BOGARTexhibition01

reinhard46

Günter Vossiek "Der Hund des Odysseus" – Ausstellung bis Frühjahr 2017 in der Radiologie/Neuromedizin (Gießen, Bahnhofstr. 64)

Günter Vossiek: in Bad Harzburg geboren,

Studium SHfBK Braunschweig, DAAD-

Stipendium Slade School of Art, London.

In den 70er und Anfang der 80er Jahre politische

Grafik und Malerei, Karikaturen, Strassenkunst-

Aktionen. Seit damals bis heute Zeichnungen,

Collagen und Portraits: auf Papier, Leinwand,

Obstkistenböden, Glas, Leder, Plexiglas. Satirische

Portraitskizzen »Paffrather Schätzchen«.

Ab 1993 Ausstellungen, Aktionen, Filme, Publikationen

als Künstlergruppe »Paffrather Zweifel«.

Seit den 90er Jahren Airbrush-Farbzeichnungen,

Materialcollagen, »Papiers froissés«. Schwarzlichtinstallationen:

»Auto-da-Fé« (Köln), »retiens la nuit«

(Barjols, Provence). Installationen mit Wasserspiegelungen:

»diaphan-diacron« (Köln), »jardin des livres«

(Barjols).1996-2003: Drei Installationen für das

Projekt Z-Null; 2006-13: Foto-Porträtcollagen

»scrap-box«. Lebt in Südfrankreich.

www.guentervossiek.fr · guenter.vossiek@orange.fr

© Kai Streier

Günter vossiek – dAs Spiel mit kalkül und zufall

»Der Hund des Odysseus« lautet der Titel einer Zeichnung von

2014. Homer beschreibt Argos, den Hund des Odysseus, in dem

neben der Ilias berühmtesten Epos der Antike, der Odyssee, zu

der Günter Vossiek in vielen Jahren eine umfangreiche Serie von

Farbskizzen, Collagen und groben Federzeichnungen gemacht hat.

Ihm geht es in dieser jüngsten Zeichnung jedoch nicht eigentlich

darum, den jungen Hund des Odysseus während der Jagd zu

zeichnen, er denkt eher an persönliche Erlebnisse wie den Tod der

eigenen Hunde, an ihr wildes Dahinjagen in den provençalischen

Terrassenlandschaften. Im Kulturteil von 'Le Monde' sah er den

wunderschönen kleinen Steinkopf einer etruskischen Göttin. Er

zeichnete diesen als zarte Buntstiftskizze über eine kräftigere

Kohleskizze, in der Hunde über einen Stein hetzen. Bei diesem

Kopf dachte er an Pallas Athene, die, über Odysseus schwebend,

ihn während seiner ganzen Irrfahrten beschützte. Kenner der

Odyssee werden angesichts des Bildtitels diesen Bezug leicht

nachvollziehen können, wie auch die Assoziation, in dem Stein

unten im Bild nicht nur die Steine der Provence zu sehen, sondern

auch das felsige Ithaka. Dennoch geht Vossiek davon aus, dass die

meisten Betrachter die Zeichnung ganz anders deuten werden als

er, je nach ihren individuellen Erlebnissen, ihren Empfindungen oder

auch Reiseerfahrungen. Der Titel ist nicht mehr als ein poetischer

Impuls.

Reinhard Müller-Rode

»Von Haus aus ist Vossiek ein technisch brillanter Künstler und

ein politisch, sozial engagierter Realist, der sich immer um die

kritische, oft beißend-satirische Form einer Auseinandersetzung

um das, was als Wirklichkeit gilt, bemüht«, so 2007 der

Feuilletonist Peter Brinkemper.

1971 diente eine von ihm mitini tiierte »Strauß Mappe«

von 32 Künstlern, darunter Beuys, Staeck und Volland, der

Prozesskostenhilfe für den Karikaturisten Rainer Hachfeld vs.

FJS und gehört heute zu den Spezialitäten im Kunstbetrieb*.

– Vossieks skeptischer Blick wird auch in Ausstellungen wie

»Doi tsche Werte« (1990), »Schwarzer September« (1994),

»Spuren von Gewalt« und »Z-Null« (2003) deutlich.

Das jüngste seiner formal sehr unterschiedlichen

Projekte sind Farbolzschnitt-Porträts und

Plexiglas-Gravuren von ehemaligen Minenarbeitern

und ihren Familien im Bauxit-

Museum Les Gueules Rouges (»Rotschnauzen«) in

Tourves (2015).

*Exemplare dieses nachhaltigen Zeitdokuments befinden sich in der

Sammlung der Harvard Art Museums (harvardartmuseum.org) mit allen

Abbildungen und Beschreibungen. – Das Gesamtwerk und Einzelstücke

können im Kunst- (z.B. artax.de), ebay-Handel oder bei Auktionen

erworben werden.

Titel: Odysseus bei kalypso, Papier Froissié, 50/70 cm (2007)

Der Hund des Odysseus, Mischtechnik, 95/105 cm (2014)

Die Klicks auf ihrem knapp achtminütigen YouTube–Video »Körpermaler« (google nach:

Malen bis der Arzt kommt) aus dem Jahre 2002 zur Musik »The Last Man« von Clint Mansell

liegen noch im überschaubaren Bereich. Doch das sah das Kollektiv 'Paffrather Zweifel' mit

Günter Vossiek und Kollegen ebenso sportlich, wie die je nach Aufgabenstellung zwischen

'1 und 6 bewerteten Haltungsnoten' für ihre alle Gliedmaßen fordernden Pinselakrobatien

auf großformatigem Papier: »Wir haben nach der UNkünstlerischsten, banalsten, jedermann

bekannten Zeichnung gesucht: es war schließlich das 'Haus vom Nikolaus'. Dieses haben wir

dann in den absurdesten Pinselhaltungen und Körperstellungen auf Papierbahnen gemalt.«

In der schmalen Gratwanderung zwischen Unsinn und künstlererischer Aktion, die die drei

Akteure genau kalkuliert hatten, liegt der Witz der Performance, die anlässlich des 5jährigen

Bestehens der Galerie Krypta (Bergisch-Gladbach) als Videofilm erstmals gezeigt wurde.

(s.a. BOGART 24; S. 3, 6/7 im Onlinearchiv: gi-mix/de)

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