BOGART 18 (BeOurGuestARTist)

reinhard46

Das Gießener Mitmachmagazin für Creative
– Aktuelles und Zeitloses aus Kunst-Kultur-Comic

BE OUR GUEST, , ARTIST!

BOGART

Aktuelles und

Zeitloses aus Kunst, Kultur & Comic

DAS GIESSENER

MITMACHMAGAZIN

FÜR CREATIVE

Nr. 18 - 2013/14 | Dez./Jan./Feb.

6/7. Jahrgang | € 3,90

© Reinhard Müller-Rode

RAINER MÜLLER:

Erhabene Strukturen

in markanten Materialien

ALEX HEITZ:

Lebendige Bilder

ganz eigener Art

IM DUTZEND DRECKIGER:

ComicheldInnen

zwischen Gut und Böse


INHALT

KUNST – KULTUR

INSIDE BOGART: Rückblick · Einblick · Ausblick

RAINER MÜLLER: Erhabene Strukture in markanten...

SINGER/WOSILAT/WICKLEIN: "Madrina della Luce III"

ALEX HEITZ: Lebendige Bilder ganz eigener Art

RALF SCHWEIGER: "Mitmenschen"

HMK-Poster: "Everybody 's playing Pop-Muzik"

Heimische LiedermacherInnen: Immer unterwegs

WERKSTATT OGONJOK: Der Pfeil der Freiheit

POPCORNER: G. Martin und die Abbey Road-Studios

MUSENKELLER: Beifall ist des Künstlers Lohn

BUCH ZUM 50.: Til Schweiger - Der Mann, der bewegt

FRANKFURTER BUCHMESSE: Klös, Göttlicher, Siller

WINTER 2013/14: Gizmorians-3-Mon.-Kalendarium

– COMIC

FRANKFURTER BUCHMESSE: Faszination Comic

SUPERCHATTER (3): Law & Order in der Plockstraße

100 JAHRE COMIC: Von Altamira nach Entenhausen II

Im Dutzend dreckiger: ComicheldInnen zwischen gut...

Li'l Sushi goes Yokohama...: "Broken Blossom-...."

Die nächste Ausgabe erscheint

am 1. März 2014

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mal ernsthaft

mal rätselhaft

mal augenzwinkernd

BOGART

BeOurGuestARTist

Das Gießener Mitmachmagazin für Creative

Redaktion, Gestaltung und Realisation:

Reinhard Müller-Rode

c/o MediaART-Werbung

Lonystraße 19, 35390 Gießen

Tel.: 0641.9845451, email: r.mr@gmx.de

Mitarbeit:

Hans-Michael Kirstein,

Sascha A. Wanke, GIZMORIAN

www.gi-mix.de/bogart

Verantwortlich im Sinne des Presserechts: Reinhard Müller-Rode

© 2012 für alle Beiträge liegt beim Verlag bzw. den Autoren; alle

Rechte vorbehalten. Die auf § 49 UrhG gestützte Übernahme

von Artikeln in gewerbliche Pressespiegel bedarf der vorherigen

schriftlichen Zustimmung des Verlags.

EDITORIAL

3Steps

| Schlammbeisser mbe

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Giessen en 2012 2(

(Schlachthof/Konrad-Adenauer-Brücke)

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-Brück

e)

Hielten einst Kanalarbeiter mit ihrem Werkzeuggestänge die Gießener Gassen von Müll, Unrat

und Fäkalien fern, sorgen inzwischen die neuzeitlichen "Schlammp-Eiser" mit Farbroller und

Spraydosen dafür, dass hierorts marodierende Gebäudefl ächen nicht "beschissen" aussehen.

– Aus der in 80ern von New York ausgehenden Subkultur hat sich Graffi ti zur zeitgenössischen

Kunst weiter entwickelt, die Werbung, Medien und Mode innovativ beeinfl usst. So setzen die

lokalen Protagonisten von "3Steps" ihre langjährige freikünstlerischer Erfahrung seit 2012 auch für

"klassische" Kampagnen in eigener Werbeagentur (Bleichstraße) um. Gemäß der Intention von

Street-Art bleibt auch in Gießen das wertschöpferische Spiel mit Formen, Farben und Inhalten gemäß

manischer Mundart für die Öffentlichkeit frei zugänglich: "Tsch' dickno Lowi" ("Für wenig Geld")...

flusssgeschichten.de | 3steps.de

Werbung ist Kunst. Kunst ist Werbung.

"Warum ist Werbung Kunst, Herr Schirner?" – "Weil ich sie dazu

erklärt habe. Die Werbung hat heute die Funktion übernommen,

die früher die Kunst hatte: die Vermittlung ästhetischer Inhalte ins

alltägliche Leben," äußerte der Werbe-Guru schon 1985 im FAZ-

Gespräch mit S. Turner.

'Werbung ist für uns heute eine Kombination aus zielgerichteter

Funktionalität und dekorativer Ornamentik. Zudem unterliegt

sie dem profanen Diktat der Marktwirtschaft, welches wir in

ungebrochener Naivität für die Kunst negieren. Im Unterschied zu den schönen

Künsten sehen wir in der Werbung kein Medium zur Verfolgung höherer Ziele und

auch keinen Ausdruck tiefgründiger Ideen," beschreibt Raymund Heller eine

Hierarchie, die bis heute gültig ist, deren Normen und Regeln Charles Wilp

kalkuliert durchbrochen hat.

Im Versuch Werbung ein positives Image

zu verpassen, wurde die Ausstellung “Le

Communique” von Leo Burnett an einem Uni-

Campus inszeniert. Jedes ausgestellte Werk

war eine Werbeanzeige, der einfach das Logo

der werbenden Firma entzogen wurde. Und

schon waren die bildgewaltigen und klugen

Werke Kunst, die von den selben Studenten,

die keine Zukunft für (sich in der) Werbung

sehen, bestaunt wurden (Quelle: danielrehn.

wordpress.com).

Die seit 1983 selbständige Künstler und

Publizisten arbeitnehmerähnlich in der Krankenund

Rentenversicherung bezuschussende

KSK (kuenstlersozialkasse.de) reiht bildende, "Nimm mit! - Kost' nix!": Die neue

musische, darstellende, schreibende und Kunstkarten-Galerie in der KATE.

werbende Tätigkeit übrigens gleichrangig ein.

Mit Werbung à la ART sorgt auch das neue mediale Freikarten-Projekt

goGIESSENcards als Symbiose von Könnern und Gönnern für wechselseitige

Wertschätzung und -schöpfung. Die in regelmäßigen Abständen neu bespielte

Wandgalerie hat sich inzwischen an vielen lokalen Szenetreffs als "Mini-Museum"

öffentlichkeitswirksam etabliert. – Und BOGART hängt an diesem grandiosen

Marketing-Konzept in Reinkultur mit dran...

Reinhard Müller-Rode

Das Mitmachmagazin für Creative

Bogart 3


INSIDE

EINSAMER MANN

Der einsame Mann

versteht nicht

warum seine

Apfelkörner

keinen Baum

in den Himmel

wachsen lassen

Der einsame Mann

verrät nicht

seine

Träume

weil kein Passant

stehen bleibt

um sie zu hören

In der vorherigen Ausgabe noch mit seinem Programm-Slogan Ist das Kunst, oder kann

das weg? zitiert, wenig später von PAUL in Hamburg fotografiert und seit Anfang Oktober

stadtübergreifend in München plakatiert: "Blödel-Preuße" Mike Krüger. Den in "Urzeiten"

vom Foto-Assi bemerkten Konzertbesuch in Begleitung der Mutter bespaßte der Comedian

furztrocken "Du kamst mir gleich so bekannt vor...!"

Sascha A. Wanke

Mehr vom Autor zu lesen und zu hören

gibt es im 60seitigen Gedichtband

"Augenblicke" mit Zeichnungen

von Otti Wanke (u.a. bei Amazon/5.95)

und auf Audio-CD für 5.95 direkt bei

autor-wanke@gmx.de.

Ob bei den beliebten Themenparties im

heimischen Musikkeller HAARLEM

(Bilder oben und links) oder nationalen

Partyevents, das Gießener Sangestalent

Natalie Malik (s.a. BOGART 8) weiß hier sowohl

mit Stimme als auch jetzt vor und hinter der

Kamera stets, wie man sich und das Publikum

bestens in Szene setzt.

Über die Kultstätte in der Schanzenstraße bietet

sie neben stimmungsvollen und attraktiven

"Schnappschüssen" rund um den Dancefloor

den Partygängern auch "EINMALIKe" Shootings

in anderer Kulisse an.

Info und Kontakt: einmalik fotografie

Mit Weltmeistern und Weltstars fast

auf Augenhöhe: Vitali Klitschko,

Diego Maradonna, Scorpions

Schenker und Meine.

4 Bogart

Das Mitmachmagazin


RUECKBLICK EINBLICK AUSBLICK

Mit einem klassischen

"A-A"– Effekt feierten

die jetzt schon kultigen

...aber bitte mit A!!! goGIESSENcards –

inzwischen an zehn

lokalen Szenetreffs präsent – ihre Premiere im

KAFFEE WOLKENLOS (Henselstraße): Die

Vornamen intendierte Sinnspruchkarte – eine

konzertierte Aktion mit den KLIMBIM- und

RITZI'S-Protagonisten – typisierte KW-Inhaber

Haiko Schimpf mit schnödem E statt seinem

prägenden A. - Ob der 1000fache Fehldruck

daraus mal seinen Sammlerwert generiert, wird

allseits versöhnend erwartet...

a

Stadttheater-

Mimen (II)

2 x ROSSI im einzigen Sofortbild-Kalender der Welt

Mit einer Interpretation des Gebrüder Grimm Märchens Schneewittchen (Sonntag, 23. November

2014) und dem Emotion-Porträt Just Jazz von seiner langjährigen Assistentin (2.11.)


ist

der Gießener Lifestyle-Fotograf Christoferos Mechanezidis (stolenmoments.de) in der dritten

Auflage des POLADARIUM 2014 doppelt prominent vertreten. In dem

Abreißkalender,

wie man ihn aus

Großmutters

Küche kennt, erscheint

auf der

Vorderseite jedes

Kalenderblattes

das Polaroid in

Originalgröße,

auf der Rückseite

eine kleiner Text

zur Entstehung

des Bildes sowie

Informationen

zum Fotografen

und zum verwendeten

Film.

"Für das Snow-

White-Shooting

hatten wir 10 kg

Äpfel am Set",

Einst Geheimtipp jetzt populär:

Mozarts große Choroper

IDOMENEO

18. Januar 2014

SUNDAY 23 NOVEMBER

merkte Rossi an", der dabei die SX 70 Land Camera einsetzte. – Der hochwertig lackveredelte

und schwarz geleimte Jahresbegleiter mit 365 Abbildungen wird in stabiler Sammelbox

vom Kunst- und Fotobuchverlag seltmann+söhne (Lüdenscheid/Berlin) mit Aufsteller und

Aufhänger zum Preis von 24,90 € (excl. Versand) geliefert. Weitere Infos zu dem Projekt und

gleichzeitig der Aufruf an die Szene, 2015 dabei zu sein, findet sich unter poladarium.de.

»Guck mal, Anna Isdath!«

Die für die Gießener Werkstatt Ogonjok

schriftstellernde ANNA ISDATH (Bogart

16, 17) zälhlte – wie schon bei FLUSS MIT

FLAIR 2013 – zu den meist fotografierten

Attraktionen der diesjährigen FRANKFURTER

BUCHMESSE. Der mit 24 Brillen drapierte

Herrenhut zog einmal mehr die Rezipienten

an, um sie spontan vom Bildhaften zum

Begrifflichen wandern zu lassen. Mit dem vorm

Körper getragenen Gedicht „Vom Aha-Effekt“

erweckte das androgyn anmutende Sandwich-

Wesen außerdem Assoziationen über das

Blicken, den Durchblick, über Mittelbarkeit

oder Unmittelbarkeit des Begreifens. Die

Performance „Die Brille für den ersten Blick“

liegt in Buchform (11 €) beim Synergia-Verlag

vor. Über Person und Projekt gibt es weitere

Infos unter offensive-ogonjok.de

Foto: Gisela Willner

für Creative Bogart 5


Rainer MuEller:

erhabene Strukturen in markanten materialien

3

2

1

Rainer Müller hat sich über sein geradezu

"verschlingendes" Interesse an moderner

Kunst, besonders der zeitgenössischen,

zum eigenkreativen Gestalten entwickelt.

In seinem Schaffen erweist er sich als ein

blitzgescheit reflektierender "Schwamm", der die Konventionen, Mechanismen

und Manierismen der internationalen Kunstentwicklungen nach

1960 selektiv aufsaugt und mit experimenteller Trennschärfe seine individuellen

Repertoiremomente kreiert.

Abstraktion, Materialbilder, neue Figuration oder Pop Art: mit viel Energie

und einem klar strukturierten artifiziellen Formulierungswillen gestaltet der Künstler mittelund

großformatige Gemälde und reliefhafte Assemblagen.

Die hier vorgestellten Artefakte zeigen pars pro toto eine meisterliche Bandbreite seines

Werkkanons. Blau eingefärbtes Leinen, im Hochformat virtuos zum konotationsträchtigen

Relief-Bild verformt, lädt den Betrachter

emotional und geistig zur Begehung ein.

Eine mysteriöse Drahtfigur, einer bestimmten

"Haus-" Ikonographie

verpflichtet, mag den verrasterten

und vermessenen Homo

sapiens der Neuzeit widerspiegeln.

Eine bearbeitete

Metallplatte,

als

Materialträger

gleichsam der "Set"

für Bilderzählung und

technische

Stofflichkeit,

zeigt eine der

wesentlichen Richtungen

des Oeuvres.

Ein leichter Appell

an

Gestalthaftigkeit

und deutbare Gegenständlichkeit

verbindet

sich mit einem

könnerhaft

verbundenen

Materialmix

zu einem stimmigen

Kunst-Werk!

Zweifelos

bewegt

sich der Gestalter

Rainer Müller in einem

eher hermetisch

angelegten

Winkel

zeitgenössischer

Kunstmentalität; der

Abstraktionsgrad des

Dargestellten und die

hochexperimentelle

Verwendung von Arbeitsmaterialien in ihrer

furiosen Konsequenz machen den kreativen

"Spätentwickler" Rainer Müller sehr rasch

zu einem der markantesten Kunstschaffenden

der Region.

Der begabte Eklektizist entwickelt sich in

wenigen Jahren zum Werk-Meister mit individueller

Typisierung! Hans-Michael Kirstein

6 Bogart

Das Mitmachmagazin


8

RAINER MÜLLER (Jahrgang 59)

Leiter der Martin-Luther-Schule

in Buseck

Das Ethos seines pädagogischen

Berufes ist kongruent zu seiner

Kunst. Pestalozzis Prinzip mit

„Kopf, Herz und Hand“ findet

sich vielschichtig in seinen

Bildern wieder.

Ausstellungen: 2010, 2012

www.rainermueller-art.de

5

4

1 Hinter der Leinwand, Multiple (2013) 50 x 60 cm / 2 Lokalola, Draht-Acryl (2012) 160 x 50 cm

3 Splashnob, Multiple (2012) 133 x 112 cm / 4 Blau 42, Leinen-Acryl-Leim-Pigment (2012) 150 x 90 cm

5 Die dicke Berta, Acryl (2013) 120 x 100 cm / 6 Hagens Männer ( Wagner Zyklus ), Acryl-Öl-Holz-Metall l auf Blech

(2013) 100 x 100 cm / 7 My Chili, Multiple (2013) 200 x 20 cm / 8 Ballungsgebiete, Leinen-Leim (2011) 1)

Foto/Repros: Reinhard Müller-Rode

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für Creative

6

Bogart 7


Madrina Della Luce

Markus Singer / Johannes Wosilat (Bilder) / Anna Maria Wicklein

„Piagata-

Von Wunden

bedeckt“

Im Garten der Villa Accardo wiegte der Nachtwind die

Baumkronen und Mondlicht brach hindurch. Die Luft

hatte die Wärme des Tages verloren und es duftete

nach Hyazinthen. Männer schritten monoton durch die

Dunkelheit, ihre Blicke erforschten jeden Winkel. In der

Zimmerecke stand der kleine Schreibtisch der Tochter. Vida

saß auf dem viel zu kleinen Stuhl und wartete, die Hände

im Schoß verkrampft, bis die Uhr die rechte Zeit gab, dann

stand sie auf. Ein Mann sah vom Garten aus das Licht im

Kinderzimmer erlöschen, marschierte aber weiter. Lautlos

öffnete Vida die Tür des Kinderzimmers und trat in den

Flur. Ebenso leise wurde die Tür verschlossen. Sie setzte

sich zwei Zimmer weiter zu ihrem Mädchen. Dieses atmete

gleichmäßig und leise. Als das Blau weit über den Horizont

gestiegen war ging Vida ins Bad und sah in den Spiegel. Die

Müdigkeit, die Nacht, die Jahre: Deutlich sah sie sich selbst.

Später öffnete sie die Badezimmertür und heraus trat eine

Frau in eleganter Kleidung, straffe Frische im Gesicht, wache

Augen. Vor dem Sofa stolperte Vida. Es verlangte viel ihrer

Kraft um auf die Beine zu kommen, dann weckte sie ihr Kind.

Während der morgendlichen Routine suchte die Tochter stetig

den Blick der Mutter. Immer wieder stoppte Amaranta worin

sie gerade begriffen war. Die Mutter führte wortlos weiter, was

die Tochter unterbrach. Vidas Hände machten das Mädchen zur

Puppe, zu einer Maschine, die man immer wieder aufs Neue

anwerfen musste. Als Vida und Amaranta vor dem Kinderzimmer

vorübergingen griff die Tochter nach der Türklinke. Vida zog

sie weiter. Amaranta stiegen Tränen in die Augen und sie fing

leise an zu weinen. Männer patrouillierten um das Haus. Die

Morgensonne trieb die Kälte aus den Knochen und sie reckten

sich. Die Mutter hockte vor die Tochter und zog sie zu sich.

Mit den Händen nahm Vida das kleine Gesicht und wischte die

Tränen fort, dabei kamen ihr selbst die Tränen. Ein Wachmann

öffnete die Haustüre und trat herein. Die Mutter begann zu

zittern. Sie hatten es fast geschafft: Die Treppe hinunter, durch

die Tür, durch den Garten, zum Auto, weg. Sekunden dauerte

das und jetzt, nach Stunden des Wartens, verlor sie die Fassung.

Dann wischte die Tochter die eigene Tränen aus den Augen und

sah ihre Mutter an. Die Schrittgeräusche in der Eingangshalle

verschwanden in einem Zimmer des Erdgeschosses.

Irgendwo klingelte ein Telefon und Vida blickte auf. Sie hastete

mit ihrer Tochter die Stufen hinab und ging zur Haustüre. Im

Rücken der beiden erschien der Valletto, das Telefon in der Hand.

Geschwind lief er die Treppen hinauf. Vida warnte ihn, ihr Mann

würde noch fest schlafen und er habe ihr gesagt, er wolle von

niemandem gestört werden. Es fuhr ihr durch den Kopf: Wäre

dies die Wahrheit, dann hätte sie das beim Valletto melden

müssen, statt einfach zu gehen. Er sah sie an, als befände sich

der selbe Gedanke auch hinter seiner Stirn. Die Angelegenheit

verlange aber die sofortige Aufmerksamkeit des Herrn, erwiderte

der Valletto sehr höflich und ging weiter. Dann solle er zunächst

leise klopfen, sagte Vida, als sie die Haustüre öffnete und mit der

Tochter hinaustrat. Der Valletto verschnellerte seinen Schritt.

Vida ließ die Türe offen stehen und zerrte Amaranta mit sich. Die

Blicke der Wachmänner folgten ihnen. Geraden Weges steuerte

Vida durch den Garten auf das kleine Tor zu, hinter dem der

Wagen in der Sonne stand. Die Beine des Mädchens kamen

der Mutter kaum hinterher und diese nahm die Tochter auf den

Arm. Einer der Wachmänner sah Amarantas Gesicht, sah ihre

Tränen. Im selben Moment trat der Valletto die Balkontüre auf

und Vida rannte los. Das Gebrüll der Verfolger lag ihr im Rücken,

das Weinen der Tochter schallend in den Ohren und die Männer

hetzten ihr hinterher. Vida riss die Tür zum Sportwagen auf und

warf das Mädchen regelrecht auf den Beifahrersitz. Sie rammte

den Schlüssel in die Zündung, im Lack der schwarzen Schönheit

spiegelten sich die Verfolger. Dreihundertsechzig Pferdestärken

ließen die Luft um den Wagen vibrieren, das kraftvolle Kreischen

von sechstausend Umdrehungen machte ihn zum Zentrum der

Welt und von der Leine gelassen wie ein Dobermann schoss er

hinaus auf die Straße.den Schädel und des Mannes Seele fuhr

ihm aus und hinab.

Die Straßen um den See waren äußerst schmal. Auf der einen

Seite die zerklüftete Felswand, auf der anderen die Leitplanke

als einzige Trennung zwischen Fahrzeug und Wasser. Eine

Kurve schlug die Leitplanke gegen die Seite des Wagens und

riss ihm, der Länge nach, den Lack fort. Die Tochter kreischte

und schluchzte. Vom Rückspiegel blitzte Licht: Das Fahrzeug

der Verfolger! Am weit entfernten Hang des anderen Ufers sah

Vida die ausgebrannten und überwucherten Reste der alten Villa

Reale. Sie trat das Gaspedal durch. Das Verfolgerauto fiel zurück.

Für einen Moment entfachte sich Euphorie. Gegen die Nadel für

den Füllstand des Tanks hatte die Euphorie aber keine Chance.

Noch einige Hundert Meter voraus erschien, nahe der alten Villa,

weiter unten am Berg gelegen, eine Ansammlung verlassener

Steinhäuschen. Ein winziges Dörflein, in dem vor Jahrzehnten

Schieberbanden Schwarzhandel betrieben hatten.

Der Wagen, die Reifen starr, schob quietschend seine Masse

über das Pflaster des leeren Dorfplatzes. Kaum zum Stehen

gekommen stieß Vida die Fahrertür auf, sprang aus dem Wagen,

rannte zur Beifahrertür und hob Amaranta heraus. Man hörte den

Motor des Verfolgerautos. Die Beiden ließen den Wagen stehen

und flohen in die verwinkelten Gassen. Steine unterschiedlicher

Größe und Graufärbung bildeten Wege, Mauern und Häuser.

Aus den Zwischenräumen heraus drang das Moos. Zeit und

Witterung nagten an Gebäuden und Gassen und hatten ganze

Teile herausgebissen.

Etliche Windungen verhinderten, mehr als nur ein paar Meter

des vorausliegenden Weges zu ersehen. Hinter jeder Ecke konnte

das Ende lauern. Schlag auf Schlag tauschten Erleichterung

und Panik die Plätze. Zwischen den engen Wänden sprangen

die Echos, der sie verfolgenden Schritte, umher. Vidas Muskeln

brannten und erlahmten. Sie schaffte es noch um eine Ecke, dann

entglitt die Tochter ihrer Umarmung. Im Moment da ihr die Last

genommen war, nahm ihr Körper, in seinem Schmerz, soviel

Kraft aus den Beinen, dass Vida zu Boden sackte. Sie keuchte

vergeblich. Die Kraft floss nur so aus ihr heraus.

Als kleines Mädchen war sie auf jede Art und Weise aufgerissen

worden. Jedes Mal hatte sie viel von ihrer Kraft herausgeblutet.

Damals flickte man die Wunden notdürftig zusammen, um

zu retten, was an Kraft noch übrig war. Dennoch blieben es

schwärende Wunden, aus denen weiterhin die Kraft sickerte.

Und jetzt waren alle diese Wunden aufgebrochen. Dieses Mal

zum letzten Mal und unverschließbar.

Schnelle Schatten huschten geschwind zwischen den

Steinhütten hindurch.

Ein Tiefpunkt ist das Ende nicht,

zeigt nur uns‘re Menschenpflicht;

die Wahl des Herzens:

Feigheit oder Licht.

8 Bogart

Das Mitmachmagazin


(Taufpatin des Lichts) Kurzroman in 3 Folgen (1II)

Vida überkam der Schwindel. Ihre Hand streckte sich dem Boden

entgegen, aber die Tochter packte zu. Das Mädchen zerrte an der

Mutter, ohne Erfolg. Die Mutter wollte schreien, so sehr hasste

sie sich dafür.

Sie hob ächzend den Kopf, sah die Kleine, sah, wie all ihre Kraft

ihr nicht half, die Mutter zu retten. Diese Situation war verkehrt

und sie war falsch. Auf ihrem Grund, in ihrem Kern, in ihrer

Essenz war sie falsch, falsch, falsch. Damit hatte das Denken ein

Ende, aber der Gedanke blieb und der Körper bewegte sich.

Mit Hilfe von Amaranta kam Vida auf die Beine. Sie blickte

voraus und sah die alte, von Schlingpflanzen überwachsene

Villa ihrer Kindheit. Das Gebäude stach aus dem Hang wie ein

Fremdkörper, der Haut penetriert. In Fetzen und Teppichen hing

die Bewucherung über den Mauern und vom Dach herab. Das

Erdgeschoss wurde von der Flora im Ganzen verhüllt. Die leeren

Fensterdurchlässe rahmten tiefstes Schwarz. Vida und Amaranta

stiegen über das dichte Netz der Pflanzen, hinauf zu einem

Fenster im ersten Stock und verschwanden in der Dunkelheit.

Die beiden standen am einen Ende des Flures. Ihnen gegenüber,

am anderen Ende, lag eine steinerne Wendeltreppe. In

regelmäßigen Abständen fiel Licht in den Flur und teilte ihn in

helle und dunkle Stücke. Außerhalb flogen Wortfetzen umher.

Die Männer erreichten die Villa. Drei schlugen ihren Weg durch

die Vegetation, um ins Erdgeschoss zu gelangen. Einer folgte

Mutter und Tochter auf direktem Wege ins Innere. Vida schob

ihre Kleine die steinerne Wendeltreppe hinauf, da sah sie den

Mann im Gang stehen, eine Pistole im Anschlag. In ihrer Hast

verrenkte Vida den Oberkörper zu einer Ausweichbewegung. Der

Mann feuerte und vor ihrem Kopf schlug eine Kugel in die Wand.

Steinsplitter sprangen Vida in die Augen und ihr Fuß verfehlte die

nächste Stufe.

Samt Tochter fiel sie rücklings und verkeilte sich, am Fuß der

Wendeltreppe, unter dem Mädchen.

Der Mann brüllte nach seinen Kollegen. Plötzlich wurden außen

mehrere Waffen abgefeuert. Der Mann fuhr herum, ging in

die Knie und drückte sich an die Wand. Von außen hörte man

Gebrüll und Feuerstöße. Vida packte ihre Tochter und raffte sich

energisch auf.

Der Mann behielt Ausgänge und Fenster im Auge, entschied

aber noch einmal auf die Beiden anzulegen. Bevor er den Abzug

betätigte riss ihm eine Kugel das Knie auf. Er kippte in die Mitte

des Ganges und feuerte auf den Mann von der Interna im Fenster.

Eine weitere Kugel drang in seinen Magen, dann schoss er dem

Mann von der Interna in den Hals. Diesen riss die Kugel ansatzlos

aus dem Fenster.

Im Augenwinkel sah Vida den Verwundeten aufstehen. Sie

packte die Kleine und rannte die Wendeltreppe hinauf. Gebückt

humpelte der Mann den beiden hinterher.

Die Wendeltreppe hatte man in die Ecke der alten Villa gebaut.

Über ihr war das Dach eingefallen und zeigte ein großes Loch.

Durch dieses sah man Himmel und Wolken. Am Rand des Loches

stand eine schwere, verrostete Tonne. Am Ende der Treppe

angekommen huschten Mutter und Tochter durch die kahlen,

unverputzten Räume. Schlingpflanzen überwucherten sämtliche

Fenster. Kein Balkon und auch sonst keine Möglichkeit zum

steilen Hang hinter dem Haus hinüberzugelangen: Endstation.

Stufe um Stufe verteilte der Mann ächzend sein Blut. Aber da

war es, das einzige freie Fenster! Vida beugte sich hinaus. Freier

Fall in die Tiefe, keine Chance. Dann sah sie den Pflanzenteppich

wülstig vom Dach herabhängen.

Graue Haut im Gesicht, wackelig auf ein Bein gestützt, arbeitete

sich der Mann die Treppe empor. Unten fiel ein einzelner Schuss

und jemand stöhnte, noch zwei Schüsse und dann herrschte

Stille. Mit letzter Kraft zog Vida ihren Körper am Pflanzenteppich

hinauf auf das Dach. Der Mann erreichte die oberste Stufe und

erblickte die Tochter, wie sie still in der Ecke stand. Er stützte

sich am morschen Holzgeländer und sah nach der Mutter. Das

Bruchstück eines Ziegelsteins schmetterte von oben gegen sein

zerstörtes Knie. Er schrie auf, knickte ein und blickte hoch. Vida

stieß die Tonne über den Rand des Loches im Dach und diese

preschte ihm entgegen. Die Tonne rammte den Mann durch

das Holzgeländer, schmetterte ihn in die Stufen und brach sein

dürres Genick wie einen Zweig.

(bitte umblättern)

für Creative Bogart 9


Madrina Della Luce Taufpatin des Lichts (1II)

Oben auf dem Dach, in den Wolken, stand Vida, die Mutter.

Später beobachteten Vida und Amaranta, wie die Interna den

letzten der Männer verhaftete. Mutter und Tochter traten aus

dem dunklen Inneren der Ruine und hinaus ans Licht. Die Interna

hatte die Ausreise geplant und die Unterbringung eingerichtet.

Der Wagen stand am Straßenrand und die Zukunft wartete.

„Calma-

Die Stille“

Vida Ylenia, die Mutter, und Amaranta Vida Caprice, ihre Tochter,

standen am Ufer des Sees, blickten über das Wasser und es sah

nach Regen aus. Tochter und Mutter waren beieinander und es

war gut, das Flüstern aus der Tiefe verstummt. Dann geschah

etwas Seltenes; lange Jahre hatte Vida die Erinnerung daran

verdrängt: Der Regen kam das Ufer entlang. Sie wandte nicht

den Kopf, in festem Bewusstsein dessen, was da kommen würde.

Der Regen und sein Wolkenreiter, Chaos, sinnlose Hast und

Dunkelheit. Es wird vorübergehen, wusste sie, denn die Kraft war

bei ihr. Der Wind schnitt ihr in die Augen.

Was aber kümmert eine Frau der Wind?

Was kümmert sie der Regen?

„La Fine

das Ende“

Autor:

Markus Singer (markus.singer@live.de)

Fotografie + Bildbearbeitung:

Johannes Wosilat (www.wosilat.de)

Gestaltung:

Anna Maria Wicklein (www.herzblut-studio.de)

Models:

Vida Ylenia Scorrano (Mutter): Elena Beser

Amaranta Vida Caprice (Kind): Sophie Alexandra Beser

© 2011

Alle Rechte vorbehalten.

Das Buch oder Teile dieses Textes dürfen ohne die schriftliche Genehmigung

der Herausgeber nicht vervielfältigt, in Datenbanken gespeichert oder in

irgendeiner Form übertragen werden.

Markus Singer

Dipl. Mediendesigner

Seine Welt ist Wort, ist Bild - ist Story.

Den Bachelor of Arts erwarb er 2009 an der Lazi Akademie in

Esslingen am Neckar mit dem Schwerpunkt „Schreiben für den

Film“. Im Anschluss folgte 2010 das weiterführende Studium an

der Interspherial Drehbuchschule in Stuttgart.

Als freiberuflicher Texter und Autor findet er Story in der

Dramatik wie der Lyrik. „Story ist, was uns zu den Menschen

macht, die wir sind. Story ist Kraft.“ Selbsterklärtes Ziel des

jungen Autors ist es ganz nah an diese Kraft zu kommen, dort zu

sein – dort zu arbeiten.

Johannes Wosilat

Dipl. Fotodesigner

„Don‘t think... feel!“

Seit 2008 positioniert Johannes Wosilat Serien wie Einzelwerke

in den Segmenten Werbung, Fashion und People. Leidenschaft

und Innovation verbinden Licht, Mode und Mensch durch

einwandfreies Handwerk, Einfühlungsvermögen und Liebe zum

Detail.

Den Bachelor als Fotodesigner erwarb er 2010 und bestand mit

der „Auszeichnung für hohen Standard“. Kreation nimmt ihren

Anfang in Emotion. Diese Wahrheit schafft das Credo, welches

seinen Arbeiten voransteht: „Don‘t think... feel!“

Anna Maria Wicklein

Dipl. Designerin

(Fotografie + Bildbearbeitung /Gestaltung des Buches)

Nach einer Ausbildung als Mediengestalterin und darauf

folgendem Studium erwarb Anna Wicklein den Bachelor in

Kommunikations- und Grafikdesign 2011 an der Lazi Akademie

in Esslingen mit einer „Auszeichnung für Bestleistungen und

Hohen Standard“. Sie arbeitet als Grafik Designerin in einer

Agentur für Markeninszenierung und Markenkommunikation

und ist nebenher freiberuflich tätig. – Für sie ist Werbung nicht

einfach nur Gestalten, sondern das bewusste Beeinflussen der

unbewussten Gefühle und Gedanken der Menschen.

10 Bogart

Das Mitmachmagazin


für Creative Bogart 11


Alex Heitz: lebendige bilder ganz eigener Art

Es macht mir Spaß mit Menschen zu arbeiten

und Ideen in entspannter und lockerer

Atmosphäre, gemeinsam umzusetzen.

Wenn mich das Thema anspricht, setze ich auch

gerne ausgefallene Ideen um, selbst wenn das

Shooting dadurch wesentlich aufwändiger wird.

Mit meinen Bildern versuche ich Emotionen festzuhalten,

manchmal abseits des Mainstreams.

Denn dies ist es was ein Foto ausmacht…es soll

die Realität des Menschen darstellen und nicht

das was von ihm erwartet wird. Es soll ihn von

seiner natürlichen Seite zeigen. Ein Foto von seinem

„Inneren“. Ein gutes Foto hält den Augenblick

fest und ist ebenso für die Ewigkeit.

Kontakt: malandro-photodesign.de

Alex Heitz

12 Bogart

Mitmachmagazin


für Creative Bogart 13


Ralf schweiger: "Mitmenschen"

Das malerische Œuvre Ralf Schweigers (Jahrgang

1967) ist im hier gezeigten Ausschnitt – entstanden

ab 2007 – dem mimischen Akzent und der Körperlichkeit

gewidmet. Pendelnd zwischen expressionistischer

Individualfixierung und eher einer das Allgemeine markierenden

Malweise (Öl bzw. Öl/Acryl auf Leinwand), findet

der Künstler im Portrait und der körperlichen Geste seine

Selbstporträt: "Marathon" narrativen Verbindlichkeiten.

In heiterem Gelb-Orange-Tonus fixiert Maler Schweiger die subtile Vertrautheit

eines älteren Paares; in scharfem Expressionismus, läßt der pointierungssichere

Künstler eine junge Frau sowohl elegisch als auch skeptisch aus einem Fenster

blicken. Die Weißhöhungen des Körperlichen korrespondieren treffsicher mit der

Schwärze des Fensterrahmens und des uniformen Hintergrundes. Ein Kolumbianer,

mit scharfem Farb- und Konturtonus fast statuarisch angelegt, blickt lebensgegerbt

auf eine Situation...

Ein Liebespaar, zwar entindividualisiert, verschmilzt durch gleichsam lodernde

Farbgesten und expressives Körperspiel. Und selbst die in Filmen und Photos totbanalisierte

Ausziehaktivität einer jungen Frau gewinnt durch Schweiger-typische

Malmodi wie Stilisierung, Weißhöhung (Kontrasteffektivität!) und das "Einfrieren"

des Szenischen ihren überwirklichen Reiz.

Der Betrachter erkennt in des Malers Kunst-Welten – angelegt im 30/25 cm bis

70/50 cm Format – eine Sehnsucht nach den Vielfältigkeiten des humanen Ausdrucks

und Miteinanders. Hans-Michael Kirstein

Erotik

14 Bogart

Das Mitmachmagazin


MALEREI

Blick

Zeit

Indio

In seiner Zeit von 1996-2007 am Institut für Medizinische

Informatik der Justus-Liebig-Universität Gießen

arbeitete der gebürtige Crailsheimer an mehreren internationalen

Projekten mit und beschäftigte sich vorwiegend

mit den Perspektiven neuer Internet-Technologien in der

Medizin. Der Privatdozent der JLU ist aktuell mit Nachhilfeunterricht

in mathematisch/naturwissenschaftlichen

Fächern tätig.

Unter dem Slogan "Wir fi nden Ihr Wissen" entwickelt Ralf

Schweiger als Geschäftsführer der Schweizer LuMriX.net

GmbH seit 2003 maßgeschneiderte Add-ons zur Verbesserung

"klassischer" Suchmaschinenergebnsisse für vielschichtige

Anwendergruppen.

Neben seinen Forschungen an Gravitationstheorien ist die

Malerei als Gegenpol zur mathematisch-informatischen

Tätigkeit seine große Leidenschaft und damit Teil seines

individualistischen Lebensstils, der sich auch in gastronomischer

Dienst- und höchster Kunstfertigkeit am Kickertisch im

KLIMBIM ausdrückt.

Jeans

für Creative

Bogart Bogart 15

7


EVERYBODY 'S PLAYING POP-MUZIK – Hans-Michael Kirstein 2013


Ulrike Melzer "Grosstadt-Paranoia"

Foto: Reinhard Müller-Rode

SCHREIBEN – das bedeutet für mich beobachten, wahrnehmen,

die Augen als Kamera benutzen. Gedichte sind dann

Filme, die jeder Zuhörer und Leser mit seinen Interpretationen

und Vorstellungen zu seinen Filmen machen kann. Dichtung

kann soviel; nämlich das ausdrücken, was mit unserer Alltagssprache

nicht erfasst werden kann. Die Wahrheit aussprechen,

die zwischen Realität und Traum liegt. Beim Dichten spricht das

Unterbewusstsein und so ist man schonungslos ehrlich. Gute

Gedichte sollten wehtun, verstören, glücklich machen, verärgern.

Alles ist besser als nett, unterhaltend und belanglos sein.

In meinem Gedichtband „Stadt“ mit Fotos von Evi Rebekka

(Frankfurt) habe ich mir über das Leben in Städten Gedanken

gemacht. In Städten treffen Welten aufeinander:

Kultur, Geschichte, Gegenwart.

Sehenswürdigkeiten, Touristen, Migranten,

Armut, Kriminalität. – Wie

nahe sind sich diese Welten? Woher

kommt das Geld, mit dem unsere

Städte touristengerecht aufgehübscht

werden? Welche Wahrheit

ist näher dran an der Wahrheit? Die

der Straße, oder die des Museums?

Und damit in Bezug gebracht, das

Gefühl wachsender Paranoia – nicht

nur als Lebensgefühl großstädtischen

Lebens, vielmehr als Lebensgefühl

unserer Zeit. Nachlesen

und -denken lässt

sich das z.B. in KARMA

auf einer praktischen Leinentragetasche

für 3 €.

Seit 2005 arbeite ich an

einem Roman: „Filme

fahren“. Er handelt von

drei jungen Menschen,

die Mitte der 90er Jahre

in Berlin erwachsen werden,

um drei Menschen,

die schon erwachsen

sind, sich jedoch nach

der Wende wieder neu

finden müssen. Um

Freundschaft, Liebe und

den Unterschied zwischen

Traum und Wirklichkeit.

Um Menschen

und ihre Illusionen. Anfang 2014 wird der "Erstling" fertig gestellt

sein.

In der kulturellen Veranstaltungsreihe Gutes Hausgemachtes

von Patricia Stasch und Alexander Liebe hatte ich jetzt im Ulenspiegel

erstmals Gelegenheit, mich dem aufmerksamen Gießener

Publikum mit einem Beitrag vorzustellen, was ich gern

- auch bei anderen Anlässen - wiederholen werde.

Im Rahmen des Projekts "Free School Gießen" habe ich eine

Autorengruppe gegründet: Textperimente in der Schreibwerkstatt.

Wir treffen uns jeden Mittwoch 19 Uhr im Café Giramondi

um unser Texte zu kritisieren, uns auszutauschen und Lesungen

zu planen. Jeder ist willkommen.

Kontakt: mailto:u.melzer@live.de bzw. ulrike melzer

Foto: Susanne Engelbach

Was eine/n gute/n SingerSongwriter/in ausmacht heißt

Berühren, mit Texten und Musik. Und das geht nur, wenn

man authentisch ist. Hanna Karafoulidis aus Wetzlar und

Nine Hippinen aus Gießen beeindrucken auf ganz unterschiedliche Art

und Weise mit ihren Songs. Beide haben etwas ganz Wichtiges gemeinsam:

Die Leidenschaft für Musik.

„Mein erster Song hieß Mirror on the Wall erzählt Hanna, „der ist entstanden,

als es mir nicht so gutging und ich krank war. Ich war am Boden zerstört, konnte

nicht mehr lachen, hatte keine Hoffnung und wollte, das mein Leben endlich

zuende geht. Das klingt alles sehr dramatisch, aber dennoch ist das einer meiner

Songs die mir am meisten Kraft gegeben und mir selbst gezeigt hat, das alles

gut wird."

"Ich habe die Musik benutzt, um Situationen zu verarbeiten" sagt auch Nine

Hippinen. "Begonnen hat es damit, dass ich mich 2009 von meinem Freund und

seinem Fernseher trennte und gleichzeitig eine andere Einstellung zum Leben

entdeckte. Außerdem lernte ich Menschen kennen, die das Beste in mir zum

Vorschein brachten – die Musik." Aus diesen Situationen entstanden nicht etwa

depressive Selbstbespiegelungslieder, sondern positives, lebensbejahendes,

ironisch-lustiges deutschsprachiges Liedermachergut.

"Mich hatte seinerzeit die belgische Band K´s Choice beeinfl usst", beschreibt

Hanna ihre musikalische Ausgangsposition. "Ich konnte schon etwas Gitarre

spielen und fand schon immer, dass die englische Sprache gesungen besser

klingt. Als in jungen Jahren die erste große Liebe auseinander ging, hat mich das

dazu inspiriert hat, meinem Schmerz irgendwie Luft zu machen. Klappt bis heute

auch immer noch ganz gut."

Hanna probierte sich durch viele verschiedene Stilrichtungen, trat mit Cover-

Versionen in Kneipen und Pubs auf. Als sie ihre Band gründete, wurde ihr Stil

etwas rockiger und eigene Songs ersetzten die Coversongs. "Juan, unseren

Schlagzeuger, habe ich über die Musikerzentrale kennengelernt, für die ich gearbeitet

habe. Nils, der gerade die Gitarre für mein Album einspielt, kenne ich

schon seit meiner Jugend, Wetzlar ist eben nicht so groß. Als Musiker läuft man

sich ständig über den Weg. Und Flo, unser Bassist, wohnt bei mir um die Ecke,

den kenne ich schon ewig."

"Ich bin kein Großstadtmensch, ich mag es viele Menschen zu kennen und

an vertrauten Orten zu sein. Vielleicht hat man in Berlin und Hamburg bessere

Chancen, keine Frage, aber dort ist man im privaten Leben anonym, deshalb

kann ich mir das nicht vorstellen. Wetzlar ist zwar nicht die schönste Stadt, aber

sie hat viele tolle Orte und Menschen, die ich nicht missen möchte."

Der erste Song, den ich von Hanna hörte, habe ich auf YOUTUBE entdeckt,

er heißt Lullaby. Man vergisst alles andere, hört nur noch zu. Eben keine nette

Begleitmusik beim Putzen sondern intensiv, positiv und – schön. "Hauptsächlich

schreibe ich die Musik nicht, um mich zu verkaufen oder in den Mittelpunkt

zu stellen. Alle Songs die ich schreibe, basieren auf persönlichen Ereignissen.

Mir fällt es z.B. leicht, Anderen ihre Fehler zu vergeben, bei sich selbst ist das

gar nicht so einfach – ich kann mir Fehler nicht verzeihen. Es geht in meinen

Liedern viel um Hoffnungen und Vergebungen, die mich selbst beschäftigen.

Andere habe ich z.B. meinem Vater gewidmet (Perfect Dad), weil ich fi nde, dass

besondere Menschen so etwas verdient haben: Das zu würdigen, was man hat.

Ich schreibe aber nicht nur dramatische Texte, es sind auch ironische dabei, wie

z.B. Artifi cial, wo es darum geht, dass die meisten Menschen doch eher nach

blondierten Mädels schauen, die geschminkt und gestylt sind, anstatt auch mal

die zu beachten, die zwar nicht gestylt sind, aber wesentlich mehr zu bieten

haben, als ein Lipglossiges Barbie-Lächeln."

18 BOGART Das Mitmachmagazin


HEIMISCHE LIEDERMACHERINNEN: IMMER UNTERWEGS....

Hanna und ihre Band, die sich

ganz schlicht HANNA SINGER

SONG WRITER nennen, arbeiten gerade

an einem Album: "Ich freue mich

schon riesig darauf. Es wird eine Mischung aus

rockigeren Sachen und Balladen. Einige davon kann

man schon auf Facebook hören, wenn man nach

Hanna-Singer-Songwriter sucht."

Auch ein Video zu Perfect Dad wird gedreht. Die

Themen der Songs bleiben weiterhin dramatisch,

lustig, traurig, erwartungsvoll – eben so, wie im

richtigen Leben: "Es geht bei vielen Liedern einfach

um Hoffnungen, die man noch im Herzen trägt, um

Liebe und Glück, aber auch um Schmerz und Trennungen,

die ich in meinen Songs verarbeite. Don´t

let go ist einer der Songs, die am meisten berühren,

wie ich fi nde. Man hat irgendwann im Leben einen

Riesenfehler gemacht und dadurch einen wichtigen

und wertvollen Menschen verloren. Mit diesem

Wissen umzugehen, raubt einem selbst nach Jahren

noch den Verstand. Es gibt aber auch Songs

wie Little Everything, welches ich meinem Partner

gewidmet habe. Jeder kann darin nachvollziehen,

wie man sich fühlt, wenn man geliebt wird und sich

doch selbst wundert, warum das so ist."

Steigt auch die Aufmerksamkeit für die sich zeitgeistig

stets wandelnde "Szene" bei ihren großen

und kleinen Gigs, ist ein möglicher Karrieresprung

nur schwerlich planbar. Die walisische Sängerin und

Songschreiberin Marina and the

Diamonds fl og von Schulen,

brach Ausbildungen

Für mein

wunderbares Leben

hab' ich mich doch

selbst entschieden...

nach dem Beziehungsschluss erstmal allein: "Ich

hockte viel Zuhause und hatte mir das Keyboard

meines Bruders geliehen. Zu dieser Zeit dachte ich

oft über das Handeln bestimmter Personen und

über mein eigenes Verhalten nach, schrieb meine

Gedanken auf, woraus derText für Wahrheit auf

der Stirn entstand. Keyboard spielen oder Noten

lesen konnte ich nicht, aber ich wollte ja auch nicht

ernsthaft ein Lied schreiben. Trotzdem fand ich auf

den Tasten eine Melodie, die ich mir merkte, indem

ich verschiedenfarbige Punkte auf die Tasten klebte.

Später hatte ich keine Lust mehr auf das Keyboard

und spielte das Lied auf der Gitarre. Bücher zu lesen

kann einen Schub für die

Phantasie bedeuten. Sie

können ebenso eine Inspiration

sein. Ich kann

mich in Texten wie in Liedern wiederfi nden, einen

Anstoß für etwas Eigenes fi nden. Grundsätzlich lese

ich gern, noch lieber lese ich vor. Der Grund dafür,

dass ich auf deutsch singe, ist aber schlicht und

einfach, dass mein Englisch nicht ausreicht, um die

Bilder in meinem Kopf ausreichend zu umschreiben.

Außerdem habe ich als Erzieherin das Reden

verinnerlicht."

MusikerInnen haben Nine nicht beeinfl usst, obwohl

es natürlich viele gibt, die sie bewundert. Es

waren eher Menschen in ihrer Nähe, die sie unterstützten

und sie ermutigten, mit der Musik weiterzumachen.

"Aus Veränderungen

entstehen gute Sachen..."

Wieske als 2 VON WIR Musik zu machen. Mit Alena

spielte ich auch eigene Lieder, die für die Band

weniger geeignet schienen. Die Notlösung bestand

darin, diese beiden Projekte zu verbinden. Zum

Glück stellte sich heraus, das diese Notlösung die

beste Idee überhaupt gewesen ist. Damit bekamen

meine Lieder endlich den richtigen Klang, E-Gitarre

und Baß wurden durch eine weitere Akustikgitarre

und eine zweite Stimme ersetzt. In etwa drei Jahren

haben sich die Lieder immer wieder verändert

und scheinen (nicht alle) jetzt erst endlich fertig zu

sein. Das Saxophon und auch die Geige mag ich

nicht mehr missen. Aber erst dadurch, das jedes

Bandmitglied einen eigenen

Charakter in die Songs einbringt,

werden sie für mich

besonders."

Live konnte man das besonders gut bei Oktober-

Auftritt der Band in der Alten Kupferschmiede erleben.

Von Konzertbeginn an, fesselten Nine und

Band das Publikum. Ihre Songs entfalteten hier

ihren "wahren "Charakter und sind kein Vergleich

zu ihren Versionen, die auf Youtube zu hören sind.

Geschichten über und von Menschen, mal spaßig,

mal nachdenklich und immer berührend.

Mit diesem grandiosen Auftritt verabschiedeten

sich Nine Hippinen und Alena Wieske gleichzeitig

für geraume Zeit von Gießen. Sie geben dem

Fernweh nach und reisen ein Jahr durch Südamerika.

Ob und wie die Band danach weiterexistieren

Begleitmusiker beim "Abschiedskonzert":

Lukas Künkel (l.), Eva Böckenhauer, Stephan

ab, war arbeitslos und ihr Umfeld war der Meinung

sie könne nicht singen... Ihr Debütalbum The Family "Im Sommer 2010

Jewels erreichte 2010 Platz 5 der englischen Albumcharts.

UND

war ich auf dem STURM

Pussel

KLANG - Festival in

Gerade in den Phasen der Selbstfi ndung entstehen

Songs mit denen sich Jeder identifi zieren kann. auf einer Wiese und schaute einem Künstler beim

Gießen, saß ungefähr drei Tage

Nine Hippinen beschreibt in ihrem Lied Spiegel die Zeichnen zu. Wir kamen ins Gespräch, ein Freund

perfekte Spießeridylle, den latenten Traum auszubrechen,

der von dem Gedanken verdrängt wird "... wurden eine Band. Zusammen mit Stephan Pussel

von ihm kam dazu, ich holte meine Gitarre und wir

dass es Fernweh doch gar nicht gibt wenn man bei waren wir dann DER TEIL."

dem Menschen ist den man liebt." Ein fast literarischer

Text frei von platten Klischees, subtil, ironisch, auch der Name zu Hörensagen. Nach ein paar Mo-

Die Bandkonstellation veränderte sich, mit dieser

traurig.

naten schien sich die Band aufzulösen, ein paar Wochen

vor einem etwas größerem Konzert. Aber zu

Wer solche Songs schreibt, muss erlebt haben,

worüber er singt und schreibt: Nine Hippinen blieb diesem Zeitpunkt hatte ich angefangen, mit Alena

Ich habe kein

Fernweh, kann gar

nicht sein, ich bin

vollkommen zufrieden.

aus: Der Spiegel

wird, ist noch nicht klar. "Erstmal

muß ich mich entscheiden, wo ich

nach Südamerika leben möchte. Ich denke,

2 VON WIR bleibt danach und auch während der

Reise bestehen. Aber HÖRENSAGEN wird es danach

in dieser Konstellation vermutlich nicht mehr

geben. Das ist schade, weil ich das Glück habe, mit

Freunden Musik zu machen. Aber ich habe in recht

kurzer Zeit gelernt, dass aus Veränderungen gute

Sachen entstehen können."

Dieser Satz gilt für gleichermaßen für beide Musikerinnen.

Wenn Musik eine Botschaft hat, dann

diese.

Ulrike Melzer

Fotos: Reinhard Müller-Rode

für Creative

Bogart 19


POPCORNER

Er hat die Regler des Mischpults unter

seiner Gewalt und seine Arbeit ist ganz

entscheidend für eine Aufnahme. Er hat

das Gehör dafür wie eine Aufnahme klingen

muss, denn junge Musiker haben oftmals

keine Ahnung wie eine gelungene Aufnahme

funktioniert. Einer dieser herausragenden

Produzenten war und ist Sir George Martin,

der britische Gentleman, der beschlipste Perfektionist,

der als fünfter Beatle zu Weltruhm

kam und den Typus des Platten-Produzenten

in eine neue Richtung lenkte. In seinen 1979

geschriebenen und nun in deutsch erschienenen

Memoiren gibt er Einblick in eine Welt,

die den Normalsterblichen oft versagt bleibt:

das Tonstudio. 1950 begann der inzwischen

fast 88jährige Martin seine Karriere bei dem

Label Parlophone, einer Unterabteilung der

berüchtigten EMI. Parlophone war ansässig

in den Abbey Road Studios in London. Wenn

man liest wie Martin begann, hat man den

Eindruck, tief in eine vergessene, alte Zeit zu

schauen. Ein Mischpult mit maximal zwei Reglern

war der stolze Besitz der Plattenfirma,

Stereo gab es noch nicht und die Aufnahmen

wurden mit nur einem Mikrofon vollzogen,

vor dem die Musiker live und in einem Rutsch

ihre Musik einspielten und sangen.

Als 1962 die jungen Beatles das Studio betraten und auf

George Martin trafen, soll es sich zwischen den rauen

Rockern und dem Produzenden-Gentleman um „Liebe

auf den ersten Blick“ gehandelt haben. Martin war für

die damalige Zeit ein ungewöhnlich aufgeschlossener

und neugieriger Produzent, der mit alten Regeln brechen

und experimentieren wollte. Aufzubegehren war

nicht sein Ziel, sondern es ging ihm stets nur um die

George Martin

Es begann

in der Abbey Road

ca. 336 Seiten,

Klappenbroschur

Format: 24 x 16

24,99 EUR

Der fünfte Beatle:

George Martin öffnet seine

musikalische Schatztruhe

Ein Platten-Produzent hat den

Musiker in der Hand.

gelungene Aufnahme. Mit der Zeit lernte George Martin,

die immer fantastischeren Ideen der vier Beatles in

Töne umzusetzen. Dabei half ihm seine klassische Musik-Ausbildung,

die John, Paul, George und Ringo nicht

hatten. Mit dem inzwischen auf vier Spuren und Stereo

angewachsenen Mischpult und dem Einsatz von zwei

oder mehr Mikrofonen entwickelte Martin eine nahezu

geniale Gabe, Geräusche zu produzieren, die nie zuvor

auf Aufnahmen zu hören waren. Wer sich heute das

Beatles-Meisterwerk „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club

Band“ anhört, käme man nie auf die Idee, dass hier nur

vier Tonspuren am Werk waren. Der Trick: Man nehme

verschiedene Tonspuren auf und mischt sie alle zusammen

auf die erste Tonspur, so hat man wieder drei frei

für weitere Aufnahmen. George Martin zerschnippelte

Bänder und fügte sie wahllos wieder zusammen um

Effekte zu bekommen: er spielte Aufnahmen rückwärts

ab, er zwang ein 40 Mann Orchester jedes einzelne

Instrument vom tiefsten bis zum höchsten Ton zu

spielen, um einen Effekt-Höhepunkt zu erreichen.

Alles zu hören auf „Sgt. Pepper“. Und wenn die

musikalische Leistung der Beatles nicht ausreichte

schrieb er neue Arrangements oder haute selbst

in die Tasten. Es gibt viele bekannte Aufnahmen

der Beatles auf denen Martins Klavierspiel zu

hören ist.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde Sir George Martin

zum Superstar und ließ außer den Beatles auch andere

Stars glänzen wie Gerry and the Pacemakers (You'll

Never Walk Alone), Shirley Bassey (Goldfi nger), Filmund

Titelmusik (James Bond: Live And Let Die) und

schließlich seine größte Entdeckung: ein gewisser Elton

John, mit dem er u.a. 1997 die erfolgreichste Single aller

Zeiten aufnahm: die Lady Diana-Version von Candle In

The Wind.

Das Buch Es begann in der Abbey Road ist nicht nur für

Musik- und Beatles-Fans aufschlusstreich sondern auch

für technisch Begeisterte. Was ist Schall? Was passiert

mit einem Ton in einem Mikrofon? Was IST überhaupt

ein Mikrofon und wie funktioniert es? Man begibt sich

auf eine Zeitreise in die vorsintfl utlichen Aufnahme-

Techniken und bekommt einen Einblick in die technische

Entwicklung bis heute. Angereichert sind Martins

Erinnerungen mit zahlreichen Anekdoten über Peter

Sellers, Peter Ustinov bis hin zu Sophia Loren und die

Beatles... denn alle produzierten Schallwellen für George

Martin, der sie dankbar auffi ng und zusammenfügte.

Sascha A. Wanke

Unter der Adresse 3 ABBEY ROAD, St.

John’s Wood (City of Westminster), London

NW8 9AY, verbarg sich zunächst ein 1830

errichtetes Wohngebäude im georgianischen

Baustil, das am 3. Dezember 1929 von der

mit EMI fusionierten The Gramophone

Company Ltd. erworben und in ein

TONSTUDIO umgebaut wurde. Es eröffnete

am 12. November 1931mit der ersten

Aufnahme The Land of Hope and Glory des

London Symphony Orchestra spektakulär.

Zwischen 1952, dem ersten Jahr der

Aufzeichnung einer Hitparade in

Großbritannien, und 1982 produzierte u.a.

George Martin in den Abbey Road-Studios

74 Nummer-Eins-Hits, davon 15 der Beatles.

Abbey Road hieß das elfte Album der Beatles

(1969), das gleichzeitig den auf dem Cover

abgebildeten Zebrastreifen weltberühmt

machte, über den dabei die Fab Four im

Gänsemarsch zur anderen Straßenseite

schritten.

Im Februar 2010 wurden die Tonstudios zu

einem historischen Gebäude erklärt und unter

Denkmalschutz gestellt (Quelle: Wikipedia).

Die legendären Abbey Road-Studios nahm Bogart-Fachautor Sascha A. Wanke 1993 im Sinne des

Wortes s/w aufs Korn. 2012 zeichnete "unser" Hamburger Fotograf PAUL das Szenario digital nach.

für Creative

Bogart 21


Musenkeller: Beifall ist des Kuenstlers Lohn

Noch am:

6., 7., 13., 14. Dez. 2013

20.00 Uhr

V.l.n.r.: Dominik Heinrichs (Inspektor Troughton), Annette Filippi (Barbara Smith), Nina Gehring (Mary Smith), Christian Henkel (Stanley Gardner),

Dominik Müller (John Smith), Michael Müller (Inspector Porterhouse), Michael Beyer (Bobby Franklin), Hanna Weller (Reporterin)

Fotos: Reinhard Müller-Rode

Natürlich können Theaterfreunde

im Gießener Stadttheater tolle

Inszenierungen erleben. Doch

was wäre eine Stadt ohne ihre Off-

Theater? Und diese hierorts sehr rührige

Szene verfügt u.a. im MUSENKELLER der

St. Bonifatius-Kirche (Liebigstraße 28)

über eine inzwischen traditionelle Aufführungsstätte.

Aus einer Jugendtheatergruppe

der katholischen Kirche hatte

sich vor vielen Jahren etwas Eigenständiges

entwickelt. Die Zuschauer sind

stets begeistert, denn hier wird weder

belangloses Boulevardtheater geboten,

noch soll Theatergeschichte neu geschrieben

werden. Eine Gruppe von

Freunden, die Spaß am Theaterspielen

hat und diese Freude auch dem Publikum

vermittelt – das macht den besonderen

Charme des Musenkeller aus.

Die Stücke werden gemeinsam ausgesucht, besprochen,

gemeinsam wird die Entscheidung

getroffen, was aufgeführt wird. „Jeder kann seine

Ideen und Fähigkeiten selbst einbringen“,

sagt Regisseur Guy Sagnes (l.).

Er sieht sich mehr als „Koordinator denn

als Gestalter“, ist eher zufällig zur Regieführung

gekommen. Er war Schauspieler

beim Jugendtheaterprojekt Wetzlar und

übernahm die Regie beim Stück Die letzten

Kinder von Schewenborn, nutzte die

Chance und blieb dabei.

Zwischen 1991 und 1999 führte er Regie in

Wetzlar, seit 2007 ist er beim Musenkeller tätig.

Weder Guy Sagnes, noch das Ensemble des

Musenkellers gehen mit übersteigerten Ambitionen

oder Erwartungen "ans Werk" – vielleicht

kommen sie gerade durch diese Unverkrampfheit

glaubhaft rüber und beim Publikum stets gut

an. „Es gibt keinen Regisseur den ich idealistisch

bewundere. Ich habe immer Interesse daran gehabt,

mit Anderen etwas gemeinsam zu entwikkeln.

Ich mag die creative Teamarbeit und starke

Harmonie, freue mich über die offene Möglichkeit,

jeden mit seinen Talenten einbeziehen zu

können."

So sehen es auch die Darsteller: „Das Gruppengefühl

ist einfach gut. Klar gehe ich auch ins

Stadttheater oder ins TiL, sehe mir gern gute Inszenierungen

an“, sagt Dominik Heinrichs.

„Doch ich hatte niemals den Traum Schauspieler

zu werden. 2004 habe ich angefangen, im Musenkeller

zu soufflieren. 2007 habe ich dann

meine erste Rolle gespielt: Simon Gascocyne in

Der wahre Inspector Hound. Eigentlich kann ich

keine besondere Rolle meines bisherigen Repertoires

rauspicken. Der aufregendste Moment ist

stets, kurz vor dem ersten eigenen Auftritt hinter

der Bühne zu stehen und zu wissen: Gleich

geht’s los. Ich würde gern mal einen dunklen

Charakter darstellen, oder einen vollkommen

Wahnsinnigen, der ins Humorvolle abdriftet.“

Schauspielernde Idole hat das Musenkellerensemble

nicht. „Die Mitwirkenden sind für mich

Beispiel gebend“, sagt Michael Müller. „Das

Wort Vorbild gefällt mir nicht besonders“, sagt

Dominik Müller, der schon seit 1997 dabei

ist. Ich bewundere und schätzt edie schauspielerischen

Leistungen eines Joachim Króls. „Vor

allem in Zugvögel...einmal nach Inari – großes

Kino im besten Wortsinn.“ Noch gut kann er sich

an seine erste Rolle im Die Physiker von Dürrenmatt

erinnern kann: „Ich spielte den jüngsten der

drei Buben des Physikers Möbius. Das Stück

sieht ein Flötenständchen vor, welches die Jungs

ihrem Vater mit Innigkeit vortragen. Mangels

instrumentaler Befähigung wurde daraus eine

Gesangseinlage intoniert (Nehmt Abschied Brüder...),

was diesen Part wohl erst richtig verdarb...“.

Intelligent-humorige

Gesellschaftkritik

Wenn es bei der Auswahl der Stücke einen roten

Faden gibt, dann ist es wohl die Absicht, Humor

und Unterhaltung zu bieten, die den Zuschauer

fordert, intelligent-humorige Gesellschaftskritik.

Diese Elemente zeigen sich bei Die Millionärin

(2012) von Bernard Shaw, Die Toscana Therapie

(2011) von Robert Gernhardt, genauso wie

bei Ray Cooney, dessen turbulente Komödie Run

for your Wife – Doppelt leben hält besser im

November und Dezember 2013 insgesamt

zehnmal über die Bühne geht und mit erleben

läßt, was passiert, wenn der Stundenplan eines

Bigamisten durcheinander gerät. In erster Linie

geht es um gute Unterhaltung, nicht seicht, nicht

kitschig, sondern intelligent, ironisch, absurd.

„Das Gesamtbild muss stimmen“ so Sagnes. Die

Geschichte, das Bühnenbild, Stimmung und die

Umsetzung gehören zusammen.

Und diese Geschlossenheit wird

sicher auch dadurch begünstigt,

weil der Musenkeller kein Theatersaal,

sondern ein kleiner, gemütlicher

Raum mit Bar ist. „Wir

sind nicht weit entfernt vom Publikum,

es ist eine größere Nähe

da, als es beim Theater sonst üblich

ist“, sagt Dominik Heinrichs.

Wir verschwinden auch nicht

nach der Aufführung, man kann

auf uns zukommen, mit uns sprechen.“

Auch wenn die Zusammensetzung des Musenkeller-Ensembles

immer wieder variiert, es gibt

auch Schauspieler, die schon sehr lange dabei

sind, wie Annette Filippi. „Das erste Stück, in

dem ich mitspielte, war Der nackte Wahnsinn

(1994) von Michael Frayn. Wir haben es nach

zwei Jahren harter Probearbeit auf die Bühne

gebracht. Ich hatte zu dieser Zeit große Lust, die

Schauspielerei einmal auszuprobieren. Zu meinem

Glück hatten sich in der katholischen Jugend

gerade ein paar spielwütige Jugendliche

samt Regisseur zusammengetan, die die alte

Tradition des Theaters im Musenkeller wieder

aufleben lassen wollten.“

Der Musenkeller ist weder eine nette Hobbygruppe,

noch eine Brutstätte für aufstrebende Schauspieltalente.

Man kann hier sehr talentierten

Menschen dabei zusehen, wie sie nur aus Spaß

am Schauspielern, anspruchsvolle, lustige Theaterstücke

auf die Bühne bringen. Dominik Müller

spiegelt den trockenen Humor und Understatement

der Gruppe am besten wieder, wenn er

sagt: „Der aufregendste Moment einer Aufführung

ist für mich der Augenblick, wenn die Zuschauer

tatsächlich aus der Pause zurückkommen.“

Und der lang anhaltende Beifall des stets ausverkauften

Hauses am Schluß der Aufführung

wird als "Künstlers Lohn" natürlich immer gern

genommen...

Ulrike Melzer

22 Bogart Das Mitmachmagazin


ist dieser Tilman Valentin

Schweiger, der am 19. Dezem-

2013 seinen 50. Geburtstag Wber

feiern wird? Was treibt ihn an? Woher rührt

seine Rastlosigkeit? Warum löst er so starke

Reaktionen aus?

In seinem Buch „Til Schweiger: Der Mann, n,

der bewegt“ porträtiert Uwe Killing den Menschen

und leidenschaftlichen Kino-Liebhaber ber

hinter den Schlagzeilen. Er zeigt, wie Schweiger arbeitet und

wie er den Spagat zwischen seiner wachsenden Filmfamilie

und seiner Verantwortung als Vater von vier Kindern schafft.

Verwandte, Freunde und Kollegen kommen zu Wort. Und

Schweiger selbst erlaubt Einblicke in bisher unbekannte Winkel

seines Privatlebens, in dem auch ein gutes Stück lokaler

Vertrautheiten in Text und Bild eingebettet

ist.

Ob für dieKumpels aus seiner Gießener Sturm- und Drangzeit (hier 2013 auf seiner Mallorca-Finca)

oder die Größen aus der Filmbranche: Til Schweiger ist ein echter Freund!

Mit Privatfotos von Til Schweiger;

192 S., € 19 99 Hardcover, 24x16 cm

ABBITTE

"Die neben stehende Einschätzung vor

rund 16 Jahren würde ich jetzt so nicht

mehr treffen", korrigiert sich der Alten-

Busecker Kintopp-Versteher Hans-Michael

Kirstein heute und sieht in neuer Sichtweise

den "Localheroe" Til Schweiger

weitaus differenzierter, was gleichzeitig

auch die von HANNIBAL vorgelegte Biografie

so in Teilen preisgibt:

In Auswahl und Machart seiner

Filme ist Til Schweiger einem

durchweg Eskapismus orientiertem

Publikum verpflichtet.

Mit Fleiß, Stetigkeit und

einer intelligent genutzten

künstlerisch-ökonomischen

Vernetzung im Filmbusiness

gelingt es ihm, sich eine

individuelle Position in der

speziell deutschen Kinowelt

zu erobern. Mit seinem

knarzig-näselndem Timbre und einem fixierten Repertoire

aus BOGART Nr. 15 (Teil 14: Ein Streifzug durch

die Filmgeschichte von HM Kirstein, 1997)

mimischen Variierens ist Schweiger im Kern ein B-Filmakteur, eine professionelle

Infrastruktur clever nutzend... und den Zeitgeist treffend. Der "Macho

mit Herz" ist die rote Leitlinie des Präsenz-Typen. Im amerikansichen Film der

50/60er waren dies Akteure wie Cornel Wilde, Rory Calhoun, Gordon Scott

oder der Ex-Kriegsheld Audie Murphy. Nach dem eph eminierten Häuptling

Brice, dem unteroffiziersmäßigen "Blacky" F., dem Schulbub Hansi Kraus

und manchen zerbeutelten Fassbinder-Typen à la Kurt Raab verfleischlicht

Til Schweiger den neuzeitlichen germanischen Action- und Comedyhelden...

Einen echten "Macker" in baukastenhafter Kommerzware made in "Heuchelheim,

einem Kaff bei Gießen!" (0-Ton aus "Männerherzen").

Stansfield (Tommy

Lee Jones) macht

sich Sorgen um

Familie Blake.

Er war einer der mächtigsten Männer der

USA: Fred (Robert de Niro), einst

gefürchteter Pate in New York, hat durch

seine Aussagen eine ganze Reihe

einflussreicher Mafiosi hinter Gitter gebracht.

Nun lebt er mit seiner Frau Maggi (Michelle

Pfeiffer) und den beiden Kindern Belle

(Dianna Agron) und Warren (John D‘Leo) im

Zeugenschutzprogramm in der Normandie

– unter dem wachsamen Auge des knallharten

FBI-Agenten Stansfield (Tommy Lee Jones). Ziel

ist es, sich unauffällig zu verhalten und unter

Kinostart:

21.11.2013

allen Umständen unter dem Radar zu bleiben

– nicht so einfach, denn Freds aufbrausendes

Temperament geht gerne mit ihm durch. Und

dann noch diese Franzosen – wie kann man

da Ruhe bewahren?! Der Kulturschock sitzt

tief. Und so ist es nur eine Frage der Zeit bis

die Mafia die Fährte der Familie wieder

aufnimmt und gleich mehrere Killer in das

© Universum Film

Regisseur Luc Besson drehte unter anderem in

den von ihm gegründeten Cité du Cinéma-

Studios in Frankreich.

beschauliche Dörfchen schickt. Jedoch haben

die nicht mit der Entschlossenheit dieser

Familie gerechnet…

Darsteller: Robert de Niro, Michelle Pfeiffer,

Tommy Lee Jones, Dianna Agron, John D’Leo

u.a.; Regie: Luc Besson; Produzent: Martin

Scorsese; im Verleih von Universum Film

für Creative Bogart 23


Bodo W. Klös

Fotos: Reihard Müller-Rode

Taufrische Exponate des "Alt-Gießeners"

Erhard Göttlicher (Uetersen) – s. auch vorherige

Ausgaben – prägten einmal mehr

den Messestand von Norbert Haun (Dreier-

Verlag, Görbelheimer Mühle 1, 61169 Friedberg;

06031.2429)

Rund 150 "Köpfe" aus der Welt der Literaten,

Künstler, Musiker und anderen Szenen haben

sich als karikierte Buchstützen positioniert. Sie

sind nach Zeichnungen von Bernhard Siller als Laserdrucke

auf ca. 1cm starkes, mehrfach verleimtes Birkesperrholz

kaschiert, mit UV Schutz

versiegelt und auf eine

geschliffene Edelstahlplatte

montiert. Die Bücher

stehen auf der Edelstahlplatte

und stützen sich an

die Figur. Die signierte und

auf 300 Stück limitierte

Buchstütze ist ca. 20-24

cm hoch. ...übrigens, auch

Sonderanfertigungen werden

ausgeführt.

(Görbelheimer Mühle 1,

61169 Friedberg)

buchstuetzen.de

Die Werkstatt , Galerie & Verlag...

...für Handpressendrucke und Künstlerbücher – 1994

von Birgit Klös gegründet – ist seit vielen Jahren auch bei der

Frankfurter Buchmesse mit erstklassigen "Schätzen" von u.a.

Tomi Ungerer, Lorenzo Mattotti und Frank Eissner präsent. Seit

2004 residiert die Edition im Licher Atelier von Bodo W. Klös, die

Druckwerkstatt ist seitdem im OT Nieder-Bessingen ansässig.

Der heimische Grafiker zeigte diesmal Arbeiten seiner 2009

begonnene Suite Your body is a wonderland mit Skizzen, Zeichnungen,

Entwürfen, Radierungen und Übermalungen im Bildformat

von 40 x 50 cm, kaschiert auf Karton 60 x 70 cm.

Das Verlagsprogramm der edition noir wird größtenteils in

der Bessinger Handpresse hergestellt, die Auflagendrucke in der

Technik der Radierung und des Holzschnittes auch für Branchenkollegen

übernimmt. Mit verantwortlich dafür ist der in Berlin

lebende Sohn Jan-Paul, der dort zusammen mit zwei Kollegen

eine grosse Lithowerkstatt betreibt.

DANKE

für die Gastfreunschaft,

Francesca Klös!

Zu den Klös-Klassikern zählt weiterhin

Der Rabe – Ein Bilderbuch mit 140

Farbabbildungen (120 S., HC 31x31

cm) sowie einer kollagierten Rabenfeder.

Weitere hochkäratige Pretiosen

kunstvoll verpackter Arbeiten vielfältiger

Nuancierung sind hier "ausgestellt":

edition-noir.de

24 Bogart

Das Mitmachmagazin


MIT GIZMORIAN DURCH DIE JAHRESZEITEN

© GIZMORIAN: WINTER GUY / 2012 www.gizmorian.com

MO DI MI DO FR SA SO MO DI MI DO FR SA SO MO DI MI DO FR SA SO MO DI MI DO FR SA SO MO DI MI DO FR SA SO MO DI

DEZ. 2013 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31

JAN. 2014 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31

FEB. 2014 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28

für Creative

Bogart 25


Comic-Zentrum Halle 3.0

Der "Deutsche Cartoonpreis

2013“ stand unter dem Motto

"Zu spät!". Die Gewinner sind:

Kategorie A: Pascal Heiler (r.)

Kategorie B:

1. : Til Mette (links)

2. : Miguel Fernandez (ob. l.)

3. : Kittihawk (ob. Mitte)

Seit 2006 verleihen die Frankfurter Buchmesse und der Carlsen Verlag den

"Deutschen Cartoonpreis für neue Talente“, seit 2012 in den Kategorien A

(ohne -) und B (mindestens einer Buchveröffentlichung. Juergen Boos, Direktor

der Frankfurter Buchmesse, und Antje Haubner (Humorlektorin Carlsen

Verlag) hatten als Jurymitglieder einmal mehr die Qual der Wahl.

Antje Haubner (Carlsen) hat

das Buch über die amüsanten

Verspätungen (s.o.) verfasst:

Softcover (20,70 x 25,20 cm)

160 S., € 9,99

Fotos: Reinhard Müller-Rode

ER ist wohl definitiv angekommen. Der

Comic, die sequentielle Bildgechichte, ist

als eine noch vorwiegend im Printbereich

angesiedelte Ausdrucksform ein unbedingter

und normaler Bestandteil der ehrwürdigen

Frankfurter Buchmusse. In Halle 3 offenbarten

sich alle Spielarten und Varianten

bilddominierten Erzählens auf Augenhöhe

mit den literarischen "Cousins" der übrigen

Buchwelt. Der interessierte Betrachter entdeckt

hochambitionierten Augenschmaus

ebenso wie routiniert gefertigte Industrieware.

Die Präsentationsfläche toleriert 1:1 die

gefälleintensiven Möglichkeiten comicaler

Kultur - da buhlen reputationsgeile "Graphic

Novels", die eigene Befindlichkeit von

vorneherein als bedeutsam empfindend, mit

geistreich und ambivalent gestrickter Genrekost

wie dem exzellenten "Watchmen"-Prequel

(PANINI) um den öffentlichen Lorbeer.

Die unendlichen Heere der japanischen

Mangas, oft mit grauwertigen Bildfonts

unterlegt und mit großäugiger und kleinmäuliger

Routine Alltägliches, Horribles,

Süßliches und Transsexuelles offerierend,

marschieren auf solidem Niveau... und

ihre südkoreanischen Verwandten agieren

zunehmend bedeutsam als "Webtoons"

im Internet. Erfreulich ist die Tendenz, für

Nostalgiker, Sammler und Neuentdecker

sogenannte "Integralausgaben" wesentlicher

speziell franko-belgischer Klassiker zu

publizieren - gerade (Ehapa-)Egmont, Kult

und Salleck bedienen dabei die begierigen

Hardcore-Fans! Der taffe "Bruno Brazil",

in der mondän-modernen Architekturwelt

des Brasilianers Oscar Niemeyer wirkend,

gehört dabei neben Hermanns zwischentoniger

Post-Apokalypse "Jeremiah" (Kult)

oder Sallecks flamboyanter Stewardess

"Natascha" von F. Walthéry zu den Perlen

der Sammlerausgaben. Anything goes - der

Bildgeschichtenkosmos verfügt über viele

Paralleluniversen ... setzen Sie

sich in Bewegung, denn es

gibt "1001 Comics, die Sie

lesen sollten, bevor das Leben

vorbei ist" so der

Titei des Comiclexikons

in der Edition

Olmsn Zürich (Hg.

Gravett/Knigge.

Excelsior

out of G-Town,

yours, HMK

Endlich mal keine Fliegen! Insektenpause für örtliche

Spidermen. ©: Frankfurter Buchmesse / Peter Hirth

Der erste Band der neuen Simpsons-Mundart-Reihe

FER SIMBEL – hier von Comic-

Starzeichner Bill Morrison auf der Buchmesse

präsentiert – richtet sich an alle "Babbsäck" und

solche, die es werden wollen. Zwei Geschichten aus

den Simpsons Comics – komplett auf Hessisch, von

Hessen-Legende Bobby von Schwanheim. Da kauft

Homer Handkääs mit Mussik oder schenkt in sei-

ner Kneipe Die Schobbepetzer reichlich aus.

56 S., Hardcover

Original-

Storys: Simpson

Comics 25

und 55, Autor:

Matt Groening

u.a., € 10,00

26 Bogart

Das Mitmachmagazin


comic & CARTOON

Einen Querschnitt seiner politisch-satirischen

Postkarten aus 30 Jahren

hat jetzt der Gießener Maler und

Grafi ker Egon Kramer – auf das Buchformat

von 29 cm x 20 cm vergrößert – im

Hardcover auf 68 Seiten eingebunden.

Die Retrospektive seiner "Plakativen Munition

gegen Dumm-Dumm-Geschosse"

umfasst insgesamt 66 Arbeiten, in denen

er sich auf seine Weise gesellschaftskritisch

einläßt.

Entstanden Kramers Collagen anfangs in klassischer Manier

noch mit Skalpell und Klebstoff (s. Aufschlagseiten rechts), werden

die Bildbotschaften nunmehr am Computer nicht minder provokant

inszeniert.

Noch bis März 2014 ist Egon Kramer mit seiner Foyer-Ausstellung

POLITSCHE PLAKATE im Berliner Kabarett DISTEL vertreten.

Infos und Kontakt: www.egonkramer.de

Hör' auf mit gießen!

Wir müssen eh' bald

abhauen!

SUPERCHATTER ( 3 )

❢ ❢❢


❢❢ ❢

SUPPENMAN

Wieso das

denn?

SPLASHSH

MAN

LAGA

2014

MAYOR

Tja, ab 26.4.2014 geht's

hier auf zu neuen

Ufern!!!

WOMAN

BOGART-

BUBBLE

Nein! Da interpretieren unsere Superheroes

das Fluchtmotto der

englischen Pilgrim Fathers, die

1620 auf der "Mayfl ower" über den Atlantik

ins heutige Massachusetts segelten,

total falsch (siehe wandbemalten Aufruf

an der Westanlage im Bild unten). Und

auch die seit 1834 in den USA verwurzelten

Gießener-Auswanderer riefen diesen

Spruch nicht über den großen Teich in

die alte Heimat. – Ganz im Gegenteil! Die

Gießener Stadtmütter und -väter laden

unter dem pro-indizierten Slogan "Auf zu

neuen Ufern" zu ihrer mehr als maiblumigen

Landesgartenschau zwischen Lahn

und Wieseck ein, auf der wohl auch ihr

Flaggschiff "Schlammbeiser" ebenso wie

die blühende Landschaft unter Vollmast

stehen wird.

Keine Panik also, wenn vermehrt erste

Vorboten mit einschlägiger Trikotwerbung

die erwartungsfreudige City beleben und

den nimmermüden Baustellenaktivisten

jedweder Coleur ein blütenstaubwolkiges

Farbspektrum zu pusten.

Auch Flaschenöffner gehören zum Merchandising,

damit das Be- und Gießen von

Kehle und Kelch nicht unterbleibt...

Prosit! – Es möge gelingen!

(s.a. landesgartenschaugiessen.de)


Szenario: Wadim Reis

Text: R. Müller-Rode

2014 Flower-Power

in Gießen. Und Scott McKenzie

singt dazu: If you're going

to Elephant-Klo...

Grandios!

für Creative

Bogart 27


Weckmarkt 17

Di bis So 10–18, Mi 10–21 Uhr

caricatura‐museum.de

Michael Sowa, Rudi Hurzlmeier und

Ernst Kahl haben die Malerei in die

Cartoonkunst implantiert. Das Können

und die Technik der alten Meister,

die Opulenz und die Stimmung

der Tafelgemälde, der suggestive

Einsatz von Licht und Farbe bereiten

hier unter souveräner Missachtung

der herkömmlichen Witz-Ökonomie

die Wirkung des komischen, auch

böse-satirischen Details in bewundernswerter

Weise vor. Das anekdotische

Prinzip von Spitzweg und

Picasso wird von allen dreien auf

die Lach- und Krachbedürfnisse der

Gegenwart angewandt und komisch

fortentwickelt. Die aus den Hallen

der Hochkunst verbannte Spielart der

gegenständlichen Malerei hat im humoristischen

Genre überlebt.

Klima- und Milieuformen der Jahrhundertwende

leiten schließlich die

Genese des »echten« Comics Strip

ein: Bedingt durch die konkurrenzgezeichnete

Pressesituation des vor

der sozialen und kulturellen "Domestizierung"

stehenden Nordamerika,

endete Teil 1 unserer Betrachtung.

Von Altamira bis Entenhausen -

COMICS: Erscheinungsbilder einer

populären Kunstform

Es tobte ein Kampf der Verleger Pulitzer

und Hearst um Marktanteile; gerade der

oft kleinbürgerliche, eher englischunkundige

und noch nicht sozial fest eingewurzelte

Immigrant verlangte primär nach optischer

Information und Unterhaltung. Es sind

die Stunden der Sensationspresse und der

Bildgeschichte - der Comic jener Periode ist

also ein Destillat aus soziokulturellen, ökonomischen

und technologischen Bedingtheiten.

In Pulitzers New York World gelingt 1896 zum

erstenmal ein professionelles Farbdruckverfahren

inklusive der Farbe Gelb, deren Trocknungsprozeß

bisher Probleme bereitete; am

16. Februar 1896 erscheint in der NYW die erste

Folge der Serie The Yellow Kid von Richard

Felton Outcault (1863-1928). In dieser Serie

um einen frechen, leicht asozialen Jungen

werden mit garstigem Blick und semirealistischem

Strich die miserablen Lebensverhältnisse

des Einwanderermilieus beleuchtet. Darober

hinaus definiert dieser Streifen bereits

bestimmte Wesensmerkmale der sich anbahnenden

Comickultur: Verwendung von Sprechblasen

(Dialogorientierung!), Beibehaltung

bestimmter Hauptpersonen und Schauplatze.

Allerdings werden beim Yellow Kid (siehe W.

Hogarth) die Aktionen noch in einem Einzelbild

verdichtet. Nach 1900 entwarf Outcault

dann den eher bürgerlichen Lausbuben Buster

Brown, der in dezent-gründerzeitlichem Ambiente

Dienstboten neckte. Die Spielwarenindustrie

bemachtigte sich schließlich dieser Figur;

die Saat für das sogenannte "Merchandising"

jenen wundersamen Zug der industriekapitalistischen

Mehrfachverwertung einer Ware (und

Comics sind in der Relation von Produktion

und Konsum eine solche), wird hier höchst anschaulich

gelegt...

© JOCHEN SCHAUDIG

Im Dezember 1897 startet nun

der erste originäre Comic Strip...

...The Katzenjammer Kids in Hearsts New York

Journal. Autor ist der deutschstämmige Rudolph

Dirks (1877-1968) und "spiritus movens"

der Verleger Hearst – auf einer Europareise hatte

er Buschs "M & M" goutiert und wollte nun

Ähnliches für seine Blätter. In dem anarchischdestruktiven

Streifen kämpfen zwei sadistische

Knaben in Wort und Bild (Stichwort: "society

is nix") gegen die Gesellschaft eines bizarren

Phantasiestaates, der natürlich das damalige

Umfeld meint.

28 Bogart

Das Mitmachmagazin


Hans-Michael Kirstein: Von Altamira bis Entenhausen

100 Jahre comic (iI)

Eine weitere Bizzarerie umgibt diesen Streifen:

Dirks überwarf sich 1912 mit Hearst und zeichnete

den Streifen seit dieser Zeit für Pulitzer

als The captain and the kids, während Harold

Knerr (1883-1949) die Serie unter dem alten

Namen weiterführte. Andere wichtige Streifen

jener Gründerjahre sind: Happy Hooligan, ein

tramphafter Looser und Vorläufer chaplinesker

Gestalten. Entworfen wurde er von F. B. Opper

(1857-1957) mit geschärftem Blick für das

Amerika der 1Oer Jahre.

James Swinnerton (1875-1974) lieferte mit

Little Jimmy (1904) die poetisch nuancierten

Alltagsabenteuer eines kleinen Jungen. Windsor

McCay entwickelte mit Little Nemo in Slumberland

zwischen 1905-11 im grandios formulierten

Jugendstilidiom die Traumabenteuer

eines ebenfalls kleinen Jungen – McCay arbeitete

übrigens nur für die vollkolorierten Sonntags-Comicseiten

und entwickelte bereits vor

dessen Entwicklung und Ausdifferenzierung

eine »filmische« Bildregie.

Lyonel Feininger, der große Maler des prismatischen

Kubismus (1871 -1956), gab zwischen

1906-11 mit seinen abenteuerlich-phantastischen

Reihen Kinder Kids und Wee Willie

Winkies World einen profunden Beitrag zur Stilund

Themenfindung im Comic.

George Herriman (1880-1944) lancierte die absurdeste

und dadaistischste Serie überhaupt:

Krazy Kat - ein bizarres Dreiecksverhältnis zwischen

einer Katze, einer backsteinwerfenden

Maus und einem Hundepolizisten im fragmentarisch-surrealen

Dekor ist bis heute eine der

künstlerisch hermetischsten Leistungen im

Comicmilieu.

Nicht übersehen werden darf

Georg McManus' (1884-1954)

Satire über eine neureiche

irische Einwandererfamilie,

Bringing up Father (ab 1913).

Juqendstil und später Art

Deco bilden die brillanten

stilistischen Klammern dieser

humoristischen Serie

Im Frankreich jener Jahre erschien

in der Jugendzeitschrift

L'EPATANT die ebenfalls etwas

anarchisch-gallige Serie Les

Pieds Nickelés (1908) von Louis

Forton (1879-1934). Dieser erste

»echte« europäische Strip

kreist um die Abenteuer dreier

ganovenhafter Schlaumeier

und Taugenixe. Während der

Zeit des 1. Weltkrieges wurde

dieser Comic jedoch, wie seinerzeit

international üblich,

»moderater« und für die nationale

Kriegspropaganda eingesetzt.

S. 16 aus TIM UND STRUPPI "Tim in Tibet" (Carlsen Verlag / 10. Aufl. 1980)

In Mitteleuropa kam es nun in

den 20ern zu wichtigen Comicausformulierungen:

Im Jahre

1925 schuf Alain Saint-Ogan

in Frankreich seine humoristische

Abenteuerserie Zig et

Puce. Der moderne Vater des

franko-belgischen Comics kultivierte

die szenischen Standards

der später so apostrophierten

»franko-belgischen«

Comic-Schule.

Inhaltliche Merkmale dieser Schule waren

(und sind zum Teil immer noch) der spezifische

»Pfadfindertouch« der Protagonisten, eine gewisse

milde Ironie und der effektive Sinn für

realistische Details. Formal waren (und auch

das gilt bis heute) das Definieren einer feinziselierten

Staffage und die »filmische« Kompositionsgliederung

die »Warenzeichen« der französischen

Strips.

Die Weiterführung und Vervollkommnung

Saint-Oganscher Standards verdankt der europäische

Comic dann jenem Autor und Zeichner

Hergé (d.i. George Remi, 1907-83), der sich mit

Tintin (Tim & Struppi, ein jugendlicher Reporter

und sein eigenwilliger Hund) einen definitiven

Platz im Olymp der Comicmacher gesichert

hat.

Der talentierte Hergé

entwickelte nicht nur ...

...die später als »ligne claire« bezeichnete Art

des Zeichenstils (eine flächig-konturbetonte

Art semirealistischen Fixerens: das Dekor wird

stilisiert realistisch, die Personen eher linear

karikiert wiedergegeben). Auch sein spezieller

Erzählstil (abenteuerliche Turbulenz gepaart

mit psychologisch nuancierter Typendarstellung)

wurde für nachfolgende Autorengenerationen

zum oft unerreichbaren Vorbild. In

den Spätsiebzigern wurde sein Darstellungskosmos

auch von jungen Comictechnikern für

satirischaufbereitende Exkurse »benutzt« und

zitiert - die »nouvelle ligne claire« war geboren.

Fortsetzung in Ausgabe 19 (1.3.14)

Das 8seitige, illustrierte Skript gibt es für € 4,60

bei BOGART.

für Creative

Bogart 29


COMIC & Graphic Novel

Fraternity 01 (von 03)

Juan Díaz Canales, José Luis Munuera

gebunden, 56 S., € 15,00

EGMONT Comic-Collection

Fraternity ist

eine zweibändige Comicperle des spanischen

Zeichners José Luis Munuera, dem Zeichner von "Spirou

und Fantasio" und "Merlin". Der außergewöhnliche Plot entspringt

der Phantasie des "BLACKSAD"-Szenaristen Juan Díaz Canale. Zusammen

erschufen die beiden eine faszinierende Fabel über die

menschliche Natur, voller atmosphärischer Zeichnungen in erdigen

Umbra-Farbtönen. Amerika, Indiana 1863 … ein fantastisches

Comicerlebnis nimmt seinen Lauf! In der kleinen Gemeinde „New

Fraternity“ wird eine sozialistische Utopie gelebt. Aber versprengte

Soldaten des Sezessionskrieges bedrohen den inneren Frieden der

kleinen Gemeinde. Plötzlich entdeckt man Emilio, ein seltsames

Findelkind, das ein großes, gefährliches Geheimnis hat: ein mysteriöses

Monster wacht über ihn!

Ein Frühling in Tschernobyl

Emmanuel Lepage

Hardcover, 168 S., € 29,80

SPLITTER

26. April 1986. In Tschernobyl beginnt

der Reaktorkern des Atomkraftwerks

zu schmelzen. Eine radioaktive Wolke

zieht über mehrere tausend Kilometer

hinweg, ohne dass irgendjemand davon

weiß – und sich davor schützt. Es ist

die größte Nuklearkatastrophe des 20.

Jahrhunderts, die zehntausende Opfer

fordern wird.

Emmanuel Lepage ist zu dieser Zeit 19 Jahre alt. Ungläubig sieht

und hört er die Nachrichten im Fernsehen. 22 Jahre später, im

April 2008, fährt er nach Tschernobyl, um mit seinen Texten und

Zeichnungen vom Dasein der Überlebenden und ihrer Kinder in

dem hochverseuchten Gebiet zu erzählen. Als er beschließt, auf

Anfrage des Vereins Dessin’acteurs dort hinzufahren, hat Lepage

das Gefühl, dem Tod entgegenzutreten. Als er im Zug sitzt, der ihn

in die Ukraine bringt, geht ihm eine Frage nicht mehr aus dem Sinn:

Warum bin ich hergekommen?

Zum gesamtkulturellen Fundus gehören die "bad boys 'n girls", die sich im

Comic in ambivalent-grenzgängerischen Charakteren und Typen als wesentlichem

Funktionsteil ihrer Stories begreifen. Der klassische US-Zeitungsstrip

realistischer Machart featurte vehement das lasziv-verführerische "bad girl" zumeist

in Gestalt sündiger Abenteurerinnen oder galaktischer Königinnen (siehe Terry and

the Pirates von Caniff oder A. Raymonds Flash Gordon). Und seit den Enddreißigern

ist vor allem der US-Vigilant Batman ein Prototyp des nicht unproblematischen

Draufgängers... Im europäischen Kontext erweist sich in der Nachkriegszeit dann

Hergés (1907-83) Käpt"n Haddock aus Tim und Struppi als treuer Kumpel und

cholerischer "Alk". In der legendären Abenteuerparodie Spirou und Fantasio des

belgischen Comicvirtuosen André Franquin (1924-97) ist es der von Co-Autor Greg

mitentwickelte Wissenschaftler Zyklotrop, der die Rolle des charmanten Drecksacks

evolutionär ausfüllt.

Als um 1960 sich das Fernsehen zum "Erzrivalen" der Comics entwickelte, begannen

hoffnungsvolle Comicmacher der seinerzeitigen Nachkriegsgeneration wie die

Belgier Jean-Michel Charlier (1924-89) und Greg (Michel Régnier, 1931-99) an den

Schalthebeln der Comicmacht zu agieren:

Neue Heldenkonzepte mussten her,

um ältere Leser zu halten und zu ... gewinnen!

Mit viel Gusto, Verve, recherchierten Hintergründen und epischem Atem begann

Charlier mit der langen Reihe seiner Comichistorie machenden Monumentalepen

DER ROTE KORSAR und Leutnant Blueberry (s.a. BOGART 12). Den ersten Titel

fertigte Victor Hubinon (1924-78) mit einem Caniff-inspirierten Pinselstrich und

sicherem Gespür für ein ausbalanciertes "visual storytelling". Dieser nunmehr von

EGMONT in einer beglückenden Integralausgabe edierte Piratenstreifen zeigt im

historisierten Kontext die wassersatten Enqueten des Barbe Rouge und seines

Adoptivsohnes Rick, "segelnd" zwischen Piraterie und autorisiertem Kaperbrief.

Außerdem sind der bärbeissige Freibeuter Barbe Rouge und seine Crew ein unversenkbares

(Zitat-) Denkmal in den Comicgewässern gewisser legendärer Gallier.

Charliers Talent verdankt der Abenteuercomic europäischer Provenienz profunde

"Helden" zwischen Bonhommie und Halsabscneiderei - Chapéau, Monsieur Charlier!

Auf der anderen Seite erweist sich der unermüdliche Greg als Autor, Zeichner

als der Konzeptentwickler und Motor der frankobelgischen Comicszenerie! Der

"Kanonenschlag" gebiert um 1966/67 eine neuartige und für das Milieu folgenreiche

Serienkonzepte. Mit dem baldigen Super-Zeichnerstar HERMANN (*1938)

kreiert Greg den "hardboiled"-geprägten Actionstreifen um den Profi abenteurer

Andy Morgan und Comanche mit dem zivilisationsmüden Westerner Red Dust im

Mittelpunkt (siehe auch BOGART 6).

Eine weitere Großtat von Autor Greg ist soeben in einer hochavancierten Integralausgabe

(Band Nr. 1) erschienen. BRUNO BRAZIL wurde von Greg um 1966 (unter

dem nom-de-guerre "Louis Albert") zusammen mit dem aufstrebenden Zeichnerstar

William Vance (das ist William van Cutsem, 1935) entwickelt. Vance, ein studierter

Illustrator und Werbezeichner, hatte bereits für TINTIN an dem Marinestreifen

Howard Flynn und dem teils italowesternhaften Ray Ringo gearbeitet. Sein leicht

fi ebriger Zeichenstil, bei dem man oft das Kratzen der Feder über den Karton zu hören

glaubt, generierte sich in jenen Jahren aus diversen Einfl üssen. Und so entsteht

durch die topmotivierten Comicmagier Greg und Vance einer der stilprägendsten

Abenteuer-, Agenten- und Krimistreifen

der Neu-

30 Bogart

Das Mitmachmagazin


Im Dutzend dreckiger:

ComicheldInnen

zwischen Gut und Böse

Eine "kleine" Betrachtung von Hans-Michael Kirstein

ECHTE FRÜNDE ...

In Blickkontakt transmedialer

Art trat HMK mit seinem

Nylonmann Co.-Autor HER-

MANN auf der Buchmesse

beim Studium von dessem

neuen Jeremiah Integralband

Nr. 3 (Kult-Editionen)

Aber die Gesetze der phantastischen Anders-Welt, die Frauen (Kriss de Valnor!) und

wohl auch die Verwertungsgelüste bzgl. eines erfolgreichen Serienkonzepts verlangen

da die Stetigkeit des Handelns ... Splitter kultiviert diesen modernen

Comicklassiker in der gewohnt

höchsten Qualität - und so fi n-

den sich auch bereits "Spinoffs"

im Repertoire. Yann, ein Multitalent

der BD-Szene mit Credits

im Humor- und Dramabereich

(Im Jenseits ist die Hölle los

oder Pin Up, ein genialer comic-

und zeitrefl ektierender

Streifen mit Zeichner Berthet)

erzählt mit dem Illustrator Roman

Surzhenko, einem würdigen

Nachfolger Rosinskis,

in dem ersten Band Thorgals

Jugend - Die 3 Schwestern

durchaus einfühlsam und

subtil die frühe Jugend Thorgals,

seine "vorbestimmte"

Liebe zum Mädchen Aaricia.

Eine winterliche Hungersnot

und das mysteriöse

Auf-"tauchen" dreier Wale

bedeuten den Start eines

prototypischen "Sense-of-

Wonder-Märchens"...

Die kleine Reise durch die Welten

verwaschener und verwegener Antihel-

den sowie

"bad-good-characters" wird in der nächsten Ausgabe mit den SPLITTER-Neuerscheinungen

über den Leutnant der Royal Navy Bruce J. Hawker (Duchâteau/Vance) und

Richard Corbens Creepy weitergeführt.

zeit, ohne den mancher Serienerfolg der nachfolgenden Dekaden wohl kaum in der

Art denkbar gesesen wäre (Largo Winch, XIII und sein Spinoff u.a.). Das Publikum

jener Jahre mochte das ironisch gebrochene Kalte-Kriegs-Kino à la James Bond

oder kongeniale TV-Varianten wie Mission Impossible oder Mit Schirm, Charme

und Melone. Und so entwickelte Greg sein Erzählrepertoire um ein kleines Kollektiv

leicht "beschädigter" Biographien, ergänzt um die "schlagfertige" Peitschenvirtuosin

Whip Rafale und geführt von dem weisshaarigen Agenten Bruno Brazil, ein Mann

mit situtiv präsentem (Greg-)Dialog und operativem Gestaltungswillen. Ob es um

einen Altnazi und seine Intrige um angebliches Nazigold geht, um "Mindcontrolling"

via Satellit und TV-Empfang aus dem brasilianischen Dschungel oder manipulative

posthypnotische Aktivitäten: Brazil und sein Kommando Kaiman, dies referiert die 1.

EGMONT-Ausgabe, führen ein in jedweder Hinsicht aufreibendes Leben ...

Der frankobelgische Comic war

in den Umbrüchen der 60er angekommen.

So entstanden schließendlich die ambivalent-grauwertig eingefärbten "Biographien"

mancher Comicprotagonisten der 80-./90er Jahre. Autor Jean van Hamme (Der postmoderne

"Greg"...) schuf mit dem hochbegabten polnischen Zeichner Gregorz Rosinski

(1941) das höchst süffi sante "nordische-Mythen"-Comickompendium THOR-

GAL. Wohl kaum ein Bildgeschichtenerzähler nutzt Eigenes und Erprobtes, eigene

Muster und Fremdmythen derart modulhaft und kombinierend wie van Hamme.

Und mit entsprechender kreativer Chuzpe entwickelt van Hamme, virtuos fl ankiert

durch den Zeichner Rosinski eine durchfermentierte Fantasy-Wikingerwelt voller

Charaktere zwischen geradem "moralischen" Tun und existenziellen Verführungen.

Der "Held" Thorgal, ein Barde und Halbgott, sucht ureigentlich nur familiäres Glück.

BRUNO BRAZIL

Gesamtausgabe 01

Greg, William Vance

gebunden;

216 S.; € 29,99

(Gesamtausgabe 02

ab Dezember 2013)

EGMONT

Comic-Collection

Die Welten von

THORGAL –

Die Jugend von Thorgal

Die drei Schwestern

Band 1 von 2

Yann, Roman Surzhenko

Hardcover, 48 S.

€ 13,80

SPLITTER

DER ROTE KORSAR

Gesamtausgabe 02

Jean-Michel Charlier,

Victor Hubinon

gebunden,

ca. 160 S.,

€ 29,99

EGMONT

Comic-Collection

für Creative

Bogart 31


aus "Li‘l Sushi goes Yokohama......because Alice is out of town!"– Manga-Obscura mit illugraphischen Japanerien von

Reinhard Müller-Rode (Pics/Digs) und Hans-Michael Kirstein (Inks/Story); 24 S., Hardcover, 20x30 cm; € 29 90 /Edition BOGART

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