Achtung! Warum Unternehmen Menschenrechte beachten müssen

macondogroup

Bei Menschenrechten geht es um Würde und Achtung. Daran haben sich auch Unternehmen und Staaten zu halten. Aber tun sie das auch? Die aktuelle Ausgabe des Wirtschaftsmagazins UmweltDialog lotet auf 84 Seiten die vielen Facetten des hochaktuellen und brisanten Themas Menschenrechte aus.

Ausgabe 10

November 2018

9,00 EUR

Achtung!

Warum Unternehmen Menschenrechte beachten müssen

umweltdialog.de


© shutterstock

MENSCHENRECHTE IN

IHRER LIEFERKETTE

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dass Unternehmen ihrer Verantwortung nachkommen und für die Einhaltung von Menschenrechten

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Menschenrechte

Liebe Leserinnen

und Leser,

als wir vor längerer Zeit für diese

Ausgabe das Thema Menschenrechte

planten, hatten wir eigentlich „nur“

den 70. Jahrestag der Allgemeinen

Deklaration der Menschenrechte

am 8. Dezember im Kopf. Wir hätten

nicht gedacht, dass Menschenrechte

als Thema so viel politische Brisanz

und Aktualität bekommt, so viel im

Positiven wie auch im Negativen passiert.

Unsere Ausgabe will versuchen,

hier etwas Struktur in die Menschenrechtsdebatte

zu bringen, wobei wir

den Fokus darauf legen, welche Rolle

Unternehmen dabei spielen.

Reden wir über Positives: Die Menschenrechte

haben sich definitiv weiterentwickelt.

Es geht nicht mehr

nur um minimale Bürgerrechte wie

Unversehrtheit und Rechtsbeistand,

sondern auch um soziale Anspruchsund

Teilhaberechte und immer öfter

um Selbstbestimmungsrechte. Wegweisend

sind hier auch die Arbeiten

des Harvard-Professors und UN-

Sonderbeauftragten John Ruggie: Die

„UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und

Menschenrechte“ – oft auch einfach

Ruggie-Principles genannt – bilden einen

konsensfähigen Rahmen zur

menschenrechtlichen Regulierung von

Unternehmen.

Reden wir über Negatives: Das ist oftmals

die gelebte Praxis. Da werden

unliebsame Journalisten in Konsulaten

und auf der Straße umgebracht,

in Nordafrika gibt es wieder Sklavenmärkte,

Konzerne machen mit Schurkenstaaten

beste Geschäfte, und auf

unseren Feldern schuften Arbeiter unter

bescheidensten Bedingungen. Die

Wörter Menschenrechte und Missachtung

müssen leider noch allzu oft

in einem Satz genannt werden.

Sowohl Staat als auch Zivilgesellschaft

drängen beim Thema Menschenrechte

zunehmend auf gesetzliche Regelungen.

Das ist aus den Erfahrungen,

die wir machen, sicher auch verständlich.

Aber am Ende reichen Gesetze

alleine nicht aus: Der frühere Richter

am Bundesverfassungsgericht,

Ernst-Wolfgang Böckenförde hat das

in einem nach ihm benannten Dilemma

sehr gut auf den Punkt gebracht:

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat

lebt von Voraussetzungen, die er selbst

nicht garantieren kann.“ Er hängt also

davon ab, dass alle in diesem Staat mit

ihrem Verhalten und ihrer Lebensweise

diesen liberalen Staat ermöglichen,

und zwar proaktiv und freiwillig.

Menschenrechte gehören nicht in gedruckte

Deklarationen oder Gesetzestexte,

sondern in den täglich gelebten

Alltag!

Viel Spaß beim Lesen wünscht im

Namen der gesamten Redaktion Ihr

Dr. Elmer Lenzen

Chefredakteur

Die nächste Ausgabe

UmweltDialog erscheint am

17.05.2019


6

Business braucht Regeln –

gerade beim Thema

Menschenrechte

Inhalt

EINFÜHRUNG

Unternehmen und Menschenrechte ................................. 6

Bei Menschenrechten geht es um Würde und Achtung.

Daran haben sich auch Unternehmen zu halten.

Aber tun sie das auch?

CSR und Haftung – Unternehmen zwischen

Skylla und Charybdis ......................................................... 10

Wie können Firmen Nachhaltigkeitsvorgaben in der

Lieferkette verankern, ohne dass ihnen Haftung droht?

Menschenrechte sind kein dünner Ersatzkaffee .......... 12

Eine philosophische Annäherung an aktuelle Fragen

mit Prof. Dr. Claus Dierksmeier

70 Jahre Deklaration der Menschenrechte ................... 18

Die UN-Menschenrechtscharta feiert Jubiläum.

Unsere Bildergeschichte zeigt die wichtigen Momente.

Zwischen Glamour und Grundrechten ............................22

Amal und George Clooney sind mehr als nur ein

Glamour-Paar. Das zeigt ihr Einsatz für Menschenrechte.

Wozu dient die menschenrechtliche Risikoanalyse? ....34

Kinderarbeit, Sklaverei, Armut: Die Schattenseiten globaler

Wertschöpfungsketten erfordern neue Strategien.

Menschenrechtliche Sorgfaltspflicht bei

der Deutschen Telekom......................................................36

Unternehmensverantwortung lässt sich planen und

trainieren. Wie das geht, zeigt das Beispiel der

Deutschen Telekom.

Ethik? Das Wort gefällt mir nicht ....................................38

Auf Hauptversammlungen geht es nur um's Geld?

„Von wegen!“ sagt der Aktivist Mauro Meggiolaro und

mischt mit „Shareholders for Change“ mit.

MODERNE SKLAVEREI

Was ist moderne Sklaverei? .............................................42

Der Begriff der modernen Sklaverei wird in der

Menschenrechtsdebatte vermehrt verwendet.

Aber was bedeutet er genau?

MANAGEMENT

Unternehmensverantwortung ist nicht verhandelbar ...28

Unternehmen müssen die Top-Risiken im Blick haben,

wenn sie Menschenrechte innerhalb der Lieferkette

managen wollen.

Der SA8000-Standard .......................................................32

Der Sozialstandard SA 8000 ist der erste weltweit

zertifizierbare Standard für eine sozial verantwortliche

Unternehmensführung.

Missachtung hat viele Gesichter .....................................44

Arbeit auf Abruf, illegale Erntehelfer, Geschäfte mit

Gaunern, und die Frage: Dürfen Kindermädchen in

Dubai eine Tag pro Woche frei haben?

O Tannenbaum, o Tannenbaum,

wie fair sind deine Zapfen! ................................................50

Für viele ist die Nordmanntanne der Inbegriff des

Weihnachtsbaums. Ihre Zapfen zur Zucht werden teils

unter gefährlichen Bedingungen gepflückt.

Das will toom ändern.


Menschenrechte

BÜRGERRECHTE

Bauern vertrieben, Plantage läuft ...................................52

Kleinbauern werden in Uganda vertrieben, damit

deutsche Kaffeebarone gute Geschäfte machen können.

Um Entschädigung kämpfen die Farmer bis heute.

Kinderrechte in einer globalen Wirtschaft .....................58

Immer noch verbinden viele Unternehmen Kinderrechte

lediglich mit dem Verbot von Kinderarbeit. Dabei geht

es um viel, viel mehr.

Wo Kinder noch Kinder bleiben dürfen ...........................62

Unsere Beispiele aus Indien, Guatemala und China

zeigen bessere Arbeitsbedingungen und vor allem die

Einhaltung der Kinderrechte.

22

Mehr als nur Bling-Bling

im Kopf: Amal und

George Clooney

ROHSTOFFE

Welcome to Sodom ............................................................64

Was passiert mit unserem Elektroschrott? Der Dokumentarfilm

„Welcome to Sodom“ zeigt die Menschen,

die in Afrikas größter Müllhalde leben und arbeiten.

Nachhaltigkeitsrisiko Bauxit ............................................68

Aluminium ist mit der wichtigste Rohstoff der Energiewende.

Hergestellt wird es aus Bauxit. Der Abbau ist mit

erheblichen Risiken für Mensch und Umwelt verbunden.

Nespresso setzt sich für Nachhaltigkeit

in der Lieferkette ein .......................................................... 72

Die Aluminium Stewardship Initiative ist der weltweit

erste Standard für dessen nachhaltige Beschaffung.

42

Sklavenarbeit? Nicht mein

Problem! Von wegen – moderne

Sklaverei ufert immer weiter aus.

Wie die Blockchain Kinderarbeit und

Konfliktmineralien auf die Spur kommt ......................... 74

Elektronische Produkte bestehen aus tausenden Komponenten.

Deren Herkunft lässt sich oftmals nur schwer

zurückverfolgen. Die Blockchain kann das ändern.

Energiewende auf Kosten von Umwelt- und

Menschenrechten? ............................................................. 77

Auch Grünstrom ist nicht konfliktfrei – vor allem gibt es

bei der Beschaffung der benötigten Rohstoffe Probleme.

Steinkohle – ein schmutziges Geschäft ........................ 78

In Deutschland wird die Steinkohleproduktion Ende

2018 eingestellt, der Strom soll ja sauber werden.

Doch die Kraftwerke laufen weiter – mit Importkohle.

Moral Mining .......................................................................80

In Minen arbeiten muss nicht automatisch schlimm sein.

Es kommt auf die Einhaltung von Standards an.

Holländer und Schweizer prüfen das mittels eines Index.

68

Ohne Aluminium kein Leichtbau,

keine Energiewende, kein Klimaschutz.

Aber wehe, wir schauen genau

hin, woher der Rohstoff kommt!


Menschenrechte

I

UNTERNEHMEN

VERSUS

und

Von Philipp Bleckmann

Im Juni 2017 veröffentlichten Germanwatch

und Misereor eine Studie

zu Menschenrechtsverletzungen

deutscher Unternehmen in der

Energiewirtschaft. Das Medienecho

war gewaltig. Kein Wunder, denn die

Autoren werfen den Unternehmen vor,

die Menschenrechte vielfach zu missachten

– und zwar insbesondere in ihren

Lieferketten im Ausland. Die Vorwürfe

an alle großen Stromversorger

reichen von illegalen Umsiedlungen

über massive negative Gesundheitsauswirkungen

bis zur Beeinträchtigung

der Rechte indigener Bevölkerungsgruppen.

MENSCHENRECHTE

Auch bei der Elektromobilität finden

sich ähnliche Anschuldigungen in einer

aktuellen Kampagne von Amnesty

International. Deutschen Automobilbauern

sowie internationalen Unternehmen

der Elektronikbranche wird

darin vorgeworfen, in ihren Lieferketten,

vor allem etwa in der Region der

Großen Seen im Kongo, massive Menschenrechtsverletzungen

zuzulassen.

Recherchen aus diesem Jahr zeigen,

dass moderne Sklaverei und Ausbeu-

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

tung bei den Arbeitsbedingungen

auch in Europa alltäglich sind: Etwa

beim Anbau von Tomaten, Erdbeeren

und ähnlichen Produkten in Spanien

oder in Italien, wo oftmals Geflüchtete

und illegal Beschäftigte zu den

Leidtragenden der teils bandenmäßig

organisierten Vergehen gehören.

Da stellen sich Fragen: Warum kommt

es immer wieder zu solchen negativen

Auswirkungen in den Wertschöpfungsketten?

Wie reagiert die

internationale Staatengemeinschaft

auf diese Herausforderung? Und

schließlich: Was sind die konkreten

Anforderungen an Unternehmen, um

ihre Geschäftstätigkeiten inklusive

Lieferketten fair und sozial nachhaltig

zu gestalten?

Begeben wir uns auf Ursachenforschung

Die Entwicklung der internationalen

Wirtschaft in den letzten Jahren ist

geprägt von massiven Verschiebungen,

Stichworte sind Globalisierung,

Privatisierung und mangelnde Staatlichkeit.

2016 waren von den 100 größten

„Economies“ nur noch 31 Staaten

– aber 69 Unternehmen.

Globalisierter Handel geht oft einher

mit der Konzentration von Macht in

den Händen einiger weniger. In den

meisten Fällen sind das Großkonzerne

aus Europa oder den USA. Somit

ist das Vorrecht des Staates als

zentraler und mächtigster Akteur

in vielen Konstellationen fraglich –

vor allem da seine Zuständigkeit an

Landesgrenzen haltmacht, die Aktivitäten

der Unternehmen hingegen

nicht. Zudem erleben wir durch

ein hochkompliziertes Geflecht aus

Tochterfirmen, die juristisch als

unabhängige Rechtspersönlichkeiten

gefasst werden und nicht für einander

haften, eine Situation unklarer

Verantwortung. Dies betrifft sowohl

die Schaffung von Tochterfirmen in

Produktionsländern, für die aufgrund

von Haftungsbeschränken im Binnenleben

der Unternehmen die Muttergesellschaft

bei Verstößen nicht haftet

als auch den Fall komplizierter und

verzweigter Lieferketten. Der Konzern

lagert den Großteil der Produktionsschritte

an Zulieferer aus, für die

er rechtlich keine Verantwortung hat.

Kurzum: Staaten können Unternehmensaktivitäten

sehr viel schwieriger

regulieren als früher.

Zeitgleich zu den international verlaufenden

Liberalisierungsprozessen

sehen wir sowohl in Entwicklungsund

Schwellenländern als auch in

den Industrieländern enorme Privatisierungstendenzen:

Aspekte der

Gesellschaft, die bislang unter die

staatliche Pflicht zum Schutz, der

Förderung und der Gewährleistung

von Menschenrechten gefallen sind,

werden nun privatwirtschaftlich organisiert.

Die bisher für Staaten

geltenden Regeln reichen in diesen

„new private spheres“ zum Schutz

der Menschenrechte dann oftmals

nicht mehr aus.

Zu guter Letzt operieren Unternehmen

häufig in Ländern mit schwacher

Staatlichkeit, die aus verschiedenen

Gründen den Schutz der Menschenrechte

nicht gewährleisten: Korruption,

mangelnde Kapazitäten oder Anreize

für die Regierung, mit möglichst

geringen Standards bewusst hohe

Direktinvestitionen anzulocken, seien

hier genannt.

Wie sehen Lösungen aus?

Aus diesen schwierigen Rahmenbedingungen

ergeben sich für den Umgang

mit negativen Auswirkungen

auf die Menschenrechte große Herausforderungen.

Dies wird deutlich

beim Versuch, die Frage zu beantworten,

wer etwa für die Geschehnisse

bei einem Fabrikeinsturz oder einem

Großbrand die Verantwortung trägt:

• Ist es die Regierung des Landes, die

keine effektiven Kontrollen durchsetzt?

• Ist es der Bauunternehmer, der sich

aus Kostengründen gezwungen

sieht, am Rande der legalen Bauschriften

zu agieren?

• Liegt die Verantwortung beim lokalen

Fabrikbesitzer, der kein Interesse

an gesteigerter Arbeitssicherheit

hat?

• Welcher Teil der Verantwortung ist

für den europäischen Großkunden

anzusetzen, dessen Einkaufspraxis

vor allem auf den Preis als entscheidendes

Kriterium fokussiert?

• Und inwieweit ist am Ende gar der

Verbraucher zu nennen, der trotz aller

gesellschaftlicher Bekenntnisse

zu mehr Nachhaltigkeit nicht mehr

als ein paar Euro für ein T-Shirt ausgeben

möchte oder kann.

Der aktuell einflussreichste und umfangreichste

Versuch, eine Antwort auf

diese Fragen zu formulieren, sind die

UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und

Menschenrechte. Die 2011 vom UN-

Menschenrechtsrat einstimmig verabschiedeten

Leitprinzipien wurden im

Anschluss von einer Vielzahl weiterer

Initiativen, Rahmenwerke, Staaten und

Unternehmen übernommen und entfalten

dadurch ihre Wirkung, ohne von

sich aus eine rechtliche Verbindlichkeit

zu bedingen. John Ruggie, einer

der Autoren der UN-Leitprinzipien, bezeichnet

dies als die „normative Kraft“

der Leitprinzipien.

Drei Säulen bilden den Kern dieser

Leitprinzipien:

In Säule 1 (Schutz der Menschenrechte)

wird die bekannte Pflicht der Staaten

zum Schutz der Menschenrechte

ausgeführt. Staaten sind die primären

Adressaten, die die Menschenrechte

und Grundfreiheiten zu achten, zu

schützen und zu gewährleisten haben.

In Säule 2 (Achtung der Menschenrechte)

wird die Verantwortung von

Wirtschaftsunternehmen, als spezialisierten

Organen der Gesellschaft, >>

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

7


Menschenrechte

Grafik: fotoscool / stock.adobe.com

Philipp Bleckmann ist Manager

„Human Rights and Business“

beim Deutschen Global Compact

Netzwerk.

zur Achtung der Menschenrechte festgelegt.

Sie haben die Verantwortung,

in ihrem operativen Handeln nicht

nur geltendem Recht Folge zu leisten,

sondern darüber hinaus die Menschenrechte

zu achten. Dies gilt insbesondere

dann, wenn der Staat, indem sie

operieren, nicht willens oder nicht in

der Lage ist, seiner Pflicht zum Schutz

der Menschenrechte nachzukommen.

Das Unternehmen muss in diesem

Fall dann trotzdem von sich aus seiner

Verantwortung zur Achtung der Menschenrechte

nachkommen. Das heißt,

dass die Unternehmen „vermeiden

sollen, die Menschenrechte Anderer

zu beeinträchtigen und dass sie nachteiligen

menschenrechtlichen Auswirkungen,

an denen sie beteiligt sind,

begegnen sollen“. Kernaufgabe der

Unternehmen ist die Einführung und

Umsetzung von Prozessen menschenrechtlicher

Sorgfalt.

Abschließend regeln die Leitprinzipien

in Säule 3 (Zugang zu Abhilfe)

den Fall, dass es bei der Ausübung

der Schutzpflicht oder der Achtungsverantwortung

dennoch zu negativen

Auswirkungen auf die Menschenrechte

Dritter kommt. In einem solchen

Fall haben sowohl Staaten als auch

Unternehmen die Pflicht und die Verantwortung,

angemessene und wirksame

Abhilfemaßnahmen zu entwickeln.

Und das sagt der Gesetzgeber

Die EU sowie der UN-Menschenrechtsrat

haben die Staatengemeinschaft

2012 aufgefordert, die Anforderungen

der UN-Leitprinzipien in Nationalen

Aktionsplänen für die jeweiligen Länder

zu konkretisieren. In Deutschland

dauerte das vier Jahre. Im 2016 verabschiedeten

„Deutschen Nationalen

Aktionsplan“ (kurz: NAP) äußert die

Bundesregierung die Erwartung, dass

alle Unternehmen die Menschenrechte

achten. Diese Erwartung gilt grundsätzlich

unabhängig von der Größe des

Unternehmens, auch wenn die konkrete

Ausgestaltung der Achtungsver-

Zunehmende menschenrechtliche Regulierung

1977 1998 2006 2010 2011 2012

USA

Foreign Corrupt

Practice Act

(FCPA)

USA FCPA

überarbeitet

UK

Companies Act

USA

Dodd-Frank Act

UK Bribery Act

UN-

Leitprinzipien

werden

verabschiedet

Kalifornisches

Gesetz zu

Transparenz

in Lieferketten

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

antwortung in der Praxis von der Art

und Größe des Unternehmens, seiner

Position in internationalen Lieferketten

und weiteren Faktoren abhängig

ist. Der Achtung der Menschenrechte

kommen Unternehmen laut Nationalem

Aktionsplan nach, indem sie

Prozesse menschenrechtlicher Sorgfalt

einführen und umsetzen. Diese

aus den UN-Leitprinzipien bekannten

Prozesse formulierte die Bundesregierung

im Nationalen Aktionsplan aus

und nimmt dazu auch ausdrücklich

Bezug zu den UN-Leitprinzipien.

Für Unternehmen mit mehr als 500

Mitarbeitern formuliert die Bundesregierung

außerdem eine Zielvorgabe:

bis 2020 sollen 50 Prozent all dieser

Unternehmen diese Elemente in ihre

Unternehmensprozesse integriert haben.

Sollte diese Zielmarke nicht erreicht

werden, so wird die Bundesregierung

„weitergehende Maßnahmen,

bis hin zu Verbindlichkeit“ prüfen. Im

Koalitionsvertrag vom 14. März 2018

gehen CDU/CSU und SPD sogar noch

weiter: „Wir setzen uns für eine konsequente

Umsetzung des Nationalen

Aktionsplans Wirtschaft und Menschenrechte

(NAP) ein, einschließlich

des öffentlichen Beschaffungswesens.

Falls die wirksame und umfassende

Überprüfung des NAP 2020 zu dem

Ergebnis kommt, dass die freiwillige

Selbstverpflichtung der Unternehmen

nicht ausreicht, werden wir national

gesetzlich tätig und uns für eine

EU-weite Regelung einsetzen.“

So fällt das derzeitige Fazit aus

Viele Unternehmen haben sich zur

Umsetzung der UN-Leitprinzipien bekannt

und gehen die Herausforderungen

der menschenrechtlichen Sorgfalt

proaktiv an. Dafür finden Unternehmen

in Deutschland mehrere Unterstützungsangebote.

Als Eingangstor

fungiert etwa der NAP Helpdesk der

Agentur für Wirtschaft und Entwicklung,

der konkrete Fragen zum Nationalen

Aktionsplan beantwortet. Das

Deutsche Global Compact Netzwerk

bietet mit seiner Plattform MR-Sorgfalt.de

eine Anlaufstelle für Anfänger

und Fortgeschrittene, sowie mit dem

„Fit für den NAP“-Qualifizierungsprogramm

auch eine Hilfestellung bei der

schrittweisen Umsetzung der Sorgfaltsprozesse.

Oftmals stellt sich jedoch auch bei den

engagierten Unternehmen die Frage

nach der internationalen Kohärenz

der Ansätze: wenn sich die oben beschriebenen

Herausforderungen vor

allem auch aus der Globalisierung

und grenzüberschreitendem Handel

ergeben, sollten dann nicht auch die

Lösungen international sein? Mit den

UN-Leitprinzipien ist dazu ein erster

Schritt getan, doch wäre ein koordiniertes

Vorgehen auf EU-Ebene (zum

Beispiel ein europäischer Aktionsplan

Wirtschaft & Menschenrechte) oder

gar eine Verlagerung auf UN-Ebene

(siehe die Diskussion zum UN-Treaty)

zur Erreichung eines „Level Playing

Field“ ein sicherlich denkbarer nächster

Schritt. f

2013 2014 2015 2016

2017


Nationaler

Aktionsplan

(NAP)

• Vereinigtes

Königreich

• Niederlande

UK

Companies

Act wird

erweitert

NAP

• Finnland

• Dänemark

• Spanien

Indien CSR

Gesetz

EU

CSR-Richtlinie

ILO-Übereinkommen

gegen

Zwangsarbeit

Ziele für

nachhaltige

Entwicklung

(SDGs)

NAP

• Litauen

• Schweden

• Norwegen

• Kolumbien

EU-Konfliktmineralien

Regulierung

UK Modern

Slavery Act

NAP

• Schweiz

• Italien

• USA

• Deutschland

• Frankreich

Frankreich

Gesetz über

unternehmerische

Sorgfaltspflicht

Bevorstehende

Ereignisse:

• Konzernverantwortungsinitiative

(CH)

• Sorgfaltspflicht

gegen Kinderarbeit

(NL)

• NAPs:

Australien

Argentinien

Belgien

Mexiko

Myanmar ...

Quelle: DGCN

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Menschenrechte

CSR und Haftung

Unternehmen zwischen Skylla und Charybdis

Von Rechtsanwältin Priv.-Doz. Dr. Birgit Spiesshofer M.C.J., New York University

Unternehmen navigieren zwischen Skylla

und Charybdis: Kommen sie den von internationalen

Normen geforderten CSR-Vorgaben

hinsichtlich Konzernunternehmen und

Lieferanten nicht nach, so sollen sie

verantwortlich sein – kommen sie ihnen durch

intensive Durchsteuerung nach, so kann dies

Haftung nach nationalem Recht begründen.

Unternehmen sollen nachhaltig wirtschaften. Sie sollen

CSR-Vorgaben einhalten. Und sie sollen dies im Konzern

und in der Lieferkette einfordern und durchsetzen. Dies fordern

die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte

und, ihnen folgend, mittlerweile alle internationalen

CSR-Standards. Sie sind zwar nicht rechtsverbindlich, aber

gleichwohl Ausdruck „erwarteten Verhaltens“ und können

mit weichen Mechanismen, insbesondere name and shame-Kampagnen

oder vor den Nationalen Kontaktstellen

nach den OECD-Leitsätzen für Multinationale Unternehmen

durchgesetzt werden. Nicht (oder allenfalls im Kleingedruckten

wie bei den Reportingstandards der Global Reporting

Initiative) wird thematisiert, dass die Umsetzung

dieser internationalen Leitlinien nicht nur Haftungsrisiken

minimieren, sondern auch Haftung begründen oder erweitern

kann.

Unternehmen navigieren in Untiefen: Kommen sie den von

CSR-Normen geforderten Sorgfaltspflichten nicht nach,

insbesondere hinsichtlich Konzernunternehmen und Lieferanten,

dann sollen sie deliktisch oder in den „Courts of

public opinion“ verantwortlich gemacht werden können –

kommen sie ihnen durch intensive Durchsteuerung nach,

zeigt eine in jüngerer Zeit zunehmende Zahl von Gerichtsverfahren,

dass sie dadurch die Tür zu den tiefen Taschen

der Muttergesellschaft oder des Auftraggebers und zu Klagen

vor Gerichten in deren Heimatländern öffnen.


Menschenrechte

Ein Beispiel ist der vor dem Landgericht Dortmund verhandelte

KiK-Fall, in dem die Kläger argumentieren, dass KiK

für einen Brand bei dem Zulieferer Ali Enterprises und für

die dadurch verursachten Schäden bei dessen Mitarbeitern

mit verantwortlich sein soll, weil der Zulieferer trotz rechtlicher

Selbständigkeit wie eine Abteilung von KiK anzusehen

sei. Gestützt wird dies im Wesentlichen darauf, dass

• KiK Ali Enterprises verpflichtet hatte, ihren Code of Conduct

zu unterzeichnen,

• KiK Audits hat durchführen lassen und von Ali Enterprises

verlangte, dass sie die gefundenen Defizite beseitigen,

und

• Ali Enterprises hauptsächlich für KiK produzierte.

Aus diesen an sich wünschenswerten Maßnahmen haben

die Kläger eine haftungsbegründende Kontrolle abgeleitet.

Das ist kein isolierter Einzelfall. Britische Gerichte haben

in jüngerer Zeit in einigen Entscheidungen zur Sorgfaltspflicht

(und damit Haftung) von Muttergesellschaften

gegenüber Personen, für deren Schäden an sich Tochtergesellschaften

verantwortlich wären, eine ähnliche Argumentation

entwickelt. So wurde in Lungowe vs. Vedanta

Resources plc, in dem es um Umweltverschmutzung durch

ein Tochterunternehmen ging, aus vollmundigen Nachhaltigkeitsberichten,

die die Überwachung des Umweltschutzes

im Gesamtkonzern durch die Muttergesellschaft

hervorhoben, sowie von ihr gruppenweit durchgeführten

Trainings und einer erheblichen Einflussnahme auf das

Management der Tochtergesellschaft eine Sorgfaltspflicht

gegenüber den von der Tochtergesellschaft Geschädigten

abgeleitet, die eine eigene Haftung der Muttergesellschaft

begründen kann. In zwei weiteren Entscheidungen

(Okpabi vs. Royal Dutch Shell plc und AAA vs. Unilever

plc & Unilever Tea Kenya Ltd.) wurde zwar eine Sorgfaltspflicht

im Ergebnis abgelehnt, jedoch wurden die haftungsbegründenden

Faktoren genau untersucht, insbesondere

die Konzernstruktur, die konzernweiten CSR-Policies, ihre

Umsetzung und Durchsetzung und inwieweit daraus eine

Kontrolle abgeleitet werden kann. Konzernweit geltende

Leitlinien allein sollen nicht ausreichen, um Kontrolle zu

begründen. Vielmehr soll es für die Haftung der Muttergesellschaft

darauf ankommen, dass sie sie auch steuernd

durchsetzt. Genau das ist jedoch der Sinn vieler konzernübergreifenden

Divisionsstrukturen und Compliancemanagementsysteme,

die auch konzerninterne CSR-

Vorgaben umfassen können.

Für Unternehmen ist es daher eine Gratwanderung, wie sie

im Gesamtkonzern und in der Lieferkette Nachhaltigkeitsvorgaben

verankern, ohne zugleich eine haftungsbegründende

Kontrolle auszulösen. f

Grafiken: shutterstock.com


Menschenrechte

Eine philosophische Annäherung an Menschenrechtsdebatten

Menschenrechte sind

kein dünner Ersatzkaffee

Die einen kämpfen gegen die Todesstrafe, die anderen für das

Gender * im Wortschatz. Wieder andere diskutieren darüber,

ob wir Diktatoren wie Assad stoppen dürfen und müssen oder

ob es für Armutsmigration eine Obergrenze gibt. Alle beziehen

sich auf die Menschenrechte. Sie sind universell und scheinbar

äußerst dehnbar. Wir sprachen mit dem Philosophen

Prof. Dr. Claus Dierksmeier. Der Globalisierungsethiker an der

Universität Tübingen ist ein kluger Geist, der die Dinge unserer

Zeit nicht nur einordnet, sondern vor allem auch notwendige

Grenzen zieht.

Grundrechte, Bürgerrechte und Menschenrechte

werden gerne in einem

Atemzug genannt. Worum geht es?

Wir müssen Grund- und Bürgerrechte

immer im Zusammenhang mit dem jeweiligen

Staatswesen betrachten. Unser

heutiges Staatswesen garantiert

seinen An- und Zugehörigen bestimmte

Rechte, die einklagbar oder deren

Verletzung sanktionierbar sind.

Warum dürfen diese Rechte auch von

demokratischen Mehrheiten nicht

einfach abgeschafft werden?

Weil unserer Vorstellung von Menschenrechten

die Grundüberzeugung

zu Grunde liegt, dass jeder Mensch

unveräußerliche Rechte hat, die ihm

nur und insofern zukommen, als sie

eben auch für alle anderen Menschen

gelten.

Diese Idee geht zurück auf die französische

Revolution von 1789. Für uns

im Westen sind seitdem Menschenund

politische Rechte immer ganz eng

mit der Säkularisierung der Gesellschaft

verknüpft.

… womit viele Kulturen ihre Schwierigkeiten

haben!

Richtig, das ist im Kontext des 21.

Jahrhunderts mit seinem sehr großen

Anteil an spiritueller und religiöser

Weltbevölkerung problematisch. Hier

wird schnell der Eindruck erzeugt,

man spiele jetzt Menschenrechte gegen

Religion oder Spiritualität aus.

Leider wird es ja auch in anderen Kulturen

oft genau so wahrgenommen:

Der Westen wolle den Leuten ihren

Glauben nehmen und ihnen als säkulares

Ersatzkaffee ein dürres, abstraktes

Menschenrechtskonstrukt einschenken.

Da liegt ein entscheidendes Missverständnis

vor: Die Menschenrechte

lassen sich auch von spiritueller Warte

aus begründen und einfordern –

12 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

und das ist in vielen Religionen auch

ausdrücklich so geschehen.

Der Menschenrechtsbegriff hat sich

über die Zeit entwickelt. Anfangs

ging es um die Unversehrtheit als

Bürger, dann kamen Forderungen

nach Wahlrecht und Mitbestimmung.

Heutzutage reden wir vor allem über

eine Individualisierung von Rechten.

Das lässt sich aber nicht endlos ausdehnen:

Ab wann geht das Recht des

Einzelnen zu Lasten der Rechte der

Gemeinschaft?

Dafür müssen wir einen näheren

Blick auf verschiedene Traditionen

des freiheitlichen Denkens werfen: Es

ist richtig, dass Menschenrechte heute

in nachmodernen Zeiten über das

Freiheitsprinzip begründet werden

müssen, aber darin eben auch ihre

Grenzen haben. Mehr noch: Meine

Freiheit findet in der Freiheit des anderen

nicht nur ihre Grenze, sondern

eben auch ihren Grund, der sie verantwortlich

ausrichtet.

Das müssen Sie uns bitte näher erläutern!

Foto: Marion Lenzen

Wir folgen nicht einfach nur einem Dono-harm-Prinzip,

sondern wir leben im

Idealfall auf Basis eines würdevollen

Miteinanders, das die Autonomie des

jeweils Anderen anerkennt. Das gilt

übrigens für alle Personen und deshalb

auch für entfernt lebende Andere

und zukünftige Generationen. Dieser

Punkt wird, glaube ich, oft übersehen,

wenn man eine rein individualistische

oder materialistische Freiheitsvorstellung

hat. Ich nenne das eine rein

quantitative Freiheitstheorie. In diesen

Theorien wird Freiheit beschrieben

als ein „Je mehr, desto besser“,

das nach immer mehr Optionen der

privaten Verfügungsmacht sucht und

nur darin Freiheit gesteigert sieht. Die

Anderen kommen dann meist nur als

Störer oder Beschränker meiner Freiheit

in den Blick.

>>

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

13


Menschenrechte

Dagegen setze ich einen qualitativen Freiheitsbegriff,

der lautet: „Je besser, desto

mehr“. Also je besser unsere individuelle

Freiheit mit dem universellen Gedanken

der Freiheit übereinstimmt, desto echter

ist die Freiheit und desto stärker sollten

wir sie schätzen, schützen und stärken.

Da rollen aber zwei sehr entgegengesetzte

Züge aufeinander …

In der Tat! Genau an der Bruchstelle erleben

wir im Moment eine heftige Auseinandersetzung:

Die einen wollen minimale

Restriktionen, minimale Regierung,

minimale Steuern und so weiter. Die

anderen halten dagegen und sagen: Die

Freiheit der anderen ist zwar die Grenze meiner Freiheit,

aber auch die Grundlage, von der her meine eigene Freiheit

erst zu denken ist: Individuelle Freiheit und kosmopolitische

Verantwortung gehören zusammen.

Dieser Freiheitsbegriff beruht auf gegenseitiger Toleranz.

Ihr Kollege John Gray hat sich jüngst in einem spannenden

Essay sehr frustriert geäußert. Für ihn ist es nicht

weit her mit Toleranz – der Liberalismus habe sich vielmehr

von einem Konzept der Toleranz hin zu einer Orthodoxie

verwandelt, die kein Abweichen zulässt. Leben wir

in zunehmend intoleranten Zeiten?

Ich freue mich, dass Sie das ansprechen, weil die Verorthodoxierung

des Liberalismus – also die Intoleranz gegenüber

anderen Meinungen – genau jener quantitativen

Art von egoistischer Freiheitsauslegung geschuldet ist.

Wenn wir uns anschauen, was Neoliberale und Libertäre

in den letzten Jahrzehnten so gemacht haben, dann gibt es

da schon ein Muster:

Sie übernehmen einen eng verstandenen Positivismus

und sagen: Wir müssen wertfrei an die Geschichte ran,

weil wir ja so fürchterlich tolerant sind. Und weil wir

wertfrei über alles reden, auch über die Freiheit selbst,

dürfen wir auch nicht mehr sagen, welche Freiheiten wir

eigentlich meinen oder welche Freiheiten für uns wichtig

sind. Da wir das nicht mehr tun dürfen, aber trotzdem

beurteilen wollen, welche Regierungssysteme besser sind

– das von Putin oder von Merkel – bleibt uns stattdessen

nur noch die Quantität der individuellen Optionen.

Am Ende entsteht ein System, das wertfrei sein möchte,

aber durch und durch mit der Wertung besetzt ist, weil

diejenigen Freiheiten, die zähl- und messbar sind, darin


besser performen und entsprechend wichtiger werden.

So kriegen wir Freiheit für die Konsumgesellschaft, aber

keine Freiheit der Lebenschancen. Faktische Besitzstände

und erworbene Rechte lassen sich so wohl schützen, kontrafaktische

Ansprüche (etwa auf Sozialleistungen) eher

nicht. Die kriegen wir erst in den Blick, wenn wir zugestehen,

dass zur Freiheit auch Aspekte gehören, die wir nicht

messen, zählen oder wiegen können.

Es geht gar nicht in erster

Linie darum, zu sagen, wer

Recht hat, sondern darum

festzulegen, wer das Recht

hat zu entscheiden.

Wie kommen wir aus der Zwickmühle wieder raus?

Umdenken! Den Pseudo-Positivisten sage ich: Indem ihr

zählt, wertet ihr. Wir müssen zurück zur Ausgangsfrage:

Was gilt uns eigentlich als eine Freiheit, die wir schützen,

schätzen und stärken wollen?

Bei jedem Menschen ist intuitiv die Einsicht vorhanden,

dass es Freiheiten unterschiedlicher Rangstufe gibt. Ein

Beispiel dazu: Es gibt die Freiheit, entweder auf der linken

oder der rechen Fahrbahn zu fahren, welche sinnvollerweise

durch die Straßenverkehrsordnung eingeschränkt

wird.

Das kann man aber nicht über einen Kamm scheren etwa

mit Einschränkung von Freiheit, sich politisch nur links

oder nur rechts äußern zu dürfen. Beides reduziert unsere

Freiheit, aber dennoch sind die Beschränkungen keinesfalls

gleichwertig. Das sieht jeder. Um es aber begründen

zu können, müssen wir auf Werte zurückgreifen und

erklären, warum etwa die Meinungsäußerungsfreiheit

wichtiger ist als die freie Wahl des Fahrstreifen. Dafür

brauchen wir Pluralität, Differenz, Divergenz: Solche Gewichtungen

lassen sich nicht im voraus auf Kreidetafeln

berechnen, man muss man darüber Dialog führen und es

dann demokratisch entscheiden.

14 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Es gibt also Regeln, die muss man

einhalten und andere Regeln, die

muss man freihalten. Wenn wir jetzt

gemeinsam die Grenze zwischen

Menschenrecht und Völkerrecht abschreiten,

dann hat jeder Staat für

sich natürlich erst mal die Souveränität

zu machen, was er möchte.

Auf der anderen Seite können wir

bei Verbrechen – ich denke da an

Ruanda oder Syrien – nicht einfach

zuschauen. Müssen wir zu Not Menschen-

und Völkerrecht brechen, um

Menschenrechte zu schützen?

Die kurze Antwort lautet: Bei extremen

Fällen wie Genozid läuft es auf

ein Abwägungsurteil hinaus zwischen

zu schützenden und erst durch

ein Eingreifen zerstörten Menschenlebens.

Das ist auch die Antwort der

klassischen spätscholastischen Theorie

vom Gerechten Krieg.

Die längere Antwort lautet: Wenn

Menschenrechte auf Freiheit basieren

und nach der Formel arbeiten „Die

Freiheit des anderen ist nicht nur die

Grenze, sondern auch der Grund meiner

Freiheit“, dann steht diese Freiheit

nicht nur mir zu, sondern allen

Menschen. Das heißt, ich bin auf die

Freiheitspflege anderer verpflichtet.

Deswegen gehen uns die Menschenrechtsverletzungen

in failing states

etwas an. Und deswegen gibt es auch

Pflichten zur humanitären Intervention.

Auch dabei müssen wir natürlich

abwägen: Wenn wir militärisch in

andere Nationen eingreifen, kommen

Menschen dabei zu Tode. Und wenn

wir nicht eingreifen, kommen sie

auch zu Tode.

Nun ist die Entscheidung, ob man militärisch

eingreift oder nicht, keine,

die von Philosophen getroffen wird,

sondern es ist eine politische Machtfrage.

Lange galten hier die Vereinten

Nationen als moralische Instanz. Damit

ist seit Trump und Co. Schluss.

Was heißt das für die UN und andere

internationale Institutionen zur Verteidigung

der Menschenrechte?

Ich gehe noch mal zum Anfang Ihrer

Frage zurück, als Sie die Unterscheidung

gemacht haben zwischen der

philosophischen Frage: „Darf man

überhaupt eine humanitäre Intervention

machen?“ und der politischen Begründung:

„Jetzt und darum machen

wir eine!“ Dass es diese Unterscheidung

gibt und dass sich diese zwei

Ebenen ergänzen müssen, entspringt

einer bestimmten Denkschule: Wir

wollen Entscheidungen institutionell

organisieren. Warum? Weil es gar

nicht in erster Linie darum geht, zu

sagen, wer Recht hat, sondern darum

festzulegen, wer das Recht hat zu

entscheiden. Genau aus dem Grund

hat die Menschheit Institutionen wie

Schlichter und Richter geschaffen,

und wir alle sind, sofern die sich an

bestimmte Verfahrensregeln halten,

bereit, deren Entscheidungen zu akzeptieren,

selbst wenn diese im Ergebnis

nicht mit unseren Gerechtigkeitshoffnungen

oder Meinungen übereinstimmen.

International betrachtet haben wir solche

Schlichtungs- und Richterinstanzen

nur sehr eingeschränkt umgesetzt

und oft untergraben, schwächen und

hintergehen wir sie dann auch noch.

Es ist sicher kein Zufall, dass Institutionen

wie der Völkerbund nach dem

1. Weltkrieg und die UN nach dem 2.

Weltkrieg geschaffen wurden, weil die

Menschheit nach diesen historischen

Erlebnissen aus Schaden klug geworden

war und gesehen hat, dass Richter

in eigener Sache zu sein auf Dauer in

die Katastrophe führt.

Heute sind aber wieder viele Richter

nur in eigener Sache unterwegs. Das

ist doch die Idee hinter Trumps

„America first“-Doktrin!

Protektionismus kann in der Tat kurzfristig

erfolgreich sein, langfristig

führt er in die Katastrophe. Dennoch

wollen manche Politiker diese kurzfristigen

Vorteile mitnehmen, ohne

sich einen Kopf darüber zu machen,

wohin das langfristig führt.

Frustriert Sie das nicht?

Es ist schwer, optimistisch zu sein,

dass die Menschheit ohne den Druck

von Katastrophen zur Einsicht zurückkehrt,

dass wir gerade auf globaler

Ebene auch Institutionen des Schlichtens

und Richtens brauchen. Wenn es

zu Handlungsdruck kommt, wie etwa

beim Thema Klimawandel, dann kann

man eigentlich nur hoffen, dass dieser

Druck zwar steigt, aber doch noch so

graduell, dass wir auf ihn reagieren

können. Erfahrungsgemäß ist ein gradueller

Anstieg aber gerade eigentlich

nicht das, was die Menschen zum

Handeln bewegt, sondern es sind die

großen Katastrophen – erst dann werden

viele aktiv.

Für sehr viele Menschen macht sich

das Menschenrechtsthema vor allem

an der Flüchtlingsfrage fest. Die Debatte

findet zwischen zwei Extremen

statt, die kaum Dialogbereitschaft

mitbringen: Auf der einen Seite die,

die Menschenrechte wie Immanuel

Kant als absolute, unverhandelbare

Norm begreifen. Und auf der anderen

Seite Verantwortungsethiker, die

schauen, was politisch und gesellschaftlich

geht. Ist denn jeder Kompromiss

ein Tabubruch?

Ich sehe hier auch zwei verfehlte Extrempositionen

– alle rein oder alle

raus. Als wäre Asylpolitik eine rein

quantitative Frage, die man wie einen

Schieber von links nach rechts

bewegt! Tatsächlich muss das Ergebnis

irgendwann eine gesunde Mitte

zwischen diesen Extremen sein, aber

die Herleitung dafür kann, so glaube

ich, nicht quantitativ über eine rigide

Obergrenze erfolgen, sondern es muss

qualitativ argumentiert werden. >>

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

15


Menschenrechte

Im Prinzip hat uns unsere Verfassung

dafür schon gute Indikatoren

an die Hand gegeben und gesagt: Ein

Recht auf Asyl wird unbedingt gewährt.

Ein Recht auf Einwanderung

dagegen kann und sollte an politische

Voraussetzungen geknüpft werden.

Einwanderung, also vor allem Armutseinwanderung,

muss mit Blick auf

die Leistungsfähigkeit des politischen

Systems diskutiert werden. Das ist

keineswegs moralisch illegitim, sondern

geradezu geboten. Denn wenn

ein System nicht mehr leistungsfähig

ist, dann werden alle Rechtsleistungen

dieses Systems ruiniert.

Ich erinnere Sie da noch einmal

schnell an John Grays Dogmatiker –

die werden Ihnen jetzt lautstark widersprechen!

Ja. Moralische Idealisten sagen: Du

darfst gar nicht an die Belastungsgrenzen

der Bundesrepublik denken,

du darfst gar nicht mit Pegida oder der

AfD sprechen. Das ist richtig, wenn

wir über Asyl reden. Es ist falsch,

wenn wir über Einwanderung reden.

Das Nachdenken über die Belastbarkeit

des politischen Gemeinwesens

ist Teil der Aufrechterhaltung des

politischen Gemeinwesens, und die

Existenz dieses Gemeinwesens ist ein

hohes Gut. Wie man allerdings dann

diese Grenzen für Armutsmigration

etwa definiert, das geht nicht autistisch,

sondern nur im Verbund mit

anderen und möglichst in einem kosmopolitischen

Dialog.

Reden wir über die Rolle der Wirtschaft!

Lange glaubte man, dass

mehr Markt auch mehr Demokratie

braucht und generiert. Die Demokratie-

und Globalisierungswelle nach

dem Kalten Krieg steht für diese Narration.

Aber jetzt beweisen immer

öfter populistische und/oder autoritäre

Systeme das Gegenteil. Laufen

gute Geschäfte besser ohne Moral?

Langfristig nicht. Hier müssen wir

noch mal ein Stück weit philosophisch

werden. Über Jahrzehnte wurde

den Studierenden in BWL und VWL

Michael Jensens „Principal/Agent

Theory“ eingetrichtert, wonach eine

Firma nichts anderes ist als ein Nexus

von Verträgen zwischen homines oeconomici:

Ein rationaler Maximierer

seines Eigennutzens trifft sich mit

anderen Maximierern, und die verabreden

Verträge zur kollektiven Maximierung

ihres Eigennutzes. Wenn

man die Welt so sieht, dann sind

moralische Werte und Normen tatsächlich

nichts als Seitenbegrenzungen

und Maximierungshindernisse,

von denen man dann natürlich lieber

weniger als mehr hat. Menschen mit

einem solchen Selbstverständnis werden

Werten und Normen stets mit einer

Vermeidungslogik begegnen.

Ich halte dies Modell für falsch: Firmen

sind Ansammlungen von Menschen,

die mit Menschen für Menschen tätig

sind. Die „Principal/Agent Theory“

kann zwar sehr gut die menschlichen

Laster abbilden – Gier beispielsweise

– sie ist aber sehr schlecht darin, Altruismus

und Tugenden abzubilden.

Der Mensch kommt aber bekanntlich

nicht nur mit Lastern, sondern auch

mit Tugenden zur Welt. Das heißt,

ein Teil dessen, was uns Menschen

ausmacht, wird in diesen Modellen

nicht abgebildet und wird dann auch

managementmäßig nicht angetriggert.

Die herkömmliche Lehre vom

wirtschaftenden Menschen oder von

der Nationalökonomie ist also nicht

realistisch genug, eben weil sie nicht

idealistisch genug ist.

Wie bekommen wir weniger skrupellose

und mehr empathische Manager?

Auf der Makroebene braucht es

Rechtsnormen, die soziopathisches,

psychopathisches oder schlichtweg illegales

Handeln abstrafen, damit der

Ehrliche nicht der Dumme ist. Zudem

Foto: Marion Lenzen

darf es keine Verfestigung des Normbruchs

geben: Es darf niemals so weit

kommen, dass irgendwann Unrecht

als geltendes Recht angesehen wird.

Auf der Mesoebene brauchen wir ein

Anerkennungs-Management, damit jeder,

der sich um anständiges Wirtschaften

bemüht, damit auch Karriere

machen und eine entsprechende

Reputation aufbauen kann. Ich würde

das von schlichten Anreizsystemen

insofern unterscheiden, weil Anreizsysteme

sehr oft mechanisch ausgerichtet

sind. Nach dem Motto: Zuckerbrot

und Peitsche. Jemand, der vorher

Geld bekommt, damit er nachher regelkonform

handelt, ist etwas anderes

als jemand, der nachher eine materielle

oder immaterielle Anerkennung

erhält, weil er zuvor anständig gewirtschaftet

hat.

Auf der Mikroebene schließlich geht

es ganz wesentlich um mentale Veränderung.

Hier haben wir an den Universitäten

sehr viel aufzuholen. Zu lange

haben wir Einstellungen gefördert,

die zu einem Empathie-armen und

rücksichtslosen Wirtschaften beitragen.

Wie man in den Wald hinein ruft,

so schallt es heraus. Wenn wir in den

Kursen den Studierenden das Gefühl

vermitteln, alle anderen sind homines

oeconomici, dann mögen sie zwar im

16 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte


Es darf niemals so weit

kommen, dass irgendwann

Unrecht als geltendes Recht

angesehen wird.

Stillen denken: „Ich wäre eigentlich ganz gerne anständig

und würde viel lieber zum Besseren der Menschheit

wirtschaften, aber da alle anderen kurzfristige Maximierer

sind, ziehe ich notgedrungen mit“. Wenn wir also den

Studierenden Theorien beibringen, nach denen so etwas

wie Social Entrepreneurship gar nicht möglich ist, weil es

moralische Motivation voraussetzt, und dann sehen, dass

derlei Unternehmungen sehr wohl schwarze Zahlen schreiben,

dann müssen wir nicht die Realität, sondern unsere

Theorien ändern. Denn Wirklichkeit beweist Möglichkeit.

Die Erwartungen an die Wirtschaft sind riesig – Unternehmen

sollen den Klimawandel stoppen, die wachsende

Weltbevölkerung in Arbeit? und Brot bringen, nur Gutes

produzieren und überall da einspringen, wo der Staat

versagt oder fehlt. An so einem Erwartungshorizont kann

man doch nur scheitern?

Noch einen Schritt zurück und dann zwei nach vorne: Unternehmen

müssen nicht die Welt retten oder schlichtweg

alles können. Aber dass Unternehmen einen positiven

Beitrag im weitesten Sinne zu ihren Umwelten leisten, ist

eine Art systemische Grundanforderung, die an alle gesellschaftlichen

Akteure gestellt wird. Unternehmen wie auch

Menschen müssen irgendwann mit einem Surplus für ihre

Umgebung rüberkommen, oder das Ganze ist nicht nachhaltig.

Das ist keine unbotmäßige Forderung, sondern lediglich

eine Frage der eigenen Zukunftsfähigkeit, die wir

den Unternehmen vor Augen führen müssen, damit sie Forderungen

der Gesellschaft nicht als Restriktion ihrer unternehmerischen

Freiheit, sondern eher als Hinweise auf die

Nachhaltigkeitsbedingungen ihres Geschäfts ansehen.

So, und jetzt zu ihrer Frage: Was müssen Unternehmen tun

im Kontext von failed states? Da finde ich den Philosophen

Hegel plausibel, der die Unternehmen erst mal nicht daraus

entlässt, dass sie in der Sphäre der Sittlichkeit angeordnet

und wesentlicher Teil der Gesellschaft sind. Gesellschaftliche

Verantwortung also haben sie. Andererseits würde ich

nicht hingehen und sagen, sie seien geradezu Institutionen

des Staats und sollten deswegen auch Aufgaben des Staats

erledigen.

Wenn Unternehmen also strategisch mit der Frage umgehen,

soll ich mich an der Intaktheit meines Gemeinwesens

beteiligen, dann halte ich das nicht für illegitim, sondern

für die einzig nachhaltige Art und Weise, im Business zu

bleiben. Aber ein Unternehmen kann nicht über Jahrzehnte

den Staat kompensieren und dafür nichts kriegen. Dann ist

das Unternehmen irgendwann pleite und die Guten haben

sich selbst abgeschafft. Das kann nicht das Ziel sein.

Was raten Sie den Unternehmen?

Unternehmen können mit moralischer Pflicht durchaus

strategisch umgehen. Ich rate ihnen deshalb bezüglich der

Frage nach ihrer gesellschaftlichen Verantwortung: Macht

es nicht autistisch im Board Room mit euch selbst aus oder

plant irgendwelche Philanthropie-Projekte, die nachher

kein Mensch braucht, sondern stellt euch führt einen aufrichtigen

Dialog mit der Gesellschaft, um zu lernen, was

diese von Euch braucht. Unternehmen, die sich den aus

diesem Gespräch erwachsenden Aufgaben stellen und dabei

strategisch handeln, also entlang ihrer Kernkompetenzen,

setzen ihre Ressourcen effizient und langfristig erfolgreich

ein. Und das ist letztendlich für sie und das System

insgesamt besser, als wenn sie orientierungslos mit der

Spenden-Gießkanne durch die Welt laufen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

17


Menschenrechte

70 Jahre

Deklaration der

Menschenrechte

3

Japanische Frauen besuchen

das temporäre UN-Hauptquartier

in Lake Success

4

Kinder von UN-Mitarbeitern

betrachten die Allgemeine

Erklärung der Menschenrechte,

die am 10. Dezember 1950 zwei

Jahre alt wurde.

5

Das Hauptquartier der

Vereinten Nationen

1

3

4

5

1

Eleanor Roosevelt mit

einem Ausdruck der

Allgemeinen Erklärung für

Menschenrechte auf

Spanisch.

2

2

Das UN-Hauptquartier

wird gebaut.

18 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


6

Menschenrechte

7

6 / 7

Dr. Charles Malik hat die

Allgemeine Erklärung

der Menschenrechte

wesentlich mitgestaltet.

8

8

Eleanor Roosevelt:

Verfechterin der

Menschenrechte

9

Reproduktion des Covers

der französischen,

englischen und

spanischen Ausgabe

des Diskussionsleitfadens

„Our Rights as Human

Beings“.

9

10

11

Fotos: UN Photo; Hintergrund: stock.adobe.com

10

Eleanor Roosevelt, Vorsitzende der

Menschenrechtskommission, und

Dr. Charles Malik, Vorsitzender des

dritten Ausschusses der

UN-Generalversammlung (zweiter von

rechts), während einer Pressekonferenz

nach dem Abschluss der Deklaration

der Menschenrechte.

11

Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung

kennzeichnen den vierten Geburtstag

der Vereinten Nationen.

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

19


Menschenrechte

Menschenrechte

stehen jedem zu

Universell, unveräußerlich und unteilbar: Menschenrechte sind subjektive Rechte, die

jeder Mensch qua seines Menschseins innehat. Zu diesen Rechten gehören beispielsweise

Persönlichkeitsrechte wie das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, Schutz vor

Folter, Menschenversuchen und Zwangssterilisation oder Freiheitsrechte wie das Recht auf

Freiheit, Eigentum und Sicherheit der Person. Außerdem gehören auch justizielle Rechte

wie rechtliches Gehör und die Unschuldsvermutung dazu. Auch wenn fast alle Staaten

weltweit die Menschenrechte anerkennen, führen verschiedene Aspekte wie etwa der

universelle Geltungsanspruch zu politischen Debatten.

Die Menschrechte werden in die erste Generation (bürgerliche Abwehrrechte gegenüber

dem Staat), die zweite Generation (soziale Anspruchs- und Teilhaberechte) und die dritte

Generation (Selbstbestimmungsrecht der Völker) unterteilt.

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten

geboren“: Bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

(AEMR), auch Deklaration der Menschenrechte oder

UN-Menschenrechtscharta genannt, handelt es sich um unverbindliche

Empfehlungen der Vereinten Nationen zu den

Grundsätzen der Menschenrechte. Die AEMR wurde am 10.

Dezember 1948 von der Generalversammlung der UN im

Palais des Chaillot in Paris bekannt gegeben. Seitdem wird

der Tag als Internationaler Tag der Menschenrechte gefeiert.

Als Reaktion auf die furchtbaren Ereignisse des Zweiten

Weltkrieges hatte eine Kommission unter der Leitung Eleanor

Roosevelts den Text erarbeitet. Neben der Witwe von

Franklin D. Roosevelt waren unter anderem der libanesische

Politiker und Philosoph Charles Malik, der französische Jurist

René Cassin oder der chinesische Philosoph Peng-chun

Chang an der Abfassung beteiligt. Bestehend aus 30 Artikeln,

enthält die AEMR die grundlegenden Ansichten über

die Rechte, die jedem Menschen zustehen sollten. Und zwar

unabhängig von Religion, Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft

und unabhängig von dem Rechtsverhältnis, das ein

Mensch zu dem Staat hat, in dem er sich aufhält.

In der Präambel werden generelle Absichten wie „Freiheit,

Gleichheit und Frieden in der Welt“ oder die Gleichberechtigung

der Geschlechter postuliert. Die AEMR ist kein völkerrechtlicher

Vertrag und damit nicht verbindlich. Die

Verhandlungen waren bereits von den Vorboten des späteren

Ost-Westkonfliktes gekennzeichnet. Aus diesem Grund

wurde der ursprüngliche Plan eines völkerrechtlich bindenden

Menschenrechtspaktes auf später verschoben. Im Jahre

1966 wurden dann einige Artikel im UN-Zivilpakt und im

UN-Sozialpakt übernommen. Gemeinsam mit der AEMR bilden

sie den internationalen Menschenrechtskodex.

20 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Völkerrechtsverträge: UN-Sozialpakt und UN-Zivilpakt

Der UN-Sozialpakt (Internationale Pakt über wirtschaftliche,

soziale und kulturelle Rechte) und der UN-Zivilpakt

(Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte)

sind Völkerrechtsverträge, die 1966 von der Generalversammlung

der Vereinten Nationen verabschiedet wurden

und zehn Jahre später in Kraft traten. Bei den Vertragsverhandlungen

kam es vor allem wegen der Frage, inwiefern

die transnationalen völkerrechtlichen Abkommen Einfluss

auf die staatliche Souveränität der Vertragsunterzeichner

haben können, zu Streitigkeiten.

Die bürgerlichen und politischen Rechte sind heute in zahlreichen

Verfassungen der Mitgliedstaaten verankert und

gerichtlich einklagbar. Im Bereich der sozialen Menschenrechte

ist hier noch Nachholbedarf, weil sie nicht in allen

Mitgliedstaaten positiv rechtlich normiert sind.

Bestimmungen des UN-Sozialpaktes im Überblick: Der

UN-Sozialpakt besteht aus 31 Artikeln. Dazu gehören Bestimmungen

wie das Recht auf Berufsfreiheit, Recht auf

angemessenen Lohn und Lebensunterhalt, das Recht auf

sichere und gesunde Arbeitsbedingungen, das Recht auf

die Gründung von Gewerkschaften oder das Recht auf Mutterschutz

und das Recht auf ein Mindestarbeitsalter von

Kindern.

Bestimmungen des UN-Zivilpaktes im Überblick: Der

UN-Zivilpakt garantiert die Rechte, die als erste Generation

der Menschenrechte bezeichnet werden. Dazu gehören

zum Beispiel das Recht auf Leben, das Verbot der Sklaverei

und Zwangsarbeit, das Recht auf Religionsfreiheit oder das

Recht auf allgemeine, gleiche und geheime Wahlen. Minderheiten

darf darüber hinaus das Recht auf ihre Kultur

nicht aberkannt werden.

Die Vertragsstaaten sind in beiden Fällen dazu verpflichtet,

Staatenberichte für den UN-Menschenrechtsausschuss zu

verfassen.

Nationaler Aktionsplan zur Umsetzung

der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und

Menschenrechte (2016-2020)“ (NAP)

Ende 2016 wurde der „Nationale Aktionsplan zur Umsetzung

der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte

(2016-2020)“ (NAP) im Bundeskabinett verabschiedet.

Der NAP sieht ein Monitoringverfahren zur

Überprüfung des Umsetzungsstandes menschenrechtlicher

Sorgfaltsprüfungen in deutschen Unternehmen vor. Mit der

Durchführung dieses Monitorings hat das Auswärtige Amt

die Beratungsgesellschaft EY in Zusammenarbeit mit einem

Konsortium bestehend aus Adelphi, der Systain Consulting

und focusright beauftragt.

Die Bundesregierung definiert mit dem NAP die Verantwortung

von deutschen Unternehmen für die Achtung der Menschenrechte.

Dabei formuliert sie ihre Erwartung bezüglich

der Einhaltung der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht

für Unternehmen und die Achtung der Menschenrechte entlang

unternehmerischer Liefer- und Wertschöpfungsketten.

Die Überprüfung des Umsetzungsstandes hinsichtlich der

in Kapitel III des NAP beschriebenen Elemente menschenrechtlicher

Sorgfalt durch Unternehmen erfolgt durch

eine ab 2018 jährlich durchzuführende Erhebung. Anhand

des Monitorings wird nach wissenschaftlichen Standards

überprüft, ob im Jahr 2020 mindestens 50 Prozent aller in

Deutschland ansässigen Unternehmen mit über 500 sozialversicherungspflichtigen

Beschäftigten die Erwartungen

der Bundesregierung in Bezug auf die unternehmerische

Sorgfaltspflicht erfüllen.

Hintergrund: stock.adobe.com

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

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Menschenrechte

Foto: shutterstock.com

22 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Zwischen Glamour

und Grundrechten

Amal und George Clooney kennen viele vom roten Teppich in Hollywood. Dass die

beiden mehr als ein Glamour-Paar sind, beweist ihr globaler Einsatz für Menschenrechte.

Während sich der Schauspieler etwa für ein Ende von Krieg und Völkermord im

Südsudan einsetzt, arbeitet seine Frau als renommierte Menschenrechtsanwältin und

ist in verschiedene Kommissionen der Vereinten Nationen berufen worden.

George Clooney ist für die meisten Menschen vor allem:

Sexsymbol, Schauspieler und glamouröser Star. Vielleicht

fällt manchem auch noch ein, dass er fleißig Werbung für

Nespresso macht. Laut aktueller Forbes-Liste soll Clooney

im letzten Jahr rund 239 Millionen Dollar verdient haben.

Also wieder so ein oberflächlicher Hollywood-Beau, der

sich die Taschen dick macht?

Tatsächlich gibt es auch einen anderen George Clooney,

der aber weniger Leuten bekannt ist: Er ist politisch sehr

aktiv, lautstarker Trump-Kritiker und vor allem einer der

bekanntesten Fürsprecher für Menschenrechte. So engagiert

er sich abseits seines Berufs als offizieller Friedensbotschafter

der Vereinten Nationen. Große Aufmerksamkeit

bekamen vor allem seine langjährigen Bemühungen,

den Völkermord im Südsudan zu stoppen oder auch seine

Entschlossenheit, den Völkermord in Armenien weltweit

anzuerkennen. Hochgelobt ist auch seine Arbeit mit „Realising

the Dream“, einer gemeinnützigen Initiative, die das

Vermächtnis und die Arbeit von Martin Luther King fortsetzen

will, um Armut und Ungerechtigkeit zu bekämpfen.

So ein politisches Engagement im Privatleben funktioniert,

wenn man eine Partnerin an seiner Seite hat, die diese

Überzeugung teilt. Im Fall seiner Ehefrau Amal Clooney

geht es sogar noch einen Schritt weiter: Sie ist in Menschenrechtsfragen

viel eher der Treiber, der Kopf und der

Plan dahinter. Gemeinsam macht dies die Clooneys zu einem

starken Menschenrechtsteam.

Sich für Frieden und Menschenrechte zu engagieren, war

nämlich auch immer das Anliegen von Amal Alamuddin

Clooney. Sie wurde 1978 im libanesischen Beirut geboren.

Ihre Mutter Baria war eine erfolgreiche politische Journalistin,

während ihr Vater Ramzi Vizepräsident der „Universal

Federation of Travel Agents Association“ war, die sich

auch mit den Vereinten Nationen berät.

Amal wurde während einer ruhigen Phase des Bürgerkriegs

im Libanon geboren und nach dem arabischen Wort

für Hoffnung benannt. Aufgrund der Arbeit ihres Vaters

war die junge Familie von Beginn an viel unterwegs. Als

die Unruhen während des Bürgerkriegs im Libanon zunahmen,

musste die Familie Beirut verlassen und wanderte

nach Großbritannien aus.

Dort ging die junge Amal erst auf ein Mädchengymnasium

und studierte dann Jura am St. Hugh‘s College in Oxford.

2001 ging sie an die New York University School of Law,

wo sie ihren ersten Job bei der angesehenen Firma >>

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

23


Menschenrechte

Sullivan & Cromwell ergatterte. Hier

war sie Teil des Verteidigungsteams

des Energiekonzerns Enron, aber am

meisten inspirierten sie die Fälle, in

denen sie auf Pro-bono-Basis arbeitete.

2004 begann die ambitionierte junge

Anwältin ein einjähriges Referendariat

am Internationalen Gerichtshof der

Vereinten Nationen in Den Haag, bevor

sie nach Beirut zurückkehrte. Dort

nutzte sie ihr Können und unterstützte

die Vereinten Nationen bei der Verfolgung

der Mörder des libanesischen

Premierministers. 2010 ließ sie sich

in London nieder, wo sie bis heute als

Rechtsanwältin tätig ist. Hier hat sie

bereits eine Reihe von prominenten

Kunden vertreten, darunter Mohamed

Fahmy, den kanadisch-ägyptischen

Chef von Al Jazeera sowie Mohamed

Nasheed, den ersten demokratisch gewählten

Präsidenten der Malediven,

oder auch den schillernden Whistleblower

Julian Assange. Zusätzlich

wurde sie in mehrere Kommissionen

der Vereinten Nationen berufen,

darunter als Beraterin des kürzlich

verstorbenen Sondergesandten Kofi

Annan in Syrien.

Es überrascht wenig, dass George,

als er Amal am Comer See begegnete,

sofort von ihr hingerissen war.

Hier trafen sich ein intuitiv handelnder

Menschenrechtsaktivist und eine

scharfsinnige, analytische Menschenrechtsanwältin.

2014 heirateten sie

und wurden drei Jahre später Eltern

von Zwillingen. „Für mich war es immer

klar, dass ich mit meiner Arbeit

weitermache, weil ich nie wirklich

davon Abstand genommen habe“, sagt

Amal. „Der imposante Lebensstil und

die mediale Aufmerksamkeit waren

nichts, was ich jemals gewollt oder

angestrebt habe. Aber wenn das eine

erhöhte Aufmerksamkeit auf wirklich

wichtige und ernsthafte Projekte

lenkt, wie könnte ich dann nicht denken,

dass es eine gute Sache ist?“

2016 gründeten sie ihr erstes gemeinsames

Projekt: Die „Clooney

Foundation for Justice“ setzt sich für

die Rechte von Menschen ein, die

unfair von repressiven Regierungen

und deren Gerichten behandelt werden.

Im vergangenen Jahr hat sich die

Foundation mit UNICEF zusammengeschlossen,

um acht libanesische Schulen

mit 3.000 syrischen Flüchtlingen

zu unterstützen. Außerdem spendeten

sie eine Million Dollar für die Unterstützung

des „Southern Poverty Law

Center“ bei der Bekämpfung von gewalttätigen

Gruppen nach den Protesten

in Charlottesville, Virginia. Und

zuletzt spendeten sie 100.000 Dollar

an das „Young Center“, um die Interessen

von Einwandererkindern, die

von ihren Familien bei der Einreise in

die Vereinigten Staaten getrennt wurden,

zu schützen und zu fördern.

Die Organisation entwickelt derzeit

auch „Trial Watch“, ein umfassendes

globales Prozessbeobachtungs-Programm.

Amal erklärte der US-amerikanischen

Vogue, warum der Schutz

der Redefreiheit noch immer so wichtig

ist: „Regierungen können nicht

so leicht davonkommen, wenn sie

jemanden auf der Straße anschießen,

aber sie können sehr leicht davonkommen,

indem sie ihre Justiz verwenden,

um jemanden ins Gefängnis

zu bringen“, so Amal Clooney. „Diese

Dinge passieren immer wieder, und

das ist die Tragödie. Wir hatten den

Völkermord in Bosnien und dann

wieder in Ruanda. Das System hat

sich weder zu einem Ort entwickelt,

an dem diese Grausamkeiten hätten

verhindert werden können, noch

werden sie danach angemessen behandelt.“

George und Amal Clooney beweisen,

dass ihr humanitäres Engagement

nicht nur „for show“ ist. So haben sie

bei sich in Augusta, Kentucky, einen

jesidischen Flüchtling aus dem Irak

aufgenommen, der unbedingt in den

USA studieren wollte. Hazim Avdal

traf die Clooneys, während Amal ihn

und eine Reihe anderer Jesiden vertrat,

die Opfer des vom sogenannten

Islamischen Staat (IS) begangenen

Völkermords waren. Sie beschlossen,

ihm bei der Immatrikulation an der

University of Chicago zu helfen.

Aber selbst mit der Unterstützung

des berühmten Paares war der Weg

nach Amerika immer noch problematisch.

„Hazim war in einem Bus nach

Mossul, als Mitglieder des IS die beiden

Busfahrer töteten und sagten:

‚Wir werden jeden von euch, der studieren

will, erschießen‘“, berichtete

George dem Hollywood Reporter. „Er

hat überlebt und ist nach Amerika

gekommen. Er hat alle Kontrollen gut

überstanden und hier haben wir ihm

versichert: ‚Hör zu, wir unterstützen

dich. Du möchtest dich weiterbilden?

Du möchtest im Leben vorankommen?

Dabei können wir dir helfen‘.“

24 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Foto: UN Photo / Rick Bajornas

Menschenrechte

Für Amal war der Übergang von einer

hochrangigen Rechtsanwältin zu Mrs.

George Clooney nicht einfach, obwohl

ihr neues Leben beneidenswert glamourös

sein mag. Denn obwohl sie

stilvoll und elegant ist, widerspricht

ihr Beruf wohl dem oberflächlichen

Glanz und Glamour Hollywoods. Wäre

das Paar nicht so beharrlich mit seinem

menschenrechtlichen Engagement,

hätte sich der Ruhm sicher als

zu viel für die 40-jährige Anwältin erwiesen.

„Ich bin mir des zusätzlichen

Drucks bewusst, der damit einhergeht“,

sagt Amal, die privat aufrichtig

und bescheiden auftritt. „Die Kontrolle

der Öffentlichkeit ist groß. Das Beste,

was ich machen kann, ist die Aufmerksamkeit

der Medien auf mich zu

ziehen, indem ich diese Art von Arbeit

weitermache.“

Der Druck auf sie wird durch die Tatsache

verstärkt, dass George, lange

bevor Amal in sein Leben kam, bereits

ganz vorne an der Front der humanitären

Bewegung Hollywoods stand.

Besonders bekannt ist die Gründung

der Organisation „Not On Our Watch“

mit seinen Ocean‘s 11-Co-Stars Don

Cheadle, Matt Damon, Brad Pitt und

Produzent Jerry Weintraub. Er war

außerdem einer der lautesten Kritiker

des Sudanesischen Präsidenten Omar

al-Bashir und lenkte die Aufmerksamkeit

auf den Darfur-Konflikt, der Hunderttausenden

Menschen das Leben

kostete und Millionen vertrieb. Während

eines Protestes wurde Clooney

sogar vor der sudanesischen Botschaft

in Washington wegen zivilem Ungehorsam

verhaftet.

George rechnet es seinem berühmten

Journalisten-Vater Nick Clooney hoch

an, dass er ihm so starke Werte in Bezug

auf soziale Gerechtigkeit mitgegeben

hat: „Mein Vater hat viel damit zu

tun, wie ich über meine Arbeit denke.

Er hatte ein sehr hohes Maß an Integrität,

wenn es um seine Arbeit und

die wichtigen politischen Fragen der

Zeit ging. Er war ein sehr engagierter

Journalist und brachte mir seine Prinzipien

bei und dazu zählte vor allem,

andere Menschen mit Respekt zu behandeln.

Ich denke, wenn man damit

aufwächst, hinterlässt das einen bleibenden

Eindruck. Und während ich

älter und weiser wurde, begann ich

zu verstehen, dass man viel in seinem

Leben erreichen kann, wenn man hart

arbeitet, um seine Ziele zu erreichen.“

Nachdem sie so weit gekommen sind,

wäre es für die Clooneys ein Leichtes,

in den Ruhestand zu gehen und sich

auf ihr Familienleben zu konzentrieren,

während sie ihr Vermächtnis

durch Spenden und gelegentliche öffentliche

Auftritte aufrechterhalten.

Fest steht jedoch, dass das Paar sich

weiter engagieren will. „Die Demokratie

steht auf dem Spiel und wenn diese

wirklich bedroht ist, ist auch die Freiheit

von allen Menschen auf der Welt

bedroht. Denn wir alle sind von Ereignissen

betroffen, die jetzt auf globaler

Ebene stattfinden. Die Idee der Problemisolation

ist veraltet, wir müssen

zusammenstehen.“

Derzeit schreibt Amal zusammen mit

Philippa Webb, mit der sie in Den

Haag zusammengearbeitet hat, ein

Buch mit dem Titel „Das Recht auf einen

fairen Prozess im Völkerrecht“.

George‘s letzte Regiearbeiten zum

Film „Suburbicon“ warfen ein Licht

auf den Rassenkonflikt in Amerika in

den 1950er-Jahren und lösten Diskussionen

darüber aus, wie sehr sich die

Gesellschaft in ihrer Haltung wirklich

verändert hat.

„Es ist keine Frage der Zufriedenheit“,

sagt Clooney. „Es ist eine Frage

dessen, was du am meisten vom Leben

willst und wie du leben musst,

um dahin zu kommen. Am Ende

dreht sich alles um Freundschaft und

Loyalität und darum, Menschen richtig

zu behandeln.“ Amal ergänzt, dass

eine erfolgreiche Kampagnenarbeit

dauerhaftes Engagement benötigt: „Es

gibt kein Ende und das wird es auch

nie geben, aber Aufgeben ist keine

Option.“ f

Foto: UN Photo / David Manyua

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

25


Menschenrechte

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26 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Wie die EU mit Unternehmen

bei Menschenrechten kungelt

Nichtregierungsorganisationen beobachten

mit Sorgen die Verhandlungen auf UN-Ebene

zum Thema „Unternehmen und Menschenrechte“.

In Genf werden bis zum Jahresende

die Grundlagen für einen UN-Vertrag verhandelt,

der transnationale Unternehmen für ihre

Menschenrechtsverletzungen verantwortlich

machen soll.

Ein Standpunkt von Dr. Thomas Dürmeier, Goliathwatch

Recherchen von Friends of the Earth France und dem Observatoire

des multinationales und des Transnational Institute

(TNI) zeigt, dass die Europäische Union diesen Prozess

behindert. Die EU wendet die gleichen Argumente wie die

Unternehmenslobbys an und verteidigt hartnäckig freiwillige

und ineffektive Leitlinien.

Unsere Fallstudien zeigen, dass es dringend notwendig ist,

einen international verbindlichen Vertrag zu verhandeln,

um die Lücken in der nationalen und internationalen Gesetzgebung

zu schließen. Man muss eine Antwort auf die

komplexen Rechtsstrukturen transnationaler Konzerne

finden, um Mutter- und Outsourcing-Unternehmen für ihre

Aktivitäten auf der ganzen Welt verantwortlich zu machen.

Verbindlicher Vertrag in Arbeit

Gerade erst fand die vierte Sitzung der zwischenstaatlichen

Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen statt, die mit der

Ausarbeitung eines verbindlichen Vertrags über transnationale

Unternehmen und Menschenrechte beauftragt ist.

Die Staaten werden auf der Grundlage eines „Grundlagenentwurfes

(engl. draft zero)“ verhandeln, der in diesem

Sommer veröffentlicht wurde.

In den letzten vier Jahren hat die EU den Prozess in Richtung

Vertrag behindert. Die EU hat u.a. die Beteiligung von

Unternehmen an den Verhandlungen gefordert. Sie setzt

damit eine Entwicklung in Brüssel und bei den Vereinten

Nationen fort, die Beteiligung des Privatsektors zu legitimieren

und Unternehmen aufzufordern, die für sie geltenden

Vorschriften „mitzuschreiben“.

Juliette Renaud von Amis de la Terre aus Frankreich sagt:

„Die EU parodiert in dieser UN-Arbeitsgruppe lediglich

internationale Unternehmenslobbygruppen wie die Internationale

Handelskammer (International Chamber of Commerce)

oder die Internationale Arbeitgeberorganisation

(International Organisation of Employers), indem sie die

gleichen Argumenten und manchmal genau die gleichen

Worte benutzt. Die jüngste Verabschiedung des französischen

Gesetzes über Sorgfaltspflichten, das durch den

heftigen Widerstand des privaten Sektors verzögert und

geschwächt wurde, beweist, dass die Unternehmenslobbys

alles tun werden, um die Ambitionen des künftigen Vertrags

zu schwächen und die Verhandlungen scheitern zu

lassen. Es sollten Maßnahmen ergriffen werden, um den

UN-Prozess vor schädlichen Einflüssen der Unternehmen

zu schützen.“

Der Staat als Gefangener

Raffaele Morgantini vom CETIM aus der Schweiz weist darauf

hin, dass „die Lobbyarbeit der Privatwirtschaft immer

eine zentrale Rolle gespielt hat, Verhandlungsversuche zu

verbindlichen Rechtsnormen für transnationale Unternehmen

(TNCs) zu verhindern, da diese als Bedrohung ihrer

wirtschaftlichen Interessen und Profitmaximierung angesehen

werden. Sie sind heute ein integraler Bestandteil des

Systems der Vereinten Nationen. Die Strategie der TNCs

und ihrer Interessengruppen lässt sich in zwei Hauptelemente

unterteilen: die Delegitimierung des Vertragsprozesses

und die Ausübung von Druck, Erpressung und/oder

von Drohungen gegen Staaten. Wir müssen uns diesem

destruktiven Dynamik widersetzen und die Kontrolle über

das System der Vereinten Nationen zurückgewinnen: Die

Zukunft der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit

steht auf dem Spiel.“

Mónica Vargas vom europäischen Transnational Institut

kommentierte: „Ein robuster, verbindlicher Vertrag über

TNCs in Bezug auf die Menschenrechte wird ein entscheidender

Schritt auf dem Gebiet der internationalen Menschenrechtsgesetzgebung

sein. Die Verhandlungen über

den Vertragstext, die im November in Genf beginnen, werden

einen unvergleichbaren Fahrplan eröffnen, der das Ende

der freiwilligen und ineffektiven Selbstregulierung der Unternehmen

und das Ende der Gefangennahme des Staates

(corporate capture) durch Unternehmen markiert.“ f

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

27


Menschenrechte

Unternehmensverantwortung

ist nicht

verhandelbar

„Von Sonja Scheferling

Wirtschaftliche Verantwortung

und Menschenrechte sind

gerade am Anfang der Lieferkette

ein brisantes Thema. Dennoch

kommen Unternehmen an rechtskonformem

Handeln nicht mehr

vorbei. Warum das so ist, erklärt

Kai M. Beckmann gegenüber

Umweltdialog. Beckmann leitet

den Geschäftsbereich

Governance, Risk & Compliance

des Prüfungs- und Beratungsunternehmens

Mazars in

Deutschland und ist Experte

im Bereich CSR.

Foto: Mazars

28 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Herr Beckmann, Anti-Korruptionsgesetze,

Umweltauflagen, Arbeitnehmerrechte:

Moderne Geschäftstätigkeit

wird durch viele Vorgaben

reglementiert. Und nun sollen Unternehmen

auch noch die Einhaltung

von Menschenrechten in der Lieferkette

im Blick haben. Warum?

Auch beim Thema Menschenrechte

hat sich das regulative Umfeld für

Unternehmen verändert und sie werden

zunehmend mit internationalen

Gesetzen konfrontiert. Möchten Betriebe

global aktiv sein, müssen sie

die unterschiedlichen Anforderungen

der Gesetzgeber erfüllen. Dazu gehören

der Dodd-Frank Act aus den USA,

der britische Modern Slavery Act,

das Loi de Vigilance aus Frankreich,

aber auch das deutsche CSR-Richtlinien-Umsetzungsgesetz,

kurz CSR-RUG.

Alle diese Regelungen funktionieren

nur über einen systematischen, standardisierten

Ansatz, der sich in den

Managementprozessen widerspiegelt

und ein regelkonformes Handeln ermöglicht.

Außerdem lassen sich immer mehr

Konzerne Auditrechte vertraglich garantieren

und geben gleichzeitig vor,

dass sich die Zulieferer innerhalb der

Lieferkette menschenrechtskonform

verhalten müssen. Verstöße ziehen

dann erhebliche Konsequenzen wie

Vertragsstrafen oder kostenintensive

Auditierungsprozesse nach sich.

Darüber hinaus reagiert der Kapitalmarkt

zunehmend sensibel auf das

Thema Nachhaltigkeit und somit auch

auf Menschenrechtsaspekte. Das hat

nicht zuletzt die High-Level Expert

Group on Sustainable Finance der Europäischen

Kommission gefördert, die

hier starke Impulse für den europäischen

Kapitalmarkt gesetzt hat.

Es gibt zahlreiche Menschenrechtsabkommen.

Das Problem: Wenn Staaten

diese Rechte für ihre Bevölkerung

schon nicht durchsetzen, wie können

dann Unternehmen dieser Aufgabe in

weitverzweigten Lieferketten gerecht

werden?

Nur weil nicht alle Staaten Menschenrechtsverletzungen

konsequent

verfolgen, kann das ja für Unternehmen

nicht bedeuten, das Thema zu

vernachlässigen. Unternehmensverantwortung

ist nicht verhandelbar.

Gerade deshalb sind aber auch internationale

Standards so entscheidend,

an denen sich Firmen orientieren können

– und sollten. Es geht darum, dass

sich Unternehmen systematisch über

Managementansätze mit dem Thema

auseinandersetzen und versuchen,

weitestgehend eigene Ziele zu erreichen.

Ganz klar: In weitverzweigten Lieferketten

ohne Marktmacht haben Unternehmen

nur begrenzt die Möglichkeit,

ihre Ideen umzusetzen. Aber >>

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

29


Menschenrechte

Die Unternehmen müssen


Instrumente implementieren,

die die Auswirkungen der

Geschäftstätigkeit hinsichtlich

Menschenrechtsaspekten

individuell identifizieren.

Aber um dem Thema etwas den Schrecken

zu nehmen: Es geht nicht darum,

dass Unternehmen die Welt retten sollen.

Sie sollen aber die Verantwortung

für die Top-Risiken ihrer Geschäftstätigkeit

übernehmen. Denn das sagt

der Wesentlichkeitsbegriff in der

Nachhaltigkeitsdebatte aus. Diesen

Prozess verfolgen wir seit Jahren im

Umweltbereich. Nun ist einfach ein

weiteres Thema hinzugekommen.

dafür gibt es zunehmend Initiativen und Kooperationsmodelle,

die versuchen, über einzelne Betriebe hinaus entsprechende

Menschenrechtsziele umzusetzen.

Mit diesem Prozess ist häufig auch die Frage nach den

Chancen verbunden: Können bessere Arbeitsbedingungen

beispielsweise die Produktivität in den Ländern am Anfang

der Lieferkette verbessern? Gibt es weniger krankheitsbedingte

Ausfälle? Es gibt genug Unternehmen, die nicht nur

kritisch abfragen und bewerten, sondern die aktiv versuchen,

ihre Lieferkette diesbezüglich positiv zu entwickeln.

Um die menschrechtliche Verantwortung von Unternehmen

zu beschreiben, wurde der Begriff der „menschenrechtlichen

Sorgfalt“ eingeführt. Was heißt das und auf

welche sozialen Risiken müssen Betriebe genau achten?

Das referenziert wieder auf das Thema Managementsystem.

Die Unternehmen müssen Instrumente implementieren,

die die Auswirkungen der Geschäftstätigkeit hinsichtlich

Menschenrechtsaspekten individuell identifizieren.

Nur so können Firmen überhaupt Einfluss nehmen. In diesem

Zusammenhang hat das CSR-RUG einen Perspektivwechsel

vorgenommen, da es den bisherigen betrieblichen

Risikobegriff umgekehrt hat. In der Vergangenheit haben

Unternehmen analysiert, welche Risiken Menschenrechtsthemen

für die Geschäftstätigkeit haben. Nun müssen sie

sich die Frage stellen, welche wesentlichen sozialen Auswirkungen

das eigene unternehmerische Handeln entlang

der Lieferkette hat.

Die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht

hat erst im Rahmen der UN-

Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte von

John Ruggie an Bedeutung gewonnen. Sie beruhen auf

den Prinzipien „protect, respect, remedy“. Was heißt das?

Die sogenannten Ruggie-Prinzipien versuchen, zwischen

politischer und wirtschaftlicher Verantwortung zum

Schutz der Menschenrechte zu differenzieren und die Unternehmen

diesbezüglich in die Pflicht zu nehmen. Während

die Staaten die Aufgabe haben, Menschen vor wirtschaftsbezogenen

Menschenrechtsverstößen zu schützen

(„protect“), müssen Unternehmen die Menschenrechte

achten („respect“), regelwidrige Geschäftspraktiken beenden

und versuchen, Verstöße wiedergutzumachen („remedy“).

Demzufolge müssen Betroffene auch die Möglichkeit

haben, Menschenrechtsverletzungen zu kommunizieren.

John Ruggie hat aus seinem Auftrag für die Vereinten Nationen

heraus die Idee von „protect, respect, remedy“ in einen

Standard übersetzt: den „UN Guiding Principles Reporting

Framework“. Dieser wurde von seiner Menschenrechtsorganisation

„Shift“ und von uns operationalisiert, um den

Unternehmen ein Instrument an die Hand zu geben, das

einen vergleichbaren, systematischen Umgang mit dem

Thema Menschenrechte überhaupt erst gewährleistet.

Wie unterstützen Sie die Unternehmen hier praktisch?

Wir helfen Unternehmen mittels des „UN Guiding Principles

Reporting Framework“ dabei, relevante Kennzahlen

und Prozesse zu identifizieren und die Infor-

30 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

mationen in ein entsprechendes

Reporting zu überführen. Das macht

eine Vergleichbarkeit gegenüber Dritten

– etwa Investoren – möglich.

Der Einsatz des Frameworks schafft

auch die Voraussetzungen für die

Prüffähigkeit der Angaben zu Menschenrechten.

Das ist notwendig, weil

nicht-finanzielle Informationen, wie

etwa Menschenrechtsangaben, durch

die Aufnahme in den Lagebericht

nach CSR-RUG eine ganz andere Verbindlichkeit

bekommen haben, da der

Aufsichtsrat nun persönlich für die

Richtigkeit der Angaben haften muss.

Deswegen ist auch die Prüfungsrichtlinie

– das „UN Guiding Principles

Assurance Framework“ für Menschenrechte

– so wichtig, die Mazars

letztes Jahr veröffentlicht hat. Sie

unterstützt einerseits die interne Unternehmensrevision

dabei, eine menschenrechtskonforme

Geschäftstätigkeit

sicherzustellen. Andererseits unterstützt

sie externe Prüfungsunternehmen

bei ihrer Arbeit, die das

Reporting in diesem Bereich überwachen.

Das ist aber nur ein Teil Ihrer Arbeit.

Wir als Prüfungs- und Beratungsgesellschaft

unterstützen die Unternehmen

zunächst bei der Integration von

Menschenrechtsaspekten in die relevanten

Prozesse. Wie können diese

Themen ins Stakeholder-Management

aufgenommen und in verschiedene Betriebsbereiche

implementiert werden?

Beispielsweise in die Beschaffung?

Einkäufer bewerten ihre Lieferanten

nach Kriterien wie Geschwindigkeit,

Preis oder Qualität. Müssen sie dabei

zusätzlich noch soziale Belange berücksichtigen,

kann es hier schnell zu

Zielkonflikten kommen.

Außerdem helfen wir auch bei der konkreten

Umsetzung. Momentan führen

wir beispielsweise für Unternehmen

im Bergbau und im Agrarbereich

Human-Rights-Due-Diligence-Prozesse

in einzelnen Ländern durch. Die

Firmen haben festgestellt, dass ihre

eigenen Analyseverfahren nicht ermitteln

konnten, ob sie dort wirklich

menschenrechtskonform handelten.

Auch hier geht es darum, standardisierte

Prozesse aufzubauen, die künftig

Menschenrechtsverstöße verhindern

sollen.

Um die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft

und Menschenrechte national

umzusetzen, hat die Bundesregierung

2016 den Nationalen Aktionsplan

Wirtschaft und Menschenrechte

(NAP) verabschiedet. Dieser bleibt

weit hinter den Erwartungen der

Zivilgesellschaft zurück. Was sind

die wesentlichen Kritikpunkte aus

Ihrer Sicht?

Der NAP hat hehre Ziele, aber – und

das ist eine große Herausforderung –

auch eine große Unverbindlichkeit. In

der Praxis hat er kaum Auswirkungen

auf die Unternehmensrealität und

auf Unternehmensentscheidungen.

Deswegen spielt er in der betriebsinternen

Diskussion der Fachbereiche

auch keine große Rolle.

Warum ist Deutschland im Vergleich

zu anderen Industrieländern wie

Großbritannien oder den USA so defensiv

bei der verbindlichen Umsetzung

von Menschenrechtsstandards?

Ich glaube, dass das historisch bedingt

ist. Die deutsche Wirtschaft ist

traditionell durch das Ingenieurwesen

geprägt. Ökologische Fragen, die umfassende

Umweltmanagementsysteme

erfordern, sind deswegen schon

lange in der DNA der Betriebe verankert.

Angelsächsische Länder haben

hier keine vergleichbare Entwicklung;

für sie sind soziale Themen wichtiger.

Der goldene Mittelweg wäre für beide

Perspektiven richtig: Während

deutsche Unternehmen noch Nachholbedarf

bei der standardisierten

Umsetzung in Bezug auf Menschenrechtsfragen

haben, können andere

Industrieländer noch das Managen

ökologischer Risiken verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr

Beckmann! f

Foto: MaeuseobeStock / stock.adobe.com

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

31


Menschenrechte

Advertorial

Für menschenwürdige

Arbeitsplätze in allen

Industriezweigen –

der SA8000-Standard

Am 24. April 2013 ist die Textilfabrik von Rana Plaza eingestürzt.

Das Unglück in Bangladesch forderte tausende Tote

und Verletzte – eine Katastrophe, die die gesamte Textilbranche

und viele Kunden aufrüttelte. Danach war im Nachhaltigkeitssektor

nichts mehr wie es war: Rana Plaza rückte

wichtige Themen wie Arbeitsbedingungen, Arbeitssicherheit

und Gesundheit am Arbeitsplatz in den Blickpunkt.

Das Ereignis gab auch einigen grundlegenden politischen

Weichenstellungen zusätzlichen Rückenwind. Die Europäische

Union räumte diesen Aspekten viel Platz in der

europaweiten CSR-Berichtspflicht ein und auch die Vereinten

Nationen gaben nach langen Verhandlungen grünes Licht

für Regelungen zu „Unternehmen und Menschenrechte“.

Beides wurde bzw. wird jetzt auch in bundesdeutsches

Recht umgesetzt.

Foto: DNV GL / shutterstock.com

Nicht mehr Ob, sondern Wie und Wo zählt

Der Druck auf Unternehmen, die Nachhaltigkeit ihrer Lieferketten

sicherzustellen und nachzuweisen, wird daher immer

größer. Doch mit der praktischen Umsetzung tun sich

viele Unternehmen noch schwer: Der Grund dafür sind ihre

oftmals komplexen und geografisch verstreuten Lieferketten.

Das sorgt für Transparenzprobleme. Gleichzeitig

bietet die Einführung digitaler Technologien neue Möglichkeiten

für die Rückverfolgbarkeit und digitale Absicherung

in der Lieferkette.

Für Unternehmen stellt sich daher heute nicht mehr die

Frage, warum Nachhaltigkeit wichtig ist, sondern vielmehr:

Wo anfangen? Was wird das kosten? Und wie wird der

Erfolg gemessen? Bleiben wir zur Beantwortung beim Rana

Plaza-Fall und den Fehlern, die dort rund um Gesundheit,

Sicherheit und Umwelt (in der Fachwelt als EHS abgekürzt)

gemacht wurden. Diese lassen sich vermeiden durch die

Anwendung entsprechender Standards, deren Einhaltung

kontinuierlich geprüft und zertifiziert werden muss.

Dazu zählen beispielsweise der BSCI Code of Conduct

der Business Social Compliance Initiative, die ISO 45001

(früher BS OHSAS 18001), sowie der Social Accountability

Standard SA 8000.

Was ist SA 8000?

Der Sozialstandard SA 8000 ist der erste weltweit zertifizierbare

Standard für eine sozial verantwortliche

Unternehmensführung. Zu den Indikatoren gehören z.B.

Arbeitspraktiken und Beschäftigung (Aus- und Weiterbildung,

Arbeitszeitmodelle etc.) und die ökologische Leistung

(Verbrauch an Material und Energie, Emissionen etc.) eines

Unternehmens. Es gibt die Möglichkeit ein eigenes

Kennzahlensystem zu entwickeln (Balanced Scorecard),

in dem auch Kriterien wie die Anzahl von öffentlichen

Beschwerden, Strafzahlungen, Mitarbeiterzufriedenheit

oder Auszeichnungen/Preise integriert werden.

Der SA 8000-Standard wurde 1997 von der gemeinnützigen

Organisation Social Accountability International (SAI)

mit dem Ziel ins Leben gerufen, die Arbeiter von Firmen,

NGOs oder staatlichen Einrichtungen zu stärken und zu

schützen. Das schließt laut Leitfaden alle Arbeiter ein, die

von der Organisation selbst, deren Sub-Unternehmern und

-Lieferanten beschäftigt werden sowie die Heimarbeiter. Der

SA 8000 beruht auf der UN-Menschenrechtserklärung und

berücksichtigt Übereinkommen der International Labour

32 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Organization (ILO), internationale Menschenrechte und

Anforderungen aus nationalem Arbeitsrecht.

2014 erfolgte ein umfassendes Update. Es berücksichtigt

jetzt auch die neuen Anforderungen der UN Guiding

Principles und nationale Regelungen. Gabriele Götz, Lead

Auditorin bei der Zertifizierungsgesellschaft DNV GL –

Business Assurance, sagt über die Neuerungen: „Es gibt nun

konkretere Anforderungen an Leiharbeitsfirmen und Vorkehrungen

gegen Menschenhandel. Bezahlungsmodalitäten

sind konkreter geregelt – keine Voucher oder Coupons.

Dies inkludiert eigenes Personal, Sub-Kontraktoren und

Unterlieferanten. Außerdem gibt es eine klar definierte

Mindestanforderung an die soziale Leistungsfähigkeit einer

Organisation.“

Gemessen wird dies mit Hilfe des Social Fingerprint ® des

SA 8000. Das ist ein Set von Werkzeugen, das Firmen bei

der Messung und Verbesserung ihrer Managementsysteme

zur sozialen Leistungsfähigkeit unterstützt. Der Social Fingerprint

gliedert das Konzept eines Managementsystems

in zehn prozess-basierte Kategorien und fünf Reifegrade.

Wie wird der SA 8000 konkret umgesetzt?

Vor Beginn der Zertifizierung sollte das Unternehmen

ein internes Audit durchführen, um mögliche Lücken zu

identifizieren. Wichtig dabei ist es zu verstehen, dass die

Entwicklung, Implementierung und Zertifizierung eines

sozialen Verantwortlichkeitsmanagementsystems keine

statische Aktion ist, sondern eher einer kontinuierlichen

Reise entspricht, auf der die Zertifizierungsaudits ein nützliches

Element bei der kontinuierlichen Verbesserung der

Prozesse sind.

Ein gutes Praxisbeispiel ist die von DNV GL zertifizierte

Textilfirma Mattes & Ammann aus dem schwäbischen

Meßstetten-Tieringen. Seit über 20 Jahren arbeitet das Unternehmen

im Bereich Arbeitssicherheit erfolgreich mit

DNV GL zusammen. „Damals haben wir mit der SCC**-

Zertifizierung begonnen, 2003 die OHSAS 18001 dazu

genommen und sind seit jeher sehr effizient durch die

Zertifizierungen und die anschließenden Audits begleitet

worden – ohne übertriebenen Zeitaufwand und damit Kosten“,

blickt Gudrun Volm, Diplom-Ingenieurin bei Mattes

& Ammann zurück. Seit 2008 kommt auch SA 8000 zum

Einsatz. Gudrun Volm koordiniert die Arbeitssicherheit

und berichtet: „Da scheiden Lieferanten schon von vorneherein

aus, wenn sie Kinder als Baumwollpflücker einsetzen

statt sie in die Schule zu schicken.“ Um das zu überprüfen

reisen Mitarbeiter aus Schwaben bis nach Indien

oder Indonesien. „Wir führen diese Gespräche zum Code

of Conduct mit unseren Geschäftspartnern selbst“, erläutert

Volm. „So haben wir das selbst besser im Griff, das ist

mehr Butter bei die Fische.“

Neun Anforderungen der SA 8000 *

1. Kinderarbeit

2. Zwangsarbeit

3. Arbeits- und Gesundheitsschutz

4. Versammlungsfreiheit und Recht auf

gewerkschaftliche Tarifverhandlungen

5. Diskriminierung

6. Disziplinarische Praktiken

7. Arbeitszeiten

8. Entlohnung

9. Managementsystem / Anforderungen an

Lieferanten und Kontraktoren

* Nimmt Bezug auf folgende Regelungen: ILO internationaler

Arbeits- und Sozialnormen; UN Guiding Principles on Business

& Human Rights (UNGP); UN Global Compact (UNGC); OECD

Guidelines für Multinationale Konzerne, Unicef – UN Kinderrechtskonvention

Gesetze: EU CSR-Berichtspflicht (CSR-RUG); UK Modern Slavery

Act; Kalifornisches Gesetz zu Transparenz in Lieferketten;

Sorgfaltspflicht gegen Kinderarbeit (NL); Nationale Aktionspläne

(NAP) u.a. in D, CH, USA; F, AUS, SWE, FIN, N, DK, E, B u.s.w.;

EU-Konfliktmineralien Regulierung, Dodd-Frank Act USA

Wer hilft?

DNV GL bietet in diesem Bereich zahlreiche Audits, Assessments,

Trainings und maßgeschneiderte Lösungen an. Das

norwegische Unternehmen ist ein globaler Dienstleister

für Qualitätssicherung und Risikomanagement. Mehr als

150 Jahre Erfahrung und Vertretungen in über 100 Ländern

sichern eine Begleitung entlang der gesamten Wertschöpfung.

„Durch die Nutzung unserer Erfahrung und

Branchenexpertise helfen wir unseren Kunden zu verstehen,

welche Art von Audit für ihr Unternehmen am relevantesten

sein kann“, erläutert Gabriele Götz. „Wir bieten

dafür viele Leistungen an, einschließlich der Überprüfung

der Einhaltung der lokalen Gesetzgebung, internationaler

Normen oder kundeneigener Verhaltenskodizes.“

Dafür entstand auch die Risk Based Certification: Diese

risikobasierte Zertifizierungsmethode ermöglicht es

DNV GL, die jeweiligen Audits noch gezielter zu steuern.

Zunächst werden die wichtigsten Kundenrisiken für die

Zukunft identifiziert. Das hilft sich zu positionieren, wesentliche

Verbesserungsbereiche festzulegen und sich genau

darauf zu konzentrieren. Sowohl die Zertifizierung als

auch die jährlichen Audits nehmen dann darauf Bezug. So

führen Veränderungen der äußeren Risikolandschaft stets

zu internem Gegensteuern. f

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

33


Menschenrechte

Wozu dient

die menschenrechtliche

Risikoanalyse?

Ob in der Textilindustrie, im

Rohstoffsektor oder in der

Lebensmittelbranche – die

Schattenseiten der globalen

Wertschöpfungsketten –

wie Kinderarbeit, Sklaverei

oder Armut – erfordern

neue Strategien der Unternehmensverantwortung.

Von Markus Löning

Eine solide menschenrechtliche Risikoanalyse

ermittelt und bewertet

die menschenrechtlichen Auswirkungen

unternehmerischer Aktivitäten

und legt damit den Grundstein zur

Erfüllung der Menschenrechtlichen

Sorgfaltspflicht (human rights due

diligence). Sie ist unerlässliche Voraussetzung

dafür, dass Firmen den aktuellen

gesetzlichen und gesellschaftlichen

Anforderungen gerecht werden.

Die 2011 von den Vereinten Nationen

verabschiedeten UN-Leitprinzipien

für Wirtschaft und Menschenrechte

haben einen globalen Referenzrahmen

geschaffen, in dem erstmals die

menschenrechtliche Verantwortung

von Unternehmen definiert wird. Ziel

ist es, ein verantwortungsbewussteres

und nachhaltigeres Handeln von Unternehmen

zu fördern. Obwohl rechtlich

unverbindlich, haben die UN-Leitprinzipien

den Druck auf Staaten und

Unternehmen verstärkt.

Mit dem Nationalen Aktionsplan zur

Umsetzung der UN-Leitprinzipien oder

34 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Foto: paulprescott72/ istock.com

Menschenrechte

Foto: UN Photo / George Frayne

Foto: xy / stock.adobe.com

dem „Gesetz zur Stärkung der nichtfinanziellen

Berichterstattung der Unternehmen

in ihren Lage- und Konzernlageberichten“

(besser bekannt

als CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz)

werden zunehmend rechtlich verbindliche

Vorschriften

geschaffen. Das

am 9. März 2017

vom Deutschen

Bundestag verabschiedete

Gesetz

zur CSR-Berichtspflicht

fordert

insbesondere börsennotierte

Unternehmen

mit

mehr als 500 Beschäftigten

dazu

auf, künftig auch

nichtfinanzielle

Aspekte ihrer

Tätigkeiten offenzulegen. Durch menschenrechtliche

Risikoanalysen sollen

Unternehmen mögliche Schwachstellen

entlang ihrer globalen Lieferketten

identifizieren und negativen Folgen

in Bezug auf Menschenrechte sowie

Arbeits- und Sozialstandards besser

vorbeugen.

Mit einer menschenrechtlichen Risikoanalyse

und darauf aufbauend

einer Strategie zur Erfüllung der

Menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht

werden Unternehmen auch wachsenden

gesellschaftlichen und wirtschaftlichen

Anforderungen gerecht.

NGOs und Medien üben zunehmend

Obwohl rechtlich

unverbindlich, haben

die UN-Leitprinzipien

den Druck auf Staaten

und Unternehmen

verstärkt.

Druck aus, indem sie verstärkt über

Menschenrechtsverletzungen entlang

der Lieferketten berichten. Generationenübergreifend

achten immer mehr

Verbraucherinnen und Verbraucher

bei ihren Kaufentscheidungen auf

Nachhaltigkeit

und Transparenz.

Gelebte Unternehmensverantwortung

kann

darüber hinaus

die Rekrutierung

neuer Mitarbeiter

sowie die langfristige

Bindung

von Talenten an

ein Unternehmen

positiv beeinflussen.

Außerdem

erleichtert sie

den Zugang zu

neuen Investitionen und Finanzmitteln,

beschränkt Reputations- und

Haftungsrisiken und begünstigt langfristige

und zuverlässige Lieferantenbeziehungen.

Eine menschenrechtliche Risikoanalyse

ist für Unternehmen oft ein komplexer

Prozess. In unserem aktuellen

Knowledge-Paper „Menschenrechtliche

Risikoanalyse“ wird erläutert, wie

eine professionelle menschenrechtliche

Risikoanalyse nach international

anerkannten Standards durchgeführt

werden sollte und welche normativen

Grundlagen einer solchen Analyse zugrunde

liegen. f

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

35


Menschenrechte

Advertorial

Menschenrechtliche Sorgfaltspflicht

bei der Deutschen Telekom

Gesellschaftliche Unternehmensverantwortung

kann nur gemeinsam mit den Mitarbeitern

eines Unternehmens gelingen. Von besonderer

Bedeutung ist dabei das Commitment der

Unternehmensführung. Im Alltag muss CSR

aber auch gelebt werden. Das erfordert neben

Vorbildern auch das nötige Wissen.

Mitarbeiter müssen zu den wichtigsten Themen geschult

und sensibilisiert werden. Jedem Mitarbeiter sollte klar

sein, welchen Beitrag er zur Reduzierung des Carbon Footprint

leisten kann, und er sollte erkennen können, wenn

grundlegende Menschenrechte in seiner unmittelbaren

Umgebung oder in seinem Tätigkeitsbereich gefährdet

sind.

Für die Deutsche Telekom ist die Einbindung der Mitarbeiter

essentieller Bestandteil des Nachhaltigkeitsengagements.

„Wir sind auf den ersten Blick vielleicht kein ‚klassisch

grünes‘ Unternehmen“, sagte Timotheus Höttges,

Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, bei der

Verleihung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2017.

„Aber wir nehmen Nachhaltigkeit sehr ernst.“

Im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung ermittelt

die Deutsche Telekom mit einem eigenen KPI die Befürwortung

der Mitarbeiter zum CR-Engagement. Die letzten

veröffentlichten Zahlen aus dem Jahr 2015 zeigen mit

78 Prozent hohe Zustimmungswerte, sowohl für die Bewertung

als auch für die persönliche Identifikation mit dem

CR-Engagement.

Zudem wird im jährlich abgefragten und veröffentlichten

Sozialbericht die Einhaltung des „Menschenrechtskodex

& Soziale Grundsätze“ überprüft. 121 vollkonsolidierte

Gesellschaften aus dem gesamten Konzern haben für den

aktuellen Bericht über das Geschäftsjahr 2017 die vollständige

Einhaltung gemeldet.

Basis für die Menschenrechtspolitik der Deutschen

Telekom sind die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und

Menschenrechte aus dem Jahr 2011. Sie bilden die Grundlage

für die im „Menschenrechtskodex & Soziale Grundsätze“

verankerte Sorgfaltspflicht sowie den für Lieferanten spezifischen

Supplier Code of Conduct.

Die CSR Richtlinie (CSR RUG) und der Nationale Aktionsplan

Wirtschaft und Menschenrechte (NAP) sind neue rechtliche

Anforderungen, die eine Auseinandersetzung mit dem

Thema Menschenrechte erforderlich machen, hinzu kommen

die Erwartungen unterschiedlicher Stakeholder.

Um das Thema aber in die Unternehmenskultur zu integrieren,

ist die Einbindung der Mitarbeiter unerlässlich.

Zur Förderung von Sensibilität und Bewusstsein für menschenrechtliche

Risiken und Verstöße wurde deshalb ein

spezielles Training für alle Mitarbeiter konzipiert. Damit

schult die Deutsche Telekom weltweit alle 216.000 Mitarbeiter

zum Themenbereich Menschenrechte. „Wir haben

im Januar mit dem weltweiten Rollout begonnen“, sagt

Yvonne Hommes, die im Konzern für die interne Einhaltung

der Menschenrechte zuständig ist.

Das als E-Learning angelegte Trainingsprogramm steht

konzernweit zur Verfügung. Man habe sich bewusst für ein

breites Bildungsangebot entschieden, an dem alle Mitarbeiter

teilnehmen können, erläutert Hommes. Kulturelle Besonderheiten

und nationale Gesetzgebungen werden dabei

berücksichtigt. „Grundsätzlich gilt unser Menschenrechtskodex

& Soziale Grundsätze aber weltweit“, so Yvonne

Hommes weiter.

Seit einigen Jahren untersucht das Team neben den lang

etablierten formalen Audits in der Lieferkette auch gezielt

die Situation in den eigenen lokalen Einheiten der DTAG

36 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Beispiele aus dem E-Learning-

Programm „Menschenrechte“:

Mit einfachen Inhalten sollen die

Mitarbeiter für menschenrechtliche

Risiken sensibilisiert werden.

Szenario 1 Information

rund um den Globus. Mit den vorhandenen

Prozessen und den Ergebnissen

war man in Bonn weitestgehend

zufrieden. Gemeinsam erarbeitete

Maßnahmenpläne und deren Umsetzung

sorgen für stetige Verbesserung.

„Dabei fiel uns allerdings auch auf,

Hier geht es um die folgenden

Menschenrechtsanliegen:

• Arbeitsbedingungen

• Recht auf Privatleben

• Mögliche Diskriminierung aufgrund

des Geschlechts

Unsere Konzernrichtlinie zu Employee

Relations befasst sich mit den wichtigsten

Elementen der Personalpolitik der Deutschen

Telekom. Eines davon ist ein gesundes

Gleichgewicht zwischen Beruf und

Privatleben.

Andere Personenkreise, deren

Menschenrechte möglicherweise betroffen

sein könnten

Die Aktivitäten eines Unternehmens können

sich nicht nur auf die Menschenrechte seiner

Mitarbeiter auswirken.

Kunden, Kommunen und Arbeiter in

Lieferketten können ebenfalls betroffen sein.

In den Kästen links finden Sie Beispiele für

negative Auswirkungen auf die

Menschenrechte anderer Personenkreise.

Probleme ansprechen

Wenn Sie Bedenken oder Fragen hinsichtlich

Ihrer eigenen Menschenrechte oder der

Menschenrechte anderer Personen im

System der Deutschen Telekom haben,

sollten Sie sich an Ihren direkten

Vorgesetzten wenden und/oder eine E-Mail

an die Kontaktstelle für Menschenrechte

senden: humanrights@telekom.de.

Die Adresse finden Sie im Bereich

Menschenrechte der DT-Website.

Sie können auch mit dem Hinweisgeberportal

„Tell me!“ Kontakt aufnehmen.

dass der Begriff der „Menschenrechte

als solches von Mitarbeitern aber

auch Führungskräften häufig nur

mit Missständen in fernen Ländern

in Asien oder Afrika in Verbindung

gebracht wird“, erinnert sich Yvonne

Hommes. „Ziel muss es sein, die Achtung

der Menschenrechte in die Unternehmenskultur

zu integrieren und

nicht nur als Thema im Einkauf zu

begreifen“, führt sie weiter aus. „Jeder

Mitarbeiter sollte verstehen, welchen

Einfluß und welche Verantwortung

die Deutsche Telekom insgesamt hat“,

so Hommes, „aber auch was Menschenrechte

für die unmittelbare Umgebung

bedeuten, und was zu tun ist,

um diese einzuhalten.“

Im Nachgang entstand daher die Idee,

das Thema Menschenrechte für die gesamte

Belegschaft aufzubereiten. Ziel

ist die Sensibilisierung aller Mitarbeiter

zu Menschenrechtsthemen, vor allem

auch in ihrer unmittelbaren Umgebung

und ihrem Tätigkeitsbereich.

Das E-Learning führt anhand von Szenarien

um Diskriminierung, Arbeitszeitbelastung

bis hin zur sexuellen

Belästigung am Arbeitsplatz in das

Thema ein. Regelmäßige flankierende

interne Kommunikationskampagnen

zum Thema Menschenrechte sorgen

für eine rege Teilnahme. Hommes:

„Den tatsächlichen Erfolg können wir

Ende des Jahres auswerten und dann

eventuell notwendige Anpassungen

vornehmen.“

Neben dem Erkennen von Risiken sollen

die Mitarbeiter auch lernen, wie

sie sich verhalten können, wenn ihnen

Verstöße begegnen. „Dafür haben wir

ein spezielles Postfach eingerichtet“,

so Yvonne Hommes. Dort eingehende

Anliegen werden zunächst einem

Plausibilitätstest unterzogen und dann

mit den geeigneten Ansprechpartnern

und Fachabteilungen bearbeitet.

Hommes: „Jeder Mitarbeiter kann sich

sicher sein, dass wir sein Anliegen bis

zu einer abschließenden Klärung bearbeiten

werden.“ f

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

37



Menschenrechte

Ethik?

Das Wort gefällt

Fotos: Tim Flavor

mir nicht

Von Hans Weitmayr

Mauro Meggiolaro setzt sich auf Hauptversammlungen seit

Jahren für die Durchsetzung nachhaltiger Geschäftsgebarungen

ein. Als Koordinator der neuen institutionellen Plattform

„Shareholders for Change“ wird er das 2018 europaweit tun –

mit vielleicht bald 30 Milliarden Euro im Rücken.

Wenn Mauro Meggiolaro bei einer

Hauptversammlung auftaucht, kann

das eine ganze Bandbreite an Reaktionen

auslösen. Die einen rollen mit den

Augen, die anderen machen sich über

ihn lustig, wieder andere schreien ihn

an. Das liegt an der Hauptbeschäftigung

des umtriebigen Italieners: Er

ist Boardroom-Aktivist. Allerdings

nicht für einen Hedgefonds, sondern

für einen bislang eher unbekannten

Vorreiter in Sachen nachhaltiges

und ethisches Investieren – der Investorenplattform

„Shareholders for

Change“ (SFC). Das Netzwerk, dem

Meggiolaro als Koordinator vorsteht,

wurde im Dezember 2017 ins Leben

gerufen und soll eine Art Task

Force für Stiftungen, Pensionsversicherer

oder Banken bilden, die ihre

ESG-Prinzipien auf sich allein gestellt

nicht ganz so effizient durchsetzen

können, wie sie das gern würden.

Über die Plattform werden Interessen

gebündelt, Informationen ausgetauscht,

und es soll auf Unternehmen

Druck ausgeübt werden, nachhaltige

Prinzipien in das eigene Geschäftsmodell

zu implementieren. Das soll

in vielen Fällen dort geschehen, wo

es – auch medial gesehen – am wirkungsvollsten

ist: auf den jeweiligen

Hauptversammlungen.

Entschlossenheit

Die Plattform befindet sich noch in der

Gründungsphase. Doch trotz des frühen

Entwicklungsstadiums sollte man

die Entschlossenheit der Organisation

nicht unterschätzen: Sie umfasst

bereits jetzt sieben Mitglieder in vier

Ländern (siehe Infokasten „Shareholders

for Change“) und repräsentiert

Assets im Volumen von 22 Milliarden

Euro. „Das ist nicht nichts“, meint ein

zufriedener Meggiolaro. „Wir führen

derzeit Gespräche mit weiteren potenziellen

Mitgliedern in der Schweiz

und in Deutschland. Das würde unsere

repräsentierten Assets auf 30 Milliarden

steigern und unseren Hebel

beim Durchsetzen nachhaltiger Prinzipien

natürlich verstärken.“

Der Ort des

Gesprächs kann

symbolisch

verstanden

werden und

räumt mit dem

Vorurteil auf,

dass ethischnachhaltiges

Agieren mit einem

Verlust an

Lebensqualität

und -freude einhergehen

muss.

38 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Meggiolaro entspricht nicht unbedingt

dem Klischee des institutionellen

Investors. Beruflich pendelt er

zwischen Mailand und Berlin hin und

her. In der Bundeshauptstadt arbeitet

er von seinem Home Office aus. Wir

treffen ihn an einem klaren, aber eiskalten

Februartag in der Monti Caffè

Bar – einem der Lokale, das den ehemaligen

Bürgermeister der Stadt wohl

zu dem Spruch „Arm, aber sexy“ verleitet

hatte. Hätten wir von unserem

Gegenüber Anzug und Krawatte erwartet,

wären wir enttäuscht worden.

Meggiolaro bevorzugt italienischen

Chic mit Hang zum Understatement.

Nicht zu unterschätzen

Wer den SFC-Koordinator aufgrund

seines legeren Auftretens unterschätzt,

begeht wahrscheinlich einen

Fehler. Der studierte Ökonom >>

MAURO MEGGIOLARO

KURZBIOGRAFIE

Geboren: Januar 1976

Lebens- und Arbeitsmittelpunkte:

Florenz und Berlin

Bevorzugte Arbeitsstätte:

Home Office

Bevorzugter Interview-Ort:

MONTI CAFFÈ BAR in Berlin; jedes

Café in Mailand

BERUFLICHER

WERDEGANG

Seit Dezember 2017:

Koordinator der Investorenplattform

„Shareholders for Change“

Seit 2009: Miteigentümer und

Gründer von Merina Research

2009: Berater der Banca Etica

Groupdast

2002–2008: Head of CSR

Research and Communication bei

Banca Etica in Mailand

2001–2002: SRI Financial Advisor

bei Umweltfinanz, Berlin

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

39


Menschenrechte

geht dem konfliktreichen Job eines

Boardroom-Aktivisten schon lange

nach – lange bevor es diese Berufsbezeichnung

in Europa überhaupt

gab. Dabei hat er immer im Bereich

ESG und SRI nachgehakt – auch das

lange bevor diese Begriffe in Europa

gebräuchlich waren. Konkret war

es das Jahr 2005, als Meggiolaro auf

der Hauptversammlung des Küchengeräteherstellers

Merloni auftauchte.

Das Management des Unternehmens,

das inzwischen zu Whirlpool gehört,

war nicht ganz auf die Stoßrichtung

seiner Fragen vorbereitet. Nachhaltigkeit

im Unternehmen? Welche Relevanz

sollte das haben? Heute lacht

Meggiolaro darüber: „Die haben uns

ein bisschen komisch angeschaut“,

erinnert er sich zurück. „Heute sind

diese Fragestellungen ganz normal.

Es geht um Umwelt, Steueroasen, alles

Mögliche.“

Unwohl fühlt sich der Italiener, wenn

es um die begriffliche Abgrenzung seiner

Tätigkeit geht, insbesondere wenn

der Begriff „Ethik“ fällt. „Das ist ein

großes Wort, das mir eigentlich nicht

gefällt“, eines, das zum Moralisieren

einlade – und genau das will der Plattformkoordinator

nicht. „Es stimmt,

wir wollen etwas bewegen, aber wir

wollen das ohne erhobenen Zeigefinger

tun. Vielleicht ist Nachhaltigkeit

wirklich das bessere Wort, weil es

mehr umfasst.“

Persönlich angegriffen

Meggiolaros Wille, Dinge zu verändern,

kann ansteckend sein – und gerade

deshalb und vielleicht paradoxerweise

zu Enttäuschung und fallweise

Verbitterung führen. Er erinnert sich

an eine Hauptversammlung beim italienischen

Stromkonzern Eni. Dort

stellte sich Meggiolaro jährlich ein.

Als er auf besagter Hauptversammlung

ein Vorhaben des Unternehmens

im Bereich Umwelt und Solar mit den

Worten „Viel Kommunikation und

wenig Substanz“ kritisierte, „ist der

CEO explodiert“, erzählt Meggiolaro.

„Sie kommen jedes Jahr her, und egal,

was wir umsetzen, nie sind Sie zufrieden.“

Im persönlichen Gespräch nach

der Präsentation der Zahlen habe sich

herausgestellt, dass das umstrittene

Projekt vom CEO selbst auf den Weg

gebracht worden war. „Es ist erstaunlich,

wie die Dinge manchmal persönlich

genommen werden“, wundert

sich Meggiolaro. Am Ende habe man

einen persönlichen Termin vereinbart

und die Sache aus der Welt geschafft.

MAURO MEGGIOLARO

frei assoziierend zu:

Rendite

Muss Sinn machen und sich

an der Zukunft orientieren.

Hauptversammlung

Der perfekte Ort, um

die Kultur einer Firma

kennenzulernen.

Ethik

Ein großes Wort, das mir

nicht besonders gefällt. Ist

mir zu moralisierend.

Feigenblatt

Wenn ich so etwas wittere,

beginne ich zu recherchieren.

Waffen

Das


Schlimmste, das man

sich vorstellen kann.

seinem liebsten Laster

Wein. Italienischer.

Vorbildern

Habe ich keine richtigen.

US-Investments

Die USA sind das Land mit

der fortschrittlichsten

Firmenkultur. Die Anleihen

sind ein anderes Thema.

Mit der Plattform Shareholders for Change

will Meggiolaro nun länderübergreifend

agieren. Auch in Deutschland

– dort konnte der Italiener schon

bei Rheinmetall Erfahrung sammeln.

Das Unternehmen betreibt in Italien

ein Werk, das Kriegsmaterial herstellt.

Erst so war Meggiolaro auf die

Deutschen gestoßen, die nach außen

hin extrem verschlossen agieren. Zur

Hauptversammlung sind keine Kameras

zugelassen. Eine beklemmende

ARD-Dokumentation mit dem Titel

„Bomben für die Welt“ nahm sich

das Unternehmen trotzdem vor – mit

Meggiolaro als Interviewpartner. Geglückte

Kommunikationsarbeit sieht

anders aus.

Seelenschau

„Hauptversammlungen sind ein guter

Ort, um etwas über die Seele eines

Unternehmens herauszufinden“,

fasst Meggiolaro zusammen. Welche

Menschen sind vor Ort, welche Art

von Fragen wird gestellt, oder – vielleicht

nicht ganz ernst gemeint – was

wird am Buffet angeboten? Softe Faktoren

können jedoch nur ein Teil der

Analyse sein. Wichtig ist es auch, das

Thema Nachhaltigkeit so gut wie möglich

zu quantifizieren. Auch hier war

der 42-Jährige ein Vorreiter, hat er

sich doch bereits 2002 darangemacht,

SRI-Ratings für die Banca Etica zu erstellen.

Während heute jeder noch so

kleine Fonds auf Morningstar mit einem

Nachhaltigkeits-Rating versehen

wird, war das damals noch vollkommenes

Neuland.

Die Liste

Mit dem geplanten Wachstum des

Netzwerks wird es dem Koordinator

von SFC nicht möglich sein, sämtliche

Hauptversammlungen selbst zu

besuchen, das heißt, auch personell

wird man sich breiter aufstellen oder

auf die Kapazitäten der Mitglieder zurückgreifen

müssen. Für dieses Jahr

stehen unter anderem Eni, Enel, Inditex

– und Meggiolaros Freunde von

Rheinmetall auf der Liste.

40 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Foto: Matej Kastelic / stock.adobe.com

Menschenrechte

waren die Portfoliomanager dann aber

doch interessiert. „Denn um die Ölund

Finanztitel zu ersetzen, hatte ich

natürlich nach Ersatzunternehmen

gesucht.“ Mit einem Mal entstand so

ein Portfolio, das relativ unkorreliert

war, entsprechend zur Diversifikation

beigetragen hat und in Wirklichkeit

Risiken und Volatilitäten extrem gesenkt

hat.

Informelle Treffen wird es unter anderem mit dem Management

der Bürosoftware-Schmiede SAP geben. Meetings

dieser Art sind eine zweite Schiene, auf die die Plattform

setzen will. Es handelt sich dabei um ein subtileres Mittel,

durch das man abseits der großen HV-Bühne auf die Unternehmen

einwirken will.

Doch wie vertragen sich die hehren Ansinnen der Plattform

mit den Zwang, Rendite zu erwirtschaften? Denn dass die

Ausschließung von Investments aufgrund von nachhaltigen

Kriterien Ertrag kosten kann, hat ziemlich prominent und

medienträchtig der norwegische Staatsfonds ausgewiesen.

Konfrontiert man Meggiolaro mit den Kalkulationen der

Skandinavier, kommt Emotion auf. „Ich kenne diese Zahlen.

Das ist lächerlich.“ Der angebliche Minderertrag belaufe

sich auf 0,1 Prozent pro Jahr. Näher an der Null könne man

gar nicht sein – eine vernachlässigbare Größe also.

Eine Gegenfrage

Doch wenn dem so ist, wenn diese 0,1 Prozent tatsächlich

vernachlässigbar sind, was darf Nachhaltigkeit eigentlich

kosten? Bei dieser Frage wird die Schwäche des gesamten

Themenbereichs deutlich – er bleibt, trotz aller erfolgter

Quantifizierung, schlussendlich eines: schwammig. Dem

kann sich auch Meggiolaro nicht entziehen. Also beantwortet

er die Frage mit einer Gegenfrage: „Was bringt es mir,

wenn ich 80 Prozent Rendite habe, aber dann die Umwelt

zerstört ist?“

Dass das Thema Nachhaltigkeit ein finanzielles Zukunftsthema

werden würde, war Meggiolaro jedenfalls schon

2003 klar. Damals erstellte er für die Banca Etica im Rahmen

seiner Tätigkeit als Head of CSR Research ein Portfolio,

das den Faktor „Nachhaltigkeit“ beinhaltete. Das Resultat

war eine Exklusion der Finanz- und Ölbranche. „Man

hat mich damals zunächst einmal für verrückt erklärt“,

erinnert sich der Italiener zurück. Auf den zweiten Blick

An dieser Stelle gibt es eine Art inhaltlicher

Versöhnung mit dem norwegischen

Staatsfonds: Auch dieser hat

ja zuletzt empfohlen, Öltitel aus dem

Portfolio zu nehmen. Die Argumente

sind von einem Portfoliostandpunkt

dieselben, die Meggiolaro 15 Jahre zuvor ins Feld geführt

hatte – Risikostreuung.

Doch ist dieser Aspekt der Nachhaltigkeit am Ende nicht

doch nur eine Art Modeerscheinung? Ein Verkaufsargument,

mit dem man neue Kundenstöcke erschließt, einen

Hype kreiert, der in einen Boom mündet und sich schlussendlich

als ebenso nachhaltig erweist wie der Neue Markt

in Frankfurt? Meggiolaro verneint das entschieden. Es

stimme schon, das Umfeld habe sich verändert, das Konzept

der Nachhaltigkeit sei zu einer Industrie geworden,

was es kleineren Spezialisten schwerer mache, ein allein

stehendes Geschäftsmodell zu finden. „Jede große Fondsgesellschaft

bietet jetzt nachhaltige Produkte an“, so Meggiolaro.

Insgesamt wertet er das aber als einen positiven Trend, als

eine Art Entwicklungsschritt: „Das ist vielleicht das Zeichen

dafür, dass wir in eine postmoderne Finanzwelt getreten

sind.“ Es ist zwar nach wie vor unmöglich, Investoren

mit „rein ethischen Argumenten von einem Finanzprodukt

zu überzeugen“. Man muss Mehrwert in Form von Rendite

oder Risikominderung oder Diversifikation anbieten

können. Auf der anderen Seite fällt es aber auch immer

schwerer, Investments ohne einen nachhaltigen Überbau

zu argumentieren. Am Ende wird Nachhaltigkeit also kein

Sonderthema, sondern eine Selbstverständlichkeit sein.

Für Meggiolaro würde das bedeuten, dass es seinen Job

nicht mehr gibt. „Stimmt“, lacht er. „Ich arbeite an meiner

Selbstauflösung. Das wird aber noch dauern.“ f

Im Original erschienen in

Ausgabe No. 1/2018, Institutional Money

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

41


Menschenrechte

Was ist moderne

Sklaverei?

Seit einigen Jahren ist moderne Sklaverei

verstärkt in den Fokus gerückt – des Gesetzgebers,

der Zivilgesellschaft, aber auch der

Wirtschaft. Doch was genau ist moderne

Sklaverei? Wie entsteht sie? Wer sind die

Betroffenen? Und wieso sollten sich deutsche

Unternehmen mit der Thematik befassen?

Diese und weitere Fragen beleuchtet das

Deutsche Global Compact Netzwerk (DGCN)

in einer neuen Studie. Laura Curtze, Senior

Consultant bei der durchführenden Beratung

Ergon Associates, gibt einen ersten Überblick.

Von Laura Curtze

Bulgarische Erntehelfer in Großbritannien, denen

nach Eintreffen die Pässe von ihrem Arbeitgeber

abgenommen werden und die durch Unterzeichnen

eines Vertrages, den sie nicht verstehen, in ein Arbeitsverhältnis

einwilligen, in dem sie nicht einmal die Hälfe des

geltenden Mindestlohns erhalten. Arbeiterinnen in einer

Textilfabrik in Indien, die unbezahlt Extraschichten ableisten

müssen, auch an Ruhetagen, oder sie verlieren ihren

Job und damit die Lebensgrundlage ihrer Familie. Junge

Männer aus Bangladesch, die sich Tausende Dollar für die

Vermittlung eines Jobs auf einer Baustelle in Singapur geliehen

haben und deren Familien von den Geldgebern bedroht

werden, nachdem die Lohn- und somit auch die Kreditrückzahlungen

ausblieben.

Diese Beispiele zeigen: Situationen unfreiwilliger und ausbeuterischer

Arbeit können überall vorkommen. Das ist

nichts Neues. Was allerdings neu ist, sind die Mittel des

Zwangs, das Profil der Täter und auch das der Opfer. An

dieser Stelle setzt die neue Studie des DGCN an: Moderne

Sklaven liegen nicht in Ketten, sie sind nicht das Eigentum

ihres Arbeitgebers. Viele erhalten Lohn, sind oftmals sogar

sozialversichert. Aber sie gelangen durch Täuschung oder

Nötigung in eine Situation, in denen ihnen unter Androhung

von Strafe oder Gewalt Arbeit abverlangt wird und

aus der sie sich nicht einfach so wieder befreien können.

Immer häufiger sind es die wirtschaftliche Not und die Suche

nach besseren Einkommensmöglichkeiten, die Menschen

in die Arme und in die Abhängigkeit von skrupellosen

Vermittlern und Arbeitgebern treiben.

Foto: Oksana Perkins / stock.adobe.com

42 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Warum sich deutsche Unternehmen

mit Risiken moderner

Sklaverei auseinandersetzen sollten

Moderne Sklaverei, verstanden als

extreme Form der Arbeitsausbeutung,

stellt einen drastischen Einschnitt in

die Menschenrechte der betroffenen

Personen dar. Niemand sollte unter

Androhung von Gewalt zur Arbeit gezwungen

werden. Dieses grundlegende

Prinzip ist im internationalen wie

im nationalen Recht fest verankert

und somit auch für privatwirtschaftliche

Akteure nicht nur moralisch, sondern

auch rechtlich handlungsleitend.

Doch auch darüber hinaus gibt es gute

Gründe für deutsche Unternehmen,

sich proaktiv mit Risiken moderner

Sklaverei auseinanderzusetzen.

Dazu zählen die Abwendung potenziell

gravierender Reputationsschäden

und die Stärkung des eigenen

Risikomanagements. Viele deutsche

Unternehmen sind außerdem unter

dem britischen Modern Slavery Act

oder dem CSR-Richtlinien-Umsetzungsgesetz

berichtspflichtig, ähnliche

Gesetze sind derzeit u.a. in Australien

in Planung und zeugen von

wachsenden Transparenzanforderungen.

Die menschenrechtliche Performance

eines Unternehmens rückt

auch für Investoren und Geldgeber

verstärkt in den Fokus.

Risiken beschränken sich nicht

auf die Lieferkette

Die spezifischen Risiken moderner

Sklaverei sind dabei von Land zu

Land und von Branche zu Branche

unterschiedlich. Generell besteht vor

allem dort ein erhöhtes Risiko, wo

wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche

Rahmenbedingungen wie

Armut, Ungleichheit, politische Instabilität,

strukturelle Diskriminierung

oder Krisen und Konflikte Menschen

verwundbar gegenüber Ausbeutung

machen. Überregional lässt sich beispielsweise

beobachten, dass Arbeitsmigranten,

Flüchtlinge und Binnenvertriebene

besonders häufig Opfer

moderner Sklaverei werden. Das bestätigen

auch die jüngsten Schätzungen

zu Opferzahlen der Internationalen

Arbeitsorganisation (ILO). Oftmals

strukturell benachteiligt, ist es ihnen

aufgrund ihrer besonderen Situation

(keine Kenntnisse der Landessprache,

kein soziales Netzwerk, hohe Abhängigkeit

vom Arbeitgeber usw.) kaum

möglich, ihre Rechte einzufordern

und Hilfe zu suchen. Die Erfahrung

zeigt außerdem, dass ein besonders

hohes Risiko moderner Sklaverei und

Ausbeutung in arbeitsintensiven,

niedrigqualifizierten Aktivitäten besteht,

in denen Arbeitskräfte schnell

und einfach ausgewechselt werden

können.

Viele Unternehmen betrachten moderne

Sklaverei in erster Linie als ein

ihre Lieferketten und Auslandsgeschäfte

betreffendes Phänomen. Doch

die Studie zeigt: Wer sucht, der findet

– auch in Deutschland und oftmals

näher am eigenen Unternehmen als

geglaubt. Denn gerade im Inland rücken

auch Dienstleistungen wie Reinigung,

Logistik oder Entsorgung in den

Fokus. In seinem jüngsten Lagebild

zum Menschenhandel in Deutschland

weist das Bundeskriminalamt auf einen

starken Anstieg der Fallzahlen

im Bereich Menschenhandel zum

Zweck der Arbeitsausbeutung hin.

Zu den besonders betroffenen Wirtschaftszweigen

gehören Baugewerbe,

Landwirtschaft, fleischverarbeitende

Industrie, Gastronomie und Gebäudereinigung,

doch auch bei Automobilzulieferern

oder im Speditionswesen

wurden in den vergangenen Jahren

Fälle von Ausbeutung publik. Beinahe

ausnahmslos handelt es sich bei den

Opfern um ausländische Staatsbürger,

vornehmlich aus ost- und südosteuropäischen

EU-Mitgliedsstaaten.

Ganzheitliche Konzepte entwickeln

und Transparenz herstellen

Konzepte zur Bekämpfung moderner

Sklaverei sollten dort ansetzen, wo

Risiken entstehen. Die Studie bietet

Unternehmen wertvolle Hilfestellungen

für die Ermittlung und Bewertung

von Risiken. Neben einer fundierten

Risikoanalyse und Ursachenforschung

erfordert die Entwicklung wirksamer

Präventionsstrategien dabei auch die

vermehrte Herstellung von Transparenz:

Mit wem arbeiten wir zusammen?

Von wem kaufen wir? Wer beschäftigt

die Bauarbeiter, die aktuell

unseren Firmensitz renovieren? Zu

welchen Konditionen? Wie steht es

um die Kapazität unserer Geschäftspartner,

ihrerseits Risiken moderner

Sklaverei zu erkennen und zu vermeiden?

Bei alldem sollte nicht vergessen

werden, dass moderne Sklaverei

ein Extrem auf einem Kontinuum

der Ausbeutung darstellt. Schlechte

Arbeitsbedingungen an sich stellen

nicht automatisch auch moderne

Sklaverei dar. Gleichzeitig können

sie aber, gerade in Kombination mit

anderen Faktoren, zu Risiken moderner

Sklaverei beitragen. Im Interesse

eines effektiven Risikomanagements

sollten Unternehmen solche Faktoren

deswegen frühzeitig in den Blick

nehmen, tragfähige Sorgfaltspflichtsprozesse

entwickeln und gemeinsam

mit Partnern an Lösungen arbeiten,

anstatt zu warten, bis es zu schwerwiegenderen

Verstößen kommt. f

Mehr Infos: Die Studie „Moderne

Sklaverei und Arbeitsausbeutung

– welche Relevanz für deutsche

Unternehmen?“, herausgegeben

vom DGCN und entwickelt von

Ergon Associates, wird Ende

2018 veröffentlicht.

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

43


Menschenrechte

Deutsche Unternehmen

sind weltweit an Energieprojekten beteiligt,

die menschenrechtliche Probleme aufwerfen.

AGUA ZARCA (HONDURAS)

Voith Hydro, ein Joint Venture von

Voith und Siemens, hat einen

Liefervertrag für Turbinen, Generatoren

und Steuerungsanlagen für ein

Wasserkraftwerk abgeschlossen.

TEHUANTEPEC (MEXIKO)

Für Windparks stellt Siemens u.a.

Umspannwerke und Stromleitungen

bereit.

DRUMMOND

(KOLUMBIEN)

EnBW bezieht Steinkohle

von Drummond.

BARRO BLANCO (PANAMA)

Die DEG finanziert mit 25 Mio. US$

den Staudamm mit.

HIDROSOGAMOSO

(KOLUMBIEN)

Siemens liefert Transformatoren

und eine Schaltanlage. Die

deutsche Niederlassung des

österreichischen Unternehmens

Andritz liefert Turbinen und

erhält dafür eine Exportkreditbürgschaft

vom Bund.

HUARAZ (PERU)

RWE hat als Europas

größter Emittent von

Treibhausgasen

erheblich zum Klimawandel

beigetragen.

Durch den

Temperaturanstieg

droht ein Gletschersee

auszubrechen

und die Stadt zu

überfluten.

VACA MUERTA

(ARGENTINIEN)

Wintershall ist Teil eines

Firmenkonsortiums, das

Erdgas fördert, neuerdings

auch mittels Fracking.

44 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

WINDPARK ÇESME (TÜRKEI)

Nordex liefert Turbinen für

Windkraftanlagen.

MEROWE (SUDAN)

Lahmeyer übernahm die

Kontrolle der Inbetriebnahme des

Staudamms, bei dessen Flutung

4.700 Familien ohne vorherige

Umsiedlung vertrieben wurden.

KUSILE & MEDUPI (SÜDAFRIKA)

Die KfW-IPEX Bank ist durch

Exportkredite, der Bund durch

Exportkreditbürgschaften und 19

deutsche Unternehmen sind als

Exporteure und Dienstleister am

Bau der Kohlekraftwerke beteiligt.

OLKARIA IV (KENIA)

Die KfW-Entwicklungsbank ist an

der Finanzierung des Geothermiekraftwerks

beteiligt.

Quelle: Misereor

Die Planungen der dargestellten Energieprojekte bezogen die lokale Bevölkerung nicht oder kaum ein.

Auch deshalb kommt es zu vielfältigen, teils interdependenten Menschenrechtsverletzungen durch:

Bedrohung von

Aktivisten von verbaler

Einschüchterung bis

Mord

Zwangsumsiedlung

Umweltschäden:

Zerstörung von Wäldern,

Luft- und / oder Wasser

verschmutzung

Erkrankungen,

verursacht durch

Umweltverschmutzung

Existenzgefährdung

durch Zerstörung der

natürlichen Lebensgrundlagen

(Böden,

Wasser etc.)

45


Menschenrechte

Zero-hour contracts –

Arbeit auf Abruf

In Großbritannien haben sich sogenannte „Zero-hours“-Verträge etabliert.

Arbeitgeber können mit ihnen Personal einstellen – ohne eine feste

Wochenarbeitszeit und festes Gehalt garantieren zu müssen. Gezahlt

wird nur für die Arbeit, die geleistet worden ist. Auch in Deutschland setzt

sich die Praxis der „Arbeit auf Abruf“ immer mehr durch. Sie ist im Teilzeitund

Befristungsgesetz geregelt. Demnach muss die Arbeitszeit mindestens

zehn Stunden in der Woche betragen, der Beschäftigte muss mindestens

drei Stunden am Stück arbeiten und muss vier Tage im Voraus über die Arbeitszeiten

informiert werden. Wie Deutschlandfunk Nova im März 2018

berichtete, geht die Forschung von etwa 1,9 Millionen Menschen aus, die

in Deutschland nach diesem Modell arbeiten. Zum Beispiel in der Gastronomie:

Hier wird in den Sommermonaten bei schönem Wetter kurzfristig mehr

Personal benötigt. Aber auch Einzelhandelsunternehmen wie H&M stellen

immer mehr flexible Stundenkräfte ein.

Saisonarbeit in Deutschland:

Gute Ernte, schlechte Bezahlung

Hierzulande sind ausländische

Arbeitskräfte ein unersetzlicher

Teil des gesellschaftlichen

und ökonomischen

Lebens. Sie pflegen alte Menschen,

arbeiten in Restaurants oder helfen

bei der Erdbeer- und Spargelernte

auf unseren Feldern. Wie ZEIT ON-

LINE berichtet, kommen jedes Jahr

rund 300.000 Saisonkräfte aus dem

Ausland zur Gemüse- und Obsternte

nach Deutschland. Und diese fiel in

2018, anders als beim Getreide, üppig

aus. Obwohl die Landwirtschaft

also auf die Aushilfskräfte angewiesen

ist, gibt es immer wieder Berichte

über schlechte Arbeitsbedingungen

und ausbeuterische Praktiken.

Dazu zählen zum Beispiel lange Arbeitstage,

geringe Bezahlung unterhalb

des gesetzlichen Mindestlohns,

Kündigungen von einem auf den

anderen Tag oder das Einbehalten

von Ausweisen unter dem Vorwand,

dass die Arbeiter diese sonst verlieren

würden. Helfer zu finden, die

unter diesen Umständen arbeiten

wollen, wird immer schwieriger, so

ZEIT ONLINE. Doch auch die Landwirte

stehen vor dem Hintergrund

gleichbleibender Preise für ihre

Ernten und gleichzeitig steigendem

Mindestlohn zunehmend unter

Druck. „Wenn wir den Mindestlohn

bezahlen sollen, bräuchten wir auch

einen Mindestabnahmepreis beim

Handel“, sagt ein Bauer gegenüber

ZEIT ONLINE.

Ausbeutung

von Erntehelfern

in Spanien

Die Ausbeutung und der

Missbrauch von Arbeitern

im Agrarsektor ist nicht nur

hierzulande ein Problem. „Überall

dort, wo Menschen Lebensmittel

für Supermärkte in Deutschland

und anderen Ländern produzieren,

sind Menschenrechtsverletzungen

gang und gäbe“, heißt es

in einer im Juni veröffentlichten

Oxfam-Studie. Besonders prekär

sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen

für die zumeist migrantischen,

aus Afrika stammenden

Saisonkräfte in Italien und Spanien.

Deutschland bezieht vor

allem Zitrusfrüchte, Paprika und

Gurken aus den Mittelmeerstaaten.

Wie aus einer aktuellen Studie

von Löning – Human Rights &

Responsible Business hervorgeht,

verdienen die Arbeiter häufig nur

25 Euro am Tag und haben keine

gewerkschaftlichen Rechte. Vor allem

Frauen erfahren öfter sexuelle

Gewalt. Zudem sind die Beschäftigten

oft Pestiziden ausgesetzt, ohne

mit der dafür vorgeschriebenen

Schutzkleidung ausgestattet zu

sein. Durch die hohen Flüchtlingszahlen

steigt der Konkurrenzdruck

unter den Arbeitssuchenden, heißt

es in einem Bericht von DasErste.

de. Das nutzten viele Landwirte

aus. Trotz zahlreicher Verstöße

erhielten die Unternehmen jedoch

weiterhin EU-Subventionen in Millionenhöhe.

Mehrere Europapolitiker

forderten deshalb strengere

Kontrollen.

46 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Mehr Schutz für philippinische Hausmädchen in Kuwait

In Kuwait arbeiten laut eines Spiegel Online-Berichts

rund 250.000 Filipinas als Hausangestellte. Die Arbeit

in diesem Sektor birgt große Risiken, wie aus einer

Südwind-Studie hervorgeht. Durch die isolierte Arbeitsstätte

seien die Frauen der Willkür ihrer Arbeitgeber relativ

schutzlos ausgeliefert. Im Fall von Migrantinnen komme

hinzu, dass sie ihre Rechte oft nicht kennen oder aus

Angst vor Abschiebung oder Verlust des Arbeitsplatzes auf

Hilfsangebote verzichten. Das sogenannte Kafala-System

bindet jeden Gastarbeiter an einen einheimischen Arbeitgeber.

Kündigt der Arbeitnehmer, muss er das Land verlassen.

Menschenrechtsorganisationen vergleichen das Kafala-System

mit Sklaverei, heißt es bei Spiegel Online.

„Es gibt Wichtigeres im Leben.

Zum Beispiel Botox“

Instagram-Star Sondos AlqaHan

Nicht alle Einheimischen haben Verständnis für die Nöte

der Hausangestellten. Der in Kuwait aufgewachsene Instagram-Star

Sondos AlqaHan beschwerte sich kürzlich in

einem Video darüber, dass philippinische Dienstmädchen

nach einer Gesetzesänderung künftig mehr Rechte erhalten

sollen. „Ich würde mir kein philippinisches Hausmädchen

mehr holen. Sie würde nur sechs Tage die Woche arbeiten

und bekäme vier Tage im Monat frei“, zitiert Spiegel Online

die 27-Jährige. Sie beendete ihr Video mit den Worten:

„Ich habe jetzt auch genug von dem Thema. Ich will davon

nichts mehr hören, es gibt Wichtigeres im Leben. Zum Beispiel

Botox.“ Die Debatte über die Behandlung der Gastarbeiterinnen

und die anschließende Gesetzesänderung war

durch den Mord an einer philippinischen Hausangestellten

durch ihren Arbeitgeber angestoßen worden.

Weil sie in ihrer Heimat keinen existenzsichernden Job finden,

zieht es tausende junge, gut ausgebildete Frauen ins Ausland.

Die Philippinen etwa sind eines der größten Herkunftsländer

von Arbeitsmigrantinnen. Zu den größten Beförderern

der Arbeitsmigration gehört die philippinische Regierung

selbst, die im Laufe der letzten Jahrzehnte immer abhängiger

von den Heimatüberweisungen geworden ist. Doch anstelle

der erhofften höheren Löhne wartet auf die Frauen im Zielland

oft eine schlecht bezahlte Beschäftigung unterhalb ihrer

Qualifikation. In Kuwait zum Beispiel arbeiten viele Filipinas

als Hausangestellte – oft unter zwangsarbeitsähnlichen Bedingungen.

Über die Hintergründe informierte Südwind 2017

in der Studie „Frauen, Migration und Arbeit. Ohne Rechte keine

Perspektive“.

Grafik: Artsgraphiques.net / stock.adobe.com

Terror-Unterstützung aus Frankreich

Der Fall des Zementkonzerns

Lafarge ließ 2016 die französische

Presse aufhorchen. Der

Vorwurf: Das Unternehmen soll mehrere

Millionen Euro gezahlt haben, um in

Syrien trotz Bürgerkrieg weiterproduzieren

zu können – auch an die Terrormiliz

„Islamischer Staat“. Anfang Juli

2018 leiteten drei Pariser Richter ein

Ermittlungsverfahren gegen Lafarge

ein. Medienberichten zufolge belaufen

sich die Vorwürfe unter anderem auf

„Finanzierung von Terrorismus“ und

„Mittäterschaft bei Verbrechen gegen

die Menschlichkeit“. Als sich 2012

die Situation in Syrien verschärfte,

verließen andere französische Firmen

wie Total oder Air Liquide das Land –

Lafarge blieb. Für den ungehinderten

Zugang zu Rohstoffen, Arbeitern und

Ausrüstungen zahlte der Konzern Medienberichten

zufolge rund 5,5 Millionen

Dollar an bewaffnete Islamisten

und Verbündete. Laut der Zeitung „Le

Canard Enchaîné“ gingen davon mehr

als eine halbe Millionen Dollar an den

IS. Die Abmachung funktionierte bis

zur Besetzung des Werkes durch den

IS im September 2014. Erst zwei Jahre

später kam der Skandal durch die

Tageszeitung Le Monde ans Licht. Seitdem

versucht Lafarge sich zu erklären.

Im Rückblick gestand die Firma nach einer

internen Untersuchung „inakzeptable

Praktiken“ ein. Das Ermittlungsverfahren

wird zeigen, ob sich der Konzern

entlasten kann. Den Lafarge-Geschäftsführern

drohen bis zu zehn Jahren Haft;

dem Unternehmen die Schließung.

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

47


Menschenrechte

Krank durch Kupfer

Peru ist der zweitgrößte Kupferproduzent

weltweit. Der Abbau

des Rohstoffs ist jedoch mit massiven

Umweltproblemen verbunden.

Ein Beispiel dafür ist die Mine Antapaccay

im Süden Perus. Seit Jahren

klagen die Bewohner der Umgebung

über massive gesundheitliche Probleme.

Studien der Regierung zeigen,

dass die Bevölkerung, die unterhalb

des Rückhaltebeckens für Minenschlämme

lebt, stark erhöhte Konzentrationen

von Schwermetallen im Blut

hat. Das Grundwasser der Region ist

ebenfalls verseucht. „Angesichts der

fallenden Rohstoffpreise hat unsere

Regierung die Umweltgesetze in den

vergangenen Jahren sogar noch weiter

abgeschwächt, um Investoren anzuziehen“,

beklagt Menschenrechtler

und Aktivist Flores Unzaga im Interview

mit der Frankfurter Rundschau.

Seit 2013 ist Antapaccay im Besitz

des Schweizer Rohstoffkonzerns Glencore.

Das Unternehmen fördert und

vertreibt Rohstoffe wie Kohle, Kupfer

oder Zink. Mittlerweile gehören die

Schweizer zu den weltweit führenden

Rohstoffhändlern. Ähnlich wie in

Peru ist die Situation im sambischen

Mufulira. Glencore betreibt dort seit

2001 mehrere Untertageminen und

eine Kupferhütte. Laut dem Schweizer

Radio und Fernsehen (SRF) sind

die Schwefeldioxid-Emissionen des

Werks derart hoch, dass sie Atemnot

und Lungeninfektionen verursachen.

In einem Gerichtsprozess 2016 sah

es ein sambisches Zivilgericht sogar

als erwiesen, dass die Abgase der

Kupferfabrik Mopani für den Tod der

sambischen Politikerin Beatrice Mithi

verantwortlich seien. Die Schweizer

kamen glimpflich davon. Das Gericht

verurteilte sie zu einer Entschädigungszahlung

von 40.000 Franken,

also rund 35.400 Euro, sowie zur Übernahme

der Gerichtskosten.

Sklaven auf WM-Baustellen?

Korruptionsvorwürfe, katastrophale Arbeitsbedingungen

und Todesfälle auf Stadionbaustellen: Die schon

seit der Verkündung umstrittene Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft

2022 an Katar ist für die FIFA zum

Dauerproblem geworden. Wegen der Menschenrechtsverletzungen

im Ausrichterland haben internationale Gewerkschaften

gegen den Weltfußballverband Klage eingereicht.

„Ich hab' nicht einen einzigen Sklaven

in Katar g'sehn! Die laufen alle frei 'rum,

weder in Ketten gefesselt noch mit

irgendeiner Büßerkappe am Kopf.“

Franz Beckenbauer

Kritik am WM-Gastgeber ertönt auch aus den eigenen Reihen.

Der von Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer geäußerte

Unmut zielt jedoch in eine ganz andere Richtung. „Er verstehe“,

zitiert n-tv den ehemaligen Fußball-Star im Jahr 2013,

„die Kritiker, die die Turnier-Vergabe angesichts der Temperaturen

im Wüsten-Staat im Sommer für ‚wahnsinnig‘

hielten.“ Zu den Menschenrechtsverstößen hingegen sagte

er in einem Interview: „Ich hab' nicht einen einzigen Sklaven

in Katar g'sehn! Die laufen alle frei 'rum“. Also doch keine

Zwangsarbeit in Katar? Amnesty International dokumentiert

seit Jahren, wie katastrophal die Lebens- und Arbeitsbedingungen

für die meist aus Süd- und Südostasien stammenden

Arbeiter tatsächlich sind. „Ihre Pässe werden einbehalten,

sie bekommen ihr Gehalt verspätet oder gar nicht ausgezahlt,

dürfen ohne Genehmigung weder ihren Arbeitgeber

wechseln noch das Land verlassen. Wenn sie sich wehren,

werden sie bedroht und eingeschüchtert“, heißt es in einer

Pressemitteilung aus dem vergangenen Jahr.

Die FIFA hat inzwischen auf die Vorwürfe reagiert und einen

Menschenrechtsrat eingerichtet, der neue Vergabekriterien

für die WM 2026 erarbeiten soll. Wichtigster Aspekt: Der

Schutz der Menschenrechte in den Bewerberländern. Allerdings,

so Menschenrechtsrats-Chefin Rachel Davis, gehe

es nicht darum, „die gesamte Menschenrechts-Performance

eines Landes zu beurteilen. Ziel ist, die Risiken in Verbindung

mit der WM zu erkennen, die dann gemanagt werden

müssen.“

48 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Wie viele

Sklaven arbeiten

für Dich?

slaveryfootprint.org

Smartphones, T-Shirts, Krabbencocktails,

Orangensaft – alle diese Produkte

werden entlang einer aufwendigen

Lieferkette gefertigt. Wer hier genau

was macht, ist häufig schwer nachvollziehbar.

Oft genug schauen Unternehmen

und Konsumenten auch

nicht genau hin, denn die Antworten

können unangenehm sein: beispielsweise,

dass rund 40 Millionen Menschen

weltweit als moderne Sklaven,

vor allem in rohstoffintensiven Bereichen,

arbeiten müssen. Die Internetseite

der NGO „Slavery Footprint“ sensibilisiert,

indem Verbraucher ihren

persönlichen „Sklaven-Fußabdruck“

feststellen können.

Smartphones oder T-Shirts sieht man

nicht an, unter welchen Menschenrechtsbedingungen

diese hergestellt

wurden. Deshalb hat das Team von

Slavery Footprint die Lieferketten von

mehr als 400 Produkten unter genau

diesem Aspekt untersucht. Auf der

Grundlage dieser Daten entwickelte

Slavery Footprint einen „spielerischen“

Onlinetest. Abgefragt werden

Nahrungsgewohnheiten, verwendete

Kosmetika, Besitz von Edelmetallen

und -steinen, der Besitz von elektronischen

Geräten, die Anzahl von Kleidungsstücken

sowie Sportaktivitäten.

Anhand dieser Daten wird die Anzahl

von Sklaven angezeigt, die sehr wahrscheinlich

für die Rohstoffgewinnung

zur Arbeit gezwungen wurden. Innerhalb

der UmweltDialog-Redaktion

ergab der Selbsttest dabei Werte zwischen

30 bis 60 Sklaven.

Die verstörenden Zahlen zeigen, dass

sich zum Beispiel neue Baumwolltextilien

im Kleiderschrank, mehr elektronische

Geräte im Haushalt sowie

häufiger Genuss von Meeres- oder Zitrusfrüchten

in einem höheren Anteil

von Sklavenarbeit niederschlagen.

Denn hergestellt werden diese Produkte

unter anderem durch die Ausbeutung

von Menschen in illegalen Minen

im Kongo, in thailändischen Krabbenfarmen

oder afrikanischen Baumwollfeldern.

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation

ILO leben mehr als

40 Millionen Menschen weltweit als

Sklaven. Rund 25 Millionen davon befinden

sich in Zwangsarbeit und werden

durch Drohungen oder Nötigung

zur Arbeit gezwungen – etwa in Haushalten,

auf Baustellen oder Farmen und

in Fischereien. Viele von ihnen werden

zusätzlich sexuell missbraucht.

Produkte einer freien Welt

Die Idee zum Slavery Footprint hatte

Justin Dillon. 2008 drehte er die Dokumentation

„Call + Response“, über die

Themen Sklaverei und Menschenhandel.

Die erschreckende Erkenntnis für

Dillon war, dass wir heute mehr Sklaven

haben als jemals zuvor in der Weltgeschichte.

Über den Film wurde das

US-amerikanische Außenministerium

auf ihn aufmerksam und beauftragte

ihn, eine Methode zu entwickeln, mit

der jeder Einzelne seinen Beitrag zur

modernen Sklavenarbeit nachvollziehen

kann. 2011 gründete Dillon

schließlich die NGO Slavery Footprint.

Das Tool setzt vor allem auf Transparenz

und Aufklärung. Unternehmen

sollen sich ihrer Verantwortung

entlang ihrer gesamten Lieferkette

bewusst werden und Missstände abstellen.

Zudem werden Konsumenten

immer kritischer und hinterfragen

die Herkunft vieler Produkte. Hier

setzt Justin Dillon mit einer weiteren

Idee an, seinem Unternehmen

„Made in a Free World“. Neben der

Information von Konsumenten und

Unternehmern hilft „Made in a Free

World“ Menschen, der Sklaverei zu

entkommen und unterstützt Unternehmen,

ein transparentes Lieferkettenmanagement

zu entwickeln sowie

mögliche Risiken zu entdecken. „Wir

arbeiten mit den Unternehmen daran,

Sklaverei bei den Produkten, die

wir so lieben, abzuschaffen“, heißt es

dazu auf der Homepage von Slavery

Footprint. f

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

49


Menschenrechte

Advertorial

O Tannenbaum,

O Tannenbaum,

wie fair sind

deine Zapfen!

Fotos: toom

Für toom ein Grund zu handeln: In Georgien werden die

Samen für die Nordmanntannen teils unter gefährlichen

Bedingungen geerntet. Dabei klettern Erntehelfer

ungesichert bis in die Tannenspitzen.

Es duftet nach heißem Kakao und Zimt, Lichterketten

beleuchten die Straßen und im Kamin lodert ein wärmendes

Feuer. Weihnachten bedeutet für die meisten

von uns eine besinnliche Zeit mit Familie und Freunden.

Ein schön geschmückter Weihnachtsbaum gehört für gewöhnlich

dazu. Am beliebtesten ist die Nordmanntanne.

Was viele aber nicht wissen, ist, dass die Zapfen zur Zucht

der Tanne unter teils gefährlichen Bedingungen in Georgien

gepflückt werden. toom arbeitet mit der Stiftung „Fair

Trees“ zusammen, um das zu ändern.

Die letzten Tage vor dem Fest sind für viele besonders

stressig: Schnell noch letzte Geschenke und alles für das

Festtagsmenü kaufen – und ein festlicher Baum muss auch

noch her. Für die Weihnachtsbaumverkäufer sind die Tage

vor dem Fest ein gutes Geschäft: Fast 30 Millionen Weihnachtsbäume

werden jedes Jahr in Deutschland verkauft.

Das entspricht einem Gesamtumsatz von knapp 700 Millionen

Euro. Michail Murusidse aus Georgien hat davon nicht

viel. Damit wir es uns in unseren Wohnzimmern mit Weihnachtsbaum

gemütlich machen können, lebt er für ein paar

Wochen in einem einfachen Zelt im georgischen Wald. Wie

viele andere pflückt Murusidse dort die Zapfen, die hierzulande

zu den beliebten Nordmanntannen heranwachsen.

Und das zu niedrigem Lohn und unter dem Einsatz der eigenen

Gesundheit.

Gefährliche Ernte der Zapfen

Etwa 80 Prozent des Saatguts der Nordmanntannen aus

deutscher und dänischer Aufzucht stammen aus der georgischen

Region Racha. Das hat seine Gründe, wie die

Schutzgemeinschaft Deutscher Wald erklärt: „Die Herkünfte

aus Georgien zeichnen sich durch ein besonders schönes

Wuchsbild aus sowie durch einen späten Austrieb, was das

Frostrisiko vermindert.“

Zwei bis vier Wochen im September ernten die Pflücker die

begehrten Zapfen, in denen die Samen enthalten sind, von

den Bäumen. Die Arbeit ist hart und vor allem gefährlich:

Weil die hochwertigsten Zapfen ganz oben in den bis zu 30

Meter hohen Baumwipfeln wachsen, müssen die meist ungelernten

Arbeiter bis in die Spitzen klettern. Dabei tragen

sie aber oft weder Schutzkleidung, noch benutzen sie eine

Kletterausrüstung. Mitunter springen die Pflücker sogar

von Baum zu Baum, um den Ab- und Aufstieg zu vermeiden.

Dadurch kommt es nicht selten zu schweren Unfällen und

Abstürzen. Wie viele Unfälle sich jedes Jahr ereignen, weiß

niemand. Belastbare Zahlen gibt es nicht. Sicher ist dagegen,

dass die Opfer meist nicht versichert sind. Zudem sind

die Gehälter sehr gering. Aufgrund der in der Region herrschenden

Armut sind viele trotzdem darauf angewiesen:

„Es ist eine sehr, sehr schwere Arbeit. Aber ich habe vier

50 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Kinder und keine andere Wahl“, sagt

Zapfenpflücker Michail Murusidse

gegenüber der Märkischen Allgemeine,

der sonst eigentlich als Bäcker

arbeitet: „Selbst wenn ich nur 40 Cent

für ein Kilogramm bekomme, ist es

ein stabiles Einkommen.“

Faire Weihnachten mit toom

Weil toom für die Arbeiter faire Bedingungen

und vor allem mehr Sicherheit

schaffen möchte, arbeitet die

Baumarktkette mit der dänischen Organisation

Fair Trees zusammen. Um

einen Eindruck von den Verhältnissen

vor Ort zu gewinnen, hat toom im

Jahr 2017 die Stiftung nach Georgien

begleitet. Daraus entwickelte sich ein

Maßnahmenkatalog, der den Zapfenpflückern

und deren Familien helfen

soll: „Die Idee hinter Fair Trees ist, die

konventionelle Christbaumproduktion

in eine nachhaltige, ethisch vertretbare

Richtung zu bringen. Wir wollen das

Alltagsleben der vielen Menschen verbessern,

die entlang der Wertschöpfungskette

eines Christbaums beschäftigt

sind“, erläutert Marianne Bols,

Gründerin und Vorstandsmitglied der

Stiftung „Fair Trees Fund“, im Interview

mit der Plattform Biorama. Jeder

ihrer Zapfenpflücker absolviert im

Vorfeld der Ernte ein fünftägiges Klettertraining

und muss im Anschluss

eine Prüfung ablegen. Außerdem erhalten

die Arbeiter eine professionelle

Kletterausrüstung und sind während

der Erntezeit unfallversichert. Sollte

es doch zu Unfällen kommen, sorgen

extra eingerichtete Rettungsrouten

dafür, dass schnell geholfen werden

kann. Im Erste-Hilfe-Kurs des Roten

Kreuzes erlernen die Erntehelfer zudem

bereits das Verhalten bei Unfällen.

Faire Löhne und eine ganzjährige

Krankenversicherung für die gesamte

Familie gehören ebenfalls zum Programm

von Fair Trees. Zusätzlich können

auch die Familienangehörigen an

einem Erste-Hilfe-Kurs zum Thema

„Child Care“ teilnehmen.

Bessere Gesundheit und Bildung

Wie wird das finanziert? Für jeden gekauften

Fair Trees-Baum unterstützt

toom die Stiftung bei der Umsetzung

sozialer Projekte in der Region Racha.

So ist unter anderem eine Zahnarztpraxis

für Kinder entstanden, die in

einer Grundschule eingerichtet wurde.

Fair Trees stattet die Schulen zudem

mit Computern und Sportgeräten

aus. Außerdem vergibt die Stiftung

Stipendien an Kinder und Jugendliche.

„Indem wir Fair Trees unterstützen,

verbessern wir nicht nur die Arbeitsbedingungen

der Erntehelfer sondern

fördern auch die Bildungschancen der

Kinder und Jugendlichen und leisten

einen Beitrag zur wirtschaftlichen und

sozialen Entwicklung der Region“,

toom setzt sich in Zusammenarbeit

mit Fair Trees dafür ein, dass die

Erntehelfer gesichert und versichert

sind.

heißt es von Kai Battenberg, Fachbereichsleiter

Nachhaltigkeit Ware bei

toom.

Alle Nordmanntannen, die der Baumarkt

verkauft, tragen sowohl das

Fair Trees-Etikett als auch das PRO

PLANET-Label, welches nachhaltigere

Produkte bei toom auszeichnet. Da

die Samen einige Jahre benötigen, um

zu einem Weihnachtsbaum heranzuwachsen,

pflanzt toom ab diesem Jahr

für jede verkaufte Nordmanntanne

aus herkömmlicher Anzucht einen

Weihnachtsbaum aus fairer Ernte

nach. Auch von prominenter Seite erhält

das Engagement Unterstützung:

„Ich bin hingerissen, dass Fair Trees

die armen Zapfenpflücker in Georgien

erreicht hat. Es ist ein wunderbares

Projekt, das das Leben vieler Menschen

in abgelegenen Gegenden Georgiens

verbessert – dem Land, in dem ich

geboren wurde“, schwärmt etwa die

Sängerin Katie Melua gegenüber dem

Blog Veganettes. f

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

51


Fotos: Michael Enger

Menschenrechte

Deutscher Kaffeekonzern in Uganda

Bauern

vertrieben,

Plantage

läuft

Die Dorfbewohner dachten, es sei „Krieg“, als sie 2001 aus ihren Häusern vertrieben wurden.

Ugandas Regierung hatte das Land zuvor an einen Hamburger Kaffeekonzern für dessen

Plantage verpachtet. Ein Fall von Landgrabbing mit Opfern und Profiten.

Aus Uganda berichtet Michael Enger

Auch nach Jahren ist der Kleinbauer Aminadabu aus Uganda

noch immer darüber aufgebracht, dass er mit seiner Familie

von seinem Land vertrieben wurde. Er sitzt auf einer

wackeligen Holzbank vor seiner Hütte und erinnert sich an

die schrecklichen Ereignisse.

„Wir sahen, wie Soldaten kamen. Mit Gewehrkolben schlugen

sie auf uns ein und zerstörten unsere Häuser. Wir

wussten nicht, wer sie waren. Später erfuhren wir, dass es

um einen Weißen aus Deutschland ging. Man hat unsere

Häuser für seine Kaffeeplantage zerstört.“

Diesen „Weißen“ macht Kleinbauer Aminadabu mitverantwortlich

für die Ereignisse. Der residiert in Hamburg, ist

Herr über ein Imperium, das Geschäfte mit Kaffee macht.

Gemeint ist Michael R. Neumann, weltweit führender Rohkaffee-Importeur.

Kleinbauer Aminadabu hat um sich herum auf dem Boden

seine fünf Kinder versammelt. Neben ihm auf der

Bank sitzt seine Frau Vanisi. Sie trägt ihr Sonntagskleid in

leuchtendem Blau.

„Ich dachte zunächst, es sei Krieg, als wir fliehen mussten.

Danach war es sehr schwierig, die Familie zu ernähren.

Wir hatten nicht genug zu essen, nicht einmal Decken, um

uns nachts zuzudecken. Deshalb starb eines meiner Kinder

– es war erst sieben.“

Einer der ersten, gut dokumentierten Fälle von

Landgrabbing

Die Familie von Aminadabu hatte früher ihr Auskommen

und einen bescheidenen Wohlstand – bis zu jenem 18. August

2001, als die Soldaten sie von ihrem Land vertrieben,

wie viele andere in Mubende, in Zentral-Uganda. Insgesamt

waren es 4.000 Menschen in vier Dörfern. Sie soll-

52 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Anna Nandyose Katende

ten Platz schaffen für die neue Plantage

der Neumann Kaffee Gruppe aus

Hamburg.

Nach der Vertreibung kümmerten

sich Menschenrechtsorganisationen

um die Opfer. Gertrud Falk unterstützt

sie schon seit 2003, fliegt regelmäßig

nach Uganda und arbeitet für

FIAN, das FoodFirst Informations- und

Aktions-Netzwerk, das für das Menschenrecht

auf Nahrung eintritt.

„Dieser Fall der Kaweri-Plantage ist

einer der ersten, gut dokumentierten

Fälle von Landgrabbing. Landgrabbing

ist ja leider ein Phänomen, was

heute ganz gravierend ist. Das heißt,

multinational aufgestellte Unternehmen

und auch Regierungen nehmen

Bevölkerungen in Entwicklungsländern

das Land weg, um für den Export

zu produzieren. Die Bevölkerung vor

Ort leidet darunter, sie haben keine

ausreichende Alternative, sich mehr

zu ernähren.“

Im konkreten Fall hier in Uganda

begann alles im Jahr 2000. Die „Neumann

Kaffee Gruppe“ suchte Land

für eine neue Plantage. Im Distrikt

Mubende fand man ein 2.500 Hektar

großes Areal, das die staatliche „Uganda

Investment Authority“ für 99 Jahre

an Neumann verpachtete, damit die

Firma dort ihre „Kaweri Coffee Plantation“

errichten konnte. Aber das Land

war besiedelt.

„Bevor die Plantage 2001 angelegt

wurde, wurden zwei Monate vorher

die Menschen aufgefordert, das Land

zu verlassen. Es wurden ihnen Entschädigung

zugesagt, Umsiedlung

zugesagt, doch das ist alles nicht eingetreten.

Da die Menschen überhaupt

nicht wussten, wohin sie gehen sollten,

sind sie zuhause geblieben. Und

dann kam die ugandische Armee und

hat die Leute gewaltsam vertrieben.“

Weitere Land-Vertreibungen in

Uganda

Mubende sei nicht der einzige Fall von

Landgrabbing in Uganda, ergänzt Gertrud

Falk und verweist auf weitere Fälle.

Oft gehe es um Landkonflikte beim

Abbau von Bodenschätzen – wie in

West-Uganda durch Ölförderung oder

durch Minenaktivitäten im Nord-Osten,

in Karamoja. Dort hatte die Regierung

großzügig Konzessionen für die

Ausbeute von Edelmetallen an ausländische

Investoren vergeben. Wie

Human Rights Watch berichtete, versprach

man der lokalen Bevölkerung

zuvor zwar Wohlstand, tatsächlich

aber wurden viele Kleinbauern von

ihrem Land vertrieben.

Oxfam berichtete, dass zwischen 2006

und 2010 in den Provinzen Kiboga

und Mubende über 22.500 Menschen

mit Gewalt von Soldaten und Mitarbeitern

des britischen Holzunternehmens

New Forests Company verjagt,

ihr Vieh getötet und Häuser zerstört

worden seien, um dort Nadel- und Eukalyptusbäume

zu pflanzen. Die Vertriebenen

hätten dort seit Jahrzehnten

gelebt und keine Entschädigung bekommen.

3.500 Tonnen Kaffee liefert die

größte Plantage des Landes

Zurück zur Kaweri-Plantage in Mubende.

Hier wird Robusta-Kaffee angebaut,

also Kaffee, der auch nach

Europa kommt. Die Neumann Kaffee

Gruppe beliefert fast alle deutschen

Marken. Die Firma hat als führender

Rohkaffee-Importeur einen Anteil von

zehn Prozent am Welthandel. Ein Konzern

mit Stammsitz in der Hamburger

„Dieser Fall

der Kaweri-

Plantage ist

einer der

ersten, gut

dokumentierten

Fälle von

Landgrabbing.“

Hafencity, 47 Tochterfirmen in 28 Ländern,

Umsatz 2,7 Milliarden US-Dollar

im Jahr 2014. Dazu trägt auch die Kaweri-Plantage

hier in Uganda bei.

Ihren Aufbau hat Hans Fässler von

Anfang an begleitet. Der Schweizer ist

ihr Manager und begutachtet gerade

mit Arbeitern die Blätter einiger Kaffeebäumchen.

Dunkelbrauner Cowboy-Hut,

olivgrünes Hemd, Jeans.

Im Jahr 2011 stellt er sich den Fragen,

danach wollen Sprecher des Konzerns

keine Interviews mehr geben. Bei aktuellen

Anfragen heißt es in der Firmenzentrale

in Hamburg nur, man

wolle sich zur Plantage nur schriftlich

äußern.

„Ich selber kam hierher mit dem damaligen

Besitzer, und wir haben das

Land besichtigt. Da hat es eine Straße

gegeben, die durch dieses Land

geführt hat. Man hat gesehen, es hat

Settlements, es hat Felder gehabt, verstreut

auf diesem Land. Wir wussten,

dass Leute da sind. Das ist kein Geheimnis.

Der Besitzer hat uns damals

versichert, dass diese Leute eben genau

wissen, dass sie auf seinem Land

sind.“

>>

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

53


Menschenrechte

3.500 Tonnen Kaffee werden jedes

Jahr auf der Kaweri-Plantage geerntet,

der modernsten und größten Kaffeeplantage

in Uganda. Es sei eine

„Modellfarm“, so der Konzern, die

man auf dem freigeräumten Areal errichten

konnte.

Aber rein rechtlich hätte keine der

Familien dort vertrieben werden dürfen.

Denn freies Land kann in Uganda

von mittellosen Kleinbauern besiedelt

und bewirtschaftet werden. Der

ugandische Land Act gewährt jedem,

der mehr als zwölf Jahre darauf lebt,

ein Gewohnheitsrecht. Die meisten

der Vertriebenen lebten schon länger

dort, einige sogar seit Generationen

– so auch die Familie von Betty Ingabire.

Das Dorf der Vertriebenen neben

der Plantage

Neben ihrer Hütte bereitet Betty das

Essen für die Familie vor – eine einfache

Feuerstelle aus Steinen, darüber

zum Schutz eine Plastikplane gegen

Regen. Betty rührt in einem großen

Topf, kocht einen Brei aus Maismehl

und Wasser – das Essen der Armen.

Die Vertreibung wurde für die damals

noch junge Betty zum Trauma.

„Als die Soldaten uns das Vieh nehmen

wollten, flehte unsere Mutter,

‚Lasst uns doch wenigstens eine

Kuh‘. Aber stattdessen schlugen sie

meine Mutter und rissen mit einem

Bulldozer unser Haus ein. Als wir

unseren Vater aus dem Haus retten

wollten, trafen ihn Steine. Er starb

nach drei Tagen. Meine Mutter war

durch Schläge auf die Nieren verletzt

worden. Auch sie starb, zwei Monate

später. Wir sechs Kinder waren nun

Waisen, lebten unter Bäumen und

hatten nichts zu essen. Der Hunger

quälte uns so sehr, dass auch die beiden

Kleinsten von uns starben.“

Obwohl Betty durch die Kaffeeplantage

alles verloren hat, arbeitet sie

heute dort als Tagelöhnerin. Die Not

zwinge sie dazu, sagt sie. Hier gäbe es

sonst keine Arbeit. Betty lebt in Kyengeza,

dem Dorf der Vertriebenen.

Es entstand nach der Vertreibung unmittelbar

neben der Plantage.

Nicht weit entfernt lebt auch Anna

Nandyose Katende. Sie ist 85, eine

stolze alte Dame mit kurz geschnittenen,

weißen Haaren. Anna gehörte zu

den Bessergestellten im Dorf, hatte

42 Hektar Land mit großen Plantagen,

sechs Häuser und mehr als 100

Tiere.

„Sie haben den Stall angezündet, in

dem meine Ziegen waren. Alle Ziegen

sind darin verbrannt. Was für ein

Unglück! Ich muss weinen, wenn ich

daran denke. Als sie mich vertrieben

hatten, musste ich hier unter den

Bäumen leben. Ich hatte nichts mehr.

Die Soldaten kreisten ständig um uns

herum. Fünf Tage lang haben sie hier

patrouilliert.“

Anna sitzt aufrecht auf einer Bastmatte

und nimmt Dokumente zur

Hand, die sie vor sich ausgebreitet

hat. Einige sind schon ein wenig zerfleddert,

andere zum Schutz in Folie

eingeschweißt. Anna gehört zu denjenigen,

die laut ihren Unterlagen

rechtmäßige Besitzer des Landes

sind, von dem sie vertrieben wurden.

„Das Land gehört mir. Ich habe es

von meinem Vater bekommen. Diese

Papiere beweisen, dass mein Vater

das Land gekauft hat. Damals lebte er

noch. Im Jahr 1964 hat er hier unterschrieben.“

Kaffeekonzern spricht von

Entschädigungen

Laut Manager Hans Fässler hat man

im Unternehmen nicht so recht mitbekommen,

was sich im August 2001

auf ihrem zukünftigen Plantagengelände

abspielte.

„Das ist sicher, dass hier Druck gemacht

wurde, dass die Armee, die

ja selber auf dem Land präsent war,

dass die eingeschritten sind, das halt

ich für möglich.“

Er hält es für „möglich“? Angesichts

des Ausmaßes der Vertreibung mehrerer

tausend Menschen verwundert

die Sicht des Managers. Man habe

verlangt, dass das Land frei sei von

Rechten Dritter und dass die Familien

entschädigt würden, ergänzt der

Manager. Dorfvorsteher Patrick Sebwato

widerspricht. Auch wenn das

Unternehmen immer behaupten würde,

die Vertriebenen hätten eine Entschädigung

erhalten – dies sei nicht

geschehen.

Patrick Sebwato arbeitet in Gummistiefeln

auf seinem Feld, das er bald

bestellen möchte. Er reißt das dichte

Gestrüpp aus der Erde und lockert

den Boden mit einer langstieligen Hacke.

Er erinnert sich noch gut daran,

dass 2001 weiße Männer ins Dorf kamen

und er in die Verwaltung gerufen

wurde.

„Ich ging in meiner Funktion als

Dorfvorsteher dahin. Sie sagten, man

wolle dem Dorf Fortschritt bringen

und uns für unser Land und unseren

Besitz voll entschädigen. Wir würden

woanders gleichwertiges Land erhalten.

Sie würden dort neue Häuser

bauen, gute Straßen, Krankenhäuser

und Wasserstellen. Man wolle alle

54 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Anna Nandyose Katende auf der

Versammlung der Vertriebenen

Voraussetzungen schaffen, damit jeder sich wie im ,gelobten

Land‘ fühle. Aber – so wahr ich hier sitze – die Versprechungen

wurden nie eingehalten.“

Anwalt widerspricht Konzern und erhebt schwere

Vorwürfe

Joseph Balikuddembe hat als Anwalt jahrelang für die Rechte

der Vertriebenen gestritten. Ende 2017 ist er verstorben. Im

Jahr zuvor hatte auch er in seinem Büro in der ugandischen

Hauptstadt Kampala den Beteuerungen der Neumann Kaffee

Gruppe widersprochen, die Vertriebenen seien entschädigt

worden und hätten neues Land erhalten. Im Interview bestritt

er die Rechtmäßigkeit der vorgelegten Bestätigungen.

„Diese Bestätigungen, die die Leute unterzeichnet haben,

wurden mit Waffengewalt erzwungen. Der Assistent des

Regierungspräsidenten ging durch die Dörfer, eskortiert

von Soldaten. Man zwang die Leute zu unterschreiben, sie

hätten irgendwo Land erhalten und sie seien entschädigt

worden.“

Anwalt Balikuddembe widersprach auch der Darstellung

des Unternehmens, man habe erst zwei Monate später von

der Vertreibung erfahren. Denn bei den Treffen mit den

Kleinbauern seien zwei Neumann-Manager dabei gewesen

– auch beim letzten, am Vorabend der Vertreibung. Eine

Anwesenheitsliste würde das belegen.

„Die beiden Deutschen waren dabei, als der Regierungsvertreter

den Siedlern das Ultimatum stellte, bis acht Uhr am

nächsten Morgen das Land zu verlassen. Die Leute wussten

nicht, wohin sie sollten und gingen nach Hause. Am nächsten

Tag kamen die Soldaten und vertrieben sie. Ich betone:

Die Deutschen waren bei dem Treffen anwesend, als das

Ultimatum gestellt wurde.“

Der Anwalt erhob weitere schwere Vorwürfe. Nicht nur die

Armee habe die Zerstörung zu verantworten, sondern auch

Angestellte der Plantage seien dabei aktiv gewesen.

„Unmittelbar nach der offiziellen Eröffnung

begannen Arbeiter der Kaweri-Kaffeeplantage

damit, die Ernte,

Kaffeebäume, Bananenpflanzen und

alles Andere abzuholzen, um den Boden

zu säubern – damit sie ihren Kaffee

anpflanzen konnten. Wir haben

sie verklagt, weil sie daran beteiligt

waren, meine Mandanten zu vertreiben und ihren Besitz

zu zerstören.“

Der Gerichtsprozess läuft seit 16 Jahren

Ihre Klage reichten die Vertriebenen 2002 ein – gegen den

ugandischen Staat, den früheren Landbesitzer und die Neumann

Kaffee Gruppe. Aber der Prozess wurde über Jahre

verschleppt und dauert bis heute an. 2013 fällte der High

Court zwar ein Urteil zu Gunsten der Vertriebenen, das

wurde aber 2015 vom Berufungsgericht wieder aufgehoben.

Seitdem wird erneut vor dem High Court verhandelt.

Auf den Fall Mubende sind mittlerweile auch die Vereinigten

Nationen aufmerksam geworden. Sie forderten 2015

die ugandische Regierung auf, die Rechte der Vertriebenen

wieder herzustellen.

Möglicherweise gibt es Schritte in diese Richtung. Zumindest

schöpfen die Vertriebenen nach 17 Jahren nun ein

wenig neue Hoffnung. Eine staatliche Kommission wurde

im vergangenen Jahr in Uganda eingesetzt, die auch Fälle

von Landgrabbing untersuchen soll. Die 85-jährige Anna

möchte es noch erleben, mit ihren Kindern wieder auf dem

eigenen Land zu wohnen.

„Sie sollen mir mein Land zurückgeben. Das ist das Einzige,

was ich will. Sie sollen mir mein Land zurückgeben und

mich für alles entschädigen, was ich erleiden musste. Sie

haben mir meinen inneren Frieden genommen. Ich habe

keinen Frieden mehr.“ f

Nützliche Adresse:

FIAN Deutschland e.V.

FoodFirst Informations- & Aktions-Netzwerk

Briedeler Straße 13 • 50969 Köln • www.fian.de

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

55


Menschenrechte

Wo Unrecht zu Recht wird

Jede Revolution hat Persönlichkeiten, die ihre Ideale tragen. Der Umweltaktivismus bildet da

keine Ausnahme. Es sind die Geschichten hinter diesen Menschen, die uns die edlen Ziele ihrer

Bewegungen greif- und erfahrbar machen. UmweltDialog verfolgt zwei dieser Geschichten zu

ihrem Ursprung zurück.

Hintergrundfoto: Andrey Armyagov / stock.adobe.com, Foto: IPE / Goldman Environmental Prize / www.goldmanprize.org

Der Träumer – Ma Jun

In den 1970er Jahren konnte man

in Peking noch in den Stadtkanälen

schwimmen und fischen. Ein kleiner

Junge namens Ma Jun verbrachte

ganze Sommer damit. Hielt er sich

doch mal zu Hause auf, schmökerte

er in Büchern, die Bilder von Flüssen,

Bergen und Landschaften in seinem

Kopf entstehen ließen, heißt es in

seiner Biografie. Nicht ahnend, dass

das Land, so, wie es da beschrieben

stand, bereits aufhörte zu existieren.

Verblasst und vergilbt unter

Rauchschwaden; die wenigen Farben

nurmehr ölige Reflektionen in

Gewässern, die ihre Reinheit längst

verloren hatten.

Seit Mao Zedongs Politik des „großen

Sprungs nach vorn“ Mitte des 20.

Jahrhunderts verschluckt das Streben

nach Wirtschaftswachstum jegliche

ökologische Bedenken in der Volksrepublik

China. Der rasante Aufstieg

zur ökonomischen Weltmacht raubt

den Chinesen sprichwörtlich die Luft

zum Atmen. Chemie- und Schwerindustrie

vergiften Luft und Wasser mit

ihren Abfällen. Die verschmutzten

Gewässer des Landes verwandeln

idyllische Siedlungen in „Krebsdörfer“,

mit auffallend vielen Krebserkrankten

und Todesfällen.

Doch die Bilder aus den Büchern blieben

im Kopf des jungen Ma haften

und weckten in ihm den Wunsch, die

Natur zu schützen und über die Umweltverschmutzung

aufzuklären.

Heute ist Ma Jun Chinas bekanntester

und einflussreichster Umweltaktivist.

In Pekings Stadtkanälen fischt

und schwimmt er allerdings schon

lange nicht mehr.

Aktiv nach klaren Spielregeln

Wie engagiert man sich in einem autokratischen

System, dessen starre

Fünf-Jahres-Pläne wenig Spielraum

für Aktivismus und Wandel lassen?

Gar nicht. Zumindest nicht im traditionellen

Sinne. Ma Juns Weg ist ein

moderner. Er arbeitet nicht gegen,

sondern mit der Regierung. Und vor

allem mit Informationen. Mit seiner

2006 gegründeten NGO „Institute of

Public & Environmental Affairs“ (IPE)

stellt er öffentlich zugängliche Daten

über Umweltzerstörung durch westliche

Unternehmen in China zusammen

und veröffentlicht sie online. Die

Folge: Der öffentliche Druck ließ Global

Player wie Nike, General Electric,

Apple und Walmart plötzlich Verantwortung

für ihre Lieferketten in China

übernehmen.

Über die Landesgrenzen hinaus bekannt

geworden sind IPE und Ma Jun

aber vor allem für die digitale Visualisierung

von Umweltverschmutzung:

Auf der Seite der NGO können Nutzer

die Qualität von chinesischen Gewässern

auf der „water pollution map“

in Echtzeit betrachten. Mittlerweile

sind auch Parameter wie die Reinheit

der Luft oder ansässige Unternehmen

hinzugekommen.

56 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Der Waldläufer – Chico Mendes

Inmitten des brasilianischen Regenwaldes wurde 1944

Chico Mendes geboren. Mit neun Jahren lernte er das

Handwerk, das sein Leben bestimmen sollte. Seringueiros

heißen sie auf portugiesisch, die Kautschukzapfer. Bis zu

zwölf Stunden täglich durchstreifte der Junge fortan den

Urwald und schnitt mit einem Meißel Rillen in die Rinde

der Gummibäume, um an die begehrte Flüssigkeit, das Latex,

zu gelangen. Dabei ließ der straffe Tag wenig Raum

für Schule und Bildung. Lesen und Schreiben konnte der

junge Chico bis zu seinen späten Teenager-Jahren nicht.

Für die meisten Seringueiros im brasilianischen Bundesstaat

Acre ist das keine Besonderheit – mangelnde Bildung

und Armut gehen auch in Brasilien Hand in Hand.

Das lukrative Geschäft mit Naturkautschuk lag nämlich

weitestgehend in den Händen der besitzenden Gummibarone,

fazendeiros genannt. Die Kautschuksammler selbst

wurden nur mit Hungerlöhnen abgespeist. Dazu kam die

immer weiter fortschreitende Rodung und Ausbeutung

des urtümlichen Regenwaldes durch Holzfirmen.

Chico Mendes änderte das. Unter seiner Führung organisierten

sich die Kautschukzapfer 1977 erstmals gewerkschaftlich.

Mendes gelang dabei etwas, was lange

undenkbar schien: Er versöhnte die verfeindeten Seringueiros

und Indigene im gemeinsamen Kampf für ihren

Lebensraum, bildete mit ihnen Menschenketten und

stellte sich den Bulldozern direkt entgegen. Er reiste

nach Washington und überzeugte die Interamerikanische

Entwicklungsbank, keine Kredite mehr für Rodungen in

Amazonien zu vergeben. Er forderte die Errichtung neuer

Schutzgebiete, die die Waldgebiete gesetzlich vor der Rodung

schützen sollten – kurzum, er stieg zum Anführer

einer nachhaltigen Bewegung zum Schutz des Regenwaldes

und der Menschenrechte in Brasilien auf. Man sagt

ihm nach, dass er sich seiner außergewöhnlichen Stellung

nicht bewusst gewesen sein soll. Ihm ging es um bessere

Bedingungen für seine Kautschuksammler und deren Lebensraum

– wenn das „Umweltschutz“ hieße, sei das auch

in Ordnung, so Chico Mendes.

Mächtige Feinde

Mendes‘ Zielstrebigkeit und klare Position schürte den

Widerstand und Hass der Großgrundbesitzer. Während

der brasilianischen Militärdiktatur wurde er mehrfach inhaftiert,

aber immer wieder in die Freiheit entlassen. „Seit

1977 bin ich das Opfer von mindestens sechs Anschlägen

gewesen. Glücklicherweise, so unwahrscheinlich es

klingt, bin ich heil davongekommen“, sagte Mendes damals

im Deutschlandfunk.

Am 22. Dezember 1988 verließ den Brasilianer dann das

Glück. Chico Mendes soll auf dem Weg zur selbstgebauten

Dusche im Hinterhof seines Hauses gewesen sein, als

Großgrundbesitzer Darcy Alves den Aktivisten erschoss.

Vater Darly Alves hatte den Mord zuvor befohlen. Die beiden

Mörder erhielten langjährige Gefängnisstrafen. Zurück

blieb ein mediales Echo, dass die Umweltbewegung

nur noch mehr beförderte. Am 22. Dezember 2018 ist der

30. Todestag von Chico Mendes. Sein Anliegen ist heute

aktueller denn je: Der aussichtsreiche Präsidentschaftskandidat

Jair Bolsonaro möchte das Umweltministerium

nach gewonnener Wahl wieder in ein Industrie-freundliches

Agrarministerium umwandeln. f

Hintergrundfoto: Simon Bennett / stock.adobe.com, Foto: Miranda Smith / Miranda Productions Inc / Wikimedia.org, cc 1.2

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

57


Menschenrechte

Kinderrechte

Darüber hinaus haben Unternehmen auch indirekte Auswirkungen

auf Kinderrechte, zum Beispiel durch die Gewährleistung

von familienfreundlichen Arbeitsplätzen.

Aber auch mit ihren Beziehungen zu nationalen und lokalen

Regierungen sowie Investitionen in lokale Gemeinschaften

oder durch ein ressourcenschonendes Umweltmanage-

>>

in einer

globalen

Wirtschaft

Die Missachtung von Kinderrechten darf kein

Wettbewerbsvorteil sein, sondern ihre

Umsetzung muss positive Größe bei

Unternehmensentscheidungen und Teil von

verbindlichen Compliance-Regeln werden.

In diesem Sinne hat UNICEF in Zusammenarbeit

mit dem Global Compact und Save the

Children bereits im Jahr 2012 Grundsätze zum

Schutz und zur Förderung von Kinderrechten

im Rahmen von unternehmerischem Handeln

entwickelt. Die Studie aus dem Jahr 2017

„Kinderrechte in deutschen Unternehmensaktivitäten“

belegt empirisch, wie weit Kinderrechte

in deutschen Unternehmensaktivitäten

bereits verankert sind.

Kinder unter 18 Jahren stellen beinahe ein Drittel der Weltbevölkerung,

in manchen Ländern liegt der Anteil bei über

50 Prozent. Doch noch immer hat fast die Hälfte der mehr

als zwei Milliarden. Kinder weltweit keinen Zugang zu einer

Grundversorgung, die für ihr Überleben oder ihre Entwicklung

unentbehrlich ist. Dabei haben Kinder ein Recht

darauf. Jedes dieser Mädchen und Jungen hat in der UN-Kinderrechtskonvention

verbriefte Rechte. Sie sind die entscheidenden

Gestalter des Wandels, wie die Agenda 2030

für nachhaltige Entwicklung ausdrücklich hervorhebt; sie

haben das Potenzial, die Gesellschaft zu verändern.

Durch die Gestaltung von Produktionsprozessen, Produkten

und Dienstleistungen sowie durch ihren Einfluss auf

die wirtschaftliche und soziale Entwicklung einer Region

können Unternehmen die Lebenssituation von Kindern

wesentlich beeinflussen – sowohl zum Positiven, als auch

zum Negativen. Denn noch immer kommt es zu schwerwiegenden

Fällen von Kinderarbeit. Noch immer sind

Arbeitnehmer in vielen Fabriken menschenunwürdigen

Bedingungen ausgesetzt. Noch immer werden gesundheitsschädliche

Produkte auch an Kinder vermarktet. Auch zeigen

die in den letzten Jahren eingesetzten Monitoringsysteme

in der Lieferkette Schwachstellen. Gleichzeitig können

Einkaufspraktiken von Großkonzernen den Druck auf die

Lieferanten erhöhen. Die Herausforderungen im Kampf für

Kinderrechte bleiben folglich akut, die Rolle von Unternehmen

wird dabei immer wichtiger.

Kinderrechte zu achten, ist eine Voraussetzung für menschenrechtskonforme

Unternehmenspraktiken. Doch noch

immer verbinden viele Unternehmen Kinderrechte lediglich

mit dem Verbot von Kinderarbeit. Dieser Fokus ist

nicht falsch, greift aber zu kurz. Kinderrechte gehen weit

über das Thema Kinderarbeit hinaus und werden durch

vielfältige Unternehmensaktivitäten und über die gesamte

Wertschöpfungskette hinweg berührt. Hierzu gehören die

direkten Auswirkungen der Geschäftstätigkeit – beispielsweise

von Produkten und Dienstleistungen sowie von Marketing-

und Vertriebspraktiken.

58 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Kinderunrecht

in Zahlen

Rund 1,1

Milliarden Kindern

auf der Erde fehlen bis heute grundlegende Mittel

für Überleben und Entwicklung wie ausreichende

Nahrung, sauberes Wasser, medizinische Hilfe, eine

gute Schulbildung und ein Dach über dem Kopf.

Naturkatastrophen in Folge des Klimawandels

bedrohen immer mehr Kinder – insbesondere in

Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Zahl der

betroffenen Kinder wird sich in

175

diesem Jahrzehnt auf

Millionen pro Jahr

erhöhen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO)

geht jeder dritte Todesfall bei Kindern auf

Umweltschäden zurück.

168 Millionen

Kinder und Jugendliche

zwischen fünf und 17 Jahren weltweit sind Opfer von Kinderarbeit,

120 von ihnen sind Millionen

jünger als 15 Jahre.

Mehr als zwei Drittel dieser Kinder – 85 Millionen – leiden unter

Arbeitsbedingungen, die besonders gefährlich

oder ausbeuterisch sind.

Auch in den Industrieländern wächst die Kluft zwischen

den Kindern, die gesund, abgesichert und gefördert

aufwachsen und solchen, deren Alltag durch

Hoffnungslosigkeit, Mangel und Ausgrenzung geprägt ist.

25

So entbehren fast

Prozent der

deutschen Kinder

in Ein-Eltern-Familien wichtige Dinge wie eine tägliche

warme Mahlzeit oder wetterfestes Schuhwerk. Chronische

Krankheiten, Übergewicht und Verhaltensauffälligkeiten

bei benachteiligten Kindern nehmen zu. Der Schulerfolg

von Kindern in Deutschland hängt bis heute stark von der

Bildung der Eltern ab.

40 Fast Prozent der weltweit

200 Millionen Arbeitslosen sind junge Menschen.

In Nordafrika und dem Nahen Osten ist mehr als jeder

vierte

Heranwachsende ohne Job.

In der Europäischen Union stieg der Anteil der jungen

Arbeitslosen von 11 Prozent in 2007 auf 21,4 Prozent

in 2011.

Quelle für alle Angaben und Grafiken: UNICEF Deutschland/Deutsches Global Compact Netzwerk / BMZ

(2017): Kinderrechte in deutschen Unternehmensaktivitäten. Status und Bedeutung. Köln/Berlin.

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

59


Menschenrechte

Aktivitäten von Unternehmen versus

als irrelevant bezeichnete Themenfelder

ment, das es zukünftigen Generationen erlaubt, gesund

und sicher zu leben, können Unternehmen Einfluss auf das

Wohlbefinden von Kindern nehmen.

Wie bewerten Unternehmen die Rechte von Kindern?

24 %

17 %

35 %

45 %

45 %

34 %

52 %

35 %

Bereits aktiv

60 %

84 %

13 % 11 % 12 % 13 %

1 %

Als irrelevant

bezeichnete

Themenfelder

25 %

81 %

Verbot von Kinderarbeit

im eigenen Unternehmen

63 %

24 %

Abschaffung von Kinderarbeit

in der Lieferkette

42 %

Einrichtung familienfreundlicher Arbeitsplätze für

junge Menschen, Eltern und Betreuungspersonen

Gewährleistung von Schutz und Sicherheit

in allen betrieblichen Einrichtungen

Kindgerechte Gestaltung von Produkten

und Dienstleistungen

Achtung von Kinderrechten in Marketing

und Werbung

Achtung von Kinderrechten bei der Nutzung

von Land (z.B. Umsiedlungen)

Auflagen für Sicherheitsdienste (z.B. Vermeidung

von Gewalt, Einschüchterung etc.)

Beitrag zum Schutz von Kindern

in Notsituationen

Unterstützung von Projekten/Maßnahmen zur

Förderung der Rechte von Kindern

Kinderrechte sind für Unternehmensaktivitäten in allen

Prozessen der Wertschöpfung relevant und können von Unternehmen

auf verschiedene Art und Weise gefördert und

geachtet werden. Die Studie zeigt: Die befragten Unternehmen

sind bei den Themen „Kinderarbeit“, „Familienfreundliche

Arbeitsplätze“ sowie „Kinder in Notsituationen“ und

„Unterstützung von Projekten und Maßnahmen“ am aktivsten.

Doch viele andere kinderrechtsrelevante Themen

im Unternehmen werden von den Umfrageteilnehmern für

ihr Unternehmen als nicht relevant bewertet. Dazu zählen

etwa die kindgerechte Gestaltung von Produkten und

Dienstleistungen, die Berücksichtigung von Kinderrechten

bei der Nutzung von Land oder auch Auflagen für Sicherheitsdienste.

Darüber hinaus schreiben zwar viele Teilnehmer

kinderrechtsbezogene Themen in Richtlinien für das

eigene Unternehmen fest, nicht jedoch für ihre Lieferkette.

Wesentlich für eine erfolgreiche Umsetzung von Kinderrechten

in Unternehmen ist der Aufbau eines Managementsystems.

Lediglich fünf der im Rahmen der Studie

befragten Unternehmen beziehen sich im Rahmen von Managementinstrumenten

explizit auf die „Übernahme von

Verantwortung für Kinderrechte“. Sie geben an, dies vorranging

durch Schulung der Mitarbeiter, Monitoring und

Hinweisgeberverfahren über Hotlines umzusetzen.

Die Online-Recherche im Rahmen der Studie hat ergeben,

dass insgesamt 71 der 100 untersuchten Unternehmen Managementsysteme

einsetzen, um die Einhaltung der Grundsätze

für Kinderrechte und unternehmerisches Handeln

zu gewährleisten, ohne dabei allerdings einen konkreten

Bezug zu Kinderrechten herzustellen. Der Fokus dieser

Managementsysteme liegt vor allem auf der Überwachung

arbeitsplatzbezogener Grundsätze, weniger auf der Produktgestaltung

oder der Etablierung sozialer Projekte.

Häufigste Managementsysteme in Unternehmen generell

sind laut der Studie mit 46 Prozent Hinweisgeberverfahren,

gefolgt von Schulungen der Mitarbeiter/innen (40 Prozent),

Monitoring (30 Prozent) und Audits (29 Prozent). Auf Lieferketten-Ebene

haben lediglich 55 Prozent der Unternehmen

Managementsysteme implementiert. Bei den im Rahmen

der Lieferkette eingesetzten Instrumenten liegt der Schwerpunkt

auf Audits (42 Prozent) und Monitoring (33 Prozent).

Überprüft werden mit diesen Instrumenten vor allem das

Verbot von Kinderarbeit sowie sichere Arbeitsbedingungen.

Kaum genannt werden Instrumente, die einen Hinweis darauf

geben, dass die Unternehmen sich vor Ort dafür ein-

60 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

setzen, die Situation von Mitarbeitern in der Lieferkette zu

verbessern, wie Konsultationsprozesse oder Ansätze zur

Wiedergutmachung. Hinweisgeberverfahren, mit denen

Mitarbeiter/innen von Zulieferern anonym Verstöße melden

können, haben weniger als ein Drittel der Unternehmen

implementiert.

Kinderrechte im Unternehmen verankern

Kinderrechte können im Rahmen der globalen Wirtschaft

nur gefördert und geschützt werden, wenn weltweit agierende

Unternehmen diese Rechte in ihr unternehmerisches

Handeln integrieren. Ein erster Schritt besteht darin,

sich Probleme und Herausforderungen bewusst zu machen

und die Verletzung von Kinderrechten nicht lediglich auf

den Bereich Kinderarbeit zu beschränken. Darüber hinaus

sind Managementsysteme notwendig, mit denen die Berücksichtigung

der Kinderrechte kontrolliert werden kann.

Und nicht zuletzt machen politische Rahmenbedingungen

einen Unterschied: Eine Verankerung von Kinderrechten

in der Verfassung oder in nationalen Programmen könnte

dem Thema Handlungsrelevanz und Dynamik verleihen

und eine stärkere Verbreitung im unternehmerischen Handeln

forcieren. f

Studie und Methodik:

UNICEF/Deutsches Global Compact Netzwerk/BMZ

(2017): Kinderrechte in deutschen Unternehmensaktivitäten.

Status und Bedeutung. Köln/Berlin.

Für die Studie „Kinderrechte in deutschen Unternehmensaktivitäten“

wurden eine Online-Status-quo-Analyse

sowie eine Online-Befragung von Unternehmen

vom unabhängigen Forschungsinstitut IMUG durchgeführt

und miteinander kombiniert. Im Rahmen der Status-quo-Analyse

wurden 100 Unternehmen aus sieben

verschiedenen Branchen und 26 Geschäftssegmenten

ausgewählt. Die Analyse erfasst relevante Aktivitäten,

über die die untersuchten Unternehmen auch öffentlich

berichten. Im Rahmen der Online-Befragung wurden

insgesamt 485 Unternehmen angeschrieben, 83

davon haben einen Fragebogen vollständig ausgefüllt.

Abgefragt wurden unter anderem das Verständnis

der Unternehmen von Kinderrechten in ihrer eigenen

Unternehmenstätigkeit, Problembewusstsein und

Selbsteinschätzung sowie konkrete Maßnahmen.

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

61


Menschenrechte

Unternehmerisches Engagement:

Wo Kinder noch Kinder

bleiben dürfen

Die Einhaltung der Kinderrechte vor allem in außereuropäischen Produktionsländern ist für

Unternehmen oft schwer zu kontrollieren. Schuld daran sind unter anderem intransparente

Lieferketten und die mangelnde Umsetzung entsprechender Gesetze. Dass es aber durchaus

möglich ist, das Risiko der Kinderarbeit innerhalb des Wertschöpfungsprozesses zu reduzieren,

zeigen die Unternehmen Merck, Tchibo und toom Baumarkt. Sie engagieren sich unter

anderem in Indien, Guatemala und China für bessere Arbeitsbedingungen und vor allem die

Einhaltung der Kinderrechte.

Fotos oben / unten: Merck / Vivek Sharma

Bildung statt Glitzer: Mercks

Einsatz in Indien

Glimmer (engl. Mica) ist einer der

Hauptrohstoffe für schimmernden

Lidschatten oder Autolack. Merck

nutzt das Mineral für seine Effektpigmente,

die auch in der Elektroindustrie

zum Einsatz kommen. Der

Rohstoff stammt dabei vor allem aus

zwei Provinzen in Indien. 2008 stellte

man bei Merck fest, dass viele junge

Menschen in der Region keine Schule

besuchen, sondern mit ihren Eltern

zusammen Glimmer vom Boden stillgelegter

Minen sammeln. Für das Unternehmen

ein klarer Verstoß gegen

die Unternehmenswerte, das Kinderarbeitsverbot

und die Prinzipien der

Menschenrechts-Charta: „Die Einhaltung

grundlegender Arbeitsstandards

bei unseren Lieferanten hat für uns

höchste Priorität. Durch eine tiefgreifende

Umstellung unserer Lieferkette

haben wir Maßnahmen ergriffen mit

dem Ziel, Kinderarbeit im Glimmerabbau

dauerhaft zu unterbinden. Das

Thema liegt uns sehr am Herzen,

deshalb waren wir auch bereit, eine

treibende Rolle bei der Responsible

Mica Initiative zu übernehmen“, erklärt

Friedhelm Felten, Leiter der Geschäftseinheit

Surface Solutions bei

Merck.

Das Unternehmen hat nicht nur seine

Lieferkette komplett umgestellt, es

setzt sich außerdem dafür ein, die Arbeitsbedingungen

der Minenarbeiter

in Indien zu verbessern. Das Engagement

bezieht auch Chancen auf Bildung

und bessere Gesundheit mit ein:

In der Provinz Jharkhand finanziert

Merck drei Schulen, die von der Organisation

IGEP betrieben werden. Mehr

als 500 Kinder und Jugendliche sind

in diesen Schulen eingeschrieben. Auf

dem Stundenplan stehen zum Beispiel

Aufklärung über Hygiene und Gesundheit.

Außerdem werden Kurse für das

Schneider- und Schreinerhandwerk

angeboten. An einer vierten Schule,

die von einem der Glimmer-Lieferanten

im Jahr 2014 eröffnet wurde, hat

Merck 2017 an 200 Kinder Stipendien

vergeben.

62 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Kaffeegenuss ohne Kinderarbeit bei Tchibo

Vor ähnlichen Schwierigkeiten steht auch Tchibo: Beim

Kaffeeanbau in Guatemala nehmen die Erntehelfer meistens

ihre Kinder mit auf die Felder, da Betreuungsangebote

dort rar sind. Dabei wird häufig die Grenze zur verbotenen

Kinderarbeit überschritten: „Auch ganz kleine Kinder

müssen schon jeden Tag den beschwerlichen Weg von der

Hütte auf die Plantage auf sich nehmen, pro Weg etwa anderthalb

Stunden durch unwegsames Gelände in den Bergen.

Und dann haben sie den ganzen Tag nichts zu tun, sie

lümmeln zwischen Spinnen und Schlangen herum. Es ist

heiß, gefährlich und anstrengend“, beschrieb Ulrike von

der Groeben die Situation. Die Moderatorin war Patin eines

Projektes, das Tchibo und Save the Children ins Leben gerufen

haben.

Fotos oben / unten: Tchibo

Bei dem Kinderprojekt in Guatemala hat Tchibo Betreuungsangebote

für die Kinder der Wanderarbeiter geschaffen

sowie insgesamt die Lebensbedingungen der Kinder in

der Region verbessert. Dazu hat das Unternehmen gemeinsam

mit Save the Children Kindertagesstätten für die zwei

bis 13-Jährigen eingerichtet. In lokale Schulen integriert,

gibt es zwei aufeinander aufbauende Lernstufen, in denen

ausgebildete Erzieher die Kinder ihrem Alter gemäß den

ganzen Tag über pädagogisch und schulisch betreuen. Das

heißt, es darf gespielt und getobt werden, aber die Kinder

lernen auch viel über Hygiene und gesunde Nahrungsmittel.

Außerdem werden sie ärztlich versorgt und bekommen

frische Mahlzeiten. Das Engagement von Tchibo ging über

die Erntezeit hinaus: Das ganze Jahr über können die Kinder

nun verschiedene Bildungsangebote in lokalen Schulen

nutzen. Dazu gehören beispielsweise Lerngruppen, in denen

Mathematik und Lesen gefördert werden. Elternabende

informieren zusätzlich über internationale Kinder- und

Arbeitsrechte. Für das Projekt sind, auch mit Hilfe des

RTL-Spendenmarathons, rund 2,4 Millionen Euro zusammengekommen.

Bis heute haben mehr als 3.000 Kinder die

Angebote in 35 Schulen genutzt, 500 davon während der

Erntezeit.

Transparenz in tooms Naturstein-Lieferkette

Die Baumarktkette toom sieht sich ebenfalls mit Problemen

aus kinderrechtlicher Sicht konfrontiert. Rund 89

Prozent seiner Natursteine bezieht das Unternehmen aus

China. Die Verletzung von Kinder- und Menschenrechten

ist hier eher die Regel als die Ausnahme. Weil die Kinder

in den Minen arbeiten, gehen sie nicht zur Schule. Auch

die gefährliche Krankheit Silikose (Quarzstaublunge) ist

dort weit verbreitet. Die Folgen können tödlich sein. toom

achtet daher ganz besonders auf deren Einhaltung in der

gesamten Lieferkette für Natursteine. Jedes Produkt, das

aus diesem Rohstoff gefertigt wurde, trägt sowohl das Siegel

PRO PLANET als auch das „XertifiX Plus“-Label. Für die

Vergabe durch den unabhängigen Verein XertifiX gelten

gewisse Bedingungen, wie beispielsweise das Verbot von

Kinder- oder Zwangsarbeit.

Regelmäßige Audits garantieren, dass die Anforderungen

umgesetzt werden. Dafür werden sowohl die Verarbeitungsbetriebe

als auch die Steinbrüche überprüft. Zwei

Mal im Jahr macht XertifiX diese Kontrollen, mindestens

eine davon unangekündigt. „Basierend auf den Ergebnissen

erarbeiten wir individuelle Maßnahmenkataloge. Wir

entscheiden, mit wem wir die Zusammenarbeit fortführen,

welche Steinbrüche und Verarbeiter weiter geschult werden

müssen oder wo es wegen offenkundiger Mängel keine

Perspektive für eine Zusammenarbeit mit toom geben

kann“, so Dominique Rotondi, Geschäftsführer Einkauf bei

toom. Ganz besonders wichtig ist die Transparenz in der

gesamten Lieferkette. XertifiX und toom haben dazu gemeinsam

einen Prozess entwickelt, bei dem schon die Rohblöcke

in den Steinbrüchen entsprechend gekennzeichnet

werden. „Mit Hilfe dieses Systems kann der Käufer der

Natursteine sicher sein, dass die Produktionsstätten der

gekauften Steine tatsächlich kontrolliert wurden und die

Standard-Kriterien dort erfüllt werden“, informiert der Verein

auf seiner Website. f

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

63


Menschenrechte

WELCOME

TO SODOM

64 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Fotos: www.welcome-to-sodom.de / camino Filmverleih

Menschenrechte

Agbogbloshie, Accra, ist eine der größten Elektro-

Müllhalden der Welt. Rund 6000 Frauen, Männer und

Kinder leben und arbeiten hier. Sie selbst nennen diesen

Ort „Sodom“. Rund 250.000 Tonnen ausrangierte

Computer, Smartphones, Drucker und andere Geräte aus

einer weit entfernten, elektrifizierten und digitalisierten

Welt gelangen Jahr für Jahr hierher. Der Dokumentarfilm

„Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“

lässt die Zuschauer hinter die Kulissen von Europas größter

Müllhalde mitten in Afrika blicken und portraitiert die

Verlierer der digitalen Revolution.

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Menschenrechte

66 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Fotos: www.welcome-to-sodom.de / camino Filmverleih

„Sodom is like a Beast.

Sometimes you kill the Beast.

Sometimes the Beast kills you.“

Mohammed Abubakar

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

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Nachhaltigkeitsrisiko

Bauxit

Von Sonja Scheferling

Ob Automobile, Computer oder Smartphones:

Praktisch alle Produkte im Alltag sind voller

Rohstoffe. Die meisten stammen aus

Entwicklungs- und Schwellenländern mit

sensiblen Ökosystemen und teilweise instabilen

gesellschaftlichen Verhältnissen. Das zeigt das

Beispiel des Bauxit-Bergbaus in Brasilien.

Sie leben vom Fischen, Jagen

und Anbau von Maniok, Bananen

und Gemüse: Für die

Quilombolas (Nachfahren entflohener

afrikanischer Sklaven) des Unteren

Amazonas ist eine intakte Natur die

wichtigste Lebensgrundlage. Über 30

große Familienverbünde wohnen dort

in acht Siedlungen rund um die Gemeinde

Oriximiná im brasilianischen

Bundesstaat Pará. Doch ihr Leben ist

alles andere als sorgenfrei: Durch die

mangelnde juristische Anerkennung

ihrer Gebiete sehen sich die Quilom-

68 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Fotos: shutterstock.com

bolas mit Landansprüchen konfrontiert,

die in Verbindung zu Infrastrukturprojekten

und dem Bergbau

stehen.

Umweltverschmutzung und Abholzung,

bedingt durch den Bergbausektor,

beeinträchtigen bereits jetzt

ihre Fisch- und Jagdgründe. „Der

Rohstoffabbau, konkret durch die

Bergbaufirma Mineração Rio do Norte

(MRN), die in den Territorien der Quilombolas

noch mehr Bauxit abbauen

will, stellt für die Quilombolas in

Oriximiná heute die größte Bedrohung

ihrer Lebensgrundlagen dar“, erklärte

letztes Jahr Fastenopfer, das katholische

Hilfswerk der Schweiz. Gemeinsam

mit einer brasilianischen Partnerorganisation

unterstützt Fastenopfer

die Quilombolas dabei, ihre Landrechte

gegenüber MRN zu verteidigen.

Rohstoffe in Brasilien

Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft

adelphi über die Bauxitgewinnung

und Aluminiumherstellung

in Brasilien, die für das Umweltbundesamt

erstellt wurde, fördert MRN

jährlich mehr als 17 Millionen Tonnen

Bauxit. Die Bergbaufirma ist ein Joint

Venture zweier großer Konzerne, die

in der Branche tätig sind: „Der brasilianische

Bergbausektor wird von multinationalen

Konzernen beherrscht“,

so die Studie. „Viele Unternehmen

sind durch Anteilseignerschaften miteinander

verwoben und die Strukturen

ändern sich schnell.“

Obwohl die Gesamtzahl der Beschäftigten

in diesem Sektor gering sei, sei

dieser für die ländlichen und ärmeren

Regionen im Norden von großer Bedeutung:

„Brasilien besitzt dort Bauxitvorkommen,

die vor allem in der

Amazonasregion, am Trombetasfluss

und in den Gegenden bei Paragominas

und Juruti zu finden sind.“ Neben Bauxit

werden im Bundesstaat Pará auch

Kupfer und Eisenerz gewonnen. Künftig

werde der Bergbausektor weiter

wachsen: „Schätzungen zufolge soll es

2030 80 Bergbaustädte in Pará geben

und 230 Bergwerke.“

Wertschöpfung benötigt viel

Energie

Brasilien ist der drittgrößte Bauxitproduzent

weltweit. Aus dem Rohstoff

wird Aluminium hergestellt, zum Beispiel

für Autos oder Fahrräder. Auch

bei der Weiterverarbeitung des Bauxits

spielt Brasilien eine wichtige Rolle. Bis

aus dem Erz ein weiterverarbeitungsfähiges

Metall wird, sind unterschiedliche

Prozessschritte notwendig;

weite Transportwege werden zurückgelegt.

Dabei ergeben sich innerhalb

des Wertschöpfungsprozesses

unterschiedliche Risiken für Mensch

und Umwelt.

Nach der Gewinnung des Bauxits im

Tagebau muss das Erz gewaschen

und aufbereitet werden: „Allein in

Oriximiná befinden sich 24 Rückhaltebecken

für giftigen Klärschlamm

aus der Bauxitproduktion“, so Fastenopfer.

Danach folgen die Raffination

zu Aluminiumoxid und das Schmelzen

zu metallischem Aluminium. Um

eine Tonne des Metalls herzustellen,

benötigt man insgesamt vier Tonnen

Bauxit, rechnet die adelphi-Studie vor.

Als Abfall des Herstellungsprozesses

entsteht u.a. der sogenannte giftige

Rotschlamm. Außerdem entweichen

Gase, die bei den Anwohnern der Fabriken

Atemwegserkrankungen, Knochenschäden

und Hautprobleme hervorrufen

können.

>>

Rotschlamm: Eine Gefahr

für Mensch und Umwelt

Nachdem das Bauxit gewonnen

wurde, wird das darin enthaltene

Aluminium in Druckbehältern

bei bis zu 200 Grad Celsius mit

Natronlauge erhitzt. Daraus

geht das Aluminat hervor.

Die eisenreichen Rückstände,

Rotschlamm genannt, müssen

abgefiltert werden: „Das Aluminiumoxid

wird geschmolzen und

im Elektrolyseverfahren unter

Einsatz von großen Mengen

elektrischer Energie zu metallischem

Aluminium reduziert“,

erklärt die NGO Rettet den

Regenwald.

Außerdem muss der Rotschlamm

als Abfallprodukt

deponiert werden. Er besteht

nicht nur aus feinen Eisenpartikeln

und Natronlauge. Je nach

Ursprung des Bauxits enthält

er ebenfalls unterschiedliche

Schwermetalle. Bei einer

unsachgemäßen Lagerung

verursacht dieses Gemisch die

größten Schäden für Mensch

und Natur. Rettet den Regenwald

dazu: „Die feinen Partikel

verschlammen Flüsse und Seen

in der Umgebung. Die dadurch

verstopften Poren und Hohlräume

führen zum schnellen

Tod von Tieren und Pflanzen.

Schlecht abgedichtete Deponien

belasten Grundwasser mit

Schwermetallen. Sie werden so

zu einer langfristigen Gefahr für

die Gesundheit der in der Umgebung

lebenden Menschen.“

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

69


Renaturierung

Bergwerksbetreiber wie MRN

kümmern sich darum, dass der

für den Rohstoffabbau gerodete

Regenwald wieder aufgeforstet

wird: „Für die Renaturierung

wird der zuvor abgetragene

Oberboden, der neben Samen

und auskeimungsfähigen

Pflanzenteilen noch viel organisches

Material wie Wurzelreste,

Äste und Baumstämme enthält,

wiederverwendet und mit in

Gewächshäusern angezogenen

Setzlingen heimischer Baumarten

bepflanzt“, erläutert die

Studie von adelphi. Das Problem:

Eine vollständige Wiederherstellung

der Biodiversität ist

nicht möglich.

er fungiert auch als wichtiger Speicher von Kohlendioxid“,

heißt es in der adelphi-Studie. „Als Quelle eines Fünftels

der weltweiten Süßwasserressourcen spielt der Amazonas

zudem eine kritische Rolle bei der Regulierung des globalen

und regionalen Klimas.“ Die weitflächige Rodung des

tropischen Regenwaldes würde sich laut Studie global auswirken,

die Folgen wären nicht abschätzbar.

Für den Bauxitbergbau und die Energieversorgung der

Aluminiumschmelzen war und ist der Verlust primären

Regenwaldes jedoch unausweichlich. Das hat unterschiedliche

Gründe: So müssen die Bäume wegen der Tagebauflächen

gerodet werden. Angaben von Rettet den Regenwald

zufolge werden noch heute jährlich 100 Hektar Tropenwald

für die seit 1979 bestehende Mine von Porto Trombetas

gefällt. Die Pflanzen fallen zudem dem Ausbau der

Arbeitersiedlungen und der Infrastruktur – dazu gehören

auch Straßen zum Transport des Rohstoffs – zum Opfer.

Der Straßenbau wiederum befördert den illegalen Holzeinschlag,

weil Holzfäller auf befestigten Straßen leichter entlegene

Gebiete erreichen und die gefällten Bäume abtransportieren

können.

Der Prozess frisst eine Menge Energie: „Die Aluminiumherstellung

ist die energieintensivste Industriebranche

weltweit und zählt zu den größten Energieverbrauchern

der Erde“, so die adelphi-Studie weiter. Demnach entfielen

2013 über sieben Prozent des weltweiten industriellen

Stromverbrauchs auf die Aluminiumschmelzen. „Damit für

die Aluminiumproduktion und andere energieintensive

Industriezweige genug Energie zur Verfügung steht, muss

der Energiesektor jährlich um 6,5 Prozent wachsen.“

Auf Kosten des Regenwaldes und des Klimas

Dafür setzt Brasilien vor allem auf Staudämme und

Wasserkraft als Energiequelle. Zusammen mit

dem Bergbau hat dieser Trend aber weitreichende

Folgen für Mensch und Natur. Das zeigen die

Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Pará

deutlich. Mit dem Bauxitbergwerk von Porto

Trombetas von MRN bei Oriximiná befindet sich

hier das weltweit drittgrößte seiner Art. Gleichzeitig

weist Pará den Großteil des Amazonasgebietes

auf. „Der Amazonas ist nicht nur aufgrund seiner Biodiversität

ein Ökosystem von globaler Bedeutung, sondern

Foto: shutterstock.com

70 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Außerdem gehen große Regenwaldflächen

durch den Bau der Staudämme

für die Wasserkraftwerke verloren.

Entweder werden sie vorher gerodet

oder durch die Stauseen überflutet.

Das ist ausgesprochen klimaschädlich,

weil durch die verrottende Biomasse

das Treibhausgas Methan entsteht.

Darüber hinaus verändern sich

durch die Stauung und Umleitung von

Flüssen die Ökosysteme, was sich negativ

auf die Biodiversität der Region

auswirkt; Tiere und Pflanzen werden

verdrängt.

Einheimische sind die

Leidtragenden

Der Bergbau und der infrastrukturelle

Ausbau hatten in der Vergangenheit

einen großen Einfluss auf die Menschen,

die in den betroffenen Regionen

leben. So beeinträchtigten die

Entwicklungen nicht nur ihre Gesundheit,

sondern veränderten ihre gesamte

Lebenssituation. Dazu heißt es in

der adelphi-Studie: „Zusammen mit

den Bergwerken und Staudämmen

stieg die Bevölkerungsdichte durch

den Zuzug großer Bevölkerungsgruppen,

die wiederum Regenwald für

Viehzucht und Landwirtschaft roden.“

Für die dort ansässigen indigenen

Gruppen habe dies meist weitreichende

negative Konsequenzen gehabt.

„Viele verloren Lebensgrundlage

und Land und damit ihre

Kultur und Tradition.“

Und damit auch ihre

wirtschaftliche

Selbstständigkeit,

wenn man

sich die Quilombolas

in Oriximiná

anschaut.

Wie Fastenopfer berichtet,

sind diese heute

nämlich von der Arbeit bei

MRN abhängig. f

Umwelt- und Sozialrisiken hängen zusammen

adelphi hat nicht nur den Bauxitabbau und die Aluminiumherstellung in

Brasilien untersucht, sondern auch Fallstudien für die Metalle Gold, Kupfer,

Seltene Erden und Zinn erstellt. Ziel war es u.a., die Verbindung zwischen

Umwelt- und Sozialauswirkungen der Rohstoffgewinnung in verschiedenen

Ländern mit unterschiedlichen Problemkontexten zu untersuchen.

„Bei Konflikten rund um die Rohstoffgewinnung zeigt sich vor allem in

Entwicklungs- und Schwellenländern, dass negative Umwelt- und

Sozialauswirkungen meist interagieren und gemeinsam als Konflikttreiber

wirken.“

Das liege daran, dass die lokale Bevölkerung oft direkt von natürlichen

Ressourcen wie Land und Wasser sowie funktionierenden Ökosystemen

für ihren Lebensunterhalt abhängig sei. Allerdings unterschieden sich die

Konflikte hinsichtlich Dynamik und Ausmaß: „Sie reichten von verbalen

Auseinandersetzungen und gewaltlosen Protesten über Menschenrechtsverletzungen

und die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung bis hin

zu gewalttätigen Eskalationen und bewaffneten Konflikten.“

Die Studie belegte außerdem einen Zusammenhang zwischen Governance-

Problemen und negativen Umwelt- und Sozialauswirkungen der Bergbautätigkeit.

Dazu zählten ein schlechter Vollzug bestehender Gesetze,

etwa durch fehlendes Personal, mangelnde finanzielle Kapazitäten und

Ausrüstung oder eine lückenhafte Gesetzgebung. „Probleme bestanden

oft bezüglich der Regulierung der Schließungs- und Nachsorgephase von

Bergwerken. Oftmals war das Verursacherprinzip nicht verankert oder

Unternehmen entzogen sich ihrer Verantwortung.“

Darüber hinaus wurden staatliche Erlöse aus dem Bergbausektor zur

Bekämpfung der negativen Folgen zweckentfremdet: „Weiterhin war in

den Fallstudien festzustellen, dass lange und enge Beziehungen zwischen

Staat und Bergbauunternehmen Korruption begünstigten und die Einhaltung

von Gesetzen und Standards beeinträchtigten. In vielen Fällen, in

denen Bergbauunternehmen Funktionen des Staates übernahmen, traten

Probleme auf.“

Die Ergebnisse wurden wiederum genutzt, um die Wirkung von Standards

zu erforschen, die Umwelt- und Sozialrisiken bei der Rohstoffgewinnung

und -weiterverarbeitung reduzieren sollen. Insgesamt gibt es mittlerweile

über 40 verschiedene Standards, Handlungsrahmen und Initiativen dieser

Art. Dazu gehören u.a. die Aluminium Stewardship Initiative oder der

Dodd-Frank Act, Sektion 1502.

Nach: Umweltbundesamt (Hrsg.): Verantwortungsvolle Rohstoffgewinnung?

Herausforderungen, Perspektiven, Lösungsansätze. Dessau-Roßlau 2017.

Durchführung der Studie: adelphi research gGmbH.

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

71


Menschenrechte

Advertorial

Aluminium:

Nespresso setzt

sich für Nachhaltigkeit

in der Lieferkette ein

Kein Material schützt die Qualität des Kaffees vor Sauerstoff,

Licht und Feuchtigkeit so gut wie Aluminium. Außerdem lässt

es sich ganz einfach und mehrfach recyceln. Aus diesem Grund

verwendet Nespresso das Leichtmetall als Verpackungsmaterial

für seine Kaffeekapseln. Gleichzeitig ist diese Wahl

ein Grund dafür, dass Nespresso in der Öffentlichkeit immer

wieder kontrovers diskutiert wird. Nespresso hat sich

entschlossen, am Leichtmetall festzuhalten – dabei setzt

sich das Unternehmen seit vielen Jahren für die nachhaltige

Beschaffung von Aluminium sowie für das Recycling seiner

Kapseln ein. So ist Nespresso Gründungsmitglied der

Aluminium Stewardship Initiative (ASI). Die Brancheninitiative

hat den weltweit ersten Standard für die nachhaltige

Beschaffung von Aluminium entwickelt.

Aluminium wird sehr vielseitig

eingesetzt. In der Industrie

sind vor allem die Automobilund

Baubranche große Abnehmer.

Außerdem begegnet uns das Metall

im Haushalt in ganz alltäglichen Dingen

wie einem Joghurtdeckel, Alufolie

oder auch Kaffeekapseln. „Nespresso

steht für Kaffee in höchster Qualität.

Um die Frische unserer Produkte zu

schützen und das Kaffeearoma zu bewahren,

verwenden wir luftdicht verschlossene

Aluminiumkapseln“, erklärt

das Unternehmen. „Zusätzliche

Verpackungen sind dadurch unnötig:

Zudem sind Aluminiumverpackungen

in der Regel leichter als viele andere

Materialien. Das erlaubt eine möglichst

nachhaltige Logistik.“

Doch wie steht es um die Herkunft

des Materials? Aluminium wird aus

dem Rohstoff Bauxit gewonnen. Die

Hauptherkunftsländer sind Guinea,

Jamaika, Indien, Australien und Brasilien.

Die Herstellung von Aluminium

ist komplex: Bis aus dem Erz ein fertiges

Produkt aus Aluminium entsteht,

sind viele Prozessschritte vom Rohstoffabbau

über das Schmelzen bis zur

Verarbeitung des Metalls notwendig.

Daran sind unterschiedliche Firmen

beteiligt, was die Rückverfolgbarkeit

des Materials erschwert. Vor allem

Menschenrechtsverletzungen und

Umweltverstöße gleich am Anfang der

Lieferkette stellen für Unternehmen

ein großes Risiko dar.

ASI – eine Multistakeholder-Initiative

für nachhaltiges Aluminium

Obwohl Nespresso im weltweiten

Vergleich nur ein relativ kleiner Aluminiumnutzer

ist, hat sich das Unternehmen

zum Ziel gesetzt, sich für

die nachhaltige Gestaltung der Aluminium

Wertschöpfungskette – von

der Produktion bis zum Recycling

– zu engagieren. Aus diesem Grund

haben die Schweizer 2012 gemeinsam

mit anderen Stakeholdern aus

unterschiedlichen Branchen die Aluminium

Stewardship Initiative (ASI)

gegründet. Ihr Ziel ist es mehr Nachhaltigkeit

und Transparenz im Aluminiumsektor

zu schaffen und eine

verantwortungsvolle Aluminiumgewinnung

und -weiterverarbeitung zu

fördern. In der Aluminiumwirtschaft

ist dieser Ansatz bis jetzt einzigartig.

Neben Nespresso kooperieren in der

72 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Die Entstehung von Aluminium ist ein

Umweltfaktor. Ein Weiterer ist die Frage

des Recyclings. Da Nespresso das

Aluminium als Material für seine Kaffeekapseln

verwendet, trägt das Unternehmen

eine besondere Verantwortung

dafür, was mit dem Wertstoff nach

dem Gebrauch passiert. Nespresso

ist sich dessen bewusst.

ASI auch NGOs sowie anderen Nutzer

von Aluminium wie AUDI oder BMW.

Die Initiative steht allen Firmen, die

Aluminium produzieren, verwenden

oder recyceln, offen. Darüber hinaus

sind auch Vertreter der Zivilgesellschaft

eingebunden: So beteiligen sich

etwa der WWF und die International

Union for Conservation of Nature

(IUCN), indem sie ihre Expertise in Sachen

nachhaltige Ressourcennutzung

bereitstellen. Dank dieser Integration

ganz unterschiedlicher Stakeholder

stößt die ASI auf eine hohe Akzeptanz

in der Industrie. Ziel ist es, die

Transparenz und Rückverfolgbarkeit

in der vielschichtigen Lieferkette von

Aluminium zu steigern und das Vertrauen

der Konsumenten gegenüber

Produkten, die Aluminium enthalten,

zu fördern.

So funktionieren die ASI-Standards

Die ASI hat 2014 den ersten Leistungsstandard

für umwelt- und sozialkonformes

Handeln entlang der gesamten

Wertschöpfungskette entwickelt.

Er gliedert sich in elf verschiedene

Grundsätze in den Kategorien Umwelt,

Soziales und Governance. Die

ASI hat fünf Kernpunkte definiert, zu

denen es jeweils Regeln gibt, die die

Bilder: Nespresso

Unternehmen befolgen müssen. Die

Schwerpunkte sind:

• Rechte indigener Völker

• Biodiversität

• Abfälle aus Bauxit, vom Schmelzen

und Raffinieren

• Treibhausgasemissionen

• Recycling und Materialverantwortung

Darüber hinaus hat die ASI einen Kontrollkettenstandard

entwickelt, um

nachhaltige Produktion mit nachhaltiger

Beschaffung zu verbinden. Die

Produktkette legt den Weg von Rohstoffen

und Materialien über mehrere

Stufen bis hin zum Endprodukt offen.

Damit wird die Rückverfolgbarkeit

der Rohstoffe gewährleistet. Seit im

Juli 2018 zum ersten Mal ASI-Zertifizierungen

vergeben wurden, ist das

erste ASI-zertifizierte Aluminium auf

dem Markt. Die Nachfrage danach ist

groß. Nespresso beispielsweise hat

sich verpflichtet, die ASI-Standards

bei der Aluminiumbeschaffung zu 100

Prozent einzuhalten.

Ressourcenschonung durch

Recycling

Das Unternehmen nimmt bereits seit

1993 am dualen System in Deutschland

teil und hat seine Kapseln freiwillig

beim Grünen Punkt lizenziert. Verbraucher

können ihre gebrauchten

Kapseln samt Kaffeesatz ganz bequem

über den Gelben Sack, die Gelbe Tonne,

die Wertstofftonne oder über Wertstoffsammelstellen

dem Recyclingkreislauf

zuführen. Die Rücknahmekapazität

für Nespresso Kapseln

in Deutschland liegt daher seit über

25 Jahren bei 100 Prozent.

Die Verpackungen weisen dabei eine

hohe Recyclingfähigkeit auf, weil sie

nicht im Verbund mit anderen Materialien

hergestellt werden, sondern

sortenrein sind:

Werden Nespresso Kapseln dem Recyclingkreislauf

zugeführt, entstehen

aus den Kapseln und anderen aluminiumhaltigen

Verpackungen wertvolles

Sekundäraluminium. Dieses ist

heute ein unverzichtbarer Bestandteil

der Metallversorgung. So wurden

2015 etwa 53 Prozent des Aluminiumbedarfs

in Deutschland durch Sekundäraluminium

gedeckt, wie die Wirtschaftsvereinigung

Stahl mitteilt.

Das Material wird u.a. in Fahrrädern

oder Motorblöcken verarbeitet. Insgesamt

sind rund 75 Prozent des jeweils

produzierten Aluminiums noch heute

in Verwendung, da sich das Material

sehr gut mehrfach wiederverwerten

lässt. Auch bei Nespresso kommen wo

immer möglich und ökologisch sinnvoll

immer öfter Recycling-Kapseln

zum Einsatz. So sind ein Teil der neuen

Vertuo Kapseln aus in der Schweiz

recycelten Kapseln, wo Nespresso die

Kapseln, anders als in Deutschland,

über ein separates Recyclingsystem

sammelt und wiederverwertet. f

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

73


Menschenrechte

Wie die Blockchain Kinderarbeit

und Konfliktmineralien auf die

Spur kommt

Elektronische Produkte

bestehen aus tausenden

Komponenten. Deren

Herkunft lässt sich oftmals

nur schwer zurückverfolgen.

Problematisch wird dies,

wenn gesetzliche Vorschriften

eingehalten werden

müssen, wie etwa bei

Konfliktmineralien. Das

Softwarehaus iPoint-systems

hat dafür jetzt ein Blockchain-

Projekt gestartet, das von

der Mine bis zum Endprodukt

die gesamte Lieferkette

digital nachverfolgbar

macht.

Von Dr. Elmer Lenzen

Foto: UN Photo / UNMISS/JC McIlwaine

Gesetzliche Bestimmungen wie

die EU-Richtlinie zur CSR-

Berichterstattung, der UK Modern

Slavery Act oder die Konfliktmineralien-Regelungen

der USA und EU

rücken Menschenrechtsbelange in

den Mittelpunkt. Für Unternehmen

und ihre Lieferketten steht viel auf

dem Spiel. Die finanziellen Risiken

sind erheblich, und es kann schnell zu

einem Imageschaden kommen.

Solche potenziellen Menschenrechtsverletzungen

zu vermeiden, ist das

Ziel eines Blockchain-basierten Systems

zur Rückverfolgung bestimm-

74 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

ter Rohstoffe aus Konflikt- und Hochrisikogebieten. Mit

Mitteln der Europäischen Partnerschaft für Verantwortliche

Mineralien (EPRM) untersucht iPoint zusammen mit

Upstream-Partnern, ob Konfliktmineralien über die gesamte

Lieferkette, also von der Mine bis zum fertigen Produkt,

rückverfolgbar gemacht werden können. Dazu werden

Transaktionen in der Produktions- und Lieferkette verifiziert

und kryptographisch verschlüsselt.

Wer sind die Initiatoren?

„iPoint war schon immer von der Frage getrieben, wie

wir modernste Technologien nutzen können, um globale

Lieferketten nachhaltig zu verbessern. Dieses Projekt

wird unsere langjährige Erfahrung in der nachgelagerten

Lieferkette mit der lokalen Expertise unserer Upstream-

Partner verbinden“, sagt Jörg Walden, CEO und Gründer

von iPoint-systems.

Die EPRM ist eine Multi-Stakeholder-Initiative, die gegründet

wurde, um bessere soziale und wirtschaftliche Bedingungen

für Minenarbeiter und lokale Bergbau-Gemeinschaften

zu schaffen. Im Fokus stehen hierbei vor allem

verantwortungsvolle Bergbaupraktiken in Konflikt- und

Hochrisikogebieten. Zu den EPRM-Mitgliedern zählen unter

anderem Technologiefirmen wie Apple, Fairphone, HP

und Intel.

Worum geht es in dem Projekt?

Ziel des unter dem Titel „SustainBlock“ laufenden Projekts

ist die Überprüfung und Bewertung der Rohstofflieferkette

von sogenannten Konfliktrohstoffen, zu denen Zinn, Tantal,

Wolfram, deren Erze und Gold (auch 3TG abgekürzt)

und neuerdings auch Kobalt gezählt werden. Im konkreten

Projekt geht es zunächst um ein solches Mineral aus

Minen der Großen-Seen-Region in Afrika. Die jeweilige

Auditierung und Überprüfung erfolgt dabei schon ganz am

Anfang der Lieferkette, nämlich beim Schürfen. Ein Partner

und Auditor vor Ort setzt hierfür ein auf Markierungen

und Scans basierendes Rückverfolgungssystem ein, das

den späteren Datenabgleich zulässt. Ziel ist es, „schwarzen

Schafen“ und unethischen Quellen den Marktzugang zu erschweren.

„Indem unsere Lösung die komplette Rückverfolgbarkeit

der Rohstoffe von Anfang bis Ende erfasst“, erläutert der

„Es bietet für Transaktionen,

Prozesse und Partner in

der Lieferkette eine

gemeinsam genutzte,

abgesicherte, für beide Seiten

vertrauenswürdige,

unveränderbare Aufzeichnung

von Informationsflüssen.“

Projektleiter Sebastian Galindo, „kann sie auch einen Betrag

dazu leisten, ethisch unbedenkliche, nachhaltige Praktiken

und Verhaltensweisen entlang der Wertschöpfungsketten

zu unterstützen.“ Das Projekt läuft noch bis Mai

2019.

Warum ist die Blockchain wichtig?

Da die Blockchain-Technologie sicherstellt, dass einmal

verifizierte Daten nicht mehr geändert oder manipuliert

werden können, werden die Systeme künftig nicht mehr

die Daten kontrollieren, sondern nur noch nutzen. Die

Kontrolle liegt dann viel mehr in der DNA des jeweiligen

Produkts, erklärt iPoint-Geschäftsführer Jörg Walden. Das

hat Folgen für die Abläufe in Unternehmen: Derzeit gibt es

viele Fachabteilungen mit ihren Experten. Im Rahmen von

Compliance und Due Diligence fällt ihnen die Aufgabe zu,

die jeweiligen Lieferantenangaben zu validieren und gegebenenfalls

extern verifizieren zu lassen. Diese Aufgabe

könnte in Zukunft in wesentlichen Teilen entfallen. Wenn

nämlich, wie beim SustainBlock-Projekt, gleich zu Beginn

der Nachweis des Minerals erfolgt, dann wird diese Information

im gesamten Folgeprozess mittels der Blockchain

„mitgenommen“.

„Es bietet für Transaktionen, Prozesse und Partner in der

Lieferkette eine gemeinsam genutzte, abgesicherte, für beide

Seiten vertrauenswürdige, unveränderbare Aufzeichnung

von Informationsflüssen“, erklärt Walden. Das ist in

kritischen Situationen, etwa bei Rückrufen, ein entscheidendes

Plus. Und es ist auch wichtig für die Frage: Wem

gehören die Daten und wer haftet bei Klagen?

Warum nützt die Blockchain gerade bei Individuallösungen?

Und ein weiterer Punkt kommt hinzu: Wir leben in einer

Zeit, in der die Individualisierung von Produkten und

Produkteigenschaften immer weiter zunimmt, in der >>

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

75


Menschenrechte

Weitere Informationen:

www.ipoint-systems.com/de

www.sustainblock.org

www.europeanpartnershipresponsibleminerals.eu/

www.circulartree.com

Foto: sfmthd / Fotolia.com

Kunden immer stärker maßgeschneiderte

Lösungen fordern. Hierzu Walden:

„Wir reden hier von der Massenproduktion

für die Mengeneinheit

‚Eins‘. Dafür bedarf es extrem flexibler

Lieferketten.“ Unternehmen wären

jedoch komplett überfordert, die

Herkunft der einzelnen Bestandteile

jedes Produkts entlang der Lieferkette

händisch zurückzuverfolgen und

nachzuweisen. An dieser Stelle bekommt

die Blockchain hochperfomante

Alltagstauglichkeit. Die entsprechenden

Daten liegen nämlich von

jedem Bestandteil vor, und so lassen

sich über entsprechende Programme

relativ schnell Attribute wie REACHoder

RoHS-Konformität, Menschenrechtsaspekte

oder auch der jeweilige

CO 2

-Fußabdruck ermitteln.

Legt Blockchain ungewollt

Betriebsgeheimnisse offen?

In der Praxis gibt es aber neben den

technischen Hürden auch noch eine

Vielzahl an offenen Fragen zu Vertraulichkeit,

Urheberrechtsfragen und

Betriebsgeheimnissen. So ist vielen

Produzenten und Zulieferern nicht daran

gelegen, alle ihre Geschäftsverbindungen,

ihre Lieferantenstruktur und

alle Produktbestandteile komplett offenzulegen.

Tatsächlich ist die Gefahr

von Nachahmern nicht zu unterschätzen.

Auch könnten Abnehmer und

große Konzerne diese Informationen

nutzen, um ihre Lieferanten preislich

weiter unter Druck zu setzen. Walden

erläutert diesen kritischen Punkt:

„Nachverfolgbarkeit in der gesamten

Lieferkette kann nur durch ein Umfeld

von Vertrauen geschaffen werden.

Das SustainBlock-System nimmt

diesen Aspekt sehr ernst und unterbindet

die Sichtbarkeit der Lieferkette

bei gleichzeitiger kryptographisch abgesicherter

Nachverfolgbarkeit.“

Zukunft nachhaltiger

Lieferketten?

Das SustainBlock-System von iPointsystems

demonstriert damit die komplette

Nachverfolgbarkeit von Rohstoffen

von der Mine bis zum finalen

Produzenten und ermöglicht den Unternehmen,

Ihren Kunden diese Informationen

zur Verfügung zu stellen.

Das SustainBlock-Projekt prüft die

Aufnahme von weiteren Lieferketten,

z.B. Gold aus Südamerika und weiteren

Teilen Afrikas. „SustainBlock ist

offen für weitere Akteure und Rohstoffe.

Die Möglichkeiten dieser neuen

Technologie soll dazu beitragen globale

Wertschöpfungsketten fairer und

nachhaltiger zu gestalten“, erklärt

Jörg Walden. „Wir haben kürzlich ein

Blockchain-Startup namens ‚CircularTree‘

mit Büros in Berlin und Melbourne

mitbegründet, denn wir sind

der Ansicht dass Blockchain sich als

wichtige Technologie in diesem Bereich

durchsetzen wird“, so Walden. f

Was ist die Blockchain?

Gleich sieben Mal taucht das

Wort Blockchain im aktuellen

Koalitionsvertrag auf – gleich

auf den ersten Seiten. Zum

Vergleich: Das Wort Menschenrechte

taucht neun Mal auf – allerdings

im hinteren Teil des Vertrags.

Die Blockchain gilt als das

„nächste große Ding“ im Internet

und könnte unsere Zukunft massiv

prägen. Allzu libertäre Bürger

sollten sich nicht zu früh freuen:

Die Idee hinter der Blockchain ist

nicht die Transparenz der Daten,

sondern deren Kontrolle. Derzeit

ist es so, dass digitale Produkte

wie etwa Songs, Fotos, Filme

mühelos kopiert und verbreitet

werden können. Bei anderen Produkten

wie etwa Metallen oder

Stoffen lässt sich wiederum der

Ursprung mühelos verschleiern

oder sogar umdeklarieren. Mit

der Blockchain geht das nicht

mehr! Jede Transaktion wird wie

in einem Kassenbuch protokolliert,

Zeile für Zeile verschlüsselt,

und einmal erfasste Daten sind

damit nicht mehr ohne Weiteres

veränderbar. Das erfolgt über

entsprechend lange digitale

Codes. Die Informationen liegen

zur Sicherheit nicht zentral auf

einem Server, sondern im Netz.

76 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Die dunkle Seite der Energiewende ❶

Energiewende

auf Kosten von

Umwelt- und

Menschenrechten?

Soll das Zwei-Grad-Ziel in der Klimapolitik

erreicht werden, müssen

wir noch stärker als bisher auf erneuerbare

Energien wie beispielsweise

die Windkraft setzen. Doch auch

Grünstrom ist nicht konfliktfrei – vor

allem aus Menschenrechtsperspektive

gibt es bei der Beschaffung der

benötigten Rohstoffe Probleme. Eine

Korruption durch

Elektroautos?

Im wachsenden Sektor der

E-Mobilität ist die Rohstoffbeschaffung

ähnlich problematisch.

Für die Batterien von

Elektroautos werden unter

anderem Lithium und Kobalt

benötigt. Letzteres kommt

häufig aus dem Kongo, wo

Korruption, Gewalt und Armut

herrschen. Kinderarbeit und

Umweltverschmutzung sind

ebenfalls eher die Regel als

die Ausnahme. Weil etwa 60

Prozent des Weltmarktes für

Kobalt aus dem Kongo beliefert

werden, haben die Lieferanten

eine relativ große Macht. Das

erschwert eine Einflussnahme

durch einzelne Automobilunternehmen

zusätzlich.

aktuelle Studie der NGO ActionAid

und dem Centre for Research on Multinational

Corporations (SOMO) hat

am Beispiel von Offshore-Windenergieprojekten

in den Niederlanden untersucht,

welche Mineralien für den

Bau von Windkraftanlagen verwendet

werden und welche Probleme sich bei

dem Abbau ergeben.

Insgesamt 16 verschiedene Mineralien

kommen bei dem Bau von Windturbinen

zum Einsatz, darunter Kupfer

und Kobalt sowie Metalle der Seltenen

Erden, beispielsweise Neodym. Zum

Teil stammen diese Rohstoffe aus Kanada

und Australien. Der größte Anteil

wird aber in Indien, China und Südafrika

gewonnen. In diesen Ländern

sind laut Studie die Menschenrechtsstandards

eher schlecht. Zwar existieren

gesetzliche Regelungen, diese

würden aber von den Abbaubetrieben

kaum umgesetzt. Neben mangelndem

Arbeitschutz käme es oft auch

zu Kinderarbeit, Verschmutzung von

Luft und Wasser sowie Korruption

und Gewalt.

Sicherheitsmängel in den Abbaubetrieben

führen bisweilen sogar zu Katastrophen,

wie im Falle der Samarco

Eisenerzgrube in Brasilien. 2015 brachen

dort die Dämme eines Abwasserbeckens.

Giftiger Schlamm trat aus

und überschwemmte ein ganzes Dorf.

19 Menschen starben, viele weitere

verloren ihr Zuhause. Der Fluss Rio

Doce wurde von dem Klärschlamm

verseucht, die dortigen Fischbestände

verendeten. Bis heute sind die sozialen

und ökologischen Folgen zu spüren.

Auch der Abbau von Neodym, das

zum Beispiel für Permanentmagnete

in Windturbinen benötigt wird, hat

eine schlechte Umweltbilanz. Etwa

90 Prozent der Weltproduktion dieses

Metalls kommen aus China. Bei einer

unvorsichtigen Trennung von Neodym

aus dem Gestein werden häufig

Uran und Thorium freigesetzt. Diese

Stoffe gelangen anschließend in Form

von giftigen Gasen, säurehaltigem

Wasser und radioaktiven Abfällen in

die Umwelt. Die Menschen, Tiere und

Pflanzen, die dem ausgesetzt sind,

werden krank. Das giftige Wasser gelangt

mittlerweile sogar in den Yellow

River, einer der Hauptwasserwege

Chinas.

Um Windkraft wirklich komplett

nachhaltig zu machen, müssen diese

Probleme gelöst werden. Wie soll das

gehen? Laut der Studie von ActionAid

und SOMO ist die Lieferkette bei den

Unternehmen, die die Windkraftturbinen

herstellen, zu intransparent.

Auch die niederländische Regierung

überprüfe die Hersteller zu wenig

auf die Einhaltung der ISC-Standards

in der Lieferkette. Konkrete Handlungen

müssten von beiden Seiten

unternommen werden. Für Unternehmen

gelte es, eine transparente

Due Diligence in die Managementabläufe

zu integrieren. Die „OECD Due

Diligence Guidance for Responsible

Supply Chains of Minerals from

Conflict-Affected and High-Risk

Areas” kann dabei als Richtlinie hilfreich

sein. Kontrollsysteme müssen

aber auch vonseiten der Regierungen

eingeführt werden. Zum Beispiel

das Erstellen einer verpflichtenden

CSR-Vereinbarung bei der Vergabe

öffentlicher Aufträge. EU-weite gesetzliche

Regelungen für die Hersteller

der Windkraftturbinen wären eine

weitere Möglichkeit, die Probleme in

der Lieferkette anzugehen. f

Foto: Marion Lenzen

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

77


Menschenrechte

Die dunkle Seite der Energiewende ❷

Steinkohle –

ein schmutziges Geschäft

In Deutschland wird die

Steinkohleproduktion Ende

2018 eingestellt, der Strom soll

ja sauber werden. Doch die

Kraftwerke laufen weiter –

mit Importkohle. Länder wie

Kolumbien baden stattdessen

die Energiewende aus. So

verlieren etwa die Wayuu und

andere ethnische Gruppen

mehr und mehr von ihrem

Land und werden zwangsumgesiedelt.

Alle vier Tage wird ein Gewerkschaftler in Kolumbien

ermordet. Diese Zahlen stammen nicht aus den

dunklen Tagen des Bürgerkriegs in den 90er-Jahren,

sondern aus 2018. Luis Alejandro Pedraza, Chef der Gewerkschaft

„Central Unitaria de Trabajadores en Colombia“ (CUT)

zählte bereits über 3.100 tote Kollegen gegenüber dem

Lokalsender RCN Radio.

Noch prekärer ist die Situation für die Wayuu-Indianer. Tote

Gewerkschaftler bringen es immerhin in die Nachrichten.

Das Leiden der Indigenen ist dagegen „normal“. Der Fehler

der Wayuu ist, dass sich ihr traditioneller Siedlungsraum

auf der Guajira-Halbinsel im Nordosten Kolumbiens befindet.

Weit abgelegen eigentlich, aber im Boden schlummern

kostbare Rohstoffe. Allen voran Steinkohle.

Gleich zwei Minen befinden sich in der Gegend. Eine ist weltweit

bekannt aufgrund ihres schieren Ausmaßes: El Cerrejón

ist die größte Mine Lateinamerikas. Auf einer gigantischen

Fläche von 69.000 Hektar graben sich jeden Tag Bagger immer

tiefer ins Erdreich. Ströme von Trucks transportieren

die Steinkohle ab. Eigentümer sind drei der größten Minenbetreiber

weltweit: Die australische BHP Billiton, das britisch-südafrikanische

Anglo American und der Schweizer

Konzern Glencore. 33,4 Millionen Tonnen fördert Cerrejón

im Jahr. Laut Plan sollten es eigentlich 90 Millionen Tonnen

sein, denn der Energiehunger weltweit ist unstillbar.

Wie die News-Agentur Reuters jedoch berichtet, behindern

Extremwetter und Regenfälle die Produktion. Klimakapriolen

sind derzeit die besten Verbündeten der Wayuu-

Indianer. Doch auch das schützt nicht vor Repressalien.

Die andere Mine ist weniger bekannt in der internationalen

Öffentlichkeit, aber bei den Einheimischen umso gefürchteter:

Die Drummond-Mine im Departamento César gehört

zum gleichnamigen US-Konzern. Hier kam es in der Vergangenheit

zu unglaublichen Menschenrechtsverstößen. Doch

folgen wir zunächst der Spur der Kohle und ihrer Abnehmer:

Deutsche Energieversorger nutzen jährlich bis zu 50

Millionen Tonnen Steinkohle aus Ländern, in denen Menschenrechte

beim Kohleabbau zum Teil massiv verletzt werden.

Deutschland ist damit größter Steinkohle-Importeur in

Europa. Rund zehn Millionen Tonnen stammen aus Kolumbien.

Zu den Abnehmern kolumbianischer Kohle zählen alle

großen deutschen Verstromer: RWE, E.ON, Vattenfall, Steag

und EnBW. Die Baden-Württemberger verbrannten 2015

nach Spiegel-Angaben etwa zwei Millionen Tonnen Kohle

aus Kolumbien, davon eine halbe Million aus Cerrejón.

78 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

Industrie-Initiative „Better Coal“

Foto: cherylvb / stock.adobe.com

Ende 2011 starteten Energieversorger die Nachhaltigkeitsinitiative

Better Coal. Gründungsmitglieder

sind u.a. RWE, E.ON und Vattenfall. Better Coal soll,

so lautet das Credo, Standards definieren und die

Praxis „vor Ort in den internationalen Kohlebergwerken

und entlang der Lieferkette verbessern“ sowie

„Umweltschutz und nachhaltiges Handeln“ fördern

und Beurteilungen durch „unabhängige Prüfer

durchführen“. Bei RWE heißt es dazu: „Über Audits in

Kohleminen weltweit und verbindliche Maßnahmen,

um gefundene Mängel zu beheben, schafft Better

Coal langfristig mehr Umweltschutz, bessere Abbauund

Arbeitsbedingungen und eine Berücksichtigung

von Interessen der Anwohner.“ Das sei ein „leeres

Versprechen“, widerspricht die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation

Urgewald. Denn vom Umweltschutz

sei in den Bergbauregionen kaum etwas

zu sehen. „In der Kohleabbauregion Cesár ist die

Luftverschmutzung so stark“, zitiert das Online-Magazin

klimaretter.info Gloria Holguín aus Kolumbien,

„dass das Umweltministerium die Umsiedlung der

Gemeinde angeordnet hat.“

„Wenn es der Bundesrepublik ernst

mit dem Kohleausstieg ist, dann reicht

es nicht aus, den Abbau in Deutschland

sozialverträglich zu beenden.

Dann muss die Kommission auch die

Beendigung von Kohleimporten aus

dem Ausland in ihre Agenda aufnehmen“,

betont Misereor-Chef Pirmin

Spiegel. „Sonst werden die Kosten

für unseren Energiebedarf weiterhin

auch auf andere Länder und Menschen

verlagert.“

Lange war alles ganz einfach: Die

EnBW und andere Stromversorger

kauften billige Steinkohle im Bürgerkriegsland

Kolumbien und niemand

stellte kritische Fragen. Doch auf

einmal wurde es kompliziert. Sebastian

Rötters vom Verein PowerShift

erzählt: „Zwei wichtigen Kohlelieferanten,

Drummond und der Glencore-

Tochter Prodeco, wurde vorgeworfen,

über viele Jahre paramilitärische

Einheiten finanziert zu haben.“ Zuvor

sei bereits bekannt gewesen,

dass ein kolumbianisches Gericht Ermittlungen

gegen mehrere ranghohe

Drummond-Mitarbeiter und den Firmenboss

anmahnte, um ihre Mitverantwortung

für mehr als 3.000 Morde

und 55.000 Vertriebene festzustellen.

Die Zahlen sind unglaublich, aber die

meisten Opfer waren einfache Bürger

vor Ort. Erst die Ermordung von

zwei Gewerkschaftsführern brachte

staatliche Ermittlungen ins Rollen.

Ein kolumbianisches Gericht ließ

eine Klage gegen mehrere ranghohe

Drummond-Mitarbeiter und sogar deren

Direktor zu. Zahlreiche darauffolgende

Untersuchungen von offizieller

Seite und von NGOs brachten erschütternde

Muster zutage: „Wir haben

Aussagen von ehemaligen paramilitärischen

Kommandanten der AUC,

dass die Minenbetreiber Glencore und

Drummond seit 1996 halfen, eine militärische

Einheit aufzubauen. Sie begannen

1996 mit 40 bis 60 Männern.

2006 war diese Gruppe auf eine kleine

Privatarmee mit 600 Soldaten angewachsen“,

sagt Marianne Moore, Autorin

einer der Studien. „Die Zeugenaussagen

sowohl von Opfern als auch

von Tätern machen deutlich, dass die

Bergbauunternehmen bis heute von

dieser Kooperation profitieren.“

Die Berichte werfen ein Schlaglicht

auf das weltweit kaum kontrollierte

und intransparente Geschäft mit

Rohstoffen, schreibt der Spiegel: „Mit

Koffern voller Geld sowie verdeckten

Überweisungen etwa über Dienstleister

soll der US-Konzern Drummond

Zahlungen an die Paramilitärs der

Juan Andrés Alvarez-Front geleistet

und so etwa den Kampf um bessere

Arbeitsbedingungen unterminiert

haben.“ f

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

79


MORAL MINING

Foto: CURIOSO.PL / stock.adobe.com

Deutschland bezieht mineralische Rohstoffe aus mehr als 160 Ländern weltweit. Viele davon

werden unter Missachtung von Arbeits-, Sicherheits- und Umweltstandards gewonnen. Geht’s

auch anders? Ja, sagen die niederländische und schweizerische Regierung und unterstützen

einen entsprechenden Index.

Metalle und Mineralien sind untrennbar mit unserem täglichen

Leben verbunden. Kupfer, Eisen, Kobalt und Lithium

befinden sich in unseren Handys, Autos und Häusern. Diese

Materialien werden weltweit abgebaut, ihr Verbrauch

und ihre Nutzung verbinden uns mit Bergarbeitern, von

der Mine betroffenen Gemeinden und Umgebungen weltweit.

Und unsere Nachfrage nach diesen Rohstoffen wird

noch steigen, auch aufgrund des erwarteten Übergangs zu

nachhaltigen Energiequellen.

Bergbauunternehmen behaupten, beim Abbau dieser Rohstoffe

verantwortungsbewusst mit Mensch und Umwelt

umzugehen, aber ist das wirklich der Fall? Die Antwort

auf diese Frage ist nun leicht im Responsible Mining Index

(RMI) zu finden. Dies ist ein evidenzbasierter Index, der die

Politik und Praktiken von Bergbauunternehmen in sechs

wichtigen Bereichen bewertet, darunter Arbeitsbedingungen,

Umwelt, wirtschaftliche Entwicklung und Wohlbefinden

der Gemeinschaft.

Die RMI-Rankings zeigen auf einen Blick, inwieweit verschiedene

Unternehmen diese Themen angehen. Auf der

Grundlage der im Index enthaltenen Informationen können

Interessengruppen wie Gewerkschaften, Investoren, lokale

Gemeinschaften und Regierungen die Bergbauunternehmen

ermutigen, einer Reihe von wirtschaftlichen, ökologischen,

sozialen und Governance-Fragen (EWSA) mehr

Aufmerksamkeit zu schenken. Der Responsible Mining Index

ist eine Initiative der Responsible Mining Foundation

mit Sitz in den Niederlanden. Der Index wurde weitgehend

Firma

Anglo American

(UK)

BHP Billiton

(UK)

Rio Tinto

(AUS)

Glencore

(CH)

Vale

(BRAS)

Barrick Gold

(CAN)

Teck

(CAN)

Newmort Mining

(USA)

AngloGold Ashanti

(RSA)

Mitarbeiter /

Umsatz

78.000 MA

21,5 Mrd. USD

65.000 MA

30,9 Mrd. USD

51.000 MA

33,8 Mrd. USD

155.000 MA

177,5 Mrd. USD

134.000 MA

27,5 Mrd. USD

22.400 MA

8,5 Mrd. USD

9.800 MA

9,3 Mrd. USD

23.200 MA

6,7 Mrd. USD

52.700 MA

4,2 Mrd. USD

80 Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de


Menschenrechte

vom niederländischen Außenministerium und dem schweizerischen

Staatssekretariat für Wirtschaft unterstützt.

Die wichtigsten Ergebnisse

Eines der wichtigsten Ergebnisse des Index ist, dass Unternehmen

allzu oft ihre eigenen politischen Verpflichtungen

im Bereich des verantwortungsvollen Bergbaus nicht in die

Tat umsetzen, wie z.B. bei Menschenrechtsfragen oder der

Gewährleistung eines sicheren Arbeitsumfeldes. Und das

Ausmaß und die Dauerhaftigkeit schwerwiegender nachteiliger

Auswirkungen stehen im Widerspruch zu der weit

verbreiteten Existenz von Unternehmensverpflichtungen.

So ereignen sich beispielsweise weiter Todesfälle von Arbeitnehmern

(die 30 im Index aufgeführten Unternehmen

meldeten im Zeitraum 2015 bis 2016 insgesamt 331 Todesfälle

von Arbeitnehmern), obwohl sich fast jedes Unternehmen

für den Arbeitsschutz eingesetzt hat.

Gleichzeitig zeigt der Index, dass die 30 Unternehmen in

vielen Bereichen gemeinsam verantwortungsbewusstes

Bergbauen demonstrieren. Es finden sich starke Fälle von

führender Praxis, die wertvolle Modelle für andere Unternehmen

darstellen.

Diese erste Ausgabe des RMI führt 30 große Minengesellschaften

auf, die zusammen mehr als 700 Minen in über

vierzig Ländern betreiben. Diese Unternehmen machen 25

Prozent aller abgebauten Rohstoffe weltweit aus. Der Index

umfasst Unternehmen wie BHP Billiton, Rio Tinto, Glencore,

Vale, Barrick Gold und Anglo American, die alle zu den

zehn größten Minenunternehmen der Welt gehören. f

Wirtschaftlichkeit

Unternehmensführung

Lifecycle

Management

Bürgerschaftl.

Engagement

Arbeitsbedingungen

Umweltschutz

● 0,648 ● 0,657 ● 0,930 ● 0,745 ● 0,788 ● 0,668

● 0,13 ● 0,666 ● 0,056 ● 0,328 ● 0,550 ● 0,48

● 0,223 ● 0,630 ● 0,254 ● 0,214 ● 0,570 ● 0,447

● 0,222 ● 0,621 ● 0,268 ● 0,280 ● 0,601 ● 0,497

● 0,555 ● 0,504 ● 0,304 ● 0,197 ● 0,575 ● 0,391

● 0,315 ● 0,549 ● 0,353 ● 0,595 ● 0,516 ● 0,420

● 0,222 ● 0,639 ● 0,690 ● 0,420 ● 0,564 ● 0,714

● 0,500 ● 0,693 ● 0,549 ● 0,695 ● 0,5778 ● 0,725

● 0,185 ● 0,594 ● 0,620 ● 0,473 ● 0,821 ● 0,577

Quelle: Responsible Mining Index

Ausgabe 10 | November 2018 | Umweltdialog.de

81


Menschenrechte

guter

Letzt

Zu

Angst-Räume

in der Stadt

Radler spüren den kalten

Angstschweiß, wenn

ihnen ein Lkw zu nahe

kommt, Fußgänger fühlen

sich in der Unterführung

mulmig, eine Straßenecke

weiter genießen sie das

entspannte Flanieren. Das

Projekt Urban Emotions

am Karlsruher Institut

für Technologie (KIT) entwickelt

Methoden, diese Gefühle messbar zu machen,

um sie bei der Stadt- und Raumplanung zu berücksichtigen.

Mit Smartband-Sensormessungen erheben die Wissenschaftler

echtzeitnah die körperlichen Stressreaktionen

von Probanden, die auf festgelegten Strecken in unterschiedlichen

städtischen Situationen unterwegs sind.

Zugleich nimmt eine am Fahrrad oder Körper befestigte

360-Grad-Videokamera die jeweilige Umgebung auf,

während über GPS die Position des Probanden erfasst

wird. Die Verknüpfung der körperbiologischen Resonanzdaten

mit den Bildern und Standortdaten ermöglicht

es zu bestimmen, wann und wo die Versuchsteilnehmer

Stress erlebt haben.

„Bei Stress steigt die Hautleitfähigkeit und die Körpertemperatur

sinkt. Diese Körperreaktionen lassen sich

nicht beeinflussen, deshalb ermöglicht ihre Messung

den Versuch, Gefühle objektiv zu erfassen“, erläutert Dr.

Peter Zeile, Forschungsleiter des Projekts. Die digitale

Stadtforschung von Urban Emotions hilft, Angstpunkte

im Bestand aufzuspüren und zu beseitigen, und sie

bietet aussagefähige Grundlagen für bürgerzentrierte

raumplanerische Prozesse.

PS: Und wenn's im Straßenverkehr schief läuft, hat

man immer noch die Daten zur nachträglichen Auswertung.

So wird jede und jeder zu ihrer / seiner eigenen

Blackbox. Toll! f

IMPRESSUM

UmweltDialog ist ein unabhängiger Nachrichtendienst

rund um die Themen Nachhaltigkeit und Corporate

Social Responsibility. Die Redaktion von Umwelt-

Dialog berichtet unabhängig, auch von den Interessen

der eigenen Gesellschafter, über alle relevanten Themen

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Redaktion dieser Ausgabe:

Dr. Elmer Lenzen (V.i.S.d.P.), Sonja Scheferling,

Milena Knoop, Lucas Beesten, Julia Arendt,

Elena Köhn

Bildredaktion:

Marion Lenzen

Gestaltung:

Gesa Weber

Lektorat:

Marion Lenzen, Milena Knoop

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© Titelbild: UN Photo / Harandane Dicko

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Print: 2367-4113

82 Ausgabe 10 | | November 2018 | | Umweltdialog.de


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