Nachhaltig bauen: Themen, Trends und Tipps

macondogroup

Explodierende Immobilienpreise in der Stadt und ein immenser Ressourcenverbrauch im Bausektor: Längst ist das Wohnen zu einer sozialen und ökologischen Frage geworden. Hier sind nachhaltige Lösungen aus Politik und Wirtschaft gefragt. Aber auch der Einzelne kann seine Art zu Wohnen verantwortungsvoll gestalten. Wie, das zeigt das neue UmweltDialog-Magazin „Trautes Heim, Glück allein? So können wir nachhaltig bauen und wohnen“.

Ausgabe 9

Mai 2018

9,00 EUR

Trautes Heim,

Glück allein?

So können wir nachhaltig bauen und wohnen

umweltdialog.de


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Bauen und Wohnen

Liebe Leserinnen

und Leser,

Städte sind sozial hochkomplexe Orte.

Hier treffen wir bei jedem Schritt auf

Bauten aus der Vergangenheit und auf

hypermoderne Gebäude, die uns zeigen,

was die Zukunft bringt. Hier in

der Stadt findet sich alles und das zumeist

auf engstem Raum: Unfassbarer

Luxus neben unhaltbarer Armut, Anonymität

neben Gemeinschaft. Hier

vermischen oder auch scheiden sich

öffentlich und privat, Inklusion und

Ausgrenzung.

Nirgendwo treten diese Gegensätze

deutlicher hervor, als eben in der

Stadt. Da die meisten von uns heute in

urbanem Umfeld wohnen und dieser

Trend global unumkehrbar ist, fällt

unser Blick in dieser Ausgabe vor allem

auf das Leben in Metropolen und

damit verbunden auf die Frage, was

nachhaltiges Wohnen ausmacht.

Erste Beobachtung: In der Stadt ist

jeder Raum zugleich immer auch politisch.

Und die Frage, wie wir diesen

Raum gestalten, sagt sehr viel darüber

aus, wie wir in Zukunft leben werden.

Wie kann z.B. Nachhaltigkeit funktionieren,

wenn nicht auch unser Wohnund

Arbeitsumfeld aus ökologischen

Baustoffen besteht? Was nützt uns die

schönste Metropole, wenn der Wohnraum

unbezahlbar oder nicht resilient

für die Folgen des Klimawandels ist?

Zweite Beobachtung: Nachhaltigkeit

wird zum neuen Standard beim Bauen.

Das gilt übrigens nicht nur für das private

Umfeld, sondern noch viel mehr

für die modernen Büros von heute. Da

gibt es immer pfiffigere neue Lösungen

wie beispielsweise Flüssigkristallfenster

oder auch die Einbindung

von Natur am Arbeitsplatz.

Dritte Beobachtung: Nachhaltigkeit

ist die neue Heimat, schreibt Alexandra

Hildebrandt, und beleuchtet, wie

wir über unsere Art des Wohnens

unsere Art des Privaten definieren.

Dabei gibt es ganz starke Tendenzen

zur Individualität, klar, aber auch zu

neuen Formen von Gemeinschaft:

Schloss Tempelhof oder das Seniorendorf

Uhlenbusch zeigen, wie wir das

Miteinander im 21. Jahrhundert neu

denken können.

Damit beantworten wir übrigens zu

guter Letzt auch eine sehr grundsätzliche,

politische Frage: Wem gehört

die Stadt? Ist alles nur eine Frage des

Geldes? Oder macht den modernen

Stadtbürger, den Citoyen, nicht auch

der Wunsch nach möglichst großem

individuellem Freiraum und zugleich

geteilter Verantwortung aus?

Viel Spaß beim Lesen wünscht im

Namen der gesamten Redaktion Ihr

Dr. Elmer Lenzen

Chefredakteur

Die nächste Ausgabe

UmweltDialog erscheint am

16.11.2018


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Die Wohnungsfrage ist

zurück. Sie zu lösen, ist

nicht einfach.

Inhalt

STADT, LAND, FRUST

Deutschland wohnt sich arm.............................................. 6

Die Wohnungsfrage ist zurück. Sie zu lösen, ist

nicht einfach.

Wo ist denn hier noch Platz? ........................................... 12

Wie plant man eine lebenswerte, nachhaltige Stadt,

in der die Menschen sich wohlfühlen? Fragen an den

Architekten Jan Gehl.

Wie der Klimawandel unsere Städte verändert............. 16

Extremregen, Überflutung oder Hitzesommer:

Um für die Zukunft gewappnet zu sein, müssen

sich Städte an den Klimawandel anpassen.

Klimametropole Kopenhagen ...........................................20

Klimaneutral bis 2025? In der dänischen

Hauptstadt weiß man, wie das geht.

Eine Sonnenbrille für Fenster............................................32

Intelligente Fenster sorgen für ein angenehmes Raumklima

und Energieeinsparungen. Merck stellt die dafür

notwendige Technologie zur Verfügung.

Die leisen Emissionen........................................................34

Die meiste Zeit des Tages sind wir drinnen. Das Problem:

Dort ist die Luft nicht sauber.

Wenn der Sand ausgeht.....................................................36

Bauvorhaben verbrauchen weltweit so viel Sand und

Kies, dass der Rohstoff in einigen Gegenden bereits

knapp wird. Alternative Baustoffe sind gefragt.

Urban Mining .......................................................................40

Ziegel, Gips, Beton, Stahl oder Metalle: Städte sind das

reinste Materiallager. Urban Mining will diese Rohstoffe

im Kreislauf halten.

NACHHALTIGE BÜROWELTEN

MATERIAL UND WIRTSCHAFT

Baubranche: Nachhaltigkeit wird zum Standard..........22

Kaum eine andere Branche verbraucht so viele

Ressourcen und produziert so viel Müll wie der

Bausektor. Zeit zum Umdenken.

Energieeffizient bauen und wohnen................................26

Keine Energiekosten, Nullemissionen und ein gesundes

Raumklima – sieht so das Gebäude der Zukunft aus?

Zertifizierte Gebäude..........................................................30

Nachhaltige Bürogebäude mit Vorbildcharakter

Kleine Biotope zwischen Wolkenkratzern

und Maschinenpark............................................................42

Immer mehr Unternehmen engagieren sich für den Artenschutz.

Die Firmengelände bieten hierfür zahlreiche

Möglichkeiten.

Klimaschutz vom Keller bis zum Dach ...........................46

Wie Markus Pfeil aus Gebäuden ganzheitliche Energiesparer

macht

Natur am Arbeitsplatz........................................................ 47

In der Natur fühlen wir uns wohl. Biophilic Design

macht dieses Gefühl für das Büro nutzbar.


Bauen und Wohnen

ALTERNATIVE WOHNKONZEPTE

Zum Wandel des Wohnens................................................50

Wir müssen immer weniger in der Wohnung erledigen.

Warum halten wir dennoch weiter an unseren vier

Wänden fest?

Architektur eines neuen Lebenskonzepts......................54

Die Sharing Economy brachte in den letzten Jahren die

herrschende Ordnung in vielen Lebens- und Wirtschaftsbereichen

vollständig durcheinander. Lässt sich dieses

Prinzip auch auf unsere Wohnkultur übertragen?

Einfach mal Platz sparen...................................................58

Wohnraum ist rar und teuer. Aber es gibt Möglichkeiten,

auf „kleinem Fuße“ zu leben.

22

Baubranche:

Nachhaltigkeit wird zum

Standard

Nachhaltigkeit ist die neue Heimat ................................62

Die Welt um uns herum ist laut und hektisch. Zu Hause

muss es deswegen gemütlich sein. Moderne Wohnkultur

greift diesen Wunsch auf.

Besser wohnen dank „fließendem Qi“............................66

Nachhaltige Wohnkonzepte im Überblick

Schloss Tempelhof .............................................................69

Gegen den Trend: Das Dorf hat eine Zukunft, wenn die

Vision stimmt.

Wer will schon ins Altersheim?......................................... 74

Der demografische Wandel erfasst schrittweise alle

Bereiche unserer Gesellschaft, auch unser Zuhause.

Quartiere und Wohndesign müssen sich daran anpassen.

(Gem)einsam alt werden?.................................................. 76

Wer denkt, dass WGs nur was für Studenten sind, der

irrt sich. Immer mehr Menschen suchen im Alter die

Gemeinschaft.

58

Einfach mal Platz sparen

– Konzepte für kleine

Wohnflächen

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG

Es kommt Leben in die Hütte............................................ 78

Pilze und Bakterien haben beim Wohnungsbau oder gar

im Haushalt nichts zu suchen. Oder doch? Unser Bild der

winzigen Lebewesen könnte sich in den nächsten Jahren

radikal verändern.

Holland in Not......................................................................80

Wenn der Meeresspiegel steigt, wissen die Niederländer,

was zu tun ist. Künftig wollen sie sogar Lebensmittel auf

dem Wasser anbauen.

74

Wer will schon ins

Altersheim?


Bauen und Wohnen

Von Sonja Scheferling

Die Menschen zieht es in die Großstadt. Doch dort ist

der Wohnraum knapp und teuer. Neubauten gehen oft

am Bedarf vorbei und bedienen nur die Nachfrage der

Reichen. Folglich sind die steigenden Immobilien- und

Mietpreise für viele zu hoch und die Kosten überfordern

sie. Den ländlichen Regionen hingegen drohen durch

Abwanderung und demografischen Wandel massenweise

Leerstände und der Preis der Eigenheime verfällt.

Die Wohnungsfrage ist mit aller Macht zurück auf der

politischen Agenda: Sie hat verschiedene Aspekte und

Gründe, weitreichende Folgen für die Gesellschaft und

ist nicht auf die Schnelle zu lösen. Ein Überblick.

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Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Grafik: shutterstock.com

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

Anschreiben und Lebenslauf

zusammengefasst in einer

Bewerbungsmappe, dazu ein

ansprechendes Äußeres und feste Benimmregeln:

Die Wohnungssuche in

Großstädten gleicht heutzutage einem

Vorstellungsgespräch. Natürlich ist

niemand dazu verpflichtet, persönliche

Angaben gegenüber Makler und

Vermieter zu machen. Doch in der Regel

kommen Bewerber kaum an einer

Selbstauskunft vorbei, konkurrieren

sie doch mit Hunderten weiterer Interessenten

um die wenigen Wohnungen,

die bezahlbar sind. Und einer von

denen hat bestimmt Einkommensnachweis

und Schufa-Auskunft parat.

Zum Dank darf man dann auch noch

50 Euro bezahlen, um die Wohnung

zu besichtigen.

Wie prekär die Wohnungsknappheit

ist, zeigt eine aktuelle Studie der gewerkschaftsnahen

Hans-Böckler-Stiftung.

Demnach fehlten in deutschen

Großstädten fast zwei Millionen bezahlbare

Wohnungen, die sich die

lokale Bevölkerung gemessen an ihren

finanziellen Möglichkeiten leisten

könne. Das heißt, dass die Miete

nicht mehr als 30 Prozent des Haushaltseinkommens

verschlingen sollte.

Der größte Mangel herrsche dabei vor

allem bei kleinen Wohnungen.

Angeführt wird die Liste von Berlin,

wo über 300.000 Wohnungen fehlen,

gefolgt von Hamburg (150.000), Köln

(86.000) und München (78.000). Und

selbst in Großstädten mit relativ kleinen

Versorgungslücken wie beispielsweise

Moers, Wolfsburg oder Koblenz

überschreite der Bedarf an günstigen

Wohnungen das Angebot jeweils um

mehrere Tausend.

Zu wenig Wohnraum, zu hohe

Kosten und Zielkonflikte

Das mangelnde Wohnraumangebot in

begehrten Regionen – ob als Eigenheim

oder zur Mietnutzung – wird

allgemein als ein wesentlicher Kostentreiber

für die urbanen Immobilien-

und Mietpreise angesehen. Seine

Ursachen: Es ziehen immer mehr

Menschen in die Stadt. Dort warten

Jobs und Studienplätze; die Daseinsvorsorge

und das kulturelle Angebot

sind besser ausgebaut. Darüber hinaus

benötigen immer mehr Menschen

Zweit- und Singlewohnungen, und

die durchschnittliche Wohnfläche pro

Person hat sich seit Ende des zweiten

Weltkriegs mit 45 Quadratmetern verdreifacht:

„Dabei wird seit Jahren zu

wenig gebaut: Von 140.000 Mietwohnungen,

die jährlich entstehen müssten,

wurde 2015 lediglich ein Drittel

fertiggestellt“, informiert die Caritas.

Aber wer bauen möchte, benötigt

Fläche. Und die ist hierzulande eine

Neubau alleine reicht nicht

Mangelware: „Selbst Städte mit starker

Wohnungsnachfrage und geeigneten

Flächen tun sich mitunter

schwer, neue Grundstücke für den

Wohnungsbau auszuweisen“, erklärt

Michael Voigtländer vom Institut der

deutschen Wirtschaft (IW). In diesem

Bereich kommt es also zu einem

klassischen Zielkonflikt zwischen der

sozialen Notwendigkeit nach mehr

Wohnraum und dem ökologischen

Anspruch nach einem nachhaltigen

Ressourcenumgang, der den Schutz

unbebauter Flächen mit einschließt.

Deswegen plädieren viele Experten

für eine konsequente Nachverdichtung

freier Flächen in bereits bebauten

Gebieten, um dieses Dilemma aufzulösen.

Darüber hinaus klagen Immobilienund

Branchenverbände auch über die

hohen Kosten, die beim Bauen etwa

durch Standards oder Umweltauflagen

entstünden. Aus diesem Grund

würde sich teilweise nur die Errichtung

von Luxusgebäuden mit hohen

Wer allerdings meint, die hohen Preise ließen sich alleine durch reinen

Neubau lösen, den belehrt die Studie der Böckler-Stiftung eines Besseren.

Denn die Mieten für neue Wohnungen übersteigen in fast allen Großstädten

die Bestandsmieten. Um die Lücke bei bezahlbaren Wohnungen zu

verkleinern, müsse das Angebot an Kleinwohnungen von vier bis fünf Euro

pro Quadratmeter steigen: „Das ist nur durch eine deutliche Stärkung des

sozialen Wohnungsbaus möglich. Dazu müssen einerseits mehr Sozialwohnungen

als in den vergangenen Jahren entstehen. Andererseits muss

auch die Sozial- und Mietpreisbindung im Wohnungsbestand wieder

ausgeweitet werden“, sagen die Stadtsoziologen der HU Berlin und der GU

Frankfurt, die die Studie durchgeführt haben.

8 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Mieteinnahmen rentieren. Für Hanno Rauterberg von der

ZEIT ist dieses Argument zu kurz gegriffen: „In München

hat sich der Preis für Grundstücke verdreifacht – in nur

zehn Jahren. Und so sind es nicht bloß teure Handwerksrechnungen

oder aufwendige Dämmstoffe, nicht allein Arbeit

und Material und der deutsche Vorschriftswahn, die

eine Wohnung zum Luxusgut machen“, so Rauterberg. „Es

ist vor allem der Boden. Er lässt die Baupreise so weit steigen,

dass bei einem neuen Haus bis zu 70 Prozent des Budgets

allein für das Grundstück draufgehen.“ Daher erweise

sich die Wohnkrise als großer Treiber der aktuellen sozialen

Ungerechtigkeit: „Wäre die Gesellschaft nicht gespalten

– in Grundbesitzer und Grundlose – würde die Kluft

zwischen Arm und Reich nicht so weit aufspringen.“

Wohnen ist kein

Wirtschafts-, sondern

ein Sozialgut.„

Politik ist in der Pflicht

Die aktuelle Sorge über zunehmende Verdrängungseffekte

und mangelnde Teilhabe breiter gesellschaftlicher Schichten

am städtischen Wohnungsmarkt ist keineswegs neu. So

sprach beispielsweise Björn Egner von der TU Darmstadt

bereits vor einigen Jahren in diesem Zusammenhang von

Marktversagen, da die Wohnungsraumnachfrage zwar zu

höheren Preisen, aber nicht der Logik entsprechend zu

mehr Angebot geführt habe: „Dies wird dadurch deutlich,

dass Wohnungsmärkte ohne politische Steuerung Ergebnisse

produzieren, die sozial nicht erwünscht sind. Die

Einsicht macht sich wieder verstärkt geltend, dass Wohnen

kein Wirtschafts-, sondern ein Sozialgut ist und deshalb politische

Eingriffe notwendig sind.“

Und die Politik hat nun versprochen zu liefern. Im aktuellen

Koalitionsvertrag hat die Regierung ein Milliardenpaket

vereinbart, das den Wohnungsbau ankurbeln und

sozialverträglicher machen soll. Insgesamt sollen so durch

verschiedene Maßnahmen über 1,5 Millionen Wohnungen

und Eigenheime privat finanziert und durch öffentliche

Förderung entstehen. Zu diesen Maßnahmen gehört die

Einführung eines Baukindergeldes, die Bereitstellung von

zwei Milliarden Euro für den sozialen Wohnungsbau oder

die Einführung einer Grundsteuer C für Brachflächen, die

Eigentümer dazu drängen soll, die Grundstücke zu bebauen

oder zu verkaufen, anstelle auf höhere Preise zu spekulieren.

Die bis dato gescheiterte Mietpreisbremse plant die

Regierung zu verschärfen.

Wohnungsfrage: Masse, Polarisierung und Qualität

Die Wohnungsfrage in der Stadt hat weitreichende Folgen

für unsere Gesellschaft. Alleinerziehende, Studenten, alte

und einkommensschwache Menschen überfordern sich

finanziell oder ziehen in billige Randlagen mit schlechter

Infrastruktur; bleiben können nur diejenigen mit reichen

Eltern oder einem sehr hohen Gehalt. Verstärkt wird dieser

Effekt noch durch den Trend der Gentrifizierung attraktiver

Stadtteile, der zum Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen

durch zahlungskräftige Eigentümer und Mieter führt.

Auf diese Weise kommt es zu einer sozialräumlichen Polarisierung

innerhalb der Städte: „Immer mehr Menschen

erfahren, dass sie nahezu chancenlos auf dem Wohnungsmarkt

sind“, sagt etwa Caritas-Präsident Peter Neher. Der

Sozialverband hat Anfang des Jahres eine Kampagne >>

Grafik: shutterstock.com

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

gegen Wohnungsnot gestartet: „Wenn

zunehmend der Geldbeutel bestimmt,

wie sich Stadtteile und Quartiere zusammensetzen,

führt dies zu einem

Auseinanderdriften von Milieus und

schwächt so den gesellschaftlichen

Zusammenhalt.“

Neben der Masse und der sozialräumlichen

Entwicklung der Stadt spielt

auch die Qualität der Wohnungen eine

entscheidende Rolle, um die Situation

der Bewohner zu beurteilen. So können

sich Benachteiligte in der Regel

vor allem schlecht ausgestattete Altbauwohnungen

und Siedlungsbauten

leisten: „Eine zweite Problemgruppe

stellen die etwa eine Million Wohnungen

dar, die im Zuge der massiven

Privatisierung von institutionellen

Anlegern erworben worden sind“,

sagt der Sozialwissenschaftler Andrej

Holm. „In Beständen, die nicht gewinnbringend

weiterverkauft werden

konnten, sind die Finanzinvestoren zu

Bestandshaltern wider Willen geworden

und versuchen vielerorts, durch

Deinvestitionsstrategien das Verhältnis

von Einnahmen und Ausgaben

profitabel zu gestalten.“ Dadurch würden

Häuser nicht instandgehalten und

das Wohnumfeld verwahrlose.

Verfassungsauftrag: Gleichwertige

Lebensverhältnisse

Menschenwürdige Qualität, eine hinreichende

Anzahl von Wohnungen,

die bezahlbar sind und von jedem unabhängig

von Geschlecht, Alter oder

Demografischer Wandel und Klimawandel bestimmen

künftig Qualität

Die Wohnungsqualität zeigt sich künftig auch daran, ob sie die Bedürfnisse

nach Barrierefreiheit einer alternden Gesellschaft befriedigen kann.

Ziel ist es, dass Menschen so lange wie möglich selbstbestimmt in ihren

eigenen vier Wänden leben können. Darüber hinaus stellt der Klimawandel

völlig neue Herausforderungen an die Wohnungsqualität. So müssen

Standortauswahl und Baumaterialien an extreme Wetterereignisse wie

Hitzeperioden angepasst werden, damit Wohnräume weiterhin ihre Bewohner

vor der Umwelt schützen können.

Hautfarbe gemietet werden können:

Das müsste in Deutschland eigentlich

selbstverständlich sein. Denn Wohnen

ist ein Menschenrecht, und es ist im

Internationalen Pakt über wirtschaftliche,

soziale und kulturelle Rechte

verankert. Deutschland muss es umsetzen,

unabhängig davon, ob das

Recht auf Wohnen im Grundgesetz

steht oder nicht. Außerdem verfolgt

die Bundesrepublik den Verfassungsauftrag,

gleichwertige Lebensverhältnisse

hierzulande zu gewährleisten.

Das bezieht sich auf menschenwürdige

Wohnverhältnisse genauso wie

auf eine Grundinfrastruktur, die eine

flächendeckende Daseinsvorsorge sicherstellt.

Auf diese Weise soll jeder,

unabhängig von seinem Wohnort, gleiche

gesellschaftliche Teilhabechancen

haben.

Dieses Ziel ist aber gerade auf dem

Land immer schwieriger umzusetzen.

In Regionen, die besonders stark von

der Landflucht betroffen sind, wie

Teile Ostdeutschlands etwa, müssen

die Menschen oft weite Wege bis zum

nächsten Supermarkt oder zur nächsten

Apotheke zurücklegen. Ohne Auto

ist man aufgeschmissen. Das ist vor allem

für ältere Menschen ein Problem,

die nicht mehr fahren können. Sie sind

dann auf Verwandte oder Hilfsdienste

angewiesen. Ein weiteres Problem

ist der chronische Ärztemangel auf

dem Land. Wird ein Facharzttermin

benötigt, müssen Patienten teilweise

Monate warten. „Bund, Länder und

Kommunen müssen insbesondere das

Thema Mobilität und Daseinsfürsorge

genauer in den Fokus nehmen, um

bei Abwanderungstendenzen frühzeitig

gegenzusteuern und Mindestversorgungen

zu sichern“, sagt etwa

Petra Wesseler, Präsidentin des Bundesamts

für Bauwesen und Raumordnung

(BBR).

Best Practice: Oberzent in Hessen

Dabei sei es auch wichtig, Klein- und

Mittelstädte als Versorgungszentren

für die umliegenden Orte zu stärken.

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Bauen und Wohnen

mehr Mittel aus dem kommunalen Finanzausgleich des

Landes. Das hat Oberzent außerdem Teile der Schulden erlassen,

wie der Deutschlandfunk berichtet.

Ein Gesundheitszentrum und schnelles Internet sollen die

Region für junge Leute attraktiv machen. Günstige Kredite

sollen ihnen den Umzug aus den überfüllten Großstädten

der Metropolregion Rhein-Neckar schmackhaft machen,

denn leerstehende Gebäude gibt es in Oberzent zur Genüge.

Leerstand: gesellschaftliches Problem

Grafik: shutterstock.com

„Eine leistungsfähige digitale Infrastruktur auch im ländlichen

Raum bietet Chancen, neue Versorgungs- und Mobilitätskonzepte

zu entwickeln und auch langfristig neue Arbeitsplätze

in der Region zu ermöglichen und zu erhalten.

Die Grundvoraussetzungen hierfür zu schaffen, muss auch

als Pflicht der Daseinsvorsorge verstanden werden, um die

Wettbewerbsfähigkeit von Regionen zu gewährleisten“, ergänzt

Wesseler.

Wie das funktionieren kann, zeigt beispielsweise die Stadt

Oberzent im Odenwald, die am 1. Januar 2018 aus einem

Zusammenschluss von vier Kommunen hervorgegangen

ist. Es ist die erste hessische Stadtgründung seit 40 Jahren;

die große Mehrheit der Bewohner hatte dem Prozess per

Volksentscheid zugestimmt. Ein Schritt, der für die hochverschuldeten

Gemeinden unumstößlich war, stiegen die

laufenden Kosten für die Infrastruktur bei sinkender Bevölkerungszahl

doch ins Unermessliche. Für andere wichtige

Projekte blieb kein Geld mehr übrig. Das ist nun anders.

Denn durch die Stadtgründung ist Oberzent zur drittgrößten

Kommune in Hessen geworden. Dadurch bekommt sie

Den Leerstand in schrumpfenden Gebieten zu bekämpfen,

ist eine der dringlichsten Aufgaben der ländlichen Wohnungspolitik.

Auch wenn leerstehende Gebäude zunächst

das Problem der Eigentümer sind, haben sie eine negative

Auswirkung auf ihre Umgebung. Schlechte Vermietungschancen

anderer Gebäude oder Vandalismus können die

Folge sein. Was Gemeinden dagegen tun können? Zum

einen müssen sie dafür sorgen, dass verfallene Gebäude

abgerissen werden, um die Wohnqualität der Stadt zu

erhalten. Zum anderen ist es wichtig, die Dorfzentren als

Wohnort attraktiver zu gestalten und etwa den Bau neuer

Einfamilienhäuser zu vermeiden, wie beispielsweise

Michael Voigtländer vom IW sagt. Denn das würde die

Zersiedelung der Regionen weiter befördern; die Leerstände

blieben erhalten. Außerdem käme es künftig zu einem

Preisverfall der Eigenheime, da die Nachfrage durch den

Bevölerungsschwund sinke.

Für den Immobilienexperten stellen die Folgen des Demografischen

Wandels und des Leerstandes auf dem Land sogar

eine größere Herausforderung für die Wohnungspolitik

als die Preissteigerung in den Großstädten dar: „Schließlich

zeigen die Schrumpfungsprozesse aufgrund des Strukturwandels,

wie etwa im Ruhrgebiet und in Ostdeutschland,

wie schwierig es ist, Abwärtsspiralen zu durchbrechen.

Das ansteigende Durchschnittsalter wird es dabei nicht

einfacher machen, die notwendigen Schritte zu gehen“, so

Voigtländer. f

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Wo

ist

denn

hier

Weniger Raum für Autos, mehr

Mitbestimmung: Städte müssen

vom Menschen her gedacht werden

und nicht am Reißbrett geplant,

sagt der Architekt Jan Gehl.

noch

Von Stefan Kesselhut

Foto: BJOERN HENNRICHS / stock.adobe.com


Bauen und Wohnen

Herr Gehl, in vielen Städten quälen

sich Massen von Autos durch

die Zentren, an den Rändern gibt es

Hochhaussiedlungen, die zu sozialen

Brennpunkten geworden sind. Was

ist eigentlich schiefgelaufen?

Seit den 1960er Jahren war die Stadtplanung

auf der ganzen Welt für viele

Jahre bestimmt von zwei großen

Paradigmen. Zum einen wollten Planer

alle Lebensbereiche voneinander

trennen: Wohnen, Arbeiten, Kommunizieren.

So sind in den Vorstädten

Bettenburgen entstanden, von denen

aus die Menschen in die Innenstadt

pendeln. Und mit dem Paradigma des

Motorismus haben sie versucht, die

Autofahrer in den Städten glücklich

zu machen.

Sollte es Stadtplanern nicht eher darum

gehen, alle Bewohner einer Stadt

glücklich zu machen?

Natürlich sollte es das. Aber im Modernismus

haben sie alles vom Flugzeug

aus geplant und sich die schönen

Muster angeschaut, die sie erschufen.

Um die Menschen auf dem Boden hat

sich niemand geschert. Die konnte

man von so weit oben ja auch gar nicht

sehen. Mit dieser Methode waren die

Planer sehr effizient darin, die Städte

wenig einladend zu machen.

Was sagen Sie heute der Verwaltung

einer Stadt, wie sie etwas verbessern

kann?

Man muss sich viel mehr damit beschäftigen,

welche Architektur wirklich

funktioniert und welche nicht.

Viel zu lange ging es in der Architektur

nur darum, modische, beeindruckende

Gebäude in die Städte zu

setzen. Was diese mit den Städten

machten, war nicht so wichtig und

wurde kaum untersucht.

Woran liegt das?

An vielen Universitäten wird Architektur

mit großem Fokus auf Form

und Ästhetik einzelner Bauten gelehrt

– vor allem in Europa. Die Studenten

lernen nicht viel über die Konsequenzen

ihrer Arbeit in einer Stadt.

Wenn man Architektur nur als Kunst

begreift, hat man ein Problem. Denn

wie soll man mit einem Künstler diskutieren,

seine städtebauliche Arbeit

kritisieren? Nach dem Motto: „Seien

Sie doch froh, dass Frank Gehry hier

in Ihrer Stadt ein Gebäude errichtet.

Und jetzt halten Sie die Klappe!“

War das überall so?

Nein, in Kopenhagen zum Beispiel

gab es früh eine systematische Erhebung

über die Bewohner und ihr

öffentliches Leben: für jeden Teil des

Jahres, der Woche und des Tages. Wir

haben einen kompletten Überblick

bekommen, wie Menschen eine moderne

Stadt nutzen. Wir haben verstanden,

was passiert, wenn wir Dinge

verändern. Wenn wir mehr Bäume

pflanzen, mehr Bänke aufstellen,

mehr Fußgängerzonen etablieren. So

konnten wir genau verstehen, wie wir

das Leben in einer Stadt zum Besseren

ändern können.

Helfen diese Erhebungen dabei, mehr

politische Unterstützung für Ihre Vorschläge

zu bekommen?

Genau an diesem Punkt wird es für Politiker

interessant: Wenn es nachweisbare

Erfolge gibt, wollen sie schnell

mehr davon. Als ich mich von der Kopenhagener

Universität verabschiedet

habe, schickte mir der Bürgermeister

einen Brief mit den Worten: „Wenn

Sie uns nicht mit Ihren Daten gezeigt

hätten, wie die Stadt funktioniert,

hätten wir Politiker niemals ge- >>

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

Der Amagertorv (Amager Platz), einer der zentralen

Plätze der dänischen Hauptstadt Kopenhagen

Sind sie noch zu retten?

Für die Lebensqualität spielt Sicherheit

eine große Rolle. In einigen

Städten versucht man, diese durch

lückenlose Kameraüberwachung herzustellen.

Kann die Stadtplanung da andere Lösungen

finden?

wagt, Kopenhagen zu einer der lebenswertesten

Städte der Welt zu machen.“

Dabei scheint es doch naheliegend,

Daten über die eigene Stadt zu erheben


Wir wussten lange Zeit absolut nichts

darüber, wie Menschen Architektur

und Städte nutzen. Niemand war an

solch einem Wissen interessiert. Doch

das hat sich – zum Glück – seit einiger

Zeit geändert. Wir erleben gerade eine

riesige Umwälzung in der Stadtplanung

– mit Fokus auf Lebensqualität,

Klimaschutz und Gesundheit. Wir beschäftigen

uns jetzt viel intensiver mit

dem Wohlbefinden der Menschen, die

in der Stadt leben.

Was passierte eigentlich vor Modernismus

und Motorismus?

Die traditionelle Stadtplanung war

viel langsamer und kontinuierlicher.

Von Generation zu Generation wurde

Foto: Frank Bach - frank@frankix.dk / stock.adobe.com

weitergegeben, was die besten Dimensionen

für Straßen und Gebäude sind.

Bis in die 1960er Jahre hinein beruhte

Stadtplanung in den meisten Fällen

auf Tradition und Erfahrung. Und dann

haben wir all das weggeworfen und

gesagt: Der moderne Mensch braucht

das nicht mehr. Man dachte, es sei rational,

Städte großflächig am Reißbrett

zu planen und gigantische Siedlungen

mit Hochhäusern wie Plattenbauten

zu errichten. Aber die Menschen sind

nicht rational. Sie stimmen mit den

Füßen ab und gehen dorthin, wo es

lebenswert ist. Deshalb gelten solche

Hochhausviertel heute auch als ziemlich

unattraktiv. Sie können natürlich

alles abreißen und etwas Besseres bauen.

Oder – vielleicht der bessere Weg

– sie reißen nur Teile ab, machen die

Häuser niedriger und bauen kleinere

Gebäude dazwischen. Und versuchen,

die Erdgeschosse mit Leben zu füllen,

mit Ateliers, Bars, Geschäften. Das ist

ein guter Weg, um die Architektur wieder

auf humane Maße zurückzuholen.

Ja, indem sie lebendigere Städte

schafft. Wenn die Menschen mehr

Zeit im öffentlichen Raum verbringen,

wenn sie mehr Rad fahren und zu Fuß

gehen, weil wir sie stärker dazu animieren,

dann sind die Viertel belebter,

und die Menschen werden stärker

darauf achten, was um sie herum

passiert. Und wenn die anderen Menschen

sich sicherer fühlen, werden

auch Sie selbst ein besseres Sicherheitsgefühl

haben. Sobald Plätze aber

verlassen und leer sind, steigt auch

das Gefühl der Unsicherheit. Statt Gated

Communities – also abgeschottete

Wohnkomplexe – zu erschaffen, sollten

wir deshalb lieber „Lively Communities“

bauen.

Wie demokratisch sollte Stadtplanung

sein, wie viel Mitbestimmung

kann es da geben?

Es ist sehr gut, so etwas demokratisch

zu entscheiden. Es ist dabei unheimlich

wichtig, die Menschen so gut

und so vollständig zu informieren wie

möglich. Worum geht es genau? Was

haben andere Städte gemacht? Was

sind die konkreten Optionen, zwischen

denen die Bürger wählen können?

Wie könnten sie von der Maßnahme

genau profitieren? Wenn man

ein Referendum abhält, das auf zu

wenigen Informationen und zu simplen

Fragen basiert, wird es kein besonders

progressives Ergebnis geben. Das

habe ich zum Beispiel in der Schweiz

gesehen, wo es aus diesem Grund leider

oft halbgare Kompromisslösungen

14 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

gibt. Menschen treffen aber meist

sehr vernünftige Entscheidungen,

wenn sie gut informiert worden sind.

Junge Menschen verzichten zunehmend

auf Autos. Zudem nimmt die

Zahl der Alten in jedem Jahr zu, die

sich in der Stadt bewegen müssen.

Was folgt daraus für die Städte?

Sie sollten es den Bewohnern leicht

machen, zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs

zu sein. Man sollte ohne Probleme

ohne Auto zurechtkommen.

Gibt es spezielle Maßnahmen für Ältere,

um das Leben in der Stadt für

sie angenehmer zu machen?

Wenn eine Stadt sich grundsätzlich

stärker am Menschen orientiert,

wird sie auch besser für ältere Menschen

sein, weil diese sich dort besser

und sicherer bewegen können. Man

braucht Plätze, die gut vor Wind geschützt

sind, wo es viele Möglichkeiten

zum Sitzen und Ausruhen gibt,

mit kleinteiliger Bebauung. Das bringt

allen etwas.

Die schönen, attraktiven, lebendigen

Stadtteile sind auch jene, die am

meisten von Gentrifizierung betroffen

sind. Ärmere Bewohner ziehen also

fort, wohlhabendere kommen. Wie

kriegen wir es hin, dass nicht nur die

Besserverdienenden etwas von intelligenter

Stadtplanung haben?

Was man auf jeden Fall nicht machen

sollte: aufhören, bessere und menschenwürdigere

Stadtplanung umzusetzen.

Wenn man nichts verbessert,

weil man Angst vor Gentrifizierung

oder vor den Besserverdienenden

hat, begibt man sich in eine Abwärtsspirale,

und das ist für alle schlecht.

Wir sollten Stadtteile verbessern und

aufwerten. Aber wir sollten auch den

Effekten der Gentrifizierung entgegenwirken.

Jan Gehl

ist Architekt, Stadtplaner und

emeritierter Professor der

Königlichen Dänischen

Kunstakademie. Mit seiner

Firma Gehl Architects berät

er Städte weltweit, um diese

sicherer, gesünder und

nachhaltiger zu machen.

Was kann man dagegen unternehmen?

Da gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten.

In neu gebauten Vierteln

könnte man zum Beispiel vorschreiben,

dass 20 oder 30 Prozent der

Wohnungen günstige Mieten haben

müssen. Man kann auch gezielt Bauprojekte

in Aufwertungsgebieten an

öffentliche Genossenschaften vergeben.

Gibt es denn gelungene Beispiele für

so eine soziale Durchmischung?

Ich halte viel von den Anstrengungen

mancher Städte, in allen Teilen der

Stadt das Wohnen zu erschwinglichen

Preisen zu ermöglichen. Sinnvoll finde

ich auch, was einige australische Städte

machen: Diese bauen in Gegenden

mit Sozialwohnungen gezielt kleine

Häuser für Familien. Solch eine Diversität

scheint sich sehr positiv auf die

Viertel auszuwirken. Städte in Australien

sind ohnehin sehr fortschrittlich,

was moderne Stadtplanung betrifft.

Die sind allerdings auch finanziell gut

ausgestattet.

Das ist ja längst nicht überall so. Oft

schwimmen Städte nicht gerade in

Geld.

In den USA zum Beispiel sind die

Städte selbst oft mehr oder weniger

mittellos. An die Stelle der öffentlichen

Hand treten dann meist gemeinnützige

Stiftungen, die etwas verbessern

wollen. Und die oft eine sehr gute

Arbeit leisten.

Es gibt aber auch Städte, die privaten

Investoren das Feld überlassen …

Es ist extrem wichtig, dass es eine

starke Stadtverwaltung gibt, die genau

weiß, wo sie hinwill und privaten

Investoren klare Vorgaben macht, was

geht und was nicht geht, wo Unterstützung

erwünscht ist und in welchem

Rahmen. Wenn wir Städte komplett

dem freien Markt überlassen, würden

sie sich ziemlich schnell in riesige

Shoppingmalls verwandeln.

Wie viel sollte man in einer Stadt

grundsätzlich dem Markt überlassen,

wo muss die öffentliche Hand eingreifen?

Ich habe ein tiefes Misstrauen dem

Markt gegenüber. Wenn wir alles

dem freien Markt überlassen, werden

meist rückwärtsgewandte Dinge herauskommen.

Wer ein kommerzielles

Projekt baut, schaut meist, was in der

Vergangenheit gemacht wurde, um

dann das Gleiche zu machen. Es gibt

nur sehr wenige Bauträger, die Experimente

wagen oder etwas Neues ausprobieren.

Diese Unternehmen wollen

immer auf Nummer sicher gehen. Wir

brauchen aber neue Ideen, die unsere

Städte lebenswerter machen. Und

nicht die alten, mit denen wir sie lebensfeindlich

gemacht haben. f

Im Original erschienen bei fluter,

Magazin der Bundeszentrale für

politische Bildung.

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

15


Bauen und Wohnen

Wie der Klimawandel

unsere Städte verändert

Foto: Stadtblick Stuttgart / stock.adobe.com

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. Dort konzentrieren sich zugleich die

meisten Gebäude und wirtschaftlichen Aktivitäten. Logisch, dass sich gerade hier die Folgen

des Klimawandels am Brutalsten aufzeigen lassen. Das Portal www.klimafakten.de hat die

wichtigsten Ergebnisse des jüngsten Berichts des Weltklimarates zusammengefasst. Ihr

Fazit: Um die Folgen des Klimawandels für die Menschen abzuschwächen, muss die städtische

Infrastruktur drastisch an die klimatischen Veränderungen angepasst werden.

16 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Bis zum Jahr 2050 wird ein Wachstum der globalen

Stadtbevölkerung um 2,5 bis 3 Milliarden (gegenüber

2009) erwartet; weltweit werden dann 64 bis

69 Prozent der Menschen in Städten leben. Urbane Gebiete

sind eine Hauptquelle von Treibhausgasen und derzeit für

rund 70 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich.

Steigende Meeresspiegel und Überschwemmungen an

Flüssen, Hitzeperioden und die mögliche Ausbreitung von

Krankheiten, zunehmende Dürren und damit einhergehende

Wasserknappheit und Luftverschmutzung – all dies

wird Gesundheit, Lebensgrundlagen und Vermögenswerte

von Menschen stark beeinträchtigen. Der Klimawandel

könnte den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen

und die Lebensqualität in Städten verschlechtern.

Am stärksten betreffen wird dies wahrscheinlich die arme

Bevölkerung in den schnell wachsenden Städten der Entwicklungsländer.

Der Klimawandel wird zudem lokale und

nationale Wirtschafts- und Ökosysteme in Mitleidenschaft

ziehen. Beispielsweise sind Hafeninfrastrukturen im Wert

von mehr als drei Billionen US-Dollar in 136 der weltweit

größten Hafenstädte anfällig für Extremwetterereignisse.

Auch wenn sie eine komplexe Aufgabe darstellt, so ist Anpassung

doch möglich – und langfristig betrachtet kostengünstiger

als nichts zu tun. Beispielsweise hat eine Untersuchung

heutiger und künftiger Flutschäden in einigen der

weltweit größten Küstenstädte gezeigt, dass die geschätzten

Anpassungskosten weit unter den voraussichtlichen

Schäden liegen, die ohne Anpassung eintreten würden.

Foto: Georgy Dzyura / stock.adobe.com

Die meisten der Risiken, die aus den Hauptgefahren des

Klimawandels resultieren, werden für städtische Gebiete in

nächster Zeit zunehmen. Ein hohes Niveau der Anpassung

kann diese Risiken deutlich senken. Jedoch macht jedes

weitere Grad Erderwärmung die Anpassung schwieriger.

Die Möglichkeiten, den Ausstoß von Treibhausgasen zu

verringern, unterscheiden sich von Stadt zu Stadt, und

wahrscheinlich sind sie am wirksamsten, wenn verschiedene

Politikinstrumente kombiniert werden. In bestehenden

oder bereits weit entwickelten Städten sind die Optionen

durch die vorhandenen Strukturen begrenzt, doch sind

Sanierungen und Nachrüstungen möglich. Hingegen ist in

sich rasch entwickelnden Städten noch eine Urbanisierung

und Infrastrukturentwicklung möglich, die einen nachhaltigeren

und CO 2

-armen Weg einschlägt.

>>

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

17


Bauen und Wohnen

Folgen und Risiken des Klimawandels in Kürze

Als Reaktion auf den Temperaturanstieg

können Kommunen stadtplanef

Steigende Temperaturen könnten den Effekt

städtischer Wärmeinseln verstärken – und damit

hitzebedingte Gesundheitsprobleme und die Luftverschmutzung

in Städten verschärfen.

f Die Erderwärmung wird voraussichtlich die erneuerbaren

Wasserressourcen verringern – was möglicherweise

die Trinkwasserversorgung in vielen städtischen

Gebieten beeinträchtigt, wasserbedingte Krankheiten

begünstigt, die Lebensmittelpreise in die Höhe treibt

und die Ernährungssicherheit gefährdet.

f Die Versauerung der Ozeane ist ein Risiko für die

Meeresressourcen.

f Der Meeresspiegelanstieg, Extremwetterereignisse

und Binnenhochwasser werden das Leben und die

Existenzgrundlagen von Menschen gefährden, Infrastrukturen

zerstören sowie Versorgungsengpässe

und politische Konflikte auslösen.

f Die Vermögenswerte in Küstenstädten, die Überflutungsrisiken

ausgesetzt sind, entsprachen im Jahr

2005 fünf Prozent des weltweiten BIP – bis 2070

werden es voraussichtlich neun Prozent sein.

Laut aktuellen Erkenntnissen muss

das Tempo der Emissionsminderungen

sowohl in Städten der entwickelten

wie auch der weniger entwickelten

Länder zunehmen. Der Schwerpunkt

sollte dabei auf Emissionen aus Energieversorgung,

Verkehr, Gebäuden

und Industrie liegen. Daneben gibt es

eine breite Palette von Möglichkeiten,

den Treibhausgasausstoß durch kluge

Stadtplanung und -entwicklung zu

senken.

Möglichkeiten der Anpassung

Die Kommunalverwaltungen sind der

Dreh- und Angelpunkt einer erfolgreichen

Klimaanpassung von Städten.

Denn es kommt maßgeblich auf die

örtlichen Gegebenheiten an und darauf,

dass die Anpassungsstrategie in

lokale Investitionen, Vorschriften und

politische Entscheidungen integriert

wird.

Wohlverwaltete Städte mit guten und

für alle verfügbaren Infrastrukturen

und Dienstleistungen sind eine stabile

Basis, um die Widerstandsfähigkeit

gegenüber den Folgen des Klimawandels

zu erhöhen. Doch müssen

Planung, Gestaltung und Verteilung

personeller, finanzieller und materieller

Ressourcen an den aufziehenden

Klimarisiken ausgerichtet werden.

Obwohl sich in den vielen rasch wachsenden

Städten gute Möglichkeiten

für Klimaanpassung und nachhaltige

Entwicklung bieten, gibt es nur wenige

Hinweise, dass diese bisher genutzt

worden wären.

Planung

Es gibt keinen allgemeingültigen Ansatz

für die Planung urbaner Anpassungsmaßnahmen,

denn die Anpassung

an den Klimawandel präsentiert

sich, genau wie die Städte selbst, komplex,

vielfältig und kontextabhängig.

Top-down- und Bottom-up-Ansätze

sollten kombiniert werden, Stadtverwaltungen

mit der Zivilgesellschaft,

dem Privatsektor und einkommensschwachen

Teilen der Bevölkerung

zusammenarbeiten.

Eine stärkere Verknüpfung von Katastrophenvorsorge

und Klimaanpassung

sowie beider Einbeziehung in lokale,

regionale, nationale und internationale

Entwicklungsstrategien kann in

jeder Hinsicht Vorteile bringen.

Finanzierung

Großen Städten mit starken Wirtschafts-

und Verwaltungsstrukturen

fällt es am leichtesten, externe Gelder

für Anpassungsmaßnahmen anzuziehen

und selbst Mittel aufzubringen.

Dagegen haben kleinere und weniger

wohlhabende Kommunen mit zersplitterten

politischen Strukturen oder

einer leistungsschwächeren Verwaltung

geringere Erfolgschancen.

Die Palette möglicher Finanzierungsinstrumente

ist breit: lokale Einnahmen

(Steuern, Abgaben, Gebühren),

lokale und nationale Finanz- und Anleihenmärkte,

Verträge und Konzessionen

im Rahmen öffentlich-privater

Partnerschaften (ÖPP), Finanztransfers/Anreize

von nationaler oder föderaler

Ebene, private und marktorientierte

Investitionen, Zuschüsse oder

verbilligte Darlehen (etwa aus einem

Anpassungsfonds).

Wohnungsmarkt

Hochwertiger und erschwinglicher

Wohnraum an geeigneten Standorten

minimiert gegenwärtige Gefährdungen

und Schäden und ist eine

tragfähige Basis für eine stadtweite

Anpassung an den Klimawandel. Für

Eigentümer sowie öffentliche, private

und zivilgesellschaftliche Organisationen

gibt es viele Möglichkeiten, die

vorhandene Bausubstanz an den Klimawandel

anzupassen.

Steigende Temperaturen

18 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Meeresspiegel und Sturmfluten

rische Strategien für das Wärmemanagement entwickeln,

etwa den Einsatz von Grünzonen, Frischluftkorridoren,

begrünten Dächern und Wasserflächen. Dazu gehört

auch, Bauvorschriften zu verbessern und solche Infrastrukturen

beständiger gegen die zunehmende Hitze zu

machen, die insbesondere von den schwächsten Bevölkerungsgruppen

genutzt werden (Schulen, Altenheime und

Krankenhäuser).

Grundversorgung

Der Abbau von Mängeln bei der Grundversorgung und der

Aufbau resilienter Infrastrukturen (z.B. Wasserver- und

entsorgung, Sanitäreinrichtungen, Stromversorgung, Verkehrs-

und Telekommunikationsnetze, Gesundheitsversorgung,

Bildung, Rettungsdienste) können die Anfälligkeit

für Folgen des Klimawandels beträchtlich mildern. Dies gilt

besonders für die Bevölkerungsgruppen mit dem höchsten

Risiko und der größten Verwundbarkeit.

Wasserversorgung

Weil steigende Temperaturen den Wasserbedarf erhöhen,

müssen sich Städte mit der Planung und Infrastruktur der

Wasserversorgung befassen. Zu den Maßnahmen, um die

erforderliche Menge und Qualität des Wassers zu sichern,

gehören: Schaffung verstärkter, dezentraler und autonom

betriebener Ver- und Entsorgungseinrichtungen; Förderung

der Wiederverwertung von Wasser, der Nutzung von Grauwasser

und eines besseren Managements des Regenwasserabflusses;

Erschließung neuer bzw. alternativer Wasserbezugsquellen

und Ausbau der Speicherkapazitäten.

Wassermangel kann auch Kraftwerke betreffen, weshalb

Städte wasserunabhängige Kapazitäten zur Energieerzeugung

ausbauen sollten.

Foto: satori / stock.adobe.com

Wegen der Risiken infolge von Meeresspiegelanstieg und

Sturmfluten müssen Städte möglicherweise ihre Küsteninfrastruktur

verstärken, insbesondere Häfen und Anlagen

zur Stromerzeugung. Dies erfordert den Bau von Schutzvorrichtungen

gegen Sturmfluten (Sperren, Schleusen, Deiche

etc.), eine deutlich veränderte Raumplanung und auch

die Erweiterung in höher gelegene Gebiete sowie die Verlegung

essenzieller Versorgungseinrichtungen.

Die Risiken für Leib und Leben der Einwohner lassen sich

durch verbesserte Frühwarnsysteme, Evakuierungs- und

Krisenpläne verringern. Weitere Optionen sind die Entwicklung

alternativer Verkehrsrouten und -mittel entlang

der Küsten sowie dezentraler und küstenferner Energieerzeugungskapazitäten.

Extremwetter und Binnenhochwasser

Die Zunahme von Extremwetterereignissen wird die Städte

zwingen, dezentrale und resiliente Systeme für die Energieund

Gesundheitsversorgung sowie für die Einsatzleitung

bei Rettungs- oder Katastropheneinsätzen zu entwickeln.

Dazu gehören auch die Verstärkung der Infrastrukturen

öffentlicher Verkehrsmittel und möglicherweise die Bevorratung

von Treibstoff, Wasser und Lebensmitteln. Mittels

überarbeiteter Bauvorschriften kann die Widerstandsfähigkeit

von Gebäuden und Infrastrukturen erhöht werden,

wobei ärmeren Bevölkerungsgruppen ein besonderes Augenmerk

gelten muss. Die Kanalisation für Abwässer und

Regenwasser kann verbessert werden.

Ernährungssicherheit

Anpassungsmaßnahmen in diesem Bereich können insbesondere

die Klimaanfälligkeit ärmerer Stadtbewohner mindern.

Möglichkeiten auf lokaler Ebene sind beispielsweise

die Förderung von Landwirtschaft in der Stadt und im direkten

Umland oder auf Gründächern.

Eine veränderte Verfügbarkeit wichtiger Ressourcen aus

den Meeren könnte Städte zwingen, alternative Lebensmittelquellen

zu erschließen und die Logistik für deren Einkauf

und Verteilung zu stärken. Dazu kann auch der Aufbau

von Binnenaquakulturen gehören. f

Gekürzte Fassung des Branchenberichts

„Klimawandel – Was er für die Städte

bedeutet“ von www.klimafakten.de

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

Klimametropole

Kopenhagen

Von Julia Arendt

Foto: Scirocco340 / stock.adobe.com

„Green Lighthouse“ in Kopenhagen

Foto: Adam Mørk

Kopenhagen plant, im Jahr 2025 die

erste klimaneutrale Metropole der

Welt zu sein. Bürgermeister, Städteplaner

und Politiker aus aller Welt

besuchten die dänische Hauptstadt in

den vergangenen Jahren und waren

von der Fahrradkultur, der Abfallverwertung

und dem Fernwärmesystem

beeindruckt. Mittlerweile ist Kopenhagen

zum Vorbild für Großstädte

weltweit geworden. Zurzeit glänzt sie

allerdings besonders mit ihrer nachhaltigen

Stadt- und Gebäudeplanung.

Gebäude-Emission? Zero.

Im Jahr 2009 setzte Kopenhagen mit

der Eröffnung des „Green Lighthouse“

ein architektonisches Statement in Sachen

Klimaneutralität. Das nachhaltige

Energiekonzept des CO 2

-neutralen

Universitätsgebäudes stützt sich dabei

vor allem auf die Nutzung von Tageslicht.

Das Dach, als fünfte Fassade,

verfügt über einen flachen Neigungswinkel.

Es leitet bei hochstehender

Sonne besonders viel Licht ins Innere

und nimmt Wärme auf. Darüber hinaus

beinhaltet das Konzept eine Kombination

aus Fernwärme, Solarzellen,

Solarkühlung und saisonaler Energiespeicherung.

So verbraucht das

Gebäude bis zu 75 Prozent weniger

Energie als konventionelle Gebäude.

Das Green Lighthouse ist außerdem

das erste öffentliche CO 2

-neutrale Gebäude

in ganz Dänemark.

Ein Parkhaus wird zur „Tankstelle“

Wie können innenstadtnahe Parkräume

effektiv und nachhaltig genutzt

werden? Eine Antwort darauf gibt das

„Lüders Parkhaus“ im Kopenhagener

Stadtteil Nordhavn. Auf dem Dach des

sechsstöckigen Gebäudes befindet

sich ein Spielplatz. Dieser bietet Kindern

nicht nur einen Platz zum Spielen,

sondern den vielen Touristen einen

tollen Ausblick über die Stadt. Für

Freizeitsportler bringt das Parkhaus

ebenfalls einen Vorteil: eine Digitalanzeige

zeigt ihnen an, wie schnell

sie die Treppe auf das Dach hochlaufen.

Ganz nebenbei ist das Gebäude

auch noch gut für die Umwelt. Lüders

Parkhaus ist ein Energiespeicher. In

Zukunft sollen geparkte Elektroautos

Energie nach Bedarf zwischenspeichern

oder an das Stromnetz abgeben

20 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

können. Bis es so weit ist, übernimmt eine große Batterie

im Erdgeschoss diese Funktion. Sie kann überschüssige

Energie von Windrädern oder Solaranlagen speichern und

60 Haushalte einen Tag lang mit Strom versorgen.

Öffentliche Plätze schützen vor Überschwemmung

Die Auswirkungen des Klimawandels sind auch in Kopenhagen

spürbar. In der Vergangenheit hatte die Stadt häufig

mit heftigem Starkregen zu kämpfen. In kürzester Zeit war

die Kanalisation überlastet, Straßen wurden überflutet. In

Zukunft rechnen Experten sogar mit immer häufigeren extremen

Regenfällen. Aus diesem Grund beschloss die Stadt,

Lösungsansätze zur Reduzierung des Überflutungsrisikos

zu entwickeln – und mit der Aufwertung öffentlicher Plätze

zu kombinieren.

Eines von 300 Einzelprojekten war der Umbau des historischen

Sankt Anna Plads in der Altstadt Kopenhagens. Der

lang gezogene Platz ist zur grünen Oase geworden. Mehr als

200 Parkplätze wurden hier entfernt, die Straße verschmälert.

In der Mitte wurde ein tiefer liegender Grünstreifen mit

Rasen und Bäumen angelegt. Dieser dient bei Regen als Auffangbecken

für die Wassermassen. Darunterliegende Rohre

leiten das Wasser in den Hafen und verhindern so die Überschwemmung

des Platzes. So auch im Park „Tasigne Plads“.

Er verfügt ebenfalls über ein tiefergelegtes und bepflanztes

Versickerungsbecken, das den Regenabfluss sammelt. In

Trockenperioden dient dieser wiederum zur Bewässerung

der Parkanlage.

Müllnutzung mal anders

In Europa fällt viel Plastikmüll an – so viel, dass die EU bislang

jährlich 1,6 Millionen Tonnen nach China exportieren

musste. Wie kann dem Müllproblem entgegengewirkt werden?

Ein besonderes Vorzeigeprojekt zur effektiven Müllnutzung

ist die Müllverbrennungsanlage „Amager Bakke“ in

Kopenhagen. Hier sollen Berichten zufolge jährlich 400.000

Tonnen Müll verbrannt werden. Die Energie, die dadurch

freigesetzt wird, soll 160.000 Haushalte mit Fernwärme und

62.500 Häuser mit elektrischer Energie versorgen.

Unglaublich aber wahr: das Dach des innovativen Gebäudes

soll gleichzeitig als Skipiste und Regenerationspark genutzt

werden. Die Eröffnung des Outdoor-Parks wird voraussichtlich

Mitte 2018 erfolgen. Doch bereits jetzt ist das Kraftwerk

in Betrieb – schon im Herbst letzten Jahres belieferte es einen

großen Teil der dänischen Insel Amager und der Hauptstadt

Kopenhagen mit Strom. f

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

21


Bauen und Wohnen

Baubranche:

Kaum eine andere Branche verbraucht so viele Ressourcen

und produziert so viel Müll wie der Bausektor. Zudem sind

Gebäude für einen großen Teil unseres Energieverbrauchs und

unserer CO 2

-Emissionen verantwortlich. Strengere Vorschriften

und eine steigende Nachfrage nach „grünen“ Immobilien

führen langsam zu einem Umlenken der Branche in Richtung

Nachhaltigkeit. Die zentralen Schlagworte lauten Ressourceneffizienz

und Kreislaufwirtschaft.

Foto: pitb_1 / stock.adobe.com

Von Milena Knoop

Laut Umweltbundesamt werden in Deutschland rund 35

Prozent der Endenergie in Gebäuden verbraucht, vorwiegend

für Heizung und Warmwasser. Das entspricht ca. 30

Prozent der emittierten Treibhausgasemissionen. Ähnliches

gilt für das Abfallaufkommen. Der Gebäudesektor

birgt damit großes Einsparpotenzial und spielt eine wichtige

Rolle bei der Erreichung nationaler und internationaler

Klimaschutz- und CO 2

-Reduktionsziele, etwa im Rahmen

der Energiewende, des Pariser Klimaabkommens oder der

Nachhaltigen Entwicklungsziele der UN.

Viel ungenutztes Potenzial

Das zeigt das Beispiel Müll: Ein Großteil des Abfalls, der

beim Neubau, Ausbau und beim Abbruch eines Gebäudes

anfällt, wird wiederverwertet. So wurden nach Angaben

der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

(BGR) zum Zeitpunkt der letzten Erhebung im Jahr 2012

rund 78 Prozent des Bauschutts recycelt. Das Recyclingmaterial

wird vor allem im Tief- und Straßenbau, aber erst

selten höherwertig verwendet.

Viele wertvolle Materialien und Rohstoffe landen jedoch

nach wie vor auf der Müllkippe. Zum Beispiel Bausand: Dieser

wird unter anderem zur Produktion von Beton, Ziegeln

und Klinkern oder als Füllsand benötigt. Das Recycling von

Bausand ist technisch sehr aufwendig, und da der Rohstoff

in Deutschland reichlich vorhanden und entsprechend

günstig ist, lohnt es sich nicht, ihn wiederzugewinnen. Faktoren

wie der derzeitige Bauboom könnten laut BGR jedoch

dazu führen, dass Bausand auch hierzulande knapper und

teurer wird.

Neben steigenden Rohstoffpreisen setzen schärfere Umweltschutzauflagen

Bauherren zusätzlich unter Druck. So

rechnet die Branche etwa mit steigenden Kosten für die

Entsorgung von Bauabfällen. Grund dafür ist eine neue

Mantelverordnung des Umweltbundesamtes, die dieses

Jahr in Kraft treten könnte.

Das Cradle-to-Cradle-Designkonzept

Das von dem deutschen Chemiker Michael Braungart

entwickelte Cradle-to-Cradle-Konzept geht noch einen

Schritt weiter, wenn es um Lösungswege für nachhalti-

22 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

neue Behördengebäude gilt dies bereits

ab 2019. Doch auch hier gibt es

Unterschiede. Nicht nur der Neubau,

sondern auch die energetische Gebäudemodernisierung

soll nach Plänen

der neuen Bundesregierung noch stärker

finanziell gefördert werden, wie

der Bauherren-Schutzbund e.V. (BSB)

im Januar mitteilte. Dies sei auch dringend

notwendig, sagt BSB-Geschäftsführer

Florian Becker: „Bei der privaten

Gebäudemodernisierung besteht

seit Jahren Handlungsbedarf. Die

Entscheidung der neuen Bundesregierung,

Verbraucher hierbei besser zu

unterstützen, ist ein wichtiger Schritt,

um aufzuholen und den gesteckten

Klimazielen näher zu kommen.“

Welche Fördermöglichkeiten gibt

es?

ges, ressourcenschonendes Bauen

geht. Cradle-to-Cradle heißt übersetzt

„von der Wiege zur Wiege“ und beschreibt

einen potenziell unendlichen

Zirkulationsprozess von Materialien

und Nährstoffen in biologischen oder

technischen Kreisläufen. Dabei dient

die Natur als Vorbild. Für Gebäude

bedeutet das: Alle verbauten Produkte

sind biologisch abbaubar oder wiederverwertbar

und haben somit keine

negativen Auswirkungen mehr auf die

Menschen und die Umwelt. Abfall gibt

es im Cradle-to-Cradle-Szenario nicht.

Michael Braungart beschreibt das

Konzept so: „Mit dem Cradle-to-Cradle-Konzept

können wir nach dem

Vorbild der Natur Materialkreisläufe

schließen. Ein Produkt, das zu Abfall

wird, ist ein schlechtes Produkt. Ein

Gebäude, welches Bauschutt verursacht,

hat einfach schlechte Qualität.“

So entstehen „Gebäude wie Bäume

und Städte wie Wälder“ mit einem positiven

ökologischen Fußabdruck.

Was treibt die Branche noch an?

Strengere Anforderungen, höhere

Standards, aber auch staatliche Förderprogramme

tragen dazu bei, dass

sich Nachhaltigkeit im Gebäudesektor

immer mehr durchsetzt. Vor allem die

Themen Energieeffizienz und erneuerbare

Energien rücken dabei immer

mehr in den Vordergrund, führt ein

niedrigerer Energieverbrauch doch

nicht nur zu enormen Kosteneinsparungen,

sondern auch zu einem niedrigeren

CO 2

-Ausstoß. Im Prinzip sind

bereits alle neu entstehenden Gebäude

im Vergleich zu älteren Immobilien

sehr energieeffizient. So müssen

nach EU-Recht alle Neubauten ab dem

Jahr 2021 als sogenannte Niedrigstenergiegebäude

errichtet werden; für

Je nachdem, wie hoch der Primärenergiebedarf

und der Wärmeverlust

eines Gebäudes sind, unterstützt die

Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)

Bauherren, Käufer und Modernisierer

mit unterschiedlich hohen Krediten

bzw. Zuschüssen. Dabei gilt: Je energieeffizienter

das Haus, desto höher

die Förderung. Unterschieden wird

zwischen Effizienzhäusern der Klasse

40, 55, 70 oder 100. Zu den Fördermaßnahmen

zählen zum Beispiel

eine effiziente Heizungsanlage, eine

solarthermische Anlage auf dem Dach

oder eine gute Dämmung der Wände

und Fassaden.

>>

Rückbau, Verwertung

und Entsorgung

Planung,

Rohstoffgewinnung

Gebäudelebenszyklus

Nutzung einschließlich

Instandhaltung und

Modernisierung

Herstellung,

Errichtung

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

23


Bauen und Wohnen

Neben KfW-Effizienzhäusern haben

sich weitere Standards durchgesetzt:

Als Passivhaus wird ein Haus bezeichnet,

das ohne klassische Heizung auskommt.

Es nutzt die Sonneneinstrahlungen

und die Wärme von Personen

und technischen Geräten, um Räume

aufzuheizen. Auch hier spielt eine

entsprechende Dämmung der Wände

und Fassaden eine zentrale Rolle.

Laut Passivhaus Institut (PHI) lassen

sich mit Passivhäusern Energieeinsparung

von über 80 Prozent gegenüber

den gesetzlich vorgeschriebenen

Neubaustandards erzielen. Ein sogenanntes

Nullenergiehaus zeichnet

sich dadurch aus, dass es genauso

viel Strom bzw. Energie verbraucht,

wie es selbst produziert. Ein Nullenergiehaus

kann, muss aber nicht

energieautark sein. Sogenannte Plusenergiehäuser

hingegen benötigen

keine externe Energiezuführung. Sie

erzeugen mehr Energie als sie selbst

verbrauchen und können diesen Energieüberschuss

speichern.

Maßnahmen zur Energieeffizienz und

CO 2

-Reduktion im Betrieb sind wichtige

Stellschrauben. Sie alleine reichen

aber nicht aus. Da ein Gebäude

in der Regel für eine jahrzehntelange

Nutzung errichtet wird, müssen alle

Phasen des Lebenszyklus des jeweiligen

Bauwerks berücksichtigt werden.

Erst diese ganzheitliche Betrachtung

„von der Wiege bis zur Bahre“ (Englisch:

„from cradle to grave“) gibt Aufschluss

darüber, wie nachhaltig ein

Gebäude ist und wo Einsparungspotenzial

besteht.

EPD als Datengrundlage für nachhaltiges

Bauen

Bereits in der Planungsphase und bei

der Herstellung jedes einzelnen Bauteils

wird also der Grundstein für die

spätere Nachhaltigkeitsqualität eines

Gebäudes gelegt. Das bedeutet, dass

jeder Planer, Baustoffhersteller oder

Häuser ganz ohne CO 2

-Fußabdruck?

Weshalb ein Bauprozess mehr Auswirkungen auf die Umwelt hat als die Energieeffizienz, erklärt Prof. Dr.-Ing. Werner

Lang vom Lehrstuhl für energieeffizientes und nachhaltiges Planen und Bauen der Technischen Universität München

am Beispiel des Passivhauses.

Foto: Astrid Eckert / TU München

Der Energieverbrauch für den Betrieb eines Passivhauses

beträgt 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Das

ist relativ wenig. Gebäude aus den 70er Jahren verbrauchen

um die 250 bis 300 Kilowattstunden pro Quadratmeter und

Jahr. Aber beim Passivhaus ist der Energiebedarf bei der

Errichtung höher als bei herkömmlichen Gebäuden. Es ist

mehr Wärmedämmung nötig, die Gebäudetechnik ist aufwändiger.

Wir verbauen mehr Materialien, und es drängt

sich schnell die Frage auf: Wo ist der Punkt, an dem ich

mehr Energie in die Erstellung investieren muss als ich

während des Betriebs wieder einspare? Es macht daher

Sinn, zu überlegen, wie das Gebäude über seine Lebensdauer

möglichst viel Energie selber produzieren könnte, über

Fotovoltaik zum Beispiel. Wenn das gelingt, hinterlassen

Gebäude einen positiven ökologischen Fußabdruck.

24 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Schon gewusst?

Umweltkennzeichen und -deklarationen gibt es in

drei verschiedenen Kategorien. Typ I nach ISO 14024

weist ein bis zwei Umweltaspekte von Baustoffen

wie Farben, Bodenbelägen und Dämmstoffen aus.

Beispiele sind das FSC-Siegel oder der Blaue Engel.

Diese Siegel richten sich an private und gewerbliche

Endverbraucher. Bei Typ II handelt es sich um

Umweltzeichen, die von Herstellern für ihre Produkte

verwendet werden. Bei dieser sogenannten Selbstdeklaration

erfolgt keine unabhängige Prüfung und Bewertung.

Allerdings sind die Vorgaben der ISO 14021

einzuhalten. Beispiele sind das Drei-Pfeile-Symbol

oder diverse Verbandssiegel. Typ III nach ISO 14025

entspricht den EPD, die das IBU vergibt. Im Vergleich

zu den anderen Zeichentypen erfolgt hier weder eine

Bewertung bestimmter Produkteigenschaften noch

wird ein Zertifikat vergeben. Ziel ist vielmehr die neutrale

Bereitstellung und transparente Kommunikation

von Umweltinformationen. Diese bilden wiederum die

Grundlage für Gebäudezertifizierungssysteme von

DGNB, BNB, BREEAM und LEED.

Architekt mit seinen Produkten und seinem Know-how

daran mitwirken kann, das Gebäude hinsichtlich ökologischer,

aber auch sozialer und wirtschaftlicher Aspekte zu

optimieren.

Mit den Umwelt-Produktdeklarationen (Environmental

Product Declarations, kurz: EPD) steht der Bauindustrie

ein System zur Verfügung, das Informationen über die Umweltwirkungen

von Bauprodukten und -komponenten in einem

einheitlichen Format bündelt und dokumentiert. Fast

alle EPD werden in Deutschland vom Institut Bauen und

Umwelt e.V. (IBU) veröffentlicht. Umweltfreundliche Baustoffe

allein sind jedoch noch keine Garantie für Nachhaltigkeit,

weil sie keine Endprodukte sind. IBU-Geschäftsführer

Dr. Burkhart Lehmann erläutert: „Verbaute Produkte

entfalten ihre Wirkungen auf die Umwelt erst am Gebäude

im Zusammenspiel mit anderen Bauprodukten in einer bestimmten

Einbausituation.“

Deshalb wird bei der Erstellung einer EPD der gesamte Lebenszyklus

eines Bauprodukts in den Blick genommen bis

hin zu Angaben zum Rückbau, der Recyclingfähigkeit und

zur Entsorgung. Darüber hinaus helfen technische Angaben

– etwa zur Lebensdauer und zur Wärme- und Schallisolierung

–, die Leistungsfähigkeit eines Produktes innerhalb

eines Gebäudekontextes einzuschätzen. Wo relevant, können

EPD auch umwelt- und gesundheitsbezogene Nachweise

enthalten, wie beispielsweise zum Emissionsverhalten

in die Innenraumluft. In Form einer Ökobilanz lässt sich so

etwa der Beitrag zum globalen Treibhauseffekt, zum Ozonabbau,

zur Versauerung der Böden und Gewässer oder zur

Ressourcenverknappung bestimmen.

Zementhersteller engagieren sich

Seit Jahresbeginn gibt es ein neues Zertifizierungssystem

für Beton- und Zementhersteller sowie Produzenten von Gesteinskörnung

in Deutschland, das sich bereits international

bewährt hat. Initiator des Zertifizierungssystems ist die

Nachhaltigkeitsinitiative Zement“ des „Weltwirtschaftsrats

für Nachhaltige Entwicklung“. Der Bundesverband der

Deutschen Transportbetonindustrie e. V. (BTB) wird das Zertifizierungssystem

hierzulande organisieren, darüber informieren,

beraten und schulen. Ziel sei es, „die Transparenz

über den Herstellungsprozess von Beton und dessen Wertschöpfungskette

sowie deren Auswirkungen auf das soziale

und ökologische Umfeld“ zu fördern, so Dr. Olaf Aßbrock,

Hauptgeschäftsführer des BTB. Das System ist vergleichbar

mit dem FSC-Siegel und soll von allen großen Gebäudezertifizierungssystemen

wie BREEAM (Building Research Establishment

Environmental Assessment Methodology), LEED

(Leadership in Energy and Environmental Design) und DGNB

(Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) anerkannt

werden.

Zertifizierungssysteme sind gefragt

Dass sich Nachhaltigkeit immer mehr aus der Nische bewegt

und zum Standard wird, zeigt auch die steigende

Zahl von Nachhaltigkeitszertifikaten.

Wie eine kürzlich veröffentlichte gemeinsame Auswertung

der Professional Group (PG) Sustainability der RICS

Deutschland und des IRE|BS Instituts für Immobilienwirtschaft

belegt, sind europaweit rund 22.500 Immobilien

mit einem Nachhaltigkeitszertifikat ausgezeichnet. Das

entspreche einer Steigerung von 16 Prozent im Vergleich

zum Vorjahreszeitraum.

Dazu trägt neben steigenden gesetzlichen Anforderungen

auch das wachsende Interesse von Investoren bei. Diese

kämen am Thema Nachhaltigkeit nicht mehr vorbei, wie

es in einer Studie von LaSalle Investment Manage- >>

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

25


Bauen und Wohnen

Energieeffizient bauen und wohnen:

Ein Ausblick

Isolierglasfenster

Keine Energiekosten,

Nullemissionen und ein

gesundes Raumklima

– sieht so das Gebäude

der Zukunft aus? Zweifellos

werden wir künftig

nicht nur komfortabler

wohnen, sondern vor

allem energieeffizienter

und nachhaltiger. Schon

heute gibt es viele kluge

Technologien und Ideen,

wie Häuser Energie effizient

nutzen und dadurch

Treibhausgasemissionen

einsparen können. Ein

Ausblick.

Hochwirksame Wärmedämmung:

Dazu zählt z.B. eine verbesserte

Dämmung der Dachflächen, der Außenwand

und ggf. der Kellerwand.

Energieeffiziente, intelligente Haushaltsgeräte

wie Waschmaschine,

Backofen oder Kühlschrank, die aus

der Ferne gesteuert werden können

Verbesserte Gebäudeautomation

und

Kontrollsysteme, die auf

veränderte Bedingungen

reagieren und etwa

die Beleuchtung oder

Lüftung nach Bedarf

regulieren

Intelligente Stromzähler und -netze, die Angebot

und Nachfrage in Echtzeit anpassen

Grafik: shutterstock.com

Geothermie und

Wärmepumpe

26 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Solarthermie: kann für die

Heizung und die Warmwasserbereitung

genutzt werden

Tageslichtnutzung

Fotovoltaikanlagen wandeln

Sonnenenergie in Strom

um. Um den bestmöglichen

Ertrag zu erzielen, sollten

die Solarmodule nach Süden

ausgerichtet sein.

Lüftungsanlage: Sie verbessert u.a. das

Raumklima. Mit Wärmerückgewinnung ist

sie besonders energieeffizient.

Energieeffiziente Beleuchtungs-,

Heiz-, Lüftungsund

Klimatechnik

Das durchschnittliche CO 2

-Einsparpotenzial

durch energieeffiziente Technologien beläuft

sich auf

20-45 %

Quelle: klimafakten.de

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

ment heißt. „Die Bedeutung umweltfreundlicher Gebäudeeigenschaften

hat in den letzten Jahren stark zugenommen

und einen Punkt erreicht, an dem Investoren ihnen,

neben weiteren langfristigen Trends, Beachtung schenken

sollten“, so Mahdi Mokrane, LaSalle's European Head

of Research & Strategy.

Darüber, dass sich nachhaltige Gebäude nicht nur unter

Umweltgesichtspunkten, sondern auch wirtschaftlich

rechnen, ist man sich in Fachkreisen inzwischen einig. Zu

den Vorteilen zählen neben niedrigeren Energie- und Betriebskosten

unter anderem ein höherer Immobilienwert,

höhere Mieten, weniger Leerstand, aber auch bessere Lebens-

und Arbeitsbedingungen und – damit einhergehend

– Gesundheits- und Produktivitätsvorteile für die Nutzer

und Eigentümer.

In Deutschland und weltweit haben sich verschiedene

Gebäude- bzw. Green-Building-Zertifizierungssysteme

entwickelt. Diese bewerten die Gebäudequalität anhand

festgelegter Kriterien und weisen diese durch ein entsprechendes

Zertifikat aus. So können sich Anleger, aber auch

Gebäudenutzer, entweder über die Gesamtbewertung oder

in Form einer differenzierten Darstellung über die Eigenschaften

des Gebäudes informieren. Welche Kriterien wie

stark gewichtet werden, hängt vom jeweiligen System sowie

von den jeweiligen landestypischen Standards, Vorschriften

und klimatischen Bedingungen ab. Alle „großen“

Systeme bewerten jedoch die effiziente Nutzung von Ressourcen

wie Energie und Wasser. Auch der Standort, die

Nähe zu öffentlichen Verkehrsmitteln sowie der Komfort

finden bei den meisten Zertifizierungssystemen Berücksichtigung.

Kostenaspekte werden hingegen oftmals außer

Acht gelassen.

Das Nebeneinander der zahlreichen Zertifizierungssysteme

gibt aber auch Anlass zur Kritik, führt es doch dazu,

dass sich die Ergebnisse teilweise stark voneinander unterscheiden.

Was ein nachhaltiges Gebäude bzw. ein Green

Building auszeichnet, unterscheidet sich demnach von

Land zu Land und von System zu System. Bemängelt wird

zudem, dass zum Teil nur der Ist-Zustand zum Zeitpunkt

der Überprüfung berücksichtigt wird anstelle des gesamten

Lebenszyklus der Immobilie.

Regelmäßige Rezertifizierungen, die die nachhaltige Bewirtschaftung

der Immobilie kontrollieren und sicherstellen,

könnten hier Abhilfe schaffen. Darüber hinaus könnten

Initiativen wie die Sustainable Building Alliance zu einer

besseren Vergleichbarkeit beitragen. Die Dachorganisation,

der alle großen Zertifizierungssysteme angehören, wurde

mit dem Ziel gegründet, ein Rahmenwerk für systemübergreifende

Kriterien für nachhaltige Gebäude zu schaffen.

BREEAM

Das älteste, weltweit am

meisten verbreitetste Zertifizierungssystem

ist die

Building Research Establishment

Environmental

Assessment Method

(BREEAM). Sie wurde

1990 vom Building Research

Establishment, einem

Bauforschungsinstitut, in England

auf den Markt gebracht und

war Vorbild für viele andere Systeme weltweit. BREEAM

bezieht insbesondere die Kriterien Management, Energie,

Wasser, Landverbrauch und Ökologie, Gesundheit und

Wohlbefinden, Transport, Material und Verschmutzung

bei der Bewertung von Sanierungen und Neubauten ein.

Je nach Erfüllungsgrad werden Gütesiegel in den Abstufungen

„Ausgezeichnet“, „Sehr gut“, „Gut“ oder „Durchschnittlich/Bestanden“

vergeben. Nach BREEAM wurden

weltweit bereits über 200.000 Bauten zertifiziert (Stand

2016).

LEED

Auf BREEAM basierend entwickelte

der US Green Building

Council im Jahr 1996

das Zertifizierungssystem

Leadership in Energy and

Design (LEED). Das System

ist mittlerweile ein

anerkannter Standard in

vielen Ländern der Welt. Der

Kriterienkatalog umfasst die

Bereiche Nachhaltiger Grund und

Boden, Wassereffizienz, Energie und Atmosphäre, Materialien

und Ressourcen, Innenraumqualität sowie Innovation

und Designprozess. Eine Besonderheit von LEED sind

die Vorbedingungen: Sollten bestimmte Mindestanforderungen

– wie zum Beispiel die Verringerung negativer

28 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Der Nutzer kann – wenn er nicht

zufällig selbst vom Fach ist –

die komplexen Anforderungen

und Entstehungsprozesse kaum

bewerten. Genauso wenig, wie

ich den Vitamingehalt eines

Orangensafts in meiner Küche

prüfen kann und deshalb auf das

entsprechende Zertifikat sehe.

Genau hier liegt die Funktion

von Zertifikaten und der Grund

dafür, dass sie immer

wichtiger werden.

Umweltauswirkungen durch Baustellenaktivitäten

oder aber die Berücksichtigung

von Recyclingmöglichkeiten

bei der Entsorgung – nicht erfüllt

werden, ist eine Zertifizierung von

vorne herein ausgeschlossen.

Gebäudezertifizierung in Deutschland

Prof. Alexander Rudolphie,

Präsident DGNB

Deutschland ist im internationalen

Vergleich ein Nachzügler in Sachen

Zertifizierungssysteme. Seit 2009

gibt es hierzulande das Deutsche Gütesiegel

Nachhaltiges Bauen (DGNB).

Das System entstand als Gemeinschaftsprojekt

des Bundesbauministeriums

und der Deutschen Gesellschaft

für Nachhaltiges Bauen und gilt als

eines der umfassendsten Zertifizierungssysteme

weltweit. So bewertet

es eine Vielzahl an ökonomischen,

ökologischen, soziokulturellen, technischen

und funktionalen Aspekten.

Nach einer Pilotphase, in der das

System erfolgreich erprobt wurde,

trennten sich die Wege der Partner.

Auf Basis des gemeinsam erarbeiteten

Systems führte das Bundesbauministerium

ein eigenes Bewertungssystem

fort: das Bewertungssystem Nachhaltiges

Bauen für Bundesbauten

(BNB). Während das DGNB-Zertifikat

von privaten Bauherren angewendet

wird, gilt die BNB-Zertifizierung für

öffentliche Bundesbauten. Bei beiden

Systemen können am Ende der Zertifizierungsphase

die Qualitätsstandards

Gold, Silber oder Bronze erreicht werden.

Das Qualitätssiegel Nachhaltiger

Wohnungsbau (NaWoh) ist ebenfalls

an das DGNB-System angelehnt. Es

ist jedoch kompakter und rechnet sich

dadurch auch für typische Anwender

des Wohnungsbaus wie Wohnungsbaugesellschaften

und -genossenschaften.

Das NaWoh-Bewertungssystem

wurde in der AG Nachhaltiger

Wohnungsbau entwickelt, findet seit

2012 auf freiwilliger Basis Anwendung

und ist auf die Bedürfnisse des

Wohnungsneubaus zugeschnitten.

Neben den britischen, US-amerikanischen

und deutschen Gebäudezertifizierungssystemen

gibt es viele weitere

Methoden: so etwa das französische

HQE (Haute Qualité Environnementale)

aus dem Jahr 2004, das australische

Green-Star-System, das seit 2003

besonders umweltfreundliche Büround

Gewerbebauten auszeichnet,

sowie das asiatische Casbee (Comprehensive

Assessment System for

Building Environmental Efficiency),

das 2001 in Japan eingeführt wurde.

Der neue „WELL Building

Standard“

Der WELL Building Standard wurde

vom International WELL Building Institute

entwickelt und wird von der Organisation

Green Business Certification

Inc. zertifiziert. Das Besondere: Die

Gebäudezertifizierung berücksichtigt

vornehmlich Gebäudemerkmale, die

einen Einfluss auf die Gesundheit und

das Wohlbefinden der Gebäudenutzer

haben. Dazu zählen etwa die Innenraumluftqualität

und Akustik, ausreichend

natürliches Tageslicht und die

Integration biophiler Designelemente.

Interface, ein Hersteller modularer

Bodenbeläge, hat dazu jetzt den Design

Guide „Positive Räume schaffen –

Mit dem Well Building Standard“ veröffentlicht.

Der Leitfaden richtet sich

an Architekten, Designer und Planer

und wurde mit dem Ziel entwickelt,

sie bei der Umsetzung des Standards

zu unterstützen. f

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

Good Practice Beispiele

für zertifizierte Gebäude

50hertz Netzquartier

Architekturbüro: LOVE architecture

and urbanism

Fertigstellung: 2016

Standort: Berlin

Zertifikat: DGNB Diamant

Foto: LOVE architecture and urbanism

Deutsche Börse: The Cube

Architekturbüro: KSP Jürgen Engel Architekten

Fertigstellung: 2010

Standort: Eschborn bei Frankfurt

Zertifikat: LEED-Zertifikat Platin für deutsches Hochhaus

Fotos: Deutsche Börse AG

30 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Büroturm 1 Bligh

Architekturbüro: Ingenhoven Architects

Fertigstellung: 2011

Standort: Sydney

Zertifikat: Green Star

Fotos: ingenhoven architects / HGEsch

The Edge

Architekturbüro: PLP Architecture

Fertigstellung: 2014

Standort: Amsterdam

Zertifikat: BREEAM NL New Construction

Fotos: Ronald Tilleman / OVG real estate

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

31


Bauen und Wohnen

Advertorial

Moderne Gebäude müssen vielen

Ansprüchen genügen: Sie sollen nicht

nur möglichst energieeffizient, sondern

auch ein Ort zum Wohlfühlen

sein. Intelligente Fenster ermöglichen

genau das. Sie können das einströmende

Tageslicht und die Temperatur

in Sekundenschnelle regulieren. Die

Flüssigkristallfenster-Technologie

des Darmstädter Wissenschafts- und

Technologieunternehmens Merck bietet

dafür die Grundlage.

Ein Blick durch die Flüssigkristallfenster im Schachbrettmodus

– so lässt sich der helle und dunkle

Zustand der Scheiben gleichzeitig zeigen.

EINE SONNENBRILLE

FÜR FENSTER

Energetische Anforderungen für Neubauten und Sanierungen

sowie freiwillige Initiativen der Wirtschaft haben

laut Umweltbundesamt dazu geführt, dass der Energieverbrauch

für das Heizen von Gebäuden in den letzten Jahren

zurückgegangen ist. Im Vergleich dazu seien bei der Kühlung

jedoch gegenläufige Trends zu beobachten: Hier könnte

der Bedarf weiter steigen. Gründe dafür sind beispielsweise

wachsende Ansprüche an das Innenraumklima. Das

gilt sowohl für Wohn- als auch für Bürogebäude.

Das moderne Büro: Behaglich und lichtdurchflutet

Wie eine Studie herausfand, wünschen sich vor allem jüngere

Beschäftigte helle, lichtdurchflutete Räume mit großen

Fenstern. Der Nachteil: Gerade in den Sommermonaten

heizt das einströmende Tageslicht die Räume stark auf.

Um ein behagliches Innenraumklima sicherzustellen, kommen

in der Regel Klimaanlagen zum Einsatz. Jalousien oder

Rollläden dienen als Sonnen- bzw. Blendschutz. Allerdings

verdunkeln diese die Räume oft so stark, dass künstliches

Licht eingeschaltet werden muss.

Intelligente Fenster: Einsparungen von bis zu

40 Prozent möglich

Ein effizientes Licht- und Temperaturmanagement ist folglich

eine wichtige Stellschraube, um Energie und Kosten zu

sparen. Das dachte man sich auch bei Merck. „Wir haben

uns gefragt: Gibt es da nicht eine bessere, nachhaltigere

Lösung?“, erinnert sich der Chemiker Johannes Canisius.

Er ist einer der Köpfe hinter der neuen energieeffizienten

Technologie von Merck für intelligente Fenster. Seit

2012 arbeitet er mit seinem Team an der Entwicklung von

Flüssigkristallfenstern, den sogenannten Liquid Crystal

Windows (LCW). „Wir haben den Fenstern eine Art Sonnenbrille

aufgesetzt“, erläutert Johannes Canisius, der

das 2016 eigens für die LCW-Technologie gegründete Geschäftsfeld

im Unternehmensbereich Performance Materials

leitet. „Durch unsere Flüssigkristalltechnologie lässt

sich das einfallende Licht auf Knopfdruck regulieren. Bei

Sonne kann der Raum stufenlos auf wenige Prozent abgedunkelt

werden und heizt sich weniger stark auf. “ Ein

Vorteil gegenüber Jalousien ist, dass das Licht durch die

mit der LCW-Technologie ausgestatteten Fenster hindurch

gelassen und ein unverändert freier Durchblick gewährt

wird. Alles in allem geht man bei Merck von Einsparungen

von bis zu 40 Prozent beim Gebäudeenergieverbrauch aus.

Merck: 110 Jahre Erfahrung mit Flüssigkristallen

Flüssigkristalle finden sich unsichtbar in vielen Alltagsgegenständen

wieder. So werden sie seit Langem in flachen

Displays von Smartphones, Tablets oder Fernsehern eingesetzt.

Merck arbeitet eigenen Angaben zufolge seit mehr

als 110 Jahren mit Flüssigkristallen und ist mit seiner

Erfahrung und seinem Know-how auf diesem Gebiet der

32 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Foto: Ingmar Kurth / Merck

weltweit führende Lieferant für Display-Hersteller.

Mit Fenstern bringt man diese Technologie

in der Regel nicht in Verbindung.

Bis jetzt: Unter dem Markennamen

Licrivision bietet Merck seine

Flüssigkristallmaterialien nun auch

für den Einsatz in intelligenten Fenstersystemen

an. Das funktioniert ähnlich

wie bei Displays: Durch Anlegen

einer elektrischen Spannung können

die Flüssigkristalle in verschiedene

Anordnungen gebracht werden. Je

nach Anordnung strömt mehr oder

weniger Licht und damit Wärme durch

die Flüssigkristallschicht, die unsichtbar

zwischen zwei Glasscheiben eingebracht

wird. Auf diese Weise lässt

sich das Fenster sehr komfortabel heller

oder dunkler schalten – individuell

oder auch automatisch und zentral

über Innen- und Außensensoren. Auf

Wunsch liefern integrierte Solarzellen

den Strom.

Über die Sonnenschutzfunktion hinaus

lassen sich Liquid Cristal Windows

auch als Sichtschutz verwenden. In

der sogenannten Privacy-Variante

lässt sich die Scheibe bei Bedarf von

kristallklar auf milchig-undurchsichtig

schalten. Konferenz- oder auch

Wohnräume schützt sie so vor ungewollten

Blicken von außen.

Die Flüssigkristallfenster-Module können

sowohl bei Neubauten als auch

bei Sanierungen eingesetzt werden,

passen sie doch in alle Standardrahmen

und Fassaden sowohl neuerer als

auch älterer Gebäude. Die LCW-Technologie

lässt sich in jede gewöhnliche

Doppel- oder Dreifachverglasung integrieren,

eignet sich für jegliche Form

und Größe und bietet verschiedene

Farbvarianten. Das macht sie vor allem

für Architekten und Designer so

interessant.

LCW: Komfort und Umweltschutz

im Einklang

Nicht nur mit Blick auf Komfort

und Design, sondern auch unter

Nachhaltigkeitsgesichtspunkten hebt

sich die LCW-Technologie positiv

von anderen Sonnenschutzlösungen

ab: Die Materialmenge für die Flüssigkristallschicht

ist laut Merck sehr

gering.

Dass die LCW-Technologie darüber

hinaus sehr haltbar, temperatur- und

UV-resistent ist, zeigt die Praxis: Die

westliche Fensterfront des Innovationszentrums

von Merck in Darmstadt

ist seit 2015 mit Flüssigkristallfenstern

ausgestattet. Seitdem trotzen sie

erfolgreich auch widrigen Wetterbedingungen

wie starker Hitze oder Eiseskälte.

Die Sonnenschutz- und „Privacy“-Anwendung

wiederum findet

sich seit September 2016 ebenfalls in

Darmstadt im neuen OLED-Produktionsgebäude.

Flüssigkristallfenster – der neue

Standard


Bauen und Wohnen

Moderne Bauwerke bekommen immer mehr

Ähnlichkeit mit lebenden Organismen. Ihre

Fassade gleicht einer Haut, die dafür sorgt,

dass es im Inneren komfortabel ist. Wie im

menschlichen Körper müssen auch in

einem Gebäude alle Teile harmonisch

zusammen funktionieren. Unsere Flüssigkristalle

reihen sich hier bestens ein. Sie

lassen sich nahtlos in andere Licht- und

Energieregulierungen eines Gebäudes

integrieren, nutzen das Tageslicht optimal

aus und machen das Bauwerk zu einem

Platz, an dem wir uns gerne aufhalten.

Caspar van Oosten, Geschäftsführer von Merck Window Technologies,

ehemals Gründer und Miteigentümer des niederländischen Start-up-Unternehmens

Peer+, das die LCW-Technologie gemeinsam mit Merck entwickelt hat.

Bei Merck ist man überzeugt, dass

Flüssigkristallfenster schon in absehbarer

Zeit zum Standard werden.

Michael Heckmeier, Leiter der Geschäftseinheit

Display Solutions: „Liquid

Crystal Windows haben unserer

Flüssigkristalltechnologie eine ganz

neue Richtung gegeben. Sie werden

schon bald fester Bestandteil moderner

Architektur und nachhaltigen Gebäudemanagements

sein.“ Daher ist

es nur konsequent, dass Merck Ende

vergangenen Jahres rund 15 Millionen

Euro in eine eigene Produktionsstätte

für Flüssigkristallfenster-Module

im niederländischen Veldhoven

(bei Eindhoven) investiert hat. Für

die Technologie erhielt Merck ebenfalls

2017 den Technology Innovation

Award in der Kategorie „Smart Glass

Industry“ von Frost & Sullivan.

Die Jury hob vor allem die schnellen

Schaltzeiten, die Langlebigkeit, die

Anpassungsfähigkeit und die Ästhetik

des Produkts als wichtige Eigenschaften

von intelligenten Verglasungen

hervor. Bei allen diesen Kriterien

habe Merck die Nase vorn. Auf diesem

Erfolg will man sich bei Merck aber

nicht ausruhen: Längst arbeitet man

am Einsatz der LCW-Technologie in

Fahrzeugen. Weitere Anwendungsgebiete

wie die Luft- und Seefahrt werden

derzeit erforscht. f

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

Die leisen

Die Diskussionen um Luftqualität im Freien nehmen kein Ende. Der

jüngste Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts zum Diesel-Fahrverbot

zeigt: Das Ringen um saubere Atemluft ist ein langwieriger Prozess,

dem nicht mit einfachen Antworten beizukommen ist. Was kaum Beachtung

findet: Auch unsere Luft in Innenräumen ist längst nicht mehr so

sauber, wie sie sein sollte.

Wer gesund sein will, sollte Krankheiten

meiden. Was ironisch

klingt, hat durchaus einen ernsten

Hintergrund: Unser modernes

Verständnis von Gesundheit

und ihrer Erhaltung suggeriert

Mess-, vor allem aber Planbarkeit.

Digital erfassen wir unsere

Vitaldaten, machen Sport

zum optimalen Zeitpunkt in

der optimalen Herzfrequenz,

stimmen die Ernährung individuell

darauf ab. Trotz aller

Mühen wird ein Faktor in der

öffentlichen Wahrnehmung so

gut wie ausgeblendet: Die Luftqualität

in unseren Innenräumen.

Dabei drängt sich das Thema bei

näherer Betrachtung förmlich

auf. Mitteleuropäische

Erwachsene halten sich

bis zu 90 Prozent des

Tages in geschlossenen

Räumen auf, etwa am

Arbeitsplatz, zu Hause,

in Verkehrsmitteln wie

Bus oder Auto, in öffentlichen

Einrichtungen.

Das ist Zeit, in denen sie

alles einatmen, was in geschlossenen

Räumen ausdünsten kann: Kleber,

Farben, Lacke, Textilien oder andere

Baustoffe, zusammengefasst als

„Flüchtige organische Verbindungen“

(VOC, Volatile Organic Compounds).

Es muss gar nicht mal Asbest sein.

Erschreckend: Nach einer Analyse der

Weltgesundheitsorganisation (WHO)

starben 2012 weltweit etwa 3,7 Millionen

Menschen an Luftverschmutzung

im Freien, aber 4,3 Millionen an

schlechter Luft in Innenräumen.

Multiple Chemikalien-Sensibilität

Sogar ein eigenes Krankheitsbild

haben Experten schon definiert, welches

zum Großteil auf die unbemerkten

Emissionen zurückzuführen ist.

Menschen mit „Multipler Chemikalien-Sensibilität“

leiden unter starken

Kopfschmerzen, Hautausschlag, Husten,

Bauchschmerzen, Übelkeit, Asthma

oder Schwindel. Die Liste der möglichen

Symptome ist genauso lang

wie unspezifisch. Das Problem: Wird

die Quelle der Ausdünstungen nicht

beseitigt, nutzt eine medizinische Behandlung

nur sehr wenig.

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Lüften und Lehmhütten

Was tun gegen die leise Luftverschmutzung? Das Umweltbundesamt

hat beispielsweise Tipps für richtiges Lüften

von Innenräumen herausgegeben. Klingt banal, ist aber

wichtig, sind doch Innenräume je nach Funktion anderen

Schadstoffen ausgesetzt. Im Badezimmer ist es feuchter als

in einem Konferenzraum. Regelmäßiges Stoßlüften ist nach

wie vor das Mittel der Wahl. Letztendlich kommt aber hier

die Diskussion um die grundsätzliche Luftqualität ins Spiel.

Lüften nutzt nur dann etwas, wenn die zirkulierende Luft

aus dem Freien sauber ist. Auch der Standort des Gebäudes

ist von Bedeutung: Steht das Wohnhaus an einer Hauptverkehrsstraße,

wird die Frage, ob man das Fenster öffnet, im

wahrsten Sinne zur Wahl zwischen Pest und Cholera.

Erfolgsversprechend ist der Einsatz von neuartigen Baumaterialien.

In heißeren, aber auch gemäßigten Klimazonen

schätzen die Menschen seit Jahrtausenden die feuchtigkeitsregulierende

Eigenschaft von Lehm. Der antike Baustoff

kann sowohl Feuchtigkeit speichern als auch wieder

abgeben, falls die Luftfeuchtigkeit im Raum entsprechend

sinkt. Dabei wird die Luft gefiltert und Schadstoffe werden

gebunden. In Berlin forschen Wissenschaftler deshalb daran,

diese Eigenschaft in zeitgemäße Baustoffe zu übertragen

und damit die Luftqualität in Neubauten zu verbessern.

Angenehmer Nebeneffekt: Lehm bietet eine ausgezeichnete

Wärmedämmung, die ihn als Baustoff noch attraktiver

macht. f

Die Rohbau-Riecher

Neue Materialien und Bauprodukte verströmen oft unangenehme

Gerüche. Um ihnen auf die Spur zu kommen,

entwickelten die Forscher des Fraunhofer Instituts für

Bauphysik (IBP) die Skala „Smell Intensity Level“

(SmILe). Sie soll helfen, die Fehlgerüche von Räumen

und Materialien zu identifizieren. Anhand der Skala

können die sogenannten „Geruchsprüfer“ die aufgenommenen

Ausdünstungen bewerten. Diese besteht aus

insgesamt sieben Kategorien von „kaum wahrnehmbar“

bis „extrem stark“. Bislang schulte das Fraunhofer

Institut 30 Personen zum Geruchsprüfer. Die Prüfung

eines Raumes verläuft unkompliziert: Die Prüfer betreten

den ungelüfteten Raum und bewerten ihn dann hinsichtlich

der empfundenen Geruchsintensität. Je mehr

Personen vor Ort sind, desto statistisch genauer ist das

Ergebnis. Das wird dann mithilfe der „SmILe“-Skala

genau ermittelt. Ziel dabei ist es, die Entwicklung

geruchlich verbesserter Bauprodukte zu fördern.

Zusätzlich können so die Auswirkungen der Materialien

auf die Innenraumluftqualität definiert werden.

Grafiken: phocks eye / stock.adobe.com

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

Wenn der Sand

Bauvorhaben verbrauchen weltweit so viel

Sand und Kies, dass der Rohstoff in einigen

Gegenden bereits knapp wird. Wird er dabei

massiv aus dem Meer abgebaut, verändern

sich die maritimen Ökosysteme. Das macht

Baustoffrecycling und den Einsatz alternativer

Baumaterialien notwendig, um den Gebäudebau

nachhaltiger zu gestalten.

Weil es so viel Sand auf der Welt gibt, wird seine Bedeutung

oft unterschätzt. Der Rohstoff steckt in vielen Produkten,

die uns täglich umgeben und unerlässlich für uns sind.

Er kommt in Zahnpasta, Kosmetika, Arzneimitteln, aber

auch in Papier, Mikrochips oder Solarzellen vor. Darüber

hinaus ist Sand der wichtigste Bestandteil von Stahlbeton,

ohne den wir keine Straßen, Brücken oder Häuser bauen

könnten. Laut UN-Umweltprogramm UNEP werden so jährlich

bis zu 60 Milliarden Tonnen Sand und Kies gefördert.

Der Großteil davon wird für Infrastruktur- und Bauvorhaben

genutzt. Allerdings taugt nicht jeder Sand als Baustoff.

Wüstensand etwa eignet sich kaum für Beton und

Landaufschüttungen, da seine Körner durch Erosion rund

geschliffen sind und sie daher das Material nicht gut binden

können. Das erklärt auch, warum eine Stadt wie Dubai

beispielsweise tonnenweise Sand aus Lagerstätten der Ostküste

Australiens für seine künstlichen Inseln importieren

musste.

Ökosysteme verändern sich

Eigentlich wird Sand ständig auf natürliche Weise produziert,

indem Felsfragmente in Flüssen auf ihrem Weg von

den Bergen ins Meer mechanisch zerkleinert und >>

36 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

ausgeht

Foto: Marion Lenzen

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

weiter transportiert werden. Dieser Vorgang dauert allerdings

Jahrtausende und der aktuelle Verbrauch ist größer

als das, was die Natur herstellen kann. Dabei hat der

Sandabbau zum Teil gravierende Folgen, die ganze Ökosysteme

verändern.

Stammt der Rohstoff beispielsweise aus Meeresvorkommen,

haben zuvor Saugbaggerschiffe den Boden metertief

abgetragen; mit allen dort lebenden Tieren und Pflanzen.

In Küstenregionen verstärkt der Rohstoffgewinn die Erosion,

weil u.a. ganze Strände abgebaut werden. Der Rohstoffgewinn

in Flussbetten führt wiederum dazu, dass weniger

Material an die Küsten gespült wird und die Landschaft

sich nicht regenerieren kann.

Dass der Sandabbau nicht nur ökologischen Schaden anrichtet,

sondern auch politische Konsequenzen nach sich

zieht, zeigt sich in Asien am Beispiel Singapur. Das kleine

Land hat UNEP zufolge mit 5,4 Tonnen pro Jahr weltweit

den größten Sandverbrauch pro Kopf. Der Grund: In Singapur

hat sich die Bevölkerung innerhalb von wenigen Jahrzehnten

derart vervielfacht, dass die Regierung 130 Quadratkilometer

Land aufgeschüttet hat, um den notwendigen

Platz für die Menschen zu schaffen. Der Sand dafür stammte

hauptsächlich aus Indonesien, wo durch den Rohstoffabbau

mehrere Inseln verschwanden. Das wiederum führte

zu Streitigkeiten über die Abgrenzung von Hoheitsgewässern,

wie der Tagesspeigel berichtet.

Situation in Deutschland

In Deutschland ist der Sandabbau mit ganz eigenen Problemen

verbunden: „Aufgrund seiner Entstehung gibt es

in Deutschland eine fast unendlich große Menge an Sand,

sodass ihre Tonnage nicht genau berechnet werden kann.

Nur in ganz wenigen Regionen wie in den Großräumen

München oder Stuttgart besteht eine geologische Knappheit.

Allerdings hat die geologische Verfügbarkeit von Sand

nur zu einem geringen Teil mit der tatsächlichen Situation

zu tun“, sagt der Geologe Dr. Harald Elsner von der Bundesanstalt

für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).

Denn hierzulande stehen viele Sandvorkommen gar nicht

zur Verfügung. Das hat mehrere Gründe: So liegen sie entweder

in Naturschutzgebieten oder unter überbauten Flächen.

In Baden-Württemberg zum Beispiel sind 85 Prozent

der Landesfläche durch diese vorrangigen Nutzungen bereits

verplant.

Foto: Marion Lenzen

Auch die aktuelle Entwicklung auf dem Grundstücksmarkt

behindert die ausreichende Versorgung mit Baurohstoffen,

weiß man bei der BGR. So geben immer weniger Landwirte

ihre Flächen für einen Rohstoffabbau frei. In Zeiten niedriger

Zinsen und gleichzeitig steigender Preise für Ackerland

lohne es sich für sie nicht, ihre Flächen zu verkaufen

oder zu verpachten.

Außerdem erschweren langwierige Genehmigungsverfahren

für neue Gewinnungsvorhaben und nicht ausreichende

Verarbeitungskapazitäten der Baustoffindustrie die

Versorgungssituation mit Baurohstoffen. Als Folge davon

traten im Jahr 2017 erstmals im Ruhrgebiet Versorgungsengpässe

mit Baurohstoffen für den Straßenbau auf. Für

2018 rechnen die Industrieverbände mit weiteren Lieferengpässen,

die auch andere Regionen Deutschlands betreffen

könnten.

Holz kann jetzt auch hoch

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um mit der drohenden

Sandknappheit umzugehen und die bestehenden Rohstoffvorkommen

zu schonen. Dazu gehört das Recycling von Beton,

um das Material erneut zu verwenden. Dem Umweltbundesamt

zufolge ließen sich bis zum Jahr 2050 mehr als

ein Drittel der Sand- und Kiesmengen durch aufbereitete

Abbruchmaterialien ersetzen. Bis dahin ist es aber noch

38 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

ein weiter Weg, weil die Wiederverwertung

von Bauschutt aufwendig

und teuer ist. Das Problem: Wenige

denken beim Bauen das Recycling mit

und verwenden die Materialien so,

dass sie im Nachhinein nur schwer

voneinander zu trennen sind.

Wenn also das Baustoffrecycling noch

nicht die benötigte Menge an einsetzbaren

Materialien liefert, müssen Alternativen

her, um künftig genügend

Wohnungen und Häuser bauen zu

können. Und das im großen Stil. Wie

das funktionieren kann, zeigen die

Fortschritte beim Bau von Holzhäusern.

Hier hat sich jüngst ein richtiger

Wettbewerb der Superlative entwickelt,

bei dem mehrere Bauherren

versprechen, das jeweils höchste Gebäude

ihrer Art zu errichten.

Ein Beispiel dafür ist das Wohngebäude

Skaio, das bis 2019 in Heilbronn

fertiggestellt wird. Es besteht aus

insgesamt zehn Geschossen und soll

Platz für 60 Mietwohnungen bieten.

Nach Angaben der ausführenden Firma

Züblin Timber ist es mit 34 Metern

Höhe das erste Holzhochhaus

Deutschlands. Das Gebäude wird in

einer sogenannten Holz-Hybrid-Bauweise

errichtet: Wände und Decken

sind dabei aus Holz und werden den

überwiegenden Teil der Konstruktion

ausmachen. Ganz ohne Beton kommt

die Hybrid-Konstruktion aber nicht

aus. Sockelgeschoss und Treppenhaus

bestehen jeweils aus Stahlbeton. Das

verlangt das deutsche Baurecht aus

Brandschutzgründen.

Ein großer Vorteil der Holzbauweise

ist die vergleichsweise kurze Bauzeit;

die Holzbauteile werden weitgehend

vorgefertigt und vor Ort lediglich

montiert. „Wir bauen ein Stockwerk

pro Woche“, sagt Markus Brandl,

Projektleiter bei Züblin Timber. Die

Stützen der beiden Neubauten bestehen

aus Brettschichtholz. Für die

Holzwände und -decken verwendet

das Unternehmen ausschließlich Fichtenholz

– überwiegend aus deutschen

Wäldern und durchweg versehen mit

PEFC-Zertifikat, dem Siegel für nachhaltige

Forstwirtschaft.

Baumaterialien aus nachwachsenden

Rohstoffen haben den Vorteil, dass

die Produktion relativ wenig Energie

benötigt. Stammen sie darüber hinaus

aus der Region, ist auch ihr Transport

energie- und emissionsarm. Neben

Holz testen Wissenschaftler noch weitere

nachwachsende Materialien wie

Hanf, Stroh, Schafwolle oder Seegras,

die künftig beim Bauen vermehrt Einsatz

finden können. Hier allerdings in

erster Linie als Dämmstoffe.

Wenn das mal nicht aufweicht

Auch Häuser aus Altpapier sind möglich,

wie die Schweizer Firma Ecocell

mit ihrem Bausystem zeigt. Sowohl

feuer- als auch wasserresistent, besteht

der Kern aus einer Wabenstruktur

aus 100 Prozent Recyclingpapier

mit einer hauchdünnen Schicht aus

Zement. Im Sandwichverbund mit

Holz ergibt die Betonwabe die erste

statisch belastbare Isolation und zugleich

tragende Hauswand in einem –

ohne dabei auf die üblichen Baumittel

wie Beton, Kies oder Sand zurückgreifen

zu müssen.

Gebaut wird mit fertigen Wandelementen,

auch Baukastenprinzip genannt.

Dies macht den Aufbau nicht

nur schnell, sondern auch preiswert.

Die Wandelemente werden nach dem

Nut- oder auch Federprinzip verbunden

und sind somit wieder lösbar. Ein

weiterer Vorteil: die Häuser sind erdbebensicher.

So können die Bausätze

in Containern verschickt und für die

Katastrophenhilfe in anderen Ländern

eingesetzt werden. Auch der Hausbau

hierzulande für Flüchtlingsunterkünfte

könnte so vereinfacht und vorangetrieben

werden. f

(H)ausgedruckt

Ohne Bagger, Bauschutt und

Gerüst – Häuser könnten in

Zukunft einfach und schnell mit

einem 3-D-Drucker entstehen.

Das klingt unglaublich, ist aber

Realität. Ein Vorzeigeobjekt

dafür ist die chinesische Stadt

Suzhou in der Nähe von Shanghai.

Die Stadt hat mehr als zehn

Millionen Einwohner – und einen

enormen Engpass an Wohnfläche.

Auf einem Industriegelände

der Millionenstadt steht

seit 2015 ein Prototyp für ein

ausgedrucktes Haus. Mit einem

selbst entwickelten 3-D-Drucker

setzte das Bauunternehmen

Winsu die einzelnen Elemente zu

1.100 Quadratmetern Wohnfläche

auf zwei Stockwerken

zusammen. Insgesamt soll das

nur zwei Tage gedauert haben.

Die Häuser werden schichtweise

ausgedruckt und als einzelne

Elemente auf herkömmliche

Stahlträger gesetzt und dann

zusammengefügt. Dabei wird

kein Baustoff verschwendet. Die

Wände sind hohl und bestehen

aus Rohstoffresten und Bauabfällen.

Für den Bau verwendet

Winsu ausschließlich recycelten

Beton.

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

39


Bauen und Wohnen

URBAN MINING–

der verborgene Rohstoffschatz in der Stadt

Foto: skpw / stock.adobe.com

Viele der weltweiten Ressourcen werden knapp. Während natürliche Reserven schrumpfen,

ist die moderne Stadt längst zu einer riesigen Rohstoffmine geworden. Urban Mining will diese

wertvollen Rohstoffe langfristig sichern – und steht dabei vor großen Herausforderungen.

Von Victoria Scherff

Etwa 50 Milliarden Tonnen Materialien haben wir seit dem

zweiten Weltkrieg angehäuft, vieles davon verbaut in Gebäuden,

Infrastruktur und langlebigen Konsumgütern wie

Autos. Dieses Materiallager ist keine schlechte Basis für

das als rohstoffarm geltende Deutschland, das Erze und

Metalle komplett importieren muss.

Und nicht nur in den Städten Deutschlands findet sich dieser

Rohstoffreichtum: Jede dicht besiedelte industrialisierte

Stadt ist eine riesige Rohstoffmine. Denn es sind vor allem

die Industrieländer, die mit 15 Prozent Anteil an der weltweiten

Bevölkerung rund ein Drittel der globalen Rohstoffe

verbrauchen und verbauen. Warum nicht diese städtischen

Rohstoffminen sinnvoll nutzen?

Was ist Urban Mining?

Bei diesem Gedanken setzt Urban Mining an und will die

in unseren Städten und unserer Umwelt verbauten Rohstoffe

aufspüren, sichern und nutzbar machen – ohne sie

abzuwerten. Städtische Rohstoffförderung statt klassischer

Bergbau also – Urban Mining gewinnt Rohstoffe aus langlebigen

Gütern wie Elektrogeräten, Autos, Bahntrassen und

Gebäuden zurück.

Verbaute Materialien wie Ziegel, Gips, Beton, Stahl, Metalle

wie Kupfer, Aluminium und Cobalt, aber auch Asphalt und

Holz werden so als Sekundärrohstoffe wieder nutzbar. Das

Potenzial des menschengemachten Lagers ist enorm:

f Allein auf einer PC-Leiterplatte gibt es 44 unterschiedliche

chemische Elemente.

f In deutschen Bahnhöfen sind rund 32 Millionen Tonnen

Materialien langfristig eingebunden.

f In Japan wird die urbane Silber-Mine auf 24 Prozent der

weltweiten Reserven geschätzt.

f Aus einem durchschnittlichen Altbau mit zehn Wohnungen

fallen rund 1.500 Tonnen Material zur Verwertung

an, darunter 70 Tonnen Metalle und 30 Tonnen Kunststoffe,

Bitumen und Holz, berechnete das Umweltbundesamt

(UBA).

40 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Und auch das ist Urban Mining: Die

Rückgewinnung des seltenen Phosphors

aus städtischem Klärschlamm.

In der Schweiz etwa fällt jährlich so

viel Phosphor an, wie importiert wird.

Urban Mining ergänzt Abfallwirtschaft

Doch was unterscheidet Urban Mining

von der klassischen Abfallwirtschaft?

Urban Mining will „möglichst früh

künftige Stoffströme prognostizieren,

[…] noch bevor die Materialien als Abfall

anfallen“, so das UBA. Urban Mining

ergänze also die Abfallwirtschaft

um den Kreislaufgedanken und will

vor allem die wertvollen Stoffströme

sinnvoll und planbar managen. Nicht

zuletzt will Urban Mining die wertvollen

Stoffe noch vor Abriss und Entsorgung

aufspüren, um sie somit sofort

zu sichern und sortenrein voneinander

zu trennen.

Eine Sonderform des Urban Mining

ist das Landfill Mining – die Förderung

von Wertstoffen aus Abfällen,

die bereits auf den Mülldeponien liegen.

Glas, Metall, Kunststoffe: In alten

Mülldeponien liegen Tausende Tonnen

wertvoller Materialien.

Großes Potenzial, schwierige Planung

Das UBA schätzt, dass sich in den

vergangenen 50 Jahren rund 42 Milliarden

Tonnen in deutschen städtischen

Lagern angesammelt haben.

Zum Vergleich: Im Jahr 2000 wurden

weltweit genauso viele Rohstoffe neu

gewonnen. Mit jährlich 200 Millionen

Tonnen sind Baureste wie Bauschutt,

Straßenaufbruch, Steine und Baustellenabfälle

die größte Abfallfraktion.

Urban Mining mag lukrativ und nachhaltig

erscheinen, doch noch ist die

Umsetzung schwierig. Die städtischen

„Minen“ zu kennen und zu wissen,

wann welche Materialien wieder frei

werden – das ist eine der größten Herausforderungen.

Nicht zuletzt müssen

die wertvollen Materialien richtig gefördert,

getrennt und aufbereitet werden.

Um besser zu wissen, welche Materialien

etwa in einem Gebäude verbaut

wurden, schlägt das UBA vor, dass der

Gebäudepass neben dem Energieausweis

auch einen Materialpass haben

soll. Dabei ist die Idee des Materialpasses

nicht neu, er werde jedoch

noch nicht überall eingesetzt.

Die urbane Mine, die jeder hat

Urban Mining mag als Begriff und

Idee etwas alltagsfremd erscheinen,

dabei haben die meisten von uns mindestens

eine kleine städtische Mine in

den eigenen vier Wänden: ausgediente

Handys und Smartphones.

Und die sind wahre Schatztruhen:

Etwa 60 verschiedene Materialien

stecken in jedem Handy, ungefähr die

Hälfte davon sind Metalle wie Gold,

Silber und Platin. Das UBA schätzt,

dass 85 Millionen ungenutzte Handys

in den deutschen Schubladen liegen.

Zusammengerechnet ergibt das einen

großen Schatz: Über 21 Tonnen Silber,

zwei Tonnen Gold, 765 Tonnen Kupfer

und viele weitere Metalle. Wertvolle

Metalle, die in begrenzten Mengen auf

der Erde verfügbar sind – und die unter

teils großen Belastungen für Umwelt

und Mensch abgebaut wurden.

Die Minen der Zukunft?

Fest steht: Die Rohstoffe unserer Erde

sind großenteils endlich. Sie zu fördern,

greift empfindlich ins Ökosystem

ein, nicht selten werden dabei

umweltschädliche Substanzen freigesetzt,

es kommt zur Ausbeutung von

Menschen und zu kriegerischen Auseinandersetzungen

im Wettbewerb

um die knappen Ressourcen.

Urban Mining nutzt bereits in den

Kreislauf gebrachte Rohstoffe und

trägt somit dazu bei, die natürlichen

Ressourcen der Erde zu schonen.

Gleichzeitig erlaubt es anderen, weniger

entwickelten Ländern, auf noch

verfügbare Ressourcen zuzugreifen

und sich somit weiterzuentwickeln.

Urban Mining kann die Rohstoffversorgung

von morgen sichern, vorausgesetzt

die städtischen Minen werden

systematisch erfasst. Und wir können

schon jetzt selbst zu städtischen „Minenarbeitern“

werden – indem wir unsere

alten Handys aus den Schubladen

holen. f

Im Original erschienen bei

utopia.de.

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

41


Bauen und Wohnen

Biotope

Kleine

zwischen Wolkenkratzern

und Maschinenpark

Außenfassaden, Dächer und Grundstücksflächen von Firmen

erweisen sich überraschend oft als kleine Biotopinseln für

Vögel und Insekten. Durch gezielte Maßnahmen versuchen

manche Unternehmen, die „wilde“ Natur auf ihrem Firmengelände

zu fördern. Manchmal kommt die Natur aber auch

von allein ins Bankenviertel oder Industriegebiet.

Von Andreas Scholz

Der größte Gegner der Planer des

Bahnprojekts „Stuttgart21“ ist gerade

einmal drei Zentimeter lang, hat sechs

Beine und einen ziemlich dicken Kopf.

Die Rede ist vom seltenen und daher

geschützten Juchtenkäfer. Einen Dickkopf

hatten auch die, die sich für oder

gegen seine Baum-Zuhause am Stuttgarter

Bahnhof einsetzten. Was folgte,

war eine Geschichte über den normalen

Wahnsinn bei der Planung eines

Großprojekts.

Foto: RWE Power AG

Eine der Lehren aus dem Streit um

den Bau von „Stuttgart21“ ist: Heutzutage

müssen Politiker und Firmen mit

gestiegenem Flächenanspruch häufig

für ökologische Ausgleichsmaßnahmen

sorgen. Neben dem starken

Flächenverbrauch sorgt eine weitere

Entwicklung dafür, dass die Lebensräume

für Tiere und Pflanzen im 21.

Jahrhundert knapper werden. In einer

monotonen Landwirtschaft finden

Vögel und Insekten nämlich immer

42 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Foto: Rolf Schwarz

weniger Nahrung. Daher ziehen sie auf ihrer Suche nach

Futter immer öfter in unsere Städte – in manchen Regionen

schweben heutzutage teilweise mehr Bienen und Insekten

in den urbanen Ballungsgebieten durch die Lüfte als im

ländlichen Raum.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels und des schleichenden

Rückgangs der Artenvielfalt findet aber langsam

ein allgemeines Umdenken statt. Nicht nur kleine Betriebe

auf der grünen Wiese, sondern auch große Industrie- und

Dienstleistungsunternehmen wollen durch ökologische

Ausgleichsmaßnahmen oder umweltfreundliche Betriebsgelände

der Natur etwas zurückgeben.

Schwaben sind Vorreiter

Eine Vorreiterrolle im Umweltschutz nimmt das Bundesland

Baden-Württemberg ein. Für Firmen aus dem „Ländle“

hat die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz

Baden-Württemberg (LUBW) schon vor Jahren

einen Leitfaden für ein naturnahes Betriebsgelände entwickelt:

Unternehmen, die im Einklang mit der Natur leben

möchten, erhalten Tipps, wie sich naturnahe Außenanlagen

realisieren lassen. Dass eine moderne Gebäudegestaltung

und Artenvielfalt sich nicht ausschließen, zeigt etwa

die Unternehmenszentrale von GETRAG in Untergruppenbach

am Fuße der Löwensteiner Berge. Der Antriebsspezialist

GETRAG verschreibt sich bereits seit geraumer Zeit

den Nachhaltigkeitsgedanken. „Beim Thema Nachhaltigkeit

sind wir der Überzeugung, dass nur bei einem Gleichgewicht

von Umwelt, Ökonomie und Gesellschaft unser

Anspruch erfüllt werden kann“, erklärt Bo Zhang, Specialist

Internal und External Communications.

Das GETRAG Gebäude steht mit fast 14.000 Quadratmetern

Grundfläche aufgrund der besonderen Geologie auf

550 Pfählen, die aneinandergereiht eine Länge von 5.300

Metern hätten. „Wir haben der Natur Fläche weggenommen,

diese aber in Form von begrünten Dachflächen und

4.500 Quadratmetern Wasserfläche zurückgegeben und

damit höchste biologische Vielfalt ermöglicht“, erklärt

Zhang.

Aus der Vogelperspektive sehen die Gründächer aus wie

Wiesen und Felder. Der Unternehmenshauptsitz ist eines

der ersten Gebäude weltweit, das in derart hohem Maß Regenwasser

im Sanitärbereich und als Löschwasser nutzt.

„Fische, Seerosen sowie viele weitere Tiere und Pflanzen

finden rund um das Gebäude ein Zuhause“, erläutert

Zhang. Regelmäßig findet für Mitarbeiter am Standort in

Untergruppenbach auch eine Nachhaltigkeitswoche statt.

Imker aus der Region erklären dann anhand von Bienenschaukästen

am See hinterm hohen Schilf die hohe ökologische

und ökonomische Bedeutung der Honigbiene. >>

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

Dachbegrünung spart Geld

Doch nicht nur auf den Gründächern

von GETRAG in Untergruppenbach

finden Honigbienen, Wildbienen

und Schmetterlinge dank Dachpflanzen

wie Mauerpfeffer und Co. einen

reich gedeckten Tisch vor. Nur von

der Dachterrasse des Sudhauses in

Schwäbisch Hall wird sichtbar, dass

es auch auf dem Dach der direkt gegenüberliegenden

Kunsthalle Würth

„bunt“ zugeht.

Die Kunsthalle Würth wurde 2001

von dem bekannten Unternehmer

und Kunstmäzen Reinhold Würth in

Schwäbisch Hall gegründet. Vordergründig

zur Wärmedämmung angelegt,

entpuppen sich die Salbei- und

Mauerpfefferkolonien auf dem Dach

der Kunsthalle als wahre Insektenweiden

und stehen in ihrer Farbenpracht

den Meisterwerken ein Stockwerk tiefer

in nichts nach.

Der Trend zum Gründach nimmt bei

großen Industrieunternehmen zu.

Denn: mit einem durchdachten Regenwassermanagement

können Firmen

zudem hohe Gebühren für Abwasser

sparen. Gründächer wirken sich

durch ihre wärmedämmenden Fähigkeiten

positiv auf die Energiebilanz

aus. Dass Schmetterlinge und Bienen

sich auf den Gründächern wohlfühlen,

ist ein schöner Nebeneffekt.

Auf ein Naturdach setzte auch der

Softwareriese SAP bei der Planung

des Hauses im Park in St. Ingbert. In

Kooperation mit der Firma Optigrün

– einem der international führenden

Anbieter für Dachbegrünung mit Sitz

im schwäbischen Krauchenwies – entstanden

2010 in einem Pionierprojekt

üppige Grünbereiche in luftiger Höhe.

Den Klimawandel und die Energiebilanz

stets vor Augen ziehen weitere

Industriebetriebe mit Gründächern

nach.

Foto: Andreas Scholz

Bagger als Brutplatz

Ein Firmengelände kann jedoch nicht

nur Schmetterlingen oder Bienen als

ökologische Nische dienen. Neue Lebensräume

im urbanen Raum hat sich

ebenfalls der Wanderfalke erobert.

Von seinen einstigen Nistplätzen in

Steinbrüchen weicht der Wanderfalke

als Kulturfolger inzwischen auf Hochhäuser,

Kraftwerke, Brückenpfeiler

oder Fernsehtürme als künstliche Ersatzfelsen

aus. Im Tagebau Hambach

der RWE Power AG brütet der Wanderfalke

seit Jahren regelmäßig auf

fahrbaren Baggern!

Auch an der Außenfassade des

Kraftwerks in Gommersdorf hat der

Wanderfalke schon seine Jungen

großgezogen. Die RWE Power AG arbeitet

in Nordrhein-Westfalen eng

mit lokalen Naturschutzgruppen und

Greifvogelexperten zusammen. Der

Energiedienstleister hat extra eine

Forschungsstelle zur Rekultivierung

von einstigen Braunkohletagebauen

gegründet. Wo einst die Braunkohlebagger

rollten, um die oft kritisierte

Energieressource zu fördern, gibt es

inzwischen seltene Orchideen und Libellen.

Einen ungewöhnlichen Nistplatz

sucht sich seit mehr als zehn Jahren

auch ein Wanderfalkenpärchen in

Frankfurt am Main aus. Auf dem 285

Meter hohen Commerzbank-Tower in

der Bankenmetropole erblicken jedes

Jahr ein paar Jungfalken das Licht der

Welt. Der Finanzdienstleister lässt den

Wanderfalken gewähren und sorgt dafür,

dass während der Aufzucht der

Jungen keine Wartungsarbeiten auf

dem Dach durchgeführt werden. Nur

lokale Naturschutzgruppen dürfen in

der Brutphase aufs Dach.

Naturnahe Betriebsgelände sind langfristige

Projekte, bei denen Firmen oft

Hand in Hand mit lokalen Naturschutzorganisationen

sowie Landschaftsarchitekten

und -gärtnern zusammenarbeiten.

Der Artenreichtum auf dem

Betriebsgelände nimmt sogar noch zu,

wenn eine Verwilderung teilweise zugelassen

wird. Ein weiteres Kooperationsbeispiel

für gelebten Artenschutz

liefert der Steinbruch der Heidelberg-

Cement AG in Nußloch. Der seltene

Bienenfresser gräbt hier seit mehreren

Jahren wieder seine Brutröhren

in die Abbruchkanten. Während der

Brutzeit des schillernden „Paradiesvogels“

erhält die örtliche NABU-Gruppe

44 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Weitere Informationen

f SCHWEGLER Vogel- und Naturschutzprodukte GmbH

www.schwegler-natur.de

f Bauanleitungen für Vogel-Nistkästen

www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/helfen/nistkaesten/

f Bauanleitungen für Insektenhotels

http://www.insekten-hotels.de/bauanleitung.html

f Anleitung zum Bau einer Trockenmauer

www.hausjournal.net/trockenmauer-bauen

f Optigrün – Gründachspezialist

www.optigruen.de

Foto: Torsten Haag

f Rekultivierung von RWE-Tagebauflächen

www.forschungsstellerekultivierung.de

Foto: Andreas Scholz

Oben links: Salbei- und

Mauerpfefferkolonien auf dem

Dach der Kunsthalle Würth

Oben rechts: Nistplatz auf dem

Golfplatz

Unten rechts: Anbringung eines

Nistkastens auf dem Golfplatz in

Friedrichsruhe

von HeidelbergCement ein exklusives

Zugangsrecht zum Steinbruch.

Singvögel auf Golfplätzen kein Handicap

Dass ökologische Vielfalt auf gepflegtem

Rasengrün möglich ist, zeigt sich

auch auf dem Golfplatz in Friedrichsruhe.

Die Geschäftsleitung des Golf-

Clubs Heilbronn-Hohenlohe hatte

nichts dagegen, als Jürgen Laucher

zusammen mit seinen Kollegen vom

NABU Öhringen im März 2018 erstmals

Nistkästen auf dem Golfgelände

aufstellte.

Die Idee, das Golfgrün mit Nistkästen

für heimische Singvögel zu bestücken,

kam Jürgen Laucher beim Golfspielen.

„Die Landschaft hier auf dem Golfplatz

in Friedrichsruhe ist sehr vielseitig.

Es gibt viele alte Bäume, mehrere

Seen, offene Flächen und kleine

Waldstücke“, erklärt der passionierte

Hobby-Golfer. An den Seen auf dem

Golfplatzgelände hat der Tierarzt im

Ruhestand schon Zwergtaucher und

Teichrohrsänger entdeckt. Inzwischen

hängen rund 60 Nistkästen auf

dem Golfplatzgelände. Jürgen Laucher

hofft, dass er auf seinen ornithologischen

Führungen den Besuchern zukünftig

noch mehr Vogelarten zeigen

kann.

Spannende Vogelbeobachtungen auf

industriellem Terrain sind für Naturschützer

auch in den Fabrikfilialen

von Südzucker im süddeutschen

Raum möglich. Wenn aus Rüben

Zucker gewonnen wird, fällt massig

Wasser an. Das Abwasser reinigt Südzucker

in fabrikeigenen Klärteichen.

Die Klärteiche locken seit vielen Jahren

seltene Vogelarten an. Rund um

den Klärteich in Offenau bieten regionale

Naturschutzgruppen regelmäßig

ornithologische Führungen an. f

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

45


Bauen und Wohnen

Fotos: Fabian Stürtz / vdi

Markus Pfeil macht aus Gebäuden

ganzheitliche Energiesparer.

vom Keller

bis zum Dach

Man könnte es fast übersehen:

Das neue Gebäude der

Deutschen Bundesstiftung

Umwelt (DBU) in Osnabrück gibt

sich auf den ersten Blick zurückhaltend.

Die Form und Konturen folgen

einem klaren Konzept. Ziel, Sinn und

Zweck sind ein sparsamerer Umgang

mit Ressourcen und Energie. Hinter

dem Energiekonzept des Projekts

steckt der Ingenieur Markus Pfeil.

Mit seinem Ingenieurbüro entwickelt

er ganzheitliche Energielösungen für

Bauten jeder Art. Das Ergebnis seiner

Arbeit in Osnabrück: Mit 15 KWh/m2

(das entspricht 1,5 Liter Heizöl) wird

nur noch ein Bruchteil der Heizenergie

vergleichbarer Gebäude benötigt.

Dank einer Reihe weiterer Maßnahmen

wird sogar mehr Energie erzeugt

als selbst verbraucht. Das Prinzip

nennt sich Plusenergiehaus.

Hausgemachte Klimatechnik

Es gehört zum Selbstverständnis

einer Umweltorganisation wie der

DBU, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen.

Entsprechend entwickelte

Markus Pfeil das Energiekonzept mit

einem hohen ökologischen Anspruch.

Das beginnt bei der vorbildlichen Nutzung

von Baumaterialien wie Holz für

die Rahmenkonstruktion und recycelbarem

Hanf für die Wärmedämmung.

Große Fensterflächen mit regelbarem

Licht- und Wärmeeintrag sorgen für

viel Tageslicht und vermeiden Überhitzungen.

Deckenstrahlplatten regeln

ganzjährlich die Temperatur:

Sie kühlen im Sommer und heizen im

Winter. Ein hocheffizientes Blockheizkraftwerk

liefert die Wärme und eine

große Fotovoltaikanlage auf dem Dach

liefert zusätzlich Strom. Energiezukunft

an allen Ecken und Enden.

„Spielen war für mich immer mit

Technik verbunden.“

Die Begeisterung für Technik reicht

bei Markus Pfeil weit zurück: „Bauen,

Löten und Schweißen wurden mir

quasi in die Wiege gelegt”. Als Sohn

eines Mechanikers hatte er von Kindesbeinen

an Kontakt zu Technik und

schraubte bereits mit zehn Jahren am

ersten eigenen Auto herum. „An meinem

Vater ist auf jeden Fall ein Ingenieur

verloren gegangen”, sagt Markus

Pfeil. Für den Sohn war der Weg

zum Maschinenbaustudium vorgezeichnet.

Doch im Studium stellte sich

schnell heraus, dass seine eigentliche

Liebe der Energietechnik galt. Gerade

die Fotovoltaik war Mitte der 1990er

ein neues, spannendes und gleichzeitig

wichtiges Feld. Aus der Berufung

wurde bald ein Beruf und schließlich

ein eigenes Ingenieurbüro, das er mit

seinem Kollegen Holger Koch 1997

gründete. „Es geht um ganzheitliche

Energiekonzepte: von der energieeffizienten

Gebäudehülle bis zu innovativen

Techniken wie Geothermie, Biomasse

und Solarenergie”, sagt Markus

Pfeil.

Das Thema spielt inzwischen auch in

seinem Leben eine ganzheitliche Rolle.

Als Professor der Münster School

of Architecture vermittelt er angehenden

Architekten sein Wissen. Zudem

plant und baut er für seine Familie

und zusammen mit 13 weiteren Familien

in Köln zwei Mehrfamilienhäuser

nach neuesten energetischen, ökologischen

und sozialen Gesichtspunkten.

Markus Pfeil gönnt sich nur ein

Hobby, das sich nicht an neuesten Klimastandards

orientiert, das er dafür

aber umso nachhaltiger pflegt. In seiner

Freizeit schraubt er mit viel Leidenschaft

an seinem Mercedes Benz,

Baujahr 1966, den er seit über 25 Jahren

straßentauglich hält. f

Aus Ingenieurgeschichten des VDI

46 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Natur

am

Arbeitsplatz

Wenn Büros

glücklich machen

Von Jennifer Nicolay

Wenn es um die Schönheit der Natur geht, brauchen wir

sie alle. Die sinnliche Erfahrung von Ästhetik in der Natur

mindert nachweislich Stress und regt die Fantasie an. Das

kann man auch im Stadtleben und in modernen Büro-Innenräumen

nutzen: Mit dem sogenannten Biophilic Design

bringt der Hersteller modularer Bodenbeläge Interface die

Natur ganz bewusst zurück an den Arbeitsplatz. Das sorgt

für mehr Gesundheit, Wohlbefinden und Kreativität.

Fragt man Menschen danach, wo sie sich am zufriedensten,

am kreativsten und am produktivsten fühlen, wird kaum

jemand antworten: im Büro. Vielmehr wird man Antworten

bekommen wie: an einem See, mit dem Blick aufs Meer

oder zu Hause im Garten. In natürlicher Umgebung fühlen

Menschen sich nachweislich wohler. Doch unser Alltag

sieht bekanntlich anders aus, und so wird der direkte

Kontakt zur Natur oftmals zu einer unerfüllten Sehnsucht.

Das ist das Ergebnis des „Human Spaces Reports“ von Interface,

der unter der Leitung des Organisationspsychologen

Professor Sir Cary Cooper entstanden ist. Darin wurden

7.600 Büroangestellte aus 16 Ländern befragt, welche

Wirkung die Büroumgebung auf ihr Wohlbefinden hat. Die

Ergebnisse: Viele Angestellte werden krank, leiden >>

Foto: Interface

47


Bauen und Wohnen

an Depressionen oder Unkonzentriertheit, wenn sie sich

überwiegend in einer Umgebung ohne jeglichen Naturbezug

aufhalten.

In Deutschland arbeiten nach Angaben des Reports 84 Prozent

der Menschen in einer städtischen Umgebung. Die allermeiste

Arbeitszeit verbringen wir in Innenräumen. Und

das oft ohne Bezug zur Natur: 43 Prozent der Deutschen

sollen laut Human Spaces Report keine Grünbepflanzung

am Arbeitsplatz haben, 41 Prozent nicht einmal natürliches

Tageslicht. Das Potenzial für Veränderungen zugunsten

von Gesundheit, Wohlbefinden und Produktivität ist

entsprechend hoch. Bereits kleine Veränderungen wie das

Aufstellen von Pflanzen oder der Blick ins Grüne können

nämlich den Stresslevel signifikant senken. Da lag es für

Interface nahe, genau an dieser Stelle innovative Lösungen

zu entwickeln und anzubieten. Der gewählte Ansatz beruht

auf der Theorie der Biophilie.

Was genau ist Biophilie?

„Biophilie ist das angeborene, biologisch bedingte, menschliche

Bedürfnis nach Kontakt mit der Natur.“ Das Zitat

stammt von der Unternehmensberatung Terrapin Bright

Green. Den theoretischen Hintergrund dazu liefert der

deutsch-amerikanische Psychoanalytiker und Philosoph

Erich Fromm, der die Biophilie in den 1960er Jahren als

dem Menschen innewohnende Eigenschaft definierte.

Auch der Biologe E. O. Wilson baute eine Theory of Biophilia

auf, die davon ausgeht, dass die Verbindung zur Natur

ein menschliches Bedürfnis ist und sich positiv auf Wohlbefinden,

Produktivität und Beziehungen auswirkt.

Im Laufe der letzten Jahre entwickelten sich auf dieser Basis

praxisnahe Architektur- und Design-Ansätze: Biophilic

Design findet dabei nicht nur in Innenräumen, sondern

auch bei der Entwicklung ganzer Smart Cities Anwendung.

Dahinter steht mehr, als einige Grünflächen auf Häusern

und in Parks zu integrieren oder ein paar Zimmerpflanzen

ins Büro zu stellen. Es spricht ein Urbedürfnis und evolutionäres

Erbe an, das den Menschen in Beziehung zur Natur

setzt. Dadurch wird die Natur besonders wertgeschätzt. Das

Foto: Interface

Design-Konzept bedient sich dazu verschiedener Wahrnehmungsmuster,

die Menschen als positiv, beruhigend oder

anregend empfinden.

Woran orientiert sich das Biophilic Design?

Auch bei Interface nutzt man die Erkenntnisse von Biophilic

Design, und hierbei insbesondere die „14 Patterns

of Biophilic Design“, die Terrapin Bright Green 2014 vorstellte.

Diese Muster gliedern sich in drei Kategorien: Die

erste Kategorie greift direkt die Natur im Raum auf, also

beispielsweise die Sicht auf Pflanzen oder das Vorhandensein

von Wasser. Auch natürliches Licht, Verbindungen zu

Terrassen und Innenhöfen oder kinetische bzw. bewegliche

Wandelemente gehören in die Kategorie der Natur im

Raum.

Die zweite Kategorie greift Analogien zur Natur auf. Das

sind in der Regel nicht-organische und indirekte Anklänge

an die Natur, etwa Farben und biomorphe Formen oder

auch Bodenstrukturen und symbolische Anspielungen auf

bestimmte Muster, die man in der Natur vorfindet.

Die dritte Kategorie ist etwas abstrakter. Sie betrifft die

Charakteristik des Raumes. Dabei greift man das Bedürfnis

nach Überblick oder Rückzug auf, spielt aber auch mit

der Sensation, von einem Geheimnis überrascht zu werden

oder ein Risiko einzugehen. Dadurch wird die Fantasie angeregt

und kreatives Potenzial kann sich entfalten. In der

Raumgestaltung fallen etwa Balkone, höher liegende Ge-

48 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

bäudeteile mit durchsichtigen Geländern oder Bodenplatten

in das Wahrnehmungsmuster Risiko. Auditive Reize

wie Musik aus einer nicht wahrnehmbaren Quelle erleben

wir als geheimnisvoll.

Wie setzt Interface das Biophilic Design um?

Um die Gesundheit und das Wohlbefinden am Arbeitsplatz

und in der Lebenswelt zu steigern, setzt Interface gezielt

Biophilic Design bei seinen Kunden in der Praxis ein. „We

make carpet tile, but we sell design“, lautet ein Slogan des

Unternehmens, der sofort spürbar ist, wenn man entsprechend

gestaltete Räume betritt. Die modularen Bodenbelagslösungen

mit ihren verschiedenen Mustern, Texturen

und Farben sind dabei Teil eines umfassenderen Innenraumdesigns,

das zum Verweilen, zur Rekreation und Kreation

einlädt.

Im Mai letzten Jahres hat Interface dazu die Kollektion Global

Change vorgestellt, die das biophile Design besonders

interpretiert: „Global Change wurde von den Übergängen

in der Natur inspiriert. Mit organischen Mustern und linearen

Strukturen verknüpft diese Kollektion Menschen

mit der Erde, den Morgen mit dem Abend und die Nacht

mit dem Tag“, informiert die Unternehmenshomepage. Die

Global-Change-Produkte sind speziell dafür ausgelegt, miteinander

kombiniert zu werden, und bieten so eine große

Bandbreite an sinnlichen und visuellen Erfahrungen.

Für Global Change verwendet Interface darüber hinaus umweltfreundliches

Solution-Dyed-Polyamid, was die Produkte

besonders nachhaltig macht: „Als eine unserer umweltfreundlichsten

Kollektionen unterstützt sie unser Ziel, ein

lebensfähiges Klima zu schaffen, und bringt uns letztlich

einen wichtigen Schritt weiter auf unserer Climate Take

Back-Mission.“

Foto: Interface

Interface selbst setzt beispielsweise das Biophile Design

in seinem deutschen Hauptstandort im Krefelder Mies van

der Rohe Business Park um. Dort haben die Concept Designer

verschiedene Bodenbelagstexturen verwendet, um eine

besondere Haptik unter den Fußsohlen zu erzeugen. Hochflorige

Teppichfasern wechseln sich mit kürzeren Fasern

ab und ahmen einen natürlichen Untergrund nach. Die geradlinige

Architektur wird durch organische Formen der

Möbel und Lampen aufgebrochen, ein Wasserfall sorgt für

ein angenehmes Raumklima. In der Raumaufteilung gibt

es Überblickspunkte und sichtgeschützte Bereiche, die als

Rückzugsort dienen.

Der Standort ist so konzipiert, dass sich die Mitarbeiter in

Krefeld wie zu Hause fühlen. Dabei können sie selbst flexibel

entscheiden, ob ihnen nach Kommunikation, nach entspanntem

Arbeiten oder fokussierter Konzentration ist. Die

durch die unterschiedliche Gestaltung der einzelnen Räume

und Einheiten entstandene Heterogenität im Gesamtbild

ist gewollt: „Interface ist nicht einfarbig, nicht regelmäßig,

nicht berechenbar und nicht langweilig – genauso

wie wir dies aus unserer natürlichen Umgebung kennen.“

Die positiven Effekte, die das Raumdesign auf die Mitarbeiter

hat, werden aktuell ausgewertet. f

Biophilic Design in Krefeld

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Zum Wandel

des Wohnens

Von Christine Hannemann


Foto: Monkey Business / stock.adobe.com

Privatheit, eine enorme

technische Ausstattung

und die Infrastrukturanbindung

an Zentralheizung,

Kanalisation oder

den öffentlichen Nahverkehr

kennzeichnen unser

heutiges Wohnen. Wir geben

eine Menge Geld aus,

um den Wert der Wohnausstattung

zu steigern

und mehr Platz zu haben.

Demgegenüber schrumpft

das, was in der Wohnung

zwingend erledigt werden

muss. Aber warum

wird dennoch in unserem

Kulturkreis an der eigenen

Wohnung festgehalten?

Wohnen gehört zu den elementaren

Bedürfnissen des

Menschen und weckt Assoziationen

wie Sicherheit, Schutz,

Geborgenheit, Kontakt, Kommunikation

und Selbstdarstellung. Gleichzeitig

ist das Wohnen einem ständigen

Wandel unterworfen und weist sehr

unterschiedliche Ausprägungen auf,

regional, sozial, individuell. Wie die

Grundbedürfnisse befriedigt werden,

verändert sich im historischen Maßstab

ebenso wie für jeden Menschen

im Laufe seines Lebenszyklus. Die

Wohnung stellt für die meisten Haushalte

den Lebensmittelpunkt dar. Sie

beeinflusst den Alltag von Familien,

die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten,

die Sozialisationschancen von

Kindern, Gesundheit und Wohlbefinden.

Die Wohnung bestimmt, wie Intimität

und Privatsphäre geschützt werden.

Wohnen bedeutet mehr als nur Unterkunft,

sie ist auch Ort und Medium der

Selbstdarstellung und der Repräsentation.

Im Wohnen manifestiert sich

der soziale Status. Lage und Standort

(Viertel, Straße), Wohnform (Villa,

Mietshaus), Wohnumfeld sowie Architektur

haben während der gesamten

Wohnungsbaugeschichte immer

auch die gesellschaftliche Stellung

der Bewohner abgebildet. Das Bürgertum

im 19. Jahrhundert residierte in

Landhäusern und Villen oder bewohnte

die „Belle Etage“ der Bürgerhäuser.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde

das Eigenheim neben dem Auto zum

wichtigen Statussymbol. Dagegen bedeutet

der Verlust der Wohnung – die

Wohnungslosigkeit – einen starken

sozialen Abstieg und tendenziell eine

Ausgrenzung aus der Gesellschaft.

Idealtypus des modernen Wohnens

Unsere heutige Vorstellung vom

Wohnen hat sich wesentlich erst mit

der Urbanisierung und Industrialisierung,

also seit der Entstehung der Moderne,

herausgebildet. Sie wird durch

fünf Merkmale charakterisiert, die

den Massenwohnungsbau zumindest

bis in die 1970er Jahre beschrei- >>

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

51


Bauen und Wohnen

ben. Diese Merkmale erklären, warum

sich heute das Wohnen in einer Wohnung

mit hierarchisch-funktionell angeordneten

Räumen – Wohnzimmer,

Schlafzimmer, Kinderzimmer, Küche,

Bad, Flur – als „Wohnleitbild“ stark

verfestigt hat.

Zu den idealtypischen Kennzeichen

zählen:

f Trennung von Arbeiten und Wohnen:

Wohnen als Ort der „Nichtarbeit"

f Begrenzung von Personen: Wohnen

als Lebensform der Kleinfamilie

f Auseinandertreten von Öffentlichkeit

und Privatheit – Wohnen als Ort der

Intimität

f Entstehung des Wohnungsmarkts –

Wohnung als Ware

f Einfluss technischer Entwicklungen

– Wohnen als Ort der Technisierung

Postmoderne Transformation der

Lebensverhältnisse

Waren Sozialer Wohnungsbau und

technische Normierungen kennzeichnend

für die Entwicklungen in der

zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts,

wandelt sich das Wohnen heute vor allem

durch die postmoderne Transformation

aller Lebensverhältnisse, insbesondere

durch Individualisierung,

Alterung sowie Entgrenzung und Subjektivierung

der Erwerbsarbeit.

Individualisierung

Individualisierung meint einen mit

der Industrialisierung und Modernisierung

der westlichen Gesellschaften

einhergehenden Übergangsprozess

des Individuums von der Fremd- zur

Selbstbestimmung. In der gegenwärtigen

postmodernen Gesellschaft prägt

eine qualitativ neue Radikalität diesen

Prozess. Gesellschaftliche Grundmuster,

wie die klassische Kernfamilie,

zerfallen. Der zunehmende Zwang

zur reflexiven Lebensführung bewirkt

die Pluralisierung von Lebensstilen,

und Identitäts- und Sinnfindung werden

zur individuellen Leistung. Für

das Wohnen relevant ist dabei vor

allem die Singularisierung als freiwillige

oder unfreiwillige Form des

Alleinwohnens und der Schrumpfung

der Haushaltsgrößen. Gerade die mit

dem Alleinwohnen verbundenen

Verhaltensweisen und Bedürfnisse

verändern die Infrastruktur in den

Innenstädten: Außerhäusliche Einrichtungen

wie Cafés und Imbissmöglichkeiten

bestimmen zunehmend die

öffentlich sichtbare Infrastruktur in

den Stadtteilen. Dies gilt gleichermaßen

für Angebote von Dienstleistungen

und Kommunikation aller Art.

Alterung

Ein immer größerer Anteil von Menschen

wohnt im Alter allein. Dies betrifft

insbesondere Frauen, die in Privatwohnungen

leben, resultierend aus

der nach wie vor längeren Lebenserwartung

von Frauen und dem immer

stärker und besser zu realisierenden

Wunsch, länger in den eigenen vier

Wänden zu bleiben. Vor allem aber

bleiben „die Alten“ auch länger „jung“,

aktiv und vital. Traditionelle Altenheime

entsprechen nicht dem vorherrschenden

Wunsch nach Erhaltung der

gewohnten, selbstständigen Lebensführung.

Neue Modelle sind hier etwa

die Alten-Wohngemeinschaft und das

Mehrgenerationenhaus.

Entgrenzung und Subjektivierung

der Arbeit

Besonders einschneidend und für

Stadtentwicklung und Veränderung

der Ansprüche an das Wohnen besonders

relevant ist die zeitliche Entgrenzung

von Arbeit. Arbeitszeiten

sind immer weniger an Tages- und

Nachtzeiten gebunden, wie beispielsweise

bei der Schichtarbeit. Diese

zeitliche Entgrenzung wird flankiert

durch die räumliche: Flexible Arbeitsmodelle

wie das Arbeiten am heimischen

Schreibtisch oder außerhalb

des Büros werden immer mehr zum

Normalfall der Erwerbstätigkeit. Für

die Lebensverhältnisse dramatisch ist

vor allem die rechtliche Entgrenzung

von Arbeit. Hier wird auch von Deregulierung

gesprochen. Indikatoren

für diese Wertung sind das vermehrte

Aufkommen von Zeit- und Leiharbeit,

von befristeten Verträgen und einem

verringerten Kündigungsschutz.

Von „Subjektivierung“ wird gesprochen,

weil die Forschung eine Intensivierung

von „individuellen“, das heißt

persönlich involvierten Wechselverhältnissen

zwischen Mensch und

Betrieb beziehungsweise betrieblich

organisierten Arbeitsprozessen konstatiert.

Gemeinsam ist diesen Entwicklungen,

dass Entgrenzung und

Subjektivierung die systematische

Ausdünnung zur Folge hat. So sind

beispielsweise Tarifverträge für immer

weniger Erwerbstätige relevant,

immer mehr arbeiten in temporären

Arbeitsverhältnissen, in Praktika oder

in Projekten. Des Weiteren bedeuten

Entgrenzung und Subjektivierung

52 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

auch, dass sich die Strukturen von

Arbeit dynamisieren: Beispielsweise

wird räumliche Flexibilität immer notwendiger.

Damit verändern sich auch

die Anforderungen an das Wohnen

und die Lage, Größe und Ausstattung

der Wohnungen. Schon 2020 wird

nur noch die Hälfte der Angestellten

in Deutschland vorwiegend im Büro

sitzen.

Foto: Halfpoint / stock.adobe.com

Wie das Wohnen die Stadt verändert

Angesichts der Individualisierung bekommt

die Wohnfunktion in der Stadt

eine neue Bedeutung als Reurbanisierung.

War lange Zeit die Suburbanisierung der bestimmende

Trend des Wohnens, wird heute wieder das Wohnen

in den Städten zum bevorzugten Ziel verschiedenster und

disparater „Nutzergruppen“. Über die tatsächliche Renaissance

der Stadt wird in der Fachwelt zwar heftig gestritten,

unübersehbar aber sind die Veränderungen in innerstädtischen

Wohngebieten: Wohnstandorte, die früher – pauschal

gesprochen – hauptsächlich von sozial Schwachen,

verschiedene Ethnien mit Migrationshintergrund eingeschlossen,

bewohnt wurden, prägen heute junge Familien,

Edelurbaniten, Baugemeinschaften, Studierende und Jungakademiker

sowie Senioren- und andere Residenzen innerstädtische

Wohnmilieus. Die Struktur der Stadtbewohner

wird älter und sichtlich bunter: Veränderte Lebensstile bedingen

Wohnformen jenseits der klassischen abgeschlossenen

Kleinwohnung mit Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer.

Darüber hinaus wird Multilokalität für immer mehr Menschen

zur sozialen Praxis, insbesondere für Berufstätige.

Mobilität ist ein Schlüsselerfordernis gegenwärtiger

gesellschaftlicher Verhältnisse, fast zwangsläufig eine

Grundbedingung der Erwerbsarbeit. Eine spezifische Form

des Mobilseins, die sich auch als Spannungsfeld zwischen

Mobilität und Sesshaftigkeit konstituiert, ist das multilokale

Wohnen, also die Organisation des Lebensalltags über

zwei oder mehr Wohnstandorte hinweg. Multilokalität

hat inzwischen einen solchen Umfang und solche Spezifik

erlangt, dass in der sozialräumlichen Forschung diese

soziale Praxis der Lebensführung „gleichberechtigt neben

Migration und Zirkulation“ gestellt wird. Wohnen kann

sich sogar auf „Übernachten“, auf die reine Behälterfunktion,

reduzieren: Soziale Einbindung, gar nachbarschaftliches

Engagement oder kulturelle Inwertsetzung werden

nicht am – zeitlich gesehen – „Meistwohnort“ realisiert,

sondern nur am Ort des zeitlich weniger genutzten Hauptwohnsitzes.

Zwar bleibt die Angewiesenheit auf die Containerfunktion

der Wohnung als grundlegende Existenzform des Menschen

konstant, aber ihr jeweiliger lokaler Stellenwert

verschiebt sich, wird hybrider: Temporäre Wohnformen

jeder Art werden ubiquitärer. Gerade mit den Mitteln von

modernen Kommunikationstechnologien kann das Heimischsein

zu Orten hergestellt, erhalten, aber auch konstituiert

werden, die nicht auf den aktuellen Wohnsitz bezogen

sind. f

Gekürzte Fassung des Essays

„Zum Wandel des Wohnens“, im

Original erschienen in der APuZ

„Wohnen“ von 2014.

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

53


Bauen und Wohnen

Collaborative Living

Architektur eines

neuen Lebenskonzepts

Die Sharing Economy brachte in den letzten Jahren die herrschende Ordnung in immer mehr

Lebens- und Wirtschaftsbereichen vollständig durcheinander. Die Kernidee hinter den Konzepten

von Airbnb, Uber und car2go: Zugang und Nutzung sind wichtiger als Eigentum. Lässt

sich dieses Prinzip auch auf unsere Wohnkultur übertragen? Eine Frage wie diese stellt sich

angesichts der Urbanisierung und des demografischen und gesellschaftlichen Wandels umso

drängender, da die Städte immer größer bzw. voller werden und sich gleichzeitig die Art, wie die

Menschen wohnen, verändert.

Von Caspar Schmitz-Morkramer

Die Herausforderungen, vor denen Städte in Zukunft stehen,

sind klar: Bezahlbarer Wohnraum ist ebenso gefragt

wie lebenswerte Städte mit Rückzugsorten, Grünflächen

und Freiräumen. Eines der kommenden Konzepte, die darauf

eine Antwort geben, sind Micro-Apartments. Ist „Collaborative

Living“ ein weiterer Teil der Lösungsstrategie

auf dem Weg zu lebenswerteren Städten? Wie müssen architektonische

Konzepte aussehen, die sich für diese neue

Idee des geteilten Wohnens eignen?

Das Prinzip der Schnittstelle: So funktioniert die

Sharing Economy

Um diese Fragen zu beantworten, ist es zunächst wichtig zu

verstehen, wie die Sharing Economy funktioniert. Das Faszinierende

an den neuen Sharing-Konzepten ist, dass die

dahinter stehenden Unternehmen im Verhältnis zu ihrer

Reichweite sehr klein sind. Über Airbnb werden beispielsweise

weltweit über 1,5 Millionen Wohnungen angeboten.

Airbnb selbst zählt aber gerade einmal 600 Mitarbeiter.

Foto: Amanda Dahms

Der Grund für dieses ungleiche Verhältnis zwischen Reichweite

und Unternehmensgröße liegt am Prinzip, das hinter

54 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

der Sharing Economy steckt. Sie beruht

auf dem Prinzip der Schnittstelle.

Über diese Schnittstellen in Form

von Homepages oder Apps werden

Wohnungen, Mitfahrgelegenheiten,

Autos etc. vermittelt. Im Falle von

Airbnb betreibt das Start-up lediglich

die Plattform, über die sich jeder kostenlos

anmelden und sein Haus, seine

Wohnung oder einen Teil davon zur

Vermietung anbieten kann.

Kann man Wohnen auslagern?

Wenn es allerdings um das Wohnen

geht, ist die Sache nicht ganz so einfach

wie im Fall von Uber oder Airbnb.

Insbesondere mir als Architekten

stellen sich Fragen, die das gängige

Weltbild von traditioneller Wohnarchitektur

auf den Kopf stellen: Wie

ist es praktisch umsetzbar, in der eigenen

Wohnung keine Küche mehr

zu haben? Wird dann nur ab und zu

eine gemeinschaftlich nutzbare Küche

verwendet? Schon diese erste Überlegung

stößt in der Praxis auf erhebliche

Schwierigkeiten. Wenn bestimmte

Wohnbereiche eingespart und dazu

aus den eigenen vier Wänden ausgelagert

werden sollen, wird der vorhandene

Wohnraum nicht automatisch

kleiner oder günstiger.

Sprich: Der große Teil des Bestands

an Wohnungen in den Städten ist entsprechend

für solche strukturellen

Veränderungen der Wohnkultur nur

bedingt geeignet. Meiner Überzeugung

nach wird es darum in Zukunft

eine steigende Nachfrage nach neuen

architektonischen Entwürfen geben,

die sich besser für Collaborative

Living eignen. Im Zentrum wird es darum

gehen, die Frage zu beantworten:

Wie sehen solche architektonischen

Modelle aus, die einer Sharing Economy

entgegenkommen?

Inbegriff für Mobilität: Der Container

als Lebens- und Wohnraum

Seit den 1920er Jahren gab es immer

wieder Versuche, modulare Bauweisen

zu erproben und dafür standardisierte

Bauteile zu entwickeln, die

beliebig je nach Bedarf kombiniert

werden können. Das Prinzip des Teilens

und temporären Nutzens ist mit

so einer Vorstellung durchaus kompatibel.

Einer der am erfolgreichsten

standardisierten, modularen Gegenstände

ist der Container.

Der Container ist eine Erfindung der

globalisierten Welt, die seit dem Ausbau

des Eisenbahnschienennetzes

immer mehr zusammenwuchs. Der

Container ist der Inbegriff für Mobilität

und Globalisierung. Der internationale

Frachtverkehr machte es im 20.

Jahrhundert notwendig, sich auf einen

standardisierten Transportbehälter zu

verständigen. 1956 wurde erstmals

ein solcher internationaler Standard

für den Frachtverkehr auf LKWs und

Schiffen festgelegt. Seit den 1970er

Jahren wurden diese Frachtcontainer

für temporäre Nutzungen wie Büroräume,

temporäre Kliniken oder als

Wohnraum genutzt. Vor allem in den

USA fand diese Form des Wohnens

großen Anklang.

Das Wohnen im Container hat seinen

ganz eigenen Reiz. Einer der großen

Vorteile, die diese Wohnform hat,

ist sicher an erster Stelle der Preis.

Schnell und kostengünstig lassen sich

Container in Wohnraum verwandeln –

beispielsweise für Studenten. Die Vorstellung

aber, dass im Container nur

billiger Wohnraum entstehen kann,

ist allerdings falsch.

Collaborative Living setzt sich

durch

Die Dezentralisierung des Wohnens

kommt den Gegebenheiten unserer

Gesellschaft entgegen. Die demografische

Entwicklung in den letzten

Jahren hat mehrere Trends gezeigt.

Die traditionelle Familie ist – leider

– ein Auslaufmodell. Neben jungen

Menschen leben immer mehr ältere

Menschen allein und lassen damit die

Single-Haushalte zur meistverbreiteten

Wohnform werden. Patchwork-Familien

und Mehrgenerationen-Haushalte

liegen ebenfalls wieder im

Trend.

Angesichts dieser demografischen

und gesellschaftlichen Entwicklung

scheint es nur konsequent zu sein,

dass sich das Collaborative Living als

neuer Megatrend durchsetzen wird.

Die Funktionen, die eine Wohnung

erfüllen muss, lassen sich auf das

Wesentliche reduzieren, wenn es eine

entsprechende Ausweichmöglichkeit

gibt, die dazu noch einen Mehrwert

hat. Für ältere Menschen können

Gemeinschaftsküchen und gemeinsam

benutzte Esszimmer insbesondere

deswegen interessant sein, weil

sie zugleich als Orte der Begegnung

dienen. >>

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

55


Bauen und Wohnen

Neue Gemeinschaftskonzepte am

Beispiel des Wohnquartiers „Le

Flair“

Das „Le Flair“ in Düsseldorf setzt auf

ein neues Gemeinschaftskonzept.

Anstatt in jeder Wohnung ein Gästezimmer

einplanen zu müssen, bietet

das Projekt den Bewohnern eine

Gästewohnung an, die allen gleichermaßen

zur Nutzung zur Verfügung

steht. Des Weiteren gibt es einen Gemeinschaftsraum,

der von allen Bewohnern

des Quartiers für besondere

Anlässe gebucht werden kann. All

diese gemeinschaftlich genutzten Flächen

und noch weitere Dienstleistungen

werden im „Le Flair“ über einen

Servicepoint, in dem tagsüber ein Ansprechpartner

vor Ort ist, organisiert.

Collaborative Living ist die Renaissance

des öffentlichen Raums

Meine These ist, dass nicht nur der

private Wohnraum auf das Wesentliche

reduziert, sondern im gleichen

Zug auch der öffentliche Raum aufgewertet

werden wird. Wie schon früher

die Marktplätze Orte der Begegnung

und des zwanglosen Aufenthalts waren,

wird es zu einer Renaissance von

öffentlichen Orten kommen. Auch diese

werden einen Wandel durchlaufen

und sich den Wohnbereichen angleichen,

die in Wohnungen der Reduzierung

zum Opfer fallen.

Bars werden zu wohnzimmerähnlichen

Lounges, öffentliche Bäder werden

zu Wohlfühl-Spas. Restaurants

werden Bereiche zur Verfügung stellen,

in denen man gemeinsam mit

Freunden kochen und essen kann.

Schon jetzt gibt es erste Start-ups wie

EatWith, Travelingspoon oder ShareDnD,

die private Angebote zum Mitessen

vermitteln. Alternativ werden

sich neue Wohn- und Baukonzepte

56 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Fotos Servicepoint Le Flair: Christoph Pforr

wie Baugruppen oder Genossenschaften

vermehrt durchsetzen, bei denen

ein Teil der gebauten Fläche gemeinschaftlich

genutzt wird. Durch solche

Gemeinschaftsflächen kann jede

einzelne Wohnung kostengünstiger

gebaut werden. Und schließlich wird

es immer mehr (mobile) Containerwohnungen

in allen Preis- und Wohnsegmenten

geben, die im Bedarfsfall

vollständig an einen anderen Ort

transportiert werden können. In den

USA sind Trailerparks, bei denen

die Containerwohnungen mit einem

Truck an einen anderen Ort verfrachtet

werden, schon seit Jahrzehnten zur

Normalität geworden.

Und doch wird es auch hier so sein:

Neue Wohnformen werden sich entwickeln,

was im Umkehrschluss nicht

heißt, dass es die herkömmlichen

Wohnformen nicht mehr weiter geben

wird. Wir werden uns nur darauf einstellen

müssen, dass das Angebot an

Wohnen vielfältiger, spannender und

einfallsreicher werden muss. Eine

große Herausforderung an uns als

Städteplaner und Architekten.

Caspar Schmitz-Morkramer ist

Architekt und Inhaber des Architekturbüros

meyerschmitzmorkramer

(www.msm.archi). f

Vom Gemeinschaftsraum mit modernem

Kamin über das Gästeapartment

bis hin zum Besprechungsraum können

die Bewohner im „Le Flair“ Flächen

je nach Bedarf buchen.

Fotos: Christoph Pforr

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

EINFACH MAL PLATZ SPAREN

Foto: Steffen Jaenicke

Viele machen sich beim Bauen und Wohnen Gedanken über die Umwelt. Sie benutzen natürliche

Rohstoffe und lassen ihr Haus energetisch sanieren. Auch drehen sie die Heizung runter,

bevor sie lüften oder schalten ihre Hausgeräte über Nacht aus. Aber mit räumlichem Platz

gehen Menschen gerne verschwenderisch um. Doch der ist rar und wird immer teurer. Dabei

gibt es neue Bauvarianten und Möbel, die einem ein Leben auf „kleinem Fuße“ ermöglichen.

58 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Von der Toilette bis zur Küche und

zum Schlafzimmer in fünf Schritten:

Das wohl bekannteste Miniatur-Wohnkonzept

sind die sogenannten „Tiny

Houses“. Schlafen, kochen, duschen:

das alles ist in solch einem Häuschen

möglich – auf durchschnittlich

6,4 Quadratmetern Wohnfläche. Mit

Tiny Houses werden Gebäude in der

Machart kleiner Hütten bezeichnet.

Sie sind meistens auf Rädern montiert

und man kann sie als Anhänger umherziehen.

Auf kleinster Fläche nutzen

sie jeden Kubikmeter durchdacht

aus, um möglichst viel Wohnraum zu

schaffen – mit allem, was ein Mensch

in der Regel so braucht. Die Idee dahinter

ist einleuchtend: Auf kleinstem

Raum lebt es sich kostengünstig und

zugleich weitaus umweltverträglicher.

Das „winzige Haus“ hat seinen Ursprung

in den USA und ist dort sehr

beliebt. Kein Wunder: gesetzliche

Vorgaben zum Standort und zu Baugenehmigungen

gibt es in Amerika in

der Regel nicht. In Deutschland herrschen

dagegen strengere Vorschriften.

Maximal zwei Wochen darf ein

Wohnwagen auf öffentlichen Plätzen

und Straßen parken, und auch das

dauerhafte Wohnen in so einem Häuschen

ist nicht überall möglich. Trotzdem

kommt der Trend allmählich in

Deutschland an.

Auch für Städte geeignet?

Auch die Studentin Julia Wehdeking

hat gemeinsam mit einer Kommilitonin

ein Mini-Haus auf Rädern entworfen.

Dafür gewann sie einen Preis

und nutzte das Geld gleich, um ihren

Entwurf in die Tat umzusetzen. Das

Besondere an ihrem Tiny House: alles

soll nachhaltig sein. Statt Isolierwolle

verwendet sie getrocknetes Seegras.

Später soll es Solarzellen auf dem

Dach haben und eine Komposttoilette.

„Die Herausforderung ist, dass alles

auf so kleinem Raum ist. Man muss

sich überlegen: Was brauche ich?“, erklärt

Wehdeking dem NDR.

Bauberaterin Isabella Bosler ist ebenfalls

vom Wohnen auf kleinstem Raum

fasziniert. Deshalb gründete sie ein

Online-Infoportal zu den Tiny Houses.

„Der Zuspruch, den wir bekommen,

ist enorm“, sagt sie. „Viele Menschen

sind fasziniert von dem Thema.“ Mittlerweile

gibt es in Deutschland mehrere

Handwerksbetriebe, die den Bau

der kleinen Häuser in ihrem Portfolio

anbieten.

Viele Architekten setzten sich bei

der Städteplanung ebenfalls mit dem

Konzept auseinander. Die Idee: Tiny

Houses würden auf den Dächern von

innerstädtischen Häusern für mehr

Wohnraum sorgen. Das klingt unglaubwürdig,

wäre aber ein Schritt

in die richtige Richtung. Laut einer

Studie der Universität Darmstadt aus

dem Jahr 2016 könnten deutschlandweit

1,5 Millionen zusätzliche Wohnungen

geschaffen werden, wenn

man die bestehenden Mehrfamilienhäuser

der Baujahre 1950 bis 1989

mit einigen Tiny Houses auf den Dächern

aufstockte.

Mikroapartments

In teuren Großstädten liegen sie längst

im Trend: Mikroapartments. Oftmals

bereits fertig möbliert, finden hier vor

allem Studenten, Singles und Pendler

auf 20 Quadratmetern Platz im überteuerten

Wohnungsmarkt. Wem >>

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

59


Bauen und Wohnen

die Mikroapartments zu klein sind, um Gäste zu empfangen,

der kann in einigen Gebäuden auf Gemeinschaftsräume

ausweichen. So bietet zum Beispiel die i Live-Gruppe in

ihren Häusern Terrassen, Lounge- und Barräume, die die

Mieter gemeinsam nutzen können.

Auch ein Fitnessraum und eine Bibliothek sind im Angebot:

„Unser Serviceangebot fokussiert dabei möglichst vielseitig

die Interessen und Bedürfnisse unserer Bewohner.

Zentraler Dreh- und Angelpunkt sind dabei unsere i Live-

App sowie unser Community Manager vor Ort“, erklärt das

Unternehmen. Dieser organisiert Freizeitevents wie gemeinsame

Kochkurse oder Skifahrten.

Foto: Enrico Lapponi / stock.adobe.com

Kompakter geht's nicht

Kleine Räume nützen gar nichts, wenn die Möbel dazu

nicht passen oder zu groß sind. Wer praktische Lösungen

für platzsparende Möbel benötigt, kann auf kompakte Alternativen

zurückgreifen. So gibt es Möbelstücke, die unterschiedliche

Funktionen miteinander kombinieren, den

Luftraum im Zimmer und den Platz unter der Treppe nutzen.

Manche kann man sogar zusammenfalten. f

BUCHTIPP

Wer noch weitere Tipps sucht, um platzsparend zu leben,

wird hier fündig:

66 Raumwunder für ein entspanntes Zuhause, lebendige

Nachbarschaft und grüne Städte

Irgendwie ist immer zu wenig Platz: Ungenutzte Dinge

sammeln sich an, füllen Schubladen und Abstellkammer;

Kinder vergrößern den Haushalt und brauchen irgendwann

ein eigenes Zimmer. Auf der anderen Seite stehen Räume

leer, weil niemand permanent Gäste hat oder das Haus im

Grünen für die alleinstehende Oma zu groß geworden ist.

Das Buch präsentiert 66 Anregungen und Tipps, die dabei

helfen, diesen Herausforderungen zu begegnen. Platz

schaffen, Freiräume gewinnen, Zusammenrücken – die

Möglichkeiten für ein anderes, modernes Wohnen sind

immens, und die Auswirkungen sind es ebenso: Alte Menschen

finden wieder Anschluss, junge Städter bezahlbaren

Wohnraum. Kieze und Viertel würden lebendiger, wenn

Jung und Alt sich näherkommen, Zugereiste und Alteingesessene

sich gegenseitig bereichern.

Daniel Fuhrhop:

„Einfach anders wohnen“,

28 Seiten,

oekom verlag München 2018

ISBN-13: 978-3-96238-016-8

EUR 14,00 EUR

60 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


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Bauen und Wohnen

Nachhaltigkeit ist die

neue Heimat

Foto: Ihar Bublikau / stock.adobe.com

62 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Wohnen ist die Weise, in der wir uns in der Welt befinden und der Versuch zu leben,

ohne sich zu verlieren. Im Zuge gesellschaftlicher Umwälzungen sowie veränderter

Lebensmodelle und Ansprüche gewinnt die Sehnsucht nach Heimat immer mehr

an Bedeutung – und damit nach Privatheit, Geborgenheit, Ruhe und Wärme. Die

neue Gemütlichkeit, geprägt durch Materialien wie Holz, Baumwolle, Leder, Filz

und Naturstein, ist die Antwort auf unsere rastlose Gesellschaft. Wer ihr entfliehen

will, schließt die Tür hinter sich und zelebriert die eigene Wohnkultur, in der wir uns

ganz als uns selbst erfahren und „wirklich“ sind.

Von Dr. Alexandra Hildebrandt

Das Wohnen aber

ist der Grundzug

des Seins.

„Martin Heidegger

(„Bauen, Wohnen, Denken“, 1951)

Diese Wohnkultur zeichnet sich durch folgende Trends

aus:

Dekoration

Je mehr die grüne Welt draußen schrumpft, desto mehr

hält sie Einzug in unser Zuhause, in dem Alltagsobjekte

wie Aufbewahrungsorte einer intakten Natur erscheinen.

Angesichts der „wachsenden“ Untergangsszenarien wird

der Ruf nach Dekoration immer lauter, was durch steigende

Auflagenzahlen von Idyll-Magazinen wie „Landlust“,

„LandIdee“ oder „Mein schönes Land“ noch verstärkt

wird.

Die schöne neue Ding- und Motivwelt wird zum Appell,

„den Tag zu pflücken“ (Horaz), was zu einem elementaren

Prinzip des glücklichen Lebens gehört. Die eigenen vier

Wände sind nicht nur Rückzugsort, sondern auch Beziehungsort.

Essbereich

Einrichtungsgegenstände gewinnen zunehmend an Wohlfühlcharakter,

was sich auch im Essbereich zeigt: Hier dominiert

der Trend zu ausladenden Tischen und gepolsterten

Sitzbänken sowie komfortablen Armlehnstühlen, die

Großzügigkeit und behagliche Wärme vermitteln.

Farben

Zu den Trendfarben gehören samtige Nudetöne (Creme,

Karamell und Schoko), aber auch pastellige Grün-, Blauoder

Grautöne. Da die Gesellschaft unruhig und unübersichtlich

geworden ist, dominiert eine Bewegung des Rückzugs

und des Minimalismus, verbunden mit dem Wunsch

nach Beständigkeit und Sicherheit. Grau ist deshalb zu einem

Understatement geworden. Ein besonderer Trend ist

heute betongrau: Neben den vielen Vorteilen, den Beton für

das Baugewerbe bietet, wird das Material gerade in der Küchenbranche

neu entdeckt.

>>

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

63


Bauen und Wohnen

Küche

In Deutschland ist der Küchenmarkt

ein Milliardengeschäft mit stetig

wachsenden Umsätzen. Viele Deutsche

investieren inzwischen mehr

in die eigene Küche als ins Auto, das

längst kein Statussymbol mehr ist.

Hier verbinden sich heute ebenfalls

innovative Technologien, intelligente

Funktionen, nachhaltiges Design und

traditionelles Handwerk zu einzigartigen

und emotionalen Produkten. Das

ist nicht „abgefahren“, sondern hat

mit der Lust am Bleiben und am Analogen

zu tun. Es geht darum, sich aus

der Dauererreichbarkeit auszuklinken,

achtsam und in sich ruhend im

Hier und Jetzt zu sein und einer Sache

seine volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Trendforscher versprechen sich

von der Küche der Zukunft, dass sie

unsere Ernährung gesünder und den

Genuss vielseitiger macht. Dies hängt

vor allem damit zusammen, dass

nachhaltige Lebensweisen bereits in

der Gestaltung unseres Alltags und

Lebensumfelds immer mehr an Bedeutung

gewinnen. Das gilt auch für

die Einrichtung und Nutzung der Küche.

Dabei sind nicht nur ökologische

Gesichtspunkte von Bedeutung, sondern

auch die Steigerung der eigenen

Lebensqualität durch gesunde Nahrungsmittel

sowie die Verwendung

nachhaltig produzierter Küchenmöbel

und Elektrogeräte. Die moderne Küche

stillt unsere Sehnsucht nach Heimat

und Überschaubarkeit in einer

globalisierten Welt.

Möbel

„Einladende“ Möbel ziehen verstärkt

in moderne Wohn- und Bürowelten

ein. In Zukunft werden vor allem Erdtöne

- braun bis ocker – eine größere

Rolle spielen. Schwarz hat es allerdings

schwer, weil damit Bedrohung

und Pessimismus assoziiert werden.

Maßarbeit und Nachhaltigkeit sowie

ressourcenschonende Fertigungstechniken

gewinnen beim Möbelkauf in

einer Zeit voller Technisierung, Digitalisierung,

Massenproduktion, Komplexität

und Tempowechsel immer

mehr an Bedeutung – vor allem der

Werkstoff Holz als „analoger Ruhepol"

wird immer beliebter. Er ist das verbindende

und identitätsstiftende Element

zwischen uns und der Welt, der

sich im besten Wortsinn von etwas

Höherem ableitet: dem Baum. Wer

ihn verstehen will, muss den Wald als

Ganzes begreifen.

Die Wertschätzung des Handwerks

in Zeiten tiefgreifender gesellschaft-

Foto: Federico Rostagno / stock.adobe.com

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Foto: fotofabrika / stock.adobe.com

64 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

licher Veränderungen und Instabilität

ist unter anderem darauf

zurückzuführen, dass alles nicht

Greifbare immer mehr für Unbehagen

sorgt. Selbstbestimmung ist zu einem

der prägendsten Begriffe der Gegenwart

geworden, denn es geht darum,

die Kontrolle über alltägliche Dinge

in einer Zeit der Technisierung und

Kommerzialisierung aller Lebensbereiche

zurückzuholen.

Motive

Je härter die Realität, desto ausgeprägter

ist die Sehnsucht nach Leichtigkeit,

nach dem Schwebenden, das

man festhalten möchte, aber doch

nicht wirklich fassen kann. So tauchen

seit einigen Jahren vor allem

Wolkenmotive auf Textilien, Handyhüllen,

Schneidbrettern und Sitzmöbeln

auf. Wo Wolken sind, ist auch die

Engelkunst nicht weit, die bereits in

den 1990er Jahren eine Renaissance

erlebte.

Polster

In den vergangenen Jahren präsentierte

die Möbel- und Einrichtungsbranche

ein Wolkenmeer aus Stoffen

und Drapeterien, aber auch ausladende

watteweiche Sitzlandschaften.

Die „gepolsterten“ Errungenschaften

stammen bereits aus dem 16. Jahrhundert,

zuvor gab es Felle und Stroh.

Die Polstergarnitur ist eine Erfindung

aus dem 18. Jahrhundert, bestehend

aus einem Sofa und zwei Armlehnstühlen.

Auch sie erlebt gerade eine

Renaissance.

Schlafbereich

Schlafen und Matratzen gehören derzeit

zu den größten Lifestyle-Themen.

Die niederländische Trendforscherin

Lidewij „Li“ Edelkoort sagte bereits

vor einigen Jahren voraus, dass wir

künftig mehr in Schlafbereichen leben

werden, weil die Grenzen von Arbeit

und Muße in unserer beunruhigten

westlichen Kultur immer fließender

werden. Schlafzimmer werden als

Orte des Träumens künftig immer

wichtiger, weil wir im Schlafen lernen,

körperlich stillzuhalten und der Geist

vom rationalen Denken befreit wird.

Sie sind heute immer auch Rettungsräume,

die uns helfen, unser Leben

zusammenzuhalten und „schlafwandlerische

Sicherheit“ (Paul Valéry) zu

lernen, die uns hilft, der inneren und

äußeren Unruhe vorbehaltlos zu begegnen.

Schlafbereiche sind aber auch deshalb

so bedeutsam, weil das Bett zu

den wichtigsten Möbelstücken im Leben

eines Menschen gehört, der darin

etwa ein Drittel seiner Lebenszeit

verbringt. Die Matratze ist ein Grundelement

des Wohnens und der Inbegriff

von Intimität und Körperlichkeit.

Schlaf ist elementar in einer Welt, in

Foto: lulu / stock.adobe.com

der Menschen täglich Stress ausgesetzt

sind. Eine nachhaltige Gesellschaft

sollte dafür Sorge tragen, dass

Schlaf eine leistungsfreie Zone bleibt

– ein Ruhebereich, der sich selbst genügt.

Teppiche

Der Teppich feierte in den vergangenen

Jahren ein grandioses Comeback,

nachdem jahrelang vor allem Parkett,

Linoleum oder Estrich in Wohn- und

Arbeitsräumen verlegt wurden. Er ist

so etwas wie ein „mentaler Rückzugsraum“

in Zeiten der Globalisierung

und Digitalisierung. Der Vintage-Look

vieler Teppiche (aus entfärbten Versatzstücken

alter Teppiche werden

neue kombiniert) steht für die Sehnsucht

nach Verwurzelung, Einzigartigkeit,

Authentizität und Handwerkskunst.

Wohntextilien

Anbieter von nachhaltigen Heim- und

Wohntextilien werben heute verstärkt

mit der „Gemütlichkeit in den eigenen

vier Wänden“ (memolife). Da Wohntextilien

direkten Hautkontakt haben,

achten immer mehr Menschen darauf,

dass sie frei von Schadstoffen sind.

Urban Jungle

Als Urban Jungle wird innen fortgesetzt,

was als Urban Gardening im

Außenbereich begann: Zuerst ließen

die Stadtbewohner Salat und Blumen

auf Dächern, zwischen Pflastersteinen,

Hinterhöfen und Hauswänden

sprießen – nun sind es Zierpflanzen

in der Wohnung, die Wände, Regale

und Fensterbänke bedecken. „Urban

Jungle” steht für einen grünen Rückzugsort

zwischen Asphalt und Beton.

Gern gekauft werden grüne Lifestyleprodukte

wie Plant-Hanger oder

„Boob-Pot” (die ganz nebenbei an einen

weiblichen Oberkörper erinnern).

Zimmerpflanzen gehören ebenfalls zu

den neuen Statussymbolen.

Nachhaltigkeit ist die neue Heimat. f

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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65


Bauen und Wohnen

Besser wohnen

Qi


dank „fließendem

Foto: Skandinavisk

Jeder kennt diese Situation: Eine Wohnung ist schön eingerichtet,

mit gut aufeinander abgestimmten Bodenbelägen

und Möbeln – aber trotzdem fühlt man sich nicht

richtig wohl. In solchen Fällen würden Anhänger der aus

China stammenden Lehre des Feng-Shui vermuten, dass

einzelne Elemente in der Einrichtung die Harmonie des

Raums stören. Manchmal reicht schon eine kleine Veränderung,

um den Gesamteindruck deutlich zu verbessern.

Die ostasiatische Harmonielehre erfreut sich auch in

Deutschland immer größerer Beliebtheit. Sie geht davon

aus, dass wir überall von der Lebensenergie „Qi“ umgeben

sind. Das Qi muss in Bewegung bleiben, um für einen Ausgleich

zwischen den fünf Grundelementen Feuer, Metall,

Erde, Holz und Wasser zu sorgen. Für die Einrichtung einer

Wohnung oder eines Gartens bedeutet das: nirgendwo

darf der Fluss dieser Lebensenergie blockiert werden.

Je höher die Bewegung des Qi, desto höher auch das persönliche

Wohlbefinden. Ein enger Eingangsbereich hinter

der Wohnungstür wirkt beispielsweise hemmend auf den

Energiefluss. Laut Feng-Shui sollten Kleidung und Schuhe

im Flur in einem geschlossenen Schrank verstaut werden.

Abgerundete Möbelkanten und der geschickte Einsatz von

Spiegeln und Bildern können den Eindruck von Weite vermitteln

und so Blockaden aufheben. Ganz wichtig ist die

Positionierung des Schlafzimmers – dem Ruhepol der Wohnung.

Nach den Regeln des Feng-Shui sollte es möglichst

weit vom Haupteingang der Wohnung entfernt liegen und

am besten nicht an ein Badezimmer oder WC angrenzen. So

würde die Harmonie des Schlafplatzes gestört.

66 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Die Wirkung von Feng-Shui ist bislang

wissenschaftlich nicht belegbar. Wohl

aber spürbar, glaubt man den Berichten

von Kunden. In Deutschland ist

das sogenannte „Business Feng-Shui“

sehr beliebt. Vor allem von Einzelunternehmern

und Konzernen wird dies

gern in Anspruch genommen. Die Beweggründe

dafür sind meist persönlich,

ein Gefühl von Unwohlsein oder

der Wunsch nach Veränderung.

Hygge – dänische Gemütlichkeit

„Hygge“ – was auf Deutsch etwa so

viel wie „Gemütlichkeit“ bedeutet

– ist ein Trend aus Dänemark, der

mittlerweile immer stärker Einzug in

die deutschen Haushalte hält. Sogar

bis nach Großbritannien und in die

USA hat er es schon geschafft. Was

macht ihn so beliebt? Glaubt man den

unzähligen Ratgebern, bringt Hygge

mehr Freude und Entspannung in die

eigenen vier Wände. Dazu braucht es

nicht viel: Einige (am besten viele!)

Kerzen und ein paar Pflanzen für die

richtige Atmosphäre. Bequeme Kissen

und dicke Wolldecken, in die man sich

gemütlich einkuscheln kann. Etwas

Leckeres zu essen, im Idealfall selbst

gebacken oder gekocht (Kalorien werden

hier nicht gezählt!). Und ein paar

liebe Freunde oder die Familie, damit

man sich bei netten Gesprächen gemeinsam

entspannen kann (das Handy

bleibt natürlich ausgeschaltet!).

Als nicht besonders hyggelig gelten

übrigens Diskussionen über Politik

sowie Hektik, Streit und Lärm. Einige

sehen diesen Trend als schöne

Illusion an, als Verschließen vor der

Wirklichkeit. Andere wiederum nehmen

ihn als Möglichkeit wahr, dem

Alltagsstress zu entfliehen und sich

mal wieder auf das „Wesentliche“ wie

die Familie oder das Lesen eines Buches

konzentrieren zu können. Das

macht – bei aller Realitätsflucht – den

Charme dieser Lebensweise aus: dass

sie den Blick auf die schönen Dinge im

Leben lenkt. Das kann ein Buch, eine

Kerze oder ein Stück Schokoladetorte

sein. Da verwundert es nicht, dass die

Dänen laut Weltglücksreport zu den

glücklichsten Menschen der Welt zählen.

Neo-Biedermeier: Zu Hause ist es

doch am Schönsten

In einer Zeit, in der befristete Verträge

eher die Regel als die Ausnahme

sind, die Welt sich immer schneller

zu drehen scheint und selbst das Aussuchen

des richtigen Kaffeegetränks

eine kleine Herausforderung ist, sehnen

sich vor allem die 20- bis 30-Jährigen

hierzulande nach Sicherheit und

Einfachheit. Aufgewachsen sind sie in

einer Zeit der Instabilität: Die Währung,

das Klima und auch die Weltwirtschaft

gerieten ins Wanken. Das

wiederum führe zu einem erhöhten

Sicherheitsbedürfnis, stellten etwa

Forscher vom Zukunftsinstitut aus

Frankfurt fest. Das eigene Zuhause

wird somit zum Rückzugsort, Nostalgie

wieder „modern“.

Neo-Biedermeier nennt sich dieser

Trend, der für die Flucht vor der Welt

in die eigenen vier Wände steht. Politikverdrossenheit,

Angst vor Terror

und der drohende Verlust der Privatsphäre

durch die Digitalisierung sind

nur ein paar der Triebfedern dieser

(nicht ganz so) neuen Bewegung.

Schon im 19. Jahrhundert zogen sich

die Menschen aus der Öffentlichkeit

zurück ins traute Heim, um den politischen

und gesellschaftlichen Unsicherheiten

der damaligen Zeit zu

entgehen.

Heute ist das Ganze sogar noch einfacher:

Die moderne Technik macht’s

möglich. Statt ins Kino zu gehen, verbringt

man den Abend mit diversen

Streaming-Portalen lieber gemütlich

auf der Couch, der Konzertbesuch

wird durch Musik aus der neuen Anlage

ersetzt. Lebensmittel lassen sich

online bestellen, die Möglichkeit von

Homeoffice verlagert sogar das Arbeitsleben

in die private Umgebung.

Rückzug in die Gemütlichkeit des

Privaten ist hier das Stichwort. Im

Gegensatz zu dem eher weniger nachhaltigen

Onlineshopping steht der

schlichte Einrichtungsstil der neuen

„Generation Biedermeier“, wie sie

von den Wissenschaftlern des Kölner

Rheingold-Instituts genannt wird.

Klarheit, Funktionalität und Einfachheit

dominieren, die Materialien stammen

bestenfalls aus lokalen Quellen.

In den Großstädten zeigt sich derweil

ein Trend zur Gruppenbildung, die

Stadt wird dörflich inszeniert. Man

will „gemeinsam allein sein“. Deutlich

wird das vor allem am Immobilienmarkt,

wie der Immobilienreport 2015

des Frankfurter Zukunftsinstituts herausgestellt

hat. In neue Häuser investiert

man gemeinsam, Wohneigentum

finanziert sich durch Baugruppen. Das

hat nicht nur Vorteile für den eigenen

Geldbeutel: die „Generation Biedermeier“

erschafft sich so ihre eigene

(Wahl-) Großfamilie. Fragt sich nur,

ob diese Sehnsucht nach mehr Sicherheit

und Einfachheit bloß ein (Wohn-)

Trend ist oder vielleicht sogar für den

Anfang einer neuen gesellschaftlichen

Bewegung steht. f

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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68 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Schloss Tempelhof:

Eine Ökokommune

mit Vorbildcharakter

Fotos: Schloss Tempelhof

Von Fee Hovehne und Sonja Scheferling

Wenn wir wirklich Verantwortung für uns

und unsere Nachkommen übernehmen

wollen, müssen wir bei uns selbst anfangen:

Nach diesem Motto leben die Menschen

im Ökodorf Schloss Tempelhof. Ihr

Ziel ist es, sich weitestgehend autark mit

Biolebensmitteln und Energie zu versorgen

und solidarische Wirtschaftskreisläufe zu

etablieren. Schloss Tempelhof ist ein gutes

Beispiel dafür, wie verlassene Orte wiederbelebt

werden können.

Landschaftsidylle pur: Nichts als Felder, Wiesen und vereinzelte

Bäume umranden Schloss Tempelhof nahe Kreßberg

in Schwäbisch Hall. Doch wer denkt, dass die Siedlung

ein einsamer Ort ist, der irrt gewaltig. Denn: Schloss

Tempelhof ist die Heimat von über 100 Menschen, die hier

wohnen, zum Teil arbeiten und ihr Konzept von einer nachhaltigen

Lebensweise verwirklichen. So kann man auf Familien

mit Kindern, Menschen mittleren Semesters oder

Senioren treffen.

Das Besondere ist, dass sich alle Bewohner dem solidarischen

Gedanken verpflichtet fühlen und zum Wohle aller

handeln wollen. Wichtige Entscheidungen werden nur im

Konsens getroffen und die Gemeinschaft führt sich selbst

nach dem All-Leader-Prinzip. Das bedeutet, dass jedes Mitglied

für die gesamte Entwicklung der Gemeinschaft Verantwortung

trägt.

>>

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

69


Bauen und Wohnen

Wie alles begann

Die Geschichte der Gemeinschaft begann

2007, als sich eine Gruppe von

Gleichgesinnten aus dem Raum München

dazu entschloss, ihre Version

von einem zukunftsfähigen Zusammenleben

umzusetzen. Drei Jahre

lang suchten sie, bis sie das geeignete

Objekt dafür gefunden hatten:

„Der erste Eindruck war schon hart“,

erzählte Agnes Schuster, eine der

Mitbegründerinnen, gegenüber dem

Stadtmagazin Rotour. Kein Wunder,

standen doch die Gebäude der Siedlung

zuvor vier Jahre lang leer und

mussten dementsprechend renoviert

werden.

Die Siedlung Schloss Tempelhof hat

eine lange Vergangenheit, die über

mehrere Jahrhunderte reicht. Vor

dem 30-jährigen Krieg erbaut, entwickelte

sich der Adelssitz zu einer

Wohnsiedlung. Im 19. Jahrhundert

wurde das Objekt dann zu einer

Kindererziehungsanstalt umfunktioniert,

und in den 1980er Jahren fand

dort eine Behindertenwerkstatt ihre

Räume, die das Ensemble aber 2006

verließ.

Zu dem Besitz gehören aktuell insgesamt

31 Hektar Boden, bestehend

aus vier Hektar Baugrund mit zahlreichen

Gebäuden und 27 Hektar Agrarland.

Bodenspekulation ausgeschlossen

Privatbesitz an Grund und Boden gibt

es bei den Tempelhofern nicht. Die gemeinnützige

Schloss Tempelhof Stiftung

hat die Liegenschaft erworben

und per Erbpachtvertrag mit 99 Jahren

Laufzeit an die Genossenschaft

vergeben. Das Objekt wurde so jegli-

70 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Impressionen der Gemeinschaft

Schloss Tempelhof

Mindesteinlage von 30.000 Euro Mitglied

in der Genossenschaft werden;

vorausgesetzt, die anderen sind einverstanden.

Dafür erhält er ein Anrecht

auf 36 Quadratmeter Wohnraum

und wird an dem Projekt beteiligt.

Das Genossenschaftsmodell bildet so

das finanzielle und rechtliche Fundament,

das dieses soziale Experiment

erst ermöglicht: „Wer hier leben will,

investiert in ein Lebenskonzept“, zitiert

Rotour Stefanie Raysz, die auch

in Tempelhof wohnt. Allerdings müssen

die Mitglieder finanziell unabhängig

sein, denn der Tempelhof ist kein

Hort für gesellschaftliche Aussteiger.

So pendeln einige der Mitglieder wöchentlich

zur Arbeit nach München

oder Ulm.

Arbeit vor Ort

cher künftigen Bodenspekulation entzogen:

„Die Genossenschaft ist eine

geeignete demokratische Rechtsform

für die Verwaltung der solidarischen

Betriebe, denn jeder hat unabhängig

von der Höhe seiner Einlage das gleiche

Stimmrecht“, erklärt die Gemeinschaft

auf ihrer Homepage. Zusätzlich

wurde als Träger von gemeinnützigen

Projekten ein Verein gegründet.

Neben dem Seminar und Veranstaltungsbereich

gibt es unter dem Dach

des Vereins eine freie Schule sowie

Jugendprojekte.

Wer beitreten möchte, muss eine

einjährige Annäherungsphase mitmachen

und kann dann gegen eine

Andere wiederum sind selbstständig

und können vor Ort tätig sein. So wie

Max Thulè, der mit seiner Familie

ebenfalls in Tempelhof lebt und die

MoWo Tempelhof GmbH gegründet

hat. Ob in modularer Wabenstruktur

oder als Wagen auf Rädern: Der studierte

Maschinenbauer stellt kleinen

Wohnraum aus baubiologischen Materialien

her – ganz individuell nach

den jeweiligen Wünschen der Kunden.

Von Hand gefertigt, setzt er dabei auf

langlebige, regionale, ökologische und

transportable Lösungen: „Ich bin mit

dem Thema von mobilen Wohneinheiten

schon von der Wiege an groß

geworden, da meine Eltern den Traum

hatten, in einem alten Salamander

Schuhverkaufsbus durch die Lande

zu ziehen, mit mir als Säugling“, so

Thulè.

Arbeit gibt es in Tempelhof auch an

anderen Stellen. Beispielsweise in einer

der Großküchen, in denen >>

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

71


Bauen und Wohnen

das Essen gegen einen festen monatlichen

Beitrag für alle Tempelhofer

gekocht wird: „Heute arbeiten bereits

22 Frauen und Männer in der Gärtnerei,

im Ackerbau, der Tierhaltung, in

der Käserei, Imkerei, Bäckerei und

in unserer Kantinenküche – und verwirklichen

so eine solidarische Landwirtschaft,

die alle Bewohner gesund

und umfassend ernährt. Weitere 15

Arbeitsplätze entstanden im Seminar-

und Gästehaus, dem Energie- und

Baubereich, der Verwaltung, beim

„Mobilen Wohnen” und in der freien

Schule“, so die Tempelhofer. Unabhängig

davon müssen alle Mitglieder

pro Woche mehrere Stunden Gemeinschaftsdienst

leisten.

Traditionelle Dorftugenden aktiviert

Mit ihrem Konzept knüpfen die Tempelhofer

im Grunde genommen an

klassische Funktionen traditioneller

Dörfer an: „Dorfbewohner haben eine

hohe Kompetenz, lokale Fragen und

Probleme ehrenamtlich oder genossenschaftlich

anzugehen und Verantwortung

für das Gemeinwesen zu

tragen. Selbstverantwortung und Anpackkultur

sind im Dorf tief verwurzelt“,

sagt etwa der Humangeograf

Gerhard Henkel. „Insgesamt ist das

vorsorgende Leben und Wirtschaften

auf dem Lande stärker verbreitet als

in der Großstadt.“

Neben der Lebensmittelversorgung

und der Bereitstellung von Rohstoffen

und Naturgütern sind Fürsorglichkeit,

Natur- und Menschennähe und

Gemeinsinn für Henkel alles wichtige

Funktionen und Tugenden, die Dörfer

trotz des Urbanisierungstrends für

eine Gesellschaft unverzichtbar machen.

Davon ist auch das Zukunftsinstitut

überzeugt: „Das Dorf hat Zukunft.

Als Landidyll und Lieferant für erneuerbare

Energien erlebt das Dorf eine

Renaissance. Künftig wird es wieder

sehr viel enger mit der Stadt vernetzt

sein.“

Städter profitieren

Das trifft auch auf Schloss Tempelhof

zu. Bewohner umliegender Städte wie

Crailsheim oder Dinkelsbühl können

Mitglied in der Solidarischen Landwirtschaft

werden. Dafür erhalten

sie einmal in der Woche an zentralen

Abholstellen eine Gemüsekiste mit

saisonalen, frischen Produkten und

selbstgebackenem Brot. Wer keine

Lust auf eine feste Mitgliedschaft hat,

kann alternativ im Hofladen der Gemeinschaft

einkaufen, der mehrmals

in der Woche geöffnet hat.

Mit ihrem Angebot bedienen die

Tempelhofer eine Entwicklung, die

künftig weiter zunimmt und die vor

allem gesundheitsbewusste Städter

überzeugt: der Trend nach nachhaltig

erzeugten Lebensmitteln: „Der

Öko-Landbau bevorzugt Regional- und

Direktvermarktung und zieht damit

Käufer aus den Städten aufs Land. Zudem

ist die Herstellung und Verarbeitung

von biologischen Lebensmitteln

aufwendiger als die konventionelle

Produktion“, so das Zukunftsinstitut.

„Dadurch entstehen neue Beschäftigungsmöglichkeiten

auch jenseits

der landwirtschaftlichen Tätigkeiten,

denn Biohöfe entwickeln sich zu kleinen

Knotenpunkten des Austausches,

Lernens und nachhaltigen Konsums.“

Andere sollen von ihnen lernen

Damit stößt man bei den Tempelhofern

auf offene Ohren. Die Gemeinschaft

ist unter anderem Mitglied des

Global Ecovillage Network Europe, zu

dem viele verschiedene nachhaltige

Siedlungen und Ökodörfer weltweit

gehören. Die Teilnehmer nutzen die

Organisation auch dafür, um Ideen

und Informationen auszutauschen

oder beispielsweise Technologien zu

transferieren.

Das deutsche Netzwerk hat das Projekt

„Leben in zukunftsfähigen Dörfern“

initiiert, das die Zusammenarbeit von

Siedlungen aus verschiedenen Regionen

Deutschlands mit einem ansässigen

Ökodorf unterstützt. Auch Tempelhof

nimmt daran teil. Das Projekt

richtet sich an Gemeinden, die etwa

durch soziologische Probleme wie

Abwanderung oder ökologische Probleme

wie den Verlust von Artenvielfalt

betroffen sind. „Die gemeinsame

Kooperation für eine zukunftsfähige

Dorfentwicklung soll es ermöglichen,

übertragbare Erfahrungen zu sammeln

und ein methodisches Vorgehen

zu entwickeln, von dem letztlich zahlreiche

weitere ländliche Gemeinden

in vergleichbarer Situation Inspiration

und Ermutigung erhalten können“,

so das Netzwerk auf seiner Homepage.

Reallabor für experimentelles

Wohnen

Neue Ideen erproben, Erfahrungen teilen

und Wissen zugänglich machen:

Das liegt den Tempelhofern auch

bei einem ganz speziellen Projekt

am Herzen. Eine Gruppe innerhalb

der Gemeinschaft hat 2016 das erste

„Earthship“-Haus in Deutschland fertiggestellt.

Dieses dient rund 25 Bewohnern

als Gemeinschaftsgebäude,

in dem sich eine Küche, Waschräume,

sanitäre Anlagen und ein Aufenthaltsraum

befinden. Private Rückzugsmög-

72 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

lichkeiten finden die Bewohner in Jurten,

Bauwagen und anderen mobilen

Wohneinheiten, die um das Earthship

angeordnet sind.

Wissenschaftlich begleitet, will die

Gemeinschaft durch den Bau einen

Beitrag zur Umweltbildung leisten:

„Gleichzeitig ist es eine ideelle und

praktische Plattform für Diskussionen

zu Ökologie und Nachhaltigkeit sowie

mögliche zukunftsfähige Lebens- und

Wohnformen“, so die Tempelhofer.

Doch was macht das Haus so besonders?

Earthship-Gebäude wie in Tempelhof

werden aus bereits benutzten

Materialien wie Autoreifen, Flaschen

oder Getränkedosen in Kombination

mit natürlichen Baustoffen errichtet.

Darüber hinaus sind die Häuser

autark: „Stellt Euch ein Haus vor, das

sich selbst heizt, sein Wasser liefert,

Essen produziert. Es braucht keine

teure Technologie, recycelt seinen eigenen

Abfall, hat seine Energiequelle.

Es kann überall von jedem gebaut werden,

aus Dingen, die die Gesellschaft

wegwirft“, beschreibt der US-Amerikaner

Michael Reynolds das Konzept,

das er vor 40 Jahren erfunden hat und

dessen Nachbau er weltweit begleitet.

Und so funktioniert es

In der Theorie funktionieren die Häuser

immer nach denselben Prinzipien.

Dazu gehören etwa die Stromerzeugung

mittels Windkraft oder Fotovoltaik,

das hausinterne Anpflanzen von

Obst und Gemüse oder das Sammeln

von Regenwasser über die Dachoberfläche,

das danach in Zisternen gespeichert

wird. In der Praxis müssen

die Funktionen natürlich an die jeweiligen

klimatischen Verhältnisse und

an das nationale Recht angepasst werden.

So dürfen etwa die Tempelhofer

in Deutschland das gesammelte Wasser

nur für die Beete, die Waschmaschine

und die Toilette nutzen. Es zu

trinken, ist hingegen nicht erlaubt. f

Foto: „earthship-construction9“

von Jenny Parkins unter CC-BY-2.0

Foto: „earthship-exterior32“

von Jenny Parkins unter CC-BY-2.0

Foto: „earthship-interior27“

von Jenny Parkins unter CC-BY-2.0

Bauweisen von „Earthship“-Häusern

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

73


Bauen und Wohnen

Wer will schon ins Altersheim?

Der demografische Wandel wird alle Bereiche

unserer Gesellschaft erfassen. Schon

jetzt gibt es in Deutschland rund 17 Millionen

Menschen, die mindestens 65 Jahre alt sind.

Tendenz steigend, wie das statistische Bundesamt

informiert. Das erfordert Infrastrukturen,

die den öffentlichen Raum, den Nahverkehr

und das Wohnen neu gestalten und an

die Bedürfnisse von Senioren anpassen.

Foto: Halfpoint / stock.adobe.com

Man ist so alt, wie man sich fühlt. Und viele ältere Menschen

fühlen sich eindeutig jünger, als sie tatsächlich

sind. Eigenen Angaben zufolge führt die Mehrheit der über

65-jährigen auch entsprechend dazu ein abwechslungsreiches,

mobiles und aktives Leben. Zu diesen Ergebnissen

kommt die aktuelle Altersstudie des Versicherers Generali.

Die Selbstwahrnehmung der Senioren passt allerdings

nicht zu unserem gesellschaftlichen Bild, das wir über das

Altern haben. Dieses fokussiert sich immer noch auf Themen

wie Pflege und Hilfsbedürftigkeit: „Es darf nicht mehr

bloß darum gehen, alte Menschen zu versorgen. Vielmehr

brauchen wir Strukturen, in denen Menschen zugleich Sorge

empfangen und Sorge tragen können“, sagt etwa Professor

Andreas Kruse von der Universität Heidelberg.

Ein Design für alle

Im Bereich Bauen und Wohnen gehören dazu beispielsweise

das Konzept des betreuten Wohnens, Mehrgenerationenwohnprojekte

oder Alters-WGs, die bei Senioren immer

beliebter werden: „In unserer künftigen Pro-Aging-Gesellschaft

sind Begriffe wie ‚altersgerecht‘, ‚Seniorenresidenz‘

oder gar ‚Altersheim‘ weitgehend aus dem Sprachgebrauch

verschwunden“, informiert etwa das Zukunftsinstitut. Das

sei einerseits das Ergebnis des „Downaging“, also der länger

anhaltenden Fitness und Vitalität bei höherer Lebensdauer,

und andererseits auch die Folge von neuen Konzepten,

die es Menschen ermöglichen, lange in den eigenen

vier Wänden zu leben.

Wie das geht, zeigen Ageless- und Universal-Design-Ansätze.

Diese gestalten Produkte, Umgebungen und Systeme

so, dass möglichst viele Menschen sie ohne zusätzliche

Anpassungen nutzen können: „Ein wesentlicher Aspekt

dabei ist, dass Barrierefreiheit und Ästhetik nicht länger

als Gegensätze voneinander koexistieren. Fortschritte

im Bereich Ambient Assisted Living (AAL) befördern als

Gestaltungsprinzip von elektronischen Produkten bis

hin zu Dienstleistungen immer stärker den Trend zu einem

selbstbestimmten Leben im Alter“, so das Zukunftsinstitut.

Ambient Assisted Living

Altersgerechte Assistenzsysteme nutzen moderne

Kommunikations- und Informationstechnologien, um

den Alltag von Senioren und beeinträchtigten Menschen

sicherer und angenehmer zu gestalten. Dabei

passt sich die Technik zwingend den Bedürfnissen der

Menschen an und nicht umgekehrt.

Beispiele hierfür sind smarte Funktionen, die den Herd

und elektronische Geräte automatisch abschalten oder

die Raumtemperatur und Beleuchtung selbstständig

steuern.

74 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Wie die Bewohner die sozialen und ambulanten Dienste

in den Wohnquartieren nutzen, analysieren zurzeit Pflegewissenschaftler

der Universität Bielefeld, wie die Neue

Westfälische berichtet. Dafür begleiten und befragen die

Experten über zwei Jahre 50 Mieter und interviewen darüber

hinaus Mitarbeiter und Dienstleister. Ziel ist es, die

Stärken und Schwächen des Bielefelder Modells zu identifizieren

und Erkenntnisse zu sammeln, inwiefern der Ansatz

weiter auf andere Städte übertragbar ist. f

„Bullerbü“ für Senioren

Bosau ist eine 700-Seelen-Gemeinde am Plöner See,

unweit der Ostseeinsel Fehmarn. Auf einer Fläche von

rd. 50.000 Quadratmetern entsteht derzeit das Seniorendorf

„Uhlenbusch“. Die kleine Ökosiedlung wird

aus 30 Wohnhäusern und mehreren Gemeinschaftsgebäuden

bestehen. Außerdem wird es in dem Dorf

einen kleinen Laden geben, ein Wasch- und Badehaus

und Werkstätten für Holz- und Metallarbeiten.

Zusätzlich bewirtschaftet die Dorfgemeinschaft eine

große Gartenfläche und hält auf einer Weide Hühner

und Schafe.

Bielefeld zeigt, wie es geht

Und dieses spielt sich künftig auch für alte Menschen

hauptsächlich in der Stadt ab. Deswegen ist es umso wichtiger,

dass eine moderne Quartiersgestaltung diese Ansätze

aufgreift. Vorbildcharakter hat hier die Stadt Bielefeld mit

dem „Bielefelder Modell“, das bundesweit kopiert wird. Das

Besondere: In fast allen Stadtteilen können Menschen barrierefreie

Wohnungen in Wohnanlagen mieten, in denen

ein sozialer Dienstleister 24 Stunden am Tag erreichbar

ist. Die Hilfs- und Betreuungsangebote können alle Mieter

nutzen; bezahlt wird nur das, was wirklich in Anspruch genommen

wird, so die Bielefelder Gesellschaft für Wohnen

und Immobiliendienstleistungen (BGW), die das Modell initiiert

hat.

Integriert in die bestehende Wohnumgebung und mit guter

infrastruktureller Anbindung, sollen hier nicht nur alte,

sondern auch Menschen mit Behinderungen Raum finden.

„Aber nicht nur für diese Personengruppen, sondern

übergreifend für alle, haben Wohnsituationen und Nachbarschaft

einen entscheidenden Einfluss auf die Lebensqualität

im Alltag“, sagt die BGW. „Die Anforderungen an

die Quartiersentwicklung sind damit hoch. Wohnquartiere

müssen mehr und mehr generationengerecht, kultursensibel

und inklusiv sein.“

Die Vision der Initiatoren Caroline und Ulrich Reimann:

aktiv und selbstbestimmt alt werden, gemeinsam

mit anderen. „Der Uhlenbusch ist ein Konzept

– an diesem Ort werden vorwiegend Menschen wohnen,

die ihre Lebensarbeitszeit hinter sich haben. Sie

werden hier ein selbstbestimmtes Leben führen – mit

gegenseitiger Hilfe und vielen, ganz unterschiedlichen

Aktivitäten. Naturnah, ökologisch, umweltfreundlich

und weitgehend energieautark“, liest man auf der

Homepage des Seniorendorfes. Anfang September

2017 standen bereits 15 der 30 Wohneinheiten. Mitte

2018 soll die Siedlung fertiggestellt werden. Dann

stehen auf dem Grundstück 60 bis 70 Quadratmeter

große Reihenhäuser sowie 90 Quadratmeter große

freistehende Gebäude und Doppelhäuser.

Die Häuser im Uhlenbusch wurden barrierefrei gebaut

und besonders nachhaltig konzipiert. Sie kommen

weitestgehend ohne Baustoffe mit chemischen

Zusätzen aus. Ihre Beheizungs- und Haushaltsstromversorgung

beziehen sie hauptsächlich durch

eigens produzierten Strom aus Fotovoltaikanlagen.

Die Nutzung von Erdöl ist in der Siedlung tabu. „Der

wirtschaftliche und soziale Wandel in unserer Zeit

macht es erforderlich, unseren bisherigen Lebensstil

zu hinterfragen. Aufgrund knapper Ressourcen in

so gut wie jedem Bereich müssen neue Formen und

Konzepte des Zusammenlebens gefunden werden –

insbesondere für das Alter“.

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

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Bauen und Wohnen

(Gem)einsam

alt werden?

Der Pflegenotstand ist jetzt

auch in der öffentlichen Diskussion

angekommen: Junge

Pfleger malen in Talkshows

Horrorszenarien vom Alltag

auf Station und in den Heimen.

Überlastet und ausgebrannt

sind die wenigen

Idealisten, die es trotz Überforderung

und unzureichender

Bezahlung noch in der

Pflege hält. Dunkle Zeiten für

eine zusehends überalternde

Gesellschaft? UmweltDialog

hat sich außerhalb des Pflegeheims

nach alternativen

Wohnkonzepten umgesehen.

Von Lucas Beesten

„Ich finde es wichtig, dass ich weiß:

Wenn es mir mal schlecht geht, ist jemand

da. Und lässt mich nicht einfach

liegen.“ Lambertus Kleine Stegemann

blickt ernst in die Kamera der Lokalzeit,

als er die Worte spricht. Als Rentner

ist er direkt betroffen von der Debatte,

die seit Monaten Deutschland

beschäftigt. Und zusammen mit dem

Verein „Leben in der Nachbarschaft“

(LiNa) hat er seine eigene Antwort auf

die Frage nach einem würdevollen Altern

gefunden.

76 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

Foto: WavebreakmediaMicro / fotolia.com


Bauen und Wohnen

Stegemann wohnt mit seiner Frau

und 24 anderen Senioren in einer

Senioren-Genossenschaft in Haltern

am See. Der Clou: Zwar leben die Bewohner

in 18 getrennten Wohnungen.

Diese befinden sich aber alle in einem

zentralen Haus mit zusätzlichen Gemeinschaftsräumen.

Im Mittelpunkt

steht das Zusammenleben und Miteinander.

Jeder steuert bei, was er

kann: Die Bewohner unterstützen sich

gegenseitig bei anfallenden Reparaturen

oder im Haushalt. Die Fassade des

Hauses muss erneuert werden? Wer

Zeit hat, beteiligt sich an Diskussion

und Bewältigung der Aufgabe. Aber

auch Freizeitaktivitäten und Ausflüge

planen die Genossen gemeinschaftlich.

Angst vor Vereinsamung hat in

dieser Gemeinschaft niemand.

Damit das Projekt kein Einzelfall

bleibt, geht das Land NRW die Herausforderungen

des demografischen

Wandels mit seiner Nachhaltigkeitsstrategie

an und fördert eine altersgerechte

Stadt- und Quartiersentwicklung.

Die Senioren-WG

Noch näher kommen sich die Bewohner

einer Senioren-Wohngemeinschaft.

Ähnlich wie in der Genossenschaft

steht hier das Miteinander

im Vordergrund; der Anteil des gemeinschaftlichen

Wohnbereichs ist

allerdings noch größer. Esszimmer,

Badezimmer und Küche sind Gemeinschafträume

für alle. So engagiert die

Bewohner im Zusammenleben auch

sind: Je nach Krankenakte ist natürlich

trotzdem professionelle Pflege und

medizinische Versorgung vonnöten.

Deshalb unterstützen bei Bedarf z.B.

Diakoniestationen die Wohngemeinschaften

mit zusätzlicher Pflege und

Betreuungsangeboten. Das hat seinen

Preis: Neben Miete und Nebenkosten

kommen Pauschalen für Küche,

Waschküche, Renovierungs-Rücklagen,

Reinigung, Haushaltsgeld und

eben Betreuungspauschale hinzu.

Über 2.000 Euro monatlich kann das

einen Bewohner kosten. Wer später

mal in einer WG alt werden möchte,

sollte also zeitig mit dem Sparen anfangen.

Künstler unter sich

Trotz aller Unkenrufe – auch in der

konventionelleren Pflege ist längst

nicht alles schlecht. In Weimar wurde

ein Seniorenstift der besonderen Art

geschaffen: In der Marie-Seebach-Stiftung

verbringen zum Großteil Kulturschaffende

ihren Lebensabend. 25 Prozent

der Bewohner sind pensionierte

Künstler, Maler und Schauspieler.

Die Bewohner schwelgen dabei nicht

bloß in Erinnerungen an ihre kreative

Vergangenheit: Konzerte, Theateraufführungen,

Lesungen, Literaturgottesdienste

und Gesprächsrunden sind

fester Bestandteil des Programms im

Seniorenstift. „Unterhaltungsprogramme

und Kaffeetrinken alleine reichen

vielen nicht. Was wir brauchen,

sind Angebote, die ihren unterschiedlichen

Interessen, Bedürfnissen und

kulturellen Erfahrungen Rechnung

tragen“, sagt Diplom-Pädagogin Dr.

Kim de Groote gegenüber dem PROconcept-Magazin.

Ein großer Vorteil der gemeinschaftlichen

Einrichtung: Die Logistik übernimmt

die Hausverwaltung. Egal ob

putzen, spülen oder waschen, die Bewohner

sind von hauswirtschaftlichen

Aufgaben befreit. Damit das funktioniert,

braucht es Geräte, die für eine

solche Nutzlast ausgelegt sind und

den besonderen hygienischen Anforderungen

in einem Pflegeheim entsprechen.

Der Hersteller Miele bietet

Produkte, die speziell an die Bedürfnisse

von Heimbewohnern angepasst

sind. Die Gewerbegeschirrspüler des

Traditionsunternehmens reinigen das

Geschirr mittels hoher Temperaturen

und Desinfektionsprogrammen besonders

gründlich von Keimen.

Das neue Testverfahren „PRO-Hygiene“

nimmt die Keimfreiheit in den

Wäschereien noch genauer in den

Blick: Mit dem Verfahren prüft der

Miele-Kundendienst bei der Wartung

der Waschmaschinen, wie effizient

Waschmittel und -verfahren zusammenwirken

und kann die Zusammenstellung

so genau anpassen.

Smarte Technologie für den

Einzelnen

Nicht jedem liegt das Altwerden in

der Gemeinschaft. Eine neue Technologie

kann hier Abhilfe schaffen:

LiNX 3D heißt das erste smarte Hörgerät

für das iPhone. In einer Kooperation

von ReSound GN und Miele

entwickelt, soll LiNX 3D Haushaltsgeräte

mit einem Hörgerät verbinden.

Statusmeldungen und Hinweise der

Haushaltsgeräte können so direkt

in die Gehörgänge der Benutzer gestreamt

werden. „Neben Meldungen

könnten zukünftig auch Warnhinweise

– etwa ‚Gefrierschranktür steht offen‘

– oder Zubereitungshinweise wie

‚Bitte Spargel einschieben‘ übertragen

werden“, sagt ReSound Deutschland

Geschäftsführer Joachim Gast

gegenüber dem Presseportal. Smarte

Technologie wird zukünftig also auch

dazu beitragen, dass sich alleinlebende

Senioren nicht allein gelassen fühlen

müssen. f

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

77


Bauen und Wohnen

Es kommt

Leben in die

Das ist der Moment, vor dem sich jeder Hausbesitzer fürchtet: Schimmel in den eigenen vier

Wänden. Mikroorganismen wie Pilze und Bakterienkulturen haben beim Wohnungsbau oder gar

im Haushalt nichts zu suchen, gelten als Zeichen mangelnder Hygiene. Bis jetzt. Unser Bild der

winzigen Lebewesen könnte sich in den nächsten Jahren radikal verändern.

Für viele Menschen ist Keimfreiheit ein Synonym für

Gesundheit und Sauberkeit. Dabei sind bei Weitem

nicht alle Mikroorganismen gesundheitsschädlich,

viele sogar überlebenswichtig. Obwohl Forscher schon seit

über 300 Jahren Bakterien beschreiben und katalogisieren,

sind wahrscheinlich nicht einmal 95 Prozent aller existierenden

Arten bekannt. Kreative in Kunst und Architektur

haben jetzt das Potenzial der verrufenen Lebewesen erkannt.

Dabei ist die Verbindung von Natur und Architektur gar

nicht neu. Bereits nach dem ersten Weltkrieg strebten progressive

Architekten wie Hugo Häring oder Hans Scharoun

nach Harmonie zwischen Gebäude und Natur. Für ihre Bauten

verwendeten sie größtenteils natürliche Baumaterialien.

Die hier vorgestellten Projekte stehen damit im Geiste

dieser organischen Architektur und führen das Konzept

konsequent fort.

Abfall als wertvoller Rohstoff

Warum nicht den Gasherd und die Heizung mit Abfall betreiben?

Was auf den ersten Blick abwegig scheint, ist das

erklärte Ziel von Philips Design. Mit dem „Microbial Home“

stellen die Designer ein visionäres, geschlossenes Wohnkonzept

vor. Bakterien zersetzen hier Abfälle zu Biogas.

Das modular aufgebaute System nutzt dieses anschließend

als Energiequelle. Der Begriff „Müll“ verliert seine Bedeutung,

wenn Abfall als Rohstoff begriffen wird: Es ist die

Vision der vollendeten Kreislaufwirtschaft in den eigenen

vier Wänden.

Mit dem „Paternoster“ als integriertes Modul ist das System

nicht nur auf biologischen Abfall beschränkt. Die Upcycling-Maschine

soll Kunststoffabfälle mithilfe von Enzymen

zersetzen. Als Produkt entstehen essbare Pilze.

Ebenfalls in das System integriert sind ein urbaner Bienenstock,

leuchtende Bakterien in den Lampen und Was-

78 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

serfilter in den Sanitäranlagen. Selbst

Exkremente könnten so nach den Vorstellungen

der Designer als Nähr- und

Rohstoff für die Bakterien dienen.

Gezüchtete Häuser aus

genmanipulierten Bäumen

Eine ähnliche, aber noch radikalere

Idee verfolgt Mitchell Joachim. Der

promovierte Architekt forscht seit Jahren

an nachhaltiger Architektur und

entwickelte die Vision des „Fab Tree

Hab“: Aus gentechnisch veränderten

Bäumen sollen „gezüchtete“ Häuser

entstehen, die in einer symbiotischen

Beziehung zu ihrer Umwelt stehen.

Dabei produziert ein Fab Tree Hab

während seines gesamten Lebenszyklus

Nahrung für seine Bewohner.

Auch hier entsteht kein Abfall oder

Abwasser im klassischen Sinne, alles

findet im geschlossenen Kreislauf

Simulationen: Mitchell Joachim, Terreform ONE

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

Foto: Courtesy of Phil Ross & Workshop Residence

zwischen Ökosystem und Haus seine

(Wieder-)Verwendung.

Das klingt stark nach Science-Fiction.

Joachim selbst scheut diesen

Vergleich aber nicht. Gegenüber dem

Zukunftsinstitut sagte er: „Die Ideen,

die wir vorbringen, basieren auf bereits

serienmäßig existierenden Technologien.

Wir ändern nur die Lösungsgrundlage

und tun Dinge, die nicht

immer offensichtlich sind. Wir haben

kein Problem damit, über Science-Fiction

nachzudenken – wir begrüßen es

sogar.“ Noch sind allerdings nicht alle

für das Projekt benötigten Technologien

ausgereift. Beispielsweise fehlen

organische Fenster. Deshalb wird es

wohl noch eine Weile dauern, bis der

visionäre Architekt dem ersten Fab

Tree Hab den Lebensfunken einhauchen

kann.

Kreativ mit Pilzen

Bodenständiger geht es in den Werkräumen

des Künstlers Philipp Ross

zu. Der ehemalige Küchenchef hat

während seiner Arbeit am Herd die

Liebe zu Speisepilzen entdeckt und

nutzt sie jetzt als Rohstoff für Möbelstücke

und Skulpturen. Der Vorteil:

Im Gegensatz zu Baumaterialien wie

Beton bleiben Pilze über einen längeren

Zeitraum formbar, sind hitze- und

lichtempfindlich.

Die jahrelange Arbeit mit dem exotischen

Material hat allerdings auch den

gebürtigen New Yorker zu visionärem

Denken beflügelt: In seinem Projekt

„Mycotecture“ soll ein komplettes Gebäude

aus Speisepilzen gezüchtet und

errichtet werden. „Wir können jetzt

schon in zwei Wochen eine Menge an

Lederersatzstoff aus Pilzen züchten,

für die man in der Massentierhaltung

zwei Jahre bräuchte. Und dabei benötigen

Pilze nur Abfall als Nährstoff.

Sie sind der Rohstoff der Zukunft“,

Oben: Die Vision des „Fab Tree Hab“

Unten: Aus Speisepilzen gezüchteter

Stuhl

Foto: Susana Cámara Leret

Die „Latro Algen Lampe“

sagt Ross in einem Video auf seiner

Internetseite.

Das Algen-Kraftwerk

Geht es nach den Vorstellungen des

Designers Mike Thompson, werden

Algen zukünftig als Energiequelle dienen.

Der Engländer entwickelte das

Konzept der „Latro Algen Lampe“: In

einer Hängelampe befindliche Algen

betreiben Fotosynthese und produzieren

Strom, der in einer Batterie

gespeichert wird. Das benötigte CO 2

stammt dabei aus der Atemluft, die

über ein Mundstück zugeführt wird.

Vorerst bleibt das Algen-Kraftwerk

aber ebenfalls noch Zukunftsmusik.

Das schreckt die Pioniere des organischen

Designs aber nicht davor ab,

ihre futuristischen Ideen zu verfolgen.

Schließlich hat Hermann Hesse einmal

bemerkt: „Man muss das Unmögliche

versuchen, um das Mögliche zu

erreichen.“ f

79


Bauen und Wohnen

Holland

in Not

Aquakulturen gezüchtet werden. Die

Nährstoffe erhalten die Algen von Abwässern,

die vom Festland ins Meer

gelangen – und filtern so ganz nebenbei

das Wasser.

Simulation: Blue21

Von Julia Arendt

Die Menschen des 21. Jahrhunderts

zieht es in die Städte.

Prognosen zufolge soll der Bevölkerungsanteil

dort im Jahr 2050

bei 70 Prozent liegen – derzeit beträgt

er etwas mehr als 50 Prozent. Den

größten Andrang werden die kleineren

und mittelgroßen Orte mit bis zu

fünf Millionen Einwohnern erleben.

Das stellt Städteplaner und Ingenieure

vor gewaltige Herausforderungen.

Genügend Wohn- und Arbeitsraum

muss her. Dieser soll den Bewohnern

nicht nur eine hohe Lebensqualität

bieten – gleichzeitig sollen Luftverschmutzung

und die Auswirkungen

des Klimawandels verringert werden.

Es wird also höchste Zeit, die nachhaltige

Stadtentwicklung der Zukunft

im Blick zu haben.

Küstenstädte lernen schwimmen

Der Klimawandel hat weitreichende

Folgen. So rechnen Forscher damit,

dass etwa der Meeresspiegel durch

Polar- und Gletscherschmelze bis zum

Jahr 2100 stellenweise bis zwei Meter

ansteigen wird. Das niederländische

Unternehmen „Blue21“ hat dafür die

Zukunftslösung: Es entwickelt Baukonzepte,

wie Küstenstädte sich etwa

auf dem Meer über schwimmende

Plattformen ausdehnen können. Die

Vision des Projekts: die schwimmenden

Städte stehen in enger Verbindung

mit dem Festland und bilden

eine Symbiose. Sie versorgen sich

selbstständig mit Energie, und als

Nahrungsquelle sollen den Menschen

Algen dienen, die über Hydro- und

Ein solches Konzept klingt sehr futuristisch,

wird aber nötig sein: Die

Macher von Blue21 haben errechnet,

dass die fortschreitende Umweltzerstörung,

die wachsende Weltbevölkerung

und der steigende Bedarf an

Lebensmitteln dazu führen wird, dass

im Jahr 2050 zwischen 13 Millionen

und 36 Millionen Quadratkilometer

bewohnbares Land fehlen. Was also

tun? Ihr Vorschlag sieht die Verlagerung

eines Teils der Produktion von

Nahrungsmitteln und Biokraftstoffen

aufs Wasser vor. Zwischen 2,4 und 5,4

Millionen Quadratkilometer schwimmende

Urbanisation auf dem Meer,

könnten den erwarteten Mangel an

Landfläche lindern helfen.

Ein Kuhstall auf dem Wasser

Die Niederländer pflegen eine Beziehung

zum Wasser, die weltweit seinesgleichen

sucht. Ein Viertel des Landes

liegt unterhalb des Meeresspiegels;

95 Prozent aller Polder Europas sind

dort zu finden. Wer etwa vor 150 Jahren

das Gebiet des heutigen Amsterdamer

Flughafens Schiphol besucht

hätte, wäre ohne Boot aufgeschmissen

gewesen. Wenn in Schipohl und an

allen anderen tief liegenden Regionen

nicht ständig Wasser abgepumpt

und die Küsten nicht ständig mit Sand

aufgeschüttet würden, läge die niederländische

Küste 60 Kilometer weiter

östlich, so die Universität Münster.

80 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


Bauen und Wohnen

Simulation: BELADON

Die Floating Farm ermöglicht einen geschlossenen

Kreislauf von Wasser, Energie und Abfall.

Die Niederländer wissen aber nicht nur, wie man dem

Meer durch mächtige Deiche und Entwässerungssysteme

Land abtrotzt. Sie haben auch gelernt, auf dem Wasser

zu leben. Mit Hausbooten und schwimmenden Häusern

beispielsweise. Der neueste Ansatz geht aber noch einen

Schritt weiter: Künftig sollen Kühe auf einer riesigen Potonfläche

im Hafen von Rotterdam ihre Heimat haben; in

einem schwimmenden Hightech-Kuhstall. Zweigeschossig,

sollen beim Projekt „Floating Farm“ bis zu 40 Kühe im ersten

Stock Platz finden und täglich mehrere 100 Liter Milch

geben. Im Untergeschoss sind Gewächshäuser zur Futtermittelproduktion

und eine Molkerei vorgesehen, in der die

Milch weiterverarbeitet wird.

Die Idee dahinter: Da viele alte Hafenbecken mittlerweile

zu klein für große Containerschiffe sind, soll der ungenutzte

Raum eine neue Bestimmung bekommen und in Zeiten

knapp werdender Flächen sollen dort lokal frische Lebensmittel

erzeugt werden, wo viele Menschen leben. f

Forscher wollen Städte aus Vulkanasche bauen

Mischung aus Beton und Gesteinspulver reduziert Energiebedarf

Forscher des Massachusetts Institute of Technology

(MIT) haben gemeinsam mit Kollegen der Kuwait Foundation

for the Advancement of Science ein Pilotprojekt

gestartet, um Gebäude und ganze Stadtteile in Zukunft

aus einer Mischung aus herkömmlichem Beton und Vulkanasche

zu bauen. Die Vorteile: Das fein pulverisierte

Vulkangestein kommt in der Natur häufig vor, kann bei

kleinerer Partikelgröße die Materialstärke verbessern

und reduziert den Energiebedarf.

Partikelgröße entscheidend

„Indem wir einen gewissen Prozentsatz des traditionellen

Betons durch Vulkanasche ersetzen, können wir

den Energieaufwand, der nötig ist, um dieses Material

herzustellen, auf signifikante Weise reduzieren“, zitiert

„TechXplore“ Oral Buyukozturk vom Department of Civil

and Environmental Engineering des MIT. So konnte

etwa bei einem Modellversuch in Kuwait-Stadt gezeigt

werden, dass sich bei einem Stadtteil mit 26 Gebäuden

eine Energieersparnis von 16 Prozent ergibt, wenn man

bei dessen Errichtung anstatt des normalen Betons ein

50:50-Gemisch aus Beton und Vulkanasche verwendet.

Je nachdem, wie fein das vulkanische Gestein pulverisiert

wird, kann eine Beigabe dieses natürlich vorkommenden

Stoffes zudem dazu führen, dass sich die

Stärke des dadurch gewonnenen Materials verbessert.

„Wenn man das Gestein bis auf eine Partikelgröße

von sechs Mikrometern zermahlt, steigert das die

Härte, wirkt sich aber auch auf den Energieaufwand

aus“, erläutert Buyukozturk. Die oben angegebenen 16

Prozent Energieersparnis lassen sich nämlich nur bei

einer Partikelgröße von 17 Mikrometern erreichen. „Man

kann das anpassen, wie man es haben möchte“, so der

MIT-Forscher.

Ziel: CO 2

-Emissionen senken

Laut Buyukozturk und seinen Kollegen ist Beton nach

Wasser das am häufigsten verwendete Material auf der

Welt. Die Energiebilanz seiner Herstellung ist allerdings

nicht wirklich nachhaltig: Zuerst müssen größere Gesteinsbrocken

wie etwa Kalkstein aus Steinbrüchen herausgesprengt

werden, dann müssen diese Brocken zu

Mühlen transportiert werden, wo sie zerkleinert werden,

um anschließend unter hohen Temperaturen verschiedene

Prozesse über sich ergehen zu lassen.

„Solch eine energieintensive Herstellung erzeugt einen

deutlich spürbaren ökologischen Fußabdruck. Auf

die Produktion von herkömmlichem Zement entfallen

weltweit gerechnet rund fünf Prozent der Kohlendioxidemissionen.

Ziel unseres Projektes ist es, neue Möglichkeiten

aufzuzeigen, wie sich der Kohlendioxidausstoß

durch nachhaltige Zusatzstoffe oder Alternativen zu

Beton deutlich senken lässt“, fasst der MIT-Experte

zusammen.

Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de

81


Bauen und Wohnen

guter

Letzt

Zu

Wehe,

wenn der Sprachassistent

böse auf dich ist!

Zahlreiche Nutzer des Sprachassistenten „Amazon Echo“

berichten im Internet von „bösartigem Gelächter“, das von

ihrem Gerät ausgeht. Einige User beschreiben das unverhohlene

Gackern von Alexa als „hexenartig“ und „extrem

gruselig“. Befehle würden zudem missachtet.

Sprachbefehle ignoriert

Ein Nutzer behauptet hinsichtlich der zahlreichen verängstigten

Beiträge gegenüber „BuzzFeed“, dass er versucht

habe, das Licht auszuschalten. Das Gerät hätte dieses jedoch

wiederholt wieder eingeschaltet, bevor der Sprachassistent

ein „böses Lachen“ von sich gegeben habe. Alexa selbst hat

ein eigenes Lachen, das Nutzer mit einer bestimmten Frage

auslösen können. Dieses würde sich den Berichten zufolge

jedoch deutlich von den kürzlichen Fällen des bösartigen

Gackerns unterscheiden.

Ein anderer Nutzer gibt an, er hätte Alexa befohlen, den Wecker

abzustellen. Der Sprachassistent reagierte dem User

zufolge jedoch auch in diesem Fall mit einem „hexenartigen“

Lachen. Ein weiterer Reddit-User schreibt, dass sein

Alexa-Gerät es abgelehnt habe, das Licht auszuschalten.

„Nach der dritten Bitte reagierte Alexa gar nicht mehr

und lachte stattdessen böse. Das Lachen war nicht in der

Alexa-Stimme. Es klang wie eine echte Person“, so der Nutzer.

Störimpulse vermutet

Viele weitere Anwender berichten über ähnliche Vorfälle, in

denen der Sprachassistent Befehlen nicht mehr nachgekommen

sei und stattdessen zu lachen begonnen habe. Bislang

ist nicht klar, warum Alexa derzeit ohne eine spezielle Frage

lacht oder eine andere Stimme dafür benutzen kann. Laut

dem Bericht ist der Online-Versandhändler und Alexa-Entwickler

Amazon noch nicht auf Anfragen nach weiteren Informationen

über den Störimpuls eingegangen. Erst kürzlich

wurde jedoch auch bekannt, dass Alexa oft durch Geräusche

der Umgebung und nicht durch den Nutzer selbst ausgelöst

werden kann. Werbespots wären in vielen Fällen der Grund

für ungewollte Befehle gewesen. f

IMPRESSUM

UmweltDialog ist ein unabhängiger Nachrichtendienst

rund um die Themen Nachhaltigkeit und Corporate

Social Responsibility. Die Redaktion von Umwelt-

Dialog berichtet unabhängig, auch von den Interessen

der eigenen Gesellschafter, über alle relevanten Themen

und Ereignisse aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Herausgeber:

macondo publishing GmbH

Dahlweg 87

48153 Münster

Tel.: 0251 / 200782-0

Fax: 0251 / 200782-22

E-Mail: redaktion@umweltdialog.de

Redaktion dieser Ausgabe:

Dr. Elmer Lenzen (V.i.S.d.P.), Sonja Scheferling,

Milena Knoop, Fee Hovehne, Lucas Beesten,

Julia Arendt, Elena Köhn

Bildredaktion:

Marion Lenzen

Gestaltung:

Gesa Weber

Lektorat:

Marion Lenzen, Milena Knoop

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© 2018 macondo publishing GmbH

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Digital: 2199-1626

Print: 2367-4113

82 Ausgabe 9 | Mai 2018 | Umweltdialog.de


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