Das Coburger Land - ganz persönlich

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Das Coburger Land ganz persönlich


Landratsamt Coburg

in Zusammenarbeit mit der

neomediaVerlag GmbH


4 I 5

impressum

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Landratsamt Coburg

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Redaktion/Lektorat

Landratsamt Coburg

Carsten Höllein

neomediaVerlag GmbH,

Brigitte Lichtenthaeler/Günter Poggemann

Bildnachweis

Landkreis Coburg, Gemeinde Ahorn,

Stadt Bad Rodach, Gemeinde Dörfles-

Esbach, Gemeinde Ebersdorf b. Coburg,

Gemeinde Großheirath, Gemeinde Grub a.

Forst, Gemeinde Itzgrund, Gemeinde

Lautertal, Gemeinde Meeder, Stadt

Neustadt b. Coburg, Stadt Rödental, Stadt

Seßlach, Gemeinde Sonnefeld, Gemeinde

Untersiemau, Gemeinde Weidhausen b.

Coburg, Gemeinde Weitramsdorf, contactdesign

gdbr, Förderverein Heimatpflege

Grub a. Forst, Förderverein Gerätemuseum

des Coburger Landes, Franz Höch, Carsten

Höllein, LOGAN FIVE, Zweckverband

Grünes Band

Printed in Germany 2012

Das Manuskript ist Eigentum des Verlages.

Alle Rechte vorbehalten.

Dem Buch liegen neben den Beiträgen der

Autoren Darstellungen und Bilder der Firmen

und Einrichtungen zugrunde, die mit ihrer

finanziellen Beteiligung das Erscheinen des

Buches ermöglicht haben.

Druck

Paus Medien GmbH

Bibliographische Information der Deutschen

Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind

im Internet über http://dnb.dbb.de abrufbar.

ISBN 978-3-931334-69-7


8 Vorwort des Landrates

Landrat Michael C. Busch

12 Meine Brücke zwischen Franken

und Thüringen

Dr. Harald Bachmann

16 Die Coburger Heimat im Herzen

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm

18 „Toter Winkel“ erwacht zu

neuem Leben

Dr. Jörg Bilke

23 Sprungbrett für die Karriere:

Von Neustadt in die

Nationalmannschaft

Erich „Ete“ Beer

24 Vertrauen und Glaube an die

Zukunft

Wolfgang Braunschmidt

27 Ruhe und Schaffenskraft

Gerhard Deutschmann

28 Alte Häuser sind Heimat,

alte Bäume auch

Friedrich-Karl Conze

32 Klein aber fein –

der Landkreis Coburg als

starkes Stück Oberfranken

Dr. Günther Denzler

34 Interdisziplinär studieren –

anwendungsorientiert forschen

Hochschule für angewandte Wissenschaften

Coburg

36 Zukunftsweisende Konzepte im

Klinikverbund

Klinikum Coburg GmbH

38 Historische Anpassungsleistungen

und neue

Herausforderungen

Thomas Dippold

40 Die Schönheiten erschließen sich

oft erst bei näherem Hinsehen

Dr. Günter Dippold

42 Ein Flüchtlingskind findet

Heimat im Coburger Land

Roswitha Friedrich

44 „Mein” Landkreis Coburg –

die Sicht des Volkskundlers

Lothar Hofmann

48 Verborgene Schätze in meiner

alten Heimat

Annette Hopfenmüller

50 Mundart und Brauchtum, aber

auch Mobilität und Moderne

Anneliese Hübner


6 I 7 inhalt

53 Gesundwerden und Wohlfühlen

in traumhafter Lage

Medical Park Bad Rodach

54 Spitzentechnologie für

Umformaufgaben

LASCO Umformtechnik GmbH

56 Leckerer Käse der Marke

Coburger“ ist bereits seit 1927

„in aller Munde“

Milchwerke Oberfranken West e.G.

58 Singen und Freude am Chorleben

als Markenzeichen

Peter Jacobi

60 „Preis-Leistungssieger“ in Sachen

Lebensqualität

Norbert Kastner

64 Bunt und abwechslungsreich

Ernst Kienel

68 Lautertal –

kleine Welt ganz groß

Hans-E. Kornherr

70 Wanderer,

kommst du nach Coburg …

Christoph Liebst

72 Das Rattern der bulligen Räder

rolly toys®

74 Keramische Hochleistungsprodukte

für vielfältige

Anwendungen

Saint-Gobain IndustrieKeramik

Rödental GmbH

76 Vom Wohnen und Leben

Dr. Rainer Mayerbacher

79 Sparkasse – Gut für die Region

Sparkasse Coburg - Lichtenfels

80 Grenzraum – Übergangsraum

– Durchgangsraum

Dr. Silvia Pfister

82 Reich an Facetten und

lebenswert

Petra Platzgummer-Martin

84 Selbstbewusstsein und Stärke

in die Welt tragen

Prof. Dr. Michael Pötzl

86 In der Welt zu Hause –

dem Standort verbunden

Willi Schillig

88 Der größte Einrichtungsspezialist

Oberfrankens

und Südthüringens

Einrichtungshaus Schulze

90 Ist fränkisch zänkisch?

Hans Remde


92 Erinnerung an die erste Heimat

Renate Schmidt

94 Ein alter Gossenberger Brauch

– das „Kaputtla“

Helmut Schöttner

95 Vom Zweimann-Handelsbetrieb

zum PE-Folienspezialisten

Verpa Folie Weidhausen GmbH

96 Präzision aus Erfahrung

Werkzeugmaschinenfabrik

WALDRICH COBURG GmbH

97 Frieden? Es geht was!

Henning Schuster

98 Mittlerrolle in der

Landwirtschaft

Hans Vetter

100 Kooperation mit den Nachbarn

als Gebot der Stunde

Dr. Klaus Weschenfelder

102 Von der Randlage in die Mitte

Deutschlands

Karl Zeitler

106 Gelebte Freundschaft und viele

Gemeinsamkeiten

Christine Zitzmann

108 Übersicht der PR-Bildbeiträge


8 I 9

michael c. Busch

Vorwort des Landrates

Liebe Leserin, lieber Leser,

berauschen Sie sich, wie einst Johann Gottfried Herder, der im Jahr 1788 in einem Brief

an seine Frau von der Schönheit und dem Liebreiz des Coburger Landes schrieb und es

als „die schönste Gegend der Welt!” pries, an unserer liebenswerten Heimat.

Die Urlaubsregion Coburg am Fuße der Mittelgebirgslandschaften des Frankenwaldes,

der Fränkischen Schweiz und des Thüringer Waldes bietet eine Vielfalt, die ihresgleichen

sucht. Da ist für jeden etwas dabei: ob Wandern oder Städtebesichtigung,

ob Kultur oder Sport, ob Ruhe oder Aktion. Jeder für sich und jeder, wie er es mag!

Aber der Reihe nach:

In einer Volksabstimmung 1919 entschied sich die Bevölkerung des Freistaates Coburg

gegen den Anschluss an den Freistaat Thüringen und damit für Bayern. Der Anmichael

c. Busch

Michael C. Busch wurde 1957 in Coburg

geboren, ist in Ebersdorf bei Coburg aufgewachsen

und lebt auch heute dort. Er ist seit

1977 mit seiner Frau Daniela verheiratet und hat

zwei erwachsene Kinder sowie zwei Enkel, die

alle in der Heimatgemeinde wohnen.

Nach dem Besuch des Gymnasiums Albertinum

in Coburg war er Soldat auf Zeit bei der

Heeresfliegerversorgungsstaffel 265 in Roth

sowie beim Sanitätslehrbataillon 851 München.

Er absolvierte eine Berufsausbildung zum

staatlich anerkannten Krankenpfleger und

zum Bürokaufmann. Zuletzt arbeitete er als

Geschäftsführer des Kreisjugendrings Coburg.

In den Jahren 1984 bis 1992 war Michael C.

Busch Schöffe am Amts- und Landgericht

Coburg. Von 1984 bis 2008 war er Mitglied

des Gemeinderats in seiner Heimatgemeinde

Ebersdorf, von 1990 bis 2002 zudem Zweiter

und Dritter Bürgermeister. Mitglied des

Kreistages Coburg ist er seit 1990. Der Kreistag

wählte Busch außerdem in der Zeit von 1996 bis

2002 zum weiteren Stellvertreter des Landrats.

Seit dem 1. Mai 2008 ist er als Landrats tätig.

Die Geschichte des Coburger Landes

Das Coburger Land gehörte im sechsten Jahrhundert zu einem Reich, das Thüringer

als germanisches Volk begründet hatten. Franken und Sachsen vernichteten es jedoch

530. Die Sieger teilten sich das Land. Der südliche Teil – also auch das Coburger Land

fiel an die Franken, die in der Folgezeit hier siedelten. Das thüringische Element blieb –

allerdings von den Franken überlagert – bestehen und prägt die Bevölkerung bis zum

heutigen Tage. Ab 560 einwandernde slawische Wenden und Sorben trugen ebenfalls

zur Formung des Menschentyps in unserer Heimat bei.

In fränkischer Zeit bildete das damals noch namenlose Coburger Land den nord-östlichen

Teil des Grabfeldgaues. Ins Licht der urkundlichen Geschichte trat es um 1012

mit der bekannten Ausstattung Pfalzgraf Ehrenfrieds von Lothringen, der mit Mathilde,

der Schwester Kaiser Ottos III., verheiratet war. Die Tochter des Paares, die Polenkönigin

Richeza, schenkte dem Erzbischof Anno von Köln im Jahr 1056 Coburg und Saalfeld,

wo dieser 1074 eine Benediktinerabtei stiftete. Neben Saalfeld kamen im Coburger

Land im Laufe der Zeit die Andechs-Meranier, Wildberg und Henneberg sowie die Klöster

Fulda, Hersfeld, Banz, Langheim, Mönchröden, Veilsdorf und Sonnefeld als Besitzund

Herrschaftsträger auf. Die Henneberger wurden die Mächtigsten. Von diesen erhielt

1353 Markgraf Friedrich der Strenge von Meißen die neue Herrschaft über Coburg, Neustadt,

Sonneberg, Neuhaus, Schalkau, Strauf und Rodach. Das fränkische Gebiet seines

Hauses wurde fortan die „Pflege Coburg” oder das „Ortsland in Franken” genannt. Mit

dem Übergang des Territoriums an das Haus Wettin in der Mitte des 14. Jahrhunderts

bildete die Pflege Coburg einen nach Süden ausgreifenden Keil des sächsischen Kurfürstentums.

Seit dem 16. Jahrhundert wurde dieses Gebiet, nunmehr protestantisch geworden,

einzelnen wettinischen Herzogtümern zugeteilt und nach und nach aufgesplittert.

Das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha entstand 1826 und wurde in Personalunion

regiert. Es hatte also eine Dynastie, aber zwei Residenzstädte, nämlich Coburg

und Gotha, etwa 100 Kilometer voneinander entfernt, getrennt durch den Thüringer

Wald. Die der ernestinischen Linie des Hauses Sachsen angehörenden Coburger Herzöge

regierten das Land bis zum 15. November 1918.


schluss wurde im Juli 1920 vollzogen.

Das Landratsamt Coburg ist somit zwar

das älteste in Bayern (begründet durch Gesetz

vom 17. Juni 1858 von Herzog Ernst

II.), aber dennoch das jüngste bayerische

Landratsamt (die Ämter wurden in Bayern

erst 1862 begründet). Und wir Coburger

sind die einzig freiwilligen Bayern. Das

macht uns selbstbewusst und unterscheidet

uns von den anderen Landkreisen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg teilte der

Landkreis Coburg über 40 Jahre bis zur Wiedervereinigung 115,6 km – das ist die Hälfte

seiner gesamten Kreisgrenze – mit der damaligen DDR. Er war damit von seinen benachbarten

Wirtschafts- und Lebensräumen in Thüringen abgeschnitten.

Der Landkreis Coburg verfügt über

eine moderne Verwaltung.

Trotz alledem konnte der Raum Coburg eine positive Entwicklung verzeichnen. Diese

Entwicklung ist wohl in erster Linie dem Willen und der Schaffenskraft der Menschen,

die hier leben, zu verdanken. Einen wesentlichen Aufbaubeitrag leisteten auch die vielen

Vertriebenen, die nach dem Krieg im Coburger Land eine neue Heimat fanden. 1939

hatte der Landkreis 40.426 Einwohner, 1946 waren es durch den Zufluss der Flüchtlingsströme

61.144. Anfang der Sechzigerjahre gab es noch 129 politische Gemeinden

im Kreisgebiet, darunter 22 mit weniger als 100 Einwohnern. Unmittelbar vor der Gemeindegebietsreform

vom 10. Mai 1978 umfasste der Landkreis insgesamt noch 51 Gemeinden.

Nach Abschluss der Gemeindegebietsreform bestehen im Landkreis 17 Städte

und Gemeinden.

Der Landkreis Coburg heute

Der Raum Coburg gehört zu den am stärksten industrialisierten Gebieten der Bundesrepublik

Deutschland. Gleichwohl konnten im Kreis die natürliche Beschaffenheit und

der Reiz der Landschaft erhalten werden, ein Kapital, das der Fremdenverkehr zunehmend

zu nutzen versteht. Die Notwendigkeit einer stärkeren Hinwendung zur ökologisch

orientierten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft wurde längst erkannt.

Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen und zu halten, ist unser Bestreben.

Die aufgrund der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zurückgewonnene

zentrale Lage in der Mitte Deutschlands und Europas bedingte eine weitgehende

Neuorientierung und Anpassung in allen Lebensbereichen. So öffneten sich nach der

Wiedervereinigung die Märkte Thüringens. Andererseits strömte von dort Kaufkraft in

die Region Coburg. Seit 1989 haben sich vielfältige wirtschaftliche Verflechtungen ergeben.

Traditionelle Wirtschaftsbeziehungen zu Thüringen lebten wieder auf. Das Coburger

Land hat eine Mittlerfunktion zu Thüringen, was der Regionalplan Oberfranken-

West ausdrücklich feststellt. Inzwischen besteht eine gute Verkehrsanknüpfung an das

ehemalige DDR-Gebiet über Bundes-, Staats-, Kreis- und Gemeindeverbindungsstraßen

sowie Bahnlinien.


10 I 11

michael c. Busch

Aufgrund der wiedergewonnenen zentralen Lage ergaben sich für das Coburger Land

kurze Wege in alle Richtungen. Damit hat es seine starke wirtschaftliche Ausgangsposition

zurückerobert, konnte sich zukunftsorientiert der neuen Herausforderung stellen

und so seinen Weg ins dritte Jahrtausend vorbereiten.

Von der Stammeszugehörigkeit sind die Coburger Franken, jedoch mit thüringischem

und slawischem Einschlag.

BILDUNG wird im Landkreis Coburg großgeschrieben.

Der lebenslange Prozess beginnt

bereits mit der vorschulischen Erziehung

und setzt sich fort bis zu Kursangeboten für

Senioren der Erwachsenenbildung.

Ein Coburger Reiseführer des Jahres 1886 beschrieb den Coburger so: „Obwohl Coburg

politisch zu Thüringen gehört (Anmerkung: Das war 1886!), so ist doch die Bevölkerung

fränkischen Stammes, und demgemäß finden wir in Coburg fränkische Sitten

und Eigentümlichkeiten mit manchen Gebräuchen der Thüringer vermischt, wie auch

hinsichtlich der Sprache im coburgischen Dialekt sowohl bayerische wie sächsische Anklänge

vernehmbar sind, letztere bei weitem schwächer. Als besonders hervorragende

Eigenschaften im Charakter der Coburger müssen Ehrlichkeit sowie eine gewisse Ein-


Alle Menschen im Landkreis Coburg –

die Einheimischen wie die Neubürger – verbindet

ein Zusammengehörigkeitsgefühl in dem Wissen,

dass es sich hier gut leben lässt.

fachheit und liebenswürdige Natürlichkeit in den Umgangsformen gerühmt werden; die

den Coburgern eigentümliche Derbheit artet im allgemeinen keineswegs in Schroffheit

aus, sondern bewahrt meist den Charakter einer durchaus gutartigen Geradheit.”

Das mag wohl auch heute noch gelten, wobei jedoch die Völkerverschiebungen nach

dem 2. Weltkrieg und die Wanderbewegungen durch die Mobilität unserer Tage, insbesondere

nach der Wiedervereinigung, aber auch der Zuzug von deutschen und

deutschstämmigen Aussiedlern aus Osteuropa und die Einbürgerung von Ausländern

nicht ohne Auswirkungen blieben.

Das Coburger Land ist für sie alle eine liebenswerte Heimat. Die Landkreisbürgerinnen

und -bürger, die heute hier leben, sind heitere und fleißige Menschen; sie sind

bei aller Traditionsverbundenheit zielstrebig und aufgeschlossen für Modernität und

Fortschritt. Tradition und Brauchtum des Coburger Landes – aber auch anderer Völkergruppen

– werden gepflegt. Man arbeitet und feiert auch gerne zusammen, wie die vielen

Feste beweisen. Beispielhaft sind hier nur angeführt: das Puppenfestival in Neustadt

bei Coburg, das Altstadtfest in Seßlach, die Museums-, Trachten- und Schützenfeste,

Handwerkermärkte oder auch das SAMBA-Festival, das größte außerhalb Brasiliens.

Alle Menschen im Landkreis Coburg – die Einheimischen wie die Neubürger – verbindet

ein Zusammengehörigkeitsgefühl in dem Wissen, dass es sich hier gut leben

lässt. Ich lebe hier seit meiner Geburt mit ein paar Jahren Unterbrechung, und es versteht

sich von selbst, dass ich hier auch gerne Landrat bin, für die Menschen und mit

den Menschen.

Das war’s aber auch schon mit der Geschichte des Coburger Landes. Ab jetzt sollen

Menschen, die hier leben oder lebten, ihre Geschichten erzählen. 31 Autoren beschreiben,

was sie im Coburger Land erlebt haben und warum sie sich hier wohl fühlen. Darunter

viele berühmt gewordene „Coburger“ wie die ehemalige Bundesfamilienministerin

Renate Schmidt oder der amtierende Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen

Landeskirche Heinrich Bedford-Strohm und andere. Das macht dieses Buch so einmalig.

Und die Bilder dazwischen zeigen das Coburger Land in seiner ganzen Vielseitigkeit

und Schönheit. Und dass sich auch die Wirtschaft vorstellt, ist in einer der am

dichtesten industrialisierten Regionen ein Zeichen der Stärke des Coburger Landes.

Aber erleben Sie selbst viele neue Einblicke in unseren Landkreis, in eben „die schönste

Gegend der Welt“.

Herzlichst

Ihr

Michael Busch

Landrat des Kreises Coburg


18 I 19

Dr. JörG BilKe

„Toter Winkel“ erwacht zu

neuem Leben

Im Sommer 1942, als ich fünf Jahre alt war, fuhren wir von Rodach zum Straufhain

und nach Völkershausen. Es war ein Betriebsausflug der Glanzgoldfabrik Carl Hauser

in der Heldritter Straße, die meinem Vater gehörte. Aber er war damals im Krieg.

Mein Vater kämpfte in Finnland. Meine Mutter hatte deshalb Adolf Worsten in der

Hildburghäuser Straße gebeten, uns nach Thüringen zu fahren.

Dr. Jörg Bilke

Dr. Jörg Bilke wurde 1937 in Berlin-Moabit

geboren, kurze Zeit später erfolgte der Umzug

nach Bad Rodach. Er besuchte das Gymnasium

Casimirianum Coburg bis 1955 und machte

das Abitur 1958 an der Oberschule Kirchheim/

Teck. 1958 bis 1961 studierte er Germanistik und

Geschichte in Berlin und Mainz. Mitarbeiter

der Studentenzeitung „nobis“. Nach der

Veröffentlichung von DDR-kritischen Artikeln

in der Studentenzeitung „nobis“ wurde er 1961

bei einen Besuch in der DDR verhaftet und zu

drei Jahren Zuchthaus verurteilt. 1964 kaufte

ihn die Bundesregierung für 40.000 DM frei.

Danach arbeitete er als freier Mitarbeiter bei

Hörfunk und Zeitungen sowie als Gastdozent.

1977/78 war er Kulturredakteur der Tageszeitung

WELT in Bonn. Weitere Tätigkeiten bei der

Stiftung ostdeutscher Kulturrat, Inter Nationes

und der Bundeszentrale für politische Bildung

und als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Ost-

Akademie in Lüneburg folgten. 1983 bis 2000

war er Chefredakteur der kulturpolitischen

Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher

Kulturrat. Seit 2000 lebt Dr. Bilke als Rentner in

Bad Rodach. 2003 wurde ihm das

Bundesverdienstkreuz verliehen.

Adolf Worsten hatte zwei Pferde vor seinen Plattenwagen gespannt und saß auf dem

Kutschbock. Hinter ihm saßen meine Mutter und ich, Gustav Weber, meines Vaters einziger

Arbeiter, mit seiner Verwandtschaft, die Familien Wölfert und Wietzel, deren Töchter

bei uns im Haushalt arbeiteten, Erna Leicht mit ihrem Sohn Erhard, der mein erster

Freund war und dessen Großmutter neben uns in der Heldritter Straße wohnte. Wir fuhren

über Rudelsdorf nach Seidingstadt in Thüringen, unten am Straufhain hielten wir

und stiegen hinauf, mittags aßen wir Klöße in Völkershausen.

Damals hätte niemand geahnt, dass solche Ausflüge in wenigen Jahren nicht möglich

sein würden. Deutschland hatte den Krieg verloren und war in Besatzungszonen aufgeteilt

worden, die Grenze zwischen der amerikanischen und der russischen Zone wurde

immer undurchdringlicher. Der Reith, den wir Kinder in der Heldritter Straße liebten,

weil er uns zu Abenteuern verlockte, wurde zum gefährlichen Grenzwald, vor dem uns

die Erwachsenen warnten. Vom Reith sollten wir wegbleiben, dort gäbe es nur Wölfe und

Russen und auf Kinder würde geschossen.

Die Erwachsenen, das wurde uns bald klar, hatten Angst, wir nicht! Wir betrachteten

es als Mutprobe, bis zur geheimnisumwitterten Waldwiese vorzustoßen bei unseren Erkundungen

und darüber hinaus bis zu jenem Zaun, hinter dem Thüringen begann. Wölfe

haben wir nie gesehen. Russen auch nicht!

Aber die Grenze verwuchs langsam mit unserem Leben! Die Erinnerung daran, dass

unsere Mutter bis zum Kriegsende mit uns Kindern auf Ausflügen mit dem Fahrrad im

Heldburger Unterland unterwegs war, schmolz dahin. Auf einmal gab es Schlagbäume

bei Adelhausen und Holzhausen, von denen aus man die Leute auf der anderen Seite nur

noch aus der Ferne beobachten konnte, wie sie aus ihren Häusern traten, über die Straße

gingen und in anderen Häusern verschwanden. Rauch stieg aus den Schornsteinen,

Hunde bellten irgendwo in den Gehöften, aber sprechen konnte man mit den Thüringern

nicht mehr. Wenn man winkte, winkten sie nicht zurück: Wir waren ja der „Klassenfeind“!

Und selbst wenn man besuchsweise hätte einreisen dürfen nach Thüringen, Heldburg

hätte man nie erreicht, das war Sperrgebiet!

Aber noch 1951 erzählte mir meine Klassenkameradin Hanni Lorz aus Lempertshausen,

das war das Jahr unserer Konfirmation, sie sei in Steinfeld hinter Eishausen zum

Tanzen gewesen. Ein Jahr später, im Sommer 1952, war auch das vorbei, denn die innerdeutsche

Grenze wurde Sperrzone und der Todesstreifen fast unüberwindbar. Volker Musbach,

der Sohn unseres Rodacher Polizisten, berichtete mir, wie er mit seinen Eltern in

den Nachkriegsjahren von Weimar, woher sein Vater stammte, immer nach Holzhausen

zu Verwandten gefahren und nachts durch die Grenze nach Rodach, woher seine Mutter

kam, geschlichen sei. Auch das war 1952 vorbei! Volker lebte längst bei uns in Rodach.


Wir begannen uns einzurichten in unserem Rodach, das auf drei Seiten von Thüringen

umgeben war und Alt-Bürgermeister Kurt Hofmann die „Stadt im toten Winkel“ nannte.

Die Zeiten waren längst vorbei, dass meine Mutter, während des Krieges mit dem Zug aus

Berlin kommend, in Grimmenthal bei Meiningen aussteigen und mitten in der Nacht warten

musste, bis sie der Günthers Adolf, der Rodacher Fotograf in der Gartenstraße, mit

dem Auto abholte. Oder dass meine Großmutter, die in Berlin lebte, im Sommer 1945, als

der Krieg zu Ende war, auf Güterzügen, Pferdefuhrwerken oder zu Fuß bis Hildburghausen

reiste und im Morgengrauen bei Lempertshausen über die Grenze schlich, um zu ihren

in Rodach lebenden Töchtern zu gelangen, von deren Schicksal bei Kriegsende sie

nichts wusste. Eine Bauersfrau soll damals das Fenster geöffnet und auf Fränkisch gerufen

haben: „Wo komma Sie denn har?“, und sie soll auf Sächsisch geantwortet haben:

„Von driehm, von driehm!“

Wenn man heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, nach Adelhausen fährt, merkt

man nicht mehr, wo Franken aufhört und Thüringen anfängt. Wenn man anhält

und aussteigt, kann man noch den feinen Haarstrich sehen, wo der graue Teer

aufhört und der schwarze beginnt.

Auch meine Leipziger Tante Inge Arnold hat uns auf diese Weise mehrmals in Rodach

besucht in den ersten Nachkriegsjahren, zuletzt 1955. Ich sehe sie noch, wie sie mit Hartmut

von Berg, dem Rodacher Holzhändler, der sich im Wald auskannte, auf einem Feldweg

zum Reith hinaufschritt, wo er sie über die Grenze nach Thüringen brachte. In den

Sommerferien 1954 und 1955 fuhr ich selbst nach Thüringen, zu meinem Patenonkel, der

in Wasungen bei Meiningen Landarzt war. Heute, nachdem der SED-Staat 1989/90 untergegangen

ist, braucht man von Bad Rodach nach Meiningen, immer an der Werra entlang,

eine gute Stunde. Zehn Jahre nach dem Krieg aber musste man gewaltige Umwege

auf sich nehmen, die Reise ging zunächst ostwärts nach Coburg und Lichtenfels, wo man

den Interzonenzug München-Berlin bestieg. Dann kam der Grenzübergang Ludwigsstadt-

Probstzella. Von dort fuhr man über Saalfeld und Arnstadt nach Meiningen und erreichte

Wasungen am Spätnachmittag. Eine Tagesreise, nur weil Deutschland geteilt war!

Aber Thüringen, das versperrte Land, wurde uns immer fremder, mit den Jahrzehnten

der Teilung änderte sich auch die Rodacher Mundart, da das Thüringer Hinterland fehlte.

Manche Wörter starben aus, auch wenn es in Rodach noch Straßen gab wie die Heldburger

und die Hildburghäuser, die angeblich nach Thüringen führten, aber im Nichts endeten.

Als ich mit meinem Freund Peter Holz, dem Sohn unseres Hausarztes, im Herbst 1947

ganz weit draußen in der Hildburghäuser Straße Kastanien einsammelte, war der Asphalt

noch glatt wie auf anderen Straßen auch. Aber schon in den Fünfzigerjahren begann hinter

der Kreuzung, wo es rechts nach Lempertshausen und links nach Roßfeld geht, der

Asphalt aufzubrechen. Wasser drang ein, der Frost sprengte die Straße auf, die nicht

mehr befahren wurde, außer manchmal vom Bundesgrenzschutz. Es begannen Gras und


20 I 21 Dr. JörG BilKe

Der Zaun trennte bis 1989 die Menschen in

Ost und West. 1990 entstanden zwischen

Holzhausen und Bad Rodach erste

Wegeverbindungen durch den ehemaligen

Grenzstreifen.

Unkraut zu wuchern, kleine Bäche schossen empor. Es war ein seltsames Schauspiel!

Jahrzehnte später, wenn ich Rodach besuchte, wo ich seit 1959 nicht mehr lebte, machte

ich es mir zur Pflicht, zum Schlagbaum bei Adelhausen zu wandern und hinüber zu starren

ins verbotene Land!

Und dann kam der Bau der Berliner Mauer in der Nacht zum 13. August 1961. Ich studierte

damals in Mainz und lebte bei meinen Eltern in Hanau. Es war ein sonniger Sonntagmorgen,

ich war am Kahler See zum Schwimmen, als ich die Nachricht hörte. Ich war

bestürzt, ich hatte für den Spätsommer eine Einladung nach Leipzig zu Verwandten, und

ich wollte dort die Buchmesse besuchen.

Am 6. September 1961 reise ich ein, drei Tage später wurde ich auf dem Karl-Marx-

Platz verhaftet. Als ich drei Jahre danach aus dem Zuchthaus Waldheim in Sachsen entlassen

wurde, fuhr unser Häftlingsbus bei Wartha-Herleshausen über die thüringischhessische

Grenze. Meine Sehnsucht nach Thüringen war unbeschreiblich, schließlich waren

wir an Jena, Weimar, Erfurt, Gotha vorbeigefahren, an Städten, die ich gerne besucht

hätte, worauf ich aber noch ein Vierteljahrhundert warten musste.

Es waren sicher schier unglaubliche Geschichten, die ich in DDR-Zuchthäusern und danach

in Rodach über die innerdeutsche Grenze erfuhr, wenn man den Leuten zuhörte.

Hatte sich nicht im Rodacher Stadtwald ein früherer Bewohner Holzhausens erhängt,

weil er sein Dorf sehen konnte am Schlagbaum, wo im Gebüsch die moosbewachsenen

Grenzsteine zwischen Sachsen-Coburg und Sachsen-Meiningen lagen, er aber nicht heimkehren

durfte? War nicht die gesamte Einwohnerschaft des thüringischen Dorfes Einöd,

südlich von Heldburg gelegen, im Sommer 1961 nach Bayern geflohen? War nicht ein Rodacher

Kommunist, der immer von den DDR-Verhältnissen geschwärmt hatte, in den „Arbeiter-

und Bauernstaat“ übergesiedelt und hatte es bitter bereut?

Ist nicht der DDR-Grenzsoldat Werner Weinhold am 19. Dezember 1975, nachdem er

zwei Kameraden erschossen hatte, bei Rodach über die Grenze gekommen? Ist nicht ein

junger Bauer aus Thüringen, der unter Aufsicht von DDR-Grenztruppen den Todesstreifen


eggen musste, damit man die Fußspuren Geflüchteter erkennen konnte, in plötzlichem

Entschluss über die Grenze geflohen, als auf westdeutscher Seite bayerische Grenzpolizisten

auftauchten?

Heute weisen nur noch Schilder

auf den früheren Eisernen Vorhang

bei Holzhausen hin.

Hat nicht ein anderer Bauer, der nachts im Grenzgebiet ernten durfte, heimlich seine

Verwandten in Lempertshausen besucht und ist im Morgengrauen zurückgeschlichen

durch Stacheldraht und Minenfeld? Und haben nicht dummerweise seine Westverwandten

Stunden später „drüben“ angerufen und gefragt, ob ihr Vetter oder Neffe unbeschadet

zu Hause eingetroffen sei, nicht ahnend, dass das Telefongespräch abgehört wurde? Auch

die Webers Alma, die Großmutter meines Freundes Erhard Leicht, war einmal beim Reisigsammeln

auf die Thüringer Seite geraten und dort festgenommen worden. Noch während

des Verhörs hielt sie krampfhaft einen derben Stock, den sie nicht hergeben wollte,

den brauchte sie noch für ihren „Göker“. Bereitgestelltes Essen, denn das Verhör gegen

die „Agentin der Bonner Ultras“ dauerte Stunden, wies sie trotz ihres Hungers zurück:

„Des könnt ja vergift sei!“ Ihr Enkel durfte sie dann an der Grenze bei Adelhausen abholen.

Einmal haben drei Betrunkene aus Hildburghausen in der Nacht die Grenzzäune bei

Adelhausen überstiegen und sind in Roßfeld angekommen. Dort trafen sie morgens um 3

Uhr den Milchfahrer aus Rodach, der bei den Bauern die frischgemolkene Milch abholte.

Der erzählte ihnen dann, im letzten Abschnitt der Grenze vor dem letzten Zaun, wo sie

schon gesungen hatten vor Glück, weil sie gehofft hätten, schon „den Westen“ erreicht zu

haben, da lägen die Minen, die sie hätten zerfetzen können. Da erschraken sie noch nachträglich.

Im Sommer 1967 lebte ich während der Semesterferien für einige Wochen bei meiner

Großmutter in Coburg. Als ich ihr erklärte, am 25. August, dem dritten Jahrestag meiner

Befreiung aus dem Zuchthaus Waldhain in Sachsen, nach Rodach fahren und beim

Straufhain an der Grenze entlanggehen zu wollen, packte sie das blanke Entsetzen. Ich

sollte doch an Dr. Joachim Holz denken, unseren früheren Hausarzt in Rodach, der hätte

sich einmal mit seiner Frau hinterm Georgenberg im Wald verirrt. Sie hätten stunden-


22 I 23

lang, bei heftigem Gewitterregen, unter einem Baum gesessen und gezittert, weil sie befürchtet

hätten, sie wären schon in der „russischen Zone“. Der Rodacher Bäcker Dagobert

Tisch, der nach dem Krieg die Rodacher Bäckerei Hörnlein in der Coburger Straße übernommen

hatte, stammte aus Leipzig. Teile seines Hausrates lagen immer noch dort, also

gingen seine Frau und meine Tante Lotti Buschendorf, die auch aus Leipzig 1945 zu uns

nach Rodach kam, nachts über die Grenze und kehrten die Nacht darauf zurück, bepackt

mit Koffern und Taschen. Ihre Männer warteten in der „amerikanischen Zone“ im Gebüsch

und erzählten sich Geschichten. Dann schliefen sie ein, und ihr Schnarchen ließ

die Bäume erzittern. Die Frauen, die mit Gepäck durchs Unterholz krochen, wussten damit,

in welche Richtung sie sich bewegen mussten.

Der Prinzregententurm steht auf dem Gipfel des 515

Meter hohen Neustadter Hausberges Muppberg.

Er wurde 1905 zu Ehren des Erbprinzen Ernst zu

Hohenlohe-Langenburg errichtet.

Und dann fiel die Mauer in Berlin, am 9. November 1989 abends! Dass die Pressekonferenz

Günter Schabowskis in Ostberlin, bei der er Reisefreiheit für alle DDR-Bürger verkündete,

eine solche Wirkung haben könnte, dass ein ganzer Staat von der Landkarte

verschwände, war nicht vorauszusehen. Ich hörte davon im Autoradio, als ich durch

Bonn fuhr, und verursachte vor Schreck einen Unfall. Später sah

ich, ich war am 17. November in Heilbronn auf Dienstreise, wie

die Grenze zwischen Rodach und Adelhausen geöffnet wurde.

Scharenweise kamen die Thüringer zu Fuß die Hildburghäuser

Straße entlang. Bürgermeister Ernst Englmaier war zu sehen, wie

er Sekt ausschenkte, ein Trompeter aus Adelhausen blies „Amazing

Grace“ in den noch dunklen Morgenhimmel. Ich saß wie erstarrt

in meinem Hotelzimmer: Auf diesen Tag hatte ich 40 Jahre

lang gewartet, und niemand aus Rodach hatte mich benachrichtigt.

Vier Wochen später, am 17. Dezember 1989, fuhr ich von Bonn

zur „Fränkischen Weihnacht“ nach Rodach. Dort erfuhr ich, die

Grenze zwischen Sülzfeld, das zu Rodach gehörte, und Bad Colberg

in Thüringen wurde für acht Stunden geöffnet, damit auch

die Rodacher nach Thüringen einreisen konnten. Am Sonntagmorgen

standen DDR-Grenzsoldaten und ihre bayerischen Kollegen im

vertrauten Gespräch am durchschnittenen Grenzzaun und tranken

Sekt miteinander. Ich rieb mir die Augen, als ich das sah, so unwirklich

war das Bild! In der Gaststätte „Linde“ in Bad Colberg

wurden wir Rodacher mit Freibier und Bratwürsten bewirtet.

Stunden später stieg ich in Heldburg den Festungsberg hinauf und

erreichte die Veste, als Birgit Meinunger aus dem Tor trat, die

Burgherrin. Abends fuhren wir dann nach Rodach, wo noch immer

gefeiert wurde. Wenn man heute, mehr als zwei Jahrzehnte

später, nach Adelhausen fährt, merkt man nicht mehr, wo Franken

aufhört und Thüringen anfängt. Wenn man anhält und aussteigt,

kann man noch den feinen Haarstrich sehen, wo der graue

Teer aufhört und der schwarze beginnt. Der Schwarze ist der jüngere,

hier war einmal die Grenze, die Deutschland geteilt hat.


erich „ete“ Beer

Sprungbrett für die Karriere: Von

Neustadt in die Nationalmannschaft

Ich bin 1946 in Bamberg geboren und kam im

Alter von 13 Jahren nach Neustadt bei Coburg.

Mein Vater erhielt als Schornsteinfeger den

Kehrbezirk in Neustadt zugewiesen. So lernte

die Familie Beer das Coburger Land kennen. Als

großer Fan des runden Leders meldete ich mich

beim VFL 07 Neustadt, der heute leider nicht mehr

existiert, in der Fußballabteilung an. Der VFL spielte

zu dieser Zeit in der zweithöchsten Fußballklasse.

Die Euphorie in der Puppenstadt war riesig. Kein

Geringerer als der „Held von Bern“, der berühmte

Fritz Walter, war damals Trainer der Mannschaft.

Ich war in der Schülermannschaft mit Leib und Seele

dabei. Noch heute besitze ich sein Buch über das

WM-Finale 1954 in der Schweiz. Beim VFL 07, der

damals eine feste Größe im süddeutschen Raum

war, spielte ich von 1965 bis 1967 in der Bayern- und

Landesligamannschaft. Startrainer und „Meistermacher“

Max Merkel wurde auf mich aufmerksam und holte mich zum 1. FC Nürnberg. So

habe ich dem VFL 07 Neustadt sehr viel zu verdanken. Leider musste das Stadion später

verkauft werden, was mich jedes Mal, wenn ich vorbeifahre, traurig macht.

Ich selbst fahre mit meiner Familie – meine Frau kommt aus Neustadt, unser Sohn

Ralph wurde in Coburg geboren – sehr gerne in die fränkische Heimat. Dann lassen wir

uns „Neustadter Klöß mit Braten und Soß“ schmecken. Ein Spaziergang rund um den

Muppberg oder zur Veste Coburg und ein Konzert auf dem Schlossplatz sind immer

wieder ein Erlebnis. Der Landkreis Coburg bietet Tradition, Geschichte und viele Sehenswürdigkeiten.

Die standesamtliche Trauung unseres älteren Sohnes fand im Coburger

Standesamt in Bürglaßschlösschen – nicht weit vom Schlossplatz entfernt – statt.

Auch für den Tourismus wird die Region immer attraktiver: Wandern, Radfahren,

große Veranstaltungen, zum Beispiel das Sambafestival oder das Neustadter Kinderfest

locken Besucher an. Ich selbst rühre die Werbetrommel für das Coburger Land bei meinen

Freunden in München. Viele, die diese Region besucht haben, sind begeistert zurückgekehrt

und haben davon geschwärmt. Auch die gute fränkische Küche, vor allem

„Brotwörscht“ und die kleinen Brauereien, die leckeres Bier brauen, locken ins Coburger

Land.

Da die Region vom Zonenrandgebiet zum „Nabel“ von Deutschland wurde, hoffe ich,

dass die Menschen dort aufgeschlossen bleiben und neue Projekte gerne annehmen. So

können sie lebendig an der deutschen Geschichte teilnehmen.

erich „ete“ Beer

Erich „Ete“ Beer wurde 1946 in Bamberg geboren. Seine

Jugendzeit verbrachte er in Neustadt bei Coburg. Dort

schloss er sich der Jugendfußballabteilung des VfL

Neustadt an, bei dem er bis Ende 1967 spielte. Von 1968

bis 1979 war Beer für den 1. FC Nürnberg, Rot-Weiß

Essen und Hertha BSC in der Fußball-Bundesliga

aktiv. Für diese Vereine absolvierte der Offensivmann

insgesamt 341 Spiele und erzielte dabei 95 Treffer.

Nachdem er von 1979 bis 1981 bei Ittahad Dschidda in

Saudi-Arabien gespielt hatte, wechselte Beer 1981 zum

TSV 1860 München in die 2. Bundesliga.

Im Mai 1975 gab Beer sein Debüt in der deutschen

Nationalmannschaft. Er absolvierte insgesamt 24

Länderspiele und schoss sieben Tore. 1976 wurde er mit

der Mannschaft in Belgrad Vize-Europameister. Beer

gehörte dem Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft

bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien

an; sein letztes Match für Deutschland war das als

„Schmach von Cordoba“ bekannt gewordene WM-Spiel

gegen Österreich. Beer lebt heute mit seiner Familie in

München.


48 I 49

annette hopfenmüller

Verborgene Schätze in

meiner alten Heimat

Ich war bereits über zwanzig Jahre in München und eher als Kultur-Filmerin tätig,

als mir die BR-Redaktion „Unter unserem Himmel“ das Angebot machte, doch

auch einmal meine Heimatregion filmisch zu erschließen. Schon bei den ersten

Recherchen dämmerte mir, wie wenig ich im Grunde über das Coburger Land

wusste und wie viel verborgene Schätze in ihm schlummern: altes Handwerk und

Brauchtum, scheinbar ausgestorben, doch mancherorts noch quicklebendig, noch unerzählte

Geschichten, spannende Entwicklungen, herrliches Fachwerk, wunderschöne

Landschaften und vor allem interessante und liebenswerte Leut‘!

annette hopfenmüller

Annette Hopfenmüller, Jahrgang 1959, wuchs auf

in Ebersdorf im östlichen Coburger Land. Seit 1978

lebt und arbeitet sie in München. In den 1980er-

Jahren machte sie als Bassistin Karriere in Rockund

Jazzprojekten, u. a. in der Band des „Spliff“-

Schlagzeugers Herwig Mitteregger und beim

Revuekabarett „Blackout“. Sie moderierte „Seven

o’Pop“ und „Pop nach Acht“ auf Radio Bayern 3

und erfand die Kultsendung „Hard’n Heavy“, die

sie 250-mal im Fernsehen präsentierte. Seit 1991

arbeitet sie als Filmemacherin. Sie produzierte

Kulturbeiträge fürs ZDF („Aspekte“), die ARD und

3sat sowie Werbespots und Imagefilme für die

Musikindustrie. Als Regisseurin/Autorin hat sie bis

heute fast 60 Dokumentarfilme und -serien (z.B.

„Alpenrock“, „Wie kommt der Mond ins Theater?“)

für das öffentlich-rechtliche Fernsehen realisiert.

Dabei zieht es sie immer wieder auch in ihre

Heimat: Für die BR-Sendereihe „Unter unserem

Himmel“ drehte sie „Lieber ein König in Coburg“

(1998), „Im Itzgrund“ (2003), „Im Rodacher Hügelland“

(2004), „Im Seßlacher Winkel“ (2005),

„Im Lautertal“ (2006), „Am Polstermöbelhighway

303“ (2008), „Unternehmen Märchenschloss –

Schlossherren rund um Coburg“ (2009) und erst

kürzlich die „Coburger Spezialitäten“.

Im Vergleich zur Tourismus-Glorie, die zum Beispiel alpennahe oberbayerische Orte

bestrahlt, führt das abgelegene Coburger Land freilich ein Aschenputtel-Dasein. Aber

nach all den Entdeckungsreisen, auf die wir uns im Team immer wieder begeben haben,

können wir sagen: ganz zu Unrecht. Hier hat’s zwar kein Bergmassiv, aber die

Landschaftsbilder, die die Kameramänner eingefangen haben, sind auf andere Weise

atemberaubend. Diese Schönheit ist nicht spektakulär – sie ist schlicht und unaufdringlich.

Man muss sich halt die Mühe machen, ein bisschen genauer hinzusehen: das Lautertal,

das den Thüringer Wald wie eine Kerbe durchfräst. Der Blick von Rodach hinüber

auf die Langen Berge. Authentische Dörfer wie Schottenstein oder Buchenrod. Das

mittelalterliche Fachwerkensemble von Seßlach. Die frech-verschlungenen Mäander der

Itz. Sogar mit großem (manchmal auch abgeblättertem) Glanz kann das Coburger Land

aufwarten: Dass es in und um die Vestestadt die höchste Schlösserdichte Europas geben

soll, ist mitnichten ein Märchen. Unzählige Burgen und Schlösser liegen auf Felsen, in

Parks oder versteckt im Wald und geben Zeugnis von einer bewegten Vergangenheit.

Wenn man sich also so umsieht in der Heimat, fördern die Entdeckungen natürlich

nicht nur freudiges Staunen zutage. Was einen immer umtreiben wird, wenn man das

„Einst“ in Bezug setzt zum „Jetzt“, ist der Strukturwandel und die Veränderungen des

Lebens in den Dörfern. Übrigens ein trauriges Phänomen, das es überall gibt – und

eben leider auch im Coburger Land. Dass es in den früher so vitalen Ortschaften, in denen

es Handwerksbetriebe, Wirtshäuser, viele kleine Läden und manchmal sogar ein

Kino gab, heute so still geworden ist, wird einen immer mit Wehmut erfüllen. Einige

Erinnerungen an das dörfliche Leben meiner eigenen Kindheit habe ich im „Polstermöbelhighway

303“ untergebracht, was ihn damit wohl zum persönlichsten meiner Filme

macht. Was aber nicht heißen soll, dass in ihm etwa Melancholie vorherrscht, im Ge-

Die Landschaftsbilder sind auf andere Weise atemberaubend.

Diese Schönheit ist nicht spektakulär – sie ist

schlicht und unaufdringlich. Der Blick von Rodach hinüber

auf die Langen Berge. Authentische Dörfer wie

Schottenstein oder Buchenrod. Das mittelalterliche Fachwerkensemble

von Seßlach. Die frech-verschlungenen

Mäander der Itz.


genteil: Er ist dank der Pfiffigkeit seiner Protagonisten auch einer meiner lustigsten! Da

singt Stuhlfabrikant Zachert den Blues, da wird Bürgermeister Reisenweber umtanzt

von rosa Elevinnen. Wir hatten beim Drehen viel Spaß.

Überhaupt: Am meisten freuen uns die Begegnungen mit den Menschen! Sie sind der

Grund dafür, dass sich selbst ostfriesische Teammitglieder in Coburger Landen richtig

heimisch fühlen. Der Ton hier ist unverstellt und geradeheraus, die Hilfsbereitschaft ohne

großes Tamtam und die Verlässlichkeit einhundert Prozent. Wir wollen filmen auf der

Itz? Schwupps, sitzen wir im Schlauchboot der Großheirather Feuerwehr. Wir brauchen

„G‘schnittna Huasn“? Schon lassen sieben Ebersdorfer Bäuerinnen die Töpfe rauchen.

Zugegeben: die Tatsache, hier aufgewachsen zu sein und viele Leute noch aus der Kindheit

oder von den Eltern her zu kennen, verschafft einem schon einen Heimvorteil…

Unser Anekdotenschatz von den Dreharbeiten im Coburger Land ist inzwischen auch

auf beachtliche Größe angewachsen. Legendär die Zeit in Rodach. Mit den Metzgern

Güntzel und Zimmer drehten wir Schlüsselszenen ihres Berufs: Bratwurstfleisch in

Därme füllen, Schlachtschüssel, Schwein zerteilen und als „Grande Finale“ Blutwurstmachen.

Da kippte uns der Kameramann, an dessen wächserne Gesichtsfarbe wir uns

schon gewöhnt hatten, fast vornüber in den Wurstkessel. Klaglos hatte er zwei fleischeslustige

Wochen ertragen, doch die dicke Blutmasse mit den darin schwimmenden

Fettstückchen gab ihm dann doch den Rest – der Mann ist Vegetarier!

Das Wank-Haus in Großgarnstadt ist heute das

evangelische Gemeindehaus.

Auf der Autobahn radeln – das gibt’s nur im Landkreis

Coburg. Die neue Verkehrsader verbindet die

Region mit Erfurt und Nürnberg.


60 I 61 norBert Kastner

„Preis-Leistungssieger“ in

Sachen Lebensqualität

Alle Wege führen nach Rom“, heißt es bedeutungsvoll. „Neapel sehen und sterben“,

sagt das Sprichwort. Und sehnsuchtsvoll singt Udo Jürgens „Ich war

noch niemals in New York“.

Nun, ich durfte schon New York besuchen, ebenso Neapel. Und – ja – auch Rom wird

nicht ohne Grund die „Ewige Stadt“ genannt. Doch ganz gleich, aus welcher Stadt ich

nach Coburg zurückkomme, das Bild der Veste über dem Coburger Land ist einzigartig

und sagt mir immer wieder: Hier bist du zu Hause.


norbert Kastner

Norbert Kastner wurde 1959 in Coburg geboren.

Nach dem Abitur am Gymnasium Casimirianum

im Jahr 1979 studierte er Rechtswissenschaften

an der Julius-Maximilians-Universität

Würzburg. Es folgten zwei Jahre als Stipendiat

der Friedrich-Ebert-Stiftung an der Universität

Lausanne. Danach arbeitete er als Rechtsanwalt

und wurde Partner einer Coburger

Anwaltskanzlei. Als Mitglied der SPD wurde

Kastner 1990 im Alter von 30 Jahren damals

jüngster Oberbürgermeister der Bundesrepublik

Deutschland. Im April 2008 folgte die dritte

Wiederwahl. Neben seinem Amt als Oberbürgermeister

ist er unter anderem als Aufsichtsratsvorsitzender

der Coburger Wohnbau GmbH

und der Städtischen Werke GmbH (SÜC) tätig.

Wer in der Region groß wird, verwächst früh mit Geschichte und Tradition. Schon in

den Stadtbildern – sei es in Coburg oder Seßlach – ist die Leistung früherer Generationen

allgegenwärtig. Am Coburger Markt stehen sich das bürgerliche Selbstbewusstsein auf

der Rathausseite und die Geschichte des Herzogtums, repräsentiert im heutigen Stadthaus,

direkt gegenüber. Dazwischen „unser Prinz Albert“ auf seinem Sockel.

Keine Frage – unsere Region ist eng verknüpft mit der Geschichte der Coburger Herzöge

und nicht zuletzt dadurch wird sie zu etwas ganz Besonderem. Gerade diese Geschichte

ist es, die einem überall begegnet. Und sie tut es schon mal an einem Ort, an

dem man gar nicht damit rechnet. So erinnere ich mich, einmal in Portugal das berühmte

Schloss „Sintra“ besucht zu haben. Schon am Eingang prangt das Wappen der

Coburger Herzöge. Gebaut wurde das Schloss von Prinz Ferdinand – Fernando – wie die

Portugiesen ihren Coburger Regenten nannten. Und doch waren es vor allem andere, die

den Namen ihrer Heimatstadt unauslöschlich in der Geschichte verankert und berühmt

Auch der Spitzensport, zum Beispiel beim Volleyball, hält Einzug in der Region.


Der Marktplatz ist das Herz der Stadt Coburg.

gemacht haben: Leopold, beispielsweise, als erster König der Belgier und selbstverständlich

Albert, als Ehemann von Königin Victoria, sind unstrittig die berühmtesten Repräsentanten

des Coburger Adels. Viele ihrer Verwandten haben es ihnen gleichgetan. So

gibt es kaum ein Land in Europa, in dem nicht ein Coburger Prinz oder eine Coburger

Prinzessin Spuren hinterlassen hätte. Vielleicht liegt ja in dieser Tatsache auch der

Grund, warum wir uns in Coburg gerne „Europastadt“ nennen und diesen Begriff besonders

gerne mit Leben erfüllen. Nicht nur die Kommune, auch unsere Schulen und Vereine

pflegen intensive Kontakte zu ihren Partnern in zahlreiche Länder unseres Kontinents

und auch darüber hinaus.

Es waren die Coburger Herzöge, die liberal genug waren, den Bünden der Turner- und

Sänger in Coburg zur Gründung zu verhelfen – ein progressiver politischer Akt – und

Teil eines Prozesses, der so manches in Deutschland aus den Angeln hob.

Wer sich für Stadtpolitik interessiert, der wird früh lernen, dass die Coburger 1920 den

wohl besten Staatsvertrag mit dem Freistaat Bayern gemacht haben, den man aushandeln

konnte. Landestheater, IHK oder auch das Landgericht zeugen noch heute davon.

Keine Frage – unsere Region ist eng verknüpft mit der Geschichte der Coburger

Herzöge und nicht zuletzt dadurch wird sie zu etwas ganz Besonderem. Gerade

diese Geschichte ist es, die einem überall begegnet.


62 I 63 norBert Kastner

Coburg bietet seinen Bürgerinnen

und Bürgern ein soziales Netz, das

eng geknüpft und extrem tragfähig

ist. Wir sind Familienstadt – und

mit Blick auf die ebenso hervorragenden

Aktivitäten des Landkreises

– Familienregion.

Wir sind uns aber auch bewusst, dass die Geschichte von Stadt und Region

einige dunkle Kapitel auf ihren Seiten stehen hat. Aber insbesondere

die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass Coburg aus den Fehlern der Vergangenheit

gelernt hat. Coburg ist bunt, weltoffen, international und tolerant.

Wir feiern Europas größtes Sambafestival, wir sind stolz auf die internationalen

Studiengänge unserer Hochschule, und in unseren Unternehmen

arbeiten Mitarbeiter aus mehr als 90 Nationen.

Und hier richtet sich der Blick schon aus der Vergangenheit in die Gegenwart.

Der Kammerbezirk Coburg ist einer der stärksten Wirtschaftsstandorte

der Republik. Coburg bietet seinen Bürgerinnen und Bürgern ein soziales

Netz, das eng geknüpft und extrem tragfähig ist. Wir sind Familienstadt –

Familien finden in der Region hervorragende Lebensbedingungen vor.


und mit Blick auf die ebenso hervorragenden Aktivitäten des Landkreises – Familienregion.

Und als Region sind wir die „Preis-Leistungs-Sieger“ in Sachen Lebensqualität.

Unsere Bildungslandschaft ist vorbildhaft, unsere Schulen in Stadt und Land haben

höchstes Niveau und unsere Hochschulen sind in ihren Fachbereichen hervorragend

aufgestellt.

Die idyllische Sommerresidenz Schloss Rosenau ist

der Geburtsort des Prinzgemahls der Queen Victoria,

Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha.

„Die Coburger Probleme sind anderswo die Lösungen“, haben wir in den letzten Jahren

von einigen Besuchern aus Ministerien und von Planungsbüros gehört. Das heißt,

wir haben anderen Regionen gegenüber einen Vorsprung. Den auszubauen, ist unser

Ziel. Die Kraft dafür stammt aus der Region, aus Stadt und Landkreis Coburg.


82 I 83 petra platZGummer-martin

Reich an Facetten

und lebenswert

Seit zwanzig Jahren lebe ich mit meiner Familie in Dörfles-Esbach im Landkreis

Coburg. Die Gründe, die uns damals bewogen haben, von München nach Oberfranken

umzuziehen, waren beruflicher, aber auch persönlicher Art. Mein Mann

stammt aus Dörfles-Esbach – für ihn war es also eine Rückkehr – und für mich

hatte das Coburger Land von jeher, seit ich es in den 70er-Jahren das erste Mal besucht

hatte, einen besonderen Reiz: Ich verband damit idyllische Orte eingebettet in eine abwechslungsreiche

Landschaft, Schlösser und Museen, gutes Essen in Landgasthäusern

und Gourmet-Restaurants und im Zentrum die Stadt Coburg mit ihrem bauhistorischen

Reichtum und der alles überragenden Veste.

petra

platzgummer-martin

Petra Platzgummer-Martin wurde 1955 in Würzburg

geboren, ist verheiratet und hat ein Kind. Nach

dem Abitur studierte sie Rechtswissenschaften in

Würzburg. Petra Platzgummer-Martin absolvierte

Staatsexamen und Referendarausbildung. 1983/84

war die Juristin bei der Regierung von Unterfranken

tätig. Von 1984 bis 1990 arbeitete sie im Bayerischen

Staatsministerium des Innern. Nach einer

zweijährigen Zeit im Landratsamt Coburg ging

Petra Platzgummer-Martin 1992 zur Regierung von

Oberfranken, wo sie mehrmals Führungsaufgaben

übernahm. Unter anderem war sie von 2002 bis

2005 Gleichstellungsbeauftragte der Regierung

von Oberfranken. Seit 2007 ist Petra Platzgummer-

Martin Regierungsvizepräsidentin von Oberfranken.

Sie lebt mit ihrer Familie in der Gemeinde

Dörfles-Esbach im Landkreis Coburg.

Von Zonenrand-Tristesse habe ich damals nichts gespürt, vielmehr eine Art „splendid

isolation“ – eine Assoziation, die mir mit Blick auf die Verbindungen zu England gar

nicht so abwegig erschien. Die Entscheidung, München in Richtung Coburger Land zu

verlassen, fiel mir jedenfalls relativ leicht. Und wie sieht mein Bild heute aus? Hat der Alltag

es stark verändert? Um die Antwort vorweg zu nehmen: Das Bild ist bunter und vielfältiger

geworden, die positive Gesamtschau ist geblieben. Wir haben unsere Entscheidung

nicht bereut.

Wir leben gerne hier. Es ist die ganz besondere Mischung der kleinen, unspektakulären

Dinge und der außergewöhnlichen Angebote, Einrichtungen und Veranstaltungen, die

das Leben hier so angenehm macht: Ich finde es einfach entspannend, dass man am

Sonntag zum Mittagessen „in die Klöß“ geht und dass es dazu eine unglaubliche Anzahl

an guten Gaststätten im ganzen Landkreis gibt, mit einer wunderbar bodenständigen

Hausmacher Küche – es bleibt die Qual der Wahl. Und ich finde es toll, dass bei uns die

Kinder „Kloß mit Soß“ essen und die Pommes erst an zweiter Stelle kommen. Und die Coburger

Bratwürste sind ohnehin die weltbesten!

Ich liebe die Weihnachtsmärkte der Region. Es ist immer wieder etwas Besonderes für

mich, dass ich einfach mal so bei dem einen oder anderen Weihnachtsschmuckhersteller

in den Musterraum gehen oder den Glasmalern über die Schultern schauen darf. Ich finde

es wunderbar, dass die Tradition der Spielzeug- und Puppenherstellung in Neustadt bei

Leben und Wohnen

lässt es sich gut im

Landkreis Coburg.


Coburg und im Landkreis weiterlebt und dass wir zum Beispiel in

Neustadt einen Puppendoktor haben, der für jedes Übel ein Heilmittel

weiß. Und wie habe ich den herrlich altmodischen Märchenpark

geliebt, der an heißen Sommertagen so verwunschen

einsam dalag – und wohl auch deshalb nicht mehr existiert.

Und dass es um die Ecke in Neukirchen einen Skilift und in

Rödental eine Skischule gibt, die sich der Skizwerge annimmt, damit hatte ich auch

nicht gerechnet, als ich Oberbayern den Rücken kehrte.

Ich genieße es, Kunstausstellungen auf Schloss Callenberg zu besuchen, an einem

Hochzeitsempfang im Park von Schloss Rosenau teilzunehmen, in der musikalischen

Vielfalt des Tambacher Sommers immer wieder Lieblingsinterpreten zu entdecken, mich

ins Gewühl des Sambafestivals zu stürzen oder an einem frühen Sonntagabend mit

Freunden im wunderbar mittelalterlichen Sesslach in einem der dortigen Traditionsgasthäuser

zusammenzusitzen.

Ich freue mich über neue Facetten eines vertrauten Materials, die mir das Europäische

Museum für modernes Glas im Park Schloss Rosenau zeigt und weiß die Faszination zu

schätzen, die die Rüstkammer der Veste Coburg auf kleine Möchtegern-Ritter ausübt.

Ich weiß den Luxus zu würdigen, den ein Drei-Sparten-Haus in unserem ländlichen

Raum darstellt und bedauere es, mir diesen Luxus viel zu selten zu gönnen. Eines allerdings

habe ich mir nie nehmen lassen: den jährlichen Besuch des Weihnachtsmärchens

im Landestheater – für Eltern ein absolutes Muss, ebenso wie die Kinderaufführung im

Sommer auf der Waldbühne in Heldritt. Und jedes Jahr am Kirchweihsonntag ist in

Dörfles-Esbach die Musik im Ort unterwegs und spielt von Haus zu Haus zunehmend beschwingter

ihre Beatles-Songs.

Kommunbrauhaus in Seßlach

Wir leben gerne hier. Es ist

die ganz besondere Mischung

der kleinen, unspektakulären

Dinge und der außergewöhnlichen

Angebote und Veranstaltungen,

die das Leben

hier so angenehm macht:

Und dass es um die Ecke in

Neukirchen einen Skilift und

in Rödental eine Skischule

gibt, damit hatte ich auch

nicht gerechnet, als ich Oberbayern

den Rücken kehrte.

Um es kurz auf einen Nenner zu bringen: Es lebt sich gut bei uns im Coburger Land.

Die Grundstückspreise sind erschwinglich, die Lebenshaltungskosten liegen deutlich unter

denen in Ballungsräumen, Schulen jeder Schulart sind vorhanden – wo kann man

schon im ländlichen Raum zwischen fünf verschiedenen Gymnasien in den nahe gelegenen

Städten wählen, die Hochschule Coburg punktet mit innovativen Studienangeboten,

die heimischen Unternehmen bieten attraktive Arbeitsplätze. In der Freizeit konkurriert

das reiche kulturelle Angebot mit vielfältigen Sportmöglichkeiten bis hin zu einem

herrlichen Golfplatz und mit dem wunderbar entspannenden Genuss, den die Therme in

Bad Rodach bietet.

Mit der neuen A 73 ist es ein Katzensprung nach Erfurt, Weimar, Bamberg oder Nürnberg.

Die Wege zum Einkaufen, für Behördengänge, Arztbesuche, ins Kino, Theater oder

Restaurant sind kurz – wobei Dörfles-Esbach mit seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu

Rödental und Coburg natürlich privilegiert ist. Und was die Stadt Coburg angeht, so lässt

sich die hohe Lebensqualität im Landkreis nicht losgelöst von der Stadt betrachten. Beide,

Stadt und Landkreis, gehören zusammen und partizipieren vielfältig voneinander.

Das Coburger Land ist reich an Facetten, sei es historisch, kulturell, wirtschaftlich oder

landschaftlich – aber es ist vor allem eines: Es ist lebenswert.

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