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NEUES ESSEN No. 1

  • Text
  • Naturkost
  • Bio
  • Mischfruchtanbau
  • Lebensmittel
  • Demeter
  • Landwirtschaft
  • Gerste
In diesem Buch geht es um Wesentliches: Eine ursprüngliche, erfinderische, hochgesunde, ertragreiche und zukunftweisende Anbauweise von Agrarprodukten, die weit über Bio- und Demeter-Standards hinausgeht und zudem spannend ist wie ein Abenteuerroman, der gleichzeitig in der tiefen Vergangenheit, der prickelnden Gegenwart und dem Unbekannten künftiger Zeiten spielt. ISBN: 978-3-033-02144-0 EAN: 7640110517802 Verlag: NaturKraftWerke® Edition

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hauen kann. UW: Die alten Sorten werden krank, wenn man ihnen Stickstoff gibt. Was heisst das konkret? DA: Diese alten Sorten fallen um oder kriegen Pilze, wenn man ihnen Stickstoff gibt. Das ist ein Problem bei der ganzen Saatgutzüchtung. Zumindest in Deutschland ist dies ein Problem: zertifiziertes Saatgut 23 muss vom Bundessortenamt 24 anerkannt werden und die Sortenprüfung bestehen. Und ein Kriterium dieser Prüfung ist, dass die Sorte verschiedene Stickstoffgaben überleben muss auf dem Acker. Dies ist mehr oder weniger schwierig bei den Bio- bzw. Ökosorten, die speziell für nährstoffarme Ökoproduktionen gedacht sind. Wenn sie zu viel Stickstoff kriegen, um durch die Prüfung zu kommen, dann werden sie krank und fallen um. Und darum ist es sehr schwierig, dafür eine Zertifizierung zu kriegen. Es gibt jedoch viele supergute, nicht zertifizierte Sorten, die für den Ökoanbau geeignet sind, aber umgekehrt sind die Landwirte nicht mutig genug, auf dieses Z (Symbol für zertifiziertes Saatgut) zu verzichten. Der Verzicht auf das Z impliziert spätere Verkaufshindernisse? DA: Das kommt drauf an, ob man es in irgendwelche anonymen Löcher 25 reinkippen will, dann vielleicht schon. UW: Wir suchen die Verarbeiter, die unsere Qualität auch ohne Z schätzen und deswegen schaue ich nicht unbedingt darauf, nur solche Sorten zu haben, sondern 23 & 24 zertifiziertes Saatgut / Bundessortenamt BSA. Das in Hannover ansässige Bundessortenamt (BSA) untersteht dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMfELV). Das BSA ist insbesondere für die Zulassung von Pflanzensorten als handelbares Saatgut zuständig. Nur Sorten, die ein standardisiertes Prüfverfahren durchlaufen haben, dürfen als Saatgut im Rahmen des Saatgutverkehrsgesetzes und des Sortenschutzgesetzes gehandelt werden. Kriterien für eine Sorte in diesem Sinne sind 1. Unterscheidbarkeit, 2. Homogenität, 3. Beständigkeit, 4. Neuartigkeit und 5. Bezeichnung (Namen). Der Sortenschutz gilt normalerweise für 25 Jahre (bei Gehölzen 35 Jahre). Bis 1900 gab es keine geregelte Sortenzucht und -pflege. Der Bauer war gleichzeitig Züchter. Ab 1920 gab es «geprüftes Saatgut» und 1934 entstand mit der ‹Verordnung über das Saatgut› das Berufsbild des Züchters; gleichzeitig verschwanden über 90 Prozent der bis dahin angebauten Sorten. 1953 trat das ‹Deutsche Saatgutgesetz› in Kraft. In den 1960er Jahren entstand das ‹Internationale Züchterrecht›, das mittlerweile alle WTO-Staaten (World Trade Organization) umsetzen. Ab 1994 werden Sortenschutz und -patentierung über das Agreement on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights (TRIPs) geregelt. 1999 wurde das EU-Patentamt errichtet und seit 2007 begann die Patentierung von der Zucht konventioneller Pflanzen und Tiere. 56

Sorten aus der Zeit, als es diesen Unfug von zertifiziertem Saatgut noch nicht gab. Es handelt sich um Sorten, die züchterisch nicht bearbeitet worden sind wie beispielsweise Einkorn oder Nacktgerste oder auch diese alte Hessische Landsorte, italienischer Nudelweizen, Emmer, Hugo Erbe-Weizen 26 , Dippes-Weizen 27 oder Imperialgerste und viele mehr. Der Anbau solcher Sorten ist hauptsächlich im beginnenden 19. Jahrhundert eingestellt worden. Der Dippes-Weizen ist erst in den 1880er Jahren gestorben und seit da ist sein Weizen züchterisch durch niemanden mehr entwickelt worden. DA: Hugo Erbe hat bis lange nach dem Krieg gearbeitet. Er ist für sein Backferment bekannt, das er entwickelt bzw. wiederentdeckt hat. Er hat über wenige Generationen aus Wildgräsern Weizensorten gezüchtet, die heute auch noch in einem begrenztem Umfang zur Verfügung stehen. Daher sind das heute wieder relativ neue Sorten, die noch nicht nach modernen Kriterien gezüchtet worden sind und das macht sie spannend. Bei der Imperialgerste war um 1910 Feierabend: Mit dem Einzug von Stickstoff in die modern- 25 Anonyme Löcher. Gemeint sind die Ablieferstellen der Lagerhäuser für Ackerfrüchte. Es geht dabei darum, dass Landwirte ohne eigene Lagermöglichkeiten gezwungen sind, ihre Ernte dort zu dem angebotenen Preis abzugeben, wenn die Ware nicht verderben soll. Ausserdem wird der Abnahmepreis durch einige wenige, rasch bestimmbare «Qualitätskriterien» und Fremdbesatz (Unkrautsamen, Durchwuchs-Samen) bestimmt. Sortenqualitäten spielen keine Rolle. So trägt diese Praxis (neben der Sortenzulassung) ganz erheblich zum Artenschwund bei Nutzpflanzen bei, da nur zuverlässige und ertragreiche Sorten für den normalen Landwirt interessant sind. Das Endprodukt auf dem Markt wird dadurch zunehmend uniform und sorten- oder regionalbedingte Unterschiede sind nicht mehr erkennbar. fielen sie mehr und mehr aus dem Flächenanbau. Einige wenige Züchter arbeiteten an den Sorten weiter. Heute werden die besonderen Qualitäten wieder zunehmend geschätzt und im Rahmen der Pflege von Biodiversität und Regionalvermarktung werden Erbe-Weizen und deren Weiterentwicklungen vermehrt angebaut. Erbe-Weizen-Sorten sind begrannt, langstrohig und insgesamt auffällig (z.B. die goldene Farbe der Sorte «Goldkorn»). Es sind eher Weichweizentypen, d.h. mit weichen wasserlöslichen Klebern, die nicht backstrassentauglich sind und den heutigen «Qualitätsanforderungen» nicht unbedingt entsprechen. Sie haben einen sehr guten Geschmack und sind handwerklich oder in der häuslichen Küche gut zu verarbeiten. Im Anbau sind sie anspruchslos und mögen keine hohen Stickstoffgaben. 26 Hugo Erbe (1895–1965), Erbe-Weizen. Nach Hugo Erbe ist auch ein Backferment aus Erbsenmehl, Honig und Salz benannt. Erbe begann in den 1930er Jahren aus Wildgräsern völlig neuartige Getreidesorten zu züchten. In den 1960er Jahren waren diese im biologisch-dynamischen Landbau durchaus vertreten. Sie zeichneten sich durch Ertragsstärke, hohe Qualität und Beständigkeit aus. Mit dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck und der Uniformierung der Qualitätskriterien in der Landwirtschaft 27 Gustav Adolf Dippe (1807–1890), Dippes-Weizen. Dippe war Pflanzenzüchter und hat sich vor allem durch Zuckerrübenzucht hervorgetan, ist aber auch in der Getreidezucht kein Unbekannter. Die Dippe-Saatzucht war als Familienunternehmen ab Mitte des 19. Jahrhunderts sehr erfolgreich und existierte noch in der DDR. Heute gehört die ehemalige Dippe-Saatzucht als Firma Hilleshög zur Syngenta-Seeds GmbH und ist einer der bedeutendsten Zuckerrübensaatzüchter. 57