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E_1936_Zeitung_Nr.053

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Der Menschenschlag im

Der Menschenschlag im Urner fteussial Wer die Innerschweiz durchwandert, der wird, so er das Urner Reusstal betritt, ob dem freien und trotz konservativer Einstellung geistig beweglichen Menschenschlag erstaunt sein. Die Urner sind Gebirgsleute, die alle harten Forderungen der wilden Hochgebirgsnatur erleben und erleiden, aber auch siegreich ertragen, und daneben nicht an weltmännischer Gewandtheit Mangel leiden. Dieser Charakterzug ist angeboren und fusst auf der geschichtlichen Entwicklung des [Volkes. Nur ein Volk, das heimatstark veriwurzelt ist, kann auch gegen aussen stark tond selbständig auftreten und in allem Sicheinpassen in neue Umweltsforderungen heimattreu bleiben. Jahrhundertelang war Uri wirtschaftlich and politisch ein abgeschlossener Allmendstaat einer einheitlichen Markgenossenschaft, für die Land- und Alpwirtschaft mit ausgeprägter Viehzucht wichtigster Erwerbszweig blieben. Der Verkehr erfolgte weitgehend südwärts über die Alpenpässe des Gotthardgebietes, sei es über die Passroute des Gotthards selbst, die seit dem 13. Jahrhundert als Saumpfad bestand und in den Jahren E1823—1828 zur heutigen Alpenstrasse ausgebaut wurde, sei es aber auch über den Krüzli-Lukmanierweg, der schon im 9. Jahrhundert erwähnt ist und die kürzeste Verbindung über die Gotthard-Alpenscheide war. Wenn wir heute im Gebiet des Maderanerfcales den « Bündnertyp» treffen, so ist dies auf diesen Verkehrsweg durch das Bündnefrische zurückzuführen, auf die über den Brunni und Krüzli eingewanderten Bündner iCdie Furger zu Bristen sollen noch solche Bündnernachkommen sein). Das Meiental birgt den ausgeorägt hellblonden Berglertyp, •während im Urner-Reusstal vielfach der [Menschenschlag zu treffen ist, der ganz an die südlichen Schweizer erinnert, an die Leventiner: dunkeläugig und schwarzes Kopfhaar. Wer die Urner bei Tanz und Spiel getroffen hat, der wird sich ob der Lebhaftigkeit und Leidenschaft, die da zum Ausdruck gelangen, gefreut haben. Wenn Trachtenmaidschi und Bueben das Stägerlied oder das «Zoge-n-am Bogä, dr Landamme tanzet» singen, dann erkennt man am deutlichsten, wie die Zeit des ennetbirgischen Besitzes noch bis in die heutigen Tage herüberspielt: Leventinerinnen wurden als währschafte Frauen mit nach Hause gebracht, strammes Urner Jungvolk ward drüben vorübergehend sässhaft; es ergab sich im Verlauf der Jahrhunderte die natürliche Zusammengehörigkeit längs eines Passweges, endet wirtschaftlich ein Gebiet doch nie auf der Wasserscheide des Passes, weil die beiden Passbergseiten immer zusammengehören. Schrieb vor rund hundert Jahren der Urner Talarzt Karl Franz Lusser noch, dass der Urner «im Durchschnitt von mittlerer Grosse, eher klein als gross, aber gemeiniglich von kräftigem Körperbau » sei, so treffen wir heute landauf und landab gar viele grosse, stramme Männer. Wer die frühern Landsgemeinden besuchte, und heute am zweiten Maisonntag der auf dem Lehnplatz zu Altdorf, dem frühern Gerichtsplatz, tagenden Korporationsgemeinde beiwohnt, der wird neben vielen markanten Typen mittlerer Grosse recht viele grossgewachsene Bauern und Handwerker treffen, die breitschultrig und fast hünenhaft gebaut sind. Die Schächentaler sind im allgemeinen schlanker und hellhäutiger als die Reusstaler, deren Frauen dafür vielfach grösser sind, als ihre Schwestern zu Spiringen und Unterschächen. Auch die Bartmänner sind längs dem Klausen häufiger als im Gotthardtal, wo der sonngebräunte, gewandte Bergler zuhause ist Wo immer wir uns mit Urnern ins Gespräch einlassen, treffen wir auf einen lebhaften Geist, der, so der Part ihm behagt, vertrau- ÄÜTOMOBTC-TrevUE wir, dass die gegenwärtige Jugend dieses Erbe der Väter hochhält und bewahrt, ist doch ein Volk, das seine Geschichte kennt und achtet, gut beraten und trägt den Stolz in sich, der es vor falschen Wegen bewahrt Von Haus aus religiös, im Grossteil der katholischen Konfession verschrieben, anerkennt der Urner jeden Andersgläubigen, so dieser ehrlich und redlich zu seiner Sache steht, denn Lauheit ist ihm eine böse Sache. So duldet er neben sich selbst scharfen geistigen Gegner, solange dieser sich in die Gesamtheit einordnet. Und wer seine Pflicht in der Arbeit und in der ihm allfällig liberbundenen öffentlichen Würde erfüllt, der gilt zeitlebens als senkrechter Bürger. Beachtenswert ist, wie viele Urner trotz sehr kurzbemessener und einfacher Schulbildung über sehr tiefgehende Kenntnisse verfügen, zumal da, wo es sich um Landesgesetzeskunde handelt. Der gesunde Menschenverstand ist für ihn wegleitend, seit altersher, was schon die Tatsache beweist, dass im «Landbuch von Uri», der kantonalen und korporativen Gesetzessammlung, Erlasse und Verordnungen enthalten sind, die vor fünf vollen Jahrhunderten beschlossen wurden und noch heute zu Recht bestehen, ohne heutigen Forderungen des Rechts und der Wirtschaft zuwiderzulaufen. Solches ist nur da möglich, wo der demokratische Geist einer Volksgemeinschaft während Jahrhunderten diejenige Schulung erlebte, die von Mund zu Mund ging, vom Vater zum Sohne sich vererbte, und wo der Uebergriff immer wieder durch die anerkannte Mehrheit in die Schranken der Gemeinschaft zurückgewiesen wurde. Der Berg erzieht den Menschen egoistisch. Der Kampf gegen Steinschlag und Rüfenen, gegen Wildwasser und Lawinen lässt den einzelnen Bewohner sich auf sich selbst besinnen. Und doch erzieht dieser stete Kampf die Bewohner eines Weilers, einer Kilchhöri (Kirchgemeinschaft, Dorf) und einer gesamten Talschaft doch wieder zum Zusammenstehen in Tagen der Not und in Tagen der Freude. So treffen wir durch die ganze Schweizergeschichte die Urner immer als gemeinsamen Harst Der Bau der Gotthardbahn brachte vor fünf Jahrzehnten weitgehend wirtschaftliche Umstellungen. Der früher fast ausschliesslich nach Süden gewendete Verkehr löste sich innerschweizerisch und schweizerisch auf. lich und weise zu erzählen weiss. Es ge-Dihörte zur Tradition, die Landesgeschichte zu Klausen und der Seeweg durch den Axen, Paßstrassen über Oberalp, Furka und kennen und über Wirtschaft und Politik der die alle innert der 4 letzten Jahrzehnte des engern Heimat Bescheid zu wissen. Hoffen verflossenen Jahrhunderts gebaut wurden, DIENSTAG, 36. 1936 — N° 53 Der Tourenonkel Wird eine Alpenlahrt erwogen So nehmen Sie erst einen Bogen, Und schreiben Sie dem Onkel dann, Der aus Erfahrung raten kann. Für autotouristische Auskünfte wenden Sie sich jederzeit an das Touristikbnrean der Automobil-Revue Bern Telephon 28.222 Alle Auskünfte kostenlos. Fügen Sie eine 20 Cts.-Marke für Bückporto bei. ligkeit, der Staub waren nicht gerne gesehen. Psychologisch ist das verständlich; denn wer schneller fährt als ich, der weckt meinen Neid, eine seelische Regung, die sich als Widerwillen, ja als Hass äussern kann, vielleicht auch im Empfinden, übervorteilt zu werden. Mit dem ersten Auto kam auch der erste Schlötterling gegen den Automobilisten auf! Das Auto hatte sich abseits der Berge zu dem entwickelt, was es geworden war. Darum bildete auch die Neuartigkeit des selbstbeweglichen Fahrzeuges mit seinen vermummten Insassen, mit seinem Rasseln und Tuten, für die Land- und Bergbevölkerung eine Angelegenheit unnützer Aufregung. Dazu kam noch ein weiterer Umstand. Wer Auto fährt, muss Geld haben, sagte man sich. Und flugs wurden Pläne ausgeheckt, um die Automobilisten für ihren Wagemut zu strafen. Es ist nicht mehr in jedermanns Erinnerung, mit welchen Methoden das Befahren einer schweizerischen sAIpenstrasse für den Automobilisten versauert wurde. Wir nennen ihren Namen nicht; denn die Strasse kann ja nichts dafür, und von den behördlichen Persönlichkeiten, die ihrer Abneigung gegen das neue Fahrzeug in merkwürdigen Verordnungen Ausdruck gaben, dürften die meisten das Zeitliche gesegnet haben. Die Sache war nämlich so organisiert, dass das Befahren des obersten Teilstückes des Passes verboten war; das Verbot wurde dem Automobilisten aber erst im Augenblick bekanntgegeben, wo ihm nichts anderes übrig blieb, als die verbotene Strecke zu durchfahren oder den langen Rückzug anzutreten. Bussen von 50 bis 100 Franken und darüber wurden da gefällt. Dazu kamen noch Geschwindigkeitsvorschriften, über die der Fahrer meist auch nicht orientiert war, geheime Kontrollen wurden da und dort eingeschoben, die Resultate telephonisch voraus gemeldet, und wenn der arme Automobilist sich vor dem letzten Stich zur Ueberwindung der Passhöhe glaubte, wurde ihm die Rechnung präsentiert Ausländische Zeitungen wetterten gegen die rückständigen Schweizer, aber es dauerte noch etliche Jahre, bis man zur Vernunft kam. Lebhaft erinnert man sich noch daran, dass es eine Zeit gab, wo im Kanton Graubünden der Verkehr mit Automobilen verboten war. Man hat es sicher nicht bereut, dass dieses Verbot durch Volksabstimmung aufgehoben wurde, und mit der Offenhaltung des Julierpasses im Winter haben die Graubündner keinen Zweifel mehr darüber gelassen, dass sie autofreundlichen Grundsätzen, huldigen. Heute ist jeder Bergpass, der technisch strengung einer Bergtour enthoben zu sein dafür geeignet ist, dem Auto offen; die ein-unzige Macht, die den Automobilverkehr hin- in der Hand in die Eis- und Felswüsten der mit dem Lenkrad statt mit dem Pickel dern kann, ist die Natur selbst, wenn sie im Dreitausender hineinzusteuern. Frühling neue Schneemassen auf die Höhen An den schweizerischen Alpenstrassen liegt wirft. Aber da sind Hunderte von Schaufeln die Schönheit des Landes ausgebreitet. Alte tätig, um den Weg freizulegen und demjenigen die Bahn zu bereiten, der den Berg ein der jahrhundertealten Anziehungskraft der Städtchen, Flecken und Dörfer zeugen von für allemal bezwungen und erobert hat: dem Bergpässe, und je höher hinauf man sich Automobil. schraubt, um so mehr weitet sich die Welt. Wir haben oben von der Vergangenheit des Städte und Dörfer versinken in den Tälern, Autotourismus in der Schweiz gesprochen der Alltag liegt vergessen irgendwo im Dunst und mit einigen Hinweisen zu schildern versucht, wie das Auto den Berg erobert hat. Diese Entwicklung steht nicht still, sondern sie ist heute vielschichtiger als je. Das Auto will fahren, es will dahin und dorthin fahren, es verlangt Strassen, Tunnels, Sensationen. Man weiss um den Plan, auf die Rigi eine Automobilstrasse zu bauen. Der Gedanke ist nicht übel, und die Bergbahnen würden kaum wesentlich darunter leiden, dagegen ist es absolut sicher, dass die Automobilisten eine Strasse auf einen Berg nicht verachten würden. Ob die Kosten sich lohnen? Das müssen diejenigen entscheiden, die zu bezahlen hätten! Dagegen scheinen die Tunnelprojekte im Durchschnitt recht phantastisch zu sein. Zu einer Zeit, wo die Offenhaltung von Bergpässen im Winter möglich ist, wo die technische Entwicklung des Automobils sich so hoch gebracht hat, dass Steigungspannen zu den Seltenheiten gehören — und wo der weitaus grösste Teil des alpinen Autotourismus der Erholung und dem Vergnügen dient, will es dem Mann aus dem Volk nicht recht einleuchten, warum das Auto sich nun plötzlich in Tunnels verkriechen soll. I Ein Projekt, von dem man noch nicht viel gehört hat, das auch schon den Widerspruch der Naturschutzkreise herausfordert mag immerhin in unserer Plauderei über die Eroberung des Berges durch das Auto noch erwähnt werden: die Rhonegletscherstrasse. Wir wissen nicht, ob das Problem der Strasse, die über einen Gletscher führt, technisch einwandfrei zu lösen ist und ob nicht auch hier die Kosten in keinem Verhältnis zum Resultat stehen. Eines ist sicher: diese Strasse wäre eine Sensation, wie sie in Europa nirgends zu sehen wäre. Und doch widerstrebt es dem Freund der Berge innerlich, dass das Gletschereis auch vor dem Pneu nicht mehr sicher sein soll. Die Automobilister., die gleichzeitig Bergsteiger sind, wünschen auch gar nicht, der körperlichen An- der Tiefen zurück, im Mittelpunkt des ganzen Erlebens steht die Bergwelt mit ihrer schweigenden Einsamkeit In dieser Einsamkeit schöpft der Mensch, der sich in der Hast des Alltags verbraucht, die Zwiesprache mit der Natur, die der eine Erholung nennt, der andere Vertiefung, der dritte inneres Bedürfnis — und alle finden in dem Felsenbezirk der Passhöhe, wo nur die Dohle schreit und um die Felsen flattert, zu den Gefilden der Seele zurück, die der Alltag mit seinen kleinen, nichtigen Sorgen verwölkt. H. R. S. ndelboden PARKHOTEL BELLEVUE Das beliebte Familienhotel, in bester, ruhiger Lare mit grossem eigenem Park, Spielplätze. 1931 nöu gebaut Es empfiehlt sich Familie H. Richard. Grindelwald Hotel Belvedere In bester Lage, mit grossem Garten, Tennis und andern Spielplätzen. 5 Minuten vom Freiluft- und Hallenschwimmbad. Zeitgemässe Preise. 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N°53 — DIENSTAG, 30. JUNI 1936 AUTOMOBIL-REVUE brachten die Verbindungen mit West und Ost und besonders mit den nördlichen Kantonen, mit dem Mittelland. Und damit kam viel Gesamtschweizerisches ins Urner Reusstal und •jvard heimisch auch beim Urner Menschenschlag, ohne dass dabei althergebrachte Sitten und Gebräuche zerschlagen wurden. Im Gegenteil : landfremde Art hat schwer Boden zu fassen. Wo Warenhausware in den Talschaften Eingang findet, ist es nur da, wo ohnehin schwache Menschen zuhause sind, wie das überall der Fall ist. Das Starke wendet sich um so kräftiger davon ab und geht den Weg alter Väter Erbe. Selbst der < sozialistische Urner», so tatkräftig er auch für seine Ideen einzutreten weiss, steht weit ab von einer «Internationalen» und ist und bleibt fürs erste Urner. Wenn der Automobilist unser Urnerland durchfährt, gönne er sich die Zeit, die im finnischen Sprichwort so wunderbar verankert liegt, als grösste Weisheit, die wir der Gegenwart überhaupt zu geben vermögen : Gott gab die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt ! Nimmt sich der Automobilfahrer Zeit, um Land und Leute sich anzusehen, gönnt er sich die ruhige Rast im Abseits einer Talschaft oder in der Landesresidenz Altdorf zu Uri oder Andermatt zu Urseren, den Halt, der zum Plaudern und zum Gespräch mit dem Eingebornen führt, dann wird er sich freuen ob dem kräftigen, gesunden Menschenschlag und Denken, die da im Urnerland heimisch sind. Er wird sich freuen ob diesem schweizerischen Gut, das da im Herzen unserer Eidgenossenschaft, am nördlichen Gotthardfuss zuhause ist, als kräftiger Quelle starker Heimat. Dr. Max Oechslin, Altdorf. Ausbau des Col des Mosses. Die waadtländische Regierung entschloss sich, für den Ausbau des Col des Mosses einen Betrag von rund 133,300 Fr, zur Verfügung zu stellen, während der Rest der 400,000 Fr. betragenden Gesamtkosten zu Lasten der Eidgenossenschaft fallen. Die für das Col-des-Mosses-Gebiet vorgesehenen Arbeiten, auf eine Periode von 5 Jahren verteilt, erfordern eine jährliche Ausgabe von 600,000 Fr. Damit ist der Kampf zwischen Col- des Mosses und Col de Pillon zugunsten des erstem entschieden, was in Anbetracht der topographischen und verkehrspolitischen Verhältnisse verständlich erscheint, liegt doch der Coljcles Mosses 100 mliefer als der Pillon,'und ist auch im Winter, wie die letztjährigen Erfahrungen gezeigt haben, leichter dem durchgehenden Verkehr offen zu halten als die Strasse durch die Gegend der Diablerets, welche zudem von einer Eisenbahn bedient wird. würdige Bedienung Volkssitten, Volksspiele, Volksfeste: Es ist etwas Heiliges, Unbegreifliches, Mysteriöses, was da im Volke lebt — ein wandlungsvolles, vielgestaltiges und sich doch ewig gleichbleibendes Wesen, ein Zug, in dem wir den Weltgeist wohl spüren, aber nicht immer auch verstehen. Nichts ist daher so schwer als die richtige Beurteilung eines Volkes. Studieren kann man es nicht, man muss es selbst erleben. Das ureigenste Volkstum kommt einem nicht ungerufen entgegen; man muss ihm nachgehen. Wie sagt doch Dr. Titus Tobler, der grosse appenzellische Sprachforscher und Kenner der appenzellischen Eigenart: «Bis man das Leben und Weben der Leute zu Hause und auf dem Felde, in den Tälern und auf den Bergen, in dem Tempel und um die Linde, auf Jahrmärkten und in Tanzsälen und an sonstigen sonntäglichen Belustigungen, ach, dies und noch viel mehr kennt, bis dann steigen wir ins Grab.» Ein grosser Schatz ist in der Volksnatur aufgespeichert, ein unerschöpflicher Vorrat der Urkraft. Singen und Tanzen ist dem Appenzeller Bedürfnis. Wohl bildete die Tanzlust und Tanzsucht schon seit Jahrhunderten einen Zankapfel zwischen Obrigkeit und Geistlichkeit einerseits und einem lebenslustigen Jungvolk anderseits. Ihm steckt das Tanzteufelchen nun einmal in Kopf und Beinen. Wer will ihm das verargen? In seiner Studie «Der Volkstanz im Appenzellerland» erklärt Dr. honoris und humoris causa Alfred Tobler das Wesen des Tanzes humorvoll wie folgt: Die Zusammensetzung der Tanzmusik soll, wenn sie originell appenzellisch sein soll, «au näbes glich gsieh», nur aus erster und zweiter Geige, Hackbrett, Cello und Bassgeige bestehen. «Bim Appenzeller oder Ländler gohts gaanz g'stäät; offerne Flääschtäller sott me'sch chöne. Bim Schlyfer oond Gumper schüüsset die Päärli im Saal omme wie-n-e Breeme in-er-e Laterne». Uralt sind auch der «Hopser» und der «Hierig», «drei lederni Strömpf» und der «Aliestander». Auch in die volkstümlichen Alpstubeten schlug gelegentlich der obrigkeitliche Bannstrahl. Getanzt wird im Appenzellerland auch heute noch, und dies trotz der schlechten Zeiten «wie die Lonny am Stecke». Aber immer mehr schleichen auch die modernen Tänze in die ländlichen Tanzsäle; Jazzmusik, Grammophon und Radio verdrängen die alte Streichmusik mit Hackbrett. Hochzeitmachen war in alter Zeit gar keine so einfache Sache. Im 15. Jahrhundert erhielt Auswärts essen? Oolksbräuche um dsn Säntis (an der Thunstrasse) Telephon 4 Forellen, Hamme, Güggeh, Nidleplatte, Glace. Neues, heimeliges Gartenrestaurant. Nachmittags-Tee. Unterhaltung. Bescheidene Preise. Höflich empfiehlt sich Familie Künzi. Altbekannter Gasthof an der Autostrasse Kirchberg- Burgdorf-Bern. Gutgepflegte Küche und Keller. Leb. Forellen. Güggeli. Parkplatz und Werkstatt für Autos. Schattiger Restaurationsgarten. Benzintank. Tel. 74.92 Ferd. Grossenbacher-Stauffer befriedigen jeden Automobilisten. Konferenzzimmer. Saal. Schattiger Garten. Tel. Vierlinden 41.532. - Benzin. - Oel Höfl. empfiehlt sich: Farn. Daetwyler Grillroom und Restaurant. Vorteilhaft bekannt für gute Küche und Keller Neuer Inhaber: L. Stumpf-Linder Worb Vertrauenssache darum Telephon 4 Gasthof Sternen A. C. S. T. es. Soigniert in Küche und Keller Zäziwil I.E. Gasthof zum Weissen Rössli T.C.S. Hotel Löwen T.C.S. Hindelbank Keller. Küche und wunderbare Aussicht von Vierlinden Bözberg A.C.S. T.C.S. .Sonne" R. Schneiter. Küchenchef Bern Bärenplatz 7 die Braut als Mitgift drei Bienenstöcke, ein Stute, einen Bock, ein Kalb oder ein Kühlein Der Bräutigam schenkte seiner Herzaller liebsten eine mit Flachs bepflanzte Juchart« Boden, ein Malter Haber, zwei Spindeln, einen Hahn und vierzehn Hühner. Zur Hochzeit mit dem Brautlauf wurden alle Nachbarn geladen. Gross war die Freude, wenn die vollen Schüsseln mit Rüben und Speck aufgerückt kamen und wenn die dienstbaren Geister das «Brautmues», den Braten und die Würste auf den Tisch stellten. Am Tage nach der Hochzeitsfeier erschienen in Begleitung von Trommlern und Pfeifern die Verwandten im Hause des jungen Ehepaares und brachten ihm das Frühstück, bei welchem Anlas der Ehemann seiner Frau ein grosses, schönes Mutterschwein als Morgengabe schenkte. Dass bei den Hochzeiten auch tüchtig gepülverlet und geschossen wurde, versteht sich von selbst. Heutzutage kann man das Hochzeitmaohen billiger haben, so man will. Der Durchschnittsappenzeller ist wie der Züribieter und andere Bundesgenossen ein leidenschaftlicher Jasser. Das Jassen, Spielen oder Kärtlen gehört zu seinen Spezialfreudlein, die er nicht missen möchte. «Stock ond Trömpf» sind ihm geläufige Begriffe. Als Spezialität liebt er das «Trenten». Das «Berlangen» lässt er lieber sein, um mit dem Strafgesetz nicht in Konflikt zu geraten. Die ältesten Volksspiele waren gymnastischer Art, so das Ritter- und Ringspiel und der währschafte Hosenlupf, der noch nicht ganz aus der Mode gekommen ist. Gar mannigfach sind in unserem Ländchen auch die Osterbräuche: Das Eierlesen, das «Dötterle» die Osterschriften, der «Zahlmentig». So hatten am Ostermontag die Lehrer mit ihren Schülern auf dem Rathause zu erscheinen; von dort ging's in geordnetem Zuge in die Kirche, wo Sprüche und der Katechismus stundenlang abgefragt wurden. Hernach ging's zurück zum Rathaus, wo die Vorsteher jedem Kinde den Osterbatzen verabreichten und die Osterschriften-Zensuren verkündigt wurden. Auf diese Osterschriften legte das Volk einen grossen Wert. Sogar die bessere öder schlimmere Existenz eines Lehrers hing davon ab. Kein Lotteriespieler hätte mit grösserer Spannung auf die Ziehung warten können, als ein Schulmeister dem Augenblick entgegensah, wo mitgeteilt wurde, wer das Knaben- und das Mädchen-Eins, und ebenso, wer die letzte Nummer hatte. Ueber unbeliebte Lehrer sowie über die Schüler mit den «SÜhwanznoten» — «Hess» und «Sau» genannt — entlud sich Spott und Hohn des Volkes. In neuerer Zeit ist der gute alte Brauch des St. Nikiausfestes oder «Klüsler» wieder aufgekommen, der namentlich in den Gemeinden Speicher und Trogen heimisch ist. Männer und Frauen vereinigen sich zum frohen Mahle, an dem «Berewegge», «Noss» und ein harmloses Schnäpslein nicht fehlen dürfen. Es wird belebt mit lustigen Vorträgen, Schwänken, kleinen Maskeraden und frohem Gesang. Eine Volksbelustigung, die sich namentlich die Hinterländer nicht nehmen lassen, ist das Silvesterklausen. Schellenklänge und Rollengröhlen wecken die Dorfbewohner schon in aller Herrgottsfrühe aus dem Schlafe. Durch das Dorf trippelt und tänzelt und «scharwänzelt» die Schar der eigenartigen Käuze, deren Aufputz ganz seltsam kontrastiert mit der modernen Sachlichkeit. Es sind dies die Silvesterkläuse, die am letzten Tage des Jahres ihren Fischzug auf die Geldbeutel hablicher Bewohner unternehmen. Während die Klause in früheren Zeiten hohe, mit bunten Bildern beklebte Papiermützen und ein langes, mit farbigen Bändern geziertes weisses Hemd trugen, setzt heute ein förmlicher Wetteifer ein um bizarre, groteske Ausstattung, bei der der durch eine Kerze beleuchteten Kopfbedeckung besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Da sieht man die Bischofsmitra neben Phantasiehelmen, Radihauben, sogar Kirchen, Schlösser, Häuser en miniature, aus Karton und Buntpapier hergestellt. Die Gruppe der Klause formiert sich im Halbkreis; im Gleichtakt hüpfen sie von einem Bein aufs andere und verführen einen Mordsspektakel. Dumpf brummen die Senntumglocken, hell singen die Geissenglöcklein und klingt das Schlittengeröll. Es öffnen sich die Fenster, Kleingeld fliegt hinaus, ein froher Jauchzer quittiert die willkommene Gabe. Durch den strahlenden Wintermorgen geht's weiter, gassauf und gassab: Bum-bim-bam! Und erst die «Fasenacht, wenn die Mutter Küchli macht!» Der Hinterländer hat für jeden Tag der Fastnachtszeit einen besonderen Namen: «Fasnachtsoonti, Fasnachtmänti, Fasnachtzysti, Aescherementi, schmutzige Doonsti, Leckerli Fryti, Chälesaamsti, Funkesoonti, Blochemänti». Alte Tradition, die im Volke fest verankert ist, lebt jedes Jahr am Aschermittwoch in Heiden auf: der Gidiohosestoss-Umzug, organisiert und durchgeführt von der Schuljugend, die in den abenteuerlichsten, groteskesten Vermummungen dem Gidio, einer Strohpuppe in Lebensgrösse, das Geleite durchs Dorf gibt mit ohrenbetäubendem Lärm zusammenschlagender Pfannendeckel und andern Grampolinstrumenten. Den Schluss der Veranstaltung bildet die Abdankung mit Vorlesen des vom Gidio hinterlassenen Plunders. Am Funkesoontd wird er dann auf hohem Holzstoss dem Feuertod überliefert. In etlichen Gemeinden wird auch heute noch der Blochmontag, das «Blockfest» begangen. Junge Burschen laden am Vormittag einen mächtigen Baumstamm auf einen mit Tannenreisern, Waldblumen und Girlanden geschmückten- Wagen, den sie durch die Dörfer führen. Rittlings auf dem Bock sitzt der russgeschwärzte Schmied, der ein Schmiedefeuer unterhält. Die Begleiter des Zuges sammeln «milde» Gaben ein, sie kehren fleissig ein in den Wirtshäusern und zechen lustig drauflos auf Kosten des Blochbesitzers oder des Wirtes. Die Jahrmärkte und Kilbenen (Kirchweihfeste) fanden ursprünglich an Sonntagen statt, sie boten aber nur zu oft Anlass zu Ausgelassenheit und Schlägerei. Man übte sich im Kegelschieben, Blattenschiessen, Tälerlen und Steinstossen, im Giftein und Händeln, Tanzen und Spielen. Anlass zum Zusammenfluss vieler Leute gaben früher die militärischen Musterungen, an denen die waffenfähige Mannschaft samt ihren Waffen gezählt wurden. Diese Musterungen gestalteten sich zu eigentlichen Volks-? festen, Montur und Armatur wurden auf diesen Tag bestmöglich instand gesetzt. Es wurde exerziert und manöveriert, dass es eine Freude war, und gezeigt, was die Mannschaft im Schweisse des Angesichtes gelernt hatte von ihren Drillmeistern. Nur mehr in der Erinnerung lebt dio Naregmäänd im Volke weiter. Drollig war dieser Brauch, voll aparter Landesgerüchlein, eine Heerschau einheimischen Sprachgutes darstellend, urohigste Typen des Volksbestandes heraufbeschwörend. Es war dies eine Parodie auf die Landsgemeinde, die oft zu behördlichem Einschreiten Anlass gab. So heisst es im Landsgemeindemandat von 1680 also: «Und weilen uns mehrmalen geklagt worden wegen der so genannten nachgemeinden, am Tag nach der Landsgemeind, dass sie grossen Haass und Feindschaft gebaren, in-; dem unterschidlichen Leuten unbeliebige, ja etwa schmählich Aembter auferlebt worden, wellche sich auch etwa zuvor abkauffen müssen, wann sie wollend sicher sein, zu geschweigen, dass dergleichen possenwerkh der gewöhnlichen Landsgemeind und dem ganzen Land verkleinerlich, auch an im selbs unrecht ist, wollen wir deswegen solches aller Orten an 3 Pfennig verboten haben.» Wie lässt sich das Verschwinden einer dem appenzellischen Volkscharakter so entsprechende Einrichtung eigentlich erklären? Die Freude am Witz, die Neigung zum Verspotten und Kritisieren hat gewiss nicht abgenommen. Mit der allgemeinen Erklärung, dass etwas nur solange Reiz hat, als es zu den verbotenen Dingen gehört, kommt man hier gewiss nicht aus. Der Grund liegt anderswo. Die Zeiten haben sich geändert und die Mittel, an den Personen und den Zuständen Kritik zu üben, sind anders und zahlreicher geworden: die Zeit der Narrengemeinde ist wohl unwiederbringlich vorbei. Damit haben wir den Spaziergang durch den üppigen Krautgarten alter Sitten, Bräuche, Spiele und Feste des Appenzellervölkleins beendigt. Wie vieles Hesse sich über dieses Thema noch berichten! So über die appenzellische Mundart, den appenzellischen Volksgesang und -jodel, über des Appenzellers Witz und Schlagfertigke'it und seinen unheimlichen Hang zum «Chöglen» und «Giftein», doch davon kann ja später einmal die Rede sein. Bis dahin, verehrteste Leser: «Sönd so guett ond lebet wohl!» Oscar Alder, Heiden. Alpenfahrten sind sicherer und viel genussreicher mit dem prächtigen Tourenbuch: Automobilführer durch die Alpen. Zu beziehen durch alle grosseren Buchhandlungen und beim Verlag Hallwag, Bern. 19