15.06.2021 Aufrufe

FINE Das Weinmagazin 53. Ausgabe - 02/2021

Die Themen dieser Ausgabe sind: MOSEL Karthäuserhof - Aufwachen Dornröschen, wir sind da! WEIN UND SPEISEN Jürgen Dollase im Restaurant >> DIE ENTE in Wiesbaden TASTING Das große Chardonnay-Tasting WEIN UND ZEIT Die Geschichte des Lübecker Weinhauses Tesdorpf CHAMPAGNE Buntes Blech mit Sammlerwert RHEINHESSEN Weingut Wechsler - Bauchgefühl und Spitzenlage TOSKANA Fattoria Le Mortelle DIE PIGOTT KOLUMNE Die neue Blüte des Beaujolais

Die Themen dieser Ausgabe sind:

MOSEL Karthäuserhof - Aufwachen Dornröschen, wir sind da!
WEIN UND SPEISEN Jürgen Dollase im Restaurant >> DIE ENTE in Wiesbaden
TASTING Das große Chardonnay-Tasting
WEIN UND ZEIT Die Geschichte des Lübecker Weinhauses Tesdorpf
CHAMPAGNE Buntes Blech mit Sammlerwert
RHEINHESSEN Weingut Wechsler - Bauchgefühl und Spitzenlage
TOSKANA Fattoria Le Mortelle
DIE PIGOTT KOLUMNE Die neue Blüte des Beaujolais

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REVOLTE UNTERM TURM

CHÂTEAU LATOUR BRICHT MIT BORDEAUX-KONVENTIONEN

Neues Weingesetz Toskana Karthäuserhof Duell der Giganten Subskription

Kippt der Ruf Antinori im Ein Duo weckt Scharzhofberg trifft auf Für wen lohnt sich der

der Großen Gewächse? Wilden Westen Dornröschen auf Bernkasteler Doctor frühzeitige Kauf noch?


FINE

DAS WEINMAGAZIN 2|2021

DUELL DER GIGANTEN 28

RENAISSANCE AN DER RUWER 40

STRATEGIEN FÜR BORDEAUX 64

PFERDESTÄRKEN UND MONDKALENDER AUF LATOUR 14

JUNGER DEUTSCHER CHARDONNAY 68 MALERISCHES SAINT-ÉMILION 80

KAPSELKOLLEKTIONEN 96

ANTINORIS NEUZUGANG 114 HIPSTER IN RHEINHESSEN 104 AUFBRUCH AM DUERO 136 DOMPTEURIN DER STAATSDOMÄNE 130

9 FINE EDITORIAL ________________Zeit des Aufbruchs

12 FINE CHARTA ___________________Wie wir Weine bewerten

14 FINE BORDEAUX ________________Château Latour mag’s unkonventionell

24 FINE BORDEAUX ________________Der Jahrgang 2020

28 FINE BESTE LAGEN _____________Mosel-Mythen

36 FINE TASTING ___________________Scharzhofberg triff Berncasteler Doctor

40 FINE RUWER ____________________Aufbruchstimmung im Karthäuserhof

48 FINE GENIESSEN _______________Glasklarer Genuss mit Ursula Heinzelmann

50 FINE VINOTHEK _________________Der Mann hinter Wein & Co: Willi Klinger

56 FINE WEIN UND SPEISEN _______Jürgen Dollase isst in der »Ente« in Wiesbaden

64 FINE HINTERGRUND ____________Die Geschichte der Bordeaux-Subskription Teil II

68 FINE TASTING ___________________Ring frei für deutschen Chardonnay

74 FINE WEIN UND ZEIT ___________Die Geschichte des Lübecker Handelshauses Carl Tesdorpf

80 FINE BORDEAUX ________________Zu Besuch in Saint-Émilion

96 FINE CHAMPAGNE ______________Buntes Blech mit Sammler wert

102 FINE NEUZUGANG ______________So schmeckt der Sommer im Glas

104 FINE RHEINHESSEN ____________Bauch gefühl und Spitzen lagen: Katharina Wechsler

112 FINE WORTWECHSEL ___________Beerdigt das neue Weingesetz die Großen Gewächse?

114 FINE TOSKANA _________________In Italiens wildem Westen: Fattoria Le Mortelle

122 FINE DIE PIGOTT KOLUMNE ____Die neue Blüte des Beaujolais

126 FINE DAS GROSSE DUTZEND __Riesling aus Franken: Rudolf Fürst

130 FINE RHEINGAU ________________Kathrin Puff experimentiert im Steinbergkeller

136 FINE RIBERA DEL DUERO _______Die Kinder des neuen Aufbruchs

146 FINE ABGANG __________________Die Entdeckung der Weinwelt

6 FINE 2 | 2021 INHALT

INHALT FINE 2 | 2021 7


LIEBE LESERINNEN,

LIEBE LESER,

THE ODYSSEY

HAS JUST BEGUN

Hennessy empfiehlt massvoll-geniessen.de

wer meint, es mangele unserer Welt

an Helden, der wird gegenwärtig

eines Besseren belehrt: Große und

kleine Helfer, die sich einbringen,

eigenes Interesse hintanstellen, sich

für Arme, Schwache, Kranke einsetzen,

mitkämpfen, durchhalten, hat

die Pandemie weltweit zum Handeln

angeregt. Vielleicht müssen wir uns das

ab und zu ins Bewusstsein rufen, wenn

uns wieder einmal alles zu langsam geht.

Die Natur atmet auf, und mit ihr auch

wir: Ein fordernder Winter – nass, zäh,

einsam bis tief in den Mai – ist endlich Geschichte, und

der Blick auf sockenlose Füße verrät: nein, keine Fata

Morgana, der Sommer naht.

Dieser Frühling steht mehr denn je im Zeichen des

Aufbruchs: Kletternde Temperaturen, anhaltende Disziplin

und eine Impfkampagne, die Fahrt aufnimmt, erlauben uns

ein Stück Normalität. Im Freien sitzen, Freunde treffen,

ein Glas Wein auf einer Restaurantterrasse genießen –

die wiedergewonnene Freude und Wertschätzung, die

frühere Alltäglichkeiten bei uns auslösen, sind ein positives

Fazit, das wir aus der Krise ziehen. Die lange Lähmung

des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens lässt uns

spüren, wie ausgehungert wir nach Begegnung, Austausch,

Geselligkeit, Genusserleben sind.

Deshalb feiert diese FINE-Ausgabe den Aufbruch,

das neu gewonnene Leben auf rund 150 Seiten voller

Sinneslust und Lebensfreude. Gleich mehrfach hat uns

die Suche danach an Orte dirigiert, wo Mönche, Weinmacher

der ersten Stunde, wirkten. Quer durch Europa

geht die Reise, in Saint-Émilion, im Rheingau und an der

Ruwer haben wir Kellermeister besucht, die das klösterliche

Erbe durch moderne Zeiten führen.

Ein Aufbruch sollte auch das neue Weingesetz werden.

Doch es erweist sich als schwere Geburt. Dieser Findungsprozess

führt vor, wie ein Übermaß an Kompromiss und

die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner das

angestrebte Ziel aus den Augen verliert: mehr Transparenz

und Verständlichkeit für Weinkäufer.

Nicht ganz neu ist der Umstand, dass Weinmessen unter

Ausschluss des Publikums stattfinden. Pandemiebedingt

gab es im Bordeaux die En-Primeur-Proben erneut nur für

handverlesene Zirkel. FINE gewährt seinen Lesern einen

exklusiven Einblick, wagt einen Ausblick auf die Wertentwicklung

des Jahrgangs 2020 und fragt, welche Folgen

fehlendes persönliches Erleben und der ausgefallene Diskurs

für das Handelsmodell Subskription haben wird.

Eine Sensation für die Branche war die Neuigkeit,

dass Ralf Frenzel – Sommelier, Weinhändler, Unternehmer,

Verleger und FINE-Herausgeber – die Seite

der Weinproduzenten nun auch in Person vertritt: Seit

April ist er Eigentümer der Weingüter Wegeler und Krone

Assmannshausen, zu deren Portfolio 19 VDP-klassifizierte

Große Lagen an Rhein und Mosel gehören. Eine freudige

Nachricht, aber auch ein Thema, weil die FINE-Redaktion

große Weine, die dort gewachsen sind, nicht ignorieren kann

und will. Wir glauben, dass unser Urteil auch skeptischen

Prüfungen besteht, und halten an der Unbestechlichkeit

unserer Blindproben fest. Wie wir dabei vorgehen, können

Sie in jeder FINE-Ausgabe nachlesen.

Der zweite Neuzugang betriff unsere Redaktion: Mit

der aktuellen Ausgabe übernehme ich den Posten auf der

FINE-Kommandobrücke und freue mich auf meine Rolle

als Lotsin durch die Weinwelt. Wir wollen den Kompass

nach Entdeckungen und Abenteuern ausrichten, die sie

zuhauf für uns bereithält. Mein Wunsch für die Zukunft?

Dass auf unserer gemeinsamen Reise die Überraschung

zur Regel wird, dass sie uns Begegnungen mit neuen und

alten Bekannten beschert und möglichst oft zu geselligen

Runden einlädt, weil Wein die Menschen auf wunderbare

Art zusammenführt. Auf den Aufbruch also – zu den Helden

im Weinberg, zu neuem Genuss und guter Gesundheit.

Ihre Nicole Mieding

Chefredakteurin

EDITORIAL FINE 2 | 2021 9


UNTER GIGANTEN

Foto: Guido Bittner

Geht es um Legendenbildung in der Weinwelt, liegen zwei Giganten ganz vorn: Der

Scharzhofberg und der Bernkasteler Doctor zählen zu den wohl besten und berühmtesten

Weinbergen Deutschlands. Während sich einige Rivalen ihre Sporen erst in den vergangenen

30 oder 40 Jahren verdient haben, kommt man bei diesen beiden Ausnahmelagen

an Saar und Mosel nicht an einer Betrachtung ihrer langen und ereignisreichen

Geschichte vorbei. Material für ein ausführliches Quellenstudium gibt es reichlich, und je

mehr man sich in die Materie vertieft, desto mehr Respekt gewinnt man für die Berichterstatter,

die mit viel Aufwand und Akribie historische Dokumente und Urkunden aufgespürt

und ausgewertet haben.

Von MICHAEL SCHMIDT

Beim Versuch, dem Charakter dieser Weinberge

nachzuspüren, waren einige Quellen

besonders hilfreich. Das Buch »Könige des

Rieslings« von Peter Sauerwald und Edgar Wenzel,

Franz Irsiglers »Die Privatisierung des Scharzhofes

zu Beginn des 19. Jahrhunderts«, Roland Klingers

Porträt »Der Bernkasteler Doctor, ein Weinberg

mit interessanter Geschichte« sowie »Bernkasteler

Doctor, der kurfürstliche Weinberg« aus der Feder

von Dr. Helmut Prößler.

Derlei Verfasstes gibt es für die Begründung

des Weinbaus an Mosel, Saar und Ruwer durch

die alten Römer natürlich nicht, dafür aber Funde

von Weinparaphernalien wie einem Rebmesser bei

Kobern oder dem Relief eines Winzers am Rebstock

auf einer spätrömischen Grabplatte in Trier, die sich

auf das 1. Jahrhundert datieren lassen. Schriftliches

Zeugnis vom Weinbau an der Mosel gibt es aber

schon vom 6. Jahrhundert an, als der Dichter und

spätere Bischof Fortunatus sich in einem Bericht

über seine Moselreise im Jahr 588 begeistert über

die Weinlandschaft bei Trier und die harte Arbeit

der Winzer äußerte. Nach dem Rückzug der Römer

aus der Region begannen sich die Klöster der Rebkultur

anzunehmen.

Bernkastel, Heimat des Doctors, findet erstmals

im 7. Jahrhundert als römisches Kastell Princastellum

Eintrag in die Geschichtsbücher, Mauerreste von

dieser Anlage deuten auf seine Existenz im 3. Jahrhundert

hin. Die früheste urkundliche Erwähnung

vom Weinbau in Berncastell stammt aus dem Jahr

1228, und 1286 wurde in Berencastel amtlich verbrieft

ein Weinzehnter erhoben. Nachdem Bernkastel

jahrhundertelang zum Bistum Trier gehörte,

befand es sich von 1794 bis 1814 unter französischer

Verwaltung, bis die Gemeinde auf dem Wiener

Kongress dem Königreich Preußen zugeschlagen

wurde.

Beim Scharzhof nimmt man hingegen an, dass er

möglicherweise schon bei der Gründung des Trierer

Klosters St. Marien ad martyres im Jahr 700 zu dessen

Ausstattung gehörte. Eine urkundliche Bestätigung

der Besitzungen und Ländereien des Klosters in

Wiltingen durch den Erzbischof von Trier gibt es aus

dem Jahr 1030. Vom Mittelalter bis Ende des 18. Jahrhunderts

war Wiltingen gemeinsam mit dem Nachbarort

Kanzem im Kurfürstentum Trier eine Enklave

des Herzogtums Luxemburg. Diese Eigenständigkeit

endete 1794 mit der französischen Besetzung

der Region, 1815 wurde Wiltingen dann Teil der

preußischen Rheinprovinz.

28 FINE 2 | 2021 DEUTSCHLANDS BESTE LAGEN

DEUTSCHLANDS BESTE LAGEN FINE 2 | 2021 29


AUFWACHEN

DORNRÖSCHEN,

WIR SIND DA!

DER KARTHÄUSERHOF IST EINES DER

ÄLTESTEN WEINGÜTER DER WELT MIT

EINZIGARTIGEN LAGEN UND EINER

BEWEGTEN GESCHICHTE. MIT MATHIEU

KAUFFMANN UND RICHARD GROSCHE WILL

DAS GUT SEINE TROCKENEN RIESLINGE

ZURÜCK AN DIE WELTSPITZE FÜHREN.

Von KRISTINE BÄDER

Fotos ALEX HABERMEHL

40 FINE 2 | 2021 RUWER

RUWER FINE 2 | 2021 41


JÜRGEN DOLLASE

WEIN & SPEISEN

DIESER

KÜCHENCHEF

KANN WEIN

JÜRGEN DOLLASE BEI MICHAEL KAMMERMEIER UND ELENA HART

IM RESTAURANT »DIE ENTE« IM HOTEL »NASSAUER HOF« IN WIESBADEN

Fotos GUIDO BITTNER

»Die Ente« im Wiesbadener Hotel Nassauer Hof ist eine der großen deutschen Restaurantadressen. Mitten in einer Landschaft aus

Business, Medien, Kultur und viel Prominenz gelegen, wurde sie in der aufstrebenden deutschen Gourmetszene der 1970er- und 80er-

Jahre schnell zu einem berühmten Treffpunkt. In einer für uns heute kaum noch nachvollziehbaren Art geriet dort quasi jeder Abend

zum Fest, weil sich regelmäßig Menschen trafen, die die Kombination aus gutem Essen und Wein als Alltagskonzept lebten. Urheber

dieser Küchenherrlichkeit war Kochlegende Hans-Peter Wodarz, der 1979 sein Münchner Restaurant »Die Ente im Lehel« in den

Nassauer Hof nach Wiesbaden verlegte und im Guide Michelin von 1980 dafür einen Michelin-Stern bekam. Dieser Stern leuchtet seitdem

ohne Unterbrechung.

Daneben gelang den Betreibern eine wahre

Revolution: Sie meinten, ein Gourmetrestaurant

in Wiesbaden müsse auch eine

Verbindung zu den Weinen der Gegend schaffen.

Unter dem Druck einer Kundschaft, die zwar extrem

weinaffn war, in der Regel aber Flaschen aus Frankreich

bestellte, entstand nach und nach einer der

besten und interessantesten Weinkeller des Landes –

mit wachsenden Positionen trockener Weine von

deutschen Winzern auf der Weinkarte des Gourmetrestaurants.

Wesentlich beteiligt an diesen Anfängen

des deutschen Weinwunders war Ralf Frenzel, heute

FINE-Herausgeber, der 1983 als damals jüngster

Sommelier Deutschlands die Betreuung der Weine

in der »Ente« übernahm. Auf Hans-Peter Wodarz,

der elf Jahre Küchenchef blieb, folgten als Chefköche

Herbert Langendorf, Gerd Eis und schließlich

Michael Kammermeier (seit 2006). Das Konzept, den

namengebenden Vogel in der Speisekarte besonders

zu würdigen, wurde stets beibehalten. Ein Besuch

in der »Ente« ist auch in unseren stark veränderten

Zeiten eine sichere Bank: Die Küche unter Michael

Kammermeier ist besser denn je, und im Weinsektor

verschaff neben großen Weinen aus aller Welt die

nach wie vor enge Bindung an die Region garantiert

besondere Erlebnisse.

Chefkoch MICHAEL KAMMERMEIER (43) hat

nach seiner Ausbildung in »Neubrand’s Stüble«

in Bad Wörishofen zunächst von 1997 bis 1999 bei

Heinz Winkler in Aschau gearbeitet. Es folgte eine

Station beim damaligen Kreativstar Stefan Marquard

in den »3 Stuben« in Meersburg und eine kurze Zeit

im edlen »Lenbach« in München. Schon im Jahr

2002 ging es dann nach Wiesbaden in die »Ente«,

in der er 2006 Chefkoch wurde. Kammermeier

hat durch diese in der Branche seltene Beständigkeit

und speziell bei seinen Kreationen rund um

den namensgebenden Vogel eine beträchtliche

Finesse entwickelt, die weithin unterschätzt ist.

Eine weitere Spezialität seiner Küche ist eine große

Affnität zu Wein: Der 43-Jährige gehört zu jenen

deutschen Köchen, die am besten mit und zu Wein

kochen.

Sommelière ELENA HART (28) ist ein noch junges

Talent, das sich wie viele gute Sommeliers erst nach

einigen Umwegen für die Arbeit mit Wein entschieden

hat. Nach dem Abitur machte sie zunächst

eine Ausbildung zur Hotelfachfrau im »Lufthansa

Training & Conference Center« in Seeheim. Einer

kurzen Zeit als Commis de Rang an gleicher Stelle

folgte 2015 ihr Wechsel in den Nassauer Hof, wo sie

sich für den Weg zur Sommelière entschied. Dass

sie die Neigung und das dazu nötige Talent mitbringt,

wird deutlich, Harts Voraussetzungen für

eine Karriere als Sommelière sind ausgesprochen gut.

56 FINE 2 | 2021 WEIN & SPEISEN

WEIN & SPEISEN FINE 2 | 2021 57


ERFRISCHENDE

GENUSSWELTEN!

DAS GUTE (ER)LEBEN – HIGHLIGHTS FÜR ALLE SINNE,

NUR BEI TRE TORRI

Basmatireis-Eis

Der Abschluss des Menüs ist eine feine, leichte Süßspeise,

bei der Michael Kammermeier mit einer

dezenten Cremigkeit, verschiedenen Texturen und

vor allem viel Frische spielt. Es gibt einen Granny-

Smith-Sud, ein Apfel-Basmati-Eis, Granny Smith

blanchiert und roh, einen Bisquit von Matcha-Tee,

ein Sorbet von Granny Smith und Zitronenverbene

sowie einen Reischip. Sensorisch dominiert das

feine Spiel der Texturen und Temperaturen, nicht

so sehr eine dichte Wand von Süße und Aromen,

wie das sonst bei vielen Desserts der Fall ist. Insgesamt

ist das Geschmacksbild trotz der bekannten

Zutaten erstaunlich originell, was vor allem an den

Proportionen liegt.

WEIN 1 Ein Rieslingsekt extra brut vom Weingut

Barth in Hattenheim (Rheingau). Der Sekt wurde

mit einer Temperatur von 10 Grad serviert. Er

riecht intensiv nach Apfel mit einer leichten Säure

im Hintergrund. Am Gaumen wirkt er zuerst überraschend

leicht, entwickelt dann sein Apfelaroma

und eine eher dezente Säure, wirkt aber nicht

unbedingt »brut«. Er bleibt leicht, ist aber nicht

kurz. Zum Apfelsud allein schmeckt der Sekt sehr

trocken. Zu dem mild-süßen Eis wird daraus sogar

ein echter »brut«. Zu allen möglichen anderen

Akkorden bleibt der Eindruck stabil zwischen sehr

trocken und »brut«, wobei der Sekt die Süße des

Desserts nicht unterdrückt, sondern eher einfängt

und damit erweitert.

WEIN 2 Eine 2018er Riesling Auslese, Erste Lage

Turmberg vom Weingut Robert Weil in Kiedrich (Rheingau).

Der Wein wurde mit einer Temperatur von

12 Grad serviert. Schon in der Nase zeigt sich eine

elegante Mineralität und eine schöne Balance. Am

Gaumen entwickelt sich sofort Süße, die aber schnell

eine feine, eingebundene Säure und jene weinige

Grundierung entwickelt, die im Zusammenhang

mit einem Dessert auf einen ausgesprochen dienlichen

Akkord schließen lässt. Die Geschmacksentwicklungen

sind deutlich anders als beim Sekt.

Zum Apfelsud ist sie eher mild, es entwickelt sich

ein angeregtes Spiel mit den Kräuternoten. Mit

dem Eis nimmt der Wein die Süße auf, spielt einige

Sekunden mit seiner Säure und geht dann in ein eher

trockenes Bild über. Im Vollakkord ist die Reaktion

sehr mild und zeigt eher elegante Umspielungen als

eine weinige Grundierung.

Das Dessert bietet eine beträchtliche Vielfalt an

Aromen und ein deutliches Spiel mit Süße, Säure,

Frucht- und Kräuternoten. Insofern geht es bei

der Begleitung eher um einen Mitspieler, der

dieses Spektrum ergänzt. Mit dem Sekt dominiert

der trockene Eindruck und eine entsprechende

Ergänzung des Spektrums, mit der Auslese eher

das Spiel mit dem Variantenreichtum. Beide

Empfehlungen sind gut, wobei der Sekt das offensichtlichere

Zusammenspiel bringt, und die Auslese

sich wegen der filigranen Struktur ihrer Reaktionen

eher für Esser mit Freude an feinsten Nuancen eignet.

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FAZIT Die sehr gute Arbeit in der »Ente« demonstriert eindeutig die enorme Vielseitigkeit deutscher Weine in der Kombination mit Speisen. Dabei muss man

unbedingt den Eindruck bekommen, dass sich hier eine Tradition im Umgang vor allem mit den Weinen aus Rheingau, Rheinhessen und Pfalz entwickelt hat, die

zu besonderen Qualitäten führt. Ein Höhepunkt ist zweifellos die Kombination der Entenbrust mit dem gereiften Spätburgunder Weißherbst Assmannshäuser

Höllenberg als trockene Auslese, die ein komplett anderes geschmackliches Register schaff, das selbstbewusst auch den Vergleich zu Qualitäten mit den häufig

genutzten großen Weinen aus Frankreich oder Übersee nicht zu scheuen braucht. Insofern ist die Arbeit in der »Ente« auch ein gutes Vorbild und ermuntert

dazu, die besonderen Erlebnisse im Zusammenhang mit Weinen aus deutscher Produktion zu suchen.

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62 FINE 2 | 2021 WEIN & SPEISEN


JÄGER UND

SAMMLER

WIE BORDEAUX AN DER PREISSCHRAUBE DREHT

Globalisierung, Klimawandel und zuletzt die Corona-Pandemie haben das Wesen der Bordeaux-

Subskription verändert. Rentiert sie sich für die Käufer noch? Teil zwei unserer Geschichte der

Bordeaux-Subskription wirft einen Blick in die jüngere Vergangenheit und die bewegte Gegenwart.

Von STEFAN PEGATZKY

Foto: Johannes Grau

Es war eine Weltpremiere: Zum ersten Mal in der

jahrzehntelangen Geschichte der En-Primeur-

Verkostung des neuen Bordeauxjahrgangs fand

die Präsentation nicht nur in Bordeaux, sondern auch

in einer Handvoll weiterer Weinmetropolen statt:

Hongkong, Zürich, Brüssel, Paris, Tokyo, Shanghai

und Frankfurt am Main. Am 29. Juni 2020 durfte eine

handverlesene Auswahl von Händlern und Kritikern

im Festsaal des Gesellschaftshauses Palmengarten in

drei Durchgängen und unter strikter Einhaltung aller

Hygiene- und Abstandsregeln etwa 100 Flaschen mit

Fassproben des 2019er-Jahrgangs degustieren, die die

Union des Grands Crus de Bordeaux bereitgestellt

hatten. Covid-19 machte es möglich: Nicht wir, die

»Wine Professionals« aus aller Welt, mussten die alljährliche

Pilgerfahrt ins Bordelais auf uns nehmen.

Diesmal war tatsächlich der Wein zu uns gekommen.

Auch wenn die Verkostung einige Monate

nach dem gewohnten Termin im Frühjahr durchgeführt

wurde und die Bewertungen der weltweit

wichtigsten Weinkritiker nicht wie üblicherweise

vor, sondern mitten in die Verkündung der jeweiligen

Handelspreise veröffentlicht wurden, so waren sich

die Beobachter doch einig, dass den Organisatoren

ein Coup gelungen war. Die Anpassungsfähigkeit

und Innovationskraft des Bordelais in dieser

globalen Krise verdiene Anerkennung, befand die

britische Weinhandelsplattform Liv-ex. Auch die

Subskription selbst wurde zum Erfolg: hervorragender

Jahrgang, moderate Preise und eine hohe

Kundennachfrage. Nichts, so schien es, konnte dem

Geschäftsmodell des Bordelaiser Handels etwas

anhaben – weder Trump’sche Strafzölle noch

drohender Brexit, Unruhen in Hongkong oder gar

eine weltweite Pandemie. Da wurde die Nachricht,

dass die En-Primeur-Verkostung des 2020er-Jahrgangs

in Bordeaux erneut abgesagt werden musste,

fast schon mit einem Schulterzucken hingenommen.

Dabei fehlt es nicht an Warnungen, die das traditionsreiche

Subskriptionsgeschäft mit Bordeauxweinen

am Abgrund wähnen. Vorwürfe von Intransparenz,

Marktmanipulation, Blasenbildung und Überteuerung

sind nur einige Misstöne, die das Marketingorchester

des Handels stören. Nicht nur für Weinfreunde,

Sammler und Investoren stellt sich im

Frühsommer 2021 die Frage: Ist der Kauf per Subskription

prinzipiell noch das richtige Instrument,

und rentiert sie sich im derzeitigen wirtschaftlichen

Umfeld? Vor allem aber ist eins zu beantworten: Ist

2020 ein guter Jahrgang?

Achtung, Schwindelgefahr

Das Problem von Bordeaux, so hat es vor gut zwei

Jahrzenten Thierry Gardinier, der damalige Besitzer

von Château Phélan-Ségur, formuliert, »ist nicht der

Preis, sondern die Preispolitik«. Um das zu verstehen,

muss man drei Jahrzehnte zurückgehen: Damals

begann, nachdem sich die Bordeaux-Subskription

mit dem 1982er-Jahrgang endgültig etablieren konnte

(siehe FINE 1/2021), für Sammler und Händler

ein äußerst erfolgreiches Jahrzehnt, in dem sehr

gute Qualitäten auf ansehnliche Wertsteigerungen

trafen. Nach vier schwachen bis mittleren Jahren

von 1991 bis 1994 wurde der mit einigem Vorschusslob

bedachte 1995er sehnsüchtig erwartet. So entwickelte

sich der allenfalls gute Jahrgang zum bis dato

zweitteuersten des Jahrhunderts. Tatsächlich war es

nicht zuletzt wegen wirtschaftlich guter Rahmenbedingungen

zum Einstieg asiatischer Händler aus

Hongkong und Singapur in den Subskriptionsmarkt

gekommen – kein Wunder, dass der 1996er-Jahrgang

noch einmal eins draufsetzte. Weinkritiker Robert

Parker sagte schon damals voraus, dass gegenüber

den 2010er-Zahlen die »Stratosphärenpreise« der

1996er wie Schnäppchen aussehen würden. Als

1996 zudem der chinesische Premierminister Li

Peng einen Toast bei der Präsentation des neunten

Fünfjahresplans zum Anlass nahm, die Segnungen

moderaten Rotweingenusses zu preisen und so die

Geburtsstunde des Weinmarkts in Festlandlandchina

einleitete, wollte der gierige Bordelaiser Handel

auch für den schwachen 1997er deutliche Preisaufschläge

durchsetzen: der erste echte Sündenfall

des Bordelais nach der Katastrophe von 1973/74.

Danach ging es Schlag auf Schlag und nahezu

immer nur nach oben: Der 2000er sah einen

einzigartigen Hype um die drei Nullen und

eine Subskriptionskampagne ohne »Schamgrenze«

(Kühler & Kühler, Bordeaux-Kompass 2002/03),

wobei vor allem die Preise an der Spitze der Pyramide

regelrecht explodierten. Tatsächlich hatte sich der

Schwerpunkt des Handels mittlerweile weg von

den traditionellen Märkten Westeuropa und Nordamerika

hin zu den Schwellenländern insbesondere

in Asien verlagert. Gleichzeitig veränderte Bordeauxwein

durch neue Investmentfonds seine Natur, er verwandelte

sich, wie Stephan Brooks es in »Bordeaux.

People, Power and Politics« (2001) ausdrückte, »von

einem Getränk in ein Sammlerstück«. Nach einer

kurzen Atempause in den schwachen Folgejahren

gelangten jedenfalls die klassifizierten Gewächse des

als neuer Jahrhundertjahrgang (vorschnell) hochgejubelten

2003ers fast auf gleichem Preisniveau

in den Markt wie 2000 – was etwa dem 2,7-fachen

Preis des herausragenden Jahrgangs 1990 entsprach.

Dann kam der hervorragende 2005er – und

wieder brachen alle Dämme: Nun katapultierte sich

der Preis gegenüber dem Vorjahr noch einmal um

mehr als 188 Prozent nach oben (laut Benjamin

Lewin in »What Price Bordeaux?«). Es folgte

2009 mit Robert Parkers legendärem 19-fachen

100-Punkte-Scoring und einer nochmaligen Preisexplosion

um 150 Prozent gegenüber dem Vorjahr

(gemäß Preisindex »Bordeaux 500« von Liv-ex),

Nichts scheint dem Geschäftsmodell des Place

de Bordeaux etwas anhaben zu können: Weder

Trump’sche Strafzölle, drohender Brexit, Unruhen in

Hongkong noch eine weltweite Pandemie.

bis schließlich mit dem noch einmal elf Prozent

teureren 2010er-Jahrgang auf dem Höhepunkt der

chinesischen Liebesaffäre mit Bordeaux das bisherige

Allzeithoch des Subskriptionsgeschäfts erreicht war.

Danach gingen die Preise (nicht zuletzt wegen der

Finanzkrise und dem chinesischen Antikorruptionsgesetz)

zurück, aber nicht in dem Maße, das Kritiker

zufriedengestellt hätte. Der mäßige 2011er wurde fast

so teuer verkauft wie der 2005er, es folgten schwache

bis mittlere Jahre (2012–2014), die niemand so recht

wollte, bis 2015 und 2016 erneut an der Preisschraube

drehten, wodurch der 2016er – trotz Trump und

Brexit-Angst – fast auf das Niveau des 2009ers gehievt

wurde. Der mäßige 2017er erlebte mit Preisen, die

denen des 2015ers entsprachen, wieder eine verfehlte

Preispolitik des »Place de Bordeaux«. Nach

erneuten Preiserhöhungen für den 2018er gab es

allerdings für den sehr guten 2019er während der

völlig unübersichtlichen, von Corona geprägten

Kampagne den ersten echten Lichtblick der vergangenen

Jahrzehnte – mit Preisen unterhalb des

2015er-Jahrgangs.

Investoren sind skeptisch

Es verwundert also nicht, dass langjährige Bordeauxliebhaber,

von denen viele bereits in den 1980ern mit

dem Kauf begonnen haben, mit einigem Misstrauen

auf die diesjährige Subskription schauen. Argumente,

dass schließlich auch die Qualität der Weine

immer besser geworden sei, überzeugen nur bedingt.

Da werden Investitionen in Keller und Weinberge

angeführt, verbesserte Produktionsverhältnisse, die

64 FINE 2 | 2021 HINTERGRUND

HINTERGRUND FINE 2 | 2021 65


Die neue Generation der

Chardonnay-Winzer: Julian

Huber, Friedrich Keller und

Sebastian Fürst wissen die

Bürde väterlicher Tradition

mit Leichtigkeit zu nehmen,

das spiegeln ihre Weine

unmissverständlich wider.

Auch Gesine Roll und Verena

Schöttle haben gut Lachen,

weil ihnen die Chardonnay-

Stilistik außerordentlich liegt.

Friedrich Keller und Julian Huber waren gerade mal ein Jahr alt, als der Chardonnay

1991 in Deutschland offziell als Rebsorte zugelassen wurde. Gesine Roll, Jahrgang 1983,

feierte ihren achten Geburtstag. In Burgund dagegen, dem Ursprungsort des Chardonnays,

haben die Winzer »300 Jahre mehr Erfahrung und Geschichte«, wie Friedrich Keller vom

Weingut Franz Keller am Kaiserstuhl betont. Trotzdem können sich die drei Jungwinzer

heute schon zu den Chardonnay-Spezialisten zählen, genau wie ihre Kollegen Sebastian

Fürst aus Franken und Verena Schöttle vom Rheingauer Weingut Chat Sauvage. Sie alle

präsentierten ihre Weine beim großen Chardonnay-Tasting, das am 29. April 2021 im

»Glas.Cabinet«, der Vinothek des Weinguts Robert Weil in Kiedrich, stattfand.

Schon Fritz Keller, Bernhard Huber und Paul

Fürst, die legendären Väter der jungen Winzer,

waren Schrittmacher, als es darum ging, der

jungen Rebsorte in badischen und fränkischen Weinbergen

zu einem eigenen Profil zu verhelfen. Für

Verena Schöttle und Gesine Roll ist Chardonnay

dagegen noch vergleichsweise neu: Schöttle kam

im Herbst 2015 in den Rheingau zu Chat Sauvage,

seit 2016 ist sie dort Betriebsleiterin und auch für

den Keller verantwortlich. Die Reben für ihren

Chardonnay Clos de Schulz stehen im Winkeler

Dachsberg auf Lösslehm mit Quarzit. Die Lage wird

von einer kleinen Mauer umrandet wie ein Clos im

Burgund. Gepflanzt wurde der Chardonnay im Jahr

2005 vom inzwischen 82-jährigen Hamburger Unternehmer

Günter Schulz, der Chat Sauvage 2001 in

Johannisberg gegründet hatte.

Gesine Roll, die im rheinhessischen Monzernheim

das Weingut Weedenborn leitet, füllte ihre erste

Chardonnay Réserve im Jahr 2014. Sie zählt zu einer

Generation, die andere Maßstäbe anlegt: Die alkoholschweren,

buttrigen und Vanille-triefenden Boliden,

für die überreife Trauben und Botrytis in Kauf

genommen wurden, sind für sie Geschichte. »Da

sind wir strenger als die Generation davor«, erläutert

Roll. »Die hat gern aus dem Vollen geschöpft, das entsprach

auch dem Zeitgeist.« Früher standen häufig

Duftklone wie der Dreher Klon in den Weinbergen,

heute stammt das Rebgut oft aus der Bourgogne.

»Burgund ist die große Inspiration für uns alle«,

betont die Winzerin. »Ich musste mich trauen, gegen

Gelerntes zu handeln, unter 13 Prozent Alkohol zu

gehen und höher in der Säure«.

Den Paradigmenwechsel konnte man auch

eindrücklich beim FINE Tasting nachvollziehen:

Präsentiert wurden Terroir-geprägte

Chardonnays. Die von Kalkböden fielen filigraner

und mineralischer aus, die von Lösslehm-Böden

etwas strukturierter und wuchtiger. Einige Weine

zeigten sich fast provozierend puristisch und

fordernd, mit einem enormen Potenzial, das sich erst

mit der Zeit erschließen lassen wird. Nicht zufällig

fielen am Tisch Vergleiche mit dem Burgund –

auch wenn diese Chardonnays ganz deutlich von

fränkischer oder rheinhessischer Herkunft erzählen.

Eine Zeitlang, sagt Gesine Roll, konnten deutsche

Winzerinnen und Winzer »besser burgundische

Weine trinken als machen«. Das hat sich inzwischen

geändert.

Schäfer verkostet

FINETASTING|Rainer

46 Chardonnays

FLIGHT 1

aus Deutschland

Die Blindverkostung fand in fünf Flights im Glas.Cabinet in Kiedrich zusammen mit Gästen statt. Aus ihren

Bewertungen wurde ein Durchschnittswert berechnet, der neben dem Urteil unseres Autors angegeben ist.

RING FREI FÜR

DEUTSCHEN

CHARDONNAY

Das Burgund bleibt ewiges Vorbild, doch Chardonnay aus deutschen Landen muss sich

neben den großen Franzosen längst nicht mehr verstecken. Auch, weil Deutschlands

junge Winzergeneration die Stilistik ihrer Vorgänger weiterentwickelt.

Von RAINER SCHÄFER

68 FINE 2 | 2021 TASTING

Fotos ARNE LANDWEHR

2019 Weedenborn Chardonnay Réserve Autor / FINE-Panel

(unfiltrierte Fassprobe)

91/91 P

Die 1992 gepflanzten Reben für die Réserve stehen auf Kalkmergel und Kalk auf

bis zu 265 Metern. In dieser Höhe konnten sich die Trauben trotz teilweise heißer

Temperaturen ohne Stress entwickeln. Geerntet wurde um den 20. September,

ausgebaut wurde der Wein in französischen Tonneaux (500 Liter) und 228-Liter

Barriques.

In der Nase Hefe, gelbe Blüten, Sonnenblumen, gelbe Frucht, Mirabelle, Aprikose

und Apfel, Würze, Blattgrün, Tomatenrispe; trocken am Gaumen, das Holz ist

noch präsent, straffe Struktur mit Substanz, besitzt eine kühlere Anmutung

als der klimatische Verlauf es nahelegen würde; noch sehr jung und talentiert.

2019 Chat Sauvage Clos de Schulz 92/92 P

Im Clos de Schulz stehen die Reben auf Lösslehm mit Quarzit. 2019 war ein sehr

warmes und trockenes Jahr, die Trauben wurden Mitte September geerntet. Elfmonatiger

Ausbau im französischen Barrique, nur einmal vor der Füllung leicht

gefiltert.

Kräftige Nase, reife Frucht, Melone, Birne, feine Holzwürze, auch Zitrusnoten

und Orangenzeste. Großzügig am Gaumen mit guter Substanz, Schmelz und

auch Fülle, dabei durchaus elegant. Die reife Säure wird von feiner Mineralik

unterlegt; gutes Reifepotenzial.

2019 Fürst Chardonnay Bürgstadter Berg 93/93 P

Im Bürgstadter Berg steht der Chardonnay auf rotem Buntsandstein, die Klone

stammen aus dem Burgund. Keine Maischestandzeit, Anquetschen der Trauben

mit den Füßen, behutsame Pressung, Vergärung der Moste in 228-Liter- und

500-Liter-Eichenfässern über 16 Monate.

Würzig in der Nase, reduktive Noten, Hefe, Streichholzkopf, Zitrusnoten, Rauch,

der Duft wird in der Verkostungsrunde als »burgundische Nase« beschrieben.

Chardonnay mit viel Energie und Spannung, getragen von einer animierenden,

kultivierten Säure, einer leicht pikanten Mineralität und gepflegten Gerbstoffen,

wieder Würze und etwas Pfeffer, ausdrucksstark und mit ansprechender Länge.

2019 Keller Chardonnay Oberbergener Bassgeige 89/91 P

Die Trauben stammen hauptsächlich von höher gelegenen Lösslagen mit einem

gewissen Anteil vulkanischen Bodens. Die Reben sind zwischen 7 und 18 Jahre alt.

Ausbau in gebrauchten 350-Liter-Holzfässern und im großen Holzfass.

Entspannte und eher zurückhaltende Nase, gelbe Frucht, Aprikose, Banane

und Popcorn, auch eine feine Mineralik. Vollmundig und kräftig, zeigt ein gutes

Gleichgewicht von Dichte, Geschmeidigkeit und Frische, Würze und auch eine

laktische Note. Muss sich noch finden.

2019 Fürst Chardonnay R 93/93 P

Das Traubengut stammt aus den besten Parzellen im Karthäuser, einer Lage im

Volkacher Ortsteil Astheim, wo die Reben auf kargem weißem Muschelkalk wachsen.

Die Trauben werden mit den Füßen gequetscht, keine Standzeit, die Moste werden

in 228-Liter- und punktuell auch in 500-Liter-Eichenfässern vergoren und gelagert.

Der Ausbau erfolgt insgesamt 16 Monate auf der Vollhefe ohne Battonage.

Zitrusfrucht im Duft, Salzzitrone, reduktive Noten, Hefe, nasser Kalk, feine

Holzwürze, Rauch und ein Hauch weiße Schuhcreme. Am Gaumen mit gutem

Volumen, Substanz, Extrakt und klar gefasster Struktur. Die Säure ist ausgewogen

und delikat, begleitet wieder von zitrischen Fruchtanklängen, Grapefruit,

auch Birne, zeigt Spannung, die typische Mineralität der Lage und viel

Finesse. Steckt noch in den Kinderschuhen, großes Potenzial.

TASTING FINE 2 | 2021 69


DER NEUE

IN ITALIENS

WILDEM WESTEN

TOSKANA: IM JÜNGSTEN IHRER WEINGÜTER SETZT DIE FAMILIE

ANTINORI AUF EINEN NEULING IN DER MAREMMA – CARMÉNÈRE,

EINE FRANZÖSISCHE REBSORTE, DIE DEN RUF DER REGION IN

NEUE, UNGEAHNTE HÖHEN TREIBEN KÖNNTE.

Von RAINER SCHÄFER

Fotos JOHANNES GRAU

Wenn man von Grosseto Richtung Nordwesten fährt, breitet sich die Ebene der Bassa Maremma wie ein

riesiger Flickenteppich aus wechselnden Farbtupfern in Gelb, Grün und Braun vor dem Betrachter aus, eine

unverbrauchte Landschaft aus Weinbergen, sanft geschwungenen Getreidefeldern, Pinienwäldern, Olivenhainen

und Macchia. Direkt an der Küste des Tyrrhenischen Meers liegt die Stadt Castiglione della Pescaia,

die mit ihrer mittelalterlichen Burg schon von Weitem zu erkennen ist. Dahinter schimmert silberbläulich

ein schmaler Wasserstreifen, man meint, schon das Meer riechen zu können.

Nur wenige Kilometer entfernt liegt an der Strada

Provinciale 123 der Eingang zur Fattoria Le Mortelle,

die eine ganz spezielle Facette zur Weinkultur der

Maremma beisteuert: Hier wird seit wenigen Jahren Carménère

angebaut, der den neuen Spitzenwein Ampio Delle Mortelle

prägt. Die Fattoria Le Mortelle ist das jüngste Weingut im beeindruckenden

Ensemble der Familie Antinori, das von einem

jungen Team um den Weingutsleiter Onofrio Viscione und die

Weinmacherin Georgia Dimitriou geführt wird. »Carménère

ist einzigartig in der Maremma, das hat sonst niemand«, betont

Renzo Cotarella, der einflussreiche Chefönologe und technische

Direktor bei Antinori.

Das ambitionierte Vorzeigeprojekt begann im Jahr 1999,

als die auf mehreren Kontinenten aktive Familie Antinori

die Tenuta La Badiola mit 270 Hektar Land erwarb und in

Fattoria Le Mortelle umbenannte. Damit sollte sich alles grundlegend

verändern an diesem Platz: Wo bislang Obstplantagen

mit Pfirsichen, Susinen, Aprikosen, Birnen und Heidelbeeren

standen, wurden nun Reben ausgepflanzt. Natürlich

bot sich Sangiovese an, die wichtigste Rebe in der Toskana.

Es wurden zudem aufwändige Studien erstellt, welche Rebsorten

sich sonst noch gut in der Bassa Maremma entwickeln

könnten. Die Richtung gab dabei Renzo Cotarella vor, einer der

bedeutendsten Weinmacher Italiens mit weltweitem Renommee

und Nachfolger des legendären Giacomo Tachis. »Die Fähigkeit

von Antinori ist es, das Beste einer Rebsorte an einem Ort

zu erzeugen. Wir suchen so lange, bis es passt«, erklärt der

66-Jährige. Zunächst wurden Cabernet Sauvignon und Cabernet

Franc ausgewählt, die gerade in Bolgheri im nördlichen Teil der

Maremma schon famose Weine hervorgebracht haben. Aber

114 FINE 2 | 2021 TOSKANA

TOSKANA FINE 2 | 2021 115


Schäfer verkostet

FINETASTING|Rainer fünf Weine der

Fattoria Le Mortelle

Önologe Onofrio Viscione in seinem

Weinkeller, in dem die Schwerkraft

alle Prozesse des Weinmachens

unterstützt. Die futuristische

Treppe, ein Schneckenhaus aus

Holz, Stahl, Beton und Glas, ist ein

architektonisches Zitat der Kellerei

Antinori im Chianti Classico.

89 P

2019 Vivia Bianco, Maremma Toscana DOC

Eine Cuvée aus Vermentino, Viognier und Ansonica, die nach Birne, Apfel,

Ananas, Mango, weißen Blüten und Zitrusfrucht riecht. Am Gaumen mit Frische

und auch Volumen, die Säure ist präsent und ausgewogen, wieder Noten von

gelber Frucht und Zitrusfrucht, unterlegt von feinen, salzigen und kräuterigen

Noten. Als Apéritif und zu Fisch, hellem Fleisch und zu Käse.

2018 Botrosecco, Maremma Toscana DOC 90 P

60 Prozent Cabernet Sauvignon und 40 Prozent Cabernet Franc, die auf den

flacheren und sandigen Lagen des Weinguts stehen. Fruchtiger Duft nach Kirschen

und Brombeere, auch etwas Vanille, Schokolade und Lakritze. Am Gaumen

geschmeidig mit weichem Gerbstoff und reifer Kirschfrucht, auch hier etwas

Schokolade, ausgewogen in seiner Struktur, gut eingebundene Säure.

2017 Poggio alle Nane, Maremma Toscana DOC 93 P

Ambitionierte Cuvée aus 80 Prozent Cabernet Franc, zehn Prozent Cabernet

Sauvignon und zehn Prozent Carménère, die 14 Monate in neuen und gebrauchten

Barriques aus Frankreich ausgebaut wurde. Reichhaltiges Bukett mit Aromen

von Pflaumen, Cassis, Kirschen, Zeder, geröstetem Kaffee, roter Paprika und

Minze. Am Gaumen kräftig und mit guter Balance, charmantes Tannin, ausgewogene

Säure, reife, saftige Frucht und Würze, vielschichtig und mit guter

Länge, sicheres Reifepotenzial.

2016 Ampio delle Mortelle, Toscana IGT 94 P

Der Spitzenwein der Fattoria Le Mortelle, eine Cuvée aus 50 Prozent Carménère

und jeweils 25 Prozent Cabernet Sauvignon sowie Cabernet Franc, 18 Monate

gereift in neuem französischem Barrique. Einnehmender und würziger Duft nach

Blaubeeren, Holunderbeeren, Kirschen, Pflaumen, Sandelholz, Lakritze, After

Eight und schwarzem Pfeffer. Am Gaumen mit einer großen Menge an reifen

und feinmaschigen Gerbstoffen, großzügig und würzig, dabei auch elegant und

fokussiert, stabiles Säurerückgrat, komplex in der Struktur, beeindruckender

Ausdruck der Maremma. Ein Wein mit Charakter und Profil.

2017 Ampio delle Mortelle, Toscana IGT 93 P

Auch im Jahrgang 2017 gibt Carménère mit rund 50 Prozent Anteil den Takt vor,

das Jahr fiel etwas wärmer und trockener aus als 2016. In der üppigen und kräftigen

Nase reife Frucht, Pflaumen, kandierte Kirschen, viel balsamische Würze, Kakao,

gerösteter Kaffee, Kaffeelikör, Unterholz und die charakteristischen Noten von

Pfefferminze und Zartbitterschokolade. Am Gaumen mit stabilem, feinkörnigem

Gerbstoffgerüst, reifer Säure, guter Substanz, Kraft und ausgeprägter Muskulatur.

Gute Anlagen, noch jugendlich, wird weiter zulegen und sich entwickeln.

120 FINE 2 | 2021 TOSKANA

TOSKANA FINE 2 | 2021 121


DAS GROSSE DUTZEND

DAS WEINGUT

RUDOLF FÜRST

UND SEINE

RIESLINGE VOM

CENTGRAFENBERG

Von SIGI HISS

Fotos GUIDO BITTNER

»Junger Riesling sollte schmecken wie frischer

Morgentau auf der Beere«, sagt Paul Fürst. Und Sohn

Sebastian fügt hinzu: »Große Rieslinge tragen das

Potenzial zum Reifen in sich.« Beiden merkt man die

Spannung und Vorfreude an, als sie ihre gereiften Rieslinge

vom Centgrafenberg zum ersten Mal in dieser

Breite verkosten. Es ist die aufregende Kombination

absoluten Könnens zweier Rotweinspezialisten, die

in einer über Deutschland hinaus bekannten Grand-

Cru-Lage für Spätburgunder große Rieslinge mit

Reifepotenzial produzieren. Und das in Franken, das

nicht gerade ein Aushängeschild für die Königin der

deutschen Weißweinsorten ist.

Als kongeniales Duo leiten Sebastian Fürst und Vater

Paul das Weingut im fränkischen Bürgstadt seit 2007

gemeinsam, nach Stationen des Juniors im Burgund

und Elsass, in Spanien und Südafrika. In der Weinszene bilden

die beiden mit ihrem ruhigen und zurückhaltenden Wesen eine

Ausnahme, ihre große Weinmacherkunst hat ihnen dennoch

zu internationalem Ruf und höchster Anerkennung verholfen.

In vielfacher Hinsicht verbindet man die fränkische Heimat

des Weinguts erstmal nicht mit Riesling: Der Ruf, Heimat des

Silvaners und grandioser Früh- wie Spätburgunder zu sein,

machen dem fränkischen Riesling das Leben nicht leicht. Für

gewöhnlich steckt man sie in die Schubladen »nicht schlecht«

oder »ganz in Ordnung«. De facto gehören sie zu Deutschlands

heimlichen Stars: viel Qualität und Eigenständigkeit, aber ein

bescheidenes Renommee. »Als mein Vater 1971 den Betrieb

übernahm, stand der Riesling noch im Mittelpunkt, erst danach

rückten Früh- und Spätburgunder in den Fokus«, schildert

126 FINE 2 | 2021 DAS GROSSE DUTZEND

DAS GROSSE DUTZEND FINE 2 | 2021 127

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