Facetten Mai 2013

becker.christoph

Ausgabe 24 • Mai 2013

Kasseler Werkstatt · Kindertagesstätte Georg-Wündisch-Haus

Seniorenzentrum Renthof · Tagespflege am Holzmarkt · Pro Dokument

Die Sozialgruppe Kassel e.V. feiert ihre Jubiläen

documenta-Halle, Kassel

80 Jahre Sozialgruppe Kassel e.V.

50 Jahre Kasseler Werkstatt

25 Jahre Fachbereich Gartenbau

25 Jahre Eltern- und Förderverein

10 Jahre Pro Dokument gGmbH

10.–12. Oktober 2013


Ihr Dienstleistungsunternehmen

für die Beförderung von

Menschen mit Behinderungen

wünscht stets

eine gute, angenehme

und vor allem sichere Mitfahrt.

Markt der

Möglichkeiten

Samstag

8. Juni 2013

ab 14 Uhr

Unterneustädter Schule

Leipziger Straße 13

Die Unterneustadt zeigt ihr Profil

Projekte und

Institutionen

stellen sich vor

Gelegenheit zu Rundgängen in den beteiligten Einrichtungen

Kinderschminken, Torwandschießen, Tombola,

Informationen, Fakten, Neues, Bewährtes,

Kulinarisches und Musikalisches in der Unterneustadt

Kaffee &

Kuchen

Tanzgruppe unter der Leitung von Denise Rohde

Kulinarisches &

Musikalisches

Theater Chaosium

Musikalisches von Caro. Kiste. Kontrabass.

In der Nähe der Zufriedenheit

Ausklang Sommerfest mit Cocktails (auch alkoholfrei)

Spiel, Spaß, Unterhaltung


Gastbeitrag

des Hessischen Sozialministers Stefan Grüttner

Das Hessische Sozialministerium engagiert

sich gemeinsam mit unzähligen

Sozialverbänden und -gruppen dafür,

dass Menschen mit Behinderungen gleiche

Teilhabe-Chancen in Gesellschaft

und Wirtschaft er- und behalten. Das soziale

Eingebundensein ist für alle Menschen,

besonders für Menschen mit Behinderungen,

von zentraler Bedeutung.

Teilhabe am Arbeitsleben ist elementar

für die Teilhabe am gesamten gesellschaftlichen

Leben.

Um dies zu erreichen, ist das Land Hessen

auf verschiedenen Handlungsfeldern

aktiv: Das sind Hilfen für Schülerinnen

und Schüler mit sonderpädagogischem

Förderbedarf durch eine aktive Berufsorientierung,

Schaffung von neuen Ausbildungsplätzen

für junge Menschen

mit Schwerbehinderung und Schaffung

von Arbeitsplätzen für über 50-jährige

schwerbehinderte Menschen.

Vorrangiges Ziel ist es, Menschen mit

Behinderungen in den allgemeinen Arbeitsmarkt

zu integrieren. Da dieses aber

nicht in allen Fällen gelingen kann, ist

der Staat auf gemeinnützige Betreiber von

Werkstätten angewiesen, in denen Menschen

ihrer Behinderung entsprechend

sinnvoll arbeiten können. Sie gewinnen

damit an Selbstvertrauen und Kompetenz

für ein eigenständiges Leben und

Arbeiten.

Eine bedeutende und seit Jahren erfolgreiche

Organisation, die sich in hohem

Maße im sozialen Bereich engagiert, ist

die Sozialgruppe Kassel e. V. Als Träger

der Kasseler Werkstatt und der Pro Dokument

gGmbH bietet sie vielen Menschen

aus dem nordhessischen Raum Beschäftigung

und Betreuung. Hier werden Menschen

mit Behinderung individuell und

bedürfnisorientiert gefördert, können an

vielfältigen Bildungsangeboten teilnehmen

und bekommen weitgehende Hilfen,

wenn es um die Eingliederung in den allgemeinen

Arbeitsmarkt geht.

Die Kasseler Werkstatt feiert in diesem

Jahr ihr 50-jähriges und der Fachbereich

Gartenbau feiert sein 25-jähriges Jubiläum.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr Beitrag

zur Integration von Menschen mit Behinderungen

verdient hohe Anerkennung

und ist für ein gutes Funktionieren des

Sozialstaates eine wertvolle Ergänzung.

Auch in Zukunft setzt das Land Hessen

auf die engagierte Unterstützung gemeinnützig

tätiger Organisationen. Das

Land fördert die Zusammenarbeit und

trägt mit seiner finanziellen Unterstützung

dazu bei, dass Organisationen wie

die Sozialgruppe Kassel weiterhin ihren

gemeinnützigen Aufgaben im Sinne und

zum Wohle benachteiligter Menschen

nachkommen können.

Liebe Leserinnen und Leser,

Intro

die zahlreichen Jubiläen, die wir in diesem Jahr feiern,

laden natürlich zu einem Rückblick ein. Die Beiträge

in dieser Ausgabe verbinden die Erfahrungen

aus der Vergangenheit mit den Herausforderungen

des heutigen Lebens. Einige Veränderungen kommen

plötzlich, ohne dass man sich wirklich vorbereiten

kann, andere hingegen stellen sich eher schleichend,

unmerklich ein. Es ist immer nützlich, wenn man aus

einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen kann.

Gerald Reißmann

(Vorsitzender des Vorstands Sozialgruppe Kassel e. V.)

FACETTEN 3


„Alleine wäre

es nicht gegangen“

80 Jahre Vereinsgeschichte

Alleine nicht: (von links) Marcus Bergmann, Sandra Schneider, David Klemmstein und Tanja Rinder.

4 FACETTEN


„Alleine wäre es nicht gegangen“ – das

war ein spontaner Kommentar während

unserer Ausstellung Soziale Verantwortung

und Solidarität, der kurz erklärt werden

muss. Im aktiven Teil dieser Ausstellung

konnte der Begriff der Inklusion mit

verschiedenen Holzstücken und Seilen

sichtbar gemacht werden. Ein Besucher

versammelte die im Raum befindlichen

Personen um sich, stellte die Holzstücke

so übereinander, dass mehrere Personen

mit ihren Händen immer zwei Holzstücke

miteinander verbanden – nur so hielt der

Turm –, und sagte: „Alleine wäre es nicht

gegangen.“

Auf Nachfrage erhielten wir ausdrücklich

grünes Licht, unsere Jubiläumsfeierlichkeiten

im Oktober in der documenta-

Halle mit diesem Motto zu schmücken

(siehe auch Seite 20).

Die Sozialgruppe Kassel e. V. (SGK)

(vormals Verein für Volkswohl e. V.) wird

80 Jahre alt!

Soziale Arbeit hat sich in den vergangenen

acht Jahrzehnten immens

gewandelt. Sie ist auf die Prioritätenliste

gerückt und zunehmend professionalisiert

worden. Engagement und Leidenschaft

zu entfalten für Menschen,

die auf eine Assistenz angewiesen sind,

war die notwendige Grundlage, auf der

sich eine gewollte Landschaft sozialer

Dienstleistungen entwickelt hat. Soziale

Verantwortung, die eine Gesellschaft

trägt und qualifiziert, bekennt sich

folglich zur Solidarität. Sie stellt eine

Augen höhe her zwischen Menschen, die

entweder eine Assistenz benötigen oder

diese anbieten; nicht Bevormundung,

sondern Kooperation und Partnerschaft

heißt die Devise.

In der Zeit des Nationalsozialismus

erhoben sich manche Menschen über

andere, diese dünkten sich besser, gar

wertvoller als jene; die Würde so vieler

Menschen wurde mit Füßen getreten.

Auch in unserer Vereinsgeschichte gab es

während des Nationalsozialismus Phasen,

in denen das konsequente Eintreten

für die Menschenwürde erhebliche Lücken

aufwies. Dies ist uns Mahnung und

Auftrag zugleich, daher sind für uns soziales

Handeln und permanenter Einsatz

für die Würde jedes einzelnen Menschen

immanent. So gehört der offene Umgang

mit unserer Vergangenheit, der von zahlreichen

BesucherInnen der Ausstellung

gelobt wurde, zum Selbstverständnis der

SGK.

In den Jahrzehnten von 1945 bis heute

zeichnet unsere Unternehmenspolitik ein

konsequentes Eintreten für die Grundsätze

der Humanität, der Gleichbehandlung

und der gegenseitigen Achtung aus. Und

genau dafür können wir viele Wegbegleiter

benennen – alleine wäre es in der Tat

nicht gegangen.

Zum 50-jährigen Jubiläum des Vereins

bezeichnete uns Hans Eichel, langjähriger

Oberbürgermeister der Stadt Kassel und

Ehrenmitglied der SGK, als „Schrittmacher

für den Ausbau sozialer Leistungen

und Einrichtungen im Bereich der Stadt

Kassel und des Verständnisses, der Aufmerksamkeit

und des Handelns für Menschen

in unserer Stadt“.

Wir danken unserem Personal, welches

engagiert die Unternehmensziele umsetzt

sowie kreativ und motiviert mitgestaltet.

Wir danken den Einrichtungsleitungen,

die unseren sozialen Dienstleistungen ihr

Profil geben. Wir danken vielen sozial engagierten

Personen in der Sozial politik,

den Leistungsträgern und der Fachöffentlichkeit.

Auch danken wir den zahlreichen

ehrenamtlichen HelferInnen, den

Beiräten sowie dem Eltern- und Förderverein

der Kasseler Werkstatt für ihren Einsatz

und ihre konstruktiv-kritische Begleitung

unserer Arbeit.

Ein besonderer Dank gilt den zahlreichen

kleinen und großen Unternehmen

aus Industrie, Handel und Handwerk, die

durch ihre Aufträge eine Beschäftigung

der MitarbeiterInnen der Kasseler Werkstatt

möglich machen.

Und wir danken den Vereinsgremien

für ihr Vertrauen in die Arbeit und Leistung

der SGK.

Wir wünschen uns sehr, dass wir mit

allen Beteiligten auch in Zukunft einen

gemeinsamen und erfolgreichen Weg gehen.

Ilona Caroli

(Vorsitzende des Verwaltungsrats)

Gerald Reißmann

(Vorsitzender des Vorstands)

FACETTEN 5


lichen Veränderungen des Arbeitsmarktes

nahm die damalige Beschützende Werkstatt

bis zum heutigen Sozialunternehmen

eine rasante Entwicklung.

Die heutige KSW ist mehr als ein Arbeitsplatz.

Es findet Kommunikation ohne

Barrieren statt. Die Landesarbeitsgemeinschaft

Werkstätten in Hessen bezeichnet

Werkstätten nicht mehr als ein Gebäude,

sondern als Systemanbieter: als Agentur

für angepasste Arbeit.

Kommunikation

ohne Barrieren

50 Jahre Sozialunternehmen Kasseler Werkstatt

Viele Menschen ganz unterschiedlicher

Generationen und verschiedenster

Lebenssituationen sind mit der Kasseler

Werkstatt (KSW) verbunden, befreundet

und vernetzt. Sozialpolitisch Verantwortliche,

Behörden, Auftraggeber und das

Personal der Sozialgruppe Kassel konnten

sich in fünf Jahrzehnten einbringen und

sich solidarisch an die Seite von Menschen

mit Behinderung stellen.

Seit ihren Anfängen vor 50 Jahren ist

die KSW stetig gewachsen, ohne dabei

ihre Grundstruktur wesentlich zu ändern.

Im Laufe ihrer Existenz hat sich die

KSW zu einem erfolgreichen und effizienten

Sozialunternehmen in der Region

Nordhessen entwickelt.

Aufgrund des stetig steigenden Bedarfs

an neuen Werkstattplätzen und wesent-

Aufgaben der WfbM

Werkstätten für behinderte Menschen haben nach

§ 136 SGB IX, Satz 1, u. a. folgende Aufgaben:

– behinderten Menschen eine angemessene berufliche

Bildung und Beschäftigung zu bieten,

– individuelle Leistungs- und Erwerbsfähigkeiten zu

erhalten, zu entwickeln, zu erhöhen oder wieder herzustellen

und dabei die Persönlichkeit weiterzuentwickeln,

– den Übergang geeigneter Personen auf den allgemeinen

Arbeitsmarkt zu fördern.

Bundeswerkstätten-Tag 2012

Werkstätten bieten Maßarbeit an.

Maßarbeit, das war auch das Motto des

Bundeswerkstätten-Tages 2012 in Freiburg.

„Wir sind Spezialisten darin, Arbeitsschritte

zu zergliedern, sodass Arbeit

für alle Menschen da ist“, erklärte

Martin Berg, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft

Werkstätten. Die Zukunft

liege darin, „Menschen in ihrem

Arbeitswunsch zu unterstützen, egal wo

sie arbeiten wollen. Wesentliche Voraussetzungen

dafür sind Bildung und Qualifizierung.“

Ulrike Mascher, Vorsitzende des Deutschen

Behindertenrates, stellte klar:

„Unsere Gesellschaft braucht Werkstätten

für behinderte Menschen. Sie sind

unverzichtbar und nicht wegzudenken,

weil sie etwas bieten, das private und

öffentliche Arbeitgeber nicht bieten: auf

individuelle Fähigkeiten angepasste Beschäftigungschancen.“

Sie äußert die

Sorge, dass aufgrund knapper öffentlicher

Kassen Werkstätten in ihrer Entwicklung

eingeschränkt werden. „Wir

dürfen nicht zulassen, dass soziale Errungenschaften

weggespart werden“, so

Maschers Appell.

Dr. Heiner Geißler forderte eine neue

Form der Aufklärung. Die Ökonomisierung

unserer Gesellschaft habe alle ge-

6 FACETTEN Kasseler Werkstatt


sellschaftlichen Bereiche durchdrungen.

Aus dieser Perspektive werde der Mensch,

der auf Unterstützung angewiesen ist,

vorrangig als Kostenfaktor gesehen. Der

erste ethische Grundsatz von Wirtschaft

und Politik müsse jedoch sein, jeden

Menschen in seiner Würde anzuerkennen.

Den Besuchern des Werkstätten-Tages

gab Geißler den Rat: „Sie können in

der Politik nur etwas erreichen, wenn Sie

Krach machen, wenn Sie Streit anfangen.

Lassen Sie sich nichts gefallen, streiten Sie

für Ihre Ziele.“

„Inklusion muss allen Teilhabechancen

bieten“, schloss der BAG:WfbM-Vorsitzende

Günter Mosen. „Die Gruppe der Menschen

mit schweren Behinderungen darf

nicht rausfallen.“

Potenzial und Dank

Wie ich mir die Werkstatt wünsche

Wünsche von MitarbeiterInnen aus der Werkstatt

– wertschätzende und vertrauensvolle Zusammenarbeit

zwischen Personal und Mitarbeitern

– passgenauer Arbeitsplatz nach den Fähigkeiten der

Mitarbeiter, um bestmöglich die Arbeitsabläufe umzusetzen

– mehr Mitbestimmung im Tagesgeschäft und in der

Weiterentwicklung der Werkstatt

– die Bezahlung sollte so sein, dass keine Grundsicherung

benötigt wird

– mehr Außenarbeits- und Praktikumsplätze in verschiedenen

Arbeitsfeldern

– zielgerichtete Qualifizierung am Arbeitsplatz

– die Förderpläne sollten in Zielvereinbarungen für Mitarbeiter

umgewandelt werden so wie beim Personal

– dass die Unterscheidung der Begriffe Fachpersonal

und Werkstattbeschäftigte oder Personal und Mitarbeiter

aufgegeben wird

– Werkstätten sollte es auch in Zukunft geben

Die KSW besitzt ein großes Potential,

aus dem wir schöpfen. Wir haben gemeinsam

viel bewegt und Gutes geschaffen

– so können wir mit großem Selbstvertrauen

in die Zukunft gehen. Zusammen

– Belegschaft, Eltern, Förderer, Freunde

und ehrenamtliche HelferInnen – sind

wir auf einem guten Weg und können mit

großem Stolz und mit ausgelassener Freude

unser 50-jähriges Jubiläum feiern.

Ich möchte allen Verantwortlichen, allen

KollegInnen in der KSW meine Hochachtung

und meinen Dank aussprechen.

Mit ihrem täglichen Einsatz, mit viel Engagement

und Kreativität, mit viel Zuwendung

und auch Geduld realisieren

sie vielen Menschen mit Behinderung

den Zugang zum Lebensbereich Arbeit.

Sie tragen dazu bei, dass sich auch Menschen

mit schweren Behinderungen wertschöpfend

erleben und mit Stolz auf ihre

Arbeit und damit auf ihre Leistung blicken

können.

Ich selbst habe zum 31. März 2013,

nach 25 Jahren in der KSW, davon 18 Jahre

in leitender Funktion, meine aktive Verantwortung

abgegeben. Ich danke für das

Vertrauen, das mir in den vergangenen

Jahren entgegengebracht wurde, und ich

bitte, meine beiden Nachfolger, Lieselotte

Schramm und Christian Lehnert in gleicher

Weise zu unterstützen. Ich danke

zum Schluss allen, die uns geholfen haben,

dass sich dieses Sozialunternehmen

KSW erfolgreich entwickeln konnte, und

lade alle recht herzlich ein, das auch weiterhin

vertrauensvoll zu tun. Im Sinne des

Mottos der Sozialgruppe Kassel e. V.: „Die

Stärke eines Systems ist daran abzulesen,

wie es mit den vermeintlich Schwachen

umgeht.“

Peter Liesert

(Leitung KSW bis März 2013)

Kasseler Werkstatt FACETTEN 7


Niemand ist länger da als sie!

46 Jahre in der Kasseler Werkstatt

Die Kasseler Werkstatt feiert dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Eine von den MitarbeiterInnen

selbst verfasste Jubiläumszeitschrift wird im Herbst erscheinen. Vorab aber

sollen hier die beiden Menschen zu Wort kommen, die 46 der 50 Jahre miterlebt haben:

Birgit Stemmler ist die dienstälteste Mitarbeiterin und Günther Hubenthal der dienstälteste

Mitarbeiter der Kasseler Werkstatt. Ihren ersten Arbeitstag hatten beide am 2.

Januar 1967.

Birgit Stemmler (61)) arbeitet heute in der

KSW 1, in der Gruppe Verpackung für SMA

(Gruppenleitung: Birgit Voigt).

„Zuerst war ich im Herwigsmühlenweg,

da hatten wir mit Packen zu tun. Dann

wurde das hier (die KSW 1) gebaut und

wir sind hierher gezogen – das war schön.

Früher haben wir viel für Buntpapier Bär

gearbeitet, zum Beispiel Folienrollen gemacht.

Jetzt machen wir viel für SMA. Ich

war auch schon mal bei SMA. Da haben

wir die Leute besucht und besichtigt, was

die in der Verpackung so an Arbeit machen.

Ich wohne in der Geibelstraße, im Haus

Eder. Da habe ich ein Einzelzimmer. Am

Wochenende räume ich auf, wir trinken

Kaffee oder gehen spazieren. Ich treffe da

viele Leute.

Ich arbeite jetzt halbe Tage, von halb

acht bis zwei. Dann kommt der Bus und

holt uns ab. Früher habe ich ganze Tage

gemacht, aber das ist jetzt so lang. Wenn

ich keine Arbeit habe, dann lese ich. Ich

bringe mir Bücher von zu Hause mit.

Wenn ich mit 65 hier aufhöre, weiß ich

gar nicht, was ich machen soll. Von morgens

bis abends zu Hause sitzen ist langweilig

– hier ist mehr Abwechslung.“

Günther Hubenthal (61) arbeitet heute in der

KSW 2, in der Gruppe Verpackung für VW

(Gruppenleitung: Ivo Pavlekovic).

„Fünf Leute von uns sind schon 61 Jahre

alt. Ich werde am 7. 11. schon 62, aber ich

möchte noch hier weiter arbeiten und bei

Ivo bleiben. Ich bin sehr zufrieden hier.

Als ich angefangen habe, hab‘ ich mit

Kalendern zu tun gehabt, das war am

besten. Dann sind wir in die Mündener

Straße 45 gezogen, und als das hier (die

KSW 2) fertig war, sind wir hierher gezogen.

Jetzt bin ich schon sehr lange hier.

Hier gefällt es mir am besten, es gibt nette

Leute. Edda Eberle und Jackie Kutz sind

meine Freundinnen, die kommen aus

Melsungen, wie ich. Mein Vater hat mich

da großgezogen.

Ich mache jetzt öfter VW-Arbeit, ein

bisschen sortieren, ich arbeite fast alles.

Es gibt große Lkw, in denen kommt die

Arbeit.

So, jetzt habe ich alles gesagt.“

aufgezeichnet von Nora Wetzel

8 FACETTEN Kasseler Werkstatt


Der Weg zum

Sozialunternehmen

Gelebte Inklusion – 25 Jahre prägte Peter Liesert die KSW

Als Peter Liesert 1988 die technische

Leitung der Kasseler Werkstatt (KSW)

übernahm, feierte die KSW 25-jähriges

Bestehen und bot 320 Menschen mit Behinderung

einen Arbeitsplatz. Um den

beschäftigten Menschen ein breiteres Arbeitsspektrum

bieten zu können, begann

Liesert Industriestandards in der KSW

einzuführen. Arbeitsplätze wurden nach

ergonomischen Aspekten einheitlich gestaltet

– nach und nach hielt immer mehr

Technologie Einzug in die KSW. Die Arbeit

mit computergesteuerten Fräs- und

Drehmaschinen galt anfangs noch für

undenkbar – der Geist, der meinte, Behinderung

und hochkomplexe Technik

gingen nicht zusammen, schwebte über

vielem. Mit Einführung dieser neuen

Standards gelang es Liesert, aus Industrie,

Handel und Handwerk für die KSW neue

Kunden zu werben beziehungsweise die

Zusammenarbeit mit vorhandenen Kunden

zu intensivieren.

Das alles war nur durch eine vertrauensvolle

und kreative Zusammenarbeit mit

allen Beteiligten möglich. Als „alter Wehlheider

Junge“ liegt das Bestreben Lieserts

seit jeher darin, alte Bekanntschaften zu

pflegen und neue zu knüpfen – „Netz zu

werken“.

Normalität – heute: Inklusion – für alle in

und mit der KSW arbeitenden Menschen

zu schaffen, war immer Antrieb. Nicht

den Fokus darauf legend, was nicht geht,

sondern den Blick auf das, wie es geht,

gerichtet. So entstanden ,nebenbei’ Projekte

wie zum Beispiel der Brüder-Grimm-

Naturerlebnis-Pfad, das fledermausfreundliche

Haus oder der Sinnesgarten.

Die KSW wandelte sich unter Lieserts

Leitung von einer Beschützenden Werkstatt

hin zum Sozialunternehmen – was

seit dem Jahr 2000 durch eine Änderung

des Firmenlogos und des gesamten Auftritts

des Unternehmens in der Öffentlichkeit

voller Selbstbewusstsein nach außen

getragen wird. Selbstbewusstsein – das ist

es, was die KSW in all den Jahren erhalten

hat.

Viele KollegInnen hat Liesert in den

25 Jahren als Mentor begleitet und ihre

berufliche Karriere gefördert – Lieselotte

Schramm und ich sind hierfür Beispiele.

Wir sind bestrebt, die KSW im Sinne Lieserts

weiterzuentwickeln. Wir danken

ihm von Herzen für seine erbrachten

Leistungen, die uns entgegengebrachte

Förderung und das Vertrauen.

Christian Lehnert (Leitung KSW)

Herzlichen Glückwunsch

zum 50. Geburtstag:

Thomas Wagner 29. 1.

Ralf Reuter 23. 4.

zum 60. Geburtstag:

Bernd Jacob 16. 3.

Kasseler Werkstatt FACETTEN 9


Peter Liesert nimmt Abschied

Christian Lehnert und Lieselotte Schramm folgen

Viele sind zu Ehren von Peter Liesert

zu seiner Verabschiedung gekommen:

Vertreter aus der nordhessischen Industrie,

benachbarten und vernetzten sozialen

Einrichtungen, MitarbeiterInnen,

KollegInnen, Betriebsrat, Werkstattrat,

Eltern- und Förderverein,

seine

Familie ...

„Der 1. Februar

1988 war

ein guter Tag

für die Kasseler

Werkstatt“,

so Gerald Reißmann.

Liesert

übernahm an

diesem Tag die

technische Leitung

der KSW

und gab ihr im Laufe von 25 Jahren

eine neue, eine professionelle Richtung.

Es war dafür die richtige Zeit. Der Vorstandsvorsitzende

lobte die konsequente

Zielrichtung, der Liesert all die Jahre

folgte. Die Werkstattkonzeption, der Förderbereich,

die Personal- und Verantwortungsentwicklung,

Bildung, Ergonomie,

Qualitätssicherung, die Gründung

der Pro Dokument gGmbH als Integrationsunternehmens

und vor allem die

grundsätzliche Wertschätzung der Kompetenz

jedes einzelnen Menschen waren

Lieserts Themen.

Dazu passend gab er seinen Nachfolgern

und der gesamten Werkstatt einen

Wunsch mit auf den Weg: „Vielleicht gelingt

es ja einmal, dass wir nur noch Mitarbeiter

oder nur noch Personal haben

und nicht mehr unterscheiden zwischen

Menschen mit

und Menschen

ohne Behinderung.“

Unter der Leitung

von Jolanda

Ckekala-Mnich

und

Sarah Ibl mit

einer Choreografie

und musikalischen

Untermalung

von

Gerald Reißmann

(Klavier) und Sabrina Imeray (Flöte)

nach Grieg’s Morgenstimmung zeigten

die Tanzmäuse der Kasseler Werkstatt

durch Farben, Bewegung und Rollen, wie

sich Peter Liesert und seine Familie auf

noch ganz viele wunderschöne Sonnenaufgänge

freuen können.

Mit einer doppelten Schlüsselübergabe

endete die Feierstunde am 27. März, sowohl

Peter Liesert als auch Gerald Reißmann

wünschten Lieselotte Schramm

und Christian Lehnert als EinrichtungsleiterInnen

viel Erfolg und eine gute Zusammenarbeit.

Der Eltern- und Förderverein lädt ein

Tanz nachmittag

14. September, 14–17 Uhr

KSW 2, Werner-Heisenberg-Str. 18, Kassel

Eintritt frei

10 FACETTEN Kasseler Werkstatt


Trommeln, Tanz, Entspannung

Rhythmus und Bewegung während der Arbeit

Trommeln, Schellenkranz, Xylophon

und Rasseln – das sind

die Instrumente, die jeden Freitag

ab 13.15 Uhr aus der Sporthalle

zu hören sind. Der Kurs „Rhythmus

und Bewegung“ unter Leitung

von Beate Hauptmann

und Tobias Ferber hat acht bis

zehn Teilnehmende. Im Mittelpunkt

stehen rhythmische und

melodische Stehgreifspiele, Experimente

mit Tönen und Klängen,

die Wiedergabe von freien

Rhythmen, einfache Interpretationen

von Liedern sowie Bewegungen

und Entspannungsübungen

zu Musik.

Das Wiederholen sowie klare

Strukturen sind für die unterschiedlichen

Menschen im

rhythmisch-melodischen und

motorischen Bereich wichtig.

Was bringt den Teilnehmern

dieser Kurs außer der Freude

an Musizieren und Bewegung?

Gemeinschafts- und Gruppengefühle

werden gestärkt, es

entsteht Vertrauen zueinander,

man kann Gefühle zeigen und

sich am Ende der Arbeitswoche

entspannen. Und was macht den

TeilnehmerInnen besonders viel

Spaß? Das ist sehr unterschiedlich.

Manchen gefällt es, einen

Rhythmus nachspielen, den ein

anderer Teilnehmer vorgibt, andere

trommeln am liebsten zu

einem Lieblingslied, welches auf

CD mitgebracht wurde.

Beate Hauptmann, Tobias Ferber

Alle Jahre wieder

Seit über 40 Jahren ein Highlight: der Adventsbazar

Es ist drei Minuten vor zwei,

die Tür zur Sporthalle öffnet

sich, die Menschen, die sich davor

schon gestaut haben, stürzen

zum langgestreckten Tresentisch.

Innerhalb weniger

Minuten verschwinden rund die

Hälfte der 100 Adventsgestecke

in Beuteln und Taschen. Zum

39. Mal haben Johanna Köhler,

Werner Loos, Erhard Weinreich

und Helmut Wittig zwei Novemberwochen

Zeit investiert

und die Unikate hergestellt. Der

Überschuss aus dem Verkauf

geht an die Kasseler Werkstatt,

in der der Eltern- und Förderverein

seit über 40 Jahren jeweils

am Freitag vor dem 1. Advent

den bei MitarbeiterInnen, Eltern,

Personal und BesucherInnen beliebten

Bazar organisiert.

Breit ist die Palette an kunsthandwerklichen

Produkten, die

vom hauseigenen Berufsbildungsbereich,

vor allem aber

von externen Initiativen und befreundeten

Werkstätten angeboten

wird. Natürlich gibt es Kaffee

und Kuchen, in der liebevoll

dekorierten Bar in der Aktenvernichtung

auch Punsch und

Glühwein. Auch

wie jedes Jahr:

einen Stand

des Gartenbaus

und einen Flohmarkt

der MitarbeiterInnen.

Eine Märchenerzählerin

tritt

auf, ein Film

über Arbeit und

Bildung in der

Werkstatt wird

gezeigt – und

der Qualitätspreis

Bunte Kuh

wird verliehen, dieses Jahr an

die Beschäftigten des Arbeitsbereichs

3 für die beispielhafte

Teamleistung (MitarbeiterInnen

und Personal), die zur Neugestaltung

der Metallabteilung geführt

hat.

Kirsten Alers

Peter Liesert überreicht den Qualitätspreis Bunte Kuh an (von links)

Thomas Fischer (AB3), Alexander Jaeger (Betriebsrat), Olaf Haarbusch

(Werkstattrat).

Kasseler Werkstatt FACETTEN 11


Fördern, Fordern und alles Bio

25 Jahre Fachbereich Gartenbau

Fachbereich Gartenbau – am 1. Juli

1987 begann der Anbau von Gemüse sowie

Beet- und Balkonpflanzen am Standort

Kaufungen-Papierfabrik auf 9.000 qm

Freiland und 3.000 qm unter Glas. Offiziell

eröffnet wurde der Fachbereich 1988.

Der Gemüseanbau erfolgt heute nach Bioland-Richtlinien.

Da die benachbarte Firma Hackländer

ihren Standort in Kaufungen vergrößern

wollte, erwarben wir auf dem Gelände der

ehemaligen Lehr- und Versuchsanstalt

des Landes Hessen in Kassel Oberzwehren

auf 27.000 qm inklusive 1500 qm Gewächshausfläche

unseren neuen Standort.

Für weitere Anbauflächen und um

wetterunabhängig arbeiten zu können,

wurde 2011 ein Foliengewächshaus von

2.000 qm aufgebaut. In Oberzwehren haben

heute 50 Menschen mit und ohne Behinderung

einen Arbeitsplatz.

Rehabilitationsauftrag

Die berufliche Rehabilitation für Menschen

mit Behinderung ist ein wesentliches

Ziel im Berufsbildungsbereich

(BBB) des Gartenbaus. Der BBB vermittelt

fachspezifische Grundlagen, welche

durch den wöchentlichen Besuch der Berufsschule

ergänzt werden.

In den letzten Jahren konnten mit Hilfe

der Fachkraft für berufliche Integration

mehrere MitarbeiterInnen durch externe

Praktika soweit gefördert werden, dass

sie einen Arbeitsplatz auf dem 1. Arbeitsmarkt,

z. B. in einer Friedhofsgärtnerei

oder einem gemeindlichen Bauhof, erhalten

haben.

Die individuelle Förderung spiegelt

sich in den sich erweiternden Fähigkeiten

der MitarbeiterInnen. So werden in Zukunft

MitarbeiterInnen des Garten- und

Landschaftsbau-Bereichs voraussichtlich

die Pflegearbeiten der Außenflächen der

Werke 1 und 2 in Eigenregie übernehmen.

Derzeit wird auch ein Mitarbeiter

mit Führerschein für Kurier- und Lieferfahrten

vom Personal eingewiesen, sodass

er Fahrten selbständig erledigen kann.

Für die Beschickung des Wochenmarkts

sind MitarbeiterInnen soweit geschult,

dass sie selbstständig früh morgens auf

dem Markt erscheinen und beim Aufund

Abbau sowie beim Verkauf helfen.

Unsere Kunden

Im Bereich Garten- und Landschaftsbau

sind sowohl Privatkundenaufträge

als auch Dauerpflegeaufträge aus dem

Geschäftskundenbereich zu erfüllen. Die

Resonanz ist sehr gut, da die Aufträge

professionell ausgeführt werden. Die Vermarktung

der Biolandprodukte erfolgt

über die Belieferung von Bio-Läden, wobei

zum Teil mit dem Erzeugerhinweis

„Kasseler Werkstatt“ geworben wird.

Ein Teil der Produktion wird direkt vermarktet

(Wochenmarkt, Hofverkauf). Hier

ist für die weitere Entwicklung vor Ort die

Errichtung eines kleinen Hofladens geplant.

Nicht zuletzt werden für MitarbeiterInnen

und Personal bei der jährlich am

12 FACETTEN Kasseler Werkstatt


letzten Samstag im April stattfindenden

Eröffnung des Beet – und Balkonpflanzenverkaufs

die Professionalität und

Wertschätzung ihrer Arbeit unmittelbar

erlebbar durch die von Jahr zu Jahr zahlreicher

werdenden Besucherzahlen.

Heinz-Richard Klose (Bereichsleiter)

Lilo Schramm (Leitung KSW)

Gelebte Inklusion

25 Jahre Eltern- und Förderverein der Kasseler Werkstatt

Am 6. Mai 1988 wurde der Eltern- und

Förderverein e. V. (EFV) der Kasseler Werkstatt

(KSW) gegründet. Zuvor gab es seit

1963 lediglich eine Elternvertretung, die

sich für die Belange der Mitarbeiter und

Mitarbeiterinnen in der KSW einsetzte.

Der EFV konnte sich als gemeinnütziger

Verein etablieren, der sich besonders dafür

engagierte, Menschen mit Behinderung

außerhalb des Arbeitslebens Anerkennung

und Zuwendung zukommen zu

lassen. Ziele des neuen Vereins waren, die

Elternvertretung zu erhalten sowie Fördermaßnahmen

für Menschen mit Behinderung

zu entwickeln, um sie in der Gesellschaft

besser zu integrieren.

Fördermaßnahmen sind ohne finanzielle

Unterstützung nur bedingt umsetzbar,

vor allem Siegfried Braun gelang es

durch unermüdlichen Einsatz, neben den

Mitgliedsbeiträgen auch Spenden einzuwerben.

So konnten jedes Jahr große

Veranstaltungen und Tagesfahrten angeboten

werden – seit 1991 kostenlos für

Menschen mit Behinderung. Hier nur

einige Beispiele: Besuche im Safaripark

Stukenbrock und des EXPO-Zoos in Hannover,

Dampferfahrten auf Rhein, Mosel

und ,Fulle’, Fahrten mit dem Museumszug

Hessencourrier, Ausflug zu den Karl

May-Festspielen in Elspe/Sauerland, Tanznachmittage

und Karnevals- sowie verschiedene

Reiterhof-Veranstaltungen, u. a.

der American Day 2000 mit über 1.000

Besuchern. Zu den Großveranstaltungen,

die manchmal mit neun Bussen und mit

bis zu 500 Beteiligten stattfanden, gehört

eine ordentliche Portion Organisation.

Die hat der EFV vorbildlich geschafft.

Alle Unternehmungen dienten nicht

zuletzt dem Ziel, Menschen mit Behinderungen

und deren Angehörigen mehr Akzeptanz

und Kontakte in unserer Gesellschaft

zu verschaffen. Auf der Rheinfahrt z.

B. fand der EFV Unterstützung von Freunden

aus Koblenz; sogar der Bürgermeister

von Koblenz begrüßte alle Teilnehmenden.

Unsere Koblenzer Freunde und Vereinsmitglieder

haben auch zu insgesamt

vier Kanu-Freizeiten mit jeweils 15 Werkstattmitarbeitern

in Koblenz eingeladen.

von links: Hans-Joachim Noll, Ilse Noll, Meta Girod, Siegfried Braun, Thea Haarbusch.

Kasseler Werkstatt FACETTEN 13


Hans-Joachim Noll

mit seiner Tochter

Beate (Sommerfest

2008).

Um ein gutes, erfolgreiches Zusammenspiel

in einem Verein zu ermöglichen,

braucht es viele hilfreiche Hände. Da

muss zunächst ein aktiver Vorstand sein.

Den Posten als Vorsitzender hat Siegfried

Braun bis 2006 sehr erfolgreich ausgefüllt.

Außerdem bedarf es eines einsatzfreudigen

Beirats. Hier muss Thea Haarbusch

genannt werden, die sich seit März

2000 bis heute unermüdlich einsetzt.

Doch kein Verein kann seine Vorsätze

allein umsetzen. Es bedarf guter Verbindungen.

Eine äußerst vertrauensvolle

Zusammenarbeit hat sich im Laufe der

Jahre mit der KSW unter der Leitung von

Peter Liesert und dem Werkstattrat der

KSW ergeben. Die gute Kooperation mit

der Leitung der Sozialgruppe Kassel wurde

besonders vom Geschäftsführer Gerald

Reißmann gefördert.

Als Dank unterstützte der EFV auch

immer wieder großzügig die KSW. Als

Beispiele sind hier zu nennen: der Natur-

Erlebnispark an der KSW 2, der Sinnesgarten

an der KSW I, regelmäßige Zuschüsse

für Freizeiten und Investitionen,

Mitgestaltung von Veranstaltungen.

Seit 2006 liegt die von Beginn an ehrenamtliche

Führung des EFV in den

Händen neuer Vorstände, der aktuelle

wird von Meta Girod geführt, die sich

mit Herz engagiert. Bedauerlicherweise

stagniert die Mitgliederzahl des EFV

bei ca. 120, obwohl mittlerweile fast 600

Menschen mit Behinderung in der KSW

arbeiten. Eine deutliche Steigerung wäre

nötig, um die Ziele des Vereins auch weiterhin

umsetzen zu können. Es ist – so

können wir aus eigener Erfahrung berichten

– bereichernd, zu gestalten und die

damit verbundene Freude bei den Betroffenen

zu erleben. Dem EFV sei eine erfolgreiche

Zukunft gewünscht.

Ilse und Hans-Joachim Noll

(Elternpaar der ersten Stunde des EFV)

Das Recht auf Glück

Lothar Sandfort: Das Recht auf Liebeskummer. Emanzipatorische Sexualberatung für Behinderte (Sachbuch)

ISBN 978-3-940865-08-3, 130 S., 16 Euro, AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2012

Behinderte haben doch keine

Sexualität! Ein immer noch

weit verbreitetes Vorurteil. Dass

dem nicht so ist, und dass Menschen

mit Behinderung nicht

nur ein Recht auf Sexualität

haben, sondern einen guten

Umgang mit dieser lernen und

haben können, das schreibt Lothar

Sandfort in seinem Buch

Das Recht auf Liebeskummer.

Emanzipatorische Sexualberatung

für Behinderte.

Weil eine solche Beratung

nicht nur verbal und theoretisch

sein kann, sondern vor

allem praktisch erfahren werden

muss, damit sie von den

Menschen in ihrem täglichen

Umfeld gelebt werden kann,

bietet das Institut zur Selbst-

Bestimmung Behinderter (ISBB)

einen geschützten Rahmen für

ein ebensolches Erleben an.

Das Buch vermittelt lebendig,

wie ein erotischer Workshop an

einem Wochenende exemplarisch

ablaufen kann. So unterschiedlich,

wie die jeweiligen

Teilnehmer mit ihren unterschiedlichen

Behinderungen

sind, so unterschiedlich gehen

die SexualbetreuerInnen mit

den Teilnehmenden und deren

BezugsbetreuerInnen um.

Es gibt keine feste Regel außer:

Der Mensch mit Behinderung

muss seine Wünsche selbst äußern

und sich attraktiv machen.

Denn nur so wird er als

Partner fürs Leben oder Sex

begehrenswert. Und weil es darin

– wie bei ,ganz normalen’

Menschen auch – die Chance

des Scheiterns gibt, haben die

Menschen mit Behinderung

eben auch ein Recht auf Liebeskummer.

Und auf Glück!

Sylvia Hubele

14 FACETTEN Kasseler Werkstatt


„Ich fordere die Jungs!“

Heiko Fischer – 20 Jahre ehrenamtlicher Fußballtrainer

Trainer Heiko Fischer

Ein schöner Sportplatz – aber leider voller

Disteln und Unkraut: Das fiel Heiko

Fischer gleich auf, als er 1990 in der Kasseler

Werkstatt 1 als Lkw-Fahrer anfing.

„Ich dachte mir: Schade, da könnte man

doch super Fußball spielen“, erzählt der

heutige Gruppenleiter in der Verpackung.

Also nahm er die Sache in die Hand,

sorgte dafür, dass das Unkraut vom Platz

verschwand, stellte ein Team zusammen

und trainiert bis heute die Fußballmannschaft

der Kasseler Werkstatt – ehrenamtlich

in seiner Freizeit.

Dazu gehört mehr als das wöchentliche

Training: Trikots waschen, Turniere ausrichten,

Sponsoren finden und Fahrten zu

Auswärtsspielen organisieren – auch darum

kümmert sich der Trainer. Warum er

das macht? „Keine Ahnung“, sagt er und

grinst.

Und dann fallen ihm doch ein paar

Gründe ein: „Ich spiele einfach selbst

gern Fußball. Und natürlich habe ich

auch Ehrgeiz – ich fahre nicht auf ein

Turnier, um zu verlieren. Die ersten ein,

zwei Jahre haben wir erst mal nur trainiert,

vor allem Taktik: Auf Position bleiben,

abspielen oder darauf achten, wo die

anderen stehen.“ Dann konnte es losgehen

mit Spielen gegen andere Werkstätten,

auch an den Special Olympics nahm

die Mannschaft teil. 35 Spieler hat Fischer

in den 20 Jahren gefordert und gefordert,

zwei sind von Anfang an dabei.

Der Höhepunkt? „Als wir die Hessenmeisterschaften

gewonnen haben. Vorher

waren wir ein paar mal ganz knapp

dran, waren immer Zweiter oder Dritter.

Aber 2005 hat es dann endlich geklappt.“

Solche Erfolge kommen nicht von allein.

„Ich fordere die Jungs, und auf dem

Platz schreie ich manchmal ganz schön

rum – aber nach dem Spiel ist alles wieder

okay.“

Auch die Spieler nehmen das gelassen.

„Nett sein bringt nichts“, sagt Andreas

Januzi. „Heiko ist streng, aber das muss

man sein. Und das Training ist nie langweilig.“

„Die Spieler können ihr Niveau ganz

gut einschätzen“, sagt der Trainer. „Und

gegen eine andere Mannschaft 12:0 zu

gewinnen, finden sie langweilig. Auf Augenhöhe

gegeneinander zu spielen, das

ist doch hundertprozentig.“

Die nächste Herausforderung: Am

29. Juni spielt das Team um den Pokal im

Integrationscup in Eschwege.

Nora Wetzel

Die aktuelle Mannschaft. Obere Reihe (von links): Dimitri Kloster, Kai-Uwe Vogel,

Andreas Januzi, Jens Hucke. Untere Reihe: Ferdi Kartop, Konay Abdelaziz und

Andre Marquardt.

Kasseler Werkstatt FACETTEN 15


Inklusion? Inklusion!

Informationstag für den Werkstattrat

Das Übereinkommen der Vereinten

Nationen über die Rechte von Menschen

mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention)

dient dem Schutz von

Menschenrechten. Die Konvention ist am

26. März 2009 in Deutschland in Kraft

getreten. Das generelle Recht auf Teilhabe

von Menschen mit Behinderung ist das

zentrale Menschenrecht.

Die Konvention folgt außerdem dem

Leitbild der sogenannten Inklusion. Das

bedeutet: Nicht der Mensch mit Behinderung

muss sich anpassen, um ,dabei’ sein

zu können, sondern wir müssen alle gesellschaftlichen

Bereiche seinen Bedürfnissen

entsprechend anpassen und öffnen.

Dem Thema Inklusion widmete sich

auch der vom Sozialen Dienst initiierte

Informationstag für den Werkstattrat am

21. Mai 2012 in der Kasseler Werkstatt.

Inklusion – wie geht das? Was bedeutet

das und was heißt das für mich persönlich?

Das waren die zentralen Fragen, denen

die Mitglieder des Werkstattrates und

weitere engagierte und interessierte MitarbeiterInnen

an diesem Tage nachgingen.

Mit Klaus Reichenbach konnte ein

erfahrener Dozent gewonnen werden,

der sich gemeinsam mit den TeilnehmerInnen

mit praktischen Übungen dem

Thema annäherte.

Die Menschenrechte in ,Leichter Sprache’

findet man übrigens im Internet:

www.ich-kenne-meine-rechte.de

Heike Klöckl (Sozialer Dienst)

16 FACETTEN Kasseler Werkstatt


Was ist Inklusion?

Zwei Mitglieder des Werkstattrates definieren

den so sperrigen Begriff

Olaf Haarbusch (44), arbeitet im AB 3 (Metall),

engagiert sich seit acht Jahren im Werkstattrat

und ist derzeit der 1. Vorsitzende.

„Inklusion ist mehr Zusammenhalt.

Alles muss barrierefrei sein. Alle Menschen

sollen gleich behandelt werden.

Inklusion heißt Selbstbestimmungsrecht

für alle und dass vieles vereinfacht wird.

Es ist ein weiter Begriff, manche Politiker

sehen Inklusion anders, sie wollen die

nicht, verschieben die in die Zukunft.

Am Arbeitsplatz heißt Inklusion, dass

alle Mitarbeiter sich gut verstehen, dass

man sich hilft und dass man sich helfen

lässt. Wir machen jetzt ein Projekt mit

Studenten, da übersetzen wir zusammen

Bücher in einfache Sprache, das ist

auch Inklusion. Und manchmal muss

auch jemandem was vorgelesen werden,

nur weil man nicht lesen und schreiben

kann, darf man ja nicht ausgeschlossen

werden.“

Petra Groß (47), arbeitet im AB 2 (Verpackung),

engagiert sich seit vielen Jahren für

das Projekt ,Leichte Sprache’ und seit drei

Jahren als Beisitzerin im Werkstattrat.

„Inklusion auf der Arbeit ist, dass jeder

weiß, was gemeint ist, egal aus welchem

Land er kommt. Die gute Zusammenarbeit

zwischen Werkstattrat, Betriebsrat

und Sozialem Dienst, dass alles gut läuft,

das ist auch schon Inklusion. Und es ist

gemeint, dass man die Türen öffnet, damit

zum Beispiel Politiker Kontakt mit

den Menschen hier in der Werkstatt haben.

Durch das Projekt ,Leichte Sprache’

habe ich ja viel mit Politikern zu tun.

Dass wir jetzt zu dritt vom Werkstattrat

mit den Grünen auf Bildungsfahrt in

Berlin waren, das ist Inklusion. Und bei

der Initiative ,Mensch zuerst’ gibt es ein

neues Projekt: ,Mut zur Inklusion machen’,

da werden Menschen mit Lernschwierigkeiten

stark gemacht.“

Kasseler Werkstatt FACETTEN 17


Sicher zur Arbeit und

wieder nach Hause

Der Fahrdienst der Kasseler Werkstatt

Die Kasseler Werkstatt (KSW) beschäftigt

derzeit ca. 530 Menschen mit Behinderung

– das Spektrum der Beeinträchtigungen

dieser MitarbeiterInnen ist groß. Für die einen

ist es kein Problem, den täglichen Weg

zur Arbeit selbstständig zu bewältigen; für

andere wiederum wäre es eine unüberwindliche

Hürde, ohne fremde Hilfe die

Werkstatt zu erreichen. Deshalb gibt es einen

Fahrdienst, organisiert durch die KSW.

Momentan werden 220 Beschäftigte

mit unterschiedlichen Fahrdienst-Unternehmen

zu ihrem Arbeitsplatz befördert.

Dazu gehören ASB, Köhler Transfer, Mini-

Car, TaxiTeam und Taxi Stemmer. Die interne

Organisation und die Koordination

mit den Unternehmen wird von mir, Uta

Glappa, aus dem Geschäftszimmer der

KSW 2 geleitet.

Wer in den Fahrdienst aufgenommen

wird, entscheidet der Soziale Dienst nach

ausführlichem Gespräch mit MitarbeiterIn

und BetreuerIn bzw. Angehörigen.

Bei der Tourenauswahl sind unterschiedliche

Punkte zu berücksichtigen: Handelt

es sich um einen Rollstuhlfahrer? Gibt es

Einschränkungen bei den Abholzeiten?

Sind besondere Beeinträchtigungen zu beachten?

Auch wirtschaftliche (Fahrtroute)

und zeitliche (Dauer der Fahrt) Überlegungen

spielen eine Rolle – alles in allem

ist das Eingliedern einer Neuaufnahme

in die bestehenden Touren oftmals eine

knifflige Angelegenheit. Im Laufe der Zeit

kommen auch spezielle Wünsche oder

Probleme der Fahrgäste hinzu, die wir berücksichtigen,

wenn es möglich ist.

Doch damit erschöpft sich die Fahrdienstkoordination

keineswegs. Es gibt

Ab- und Ummeldungen z. B. wegen Umzug,

Gruppenwechsel, Krankheit oder

Praktikum; die Touren für Sommerfest,

Discobesuch, Freizeitfahrten und Adventsbasar

müssen organisiert werden;

es gilt, Lösungen zu finden bei hin und

wieder auftretenden Problemen zwischen

MitarbeiterInnen untereinander oder MitarbeiterIn

und Fahrdienst, auch hier ist

die Fahrdienstorganisatorin gefragt. Gelegentlich

muss sogar der komplette Austausch

eines Fahrdienstunternehmens bewältigt

werden.

Im Laufe der Jahre ist eine Struktur gewachsen

ist, die gut und zur Zufriedenheit

aller Beteiligten funktioniert.

Uta Glappa (Fahrdienstkoordinatorin)

18 FACETTEN Kasseler Werkstatt


Hightech – gewollte

Herausforderung

Fünf Jahre Erweiterungsbau KSW 2

Stillstand ist Rückschritt – eins der Mottos,

mit denen sich die Kasseler Werkstatt

(KSW) in den 50 Jahren ihrer Existenz

immer weiterentwickelt hat. Die letzte

große Erweiterung kann dieses Jahr auch

schon ihren 5. Geburtstag feiern:

Im August 2008 wurde der Erweiterungsbau

der KSW 2 bezugsfertig. Die

Halle in der Werner-Heisenberg-Straße

beheimatet seitdem den Arbeitsbereich 3

Metallbearbeitung und Industriemontage

der KSW. Auf ca. 1.800 qm Fläche befinden

sich Produktionsmöglichkeiten, die so

manchen Besucher ins Staunen versetzen.

Schon oft hörten wir den Satz: „Mit so einer

Hightech-Fertigung hätte ich nie gerechnet!“

Rund 20 Kunden schenken dem

Arbeitsbereich 3 das Vertrauen. Unser

Teilestamm ist mittlerweile auf über 2.000

Teile für unterschiedlichste Anwendungen

angewachsen, unsere Teile befinden sich

in Pkw, Lkw, Bussen, Bahnen und sogar

im ICE, auch auf so manchem Hausdach

(Solartechnik) sind unsere Teile verbaut.

Die wohl größte Investition in Maschinentechnik

wurde im Dezember 2012 in

Betrieb genommen: ein Fünf-Achsen-Bearbeitungszentrum

mit angegliedertem Paletten-Speicher

und Werkzeughintergrundmagazin.

In dieser Ausbaustufe existieren

zurzeit nur drei Maschinen weltweit, in der

Schweiz, den Niederlanden – und eben in

der KSW. Diese neue Dimension der Fertigungstechnik

schafft neue Arbeitsfelder

für Menschen mit Behinderung.

So mancher wird sich die Frage stellen:

Hightech und Menschen mit geistiger Behinderung,

wie geht das zusammen? Die

Antwort ist einfach: Natürlich geht das

zusammen, mit Zutrauen, Bildung und

Unterstützung. Seit Dezember ist unsere

Maschine voll ausgelastet und ununterbrochen

in Betrieb.

Neue komplizierte Fertigungsteile schaffen

immer neue Herausforderungen für

Personal und MitarbeiterInnen. Teile, die

wir in der Vergangenheit in drei bis fünf

Arbeitsschritten gefertigt haben, werden

nun komplett in einem Arbeitsschritt fertig

gestellt, dies spart Zeit und reduziert

die Fehlermöglichkeiten. Viele neue Aufgaben

sind durch die neue Maschine entstanden

besonders in den Bereichen der

Werkzeugspanntechnik, Vorrichtungstechnik

und Qualitätssicherung.

Frank Heinemann (Bereichsleiter AB3)

Kasseler Werkstatt FACETTEN 19


documenta-Halle, Kassel

Die Sozialgruppe Kassel e.V.

80 Jahre Sozialgruppe Kassel e.V.

50 Jahre Kasseler Werkstatt

25 Jahre Fachbereich Gartenbau

25 Jahre Eltern- und Förderverein der KSW

10 Jahre Pro Dokument gGmbH

feiert ihre Jubiläen

10.–12. 10. 2013 Jeder ist herzlich willkommen!

12. 10. 2013, 14.00–17.00 Uhr Großer Aktionstag, Jubiläumsfeier

10.00–16.00 Uhr an allen Tagen Ausstellung Soziale Verantwortung

Ausstellung und Solidarität

Alleine wäre es nicht gegangen

Mit Angehörigen gemeinsame Ziele verfolgen

Der nun folgende Ausschnitt aus einem

Gespräch am 6. März 2013 zwischen Gunda

Hoßbach und Kurt von der Emde, der

sich seit zehn Jahren der Pflege seiner dementen

Schwester widmet, macht deutlich,

wie hilfreich ein gutes Miteinander von

pflegenden Angehörigen und Tagespflege

ist, um die Pflege und Betreuung bestmöglichst

zu gestalten.

Hoßbach: Wie lässt sich Ihre derzeitige Lebenssituation

beschreiben?

Von der Emde: Durch den erst kurze Zeit

zurückliegenden Tod meines Bruders

liegen neben der Pflege meiner Schwester

nun auch Aufgaben eines Hausverwalters,

die früher von meinem Bruder

übernommen wurden, bei mir. Dadurch,

dass kein anderer Verwandter gesundheitlich

in der Lage ist, sich mit um die

Pflege meiner Schwester zu kümmern,

liegen alle anfallenden Aufgaben einzig

und allein bei mir. Die Möglichkeit, meine

Schwester in eine vollstationäre Pflege

abzugeben, steht für mich nicht zur Debatte,

da ich ihr jetzt in ihrer Lebenssituation

etwas von dem zurückgeben kann,

was sie mir im Laufe des Lebens als große

Schwester gegeben hat. In den Zeiten,

als ich noch ein eigenes kleines Geschäft

hatte, hat sie mich immer tatkräftig unterstützt.

Mit anzusehen, wie sich ihr Zustand

über die inzwischen zehn Jahre der

Pflege stetig verschlechterte, macht mich

traurig. Ich mache mir auch Sorgen über

mein eigenes Altern.

H: Wie entstand bei Ihnen der Gedanke Ihre

Schwester zu uns in die Tagespflege zu geben?

E: Nachdem ich mich einige Jahre um die

Pflege meiner Schwester gekümmert hatte,

20 FACETTEN Tagespflege


standen immer wieder regelmäßige Arztbesuche

an. Als der behandelnde Neurologe

Demenz feststellte und mit erklärte,

dass dies ein fortschreitender Prozess sei

und auch Medikamente nicht mehr helfen

könnten, wurde mir bewusst, dass ich

ab jetzt nur noch für meine Schwester da

sein muss. Dadurch, dass ich seit Langem

nicht nur meinen eigenen Haushalt, sondern

auch den meiner Schwester mit den

Einkäufen und Erledigungen geführt hatte,

stieß ich deutlich an meine Grenzen,

und mir wurde bewusst, dass ich das alles

alleine nicht mehr schaffen kann. Letztlich

ist es mir nur durch die Hilfe von Pflegedienst

und Tagespflege möglich, von

einem stationären Aufenthalt für meine

Schwester abzusehen.

H: Wie nutzen Sie die gewonnene Zeit, in der

Sie auf Pflegedienst und Tagespflege zurückgreifen?

E: Die freie Zeit nutze ich zumeist, um

Wege zu erledigen, wie beispielsweise eigene

Arztbesuche wahrzunehmen, den

Haushalt zu machen oder um Papierkram

für meine Schwester abzuarbeiten.

Zeit zum Füßehochlegen habe ich somit

leider lediglich abends, wobei ich zu dieser

Zeit sogar zu müde zum Fernsehen

bin und meistens noch vor dem Abendprogramm

einschlafe.

H: Was treibt Sie zu all dem an?

E: Wie ich schon sagte, bin ich meiner

Schwester für vieles, was sie für mich getan

hat, dankbar. Und besonders sind

es die Momente, in denen mich meine

Schwester spüren lässt, dass sie für all meinen

Einsatz dankbar ist. So zum Beispiel,

wenn ich sie zu Bett bringe und sie zudecke.

Dann nimmt sie meine Hand, schaut

mich an und bedankt sich bei mir. Dies ist

dann ein seltener Augenblick seit ihrer Erkrankung,

in dem wir uns nah sind.

H: Hat Ihnen der Kontakt zu Pflegedienst und

Tagespflege geholfen, das Krankheitsbild der

Demenz in seinen einzelnen Facetten besser

zu verstehen?

E: Ja, insbesondere die Ernährungstipps

für eine noch bessere Versorgung meiner

Schwester haben mir geholfen. So konnte

ich auch besser verstehen, dass sie nicht

aus Trotz oder Widerwillen oft nicht isst,

sondern weil sie mit der Handhabung

von Gabel und Messer überfordert ist. Des

Weiteren erklärte man mir, dass Diskussionen

mit Demenzkranken in keiner Weise

hilfreich sind, weil die demente Person

das Anliegen und die Perspektive des Anderen

nicht verstehen kann.

H: Die Zusammenarbeit mit den Angehörigen

unserer Besucher ist für uns von großer

Bedeutung. So auch bei Ihnen, Herr von der

Emde. Nur durch den guten Austausch mit

Ihnen ist es uns möglich, Ihre Schwester auf

individuelle Art und Weise zu betreuen und

zu pflegen. Durch die Informationen über die

Biografie Ihrer Schwester, z. B. Ihre Leidenschaft

fürs Tanzen, bieten wir gezielte musikalische

Aktivitäten wie Singen, Sitztanz und

Gesellschaftstanz für sie an.

Auch verbessert sich durch unsere Zusammenarbeit

die pflegerische Versorgung, da

wir gemeinsame Pflegeziele verfolgen. Es

ist wichtig, dass wir uns zum Befinden Ihrer

Schwester austauschen, damit wir die richtige

Unterstützung geben können. Eine gute

Beobachtung der Befindlichkeit gehört da

auf beiden Seiten dazu, gerade weil sich Ihre

Schwester aufgrund der Demenz nicht mehr

selbst mitteilen kann.

Herr von der Emde, ich möchte mich an dieser

Stelle für das Gespräch bedanken und Ihnen

meinen größten Respekt ausdrücken und

Sie darum bitten, dass unsere Zusammenarbeit

auch in Zukunft so gut bleibt.

E: Gerne, vielen Dank!

Aufzeichnung: Pierre Daniel Schumann

(Praktikant/Student, FB Sozialwesens,

Universität Kassel)

Tagespflege FACETTEN 21


Karla, Bobbi und Sissi

Die Tiere vom Hollerhof zu Besuch in der Tagespflege

Für Außenstehende mag der alle sechs

Wochen wiederkehrende tierische Besuch

in der Tagespflege am Holzmarkt

befremdlich wirken. Schon im Eingangsbereich

hört man Hahn Walter lauthals

den Beginn eines neuen Tages verkünden

sowie das amüsierte Lachen der Besucher

über die Vielzahl der Tiere, die auch diesen

Freitag wieder unter Begleitung von

Kristina Heilmann Einzug in die Tagespflege

halten. Neben Hahn Walter gehören

zwei Seidenhuhnhennen und drei

Meerschweinchen zu ihrem Gefolge. Besondere

Aufmerksamkeit erhaschen bei

jedem Besuch der Tiere vom Hollerhof jedoch

Karla und Bobbi.

Die beiden Therapie-Hunde genießen

schon seit Jahren eine besondere pädagogische

Ausbildung von Kristina Heilmann,

durch die sie in ihrem Wesen

und ihrem Verhalten einen einzigartigen

Zugang zu Menschen mit Demenz finden

können. Wie auch die anderen Tiere

zeichnen sich die Hunde durch ihre friedvolle

Art sowie einen offenen Umgang

mit Menschen ungeachtet ihres geistigen

Zustandes oder Aussehens aus. Die pädagogische

Ausbildung aber trainierte und

sensibilisierte besonders die Hunde.

Für einen Teil der BesucherInnen ist

schon die bloße Anwesenheit der possierlichen

Tiere, die – bis auf die Hunde – ihr

vorläufiges Domizil auf den zusammengeschobenen

Tischen im Hauptraum der

Tagespflege finden, ein Anlass, über das

ganze Gesicht zu strahlen.

Die BesucherInnen können bei jedem

Besuch der Tiere vom Hollerhof ihren tierischen

Freunden durch das Füttern von

Salat und Körnern näher kommen und

sie sogar streicheln. So sorgen viele auf

eine besonders fürsorgliche Weise für ihre

tierischen Freunde. Dies liegt nicht zuletzt

daran, dass die Tiere spezielle Impulse

aussenden, die ähnlich wie kleine Kinder

Beschützerinstinkte und eine besondere

Art der Aufmerksamkeit wecken.

Nachdem die Tiere einige Zeit umhegt

worden sind, kehrt üblicherweise eine

wohlige Ruhe bei den Tieren ein, die sich

nach einem Verdauungsschlaf sehnen.

Nicht so bei Henne Sissi. Sie kreuzt sehr

zur Verwunderung aller hektisch von einer

Ecke des Tisches zur anderen. Plötzlich

hält sie jedoch vor Frau D., Herrn H.

und Frau E. inne. Die Zeit scheint für den

Moment still zu stehen, in dem alle Besucher

gebannt auf die still verharrende

Henne schauen. Und dann – von großem

Jubel begleitet – liegt des Rätsels Lösung

hinter der Henne und damit mitten auf

dem Tisch. Henne Sissi hat ein Ei gelegt.

Selbst die lebenserfahrenen BesucherInnen

der Tagespflege hatten wohl bis

dahin noch nie gesehen, wie ein Ei live

vor ihren Augen den Körper einer Henne

verlässt.

Vor dem Mittagessen verlässt Kristina

Heilmann unter Begleitung ihrer

Tiere vom Hollerhof die Tagespflege und

lässt wie alle sechs Wochen glückliche

und sehr amüsierte Menschen zurück,

die nach diesem Besuch sogar ein wohlschmeckendes

Bio-Ei als Andenken behalten

dürfen.

Pierre Daniel Schumann (Praktikant/Student,

FB Sozialwesens, Universität Kassel)

22 FACETTEN Tagespflege


Alleine wäre es nicht gegangen

Kinder sind Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft

Die Betreuung, Förderung und Erziehung

von Kindern mit und ohne Behinderung,

sind fester Bestandteil der Sozialgruppe

Kassel e. V. Seit 1991 besteht das

Angebot der Betreuung von Kindern mit

und ohne Behinderung in der integrativen

Kindertagesstätte Georg-Wündisch-

Haus in Kassel-Wolfsanger.

Frei, offen, hilfsbereit, ideenreich und

an der Welt um sie herum positiv interessiert,

so sind Kinder. Sie brauchen besondere

Aufmerksamkeit und bewussten Umgang,

um diese Fähigkeiten zu schätzen,

zu schützen und zu unterstützen. Und

diese Fähigkeiten lassen Kinder und Kindheit

zu etwas sehr Besonderem werden.

Im Georg-Wündisch-Haus ist es dem

Team eine Herzensangelegenheit und besonderes

Anliegen, Kindern Raum und

Zeit für Entfaltung, Entwicklung und

Freude zu schaffen.

Im Austausch mit KollegInnen, Eltern

und Fachstellen setzen wir Ziele, erreichen

Ergebnisse und sammeln Erfahrungen. Es

ist gut zu wissen, dass viele Menschen aktiv

am Lebensraum der Kinder in der Kindertagesstätte

mitgestalten. So war es in

der Vergangenheit, so ist es in der Gegenwart

und so planen wir für die Zukunft.

Unser Dank gilt, neben dem Träger, allen,

die uns in der Vergangenheit, Gegenwart

und Zukunft konstruktiv und kritisch

begleitet haben.

Wenn der Verein im Oktober in der

documenta-Halle 80. Geburtstag feiert,

werden viele Hände gebraucht, um gemeinsam

diese Tage zu etwas Besonderem

werden zu lassen. Wir freuen uns auf

dieses Fest mit Kindern, Eltern und Gästen!

Die MitarbeiterInnen

des Georg-Wündisch-Hauses

Georg-Wündisch-Haus FACETTEN 23


Wir werden

immer größer

Spielerische Vorbereitung auf den Schulbeginn

Für die Erzieherinnen wiederholt es

sich jedes Jahr und ist immer eine schöne

Herausforderung, aber für die jeweiligen

Kinder ist es so neu wie aufregend:

Unsere ,kleinen Großen’ sind voller Vorfreude

und Spannung und warten auf die

bevorstehende Einschulung. Um die zukünftigen

Schulkinder auf ihrem Weg zu

begleiten und zu unterstützen, versuchen

wir mögliche Unsicherheiten und Ängste

vor dem Unbekannten mit den Kindern

zu besprechen und ihnen Sicherheit zu

vermitteln. Um positive Erwartungen zu

wecken und um Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein

und Selbstständigkeit zu stärken,

achten die Erzieherinnen in dieser

letzten Zeit vor der Einschulung vermehrt

auf die individuelle Entwicklung der einzelnen

Kinder und gehen gezielt darauf

ein. Wie jedes Jahr begann auch in diesem

Februar wieder die Arbeit mit der

Schulkindgruppe in der Kindertagesstätte

Georg-Wündisch-Haus.

Die Förderung findet selbstverständlich

nicht nur im letzten Kindergartenjahr

und in der Schulkindgruppe statt, sondern

ist von Anfang an in den ganzheitlichen

KiTa-Alltag integriert. Allerdings

dient die Schulkindgruppe nicht dazu,

den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen

beizubringen, sondern jedes Kind

individuell zu betrachten und seine Entwicklung

nach eigenem Tempo zu ermöglichen

und somit gute Bedingungen für

den Schuleintritt zu schaffen.

Unsere Ziele

Um die Schulreife der Kinder zu unterstützen,

ist es wichtig, die Kinder körperlich,

emotional, sozial und kognitiv zu fördern.

Kompetenzen auf allen vier Ebenen

benötigen die Kinder, um den Schulalltag

zu bewältigen. Mit der emotional-sozialen,

dem Alter entsprechenden Entwicklung

gelingt es dem Kind immer mehr,

sich auch in einer Gruppe mit Freude zu

artikulieren, sich und andere Kinder zu

respektieren sowie Frustrationstoleranz zu

entwickeln. Ein weiterer wichtiger Aspekt

ist die kognitive Leistungsfähigkeit: Konzentration,

Merkfähigkeit, Fantasie und

Neugier werden von Lehrern und Eltern

erwartet. Auch die Sprachfähigkeit ist ein

Teil des kognitiven Bereiches. Hier sollten

die Kinder die Fähigkeit mitbringen, in

vollständigen Sätzen zu sprechen und so

z. B. von ihren Erlebnissen zu berichten.

Für die Erzieherinnen ist dies ein durchdachtes

Konzept mit intensiver Vorbereitung,

für die Kinder ist es Spiel und

Spaß. Die ,kleinen Großen’ empfinden

das letzte Kindergartenjahr als ein besonderes,

denn sie genießen andere Aufmerksamkeit,

fühlen sich als die Großen

24 FACETTEN Georg-Wündisch-Haus


und wollen Verantwortung übernehmen.

Sie entwickeln Interesse an Buchstaben

und Zahlen. Sie wollen gezielt lernen, wie

man den eigenen Namen schreibt oder

was 2+2 ergibt.

Schwerpunkte

der Schulkindgruppe

In der ersten Stunde stehen das gegenseitige

Kennenlernen und das soziale

Miteinander der Schulkinder im Vordergrund.

In darauffolgenden Stunden

werden den Kindern spielerisch das ABC

und Zahlen im Raum von 1 bis 10 näher

gebracht, unter Einsatz verschiedener

Materialien und Medien, wie etwa Bücher,

Arbeitsblätter, Knete, Würfel, Lieder

usw.; hier ist vor allem der kognitive Leistungsbereich

angesprochen. Während

ihres letzten halben Jahres im Georg-

Wündisch-Haus erstellen die Kinder eine

eigene Schulkind-Mappe, die sie am Ende

ihrer Kindergartenzeit mit nach Hause

nehmen können, um sich so auch später

einmal an die schöne Zeit in der Schulkindgruppe

zu erinnern.

Einige feste spannende

Bestandteile

Neben der begleitenden Sprachförderung

mit dem Würzburger Programm

sorgen besondere Aktionen bei der Kinder

für positive Aufregung. Der Besuch

der Polizei in der Kindertagesstätte ist ein

solches Ereignis. Die Kinder erfahren in

dieser Stunde von einem geschulten Beamten

Regeln für sicheres und richtiges

Verhalten im Straßenverkehr, dazu gehört

u. a. der richtige Umgang mit Zebrastreifen

und Ampelanlagen.

Wenn unsere Paten-Zahnärztin in die

Einrichtung kommt, unterstützt sie die

Arbeit der Erzieherinnen in Sachen Zähneputzen

und Ernährung.

In Kooperation mit der Grundschule

Wolfsanger-Hasenhecke gestalten wir

eine Schulrallye und eine Lesestunde. Die

Schulrallye ist eine Aktion für die angehenden

Schulkinder, die mit einem Patenkind

das Schulgebäude erkunden.

Am Vorlesetag ist die Schulkindgruppe

zu Besuch in die Grundschule und bekommt

von einem Kind der 3. Klasse eine

Geschichte vorgelesen.

Wir freuen uns

Die angehenden Schulkinder haben

uns erzählt, worauf sie sich am meisten

in der Schule freuen:

– Julia freut sich auf das Lernen und Lesen.

– Tuana freut sich auf das Lernen und

Schreiben.

– Ronja freut sich auf Lernen, Schreiben

und auf die schöne Zuckertüte.

– Paul freut sich auf Schwimmen und

Malen.

– Maximilian freut sich darauf, mit seinem

Bruder in der Pause Fußball spielen

zu können.

– Husejn freut sich auf Hausaufgaben

und Fußballspielen.

– Sinan freut sich auf das Lernen und

Spielen.

– Tyler freut sich auf die Hausaufgaben

und Schulpausen.

– Tobias freut sich auf Malen, Hausaufgaben

und Lesen.

Margarita Schlegel (Erzieherin,

in Zusammenarbeit mit dem Team)

Georg-Wündisch-Haus FACETTEN 25


„Allein hätten wir es nicht geschafft“

Externe UnterstützerInnen des Seniorenzentrums Renthof

In Jeder Einrichtung gibt es Personen

und Institutionen, deren Hilfe unerlässlich

zur Durchführung einer notwendigen

oder erwünschten Aktion war.

Uns, die wir im Seniorenzentrum Renthof

arbeiten, kommen dabei spontan

zwei Personengruppen in den Sinn: der

Seniorenbeirat der Stadt Kassel und die

externen Mitglieder unseres Heimbeirates.

Seniorenbeirat der Stadt Kassel

Seit Jahrzehnten ist es dem Seniorenzentrum

Renthof ein Anliegen, den BewohnerInnen,

die geistig und körperlich

dazu noch in der Lage sind, regelmäßig

eine kleine Reise zu ermöglichen. Einmal

im Jahr sollen einige der BewohnerInnen

wie gewohnt verreisen, in einer schönen

Umgebung und in angenehmer Atmosphäre

Neues und Interessantes erleben.

Natürlich bedeutet dies nicht nur einen

erheblichen organisatorischen und personellen

Aufwand – auch das Finanzielle

spielt eine Rolle. Ohne die jährlichen Zuwendungen

des Seniorenbeirates würden

wir es nicht schaffen, unser Anliegen so

umzusetzen, wie es uns in den letzten

Jahren möglich war. Dafür möchten wir

uns herzlich bedanken.

Externe Heimbeiratsmitglieder

Unser Dank unter dem Motto „Allein

hätten wir es nicht geschafft“ gilt auch

den Menschen, die es ermöglichen, dass

der Heimbeirat wichtige Anregungen zur

Verbesserung der Qualität und Kundenzufriedenheit

liefern kann. Ziel des vom

Heimgesetz zwingend vorgeschriebenen

Heimbeirates ist es, Anregungen zu geben,

Verbesserungsvorschläge zu machen,

auf Mängel oder Verfehlungen hinzuweisen

und deren Beseitigung zu kontrollieren.

Der überwiegende Teil unserer BewohnerInnen

ist demenziell erkrankt und

verfügt nicht mehr über die notwendigen

Fähigkeiten, um die Aufgaben des Heimbeirates

zu erfüllen. Das Gesetz erlaubt in

den Fällen, in denen der Heimbeirat nicht

ausschließlich mit BewohnerInnen besetzt

werden kann, externe Mitglieder. Patricia

Fiand, die Tochter einer ehemaligen Bewohnerin,

die bereits seit fast zehn Jahren

dem Heimbeirat angehört, und Renate Finis,

eine ehemalige Mitarbeiterin, die sich

auch im Ruhestand dem Seniorenzentrum

weiterhin verbunden fühlt und seit einem

Jahr ebenfalls externes Mitglied ist, stellen

ihre Zeit und ihr Engagement dankenswerterweise

zur Verfügung.

Birgit Pöppler (Altenpflegerin)

26 FACETTEN Renthof


Stolz und Freude

Isis und ihr ,Job’ im Renthof

„Wir haben es ja immer gewusst!“ „War

doch klar, dass sie das schafft, so gut, wie

sie sich entwickelt hat!“ – Das hört man in

diesen Tagen immer wieder im Seniorenzentrum

Renthof.

Die, von der hier die Rede ist, schlendert

indessen ruhig und gelassen von Einem

zum Anderen, holt sich wie gewohnt

Streicheleinheiten und Leckerlis ab, lässt

sich für ihre Schönheit loben und erledigt

dabei ganz souverän ihren ,Job’ als Besuchshund.

Sie – Isis vom Holtkämper Tor, liebevoll

von allen Hilde genannt – ist eine zweijährige

Schäferhündin und hat soeben

ihre erste ernsthafte Prüfung richtig gut

bestanden. Sie hat damit nicht nur ihre

Besitzerin – Jennifer Debus, Altenpflegerin

im Renthof –, sondern auch die BewohnerInnen,

die sich über Hildes regelmäßige

Zuwendung freuen dürfen, und weitere

Fans wirklich stolz gemacht.

Jetzt drücken alle die Daumen für die

im September im Auestadion stattfindende

Bundessiegerzuchtschau. Bis dahin

wird sich Isis gewohnt pflichtbewusst

nicht nur ihrem Trainingsprogramm,

sondern auch ,ihren’ BewohnerInnen

widmen und mit ihrer weiteren Entwicklung

Freude und Stolz hervorrufen.

Birgit Pöppler (Altenpflegerin)

Renthof FACETTEN 27


Ein anderes Leben

Margit Peter zu ihren ersten Wochen im Renthof

Geht es Ihnen auch so, dass Sie sich

nicht vorstellen können, dass sich Ihr

Leben plötzlich vollständig verändert?

Bei mir war das so und jetzt lebe ich ein

anderes Leben. Wie es dazu gekommen

ist?

Ich heiße Margit, bin 80 Jahre alt und

wohne seit Dezember 2012 im Seniorenzentrum

Renthof. Ich komme ja ursprünglich

aus dem Sudetenland und bin nach

dem Krieg nach Nieste hier im Landkreis

Kassel gekommen. In Kassel heiratete ich

auch meinen leider schon verstorbenen

Mann und zog meine vier Mädchen und

meinen Jungen groß. Eine schwere Zeit,

denn mein Mann musste viel arbeiten,

so dass ich die Kinder eigentlich allein

aufziehen musste. Da musste man streng

sein. Umso schöner war es dann für mich,

meinen Enkeln und Urenkeln eine liebevolle

und nachgiebige Großmutter sein zu

können.

2007 dann die erste unerwartete Veränderung

– ich erkrankte an Darmkrebs.

Ich kämpfte und siegte, aber irgendwie

kam ich nie wieder richtig auf die Beine.

Alles war plötzlich so anders … Familienfeiern,

Feste, Geburtstage … alles sooo

anstrengend. Auf der einen Seite wollte

ich nicht alleine sein, an Festen und Feiern

teilnehmen, andererseits konnte ich

viele Menschen und das Laute auf einmal

gar nicht mehr ertragen.

Und auch sonst änderte sich was –

Selbstverständliches fiel plötzlich schwer.

Zum Beispiel habe ich mal die Wohnung

unter Wasser gesetzt, weil ich einen Stecker

nicht in die richtige Steckdose gesteckt

habe. So – da bin ich im Dunkeln,

warum auch immer, ins Bad und an die

Dusche gekommen … mmh … Sie können

sich denken, wie es weiterging. Meine

Tochter wohnt, Gott sei Dank, gleich um

die Ecke und stand auch recht schnell mit

meiner Enkelin vor der Tür.

Am 2. Weihnachtsfeiertag wurde wieder

meine Tochter gerufen, weil ich in

Socken und auch nur leicht bekleidet vor

dem Haus hin und her irrte, früh morgens

im Dunkeln. Später erzählten die

Nachbarn meinen Kindern, dass ich das

öfter mache, auch im Hausflur um Hilfe

rufe und so weiter. Und ich lasse alle

Menschen, egal ob ich sie kenne oder

28 FACETTEN Renthof


nicht, in meine Wohnung ... was da alles

hätte passieren können …

Ja, Weihnachten war der Punkt gekommen,

an dem meine Familie und ich beschlossen,

dass ich zu Hause nicht mehr

alleine bleiben kann.

Gott sei Dank war in dem Haus, in

dem meine Enkelin, eine examinierte Altenpflegerin,

arbeitet, zufällig gerade ein

Platz frei. Ich fand sofort Anschluss an

die anderen Bewohner und fühlte mich

auch gleich recht wohl. Ich wollte eigentlich

nur ein paar Tage zur Probe bleiben.

Aus ein „paar Tagen“ wurde recht schnell

„für immer“. Ist aber nicht schlimm. Allein

zu Hause geht einfach nicht mehr.

Und so vernünftig muss man auch als

alte Frau sein und das einsehen.

Ich muss sagen, es ist wirklich ungewohnt

und auch nicht einfach, wenn

man lange und viel allein war, plötzlich

und den ganzen Tag so viele Menschen

um sich zu haben. Diese Geräuschkulisse!

Aber alle sind sehr nett zu mir. Das Personal

kümmert sich sehr gut um mich.

Man achtet sehr darauf, dass ich genug

esse und trinke. Seit der Krankheit bin ich

ja leider etwas dünn und kraftlos. Aber

hier schmeckt das Essen, und in Gemeinschaft

zu essen ist ja auch viel schöner.

An meiner Tür befindet sich ein Schild,

auf dem groß mein Name steht und ein

Bild von unserer Katze Minka klebt. So

werde ich auch liebevoll von meinen Enkeln

genannt: „Oma Minka“. Und mit

dem Schild finde ich mein Zimmer fast

immer wieder. Jeder Bewohner hat sein eigenes

Schild mit seinem Namen und eigenen

Wunschbild. Das ist nett, macht die

Sache persönlicher und hilft wirklich.

Trotzdem brauche ich noch Zeit, um

mich richtig einzufinden. Es ist zu viel

los, da piept und ruft es, oder eine andere

Frau will immer nach Hause. Ich

will auch nach Hause, aber was nicht

geht, geht eben nicht. Sie macht es sich

so schwer. Das belastet mich auch! Ich

mache mir eigentlich immer große Sorgen

um Andere – meinen Sohn, meine

Mitbewohnerin und so weiter. Überhaupt

mache ich mir zu viele Gedanken um die

Anderen, aber so bin ich eben!

Ich selbst merke es ja nicht so, aber

mein Kopf lässt immer mehr nach. Ich

habe Angst vor dem Alleinesein. Aber

hier ist ja immer jemand von den Schwestern.

Wenn was ist, dann klingele ich

einfach. Oder rufe, dann kommt jemand.

Das gibt einem schon Sicherheit.

Und – meine Familie kommt mich sehr

oft besuchen oder holt mich ab. Ich freue

mich immer sehr, sie zu sehen.

Im Sommer sollen wir aus dem Renthof

ja alle in ein neues Haus ziehen, wo jeder

ein großes Zimmer mit Bad für sich allein

bekommt. Meine Enkelin hat mir schon

Bilder vom Musterzimmer gezeigt. Wirklich

sehr schön.

Aber das Wichtigste sind ja die Menschen,

das finden Sie doch sicher auch,

oder?

Jennifer Debus

für ihre Großmutter Margit Peter

Viel Platz für den neuen Lebensabschnitt

Musterzimmer im Seniorenzentrum Unterneustadt

Die Bilderfolge zeigt die Grundausstattung des Musterzimmers

im neuen Seniorenzentrum Unterneustadt.

Jede Bewohnerin, jeder Bewohner kann das geräumige

Zimmer mit eigenen Möbeln und sonstigem Liebgewonnenen

erweitern und sich so ein individuelles und

gemütliches neues Zuhause schaffen.

Im Sommer 2013 werden die jetzigen BewohnerInnen

des Seniorenzentrums Renthof ihr neues Domizil beziehen.

Außerdem stehen weitere Plätze für neue BewohnerInnen

zur Verfügung. Insgesamt werden in acht Hausgemeinschaften

Plätze für 80 SeniorInnen geschaffen.

Kontakt:

Heimbüro (Margitta Hochbaum) Tel. (0561) 70 99 311

Renthof FACETTEN 29


10 Jahre Pro Dokument gGmbH

Eines der erfolgreichsten Integrations unternehmen Deutschlands

Im November 2002 wurde die Pro Job

gGmbH als Integrationsunternehmen für

Schwerbehinderte gegründet. Im Januar

2003 begann man mit Verpackungsdienstleistungen

für Mercedes Benz. „Der erste

Mitarbeiter war Holger Fehr, ein Werkstattmitarbeiter

der Kasseler Werkstatt“,

erinnert sich Betriebsleiter Roland Müller.

Schnell wurden weitere Kollegen eingestellt.

Vladimir Kaaz, Alexander Beichel,

Jürgen Kanold und Norbert Tyroll sind bis

heute dabei. Heute heißt: In insgesamt

fünf Geschäftsbereichen arbeiten 77 MitarbeiterInnen,

von denen zwei Drittel eine

Schwerbehinderung haben.

Ende 2003 wurde das Dokumenten-

Mangement-Center Kassel eröffnet. „Mit

vier Kollegen und Kolleginnen haben wir

für den kleineren Mittelstand Papier in

digitale Akten verwandelt. Scan-Dienstleistungen

waren damals noch für viele

Unternehmen Neuland“, sagt der 49-jährige

Betriebsleiter. Heute ist Dokumenten-

Management (DMS) etablierte Praxis in

nahezu allen Branchen. Im Dokumenten-

Mangement-Center arbeiten heute bis

zu 20 MitarbeiterInnen. Täglich werden

über 200.000 Seiten digitalisiert, vom

Parkschein bis zur A0-Zeichnung. „Früher

haben wir die digitalisierten Akten

auf CDs ausgeliefert. Heute bieten wir

unseren Kunden DMS als umfängliche

Cloud-Dienstleistung an. Das bedeutet:

Die Daten werden in unserem Hochverfügbarkeitsrechenzentrum

gehostet. Auch

können Kunden bei uns ein umfängliches

DMS als Softwarelösung mieten und über

das Internet nutzen – nach Sicherheitsstandards,

die selbst für das Militär ausreichend

sind“, erläutert Müller die Technik

vom Feinsten. 80 Prozent der über 300

zufriedenen Kunden kommen aus dem

gesamten Bundesgebiet. In der Mehrzahl

sind es Firmen mit zwischen 200 und

3.000 MitarbeiterInnen.

2004 wurde die Pro Job in Pro Dokument

umfirmiert; der Name Pro Job suggerierte

eine Arbeitnehmerüberlassungsfirma.

„Wir bekamen Anrufe, ob wir

nicht ein paar Maurer hätten.“ Müller

schmunzelt und ergänzt: „Zum anderen

wollten wir unsere DMS-Dienstleistung

auch im Firmennamen präsentieren.“

Im Laufe der Jahre sind weitere Geschäftsfelder

hinzugekommen: Etabliert

haben sich Pro Clean als Gebäudereinigungsfirma

in Kassel sowie Softwareentwicklungen

wie die Kasseler-Kompetenz-Analyse

(KKA) im WfbM-Markt

bundesweit.

Wachstum erfordert Veränderungen. So

plant die Pro Dokument, 2014 ein eigenes

Gebäude zu errichten, in dem das Dokumenten-Managment-Center

und die Industriedienstleistungen

eine neue Heimstadt

unter einem Dach finden sollen.

Das Dokumenten-Management-Center Kassel: Hightec-Scandienstleisungen für alle

Branchen und bundesweit.

Bernd Köhler (links) und Stefan Bornscheuer bereiten

Dokumente zum Scannen vor.

30 FACETTEN Pro Dokument


Beratung · Planung · Kundendienst · Ausführung

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Gerne öfter

Bildungsangebot Schlittschuhlaufen

„Schlittschuhlaufen finden wir Mädchen und Jungen

ganz toll. Wir haben Spaß dabei und lachen sehr viel, Jürgen

und Marco sind einfach toll“, sagt Uta Winkler aus

dem Gartenbau. Endlich war es wieder soweit. Von Januar

bis März fand das lang ersehnte Schlittschuhlaufen in der

Kasseler Eissporthalle wieder statt. An den drei Terminen

nahmen im Schnitt 18 MitarbeiterInnen aus der KSW 1

und 2 sowie dem Gartenbau teil, betreut von zwei Gruppenfachkräften.

Wie im Jahr 2012 fand das Schlittschuhlaufen während

der Arbeitszeit statt. Dies ermöglichte auch den MitarbeiterInnen,

die gefahren werden, die Teilnahme. Mit viel Spaß

und Ehrgeiz wurden die Schlittschuhe angeschnallt und so

manche Runde auf dem Eis gedreht.

Felix-Boo Hankel aus der KSW 1 sagt: „Ich finde gut, dass

wir in die Eishalle hin- und wieder zurück in die Werkstatt

gebracht werden. Es macht mir jedes Mal sehr viel Spaß

und ich würde gerne öfter Schlittschuhlaufen gehen.“

Allen hat es Spaß gemacht, egal ob Anfänger und etwas

unsicher auf dem Eis unterwegs oder Fortgeschrittener mit

mehrjähriger Lauferfahrung. Und man ist sich in der Truppe

einig: Auch im kommenden Winter soll das Schlittschuhlaufen

wieder stattfinden.

Jürgen Ramdohr, Marco Möller (Gruppenleiter KSW)

Adressen

Einrichtungen der Sozialgruppe Kassel e. V.

n Kasseler Werkstatt 1

Mündener Straße 45, 34123 Kassel

Telefon (05 61) 9 52 34-0, Fax 9 52 34-34

email: info@kasseler-werkstatt.de

www.kasseler-werkstatt.de

n Kasseler Werkstatt 2

Werner-Heisenberg-Straße 18, 34123 Kassel

Telefon (05 61) 58 06-0, Fax 58 06-100

n Kasseler Werkstatt Gartenbau

Oberzwehrener Straße 105, 34132 Kassel

Telefon (05 61) 51 22 21, Fax 51 71 00

n Georg-Wündisch-Haus –

Kindertagesstätte mit Integrationsplätzen

Bei den vier Äckern 11, 34125 Kassel

Telefon (05 61) 87 77 84

n Seniorenzentrum Renthof

Renthof 3, 34117 Kassel

Telefon (05 61) 7 09 93-16, Fax 7 09 93-28

Internet: www.renthof.de

n Tagespflege am Holzmarkt

Holzmarkt 1, 34125 Kassel

Tel. (05 61) 97 01 00-25/26, Fax 97 01 00-23

n Pro Dokument gGmbH,

Mündener Str. 45, 34123 Kassel

Telefon (05 61) 22 07 99-00,

Fax (05 61) 52 99 07-41

email: info@pro-dokument.de

www.pro-dokument.de

Impressum

Facetten

n Zeitung für MitarbeiterInnen, Personal,

Eltern, Vereinsmitglieder, FreundInnen und

interessierte Öffentlichkeit von: Kasseler

Werkstatt, Georg-Wündisch-Haus,

Seniorenzentrum Renthof, Tagespflege am

Holzmarkt und ProDokument

n Nummer 24, Mai 2013, Auflage: 2000

Herausgeber: Sozialgruppe Kassel e. V.,

Holzmarkt 1, 34125 Kassel,

Telefon (05 61) 97 01 00-0, Fax 97 01 00-21

www.sozialgruppe-kassel.de

n Redaktion/Lektorat: Kirsten Alers/Wortwechsel,

Gestaltung/Gesamtherstellung:

Ulrich Ahrend/Satzmanufaktur

Raiffeisenstraße 15, 34260 Kaufungen,

Tel. (0 56 05) 92 62 71, Fax 92 62 73,

email: satzmanufaktur@t-online.de

n AnsprechpartnerInnen:

Lieselotte Schramm (Kasseler Werkstatt 1),

Christian Lehnert (Kasseler Werkstatt2),

Regina Loh (Georg-Wündisch-Haus),

Martina Dittel (Seniorenzentrum Renthof),

Gunda Hoßbach (Tagespflege),

Roland Müller (Pro Dokument)

n V.i.S.d.P.: Ilona Caroli, Gerald Reißmann

Namentlich gekennzeichnete Beiträge

geben nicht unbedingt die Meinung des

Vereins oder der Redaktion wieder.

Spendenkonto Sozialgruppe Kassel e. V.

Konto 2062 897

Kasseler Sparkasse (BLZ 520 503 53)

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