Nathan der Weise Unterrichtsmaterialien - Akzente

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Nathan der Weise Unterrichtsmaterialien - Akzente

Nathan der Weise

Unterrichtsmaterialien

Drama ab 14 Jahren

Von Gotthold Ephraim Lessing

Inszenierung: Tim Kramer

Dramaturgie: Heiko Voss

Premiere am 18. September 2010

Ein Plädoyer für Toleranz

Als aufschlussreiche und anregende Lektüre für den Deutschunterricht ist „Nathan

der Weise“ nicht mehr wegzudenken.

Das Drama ist ein spätes Meisterwerk Gotthold Ephraim Lessings, eines der

bedeutendsten Schriftsteller der Aufklärung. Hier lässt er religiöse Standpunkte

aufeinanderprallen, um den Toleranzgedanken nur umso strahlender aufscheinen zu

lassen.

Gemeinsam mit dem Schauspielensemble des Salzburger Landestheaters können

die Gedankengänge Lessings während der Aufführung messerscharf nachvollzogen

werden. Doch auch vor und nach der Vorstellung bietet Lessings dramatisches

Gedicht genügend Anknüpfungspunkte, um sich den drei großen monotheistischen

Weltreligionen von verschiedenen Seiten anzunähern.

Inhalt

I. Einführung „Nathan der Weise

II. Hintergrundinformationen

III. Anregungen für den Unterricht

IV. Literaturempfehlungen

V. Anhang

Salzburger Landestheater | Junges Land | Angela Beyerlein

T: +43 (0) 662 / 871512 - 124 | M: theaterpaedagogik@salzburger-landestheater.at


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Inhaltsverzeichnis

I. Einführung „Nathan der Weise

1. Die Handlung

2. Die Figuren

3. Die Besetzung des Salzburger Landestheaters

II. Hintergrundinformationen

1. Zum Stück „Nathan der Weise

2. Zur Entstehungsgeschichte von „Nathan der Weise

3. Zum Autor

4. Gotthold Ephraim Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts

5. Hans Küng: Der gemeinsame Gottesglaube der drei abrahamischen

III. Anregungen für den Unterricht

1. Vorbereitung des Theaterbesuchs

1.1. Übung: Standbilder zur Bedeutung der Religion im Alltag

1.2. Übung: Ort- Beziehung – Konflikt

1.3. Übung: Improvisation zu Vorurteilen gegenüber anderen Religionen

1.4. Übung: Szenische Religionskonflikte

2. Nachbereitung des Theaterbesuchs

2.1. Übung: Recha und Kurt

2.2. Übung: Talkshow

IV. Literaturempfehlungen

V. Anhang

Rollenkarten für Talkshow

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I. Einführung „Nathan der Weise

1. Die Handlung

Während eines Waffenstillstandes in Jerusalem; im 12. Jahrhundert, zur Zeit der

Kreuzzüge:

Der Jude Nathan hat ein elternloses Christenmädchen angenommen, das er als

seine eigene Tochter aufzieht. Recha gegenüber verschweigt er die christliche

Abstammung, erzieht sie aber keineswegs im eigenen Glauben, als vielmehr nach

den Gesetzen der Vernunft. Von einer Reise kommend erfährt er von Rechas

christlicher Gesellschafterin Daja, dass sein Haus gebrannt hat. Recha wurde gerade

noch von einem jungen Tempelherrn, einem christlichen Ordensritter, aus den

Flammen gerettet. Diesem wiederum war es nur möglich, Recha zu retten, da er

vorher von Sultan Saladin, dem muslimischen Herrscher über Jerusalem, verschont

worden war. Jener hatte den Tempelherrn als einzigen unter vielen Gefangenen

begnadigt, weil er seinem verschollenen Bruder Assad so ähnlich sieht.

Recha glaubt, dass ihre Rettung einzig durch ein Wunder vollzogen werden konnte,

sie glaubt an einen Engel, dem sie das Leben verdankt. Um dem Tempelherrn

seinen Dank auszusprechen, jedoch auch, um Rechas Überzeugung zu widerlegen,

bittet Nathan den jungen Christen in sein Haus.

Derweilen hat Saladin finanzielle Sorgen, weswegen er den reichen Nathan zu sich

bringen lässt. Er möchte bei ihm leihen. Um den als Weise bekannten Nathan in

Verlegenheit zu bringen, stellt er ihm die Frage nach der wahren Religion. Nathan

antwortet mit einer Erzählung, der Parabel über die drei Ringe, von denen ein jeder

über die wahre Religion Auskunft geben kann. Jede Religion muss nach dem Guten

streben, um dem Anspruch Gottes gerecht zu werden. Der Toleranzgedanken und

die damit verbundene Gleichberechtigung der drei großen monotheistischen

Religionen beeindrucken Saladin zutiefst.

Der Tempelherr hat sich unterdessen in Recha verliebt. Eine Ehe zwischen Jüdin

und Christ ist ausgeschlossen, doch Daja weiß um das Geheimnis von Rechas

christlicher Abstammung und verrät es kurzerhand an den jungen Liebenden. Der

Tempelherr zieht nun den Patriarchen zu Rate, den Bischof von Jerusalem, der

rigoros das Gesetz der Christenheit postuliert, nach dem auf Nathans Vergehen die

Todesstrafe steht. Er schildert den Fall jedoch als reine Hypothese und lässt den

Namen des Juden ungenannt.

Von Indizien angespornt betreibt Nathan, der längst von den Heiratsplänen des

Tempelherrn erfahren hat, indes seine eigenen Nachforschungen: Durch ein

Verzeichnis eines Klosterbruders stellt sich letztlich heraus, dass Recha die leibliche

Schwester des jungen Tempelherrn ist. Zugleich sind sie die Kinder Assads,

Saladins Bruder, und finden so im herrschenden Sultan ihren Onkel.

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2. Die Figuren

Sultan Saladin ist ein ranghoher Vertreter des muslimischen Glaubens, der vor

Beginn der dramatischen Handlung einem Tempelherrn das Leben geschenkt hat, da

ihn dieser an seinen Bruder erinnerte. Der historische Salah-ed-Din (1138-93)

stammte aus einer kurdischen Familie, die in Syrien und Ägypten zu hohen

militärischen Würden gelangt war. Ihm gelang es zudem, bereits kurz nach seiner

Amtsübernahme die politische Macht zu übernehmen. Er reorganisierte das

ägyptische Reich und gründete 1171 die Dynastie der Aijubiden. Durch erfolgreiche

Eroberungszüge nach Syrien und Mesopotamien vergrößerte er sein Reich so, dass

es den Kreuzfahrerstaat Jerusalem einschloss. Nach einem Friedensbruch der

Franken schlug er 1187 das Kreuzfahrerheer vernichtend bei Hittin in Nordpalästina

und eroberte anschließend den größten Teil des Königreiches. Jerusalem öffnete

ihm kampflos die Tore, als er großzügige Bedingungen zusicherte. Der zwischen

Richard Löwenherz und Saladin ausgehandelte Waffenstillstand von 1192 gewährte

zwar christlichen Pilgern freien Zugang zu den heiligen Stätten, die vormaligen

Besitzungen der Kreuzritter blieben aber bis zu seinem frühen Tod in Saladins

Händen.

Sittah ist die Schwester des Sultans. Für sie gibt es kein historisches Vorbild. Sie

gehört wie ihr Bruder dem muslimischen Glauben an und steht Saladin beratend zur

Seite.

Nathan ist ein reicher jüdischer Kaufmann, der in der Stadt Jerusalem mit den

herrschenden Moslems zusammen lebt. Er hat vor vielen Jahren seine Frau und

seine sieben Söhne bei einem Überfall der Christen verloren. Kurz darauf wurde ihm

jedoch ein kleines Christenmädchen anvertraut, das er an seiner Kinder statt

angenommen hat. Er nennt sie Recha und lässt sie über ihre wahre Herkunft im

Unklaren, jedoch erzieht er sie nicht in seinem eigenen Glauben, sondern vielmehr

nach den Regeln der Vernunft, die er vehement vertritt.

Recha ist die angenommene Tochter Nathans, die von ihrer christlichen

Abstammung nicht das Geringste weiß und Nathan für ihren biologischen Vater hält.

Sie wurde von einem jungen Tempelherrn aus den Flammen eines brennenden

Hauses gerettet.

Daja, eine Christin, die im Hause Nathans als Gesellschafterin der Recha lebt, weiß

um die wahre Religionszugehörigkeit Rechas, hütet das Geheimnis bisher jedoch,

auch wenn sie Nathan immer wieder dazu auffordert, Recha die Zugehörigkeit zu

offenbaren.

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Der junge Tempelherr ist ein christlicher Kreuzritter, ein geistlicher Soldat, der dem

Orden der Tempelherren angehört. Er wurde vor Jerusalem von Saladins Armee

besiegt, jedoch vom Sultan persönlich begnadigt, so dass er sich frei in der Stadt

bewegen kann. In der Folge rettet er Recha aus dem brennenden Hause Nathans,

der gerade abwesend ist. Die Tempelherren waren für ihre gewalttätigen Kriegszüge

im Rahmen der Kreuzzüge bekannt. Ihre Kontrahenten waren nicht nur die Muslime,

sondern auch die Hospitalier, ein weiterer christlicher Orden, mit dem sie sich

ebenso oft schlugen wie mit den Muslimen. Das weiße Kleid der Tempelherrn und

der schwarze Oberrock der Hospitalier war eine beständige Losung des Schlachtens.

Der Derwisch ist ein mohammedanischer Mönch, der von freiwilligen Gaben in

Einsiedeleien oder Klöstern lebt. Mögliche Übersetzungen lauten Armer, Wanderer

oder Bettler. Hier ist der Derwisch Al-Hafi im Dienste des Sultans Saladin als

Schatzmeister angestellt. Zugleich ist er ein Freund Nathans.

Der Patriarch von Jerusalem war als Bischof das christliche Oberhaupt der Stadt

Jerusalem, bis sie von Saladin eingenommen wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war er

die oberste Instanz der Stadt. Das historische Vorbild dieses Bischofs von Jerusalem

ist der Patriarch Heraklius. Als Jerusalem 1187 eingenommen wurde, verließ er die

Stadt mitsamt seinem geistlichen Gefolge, wobei er nicht vergaß, die Gold- und

Silberschätze, die geweihten Gefäße sowie den Schatz des heiligen Grabes mit sich

zu nehmen.

Der Klosterbruder ist ein Mönch in Diensten des Patriarchen, der eine bewegte

Vergangenheit hat. Er war zunächst Reitknecht eines christlichen Herrschers, bevor

er sich als Eremit unweit Jerichos niederließ. Von dort wurde er durch Araber

vertrieben und fand zuletzt Unterschlupf beim Patriarchen von Jerusalem, wo er jetzt

sein Leben fristet. Als Reitknecht Wolfs von Filneg war er es, der dessen Tochter

Blanda von Filneg zu Nathan brachte. Weil deren Mutter kurz zuvor verstorben war

und der Vater nach Gazza musste, wohin er die Kleine unmöglich mitnehmen

konnte, wurde er damit beauftragt, das Töchterchen zum befreundeten Nathan zu

bringen. Dieser nahm sie unter dem Namen Recha als sein eigenes Kind an.

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3. Die Besetzung des Salzburger Landestheaters

Inszenierung

Tim Kramer

Bühne

Gernot Sommerfeld

Kostüme Natascha Maraval

Musik

Heinz Fallmann

Dramaturgie

Heiko Voss

Saladin

Sittah

Nathan

Recha

Daja

Tempelherr

Derwisch

Patriarch

Klosterbruder

Sascha Oskar Weis

Ulrike Walther

Gero Nievelstein

Cathrin Zellmer / Anna Unterberger

Gudrun Gabriel

Sebastian Fischer

Gerhard Peilstein

Werner Friedl

Christoph Wieschke

Probenfoto aus der Inszenierung am Salzburger Landestheater – Sascha Oskar Weis (Saladin), Gero

Nievelstein (Nathan), Cathrin Zellmer (Recha)

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II. Hintergrundinformationen

1. Zum Stück „Nathan der Weise

Bezeichnend für den ‚Nathan’ ist, dass die hier auftretenden Figuren nicht nur

theoretisierend über Religionen reden, sondern diese auch verkörpern, ja dass sie in

ihrer besonderen Zusammensetzung die Relationen darstellen, die die Religionen

untereinander haben sollten. Die Ringparabel bleibt noch weitgehend auf der Ebene

der didaktischen Darlegung; das Spiel der Personen dagegen leistet die Darstellung

der Idee der Ringparabel.

Verwandtschaft bestimmt sowohl das Verhältnis der Personen in der Erzählung als

auch im Drama. Den drei Brüdern und drei Ringen entsprechen die drei Religionen.

So unkenntlich der echte Ring ist, so unerkannt bleiben für die Figuranten auf lange

Zeit die eigene Herkunft und die verschlungenen Religionszugehörigkeiten (Recha,

das Christenmädchen, gilt als Jüdin; der christliche Tempelherr ist Sohn eines

Mohammedaners und Bruder der Jüdin), so unentschieden bleibt aber auch im

ganzen Drama die Grundsatzfrage nach der einzig echten Religion. Was dagegen

durch dramatische Analysis zutage tritt, ist die Erkenntnis, dass vier Vertreter dreier

Religionen miteinander verwandt sind und damit einen Zustand vorführen, der auch

für die Religion selbst gelten sollte. Die Analyse der Vorgeschichte wird

vordergründig durch Nathans Nachforschungen betrieben; im Grunde aber hat sie

bereits dadurch begonnen, dass maßgebende Personen den Rat des greisen

Richters befolgt haben, alle drei Söhne sollten in ihrem sittlichen Bemühen so um die

Wette streiten, als wäre jeder im Besitz des echten Ringes, dann werde sich am

Ende zeigen, wer sich durch persönliche Leistungen des magischen Kleinods wert

erwiesen habe. So als hätten sie den Auftrag des Richters erahnt, haben die drei

Hauptvertreter der verschiedenen Weltreligionen bereits in der Vorgeschichte des

Dramas Anstrengungen unternommen und durch bemerkenswerte Taten Zeugnis

von ihrem Wert abgelegt; Nathan, der Jude, nahm einst ein Christenkind als Tochter

an, obwohl Christen ihm zuvor seine Frau und sieben Söhne getötet hatten; der

Mohammedaner Saladin begnadigte den christlichen Tempelherrn, so dass dieser

das vermeintliche Judenmädchen aus dem Feuer retten konnte. Alle drei Männer

verübten ihre Rettungstaten an Andersgläubigen. Was die Parabel fordert, löst das

Drama ein: Jeder erkennt und anerkennt den Wert des anderen und Andersartigen.

Lessing trifft die religiösen Standpunkte dabei genau – und ist damals so aktuell wie

heute. Die Gattungsbezeichnung „dramatisches Gedicht“ deutet auf die

Parabelhaftigkeit des Werkes hin: Verschiedene Standpunkte werden exemplarisch

vorgeführt, diskutiert und verglichen. Die Grundwerte der Religionen unterscheiden

sich dabei kaum, denn sie sind einander eng verwandt. Alle drei sind

monotheistische Religionen: Man glaubt an einen, allumfassenden Gott, der den

Kosmos erschaffen hat und in das Weltgeschehen eingreifen kann. Doch treten bei

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Lessing nicht nur Vertreter der verschiedenen Religionen auf. Auch innerhalb der

Religionen zeigt er die unterschiedlichsten Standpunkte. Damit eröffnet er eine

religionsphilosophische Debatte, die nicht allein nach außen gerichtet ist, sondern

auch den Blick ins Innere der Religionen nicht scheut.

Probenfoto aus der Inszenierung am Salzburger Landestheater - Gero Nievelstein (Nathan)

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2. Zur Entstehungsgeschichte von „Nathan der Weise

Nathan der Weise“ ist die Reaktion Lessings auf

die Zensur seiner Veröffentlichungen im

Fragmentenstreit. Die sogenannten Fragmente

des Hamburger Orientalisten Hermann Samuel

Reimarus hatte Lessing von dessen Kindern

erhalten. Seit 1774 veröffentlichte er in den

„Beiträgen aus den Schätzen der Herzoglichen

Bibliothek zu Wolfenbüttel“ Teile der ihm

überlassenen unvollständigen Handschrift unter

dem Titel „Fragmente eines Ungenannten“, die er

durch „Gegensätze des Herausgebers“ ergänzte.

Erst die letzten Fragmente entfesselten den

theologischen Streit, in dem der Hauptpastor J. M.

Goeze sich als Lessings härtester Gegner

hervortat. Neben den berühmten polemischen

Briefen, den „Anti-Goezen“, schrieb Lessing eine

Reihe anderer Erwiederungen. Das Manuskript

von Reimarus spiegelt den Angelpunkt der theologischen Kontroverse des 18.

Jahrhunderts wider: Es ist der Gegensatz von emanzipierter Vernunft und Glauben,

der sich am absoluten Wahrheitsanspruch der christlichen Offenbarung materialisiert.

Infolge des Mundverbots verlegte Lessing seine Aktivität auf das Theater und griff mit

Nathan der Weise“ einen lange entworfenen Plan wieder auf. Der Stoff hat vor ihm

keine dramatische Gestaltung gefunden. Er entnahm ihn einer Novelle des

Boccaccio, deren zentrales Motiv, die Parabel von den drei Ringen, allerdings eine

längere, Lessing nicht gänzlich verborgene Tradition hat. Bei der Grundidee griff er

zudem eine Sure des Koran auf:

„Und Wir haben das Buch mit der Wahrheit zu dir herabgesandt, das bestätigt, was

von der Schrift vor ihm da war und darüber Gewissheit gibt; richte also zwischen

ihnen und dem, was Gott herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen, von der

Wahrheit abzuweichen, die zu dir gekommen ist. Für jeden von euch haben wir

Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte Er

euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er wollte euch aber in alledem, was

Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen. Darum sollt ihr um die guten Dinge

wetteifern. Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren; und dann wird Er euch das

kundtun, worüber ihr uneins wart.“ (Sure 5, 48)

Wetteifern um die guten Dinge, das ist der Kerngedanke der Ringparabel, die,

inmitten der Dramaturgie des Dramas platziert, das Grundmuster für die Handlung

vorgibt. Diese verlegt Lessing in die Zeit der Kreuzzüge, in das 12. Jahrhundert nach

christlicher Zeitrechnung. Seine Hauptquellen sind dafür Voltaires Essay „Geschichte

der Kreuzzüge“, den Lessing 1751 zusammen mit andern Essays ins Deutsche

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übersetze, und die „Geschichte Saladins Sulthans von Egypten und Syrien“ von

Francois Louis Claude Marins, 1761 von E. G. Küster ins Deutsche übersetzt.

Hieraus bezieht Lessing seine Informationen für die Zeit und die Figuren, die

teilweise historische Vorbilder haben. Lessing hat sein dramatisches Gedicht über

die Toleranz noch zu Lebzeiten fertig stellen können, uraufgeführt wurde es jedoch

erst am 14. April 1783 in Berlin. Lessing war zu diesem Zeitpunkt bereits über zwei

Jahre Tod, sein spätes Meisterwerk wurde jedoch erst zur Aufführung gebracht, als

es die Bedingungen erlaubten – es wirkt bis heute nach und hat an Aktualität nicht

das geringste verloren.

3. Zum Autor

Gotthold Ephraim Lessing (1729-81) war einer der

bedeutendsten Schriftsteller der Aufklärung. Die

Essenz seines Denkens bildet sein 1779 verfasster

Nathan der Weise“. Lessing schrieb jedoch nicht

nur Theaterstücke, sondern veröffentlichte zudem

zahlreiche kritische und philosophische Schriften,

darunter „Die Erziehung des Menschengeschlechts“

und die berühmte „Hamburgische Dramaturgie“,

eine Ansammlung von Theaterkritiken und

dramentheoretischen Texten, die er während seiner

Hamburger Zeit als Dramaturg verfasste. Diese

Texte beinhalten auch seine Überlegungen zum

Bürgerlichen Trauerspiel, welches er mit „Miß Sara

Sampson“ 1755 für die deutsche Bühne erfand und

mit „Emilia Galotti“ später weiterführte. Die Theorie

gründet auf den Franzosen Denis Diderot, dessen

stilbildenden Schriften er übersetzte und den

deutschsprachigen Gebieten auf diese Weise überhaupt erst zugänglich machte.

Auch in der Komödie setzte Lessing einen neuen Akzent und schuf mit „Minna von

Barnhelm“ das Referenzwerk für die nachfolgenden Generationen. Sein „Nathan

wiederum ist die Antwort auf den sogenannten Fragmentenstreit, in dem sich Lessing

mit dem Hauptpastor Johann Melchior Goeze unerbittliche Streitgespräche in

Briefform lieferte, weil er sich in seinem aufklärerischen Denken nicht der

vorherrschenden Meinungsbildung der Kirche unterordnen wollte. Nachdem seine

Briefe von der Obrigkeit zensiert wurden und ihm ein regelrechtes Schreibverbot

erteilt worden ist, zog er sich wieder auf das Theater zurück und schrieb ein

singuläres dramatisches Werk, das bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt

hat. Im „Nathan“ lässt er die religiösen Standpunkte aufeinanderprallen, um den

Toleranzgedanken nur umso strahlender aufscheinen zu lassen. Sein Nathan wertet

nicht zwischen den Religionen, sondern stellt sie gleichberechtigt nebeneinander.

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4. Gotthold Ephraim Lessing: Die Erziehung des

Menschengeschlechts

Nein; sie wird kommen, sie wird gewiss kommen, die Zeit der Vollendung, da der

Mensch, je überzeugter sein Verstand einer immer bessern Zukunft sich fühlet, von

dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgründe zu seinen Handlungen zu erborgen,

nicht nötig haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil

willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem

bloß heften und stärken sollten, die innern bessern Belohungen desselben zu

erkennen. (§ 85)

Der Schwärmer tut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft: aber er kann diese Zukunft

nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft beschleuniget; und wünscht, dass sie

durch ihn beschleuniget werde. Wozu sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in

dem Augenblicke seines Daseins reifen. Denn was hat er davon, wenn das, was er

für das Bessere erkennt, nicht noch bei seinen Lebzeiten das bessere wird? Kömmt

er wieder? Glaubt er wiederzukommen? – Sonderbar, dass diese Schwärmerei allein

unter den Schwärmern nicht mehr Mode werden will! (§ 90)

Geh Deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur lass mich dieser

Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln. – Lass mich an dir nicht verzweifeln,

wenn selbst deine Schritte mir scheinen sollten, zurückzugehen! (§ 91)

5. Hans Küng: Der gemeinsame Gottesglaube der drei

abrahamischen Religionen

Judentum, Christentum und Islam sind Glaubensreligionen. Sie eint der lebendige

Glaube an den einen Gott und sein Wirken in der Welt. Was meint dieser ‚lebendige

Glaube’, den schon Abraham an den Tag gelegt hat? Ist Glaube Verstandessache?

Oder Willensakt? Oder Gemütsbewegung? Gewiss ist Glaube für Juden, Christen

und Muslime nicht nur eine Sache des bloßen Verstandes. Glaube ist für sie weder

nur ein Führwahrhalten biblischer oder koranischer Texte noch gar die Zustimmung

zu mehr oder weniger unwahrscheinlichen Behauptungen; Glaube wäre so ganz und

gar intellektualistisch missverstanden. – Andererseits: Glaube ist für Juden, Christen

und Muslime auch nicht bloß das Produkt einer Willensanstrengung, ein blindes

Wagnis, ein unbegründbarer Sprung, gar ein ‚credo quia absurdum’; mit solchem ‚ich

glaube, gerade weil es absurd ist’ wäre Gott voluntaristisch missverstanden. –

Glaube ist schließlich auch keine bloße subjektive Gemütsbewegung, kein

Glaubensakt, ohne Glaubensinhalt, kein Fühlen, wo es mehr darauf ankommt, dass

man glaubt, als was man glaubt; Glaube wäre so emotional missverstanden.

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Nein, Glaube meint für Juden, Christen wie für Muslime ein unbedingt vertrauendes

Sicheinlassen und Sichverlassen des ganzen Menschen hier und jetzt mit allen

Kräften seines Geistes und Gemütes auf Gott und sein Wort. Dieser Glaube ist somit

zugleich ein Akt des Erkennens, Wollens und Fühlens: ein Vertrauen, das ein

Führwahrwerden einschließt. Es geht um eine persönliche, gelebte vertrauensvolle –

einfache oder höchst differenzierte – Grundhaltung: eine gläubige Lebenseinstellung

und Lebensart, aus der heraus Menschen leben, denken, handeln und leiden.

Weder die hebräische Bibel noch das neue Testament, noch der Koran wollen Gott

‚beweisen’, freilich ständig und überall auf ihn ‚hinweisen’. Und dass es im

Gottesglauben nicht unvernünftig zugeht, sondern dass es sich dabei um ein höchst

vernünftiges Vertrauen handelt, betont man auch im Islam mit Nachdruck. Anders

gesagt: Weil es auch dem Koran so ganz und gar um den Menschen und seinen

Weg geht, geht es ihm so zentral um Gott; über 2500mal wird allein der Name ‚Allah’

im Koran genannt. Worin also bestehen die Gemeinsamkeiten konkret?

Die grundlegende Gemeinsamkeit zwischen Juden, Christen und Muslimen besteht

im Glauben an den einen und einzigen Gott, der allem Sinn und Leben gibt. Dieser

Ein-Gott-Glaube ist für den Islam eine schon mit Adam gegebene Urwahrheit; im

einen Gott ist die Einheit des Menschengeschlechts und die Gleichheit aller

Menschen vor Gott begründet. Und was auch immer von der christlichen

Trinitätslehre zu sagen sein wird: Auch diese will den Glauben an den einen und

einzigen Gott ja nicht in Frage stellen, sondern konkret auslegen und entfalten. Das

heißt: In der Frontstellung gegen den alten Polytheismus sind Judentum,

Christentum und Islam sich ebenso eins wie gegen moderne Götter aller Art, die vom

Menschen besitz ergreifen und ihn zu versklaven drohen. Ja, Judentum und dann

auch Christentum haben schon längst vor dem Islam die alten Götter des Pantheon

gestürzt.

Gemeinsam ist Juden, Christen und Muslimen der Glaube an den geschichtlich

handelnden Gott: an jenen Gott, der nicht nur in der Art der Griechen die ‚Arché’, das

erste Prinzip der Natur, ist, der Urgrund von allem, sondern der als Schöpfer der Welt

und des Menschen in der Geschichte tätig ist: der eine Gott Abrahams, der spricht

durch die Propheten und sich seinem Volk offenbart, wenngleich sein Handeln immer

wieder neu ein unerforschliches Geheimnis bleibt. Gott ist der Geschichte gewiss

transzendent, aber doch auch immanent: dem Menschen ‚näher als seine

Halsschlagader’, wie es im Koran so plastisch heißt.

Gemeinsam ist Juden, Christen und Muslimen der Glaube an den einen Gott, der für

sie – obwohl unsichtbar alles umgreifend und durchwaltend – ein ansprechbares

Gegenüber ist; anredbar in Gebet, Meditation, zu loben in Freude und Dankbarkeit,

anzuklagen in Not und Verzweiflung: ein Gott, vor dem der Mensch ‚aus Scheu ins

Knie fallen’, ‚beten und opfern’, ‚musizieren und tanzen kann’, um hier ein

zukunftsbezogenes berühmtes Wort des Philosophen Martin Heidegger aufzugreifen.

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Gemeinsam ist Juden, Christen und Muslimen schließlich auch der Glaube an den

barmherzigen, gnädigen Gott; an einen Gott, der sich der Menschen annimmt. Die

Menschen werden im Koran wie in der Bibel ‚Knechte Gottes’ genannt, womit keine

Versklavung unter einen Despoten, sondern die elementare menschliche

Kreatürlichkeit gegenüber dem einen Herrn zum Ausdruck gebracht ist. Das

hebräische ‚ar-rahman’, der ‚Erbarmer’ hängt etymologisch zusammen mit dem

hebräischen ‚rahamim’, welches mit ‚hen’ und ‚hesed’ das Wortfeld für das

neutestamentliche ‚charis’ und unser Wort ‚Gnade’ darstellt. Gott kann nach

einzelnen Sätzen der Bibel oder des Koran als Willkürgott erscheinen, aber nach

dem Gesamtzeugnis der Bibel und des Koran ist Gott entscheidend ein Gott der

Gnade und der Barmherzigkeit.

Judentum, Christentum und Islam repräsentieren also gemeinsam in der Welt den

Glauben an den einen Gott, haben allesamt teil an der einen großen

monotheistischen Weltbewegung. Diese Gemeinsamkeit im Glauben an den einen

Gott sollte man auch weltpolitisch nicht unterschätzen, sondern zum Bewusstsein

bringen.

Aus: Küng, Hans: Der Islam. Wesen und Geschichte. München 2007

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III. Anregungen für den Unterricht

1. VORBEREITUNG DES THEATERBESUCHS

Übung: Standbilder zur Bedeutung der Religion im Alltag

Ablauf

Welche Rolle spielt die Religion im alltäglichen Leben der Schüler? Regen Sie eine

Diskussion darüber an, welchen Blick die Kinder Ihrer Klasse auf die großen

Weltreligionen haben. Wie viele Kinder haben einen christlichen Hintergrund? Gibt es

Kinder mit muslimischem oder jüdischem Hintergrund? Können diese Kinder

berichten, was es für sie bedeutet, „evangelisch“, „katholisch“, „muslimisch“ oder

„jüdisch“ zu sein?

Lassen Sie die Schüler im Anschluss Momente ihres alltäglichen Lebens in denen

Religion eine große Rolle spielt, in Standbildern darstellen.

Als Vorübung sollte man hierfür jeweils zwei sich gegenseitig zu Statuen formen

lassen. Um diese Übung mit Schülern machen zu können, müssen sie erst darin

angeleitet werden behutsam miteinander umzugehen. Hierfür kann die Aufgabe

gestellt werden sich gegenseitig in Haltungen zu bringen, die verschiedene religiöse

Gesten bzw. Situationen, die mit Religion zu tun haben, zeigen. Jeder Bildhauer

beginnt, mit seinen Händen die Statue zu modellieren, die er in seiner Vorstellung

hat. Er berührt den Körper seines Gegenübers und verändert Haltung, Gestik, Mimik

bis ins kleinste Detail. Nur die Mimik darf gezeigt werden, indem der „Bildhauer“

diese vormacht.

Als zweiter Schritt werden nun mehrere Personen von einem/einer Schüler/in zu

einem Standbild zusammengefügt.

Dazu kann jeder, der eine Idee hat, Mitschüler einbeziehen und mit ihnen ein Bild

einer Situation bauen. Jeder nennt die Anzahl der Leute die er braucht, fügt diese zu

einer Skulpturengruppe zusammen und bestimmt ihre Haltung bis hin zum

Gesichtsausdruck. Die übrigen Teilnehmer werden gefragt was sie sehen. Nachdem

sie geraten haben, wird aufgedeckt was es darstellen soll. Nun dürfen alle

Teilnehmer, die Ideen haben, wie man das Bild klarer machen kann, Veränderungen

vornehmen.

Sie können mit der restlichen Klasse dieses Standbild ansehen und zusätzlich

eventuell Fotos machen, um ein Album anzulegen.

Ziele:

Alter:

Material:

Dauer:

kreative Reflexion

ab 12 Jahren

Fotokamera

15 Minuten

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Übung: Ort- Beziehung – Konflikt

Ablauf

Als Vorbereitung für Improvisationen zum Thema Religionskonflikt, kann es hilfreich

sein erst einmal Übungen zur Improvisation von Konflikten im Allgemeinen

durchzuführen.

Drei Handelnde kommen nacheinander auf die Bühne und erzeugen zusammen eine

improvisierte Szene bei freier Vorgabe. Folgende Struktur muss erkennbar sein: Der

erste, der auf die Bühne kommt, erschafft einen imaginären Raum und installiert

pantomimisch mehrere Einrichtungsgegenstände – mehr nicht. Der zweite, der

dazukommt, definiert die beiden in ihren Charakteren und ihrer Beziehung

zueinander. Der dritte, der jetzt reinkommt, bringt einen Konflikt oder ein Ziel ins

Spiel, welchen alle bewältigen wollen. Die Aufgabe an alle ist aufeinander

einzugehen und gemeinsam eine Lösung des Konflikts zu finden. Jeder der Klasse

sollte einmal drankommen.

Ziele:

Alter:

Material:

Dauer:

kreative Reflexion, Übung szenischer Darstellung

ab 12 Jahren

evtl. Requisiten

30 Minuten

Übung: Improvisation zu Vorurteilen gegenüber anderen Religionen

Ablauf

Wie würden wohl ihre Eltern reagieren, wenn sie mit einem Freund oder einer

Freundin, die einer anderen Religion angehört, nach Hause kommen? Gibt es

Konflikte und Vorurteile oder herrscht allgemeine Toleranz? Lassen Sie die Schüler

kurze improvisierte Familienszenen zu diesem Themenkomplex spielen.

Die Schüler werden in gleich große Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe bekommt zehn

Minuten Zeit sich eine Szene zu überlegen und sie kurz zu proben. Dann zeigen alle

Gruppen ihre Szenen. Im Anschluss an jede Szene kann mit der Klasse ein

Gespräch über das geführt werden, was sie gesehen haben und wie sie darüber

denken.

Ziele:

Alter:

Material:

Dauer:

kreative Reflexion, Übung szenischer Darstellung

ab 12 Jahren

evtl. Requisiten

30 Minuten

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Übung: Szenische Religionskonflikte

Ablauf

Wieder werden die Schüler in Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe soll sich eine

Konfliktszene überlegen, die etwas mit dem Thema Religion zu tun hat. Hierzu

können als Vorbereitung verschiedene Zeitungsartikel gelesen werden.

In der erarbeiteten Szene soll nur dargestellt werden, was das Problem ist, nicht aber

wie das Problem gelöst werden kann. Die Szenen werden nun den anderen Gruppen

nacheinander vorgespielt. Im Anschluss an jede Szene können die Zuschauer

Vorschläge machen, wie das Problem gelöst wird. Nachdem die Klasse sich geeinigt

hat, welcher Vorschlag der beste ist, spielt die Gruppe nochmal ihre Szene und

versucht den vorgeschlagenen Problemlösungsansatz zu improvisieren. Wenn die

Gruppe schon etwas spielerfahren ist, kann man zusätzlich auch noch die Regel

integrieren, dass die Zuschauer klatschen dürfen, um weitere Vorschläge an die

Spieler zu geben, welche diese sofort aufgreifen.

Ziele:

Alter:

Dauer:

kreative Reflexion, Übung szenischer Darstellung

ab 12 Jahren

30 Minuten

2. NACHBEREITUNG DES THEATERBESUCHS

Übung: Recha und Kurt

Ulrich Hub hat den Klassiker „Nathan der Weise“ für Kinder bearbeitet. Er erzählt die

Geschichte aus der Perspektive von Kurt und Recha, die den Vorurteilen der

Erwachsenenwelt mit Unvoreingenommenheit, fragender Neugier und wachsendem

Zweifel begegnen. Die großen Konflikte zwischen den Religionen werden zu ihren

ganz persönlichen Konflikten.

In einer Szene aus „Nathans Kinder“ von Ulrich Hub wird Rechas und Kurts erste

Begegnung, nachdem Kurt Recha aus den Flammen gerettet hat. Die Szene kann

hier aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht abgedruckt werden. Das Stück ist

aber in einem Band für ca. 10 Euro erhältlich: Ulrich Hub „AN DER ARCHE UM

ACHT / NATHANS KINDER: Zwei Theaterstücke für Kinder.“

Ablauf

Lesen Sie die Szene mit Ihrer Klasse in verteilten Rollen.

Identifizieren Sie mit Ihren Schülern im Gespräch, welche Vorurteile Recha und Kurt

über den anderen und seine Religion haben.

Im Anschluss teilen Sie den Dialog mit Ihren Schülern in kurze Abschnitte. Wann

nehmen die beiden eine neue Haltung zueinander ein und ändern ihre Meinung über

den anderen? Wann beginnt ein neuer Gedanke?

Verteilen Sie die kurzen Abschnitte jeweils an ein Paar. Sollte die Anzahl der Schüler

und die Anzahl der Szenen nicht aufgehen, können Sie entweder jede Szene doppelt

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besetzen, oder jeder Gruppe noch einen oder zwei Regisseure zuteilen, die den

Spielern helfen. Jedes Paar soll nun miteinander an der Szene arbeiten und sie

einstudieren. Aufgabe ist es dabei eine klare körperliche Haltung zueinander zu

finden, die ausdrückt, was sie voneinander denken und füreinander empfinden.

Lassen Sie nun in der richtigen Reihenfolge jede Gruppe ihre Szene hintereinander

lesen und dabei ihre Haltung einnehmen.

Im Anschluss können Sie über die einzelnen Szenen diskutieren und die Gruppe

Vorschläge machen lassen, wie sie die Haltung / Bewegungen ändern würden.

Ziele:

Alter:

Material:

Dauer:

Annäherung an Figuren, Auseinandersetzung mit Intention und

Rhythmus des Textes

ab 12 Jahren

Text

40 Minuten

Übung: Talkshow

Ablauf

Die Klasse wird in mehrere Gruppen geteilt. Sechs Redaktionsgruppen erarbeiten

gemeinsam die Haltung der sechs Gäste der Talkshow. Eine siebte Gruppe bildet

das Moderatorenteam. Einführend wird allen erklärt welche Aufgaben die

unterschiedlichen Gruppen haben. Der / die Leiter/in stellt ein aktuelles Thema als

Diskussionsgrundlage bzw. lässt von der Klasse eines auswählen (siehe Beispiele

unten). Gegenstand der Show sollten aktuelle Themen im Zusammenhang mit

Religionen sein

- Umgang der Religionen miteinander

- Konflikte, die dabei entstanden sind

- Positionen, die von den einzelnen Repräsentanten vertreten werden

Zunächst bekommen alle Zeit ihre Aufgabe in der Gruppe vorzubereiten. Im

Anschluss findet die Talkshow statt.

Die Redaktionsgruppen:

Jede Redaktionsgruppe erhält eine Rollenkarte mit einer Kurzbeschreibungen eines

Charakters aus „Nathan der Weise“ und dessen Haltung zur Religion (siehe Anhang:

Daja, Recha, Tempelherr, Patriarch, Saladin, Nathan). Sie bekommen den Auftrag

sich zu überlegen, welche Meinung die Person gegenüber dem ausgewählten

aktuellen Thema vertreten würde. Der Auftrag kann auch darum erweitert werden,

dass die Gruppen zuerst selbst anhand von genannten Textstellen erarbeiten, wie

die Personen ihre eigene Religion darstellen und wie sie sich zu anderen Religionen

verhalten. Zusätzlich erhalten sie eine kurze Beschreibung der Rolle des Charakters

innerhalb des Stücks (siehe „Die Figuren“ S.4-5) – dies kann auch in der Klasse im

Gespräch erarbeitet werden. Ihre Aufgaben bestehen zum einen darin ein paar Sätze

vorzubereiten, mit denen ein Mitglied der Gruppe „ihre Person“ dem Publikum

vorstellt. Zum anderen wählen sie zum Schluss ein Mitglied aus, das die jeweilige

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Person während der Talkshow spielt. Die restlichen Mitglieder der Gruppe beteiligen

sich als Zuschauer – sie können durch gezielte Fragen „ihre“ Person unterstützen.

Das Moderatorenteam:

Das Moderatorenteam bereitet zum gewählten Thema Fragen und Problemstellungen,

die der / die Moderator/in in der Show verwenden kann. Die Gruppe kann

entweder eine/n Moderator/in auswählen oder (besser!) bei jedem Auftritt den

Moderator auswechseln. Das Moderatorenteam muss ebenfalls überlegen in welcher

Reihenfolge die Gäste nach und nach ins „Studio“ dazugeholt werden. Der jeweilige

Gast wird von einem Mitglied der jeweiligen Redaktionsgruppe angekündet und wird

vom Moderator begrüßt. Er / sie stellt ihr / ihm in der ersten Runde die vorbereiteten

Fragen, In der zweiten Runde wird das Publikum einbezogen, indem es Fragen

stellen oder Einwände formulieren kann. Natürlich ist insbesondere Diskussion unter

den Gästen erwünscht. In einer eventuellen dritten, abschließenden Runde sollen

Vorschläge gemacht und darüber diskutiert werden, welche Persönlichkeiten der

Zeitgeschichte mit dem Gast der Talkshow übereinstimmen und seine Argumentation

unterstützen könnten.

Aktuelle Diskussionsanlässe

Wenn heute in der Schweiz die Minarette oder in Frankreich der Ganzkörperschleier

verboten werden, kommen wir nicht umhin uns die Frage zustellen wie viel Toleranz

möglich und wie viel gut für uns ist. Zur Vorbereitung sollte man mit der Klasse am

besten ein Thema heraussuchen und diskutieren, das aktuell in der Presse

besprochen wird.

Ziele:

Alter:

Material:

Dauer:

Die Probleme des Theaterstücks auf die heutige Zeit auszuweiten und

die dort ausgesprochenen Problemfelder zusammen mit heutigen

Formen und Problemen des interkulturellen und interreligiösen Dialogs

zu betrachten

ab 14 Jahren

Rollenzettel

ca. 60 Minuten

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IV.

Literaturempfehlungen

Düffel, Peter von: Gotthold Ephraim Lessing. Nathan der Weise. Erläuterungen und

Dokumente. Stuttgart 2006

Drews, Wolfgang: Gotthold Ephraim Lessing. Reinbek bei Hamburg 1962

Kuschel, Karl-Josef: Jud, Christ und Muselmann vereinigt. Lessings Nathan der

Weise. Düsseldorf 2004

Lessing, Gotthold Ephraim: Die Erziehung des Menschengeschlechts. Stuttgart 1986

Küng, Hans: Der Islam. Wesen und Geschichte. München 2007

Carlo Maria Martini / Umberto Eco: Woran glaubt, wer nicht glaubt? Wien 1998

Probenfoto aus der Inszenierung am Salzburger Landestheater – Sascha Oskar Weis (Saladin), Gero

Nievelstein (Nathan), Cathrin Zellmer (Recha)

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V. Anhang

Rollenkarten für Talkshow

Daja

Textbeispiele

III / 1 (1531ff)

Daja

Dann hoff ich, daß auch meiner Wünsche wärmster

Soll in Erfüllung gehen.

(...)

Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Händen

Zu wissen, welche deiner würdig sind.

(...)

Sperre dich, soviel du willst!

Des Himmels Wege sind des Himmels Wege.

Und wenn es nun dein Retter selber wäre,

Durch den sein Gott, für den er kämpft, dich in

Das Land, dich zu dem Volke führen wollte,

Für welche du geboren wurdest?

III / 1 (1554ff)

Recha

Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!

Du hast doch wahrlich deine sonderbaren

Begriffe! »Sein, sein Gott! Für den er kämpft!«

Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott,

Der einem Menschen eignet? Der für sich

Muß kämpfen lassen?

I / 1 (150ff)

Daja

Laßt lächelnd wenigstens ihr einen Wahn,

In dem sich Jud’ und Christ und Muselmann

Vereinigen; - so einen süßen Wahn!

Mögliche Interpretation der Aussagen über Religion

In ihrer Meinung führt ausschließlich das Christentum zum Heil.

Eine Vereinigung der Religionen sieht sie als unmöglich an, einen „süßen Wahn“.

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Recha

Textbeispiele

III / 1 (1554ff)

Recha

Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!

Du hast doch wahrlich deine sonderbaren

Begriffe! »Sein, sein Gott! Für den er kämpft!«

Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott,

Der einem Menschen eignet? Der für sich

Muß kämpfen lassen?

III / 1 (1584ff)

Recha

Wenn war ich nicht ganz Ohr, sooft es dir

Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich

Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten

Nicht stehts Bewunderung; und ihren Leiden

Nicht immer Tränen gern gezollt? Ihr Glaube

Schien freilich mir das Heldenmäßigste

An ihnen nie. Doch so viel tröstender

War mir die Lehre, daß Ergebenheit

In Gott von unserm Wähnen über Gott

So ganz und gar nicht abhängt.

Mögliche Interpretation der Aussagen über Religion

Sie wendet sich gegen religiöse Schwärmerei und dagegen, dass jemand sich im Besitz des

einzig wahren Weges wähnt. Als zentrale Werte sieht sie Vernunft und Gottergebenheit.

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Tempelherr

Textbeispiele

II/5 (1213ff)

Tempelherr

Es ist des Tempelherren Pflicht, dem ersten

Dem besten beizuspringen, dessen Not

Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem

In diesem Augenblicke lästig. Gern,

Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit,

Es für ein andres Leben in die Schanze

Zu schlagen: für ein andres – wenn’s auch nur

Das Leben einer Jüdin wäre.

II/5 (1273ff)

Nathan

Ich weiß, wie gute Menschen denken; weiß,

Daß alle Länder gute Menschen tragen.

Tempelherr

Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort.

Nathan

Mit diesem Unterschied ist’s nicht weit her.

Der große Mann braucht überall viel Boden;

Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen

Sich nur die Äste. Mittelgut, wie wir,

Find’t sich hingegen überall in Menge.

Nur muß der eine nicht den andern mäkeln.

Nur muß der Knorr den Knuppen hübsch vertragen.

Nur muß ein Gipfelchen sich nicht vermessen,

Daß es allein der Erde nicht entschossen.

Tempelherrn

Sehr wohl gesagt! – Doch kennt Ihr auch das Volk.

Das diese Menschenmäkelei zuerst

Getrieben? Wißt Ihr, Nathan, welches Volk

Zuerst das auserwählte Volk sich nannte?

Wie? Wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht haßte,

Doch wegen seines Stolzes zu verachten,

Mich nicht entbrechen könnte? Seines Stolzes;

Den es auf Christ und Muselmann vererbte,

Nur sein Gott sei der rechte Gott! – Ihr stutzt,

Daß ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede?

Wenn hat, und wo die fromme Raserei,

Den bessern Gott zu haben, diesen bessern

Der ganzen Welt als besten aufzudringen,

In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr

Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt

Die Schuppen nicht vom Auge fallen ... Doch

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Sei blind, wer will! – Vergeßt, was ich gesagt;

Und lasst mich! (Will gehen.)

Nathan

Ha! Ihr wißt nicht, wie viel fester

Ich nun mich an Euch drängen werde. – Kommt,

Wir müssen, müssen Freunde sein! – Verachtet

Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide

Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind

Wir unser Volk? Was heißt denn Volk?

Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,

Als Mensch? Ah! Wenn ich einen mehr in Euch

Gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch

Zu heißen!

Tempelherr

Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!

Das habt Ihr! – Eure Hand! – Ich schäme mich,

Euch einen Augenblick verkannt zu haben.

III/8 (2130 ff)

Tempelherr

So – liebt der Tempelritter freilich, - liebt

Der Christ das Judenmädchen freilich. – Hm!

Was tut’s? – Ich hab in dem gelobten Lande, -

Und drum auch mir gelobt auf immerdar! –

Der Vorurteile mehr schon abgelegt. –

Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr

Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot,

Der mich zu Saladins Gefangnen machte.

Der Kopf, den Saladin mir schenkte, wär’

Mein alter? – Ist ein neuer; der von allem

Nichts weiß, was jenem eingeplaudert ward,

Was jenen band. – Und ist ein bessrer; für

Den väterlichen Himmel mehr gemacht.

Mögliche Interpretation der Aussagen über Religion

Der Tempelritter ist nach Jerusalem gekommen, um in den Kreuzzügen gegen die

„Ungläubigen“ Muslime zu kämpfen und das Heilige Land zu befreien. Durch die unerwartete

Gnade des Sultans, der ihm sein Leben schenkt, verändert sich aber sein Blick auf die

religiösen Konflikte. Er lehnt den Auftrag des Patriarchen ab, Saladin im Dienste des

christlichen Glaubens „den Garaus zu machen“ (I/5 669ff). Nichtsdestotrotz verhält er sich

Nathan gegenüber äußerst ablehnend, da er ein Jude ist. Als er ihn etwas kennenlernt,

ändert er jedoch seine Meinung und offenbart ihm, dass er nur die Haltung verachte, einzig

der eigene Gott sei der rechte Gott. Das Heraustreten aus der Rolle, die Darstellung der

menschlichen Position, für die es keine religiöse Beschränktheit gibt, beginnt in dem

Gespräch mit Nathan. Er erkennt in Nathan einen Gleichgesinnten (II/5). Die Auffassung,

dass der Mensch wichtiger ist als seine Religionszugehörigkeit, findet ihre Fortsetzung in der

Liebe des Tempelherrn zur vermeintlichen Jüdin Recha.

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Patriarch

Textbeispiele

IV/2

Patriarch

(...) Womit wär’ sonst

Dem Herrn zu dienen?

Tempelherr

Mit dem nämlichen,

Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rat.

Patriarch

Recht gern! – Nur ist der Rat auch anzunehmen.

Tempelherr

Doch blindlings nicht?

Patriarch

Wer sagt denn das? – ei freilich

Muß niemand die Vernunft, die Gott ihm gab,

Zu brauchen unterlassen, - wo sie hin -

Gehört – Gehört sie aber überall

Denn hin? – O nein! – Zum Beispiel: wenn uns Gott

Durch einen seiner Engel, - ist zu sagen,

Durch einen Diener seines Wortes, - ein Mittel

Bekannt zu machen würdiget, das Wohl

Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche,

Auf irgendeine ganz besondre Weise

Zu fördern, zu befestigen; wer darf

Sich da noch unterstehn, die Willkür, des,

Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft

Zu untersuchen? Und das ewige

Gesetz der Herrlichkeit des Himmels, nach

Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre

Zu prüfen? (...)

Tempelherr

Gesetzt, ehrwürd’ger Vater,

Ein Jude hätt’ ein einzig Kind, - es sei

Ein Mädchen, - das er mit der größten Sorgfalt

Zu allem Guten auferzogen, das

Er liebe mehr als seine Seele, das

Ihn wieder mit der frömmsten Liebe liebe.

Und nun würd’ unsereinem hinterbracht,

Dies Mädchen sei des Juden Tochter nicht;

Er hab’ es in der Kindheit aufgelesen,

Gekauft, gestohlen, - was Ihr wollt; man wisse,

Das Mädchen sei ein Christenkind, und sei

Getauft; der Jude hab’ es nur als Jüdin

Erzogen; lass’ es nur als Jüdin und

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Als seine Tochter so verharren: - sagt,

Ehrwürd’ger Vater, was wär’ hierbei wohl

Zu tun?

(…)

Patriarch

Dann wäre an dem Juden fördersamst

Die Strafe zu vollziehn, die päpstliches

Und kaiserliches Recht so einem Frevel,

So einer Lastertat bestimmen.

Tempelherr

So?

Patriarch

Und zwar bestimmen obbesagte Rechte

Dem Juden, welcher einen Christen zur

Apostasie verführt, - den Scheiterhaufen, -

Den Holzstoß –

Tempelherr

So?

Patriarch

Und wie viel mehr dem Juden,

Der mit Gewalt ein armes Christenkind

Dem Bunde seiner Tauf’ entreißt! Denn ist

Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt? –

Zu sagen: - ausgenommen, was die Kirch’

An Kindern tut.

Tempelherr

Wenn aber nun das Kind,

Erbarmte seiner sich der Jude nicht,

Vielleicht im Elend umgekommen wäre?

Patriarch

Tut nichts! Der Jude wird verbrannt! – Denn besser,

Es wäre hier im Elend umgekommen,

Als daß zu seinem ewigen Verderben

Es so gerettet war. – Zudem, was hat

Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott

Kann, wen er retten will, schon ohn’ ihn retten.

Tempelherr

Auch trotz ihm, sollt’ ich meinen, - selig machen.

Patriarch

Tut nichts! Der Jude wird verbrannt.

Tempelherr

Das geht

Mir nah’! Besonders, da man sagt, er habe

Das Mädchen nicht sowohl in seinem, als

Vielmehr in keinem Glauben auferzogen,

Und sie von Gott nicht mehr nicht weniger

Gelehrt, als der Vernunft genügt.

Patriarch

Tut nichts!

Der Jude wird verbrannt ... Ja, wär’ allein

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Schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt

Zu werden! – Was? Ein Kind ohn’ allen Glauben

Erwachsen lassen? – Wie? Die große Pflicht,

Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?

Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter,

Euch selbst ...

(...)

Auch mach ich ihm gar leicht begreiflich, wie

Gefährlich selber für den Staat es ist,

Nichts glauben! Alle bürgerlichen Bande

Sind aufgelöst, sind zerrissen, wenn

Der Mensch nichts glauben darf. – Hinweg! Hinweg

Mit solchem Frevel! ...

Mögliche Interpretation der Aussagen über Religion

Er stellt das christliche Dogma über die Vernunft und erhebt einen alleinigen religiösen

Herrschaftsanspruch gegenüber den anderen Religionen.

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Saladin

Textbeispiele

II/1 (866 ff)

Sittah

Hab ich des schönen Traums nicht gleich gelacht?

Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.

Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn

Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her,

Mit Menschlichkeit den Aberglauben würzt,

Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:

Weil’s Christus lehrt; weil’s Christus hat getan. –

Wohl ihnen, daß er so ein guter Mensch

Noch war! Wohl ihnen, daß sie seine Tugend

Auf Treu und Glaube nehmen können! – Doch

Was Tugend? – Seine Tugend nicht; sein Name

Soll überall verbreitet werden; soll

Die Namen aller guten Menschen schänden,

Verschlingen. Um den Namen, um den Namen

Ist ihnen nur zu tun.

Saladin

Du meinst: warum

Sie sonst verlangen würden, daß auch ihr,

Auch du und Melek, Christen hießet, eh’

Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?

Sittah

Jawohl! Als wär’ von Christen nur, als Christen,

Die Liebe zu gewärtigen, womit

Der Schöpfer Mann und Männin ausgestattet!

Saladin

Die Christen glauben mehr der Armseligkeiten,

Als daß sie die nicht auch noch glauben könnten!

Und gleichwohl irrst du dich. – Die Tempelherren,

Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen,

Als Tempelherren schuld. (...)

III/7 (besonders 1975 ff)

Saladin

Die Ringe! – Spiele nicht mit mir! – Ich dächte,

Daß die Religionen, die ich dir

Genannt, doch wohl zu unterschieden wären.

Bis auf die Kleidung, bis auf Speis’ und Trank!

Nathan

Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. –

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Denn gründen alle sie nicht auf Geschichte?

Geschrieben und überliefert! – Und

Geschichte muß doch wohl allein auf Treu

Und Glauben angenommen werden? – Nichts? –

Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn

Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?

Doch deren Blut wir sind? doch deren, die

Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe

Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo

Getäuscht zu werden uns heilsamer war? –

Wie kann ich meinen Vätern weniger

Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. –

Kann ich von dir verlangen, daß du deine

Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht

Zu widersprechen? Oder umgekehrt.

Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? –

Saladin

(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht. Ich muß verstummen.

Mögliche Interpretation der Aussagen über Religion

Saladin hat eine relativ differenzierte Sich tauf die Christen. Im Gegensatz zu seiner

Schwester Sittah lehnt er nicht alle Christen ab, sondern nur die Tempelherren. Er ist ein

Gott ergebener, gläubiger Moslem. Trotzdem lässt er sich von Nathans Ringparabel

überzeugen – er teilt seine Einstellung zur Gleichwertigkeit der Religionen.

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Nathan

Textbeispiele

II/5 (1273ff)

Nathan

Ich weiß, wie gute Menschen denken; weiß,

Daß alle Länder gute Menschen tragen.

Tempelherr

Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort.

Nathan

Mit diesem Unterschied ist’s nicht weit her.

Der große Mann braucht überall viel Boden;

Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen

Sich nur die Äste. Mittelgut, wie wir,

Find’t sich hingegen überall in Menge.

Nur muß der eine nicht den andern mäkeln.

Nur muß der Knorr den Knuppen hübsch vertragen:

Nur muß ein Gipfelchen sich nicht vermessen,

Daß es allein der Erde nicht entschossen.

Tempelherrn

Sehr wohl gesagt! – Doch kennt Ihr auch das Volk.

Das diese Menschenmäkelei zuerst

Getrieben? Wißt Ihr, Nathan, welches Volk

Zuerst das auserwählte Volk sich nannte?

Wie? Wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht haßte,

Doch wegen seines Stolzes zu verachten,

Mich nicht entbrechen könnte? Seines Stolzes;

Den es auf Christ und Muselmann vererbte,

Nur sein Gott sei der rechte Gott! – Ihr stutzt,

Daß ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede?

Wenn hat, und wo die fromme Raserei,

Den bessern Gott zu haben, diesen bessern

Der ganzen Welt als besten aufzudringen,

In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr

Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt

Die Schuppen nicht vom Auge fallen ... Doch

Sei blind, wer will! – Vergeßt, was ich gesagt;

Und lasst mich! (Will gehen.)

Nathan

Ha! Ihr wißt nicht, wie viel fester

Ich nun mich an Euch drängen werde. – Kommt,

Wir müssen, müssen Freunde sein! – Verachtet

Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide

Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind

Wir unser Volk? Was heißt denn Volk?

Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,

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Als Mensch? Ah! Wenn ich einen mehr in Euch

Gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch

Zu heißen!

Tempelherr

Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!

Das habt Ihr! – Eure Hand! – Ich schäme mich,

Euch einen Augenblick verkannt zu haben.

III/7 (besonders 1975 ff)

Saladin

Die Ringe! – Spiele nicht mit mir! – Ich dächte,

Daß die Religionen, die ich dir

Genannt, doch wohl zu unterschieden wären.

Bis auf die Kleidung, bis auf Speis’ und Trank!

Nathan

Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. –

Denn gründen alle sie nicht auf Geschichte?

Geschrieben und überliefert! – Und

Geschichte muß doch wohl allein auf Treu

Und Glauben angenommen werden? – Nichts? –

Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn

Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?

Doch deren Blut wir sind? doch deren, die

Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe

Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo

Getäuscht zu werden uns heilsamer war? –

Wie kann ich meinen Vätern weniger

Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. –

Kann ich von dir verlangen, daß du deine

Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht

Zu widersprechen? Oder umgekehrt.

Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? –

Saladin

(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht. Ich muß verstummen.

Mögliche Interpretation der Aussagen über Religion

Durch das erzählen der Ringparabel bekundet Nathan seine Meinung, dass die Religionen

gleichwertig sind – sogar gottgewollt gleichwertig begründet wurden. Im Kern sieht er

Religion als eine Quelle der Kraft an, die man braucht, um Gutes zu tun. Gottergebenheit

sieht er als Anlass zu guten Taten.

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