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KuS 2017-1

Handwerk in der

Handwerk in der Denkmalpflege Lochbildung durch differenzielle Erosion an der Portalverdachung. Alte Vierung an der linken Portalverdachung. hof. Aus Einträgen in Archiven, Bibliotheken und Bauinventaren rekonstruiert Jonas Brandenberg nicht nur die Geschichte des Bauwerks, sondern auch die Lebensgeschichte des Erbauers: Zu Beginn der 1850er Jahre kommt der französische Graf Joseph Henri Edgar Siméon als Diplomat in die Schweiz. Nimmt Wohnsitz in Bern, lernt eine junge Dame aus gutem waadtländischem Hause namens Olympe Palézieux-Falconnet kennen, heiratet sie 1853. Das Glück ist von kurzer Dauer. Ein knappes Jahr nach der Hochzeit bringt Olympe eine Tochter zur Welt. Sie stirbt im Kindbett. Graf Siméon kann Olympe nicht hergeben. Er weigert sich, sie im Erdboden zu vergraben. Lässt sie einbalsamieren und in ihren Sarg eine gläserne Scheibe einbauen, durch die er sie weiterhin anschauen kann. Und gibt schliesslich den Bau eines Mausoleums in Auftrag, um sie darin zu bestatten 1 . Dessen ursprünglicher Standort war der (heute aufgehobene) Monbijou-Friedhof in Bern. Da Graf Siméon später seinen Wohnsitz nach Oberhofen am Thunersee verlegte, liess er das Mausoleum um 1885/1890 herum auf den Stadtfriedhof Thun zügeln, wo es heute noch zu finden ist. sieht drei Etappen vor. Als er seine Abschlussarbeit einreicht, hat er die mündliche Zusage erhalten, im Frühling 2017 mit der Ausführung der ersten Etappe beginnen zu können. Bei der Stadt Thun und der Denkmalpflege des Kantons Bern kennt man Jonas Brandenberg und sein Projekt nun. Man kennt ihn als bescheidenen, zurückhaltenden, aber hoch engagierten Fachmann. Die Dokumentation, die er im Rahmen seiner Abschlussarbeit für den Lehrgang Handwerker/in in der Denkmalpflege verfasst hat, hat ihm nicht nur wichtige Türen geöffnet, und sie wird nicht nur ihm selber im Zuge seiner bevorstehenden Arbeiten am Mausoleum dienen. Sie steht als solide Grundlage für zukünftige Interventionen auch späteren Generationen zur Verfügung. Auf dass das Mausoleum der Nachwelt erhalten bleibe. WAS MIT DER SUCHE NACH EINEM OBJEKT FÜR DIE ABSCHLUSSARBEIT BEGONNEN HAT… Jonas Brandenberg macht sich an die Erstellung einer detaillierten Dokumentation, welche zugleich seine Abschlussarbeit für den Lehrgang Handwerker/in in der Denkmalpflege sein wird. Er hält die Baugeschichte des Mausoleums fest, zeichnet die – wenigen – späteren Eingriffe nach, kartiert, analysiert und beschreibt die Schäden, illustriert sie mit Skizzen und Photographien, arbeitet Interventionsvorschläge aus. 1 Die Biographie des Grafen Siméon, 1952 von Hand niedergeschrieben von seinem jüngsten Sohn Henri (aus vierter Ehe), wird in der Burgerbibliothek Bern aufbewahrt und kann dort eingesehen werden. … ENDET MIT DER ZUSAGE FÜR EINE INTERVENTION Parallel zur Bestandesaufnahme am Objekt laufen Gespräche mit der Stadt Thun. Mit der Denkmalpflege im Rücken muss Jonas Brandenberg auch hier keine grundsätzliche Überzeugungsarbeit mehr leisten. In den Diskussionen, die nun zwischen den verschiedenen Ämtern in Gang kommen, geht es in erster Linie ums Finanzielle: Wieviel darf die Restaurierung des Mausoleums kosten? Jonas Brandenbergs Interventionsprogramm ZUR PERSON Jonas Brandenberg, geboren 1973 und aufgewachsen im Berner Seeland, ist ausgebildeter Steinbildhauer. 2007 Übernahme eines Bildhauerateliers in Steffisburg. Jonas Brandenberg ist verheiratet und hat zwei Kinder. 16 01/17

Handwerk in der Denkmalpflege «MIR GING ES NICHT DARUM, MEHR AUFTRÄGE ZU HABEN» Jonas, du führst einen Einmannbetrieb – worauf liegt das Schwergewicht deiner Arbeit? Die meisten Aufträge bekomme ich für Grabsteine. Auch für Restaurierungen werde ich hin und wieder angefragt. Dies waren aber bisher meist kleinere Arbeiten. Ich mache natürlich auch andere Sachen, Brunnen, Vogelbecken, Skulpturen, Objekte für den Garten. Die verkaufen sich allerdings nicht so gut, die sind mehr ein Hobby. Grabsteinbildhauer haben es ja heute nicht mehr so leicht… Ja, die Grabsteine sind rückläufig, das merke ich schon. Manchmal kommt es mir vor, als riefen mich bald mehr Leute an, die mir einen Grabstein anbieten, als Leute, die einen haben möchten. Ich mache allerdings nicht nur Steine, sondern auch Bildhauerarbeiten in Holz. Als Handwerker in der Denkmalpflege kannst du dir nun auch weitere Bereiche eröffnen – war dies ein Grund für dich, den Lehrgang zu machen? Mir ging es nicht in erster Linie darum, mehr Aufträge zu haben, nein. Der Lehrgang hat mich einfach interessiert. Ich finde es immer interessant, wenn man etwas Neues dazulernen kann, gerade in einem Gebiet, auf dem man schon lange arbeitet. Seit meiner Lehrzeit hat sich das Vorgehen bei Restaurierungen stark verändert. Früher sollten alte Steine nach der Restaurierung wieder „wie neu“ aussehen, man hat sie überarbeitet und von der bestehenden Substanz relativ viel abgetragen. Das ist heute verpönt; heute will man so viel Substanz erhalten wie möglich, inklusive frühere Bearbeitungsspuren als Zeitzeugen der damaligen Arbeitsweise. Darauf wurde im Lehrgang grosses Gewicht gelegt: stets zu versuchen, so viel wie möglich zu bewahren und nicht zu denken, das geht sowieso nicht, es ist am einfachsten, wenn man da einfach alles zurückarbeitet. Was mich ebenfalls immer schon sehr interessiert hat, waren Geschichte und Baustilkunde. Und dann vor allem auch die anderen Berufe: wie bei ihnen gearbeitet wird, welche Materialien verwendet werden – das war etwas vom Spannendsten des ganzen Lehrgangs. Hat die Weiterbildung deine Erwartungen erfüllt? Inhaltlich schon, ja. Ich muss zwar sagen, in unserem eigenen Gebiet, also Naturstein, habe ich nicht wahnsinnig viel Neues mitbekommen. Das spricht aber vor allem für unsere bis jetzt sehr gute Grundbildung. Es ist bei uns einfach noch nicht so viel verloren gegangen wie in anderen Berufen. Was war für dich der grösste Nutzen, den dir der Lehrgang gebracht hat? Das waren sicher einmal die Einblicke in die Denkmalpflege – wie ist sie organisiert, wie läuft das dort ab, welche Ideen und Richtlinien sind massgebend. Sehr viel gebracht hat mir auch, dass wir gelernt haben, wie man eine Dokumentation erstellt – was beinhaltet sie, wie ist sie aufgebaut, worauf ist zu achten. Ich hatte während der Ausbildung die Gelegenheit, das übungshalber gleich in die Praxis umzusetzen – ich konnte eine Fassadenrestaurierung an einem denkmalgeschützten Objekt in Thun machen, und gab dem Architekten eine Dokumentation mit ab. Dies hat er sehr geschätzt, und für mich war es eine wertvolle Übung. Wo lagen die grössten Schwierigkeiten während der Ausbildung? Der Zeitaufwand war schon sehr gross. Manchmal dachte ich, wenn wieder so ein Dreitagesblock vor der Tür stand und ich grad mehr als genug zu tun gehabt hätte in der Werkstatt, jetzt würde ich lieber nicht gehen. Aber wenn man dann mal dort war, war es immer gut. Man war in einer anderen Welt, weit weg vom Alltag. Aber freie Samstage gab es kaum während der Ausbildung. Es war nicht immer einfach, mit meinem Arbeitspensum durchzukommen. Hat der Lehrgang deine Herangehensweise an deine Arbeit verändert? Ich versuche verstärkt, soweit es geht mineralisch zu arbeiten, nicht nur bei Restaurierungen, sondern auch bei neuen Sachen. Das gilt nicht nur für meine eigene Arbeit – im Augenblick bauen wir unser Haus um, und ich achte darauf, dass die Handwerker möglichst keine kunststoffvergüteten Produkte verwenden, sondern rein mineralische, ökologisch unbedenkliche und langlebige. Das heisst, was du in der Ausbildung gelernt hast, wendest du jetzt auch im Arbeitsalltag an? Im Arbeitsalltag, und allgemein im Leben. 01/17 17