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E_1929_Zeitung_Nr.107

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Haben Sie Kultur... ?

Haben Sie Kultur... ? Dann sollten Sie eine reine Puderquaste ihr eigen nennen. Sie lachen, dies sei selbstverständlich? Keine Spur. Ich kenne goldene und edelsteingeschmückte Puderdosen, denen etwas ganz Unbeschreibliches entquillt statt eines reinen Wollpölsterchens. Ein wahrer Bazillenherd, ein Reservoir und Lagerraum für Schmutz und Schweiss. Revidieren Sie, bitte, einmal Ihre Puderdosen — und kaufen Sie schleunigst, was Sie versäumt haben. Ich würde nicht davon sprechen, wenn ich solche Puderquasten nicht unzählige Male bei Damen gesehen hätte, deren Schmuck und Kleider Hunderttausende repräsentieren. Das ist Ihre Photo ? Aber Sie sollten Ihre eigenen Porträtsphotographien in Ihrer Wohnung niemals zur Schau stellen! Oftmals gibts nicht eine, sondern eine ganze Kollektion eigener Photos. Manche sogar in kostbaren Rahmen. Ich kann mir nicht helfen, mir kommt dies entsetzlich naiv vor und es verrät nur, wie verliebt das Original in sich selbst ist. Ein weiblicher Narciss. Der Spiegel müsste genügen. Photographien gehören in ein Album oder ein Fach, wo sie nicht zur Schau gestellt sind. Anders verhält es sich mit Amateurphotographien, die auf freundlichem Hintergrund glückliche Lebensmomente festhalten. Vielleicht auch unglückliche. Hier ist's die Wichtigkeit, an die man erinnert sein will. Die Kette au! Seide? Aber Sie werden doch nicht die Ungeschicklichkeit begehen, eine der enganliegenden, reizvollen Halsketten zu einem ganz hoch am Halse mit einem kleinen, weissen Krägelchen schliessenden Kleide zu tragen! Jeder Halsschmuck muss bedingungslos unmittelbar auf dem Körper getragen werden. ET soll weder direkt über dem Halskragen dem Halse anliegen, noch-auch nur um ein ganz geringes auf den Kragen hinabfaJlen. Und die entsetzliche und kopflose Kombination von Halsband und Brosche, die den Kragen zusammenhält, würde auf den ersten Blick ganz unbegreiflich erscheinen und doch findet man sie, bei näherem Hinsehen, selbst bei sonst gut angezogenen Frauen! Der gehäufte Teller? Aber Sie dürfen doch in der Konditorei Ihren Teller nicht gehäuft voll nehmen, das ist und bleibt barbarisch und gargantuesk! Selbst wenn Ihr Magen die beneidenswerte Eigenschaft besitzt, solch ein Quantum widerspruchslos aufzunehmen, empfiehlt es sich, nie mehr als ein Stückchen auf einmal zu wählen, auf die Gefahr hin, dass Sie dadurch gezwungen wären, einige Minuten länger in der stark besuchten Konditorei za verweilen. Denn solch ein feinziseliertes, wohlgepflegtes Dämchen mit einer Riesenpyramide Süssigkeiten auf einem kleinen Tellerchen (die Tasse Schokolade nicht vergessen!) vor sich, ist ein Anblick zum Verzweifeln! Sie Heben Blumen? Aber dann dürfen Sie doch nicht Ihre Wohnung mit einer Unzahl von Vasen voller frischer Blumen schmücken! Obwohl Blumen zu den schönsten Dingen der Welt gehören, bedeutet solch ein Ueberfluss in der Wohnung etwas Protzenhaftes. Eine Vase genügt vollauf, wenn man genau weiss, wo sie hingehört. Nur Zimmer, die mehrere in sich abgeschlossene intime Winkel besitzen, vertragen solch eine Blumenvase in jedem dieser Winkel. Aber sie darf kleiner und diskreter sein, als wenn eine einzige Blumenvase das ganze Zimmer schmückt. Lang oder kurz und Swansons Schultern. Die berühmte amerikanische Filmschauspielerin Gloria Swanson äusserte sich kürzlich mit Begeisterung über die Wiederkehr der langen Röcke. Sie sprach sich lobend über die

107 — 19S9 AUTOMOBIL-REVUE ÖÜ Willst du gesunde Kinder haben? Dann... Sorge für ausgiebigen Schlaf in gut gelüfteten Räumen, am besten bei offenem Fenster. Lasse sie so fange wie irgend möglich eine Ideine Ruhestunde am Nachmittag halten. Gewöhne ihre Körper an Luft und Sonne ,, damit sie keine Sonderlinge werden. Lass VOT allem Freude und Heiterkeit im Leben deiner Kinder herrschen, das ist wichtiger für ihr Gedeihen als alles andere. Wie die Pariser Polizei einen Filmstar entdecken half. Eine junge, hübsche Deutsche, vom Filmfieber befallen, hielt sich in Paris auf. Mit vielen anderen wandelte sie den breiten Weg von Direktor zu Direktor, aber keiner erkannte in ihr das schlummernde Talent, und jedesmal musste sie unverrichteter Sache abziehen» Der Kummer nagte an ihrem Herzen, bis sie eines Tages in eine vergnügte Gesellschaft geriet, in der sie das Missgeschick des Alltags vergass. Leider wurde nicht nur sie, sondern auch die Freunde von allen Sinnen verlassen, und keiner wusste, wie es geschah, dass die junge Dame von der Pariser Polizei aufgegriffen, in Schutzhaft genommen und auf der Stelle Ohiappis Erziehungsmethoden unterworfen wurde. Weise und gütig wie weiland Salomon hat nämlich der Polizeipräfekt Chiappi, seiner Nationalität nach Korse, die Anordnung getroffen, alle Betrunkenen, die bei der Polizei eingeliefert würden, zu filmen. Der Film soll dann dazu dienen, den wieder nüchtern gewordenen als abschreckendes Beispiel zu dienen. So geschah es auch mit der Jungen Deutschen. Sie wurde beim Anblick ihres Bildes von tiefster Reue erfasst und gelobte unter Tränen, nie mehr ein Glas Wein* anzurühren. Damit sie aber den unwür-, digen Zustand ihres Sütidenfailes immer vor Augen behielte, bat sie sich von dem Beamten den Film aus. Obwohl dieser keine Befugnis hatte, d!e Filme seinen Klienten zu überlassen, schenkte er ihn doch, durch den Anblick der reuigen Sünderin gerührt, der jungen Dame. Sie verbarg ihren heimlichen Triumph und nahm sich schnell ein Taxi, das sie im Flug zu jenem Direktor führte, der ihr vor kurzem ein Engagement verweigert hatte. Auf ihre Bitte hin Hess er den Film vorführen und — bTach in Begeisterung aus angesichts einer so überzeugend dargestellten Trunkenheit Er engagierte die Glückliche vom Fleck weg mit einem Monatsgehalt von 3000 Francs. Eine Frau erschilesst unbekannte Welten. Im Herzen des Tibet Man hat bisher wenig weibliche Forschung»- reLsende gekannt. Wohl hat sich auch echon früher gelegentlich einmal eine Frau «erkühnt», irgendwelchen Völker- und länderkundlichen Dingen tanz allein in weiter Ferne nachzuspüren — doch «erkühnt» sagt hier alles —, und der eine oder andere Gelehrte hat »eine Frau mit auf Reisen genommen, aber sie war ihm nur persönlicher Kamerad, nicht wertvoll« wissenschaftliche Helferin. Neuerdings erst beginnt sich da ein grundlegender Umsturz zu vollziehen. Reisende von Ruf, wie Di. Colin Ross, Martin Johnson u. a. behaupten, dass sie ohne ihre Frauen niemals den Gipfel ihrer gründlichen Kenntnis von Land und Leuten erklommen hätten. Und jetzt hat eine Frau das Ei des Kolumbus entdeckt — nicht für sich, sondern für ihr ganzes Geschlecht, die abendländische Wissenschaft —, dass die Völkerkunde nur dann zu einer unbegrenzten Kunde von den Völkern werden kann, wenn die Frau die Arbeit nicht länger ganz ihren männlichen Kollegen überlässt. Die Frau epielt im Leben der meisten exotischen Völker eine grosse Rolle. Selbst den eingeborenen Männern ist ihr oft verschlossener Staat im Staate vielfach ziemlich unbekannt, um so mehr natürlich weissen Gelehrten. Weibliche Forscher können hier am besten Kenntnisse sammeln. Da» ist eine so grosee Selbstverständlichkeit, dass man eigentlich schon längst die logische Folgerung hätte daraus ziehen müssen. Aber die Verhältnisse gestatten es nicht, und erst in unseren Tagen durfte eine Frau wie Elexandra David-Neel es wagen, eigene Wege zu gehen, die sie in ihrem jetzt bei F A. Brockhaus erschienenen Buch «Arjopa». Die erste Pilgerfahrt einer weissen Frau nach der Verbotenen Stadt des Dalai Lama» aufzeigt. Das Entscheidende an dem Werk sind der Fortschritt, den eine grosse Idee hierin bekundet, und alle die Dinge, die ein Mann nicht erleben kann. Da eine Frau wesentlich anders sieht and empfindet als ein Mann, eröffnet eich Tibet plötzlich in einem überraschend neuen Licht. Welcher Forscher konnte je das tägliche Ltbtn in einem tibetanischen Frauenkloster beschreiben, -wer hatte bisher eine Ahnung, dass es im verbotenen Land turn Beispiel so etwas wie soziale Fagen und übelrte Wohnungsnot gibt? Ein Berliner Hintertreppenroman kann nichts Schlimmeres bringen, und man wird mit einigem Lächeln gewahr, wie sich unter dem fremdartigsten und buntesten Gewand überall die gleiche Menschlichkeit verbirgt. Auch die Religion der Tibeter beweist das. Aber- und Unglaub«, Sektirerei und braditionagespeistw Fanatismus leben nebeneinander. Ein. mystischer .Zauber liest über dem ganzen Land, überall scheint Buddha» Hand spürbar. Was ermöflichte füeser «eltenen Frau ihr er- •taunliches Wissen um die tiefen Abgründe und windumtosten Höhen einer Welt, die für uns trotz aller ceographischen und kartographischen Kenntnisse noch* einen weissen Fleck auf der Karte des Vollutums darstellt? Ein ««lischer General fahrt im Gespräch mit ihr über eine Skizze : «Das wäre ein interessanter Weg nach Lhasa, den. ist noch kein Weisser gegangen.» Schon steht es für sie fest - Diesen und keinen andern wähle ich. Erfolg verheisit nur eins: sie moss «ich als Arjopa als Bettelpllgerln nach Lhasa. Man bekommt eine Vorstellung von dem Dynamitcharakter dieser Frau, wenn man sie auf schneebedeckten Pfaden und stunn überbrausten Pässen sieht, die selbst von den Eingeborenen gemieden werden, wie sie Wölfen. Hyänen und Tigern ab Ihren •Mitkrearturen» in all der Seelenruhe entgegentritt, die sie als freiwillige tibetische Einsiedlerin in einer Fels- und Eiswüste von 4000 m Höbe erworben hat. Die Feindseligkeit der Natur, der sich Quälerei und Misstrauen von Seiten tibetanischer Beamten und Pilger zugesellen, ist jedoch oft eo gross. dass selbst ihr fast übermenschlicher Wille und ihre beinahe unfassbare büddhistischo Selbstüberwindung zu eineT grauenhaften Maske trostloser Verzweiflung werden. Aber sie hat schliesslich alles geschafft, was sie wollte, so dass ihr Buch — buchstäblich nachgefühlt und mit einer Reihe noch nie gesehener herrlicher Bilder ausgestattet — vor dem Leser mit der Sensation eines Rieeenfilma abrollen kann. Er wird-, nach diesem erwählten Genuss zweifellos dem Satz Dr. Wilhelm Filchners, dessen Rekord «Mit 4000 Mark durch Tibet» Madame David-Neel unterböten hat, da sie nur 200 Mark gebrauchte, herzlich beistimmen: «Meine unbegrenzte Bewunderung der heldenhaften Frau, die Tibet erlitt und erlebte.» Auch wird ihm dann verständlich sein, weshalb die Verfasserin mit dem Kreuz der Ehrenieeion und der Goldenen Medaille der Pariser Geographischen Gesellschaft ausgezeichnet worden ist Die befreite Stirn. Ein Titel, der ideologisch klingt. Und doch habe ich an nichts anderes gedacht, als an die arme, Jahre hindurch unterdrückte physische Stirn, welche die Mode für einige Zeit — vielleicht für ein oder zwei Jahre — vom Drucke des Strohs, des Filzes, Sammets und der Seide befreit hat. Dies ist eine revolutionäre Erscheinung, und nur Gott allein weiss, wieso es gekommen : jedenfalls werden die Stirnen heute, wenigstens bei gewissen Hüten, frei getragen. Und ich will gleich voranschicken, dass dies in manchen Fällen sehr hübsch ist. abgesehen davon, dass es stets bequem ist. Aber es gibt da viele Häkchen. Namentlich jene, dass es nur dann kleidsam ist, wenn 1. der Hut ganz klein ist und den Kopf gleich einem Tuche umspannt, 2. der Hut dunkel, am besten schwarz ist und das helle Gesicht gleich einem Nonnenschleier umrahmt, und 3. die Stiiü jung und frisch und ein wenig gewölbt ist. Die Wölbung der Stirn ist eine der Hauptvoraussetzungen, denn ein noch so schöner Kopf mit einer sonst schönen, aber flachen und geraden Stirn wird unter einem solchen Hute entschieden verlieren. Auch niedrige Stirnen, die bei einem derart; ausgeschnittenen Hute den Haaransatz sehen lassen, haben von vornherein verspielt. Und die Gewohnheit, Stirnlöckchen unter dem Hute hervorlugen zu lassen, beraubt diese Hutform des Schicks, der eben in der Einheitlichkeit und Gebundenheit Ton Gesicht und Kopf beruht. Gleich einem nag«schickt aufgesetzten Ornament« in der Architektur, bei der die iussere Form ana der inneren Konstruktion hervorgegangen ist. Leider werden diese reizenden Hüte niemals Töl- Iig populär sein bei Frauen, deren Stirnen Runen der Erfahrung tragen. Alle Ehre vor jedem in Ehren erworbenen Runzelchen, aber mir und wohl auch Ihnen gefällt entschieden eine glati« Stirne besser. Die Mode Das ist sie — die heiss umstrittene lansre Motrek Die Kompromissparole lautet: Morgens kurz, abends lang. Die Taille liegt hoch, der Stoff aber folgt der Hüfte, um erst in Schenkelhöhe im Godetschnitt zu fallen. Sehr viel wird, auch am Abend, der lange Aermel getragen. Reiche Anwendung von Spitzen, viel schwarz. Die Schweiz, das fünf teuerste Land Europas. Wir veröffentlichen nachstehend nach ausländischen Quellen eine Zusammenstellung über den Stand und die Entwicklung der Nahrungskosten in den europäischen Staaten. Die Nahrungskosten der einzelnen Länder betragen — wenn man die Lebenshaltung von 1913 mit 100 einsetzt: Land Mitte 1923 Mitte 1929 Belgien 117 125 Bulgarien 106 109 Dänemark 153 150 Deutschland 152 15t4 Estland 120 130 Finnland 147 144 Frankreich 113 126 Griechenland 144 137 Großbritannien 157 149 Irland 166 ' " 164 ' * Italien 142 148 Lettland 144 164 Niederlande 150 151 Norwegen 17L 156 Oesterreich 122 124 Polen 143 139 Bussland 218 233 Schweden 157 149 Schweia . 156 156! Spanien ";. - ;V 148 .138 Tschechoslowakei ' 136 133 Ungarn 132 134 Von den 22 Staaten haben nur fünf (Grossbritannien, Irland, Lettland, Norwegen nnd Russland) höhere Nahrungskosten als die Schweiz. Trom paten-LcoetHar PochonSilber handgetrieben in eigenem Atelier nach alten REHFUSS-Mustern u. Original - Zeichnungen Gebr. Pochon i f Bern 66 Marktgasse 66 Gecr0nd«t Im «fahr« 1801 \ haaie mehr/ Wem SkleaciHar bahn.