ihres Erstgeborenen

zu erforschen. So schrieb das Bischöfliche

Offizialat Trier 1951 an die Mutter über Nachforschungen,

die angestellt worden waren. [42]

Es folgte ein Brief des Deutschen Caritasverbandes.

[43] Cäcilia Schmeyer versuchte, den

Verlust für sich zu verarbeiten und fügte ihren

Papieren eine eigene Darstellung hinzu: »[…] in

der Nacht vom 21.–22. Januar kam er verwundet

in Gefangenschaft. Das habe ich durch einen

Heimkehrer erfahren, kam in ein Sammellager

bei Moskau, Lager 3 […]. Dort war er für zwei

Monate. Von dort kam er in ein Lazarett wegen

Wundfieber. Von der Zeit fehlt jede Spur.« [44] 1955

wurde amtlich der Tod festgestellt und auf den 31.

Januar 1942 datiert. [45] Vierzehn Jahre danach gab

es Klarheit, dass Ernst Schmeyer am 3. Mai 1942

in Gefangenschaft verstorben war. [46] Der traurige

Kampf war für die Mutter zu Ende.

Was Otto Schmeyer angeht, den zweiten

Sohn, der sich an der Westfront befand, so war

die Botschaft klar. Otto schrieb am 6. Januar

1945 aus der Nähe von Wissembourg an

seine Mutter – und er hatte nahezu eine Vorahnung:

»Heute mittag geht es wieder weiter,

und zwar gehen wir zum Angriff über. Hoffentlich

geht alles gut. Es ist ja doch ein komisches

Gefühl. Ihr braucht Euch aber keine Sorgen zu

machen, es wird schon schief gehen. Behüt Euch

alle Gott, auf Wiedersehen.« [47] Am Tag darauf

war er tot, gefallen im Gefecht bei Stundviller.

[48]

Der Totenzettel berichtet über den Heldentod

des Panzer-Grenadiers Otto Schmeyer. [49]

Zwei Söhne einem unmenschlichen Regime

opfern zu müssen, wird auch für eine fromme

Katholikin aus Dillingen eine Anfechtung

gewesen sein; aber der Glaube gab der Mutter

den einzigen Halt. Der drittgeborene Sohn Josef

sollte erwachsen werden und Kinder und Enkel

erleben.

[39] Ebd. Best. 3,20. Schreiben des Kompaniechefs, Adler (?),

der 1. Kompagnie Nachrichtenabteilung 36 (Original

und zwei hektografierte Fassungen) an Cäcilia Schmeyer

vom 10. Februar 1942.

[40] Ebd.

[41] PA Schmeyer Homburg. NL Cäcila Schmeyer Best. 3,21.

Schreiben des Oberleutnants und Kompaniechefs

Köhlhofer, Einheit 18007, an Cäcilia Schmeyer vom 5.

April 1942.

[42] Ebd. Best. 3,22. Schreiben des Bischöflichen Offizialates

Trier an Cäcilia Schmeyer vom 4. Oktober 1951.

[43] Ebd. Best. 3,23. Schreiben des Deutschen Caritasverbandes

an Cäcilia Schmeyer vom 6. Oktober 1951.

[44] Ebd. Best. 3,25. Handschriftliche Notiz von Cäcilia

Schmeyer zum Tod ihres Sohnes Ernst Peter.

[45] Ebd. Best. 3,31. Urkunde des Standesamtes Saarbrücken

Nr. 11/ 1955 über die amtliche Feststellung des Todes

von Ernst Peter Schmeyer, festgelegt auf den 31. Januar

1942, ausgestellt am 12. Januar 1955.

[46] Ebd. Best. 3,33. Schreiben der Deutschen Dienststelle

für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen

von Gefallen der ehemaligen deutschen Wehrmacht,

Berlin-Wittenau, an Cäcilia Schmeyer vom 3. Februar

1969 und Mitteilung über den Tod von Ernst Peter

Schmeyer am 3. Mai 1942 in russischer Kriegsgefangenschaft

[Korrektur des Todestages!]

[47] Ebd. Best.4,12. Feldpostbrief von Otto Schmeyer an seine

Mutter und Bruder Josef vom 6. Januar 1945.

[48] Ebd. Best.4,13. Brief des Feldwebels Robert Katthaus

vom 11. Januar 1945 an Cäcilia Schmeyer betr. den Tod

von Otto Schmeyer am 7. Januar 1945 im Gefecht bei

Stundviller.

[49] Ebd. Best.4,14. Totenzettel (stark beschädigt) über den

Heldentod des Panzer-Grenadiers Otto Schmeyer sowie

Fotokopie des Totenzettels.


der lange schatten

des abstimmungskampfes

Ein schwieriges Erbe: Zur Entstehungsgeschichte des Deutsch-Französischen Gartens

von hans-christian herrmann

Vor der offiziellen

Eröffnung der

Deutsch-Französischen

Gartenschau

im Deutschmühlental

fand am Ehrenmal

auf den Spicherer

Höhen eine Gedenkfeier

statt – als

Zeichen der neuen

Freundschaft zwischen

Frankreich und

Deutschland.

(Stadtarchiv SB, Nl M

1142/11)

Eröffnung ohne den Kanzler

Samstag, der 23. April 1960 in Saarbrücken. Um

13.00 Uhr öffnete die Deutsch-Französische

Gartenschau ihre Tore für das Publikum. Ein wichtiger

Tag in der Saarbrücker Stadtgeschichte. Ein

paar Stunden vorher hatten sich fast 3000 Menschen

bei trübem Wetter mit Temperaturen von

wenig frühlingshaften 10° C zu einer, wie die

Saarbrücker Zeitung schrieb, »ergreifenden Feierstunde«

auf den Spicherer Höhen versammelt. Es

sprachen der Bischof von Lourdes Pierre-Marie

Théas (1894–1977) und der Ratsvorsitzende der

Evangelischen Kirchen in Deutschland, Bischof Dr.

Otto Dibelius.« [1]

Am Ehrenmal auf den Spicherer Höhen legten

die Landwirtschaftsminister Frankreichs und

Deutschlands sowie der saarländische Minister-

[1] Saarbrücker Zeitung vom 25. April 1960.

präsident einen Lorbeerkranz nieder – so der

Bericht. Diese Feierstunde stand ganz im Zeichen

der Völkerverständigung und wollte ein Zeichen

für eine deutsche-französische Freundschaft

setzen. Und so lautete auch die Schlagzeile der

Saarbrücker Zeitung für die Deutsch-Französische

Gartenschau »Symbol der Freundschaft«.

Einen symbolträchtigeren Ort wie die Spicherer

Höhen konnte es für die Überwindung der

deutsch-französischen Feindschaft nicht geben.

Zugleich fand damit die Eröffnung der Deutsch-

Französischen Gartenschau sowohl auf französischem

wie auch auf deutschem Territorium statt.

Die im Planungsstadium entwickelte Idee einer

grenzüberschreitenden Seilbahnverbindung

von der Gartenschau im Deutschmühlental bis

zu den Spicherer Höhen wurde allerdings auf

eine im Deutschmühlental verbleibende Variante

reduziert. Monsignore Théas hob die völker-


saargeschichte|n 75

verbindende Idee der Gartenschau hervor und

Bischof Dibelius erinnerte an das unsägliche

Leid der Vergangenheit. Mit ihm verbunden die

Gefallenen bei der Schlacht von Spichern, die

Saarbrücker Zeitung zitierte seine bewegenden

Ausführungen: »An diesem Tage aber, da die Vertreter

ehemals feindlicher Völker zu gemeinsamer

Feier zusammengekommen seien, könne man

sagen: Hier hat der Friede begonnen«. Die Landwirtschaftsminister

beider Länder, Henri Rocherau

(1908–1999) und Werner Schwarz (1900–

1982) bekräftigten die Ausführungen der Bischöfe.

Der Saarbrücker Oberbürgermeister Fritz Schuster

(1916–1988) beschrieb in blumigen Worten,

»das Schussfeld zwischen zwei Völkern sei in

einen blühenden Garten verwandelt worden, an

dem Gärtner aus dem Raum zwischen Berlin und

der Riviera in friedlichem Wettbewerb und seltener

Eintracht zusammengearbeitet hätten«.

Damit sprach Schuster den symbolträchtigen Ort

an. Am 16. Oktober 1870 war hier ein neuer Friedhof

für die Gefallenen der Schlacht von Spichern

unter dem Namen Ehrental eingeweiht worden.

Und in der NS-Zeit verliefen nicht weit entfernt

Teile des Westwalls. Auch wenn das Ehrental der

erste Soldatenfriedhof für Deutsche und Franzosen

war, so entwickelte sich der Ort bis 1945 zu

einer nationalen Weihestätte. Ministerpräsident

Dr. Franz-Josef Röder (1909–1979) zugleich

seinerzeit Bundesratspräsident, dankte bei der

Gedenkstunde in Spichern Bundeskanzler Konrad

Adenauer (1876–1967) und dem französischen

Ministerpräsidenten Michel Debré (1912–1996)

für die Schirmherrschaft. Beide waren aber nicht

nach Saarbrücken gekommen – warum eigentlich

nicht? [2]

Das weiße Kreuz, das als Mahnmal den Spicherer

Berg überragte, schenkte der Veranstaltung eine

besondere Würde und machte ihn zum zentralen

Ort der Veranstaltung. [3]

Ein Tag zuvor war übrigens die Französische Woche

im Saarland eröffnet worden und zeitgleich lief

die Saarmesse. Dazu war Frankreichs Botschafter

in der Bundesrepublik, François Seydoux de

[2] Ebda.

[3] Bernd Loch, Der Deutsch-Französische Garten in Saarbrücken.

Geschichte und Führer, Saarbrücken 2000, S. 21.

Clausonne, nach Saarbrücken gekommen, der

zugleich das neu errichtete Centre Culturel in der

Saarbücker Cecilienstraße eröffnete. Saarbrücken

und das Saarland standen im Zeichen der Tricolore

und überall warben Michel und Marianne

für die neue Zeit friedlicher Nachbarschaft. [4]

Beide Figuren spielten die Hauptrolle bei der

Deutsch-Französischen Gartenschau. Die Tochter

von Philippe Koenig, damals Leiter der Kulturabteilung

beim französischen Generalkonsulat

in Saarbrücken, spielte die Marianne und der von

den Städtischen Bühnen Köln kommende Joachim

Liman den Michel. [5]

Deutsch-Französische Freundschaft war kein

Gründungsmotiv

Wenn man auf die Spurensuche in die Archive

geht, stellt man aber fest, dass die deutsch-französische

Freundschaft nicht das Gründungsmotiv

der Gartenschau gewesen ist. Am Anfang, im Juni

1956, stand der Wunsch, die Bundesgartenschau

nach Saarbrücken zu holen. Sie sollte der Stadt

wie dem Saarland, das zum 1. Januar 1957 dem

Geltungsbereich des Grundgesetzes beitreten

würde, ein attraktives Forum bilden. Das junge

Bundesland wollte sich der deutschen Öffentlichkeit

präsentieren und Gäste aus der ganzen

Bundesrepublik an die Saar locken. So wandte

sich die Stadtverwaltung am 25. Juni 1956 an den

Zentralverband des Deutschen Gemüse-, Obstund

Gartenbaus in Bonn. Leider musste man

erfahren, dass die Termine für die Bundesgartenschau

schon verplant seien und Saarbrücken

könne vor 1965 nicht berücksichtigt werden. In

dieser Situation sattelte die Stadt um, und es entstand

die Idee, die Saarmesse mit einer deutschfranzösischen

Gartenschau zu verbinden. Das bot

sich auch geradezu an, da das Deutschmühlental

als Ort der Gartenschau im Norden an den Standort

der Saarmesse angrenzte. Die in der Autonomiezeit

gegründete Saarmesse präsentierte

sich nach der Saarabstimmung als deutsch-französische

Austauschmesse. Eine deutsch-französische

Gartenschau konnte da reibungslos integriert

und zugleich die Saarmesse aufgewertet

[4] Saarbrücker Zeitung vom 23. und 25. April 1960.

[5] Saarbrücker Zeitung vom 15./16. Mai 1980.

An den Eröffnungsfeierlichkeiten

nahmen neben den

französischen und

deutschen Landwirtschaftsministern

Henri Rocherau und

Werner Schwarz

u.a. der französische

Bischof Pierre-

Marie Théas sowie

der Ratsvorsitzende

der evangelischen

Kirche in Deutschland,

Bischof Otto

Dibelius, teil, ebenso

der saarländische

Ministerpräsident Dr.

Franz-Josef Röder, der

Saarbrücker Oberbürgermeister

Fritz

Schuster, Kurt Conrad,

Vorsitzender der SPD-

Landtagsfraktion,

sowie Bundeswirtschaftsminister

Werner

Schwarz.

(Stadtarchiv SB, Nl M

1142/36; Nl M 1142/26)


Die Delegation auf

ihrem Weg durch die

Deutsch-Französische

Gartenschau.

Bischof Pierre-Marie

Théas und der SPD-

Vorsitzende Curt

Conrad bei ihrem

Spaziergang am

Eröffnungstag auf

dem Gelände der

Deutsch-Französischen

Gartenschau.

(Stadtarchiv SB,

Nl M1143/8)

werden. Sie war ab 1959 mehr denn je darum

bemüht, den deutsch-französischen beziehungsweise

saarländisch-französischen Handel zu

stärken. Mit Blick auf den zollfreien Warenverkehr,

der auch nach der wirtschaftlichen Rückgliederung

des Saarlandes zum Tag X (6. Juli

Jungfernfahrt der

Kleinbahn am

Eröffnungstag der

Deutsch-Französischen

Gartenschau.

(Stadtarchiv SB, Nl M

1143/7)

1959) weiterbestand, war dies für das Saarland

von existenziellem Interesse zur Stärkung seiner

Wirtschaft. Die Stadt fand für ihre Idee der

Deutsch-Französischen Gartenschau die Unterstützung

der Landesregierung und der Landwirtschaftskammer.

Ein solches Projekt erleichterte

es zudem, Bonn und Paris finanziell in die Pflicht

zu nehmen. Die Chancen auf französische Förderung

standen gut, nachdem Tanguy de Courson

de la Villeneuve, der Chef der französischen

diplomatischen Vertretung im Saarland, seine

Unterstützung zusagte. Richard Näcke als Zeitzeuge

und ehemaliger städtischer Mitarbeiter

behauptete im Rückblick 1985: »In der französischen

Botschaft [Pingusson-Bau] in Saarbrücken

ließ man die städtische Abordnung, die ihren

Gedanken vortragen wollte, stundenlang warten.

Im folgenden Gespräch wurde aber das Eis

gebrochen – die Deutschen fanden ihren ersten

französischen Alliierten.« Anlässlich der

Eröffnung der Saarmesse 1957 fühlten die Saarbrücker

dann auch bei Staatssekretär Masson vor

und fanden ihren zweiten »französischen Alliierten«.

[6]

Die Stadt warb bei Courson de Villneuve insbesondere

für eine Förderung der wirtschaftlichen

Kontakte, eine kulturelle Präsentation

Frankreichs bei der Gartenschau war nicht

geplant, OB Schuster formulierte dies ganz diplomatisch

gegenüber Courson de la Villneuve:

»Mit Hilfe des französischen Pavillons könnten

während des ganzen Jahres im Rahmen der

Gartenbauausstellung Veranstaltungen durchgeführt

werden, die zweifellos rein wirtschaftlichen

Bestrebungen sehr dienlich sein würden.«

Der deutsche Pavillon würde sich »auf den rein

kulturellen Sektor beschränken«. [7]

Nicht nur die Umwidmung des ursprünglichen

Bundesgartenschauprojektes stützt die These,

dass es am Anfang gar nicht um die deutschfranzösische

Freundschaft ging, sondern um die

[6] Stadtarchiv Saarbrücken, Bestand Dezernat II, Nr. 35.2.

Saarbrücker Zeitung vom 14. Februar 1985.

[7] StASB., Bestand Dezernat II, Nr. 35.2., Schuster an Courson

de Villneuve vom 19. Juli 1957.


saargeschichte|n 77

sich auch nach dem Ende der Gartenschau am 25.

Oktober 1960 stellende Frage, wie die nun entstandene

prächtige Grünanlage benannt werden

sollte. Die Diskussion darüber steht für die politische

Befindlichkeit jener Zeit, die aus der Retrospektive

von heute vielen sehr fern ist.

Um die Namensgebung stritt der Stadtrat in seiner

Sitzung am 28. Februar 1961. Der DPS-Fraktionsvorsitzende

Ludwig Bruch hielt »den Zeitpunkt

für gekommen, den neugeschaffenen

Anlagen im Deutschmühlen- und Mockenthal

ihren endgültigen Namen zu geben«. Mit einem

gewissen Pathos forderte der gelernte Journalist

Bruch: »In Übereinstimmung mit der großen

Mehrheit, vor allem der eingesessenen

Bevölkerung unserer Stadt, ist die Fraktion der

Auffassung, dass bei dieser Namensgebung

die heimische Überlieferung nicht außer acht

gelassen werden darf (…)«. Und so lautete der

DPS-Vorschlag »Deutschmühlenpark«. Bruchs

Position bekräftigte sein DPS-Kollege Dr. Keuth.

Der Name »Deutschmühlenpark« besitze zudem

»den Vorzug der Prägnanz und Kürze«. Im Gegensatz

zu seiner eigenen Partei gab Oberbürgermeister

Schuster zu bedenken, Saarbrücken

habe erhebliche Mittel in die Bewerbung der

Deutsch-Französischen Gartenschau investiert.

Er deutete damit die Entwertung des Symbols

von Michel und Marianne an, das die Gartenschau

so prägend begleitet hatte. Auch der neue

französische Generalkonsul im Saarland Philippe

Koenig habe mit aller Zurückhaltung die Beibehaltung

des Symbols und der Begrifflichkeit

empfohlen. Hier sei daran erinnert, dass seine

Tochter die Marianne spielte. Die DPS-Fraktion

scherte die Linie ihres Parteifreundes und Oberbürgermeisters

wenig. Dagegen stellte SPD-

Stadtratsmitglied Roth verwundert fest: »(…) wir

hatten keine Bundesgartenschau (…), sondern

eine Deutsch-Französische Gartenschau (…), bei

deren Zustandekommen wir eine Verpflichtung

eingegangen sind«. Ebenso votierte die Saarländische

Volkspartei (SVP) für die Bezeichnung

»Deutsch-Französischer Garten«. Die SVP versammelte

eine überschaubare Gruppe von früheren

Anhängern der CVP, die 1959 nicht der CDU

beitreten wollten. Die DPS hielt dagegen und

Fraktionschef Bruch berief sich auf Gespräche

mit vielen Saarbrücker Bürgern: »Niemand habe

sich für die Bezeichnung Deutsch-Französischer

Garten ausgesprochen. Man solle bei dieser

Namensgebung nicht alle Tradition über Bord

werfen, sondern Saarbrücken geben, was Saarbrücken

sei«. Die CDU-Fraktion bemühte sich

Werbeschilder und

Werbefahrten für die

Deutsch-Französische

Gartenschau.

(Stadtarchiv SB, Nl M

1126/1; StA 67; Fotoalbum

Klasen)

Zu einem beliebten

Markenzeichen der

Gartenschau entwickelte

sich die Seilbahn

mit ihren Gondeln,

in denen man

den Park bis heute

von oben betrachten

kann. (Stadtarchiv SB,

Nl M1154/6)


Zeitgenössischer Blick

auf das Deutschmühlental.

(Stadtarchiv SB, StA

67; C 716-64)

um Schadensbegrenzung und beantragte, die

Ausschüsse sollten sich mit dieser Sache weiter

befassen. Der Block Saarbrücker Bürger mit

Brauereibesitzer Dr. Neufang unterstützte diesen

Vorschlag ebenfalls, so dass die DPS dies akzeptieren

musste. Die Ausschüsse einigten sich

dann auf den Kompromiss »Deutsch-Französischer

Garten im Deutschmühlental«. Darauf verständigte

sich der Stadtrat in seiner Sitzung am

21. März 1961. Auch die DPS-Fraktion stimmte zu,

Fraktionschef Bruch gab aber zu Protokoll: »Sie

[DPS] sei nach wie vor der Auffassung, dass die

traditionsverbundene Bezeichnung ›Deutschmühlenpark‹

der gegebene Name gewesen

wäre«. [8]

Die Menschen in Saarbrücken und im Saarland

wählten aber schnell den Begriff »Deutsch-Französischer

Garten«. Das Saarland entwickelte

in den 1960er Jahren eine konstruktive Rolle

in der Ausgestaltung der freundschaftlichen

Beziehungen zwischen Bonn und Paris. Grundlage

dafür war der Elysée-Vertrag von 1963,

die Magna Charta der deutsch-französischen

Freundschaft. Sie nahm ihren Anfang im Spätsommer

1958. Am 14. September 1958, einem

Samstag, folgte Bundeskanzler Adenauer der

Einladung Charles de Gaulles, dem Präsidenten

der neuen beziehungsweise V.Republik. De

Gaulle hatte den Kanzler auf seinen Landsitz

nach Colombey-les deux Eglises eingeladen. Auf

der Autofahrt dorthin dachte Adenauer möglicherweise

an einen Präsidenten, der ein Mann

des Militärs war, den Ersten und Zweiten Weltkrieg

erlebt hatte und von deutsch-französischer

Feindschaft geprägt war. In Lothringen, im

[8] StASB, Bestand V 18, Nr.21, Niederschrift zur Stadtratssitzung

vom 28. Februar 1961 und 21. März 1961.

Departement Haute Marne angekommen, dürfte

sich die Stimmungslage rasch gewandelt haben.

Beide Staatsmänner entwickelten ein Verständnis

und eine Wertschätzung füreinander und

wurden zu den Architekten freundschaftlicher

Beziehungen und des Aufbaus einer Achse zwischen

Bonn und Paris. Aber bis zum 22. Januar

1963, der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages,

war es noch ein langer Weg. Die Gründungsgeschichte

der Deutsch-Französischen Gartenschau

fällt in diese Phase Geschichte schreibender

Veränderungen zwischen Deutschland und

Frankreich. Interessant ist es zu sehen, wie Bonn

und Paris das Saarbrücker Projekt begleiteten. [9]

Poker um die Gartenschau zwischen Bonn und

Saarbrücken

Die Idee zur Bundesgartenschau soll im Juni 1956

von Amtsrat Richard Näcke und Willy Reinkober

geboren worden sein, engster Mitarbeiter von

OB Schuster.10 Nachdem die Bundesgartenschau

gescheitert war, folgte der Stadtrat am 18. Juni 1957

der Vorlage der Verwaltung, eine deutsch-französische

Gartenschau auszurichten. Schon am 9.

Juli wurden eine Projektleitung und Arbeitsausschüsse

gebildet. Innerhalb der Landesregierung

war das Wirtschaftsministerium für die Gartenbauausstellung

anzusprechen. Für die DPS-Hochburg

Saarbrücken eine günstige Konstellation,

denn DPS-Chef Heinrich Schneider (1907–1974)

war seit 4. Juni 1957 Wirtschaftsminister, bis zum

26. Februar 1959 sollte er im Amt bleiben. Schneiders

Präsenz im Kabinett brachte zwar Hilfe vom

[9] Corine Defrance u. Ulrich Pfeil (Hg.), Der Elysée-Vertrag

1945 – 1963 – 2003, Berlin 2016.

[10] Heinrich Schneider, Das Wunder an der Saar, Stuttgart

1974, S. 535.


saargeschichte|n 79

Die 30 Meter lange

Wasserorgel faszinierte

die Besucher.

Stündlich tanzten die

Wasserfontänen zu

einem Musikstück.

(Stadtarchiv SB, Nl M

1156/8)

Land, aber die Stadtverwaltung brauchte auch

die Unterstützung der Bundesregierung. Schneider

kam erst gar nicht auf die Idee im Kanzleramt

anzufragen, sondern nutzte seine Kontakte zu

Bundeslandwirtschaftsminister Heinrich Lübke,

den er in seinen Memoiren als »warmherzigen

Freund« beschreibt. [11] Angeblich soll Schneider

bei einem gemeinsamen Flug zur Grünen Woche

nach Berlin Lübke dafür gewonnen haben. [12]

Auffällig ist die ausgesprochen zurückhaltende

Reaktion der Bundesregierung, das Saarbrücker

Projekt zu fördern. Im Januar 1958 stellte

Oberregierungsrat Klitscher als der zuständige

Ministerialbeamte im saarländischen Wirtschaftsministerium

fest, die Bonner Ministerien

ließen »wenig Neigung« für eine finanzielle

Unterstützung erkennen. Klitschers Hoffnung

auf einen Bundeszuschuss war gering. Schneiders

Ministerium und auch die Stadt Saarbrücken

fanden Unterstützung nur bei den Bündnispartnern

aus den Saarkampf-Zeiten. Das von

Lübke geführte Landwirtschaftsministerium war

durch das Bundeswirtschaftsministerium zur

Förderung des Projektes angesprochen worden.

Zusammen mit dem Gesamtdeutschen Ministerium

und dem Auswärtigen Amt beabsichtigte

das Landwirtschaftsministerium im November

1957 Sonderzuschüsse im Kabinett durchzusetzen.

Weitergekommen war diese Gruppe aber

nicht, denn im Juni 1958 gab es immer noch keine

Zusage des Kabinetts. Die saarländische Landesregierung

hatte bereits 150 Mio Franken bereit-

gestellt, ohne Bundeszuschuss war das Projekt

aber nicht realisierbar. [13]

Schneider versuchte die Bundeshilfe direkt über

seine Kontakte aus den Zeiten des Saarkampfes

zu organisieren. Erst als sich der erhoffte Erfolg

nicht einstellte, schrieb Egon Reinert (1908–

1959), der im Juni 1957 Hubert Ney (1892–1984)

als Ministerpräsident ablöste, am 25. Juni 1958 an

Adenauer. Reinert erläuterte die Sinnhaftigkeit

eines gemeinsamen Protektorates der Bundesrepublik

und Frankreichs, beide Staaten »könnten

auf diese Weise in wirksamer Form zum Ausdruck

bringen, dass die Erledigung der Saarfrage bei

keinem Partner Verstimmung und Unbehagen

hinterlassen hat, sondern dass die deutsch-französischen

Beziehungen in eine neue Phase gutnachbarlicher

Zusammenarbeit getreten sind.«

Reinerts Hinweis, dass bereits mit dem Ministerium

für Landwirtschaft und Ernährung, dem

Gesamtdeutschen Ministerium und dem Auswärtigen

Amt auf Referentenebene das Vorhaben

erörtert worden sei, dürfte den Kanzler

nicht gerade gewogen gestimmt haben, Reinerts

Bitte zu entsprechen und zusammen mit dem

französischen Ministerpräsidenten die Schirmherrschaft

zu übernehmen. [14]

Die Langzeitfolgen des Saarkampfes der 1950er

Jahre

Und dafür gab es nachvollziehbare Gründe. Für

Heinrich Schneider und die DPS wie auch für Teile

der Saar-CDU und SPD war Konrad Adenauer

nach seiner sogenannten Bochumer Rede vom

[11] Ebda.

[12] Saarbrücker Zeitung vom 19. April 1960.

[13] StASB, V 18, Nr, 19, Niederschrift der Stadtratssitzung

vom 9. Juni 1958, gef. 11. Juni 1958.

[14] Bundesarchiv, Bestand Bundeskanzleramt (B 136), Nr.

8643, Reinert an Adenauer vom 20. Juni 1958.


Auch die Amerikaner

präsentierten sich mit

einem Ausstellungspavillon

in der spektakulären

Architektur

eines »Fuller

Domes«, benannt

nach dem amerikanischen

Architekten

und Designer Richard

Buckminster Fuller.

(Stadtarchiv SB, StA

67)

Bei den Besuchern

seit dem Tag der

Eröffnung äußerst

beliebt: eine Fahrt mit

der Kleinbahn.

(Stadtarchiv SB, Nl M

1141/16)

2. September 1955 zum politischen Gegner, ja in

der Emotion des Abstimmungskampfes, zum

Feind geworden. Der Kanzler hatte seinerzeit die

Annahme des Saarstatuts empfohlen. Für ihn

war das eine Frage der Glaubwürdigkeit, hatte

er sich doch zusammen mit Ministerpräsident

Pierre Mendès-France seinerzeit auf das Statut

verständigt und damit den letzten Bremsklotz

für den Aufbau freundschaftlicher Beziehungen

zwischen Bonn und Paris beseitigt. Außerdem

hoffte Adenauer auf Frankreichs Zustimmung

zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft.

Adenauer hatte am 2. September 1955 die Saarländer

direkt angesprochen: »An die Bevölkerung

der Saar habe ich die herzliche Bitte zu richten:

Ich verstehe, dass sie die Regierung Hoffmann

nicht mehr will (…). Aber der Weg, zu einer

anderen Regierung zu kommen, ist gerade, dieses

Statut anzunehmen und dann in der darauf

stattfindenden Landtagswahl einen Landtag zu

wählen, der in seiner Mehrheit gegen die Regierung

Hoffmann gerichtet ist. Wenn man das

tut, dann wahrt man gleichzeitig auch die europäischen

Interessen, die es nicht vertragen, daß

(…) in Europa zwischen Deutschland und Frankreich

wieder ein Unruheherd geschaffen wird.« [15]

Damit konterkarierte er die Strategie der Statutgegner

mit ihrem Slogan »Der Dicke muss weg«

mit dem sie auf die Leibesfülle von Ministerpräsident

Hoffmann anspielten. Nach Bochum

schlossen sich DPS, SPD und CDU zum Deutschen

Heimatbund zusammen. Schneider sprach

mit Blick auf Adenauers Haltung noch in seinen

Memoiren von einem »Dolchstoß in den Rücken

der prodeutschen Parteien«. Und als Adenauer

(1876–1967) am 1. Januar 1957 anlässlich des Beitrittes

des Saarlandes Saarbrücken besuchte,

wurde er mit Pfiffen empfangen. [16]

Überhaupt war das Verhältnis zwischen der

Bundesregierung und dem neuen Bundesland

schwierig. Einen aus Bonner Sicht eher schlechten

Eindruck hatten die Saarländer bei den Verhandlungen

mit Paris über die Bedingungen der

Rückkehr der Saar zur Bundesrepublik hinterlassen.

Das Verhandlungsergebnis bildete der

Luxemburger Vertrag vom 27. Oktober 1956, dem

die DPS ihre Zustimmung mit Stimmenthaltung

verweigerte und der zum Rücktritt der DPS-

Minister führte.

Der Kampf zwischen den Ja- und Nein-Sagern

schwel te weiter. Die Landtagswahlen am 18.

Dezember 1955 und die Kommunalwahlen am

13. Mai 1956 zeigen die Spaltung des christlichen

Lagers an der Saar und ein von der Bonner Republik

noch weit entferntes Parteiensystem. So

wurde bei den Landtagswahlen die CDU zwar

stärk ste Partei mit 25,4 Prozent, aber nur 1,2 Prozent

trennten die Union von Heinrich Schneiders

DPS. Die von Johannes Hoffmann (1890–1967)

begründete CVP erreichte beachtliche 21,8 Prozent,

angeschlagen waren die Sozialdemokraten

mit etwa 15 Prozent. Für die DPS bot sich die Perspektive,

stärkste Partei zu werden und den frisch

gewählten CDU-Ministerpräsidenten Ney abzulösen,

der mit markigen Worten die christliche

Spaltung zum Leidwesen der Bonner CDU und

Teilen der Saar-CDU verfestigte. Das schwächte

die CDU auf Bundesebene und damit den

Kanzler. Hochburg der DPS war die Stadt Saarbrücken.

Die Partei erzielte hier deutlich über

40 Prozent und bildete mit großem Vorsprung

die stärkste politische Kraft. Sie war hier sozusagen

eine Volkspartei, denn neben dem protestantischen

Bürgertum mit Kaufmannschaft und

Handwerkern wählten auch viele Arbeiter und

[15] https://www.kas.de/de/web/geschichte-der-cdu/kalender/kalender-detail/-/content/eingliederung-dessaarlands-in-die-bundesrepublik.

[16] Schneider, Wunder an der Saar, S. 456 ff.


saargeschichte|n 81

Am Ufer des Deutschmühlenweihers.

(Stadtarchiv SB, Nl M

1141/15)

Angestellte DPS und sie stellte mit Fritz Schuster

seit 1956 den Oberbürgermeister.

Die Autonomiegegner genossen ihren Triumpf

vom 23. Oktober 1955. Ja- und Nein-Sager

beschimpften sich weiter. Offene Rechnungen

wurden nun beglichen und die Übergangsregierung

unter Heinrich Welsch (1888–1976)

entließ einige Beamte der Hoffmann-Regierung.

Aus Perspektive der Autonomisten eine Hexenjagd

und die französische Regierung mahnte zur

Zurückhaltung. Um weiteren Auswüchen entgegenzuwirken

veranlasste die Westeuropäische

Union (WEU), die Einrichtung eines Internationalen

Gerichtshofes in Saarbrücken. Am 27.

Juni 1956 nahm dieser seine Arbeit auf und war

bis 1959 tätig. [17]

Die Regierung Hoffmann hatte Gegner der Autonomie

durch Zensur unterdrückt, einige auch

ausgewiesen. Für die DPS war dies Anlass, im Februar

1957 einen Gesetzentwurf ȟber die Wiedergutmachung

der von Personen deutscher Staatsangehörigkeit

im Saargebiet erlittenen Schäden«

einzubringen. Im Juli 1959 wurde das Gesetz

dann in dritter Lesung verabschiedet, ganz

bewusst wählten die Parlamentarier den Begriff

»Wiedergutmachung« und wählten damit eine

fragwürdige Analogie zur Entschädigung und

Wiedergutmachung der singulären Verbrechen

der NS-Diktatur wie dem Holocaust, dem sechs

Millionen Juden zum Opfer fielen. Das autonome

Saarland war aber keine Diktatur, gleichwohl

aber angesichts einer fehlenden unabhängigen

Verfassungsgerichtsbarkeit und Eingriffen in die

[17] Alexis Andres, Edgar Hector und die Saarfrage 1920–

1960, in: Rainer Hudemann, Burkhard Jellonnek, Bernd

Rauls (Hg.), Grenz-Fall. Das Saarland zwischen Frankreich

und Deutschland 1945–1960, St. Ingbert 1997, S.

172.

Meinungsfreiheit allenfalls eine Demokratie mit

Vorbehalt. [18]

Zum Triumphgefühl trug auch eine Straßenumbenennungsaktion

bei. Akteur in Saarbrücken war

die DPS. In der Zeit der Abtrennung sei »mit einer

wahren Idiosynkrasie gegen alles Preußische«

vorgegangen worden. Rund 120 Namen aus vornationalsozialistischer

Zeit seien zwischen 1945

und 1950 geändert worden. Verantwortlich dafür

seien gar nicht allein die Franzosen gewesen,

sondern der CVP-Stadtverordnete Dr. von Brochowski.

Er habe den damaligen Bürgermeister

Dr. Singer entsprechend instruiert. Sie hätten

»alle traditionellen Bindungen einer urdeutschen

Stadt durchschneiden wollen«. Die DPS konnte

sich weitgehend durchsetzen, Widerstand leistete

die CVP mit ihrem Stadtverordneten Kessler,

aber in einigen Fällen auch CDU und SPD. [19]

Neben den Straßenumbenennungen setzte die

DPS die Wiederrichtung von Erinnerungsstätten

durch. Neben dem Denkmal der 138er in den

Hindenburg-Anlagen und dem Ulanen-Denkmal

in der Stadenanlage wurde die Gedenktafel an

der Wartburg zur Saarabstimmung am 13. Januar

1935 wieder angebracht. [20]

Nach der Begegnung Adenauers und De Gaulles

im September 1958 kam Bewegung in die

deutsch-französischen Beziehungen. Als Bundeskanzler

die Deutsch-Französische Gartenschau

gemeinsam mit dem französischen Ministerpräsidenten

zu eröffnen, an sich eine gute Perspektive,

aber einen Heinrich Schneider dabei

[18] Rainer Möhler, Bevölkerungspolitik und Ausweisungen

nach 1945 an der Saar, in: Ebda., S. 399.

[19] StA SB, V 18, Nr. 19, Sitzung vom 25. September 1956, S.

113–115.

[20] Ebda., Niederschrift zur Stadtratssitzung vom 30. Oktober

1956, S. 139.


im Vordergrund zu haben und dessen Polemik

und Nationalismus zu riskieren – dieses Risiko

brauchte Bonn nicht einzugehen. In der sich

nun abzeichnenden Etappe, enge und freundschaftliche

Beziehungen zwischen Bonn und

Paris aufzubauen, konnte man keine Kakophonie

von der Saar gebrauchen. Und die gab es aus

Bonner Sicht seit 1955. Knapp vier Wochen nach

Adenauers Treffen mit De Gaulle im September

war im Bundestag am 16. Oktober 1958 die

wirtschaftliche und soziale Entwicklung im Saarland

großes Thema. Die Saarländer wollten ihre

höheren sozialpolitischen Leistungen bewahren,

Schneider führte auch hier das große Wort. Im

Verlauf dieser Kontroverse griff Schneider auch

den Kanzler persönlich an, in Analogie an den

Schlachtruf gegen Johannes Hoffmann hieß es

nun nicht mehr »Der Dicke muss weg«, sondern

»Der Alte muss weg«. [21]

Die Bonner Ministerialbürokratie sprach von der

»Rosinentheorie« der Saarländer. Sie wollten

einerseits Angleichung an bundesdeutsche Standards,

aber die günstigeren saarländischen Sozialstandards

aus der Autonomiezeit behalten. [22]

Wenn von Schneider im Kanzleramt die Rede war,

sprach Adenauer nur vom »Nationalsozialisten«

und den bis Juni 1957 amtierenden saarländischen

Ministerpräsident Ney bezeichnete er

als »Dummkopf und Nationalisten«. [23]

Schneiders unangemessene Rhetorik des nationalen

Pathos und des Nationalismus sowie

sein populistisch kalkulierter Umgang mit seiner

NSDAP-Vergangenheit – das konnte das

Klima zwischen Bonn und Paris belasten, wenn

im Kontext einer offiziellen Veranstaltung entsprechende

Töne für Schlagzeilen sorgten. Nicht

nur für den Kanzler, auch für die Franzosen war

Schneider eine Reizfigur – bezeichnend die Aussage

von Jean François Poncet: »(…) Heinrich

Schneider, ein alter Nazi, der auf seine hitlerische

Vergangenheit stolz ist. Er handelt entsprechend

den Methoden des Dritten Reiches. Er ist ein Extremist,

der schamlos das Nationalgefühl ausbeutet.«,

so äußerte sich Frankreichs ehemaliger

[21] Schneider, Wunder an der Saar, S. 289.

[22] Hans-Christian Herrmann, Sozialer Besitzstand und

gescheiterte Sozialpartnerschaft. Sozialpolitik und

Gewerkschaften im Saarland 1945–1955, Saarbrücken

1995. Ders., Eine Bilanz der kleinen Wiedervereinigung:

40 Jahre nach der wirtschaftlichen Rückgliederung des

Saarlandes, in: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend

48/2000, S. 309–328.

[23] Hans-Peter Schwarz, Adenauer Bd. 2: Der Staatsmann

1952–1957, Stuttgart 1991, S. 132–134.

Hochkommissar und Botschafter in Bonn 1955 in

der Zeitung »Le Figaro«. [24] Schneider prahlte mit

seiner NSDAP-Mitgliedschaft und konnte sich

damit in der bundesdeutschen Öffentlichkeit

der 1950er und 1960er Jahre angesichts von 11,5

Millionen ehemaligen NSDAP-Mitgliedern und

NSDAP-Anwärtern gewisser Sympathien sicher

sein. Er hatte auch keine Skrupel, im Oktober 1959

auf einer Veranstaltung der »Hilfsgemeinschaft

auf Gegenseitigkeit der Soldaten der ehemaligen

Waffen-SS e. V.« (HIAG) als Redner aufzutreten. [25]

Und so verwundert es auch nicht, dass im Oktober

1958 immer noch keine Finanzzusage der

Bundesregierung für das Gartenschauprojekt

vorlag. Heinrich Schneiders rechte Hand im Saarbrücker

Rathaus, Willy Reinkober, setzte selbstbewusst

auf Risiko: »Es sei daher notwendig, die

Arbeiten so zu betreiben, als ob die Zusage des

Bundes vorliegen würde, in den vorzubereitenden

Verträgen müsse lediglich der Zusatz gemacht

werden, dass die Rechtswirksamkeit erst mit der

Zustimmung der Bundesregierung in Kraft trete«

– im Nachhinein ein mutiger Schachzug, denn

damit hätte der Bund ein Scheitern des Projektes

verantworten müssen. [26]

Im Lauf des Jahres 1959 kam es dann zu verbindlichen

finanziellen Zusagen der Bundesregierung.

Strippenzieher war Lübke, der mehrfach bei

Kanzleramtschef Hans Globke (1898–1973) für

das Projekt warb und dabei behauptete, die

finanzielle Beteiligung der französischen Regierung

sei sichergestellt. Tatsächlich war dies

aber noch unklar, ebenso wie die Frage einer

Schirmherrschaft auch durch Frankreich. Darum

bemühte sich der Bonner Botschafter in Paris

Herbert Blankenhorn in Verhandlungen mit

Pierre Joxe, dem Generalsekretär des französischen

Außenministers. Teile der saarländischen

Administration hofften auf das Ende von Adenauers

Kanzlerschaft und damit auf mehr Förderung

aus Bonn und Eröffnung der Garten-

[24] Schneider, Wunder an der Saar, S. 470.

[25] Schneider kokettierte mit ihr geradezu, betonte aber

gelegentlich auch, als Anwalt Verfolgte des Nationalsozialismus

verteidigt zu haben und deshalb Opfer eines

Parteiverfahrens geworden zu sein. Wie wir durch

Rainer Möhlers Studien wissen, scheiterte seine Parteikarriere

aber an Gauleiter Bürckel, vgl. Rainer Möhler,

Rechtsanwalt Dr. Heinrich Schneider: Trommler oder

Mitläufer?, in: Peter Wettmann-Jungblut (Hg.), Rechtsanwälte

an der Saar 1800–1960: Geschichte eines bürgerlichen

Berufsstandes, Blieskastel 2003, S. 312.

[26] StA SB, Dez II, Nr. 35.2, Niederschrift der Sitzung vom 9.

Oktober 1958, gef. 25. Oktober 1958.


saargeschichte|n 83

schau durch den neuen Kanzler, so äußerte sich

Oberregierungsrat Marwede gegenüber Beamten

des Kanzleramtes im Mai 1959. Hintergrund

waren Adenauers damalige Ambitionen auf

das Amt des Bundespräsidenten, so wird Marwede

wie folgt zitiert: »Inzwischen könne man

nach der Wahl des neuen Bundeskanzlers auch

bezüglich der gemeinsamen deutsch-französischen

Schirmherrschaft klarer sehen. Nach seiner

Meinung komme eine Schirmherrschaft deutscher

Bundespräsident/französischer Staatspräsident

nicht in Betracht. Damit würde man

die Ausstellung überbewerten, vielleicht sollte

der neue deutsche Bundeskanzler zusammen

mit dem französischen Premierminister die

gemeinsame Schirmherrschaft antreten (…)«. [27]

Hier deutet sich an, dass Teile der saarländischen

Administration Adenauer auf keinen Fall in Saarbrücken

sehen wollten.

Adenauer blieb aber Kanzler und Lübke (1894–

1972) wurde Bundespräsident. Im Saarland

zeichneten sich aus Adenauers Sicht positive

Entwicklungen ab. Durch die Vermittlung der

bayerischen CSU war die CVP bereit, in der CDU

Saar aufzugehen. Am 19. April 1959 setzten sich

auf einem Parteitag die innerhalb der CVP vermittelnden

Kräfte durch und beschlossen mehrheitlich

den Beitritt zur CDU. Einer der Gegner dieses

Kurses, Hubert Ney, hatte die Partei schon im

Februar 1959 verlassen, ebenso der sogenannte

Blutrichter von Prag und gesuchte Kriegsverbrecher

Erwin Albrecht. Die Spaltung des christlichen

Lagers war damit überwunden. Wie würde

sie sich in der Praxis bewähren? Immerhin gab es

einige Verweigerer in Reihen der CVP wie etwa

Erwin Müller, er gründete die SVP. Für Heinrich

Schneider war die Vereinigung eine erste Niederlage,

schmolzen doch seine Chancen dahin, die

DPS zur stärksten politischen Kraft nicht nur in

Saarbrücken zu machen. Ende des Jahres 1959

verbesserte sich für das Saarland das Klima im

Kanzleramt. Auf den tödlich verunglückten Reinert

folgte Franz-Josef Röder (1909–1979) am

30. April 1959 als Ministerpräsident. Möglicherweise

half Bundesaußenminister Heinrich von

Brentano, der am 12. Oktober 1959 an Adenauer

schrieb, um das Kanzleramt zur aktiven Unterstützung

zu bewegen. Brentano war zuvor in

Saarbrücken gewesen: »Ich kann nur sagen, dass

ich sowohl von dem Ministerpräsidenten [Röder]

wie auch von seinem Kabinettskollegen [Schneider

gehörte dem Kabinett nicht mehr an] einen

[27] BA, B 136, Nr. 8643, Vermerk vom 5. Mai 1956 über Gespräch

mit Marwede am 3. Mai 1959.

sehr guten Eindruck gewonnen habe«. Weiter

empfahl von Brentano, wohl auf Wunsch der

saarländischen Landesregierung, das Patronat

des Kanzlers und des französischen Ministerpräsidenten:

»Ich halte diesen Vorschlag für einen

glücklichen Gedanken,. Wir sollten gerade im

Saarland die deutsch-französische Zusammenarbeit

propagieren. (…) Die Übergangsschwierigkeiten,

die notwendigerweise eintreten mussten

und auch noch nicht behoben sind, werden

dann an Bedeutung verlieren«. Am 19. Oktober

1959 vermerkte Globke, Adenauer übernehme

die Schirmherrschaft, wenn auch der französische

Ministerpräsident dies tue. Nun schien die

Sache in trockenen Tüchern, da kam aus Paris im

Dezember 1959 die Nachricht, Ministerpräsident

Debré verzichte auf die Schirmherrschaft. Er

begründete dies mit Terminzwängen und teilte

mit, der französische Landwirtschaftsminister

werde die französische Regierung vertreten.

Das Bundeskanzleramt teilte dies der Landesregierung

am 16. Dezember 1959 mit. Röder intervenierte

wohl und als er Adenauer zu dessen

Geburtstag am 5. Januar 1960 persönlich gratulierte,

wurde vereinbart, Adenauer und Debré

übernehmen die Schirmherrschaft. Röder sollte

Debré nochmals persönlich darum bitten. Debré

erklärte sich nun dazu bereit. Wegen eines wohl

wirklich wichtigen anderen Termins vertrat ihn

der französische Landwirtschaftsminister und

sein deutscher Kollege den Kanzler. Die Saarbrücker

Zeitung behauptete 1980 fälschlicherweise,

Lübke sei der Schirmherr gewesen. Zur

Freude der Saarbrücker Verwaltung besuchte er

die Deutsch-Französische Gartenschau am 8. Juli

1960. [28]

Auch wenn es ursprünglich gar nicht beabsichtigt

war, setzte die Deutsch-Französische Gartenschau

ein Zeichen für eine neue Zeit deutschfranzösischer

Beziehungen. Gut zwei Jahre

nach der Eröffnung der Deutsch-Französischen

Gartenschau besuchte Adenauer vom 2. bis 8.

Juli 1962 Frankreich. De Gaulle (1890–1970) reiste

im September 1962 in die Bundesrepublik. De

Gaulles Staatsbesuch war eine historische Zäsur

für die Deutschen, ein mediales Ereignis, das die

bundesdeutsche Öffentlichkeit tief bewegte, ein

Aufbruch in eine neue Zeit. Der Präsident eines

Landes, das die Deutschen 1940 überfallen und

besetzt hatten, reiste durch die Bonner Republik

und sprach in deutscher Sprache zu den Menschen.

Der von Deutschen zu verantwortende

Zweite Weltkrieg mit mindestens 50 Millionen

[28] Saarbrücker Zeitung vom 15./16. Mai 1980.


Strahlende Besucher

bei der Eröffnung der

Deutsch-Französischen

Gartenschau

am 23. April 1960.

(Stadtarchiv SB, Nl M

1143/6)

Toten war noch keine 20 Jahre vorbei, da würdigte

der Staatsmann eines überfallenen Landes

die deutsche Kultur und appellierte, ein neues

Kapitel in den Beziehungen beider Länder aufzuschlagen,

ihre Erbfeindschaft zu überwinden

und eine deutsch-französische Freundschaft aufzubauen.

De Gaulles Auftritt gab den Deutschen

ihre Würde zurück, Kritiker sahen De Gaulles

Rede als eine Bestätigung all derer, die die deutsche

Schuld zu verdrängen neigten. Diese Sichtweise

ist nachvollziehbar, andererseits war es

für den Aufbau der westdeutschen Demokratie

wie auch für die angestrebte Freundschaft nicht

förderlich, NSDAP-Mitglieder auf Dauer auszuschließen,

diese Gruppe war mit mindestens 11,5

Millionen Mitgliedern viel zu groß, da zu ihr Millionen

von Mitläufern noch hinzuzurechnen sind.

So hatte auch der Vorsitzende des Preisgerichts,

das über die zur deutsch-französischen Gartenschau

eingereichten Beiträge zu entscheiden

hatte, eine belastete Vergangenheit. Alwin Seifert

(1890–1972) war seinerzeit einer der führenden

deutschen Landschaftsarchitekten, und galt

als einer der Gründerväter der Ingenieurbiologie

und einer der ersten Verfechter der Ökologiebewegung

seit ihren Anfängen in den 1920er Jahren.

Während der Zeit des Nationalsozialismus

gehörte er zum Beraterstab Fritz Todts und war

als Reichslandschaftsanwalt für die landschaftliche

Eingliederung und den Streckenverlauf der

Reichsautobahn sowie die landschaftliche Tarnung

des Westwalls zuständig. Seifert hatte seit

den 1920er Jahren engen Kontakt zu Rudolf Heß,

Martin Bormann, Heinrich Himmler, Richard Walther

Darré, Albert Speer und anderen NS-Granden.

1938 verlieh ihm Adolf Hitler den Ehrentitel

»Professor«. 1940 war er zum »Reichslandschaftsanwalt«

ernannt worden.

[29]

Das Fernsehen begleitete De Gaulle bei

seinen Besuchen in Bonn, Düsseldorf,

Duisburg, Hamburg, München, Stuttgart

und Ludwigsburg. Der Besuch

des französischen Präsidenten zählt

zu den Ereignissen der jungen Bonner

Republik, das Tausende von Menschen

voller Begeisterung auf die Straßen

trieb. Im Garten des Ludwigsburger

Schlosses sprach der französische Präsident

vor über 10.000 jungen Menschen

in deutscher Sprache. Die Begeisterung

war zu spüren, als er vor allem die Jugend aufforderte,

die Freundschaft zwischen beiden Völkern

in die Hand zu nehmen.

Das Saarland sollte ab den 1960er Jahren in

der Entwicklung der deutsch-französischen

Beziehungen eine führende und konstruktive

Rolle spielen. Röder genoss hohes Ansehen in

Frankreich und wurde als Ministerpräsident 1974

zu einem Staatsbesuch nach Paris eingeladen

– eine ungewöhnliche und zugleich wertschätzende

Geste. Bei den Landtagswahlen 1965

war die starke Stellung der DPS passé. Heinrich

Schneider hatte keine Zugkraft mehr, wohl aber

der neue Landesvater Franz-Josef Röder, der über

20 Jahre regierte und bis heute der dienstälteste

saarländische Ministerpräsident ist. Auch er war

wie Schneider NSDAP-Mitglied, zog aber aus dieser

Erfahrung für sein weiteres politisches Leben

andere Konsequenzen.

[29] Im Entnazifizierungsverfahren gelang es Seifert zunächst

als Mitläufer und später als unbelastet eingestuft

zu werden. 1950 nahm er seinen Lehrauftrag an

der TH München wieder auf, 1954 erhielt er einen Lehrstuhl

für Landschaftspflege, Landschaftsgestaltung

sowie Straßen- und Wasserbau. Seifert hatte maßgeblichen

Anteil an der Professionalisierung des Berufsstandes

des Landschaftsarchitekten. Er war Berater

bei großen Wasserbauprojekten und von 1958 bis

1963 Leiter des Naturschutzbundes in Bayern. 1961 war

er einer der 16 Unterzeichner der »Grünen Charta von

der Mainau«. Sein 1971 erschienenes Buch »Gärtnern,

Ackern ohne Gift« avancierte zu einer Bibel der ökologischen

Bewegung. Der Vf. dankt Ruth Bauer für diesen

Hinweis. https://www.deutsche-biographie.de/

sfz120993.html (Stand 18. Februar 2019).


europadämm(er)ung in saarbrücken

saargeschichte|n 85

Zwei Teppiche und ein Bildprogramm

von sabine graf

In der Empfangshalle des als Französische Botschaft

im Saarland geplanten Gebäudes hängen

zwei Wandteppiche. Sie gelten als Inventar, ohne

dass bislang ihre Bedeutung genauer betrachtet

wurde. Genau besehen bezeugen sie einen Wechsel

in der Funktion des Gebäudes. Im November

1954 bot Botschafter Gilbert Grandval das

noch nicht komplett fertiggestellte Gebäude als

einem möglichen Sitz für die Institutionen der

Montanunion an. Seit 1952 hatte Saarbrücken für

sich als Hauptstadt der Montanunion geworben.

Der 23. Oktober 1955 beendete die französischen

wie auch die europäischen Pläne für das Saarland.

»Die Botschaft der Botschaft« (Barbara

Renno, SR2 Kulturradio) lautete daher: Zu vermieten

als Raum für Illusionen. Das galt 1954 und

gilt auch heute noch. Die Indizien dafür liegen

auf der Hand, Pardon: hängen an der Wand.

Die Bildteppiche in der Empfangshalle der Residenz

des französischen Botschafters im Saarland

Die beiden Wandteppiche im Foyer der ehemaligen

französischen Botschaft werden wie

folgt beschrieben: Auf gewebtem Untergrund

finden sich »abstrakte Formen«, »Hell-Dunkel

Kontraste«, die den »unregelmäßigen Rhythmus

der Komposition« bestimmen und ein »in

sich unruhige(s) Muster« darstelle, das in der

großzügigen Weite des Foyers gut zur Geltung

(komme) und »dessen puristisch gestaltete

Architektur mit Leben (erfülle). Das gelte auch für

den zweiten der beiden Teppiche, der ein Ȋhnlich

abstraktes Muster« zeige. [1]

Das ist eine zutreffende Darstellung des Sachverhalts,

sofern es sich ausschließlich auf den architektonischen

Entwurf von Georges-Henri Pingusson

bezieht. Jedoch darf bei diesem Gebäude der

zeitliche Kontext nicht außer Acht gelassen werden.

Vor allem dann nicht, wenn ihm eine neue

Funktion zugewiesen wurde, wie es im November

1954 der Fall war. Am 24. Juli 1952 stellten

die Außenminister der sechs der zur Montanunion

zusammengeschlossenen Länder Belgien,

[1] Kunst im öffentlichen Raum. Saarland. Band 1: Saarbrücken,

Bezirk Mitte. Herausgegeben von Jo Enzweiler. Institut

für aktuelle Kunst an der Hochschule der Bildenden

Künste Saar Saarlouis. Saarbrücken 1997, S. 137.

Der größere Wandteppich

von François

Arnal an der Ostseite

der Empfangshalle

der Französischen

Botschaft in Saarbrücken.(Foto:

Mechthild

Schneider, LPM)


Das Botschaftsensemble

von Henri

Georges Pingusson

mit Verwaltungshochhaus

und

Botschafterresidenz,

mit der Tricolore

beflaggt, um 1957.

(Foto: Joachim Lischke,

Landesbildstelle)

Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Italien und

Deutschland in Aussicht, dass Saarbrücken zum

Sitz der europäischen Institutionen der Montanunion

werden könnte. In Saarbrücken reagierte

man sofort und begann, nach Unterbringungsmöglichkeiten

für Arbeiten und Wohnen der im

Dienst der europäischen Institutionen stehenden

Mitarbeitenden und deren Familien zu suchen.

Der Entwurf der im Oktober 1952 erschienenen

Broschüre »Warum nicht Saarbrücken«, die das

Informationsamt der Stadt Saarbrücken herausgab,

verzeichnet unter »IV: Unterbringungsmöglichkeiten,

Punkt 3: das in den Saaranlagen

gelegene, nur noch bis 1952 von der französischen

diplomatischen Mission benutzte Bürogebäude

mit über 200 Büroräumen.« [2] Dabei

handelte es sich um die ehemalige Oberfinanzdirektion

in der Alleestraße 21–23, dem heutigen

Sitz des Sozialministeriums, in der das Hohe

Kommissariat damals untergebracht war. Bereits

im Juni 1952 hatte man in Saarbrücken, wie aus

einem Schreiben an das Amt für Auswärtige und

Europäische Angelegenheiten hervorgeht, die

Errichtung der Schuman-Behörde in Saarbrücken

gefordert. [3] Damals rechnete man damit, dass

das seit 1951 im Bau befindliche neue Botschaftsgebäude

an der Saaruferstraße im »Spätherbst

1952« bezugsfertig sei und daher das bisherige

Gebäude für die Montanunion genutzt werden

könne. Das war ebenso eine Fehleinschätzung

wie die Zuversicht, dass die Voraussetzung erfüllt

werde, die Saarbrücken zur Hauptstadt der

Montanunion machen sollte: Dafür musste es zu

[2] LASB, AA 567: Typoskript Broschüre »Warum nicht Saarbrücken?«

Herausgegeben vom Informationsamt der

Stadt Saarbrücken, ohne Seitenangabe.

[3] LASB, AA 565: Schreiben Generalsekretär Dr. Adams an

Direktor Lorscheider, Amt für Auswärtige und Europäische

Angelegenheiten, 13. Juni 1952.

einer Verständigung über die Saarfrage zwischen

Deutschland und Frankreich kommen. In beiden

Fällen dauerte es jedoch länger als anfangs

angenommen.

Die Verhandlungen zwischen Deutschland und

Frankreich zogen sich hin. Am 23. Oktober 1954

unterzeichneten Bundeskanzler Adenauer und

der französische Ministerpräsident Mendès-France

die Pariser Verträge und damit das europäische

Saarstatut für das Saarland, über das nach exakt

einem Jahr die Saarländerinnen und Saarländer

abzustimmen hatten. Die neue Botschaft harrte

zu diesem Zeitpunkt noch ihrer Fertigstellung. Im

August war das Verwaltungsgebäude bezogen

worden, während an der Botschafterresidenz

noch gearbeitet wurde, wie aus der erhaltenen

Korrespondenz zwischen dem Ministerium für

öffentliche Arbeiten und Wiederaufbau des Saarlandes

und dem französischen Botschafter Gilbert

Grandval hervorgeht. [4] Ungeachtet dessen

stellte Grandval die noch nicht fertiggestellte

Botschaft in einem Schreiben vom 8. November

1954 an Ministerpräsident Hoffmann als ersten

Verwaltungssitz für die Montanunion zur Verfügung.

[5] Stattdessen wollte er mit seiner Landes-

[4] LASB, AA 1375: Schreiben Oberregierungsrat Metzger, Ministerium

für öffentliche Arbeiten und Wiederaufbau an

Botschafter Gilbert Grandval, 29. November 1954: Darin

ist von dem Wunsch des Botschafters die Rede, der die

Fertigstellung der Residenz zwischen dem 8.und 10. Januar

1955 wünsche. Siehe auch LASB, AA 543: Schreiben

Oberregierungsrat Metzger, Ministerium für öffentliche

Arbeiten und Wiederaufbau an Botschafter Gilbert

Grandval, 1. Dezember 1954: Darin ist von Elektro- und

Glaserarbeiten die Rede, die noch in der Botschafterresidenz

auf Wunsch von Grandval vorgenommen wurden.

[5] LASB, AA 544: Schreiben des französischen Botschafters

Gilbert Grandval an Ministerpräsident Johannes Hoffmann,

8. November 1954.


saargeschichte|n 87

vertretung in die noch zu errichtende »Maison de

France« einziehen. Diese sollte auf einem Grundstück

neben dem Union-Filmtheater (dem heutigen

Saarcenter mit den UT-Kinos und dem Saarufer

an der Ecke Dudweilerstraße (heute: Höhe

Rabbiner-Rülf-Platz) entstehen und das in Höhe

der Bahnhofstraße 55–59 geplante Bauprojekt

»Europahaus« ersetzen. [6]

Bereits am folgenden Tag schlug der im Februar

1953 installierte »Aktionsausschuss Montanunionstadt

Saarbrücken« unter dem Rubrum

»Sofortmaßnahmen des Aktionsausschusses

Montan unionstadt Saarbrücken« mit Bezug

auf Artikel 13 des deutsch-französischen Saarabkommens

vom 23. Oktober 1954 dieses ihm

bei seiner Sitzung am 5. November bereits –

offenkundig noch vor dem Ministerpräsidenten

– vorliegende Angebot als »Sofortmaßnahme«

vor. Derart, dass nun »die Notwendigkeiten bei

einer sofortigen Übersiedlung der Europäischen

Gemeinschaft für Kohle und Stahl von

Luxemburg nach Saarbrücken, zum anderen die

Erfordernisse bei einer Sitzverlegung nach hier

nach Fertigstellung der Verwaltungs- und Wohngebäude

– ausgerichtet nach den Wünschen dieser

Behörde« in die Tat umzusetzen sind. [7] Mit

dem vom Botschafter »spontanement à votre

disposition« [8] dem Projekt »Hauptstadt der

Montanunion« überlassenen Gebäude glaubte

man, nun endlich einen großen Schritt auf das

angestrebte Ziel hin getan zu haben.

Aufgrund dieser Entwicklung und des damit eingeläuteten

Funktionswandels erscheinen die

beiden Wandteppiche im Foyer der Botschafter-

[6] Ebd., dazu auch LASB AA 544, Schreiben Regierung

des Saarlandes, der Direktor der Präsidialkanzlei, 17.

Dezember 1954.

[7] LASB, StK 2747: Schreiben Aktionsausschuss Montanunionstadt

Saarbrücken an Ministerpräsident Johannes

Hoffmann, 9. November 1954.

[8] Siehe Anm. 5.

residenz alles andere als rein dekorativ und ohne

Bezug zum Ort. Sie abstrahieren die neue Funktion

des Gebäudes. Ihr Urheber war der »Maler

und Entwurfszeichner für Wandteppiche« [9] François

Arnal (1924–2012). Der studierte Jurist und

Literaturwissenschaftler hatte sich im Zweiten

Weltkrieg der Résistance angeschlossen und

hatte dort den niederländischen Maler und Galeristen

Conrad Kickert kennengelernt. Durch ihn

fand er zur Kunst, der er sich nach seiner Übersiedlung

nach Paris im Jahr 1948 mit großem

Erfolg zuwandte. 1949 erhielt er den Prix de la

Jeune Peinture, nahm in den Folgejahren an den

Kunstbiennalen in Sao Paolo und Venedig teil. In

Deutschland vertrat ihn die in den Nachkriegsjahren

bis in die 1960er Jahre für die Kunst der

Bundesrepublik wichtigen Galerie Parnass in

Wuppertal. Galerist Rudolf Jährling gab nicht nur

den Malern Richter, Polke, Baselitz sowie Joseph

Beuys oder dem Videokünstler Nam June Paik

Raum, sondern richtete Werkschauen für Le Corbusier

aus und holte aus Amerika den für seine

Metallmobiles berühmten Alexander Calder erstmals

nach Europa.

1950 zeigte Parnass bereits Arbeiten von François

Arnal. Dieser war ein Mann seiner Zeit und vertrat

eine Bildsprache zwischen Informel, abstraktem

Expressionismus und dem fröhlichen Eklektizismus

Fernand Légers. Das war aktuell und ent-

[9] Kunst im öffentlichen Raum. Band 1, a.a.O., S. 368.

Der kleinere der beiden

Wandteppiche

von François Arnal

an der Westseite

der Empfangshalle

des Pingusson-Baus

entstand in einer

künstlerischen Auseinandersetzung

mit

Impressionen aus der

Stahlindustrie.(Foto:

Mechthild Schneider,

LPM)

Das sogenannte

Behördenhaus, später

Finanzamt, am St.

Johanner Saarufer im

Bau, um 1949. (Foto:

Landesarchiv Saarbrücken,

Sammlung

PhotoPressAct)


Anzeige in der Saarbrücker

Zeitung zur

geplanten Europäisiserung

der Saar

kurz vor den Landtagswahlen,

am 25.

November 1952.

sprach den Sehgewohnheiten und Erwartungen

der Nachkriegsmoderne in Frankreich. Demgemäß

beschrieb Arnal seine Bildsprache: Informel

mit Anklängen an Figuren und Landschaften. [10]

Das trifft, so allgemein es auch vom Künstler formuliert

ist, auf die beiden Teppiche zu. Der größere

Teppich an der Ostseite zeigt Motive aus

dem Bereich »Kohle«. Mächtige Flöze lagern in

Schwarz, Weiß, Blau und Rot kreuz und quer im

Bildraum, flankiert von wuchernden pflanzenartigen

Organismen, den Urstoffen der Kohle.

Ebenso lassen sich Strebe oder die kreisrunde

Walze eines abstrahierten Walzenschrämladers

erkennen, also die Technik, mittels der Kohle

abgebaut wird. Der kleinere Teppich an der Westseite

des Foyers beschäftigt sich mit der Eisenund

Stahlerzeugung. Kreisformen erinnern an

glühendes Eisen, das zudem an mehreren Stellen

durch den Bildraum läuft. Abstrahierte Figuren

halten Coquillen und andere Formen, in denen

Roheisen gefangen und zur Stahlerzeugung

transportiert wird. Im Zusammenhang mit der

neuen Funktion des Gebäudes ist diese abstrahiert-assoziative

Darstellung von Kohle und

Stahl naheliegend. Sie entspricht zudem der

Darstellung der Eisen- und Stahlindustrie und

des Bergbaus in der Industriemalerei der 1950er

Jahre, die sich durch eine »stärkere Abstraktion«

auszeichnete, »um dem unverändert ästhetischen

Reiz vor allem der Eisenerzeugung nachzugeben.«

[11] Es zeigte sich eine »formale Abstraktion,

ohne die Gegenständlichkeit aufzugeben.« [12]

Der Soziologe Klaus Türk stellt in einer Untersuchung

»Bilder der Arbeit« für die Industriemalerei

der 1950er Jahre fest: »Das Industriebild

der fünfziger Jahre war regional orientiert. Nicht

Industrie an sich ist das Thema, sondern konkrete

empirische Einzelobjekte oder -ereignisse. Dieser

Sachverhalt ist vielleicht als ein mehr oder weniger

bewusster Beitrag zu den Bemühungen um

eine neue Identifikation mit den Leistungen und

Ereignissen des Wiederaufbaus einzuordnen. Das

Saarland und das Ruhrgebiet treten dabei quantitativ

hervor.« [13] Das trifft auf die beiden Bild-

[10] Pascale Thorel: Dans l’atelier de François Arnal. In: Le

Magazine. La Gazette de l‘hotel Drouot, Nr. 16, 23. April

2010 zit. in Pressereader über das Schaffen von François

Arnal der Galerie E.G.P., Paris: http://artegp.com/

dev/wp-content/uploads/2012/11/Arnal-press-Gazette-

Drouot.pdf (gelesen am 31. Dezember 2019).

[11] Klaus Türk: Bilder der Arbeit. Eine ikonografische Anthologie.

Wiesbaden 2000, S. 329.

[12] Ebd., S. 331.

[13] Ebd., S. 330.

teppiche zu. Sie geben in der Tat ein Bild ihrer Zeit

ab.

Als ihr Entstehungsjahr wird das Jahr 1954

angegeben. Da es sich um großformatige Teppiche

handelte, die aufwändig bestickt und gewebt

wurden, war das nicht in ein paar Tagen getan.

Die Maße mögen dafür sprechen: Der Teppich auf

der Ostseite der Empfangshalle misst 5,00 Meter

mal 8,10 Meter. Der an der Westseite, neben

dem Treppenaufgang zum Büro des Botschafters

(dem späteren Ministerbüro) hat die Maße 5,00

Meter auf 4,70 Meter. Das könnte heißen, dass

die Wandteppiche offenkundig schon geraume

Zeit vor dem Angebot des Botschafters in Voraussicht

darauf in Auftrag gegeben worden waren.

Die Teppiche wären somit ein Geschenk Grandvals

für das sich in Richtung Europa orientierende

Saarland. Das wäre zu einer Zeit gewesen,

als die französische Botschaft noch im Bau war,

und er, ließe sich daraus folgern, dort nicht mehr

einziehen wollte. Oder decken die Teppiche am

Ende die These, dass »die eigentlich viel zu große

Ambassade im kleinen Saarland von Anfang an

mit ihrer möglichen europäischen Zukunft zu tun

hatte.« [14]

1952 – Das Jahr, in dem man Kontakt aufnahm?

Der Plan, Saarbrücken zur Hauptstadt der

Montanunion zu machen, reifte in Saarbrücken

bereits vor dem 26. Juli 1952, als die Außenminister

der Europäischen Gemeinschaft für

Kohle und Stahl einen entsprechenden Vorschlag

formulierten. Bereits am 9. Juni 1951 richtete der

Saarbrücker Bürgermeister Peter Zimmer ein entsprechendes

Ansinnen an den damaligen Außenminister

Robert Schuman. [15] Diese Forderung

wurde ein Jahr später in einem Schreiben an Gotthard

Lorscheider, Direktor des Amtes für europäi-

[14] Paul Burgard: Die Botschaft aus einer anderen Welt.

Die Schlösser des Monsieur Grandval (Teil 2). In: Saargeschichten

Heft 1, 2017, S. 20–34; S. 33 .

[15] LASB AA 527: Schreiben Peter Zimmer, Bürgermeister

der Landeshauptstadt Saarbrücken an Robert Schuman,

9. Juni 1951.


saargeschichte|n 89

sche und auswärtige Angelegenheiten erneuert

und bereits entsprechende Räumlichkeiten aquiriert:

Darunter waren der Neubau der Landesversicherungsanstalt,

das Behördenhaus Am Stadtgraben,

das spätere Finanzamt und das Hohe

Kommissariat in der Alleestraße, das wegen des

geplanten Neubaus frei werde. [16] Auch der von

dem Saarbrücker Architekten Otto Renner am 21.

Juli 1952 im »Bau-Anzeiger«, Nr. 13/14 vorgelegte

Entwurf für »die Unterbringungsmöglichkeiten«

der Montanunion in Saarbrücken – wie die Hohe

Behörde, der Gerichtshof, der Ministerrat und das

Plenum – siedelte diese links und rechts des Neubaus

der französischen Botschaft an. In einem

Beitrag des »Bau-Anzeigers«, einer Sonderseite

in der »Saarbrücker Zeitung« vom 29. November

1952, die sich mit der Eignung Saarbrückens

als Sitz der Montanunion befasste, legte Renner

nach und prognostizierte: Dass die Botschaft

»nach entsprechenden Begründungen und Verhandlungen

wohl mit in den Gebäudekomplex

des endgültigen Sitzes der Montanunion eingegliedert

werden könnte.«

Der Druck, das Projekt Hauptstadt der Montanunion

voranzutreiben, hatte sich seit Juni 1952 stetig

aufgebaut, befeuert unter anderem von einer

AFP-Meldung vom 28. Juni 1952. Darin war von

einem Treffen von Außenminister Schuman und

Ministerpräsident Pinay die Rede, die gegenüber

einer Delegation von Bas-Rhin sich für Straßburg

als Sitz der Montanunion ausgesprochen hätten.

Darüber informierte das Amt für auswärtige

und europäische Angelegenheiten Botschafter

Grandval. Umso entschlossener ging man in

Saarbrücken ans Werk. So hieß es in einer Anzeige

der Saarbrücker Zeitung vom 25. November 1952:

»Wenn das Saarland europäisiert wird, dann wird

Saarbrücken die Hauptstadt der Montanunion.

Das ist schon jetzt beschlossen. Die Europäisierung

kommt nur, wenn alle Saarländer einverstanden

sind.« Um sicher zu gehen, dass dies der

Fall ist, ließ die saarländische Regierung einen

Tag vor der Landtagswahl am 30. November 1952

aus einem Flugzeug Flugblätter abwerfen. Sie

zeigten den Rohbau des Botschaftsgebäudes.

Dabei war die Bezeichnung »Französische Botschaft«

durchgestrichen und mit einem »Nein!«

bekräftigt und zugleich die eigentliche Funktion

des Gebäudes genannt: »Sitz der Montan-Union«.

Damit war auch eine Begründung dafür gegeben,

dass das für das Saarland im Grunde zu große

Botschaftsgebäude von vorneherein für ganz

[16] LASB AA 565: Schreiben Dr. Adams an Direktor Lorscheider,

13. Juni 1952.

andere Aufgaben vorgesehen war. Paul Burgard,

der die Baugeschichte der französischen Botschaft

vollumfänglich aufgearbeitet hat, ordnet

diese Behauptung als »nachgeschobene Sinnstiftung

aus »JoHos Wahlkampfmaschine« [17] ein.

Längst hatte der Plan, aus Saarbrücken die Hauptstadt

der Montanunion zu machen, eine Eigendynamik

entwickelt. Am 25. Februar 1953 konstituierte

sich unter dem Vorsitz des Saarbrücker

Bürgermeisters Peter Zimmer der Aktionsausschuss

»Montanunionstadt Saarbrücken«. Dieser

kanalisierte den Aktionismus in einer Stadt,

in der die Wohnungsnot groß war und gleichzeitig

unablässig Neubauten für die erhofften

europäischen Institutionen zur Verfügung stellte.

Ungeachtet dessen schuf Luxemburg Fakten

und hielt einen Neubau für die Hohe Behörde

bereit, die die »Saarländische Volkszeitung« am 5.

Januar 1953 vermeldete. Zudem habe Luxemburg

den Auftrag für den Bau einer »Schumanplan-

Gartenstadt« erteilt und dafür 100 Millionen

Franc bereitgestellt. Die ersten Gebäude sollten

im November des gleichen Jahres bezugsfertig

sein. Schon am nächsten Tag sandte die Landesregierung

ein Schreiben an Robert Schuman mit

der Erinnerung daran, dass die Entscheidung

über den Sitz der Hauptstadt der Montanunion

noch offen sei. [18]

Die Antwort an Ministerpräsident Johannes

Hoffmann kam am 3. Februar 1953 vom französischen

Außenminister Bidault und erinnerte

diesen daran, dass die Entscheidung für Saarbrücken

abhängig sei von den deutsch-französischen

Verhandlungen über das Saarstatut.

Da dies noch offen sei, so ließe sich der weitere

Inhalt des Schreibens übersetzen, habe

man in Luxemburg schon mal angefangen. [19]

Dem wollte man in Saarbrücken nicht nachstehen,

ungeachtet der Fakten, die bereits

durch Gebäude in Luxemburg und Straßburg

geschaffen worden waren. Das Protokoll der 3.

Sitzung des Aktionsausschusses Montanunionstadt

Saarbrücken vom 18. Mai 1953 bewertet

daher die Chance für Saarbrücken, Hauptstadt

der Montanunion zu werden, als »sehr groß« [20] .

[17] Siehe Anm. 14.

[18] LASB AA 565: Schreiben des Ministerpräsidenten an Außenminister

Robert Schuman, 6. Januar 1953.

[19] LASB AA 565: Schreiben Außenminister Bidault an Ministerpräsident

Johannes Hoffmann, 3. Februar 1953.

[20] St A, Bestand Großstadt Saarbrücken, Nr. 4276, Akte

»Aktionsausschuss Montanunionstadt Saarbrücken«, 3.

Sitzung vom 18. Mai 1953.


Brief von Le Corbusier

mit einer

abschlägigen Antwort

auf die Anfrage

der Landesregierung,

ob Corbusier Mitglied

einer Jury für

den bevorstehenden

Architekturwettbewerb

sein könne.

(LA SB, InfA)

Doch begleiteten den Aktionismus und die Euphorie

auch Zweifel, wie das Rücktrittsschreiben Peter

Zimmers vom Vorsitz des Aktionsausschusses am

23. September 1953 belegt. Darin bemängelt er

die Unentschiedenheit im Vorgehen und bei der

Bereitstellung eines entsprechenden Etats. Es

gebe nur »ein paar schöne Fotos von besetzten

Hochhäusern, die wir »evtl.« frei machen könnten.

(…), dass wir mit dem gleichen Recht und der

gleichen Wurstigkeit mit ein paar schönen Fotos

von unseren Kasernen im Saarland den Nachweis

führen könnten, dass bei uns im Saarland

alle Voraussetzungen zur Abwehr einer russischen

Invasion bestehen könnten.« [21] Auch der

Vertreter des Wirtschaftsministeriums, Dr. Krause-Wichmann

gab in einem Vermerk für den

Direktor des Amtes für auswärtige und europäische

Angelegenheiten vom 1. Dezember 1953 zu

Protokoll, dass Saarbrücken wenig Chancen als

Hauptstadt der Montanunion habe, »da es nicht

den Ruf einer schönen Stadt genießt« [22] Offenbar

hatte er sich in der immer noch vom Krieg

gezeichneten Stadt umgesehen und geahnt,

dass es noch andere Herausforderungen als die,

Hauptstadt der Montanunion zu werden, zu

meistern galt. Er riet daher dazu, die Trümmer

[21] LASB AA 570: Schreiben Peter Zimmer, 23. September

1953.

[22] LASB AA 544: Vermerk Dr. W. Krause-Wichmann für Direktor

Lorscheider, 1. Dezember 1953.

aus der Stadt zu entfernen und die Infrastruktur

zu verbessern. Das sollte ein paar Monate später

auch einem weiteren Minister auffallen. Doch zur

selben Zeit entstand der Entwurf eines Schreibens

an Jean Monnet, Präsident der Europäischen

Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der für die

Bestimmung Saarbrückens »zum endgültigen

Sitz der Behörden der Gemeinschaft« warb, weil

dies »ein maßgeblicher Schritt und eine wesentliche

Förderung des Zustandekommens einer

europäischen Saarlösung darstellen würde.« [23]

Das Schreiben bekundet den Willen und ein großes

Entgegenkommen, das die von Zimmer kritisierten

wortreichen Versprechungen formuliert.

So wolle man »in allen Punkten den Wünschen

der EGKS entgegen (…) kommen und sowohl

den Bau von Verwaltungsgebäuden als auch

der Wohnsiedlungen nach den Wünschen Ihrer

Behörde (…) unternehmen. Es stehen uns verschiedene

Gebäude am Rande und in der Stadt

Saarbrücken zur Verfügung, auf denen das Saarland

gerne bereit ist, auch eine eigene »europäische

Stadt« zu errichten.« [24] Entsprechendes

hatte der Saar-Landtag bereits am 1. Oktober

1953 beschlossen, vor der endgültigen Entscheidung

für Saarbrücken, dort mit dem Bau

von Gebäuden zu beginnen. Dazu wurde am 1.

Juni 1954 ein Ideenwettbewerb ausgelobt. Die

Begründung »für diese Umkehr der zeitlichen

Reihenfolge« lieferte eine Pressemeldung im

Auftrag des Ministerpräsidenten vom 19. Januar

1954. Das sei im »Geist der Verständigung zwischen

Deutschland und Frankreich« geschehen

und finde seinen Ausdruck im Bau einer »kleinen

europäischen Stadt« am südlichen Stadtrand. [25]

Bereits am nächsten Tag vermeldete die »Saarbrücker

Zeitung«: »Saarland zur Aufnahme der

Montanunion bereit«. [26] Ob es die Montanunion

auch war, war eine andere Frage.

Das Saarland ging unverdrossen in Vorlage,

um der Konkurrenz in Luxemburg und Straßburg

zuvorzukommen. Der Ideenwettbewerb

wurde am 1. Juni 1954 ausgerufen. Die Jury, der

anstelle des zuerst genannten Le Corbusier dann

auch Georges-Henri Pingusson angehörte, kam

Anfang Mai 1955 zusammen, um über die 34 Ein-

[23] LASB AA 570: Undatierter Entwurf eines Schreibens an

[24] Ebd.

Jean Monnet, der zwischen Schreiben aus dem November/Dezember

1953 abgelegt wurde.

[25] LASB Bestand Informationsamt (Infa) Nr. 146: Pressemeldung

vom 19. Januar 1954.

[26] Saarbrücker Zeitung, 20. Januar 1954: »Saarland zur

Aufnahme der Montanunion bereit«.


saargeschichte|n 91

reichungen aus Deutschland und Frankreich zu

beraten. Derweil war auch mit Brüssel ein weiterer

Mitbewerber erwachsen, worauf ein Telex

mit der Überschrift »Brüssel will die Hauptstadt

Europas werden« vom 29. Juli 1954 verweist, das

sich in Akten des Amtes für auswärtige und europäische

Angelegenheiten erhalten hat. [27] In Saarbrücken

war man sich mittlerweile im Klaren,

dass die Verkehrsverbindungen von und nach

Saarbrücken aus Richtung Brüssel oder Den Haag

nicht ideal waren und wenig für Saarbrücken als

künftigen Standort sprachen. [28] Derweil nahm

der Ideenwettbewerb für ein Verwaltungszentrum

mit Hoher Behörde und Gerichtshof

der Montanunion sowie Verwaltungsgebäude

für zehn weitere europäische Institutionen seinen

Lauf. Dabei gab es allenfalls »vage Absichtserklärungen«

[29] in Bezug auf die Etablierung

europäischer Institutionen in Saarbrücken, die

jedoch als solche nicht wahrgenommen wurden.

Auch gab es von Seiten des französischen Botschafters

vor seinem Angebot vom 8. November

1954 »keinerlei Anzeichen«, worauf Paul Burgard

bereits verwiesen hat. [30]

Das Gegenteil war der Fall, betrachtet man die

Aktenlage. In einem Schreiben vom 29. Juli 1952

empfahl Grandval, der seit dem 25. Januar 1952

als Botschafter Frankreichs an der Saar fungierte,

Ministerpräsident Johannes Hoffmann

wegen des Neubaus der Botschaft, den Kohlehafen

der gegenüber dem Neubau gelegenen

Hafeninsel zu verlegen. Das diene zum einen

der Entlastung des Bahnhofsviertels und sorge

vor allem dafür, dass »der geographische Mittelpunkt

der Stadt Saarbrücken mehr zur Geltung«

komme, da die geplante Nord-Südachse mitten

durch die Hafeninsel verlaufen sollte. Zur Amortisierung

der dafür anfallenden Kosten solle das

Saarland die Pachtgelder für die Saargruben nutzen,

schlug der Botschafter vor. [31] Dabei sei ihm

wohl bewusst, so Grandval, dass er sich in saarländische

Angelegenheiten einmische. Aber das

seien solche, »die mich nur insoweit angehen,

als sie die Nachbarschaft der französischen Botschaft

betreffen.« [32] Von Europa war nicht die

Rede, sondern von der Repräsentanz Frankreichs,

die möglichst frei von störenden, die Aussicht

trübenden Industrieerzeugnissen des Landes

gehalten werden sollte. Überflüssig zu erwähnen,

dass es die Kohle war, welche die Aussicht des

Botschafters aus seiner Residenz verschandelte.

Der Rohstoff, der nur wenige Jahre später zur

Rechtfertigung der Stadt als Sitz der Hauptstadt

der Montanunion hinreichen sollte.

Die Kohleninsel als Sitz des Verwaltungszentrums

[33] und die Botschaft als unübersehbarer

Mittelpunkt, an der Kreuzung der Nord-

Südachse sowie der Ost-Westachse des Verkehrs

entsprachen den zu diesem Zeitpunkt längst ad

acta gelegten Planungen Georges-Henri Pingusson

für das Nachkriegssaarbrücken . Der Neubau

der Botschaft als deren Restbestand bilde »das

Rückgrat des Saartals« [34] hieß es in der »Saarbrücker

Zeitung« aus Anlass der Fertigstellung

und des Bezugs des Verwaltungsteils der französischen

Botschaft.

Daher war die Botschaft von Anfang an groß

gedacht und daher von ihrem Hausherrn, »der

Schlechte Aussichten

für Seine Exzellenz:

Der Saarbrücker

Kohlehafen prägte

das Stadtbild auf der

anderen Seite der

Saar, gegenüber von

Pingussons Botschaft.

(LA SB, PhotoPressAct)

[27] LASB AA 570, Telex vom 29. Juli 1954: »Brüssel will die

Hauptstadt Europas werden«.

[28] LASB AA 570: Schreiben Erwin Müller, Minister für Finanzen

und Forsten an Oberregierungsrat Ganster, Aktionsausschuss

Montanunionstadt Saarbrücken, 2. Juli

1954.

[29] Paul Burgard: Die Botschaft aus einer anderen Welt,

a.a.O., S. 33.

[30] Ebd.

[31] LASB AA 1747, Schreiben Botschafter Gilbert Grandval

an Ministerpräsident Johannes Hoffmann, 29. Juli 1952.

[32] Ebd.

[33] Siehe dazu: Ulrich Höhns: Saarbrücken – Verzögerte

Moderne einer kleinen Großstadt. In: Neue Städte aus

Ruinen. Deutscher Städtebau der Nachkriegszeit. München

1992, S. 283–299; S. 294.

[34] N.W.: »Eine schmale, hochgestellte Scheibe«. In: Saarbrücker

Zeitung, August 1954.


Empfang des Ständigen

Vertreters Frankreichs

im Saarland

am französischen

Nationalfeiertag 1958.

Im Hintergrund sind

ein kleiner Ausschnitt

des kleineren Arnal-

Teppichs sowie der

Aufgang zum Zimmer

des Botschafters zu

sehen. (Foto: Landesarchiv

Saarbrücken,

Sammlung Photo-

PressAct)

Inkarnation Frankreichs an der Saar« [35] auch groß

geplant. Saarbrücken als »europäische Metropole«

[36] kam erst in Gespräch, als man sich dort

anschickte, sich um den Sitz der Montanunion

zu bewerben. Gilbert Grandval schwenkte dazu

erst Anfang November 1954 über, nachdem er am

25. Oktober 1954 bei einem Treffen am Quai d‘Orsay

das Angebot erhielt, eine andere Stellung zu

übernehmen, die ebenfalls der eines Botschafters

entspräche. [37] Grandval wusste daher im

November 1954, dass er das Saarland verlassen

würde. [38] Am 30. Juni 1955 verließ er Saarbrücken,

um in Marokko das Amt des Generalresidenten

zu übernehmen. Daher konnte er großzügig das

noch nicht ganz fertiggestellte Gebäude dem

Aktionsausschuss Montanunionstadt Saarbrücken

anbieten. Er wolle daher mit der Botschaft

in die geplante »Maison de France« einziehen.

Auch dieses Gebäude hatte bereits eine

Vorgeschichte. Bereits 1952 reifte der Plan ein

Gebäude auf der freien Fläche zwischen der Saarufer-

und der Bahnhofstraße zu errichten. [39] Dort

sollte zuerst die »Maison de France« entstehen.

Die Regierung des Saarlandes zeigte sich damit

einverstanden, jedoch schlug

Ministerpräsident Hoffmann

dem Botschafter Grandval

vor, man möge das Gebäude

»Europa-Haus« nennen. [40]

Auch dieses Bauprojekt ging

auf Kosten des Saarlandes,

weswegen Ministerpräsident

Hoffmann in einem Schreiben

vom 12. März 1954 avisierte,

dass es keine weiteren

Extras für den Bau der Botschaft

geben sollte und das

geplante Europa-Haus nicht

mehr als 300 Millionen Franc kosten dürfe. [41] Das

war bereits im November in Folge des Angebot

Grandvals hinfällig, so dass das Kabinett in

einer außerordentlichen Sitzung beschloss, das

Bauprojekt »Europa-Haus« in der Bahnhofstraße

55–59 fallen zu lassen und »stattdessen

der Errichtung eines entsprechenden Gebäudes

auf dem neben dem Uniontheater gelegenen

Grundstück zuzustimmen.« [42] Doch auch hier

gab es ein Nachspiel. Dergestalt, dass sich der

mit der Planung befasste Saarbrücker Architekt

Hans Baur, der schon beim Umbau des

Schlosses Halberg die Baukosten in exorbitante

Höhen getrieben hatte [43] , darüber bei Botschafter

Gilbert Grandval beschwert hatte, dass er bei

einer Besprechung mit Oberregierungsrat Metzger

vom Ministerium für Öffentliche Arbeiten

und Wiederaufbau zu hören bekommen habe,

das »Europahaus (gemeint war die »Maison de

France«, S.G.) brauche nicht gebaut zu werden,

da es noch völlig ungewiss sei, ob die Montan-

Union nach Saarbrücken käme.« [44] Es stellte

sich heraus, dass die Regierung lediglich den für

[35] Marlis Steinert: Die Europäisierung der Saar: Eine echte

Alternative? In: Grenz-Fall. Das Saarland zwischen

Frankreich 1945–1960. Herausgegeben von Rainer Hudemann

u.a. St. Ingbert 1997, S. 63–80; S. 78.

[36] Ulrich Höhns: Saarbrücken – Verzögerte Moderne einer

kleinen Großstadt, a.a.O., S. 297.

[37] Stefan Martens: Gilbert Grandval. Frankreichs Prokonsul

an der Saar. In: Stefan Martens (Hg.): Vom »Erbfeind«

zum »Erneuerer«: Aspekte und Motive der

Deutschlandpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. Sigmaringen

1993, S. 201–242; Anm. 181.

[38] Paul Burgard: Die Botschaft aus einer anderen Welt,

a.a.O., S. 34.

[39] LASB AA 544: Schreiben Dr. Jäger, Amt für auswärtige

und europäische Angelegenheiten an den Direktor der

Präsidialkanzlei, 25. Juli 1952.

[40] LASB AA 543: Schreiben Botschafter Gilbert Grandval

an Ministerpräsident Johannes Hoffmann, 22. September

1953.

[41] LASB AA 543: Schreiben Ministerpräsident Johannes

Hoffmann an Botschafter Gilbert Grandval, 12. März

1954.

[42] LASB AA 544: Protokoll außerordentliche Kabinettsitzung

der Regierung des Saarlandes vom 30.11.1954;

Siehe AA 544 auch: Mitteilung Regierung des Saarlandes,

17. Dezember 1954.

[43] Siehe dazu: Paul Burgard: Die Schlösser des Monsieur

Grandval. Teil 1: Die Metamorphose des Halbergs. In:

Saargeschichten, Heft 45, 4, 2016, S. 20–34.

[44] LASB AA 1379: Schreiben Staatskommissar Dr. Schütz,

Ministerium für Öffentliche Arbeiten und Wiederaufbau

an Botschafter Gilbert Grandval, 26. Januar 1955.


saargeschichte|n 93

seine Etatüberziehung bekannten Architekten

abgelehnt hatte.

Der 23. Oktober beendete auch diese Projekt,

wobei eine gewisse Ironie nicht von der Hand zu

weisen ist, als man das Projekt »Europahaus« im

Namen Europas erledigte, um dafür die »Maison

de France« zu errichten. Diese kam 1959 in stark

reduzierter Gestalt, als das Generalkonsulat in

ein Gebäude hinter der Johanniskirche umzog

und dort unter der Leitung des bereits in Zeiten

Grandvals für kulturelle Angelegenheiten

zuständigen Pierre Wölfflin ein »Centre Culturel«

etablierte. [45]

Ohnehin erwiesen sich die Europapläne des Saarlandes

als weitgehend wolkig beziehungsweise

»surreal« [46] und alles andere als modern, da sie

in der Vorstellung von Ministerpräsident Hoffmann

mehr dem christlichen Mittelalter als der

europäischen Aufklärung zugetan waren. Auch

die Historikerin und Zeitzeugin Marlis Steinert

sah in den mit der Montanunion verknüpften

Europa-Plänen für das Saarland »keine Alternative«.

[47] Die Montanunion als »Restbestand

großer Ideen«, wie es Heinrich Küppers formulierte

[48] , vermochte wenig auszurichten, nachdem

das französische Parlament die Europäische

Verteidigungsunion verworfen hatte. Doch noch

aus diesen »Restbestand« sog die Saar-Regierung

Hoffnung, den Saarstaat zu retten und sich

zum Herzen Europas zu erklären. Die Krise war

erst 1957 mit Abschluss der »Pariser Verträge«

behoben, als das Saarland längst Bundesland der

Bundesrepublik Deutschland geworden war. Mit

dem »Restbestand europäischer Ideen« war im

Saarland nichts mehr zu gewinnen. Der Rest war

Autosuggestion einer europäischen Vision unter

Ausblendung der Wirklichkeit. Es war nur ein

Gespinst, eingewebt in zwei Teppiche, in denen

sich Wunsch und Wirklichkeit verfingen. Bleibt

die Frage, wann das geschehen ist.

Die Teppiche – Gespinste Europas an der Saar

Dass der Teppich vor dem 8. November 1954

von Botschafter Grandval bestellt wurde, damit

er die neue Funktion des Botschaftsgebäudes

beglaubigen sollte, ist unwahrscheinlich und

[45] Peter Scholl-Latour: Das »Schmale Handtuch« wechselt

seine Bewohner. In: Saarbrücker Zeitung, 6. Juni 1959.

[46] Paul Burgard: Das Saarland und Europa. Reales und Surreales

aus einer erstaunlichen Geschichte. In: Man Ray –

zurück in Europa (Katalog) Saarbrücken 2019, S. 130–137.

[47] Siehe Anm. 34.

[48] Heinrich Küppers: Johannes Hoffmann (1890–1967).

Biographie eines Deutschen. Düsseldorf 2008, S. 496.

ausgeschlossen. Auch eine Bestellung direkt am

8. November oder kurz danach macht eine Fertigstellung

noch im Jahr 1954 unwahrscheinlich.

Zumal »der Herr Botschafter die Fertigstellung

seiner Residenz zwischen dem 8. und 10. Januar

1955 wünsche«, wie ein Schreiben des Ministeriums

für öffentliche Arbeiten und Wiederaufbau

vom 29. November 1954 referiert. [49] Als Datum der

Fertigstellung des »Empfangsteiles (Mittelteil)

wird der 5. Dezember 1954 genannt, während der

»restliche Ausbau bis 8. Januar 1955 abgeschlossen

sein müsse.« Das bedeutete, wie das Schreiben

vermerkte, zahlreiche Überstunden. Dazu

gehörten Elektro- und Glaserarbeiten [50] in der

Eingangshalle, wobei in Abänderung der Planung

dort veredeltes Glas inklusive der Vergoldung, für

die ein französischer Maler von der Botschaft

beauftragt worden war. Am 29. Januar 1955 stellte

der ausführende Architekt Hans Bert Baur die

Rechnung über die gesamte Baumaßnahme, also

der Bauabschnitte I, dem Verwaltungsbaus und

dem Bauabschnitt II, dem »Hotel des Herrn Botschafters

mit Empfangs- und Wirtschaftsräumen,

einschließlich Schwimmbad, Gewächshaus und

Einfriedung«. [51] Dafür hatte die Regierung des

Saarlandes 880.000.000 Francs zur Verfügung

gestellt, deren Verwendung Baur nun aufschlüsselte:

Grundstück, Geländeerschließung

sowie für die Errichtung der »Büroscheibe« wurden

insgesamt 304.560.000 Francs aufgewendet.

Die »restlichen Baumittel«, spricht 585.440.000

Franc wurden für die Botschafterresidenz verwendet.

Die Innenausstattung mit Mobiliar

und damit auch den beiden Wandteppichen

war in dieser Summe nicht enthalten. Die Aufträge

dazu hatte Grandval selbst unter anderem

dem Gestalter Jacques Dumand erteilt. [52]

Dass Grandval selbst auch François Arnal beauftragt

hat, ist daher wahrscheinlich. Dass dies

erst nach der Fertigstellung der Botschafterresidenz

der Fall war, liegt im Verfahren der Herstellung

von Wandteppichen begründet. Das

erläuterte kein geringerer als der für seine – auch

[49] LASB AA 1375: Schreiben Oberregierungsrat Metzger an

Herrn Botschafter Gilbert Grandval, 29. November 1954.

[50] Siehe Anm. 4.

[51] LASB AA 544: Schreiben Hans Bert Baur an Ministerpräsident

Johannes Hoffmann, 29. Januar 1955.

[52] Simon Texier: Die französische Botschaft in Saarbrücken.

In: Die ehemalige Französische Botschaft in

Saarbrücken von Georges-Henri Pingusson. Hg. Vom

Deutschen Werkbund Saarland und dem Institut für

aktuelle Kunst im Saarland. Saarbrücken 2014, S. 48–53;

S. 48.


Der Cours d’honneur

der Botschaft beim

Empfang des französischen

Generals

Lafaille am 13. Februar

1957. An der Wand ist

deutlich das Sgraffito

von Otto Lackenmacher

zu sehen. (Foto:

Landesarchiv Saarbrücken,

Sammlung

PhotoPressAct)

in Saarbrücken [53] zahlreich vorhandenen – Wandteppiche

berühmte Jean Lurcat. Das geschah

im Vorwort zum Katalog der Ausstellung von

50 Bildteppichen von der Gotik bis zu Moderne

unter dem Titel »Französische Bildteppiche«,

die das Hohe Kommissariat der Französischen

Republik in Deutschland 1949 in Baden-Baden

veranstaltet hatte. Darin erklärte Lurcat das Vorgehen

eines Tapissiers: »Für den Wandteppich ist

im Gegensatz zum Gemälde die Abhängigkeit

eine Notwendigkeit. In der Tat kann der Wandteppich

– unter idealsten (sic!) Bedingungen- nur

»a priori« im Maß, in seiner Farbgebung und oft

in seinem Gegenstand von vorneherein durch

das Gebäude, das er schmücken soll bestimmt

werden. (…) Wir müssen uns über das Gebäude

genau im Klaren sein, in das wir ‚eingeladen‘ werden.

Wir dürfen nicht vergessen, das wir Gäste

sind, und ein Gast muss immer darauf halten (,)

taktvoll zu bleiben und sich anzugleichen, in welcher

Umgebung es auch sein mag.« [54] Das hieß

für die Wandteppiche in der Botschaft, dass die

Räumlichkeiten fertig gestellt und ihnen ihre

Plätze zugewiesen werden konnten. Die unter-

[53] Dazu sei angemerkt: Der Bruder von Jean Lurcat war

der Architekt André Lurcat. Marcel Roux, einer der im

Saarland wirkenden Stadtplaner war dessen Assistent

gewesen.

[54] Jean Lurcat: Vorwort. In: Französische Bildteppiche. (Katalog).

Baden-Baden 1949, S. 14.

schiedlichen Maße der Teppiche sprechen für dieses

Vorgehen.

Zugleich bezeugen die Wandteppiche nicht nur

den Geschmack des Botschafters, sondern markieren

auch die Vorreiterrolle Frankreichs in

Sachen Kultur und Repräsentanz, wie schon der

massive Einsatz von Wandteppichen auf Schloss

Halberg, der Residenz Grandvals als Hoher Kommissar

und späterem Botschafter zeigte. [55]

Nicht anders ging es in der Botschafterresidenz

an der Saar zu. Die eigens für die hohen Wände

der Empfangshalle bestellten Teppiche hatten

nicht nur die schnöde Funktion Schall zu dämmen,

sondern markierten auch die Vorreiterrolle

der französischen Kultur. Denn der Wandteppich

aus Frankreich war stilbildend für alle fürstlichen

Behausungen und betonte damit die Dominanz

des französischen Geschmacks bei der Innenraumgestaltung

im Europa des 18. Jahrhunderts,

erklärt Dora Heinz in ihrer Publikation über

»Europäische Tapisseriekunst des 17. und 18. Jahrhunderts«.

Wandteppiche bezeugten »die tonangebende

Rolle Frankreichs im Bereich höfischer

Kultur und Lebensführung im Zeitalter Ludwig XIV.

Das wurde auf dem Gebiet des kostbaren Wandteppichs,

der seine größte Bedeutung stets in den

Aufgaben der höfischen Repräsentation hatte,

[55] Siehe Anm. 42.


saargeschichte|n 95

besonders deutlich.« [56] Das galt auch noch im

20. Jahrhundert, als der Franzose Jean Lurcat, den

traditionellen Produktionsstätten in Aubusson

zu neuer Bedeutung verhalf. Ob in einer Republik

oder sogar in der NS-Diktatur, der Wandteppich

galt weiterhin als »feudales Repräsentationsmedium«

[57] und war eine Demonstration von

Macht. Auch Gilbert Grandval war sich dieser

Macht bewusst, die von einem die Wände überspannenden

Teppich ausging. Selbst wenn er den

Auftrag gab, um damit Saarbrücken als europäische

Stadt für die Montanunion zu empfehlen,

war darin eine andere Botschaft eingewoben: die

von der Vormacht Frankreichs.

Nach Saarbrücken war die Baden-Badener Ausstellung

der Bildteppiche nicht gekommen. Dafür

zeigte das Saarbrücker Möbelhaus River im Mai

1954 Teppichkunst aus Frankreich. [58] François

Arnal kam jedoch erst ein Jahr später mit dem

Saarland in Kontakt. Die von seiner Pariser Galerie

E.G.P. verfasste Ausstellungsliste nennt für das

Jahr 1955: »Tapestry, Neuenkirchen, commissioned

by the French Embassy« [59] Dabei handelt es

sich um eine Verbindung zweier Projekte Arnals

im Saarland. Denn Arnal, der bereits 1950 in der

Wuppertaler Galerie Parnass ausgestellt hatte,

hatte im September 1955 eine Ausstellung in der

Villa des Prokuristen des Neunkircher Eisenwerks.

Die Ehefrau des Prokuristen, Ursula Rietschel

lud in der Goethestraße 39 in Neunkirchen seit

Juni 1955 bis in das Jahr 1959 regelmäßig zu Ausstellungen:

»Nunmehr hat es Frau Ursula Rietschel

übernommen, in ihrer Wohnung, Goethestraße

39, zeitgenössische Werke junger Künstler

einem größeren Kreis von Interessenten zugänglich

zu machen. Wir sehen etwa 40 Gouachen und

Ölbilder der Engländerin Helen Ashbee, geboren

1915 in Camdean.(...) In Deutschland hat sich die

Wuppertaler Galerie »Parnass« des Werkes der

englischen Malerin angenommen. Von Wupper-

[56] Dora Heinz: Europäische Tapisseriekunst des 17. und 18.

Jahrhunderts. Die Geschichte ihrer Produktionsstätten

und ihrer künstlerischen Zielsetzungen. Wien, Köln,

Weimar 1995, S. 247.

[57] Anja Prölß-Kammerer: Die Tapisserie im Nationalsozialismus.

Propaganda, Repräsentation und Produktion.

Facetten eines Kunsthandwerks im »Dritten Reich«.

Hildesheim 2000, S. 27.

[58] W. Weber: »Französische Teppich-Webkunst«, Ausstellung

im Möbelhaus River. In: Saarbrücker Zeitung, 7.

Mai 1954, Nr. 105.

[59] Internetauftritt der Galerie E.G.P.: http://artegp.com/

dev/wp-content/uploads/2012/11/Arnal-FullBio-EN.pdf

(gelesen am 31. Dezember 2019).

tal aus kamen die Bilder nach Neunkirchen in die

Obhut von Frau Ursula Rietschel.« [60] Die Galeristin

stand in Verbindung zu Parnass und zeigte

Künstler der Galerie in Neunkirchen, so auch

François Arnal, der dort im September 1955 seine

Ölbilder ausstellte. [61]

Es handelt sich daher um zwei unterschiedliche

Projekte im Saarland: Die Ausstellung mit Malerei

in »Neuenkirchen« beziehungsweise Neunkirchen/Saar

und der Auftrag »Tapestry (…)

commissioned by the French Embassy« für die

Wandgestaltung der Französischen Botschaft.

Das Jahr 1954 erweist sich daher als Entstehungsjahr

der beiden Wandteppiche im Foyer des Botschaftsgebäudes

als nicht korrekt. Ein ähnlicher

Fehler ist auch bei der zeitlichen Zuordnung des

Sgraffito von Otto Lackenmacher festzustellen.

Das soll im Jahr 1958 entstanden sein. [62] Eine Aufnahme

von einer Truppenparade im Ehrenhof der

Botschaft am 13. Februar 1957 zeigt bereits das

fertige Wandbild im Hintergrund. [63]

Die beiden Wandteppiche François Arnals: falsches

Datum, falscher Ort. Ob Neunkirchen oder

Saarbrücken. Das große Frankreich im kleinen

Saarland, da kann es zu Verwechslungen kommen.

Im Grunde war und ist das unerheblich.

Was bleibt, ist ein Restposten der saarländischen

Europaträumereien à la Française: feudal, nicht

demokratisch. Das ist die Botschaft.

[60] W. Weber: Im Dienst der modernen Kunst – Ausstellung

in Neunkirchen« In: Saarbrücker Zeitung, 16. Juni

1955, Nr. 137, S. 7.

[61] Meldung »Aus dem saarländischen Kulturleben« In:

Saarbrücker Zeitung, 28. September 1955, Nr. 225, S. 8:

Ausstellung in Neunkirchen: In Neunkirchen, Goethestraße

39 findet zur Zeit in den Räumen von Ursula

Rietschel eine Ausstellung von Ölbildern von François

Arnal, Paris sowie von Graphiken Willibald Kramms,

Heidelberg statt.

[62] Kunst im öffentlichen Raum. Band 1, a.a.O., S. 225

[63] Paul Burgard: Die Botschaft aus einer anderen Welt,

a.a.O., S. 28. Die Internetseite http://www.oberkirchensaar.com/Kunst-am-Bau

(gelesen am 6. Januar 2020),

die Leben und Werk Otto Lackenmachers würdigt,

führt das Bilderverkaufsbuch der Ehefrau von Otto Lackenmacher,

Katja Lackenmacher-Sorg auf. Dort sind

der Auftrag, das Honorar und der Beginn der Arbeit dokumentiert.

Als Datum wird »1955-« genannt.


ausstellungen + + + neue publikationen

... Lorenzetti, Perugino, Botticelli ... –

Italienische Meister aus dem Lindenau-Museum Altenburg

Saarbrücken, Saarlandmuseum, Alte Sammlung, Schlossplatz

16. Bis 15. November 2020

Das Saarlandmuseum – Alte Sammlung präsentiert Hauptwerke italienischer

Meister aus dem Lindenau-Museum Altenburg. Diese außergewöhnliche

Sammlung, weltweit eine der größten und bedeutendsten

zur italienischen Malerei des 13. bis 15. Jahrhunderts, wurde von dem Politiker,

Kunstliebhaber und Philanthropen Bernhard von Lindenau im 19.

Jahrhundert in seiner thüringischen Heimatstadt Altenburg zusammengetragen.

Lorenzetti, Perugino, Fra Angelico, Filippo Lippi, Ghirlandaio, Botticelli… –

auf rund 40 große Künstlernamen lässt sich diese Aufzählung erweitern,

die am Saarbrücker Schlossplatz zu sehen ist. Anhand herausragender Beispiele

der Tafelmalerei aus den bedeutenden Kunstzentren Oberitaliens

wie Florenz, Siena und Perugia wird die Entwicklung des Bildes vom späten

Mittelalter zur Renaissance nachgezeichnet.

Tabatieren des 18. Jahrhunderts –

Eine Schenkung aus Privatbesitz

Saarbrücken, Saarlandmuseum, Alte Sammlung, Schlossplatz

16. Bis 31. Dezember 2020

Die Alte Sammlung des Saarlandmuseums hat eine bedeutende Schenkung

erhalten, die nicht weniger als 16 Tabatieren – kostbare Tabaksdosen

– umfasst, allesamt Stücke von höchster Qualität, größter handwerklicher

Präzision. Die meisten der kleinen Tabakdosen aus Gold, Silber und Email

wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Paris gefertigt. Sie

sind mit geometrischen Mustern, vegetabilen Dekorationen und Miniaturen

(Porträts, mythologische Szenen, Landschaften) geschmückt. Mit dieser

Schenkung werden die kulturgeschichtlichen Bestände des Hauses

entschieden gestärkt. Zu verdanken ist dies der Großzügigkeit der in Völklingen

geborenen Mäzenin Ibeth Biermann, Frankfurt a. M.

Tabatieren kamen im Verlauf des 18. Jahrhunderts in Mode, als das Schnupfen

die vornehmste Weise des Tabakkonsums war. Wenngleich Tabatieren

auch in bürgerlichen Kreisen verwendet wurden, waren sie doch besonders

wichtig für den Adel: sowohl als materieller Ausdruck von Kultiviertheit

und Exklusivität, als auch als Sammelobjekte. So eigneten sie sich vorzüglich,

um Hierarchien und Abhängigkeiten bei Hofe deutlich zu machen.

Auch kamen die Döschen als subtile Instrumente von Diplomatie und Politik

zum Einsatz.

Die 20er Jahre – Leben zwischen Tradition und

Moderne im internationalen Saargebiet

Saarbrücken, Historisches Museum Saar, Schlossplatz 15

Bis 30. August 2020

Die Zwanzigerjahre verbindet man mit Bubikopf, Charleston und Art déco.

Mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages im Januar 1920 schlug die

Geburtsstunde des Saarlands. Die Ausstellung »Die 20er Jahre« beleuchtet

die Anfangsjahre des Saarlandes und erweitert den Blick bis zum Anschluss

des Saargebietes an das Deutsche Reich. Neben der gut erforschten politischen

Geschichte rund um die Besatzungszeit, die französische Grubenverwaltung

und den Abstimmungskampf widmet sich ein großer Teil der

Ausstellung erstmals dem alltäglichen Leben im Saargebiet.

Im Fokus der Ausstellung stehen Themen wie zunehmende Mobilität und

Elektrifizierung, die neuen Freizeitmöglichkeiten wie das Kino, die Mode

sowie die Frage nach Realität und Mythos der »Neuen Frau«. Aber auch

soziale Probleme wie Armut und Arbeitslosigkeit werden thematisiert.

Unter den Ausstellungsstücken befinden sich Leihgaben aus dem UN-

Archiv in Genf sowie Motorräder, Charleston-Kleider und elektronische

Haushaltsgeräte, die den Besuchern das Lebensgefühl vermitteln. Lebendig

werden die 20er Jahre außerdem durch den umfangreichen Medieneinsatz

und interaktive Stationen. Die Inszenierung ahmt eine Straßenszene

mit simuliertem Tag-Nacht-Wechsel nach.

60 Jahre Deutsch-Französischer Garten.

Eine historische Bilderschau

Saarbrücken, Stadtarchiv, Deutschherrnstraße 1

Bis 15. September 2020

Er gilt als Symbol der deutsch-französischen Freundschaft und der Völkerverständigung

und er ist einer der größten und beliebtesten Parks der

Region: der Deutsch-Französische Garten in Saarbrücken. Vor 60 Jahren,

am 23. April 1960, wurde er offiziell eingeweiht und entwickelte sich

zu einem attraktiven Ausflugsziel, für Deutsche und Franzosen gleichermaßen,

nicht nur sonntags. Die Ausstellung nimmt Sie mit auf einen fotografischen

Spaziergang durch die Geschichte der einstigen Gartenschau,

von ihren Anfängen bis in die Gegenwart, weckt Erinnerungen und zeigt

Wandel und Beständigkeit eines Gartens unmittelbar an der deutsch-französischen

Grenze.

Was bin ich? Berufe in Porzellan

Saarlouis, Ludwig Galerie, Alte Brauerei-Straße, Kaserne VI.

Verlängert bis 9. August 2020

In der Ausstellung »Was bin ich?« steht die Festtafel als Ganzes im Mittelpunkt.

Für die Tischdekoration ihrer Festtafeln gab die Aristokratie im 18.

Jahrhundert ein Vermögen aus. Der gedeckte Tisch war einer der Höhepunkte

luxuriöser Prachtentfaltung. Mit Porzellanfiguren holte man sich

ganze Miniaturwelten auf die Desserttafel, beispielsweise Exotengruppen,

Jagdszenen oder Allegorien. Zu den beliebtesten Themenwelten gehörte

jedoch das Leben der einfachen Menschen. Ein besonderer Fokus liegt auf

der Arbeitswelt des 18. Jahrhunderts mit Berufen, die längst der Vergangenheit

angehören wie den Bänkelsänger, den Frettchenhändler oder die

Galanteriewarenkrämerin. In einer Region, die über Jahrhundert von Bergbau

und Hüttenwesen geprägt war, ist es wesentlich, die Veränderungen

der Arbeitswelt – ausgehend von den Porzellanfiguren – zu thematisieren.

Heute gilt es uns!

Zweibrücken, Stadtmuseum, Herzogstraße 9–11

Verlängert bis auf Weiteres

Der verheerende Bombenangriff vom 14. März 1945 ließ das historische

Stadtzentrum Zweibrückens zu 82 Prozent in Trümmern zurück. Kurz nach

acht Uhr abends warf die kanadische Luftwaffe (RCAF) in 12 Minuten ca.

800 Tonnen Sprengbomben auf die Altstadt ab. Zielpunkt war der Schlossplatz,

keine wichtigen Verkehrswege oder Industrieanlagen. Trotz der Evakuierung

im Spätjahr 1944 erlebten noch ca. 3.000 Menschen das Inferno

in der Stadt. Dank eines großen Luftschutzkellers im Himmelsberg waren

mit ca. 95 Toten weniger Menschenopfer zu beklagen als bei vergleichbaren

Bombardierungen. Fassungslos stand die Bevölkerung vor den Ruinen,

als sie die Bunker und Keller verließ. So hatte sie fünf Jahre zuvor die

Worte von Gauleiter Josef Bürckel nicht verstanden, der versprochen hatte,

»die Heimat werde nach dem Krieg noch schöner, als sie vorher war«.

Die Sonderausstellung zum 75. Jahrestag der Zerstörung der alten Herzogsstadt

befasst sich nicht nur mit der Zerstörung, dem Leben in der Trümmerzeit

sowie der Wiederaufbauleistung der 1950er und 1960er Jahre. Es ist an

der Zeit auch nach den Ursachen für die Bombardierung zu fragen und sie

in den Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus zu stellen. Im Fokus

steht auch die Vorgeschichte, ohne die die Bombardierung nicht gesehen

werden darf: der Siegeszug der Nationalsozialisten in einer Region, die von

den Folgen des Ersten Weltkrieges besonders betroffen war, sowie die Aufrüstungs-

und Kriegspolitik des NS-Regimes.

Variations – Ein Museum für alle

Luxemburg, Villa Vauban, 18, avenue Émile Reuter

Bis 17. Januar 2021

Unter dem Titel »Variations« wird mit ca. 70 Gemälden, Skulpturen, Grafiken

und Zeichnungen, vom 17. bis zum 21. Jahrhundert, eine farbenfrohe Auswahl

aus den Sammlungen des Hauses gezeigt. Unter den ausgestellten

Werken stechen mehrere Neuerwerbungen sowie eine Schenkung der


saargeschichte|n 97

Amis des Musées Luxembourg hervor: zwei monochrome Portraits des

Antwerpener Malers Abraham van Diepenbeeck aus dem 17. Jahrhundert.

Die Ausstellung widmet sich verschiedenen spannenden Fragen rund um

die Kunstgeschichte und künstlerische Techniken: Wie wurden Stiche oder

Grisaillen nach einem Gemälde angefertigt? Wie kann man Fälschungen

klassischer Kunstwerke erkennen? Warum und wie fertigten die Künstler

Skizzen oder Zeichnungen an, ehe sie ihre Bilder malten? Parallel dazu

erwarten den Besucher mehrere thematische Ensembles: u.a. bürgerliche

Portraits des 19. Jahrhunderts von Karl von Pidoll und Jean-Baptiste Fresez,

Landschaften und Seestücke (u.a. Canaletto, Dagnan, Calame) sowie ein

»Kindermuseum« mit den Familienportraits des Impressionisten Corneille

Lentz (1879–1937).

Folklore

Metz, Centre Pompidou, 1, parvis des Droits-de-l‘Homme

Bis 21. September 2020

Von den Anfängen der modernen Kunst bis zur Gegenwartskunst zeigt

diese Ausstellung, die vom Centre Pompidou-Metz in Zusammenarbeit

mit dem Mucem (Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée)

konzipiert wurde, die manchmal ambivalenten Beziehungen auf, die

Künstler zur Folklore unterhalten, und von der formalen Entlehnung bis

zur Nachahmung einer Methode, von der Faszination bis zur kritischen

Ironie reichen. Die Ausstellung Folklore, die sich im Wesentlichen auf eine

europäische Definition und Geschichte dieses Begriffs konzentriert, bietet

auch eine Begegnung von Kunstgeschichte und Geschichte der Geisteswissenschaften,

da sie parallel dazu – insbesondere dank der Bestände des

Mucem, Erbin des Musée National des Arts et Traditions Populaires – die

Erfindung und allmähliche Institutionalisierung einer Disziplin offenbart.

Der Himmel als Atelier.

Yves Klein und seine Zeitgenossen

Metz, Centre Pompidou, 1, parvis des Droits-de-l‘Homme

Bis 2. November 2020

Yves Klein, einem der Hauptakteure der europäischen Nachkriegskunst,

widmet das Centre Pompidou-Metz eine umfangreiche Ausstellung.

Bekannt ist Yves Klein für seine blauen monochromen Bildkompositionen,

in Kontakt stand er mit zahlreichen europäischen Künstlern, Mitgliedern der

Gruppe NUL in den Niederlanden sowie mit der Gruppe ZERO in Deutschland.

Besucher können Yves Klein ab April 2020 in einem internationalen

Kontext neu bzw. wiederentdecken. Die Werke dieser Künstlergeneration,

die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Elan an Freiheit

ergriffen wurde, richten ihren Blick auf Raum und Weite und bieten eine

Annäherung an Kunst und Universum, die sich von jeglicher Materialität

distanziert. Yves Klein steht in engem Austausch mit ZERO, um während

Ausstellungen Farbe, Licht und Vibration zu erkunden. Durch die Verwendung

der natürlichen Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft versuchen

Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker eine Leere zu erzeugen.

Mit seinem Freund Lucio Fontana erkundet Yves Klein den Spatialismus,

eine Kunstbewegung, die eine Zeit- und Raumeinheit abbildet, wie sie

aus der Interaktion mit dem Beobachter entsteht. Angeregt durch die

Eroberung des Weltraums eignen sich diese Künstler den Himmel durch

ihre Darstellungen des Kosmos sowie durch die Schaffung von Luftskulpturen

an. So entwickelt Yves Klein 1958 bis 1961 eine »Architecture de

l‘air« (»Luftarchitektur«), für die Himmel, Grenzenlosigkeit, Unendlichkeit

und Immaterialität zu seinem Atelier werden. Die Ausstellung zeigt zeitgenössische

Werke, ergreift aber auch die Gelegenheit, ältere, nur wenig

bekannte Performances zu präsentieren. Präsentiert werden daneben

Werke von Bernard Aubertin, Lucio Fontana, Oskar Holweck, Eikoh Hosoe,

Fumio Kamei, Piero Manzoni, Otto Piene, Jean Tinguely, Günther Uecker, Jef

Verheyen und vielen anderen.

Lokale Geschichte

Backes, Dirk: Der Hauptfriedhof Scheib (Neunkirchen 2019), 140 Seiten,

Reihe: Als alles noch in Sütterlin geschrieben wurde, Bd. 14.

Bergholz, Thomas: Die Ludwigskirche zu Alt-Saarbrücken. (Saarbrücken

2019), Kunstführer, hg. von der ev. Kirchengemeinde Alt-Saarbrücken, 34

Seiten, illustriert.

Echt, Rudolf: Von der Steinzeit bis zur Gegenwart – Nachforschungen zur

Wallerfanger Geschichte. Festschrift Theodor Liebertz zu Ehren, (Verein für

Heimatforschung Wallerfangen 2019), 265 Seiten, illustriert.

Fontaine, Arthur: Das große Nordfenster in St. Peter Merzig im Wandel

der Zeit: Zur Bau- und Ausstattungsgeschichte der Kirche, (Norderstedt

2020), 45 Seiten, illustriert, ISBN 978-3-7528-9629-9.

Jacobs, Ulrike und Manfred; Gundelwein, Tom (Fotos): Saarbrücken

und sein barockes Erbe, (Saarbrücken 2020), 192 Seiten, reich illustriert,

ISBN 978-3-946036-02-9.

Philippi, Nikolaus: Grenzsteine rund um die Gemeinde Saarwellingen,

(Saarwellingen 2019), 75 Seiten, illustriert, Karten, Reihe: Veröffentlichung

des Gemeindearchivs Saarwellingen, Bd. 3.

Schönberger, Christiane: Mauern und Gräben von Wallerfangen –

Hauptort der deutschen Ballei des Herzogtums Lothringen, (Tholey 2019),

58 Seiten, illustriert, Reihe: Archäologische Funde im Saarland, Bd. 3, ISBN

978-3-946313-16-8.

Stein, Jakob: Mein Onkel. Der Maler, Zeichner und Objektkünstler Willi

Spiess, (Frankfurt 2019), 72 Seiten, illustriert, ISBN 978-3-943758-66-5.

Saarland allgemein

Burgard, Paul; Linsmayer, Ludwig: Eisenzeit in SaarLorLux: Röchling,

ARBED, Saarstahl (1960-1990), (Saarbrücken 2019), 413 Seiten, illustriert,

Reihe: Echolot, Bd. 15 Landesarchiv Saarbrücken, ISBN 978-3-945087-04-6.

Bussmann, Frédéric; Mönig, Roland (Hg.): ... Lorenzetti, Perugino, Botticelli

...: italienische Meister aus dem Lindenau-Museum Altenburg, (Saarbrücken

2020), 128 Seiten, ISBN 978-3-947554-01-0.

Dölemeyer, Barbara; Jung, Heike: Die Napoleonische Gesetzgebung

im politischen Widerstreit in Bern und Hessen. Kleine Schriftenreihe der

Siebenpfeiffer-Stiftung Nr. 18 (Homburg 2020), ISBN 978-3-9814460-6-7.

Enzweiler, Jo (Hg.): Landkreis Merzig-Wadern 1945-2012: Aufsätze und

Bestandsaufnahme: Gemeinde Beckingen, Gemeinde Losheim am See,

Kreisstadt Merzig, Gemeinde Mettlach, Gemeinde Perl, Stadt Wadern,

Gemeinde Weiskirchen, (Saarbrücken 2019), 413 Seiten, illustriert, Reihe:

Kunst im öffentlichen Raum – Saarland, Bd. 5, ISBN 978-3-9819664-0-4.

Mönig, Roland (Hg.): Tabatieren des 18. Jahrhunderts: eine Schenkung

aus Privatbesitz. (Saarbrücken 2020), 87 S., illustr., ISBN 978-3-947554-02-7.

Neumann, Andreas Phelan: Brauereikultur im Saarland. Becker, Donnerbrauerei,

Schloss &Co, (Luxemburg 2019), 472 Seiten, illustriert, ISBN 978-1-

08-272667-5.

Sander, Eckart: Saarland: die schönsten Schlösser und Burgen, (Gudensberg-Gleichen

2019), 87 Seiten, illustriert, 978-3-8313-3244-1.

Schäfer, Franz-Josef: Einmal Theresienstadt und zurück: Familie Lansch

wehrt sich gegen die Nazis, (St. Ingbert 2019), 167 Seiten, illustriert, Reihe:

Röhrig Lebensbilder Bd. 4, ISBN 978-3-86110-746-0.

Über die Grenze

Hildisch, Volker: Als Rotkäppchen Frankreich verlassen musste: Champagner

und Sekt – eine deutsch-französische Geschichte, (Saarbrücken 2019),

142 Seiten, illustriert, ISBN 978-3-9818850-3-3.

Höfchen, Heinz (Hg.): All the Best: 100 Jahre Graphische Sammlung im

Museum Pfalzgalerie. (Kaiserslautern 2019), 190 Seiten, illustriert, ISBN

978-3-89422-226-0.

Loew, Benedikt; Reyter, Isabelle; Touveron, Bruno: Versailles 1919:

Moselle et Sarre, Moselle und Saargebiet, (Thionville 2019), 120 Seiten, illustriert,

Karten, Französisch / Deutsch, Konferenzschrift.


ach du liebe zeit … (PB 40/41)

Dieses 2020ste Jahr der christlichen Zeitrechnung ist in die

Geschichte eingegangen, bevor es überhaupt seinen Zenit

erreicht hat. Schon seit längerem war abzusehen, dass eine

völlig neuartige Krankheit auf die Menschheit zurollte, die

die Weltgemeinschaft in nie dagewesener Form herausfordern

musste. In viraler Geschwindigkeit nahm sie die

Erde in Besitz, hochansteckend und vor allem die Teile der

Gesellschaft niederwerfend, die das Leben auf unserem Planeten

extrem aktiv gestalten. FOMO nannten die Experten

aus Epidemiologie und Psychopathologie das neuartige

Virus, eine Abkürzung des englischen fear of missing out,

auf gut Deutsch: die Angst, irgendetwas zu verpassen.

In der globaldigital beschleunigten Welt des 21. Jahrhunderts

hatte FOMO beängstigende Ausmaße angenommen. Waren

es zunächst nur einzelne Hipster oder Influencer, die fürchteten,

wichtige Dinge und Trends zu verpassen, so befiel das

Virus sehr bald alle halbwegs aktive Menschen zwischen 5

und 55, und es betraf alle nur denkbaren Dinge und Situationen.

Vulkanausbruch, Kreuzfahrt, Grillparty, Netflix-Serie,

der letzte Tweet von Trump und das allerletzte Youtube-

Video von Heidi Klum, eine ranzige Frikadelle oder die öde

Glosse in den saargeschichte|n: Nichts und niemand durfte

mehr verpasst werden, wenn man und frau noch einigermaßen

sinnvoll durchs Leben gehen wollten. Da es nun

aber schlichtweg unmöglich ist, dass alle alles überall und

jederzeit miterleben, waren die Folgen der pandemischen

Verbreitung von FOMO absehbar. Extremste Psychosen und

Depressionen machten sich breit, kollektive Suizidwellen

schwappten über den Globus, Paralysen und Dystopien

gewannen Kontur. Es stand nichts weniger auf dem Spiel

als die Zukunft der Menschheit.

In dieser existenziellen Krise des homo sapiens hatten die

Götter Ende des Jahres 2019 endlich ein Einsehen. Sie beauftragten

ihre Stellvertreter auf Erden – als da wären: der

Papst, Bill Gates, der chinesische Volkskongress und Angela

Merkel –, eine Strategie zu suchen, mit der sich FOMO

überlisten ließ. Die Lösung, die die glorreichen Vier fanden,

war ebenso genial wie einfach; neben ihr erschien die List

des Odysseus wie ein biederes Schaukelpferdchen neben

Pegasus. Der Trick bestand darin, ein Virus zu kreieren, das

noch viel gefährlicher und ansteckender zu sein schien

als FOMO. Ein Virus, das nur dadurch zu stoppen war, dass

man die gesamte Welt zum vollkommenen Stillstand verdonnerte.

Die medizinnobelpreisverdächtige Idee dahinter:

Wenn überall auf der Erde zu jeder Zeit stets das gleiche

passiert – nämlich absolut gar nix –, dann kann auch niemand

mehr irgendwo irgendetwas verpassen. Das mit göttlicher

Inspiration erfundene Virus musste nur noch einen

seiner Bedeutung gemäßen Namen erhalten. Wie konnte

der anders lauten als Corona: die Krönung aller Viren.

Die Erfindung von Corona war das eine, die Implementierung

der Phantasiegeburt in der Gesellschaft das andere,

noch ungleich schwierigere Problem. Der Aufwand, der

dafür betrieben wurde, war gewaltig, wie das bundesdeutsche

Beispiel prototypisch zeigt. Erst erhöhte man die

Schlagzahlen der Schlagzeilen, die das noch nach Monaten

»neuartige« Virus kommunizierten, bis aus den Nachrichten

Coronachrichten geworden waren. Dann ließ man

den virtuellen Erreger auf den uns Deutschen besonders

vertrauten Reiserouten von Fernost über Italien und Österreich

immer näher an die Bundesgrenzen rücken, um die

noch aus Migrationszeiten virulenten Bedrohungsvorstellungen

bis zur unerträglichen Spannung zu steigern.

Schließlich revitalisierte man Cary Grant und Heinz Rühmann,

die fortan tagtäglich aufs glaubwürdigste Dr. Drosten

und Mr. Wieler mimten, ein populärwissenschaftliches

Erfolgsduo, das das gesunde Gewissen aller Deutschen

ebenso einzunehmen verstand wie einst Simon and Garfunkel

die Herzen der 68er.

Fast wäre das grandiose Experiment zur Überwindung

der weltweiten FOMO-Krise von totalem Erfolg gekrönt

gewesen, fast wären alle Menschen bereit gewesen, sich

jeder Lockerungsverlockung zum Trotz freiwillig einen ewigwährenden

Lockdown zu verordnen. Dummerweise zeigte

sich aber, dass ausgerechnet diejenigen, die den Kampf

gegen das gefährliche Virus lenken sollten, selbst die größten

Fomoisten waren. Gesundheitsjens zum Beispiel verpasste

zwar das rechtzeitige Verschließen von Fußball- und

Karnevalshochburgen sowie ordentlich viele Fettnäpfchen,

dafür aber keine Ansprache und keine Pressekonferenz.

Armin, das rein westfälische Cheruskerchen, verpasste sich

zunächst das shakespearianische Outfit eines Leben-und-

Tod-Dramaturgen, um kurz darauf ins Gewand des Schiller‘-

schen Freiheitshelden zu schlüpfen und das von ihm selbst

errichtete Schreckensregiment zu bekämpfen. Auch Tobi,

unser noch jugendlich strahlender Saar-König, präsentierte

sich als Großmeister coronöser Kommunikation, verpasste

keinen sehr persönlich gestalteten Social-Media-Auftritt

und kaum eine Talkshow bei Anne und Maybritt. Bereits

zu Beginn der Krise hatte er einen Super-Scoop gelandet,

indem er als weltweit erster Politiker plakativ das Aussehen

eines Coronavirus demonstrieren konnte, das – wie es sich

in solchen Katastrophen schon oft bewährt hatte – die

Größe des Saarlands zeigte.

Nach so viel politischer Briilanz wundert’s niemanden, dass

auf- und rechte Bürger, die verschwörungstheoretisch eben-


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so versiert sind wie alternativfaktenmedizinisch, damit

begonnen haben, die wahren Hintergründe des Fomocoronakomplotts

zu recherchieren und offenzulegen. Was dabei

jetzt ans Tageslicht kam, muss jeden vernünftigen Menschen

tief beunruhigen. So ist zum Beispiel bereits seit Jahren

unser kollektives Immunsystem absichtlich geschwächt

worden, vor allem durch die Impfkampagnen von Bill Gates,

der seine Kompetenz zur flächendeckenden Gesundheitssubversion

zuvor an der Fertilität afrikanischen Frauen

getestet hatte. Die mittlerweile hinlänglich bekannten

Corona-Hotspots zwischen Norditalien, Nordrhein-Westfalen

und Nordamerika sind nicht etwa auf unzählige Viren,

sondern auf intensive 5-G-Bestrahlung zurückzuführen, die

die Chinesen in Kooperation mit der Telekom lanciert haben.

Da allen aufgeklärten Bürgern, die trotz staatsvirologischer

Blendungsversuche ihre Augen stets offenhielten, noch nirgends

ein einziges Coronavirus in freier Wildbahn begegnet

ist, liegt die Vermutung nahe, dass es Corona gar nicht gibt

(womit die Aufklärer der auf diesen Seiten entlarvten ganzen

Wahrheit beängstigend nahekommen). Der Lockdown ist in

Wirklichkeit nichts anderes als der durch einen angeblichen

Notstand legitimierte Versuch, unsere Grund- und Freiheitsrechte

schrittweise zu liquidieren. Damit das System (in

längst vergangenen linken Zeiten noch als Schweinesystem

bekannt), das geheime Kartell aus Politikern, Wirtschaftsbossen

und IT-Moguln, unter der Anleitung von Angela Merkel

und Papst Franziskus seine Macht endlos steigern und

uns bis zum Jüngsten Tag lückenlos kontrollieren kann.

Wenn Sie, liebe Leser_innen, nun etwa glauben, dass die

unglaublichen Enthüllungen auf den noch immer fortwährenden

Demonstrationen unserer neuen Demokratiebewegung

in verschrobenen Hirnen entstanden seien oder

aus sehr fadenscheinigen Gründen nur als Alternativen aus

und für Deutschland formuliert wurden, dann muss ich

Ihnen sagen: Weit gefehlt! Wie ein Rückblick auf die vergangenen

500 Jahre zeigt, haben diese mutigen Damen

und Herren nur das gemacht, was wir eigentlich alle tun

sollten. Sie haben aus der Geschichte gelernt.

In Mittelalter und Früher Neuzeit hieß Corona noch Pest,

und auch das war natürlich nur eine Erfindung des klerikofeudalen

Schweinesystems, um renitente Leibeigene und

aufmüpfige Bürgersleut unter der Knute aristokratischer

Allmacht zu halten. Die 5-G-Strahlen kamen damals, wie

überlieferte Pestbilder zeigen, in Form von vergifteten Pfeilen

auf die Erde, die ein Erzengel als Exekutor des göttlichen

Strafgerichts von einer Wolke (aus einer Cloud!!!) auf die

Menschen schoss. Statt einen Schulmediziner aufzusuchen

oder sich vom verseuchten Acker zu machen (das durften

nämlich nur die reichen Systemleute), empfahl die Saarbrücker

Pestordnung von 1574 vor allem reumütiges Beten

und Büßen aller kleinen Sünderlein in möglichst vollen Kirchen,

in denen Feuer aus gigantischen und wohlriechenden

Räucherstäbchen für gute Luft sorgten. Noch besser klingen

die zahllosen Rezepte aus einem Pestbuch, das der Leibmedicus

des Saarbrücker Grafen Philipp 1553 verfasst hatte.

So empfahl er zum Beispiel sehr erfolgreich diverse Preservativa

(nein, es ging noch keineswegs um Aids), die jeder

Bewohner des Saarbrücker Schlosses beim allmorgendlichen

Verlassen desselben am Tor verabreicht bekam, um

der Pest in den stinkenden Niederungen der Stadt trotzen

zu können. In solchen Preservativa befanden sich in der

Regel Blüten, Wurzeln und Gewürze nebst diversen Pulvern,

die bisweilen aus den Knochen eines Einhorns gewonnen

waren, das »zwischen zwei Frauentagen« gefangen worden

sein musste. Kein Wunder, dass das so gut funktionierte.

Kein Wunder dass so viel Expertise noch heute jeden alternativmedizinischen

Guru vor Neid erblassen lässt.

Die schönsten Lehren für die coronöse Gegenwart sind

fraglos aus dem 17. und 18. Jahrhundert überliefert. Just

damals, als sich die Pest langsam aus der westlichen Welt

verabschiedete, wuchs die Skepsis an den staatlichen Pestvorkehrungen

ins Unermessliche. So formulierte ein englischer

(!) Zeitgenosse namens John (! leider ohne son) seine

Bedenken an den Quarantänevorschriften dahingehend,

dass Luftveränderungen eine viel wichtigere Infektionsursache

darstelle als die Ansteckung von Mensch zu

Mensch. Die Abriegelung der verpesteten Stadt Königsberg

musste abgebrochen werden, nachdem maßgebliche

Preußen versichert hatten, die kollektive Quarantäne bringe

mehr Menschen um als die Epidemie selbst. Und als 1720

eine der letzten großen Pestwellen in Marseille wütete,

publizierte ein königlicher Arzt seine eindeutige Erkenntnis,

dass die Krankheit nicht ansteckend sei. Dass aber die

mittels Quarantäne »der Freiheit zugefügte Gewalt« sowie

die damit einhergehenden »Beleidigungen der Rechte der

Menschen« durch eine »offenkundige Vorspiegelung falscher

Tatsachen« zustande gekommen seien.

Liebe Götter und Göttinnen! Falls ihr manchmal meint, ihr

hättet auf uns Menschen nicht immer genug aufgepasst,

falls ihr glaubt, zu oft weggeschaut und euch zu wenig für

unser Schicksal interessiert zu haben, falls ihr vielleicht

sogar befürchtet, im Laufe eines jahrtausendlangen Tiefschlafs

wichtige Dinge in der Entwicklung der Menschheit

verpasst zu haben, dann kann ich euch heute versichern: Ihr

habt absolut nix verpasst! Also kein Grund zur Panik! Nie

wieder Angst vor FOMO!


saargeschichte|n bildet …

Wussten Sie übrigens, dass die

Saarländische Regierung schon vor

Jahrzehnten vorbildliches Verhalten

bei der Bekämpfung von Epidemien

demonstrierte? Beim Empfang der

französischen Staatsgäste zeigte man

1952, wie die Übertragung gefährlicher

Viren vermieden wird:

vorbeugende Haltung, gebührende

Distanz, angedeuteter Händedruck

(gegebenenfalls mit vorgestreckter

Handatrappe) und auf keinen Fall

den zu Begrüßenden anschauen!

Die Barockresidenz Saarbrücken

Von Thomas Martin

Ein Rundgang auf den fürstlichen Spuren des

18. Jahrhunderts

Thomas Martin hat in seinem kompakten

Begleiter die wichtigsten Spuren der Barockzeit

in Saarbrücken zu einem Spaziergang

zusammengefasst.

Erhältlich im Buchhandel, bei Amazon oder

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saargeschichte|n

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