stahl + eisen 03/2021 (Leseprobe)

stahlundeisen

PRODUKTE UND WERKSTOFFE // WEITERE THEMEN: u.a. Nickelfreies Stahlpulver für schräge Schnitte, Automatisierungslösungen für effiziente Metallbearbeitung, China-Kolumne: Verschärftes Übernahmetempo, aus Wissenschaft + Technik: Schlüsselwege zur CO2-Senkung, Modellrechnung von Kreditversicherer: "Versteckte" Insolvenzen, Blechschere mit Dampfantrieb

Nr. 3 | März 2021

Magazin für die Herstellung und Verarbeitung von Eisen + Stahl

Schlüsselwege

zur Dekarbonisierung

Stahltemperaturführung

mit künstlicher Intelligenz

Multitalent

im Einsatz

Stahl bietet vielseitige Verwendungsmöglichkeiten


MEERtorque ®

MEERtorque ® Antrieb

MT 630

Schmieden von Kegelrädern

EIN INNOVATIVES ANTRIEBSKONZEPT FÜR DIE MASSIVUMFORMUNG

Höhere Produktivität. Längere Lebensdauer.

Weniger Emissionen und Kosten.

Mit dem MEERtorque ® -Antrieb setzt SMS neue

Maßstäbe im Gesenkschmiedebereich. Entfall der

Bremse und ein nahezu reibfreies Zuschalten der

Kupplung bewirken eine signifikante Senkung des

Energieverbrauchs – und zwar im zweistelligen

Prozentbereich.

Gemeinsam schaffen wir einen Mehrwert entlang

der Wertschöpfungskette.

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SMS group GmbH

Ohlerkirchweg 66

41069 Mönchengladbach

Telefon: +49 2161 350-1450

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www.sms-group.com


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der Blick in die Glaskugel war schon immer mit einer gewissen

Unsicherheit behaftet, aber in Zeiten wie diesen gibt es doch eine

Gewissheit: Die Kompassnadel der politischen Führung in Deutschland

zittert unruhig hin und her – die Salami-Taktik bei den immer wieder

um kurze Zeiträume verlängerten „Lock-Downs“ ist nur ein Beispiel. Wie

soll sich da eine Rückkehr zur Normalität planen lassen? Die europäische

Fachkonferenz ESTAD ist vom Juni in den August gerutscht, die 6. Auflage der Steel

in Cars and Trucks (SCT) vom Mai in den September und die Coiltech in Ulm vom Mai gleich ins

kommende Jahr. Wenigstens finden Digital-Events wie geplant statt, auch wenn sie das

persönliche Networking kaum ersetzen können.

Mitte März versammelte die Online durchgeführte Jahrestagung „Zukunft Stahl“ des

Handelsblatts (einen Bericht finden Sie auf stahleisen.de) an einem Tag die Spitzenkräfte der

Branche als Referenten. „Der Stahl ist im Kern der Seismograph dafür, ob industrielle

Transformation gelingen kann“, so Hans Jürgen Kerkhoff, Chef der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

Auf die Politik sollte man dabei aber nicht hoffen, wie Armin Laschet kurz zuvor klarmachte.

Klimaschutz müsse auch ohne Staat gehen und Staatsbeteiligungen an notleidenden

Unternehmen würden keine Geschäftsmodelle retten, erklärte der NRW-Ministerpräsident.

Finanzielle Unterstützung stellte er zwar trotzdem in Aussicht, aber Gisbert Rühl von Klöckner

sieht das eher skeptisch. Wenn sich jeder auf den Staat verlasse, könne es passieren, dass die

Transformation zu langsam ablaufe, lautete sein Verdikt.

Kurz vor Drucklegung ging auch die „METAV Digital“ des VDW zu Ende – einen Bericht finden Sie

auf den Seiten 30 und 31. Ansonsten lege ich Ihnen gerne auch die Titelstrecke ans Herz und den

ersten Beitrag in der Rubrik Wissenschaft + Technik. In dem einen Fall finden Sie u.a. den Beitrag

unseres Redakteurs Niklas Reiprich, der die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Werkstoffs

Stahl (Seiten 16 –19) beleuchtet. In dem anderen Fall skizziert Dr. Hans Bodo Lüngen,

geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Stahlinstituts VDEh, die Wege der europäischen

Stahlerzeuger zur Dekarbonisierung.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Torsten Paßmann, Chefredakteur

stahlundeisen.de März 2021 3


STAHL

EISEN

Inhalt 3 | 2021

Cover:

Der vielseitige Werkstoff Stahl

bewährt sich nahezu überall.

Quelle: Ørsted/Sky Pictures

NEWS

TERMINE

6 Wirtschaft + Industrie

u.a. mit SMS group, thyssenkrupp Steel Europe und

Salzgitter

10 Klima + Umwelt

u.a. mit ArcelorMittal, Paul Wurth und Rogesa

12 Additive Fertigung

u.a. mit Trumpf, Formnext und Porsche

TITELTHEMA: WERKSTOFFE

UND PRODUKTE

16 Ein Multitalent im Einsatz

Stahl bietet vielseitige Verwendungsmöglichkeiten

16

Multitalent

im Einsatz

Stahl bietet vielseitige

Verwendungsmöglichkeiten

20 Gehrungsbandsäge für schräge Schnitte

Stahlhändler Klöckner erweitert mit „Kastomiwin“ das

Angebot als Fertigungsdienstleister

23 Nickelfreies Stahlpulver für medizinische

Anwendungen

Deutsche Edelstahlwerke stellen neuen austenitischen

Spezialstahl vor

24 Geglühter Automatenstahl mit besonderen

Eigenschaften

Steeltec setzt auf maßgeschneiderte Stahllösungen

POLITIK

MÄRKTE

24 thyssenkrupp Steel Europe forciert

„Strategie 20-30“ mit Großauftrag

Um- und Neubau von Kernaggregaten an den

Standorten Duisburg und Bochum

27 Verbesserte Platzierung im globalen

Ranking

Überblick über die türkische Stahl- und Eisenindustrie

28 „Keine namentliche Vermischung von

Gruppe und Business Unit“

Interview mit Dr. Florian Geiger, CEO Steeltec

30 Automatisierungslösungen für effiziente

Metallbearbeitung

Fachmesse METAV fand erstmals als digitales

Event statt

34 Impulspapier zur Klimaneutralität 2050

Zwölf konkrete Anregungen an die Politik

70

Blechschere mit

Dampfantrieb

Seltene historische Konstruktion wurde als

Modell neu aufgebaut

36 Stahlmangel in Europa: Verstärkter Blick

auf eigene Reserven

Prognosen eines Stahlhändlers zur Marktlage 2021

38 Verschärftes Übernahmetempo

China-Kolumne von Fabian Grummes

39 Deutsche Industriekonjunktur zeigt sich

grundsätzlich robust

Aktuelle Meldung aus dem BMWi

4 März 2021 stahlundeisen.de


WISSENSCHAFT

TECHNIK

45 Schlüsselwege zur CO 2 -Senkung

Die relevanten Wege, um CO2-Emissionen in der

Eisen- und Stahlindustrie in Europa zu mindern

54 Präzise Stahltemperaturführung mit

künstlicher Intelligenz

ArcelorMittal Duisburg setzt für eine präzise

Temperaturführung auf die KI-Software SST

Temperature Optimization AI

56 Elektrisch angetriebener Plattformwagen

befördert Blankstahl

Maschinenbauer passt Flurförderfahrzeuge auf

Bedürfnisse eines Stahl-Veredelers an

24

thyssenkrupp Steel Europe forciert

„Strategie 20-30“ mit Großauftrag

Um- und Neubau von Kernaggregaten an den Standorten

Duisburg und Bochum

RECHT

FINANZEN

60 Organisches Wachstum ohne die Bank

Soyka Rohrverbindungen setzt zur Finanzierung auf

ein Fintech

62 BIP in vier Volkswirtschaften rückläufig,

Insolvenzen auch

Modellrechnung von Kreditversicherer deckt

„versteckte“ Insolvenzen auf

BERUF

KARRIERE

64 Organisationale Resilienz

Ein Konzept zur Selbsthilfe am Beispiel von Kaltwalzwerken

und Gießereien

66 Bei Change-Vorhaben aufdie Stimme der

Mitarbeiter hören

Wer lösungsorientierte Rückmeldungen bevorzugt,

muss aktiv den Dialog annehmen

STYLE

STORY

70 Blechschere mit Dampfantrieb

Seltene historische Konstruktion von Alfred Trappen

wurde als Modell neu aufgebaut

71 Älteste Wehrwalze dreht sich wieder

Stahlbauer saniert erfolgreich ein Industriedenkmal

45 Schlüsselwege zur CO 2-Senkung

Wie sich Europas Stahl- und Eisenindustrie

dekarbonisieren lässt

IMMER

EWIG

3 Editorial

9 Termine

40 Länder + Anlagen

68 VDEh-Personalia

72 People

74 Vorschau + Impressum

stahlundeisen.de März 2021 5


NEWS

TERMINE

Wirtschaft

Industrie

Meilenstein in der Boxbay-Pilotanlage

DP World, globaler Hafenbetreiber und

Logistikanbieter mit Sitz in Dubai, hat im

Rahmen des Joint Ventures Boxbay gemeinsam

mit dem Anlagenbauer SMS

group im Hafen Jebel Ali ein neuartiges

Hochregallager errichtet und nun erfolgreich

die ersten 10 000 Containerbewegungen

absolviert. Bei Boxbay handelt es

sich um ein patentiertes automatisiertes

Containerumschlagsystem, bei dem Container

auf bis zu elf Ebenen in einer Rahmenkonstruktion

aus Stahl eingelagert

werden. Dabei bietet es mehr als die dreifache

Kapazität eines konventionellen

Lagers, so dass die Grundfläche von Terminals

um bis zu 70 Prozent reduziert

werden kann. Das System ist für einen

automatisierten Betrieb ausgelegt und

ermöglicht – ohne jegliches Umstapeln

– den direkten Zugriff auf jeden einzelnen

Container. Der Bau der Pilotanlage

mit 792 Containerstellplätzen an Terminal

4 im Hafen von Jebel Ali in Dubai

wurde im Juli 2020 abgeschlossen.

Ilsenburger kühlt Grobbleche

mit „X-Roll MultiFlex-Quench“ von SMS

Die Ilsenburger Grobblech GmbH hat vor kurzem erfolgreich das erste Blech im Wärmebehandlungsofen

1 erwärmt und auf der neuen „X-Roll MultiFlex-Quench“ (MFQ)

der SMS group gekühlt. Die MFQ-Anlage ist Bestandteil einer neuen, energieeffizienten

Wärmebehandlungslinie, die SMS an das Tochterunternehmen des Salzgitter-Konzerns

geliefert hat. SMS hat mit der „X-Roll MFQ“ eine innovative Kühltechnologie am

Markt etabliert, die deutlich mehr Möglichkeiten als konventionelle Kühlungen bietet.

Mittels umschaltbarer Druckbereiche können alle Kühlstrategien von extrem

langsamer Abkühlung bis hin zum Abschrecken mit frei wählbaren Kühl-Stopp-Temperaturen

realisiert werden. Die variablen Einstellungen ermöglichen im Vergleich

mit konventionellen Quetten die Darstellung eines deutlich umfangreicheren Produktportfolios.

Die hydraulische Klemmung der Bleche durch Rollenführungen stellt

– insbesondere bei dünnen Blechen – eine optimale Planheit sicher. Zum gesamten

Lieferpaket der SMS group gehören auch zwei Rollenherdöfen, der neue Richtmaschinentyp

„X-Roll MultiFlex – Leveller T“ und eine Strahlanlage, eine Konservierungslinie

und eine Wasseraufbereitungsanlage.

Die neue „X-Roll MultiFlex-Quench“ der

SMS group bietet mehr Möglichkeiten als

konventionelle Kühlungen.

Transporeon baut Zusammenarbeit mit thyssenkrupp

Steel Europe aus

Dank Echtzeit-Tracking (Real-Time Visibility – RTV) kann thyssenkrupp Steel Europe in seiner Logistik künftig die Position jedes Transports

einsehen und steuern – auch außerhalb der Ladezone. Präzise ermittelte Ankunftszeiten ermöglichen es, die Prozesse deutlich vorausschauender

zu planen als bisher und „just-in-time“ abzuwickeln. So können unnötige Wartezeiten vermieden und Kosten minimiert werden,

beispielsweise durch nicht genutzte Kräne, die auf LKW warten. Dynamisch kann ein neues Zeitfenster vergeben werden, falls sich ein

LKW verspätet. Möglich wird das durch die intensivierte Zusammenarbeit mit der global tätigen Logistik-Plattform Transporeon. Bereits

seit 12 Jahren nutzt thyssenkrupp Steel Europe die Services des Ulmer Unternehmens, um Zeitfenster bei der Be- und Entladung von LKW

zu buchen. Mit dem Ausbau der Kooperation sollen über 500 Stahltransporte täglich über Logistikplattform abgewickelt werden.

Quellen: SMS group; GFG Alliance; Schuler

6 März 2021 stahlundeisen.de


SHS-Gruppe setzt im Einkauf auf

B2B-Plattform Metalshub

Um den Einkauf ihrer Stahlwerksrohstoffe effizienter zu gestalten und auch Compliance-Vorgaben komfortabel umzusetzen, setzt

die SHS-Gruppe (Saarstahl und Dillinger) auf die digitale B2B-Plattform von Metalshub. Die langfristig angestrebte Kooperation soll

das Management der Supply Chain weiter vereinfachen, den Einkauf effizienter machen und die Beschaffung flexibler gestalten,

um auch auf externe Einflüsse reagieren zu können. Seit Jahresbeginn schreiben daher die Stahlerzeuger Dillinger und Saarstahl

ebenso wie Tochtergesellschaften eine Vielzahl ihrer benötigten Stahlwerksrohstoffe über die Plattform aus. Eigenen Angaben zufolge

haben schon mehr als 1 000 Unternehmen seit dem Start von Metalshub auf der Plattform registriert.

Konsortium plant wasserstoffbasierte DRI-Anlage

Gemeinsam mit der SHS Stahl-Holding-

Saar und dem luxemburgischen Anlagenbauer

Paul Wurth prüft die Liberty Steel

Group den Bau und Betrieb eines wasserstoffbasierten

Stahlwerks in industriellem

Maßstab in der französischen Küstenstadt

Dünkirchen. Das Konsortium strebt eine

2-Millionen-Tonnen-Anlage für direktreduziertes

Eisen (DRI) mit eingebauter Wasserstoff-Elektrolyse

mit einer Kapazität von

1 GW an. Die DRI-Anlage wird zu Beginn

DRI und heiß brikettiertes Eisen (HBI) mit

einer Mischung aus Wasserstoff und Erdgas

als Reduktionsmittel nutzen, um dann

nach Fertigstellung der Elektrolyse-Produktionseinheit

zu 100 % auf Wasserstoff

umzustellen. Das produzierte DRI/HBI

wird hauptsächlich im Elektrolichtbogenofen

von Liberty Ascoval in Frankreich

Verwendung finden. Überschüsse werden

in den integrierten Stahlwerken von Liberty

in Ostrau und Galati sowie in Deutschland

in den Werken von Dillinger und

Saarstahl (beide SHS-Gruppe) verwendet.

Liberty Steel arbeitet seit Anfang 2020 mit

Paul Wurth und SHS an der technischen

und wirtschaftlichen Machbarkeit dieses

Projekts. Nachdem sich die ersten Machbarkeitsstudien

als erfolgreich erwiesen

haben, haben die Partner im Februar eine

Absichtserklärung unterzeichnet, die zwei

Phasen umfasst. In der ersten, voraussichtlich

zwölf Wochen dauernden ersten Phase

wird die Genauigkeit der kommerziellen

und technischen Machbarkeit des Projekts

verbessert, in der anschließenden

Neben dem Werk von Alvance Aluminium

in Dünkirchen, das wie Liberty Steel zur

GFG Alliance gehört, soll die neue Anlage

entstehen.

zweiten Phase wird die erforderliche technisch

wie finanzielle Detailtiefe definiert,

um das Projekt effektiv umzusetzen.

ABP Induction modernisiert Anlage bei Olbersdorfer Guß

Die in der Nähe von Zittau ansässige Olbersorfer Guß GmbH setzt auf ABP Induction, um mit einer modernisierten Anlage u.a. flexibler

auf Anfragen reagieren zu können. Erweitert und modernisiert wird eine Anlage, bestehend aus zwei Induktionsöfen ITMK 6.000

(3 t) mit 2 500 kW (250 Hz) und Twin-Power Thyristor-Umrichtern. Für die Modernisierung wurden ein neuer Trafo, die digitale Umrichtersteuerung

DICU3 und der Schmelzprozessor Prodapt Enterprise vorgesehen. Ebenfalls Teil der Modernisierung ist der Umbau auf eine

Zweikreis-Anlage mit Luft-/Wasser-Kühler, um der Erhöhung der Anlagenleistung gerecht zu werden. Wichtig ist dem Unternehmen auch

die Erweiterung der bestehenden Ofenanlage durch einen dritten MF-Tiegelofen vom Typ FS 15 (Pmax. 800 kW), angeschlossen über ein

Ofenstrom-Umschaltgerüst. Der Ofen wurde angeschafft, um kleinere Chargengrößen für Spezialstähle fertigen zu können. Die Montage

und Inbetriebnahme soll im Wesentlichen im Zeitraum der Betriebsruhe Ende Juli/Anfang August 2021 stattfinden.

16 000-Tonnen-Anlage für thyssenkrupp Gerlach

Voraussichtlich ab 2022 wird thyssenkrupp Gerlach die Produktion

von Schmiede-Teilen auf einer Farina-Presse von Schuler aufnehmen.

Die Innenmontage für die 16 000 Tonnen starke Anlage – eine

der größten mechanischen Maschinen weltweit – im italienischen

Suello wurde im Februar abgeschlossen; nach dem Testlauf haben

sich die Komponenten mit einem Gesamtgewicht von 1 700 Tonnen

auf den Weg zum Schmiedewerk im saarländischen Homburg gemacht.

Die Farina-Anlagen der Baureihe GLF verfügen über ein

neuartiges direktes Antriebskonzept ohne Pleuel. Den Konstrukteuren

von Schuler und Farina gelang es dadurch, die Maschinenhöhe

im Vergleich zu herkömmlichen Pressen zu reduzieren. Ein Ergebnis

der Optimierung auf das Warmschmieden ist unter anderem

eine sehr hohe Pressensteifigkeit und somit ein deutlich verminderter

Gratanteil an den Schmiedestücken.

Die Farina-Anlagen der Baureihe GLF verfügen über ein

neuartiges direktes Antriebskonzept ohne Pleuel.

stahlundeisen.de März 2021 7


TITELTHEMA: PRODUKTE UND WERKSTOFFE

Überblick

Die innovative

Alles andere

als ein „altes Eisen“:

So sichert der Werkstoff

die Zukunftsfähigkeit

wichtiger Wirtschaftszweige

14 März 2021 stahlundeisen.de


Welt des Stahls

Als einer der wichtigsten

Werkstoffe unserer Zeit

bewährt sich Stahl in den unterschiedlichsten

Anwendungen. Produzenten

und Händler gleichermaßen befinden

sich dabei in einem kontinuierlichen Wandel,

indem sie sich flexibel an die hohen Anforderungen und

strikten Vorgaben weltweit essenzieller Wirtschaftszweige anpassen.

Wie es der Branche gelingt, die Zukunftsfähigkeit letzterer

zu sichern, lesen Sie auf den folgenden Seiten in unserer aktuellen

Titelstrecke.

Quelle: studiovin/shutterstock.com

stahlundeisen.de März 2021 15


TITELTHEMA: PRODUKTE UND WERKSTOFFE

Überblick

Nicht nur für die Karosserie im

Automobilbau ist Stahl ein beliebter

Werkstoff. An Bedeutung gewinnt das

Material auch bei neuen Antriebskonzepten

in der Elektromobilität.

Ein Multitalent im Einsatz

Die vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten des Werkstoffs im Überblick

AUTOR: Niklas Reiprich

niklas.reiprich@stahlundeisen.de

DARUM GEHT‘S: Die innovative Welt des

Stahls eröffnet unterschiedlichen Branchen

neue Möglichkeiten für kostengünstigere,

leistungsfähigere oder extremere

Konzepte. In welchen wichtigen

Bereichen der Werkstoff derzeit eingesetzt

wird und wie er dort seine sowohl

wirtschaftlich als auch ökologisch hohe

Bedeutung entfaltet, zeigt dieser Beitrag.

Das Anwendungsspektrum von Stahl

ist bekanntlich breit gefächert. So

hat der Werkstoff etwa eine wahrlich

„tragende“ Rolle in der Bauindustrie

inne und ist zudem in der – vor allem hierzulande

wichtigen – Automobilbranche

kaum wegzudenken. Vielfältig zum Einsatz

kommt er darüber hinaus in all jenen

Bereichen, die unter extremen Bedingungen

funktionieren müssen – in fundamentaler

Weise beispielsweise in Offshore-

Windparks, die unabdingbar für die Wende

hin zu erneuerbaren Energien unabdingbar

sind. Das macht deutlich: Die Verwendung

des Stahls ist in erster Linie von seinen

jeweiligen Eigenschaften abhängig.

Zunehmend flexible Baulösungen

gefragt

Im Bauwesen zum Beispiel positioniert

sich Stahl in seiner Anwendung seit jeher

an der Spitze. In Deutschland betrug der

Anteil der Branche am bundesweiten Stahlbedarf

zuletzt rund 35 Prozent, wie die

Wirtschaftsvereinigung (WV) Stahl in ihren

aktuellen „Fakten zur Stahlindustrie“

veröffentlichte. Die praktische Welt des

Bauens verändert sich dabei nahezu kontinuierlich:

„Bei Infrastrukturprojekten

wie Brücken, Bahnhöfen und Parkhäusern,

im modernen Gewerbe-, Geschoss- und

Verwaltungsbau sowie bei Sportstätten

sind zunehmend flexible Baulösungen mit

leichten, weitspannenden Tragwerken und

energieeffizienten Fassadensystemen gefragt“,

erklärt Hans Allkämper, zuständig

für die Anwendungstechnik in der WV

Stahl. All diese Eigenschaften, fügt Allkämper

hinzu, vereine der Werkstoff Stahl.

Neben der reinen Funktion einer ansprechenden

Gestaltung und zahlreichen ökonomischen

Aspekten müssen Bauwerke

darüber hinaus die Anforderungen an das

nachhaltige Bauen erfüllen. Gelungen ist

diese Synthese wichtiger Eigenschaften

etwa beim neuen Produktions- und Verwaltungsgebäude

der „Königlichen Niederländischen

Münze“, das vor kurzem vom

belgischen Branchenverband Infosteel mit

dem Stahlbaupreis ausgezeichnet wurde.

Bei dem Bauprojekt galt die Sicherheit

als sehr wichtiger Teil der Umsetzung, da

in dem Gebäude wertvolle Münzen und

Medaillen hergestellt werden. So handelt

es sich bei der Architektur im Wesentlichen

um einen Betonsafe. Ummantelt ist

dieser jedoch mit einer Fassade aus sogenanntem

„Granite Silky Shine-Stahl“, für

dessen Produktion die Architekten den

Stahlhersteller ArcelorMittal auswählten.

Sie besteht aus Isis 55-120/7-Profilblechen,

die von der Specials-Abteilung von Arcelor-

Mittal Construction im niederländischen

Tiel gefertigt wurden. Das Unternehmen

habe das Produkt mit einem Finish von 80

Glanzeinheiten (gloss units, GU) geliefert,

so Levi Kleinjan, Projektberater von ArcelorMittal

Construction Niederlande. „Normalerweise

wird organisch beschichteter

Stahl mit einer Beschichtung zwischen 30

und 40 GU hergestellt, also ist das außergewöhnlich.“

Für das majestätische Gold,

in dem die Fassade erscheint, haben die

Projektpartner ebenfalls eine spezielle Lösung

gefunden. „Wir wussten, dass es besonders

wichtig war, die richtige Farbe zu

finden“, sagt der zuständige Architekt, W.

Allen Zimmerman, der weiter betont: „Deshalb

haben wir ArcelorMittal um ein Hochglanzfinish

gebeten, um das Spiel von Licht

und Schatten auf dem Gebäude und die

Reflexionen im Wasser zu maximieren.“

Weil die dreieckigen Bleche jeweils in einem

anderen Winkel zu ihren Nachbarprofilen

stehen, erscheint die Fassade zudem

in einem spektakulären 3D-Effekt.

Umweltfreundliche Fassade aus

Hochglanz-Stahl

Die glänzende Fassade ist mit einer Unterkonstruktion

aus Magnelis-beschichtetem

Stahl von ArcelorMittal Europe – Flat Products

am Betongebäude befestigt. Nach

Angaben des Unternehmens verfügt der

Quelle: Jenson/Shutterstock

16 März 2021 stahlundeisen.de


Quelle: SWAD Video

Exkurs: Aufbau einer Brennstoffzelle

Werkstoff über eine sehr dichte Oberfläche,

die das darunter liegende Stahlsubstrat

vor Korrosion schützt, auch an Schnittkanten.

Die Metallbeschichtung könne

herkömmliche nachverzinkte Beschichtungen

ersetzen, die für Fassadenelemente

wie Konsolen verwendet würden. Außerdem

weise Stahl eine geringere Wärmeleitfähigkeit

als beispielsweise Aluminium

auf. Magnelis enthalte auch weniger Zink

als herkömmliche verzinkte Lösungen, was

den Zinkabfluss in den Boden reduziere.

Neben solch ökologischen Aspekten der

Gebäudekonstruktion ist auch der Bezug

zu den Menschen wichtig, macht Zimmerman

deutlich: „Um eine nachhaltige Welt

zu schaffen, müssen wir sicherstellen, dass

Produktions- und Logistikeinrichtungen in

der Nähe des Wohnortes der Menschen

liegen. Dafür müssen wir Gebäude so bauen,

dass Störungen für die Bewohner auf

ein Minimum reduziert und die Nachhaltigkeit

in ihrem Leben verbessert werden.“

Durch die Verwendung einer Stahlfassade

habe der Arbeitsaufwand vor Ort minimiert

werden können. „Mit der Granite

Silky Shine-Fassade konnte fast alles außerhalb

der Baustelle vorgefertigt werden. Es

war sauberer und leiser, und reduzierte die

Störfaktoren für die Bevölkerung vor Ort“,

so Zimmerman. „Diese Umweltaspekte

sind sehr wichtig und werden in der Zusammenarbeit

zwischen Architekten und

Stahllieferanten oft übersehen.“ Schließlich

könne durch den Einsatz einer Stahlfassade

ein zweites Leben für das Gebäude

ins Auge gefasst werden. So könne diese

Zimmerman zufolge leicht geändert und

vollständig recycelt werden. „Stahl bietet

Einzigartigkeit, ohne die Universalität des

Gebäudes zu beeinträchtigen.“

Automobilindustrie: Trend zur

Neo-Ökologie

Ein Brennstoffzellen-Element besteht aus zwei Kammern, die durch eine feine Membran

getrennt sind. Der linken Kammer wird Wasserstoff (H2) zugeführt, der rechten

Sauerstoff (O 2 ). Der Wasserstoff wird auf der Anodenseite (in der Abb. Links) unter

Entwicklung eines Katalysators in zwei Protonen (+ geladen) und in zwei Elektronen

(- geladen) aufgespalten). Der Clou: Die Protonen (H+-Ionen) können über Poren der

Membran auf die rechte Kathodenseite wandern. Gleichzeitig bildet die Membran

einen elektrischen Isolator für die Elektronen, die deshalb nicht passieren können. Sie

müssen einen Umweg nehmen: Aufgrund des Potenzialunterschiedes – der durch die

Protonenwanderung von der linken zur rechten Seite entsteht – fließen sie über einen

äußeren Stromkreis ebenfalls zur Kathode auf der rechten Seite. An der Kathode wird

der zugeführte Sauerstoff durch die Aufnahme von Elektronen reduziert und bildet

mit den H+-Ionen Wasser (H 2 O). In der Folge wird Energie freigesetzt, die als elektrische

Energie genutzt werden kann – zum Beispiel für den Antrieb eines Elektromotors.

Werden viele dieser Brennstoffzellen zusammengefasst, entsteht ein Zellstapel,

der sogenannte „Stack“. In Automobilen werden Stacks mit etwa 400 solcher Zellen

eingesetzt.

Veranschaulichung des Brennstoffzellenelements

Quelle: Waelzholz

Das Gebäude der „Königlichen Niederländischen

Münze“ begeistert mit einer

facettenreichen Fassade aus profilierten

und vorlackierten Stahlblechen von ArcelorMittal

– und erhielt dafür jüngst den

Stahlbaupreis von Infosteel.

Nicht nur beim nachhaltigen Bauen, auch

für eine nachhaltige Mobilität spielt Stahl

eine zentrale Rolle. Denn: Zukünftig sollen

Fahrzeuge leicht, sicher, umweltverträglicher

und zu alldem bezahlbar sein. Die

Zulieferer der Automobilindustrie erkennen

derzeit eine industrielle Neuausrichtung

hin zur sogenannten „Neo-Ökologie“,

wie Frank Heidelberger, Marketingleiter

bei Salzgitter Flachstahl, im Interview feststellte.

Definitorisch äußert sich dieser in

der flächendeckenden Neuausrichtung der

gesellschaftlichen Werte hinsichtlich

Nachhaltigkeit und Effizienz, die sich Heidelberger

zufolge insbesondere in der Entwicklung

von neuen Antriebskonzepten

der Elektromobilität widerspiegelt. „Diese

beginnen bei Hybridfahrzeugen und führen

über rein batteriegetriebene Fahrzeuge

bis hin zur wasserstoffbasierten Energieversorgung

mittels Brennstoffzelle“, so

Heidelberger. Dass letztere als Alternative

zur Batterietechnik in elektrifizierten

Fahrzeugen nun an Bedeutung gewinnt,

hat auch das Unternehmen Waelzholz erkannt.

Das Bandstahl-Spezialist ist der Auffassung,

bei Brennstoffzellen für die Elektromobilität

komme es auf eine hohe Effizienz

an, verbunden mit einer kompakten

Bauweise.

Zentraler Werkstoff für

elektrische Antriebe

Für diese Nutzung liefert Waelzholz nach

eigenen Angaben hochwertige Präzisionsbandstähle

an Pioniere der mobilen Brennstoffzellenanwendungen.

„Mit unseren

Werkstoffen für Bipolarplatten von Brennstoffzellen

mobiler Anwendungen bewegen

wir uns im Spannungsfeld von Effizienz,

Dicke, Stabilität und Umformbarkeit“,

skizziert Jan Ullosat, Werkstoffingenieur

bei Waelzholz, die Anforderungen an die

Stähle für diesen Einsatzbereich. Sogenannte

Stacks – die Zellstapel der Brennstoffzellen

– verfügen in Automobilen über

etwa 400 Zellen, um die nötige Leistung zu

erbringen. Die Zellen werden mit Bipolarplatten

voneinander getrennt, sodass jede

Zelle auf der linken und rechten Seite über

je eine Bipolarplatte samt zweier Bleche

stahlundeisen.de März 2021 17


POLITIK

MÄRKTE

Klima

Klimaneutralität 2050 – Empfehlungen

der Industrie an die Politik

Thinktanks erstellen Unternehmen wie Salzgitter und thyssenkrupp Steel Europe ein

Impulspapier mit zwölf konkreten Anregungen

AUTOR: Torsten Paßmann

torsten.passmann@stahlundeisen.de

DARUM GEHT’S: In einem mehrmonatigen

Dialog mit Industrieunternehmen

Ende 2020 haben Agora Energiewende,

die Stiftung 2° und Roland Berger ein

Impulspapier erarbeitet. Sie wollen damit

den rechtlichen und politischen

Rahmen aufzeigen, der es der Industrie

ermöglicht, bis spätestens 2050 klimaneutral

zu werden – und gleichzeitig im

internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Neben Stahlerzeugern und anderen

milliardenschweren Konzernen war

auch das führende Elektrolyse-Unternehmen

Sunfire beteiligt.

Für die Industrie ist der Weg zur Klimaneutralität

kein Selbstläufer,

sondern ein gewaltiges Transformationsprojekt.

Um im Wettlauf um internationale

Technologieführerschaft vorne

mitspielen zu können, braucht es schnellstmöglich

verlässliche Rahmenbedingungen,

die richtungssichere Investitionen ermöglichen.

Das sind zwei grundlegende Aussagen

im 68 Seiten umfassenden Impulspapier

„Klimaneutralität 2050: Was die

Industrie jetzt von der Politik braucht“, das

federführend von dem Thinktank Agora

Energiewende erstellt und Ende Februar

vorgestellt wurde. Um dieses Transformationsprojekt

erfolgreich abzuschließen,

bedürfe es daher einen Mix von zwölf Instrumenten

entlang der industriellen Wertschöpfungskette,

heißt es weiter. Damit

soll sicherstellt werden, dass die Transformation

hin zu Klimaneutralität auf verschiedenen

Ebenen Anreize erfährt und

gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der

Industrie in der Breite gewährleistet wird.

Fünf Empfehlungen für Energie

und Rohstoffe...

Für den Bereich „Energie, Rohstoffe & Infrastruktur“

(upstream) kommt das Impulspapier

zu fünf Handlungsempfehlungen:

Ausbau Erneuerbare Energien, wettbewerbsfähige

Stromkosten, Aufbau einer

H 2 -Wirtschaft, zirkuläre Wirtschaft sowie

CCU und CCS (Carbon Capture Usage bzw.

Carbon Capture Storage). Um auf dem Weg

zum komplett klimaneutralen Strom 2050

ein gutes Stück voranzukommen, müssten

die Ausschreibungsmengen im EEG erhöht

werden und bis 2030 mindestens 140 GW

zusätzliche Leistung an Wind und Solar

neu installiert werden. Auch braucht es

den Ausbau und die Modernisierung von

mehr als 7 500 Kilometern Übertragungsnetz

und von mehr als 130 000 Kilometern

Verteilernetz.

Um Wohlstand und Arbeitsplätze am

Industrie- und Exportstandort Deutschland

auf dem Weg in die Klimaneutralität nicht

zu gefährden, braucht die deutsche Industrie

auch langfristig international wettbewerbsfähige

Stromkosten. Langfristig notwendig

wäre daher eine grundlegende

Reform des Systems der Steuern, Abgaben

und Umlagen auf Energie, die sich an der

CO 2 -Intensität der Energieträger orientiert.

Als zentraler Bestandteil davon sollte die

EEG-Umlage abgeschafft und anderweitig

finanziert werden.

...sowie Infrastruktur

Säulen der technologischen

Industrietransformation hin zu

Klimaneutralität

Der Aufbau der „grünen“ Wasserstoffwirtschaft

muss national wie international

vorangetrieben werden, da der kosteneffizienteste

Aufbau der Infrastruktur an bestimmte

Standorte wie die Nordsee, in Südeuropa

und Nordafrika gebunden ist. Bis

dedizierte Wasserstoffleitungen gebaut

und die Gasnetze umgerüstet sind, soll

auch „blauer“ und „türkiser“ Wasserstoff

zur Beschleunigung des Markthochlaufs

beitragen.

Um die zirkuläre Wirtschaft zu stärken

bzw. deren Ausbau zu beschleunigen, sollen

etwa fiskalische Anreize und regulatorische

Vorgaben das „Downcycling“ von

Produkten verhindern und das Recycling

für gleichwertige Anwendungsfälle unterstützen.

Durch sektorenübergreifende Initiativen

und internationale Plattformen

gelte es, den Austausch von Akteuren zu

stärken.

Für nicht vermeidbare Emissionen aus

Industrieabgasen gilt es, diese in klima-

Nationale wie internationale Anstrengungen stehen gleichberechtigt

nebeneinander

Quelle: Agora Energiewende, Stiftung 2°, Roland Berger

34 März 2021 stahlundeisen.de


neutralen, insbesondere langlebigen, Produkten

weiter zu nutzen (CCU) oder zu

speichern (CCS). Um die Akzeptanz der

Bevölkerung für den Einsatz von CCU/CCS

zu gewährleisten, brauche es die „Wiederbelebung

einer breit angelegten öffentlichen

Debatte“, zudem sollte für die

Entwicklung einer nationalen und

europäischen CO 2 -Infrastruktur ein Netzentwicklungsplan

(NEP) erstellt werden.

Zwei Empfehlungen für die

Produktion...

Im Bereich „Produktion“ (midstream) wird

angeregt, die breite Anwendung von

Schlüsseltechnologien durch „Carbon Contracts

for Difference“ (CfD) vorantreiben,

also durch einen Mehrkostenausgleich.

Damit sollen Vermeidungskosten (insbesondere

OPEX) für die Industrie planbar

und langfristig ausgeglichen werden. Bei

Produktionsverfahren mit hohem CO 2 - Einsparpotenzial

bei gleichzeitig hohen CO 2 -

Vermeidungskosten denken die Studienautoren

insbesondere an die Eisendirektreduktion

in der Stahlindustrie.

Bei der Förderung von Forschung und

Innovation sowie von Effizienztechnologien

wird angeregt, einerseits noch ausstehende

Grundlagenforschung anzuschieben,

um die Entwicklung weiterer vielversprechender

Verfahren zu fördern, und

andererseits die Innovation für bereits

existierende spezifische Technologiekonzepte

und effiziente Querschnittstechnologien

zu beschleunigen. So soll es in frühen

Stadien der Technologieentwicklung

Innovationszuschüsse geben und ab dem

Demonstrationsstadium könnten Förderungen

schrittweise durch andere Instrumente

wie Sonderabschreibungen ersetzt

werden.

...und eine für den Absatz

Als achter Aspekt wird explizit für den

Absatz (downstream) angeregt, die Nachfrage

nach klimaneutralen Technologien/

Produkten durch Anreize und Vorgaben zu

fördern. Ein Punkt ist dabei die Einführung

von EU-weiten grünen Produktlabels, welche

die CO 2 -Intensität der verwendeten

Materialien berücksichtigen. Ein anderer

Baustein: Durch staatliche Anreize, zum

Beispiel Prämien, sollte für ausgewählte

klimaneutrale Endprodukte die Verwendung

von klimaneutralen Materialien angeregt

werden. Mittelfristig könnte durch

eine Abgabe auf Endprodukte auf Basis des

CO 2 -Gehalts der Materialien der Kostennachteil

von CO 2 -armen Produkten ausgeglichen

und so Kaufanreize geschaffen

werden.

12 Handlungsempfehlungen für

die Politik

Der Instrumentenmix, um Klimaneutralität 2050 zu erreichen, deckt

die gesamte industrielle Wertschöpfungskette ab

Vier übergreifende Anregungen

Zu den acht Handlungsempfehlungen für

einzelne Phasen werden in dem Impulspapier

vier Punkte genannt, die übergreifend

für alle Bereiche der Wertschöpfungskette

gelten: die Weiterentwicklung der

CO 2 -Bepreisung und Sicherstellung von

Carbon-Leakage-Schutz, die Herstellung

gleicher Wettbewerbsbedingungen (alias

„Level Playing Field“) für kleine und mittlere

Unternehmen, die Erschließung von

Exportmärkten durch frühe Entwicklung

und Vermarktung von Schlüsseltechnologien

sowie die Etablierung der Klimaneutralität

im Zentrum des Regierungshandelns

und die Modernisierung ressortübergreifender

Steuerung.

Hintergrund und Download

Fazit und Ausblick

„Im Austausch mit den Unternehmen sei

den Studienautoren „einmal mehr klar

geworden“, Patrick Graichen, Direktor von

Agora Energiewende, dass die Industrie

„händeringend auf verlässliche Rahmenbedingungen“

warte, um in klimaneutrale

Technologien investieren zu können. Aktuell

stünden die Unternehmen „zwischen

Baum und Borke“, denn alte fossile Technologien

seien „kommende Investitionsruinen“

und für „neue innovative Technologien

fehlt das Geschäftsmodell“, ergänzt

er. Aufgabe der Politik sei es daher, „Verlässlichkeit

und Planungssicherheit für die

Industrieunternehmen zu schaffen, damit

sie in klimaneutrale Technologien investieren

können“, sagt Sabine Nallinger, Vorstand

der Stiftung 2°. Entsprechend formulieren

die Autoren in ihrem Impulspapier

auch, dass die Weichen für Klimaneutralität

„schnellstmöglich“ gestellt werden sollten

– und zwar mit ersten Maßnahmen

noch in dieser Legislaturperiode. Als Beispiel

nennen sie eine weitere Novelle des

Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Gleich zu

Beginn der nächsten Legislaturperiode solle

ein „Klimaschutz-Sofortprogramm“ die

Transformation hin zu Klimaneutralität

deutlich beschleunigen.

Die Agora-Studie „Klimaneutrales Deutschland“ (2020) wurde als Wachstums-Szenario

angelegt – u.a. mit einem jährlichen BIP-Wachstum von +1,3%, dem Erhalt der

Industriestruktur und einer Investitionsoffensive. Der Input aus der

Industrie wurde im Rahmen von vier Workshops im Zeitraum September

bis Dezember 2020 eingeholt. Beteiligt haben sich neben

der Salzgitter AG und thyssenkrupp Steel Europe u.a. BASF, Bayer,

HeidelbergCement, Siemens Energy, Sunfire und Wacker Chemie.

Die Studie (68 Seiten, PDF) lässt sich über den QR-Code oder

stahleisen.de/agora herunterladen.

Quelle: Agora Energiewende, Stiftung 2°, Roland Berger

stahlundeisen.de März 2021 35


POLITIK

MÄRKTE

Länder

Anlagen

Stahlstandort der Compañia

Siderúrgica Huachipato (CSH)

in Chile

8

5


BAHRAIN

SULB und SMS digital

wollen Energieeffizienz in

Bahrain-Werk optimieren

SULB und SMS digital arbeiten

bei der Potenzialerfassung für

Energieeinsparungen im integrierten

SULB-Stahlwerk in

Bahrain eng zusammen. Neben

SMS group sind dessen in

Brasilien ansässige Firma Vetta

und Midrex Technologies

mit Sitz in North Carolina,

USA, Partner des Projekts.

2020 initiierte SULB das Energieaudit-Projekt

mit der Unterstützung

von Tamkeen, einer

Behörde, die Industrie

und Unternehmen in Bahrain

unterstützt. Ziel des Projekts

ist die Verbesserung der Energieeffizienz

durch eine Steigerung

der betrieblichen Effizienz

der Anlage und die vollständige

Nutzung der

Sekundärenergie und Restwärme.

Die langfristige Strategie

zur Reduzierung der THG-

Emission wird ebenfalls erläutert.

Um diese Ziele zu

erreichen und sich erfolgreich

am globalen Markt zu positionieren,

hat SULB ein Beratungsprojekt

mit den oben genannten

SMS-Unternehmen

abgeschlossen. SULB betreibt

ein integriertes Stahlwerk in

Hidd, Bahrain. Dieser Stahlkomplex

deckt die gesamte

Produktionskette ab, von der

Direktreduktion bis hin zu

fertig gewalzten Produkten.

Ein wesentlicher Bestandteil

der Anlage ist die flexible

Kombi-Gießanlage, die für die

Herstellung einer Vielzahl von

Gießformen und -größen ausgelegt

ist, von Rohlingen bis

zu schweren Vorprofilen.

2011 lieferte SMS die komplette

Ausrüstung für das Stahlwerk

schlüsselfertig als Minimill

mit einer Jahreskapazität

von 850.000 Tonnen Stahl.

2012 wurde eine MIDREX-Direktreduktionsanlage

mit einer

Kapazität von 1,5 Mio. t in

den Komplex aufgenommen.

2

CHILE

Paul Wurth will chilenisches

Bergbau- und

Stahlunternehmen

dekarbonisieren

Die Unternehmen Compañia

Siderúrgica Huachipato (CSH)

und Paul Wurth Italia wollen

gemeinsam das chilenische

Bergbau- und Stahlunternehmen

CAP in eine CO 2 -arme Prozessroute

überführen. Vor kurzem

vereinbarten die Partner,

eine Machbarkeitsstudie für

eine technologische Roadmap

zu erstellen. Der Fahrplan sieht

unter anderem Maßnahmen

vor, die bereits kurzfristig zu

einer Verringerung des CO 2 -

Fußabdrucks der von CSH betriebenen

Werke führen sollen.

Hierzu gehören den beteiligten

Unternehmen zufolge der Einsatz

erneuerbarer Energien

und die Nutzung von Wasserstoff

in Kombination mit hocheffizienten

Technologien. Der

Transformationsprozess, so

heißt es in einem gemeinsamen

Statement, werde bei CSH

zu einem wachsenden Angebot

an grünen Stahlprodukten führen.

Thomas Hansmann, CTO

und COO bei Paul Wurth, erklärt:

„In Chile sehen wir optimale

Voraussetzungen für einen

wachsenden Einsatz von

erneuerbaren Energien und

Wasserstoff sowohl im Bergbau

als auch in der Stahlherstellung.

Ich bin überzeugt,

dass wir mit dem gebündelten

technologischen Know-how

und den betrieblichen Erfahrungen

beider Unternehmen

hocheffiziente Lösungen für

eine CO 2 -neutrale Herstellungsroute

entwickeln werden.”

3

CHINA

SMS group liefert erste

eigene Schmiedelinie

nach China

Anhui Anhuang Machinery

mit Sitz in Anqing, in der chinesischen

Provinz Anhui, hat

die SMS group mit der Lieferung

einer vollautomatischen

Gesenkschmiedelinie für Kolben

beauftragt. Damit werde

der Anhui Anhuang einer der

ersten Automobilzulieferer auf

dem Gebiet der Massivumformung

in China sein, der Kolben

für Pkw und Lkw vollautomatisiert

fertigen könne, so die

SMS group. Für letztere ist der

Auftrag nach eigenen Angaben

„die erste Referenz einer Gesenkschmiedelinie

für Kolben

im Reich der Mitte“. Die zu liefernde

2.500-t-Schmiedelinie

besteht aus einer vollautomatischen

Exzenter-Gesenkschmiedepresse

der Bauart MP 2500

sowie einer Induktionserwärmung

Elo-Forge L von SMS

Elotherm zur Erwärmung der

Schmiederohlinge. „In China

wächst die Nachfrage nach Automotive-Teilen

ungebremst.

Mit der Investition in die komplette

Schmiedelinie von der

SMS group können wir flexibel

auf gestiegene Marktanforderungen

reagieren und gleichzeitig

unseren Kunden eine

hohe Qualität sichern“, sagt Leming

Huang, President bei Anhui

Anhuang Machinery.

Vollautomatische Schmiedelinie der SMS group mit

Hubbalkenautomatik, Gesenksprühanlage und einem

Werkzeughalter sowie Induktionserwärmung

2

Quelle: SMS group; Paul Wurth/SMS group; Andritz

40 März 2021 stahlundeisen.de


7


4

6

3

9

Jiangsu Lihuai Iron &

Steel vertraut auf Kocks

3-Walzen Technologie

Jiangsu Lihuai Iron & Steel

(Huaigang Special Steel, HSS)

hat dem Unternehmen Friedrich

Kocks in Hilden einen

Auftrag zur Lieferung eines

4-gerüstigen RSB 500++ erteilt.

Die neue Anlage kommt

als Fertigblock hinter der

6-HV-gerüstigen Zwischenstraße

zum Einsatz und soll Stäbe

in einem Abmessungsbereich

von 70 bis 160 mm Durchmesser

produzieren. Kocks zufolge

handelt es sich bereits um

den dritten Block dieser Art,

der bei HSS in Betrieb gehen

wird. Das biete dem chinesischen

Stahlhersteller fortan

die Möglichkeit, hochqualitativen

Stabstahl in den verschiedensten

Losgrößen zu

produzieren.

Xinxing Ductile Pipe implementiert

Stampftechnik

von Paul Wurth

Im Rahmen eines Kooperationsvertrages

über Stampftechnik

mit der Shandong

Province Metallurgical Engineering

(SDM) soll Paul

Wurth Ingenieurleistungen

für den Bau von zwei neuen

Koksofenbatterien mit

Stampftechnik bei Xinxing

Ductile Pipe erbringen. Die

Batterien umfassen jeweils 69

Öfen mit einer Ofenhöhe von

6,73 m und sind für eine

Bruttoproduktion von 1 940

Mio. t Koks pro Jahr ausgelegt.

Das Projekt ist Teil des

Umweltprogramms der chinesischen

Regierung zur Reduzierung

der von Kokereien

verursachten Emissionen. Die

Umweltleistung der Batterien

soll durch die Installation des

Sopreco-Systems von Paul

Wurth zur individuellen

Ofendruck-Regelung und Reduzierung

flüchtiger Emissionen

verbessert werden. Die

Inbetriebnahme der Anlage

erwarten die Partner für das

dritte Quartal 2021.

INDIEN

Modell der Paul Wurth-Kohle-Stampftechnik

4

Walz-, Glüh- und Beizlinie von

Andritz

Andritz liefert neue

Walz-, Glüh- und Beizlinie

für Jindal Stainless

Der Technologiekonzern Andritz

erhielt von Jindal Stainless,

Indien, den Auftrag zur

Lieferung einer neuen Walz-,

Glüh- und Beizlinie (DRAP-L).

Die neue Linie verfügt über

eine Jahreskapazität von rund

700 000 Tonnen kaltgewalzten

Edelstahls der Serien 200, 300

und 400. Die Inbetriebnahme

der Linie ist für Ende 2022 geplant.

Der Liefer- und -Leistungsumfang

von Andritz

umfasst die mechanische Ausrüstung,

drei Inline-S6-High-

Walzwerke, den Ofen- und

Beizteil, ein Dressiergerüst sowie

die Automatisierung des

kompletten Prozessteils.

Durch die neue Konfiguration

soll die Linie die Kapazität erhöhen

und die Qualität verbessern.

5

ITALIEN

Duferco Steel fokussiert

neue Maßstäbe bei Herstellung

von Stahlträgern

Duferco Steel mit Sitz in Brescia,

Italien, hat die SMS

group mit der Lieferung eines

neuen Mittelstahlwalzwerks

beauftragt. Mithilfe der neuen

Anlage will der Duferco-Konzern

künftig in der Lage sein,

jährlich 1,5 Millionen Tonnen

Langprodukte zu produzieren.

„Ziel ist es, neue Standards im

Kundenservice zu setzen sowie

die gesamte Prozesseffizienz

zu maximieren und zum

Best-Cost-Producer in Europa

zu werden“, erklärt Antonio

Gozzi, President der Duferco

Italia Holding. „Unser Ziel ist

es, eine nachhaltigere Produktion

zu schaffen, die die

höchsten Standards hinsichtlich

Umweltverträglichkeit

und Sicherheit erfüllt." Die gesamte

Energieversorgung des

neuen Werks soll mit erneuerbaren

Energien abgedeckt

werden. Zu diesem Zweck

habe Duferco ein sogenanntes

„Power Purchase Agreement“

(PPA) unterzeichnet, so die

SMS group. Letztere wolle zudem

ihre Lösung „Data Factory“

implementeieren, die die

Grundlage für die Digitalisierung

des gesamten Produktionsprozesses

bilde.

NLMK Verona bestellt

70-t-VOD-Anlage bei

Tenova

Das Unternehmen NLMK Verona

hat Tenova einen Auftrag

für die schlüsselfertige

Lieferung einer 70-t-Vakuum-

Entgasungsanlage (VOD) mit

Level-1- und Level-2-Automatisierung,

einer Entschlackungsmaschine

und Zusatzeinrichtungen

erteilt. Sie soll

die bestehende Produktionslinie

erweitern, zu welcher derzeit

ein Elektrolichtbogenofen,

zwei Pfannenöfen, eine

Vakuumentgasungsanlage,

eine Stranggussanlage und

eine Blockgussanlage gehören.

Tenova zufolge soll das

neue Aggregat nun die Gesamtproduktion

von vakuumbehandeltem

Stahl und die

Produktpalette von VOD-behandeltem

Stahl erhöhen.

„Die steigende Nachfrage

nach qualitativ hochwertigem

Stahl macht die Vakuumbehandlung

zu einem wesentlichen

Schritt im sekundärmetallurgischen

Prozess“, erklärt

Tenova dazu. Nach dessen Angaben

zeichnen sich die Vakuum-Entgasungsanlagen

des

Unternehmens „durch eine effektive

Entfernung von Wasserstoff,

Sauerstoff und/oder

Kohlenstoff“ aus.

6

RUSSLAND

Neues HBI-Projekt im

russischen Zheleznogorsk

Das Unternehmen Mikhailovsky

HBI, das gemeinsam von

USM und Mikhailovsky GOK

(Metalloinvest) gegründet

stahlundeisen.de März 2021 41


POLITIK

MÄRKTE

Rohstahlherstellung

Rohstahlerzeugung nach Regionen

Januar 2021

Millionen Tonnen

% Veränderung

Januar 21/20

Afrika 1,2 -7,9

Asien und Ozeanien 119,0 6,3

GUS 9,2 4,5

EU (27) 12,2 -0,4

Europa außer EU 4,4 11,2

Mittlerer Osten 3,6 1,5

Nordamerika 9,6 -7,0

Südamerika 3,8 11,4

Total 64 countries 162,9 4,8

Top Ten der stahlproduzierenden Länder

Januar 2021

Millionen Tonnen

% Veränderung

Januar 21/20

China 90,2 e 6,8

Indien 10,0 7,6

Japan 7,9 -3,9

USA 6,9 -9,9

Russland 6,7 e 6,5

Südkorea 6,0 4,9

Türkei 3,4 12,7

Deutschland 3,3 6,0

Brasilien 3,0 10,8

Iran 2,7 e 10,2

Die 64 in der Tabelle zusammengefassten

Länder machten 2019 etwa 99 Prozent der

gesamten weltweiten Rohstahlproduktion

aus. Regionen und Länder, die unter die

Tabelle fallen:

• Afrika: Ägypten, Libyen, Südafrika

• Asien und Ozeanien: Australien, China,

Indien, Japan, Neuseeland, Pakistan,

Südkorea, Taiwan (China), Vietnam

• GUS: Weißrussland, Kasachstan, Moldawien,

Russland, Ukraine, Usbekistan

• Europäische Union (27)

• Europa, Sonstiges: Bosnien-Herzegowina,

Mazedonien, Norwegen, Serbien, Türkei,

Vereinigtes Königreich

• Naher Osten: Iran, Katar, Saudi-Arabien,

Vereinigte Arabische Emirate

• Nordamerika: Kanada, Kuba, El Salvador,

Guatemala, Mexiko, USA

• Südamerika: Argentinien, Brasilien, Chile,

Kolumbien, Ecuador, Paraguay, Peru,

Uruguay, Venezuela

e - geschätzt. Die Rangliste der Top-10-Erzeugerländer basiert auf dem Gesamtwert seit Jahresbeginn.

Ab sofort erhältlich:

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Eisen- und Stahlwerke

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44 März 2021 stahlundeisen.de


WISSENSCHAFT

TECHNIK

Dekarbonisierung

SCHLÜSSEL-

WEGE ZUR

CO 2 -SENKUNG

Dieser Beitrag skizziert die relevanten Wege, um CO 2 -Emissionen in der Eisen- und

Stahlindustrie in Europa zu mindern.

Quelle: Dr. Hans Bodo Lüngen

stahlundeisen.de März 2021 45


WISSENSCHAFT

TECHNIK

Dekarbonisierung

AUTOR: Dr.-Ing. Hans Bodo Lüngen,

Geschäftsführendes Vorstandsmitglied,

Stahlinstitut VDEh

www.vdeh.de

DARUM GEHT’S: Die „Schlüsselwege“

zur CO 2 -Minderung der Stahlindustrie

können unter den beiden Begriffen

„Smart Carbon Usage“ (SCU) und „Carbon

Direct Avoidance“ (CDA) zusammengefasst

werden. SCU beinhaltet

u.a. auf Basis von Kohlenstoffträgern

zur Eisenerzreduktion neben inkrementellen

Maßnahmen bei der konventionellen

Hochofen-Konverter-

Route auch die CO 2 -Minderung durch

Anwendung von sogenannten „endof-pipe“

Technologien wie CCS (CO 2

Capture and Storage) und CCU (Carbon

Capture and Usage). Zu CDA zählen

die auf Schrott basierende Elektroofenroute

und die auf Eisenerz basierende

Stahlerzeugungsroute

Direktreduktion-Elektroofen unter

Verwendung von Erdgas und/oder

Wasserstoff als Reduktionsmittel,

also die vollständige Vermeidung des

Einsatzes von Kohle oder Koks zur Reduktion

der Eisenerze. Die Anwendung

von CCU bei der konventionellen

Hochofen-Konverter-Route, d.h.,

die Umwandlung der Prozessgase in

Chemierohstoffe, sowie die Einführung

der Direktreduktion mit Wasserstoff

und anschließendem Erschmelzen

des Eisenschwamms (DRI=Direct

Bild 1: Prozessstufen zur

Stahlherstellung in Europa [3]

Reduced Iron) im Elektrolichtbogenofen

führen zu einem Bedarf an großen

Mengen Wasserstoff und CO 2 -

freier elektrischer Energie.

Der Rat der Europäischen Union

hat schon 2011 eine Roadmap

zum Erreichen einer konkurrenzfähigen

„low-carbon economy“ in

Europa bis 2050 beschlossen. Daraus

geht hervor, dass die europäische Industrie

ihre CO 2 -Emissionen bis zum Jahr

2050 im Vergleich zu 1990 um 80 bis

95 % absolut verringern muss. Am 28.

November 2018 hat die EU-Kommission

im Lichte des UN-Klimaabkommens von

Paris eine langfristige strategische Vision

für eine klimaneutrale Wirtschaft

für 2050 veröffentlicht. Das Ziel der Klimaneutralität

bis 2050 ist mit dem Europäischen

Green Deal vom 11. Dezember

2019 bekräftigt worden und soll in

einem Europäischen Klimagesetz verankert

werden.

Eine solche weitreichende Dekarbonisierung

stellt für die gesamte Industrie

eine enorme Herausforderung dar. Die

EU-Stahlindustrie steht schon seit Jahren

an vorderster Front mit zahlreichen

R&D-Projekten bei der Entwicklung von

CO 2 Breakthrough Technologien. Eine

umweltfreundliche, innovative und konkurrenzfähige

Stahlindustrie spielt eine

entscheidende Rolle zur Erfüllung der

langfristigen Klimaziele. Gleichzeitig

muss die europäische Stahlindustrie im

weltweiten Vergleich konkurrenzfähig

sein.

Vor diesem Hintergrund hatte der

europäische Stahlverband EUROFER das

Stahlinstitut VDEh beauftragt, eine

„Steelroadmap“ aus dem Jahre 2013 [1] ,

an der seinerzeit der VDEh auch beteiligt

war, zu aktualisieren. Die Arbeiten

zu der Studie wurden von März bis Dezember

2018 durchgeführt und wesentliche

Ergebnisse bei den 4. European

Steel Technology and Application Days

im Juni 2019 in Düsseldorf vorgestellt [2] .

1. CO 2 -Emissionen der Verfahren

zur Stahlerzeugung

In Bild 1 sind die in Europa zur Stahlherstellung

angewendeten Prozessstufen

dargestellt.

Bei der Hochofen-Konverter-Route

entstehen die CO 2 -Emissionen in Höhe

von 1880 kg/t Rohstahl direkt in den Produktionsprozessen

Kokerei, Sinteranlage,

Hochofen, Konverter und den nachfolgenden

Prozessen Gießen und Umformen.

Den wesentlichen Anteil an diesen

CO 2 -Emissionen hat im Prinzip der Hochofenprozess.

Hier entsteht durch die Reduktion

der Eisenerze mit Kohlenstoff

bzw. Kohlenstoffmonoxid (CO) unvermeidbar

CO 2 . Der im Hochofen chemisch

genutzte Kohlenstoff wird dann bei der

energetischen Verwendung des kohlenstoffmonoxid-

und kohlenstoffdioxidhaltigen

Hochofengases und bei der Weiterverarbeitung

des kohlenstoffhaltigen

Roheisens als Kohlenstoffdioxid (CO 2 ) in

die Atmosphäre emittiert. Bei der Hochofen-Konverter-Route

wird im Hochofen

ein flüssiges, ca. 1500° C heißes Roheisen

erzeugt, das schon weitgehend von den

Gesteinsanteilen (Gangart) der Eisenerze

über eine Schlacke befreit wurde. Die

dabei anfallende Hochofenschlacke wird

in der Regel zu Hüttensand granuliert,

der bei der Zementherstellung als Ersatz

für Portlandklinker eingesetzt wird und

dort zu erheblichen CO 2 -Einsparungen

führt. Ein Betrieb des Hochofens ohne

Koks ist aus physikalischen Gründen

nicht möglich. Der Koks garantiert die

Aufrechterhaltung der Durchgasung

(Permeabilität) im Bereich der Erweichungs-

und Schmelzzone der Eisenerze

im Hochofen (kohäsive Zone), er ermöglicht

die Drainage im Gestell für Roheisen

und Schlacke und er bildet ein Stützgerüst

für die Möllersäule oberhalb der

kohäsiven Zone. [18]

Die Prozessgase der Kokerei, des

Hochofens und des Konverterstahlwerks

46 März 2021 stahlundeisen.de


Bild 2: Systemgrenzen zur Ermittlung

des CO 2 -Fußabdruckes der EU 28 Stahlindustrie

[2]

werden u. a. für die Erzeugung von elektrischer

Energie in nachgeschalteten

Kraftwerken verwendet, wobei auch das

in den Gasen enthaltene CO durch Verbrennung

als CO 2 emittiert wird. Diese

Route ist in der Versorgung mit elektrischer

Energie autark.

Bei der schrottbasierten Elektroofenroute

entsteht nur ein Teil der CO 2 -Emission

bei den Produktionsprozessen. Der

Großteil der CO 2 -Emissionen kommt von

der CO 2 -Last der fremd bezogenen elektrischen

Energie für die Prozesse, da die

Elektroofenroute selbst keine energetisch

verwertbaren Prozessgase erzeugt.

Die CO 2 -Emission dieser Route liegt bei

einer CO 2 -Last der elektrischen Energie

von 300 g/kWh bei 410 kg/t Rohstahl.

Wasserstoff ist bei der Eisenerzreduktion

als Vorstufe zur Stahlherstellung das

einzige alternative Reduktionsmittel

zum Kohlenstoffmonoxid. Bei der Direktreduktion

von Eisenerzen wird schon in

der betrieblichen Praxis seit Anfang der

1970er Jahre wasserstoffreiches Erdgas

als Reduktionsmittel zur Reduktion der

Eisenerze eingesetzt. Dabei wird zum

Beispiel unter Einsatz eines Schachtofens

Eisenschwamm, international als DRI

(Direct Reduced Iron) bezeichnet, erzeugt.

Dem DRI wurde zwar weitgehend

der Sauerstoff der Eisenerze entzogen,

aber es fällt im festen Zustand an und

enthält noch die Gangartbestandteile der

Eisenerze. Die Weiterverarbeitung zu

Rohstahl mit Schmelzen und Schlackenmetallurgie

erfolgt im Elektrolichtbogenofen.

Die CO 2 -Emission dieser Route

liegt bei 993 kg/t Rohstahl.

2. CO 2 -Emissionen der EU 28

Stahlindustrie in 2015 im

Vergleich zu 1990

Die spezifischen und die gesamten CO 2 -

Emissionen der EU 28 Stahlindustrie

wurden zunächst für 1990 berechnet,

um für das Bezugsjahr 1990 eine repräsentative

Größe zu erhalten. Zudem

wurden die CO 2 -Emissionen für die Jahre

2010 und 2015 berechnet, um die

schon erreichten Verminderungen der

CO 2 -Emissionen im Vergleich zu 1990 zu

ermitteln.

Die Systemgrenzen für die Berechnung

der CO 2 -Emissionen der Stahlindustrie

in Europa wurden so festgelegt,

dass die bei den Prozessen entstehenden

CO 2 -Emissionen direkt in die Bilanz eingehen

(Scope I), Bild 2. Die bei der energetischen

Nutzung der Prozessgase der

integrierten Route entstehenden CO 2 -

Emissionen sind also schon in der Bilanz

der jeweiligen Prozessstufe enthalten.

Bei der schrott- und auch der DRI- basierten

Elektroofenroute geht mit dem

Verbrauch an fremd bezogenem Strom

dessen CO 2 -Emission als indirekte Emissionen

in die Bilanz ein (Scope II).

Zum Vergleich wurden teilweise in

bestimmten Szenarien die CO 2 -Emissionen

fremd bezogener Materialien, wie

z. B. Eisenerzpellets oder fremd bezogenes

DRI, in der Bilanz berücksichtigt

(Scope III). Prozessgase der integrierten

Route werden zur Erzeugung elektrischer

Energie und von Wärme genutzt

und decken den Bedarf der Route (Annahme

der Selbstversorgung). Hierfür

werden in der Bilanz auch keine Gutschriften

berücksichtigt. Ebenso wurde

auch nicht der Aspekt der CO 2 -Minderung

durch den Einsatz granulierter

Hochofenschlacke in der Zementherstellung

als Gutschrift gewertet, um

Doppelberechnungen zu vermeiden.

Die Ergebnisse der Berechnungen

weisen den nach der Produktion gewichteten

jährlichen Durchschnitt der spezifischen

CO 2 -Emissionen bezogen auf die

Bild 3: Ergebnisse der Ermittlung der

CO 2 -Emissionen der Europäischen

Stahlindustrie in 1990, 2010 und 2015 [2]

stahlundeisen.de März 2021 47


WISSENSCHAFT

TECHNIK

Produkte

Erzeugnisse und Verfahren

für den Umgang mit Stahl

Von zuverlässiger Beleuchtung in Werkshallen, ruhigem Arbeiten auch bei lauter Produktion,

minimiertem Maschinenstillstand und sich auszahlender Anlagenmodernisierung

Klare Sicht im extremen

Umfeld

Mit einem neuen Portfolio an industriellen

Leuchten widmet sich ASD LED Lighting

dem Einsatz in extremen Produktionsumgebungen

Das Unternehmen ASD LED Lighting hat

drei neue Leuchtentypen entwickelt, die

sich hinsichtlich der hohen Temperaturanforderungen

unter anderem in

Härtereien, Gießereien, dem Anlagenbau

und der additiven Fertigung eignen

sollen. Die LED-Module TGL HT bzw.

Extrem und HPL Extrem zeichnen sich

nach Angaben des Herstellers durch ein

praxiserprobtes Thermomanagement

sowie ein robustes, 100-prozentig dichtes

Aluminiumgehäuse samt Abdeckung

aus, das vor Feuchtigkeit,

Schmutz, Öl, Chemikalien und UV-

Strahlung schützt. Der Hochleistungsstrahler

HPL Extrem etwa wird ASD zufolge

mit „längstlebigen, in Keramik

gefassten Highpower-Modulen“ betrieben,

die eine geeignete Lösung für den

Mehrschichtbetrieb in schwierigsten

Temperaturumgebungen von -40°C bis

+ 110°C darstellen. Insbesondere bei extremer

Hitze mache sich eine abgekoppelte

Netzteileinheit bezahlt, die über

ein 20 Meter langes Kabel in sicherer

Entfernung angebracht werden könne.

Der Hallenstrahler HPL

Extrem soll in Produktionsumgebunden

mit extremer

Hitze eine resistente und langlebige

Beleuchtung liefern.

Die Shopfloor Box Agile – hier im Einsatz bei Heraeus – verfügt über die Maße

106 x 106 x 238 cm (außen) sowie 90 x 90 x 204 cm (innen).

Zudem liefen die Module des HPL-Strahlers

nicht dauerhaft unter hoher Spannung,

sondern seien zu maximal 50

Prozent bestromt. Das wirke sich positiv

auf die Nutzungsdauer aus, sind sich die

Entwickler bei ASD sicher. Diese liegt

nach deren Angaben bei mindestens

100 000 Betriebsstunden, sodass sie bei

einem 24/7-Einsatz „mindestens anderthalb

Jahrzehnte normgerechtes Licht

bei hoher Effizienz“ liefern.

AS LED Lighting

www.as-led.de

Ruhe bei hoher

Lärmbelastung

Um während der lauten Metallverarbeitung

schallgeschützt arbeiten zu können,

hat Heraeus nun eine „Shopfloor Box Agile“

von Officebricks im Einsatz

Smarte vernetzte Maschinen setzen immer

mehr Prozesse automatisch um und

erfordern neben Steuerung und Überwachung

auch Datenverarbeitung und

-analyse. Wie diese neuen Aufgaben in

unmittelbarer Nähe der Produktion in

Ruhe ausgeführt werden können, demonstriert

nun der Metallverarbeiter

Heraeus aus Hanau: das Unternehmen

testet derzeit die Kabine „Shopfloor Box

Agile“ von Officebricks. Weil die CNC-

Fräsen und Drehbänke in der Produktionsstätte

sehr laut sind – der Pegel liegt

bei 80 bis 85 Dezibel – bietet diese nach

Angaben des Herstellers „einen kompletten

Schallschutz“, insbesondere um Gespräche

in normaler Lautstärke führen

zu können. „Die Mitarbeiter bei Heraeus

nutzen die Shopflor Box für die schnelle

Abstimmung mit anderen Abteilungen:

zum Telefonieren, für Skype-Konferenzen

oder um ungestört am Laptop arbeiten

zu können“, erläutert Officebricks

eine Funktion der Kabine. Dafür ständen

digitale Schnittstellen wie Steckdose,

LAN-Verbindung und USB-Anschluss bereit.

Zudem integriere der abgeschirmte

Raum eine Lüftung, die auch den leichten

Öl-Nebel in der Halle fernhalte. „Die

Quellen: ASD LED Lighting; Officebricks; Enemac; Rösler Oberflächentechnik; Steuler

58 März 2021 stahlundeisen.de


Service

DIE RUBRIK PRODUKTE basiert auf Mitteilungen von Unternehmen über Erzeugnisse und Verfahren, die für die

Herstellung und Verarbeitung von Stahl von Interesse sind. Die Redaktion übernimmt weder eine Gewähr für die sachliche

Richtigkeit noch gibt sie ein Werturteil ab. Sie möchten auch in dieser Rubrik veröffentlichen? Dann schicken Sie Ihre

Meldung unserem Redakteur Niklas Reiprich. Sie erreichen ihn via redaktion@stahlundeisen.de.

Industrie wird stetig automatisiert und

digitalisiert. Der Mensch erhält in diesem

Gefüge eine neue Rolle, die sich räumlich

in ebenso agilen Konzepten niederschlagen

muss“, resümiert Dr. Peter Smeets,

Geschäftsführer von Officebricks. Industrie

4.0 funktioniere ihm zufolge nur

dann erfolgreich, wenn sicher gearbeitet

werden könne – dabei spiele auch der

Wohlfühlfaktor eine Rolle.

Durch ihr „Y“-förmiges Wurfschaufeldesign

bieten Gamma-Turbinen

Rösler zufolge

einen Mehrwert hinsichtlich

Strahlleistung und -qualität.

Officebricks

www.officebricks.de

Auskleidungskonzepte

für die CO 2 -reduzierte

Stahlerzeugung

Mit „H 2 Change“ bietet Steuler Refractory

Linings Zustellkonzepte nach Maß für die

Direktreduktionsprozesse von morgen.

Die Eisen und Stahlindustrie befindet

sich in einem rasanten Wandel: Es geht

um nicht weniger als die Zukunftssicherung

der Industrie bei gleichzeitigem

Ausbremsen des Klimawandels. Ähnlich

wie in den frühen Jahren der Direktreduktion

gibt es aktuell eine Vielzahl an

Initiativen, Entwicklungen sowie Pilotanlagen

zur wasserstoffbasierten Direktreduktion.

Welche Prozesse sich

durchsetzen werden, ist noch offen. In

diesem Entwicklungsprozess positioniert

sich der Feuerfest-Spezialist Steuler

als Konstante, der sein Knowhow zur

Entwicklung und Beherrschung dieser

Feuerfeste Auskleidung der Gaseinlass-

Ebene eines Direktreduktions-Schachtofens

Prozesse einbringt. Das Unternehmen

bietet Sicherheit durch jahrzehntelange

Erfahrung in der Auskleidung und Weiterentwicklung

konventioneller DR-Anlagen

sowie wasserstoffbasierter Prozesse.

Der Komplettanbieter beachtet die

speziellen Anforderungen der H 2 -Atmosphäre

an die feuerfeste Auskleidung.

Speziell entwickelte SiO 2 -arme hochtonerdehaltige

Auskleidungen, abgestimmt

bis hin zur Porenstruktur, kommen hier

zum Einsatz. Ebenso wichtig ist die konzeptionelle

Auslegung der Anlage, welche

im frühen Dialog mit den Kunden

entsteht. Steuler versteht sich als Technologiepartner

der Stahlindustrie, der

mit „H 2 Change“ seine führende Position

als Hersteller innovativer Auskleidungskonzepte

für die CO 2 -reduzierte

Stahlerzeugung unterstreicht.

Steuler

www.steuler-linings.com

Nachrüsten statt Neukauf

Mit Blick auf technisch veraltete Strahlanlagen

rät Rösler Oberflächentechnik zu

seiner Modernisierungslösung „TuneUp“

Häufig stehen bestehende Strahlanlagen

vor der Problematik, aktuelle Anforderungen

nicht mehr erfüllen zu können.

Eine neue Maschine ist jedoch nicht

zwangsläufig erforderlich, meint das

Unternehmen Rösler Oberflächentechnik,

das mit seiner Marke „TuneUp“

eine herstellerunabhängige Modernisierung

anbietet. Mithilfe eines auf den

individuellen Bedarf des Betreibers

maßgeschneiderten Technik-Upgrades

sei es Rösler zufolge möglich, Kapazität,

Qualität, Verfügbarkeit und Energieeffizienz

zu erhöhen, Betriebskosten zu

senken sowie die Anlage an gesetzliche

Vorgaben anzupassen. Eine vorab durchgeführte

anlagenspezifische und verbindliche

Amortisationsberechnung, die

nach Angaben Röslers auf einer genauen

Zustandsanalyse basiert, sorge dabei

für hohe Investitionssicherheit. „Zahlreiche

Projekte der letzten Jahre zeigen,

dass der ‚Return on Investment‘ (Kennzahl

zur Messung der Rendite; Anm. d.

Red.) beispielsweise bei einem Turbinentausch

aufgrund der erzielten Kosteneinsparungen

bereits nach zwölf bis 15

Monaten erreicht wird“, betont dazu

Michael Motschenbacher, Teamleiter bei

TuneUp. Ein Kriterium dafür sei das

vielfältige Angebot an Strahlturbinen:

Letzteres reiche von Ein- und Zweischeibenturbinenrädern

bis zu Hochleistungsturbinen

in sogenannter „Gamma“-Technologie,

die sich vor allem

durch Wurfschaufeln in patentiertem

„Y“-Design mit berechnetem Krümmungswinkel

auszeichne. Darüber hinaus

könnten die Turbinenkomponenten

in unterschiedlichen Werkstoffen wie

beispielsweise Guss, Werkzeugstahl und

Hartmetall sowie Kombinationen aus

diesen Materialien aufgeführt werden.

Rösler Oberflächentechnik

www.rosler.com

stahlundeisen.de März 2021 59


RECHT

FINANZEN

Unternehmensfinanzierung

BIP in vier Volkswirtschaften

rückläufig, Insolvenzen auch

Modellrechnung von Kreditversicherer Coface zeigt die Zahl der „versteckten“ Insolvenzen

DARUM GEHT’S: Staatlich verordnete „Lock-downs“ (mit allen

ihren Konsequenzen) einerseits und vielerorts Zurückhaltung

bei investiven Ausgaben führen laut Lehrbuch eigentlich zu einem

Anstieg der Insolvenzen. In den vier größten Volkswirtschaften

des Euro-Raums waren sie 2020 jedoch deutlich rückläufig.

In einer Modellrechnung kommt der Kreditversicherer

Coface zu dem Schluss, dass die Insolvenzen lediglich „versteckt“

sind.

Corona hat die vier größten Volkswirtschaften des Euro-

Raums stark getroffen, aber im vergangenen Jahr dort nicht

zu einem Anstieg der Insolvenzen geführt. Grund sind

massive staatliche Interventionen. Diese haben nach einer Modellrechnung

des Kreditversicherers Coface in Deutschland bis zu 3

950 Insolvenzen für das Jahr 2020 erst einmal verhindert.

In der Regel bedeutet ein Rückgang der Wirtschaftsaktivität

einen Anstieg der Unternehmenspleiten. Tatsächlich ging die Zahl

der Insolvenzen 2020 jedoch in Frankreich um 38% im Vergleich

zum Vorjahr zurück, in Italien um 32% und in Spanien und

Deutschland um jeweils 15%. „Der Grund sind staatliche Hilfsprogramme

in einem nie dagewesenen Umfang“, sagt Coface-

Volkswirtin Christiane von Berg. Das führt zur Frage, ob die Insolvenzen

in den genannten Ländern tatsächlich verhindert oder

lediglich aufgeschoben wurden? Zur Beantwortung dieser Frage

Unternehmensinsolvenzen

im Euro-Raum 2020

Laut Coface verdecken die offiziellen Zahlen das

wahre Geschehen

50 %

40 %

30 %

20 %

10 %

0 %

-10 %

-20 %

-30 %

-40 %

-50 %

simulierte Insolvenzen

„versteckte“ Insolvenzen

19 %

34 %

44 %

tatsächliche Insolvenzen

39 %

6 % 7 %

6 %

-15 % -15 %

-38 %

-32 %

21 %

Spanien Frankreich Italien Deutschland

Die Addition von im Modell errechneten und rückläufigen

Insolvenzen ergibt die Summe der „versteckten“ Insolvenzen

hat Coface ein Modell berechnet, das die Veränderung der Solvenz

von Unternehmen in insgesamt sechs Branchen betrachtet, die

für ca. 80% aller Insolvenzen in einem Euro-Raum-Land stehen.

Berücksichtigt wurden unter anderem die Zahlen zum Unternehmensumsatz

in den jeweiligen Branchen sowie die Nutzung von

Kurzarbeit, Kreditgarantien und im Falle von Frankreich des Solidaritäts-Fonds.

Erheblicher Anstieg steht im Raum

Die simulierte Insolvenzschätzung ergibt für Deutschland 2020

einen Anstieg der Insolvenzen um 6% im Vergleich zum Vorjahr.

Tatsächlich fiel die Zahl der Insolvenzen um 15%. Diese Differenz

beschreibt Coface als „versteckte Insolvenzen“. Im Fall von

Deutschland wären dies 21% gemessen an der Anzahl 2019 und

somit rund 3.950 ausgebliebene Insolvenzen. Für Frankreich ermittelt

das Modell 22 500 „versteckte Insolvenzen“, für Italien

sind es 4 100 und für Spanien 1 600.

Ausblick

Gleichwohl kann Coface trotz der Modellrechnung nicht vorhersagen,

ob sich die Mehrheit oder gar alle der versteckten Insolvenzen

im Jahr 2020 im laufenden Jahr manifestieren. Es sei üblich,

dass Gerichte von einem Anstieg der Insolvenzanträge überwältigt

werden, was zu einer Überlastung des Insolvenzsystems führt. Als

anderen Einflussfaktor führen die Kreditversicherer die Bereitschaft

der Banken an, über Ländergrenzen hinaus Kredite auszureichen,

wenn die Banken eines Landes die Kreditvergabestandards

verschärfen.

tp

Entwicklung BIP und

Insolvenzen

Die Zahlen zeigen die Entwicklung gegenüber

dem jeweiligen Vorjahr

Entwicklung

BIP

Entwicklung

Insolvenzen

2009 2020 2009 2020

Deutschland -5,7% -4,9% 11,6% -15,0%

Frankreich -2,9% -8,2% 20,4% -37,8%

Italien -5,3% -8,9% 29,0% -32,1%

Spanien -3,8% -11,0% 78,8% -14,4%

Anders als 2009, als das BIP rückläufig war und die Anzahl

der Insolvenzen zunahm, gab es 2020 in den vier größten

EU-Volkswirtschaften weniger Insolvenzen.

Quellen: Statistische Bundesämter, Coface; Statistikämter, Datastream, Coface

62 März 2021 stahlundeisen.de


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Märkte und Menschen!

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STYLE

STORY

Modellbau

Alfred Trappens Blechschere mit Dampfantrieb weist bei

den Messern eine deutlich erkennbare Hakennase auf,

die in späteren Ausführungen nie wieder zu finden war.

Den Anstoß

zu diesem

Modell gab

eine Handskizze

in

einem Buch

von 1919.

Blechschere mit Dampfantrieb

Seltene historische Konstruktion von Alfred Trappen wurde als Modell neu aufgebaut

AUTOR: Gerd Bavendiek*

www.balancier.eu

DARUM GEHT‘S: Auch im Ruhrgebiet ist

der Maschinenbauingenieur Alfred Trappen

(1828-1908) heute kaum bekannt.

Das mag daran liegen, dass er sich ganz

auf seine Arbeit konzentrierte und nicht

öffentlich tätig war. Im 1919 erschienenen

Buch „Ein Jahrhundert deutscher

Maschinenbau“ zum runden Jubiläum

der DEMAG wurde er als hervorragender

Konstrukteur gewürdigt, der mit der

Ausrichtung der Firma auf das Hüttenwesen

auch wirtschaftlich erfolgreich

war. Gerd Bavendiek hat eine Skizze

Trappens als Modell nachgebaut.

Der Maschinenbauingenieur Alfred

Trappen hatte ab 1851 für rund 40

Jahre als Konstrukteur und technischer

Leiter die Maschinenfabrik Kamp &

Co. in Wetter an der Ruhr geprägt. Diese

war aus den Mechanischen Werkstätten

Harkort & Co. hervorgegangen und wurde

später zur Märkischen Maschinenbau-Anstalt

umfirmiert, ehe sie 1910 in der DE-

MAG (Akronym für DEutsche Maschinenbau

AktienGesellschaft) aufging.

Trappens Maschine im Vergleich

Die Skizze Trappens ist undatiert und ohne

weitere Hinweise. Es ist nicht klar, ob eine

solche Schere ausgeführt worden ist. Meine

Datierung in die 1850er Jahre resultiert

einzig daraus, dass Trappen seine sechsjährige

(sic!) Lehrzeit 1851 beendete und

aus dem Jahr 1864 eine große Blechschere

bekannt ist, die für das Walzwerk Schulz,

Knaudt & Co. in Essen gebaut wurde. Dabei

handelt es sich um eine imposante Maschine

von über 40 t Gewicht, angetrieben von

einer Dampfmaschine mit 400 mm Zylinderdurchmesser

und 550 mm Hub. Bleche

bis 900 mm Breite konnten geschnitten

werden. Im Vergleich dazu ist die von Trappen

skizzierte Maschine simpel.

Details zum Modell

Mein Modell ist im Maßstab 1:16. Für den

einseitig wirkenden Zylinder habe ich den

Bremszylinder eines VW T3 mit 24 mm

Bohrung benutzt. Alles was überflüssig

war, habe ich weggefräst, die Bohrungen

mit Gewinde versehen, dann Stopfen (auch

aus Guss) gefertigt und mit Loctite 648

eingesetzt. Den Schieberkasten habe ich

weich angelötet und dann die Zylinderbohrung

nachgeläppt. Der Kolben besteht

aus Messing, die Kolbenstange ist wie bei

einem Verbrennungsmotor im Zylinder

angelenkt.

In Trappens Skizze kann man den üblichen

Muschelschieber erkennen, weitere

Details bleiben aber unklar. In solchen Situationen

muss man sich als Modellbauer

vom Original lösen und eine modellgerechte

Lösung finden, die auch im gewählten

Maßstab funktioniert. Für mich war das

ein Rundschieber, der über mehrere weitere

Bauteile angesteuert wird. Die Erleichterung

war groß, als der Mechanismus sich

als funktionsfähig erwies.

Ein durchgehendes Fundament trägt

eine Platte für den Zylinder, die Kurbelwellenlager

und die massiv ausgebildeten

Hauptlager für den Scherenarm, ein sehr

charakteristisches Bauteil. Bei den Messern

lag mir daran, die in der Skizze deutlich

erkennbare Hakennase nachzubilden, obwohl

eine solche Ausführung später nie

wieder zu finden war.

Der Tisch ist vom Rest der Maschine

völlig getrennt entstanden. Ich kann mir

vorstellen, dass das auch beim Original so

war. Von Dampfhämmern ist bekannt,

dass die Schabotte (der untere Bär) vom

Rest des Hammers entkoppelt war.

Das Modell in der Praxis

Das Modell hat schon auf einigen Ausstellungen

gezeigt, dass es schneiden kann -

zwar kein Blech, aber immerhin Papier. In

meinem Youtube-Kanal balancier.eu kann

man sich davon überzeugen. Anders als dort

zu sehen, gibt es mittlerweile auch ein stirnseitiges

Gegenmesser. Wenn man nur genug

Papier schneidet, nutzt jedoch auch beim

verwendeten Werkzeugstahl die Schneidkante

ab. Das Angebot eines befreundeten

Modellbauers die Messer zu härten, habe ich

daher gerne angenommen. So ist dieses Modell

einer sehr frühen Arbeitsmaschine aus

dem Ruhrgebiet wieder funktionsfähig und

kann ein nicht so bekanntes Einsatzgebiet

der Dampfkraft illustrieren.

* Der Artikel erschien in seiner ursprünglichen Fassung zuerst in

Ausgabe 5/2020 der Zeitschrift „Maschinen im Modellbau“.

Synopsis der Dampfmaschine

Gerd Bavendiek ist ein Spezialist für

Dampfmaschinen und Modellbau.

Er betreibt mit dampfforum.info das

wohl größte deutschsprachige Forum

seiner Art und hat 2018 das Buch

„Synopsis der Dampfmaschine: der

Weg von der Feuermaschine bis

zum Turbosatz 1712-1917“ veröffentlicht.

Das Werk führt auf 300 Seiten

wichtige Daten aus der Geschichte

der Dampfmaschine mit anderen Ereignissen

aus der Technikgeschichte

zusammen auf. Ein regionaler Schwerpunkt

liegt dabei auf Deutschland und

der Region Ruhrgebiet. Mehr Informationen

unter www.balancier.eu.

Quelle: privat

70 März 2021 stahlundeisen.de


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