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OceanWoman Band 2 (2022)

Von der Schleiferin auf Curacao über die Küchenhilfe auf den Tuamotus bis zur Skipperin bei Sturm über Neukale­donien. Nach dem großen Erfolg der OceanWoman Sonderausgabe 2018 ist 2022 der zweite Band erschienen. Diesmal mit einem Best-of 2018–2022 der Berichte unserer OceanWoman-Kolumnistin Alexandra Schöler. Mit vielen neuen und unterhaltsamen Geschichten aus der Welt der Langfahrtsegler – abenteuerlich, erheiternd und auf bewegende Weise den Horizont erweiternd.

Von der Schleiferin auf Curacao über die Küchenhilfe auf den Tuamotus bis zur Skipperin bei Sturm über Neukale­donien.
Nach dem großen Erfolg der OceanWoman Sonderausgabe 2018 ist 2022 der zweite Band erschienen. Diesmal mit einem Best-of 2018–2022 der Berichte unserer OceanWoman-Kolumnistin Alexandra Schöler. Mit vielen neuen und unterhaltsamen Geschichten aus der Welt der Langfahrtsegler – abenteuerlich, erheiternd und auf bewegende Weise den Horizont erweiternd.

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YACHTING, REISEN UND MEER

SONDERAUSGABE 2022

OCEAN

WOMAN

Von der Schleiferin auf Curacao über die Küchenhilfe auf

den Tuamotus bis zur Skipperin bei Sturm über Neu kaledonien:

die launigsten Erfahrungen unserer Kolumnistin

und Weltumseglerin ALEXANDRA SCHÖLER-HARING.

AUSTRO-NAVIGATION

A guats Weiberleut

Tirolerin Edith ist eine perfekte

Seefrau. Dafür braucht man

nicht die Welt zu umsegeln.

BORDKÜCHE

Klein, aber oho!

Die Kombüse: Vieles, was darin

gezaubert wird, hat Stürme und

Flauten erträglicher gemacht.

HAFENKINO

Dingi-Typen

Woran erkennt man

Beiboot-Besitzer an

Land? Am nassen Po.


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www.ocean7.at


Inhalt

BEST OF oceanwoman

4 Luxus Zeit

9 Segler beten, Seegottheiten

gibt es ja zum Glück genug

10 SUP oder nicht SUP?

12 Sehnsucht nach Griechenland

14 Küchenhilfe in der Südsee

19 Die Kombüse: klein, aber oho!

20 Kochen für Kinder bei Sturm

21 Guter Vorrat ist teuer

22 Schafskäse auf Tonga

23 Sam und die Wikinger

24 Mein Mann, der Fischer

27 Der Ozean, die Wüste

und der pure Luxus

28 Her mit den knusprigen

Baguettes!

32 Annabels Welt

33 A guats Weiberleut –

Segeln auf tirolerisch

34 Marinatage, Hundetage

37 Metallica in der Ferramenta

38 Un cappuccio per favore!

40 Dingi-Typen – ein

Psychogramm

45 Motorboot, Motorboot,

ruadern tua i …

46 Klassiker – alt, aber gut!

48 Vino, Vongole e Vermouth

50 Marinas, Milka & MTV

55 Get me a freezer!

56 Erinnerungen an Thailand

61 Marion und das Meer

62 Tänzerin im Sturm

64 Damen der Meere

67 Maiden: 12 Mädels für

alle Schoten und Falle

68 Piepser, Pogos, Segelpausen

69 Just the two of us

70 Die schönste Zeit im Jahr

71 In the heat of the boat

Autorin Alexandra Schöler segelte mit Mann Peter und Sohn Finn

viereinhalb Jahre um die Welt. Seit 2010 ist sie als OceanWoman-

Kolumnistin mit an Bord der Redaktion. è kolumne@ocean7.at

YACHTING, REISEN UND MEER

AUSTRO-NAVIGATION

A guats Weiberleut

Tirolerin Edith ist eine perfekte

Seefrau. Dafür braucht man

nicht die Welt zu umsegeln.

3

BORDKÜCHE

Klein, aber oho!

Die Kombüse: Vieles, was darin

gezaubert wird, hat Stürme und

Flauten erträglicher gemacht.

SONDERAUSGABE 2022

OCEAN

WOMAN

Von der Schleiferin auf Curacao über die Küchenhilfe auf

dem Tuamotu Archipel bis zur Skipperin bei Sturm über

Neukaledonien: die launigsten Geschichten unserer

Kolumnistin ALEXANDRA SCHÖLER-HARING. BAND 2

HAFENKINO

Dingi-Typen

Woran erkennt man

Beiboot-Besitzer an

Land? Am nassen Po.

OCEAN WOMAN

IMPRESSUM

GmbH

HERAUSGEBER UND EIGENTÜMER: Satz- und Druck-Team GmbH, Feschnig straße 232, 9020 Klagenfurt, Tel.

+43 463/461 90 25, www.ocean7.at, redaktion@ocean7.at, office@ocean7.at, Firmenbuchnummer 105347 y, Landes gericht Klagenfurt,

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www.viertelbogen.at · BLATTLINIE: ocean7 ist das Lifestyle-Magazin für Fahrten- und Blauwassersegler, Motoryachtfahrer und

alle Wassersport-Fans. Die Redaktion berichtet in Zusammenarbeit mit namhaften Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen

Raum nicht nur über die neuesten Yachten und schönsten Reviere weltweit, sondern widmet sich mit besonderem Engagement

auch den Themen Charter, Equipment, Lifestyle, Genuss, Reisen, Umwelt und Meer. ocean7 erscheint zweimonatlich als

Print-Magazin und ist auch als E-Paper erhältlich. Die laufende Bericht erstattung inkl. Marketingaktivitäten erfolgt weiters auch

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Bei träge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außer halb der engen Grenzen des

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Heraus geber-Ver schul den oder wegen Störungen des Arbeits friedens bestehen keine Ansprüche gegenüber dem Herausgeber.

JURY


Luxus Zeit

Die erfolgreiche Schauspielerin Alexandra kündigt ihre Engage ments an

der Josefstadt und an der Wiener Volksoper. Der Zahntechnikermeister

Peter verkauft seinen Betrieb. Und der vierjährige Sohn – der hat sowieso

keine Wahl. Die Familie Schöler hat sich fünf Jahre lang den größten

Luxus gegönnt, den es gibt: Zeit.

4 OCEAN WOMAN 2022


Als wir unseren Familien

und Freunden klarmachten,

dass der Traum von

der Weltumsegelung nun

Wirklichkeit würde, starrten sie

uns ungläubig an. Hätten wir von

der Anschaffung einer Eigentumswohnung,

eines neuen Autos oder

einem Umzug aufs Land gesprochen,

wäre das Erstaunen bis Entsetzen

weniger radikal ausgefallen.

Viele glaubten uns ja bis zum tatsächliche

Abfahrttermin einfach

nicht. Und so segelten wir mit unserem

fünfjährigen Sohn auf unserem

Katamaran Risho Maru von

Italien aus los, um die Welt zu sehen.

Eine Schauspielerin, ein

Zahntechniker und ein Kinder -

gartenkind.

Nach viereinhalb Jahren hatten

wir die Welt umsegelt und kehrten

heim. Auf den ersten Blick schienen

wir für viele die Alten geblieben

zu sein und so mancher wunderte

sich, dass wir uns so schnell

wieder einlebten. Aber war das

nun wirklich so?

In Wien hatte sich nichts ge -

ändert. Alles beim Status quo wie

vor fast fünf Jahren. Und wir?

Für uns hatte sich alles geändert.

Alles. Vor allem die Zeit.

ES BEGANN MIT EINEM TRAUM

Dem Traum meines Mannes, mit

seinem Schiff die Welt zu umrunden.

Dem Traum, dem Abenteuer

die Stirn zu bieten. Als wir uns

kennenlernten, wusste ich von all

dem nichts. Außer natürlich, dass

Peter ein selbstgebautes Schiff in

Griechenland besaß. Risho Maru –

ein Wharram-Katamaran, schlicht,

simpel, aus Holz, schnell.

Wir verbrachten die Sommer in

Griechenland, unser Sohn Finn

wurde geboren, sein erstes Wort

war „Fischernetz“. Die Nächte waren

manchmal unheimlich. Die

Bora blies, Peter brachte den zweiten

Anker aus, ich fand das alles

aufregend, aber nach den Ferien

freute ich mich doch auf unser

Heim in Wien.

In unserer Toilette zu Hause

häuften sich die Segelmagazine.

Schiffe ankernd vor weißen Stränden

in blauen Lagunen. Leute, die

auf Schiffen lebten, braungebrannt,

lachend. Keine Models, echte

Menschen, keine Charterträume,

echtes, pures Leben.

Ich wusste vom Aussteigen.

Hatte das selber schon gewagt mit

Mitte 20 nach Amerika für zwei

Jahre. Es war perfekt gewesen.

Jahre später zehrte ich noch

immer von dieser Zeit. Vom

über den Tellerrand schauen.

Aber auf einem Segelboot in

die Weltmeere? Mit Kind? Ich

hatte davon gelesen, von Leuten,

die ihre Kinder auf Schiffen aufzogen,

sie unterrichteten. Alles

hinter sich ließen, verkauften, ins

Ungewisse fuhren. Meine größte

Sorge vor dem Wegfahren war

das Wegfahren selbst, die ungewissen

Gefahren dieser Reise

und der Gedanke ans wieder Zurückkommen.

So viele Katastrophen könnten

passieren, wir untergehen, von

Riesenwellen verschluckt, von

Piraten geplündert – und dann

die Zukunft: nach Wien heimzukommen,

kein Job, kein Heim

und weit über Mitte 20.

Und nach einiger Zeit, mit

Blick auf das Ersparte auf dem

Bankkonto, stand plötzlich die

Frage im Raum: Anzahlung für

ein Eigentum oder Wegfahren –

das Geld in uns anlegen?

Wir taten Letzteres und heute

wissen wir, es war das Richtige.

Viele Leute dachten, wir wären

von Sinnen. Und heute in Wien

frage ich mich: Wer ist von Sin-

6 OCEAN WOMAN 2022


Sohn Finn lernte schon

in der Südsee, dass man

an Land zu Fuß geht …

Das Weltumsegler-Paar Alexandra Schöler

und Peter Haring mussten sich an die Hektik

der Stadt Wien erst wieder gewöhnen.

… weil man sich auf

diesem Weg viele neue

Freunde machen kann.

„Wir legten das Geld in uns an und heute wissen wir,

es war die richtige Entscheidung.“

nen? Hier im Stress, Verkehr,

Tempo, Geldverdienen in dieser

Zeit.

Wir waren auf den Inseln der

Südsee, wo Leute uns anlächelten

– einfach so. Und uns Limetten

als Willkommensgeschenk brachten

– einfach so. Sich wunderten,

wenn wir genaue Termine zum

Papaya-Abholen im Dorf ausmachen

wollten. „You can have Papayas

anytime“, sagte der Polynesier

Louis zu mir. Und lächelte.

Oder Kindergärtnerin Sara

am Strand in Vanuatu mit ihren

Vorschulkindern. Die Kids sammelten

Muscheln und Strandgut

zum Basteln und Sara angelte.

Wir fragten sie, wie es mit dem

Fischererfolg aussehe. Sie meinte:

„If I catch fish, I go home, if I

catch no fish I go home, too.“

Überall wunderten sich die

Leute über uns. Dass wir die Zeit

immer fixieren wollten – etwas

„ausmachen“. Die Zeit vergehe

sowieso, sagten sie, egal, ob wir

mitmachen oder nicht.

ZEIT, WAS IST DAS SCHON?

Diese Menschen gingen in ihre

Gärten, holten ihr Gemüse, gingen

in die Kirche, an den Strand,

fischten, brieten Brotfrüchte über

dem Feuer, freuten sich über ihre

neuen Handys, die noch keine

Sender gefunden hatten, weil das

Netz der amerikanische Handyfirma

noch nicht überall funktionierte.

Es war ja egal. Sie hatten

Zeit, die Männer in der kleinen

Boulangerie, die frisches Baguette

manchmal erst spät abends lieferte.

Die Frauen, die Wäsche in den

heißen Quellen des Vulkans wuschen.

Mount Yasur auf Tanna im Inselarchipel

Vanuatu spie Lava, die

sich stets neun Monate Zeit ließ,

um an die Erdoberfläche zu jagen.

Im inseleigenen Krankenhaus

saß eine schwangere Frau in

der leeren, kafkaesken Klinik und

knabberte Zuckerrohr. Sie hatte

noch Zeit. Hier auf der Insel gingen

alle zu Fuß wie bei uns zu

Großmutters Zeiten. Zwei Stun-

den zur Schule, eine Stunde zum

Garten, bepackt mit Essen durch

den abendlichen Dschungel zum

Treffen mit Freunden. Immer Zeit

zu lächeln, zu grüßen, zu winken,

zu plaudern.

Einmal warteten wir lange auf unseren

Guide und Taxifahrer John –

wir, die Segler, nervös, weil irgendwo

mitten vor dem Immi gra tionsoffice

in Lenakel, der Hauptstadt der

Insel, ausgesetzt, mehrere Autostunden

von unseren Schiffen und kein

John weit und breit. Viel später kam

er dann mit einem Paket Zucker unter

dem Arm daher geschlendert.

Lächelte und erzählte, er habe alte

Freunde getroffen.

Wir fuhren über die holprige

Straße zurück in unsere Bucht –

dampfender Regenwald, speiender

Vulkan, im Dorf in der Kirche bei

Kerzenlicht Kinder singend, davor

Frauen beim Taroknollensäubern.

Unsere Schiffe waren noch da.

Schaukelten in der Bucht, die schon

James Cook genossen, vor der Kulisse,

die auch ihn fasziniert hatte.

OCEAN WOMAN 2022 7


Müde nach der Landreise saßen

wir auf unserem Schiff, lauschten

dem Tönen der Südseenacht, Geruch

nach Rauch und offenem

Feuer, sahen Mount Yasur, der sich

am klaren Sternenhimmel abzeichnete.

Alles wie vor hundert Jahren.

WIR HATTEN ZEIT.

ZEIT. ZEIT. ZEIT.

Und ich fragte mich damals, wann

ich wirklich zuletzt dieses Zeithaben

genossen hatte. Als Kind im

Garten beim Spielen, die Freude

auf die lange Zeit der Ferien, die

Stille eines Olivenhains in Griechenland,

die Einkehr vor einem

Steinmarterl in der Steiermark. Wo

war in all den letzen Jahren die

Zeit geblieben?

Wann es Zeit war weiterzusegeln,

bestimmten wir und der Wind.

Niemand sonst regierte bei uns an

Bord. Natürlich gab es Schulzeit für

Finn, Essenzeit für alle, Angelzeit

für den Kapitän, Nachtwachen zeit

bei den Überfahrten, Schmusezeit

immer, Zeit mit Freunden immer,

Zeit zum Lachen immer.

Wir hatten Zeit. Ließen sie sanft

verstreichen – manchmal wehmütig,

als wir uns von Valo und Gaston

auf dem Südseeatoll Tuao unter

Tränen verabschiedeten und

Finn, unser Sohn, das erste Mal in

seinem jungen Leben aus einem

Paradies vertrieben wurde.

Manchmal waren wir erfreut,

dass sie vorbei war, die Zeit – nach

den sieben Tagen Sturm auf dem

Weg Richtung Neuseeland.

Und dort würde sie dann wieder

unvergesslich sein – unsere Zeit in

Neuseeland, von der wir heute

noch sehnsüchtig sprechen und

uns fragen, ob wir sie nicht hätten

verlängern sollen, die Zeit dort –

auf ein paar Jahre oder für immer.

Wie jetzt – hier zurück im westlichen

Leben, wo Business, Erfolg,

gute Noten, Bankkonto regieren –

so rannte die Zeit auf unserer Reise

nie.

Wie hier die Stunden, Tage, Wochen,

Monate dahinrasen – das

gab es da draußen auf dem Meer,

auf dem Schiff, auf den Inseln

nicht.

Da war der Tag vom ersten Sonnenstrahl

bis zum letzten Sternenfunkel

ausgefüllt mit Entdecken,

Bewundern, Genießen, Innehalten,

Nachdenken, Explodieren vor

Freude, Zittern vor Aufregungen,

und doch auch manchmal Herzklopfen

vor Angst. Und Nähe.

Zueinander.

Und da wussten wir, der wahre

Luxus dieser Welt liegt für uns in

der Zeit. Die Zeit, die man für sich

und seine Lieben hat. Denn das ist,

was bleibt. Das ist, was für immer

glücklich macht.

Und jetzt im Sog der Stadt, im

Lärm dieser Welt, laufen wir ihr

nach, der Zeit. Und sie läuft davon.

Und lässt sich nicht kaufen. Und

nicht einfangen und nicht bestimmen.

Wir kämpfen mit ihr und mit

uns. Und sie vergeht, ob wir mitmachen

oder nicht.

Und wir träumen von dieser anderen

Zeit da draußen. Dort auf

den Weltmeeren und auf den

glücklichen Inseln. Eine Abenteurerin,

ein Musiker und ein Weltenkind.



Einfach nur sein – wie hier

auf Coco Bandero, Panama.

FOTO: SHUTTERSTOCK

„ Der wahre Luxus

dieser Welt liegt für

uns in der Zeit.“

8 OCEAN WOMAN 2022


Oh mein Gott! AUSGABE

1/2019

Segler beten. Immer schon. Und Seegötter und -göttinen gibt es zum Glück genug.

Es ist schon wieder November.

Allerheiligen. Trotz Sturmwarnung

fürs lange Wochenende

kurven wir durch das verwaschene

Kanaltal, brausen vorbei am

pitschnassen Udine, zweigen ab

Richtung Lagune von Marano und

bahnen unseren Weg durch Pfützen,

entlang den überschwemmten

Prosecco-Wein gär ten. Sehen den

bis an die Kante angeschwollen

Fluss Stella und schicken ein Stoßgebet

gen Himmel: „Bitte lass am

Schiff alles dicht sein!“

Segler beten. Immer schon. Und

Seegötter und -göttinen gibt es

zum Glück genug. Die Ägypter in

ihren flotten Papyrus-Kähnen hoffen

an den Küsten des Mittelmeers

oder den Untiefen des Nils auf den

Beistand von Nun. Hätte ich früher

von Nun gewusst, wäre vielleicht

das Anstampfen gegen den pfeifenden

Nordwind des Roten Meeres

ausgeblieben!

Schon die reiselustigen Phönizier

wussten um des Unterschieds zwischen

Landratten und Seeleuten.

Gott Yamm war für das Chaos verantwortlich

– die Kreuzwelle, der

Gegenwind, Wasser im Cockpit,

nasse Socken –, Gott Baal für das

angenehme bis langweilige Marinabzw.

Hafenleben.

Poseidon als Herrscher des Meeres

– bei den Römern Neptun genannt

– flirtete liebend gerne mit

hübschen Göttinnen und überließ

Aeolus die Windprognosen. Orion

durfte während der Nachtfahrten

den Himmel beleuchten. Triton –

halb Mensch, halb Delfin – zog

verblasene Seefahrer von Land

wieder ins Meer.

Aber den besten Job bei den Griechen

machen wieder einmal die

Frauen. Amphitrie beruhigt aufgewühlte

Seen. Ich fragte mich, wo sie

war, als wir nach der Durchquerung

des Sueskanal (siehe auch ab Seite

30) Kreta nicht anlaufen konnten,

da uns die Ägais mit stürmischem

Meltemi in Empfang nahm.

Tangaroa hingegen – der Meeresgott

der Maori – sorgte für eine

sichere Neuseeland-Überfahrt. Die

Inseln Tongas hat Tangaroa mit

einem Anker am Meeresboden befestigt,

wofür ihm alle Segler dankbar

sind, die dort auf das berühmt

berüchtigte Wetterfenster warten!

Die Wikinger verehrten Thor,

der sicher Segler war, weil bekannt

für seine Schnurren und seinen

Hang zum Manöverschluck. Njord,

der Gott der nördlichen Seen und

Winde, steht ihm zu Seite und als

Schiffsname macht er sich auch

gut. Entspannt und ohne Piratenzwischenfälle

querten wir mit

unseren dänischen Freunden

von der Njord im Konvoi den

Indischen Ozean.

GÖTTINNEN GERN GESEHEN

Noch bin ich nicht im stürmischen

Irland gesegelt, aber Ran, Meeresgöttin

der nordeuropä i schen Völker,

wirkt nicht sehr vertrauenerweckend

auf mich. Halb

wunderschöne Frau, halb Fisch,

hält sie munter bei Vollzeug das

Steuerrad mit nur einer Hand,

die andere zieht ein Netz nach,

mit dem sie die Ertrunkenen

einsammelt. Angeblich

soll ihr Reich in den

Korallenhöhlen des Meeresbodens

recht einladend

sein, damit man sich wenigstens

auf irgendetwas

freuen kann, wenn man

dort über Bord geht. Ran

gleicht dem Ozean, mal

fein und sanft, dann

aufbrausend und wild.

Etwas entspannter ist

Kurakulla, Göttin der

Seefahrer und des Weins. Der indische

Subkontinent ist ihr Revier

und ihre untergebenen Seefrauen

kümmern sich hingebungsvoll um

Schiffsbrüchige.

Überhaupt sind weibliche Seegöttinnen

zahlreich, was verwundert,

wurden doch Frauen früher

auf Schiffen nicht besonders gerne

gesehen. Aber offensichtlich,

wenn’s brennt …

So wie Ixchel, eine Maya-Göttin,

verantwortlich für die Tiden, den

Mond und die Fruchtbarkeit. Oder

Maria, in der christlichen Seefahrt

als Stella Maris angerufen, wenn es

grad gar nicht gut aussah!

Uff, trotz massiver Regenmengen

liegen wir in trockenen Kojen,

auch die Bilgen setzen Staub an

und es riecht gut im Schiff. Ich

werfe einen Blick zu unserem

Besanmast.

Verdi, unser selbsternannter

hölzerner Schiffsgott aus Afrika –

seit den Kapverden an Bord –

sieht wie immer griesgrämig in

die Nacht. Er hat uns sicher um

die Welt gebracht. Und täte es gerne

wieder. Oh mein Gott – ich

muss die Lottozahlen checken!

QUELLE: A SAILOR‘S GUIDE TO THE

GODS JOHN KRETSCHMER

Poseidon/Neptung flirtet lieber, die

meiste Arbeit erledigen die anderen

Seegötter weiblichen Geschlechts

überall auf der Welt.

FOTO: SHUTTERSTOCK

OCEAN WOMAN 2022 9


FOTO: SHUTTERSTOCK

SUP oder

nicht SUP? AUSGABE 2/2019

Die Crux mit den Brettern an Bord, die bei Flaute die Welt auf dem Wasser bedeuten.

Was hältst du von diesen

SUPs? Ist es sinnvoll, die

an Bord zu haben? Die

aufblasbaren oder besser die schönen

aus Holz?“ Die wettergegerbte

Seglerin mir gegenüber bei einem

Weihnachts-Seglertreffen mitten

im 7. Wiener Gemeindebezirk

starrte mich entgeistert an: „Meinst

du SUP-Boards?“

Oh, ich denke, es ist an der Zeit,

mich für die Tullner Bootsmesse

besser zu informieren. Nicht, dass

ich die große Wassersportlerin

wäre wie mein Skipper, der von

Jugendjahren an auf Wellen surft

oder diese überspringt. Er hat

sämtliche Board-Marken seit den

1980ern getestet – auf der Alten

Donau genauso wie auf den vom

Passat umtosten Inseln vor Venezuela,

bretterte über den Neusiedler

See ebenso wie vor der stürmischen

Küste Fuerteventuras. Der

diverse Surfsegelausmaße so gut

kennt wie ich Pasta-Sorten, berühmte

Surfer beim Vornamen

nennt „… ach, der Josh (Stone) …

ein Traum der Robby (Naish) …

thumbs up for Kelly (Slater)

… Stand up paddeling? Laird

(Hamilton), sonst keiner!“

Sofort zoomt er sich ins Internet

und zeigt mir, wie Laird Hamilton

die Teahupoo-Welle 2009 stand

up-paddelt.

Eigentlich dachte ich eher an

den Ottensteiner Stausee oder

an Kroatien bei null Wind …

„Ach so“, grummelt der Skipper

und verzieht sich in seine Werkstatt,

um die Kitesegel zu flicken.

SUP-Paddeln entstand vor etwa

zwölf Jahren in Kalifornien (wo

sonst?), aber wahrscheinlich um

einiges früher auf Hawaii, wo die

einheimischen Surf-Haudegen

auch wellenlose Tage nützen woll-

10 OCEAN WOMAN 2022


Surfer auf Huahine, eine der Gesellschaftsinseln

im Pazifischen Ozean.

Platzsparender sind

aufblasbare Boards.

Stand Up Paddling entstand vor etwa

12 Jahren in Kalifornien, aber wahrscheinlich

schon um einiges früher auf Hawaii.

FOTO: SHUTTERSTOCK

3. Die Kinder sind beschäftigt –

ohne Benzinverbrauch. Denn die

neueste Freizeitbeschäftigung

vieler Kinder auf Charterbooten

ist: mit dem Dingi Kreise ziehen,

bis der Kanister leer ist – vorzugsweise

um Nachbarschiffe.

4. Für die Misanthropen in der

Chartercrew ein wunderbares

Fluchtfahrzeug.

5. Für die Abenteurer das ideale

Forschungsfahrzeug.

6. Für Faule ideal zum In-der-

Sonne-braten und stabiler als

jede Luftmatratze.

7. Für Sportliche das ideale Workout

– wenn man richtig paddelt.

Dazu finden sich im Netz zahllose

Tutorials: Bauchmuskel, Oberschenkel,

Oberarme …

8. Für Achtsame. Das Yogatraining

auf dem Brett. Mein Lieblings-

Tutorial – von der netten Lena

auf dem Wolfgangsee vorgezeigt.

Und im echten Leben gesehen in

Rovinj in der Bojen-Bucht. Ein

Wahnsinnsanblick.

9. Platzsparend. Es gibt wie schon

erwähnt aufblasbare Boards.

ten. Aber der bereits mehrmals

erwähnte Laird (hoffe, es ist okay,

wenn auch ich den Vornamen

verwende) wollte Abwechslung in

sein wildes Surferleben bringen.

Als Waterman (höchste Auszeichnung

für einen hawaiianischen

Surfer) immer auf der Jagd

nach Riesenwellen, ging ihm die

Beschäftigung an wind- und wellenlosen

Tagen aus und er suchte

sich dafür eine neue Beschäftigung.

Ein überdimensionales Board und

ein Paddel dazu – fertig. Schon damals

– teilweise hämisch verlacht

von den Kollegen der Surfer-

Weltrangliste – war ihm klar: Das

Teil würde sich durchsetzen. Denn

was will der Durchschnitts-Meeres-/See-Urlauber?

Gemütlichkeit,

leichten Sport, nicht zu viel Abenteuer,

keine Gefahr und flaches

Wasser. All dies erfüllt ein SUP.

UND WAS GEHT DAS UNS

SEGLERINNEN AN?

Vorteile eines SUP-Boards an Bord:

1. Vor Anker braucht man das Dingi

nicht ins Wasser hieven, vom

Beibootmotor gar nicht zu reden.

2. Der Hund kann sofort Gassi

gepaddelt werden.

GIBT ES EINES AUF DER RISHO

MARU, UNSEREM KATAMARAN?

Nein – noch nicht. Ich bin noch

am Diskutieren, weil sich laut Skipper

trotz E-Reader zu viele Bücher

an Bord befinden. Zum Beispiel in

der Koje mit den drei Surfsegeln,

den zwei Gabelbäumen, vier Surfmasten

und dem Kitesurfsack. Die

zwei Boards finden an der Reling

Platz. In der Werkstatt ist die Tasche

mit den Neopren-Outfits und

die Fischer ausrüstung. Einfach

kein Platz für mein SUP. Na ja.

Dann geh ich eben schwimmen –

sorry, Laird!


OCEAN WOMAN 2022 11


Sehnsucht nach Griech

„Happy the man, who, before dying, has the good fortune to sail the Agaean Sea.“ Ich kann ihm nur

beipflichten, dem sympathischen Alexis Zorbas bzw. seinem Schöpfer Nikos Kazanzakis. Wichtige

Korrektur: Happy ist natürlich auch die Frau!

Und ich war das ganz gewiss,

als ich zu meinem ersten

Segel abenteuer nach Griechenland

aufbrach. Vor 23 Jahren.

Der Skipper damals an Bord ist

heute mein Ehemann. Erster Liebesurlaub!

Treffen auf Korfu im

alten Fischerhafen. Ich direkt aus

Wien vom Operettensommer, er

tiefgebräunt vom Chartern im Ionischen

Meer.

Erstmals lag vor mir unsere

Risho Maru, eingenistet zwischen

bunten Fischerbooten. Sie schien

mir riesig. Ich zog meine Schuhe

aus und für den Rest des Urlaubs

nicht mehr an. Der Törn war paradiesisch.

Paxos, Anipaxos, Parga, Preveza,

Levkas, Kastos, Kephalonia, und

nicht zu vergessen Ithaka, einer der

Geburtsorte von Odysseus, oder?

Alles unter Spinnaker. Glatte See,

blauer Himmel, Eleniko-Kaffee am

Morgen, Ouzo am Abend. Segeln,

easy und entspannt, erzählte ich

wieder zu Hause zwischen erstem

und zweitem Akt. Mein Kostüm

zwickte etwas um die Taille (Moussaka,

Stiffado, Calamari fritti?),

meine Nase schälte sich und mein

von einer Winsch malträtierter

kleiner Zeh schmerzte im Tanzschuh.

DER STURM NACH DER RUHE

Ein Jahr später rund Peloponnes.

Ich war bereit mit Sonnenbrille,

Buch und Sonnenhut. Überraschung!

Nach zwei Tagen klammerte

ich mich abwechselnd an

Skipper und Reling, Wind, Wellen,

Sturm, Orkan! Mani – zu viel Gegenwind,

weiter durch die Nacht,

weil Ankerplätze zu unsicher, endlich

um drei Uhr Früh ein Hafen.

Erleichtert in die Koje plumpsen,

am nächsten Morgen Flaute und

zum Trocknen an Leinen hängende

Oktopusse. Gythio. Ich hatte

überlebt. Weiter!

Drei Wochen später durch den

Kanal von Korinth zurück ins Ionische

Meer. Abstecher ins glutheiße

Delphi, Golf von Korinth – tausende

rote Quallen im Fahrwasser der

Risho. Das Schiff blieb danach einige

Jahre in Preveza in der Marina

und ich bei meinem Skipper. Bis

heute.

Mit allen Salzwassern gewaschen,

dachte ich. Weltumsegelung

war noch in weiter Ferne, schon

eher war ein Junior-Skipper auszumachen.

Mit neun Monaten erstmals

auf dem Schiff. Schneidender

Wind, weiße Gischt, kurze, steile

Wellen. Unbeeindruckt lernte Finn

das Stehen am Steuerrad.

12 OCEAN WOMAN 2022


FOTO: SHUTTERSTOCK

enland

AUSGABE 4/2019

Naoussa, Insel Paros.

Und dann das Wrack im Seegras

mit Amphoren-Scherben, die kleinen

Hafenmolen mit den unbequemen

blauen Sesseln ganz am

Wasser, die unfertigen, günstigen

Marinas, entspannte Griechen, guter

Salat, Retsina, die gegen den

gleisenden Himmel strahlenden

Inseln mit den weißen Häuschen,

die knorrigen Olivenbäume, Aristophanes

in Epidauros, der Leuchtturm

auf Kastos Pistazien auf Egina,

Fallböen auf Kythira, Motorrollerfahren

auf Paros, zu Fuß auf die

Choras im Dodekanes. Den Segen

des Popen für eine gute Woche.

Der um vier Uhr früh singend aufs

Meer hinaus fahrende Fischer auf

Kalamos. Griechenland hatte mich

gepackt.

DER BLUES DER GRIECHEN

Natürlich, das ist über 20 Jahre her!

Und vieles war anders geworden,

als wir von unserer Weltreise heimkehrten

und das Ionische Meer

durchsegelten. Viele Charterschiffe.

Mehr Tourismus. Aber immer

noch die Griechen. Die Sehnsucht

packt uns jedes Jahr. Vielleicht werden

die Marinas wieder günstiger.

Die griechische Musik! Sie verfolgt

uns bis in den neunten Wiener

Bezirk. In der Taverna Gyros

gibt es immer wieder Live-Musik-

Abende. Der Bouzouki-Spieler sitzt

knapp vor unserem Tisch und singt

den Blues der Griechen: Rembetiko.

Unser Vorspeisenteller vibriert

im Takt.

Vom Nebentisch erhebt sich ein

griechisches Paar und wiegt sich

zwischen den Tischen im Tanz.

Am Ende des Abends tanzen alle

den Sirtaki vor der Bar. Der Koch

aus Kreta führt an. Der Chef aus

Thessaloniki macht den Schluss,

dazwischen Griechen und sehnsüchtige

Österreicher. Männer

und Frauen. Happy. καληνύχτα!

Typisch griechisch: zum Trocknen

an Leinen hängende Oktopusse

im Hafen von Gythio.

FOTO: SHUTTERSTOCK

OCEAN WOMAN 2022 13


Küchen

in der Sü

14 OCEAN WOMAN 2022


Ich denke oft daran. Und manchmal, wenn der Rummel,

der Stress, der Verkehr zuviel wird, dann flüstere ich das

Zauberwort „Tuao“. Und bin kurz dort. Im Paradies auf Erden.

Das wir sehen durften. Mitten auf den Tuamotus. Auf dem

wir lebten wie echte Polynesier mit unserer polynesischen Familie.

Für drei perfekte Wochen.

hilfe

dsee

Valentine – kurz Valo genannt

– und ihr Ehemann

Gaston sind Perlenzüchter

und Fischer auf Tuao.

Tuao ist ein kleines Atoll, rund

150 Seemeilen östlich von Tahiti.

Zwei Familien leben dort. Teilen

sich das kleinen Eiland und versuchen

in Eintracht zu leben, was

nicht einfach ist, bedenkt man, wie

schwierig Nachbarschaft sein kann

und wie schwierig es ist, so unausweichlich

nebeneinander zu existieren

auf wenigen Quadratkilometern.

„Da müsst ihr hin“, riet uns Gerhard

von der Balu über die Funke,

als wir gerade den Pazifik überquerten.

Einige Wochen später

verließen wir die Marchesas mit

Ziel Tuamotos und letztendlich

entschied der raue Wind, wo es

hinging.

TUAO DIREKT

Wir sahen einige Palmen am Horizont,

dann einige Schiffsmasten.

Zitterten durch die Riffeinfahrt –

müde, nass nach drei Tagen am

Wind segeln, hängten uns in eine

Boje und gingen schlafen. Am

Nachmittag klopfte jemand an unser

Schiff. Gaston. Ein drahtiger,

fescher Wassermann. „Bonjour,

Welcome to Tuao. You are ok.?“

Ich blinzelte in die Nachmittagssonne,

die Lagune glitzerte türkis,

an Land einige Pfahlbautenhäuser,

ein Hund bellte, sonst Stille. Es war

einfach wunderschön.

Gaston kontrollierte mit uns

noch mal die Boje, befand alles als

gut und freute sich, uns bald an

Land zu sehen. „Valo made coffee“.

Ok. Das war mein Stichwort, Dingi

ins Wasser, die restlichen Bananen-

Muffin als Mitbringsel. Los!

Valo drückte uns wie alte Freunde

an ihren wogenden Busen, Blüte

im Haar, steckte sich einen Muffin

in den Mund und führte uns zu

ihrem Haus. Dort saßen die Segler.

Deswegen hatten die Schiffe am

Ankerplatz so verlassen gewirkt.

Auf der Terrasse frönten die Frauen

dem „beading“; sie machten

Muschelketten. Dosen mit Glasperlen,

Muscheln, Holzknöpfen

türmten sich auf dem Tisch, da -

zwischen Kaffeetassen, Würfel -

zucker, Kekse. Begrüßungschor

mehrstimmig und mehrsprachig!

Unser Sohn Finn spielte bereits

mit den Hunden Balu (benannt

nach dem Schiff, das uns das Tuao

empfohlen hatte!) und Nicki (benannt

nach einer Seglerin aus

Wien!). Mein Skipper Peter gesellte

sich zu Gaston und einigen anderen

Seemännern, um den Fang des

Tages zu bestaunen. Ich hielt meine

Kaffeetasse zwischen den Händen,

saß auf einem Holzstuhl, unter den

Bodenplanken glitzerte das Wasser,

OCEAN WOMAN 2022 15


Wie im Bilderbuch: schöner

kann ein Ort einfach nicht sein.

und vor der Terrasse um die durchs

Wasser schimmernden Korallen -

köpfe spielten bunte Rifffische. Im

Türkis der Lagune schwebte Risho

Maru.

Ilse von der Esperanza, auch

eben hier angelandet, schüttelte

mich: „Aufwachen! Das hier ist

echt. Für die nette Boje müssen wir

nicht bezahlen, aber einmal essen

gehen. Valo führt hier ein Restaurant

für Segler. Alles klar?“

Keine fünf Minuten später stand

ich mit Valo im Garten ihres Hauses

und pflückte Blumen für die

abendliche Tischdekoration. Ich

zauderte, diese prachtvollen Hibiskusblüten

und Tiaren abzureißen.

Valo lachte: „Tomorrow again!“ Es

sollte sich herausstellen, sie blühten

jeden Tag aufs Neue. Finn düste

mit einer Scheibtruhe um die Ecke,

darin Wasserflaschen. „Ich geh’

Wasser holen, der Gaston hat mir

die Regentonne gezeigt“.

Später rechte er das Laub im

Garten. Peter war bei der Großmutter

im Nebenhaus verschwunden

und rätselte mit Helmut von

der Esperanza über dem spuckenden

Generator. Sie würden eine

Lösung finden. Sie hatten ja Zeit!

Zur Risho kamen wir erst nach

Mitternacht wieder. Nach einem

gigantischen rosa-orange-pinkfarbigen

Sonnenuntergang. Nach

über Holzkohle gegrillten Garnelen,

nach Papageienfisch mit

Kokoskruste, Poisson cru – dem

rohen, fein marinierten Fisch in

Ko kosmilch, nach Sashimi vom

Thunfisch, nach Ukulelenklängen,

französischen Chansons und viel

Lachen und guter Laune. Wir beschlossen

zu bleiben. Valo brauchte

eine Küchenhilfe. Ich war bereit,

bei ihr in die Lehre zu gehen!

Schon am nächsten Morgen, als

wir unser Dingi am hölzernen Steg

vertäuten, rief mich Valo zu sich.

Sie saß auf einem wackeligen Stuhl

vor der Küche unter einem schattigen

Kavabaum und knetete Teig in

einer großen Schüssel. Nein, eher

schlug sie auf ihn ein! Mehl staubte

in die Luft! „Is good, if husband

was not good!“ Bum!

Uff, der arme Gaston. Ich wusste

nicht, was er ausgefressen hatte,

Valo, eine grandiose Köchin und liebenswerte Freundin.

aber Valo schien etwas verstimmt.

Sie drückte mir die Teigschüssel

in die Hand und ließ mich weiterkneten.

„Coconutbread – tres bon – for

stomach!“ Wir sprachen in einem

englisch-französischen Kauderwelsch.

Valos Englisch war so gut

wie mein Französisch. Violet, Valos

Mutter, gesellte sich zu uns und

schabte Kokosnussraspel. Heute

abend wollte Valo einen Coconut

Pie backen.

Finn spielte Fußball mit den

Hunden und jagte die Hühner mit

größtem Vergnügen durch den

Garten. Gut für Finn, schlecht für

die Hühner – zumindest für ihr

Fleisch, denn das Coconut-Curry

am Abend schmeckte etwas zäh.

„Valo brauchte eine Küchenhilfe und

ich war bereit, in die Lehre zu gehen.“

16 OCEAN WOMAN 2022


Das gesamte Leben in Tuao spielt sich

im Freien ab. Klar, bei dem Wetter …

Bunt und fröhlich – selbst trocknende

Wäsche ist ein herrliches Fotomotiv. Music in the air – hier ist selbst der Alltag musikalisch ...

Aber egal – wer isst schon Huhn,

wenn es frischen Lobster gibt?

Gaston war in der Nacht zuvor am

Riff Lobster fangen gewesen. Barfuß

hüpfte er die halbe Nacht auf

den spitzen Riffkanten herum und

nütze die Ebbe, um die Verstecke

der Lobster zu finden. Alles im

Mondschein.

STOCK UND HARPUNE

Gaston war ein richtiger Wassermann.

Peter beobachte ihn an diesem

Tag bei der Arbeit. Mit Gastons

Schnellboot düsten sie über

die Lagune zu einer großen Fischreuse.

Der Fang war beachtlich.

Mit der Harpune ließ sich Gaston

in das Becken gleiten, um gleich

wieder aufzutauchen. „Yellow

Shark! Stick!“ Peter reichte ihm

einen langen Stock und Gaston

tauchte wieder ab. Mit Herzklopfen

sah Peter durch seine Taucherbrille

im sicheren Dingi, wie Gaston dem

Zwei-Meter-Hai den Stock auf die

Nase knallte. Der Hai zog sich daraufhin

beleidigt zurück.

Am Außenriff tauchte Gaston

nur mit Taucherbrille in 15 Meter

ab. Durch das glasklare Wasser beobachtete

Peter, wie Gaston sich

auf den Meeresboden legte, einen

nichts ahnenden Papageienfisch

anvisierte und mit der Harpune

abdrückte. Zack! Papageienfisch

mit Kokosraspel war für diesen

Abend gesichert.

Valo indessen stand mit mir in

ihrer reizenden Küche, barfuß mit

Schürze und klagte, dass das Tauchen

nicht gut sei für die Männer.

Ihr Vater war früh gestorben und

auch ihr Onkel. Sie machte sich natürlich

Sorgen um Gaston. Valos

Schwester Lisa schaute bei der Tür

herein. Die Damen standen etwas

in Konkurrenz wegen der Segler

und schon war ich von Lisa zu einem

Inselspaziergang eingeladen.

Finn begleitete uns, ebenso wie

die Hunde, wobei Balu an die Leine

musste, da er erst kürzlich eines

von Lisas Schweinen gebissen hatte.

Wir spazierten über sandige,

blumenübersäte Wege zu Lisas

Anwesen keine 500 Meter entfernt.

Sie hatte einige kleine Bungalows,

die Pension Matariva, die verlassen

wirkten. Auch bei Lisa wurde gebacken.

Lisas Tochter, eine richtige

Südseeschönheit, stand knetend in

der Küche. Eigentlich studierte sie

in Papete, aber es waren Ferien.

Am Nachmittag umrundeten wir

die kleine Insel. Balu führte uns

und jagte in der flachen Lagune die

Schwarzspitzenhaie. Auf der windgeschützen

Seite wurde es wirklich

heiß und schwitzend ließen wir

uns wieder im Schatten des Kavabaums

nieder. Valo und Violet

sammelten gerade Kavafrüchte.

Sie schmeckten nach Litschis und

wurden wie Eier geschält.

Am Abend wieder ein Festmahl,

ich durfte mitkochen und servieren,

Peter half beim Grillen, Finn

räumte Geschirr ab und füllte Wasser

nach. Als die Seglergäste gegangen

waren, aßen wir mit der Familie.

Und bekamen unseren nächsten

Job. Der nächste Tag sollte der

Kopraarbeit gewidmet sein. Um

acht Uhr würden wir vom Schiff

abgeholt werden.

KOKOS MUSS MAN MÖGEN

Die winzige Insel Paquai – übersetzt

„Allein“ – lag weit draußen in

der Lagune. Gaston vollführte mit

seinem selbstgezimmerten Holzschnellboot

plus 150 PS-Außenborder

ein Slalomrennen zwischen

den Korallenköpfen. Das Kokoswäldchen

von Paquai schütze uns

gut vor der Sonne, aber die Arbeit

war hart.

Peter versuchte, die Kokosnüsse

mit einem speziellen Eisen haken

aufzubrechen. Schweiß tropfte auf

seine bald mit Blasen übersäten

Hände. Gaston knackte die Nüsse

fast wie nebenbei. Wir Frauen

flochten aus den Palmblättern Matten,

die zum Trocknen der Kokosstücke

dienen sollten.

Handarbeiten war nie meine

Stärke und ich denke, mit meiner

außergewöhnlich schlecht geknüpften

Matte habe ich einen

bleibenden Eindruck bei Valo hinterlassen!

Valo lachte nur, war froh,

dass ihr die Seglerinnen Arbeit abnahmen

und breitete auf einem

Holztisch im Schatten das Mittagsmahl

aus.

Kokosbrot und rasch über einem

kleinen Feuer gegrillter Fisch. Zur

Abkühlung legten wir uns in einen

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Traumhaftes Wasser

bedeckt die Korallen,

dahinter Strand,

Hütten und das kleine

Kokoswäldchen.

kleinen, glasklaren Naturpool,

von Korallen gesäumt. Valo steckte

gerade eine Zeh ins Wasser.

Schwimmen? Nein danke! Und

den Geruch des aus dem Kopra

gewonnenen Kokosöl mochte sie

auch nicht. Es wurde zu Kokosseife

und Bodylotion für die Resortgäste

verarbeitet – in Tahiti.

Valo freute sich viel mehr über

den Nivea-Deo stick, den ich ihr

schenkte!

Am Nachmittag lag schon das

Arbeitsschiff aus Papete in der

Bucht, die fünf hart erarbeiteten

Säcke Kopra wurden gemeinsam

mit Fisch geladen. Wieder senkte

sich ein rosa-pink-violetter Sonnenuntergang

über die Lagune.

Kitsch as Kitsch can!

Die Gäste kamen. Gekonnt

wälzte ich den Papageienfisch in

den Kokosraspeln und buk ihn

heraus. Valo plauderte fröhlich

mit zwei etwas steifen Amerikanern,

die Engländer nippten vergnügt

an ihrem Rum mit Kokosmilch

und Limette. Der französische

Einhand-Segler Eduard,

sonst verschwiegen wie ein Grab,

kam richtig in Fahrt bei der Vorspeise:

Poisson cru, erstmals von

mir zubereitet! Wer Kokos nicht

mag, ist hier verloren. Zum krönenden

Abschluss servierte Valo

wie schon am Vorabend ihren

Coconut Pie. Die Salzburger Nockerl

Polynesiens.

Ich könnte unendlich viele Geschichten

von diesen drei Wochen

im Paradies erzählen. Von Valos

Perlenzucht, den schwarzen Perlen

der Südsee – grün, aubergine

oder grau schimmernd. Bei all

der Schönheit denke ich an das

ziemlich brutale Aufstemmen

der Austern, um ihnen einen

geschnitzten Kern aus Muschel

einzusetzen und der Ausspruch

„verschlossen wie eine Auster“

wurde mir schmerzlich bewusst!

Aber noch heute trage ich meine

Perle aus Tuao an einem Lederbändchen

um den Hals. Sie

ist nicht perfekt, etwas unrund

und vom Farbton ungleichmäßig,

aber das ist gut so. Denn auch die

paradiesische Welt von Valo und

Gaston ist nicht perfekt. Vielleicht

versinkt ihr Atoll in den nächsten

Jahren, beim nächsten Hurrikan,

weil auf der anderen Seite der

Welt zuviel Auto gefahren wird,

zuviel Dreck in die Atmosphäre

gepumpt wird. Zuviel Fleisch gegessen,

zuviel Geld gemacht wird.

Zuviel Gier und Desinteresse

herrscht.

Was in Tuao perfekt war, war

das Leben von Valo und Gaston

im Einklang der Natur. Ihre Offenheit

im Umgang mit anderen

Menschen. Und ihre selbstverständliche

Freundlichkeit.

Ich denke immer wieder dran.

Und ertappe mich immer öfter

dabei, dass ich es flüstere, das

Zauberwort – zu mir, zu Peter, zu

Finn, zu unseren Seglerfreunden,

die auch da waren: „Tuao“.

Und schon bin ich dort!

Hier möchte man mit

dem Dingi anlanden und

nie wieder fortfahren.

„Hier lebt Gaston,

ein echter Wassermann.“

Köstlicher können die

Früchte des Meeres

nicht sein als in Tuao.

18 OCEAN WOMAN 2022


Klein, aber oho!

AUSGABE 4/2020

Alexandras Kombüse hätte wohl auch

Paul Bocuse zur Freude gereicht …

Die Kombüse: Vieles, was darin gezaubert wird, hat Stürme erträglicher gemacht, in Flautenzeiten kulinarische

Highlights hervorgebracht, Abende in Buchten verzaubert, Nachtwachen erleichtert und frühe Morgenstunden

beseelt. Es ist also nicht zu unterschätzen, was dieser wichtige Teil eines Schiffes zu verantworten hat!

Die Küche auf unserer Risho

Maru ist klein. Puppenküche

sag ich immer. Vorteil dabei:

Man hat alles in Griffnähe! Außer

Plastikgeschirr – das gibt’s bei mir

nicht. Ok., eine Ausnahme: die große

Salatschüssel! Glücklich bin ich

mit meinen orange/cremefarbenen

Café au lait-Schalen aus Papete.

Liegen perfekt in der Hand. Und

natürlich mein Lieblingshäferl aus

San Pietro in Italien, mit Blumen

auf sonnengelbem Tongeschirr.

Immer dabei unsere Blechteller –

geblümt und emailliert – aus Ithaka.

Rostfrei, hübsch, unkaputtbar und

gleich alt wie der Junior-Skipper,

nämlich 20 Jahre!

Wir trinken Wasser aus ehemaligen

Joghurtgläsern aus Italien, Wein

oder Pastis aus tunesischen Teegläsern

aus Menorca. Ein kleiner Wok,

beschichtete Bratpfanne und der

Spaghetti-Topf stehen in zwei Fächern

übereinander unter der Spüle.

Süßwasser- und Meerwasserpumpe

– spart Wasser, klar! Nudelsieb, großer

und kleiner Kochtopf. Wohin

mit den Deckeln? Hab ich nie wirklich

gelöst – irgendwer eine Idee?

Nachkochen an Bord: Alexandras flottes Fladenbrot

Zutaten

500 g Mehl, 2 TL Backpulver, 1 TL Salz, 1 TL Olivenöl, ca. 300 ml Wasser

Zubereitung

Alle Zutaten zu einem geschmeidigen Teig kneten, fünf Minuten rasten lassen.

In mandarinengroße Bällchen teilen, auf einer leicht bemehlten Fläche dünn auswalken.

In einer heißen Pfanne ohne Fett beidseitig hellbraun herausbacken!

In selbstgenähten Stoffsäcken

bringe ich Kochlöffel, Nudelwalker,

Schneebesen, Spaghettizange etc.

unter. Unsere Kühlbox ist klein und

nur selten in Verwendung. Nicht

wirklich nötig, hat sich nach den

viereinhalb Jahren um die Welt herausgestellt

– nun ja, darüber lässt

sich sicher trefflich diskutieren.

Anders hingegen der Backofen.

Das tägliche Brot, die Geburtstags -

torte, der Osterzopf, meine Sturmbrownies,

die Dosen-Spinatlasagne,

Rosmarinkartoffel, Nudelaufläufe,

Melanzane gratinate, Pizza und vieles

mehr! Natürlich auch gegarter

Fisch aus dem Backofen. Über dem

Küchentisch in einem Regal mit extrahohem

Rand Zucker, Salz und

Gewürze wie Oregano und Co.,

Kümmel, Currymischung, Zimt …

Ein Regal im Stauraum gleich

neben dem Herd ist reserviert für

Tomatendosen, Kokosmilch, Mais,

Nudeln, Mehl. Direkt darunter die

Süßigkeitenkiste für den Skipper.

Für mich die Grissini- und Cräcker-

Box. Salzige Snacks und Schokolade

sind bei Ozeanüberquerungen

essen ziell, beim Insel-Hopping in

Passt zu Pecorino, Kapern, Zwiebel in Balsamico-Essig, getrockneten Tomaten, Mozzarella, Olivenpaste, Basilikumpesto u.v.m.

Kroatien oder Griechenland machen

sie aber auch gute Stimmung!

Ha, fast vergessen: meine zwei

griechischen Blechpfannen für

den Ofen – perfekte Arbeitsgeräte

an Bord und daheim in Wien.

Die Teekanne aus dem Yemen

und die Zuckerdose aus Vanuatu –

so viele Erinnerungsstücke!

Im offenen Regal (Katamaran!)

unter dem Küchentisch: Olivenöl,

Balsamico-Essig, Maiskeimöl und

Gläser mit Essiggurken – Captains

favorite, vor allem in Kombination

mit kroatischen Pasteten.

KÜCHENFENSTER IN DIE WELT

Das Schönste an meiner Kombüse?

Der Blick aus der Luke! Auf grüne

Inseln, Wüstenberge, blaue Lagunen,

Delfine, meinen Sohn und

meinen Mann, wenn sie mit dem

Dingi herbeirauschen, pink-orangefarbene

Sonnenuntergänge, Lichter

einer fremdem Stadt, schwimmende,

lachende Kinder in Vanuatu,

winkende Fischer in Sri Lanka, die

Schiffe unserer Freunde in der sanften

Brise eines ruhigen Anker -

platzes. Auf Rovinj während einer

Bora und den Kvarner bei Flaute.

Mein Küchenfenster in diese

Welt. Unvergesslich. Schön. Vor allem

bei Sonnenuntergang – an der

italienischen Adria zum Beispiel.

Idealer Speisebegleiter: mein flottes

Fladenbrot und dazu, was man so

in der Kombüse findet, wenn man

zuvor italienisch einkaufen war!

OCEAN WOMAN 2022 19


Kochen für Kinder bei

Heute sag ich jaja, man wächst hinein in das Blauwassersegeln, wird abgehärtet, tapfer, cooler.

Keine Rede davon bei unserem ersten Sturm im Atlantik auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln.

Starkwind“ meinte mein Skipper.

OMG! Das war immerhin

der große Atlantik, die

Wellen waren riesig, die Wolken

grau und dick und unheimlich.

Zuvor im Internetcafe war keine

Rede davon. Ach, dieses Wetter!

„Hunger!“ Das war Finn. Dem

war es egal, was da draußen passierte.

Egal, welche Wellen, egal, welches

Tiefdruckgebiet, egal, welche Störungen

derselben. Mist. Seekrank

wird bei uns keiner. Das ist ein Vorteil,

kenne ich doch genug Crews,

die zu diesem fortgeschrittenen

Gewackel im Gleichton reierten.

„Hunger!“ Ok. Es war ja schon

der zweite Sturmtag. Am ersten hatte

ich vorgesorgt. Krautfleckerl noch

im Hafen gemacht. Und Chips mit

Dips und Brot gebacken. Am zweiten

Tag stand der Gusto an Bord

nach etwas anderem. Pasta. Basta.

Es gab wieder was mit Nudeln.

Ich klemmte mich in die Kombüse

der Risho Maru. Erhöhte Schiffsbewegungen.

Heißt, das Schiff bewegt

sich vorwärts, was gut ist, aber eben

durch die Wellen auch seitwärts und

auf und ab. Der Deckel des Spaghetti -

topfs knallte auf meinen Zeh. Aua!

Egal. Auf den Monoyachten muss es

noch schlimmer sein, weil Schräglage.

Aber ich denke, im Grunde ist

es auf jedem Schiff bei solch einem

Wetter grenzwertig. Außer vielleicht

auf einer Fähre oder einem Kreuzer.

Aber da war ich nicht. Leider.

Zwiebel schneiden. Gut, dass unsere

Kombüse klein ist. Ich klemmte

mich zwischen Niedergangsleiter

und Küchenbankerl, drückte Halt

suchend die Zwiebel aufs rutschende

Brett und schnipselte.

Viel Olivenöl in den Topf. Was

noch? Vor mir Kapern. Rein damit,

Oliven ohne Kerne, rein damit, eine

salzige Sardelle, rein damit. Und

Knoblauch, wenn ich es bis zu ihm

schaffe. Bumm! Kopf angehauen am

Querbalken. Gut, die Küchenorganisation

war damals noch bescheiden.

Würde mich da in den folgenden

Segeljahren sehr verbessern.

Eine Knoblauchzehe landete im

Topf, der Rest hinter dem Ofen.

Mach ich später sauber, heißt in

Lanzarote – sollten wir da je ankommen

– heißt in vier Tagen. Da

könnte ich den Knoblauch wahrscheinlich

getrocknet verwenden.

Platsch! Wasserspritzer von oben.

Blöde Welle. Boden feucht. Mist!

Wo sind die Bodenfetzen? Irgendwann,

viel später, würde ich dann

Zeitungspapier auf den Boden legen,

das saugt super und man entsorgt

es schnell und es stinkt nicht

wie ein alter Hund. Aber das würde

erst in Tonga sein, zwei Jahre später.

Ja, Seefrau werden ist nicht schwer,

aber sein dagegen sehr …

VIELE JAHRE URLAUB?

Chili. Rein in die Pfanne und dann

eine Dose Tomaten aus der nassen

Bilge. In Neuseeland werde ich so

weit gereift sein, dass für die jeweilig

berechnete Überfahrtszeit alles

handlich bereitsteht, mit Speiseplan,

aber im Augenblick suchte ich den

Dosenöffner.

Hatte die billigen Tomatendosen

ohne integrierte Öffnungsschlaufe

gekauft. Schöner Mist bei 25 Knoten

Wind. Wo war die Stauliste,

um dieses Manko zu vermerken?

Ach, pfeif drauf. „Hunger!“ Finn

muss ein Affront für seekranke

Menschen sein, kopfüber hing er

in seiner Koje und las Asterix!

So, Nudeln rein, kochen, kochen.

Kosten, kochen. Passt. Jetzt das

Meisterstück: heißes Wasser absei-

Sohn Finn, das hungrige

Seemonster an Bord.

Palatschinken à la Risho Maru

Zutaten: 150 g Mehl, 2 Eier, 250 ml Milch, 125 ml Wasser.

Zubereitung: Alle Zutaten mit dem Schneebesen glattrühren, in einer Pfanne mit etwas Öl von beiden

Seiten goldgelb ausbacken. Füllung: Schokocreme à la Nuetella gibt es von Kroatien bis Papete …

Tipps: Eier: Einzeln aufschlagen – ich habe oft Eier auf Inseln

in kleinen Supermärkten oder von Einheimischen direkt

gekauft. Die Frische lässt sich da oft nicht nachvoll -

ziehen und ein stinkendes Ei an Bord ist wirklich

grauenhaft und verdirbt das ganze Gericht sofort!

Milchpulver: Das beste Milchpulver habe ich in

Neuseeland gekauft. Lange bin ich mit Haltbarmilchtetrapacks

ge segelt, aber Milchpulver ist leichter zu

stauen und kann sparsamer verwendet werden.

FOTO: SHUTTERSTOCK

20 OCEAN WOMAN 2022


Sturm

hen, die Schiffsbewegungen berücksichtigend.

Dabei immer bekleidet

sein. Damals auf dem Atlantik sowieso,

es war saukalt. Aber in den Tropen

würde ich schon mal im Bikini dastehen

und das könnte böse enden.

Ok, Nudeln fertig, Tomatensoße

dazu, Parmesan drüber, Blechteller,

Gabel. Essen fertig! Die Männer futterten.

Ich war total erledigt. Seekrank

war ich nicht, aber hungrig auch nicht

mehr. Ich würde dann später während

der Nacht wache meine Portion essen.

Fünf Jahre später fragte mich bei

einer unserer Multivisionsshows eine

pikierte Dame, wie es denn so sei,

viereinhalb Jahre Urlaub zu machen.

Urlaub! Ich geh dann mal Abwaschen.

Muss sein, lieber gleich, weil sonst das

Chaos morgen noch schlimmer ist.

Außerdem hab ich nur zwei Töpfe,

mehr passen nicht in die Küche.

Und warum diese traditionelle Rollenverteilung

an Bord? Kann nicht

Peter kochen oder abwaschen? Der

navigiert. Und da wird mir richtig

schlecht. Da koch ich lieber. Peter liest

und empfängt die Wetterfaxe, wartet,

starrt, versucht, sich zu konzentrieren

und sein Appetit hält sich in Grenzen.

Aber wie immer lobte er die Küche!

Nur Finn aß immer begeistert. Wollte

noch eine Portion. Fiel dann wieder

in seine Koje und verlangte Nachspeise.

Ich schmiss ihm einen Schokoriegel

auf den Kopf. So, die Küche ist geschlossen,

Seemonster!

Da Sturmspaghetti in Wirklichkeit

einfach aus dem gemacht werden, was

gerade in der Kombüse herumliegt,

gibt es dazu kein Rezept, aber dafür

ein „all time favorite“ für hungrige

SeglerInnen von 1–99 Jahren:

Nutella- Palatschinken!


AUSGABE 4/2021

Guter Vorrat ist teuer

Was krisenbedingte

Einschränkungen an

Land bedeuten, ist auf

dem Ozean zu manchen Zeiten

Normalität. Es bedeutet z. B.

einfach, dass man auf Langfahrt

ist – über den Atlantik,

den Pazifik, den Indischen

Ozean oder sonst wohin.

Das Pro viantieren, das Vorsorgen

für den Notfall, dieses

Nicht-wegkönnen erinnert

mich tatsächlich hie und da

an das Leben auf dem Segelboot.

Nur: Daheim ist das

Wetter egal und der Kühlschrank

riesengroß und

richtig kalt!

Wir sitzen zu dritt in der

Woh nung „im selben Boot“

und ge denken der vielen Wochen

und Stunden, in dene

diese Dreisamkeit zum großen

Traum dazugehörte.

Dennoch, dieses auf Vorratkaufen

war mir schon damals

keine Freude. Vorausschauend

zu bunkern, zu organisieren,

wo man was verstaut oder wie

man frisches Gemüse und Obst

an den unmöglichsten Orten

an Bord unterbringt.

Kürzlich las ich von einer

Seglerin, die Computerlisten

anlegt, in die sie eintippt, was

es noch Essbares an Bord gibt –

und daraus ergibt sich das Rezept

fürs Abendessen. Etwa so:

eine Paprika, eine halbe Gurke,

zwei Tomaten, eine Packung

Schafkäse = griechischer Salat.

Wäre vielleicht auch an Land

keine schlechte Idee!

AUSGABE 3/2020

Einfach ums Eck gehen, Brot und Milch holen? Geht nicht.

Gemütlich auf dem Markt flanieren und da und dort

Kleinigkeiten verkosten? Nicht möglich. Langsam durch die

Gänge im Supermarkt spazieren und gustieren, was man am

Abend kochen wird? Leider nein. In der Hoffnung, dass, wenn

Sie diese Zeilen lesen, die Krise gebannt ist, möchte ich dennoch

das Thema „Vorrat“ aufgreifen.

THEMA NOTPROVIANT

Der Skipper ist an Bord für die

SOS-Box verantwortlich. Ein

wasserdichter Plastikbehälter

gefüllt mit Dingen, die das

Überleben in der Rettungsinsel

sichern. Also z. B. Schokolade.

Bei einer spontanen Überprüfung

dieser Box stellte ich fest,

dass abseits von Angelzeug,

Mini-Wassermacher, Medikamenten

und Leuchtraketen nur

mehr leeres Schokoladenpapier

und eine halbe Packung ranziges

Studentenfutter darin war.

Der Skipper meinte, er wollte

das gerade nachfüllen.

Einmal fand ich beim Osterputz

auf dem Schiff (heuer ist er

coronischerweise ausgefallen)

zwei Dosen Bohnen. Ablaufdatum

2011. Nach einer genaueren

Durchsicht des Gewürzregals,

entdeckte ich Curry aus Sri

Lanka. Ablaufdatum 2009. Ich

verzichtete auf Bohnencurry …

Sicher, im Notfall wäre ich

glücklich gewesen über die gelungene

Proviantierung, aber

damals aßen wir dann doch lieber

den frischen Pe corino und

süße Kirschtomaten vom italienischen

Markt. Und auf das

freuen wir uns jetzt auch schon

sehr!


PS: Ein Gedanke fliegt jetzt zu

unseren Freunden und allen anderen,

die rund um die Erde auf

ihren Segelbooten in Quarantäne

hocken. Sicher gut proviantiert –

aber eben nicht freiwillig! Fair

Winds, bis ganz bald hoffentlich!

OCEAN WOMAN 2022 21


Schafskäse auf Tonga

AUSGABE 6/2020

Ann kocht gern, gut und gesund. Ich sitze im großen gemütlichen Salon der Magnum,

einem wirklichen Kuschelschiff. Vor den Salonfenstern ein Königreich: Tonga.

FOTOS: SHUTTERSTOCK

Ann ist Irin, verheiratet mit

dem nach Kalifornien ausgewanderten

deutschen Architekten

Uwe. Aus der Kinderkoje

hört man Kinder lachen. „Findet

Nemo“ zum x-ten Mal – der Lieblingsfilm

aller Segelkinder damals.

Ann hackt gerade Pignolienkerne.

Auf Tonga gekauft? Aus Panama –

vakuumverpackt. Kürbisstücke

rösten im Ofen. Kürbis aus Fiji,

hält ewig.

Apropos Fiji. Was für eine Überfahrt!

Ann: „Rough seas. I fail to

understand how anyone can enjoy

that.“ Ja, ich versteh’ die Leute auch

nicht, die Starkwind so toll finden.

Größte Angst? „Mann über Bord!“

– und damals, als Ann nach der Beinahe-Kollision

in Indonesien das erste

Mal in ihrem Leben Valium nahm

und trotzdem nicht einschlafen

Anns Penne mit Kürbis und Schafskäse

1,5 kg Kürbis in 2 cm-Würfel, 1 TL Rosmarin,

4 zerdrückte Knoblauchzehen,

2 EL Olivenöl, 500 g Penne, 1 EL Butter,

1 geschnittene Zwiebel, 1 EL

Honig, ½ l Brühe,

150 g Schafskäse

zerbröselt,

Parmesan.

konnte. Dennoch, welch ein Glück,

diese Reise machen zu dürfen! Das

„special bond“, Töchterchen Karas

besondere Bindung zu ihren Eltern.

Viele Eltern kennen ihre Kinder gar

nicht, meint Ann – ich stimme ihr

zu. Die Nähe, die man durch eine

gemeinsame Reise mit seinen Kindern

aufbaut, ist eines der größten

Geschenke, die man ihnen und sich

selbst machen kann.

Penne ins kochende Salzwasser.

Ich nehme noch schnell den letzten

Schluck irischen Tee – köstlich. Ein

Glas Rotwein steht bereit. Auch

köstlich. Hier erinnert gar nichts

an Schiffsküche, wie sich das manche

vorstellen. Kein Dosenfutter

oder Plastikgeschirr weit und breit.

Ann krümelt Schafskäse über den

gerösteten Kürbis. Schafskäse auf

Tonga?

Kürbiswürfel mit Knoblauch und 1 El Olivenöl in einer Pfanne in den vorgeheizten

Ofen geben, bei 200 °C gut 30 Minuten rösten, bis der Kürbis

goldfarben und weich ist. Penne bissfest kochen und mit der Butter mischen.

Die Zwiebel für 3 bis 5 Minuten in der Pfanne mit dem restlichen

Olivenöl an braten, den Honig beifügen und 2 Minuten braten, bis der Zwiebel

karamellisiert. Brühe einrühren und weitere 7 Minuten leicht köcheln

lassen, bis die Brühe etwas einreduziert ist. Weichen Ofenkürbis damit

übergießen und mit Schafskäse einige Minuten überbacken.

Tipp: Schafskäse ist gekühlt bis zu 3 Wochen haltbar! Schafskäse in Öl

hält auch ungekühlt monatelang.

„Yes!“ Entdeckt auf Fiji, Ursprung

Neuseeland, eigenhändig

in Öl eingelegt. Dann holt Ann

auch noch ein großes Stück Parmesan

aus dem Kühlschrank.

DEN PAPRIKA DENKE MAN DAZU

Vakuumgerät ist eines der Musthaves

in der Galley einer Fahrtenseglerin,

beteuert Anne.

Parmesan, gekauft auf Tahiti vor

zwei Monaten. Ich nasche heimlich

vom frisch geriebenen Käse. Die

bissfesten Penne werden auf den

Tellern verteilt, darüber die mit

Schafskäse überbackenen saftigen

Kürbisstücke. Zum Schluss Pignolienkerne

und, falls vorhanden,

frischer Tomatensalat! Mit Basilikum

(!), gekauft auf dem Gemüsemarkt

des kleinen Örtchens auf der

Insel Neiafu, deren Lichter sich im

ruhigen Wasser der Ankerbucht

spiegeln.

Zum Nachtisch kramt Ann aus

dem Kühlschrank Schokolade –

meist ist das Gesuchte ganz unten

und dann holt man bei rollendem

Schiff alles raus und räumt es

wieder ein. „A pain!“, da werden

wohl viele beipflichten! Zum Abschluss:

frisch gemahlener Kaffee!

Nächstes Must-have an Bord – eine

Kaffemühle.

Ann schenkt mir zum Abschied

ein Stück Schafskäse. Gleich am

nächsten Morgen erforsche ich auf

eigene Faust den Inselmarkt und

entdecke nicht nur herrlich aromatische

Tomaten, sondern auch Gurken.

Zwiebel sind immer an Bord

und die Paprika denken wir uns

dazu, als wir den fast ori ginal griechischen

Salat essen.

Oliven? Natürlich an Bord! Und

griechische Weinblätter. Wenn

schon Dosen, dann diese!

22


Sam und die Wikinger

AUSGABE 3/2021

Sicher, manchmal ist es nicht so toll, das Segeln. Aber wenn man dabei ist,

sein Leben zu ändern, gib es eben auch schlechte Tage, oder?

Samantha, kurz Sam genannt,

tauchte mit dem Kopf aus

dem Niedergang der Windcharger

auf. Neben ihr Jessica, vier

Jahre, blonde Korkenzieherlocken,

dann Ehemann Lloyd – Colin Firth

– die jüngere Version – müsste sich

fürchten, würde Lloyd statt zu segeln

schauspielern!

Und dann krähte von unten „little

Tom“, das Baby an Bord, ein Jahr alt.

Das war Familie Robinson! Die hießen

wirklich wie die berühmte Aussteigerfamilie

und lebten seit zwei

Jahren auf dem Schiff, als wir sie in

Lanzarote kennenlernten. Eigentlich

sollte Lloyd Atom-U-Boote schüt-

zen für England, aber irgendwann

setzte er sich zu den Greenpeace -

leuten vor der Marine-Basis und

trank mit ihnen Tee. Sam vermietete

er seine Wohnung – er war ihr

„Landlord, wie es so schön poetisch

im Englischen heißt. So lange, bis

Sam die Miete nicht mehr zahlen

konnte, dann heiratete er sie. So zumindest

seine Version.

Beim ersten Date erzählte er Sam

von seinem Traum, auf dem Schiff

zu leben. Und Sam sagte: „Ok

then!“ Sam war von ihrem Job als

Bank angestellte völlig ausgepowert

und perspektivelos. Nach Jessicas

Geburt suchten Sam und Lloyd ein

Schiff, zeugten little Tom, lebten

die erste Zeit in Portugal in einem

Fluss, wagten dann den Törn in den

Atlantik. „It’s hard work“, gestand

mir Sam – ein kleines Mädchen

und ein Baby auf einem Schiff. „Es

ist wie eine große Lupe auf unserer

Beziehung.“

Vor den Nächten auf See hatte

Sam entsetzliche Angst. Einmal war

sie sicher, ein Container würde sie

gleich rammen und sie überlegte

krampfhaft, welches ihrer Kinder

sie zuerst retten müsste und wo sie

die verdammte Babyschwimm weste

verstaut hatte. Aber es passiert

nichts in diesem Augenblick.

In diesem „Augenblick“, in dem

Sam, seit sie segelten, zu leben versuchte.

Echte Herausforderung, wobei

– wenn ihr Jessica um die Ohren

fegte und little Tom Flip-Flops über

die Rehling warf, gab es nichts anders

im Leben.

OH MY GODNESS!

Außer Lasse. Der 20-jährige dänische

Wikinger heuerte als Crew

über den Atlantik an und klein Jessica

hing anbetungsvoll an seinen

Lippen. Wenn Lasse „nein“ sagte,

war es ein „Nein“. Wow – und Sam

hatte Zeit, etwas zu lesen und sich

zu rasieren! Mit Schamesröte im

Gesicht erzählte sie mir, wie sie in

Lanzarote das elegante Marina -

schwimmbad besuchte und zurück

auf dem Schiff Wildwuchs an bestimmten

Stellen ihres Körpers

bemerkte. Oh my goodness! Mir ist

das damals nicht aufgefallen, Sam

könnte einer Jane-Austen-Verfilmung

entsprungen sein.

Und die Liebe zu Lloyd? „I trust

him with my life.“ Sicher, manchmal

ist es nicht so toll, das alles. Aber

wenn man dabei ist, sein Leben zu

ändern, gibt es eben auch schlechte

Tage, oder? Außerdem, irgendwie

glaubte Sam, dass die schlimmen

Dinge woanders passieren.

Auf der Windcharger spielten sie

Scrabble am Abend, redeten miteinander,

hatten die Kinder ganz nah,

keiner zu Hause konnte sich das

vorstellen und Sam konnte sich

nicht mehr vorstellen, zu Hause zu

leben, jeden Abend fernzusehen,

wie ihre Mutter.

Als wir kurz vor Weihnachten in

die Piratesbay auf Tobago einsegelten,

winkten uns die Robinsons an

Bord – es gab frisch gebackenes Coconut

Bread zum frisch gefangenen

Tuna! Oh my goodness!


Sams Tobago inspired Coconut Bread

Zutaten Basic: 1 Dose Kokosnussmilch,

250 ml Wasser, 2 EL Zucker, 1 EL Hefe

(1 Pkg. Trockenhefe), 1 kg Mehl, 1 Eigelb

Zubereitung: Alle Zutaten zu einem geschmeidigen

Teig verkneten, acht Kugeln formen. Diese in eine bemehlte

Backform (z. B. Auflaufform) nebeneinander setzen, 1 Stunde

gehen lassen. 35 Minuten bei 200 °C backen.

Luxus: Eine frische Kokosnuss! Von einer Palme herunterholen, mit einer Machete

aufschlagen, das Kokosnussfleisch fein reiben und auspressen – so erhält man die

fruchtige Kokosmilch.

Tipp: Den Teig ordentlich kneten und in die Schüssel knallen! Sam: „The perfect

workout to tone your arms!”

OCEAN WOMAN 2022 23


24

Mein Mann,

der Fischer

Das fiel mir als erstes auf: Es war das Flackern in den

Augen eines Jägers! Es sagte: Ich ernähre meine Familie!

Mit meinen eigenen Händen! Ich sorge, dass etwas über

dem Feuer brät und alle satt werden. Männer sind eben

Jäger. Und manchmal auch Fischer.

24 OCEAN WOMAN 2022


Erstmals fiel „es“ mir auf,

als wir von Gibraltar nach

Lanzarote segelten. Wir waren

vier Tage auf See. Das

war damals für uns wirklich lange –

zu Beginn unserer Weltumsegelung!

Mein Mann Peter hatte seine diversen

Schleppangelsysteme quer

durchs Mittelmeer gezogen, ohne

Erfolg. Er wirkte deswegen nicht

weiter deprimiert. Schuld war die

Fischlosigkeit des Mittelmeers. Ich

stimmte ihm zu, nachdem ich die

superteuren Minifische in diversen

kroatischen Konobas gesehen hatte.

Wer weiß, woher die stammten?

Nordsee?

PLÖTZLICH EIN SCHREI

Und da waren wir nun im großen

Atlantik. Mit Spinnaker gemütlich

aus Tarifa rausgesegelt, weder

Monsterwellen noch Mörderströmungen

in der verrufenen Straße

von Gibraltar waren uns in die Quere

gekommen. Herrlich, eine Stunde

lang – dann drehte der Wind und

die nächsten 24 Stunden wusste ich,

was der alte Odysseus mit Seemonstern

und Skyllen gemeint, dass er

ein Ende der Scheibe genau hier befürchtet

hatte und deswegen nie hinausgesegelt

war.

Wie auch immer – irgendwann

am nächsten Morgen, nach einer

stürmisch durchwachten Nacht,

beruhigten sich die Seeungeheuer.

Ich war in einen traumlosen Erschöpfungsschlaf

gefallen. Und erwachte

von einem Schrei. Panisch

stürzte ich aus der Koje an Deck,

Schreckensvisionen a la „Peter

über Bord“ oder „Mast gebrochen“

flackerten kurz auf – aber da sah

ich ihn.

Der Skipper stand am Heck

des Schiffes, die durchgebogene

Schlepp angel in der Hand. Irgendetwas

schien angebissen zu haben.

Etwas großes. Etwas sehr großes.

Mit verbissenem Gesicht kurbelte

Peter an der Angel und schrie in

kurzen Abständen: Fisch! Fisch!

Ich hab einen Fisch! Ich und der

inzwischen aufgewachte Finn beobachteten

eine Szene, die bald völlig

normal sein würde, aber gerade

in diesem Augenblick eine Premiere

der besonderen Art war.

Nach endlosen Minuten sahen wir

einen Schatten am Ende der Angelleine

im Wasser. „Gleich hab ich dich“,

keuchte mein Ehemann. Ich weiß

nicht, wie er dieses Ding an Bord

kriegen wollte, aber er schien absolut

darauf versessen. Und endlich, landete

die riesige Dorade mit einem

lauten Klatsch auf unserem Deck.

Locker ein Meter.

Fast so groß wie der sechsjährige

Finn damals. Ich hatte noch nie einen

so großen Fisch so nah gesehen. Und

er kämpfte. Peter auch. Beide kämpften.

Und Peter – damals noch Fischer-Greenhorn

– langte nach der

Winschkurbel, und ... naja, die Details

erspar’ ich Ihnen. Es war blutrünstig.

Als die Golddorade schließlich

in die ewigen Fischgründe

eingegangen war, hob der blutbespritzte

Peter sie (oder das was von

ihr übrig geblieben war) auf und

blickte uns stolz an. Und da fiel „es“

mir auf: Das Flackern in den Augen

eines Jägers! Ich ernähre meine Familie!

Mit meinen eigenen Händen! Ich

sorge, dass etwas über dem Feuer brät

und alle satt werden.

So sollte es bleiben. Peter tüftelte

seine speziellen Angelkonstruktionen,

Ködervorrichtungen, Hakenvariationen

in den nächsten Jahren aus.

250 Meter Angelleine mit einem Meter

Stahlvorfach, kein Anglergeschäft

war mehr vor ihm sicher, jedes Gespräch

mit Seglerfreunden ließ dieses

Thema aufkommen. Rosa Oktopus

für Doraden, rot-orange für kleine

Thunfische, grün für den Wahoo.

Interessanterweise wich die sündteure

Hochseeangelspule einem simplen

Plastikreifen aus der Karibik,

bei dem die Leine nur händisch aufgewickelt

wurde. Dies kombinierte

Peter mit einem Gummizug, an dem

eine leere Coladose befestigt war –

diese Kons truktion weckte sogar den

müdesten Nachtwachenschieber,

wenn ein Fisch biss. Gerade bekomme

ich noch einen fachlichen Hinweis

aus dem Hintergrund: Der

Gummizug bewirkt auch, dass der

Köder wie ein echter Squid durch

die Wellen tanzt!

Und immer wieder dieses Flackern

in den Augen des Jägers. Manchmal,

da konnte Peter kaum aufhören –

zum Beispiel im Roten Meer in Eri -

trea, so unberührt und deswegen

wohl fischreich, dass man eine Ahnung

davon bekam, wie es mal im

Mittelmeer war – vor sehr langer

Zeit. Thunfisch war ein Normalfang.

Irgendwann hatte ich ihn kurz angebraten

mit Wasabi und Soja satt und

panierte die Steaks! Fast wie Backhendl!

Aber nichts ging über eine Golddorade.

Götterspeise. So etwas Gutes

Peter tüftelte seine

speziellen Angel -

konstruk tionen, Köder -

vorrichtungen, Hakenvariationen

in all den

Jahren auf See aus.

OCEAN WOMAN 2022 25


hatten wir noch nie gegessen. Die

Dorade schmeckte nicht nach Fisch.

Der Fisch, den wir aus dem Fischgeschäft

kennen, ist nie wirklich frisch

und fischelt deswegen. Frischer

Fisch schmeckt nach Ozean und

Salz und Paradies.

So wie mein Mann langsam zu einem

Profifischer wurde, lernte ich

die Fischrezepte einer Weltumsegelung

kochen, den Kokosfisch der

Kuna-Indianer, den kreolischen

Fisch der Kariben, südamerikanisch

gebackenen Fisch, den Poisson cru

aus Tahiti – roher Fisch mit Kokosmilch,

Chili und Tomaten – das

scharfe Sri Lanka Fish-Curry und

immer wieder zur Belohnung für

den Jäger sein Lieblingsrezept: Serbische

Fischsuppe! Mit frischen Tomaten

(falls noch vorhanden) und

viel Zwiebel und Chili! Bald tötete

Peter seine Beute kurz und (ich hoffe)

schmerzlos.

Ein gezielter Stich in die Kiemen,

Richtung Gehirn. Fest hielt er den

Fang mit seinen Spezial-Fischerhandschuhen

(besorgt in Panama) –

die waren rau, damit nichts davon -

glitschte. Er filetierte die Steaks

professionell mit einem höllisch

scharfen Filetiermesser aus Tahiti.

Dabei vergaß er nie, sich vor all diesen

Handlungen beim Fisch, der

uns Nahrung schenken würde, zu

entschuldigen und zu bedanken.

Wie ein Indianer. Die waren ja auch

Jäger.

Mein Mann, der Fischer. Mein

Mann, der Jäger. Irgendwie hat so

eine Weltumseglung schon was

ganz schön Archaisches. Bin ja nur

froh, dass er mich nicht an den Haaren

in die Kombüse zerrte!

Interessanterweise blieb ihm das

Flackern in den Augen, sobald von

Fisch die Rede war. In Österreich

lud uns ein guter Freund zum Fliegenfischen

ein und flugs, beim ersten

Wurf, hing bei Peter eine Forelle

dran! Der Freund war baff, der Jäger

befriedigt und ich verschwand in

der Küche, auf der Suche nach einem

Süßwasserfischrezept!

DARF MAN DAS?

So war das mit dem Fischen an

Bord! Irgendjemand sah kürzlich eines

unsere Fischfangfotos und fragte:

„Darf man das denn?“ Ich denke,

wir Fahrtensegler dürfen das. Eigenbedarf.

Von den koreanischen

Schwarzfischerflotten mitten im Pazifik,

die uns tunlichst auswichen,

wollen wir das mal nicht behaupten.

Und hier in Wien essen wir keinen

Meeresfisch. Nicht frisch genug.

Und von wem, wie, und wann gefischt,

weiß man da ja auch nicht.

Jäger und Tiefkühltruhe passen

nicht zusammen, findet mein Jäger.

Auch wenn Fisch gesund ist – wie

alle sagen. Und dabei die Meere

ausbeuten. Weit über den Eigenbedarf,

für Sushis am Bauernhof oder

Thunfischsteaks beim Wirt ums

Eck. Da hilft auch kein Entschuldigen

mehr. Wie bei den Indianern.

Aber von denen gibt es ja auch nicht

mehr sehr viele.


Klingt brutal, ist aber die schnellste Möglichkeit,

den Fisch zu töten: ein Stich durch die Kiemen.

Was nicht sofort gegessen werden

kann, wird luftgetrocknet.

26 OCEAN WOMAN 2022


Der Ozean,

die Wüste und

der pure Luxus

Ilse ist fast studierte Ägyptologin. Geschichte und die Wüste, das

ist ihr Ding. Ein Leben auf dem Schiff stand nicht auf ihrem Plan.

Aber so ist eben das Leben.

Denn wer hätte vorausgesagt,

dass die hochbeschäftigte

Projektmanagerin aus Dornbirn im

Sinai beim Tauchurlaub den Maschinenbauer

Helmut trifft, ihre Karriere

abrupt beendet und auf dem gemeinsamen

Segelboot Esperanza um die

Welt segelt? Und zuvor noch mit

Ende 48 in Wien zu studieren beginnt

– nämlich das, was sie wirklich

interessiert. Ägyptologie!

Ilse zieht noch einmal gemächlich

an ihrer Zigarette und betritt den

Salon der Esperanza. Die Küche aufgeräumt

und übersichtlich. Wenn es

ganz wild ist beim Segeln – wie bei

der Überfahrt von Neuseeland hierher

nach Neukaledonien –, dann

kann Ilse nur mehr lachen. Lauthals

lachen, wie verrückt das alles ist.

Lieber wäre sie sowieso damals ins

warme Australien weitergesegelt als

nach Neuseeland, denn für ihren

Geschmack regnet es im Land der

Weißen Wolke zu oft.

„Ich hab es gern warm.“ So wie

hier in Noumea. Ilse spricht perfekt

Französisch, ihr geschiedener Ehemann

war Bretone. Sie drückt die

Zigarette aus und widmet sich dem

Thunfischsteak. Heute gibt es Thunfisch-Carpaccio.

Wenn Essen, dann muss es fein

sein. Ilse ist schlank, immer lässig,

ungezwungen gekleidet. Das ist

AUSGABE 6/2021

auch ihre Art. Grantig wird sie nur,

wenn der Helmut in seinen Reparaturwahn

verfällt. Er liebt es zu

reparieren und am besten ist, man

schenkt ihm zum Geburtstag was

Kaputtes.

Wenn es so weit ist, verzieht sich

Ilse mit ihrem Sudoku. Wie schon

gesagt, Kochen muss schnell gehen.

Außer es ist Rindfleisch, denn das

braucht Zeit. Und dann muss das

Fleisch natürlich gut sein. Schwierig

auf so einer Reise. Auch mit der

Wurst. Da lassen die beiden sich

schon mal einen Speck von zu

Hause mitbringen!

An Deck sehe ich das riesige Ruder

der Esperanza. Wie soll die zarte

Ilse dieses beherrschen? Genauso,

wie sie in 30 Metern Tiefe taucht.

„Ich liebe das Meer und die Wüste.“

Verrückt? Einige Zeit später im

Oman wird sie wieder lachen, weil

sich ein paar Einheimische daran

Thunfisch-Carpaccio

Noumea auf Neukaledonien ist

ein beliebtes Etappenziel für Weltumsegler.

Ich traf dort Ilse aus

Vorarlberg und genoss an Bord ihr

vorzügliches Thunfisch-Carpaccio.

Zutaten Basic: 400 g Thunfisch oder mehr … je nach Fang! 1 Zehe Knoblauch,

1 kleine Zwiebel, 1 EL Olivenöl, Saft einer Limette, Pfeffer, Salz.

Zubereitung: Thunfisch ganz fein schneiden. Kann

ruhig nudelig werden – ein Anfrieren, um dünne

Scheiben zu bekommen, kostet auf dem Schiff

zu viel Strom. Meist ist auch keine Tiefkühltruhe

vorhanden. Zwiebel und Knoblauch

fein schneiden. Auf Thunfisch-Carpaccio

verteilen, etwas Olivenöl und Limettensaft

darüber träufeln. Mit einer Prise schwarzem

Pfeffer und etwas Salz auf einem Baguette

servieren. Dieses Essen ist der pure Luxus

an Bord eines jeden Weltumseglers!

stießen, dass sie rauchte! Eine Frau!

Im Beduinenzelt geschlafen – mitten

in der Wüste – dieser Sternenhimmel.

Wie auf dem Ozean.

SMOKE ON THE WATER

„Guat“, sagt die Vorarlbergerin,

„Schifoahrn is super, zum Schwimmen

bin ich zu faul und Kuchen hab

ich noch nie gebacken.“ Nadja, ihrer

Tochter, die wir in Thailand kennenlernen,

hat es nicht geschadet. Im

Gegenteil. Die zwei wirken wie

gute Freundinnen. Heute ist Ilse

Großmutter. Sicher die lässigste

Großmutter dieser Erde – welche

Oma hat schon wie Welt umsegelt?

Vorsichtig das ganz fein, fast

nudelig geschnittene Carpaccio

noch mit Limette besprenkelt und

auf einem Baguette serviert. Fertig.

„Bon appétit! Fangt schon mal

an“, sagt Ilse, lehnt sich ans Ruder

und raucht noch eine.


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FOTO: SHUTTERSTOCK FOTO: SHUTTERSTOCK


FOTO: SHUTTERSTOCK

28 OCEAN WOMAN 2022


Her mit den

knusprigen Baguettes

Es war eine lange, schwierige Überfahrt von Neuseeland nach

Neu kaledonien, in schlechtem Wetter, im Sturm. Der Kapitän

grippekrank in der Koje, die Bordfrau führte das Schiff …

Bon Appetit! Man könnte

wieder einmal über das

Essen schreiben. So mancher

könnte jetzt denken,

eine Weltumsegelung macht dick.

Möglich. Wären da nicht immer

wieder diese Überfahrten gewesen.

Segeln ist Sport! Die Überfahrt

zwischen Neuseeland und Neukaledonien

bewies das so richtig. Wir

hatten Sturm. Wir waren zu spät

losgefahren, hatten das berühmte

Wetterfenster um ein paar Tage

verpasst; oder es uns … Wellen?

Naja – sieben Meter? Oder mehr?

In jedem Fall auch eine Story wert,

mit grippekrankem Kapitän und

Gegenwind. Peter meinte dann

beim ersten Café au lait in Neukaledonien:

„Diese Fahrt war deine

Meisterprüfung!“

Wir waren auf der Île des Pins

im Süden Neukaledoniens gelandet,

einem Tropentraum. Puder -

zuckerstrand, Traum landschaft,

Türkiswasser. Die ersten Tage

verbrachten wir mit Strandläufen,

Lagerfeuer, Markt gehen, Land

kennenlernen. Bananen, die wie

Bananen schmecken und Passionsfrüchte

vom Baum.

Die schönen Ausleger-Kanus

der Einheimischen zogen über die

glitzernde Lagune und schon war

die schlimme Überfahrt vergessen.

Wir spinnen, wir Segler! Wir holten

uns am Morgen unsere Baguettes

vom Bäcker, schmierten zu

Mittag den Camembert drauf und

genossen am Abend am Strand mit

den Füßen im Sand ein Gläschen

Vin aux rouge. Frankreich und

Tropen – das ist einfach lässig, so

wie Martinique in der Karibik. Ach,

und diese buttrigen Croissant …

Auf dem Weg nach Nouméa, der

Hauptstadt der Insel, ging dann

wieder ein Thunfisch an die Angel.

Nette Abwechslung zum Kohle -

hydrat-Überschuss!

Dass nirgends das Paradies ist,

wissen wir ja und spürten die sozialpolitischen

Spannungen zwischen

Ureinwohnern, „Kanaken“

genannt, und den Franzosen, als

an einem quirligen Markttag mehr

Polizisten als Kochbananen zu sehen

waren. Und das heißt etwas in

der Südsee!

Am Tag darauf trampten wir ins

Centre Culturel Tjibaou. Das grandiose

Kulturzentrum, gebaut vom

OCEAN WOMAN 2022 29


So knusprig wie in

Paris – Baguettes

à discretion.

Fischerbojen und Netze

– Spielzeug für die

Kinder der Île Casy.

Bunte Tücher –

die Farben der

exotischen Inseln.

berühmten Architekten Renzo Piano,

mit den silbern in der Sonne

funkelnden Holztürmen, wirkt wie

eine Verbeugung vor den Bräuchen

und Ritualen der Einheimischen.

Wir lernten über das Leben der Kanaken

und über ihren etwas skurrilen

Ursprung. Ein Zahn wurde von

einem Geist auf einen Felsen gesetzt

und begann unter der Wärme

des Mondes zu verfaulen. Die Teile,

die ins Wasser fielen, wurden zu

Aalen (Zeichen der Fruchtbarkeit)

und Schlangen (die es heute noch

gibt, und zwar sehr giftige!), die

Teile, die am Felsen blieben, zu Eidechsen

und Pflanzen.

Und so konnte der erste mythische

Mensch „Tea Kanake“ sein

Volk gründen. Pflanzen leiteten

immer das Leben der Kanaken.

Die Banane, die Weiblichkeit;

die Taroknolle, die aus Respekt nie

geschnitten, sondern nur gebrochen

wird; die Pinien, die den Weg

zum Haus des Chefs zeigen; die

Cölus Gräser, die jedes Haus beschützen;

und die Seerose, die

man nicht respektlos berühren

darf, will man nicht böse Geister

an Land ziehen.Da musste ich

gleich an den Holunderbaum denken,

der sich oft an alpenländische

Bauernhöfe schmiegt und vor bösen

Geistern schützt!

FOTO: NOUVELLE-CALÉDONIE TOURISME POINT SUD

Renzo Pianos Architektur

im Kulturzentrum.

„Vive la France!

Auch in den Tropen …“

Freundlicher Fischer

auf der Île de Pins.

Ankern vor der Post karte:

die Insel Nokan Hui.

FRISEUR DE MALHEUR

Wir saßen auf einem kleinen Bankerl

mit Blick auf den Pazifik und

die Holztürme – und wir spürten

den wunderbaren Zauber der

Kunst und der alten Geschichten.

Und die Franzosen? Die hübschesten

Frauen seit langem spazierten

hier durch Noumeas Straßen, geschmackvolle

Geschäfte neben

zahllosen chinesischen Ramschläden,

Boulangerien, Patisserien –

oui, oui, merci!

In einem weiteren Kulturcenter

genossen wir eine französisch-kanakische

Jazzcombo. Offensichtlich

ist es immer die Kultur, die

die Leute zusammenbringt. Und

das Surfen! Natürlich konnte Peter

30 OCEAN WOMAN 2022


In Neukaledonien trainieren

die Weltmeister im Surfen.

Exotisches Unterwasser-Erleben

im „Acquarium des Lagons“.

Blick von der Kathedrale Saint Josef

über die Bucht von Moselle in Noumea.

die windumtosten Surfstrände

nicht unbeachtet lassen. Der Kite-

Weltmeister kam in diesem Jahr

aus Nouvelle Caledonie.

Im „Aquarium des Lagons“ sahen

wir Nautilus-Schnecken, die

in Neukaledonien zu Hause sind.

In einem verdunkelten Raum

schwebten sie in einem Wasserbecken

– seltsame, seltene Meerestiere.

Sie leben in 300 Meter Meerestiefe

und ihre Vermehrung ist

ungeklärt. Noch nie hat jemand

kleine, junge Tiere gesehen.

Ich kaufte mir französische, nach

Marillen duftende Sonnencreme

und ging zum Friseur. Friseur de

Malheur. Es war gut, dass wir uns

zur Weiterfahrt nach Vanuatu bereit

machten. Der schicke Sonnenhut

à la Parisienne tat sein übriges.

Wir passierten noch die Baye de

Prony und staunten über die auf-

gegrabenen Berge um uns – Erz -

vorkommen, Nickel, Gold!

Freunde, die in den geschützen

Buchten schon seit Jahren einige

Segelmonate verbringen, wanderten

mit uns auf einen unberührten

Berg. Dort hatten Besucher einen

Steinhaufen aufgetürmt. Wir legten

unsere Schiefer dazu und blickten

Neukaledonien

Das zu Frankreich gehörende Inselarchipel Neukaledonien

liegt vor der australischen Nordostküste. Die Küstenlinie

verfügt über eine Gesamtlänge von 2.254 km, der höchste

Punkt der Insel ist der Mont Panie auf der Insel Grande

Terre mit 1628 m. Auf der Hauptinsel Grande Terre erwartet

Sie die größte Lagune der Welt, ein Paradies für Strandliebhaber.

Neukaledonien hat aber noch mehr zu bieten –

wunderschöne Tauchgebiete, ein mildes Klima, eine kontrastreiche

Landschaft, eine faszinierende, exotische Fauna

und Flora, und ganz wichtig, herzliche Menschen, welche

die Bräuche und Sitten ihrer unterschiedlichen Kulturkreise

besonders pflegen.

Bevölkerung. Ca. 240.000 Einwohner, davon 50 % Melanesier

oder Kanaken.

in die blaue Ferne: Mit diesem

Ritual verspricht man, wieder

zurückzukommen nach Neukaledonien.

Um es zu genießen, das französische

Leben in den Tropen –

la vie en rose oder en bleu oder

en vin aux rouge oder ganz wie

man will!


Hauptstadt/internationaler Flughafen. Nouméa auf

der Hauptinsel Grande Terre.

Sprache. Die Amtssprache ist Französisch, es werden

allerdings gut 30 melanesische Dialekte gesprochen.

Geld. Die Landeswährung ist der Pacific Franc (CFP-

Franc), der in einem festen Verhältnis zum Euro steht.

Klima und Reisezeit. Neukaledonien liegt in der tropischen

Klimazone und weist das ganze Jahr über eine

Temperatur zwischen 20–30 °C auf. Das Klima wird im

Wesentlichen von den Passatwinden und der Regenzeit

bestimmt, welche von Ende November bis Anfang April

dauert. Die meisten Niederschläge verzeichnen die Monate

Jänner bis März.

Zeit. + 9 Stunden zur mitteleuropäischen Zeit.

OCEAN WOMAN 2022 31


Annabels Welt

AUSGABE 5/2020

Zu Gast bei einer Französin auf einem knallroten Katamaran. Was wir dort erfahren haben?

Franzosen essen ungern vor 23 Uhr zu Abend, das Dessert wird mitunter erst um Mitternacht gereicht.

Wir waren von einem exorbitanten

Einkaufstrip am

Steg in der Marina in Santa

Cruz auf Teneriffa heimgekehrt

und schleppten taschenweise Einkäufe

zur Risho Maru.

Ich rätselte gerade, wo ich eigentlich

die 20 Packungen Haltbarmilch

stauen sollte, die ich gekauft hatte.

Und dann stand da plötzlich Annabel

vor mir. Im kleinen Schwarzen!

„Bonjour, ça va?“ hauchte sie, streifte

eine blonde Haarlocke aus dem

Gesicht und ihre blauen Augen

blitzten spitzbübisch. „Tu veux un

café?“ Und schon saßen wir alle im

Cockpit des knallroten Katamarans

Tahoma.

Fabien, Annabels Ehemann, und

mein Skipper vertieften sich sofort

in eine Gespräch über Sperrholzkatamarane.

Peter half Fabien später

mit Epoxyarbeiten an einem beschädigten

Rumpf aus, wofür sich

Fabien mit einem riesigen spanischen

Schinken bedankte. Wir teilten

mit allen anwesenden Fahrtenseglern

und alle hatten damals

genug Fleischvorrat für mindestens

zwei Atlantiküberquerungen.

Finns Ohren glühten. Drei Töchter

gab‘s an Bord! Die sechsjährige

Sigrid und ihre neunjährige

Schwester Mahauld bastelten an

Muschelkettchen. Sybille, ihre 16-

jährige Schwester, schrieb Mails

an ihre Schulfreundinnen in Paris

und der große Bruder Vincent

zupfte auf seiner Gitarre. Der

Nachmittag verging wie im Flug.

Vier Kinder an Bord? Ich staunte

nicht schlecht. Vincent war sehr

schwierig, knurrte Annabel. Er

kam mit der Autorität an Bord

nicht zurecht. Es gab einen Kapitän

und das war nicht er. Nach der

Atlantiküberquerung stieg Vincent

übrigens aus, zog nach Paris, wo

er verwundert draufkam, dass das

Führen eines eigenen Haushalts

viel Geld und Zeit kostet!

Zwei Jahre Segeln waren geplant.

Annabel sagte lange nicht „nein“ zur

Reise und erst ganz spät „ja“. Doch

schnell wurde ihr klar, wie wertvoll

das alles für sie war. Und für die

Kinder. „Mon dieu, wie dumm ich

war! Ich dachte, die Kinder hätten

nur den Wind in den Haaren, sonst

keinerlei Erziehung für zwei Jahre.

Wie unüberlegt von mir!“

Ihre Kinder lernten Verantwortung

auf dem Schiff, auch wenn sie

das noch nicht wussten! Wasser

musste gespart werden, der Gashahn

abgedreht, Nachtwachen geschoben,

damit auf Tahoma alles

wie am Schnürchen lief. Und jeder

war eingebunden. Annabel selbst

fühlte sich wie „ein weißes Blatt,

das beschrieben werden musste“.

Während der Nachtfahrten saß sie

an ihrem Computer und schrieb.

DESSERT UM MITTERNACHT

Sie war dabei, sich einen eigenen

Job zu kreieren: „Ich will der Welt

was zurückgeben, von all den guten

Dingen, die mir passiert sind.“ Und

wie erging es ihr sonst beim Segeln?

Co-Skipperin, Stewardess, Lehrerin,

Krankenschwester, Webmasterin,

Freizeitmanagerin, Trösterin aller

Qualen. „Köchin!“ warf ich zustimmend

ein. „Je déteste cuisiner –

ich hasse Kochen“, seufzte Annabel.

Der Kapitän war der Koch. Fabiens

Ratatouille duftete verführerisch.

Wir waren zum Abendessen eingeladen

worden. Es war inzwischen

21 Uhr. Mein Magen knurrte. Die

Kinder dinierten zuerst. Pasta mit

Ratatouille. Ich naschte unauffällig

bei Finn mit. Um 22 Uhr Essen für

Himmlische Schokoladen-Tarte

125 g feine Schokolade geschmolzen

125 g Butter

125 g geriebene Mandeln

50 g Mehl

3 Eier

1 Prise Salz

Zucker und Eier mischen, Butter und die geschmolzene

Schokolade beifügen, dann die

Nüsse, das Mehl und die Prise Salz zugeben.

Rühren, bis eine schöne Masse entsteht.

In eine gefettete Form gießen, bei mittlerer

Hitze 20 bis 30 Minuten backen.

Der knallrote Katamaran Tahoma war zwei Jahre

lang das Zuhause von Annabel und ihrer Familie.

uns. Dazwischen hörte ich von Annabels

Eltern, die in der Provence

lebten, dass Annabel als Journalistin

arbeitete, aber auch Restaurantbesitzerin

gewesen war. Und dass

Franzosen ungern vor 23 Uhr zu

Abend essen. Dessert um 24 Uhr.

Finn jubelte. Eine Schokoladen-

Tarte. Annabel‘s Werk, denn Backen

war ihr Ding! Sie schmeckte himmlisch.

Im Hintergrund sang die Gattin

des damaligen französischen

Präsidenten „Quelqu‘un m‘a dit …“.

Am nächsten Morgen ging unsere

French Family shoppen – auf Vorrat.

Mon dieu! War

ich froh, dass

wir nur zu

dritt waren!


FOTO: SHUTTERSTOCK

32 OCEAN WOMAN 2022


A guats Weiberleut –

Segeln auf Tirolerisch

AUSGABE 1/2022

Unsere Tiroler lernten wir kurz vor unserer Weltumsegelung kennen. Ijemanja, ihr Wharram-Katamaran

stand wenige Schiffe entfernt von uns auf dem Trockendock der Werft Marina Stella. Karli, begeisterter

Segler seit jeher, rief ein fröhliches „Griaß enk“ von Schiff zu Schiff. Edith strahlte uns an und lud ohne

Umschweife zu Kaffee und Kuchen ein.

Man muss dazusagen, das

Leben in einer Werft ist

hart, staubig, anstrengend

und die Vorbereitungen für eine

Weltumsegelung machen es auch

nicht gerade leichter.

Auf ein Schiff eingeladen zu werden

unter diesen Umständen ist

wirklich selten. Denn niemand

macht das – außer unsere Tiroler.

Wir klopften uns den Staub aus

der Kleidern, wuschen Gesicht und

Hände und kraxelten eine Stunde

später die Leiter rauf ins Cockpit

des Katamarans. Und staunten.

Der Cockpit-Tisch war mit weißem

Tischtuch und blauen Servietten

gedeckt. Blaue Porzellantassen

standen neben weißen Kuchentellern.

Edith stieg gerade aus dem

Niedergang hoch mit einem Tablett

voller köstlicher Nussschnecken.

„Ich hab ein bissl was da gehabt

und schnell was gezaubert!“

Genau so hatte sie auch Karli

verzaubert, denke ich, als die beiden

sich im Teenageralter kennenlernten.

Seine Bemerkung, dass

jemand, der so hübsch ist, sicher

kein Schnitzel backen kann, ließ

Edith nicht auf sich sitzen – und

so ging die Liebe wirklich durch

den Magen.

Edith andererseits wunderte

sich damals in der Werft ziemlich

über mich – wie sie kürzlich zugab.

Diese Seglerin, die tatsächlich

enthusiastisch davon sprach, bald

um die Welt zu segeln. „Ich wusste

nicht, ob ich dich bewundern oder

bedauern soll!“ Für Edith muss

jemand, der so leben will, „durchbeißen“

können, denn das Schönste

am Segeln für sie ist nach all den

Jahren „... das Ankommen!“ Sie

mag Gewitter nicht und dunkle

unruhige Nächte vor Anker, zu viel

Wind und Welle. Dennoch, an der

Seite von Karli war sie all die Jahre

und bis heute dabei. Karli segelt

die langen Strecken mit Freunden.

Entdeckt Griechenland und Albanien

und liebt sein Seebär-Dasein.

Edith kommt nach zum „Buchteln“.

DIE PERFEKTE SEEFRAU

Denn jeder Segeltag ist ein verlorener

Buchttag! Aber sie kann dem

Ganzen auch viele gute Seiten abgewinnen.

„Was ist schöner als ein

Abendessen bei Sonnenuntergang

vor Anker? So einen Luxusurlaub

muss man erst einmal haben – es

wird nie langweilig! Und dann die

Leute, die man trifft, das „Zammhocken“.

Da kommt kein Hotelurlaub

ran – auch wenn es dafür

Stress mit dem Wetter gibt!“

Ich finde, die Tiroler sind wie

viele Fahrtensegler, die wir auf unserer

Reise getroffen haben. Leutselig,

begeisterungsfähig, neugierig,

lustig und unglaublich positiv!

„Das würde dir dann also doch

ge fallen!“, sag ich der Edith. Sie

lacht und schlägt vor, zu dieser besonders

guten Bäckerei in Muzzana

zu fahren, nachdem wir am Markt

in Palazzolo Kaffee getrunken und

Einkäufe erledigt haben. Für mich

ist Edith eine perfekte Seefrau.

Dafür braucht man nicht die Welt

zu umsegeln. Stracchino-Käse mit

Roastbeef und Limette auf Pane

di Grano Duro anzurichten und

die Fähigkeit, überall sein Glück

zu finden, das ist, was man braucht

zum Segeln, egal wie viele Seemeilen

man auf dem Buckel hat.

FOTO: SHUTTERSTOCK

Edith in ihrem Reich auf

einem Wharram-Katamaran

mit Tiroler Spirit und italienisch

angehauchter Küche.

Pane di grano duro mit Stracchino-Käse,

Roastbeef und Limette

Zutaten: Stracchino (italienischer Frischkäse), Roastbeef

(dünn in Scheiben geschnitten), Rucola, Zwiebel in Scheiben,

Limette.

Zubereitung: Das Hartweizenbrot in Scheiben schneiden.

Jede Scheibe mit Stracchino bestreichen, Zwiebelscheiben

darauf verteilen. Rucola und eine Scheibe Roastbeef drauf.

Mit Limettensaft besprenkeln, mit Pfeffer verfeinern.

Buon appetito!

OCEAN WOMAN 2022 33


Marinatage –

Es herrscht so die gängige Meinung, auf dem

Schiff lernt man sich erst richtig kennen. Das

stimmt, finde ich, nur teilweise. Die Marina ist

der wahre Garantietest für Beziehungen.

Es gibt ja Leute, die sagen,

die Enge auf dem Schiff,

das Immer-Zusammensein,

würde kaum einer

aushalten. Fehler. Eine nüchterne

Marina, auf Asphalt gebaut, hinter

einer Erdölraffinerie mit Blick auf

dreckiges Wasser, 35 Grad im

Schatten und zwei Marinaklos plus

zwei Duschen für 30 Schiffe sind

die wahre Härte.

Einen Schiffsrumpf bis auf die

Holzplanken abzuziehen, ohne

Küche an Bord zu leben wegen

Renovierungsarbeiten, Moskitos,

Epoxy staub, Schleifgeräusche. Da

findet man heraus, ob der Partner

wirklich der ist fürs Leben! So

sollten die Partnervermittlungsagenturen

arbeiten und

dann ihre volle Garantie

abgeben.

Im kühlen Norditalien

trugen wir bei den Vorbereitungen

in der Marina

noch Pullis und

freuten uns auf eine

abenteuerlich heiße Dusche. Allein

der Gedanke daran brachte mich

auf Curaçao in der holländischen

Karibik zum Schwitzen. Wir hatten

hier unser Schiff für die zweimonatige

Hurrikan-Saison an Land gestellt

und waren nun dabei, es für

die nächste Saison vorzubereiten.

Die gesamte Belegschaft in der

Marina in diesen Tagen vor dem

großen Aufbruch Richtung Panama

sah aus wie eine Demo der

Clouchard-Vereinigung in Paris.

Ausgebeulteste Shorts, dreckige

T-Shirts, die schlimme Gerüche

absonderten, Kopfbedeckungen,

die als perfekte Inspiration für so

manch verrückten Modeschöpfer

dienen könnten, und Schuhwerk,

das die Bezeichnung als solches

nicht verdiente. Es war uns

wurscht.

Es war mir wurscht, dass ich in

den Minispiegel der Marinadusche

blickte und die Frau darin nicht erkannte.

Erst in Cartagena, Wochen

später, in einer gut ausgeleuchteten

Foto: Shutterstock

34 OCEAN WOMAN 2022


Hundetage

Restaurant-Toilette, entdeckte ich,

dass ich noch Farbe in den Haaren

hatte und nicht schon weiße Haare

bekam, wie mein Sohn mir klarmachen

wollte.

Besonders hart wurde es, als wir

unser Unterwasserschiff bis auf die

letzte Schicht abschleifen mussten

– so hart, dass sogar der Marinachef

Mitleid bekam und mitschliff.

Einzige Ablenkung war eine Art

Live-Hörspiel vom Nebenschiff eines

Hamburger Pärchens.

Er: „Nach unten drücken hab ich

gesagt! Nach unten!“ Sie: „Mensch,

dann mach den Sch… doch alleine.“

Er: „Ich kann es nicht alleine

machen!“ Sie (schreiend): „Schrei’

mich nicht an!“ Er (schreiend):

„Ich schrei’ dich nicht an!“ So ging

es tagtäglich und ich fand mich

und Peter ganz schön dezent verglichen

zu den beiden.

Natürlich verstand ich die beiden

auch. Wobei – als die Frau sich in

den klimatisierten Wagen setzte

und schmollte, das fand ich dann

doch etwas dick aufgetragen.

SCHNELL, DIE NUTFRÄSE

Was ich aber wirklich bei den Marinaarbeiten

hasste, waren meine

Tätigkeiten als Handlangerin. Ich

gebe zu, ich bin kein Schiffsbauer

und kann auch alleine kein Motorservice

machen und so bin ich

eben verdammt, Handlangerin zu

sein. Was ich dann immer verfluche.

Ständig huscht man zwischen

Koje, Deck, Werkstatt, unter und

auf dem Schiff umher und hat das

Gefühl, nirgends rechtzeitig zu sein

und nichts Wichtiges beizutragen.

Der Allrounder. Beherrscht alles vom Abmontieren

übers Abschleifen bis zum Aufbocken

und Pinseln.

„Ich brauch’ den Hammer!“,

„Kommt schon!“, „Schleifpapier

bitte!“, „Wo?“, „Unterm Schiff!“.

„Bitte den Exzenterschleifer nach

oben“, „Ok.!“. „Ich hab das Maßband

irgendwo da unten“. „Klaro“.

„Schnell die Nutfräse!“. „Die was?“

„In der Werkstatt links.“

Der Elektriker. In tropischer Hitze werden

endlose Strecken Kabel geprüft und nicht

selten erneuert.

Natürlich, Peter leistete Unglaubliches,

immerhin war er verantwortlich,

dass Risho für Pazifik und

Neuseeland topfit war. Doch in

diesem Augenblick dachte ich nicht

an seine Belastungen, sondern nur

daran, wie ich da durchkommen

würde und dass ich sicher nie, nie,

Der Anfang: Das Schiff wird an Land gezogen.

Danach beginnt das Unheil.

Ist der Mechaniker im engen Maschinenraum

dem Wahnsinn nahe, wird das in der ganzen

Marina zu hören sein.

OCEAN WOMAN 2022 35


„Ein Schiff auf dem Trockenen

ist wahrlich kein angenehmer

Lebensraum.“

nie, niemals in meinem Leben ein

Schiff bauen oder renovieren würde

– außer unser eigenes, wenn unbedingt

nötig. Nach drei Wochen

in der Marina war ich sicher nicht

die Einzige, die an Schiffsverkauf

und Scheidung dachte.

Nur unser Sohn Finn war glücklich.

Am Morgen verschwand er,

um mit den anderen Kindern der

Marinagefangenen zu toben, zu

drecken, auszuhecken.

Schreibt er einmal ein Buch über

unsere Reise, wird dieses wohl

hauptsächlich von den aufregenden

Tagen in den Marinas dieser Welt

von Teneriffa über Curaçao, bis

Tahiti, Samoa, von Neuseeland bis

nach Singapur handeln.

Er lernte dabei, Freundschaften

zu genießen und zu schließen, zu

spaßen und zu streiten, in englischer

Sprache zu kommunizieren,

zu tischlern, Rad zu fahren, Fußball

zu spielen, alte Schiffe auszuräumen

und einfach selbstverantwortlich

fern der Eltern zu agieren.

Wenn der nicht fürs Leben gerüstet

ist, wer dann?

Ehepaare arbeiten gemeinsam –

da ist Ärger programmiert.

LIEFERZEIT EINE WOCHE

Die Ersten, die fertig waren, waren

die Schweizer. Silvie und Wolfi

standen vor ihrem prachtvoll renovierten

Gaffelschoner. Kleiner

Motortest, und … Stille! Dichtungsring

verschlissen. Lieferzeit

eine Woche aus Europa – mit viel

Glück.

Nur die Kleinsten haben

an derartigen Tätigkeiten

ihre echte Freude.

Raus aus dem Trockendock,

hinein in die erlösende See.

Ich kühlte mich beim Wasserhahn

der Marina ab, eiskalt rannte

es meinen Rücken hinunter – ein

immer wieder herrlich erfrischendes

Gefühl.

Eines wusste ich damals schon

ganz genau, dies hier würde eines

Tages eine gute Geschichte werden

– und ich hatte Recht, oder?

36 OCEAN WOMAN 2022


Metallica in der Ferramenta

Kennen Sie das, wenn Sie gerade vor sich hinwerkerln am Schiff – und dann fehlt

genau diese eine Beilagscheibe/Nirostaschraube/Rohrschelle/Schlauchverschraubung?

Und wenn dann der Skipper-Ehehmann ölverschmiert bettelt, Schatzi, kannst du

einmal kurz ums Eck fahren zur/zum Ferramenta/Nautic Shop/Eisenfachhandel?

AUSGABE 3/2018

Es ist ja nicht so, dass wir nicht

genug Material an Bord

hätten, unsere Mini-„Onboard“-Werkstatt

nicht schon

längst als Schiffsbedarfshandlung

durchgehen würde. Aber wie gesagt

fehlt immer genau das, was

man gerade braucht, oder?

Ich steige also ins Auto, einerseits

froh, der Werft im österlichen Re -

gen zu entkommen, andererseits

mit diesem mulmigen Gefühl im

Magen, dass es so leicht nicht sein

wird, den nautischen Auftrag zur

Zufriedenheit des Kapitäns auszuführen.

Egal. Glücklicherweise

ist da ja die nette Café-Bar gleich

ums Eck der Ferramenta.

Ich trinke mir mit einem Cappuccino

Mut an. Blinzle über die

Keramikschale Richtung Ferramenta

und stelle mit Schrecken

fest: Der Chef ist nicht da, sondern

nur ein mir unbekannter Jüngling.

Dieser hält gerade einem Herrn

die Tür auf, der einen tragbaren

Schweißgleichrichter erworben

hat (ja, ich gebe zu, das Ding hab

ich im Online-Shop entdeckt). Ich

lege die € 1,50 auf den Tresen und

denke, so billig werde ich in der

Ferramenta nicht wegkommen.

Nach Betreten des Heiligen Grals

der Werkzeugfans verirre mich

gleich in einem Gang-Labyrinth.

Rechts unten Schließtechnik, Türschlösser

und Beschläge, rechts

oben Armaturen und Schläuche,

links von mir Rohre und dazupassende

Fittings, im nächsten Regal

Maschinen, Bohrer, Druckluftgeräte,

Motor sägen, Kreissägen, Kappsägen.

Ah, Arbeitsschutz und Berufskleidung.

Ich überspringe zwei

Reihen und sehe voller Glück Marmeladengläser

in allen Größen mit

Deckeln dazu, eine Flotte Lotte

und Fleischbeile. Das ist wohl die

Da-kann- die-Ehefrau-stöbern-

Ecke. Kaffeezubehör! Ich schwelge

zwischen Espressokannen in verschiedenen

Farben und ein hübscher

Milchschäumer sticht mir ins

Auge. Vielleicht sollte ich mir doch

endlich die kleine Pasta-Maschine

leisten? Wieso bin ich eigentlich

hier? Oh, verdammt. Ja, genau –

eine Rundfeile.

HEAVY METAL

Der Jüngling hat mich entdeckt

und kommt lächelnd auf mich zu.

Leider ist mein Italienisch so

schlecht wie sein Englisch. Ich

versuche, eine Rundfeile pantomimisch

darzustellen. Sonst bin ich

ein Activity-Genie, aber diesmal

scheitere ich kläglich. Vielleicht hat

der Junge auch keine Fantasie? Er

bringt mir ein Set Nagelfeilen aus

der Damenabteilung. Ich schüttle

den Kopf. „Questo per una barca!“

Ich schäme mich, wenn ich daran

denke, das mein Italienisch-Lehrer

im Musikkonservatorium immer

Ein Metallica-T-Shirt taugt nur bedingt als

Eselsbrücke im italienischen Eisenwarenladen.

große Stücke auf mein Sprachtalent

gehalten hatte. Natürlich ging es da

eher um Arien von Donizetti. Und

ich durfte singen. Apropos. Ich

starre auf das Metallica-T-Shirt des

Jünglings. „Metal!“

„Sì, cool! James Hetfild! Un

bravo cantatore!“ Noch bevor ich

etwas erwidern kann, geht dem

Jüngling ein Licht auf. Er verschwindet

ums Eck, ich folge ihm

brav. Er zieht unter dem Regal mit

den Schleifmaschinen eine große

Lade heraus. Darin Rundfeilen in

zig verschiedenen Ausführungen

und Größen. Ich zermartere mein

Hirn und wünschte mir ein fotografisches

Gedächtnis. Wie sah unsere

Rundfeile aus, bevor sie in den

Tiefen des Flusses Stella versank!

200 mm, 300 mm, 350 mm?

Ich nehme die 250-mm-Ausführung

und zahle 70 Euro. Der

Milchschäumer und die Pasta-Maschine

sind irgendwie mitgerutscht

und Zitronen-Teelichter … Sollte

die Feile die falsche sein, kann ich

den Skipper wenigstens ablenken

mit Cappuccino, frischer Pasta

und Kerzenlicht. Ciao, Bello!

FOTO: SHUTTERSTOCK

OCEAN WOMAN 2022 37


Un cappuccio per

AUSGABE 4/2018

favore!

Ich

kann nicht behaupten, dass wir groß in Italien segeln, da wir in der

Segelsaison immer gleich nach Kroatien abbiegen. Aber unser Schiff „steht“

in Italien und zwar ganz genau in Piancada in der Werft Stella Marina.

Der Stella ist ein wunderschön

eiskalter Fluss, der sich von

der Lagune aus zwischen der

Aprillia Maritima Marina und der

Wasser straße nach Marano versteckt.

Er schlängelt sich durch

Maisfelder, Himbeerhecken, Weiden

büsche, Platanen, formiert kleine

Seitenarme, die Ankerplätze

zum Träumen versprechen, vorausgesetzt,

man arrangiert sich mit

den Zanzare – den Gelsen.

Irgendwann tut sich dann rechts

die Stella Wassermarina auf. Gegen

über der Einfahrt ein lauschiges,

sauteures Restaurant, das leider

vom gemütlichen Geheim tipp

zum ungemütlichen Hoch zeits lokal

mit Schleifchen mutiert ist. Der

Espres so ist den noch köst lich. Kurz

da nach die Stella Mari na-Werft mit

der Einfahrtsbox, die mich schon

einige Nerven gekostet hat. Fluss -

s trömung gegen Wind gegen

Schiffs motor. Liegt man drin,

ist alles gut.

Möglich ist es auch, einfach irgend

wo in dem Stella an Holzpfählen

festzumachen und über die Reling

Himbeeren zu naschen. Die

Libellen zu beobachten und auf der

Badeleiter zu kneippen. Am Abend

tuckert man nach Precenicco. Die

Sonntagsausflügler rasen zum Leidwesen

der Schwanbabys und Wasser

käfer. Zwischen den Haus booten

findet sich immer ein Plätz chen.

Dann endlich die Frit tura mis ta im

Rivabella-Risto rante! Meist ist die

Nacht ruhig, wenn nicht die Hunde

der Hafenanrainer nervös sind oder

die Hausboot-Charterer morgens

Vor- und Rück wärtsgang beim Ablegen

verwechseln.

Gekühlte Rümpfe dank der elf

Grad Wassertemperatur – so lassen

sich die sommerlichen Hundstage

gut aushalten. Die Mos ki tonetze

hängen ganztägig über Fenstern

und Niedergängen. Bremsen mögen

schweißtreibende Arbeiten, Libellen

lieben Reling seile, Wespen

Mittagessen, Amei sen nackte Füße,

die den Wasser schlauch anstecken.

Man arrangiert sich mit den Einhei

mischen, wir sind hier nur Gast.

So machen das Segler eben.

WIE FRÜHER BEIM GREISSLER

Im kleinen Ort Piancada gibt es

alles, um eine Woche entspannt

zu überleben. Zuerst Cappuccino

in der kleinen Bar Mauro, buttrige

Brioche – steht man früh genug

auf, gleich bei der Bäckerin nebenan,

deren schmales Lächeln ver-

Idyllisch unterwegs mit wilden

Schwänen auf dem Fluss Stella.

38 OCEAN WOMAN 2022


spricht, dass sie einen erkennt.

Gegenüber dem Mauro der Alimentari-Laden.

Die beiden Be -

sitzerinnen tragen zu jeder Tageszeit

Kleiderschürzen und kommen

gerne auf einen Caffè herüber. In

ihrem Laden gibt‘s alles wie früher

beim Greißler.

Dann kommt Fausto aus der

Latteria am Ortsrand angeradelt.

Sein Parmiggiano ist alles, wovon

Welt umsegler träumen, wenn sie

gerade in Mikronesien in der Flaute

hän gen. Die Latteria betritt man

durch einen Perlenvorhang. In der

Vitrine gibt es fünf Sorten Käse

und Honig von den fleißigen

Fluss bienen des Stellas. Im Nebenraum

die großen Rührkessel für

die Käse produktion und dazwischen

die schöne Frau von Fausto

– eine Haut wie Milch und Honig.

Prosecco kauft man ab Hof beim

Weinbauern, dessen Steinhaus

direkt aus einem „Living in Italy“-

Magazin stammen könnte. Das

Geschäft mit Anglerbedarf hat

leider zugesperrt, aber bei Mauro

kann man noch Bilder mit Riesenhechten

betrachten. Die hängen

direkt neben den Spielergebnissen

des Sport Club Latisana.

Latisana – ein bissl das Korneuburg

der Umgebung – ist nicht

weit. Man isst dort im Restaurant

Cigno, unter Seglern „der Schwan“

genannt. Der Kellner grüßt mit

charmantem Grinsen und köstlichen

Bruschetti – Gruß des

neapo li tanischen Chefs aus der

Küche.

MENU FISSO

Wieder in Piancada bei Mauro sitzen

gern die gleichen Typen. Wir

zum Beispiel. Und die Neuen. Segler

und Seglerinnen, die nicht wissen,

dass es hier zu Mittag immer

ein menu fisso – Vorspeise, Pasta,

dann ein Stück Fleisch, zum Abschluss

einen Espresso – gibt.

Ein Fixpunkt für Schiffseigner,

die zwischen Schlei fen und Hämmern

Zuflucht finden unter der

schattigen Pergola bei Cappu ccino,

Eis und Seglertratsch.


„ Das ist Segeln in Italien. Zumindest

für uns. Und es ist wunderbar. Ciao!“

Einfahrt ins Paradies.

Die Villa Ottelio Savorgnan soll das Haus der adligen Lucina Savorgnan

sein, deren Geschichte Shakespeare zu „Romeo und Julia“ inspirierte.

„Auf Fatu Hiva fühlten

wir uns wieder wie Entdecker.

Seit drei Wochen

das erste Mal wieder festen

Boden unter unseren

Füßen. Die Jungfrauenbucht

beherbergte nur

einen kleinen Ort, eine

Handvoll Häuser, eine

kleine Dorfgemeinschaft.

Man war neugierig, aber

nicht überrascht, es war

die Zeit der Segler. Die

Leute wussten, wann

sie ankommen. Marie,

eine füllige polynesische

Schönheit, zog mich ins

Haus. Ich kramte in meinem

Hirn nach den Resten

meines Schulfran ­

zösisch. Auf einem hölzernen

Küchentisch lagen

melonengroße Grapefruits.

Solche Grapefruits,

Marie nannte sie ,Pampelmuses‘,

hatte ich noch

nie gesehen. ,Tu as parfum

pour changer?‘ Das

war mir neu. Ich hatte

Milch pulver und Kaffee

mitgenommen, sie wollte

Parfüm oder einen

Deostick …“

Wellenzeit Seite 121, „Von Missionaren und

Marienfeiertagen“; Buchtipp auf Seite 49.

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40 OCEAN WOMAN 2022


Dingi-Typen

ein Psychogramm

Aus dem Englischen: Dingi –

kleines Boot – so steht es im

Wörterbuch und damit wäre

eigentlich alles geklärt. Weit

gefehlt! Ein Dingi sei nur ein

kleines Boot? Ha!

Wir lagen drei Wochen

vor Anker in Le Marin

auf Martinique in

der Karibik. Hier gab

es unglaublich viele Yachten und

Segler. Fahrtensegler, Chartersegler,

einsame Segler, Segelboote

ohne Segler. Aber niemals ohne

Dingis!

Hier staunten wir nicht nur über

die unglaubliche Artenvielfalt der

„kleinen“ Boote, sondern auch

über deren Besitzer. Es begann damit,

dass ich überrascht mit Segelfreundin

Sam feststellte, dass viele

Segler in ihren Dingis standen.

Standen! Sam meinte, das sei

typisch amerikanisch.

Komisch – die besten Steher

schienen mir nach einem Nach -

mittag mit Fernglas die Franzosen

zu sein. Knapp gefolgt von den

Deutschen, die aber auch beim Sitzen

sehr gerade wirkten. Die Briten

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Der Hafen. Die Artenvielfalt

im Überblick.

Der Popo – spannender Ausblick

für den Steuermann.

Der Ire: gemütlich und immer ein Guinness an Bord.

Die Deutschen: Alles perfekt, sogar

ein Dingi-Fender ist an Bord.

Der Tüftler: ein

Tender Marke

Eigenbau.

pumpten hingegen erstaunlich oft

noch während sie Richtung Land

steuerten ihre Dingis auf. Was sehr

kunstfertig aussah und besonders

bei der Abfahrt vom Supermarket-

Ponton, vollbepackt mit Einkäufen,

fast olympiareif wirkte.

Immer nur sitzend sah ich James,

den Iren. Sehr gemütlich, fast ein

bisschen österreichisch.

Auffallend auch ein junges Pärchen

– hintereinander stehend. Sie

vor ihm – bis es ihm offensichtlich

zuviel wurde und er sich setzte –

mit wunderbarer Aussicht auf ihr

Hinterteil. Vielleicht waren das

Amerikaner?

Familien mit Kindern saßen prinzipiell.

Hatte wohl etwas mit der

Vorbildwirkung zu tun. „Nein, du

darfst nicht im Dingi stehen, der

Papa sitzt ja auch!“

EMANZIPATION UND DINGI –

EINE KURZE GESCHICHTE

Meist steuern die Männer. Und

wenn einmal die Frauen dran sind,

sind meist so viele Kinder an Bord,

dass trotz kräftigem Außenborder

nicht mehr als Rudertempo zu erreichen

ist. Bis auf diese flotte Blondine

mit Tattoo, die mehrmals an

unserem Schiff vorbeidüste und

meinen Mann freundlich grüßte.

Im Sitzen. Naja. Ausnahmen bestätigen

die Regel.

Toll auch die Individualisten unter

den Dingi-Besitzern. Dingi mit Auslegern,

Glasboden und Heizung!

Das waren übrigens Deutsche.

Ich habe das dann mit dem Stehen

sofort ausprobiert. Lustig. Blöd

war, als Peter abbremste, während

ich noch stand und eine gemeine

Bugwelle über unsere gesamten

Einkäufe schwappte. Gut war, dass

nur meine Füße nass wurden und

nicht meine Hose.

Denn woran erkennt man Dingi-

Besitzer an Land sofort? Am nassen

Popo. In der Karibik ankert man

meist frei in einer Bucht und relativ

weit weg vom Land. Gibt es einen

Steg zum Anlegen, ist das super.

Muss man am Strand anlegen, kann

man froh sein, einen Surfer als Ehemann

zu haben. Die Atlantik welle,

für Landratten ein gemütliches

Geklatsche am Strand, hat schon

so manchen Dingi-Fahrer zum

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Unser Dingi: Gebrauchsgegenstand

in perfekt

gewartetem Zustand.

U-Boot-Kapitän werden lassen.

Kommt die Welle und man surft sie

nicht mit Geschick und Dingi ab,

kentert auch das beste Beiboot.

Alles unter Wasser, nicht gut für

Fotoapparat, Handy, Lieblingssonnenbrille,

Kreditkarten und gar

nicht gut für Außenbordmotoren.

Schlucken die mal Salzwasser, gibt

es meistens Ärger.

AUSSENBORDMOTOREN –

JE STÄRKER, DESTO BESSER

Oder ist es etwa lustig, drei Tage

Knäcke brot zu essen, nur weil der

Wind so böse bläst und man seinem

Dingi-Außenborder die Fahrt

„Die Dingis sind so verschieden wie ihre Besitzer.“

zum Ort nicht zutraut? Und der

Duft von frischem Baguette aus der

ach so fernen Dorfbäckerei einen

an der Reling lechzen lässt?

Schließlich schafft man es an

Land. Da verkettet man sein Dingi

am besten mit Stahlseil und

Schloss, damit es ja keiner stiehlt.

Denn das passiert in der Karibik

angeblich sehr oft.

Ich glaube, wesentlich öfter passiert

es in der Karibik, dass Dingi-

Besitzer einen Rum-Punsch zuviel

trinken und dann keiner mehr sicher

ist, wer eigentlich das Dingi

festgemacht hat oder wie. Schön

auch die Geschichte des wiedergefundenen

Dingis, das vom Besitzer

um teures Geld zurückgekauft werden

musste, oder die Geschichte

von Mascha.

PER DINGI ZUM RENDEZVOUS

Mascha, die wir in Tobago kennenlernten,

segelte mit ihrem Mann

und ihren zwei Kindern auf dem

wunderschönen alten Segelboot

Vilona May. Sie hatten zwei hölzernen

Ruderboote als Dingis, ohne

Motoren, aber dafür mit einem

kleinen Mast, den man aufstellen

konnte und dann eben an Land

segelte. Einst sah Mascha ein „gestohlenes“

Dingi ins offene Meer

treiben und holte es rudernd zurück,

da kein Wind vorhanden war.

Nach einer Stunde kräftigen Ru-

OCEAN WOMAN 2022 43


derschlagens befestigte sie das Dingi

am Steg. Die Besitzer hatten gar

nichts davon mitbekommen.

Maschas Tochter Casey fand indes

eine bessere Beschäftigung. Die Siebenjährige

ruderte ihr rosarotes Dingi

Primerose Mary zur Risho Maru

und holte Finn zum ersten Rendezvous

seines Lebens ab. Er war begeistert.

WATCH THE DINGI!

Also – Dingi verketten ist auf jeden

Fall gut, solange man nicht jemanden

„mitverkettet“ oder den Schlüssel des

Schlosses auf dem Schiff vergisst. Peter

lernte auf diese Art einen netten

„sitzenden“ Amerikaner kennen, der

so freundlich war, ihn zurück zur

Risho Maru zu bringen. Finn passte

inzwischen auf unser fest verschlossenes

Dingi auf. Ein „Dingi-Watcher“

sozusagen. „No Dingis“ ist eine Aufforderung

für viele, einfach kein Englisch

zu verstehen.

Aufregend auch senkrecht hängende

Dingis, deren Besitzer auf den Tidenhub

vergessen haben. Oder Hunde

in Dingis. Als Galleonsfiguren mit

dringlichem „Gassi-Blick“.

Nicht zu vergessen: Vor Wut kochende

Dingi-Fahrer, die verzweifelt

an ihrem verstummten Außenborder

herumfuchteln und langsam abtreiben,

ohne Ruder an Bord zu haben.

Also dann: Dingi Ahoi!

Es gibt sie, die Dingi-Etiquette!

Und so gibt es nun – um Ärger zu vermeiden –

schnell ein paar kleine Dingi-Benimm-dich-Tipps:

· Außenborder nicht hochklappen –

außer man will das Nachbar-Dingi aufspießen.

· Mit Vollgas zum Steg zu fahren erleichtert anderen,

gerade aus- oder einladenden Dingi-Besitzern nicht

gerade das Leben.

· Sich an der Mole zu kurz an die Leiter zu hängen, verhindert

sicher, dass irgend jemand sonst die Leiter

benützen kann und macht beim Tidenhub Ärger.

· Nicht Längsparken in einer Querparkzone.

Wie beim Autofahren. Nimmt Platz weg!

· Schild mit der Aufschrift „No Dingi“ –

im Englisch- Wörterbuch nachschauen!

· Leinen und Kabel unter den bereits festgemachten

Leinen und Kabeln festmachen. Klingt komplizierter

als es ist!

· Das Dingi bei Niedrigwasser weit genügend den Strand

hochziehen – sonst gibt es eine böse Überraschung,

wenn die Crew bei Hochwasser zurückkommt.

„Shit, shit! Motor-Aussetzer

im ungünstigsten Moment …“

Das Frauenboot –

penibel sauber und

aufgeräumt.

Der Ferrari: rasante,

rote Rennversion.

Das Alternative – aber

der Außenborder ist mit

Kette gesichert.

44 OCEAN WOMAN 2022


Motorboot, Motorboot,

ruadern tua i …

AUSGABE 5/2018

Die Vorgabe war, eine Kolumne über Motorboote zu schreiben. Irgendwie landete

ich aber beim Trailer zum neuesten Seglerfilm „Die Farbe des Horizonts“.

Natürlich Hurrikans, Megawellen,

zersplitterte Glieder,

zersprungene Lippen und

fehlende Masten. Ha – ein Mast

fehlt auch auf dem Motorboot!

Ich gestehe, meine Motorbooterfahrungen

sind mager. Z. B. die

Querung des Kanal Midi im Burgund

per Hausboot – bei diesem

Törn waren die Vorteile des Motorbootes

– des geräumigen, überdachten

Motorbootes – ganz klar. Erstens

konnte ich und jeder andere

sofort das Steuer in die Hand nehmen

und losfahren. Zweitens schüttete

es und ein Indoor-Steuerplatz

plus feine Heizung ließen uns trocken,

warm und rasch ans Ziel

kommen. Allein das lässt sich mit

einem Segelboot selten toppen.

Segeln ist und bleibt nun einmal

die Kunst, richtig nass zu werden

und (manchmal) seekrank, während

man langsam nirgendwo hinfährt

und viel dafür zahlt (letzteres

gilt besonders für Schiffseigner).

Ein anderes Mal stieg ich am

Lough Derg in Irland in ein Schnellboot

und glühte gegen Wind und

Welle einmal querab. Ich müsste

lügen, wenn ich nicht einen kleinen

Höhenflug ob des absurden Tempos

gehabt hätte. Dazu muss ich sagen,

als Seglerin empfinde ich natürlich

bereits zwölf Knoten als sehr sehr

schnell – da heben dich 30 Knoten

ganz aus dem Hocker. Vor allem,

wenn man selbst die Hand auf dem

Gasknüppel hält. Auch hier überwogen

die Vorteile eines Motorbootes,

als ich die Segler hinter uns in

Ölzeug und Nieselregen gegen die

gemeinen kleinen Seewellen anstampfen

sah. Weiters hätte ich

noch Elektrobootfahren auf der

alten Donau (ausnahmsweise mit

Besuch aus der Schweiz wegen totaler

Flaute) anzubieten und natürlich

Erfahrungen im Dingi-Fahren.

Vom Segelboot zum Strand/Restaurant/Riff/Nachbarschiff.

Gerade

habe ich meinen Skipper gefragt,

was unser Beiboot-Außenborder an

PS zu bieten hat? „9,8!“ Sohnemann

Finn schüttelt entrüstet den Kopf „

Das weißt du nicht? Nach 15 Jahren?“

Ach Gott, diese empfindlichen

(Dingi-)Motorbootfahrer …

Wo wir gleich bei den Animositäten,

Vorurteilen, Diskrepanzen

zwischen Seglern und Motorbootfahrern

wären.

SO VERSCHIEDEN, SO GLEICH?

Motorbootfahrer rücksichtslos, Segler

im Weg, Motorbootfahrer Tempojunkies,

Segler Masochisten, Motorbootfahrer

checken nichts von

der Natur und den Elementen um

sich, Segler kommen nie dort an,

wo es geplant war. Motorbootfahrer

Sind Motorbootfahrer wirklich rücksichtslos und Segler Masochisten?

ankern zu nahe, Segler nehmen sich

die ganze Bucht …

So manches mag stimmen oder

auch nicht – und manchmal ertappe

ich mich selbst in der Vorurteilsfalle.

Damals zum Beispiel in

einer wunderschönen Bucht auf

Cres, als sich uns eine Motoryacht

mit aufgeregtem Speed näherte

und wir schon bereit waren, die

Ankerleine zu kappen, die Motor -

yacht so knapp vor uns abbremste,

dass die Bremswelle meinen Espresso

vom Tisch abräumte. Mit

geschwollem Hals erhob sich mein

Skipper und ich mit geölter Stimme,

als wir der freundlich lachenden

Gesichter der Motorbootcrew

gewahr wurden. „Ihr seid doch die

Rishos! Würdet ihr uns euer Buch

Wellenzeit signieren?“ Dabei winkte

der Motor yacht-Skipper mit

dem Buch wie ein Flugzeuglotse.

Da waren sie, unsere „liebsten“

Motorbootfahrer! Wir tranken

schwitzend in ihrem Minicockpit

eiskalte Cola und abends auf dem

großzügigen Deck der Risho Maru

einen lauwarmen Sundowner.

Worum geht‘s eigentlich bei dieser

Motorboot/Segelboot-Diskus -

sion? Der schottische Kinderbuchautor

Kenneth Grahame hat die

Antwort für mich bereit und bringt

damit meines Erachtens beide Seiten

beträchtlich näher: „Believe

me, my young friend, there is

nothing, absolutely nothing, half so

much worth doing as simply messing

about in boats.” Fair winds!

FOTO: SHUTTERSTOCK

OCEAN WOMAN 2022 45


FOTO: SHUTTERSTOCK

Klassiker –

alt, aber gut!

AUSGABE 3/2019

Ich mag klassische Holzboote. Natürlich mag ich nicht darauf

arbeiten, schleifen, polieren! Zur Genüge tue ich das ja auf

unserer 35 Jahre alten Risho Maru.

Ich weiß, dass aus mir keine

Bootsbauerin werden wird –

niemals auch nicht im nächsten

Seglerinnen-Leben. Aber trotzdem,

immer wenn irgendwo Mahagoni-Glänzendes

mit klassischen

Linien, hohen Masten und

weiß geblähtem Segeltuch am Horizont

auftaucht, schlägt mein

Herz höher. In sämt lichen Marinas

und Werften der Welt bleibt mein

Blick an polierten Winschen,

Teakdecks, verspielten Bügen, geschnitzten

Hecks, Schiffsglocken,

knubbeligen Bullaugen, schimmernden

Beschlägen, Spanten aus

Esche, perfekter Handwerkskunst

oder einem eleganten Riss hängen.

Und immer erzählen diese klassischen

Schiffe fantastische Geschichten.

Unsere Risho Maru –

ein Wharram-Katamaran.

Die Eigener/innen zumeist ein

bisschen verwittert, romantisch,

elegant. Ähnlich ihren Schiffen

voller Geschichten und Abenteuer.

Ein Segler schreibt über seinen

heißgeliebten Jollenkreuzer aus

dem Jahre 1958: „Sie ist 65 Jahre

alt und pardon: Man sieht es ihr

an. Sie hat Altersflecken, Narben

und sie wirkt ein wenig wie aus

der Zeit gefallen. Aber sie bekommt

trotzdem ständig Komplimente,

sie sei wunderschön. Das

stimmt. Sie hat Charakter, Stil, sie

strahlt einen gewissen Stolz aus,

vielleicht sogar Weisheit.“ (Zitat:

Jens Wiegmann, https://www.welt.

de/debatte/article115877345/

Warum-ich-ein-altes-Holzbootliebe.html).

MEHR SEROTONIN

Wenn ich’s mir überlege, ist es ja

auch mit Seglern und Seglerinnen

so. Alter ist lang kein Grund, um

das Segeln aufzugeben. Oder nicht

damit anzufangen. Man ist körperlich

aktiv, baut Muskeln und Kondition

auf, bleibt beweglich und ist

ständig an der frischen Luft. Vielleicht

lässt die Gesundheit das Segeln

wirklich einmal nicht mehr

zu, aber das ist definitiv nicht an

eine Zahl gebunden.

Selbstverantwortung, Organisationstalent

und Flexibilität halten

einen auf Trab. Und dick wird man

nur, wenn der Marina-Aufenthalt

zum Schrebergarten-Domizil mutiert.

Hat man nicht beschlossen,

Einhandsegler zu sein, arbeitet

man im Team, trifft Leute, ist Teil

einer Community.

Angeblich wirkt das Leben auf

dem Wasser auf den Serotonin-

Level, sorgt für gute Gefühlslage

und weniger Stress. Außer der

Anker geht mitten in der Nacht

durch. Aber jeder kennt das schöne

Gefühl, wenn es überstanden ist

und man eine tolle Story zum

Besten geben kann, oder? Und

egal, ob man auf fernen Meeren

46 OCEAN WOMAN 2022


segelt, den Pazifik bezwingt, einen

gewundenen Fluss entlangtuckert,

den Neusiedler See erobert, den

Atlantik im Kielwasser hat oder

die Bora in der Kvarner pitschnass

überwindet: Mit einem Boot erblickt

man die Welt von einem

anderen Standpunkt und immer

mit ganz anderen Augen.

Der Gewinner des Golden Globe

Race 2018 heiß Jean Luc Van den

Heede und ist 77. Sir Robin Knox

Johnston (83) beschreibt seinen Favoriten

so: „Ich dachte von Anfang

an, dass er gewinnen würde, da ich

seinen Erfahrungsschatz kenne.“

(Zitat Yacht 5/2019)

Die Britin Jeanne Sokrates umsegelte

mit 70 als erste Frau solo

Nonstop die Welt, Wolfgang Hausner

verchartert mit 82 auf den

Philippinen und ist oft auf seinem

Mast zu sehen.

Und natürlich Bobby Schenk,

der charmant, agil und fit seine Erfahrungen

an die Seglergemeinde

weitergibt, wenn er nicht gerade irgendwo

auf der Welt unterwegs ist.

Er wurde dieses Jahr 83 und beweist,

es gibt kein „zu alt“ zum

Segeln.

Unsere „klassische“ Risho Maru

wurde diesen Sommer in einer

schönen Bucht auf der kroatischen

FOTO: WOLFGANG HAUSNER

Marke Eigenbau: Weltumsegler

Wolfgang Hausners Taboo III.

Insel Ist mit einem wunderschönen

Kompliment bedacht. Ein Franzose

paddelte mit seinem Kajak vorbei

und rief: „Wharram? Legend!“

Segelschiffe sind oft Legenden.

Und SeglerInnen auch!

Bobby Schenk, Segellegende

und Bestseller-Autor.

OCEAN WOMAN 2022 47


Vino, Vongole

e Vermouth AUSGABE 5/2021

Auf einem alten Boot gibt es immer Arbeit. Auch auf einem neuen, bestätigt unser Kranführer Luca, und

so bleiben wir ein paar Tage in dem schönen Fluss Stella, um unseren 38-jährigen Katamaran Risho Maru

einer Frischzellen-, äh, Frischwasserkur zu unterziehen, inklusive einiger Restaurationsarbeiten.

Es gibt Schlimmeres, denn wir

liegen mitten in Friaul und

wo gearbeitet wird, muss

auch gegessen werden. Den Tag beginnen

wir in der Bar „Ai Cinquecento“

mit zahlreichen Arbeitern,

Angestellten, Hausfrauen, Pensionisten

– der Cappuccino ist schaumig

und cremig, die Chefin resolut,

aber gerecht. Zu jedem Kaffee gibt

es ein Stamperl Mineralwasser, wer

mehr braucht, bestellt Caffè corretto

– einen Espresso mit einem

Schuss Grappa. Dazu ein Brioche

mit Marmellata di albicocche oder

cioccolata.

Himmlisch das Obst von

Michele und Irena auf

dem Markt in Palazzolo.

Gleich danach geht es zum

Wochenmarkt – in der Umgebung

ist immer gerade einer. Wir lieben

den Markt in Palazzolo und kau -

fen zum wiederholten Mal diese

wunderbaren kernlosen Victoria-

Trauben bei Michele und Irena.

Die beiden haben alle Hände voll

zu tun – viele kommen wegen der

saftigen Pesche noci und der

himmlisch süßen Meloni di Mantova,

der Honigmelonen. Vom Käsestand

schnappen wir uns eine

Ecke Montasio-Käse. Oder doch

zwei. Je länger dieser reift, desto

aromatischer wird er. Also einmal

fresco und einmal straveccio.

Die Mittagsjause ist gerettet.

Noch ein Cuore di bue – Ochsenherztomate

– mit Balsamico, Olivenöl

und weißen Zwiebel dazu,

abgerundet mit einer Ciabatta.

Die Arbeiten am Schiff gehen

voran. Zwar wären wir einer

Siesta nicht abgeneigt – so wie

sie gerade in unserer näheren

Umgebung alle halten –, aber

schließlich wollen wir doch

noch in diesem Sommer nach

Kroatien.

Der Abend bietet viele Möglichkeiten.

Unser Favorit ist das

„Ristorante Cigno“ in Latisana.

Die Pizzen dünn und knusprig,

die Kellnerin charmant und

neapolitanisch. Ricotta e spinaci

oder die Siciliana mit salzigen

Anchovis. Dazu Insalata mista,

mit Fenchel und Borlotti-Bohnen

verfeinert. Wenn wir vom Mittagessen

zu satt sind oder der Tag

einfach zu heiß ist, bleiben wir

ums Eck in der Bar „Il Stusighin“

hängen.

48 OCEAN WOMAN 2022


Unwiderstehlich das

Frico und die Tramezzini

in der Bar „Il Stusighin“.

Der Spritz bianco ist unschlag -

bar, liegt wohl an den köstlichen

Weißweinen, die in der Umgebung

ge keltert werden. Und dann mein

heißgeliebtes Frico con patate,

Fladen aus Käse, Erdäpfeln und

Zwiebeln, knusprig-goldig –

mamma mia! Der Skipper nimmt

die Tramezzini – die sind ja einfach

immer gut! Gam beretti, bresaola

con rucola oder Speck, stracchino

e zucchine …

DIE WASSERLINIE HALTEN

Überhaupt gibt es in der Umgebung

unendlich viele Möglichkeiten, sich

den Bauch vollzuschlagen. Es

brauchte einige Zeit, bis wir zu einem

der Grill-Restaurants direkt an

der Straße abgebogen sind, weil uns

die Lage nicht gerade schön erschien,

aber das Feuer des großen

Grills zog uns immer wieder an.

Die „Trattoria-Rosticceria al Gallo“

serviert unter anderem ein köstliches

Pollo (halbes gegrilltes Huhn)

mit Polenta. Dazu gerösteter Fenchel,

Radicchio und Melan zani. Spinaci

al burro zergeht auf der Zunge.

Danach folgt ein Diättag, sonst

müssten wir die Wasserlinie der

Risho Maru höher setzen. Und noch

mehr Arbeit brauchen wir wirklich

nicht. Es gibt nur Cappuccino und

erst am Abend biegen wir auf das

Weingut „Anselmi“ ein, um einerseits

„unseren“ Prosecco zu kaufen

und andererseits eine der köstlichen

Bruschette zu schnabulieren. Bei

Anselmi kann man auch nächtigen

– für alle, die es auch ohne Schiffsrenovierung

in diese Gegend zieht.

Auf dem Heimweg verwerfen wir

wieder alle Diatpläne, indem wir in

der Gelateria Artigianale einkehren.

Dort verkosten wir Gelato ai mirtilli

– Schwarzbeer-Eis – und als Draufgabe

una pallina di gelato Vermouth

con Arancia – gerührt, nicht

geschüttelt.

Ohne Grappa geht dann meist gar

nichts mehr. Wir besuchen in Gehweite

zur Marina unser Stammlokal

„Da Mauro“ mit all den Arbeitern,

Angestellten, Pensionisten und

Hausfrauen, die uns freundlich

zuwinken. La vita è bella!

PS: Wo es die besten Vongole

des Friûl gibt, verraten wir

nicht – scusate …


Wellenzeit –

Drei segeln um die Welt

In viereinhalb Jahren umsegelten

Peter, Alexandra und Sohn Finn

(heute 18 Jahre alt) auf ihrem Katamaran

Risho Maru die Welt!

Sie trafen „Jungle Man“ in der Karibik,

entdeckten die glücklichen Inseln

der Südsee, auf denen auch Polizisten

Blüten hinterm Ohr tragen, und verliebten

sich in die süßen, aber furchtbar

stinkenden Seehunde auf den Galapagos-Inseln.

Und sie stellten fest,

dass der Erzherzog-Johann-Jodler

auch den Leuten im Insel archipel

Vanuatu im Pazifik gefällt!

Und Sohn Finn? Will später einmal

um Kap Hoorn segeln und wird seine

E-Gitarren bestimmt nicht zu Hause

lassen.

Alexandra Schöler-Haring/Peter Schöler: Wellenzeit – Drei segeln um die Welt.

E-Book, 294 Seiten, 52 Fotos, Aequator Verlag, ISBN-13 9783957370150, € 9,99

OCEAN WOMAN 2022 49


Marinas,

Milka & MTV

Während unserer Weltumsegelung

besuchten wir Malaysien samt seiner

zahlreichen Marinas und Ankerplätze.

FOTO: SHUTTERSTOCK

50 OCEAN WOMAN 2022


Ruhepause in der eleganten Admiral Marina in Port Dickson.

Traumhafte Ankerbucht ohne die Hektik einer asiatischen Stadt.

Wir segelten genau eine

Nacht in der Malaka -

strait. Dann war es

genug. Kugel- und

Querblitze um uns, unbeleuchtete

Fischerboote neben uns und zahllose

Fischernetze unter uns ließen

uns zu einem festen Entschluss

kommen: Ab nun wurde tagsüber

gesegelt.

Losgefahren waren wir in Singapur.

Hinter uns hatte sich eine

mächtige schwarze Wand aufgetürmt.

Vorsicht war angesagt! Abgesehen

von den üblichen Gewittern

gab es hier nämlich auch die

bösen Sumatras. Gefürchtete Gewitterstürme

– einen hatten wir in

der eleganten One 15 Degree Marina

miterlebt. Die Fetzen waren geflogen.

Mit dabei unser Sonnendach.

Die Gewitterwand folgte uns unauffällig,

aber erreichte uns nicht.

Nur in dieser einzigen Nachtfahrt

dieses 360-Seemeilen-Törns, der

uns bis Lankawi, der letzen malaysischen

Insel vor Thailand brachte,

donnerte und wetterleuchtete es

um uns herum. Wir waren froh,

am nächsten Morgen Port Dickson

und die Admiral Marina unbeschadet

anlaufen zu können. Übernächtigt

verholten wir uns an einen

blitz blanken, leeren Steg.

FAULE TAGE IN PORT DICKSON

Die Marina war mittelmäßig gut

besucht. Einige Fahrtensegler

mischten die Schiffe der Reichen

und Schönen auf. Wenig später

hatte die nette Dame im Marina -

office für uns einklariert und wir

lagen in einem türkis-schimmernden

Swimmingpool und beobachten

das gekräuselte Wasser in der

Bucht. Gegenwind. Gut so. Wir

würden einige Tage bleiben müssen.

Selbstverständlich waren die

Hamburger, das Bier und die Pommes

viel zu teuer im Sailors Club,

aber die Bordkasse stimmte dennoch.

Marinagebühr inklusive Katamaranzuschlag

pro Nacht: zehn

US Dollar. Unser Sohn Finn lernte

Billard und MTV kennen.

Wir waren lange genug in Port

Dickson, um einen Konvoi mit anderen

Seglern zu gründen. Nein,

keine Piratengefahr, sondern einfach,

weil es nett war. Die Veras

und die Esperanzas wollten in die

gleiche Richtung – na, warum

dann nicht gemeinsam um vier

Uhr früh aufstehen, um tagsüber

mindestens 70 Seemeilen zu schaffen?

Gesagt, getan.

In der Früh war es noch dunkel

genug, dass so manches Netz in die

Schraube ging. Eine Nacht verbrachten

wir hinter einer idyllischen

Leuchtturminsel. Beim Losfahren

am Morgen ließ sich trotz

angeworfenem Motor das Schiff

nicht mehr bewegen. Panik packte

uns. Die ruppigen Felsen der Bucht

rückten näher, Strömung und

Wind hatten sich gegen uns verschworen.

In zwei Sekunden hatte

ich Genua und Groß gesetzt. Finn

steckte verschlafen den Kopf aus

der Koje ob des hektischen Treibens

an Deck und riet, doch einmal

zu schauen, ob etwas in der

Schraube war.

Es war. Ein schwarzes T-Shirt!

Ein Hoch dem Jung-Skipper und

dem Außenborder. Hochklappen

und die Schraube säubern. Unsere

Segelfreunde gingen nicht bloß

einmal im dreckigen Wasser der

Malakastrait tauchen, um Schraube

von Plastikplanen, Netzen und anderem

Gerümpel zu befreien!

IM GEWITTER NACH

GEORGTOWN

Nach einem glühend schwülen Tag

mit sporadischen Leichtwindsegel -

einlagen endlich Georgetown in

Sicht! Gerade als wir die große

Brücke über die Bucht kurz vor der

Marinaeinfahrt passierten, ging ein

Gewittersturm auf uns nieder, der

die Wanten Funken sprühen ließ.

Hinter uns knallte ein Blitz in die

OCEAN WOMAN 2022 51


Natürlich mit den Fingern verzehrt.

Ist man fertig, kommt ein

Kellner und befördert das leere Bananenblatt

in den Müll. Ziemlich

Bio, oder? Unsere klebrigen Finger

wuschen wir am Gemeinschaftswaschbecken

und die einheimischen

Inder kicherten in sich hinein

angesichts der aufgeregten,

Wasserflaschen ohne Ende bestellenden

Touris!

In diesem Revier droht

ständig Gefahr von Unwettern

mit Blitzschlag.

Straßenbild in Georgetown.

Selbst die Fähren sind in Georgtown bunt wie Kanarienvögel.

Stahlbrücke, vor uns verschwanden

sämtliche Schiffe in einer undurchdringlichen

Regenwand. Dann

noch ein spannendes Anlegemanöver,

Risho Maru versus zwei Knoten

Gegenstrom.

Ich denke, es gibt niemanden,

der raffinierter anlegen kann als

mein Mann, der jahrelang seinen

heißgeliebten Katamaran in engen

griechischen Inselhäfen manövrierte.

Ohne zwei Motoren. Ohne

Bugstrahlruder. Aber dafür mit viel

Gefühl und einer perfekten Crew.

In diesen Gefilden klebt einem

permanent die Kleidung am Leib.

Entweder wegen der Sturzregen -

fälle oder wegen der unglaublich

feuchten Hitze. Im warmen Nieselregen

folgten wir norwegischen

Fahrtenseglerfreunden in ihr indisches

Lieblingslokal zum Abendessen.

Das Little India von Georgetown

gleicht einem Bollywoodfilm

Set: Shops mit Millionen von Armreifen,

Bindis, Zehenringen. Zahllose

Buddhageschäfte und an jeder

Ecke Fernsehschirme, auf denen

sich indische Schönheiten tummelten,

die mit ihren glutäugigen

Hauptdarstellern curryscharfe

Blicke austauschten und dazu

Musicallieder sangen.

Das Lokal war ein enger Schuppen.

Wir bestellten, was alle aßen.

Curry, auf einem Bananenblatt serviert,

mit Reis, um das unglaubliche

Chilifeuer etwas zu löschen.

DENEUVE HAT KEINE CHANCE

Die Tanjong City-Marina ist praktisch,

da im Zentrum von Georgetown.

Die Nächte waren unruhig.

Zuerst weil wir nicht ins Bett kamen

ob der zahllosen chinesischen

Minibars in den kolonial romantisch

verfallenen Gassen. Das beliebte

Tiger Beer brachte etwas

Kühlung.

Auf dem Schiff hielt uns genau

diese Hitze wach und das Knarren

und Ziehen der Schiffstaue, die einen

sinnlosen Kampf mit den vorherrschenden

Strömungen führten.

Wir besuchten das berühmte

blaue Haus. Der Architekt hatte

große Anerkennung erlangt, weil

er dieses Haus ganz im Sinne der

Feng Shui-Tradition erbaut hatte.

Angeblich mit einem Energiezen -

trum mitten im Innenhof. Ich denke,

der Energiepunkt liegt ganz woanders.

In einem Korbsessel auf der

kühlen schattigen Veranda des

Hauses. Dort nämlich war Catherine

Deneuve gesessen, als sie den

Film „Indochine“ drehte und hatte

den Abdruck ihres Allerwertesten

in einem weichen indischen Kissen

hinterlassen.

Bei Peter hätte Catherine keine

Chance gehabt, denn nur wenige

Häuser weiter entdeckten wir eine

Schokoladenfabrik. Was macht

man mit zehn Kilo gekaufter Schokolade

in Malaysien ohne eiskaltem

Kühlschrank an Bord? Essen, war

die Antwort des Kapitäns und so

geschah es.

Das Archipel Lankawi an der

Westküste Malaysiens besteht aus

99 Inseln und ist Ausflugs- als auch

52 OCEAN WOMAN 2022


Wie ein Gemälde: das „Blaue

Haus“ mit Stilleben vor der Tür.

„ Was macht man in Malaysien mit zehn Kilo Schokolade

ohne eiskaltem Kühlschrank an Bord? Essen natürlich.“

Fahrtenseglerparadies. Auf Dajang

Buting wanderten wir zu einem

Süßwassersee, genannt „The Lake

of the Pregnant Maiden“. Mit uns

hatten ca. 500 Touristen dieselbe

Idee. Es begann zu schütten.

Wir segelten nach Kuah, der

Inselhauptstadt.

MORD IN DER MARINA

Die Royal Lankawi Marina besuchten

wir mit dem Dingi. Und

genehmigten uns einen königlichen

Drink, bei dem wir die News

des Tages erfuhren. Die Leiche eines

britischen Seglers war in seinem

Schiff war entdeckt worden.

Es hatte Streit gegeben unter einigen

dort seit Jahren hängengebliebenen

Fahrtenseglern. Der Tatort

war gut sichtbar mit gelben Plastikbändern

abgesperrt. Wir besuchten

dann doch lieber den

Night-Market, aßen indische Samosas,

kosteten die berühmten

Drachenfrüchte und mussten eine

Tüte getrockneten Knabberfisch

probieren. Ich freute mich, endlich

mal wieder Haselnüsse en masse

einkaufen zu können. Die sind in

Malaysien eine Spezialität und

peppten meine tropischen Weihnachtskekse

gehörig auf.

Der zollfreie Einkauf blüht in

Kuah. Man kriegt Bier, Kondome

und Schokolade – genau in dieser

Reihenfolge – ausgesprochen

günstig angeboten. Wir waren

glücklich – der Adventkalender

wurde mit Milka, Rittersport und

Co. gefüllt! Die Insel umrundeten

wir mit einer Schrottkiste der

Marke „Saga“. Rumpelten zu einer

Krokodilfarm mit ausgesprochen

unglücklichen Krokodilen. Dafür

gab es im Anschluss einen Strand -

spaziergang im Süden der Insel

unter sehr glücklichen australischen

Urlaubern. Zufällig drehte

man einen Bollywood-Musicalfilm,

wir durften mitspielen und

ein bisschen indisch tanzen. Die

Bodyguards fanden uns ziemlich

beeindruckend.

Auf dem Heimweg statteten wir

noch der Galeria Perdana einen

Besuch ab. Drei Stockwerke, Aircondition,

zu sehen: 2.500 Geschenke

von Staatsoberhäuptern

für den malaysischen Minister -

präsidenten. Darunter ein Ferrari

aus Italien, ein Kalaschnikow-Set

aus Afghanistan, ein Steyr-Truck

aus Österreich.

Das Beste an der nur zehn Seemeilen

entfernten Rebak Marina

war eindeutig das angeschlossene

Luxus-Resort. Wir blieben nur

eine Nacht, da die Hitze in der

OCEAN WOMAN 2022 53


Zumindest sicher:

die Telaga Harbour Marina.

FOTO: SHUTTERSTOCK

Hektik pur: die Marina von Singapur.

Bick auf den Dschungel von

Lankawi aus luftiger Höhe.

Hier hat schon Jodie Foster gedreht.

Marina grenzwertig war. Einige

Boote standen auf dem Trockenplatz

und zwei tapfere Segler strichen

erschöpft Antifouling. Später

erfuhr ich, dass Leute hier die Saison

über blieben und sogar eine

Schule für Fahrtenseglerkinder gegründet

worden war! Zur besseren

Belüftung legten wir uns ins gut

besuchte Ankerfeld vor der Telaga

Harbour Marina. Sowohl diese als

auch die Rebak Marina waren im

Zuge des großem Tsunami im Jahr

2005 schwer beschädigt worden.

BESUCH BEI JODIE FOSTER

Das Flanieren auf der funkelnagelneuen

Vergnügungsmeile mit zahl-

„ Ich erfuhr, dass Leute hier die Saison

über blieben und sogar eine Schule

für Fahrtenseglerkinder gegründet

worden war!“

reichen internationalen Restaurants

wurde unsere Abendbetätigung.

Ein schönes rotes verfallenes

Gebäude in einem wilden tropischen

Garten weckte unsere Aufmerksamkeit.

Wieder einmal eine

Filmkulisse! Jodie Foster hatte dort

„Anne und der König von Siam“

gedreht. Wir kraxelten zwischen

den verfallenen Holzhäusern herum

und trafen ebenso neugierige

englische Fahrtensegler, die uns

daraufhin ihr Lieblingslokal der

Vergnügungsmeile zeigten – eine

kleine indische Garküche auf der

Rückseite der mondänen Restaurants.

Besucht von Fahrtenseglern

und Restaurantbediensteten.

Wir bewunderten das grüne

Lankawi von oben, als wir mit dem

Cable Car in die Lüfte schwebten –

übrigens eine österreichische Konstruktion,

was uns beruhigte, als der

Wind zulegte. Und am nächsten

Tag nutzen wir genau diesen Wind,

um nach Thailand weiterzusegeln.

Auch weil die Schokolade langsam

knapp wurde.


54 OCEAN WOMAN 2022


Get me a freezer!

AUSGABE 1/2021

Südsee, Marchesas, Tahuata! Heutzutage hängen dort Segler fest wegen eines Virus.

Damals unvorstellbar. Man wäre gerne für immer dortgeblieben.

Natürlich Traumstrände, Blüten

überall und Fisch ohne

Ende. Doch in meiner Erinnerung

essen wir gerade Chips,

trinken Cola light und warten auf

Fleischbällchen. Und verbringen

Zeit mit den „Sabbaticals“. Dass

Segler sich nach ihren Schiffsnamen

nennen, ist auf einer

Weltumsegelung ganz normal.

Unter meinem Sitzpolster summt

der Freezer – die Tiefkühlbox. Angenehme

Raumtemperatur, leise

surrt die Aircondition. Wir sind auf

der Sabbatical III, einer Amel Super-Maramu,

eine 52-Fuß-Ketch,

gebaut in La Rochelle.

Laura und Mark schnappten uns

das Taxiboot auf Santa Cruz, den

Galapagos-Inseln, vor der Nase

weg. Sie streiten es bis heute ab. Ich

mochte die beiden auf Anhieb. Als

wir sie kennenlernten, waren sie

gerade eineinhalb Jahre unterwegs.

Ihre Freunde zu Hause in Rhode

Island an der amerikanischen Ostküste

waren verwirrt und verstanden

nicht, warum man so eine Reise

machen will. „We don’t want to

die before we had a chance to live!“

Tochter Hanna, die in Chicago

studiert, fand es sehr cool. Die

Eltern ihrer Freunde wurden fett

und grantig, ihre gingen mit Haien

tauchen und Kava trinken mit

polynesischen Häuptlingen!

Am schönsten ist es für Laura

mit Mark, dem Mann, mit dem

sie seit 30 Jahren zusammen ist, in

der kühlen Vorschiffkoje zu liegen,

um – tja, was auch immer zu machen

… Laura lacht verlegen und

mischt die angebratenen Zwiebel

unter das Hackfleisch. Ein paar

zerbröselte Cracker kommen dazu

– das Rezept ihrer Mum – echtes

„comfort food“!

Die Sabbatical III, das Zuhause des Weltumseglerpaares Laura und Marc. Ihr Lieblingsplatz an Bord: die kühle Vorschiffskoje.

GET ME OUT!

Ja, manchmal, wenn es sehr stürmisch

ist, natürlich nachts, und

alles durch die Gegend fliegt und

vielleicht auch noch so wie bei der

letzten Überfahrt ausgerechnet ihre

Lieblingskaffeetasse zersplittert,

dann, ja dann: „Get me out of here,

please!“ Doch später, geankert in

einer türkisen Lagune, wird Laura

ihr Cola light (von dem übrigens

200 Dosen in den Bilgen gelagert

sind) im Cockpit genießen und ihr

Ehemann Mark, der zu Hause nie

Leute treffen wollte, wird fragen:

„Was meinst du, sollen wir mal

unser Nachbarschiff anfunken, ob

sie Zeit haben rüberzukommen?“

Zeit zum Plaudern, Lachen, Erzählen,

Glücklich sein! Wobei, für

Mums Fleischbällchen (von Laura)

immer auf dem Schiff zu leben

wäre für Laura undenkbar: „Ohne

mein Klavier, der alten Steinway

meines Vaters, kann ich nicht sein!“

Und wie kam sie zum Segeln?

Schon etwas länger her. „Mein Boyfriend

nahm mich zum Segeln mit

und da war dieser Steuermann dabei,

lockiges Haar, sehr süß, naja,

heute sind die Locken grau, aber

süß ist er noch immer!“ Und da –

Laura wird rot! Fast so rot wie

das Ketchup, das sie gerade zur

Worchestersauce mischt!

Bis heute sind wir eng verbunden.

Mehrmals haben sie uns in

Wien besucht und die Einladung

mit der Sabbatical III die Küste

Maines zu ersegeln, wird langsam

wieder realistischer!

Zutaten. 500 g Faschiertes, 1 Ei, einige Cracker, 1 Teelöffel Salz, 2 Zwiebeln, 200 g Ketchup (oder 1 Dose passierte

Tomaten), 2 EL Worcester-Sauce, 1–3 EL brauner Zucker, 2 EL Olivenöl.

Zubereitung. Zwiebel schneiden, in Öl anschwitzen, aus der Pfanne entfernen. Faschiertes mit Ei, den zerbröselten

Crackern und Salz mischen, in Bällchen formen und in der Pfanne schön braun braten. Ketchup mit

Worchestersauce und Zucker mischen. Die fertigen Fleischbällchen mit den Zwiebeln und der

Sauce wieder in die Pfanne geben und gute 20 Minuten köcheln lassen.

Luxus. Für Fahrtensegler ist gutes Fleisch absoluter Luxus. Für manche ist eine Tiefkühlbox

der Luxus, den sie brauchen. Für mich nicht – ich kam mit meiner kleinen Kühlbox gut aus.

Es ist sehr befrie digend, mit den begrenzten Ressourcen an Bord gekonnt haushalten zu können.

Der Sabbaticals Blog:

è www.sabbatical3.net/blog/?m=200709

„This comfort food can be made in advance and frozen.

Serve to Peter, Alex and Finn with rice and lots of love!“

OCEAN WOMAN 2022 55


Erinnerungen

an Thailand

56 OCEAN WOMAN 2022


Es dauerte eine Weile, bis wir das schöne,

wahre Thailand entdeckten. Abseits der

touristischen Resorts, ja, abseits der

Nebenstraßen. Buddhistische Gelassenheit,

liebenswerte Menschen, herrliches Essen

und aufregende Thai-Boxkämpfe.

Kurz vor dem Weitersegeln

von Lankawi in Malaysien

nach Thailand kam mir im

Yachtclub ein Werbemagazin

für Phuket in die Hände.

„Phuket im Dezember!“ stand da in

großen Lettern über einem ernüchternden

Foto. Man sah rot angeröstete

Leiber in Liegestühlen zuhauf

an einem Strand liegen, der auch in

Lignano sein könnte. Zwei Thai-

Masseurinnen mühten sich gerade

mit zwei gewaltigen Fleischbergen

im Vordergrund des Bildes ab.

Es stellte sich heraus, der Artikel

war nicht zynisch gemeint, sondern

pries Phuket und seine vielen Freizeitmöglichkeiten

in höchsten Tönen.

Wir beruhigten uns mit der

Tatsache, dass wir immer noch nach

Malaysien zurücksegeln könnten,

sollte es uns gar nicht gefallen.

EMERALD BLUE

Der erste Ankerplatz Kho Lipe

machte uns ein für allemal klar,

hier blühte der Tourismus. Erstmals

flüchteten wir nach nur wenigen

Stunden zum weniger überlaufenen

Festland Thailands. Der Wind, der

seit Monaten auf sich hat warten

lassen, frischte genau an diesem Tag

auf – und zwar mit einem wunderschönen

Dreh gegen uns.

Wir landeten müde und entnervt

am bislang schönsten Ankerplatz

Thailands (wussten wir zu diesem

Zeitpunkt zwar nicht, aber irgendwie

ahnten wir es), Ko Bulan, ein

stiller Fjord, Affen am Strand, Urwaldgeräusche

in der Nacht. Aber

wie der Mensch auf der Risho Maru

so ist, war es dann doch ein bisserl

gar einsam dort und wir segelten

weiter nach Ko Muk, einer Insel,

die berühmt ist wegen der Emerald

Cave.

Diese Höhle erreicht man nur,

indem man durch einen finsteren

Felsenschlauch schnorchelt, durch

stockdunkles Wasser mit den bollernden

Geräuschen der Brandung

im Hintergrund, die durch die

Felswände unheimlich verstärkt

wurden. Für mich der Stoff, aus

57


dem Alpträume sind, und deshalb

berichtete Peter von drinnen: Eine

Öffnung nach oben ließ emeraldblaues

Licht in die Höhle, der Himmel

spiegelte diese Farbe zauberhaft

wieder. Ein Minisandstrand

und eine verkrümmte Palme. Stille.

THE BEACH BEI REGEN

Resorts gibt es in Thailand offensichtlich

an jedem freien Strand.

Wir beschlossen, uns das einmal

anzusehen und bereuten es keineswegs.

Wir dinierten im kleinen

Restaurant direkt am Sandstrand.

Füße im Sand. Brandung als Backgroundgesang.

Fackeln beleuchteten

unsere köstlichen Thai-Gerichte:

Green Curry mit Shrimps,

Yellow Curry mit Huhn und „Beef

with Garlic, Ginger and Pepper“.

Also diesmal hatte der Weihnachtsspeck

an unseren Hüften sicher

nicht mit Weihnachtskeksen zu

tun! Oder vielleicht saugt Adrenalin

das Fett wieder ab.

Die sanfte Brandung war im

Laufe des Abends zu einem enormen

Schwall angewachsen. Bei der

Heimfahrt mit dem Dingi – besser

beim Ablegen vom Strand (natürlich

im Stockdunklen) – stiegen drei

Megawellen in das Dingi ein. Nur

mit Peters gut trainiertem Surfergefühl

schafften wir es, nicht wie viele

andere kopfüber auf dem Strand zu

landen, dafür aber völlig durchnässt

auf der Risho. Fahrtensegler können

einfach nicht ohne ein bisschen

Abenteuer – selbst nach einem romantischen

Candlelight-Dinner!

Am nächsten Tag durchstreiften

wir die Insel vom Westresort zum

Südresort. Dazwischen lag ein

Thaidorf auf Stelzen, wiederaufgebaut

nach der Tsunami-Katastrophe.

An den Bäumen auf den umliegenden

Hügeln, die als Evakuierungszone

im Notfall gekennzeichnet

sind, hingen schwarze Becher,

die Bäume waren angeschnitzt und

weißer Saft tropfte in die Gefäße.

Dieser wird gesammelt, mit Wasser

gekocht und nach einigen anderen

Prozeduren von Frauen mit den

Füßen platt getreten und zum

Trocknen aufgehängt. Gummiherstellung!

Leider mussten wir weiter,

da die Offiziellen in Thailand es

nicht gerne sehen, klariert man

nicht nach mindestens einer

Woche im Land ein.

Natürlich stoppten wir in Ko Phi

Phi – dort, wo der Film „The

Beach“ gedreht wurde. Zugegeben,

wir stoppten in eineinhalb Seemeilen

Entfernung. Denn näher kamen

wir nicht, kurz vor der Dämmerung

fanden wir doch noch

einen schlechten Ankerplatz zwischen

den hunderten Ausflugsbooten.

Die ganze Beachromantik ging

dann gehörig flöten, als es sich einregnete

und Sturmböen über uns

dahinfegten. Die Touristen im

Strandresort schien das nicht zu

stören, nein, die Discomusik übertönte

sogar das Gewittergrollen.

Traumstrand vor dem

Eingang zum Emerald Cave.

Albtraumstrand – Weihnachten in Phuket

sorgt bei Fahrtenseglern für Platzangst.

58 OCEAN WOMAN 2022


„Das wahre, unverfälschte Thailand

entdeckt man abseits der Nebenstraßen.“

ZONG, UNSER TAXIFAHRER

Und so landeten wir schließlich in

Phuket, Ao Chalong. Hoch auf dem

Berg thronte ein enorm großer

Buddha. Seglertreff, zahllose Schiffe,

am Ufer Seglerlokale und, wie wir

beim Abendspaziergang feststellten,

Bars mit sehr willigen Damen! Vielleicht

nicht ganz der richtige Ort für

einen neunjährigen Finn, aber Ilse

von der Esperanza meinte, ist schon

gut, so geht er nicht ganz blauäugig

in die Welt hinaus!

Irgendwie machte sich leichte

Enttäuschung auf der Risho breit,

hier war es doch sehr touristisch,

das Phuket im Dezember-Albtraumbild

flimmerte wieder vor

meinen Augen. Auf der Rückfahrt

mit dem Dingi überraschte uns wieder

eine Regenwand und das Dingi

irgendein Felsen. Mit Blick auf die

verbogene Schraube waren wir

dann doch froh, in westlicher Zivilisation

zu weilen.

Wir folgten dem Funkruf einiger

Segelfreunde in die Bucht Nai

Harn und das eröffnete für uns unsere

Weihnachtssaison in Thailand,

die wir dann doch noch sehr ge -

nießen und in schönster Erinnerung

behalten würden!

Nai Harn – eine weitläufige Bucht

im Süden Phukets. Neben dem Resort

mit Nobelrestaurant befand

sich ein winziger Strand mit einem

kleinen, baufälligen Lokal. Dazu

Holzbänke und perfekter Meeresblick.

Das würde unser Wohnzimmer

für die nächsten Wochen werden.

Wir aßen dort wie alle anderen

Segler zu Mittag und zu Abend und

manchmal wurde auch noch das

Frühstück dort eingenommen.

Mit dem Vorwand, wir sollten

uns die Umgebung anschauen,

mietete mein Kapitän ein Motorrad,

wir zwängten uns verbotenerweise

zu dritt drauf und gingen auf

Marina-Geschäfte-Sightseeing. Natürlich

gab es einiges zu besorgen

und tatsächlich kriegte man die Sachen

auch! Bei Rolly Tasker, dem

Segelmacher der Umgebung, gaben

wir eine neue Fock in Auftrag.

Danach ging es auf Nebenstraßen

zurück nach Nai Harn – ja und genau

auf diesen Nebenstraßen, oder

Aus diesen Bäumen wird

Kautschuk gewonnen.

Gummitreten – harte

Arbeit für die Dorffrauen.

Die Thaiküche ist abwechslungsreich, aber für

Europäer nicht immer bekömmlich. Also Vorsicht!

FOTO: SHUTTERSTOCK

OCEAN WOMAN 2022 59


Thailändisch: Ankernde

Yachten und bunte

Fischerboote, dahinter

feiner Sand und dichter

Regenwald.

Ein schönes Fotomotiv,

das trockengefallene

Fischerboot.

Werbung fürs

Thai-Boxen.

eigentlich neben diesen, ent deckten

wir das schöne Thailand. Die blitzsauberen

Häuser, die netten Leute,

das gute Essen, große buddhis -

tische Gelassenheit, wunderschöne

Ausblicke von den grünen Hügeln

der Halbinsel. Hier gab es den netten

Franzosen mit thailändischer

Ehefrau, die beide seit zehn Jahren

eine herrliche Boulangerie führten,

oder wir holten uns Schwarzbrot

von der bayrisch-quatschenden

Thailänderin, deren Kinder in

München studierten.

Unser Taxifahrer Zong (den wir

für die nächsten Wochen immer

wieder engagierten, da einige

Schiffsausrüstungsteile mit dem

Motorrad doch schwierig zu transportieren

waren und unsere Verwandtschaft

vom Flughafen zum

Weihnachtsurlaub abgeholt werden

musste) versuchte uns immer wieder,

zum Elefantentrail oder einer

Urwaldtour zu überreden. Doch

wir wollten einfach nur in Zongs

Stammlokal, nahe Ao Chalong gelegen,

wo es die besten Kokos-Garnelen

der Welt gab und man gemütlich

mit Großmutter, Schulkindern

und anderen Familienmitgliedern

am Mittagstisch saß.

Ewig lag er uns in den Ohren ob

der Thai-Boxkämpfe und schließlich

in einer schwachen Minute –

gerade als der Duft von Hackbällchen

mit Krebsfleisch uns die Sinne

vernebelte – sagten wir zu.

IHR KINDERLEIN KOMMET

Ich fürchtete mich schon etwas vor

dieser Meisterschaft, da ich mir das

Ganze unendlich langweilig vorstellte.

Aber weit gefehlt. Da saß ich

nun und schnellte aus meinem Sitz,

sobald ein Kampf sich in der fünften

Runde seinem Höhepunkt entgegensteigerte.

Man könnte sagen:

Die Fetzen flogen! Das Ganze wurde

von aufputschender Live-Musik

untermalt – traditionelle Klänge

mit Trommeln und Schalmeien!

Thai-Boxen ist eine Mischung

aus buddhistischer Konzentration

und akrobatischem Beinballett, die

dazu führt, dass sich die jeweiligen

Gegner zur Schnecke machen.

Anurak, ein schielender Muskel-

Thai, der starke Wasanlek und

schließlich Supergolf, den Finn am

nächsten Tag im Bordzeichenunterricht

grandios blutrünstig porträtierte.

Doch gegen Pechmai mit

leichtem Schwimmreifen hatte

auch Supergolf keine Chance!

Als dann der Ticketverkäufer die

ersten Wetten entgegennahm, war

ich knapp daran, auch einen Hunderter

zu zücken, sah aber dann die

großen Augen meines Sohnes und

hatte mich gleich wieder im Griff!

Wow! What a night!

Dann saßen wir wieder brav auf

unserer Risho Maru, es weihnachtete

sehr in den nahen Resorts und

wir sangen „Ihr Kinderlein kommet

…“. Und gingen dann auf eine

weihnachtlich-scharfe Zitronengras-Kokosmilchsuppe

in unserem

mit Lichterballons geschmückten

Strandlokal.

So ist es manchmal – da braucht

man eben Zeit, um sich in ein Land

zu verlieben. Wie gut, dass man die

als Fahrtensegler auch reichlich

zur Verfügung hat!


60 OCEAN WOMAN 2022


Marion und das Meer

AUSGABE 2/2021

Auf James und Marions Schiff Balu gibt es keine Türen. Denn als sie von Galway lossegelten,

hatten sie den Innenausbau einfach nicht fertiggekriegt.

„Segeln mit der Familie

tut gut“, weiß Marion.

Und ihre auf der Balu

zubereiteten Potatoes

schmecken sehr gut.

Jeder, der je ein Schiff gebaut

oder renoviert und sich auf

einen längeren Törn vorbereitet

hat, weiß wie knapp die Zeit letztlich

wird. Darum keine Klotür – nur

ein Vorhang. Und das auf einem irischen

Schiff mit Bier als Hauptgetränk

zum Sundowner. Ich kniff alles

zusammen.

„I love the ocean“, lachte die wunderbare

Marion und richtete dabei

ihren Gipsfuß etwas bequemer auf

der Sitzbank. Sie hatte sich bei einem

falschen Tritt im Cockpit – ein Sitzpolster

war schlampig gelegen – den

Fuß gebrochen. In der Karibik!

Krankenhäuser gibt es überall, meinte

sie beiläufig und wechselte gleich

wieder zu ihrem Lieblings thema: „I

could not live with out the ocean!“

Immer hatten Marion und ihr

Mann James diesen Traum von der

Weltumsegelung. Damals, als wir

uns trafen, waren sie gerade unterwegs,

die kleine Atlantikrunde zu

machen. Also einmal Atlantik und

retour. Länger ging damals nicht.

James musste noch arbeiten und

überhaupt war es das schlimmste

Jahr, das sie wählen konnten. Als sie

in der Karibik waren, starb James

Mutter. Er musste heimfliegen, eine

Woche später starb seine Tante und

Marion segelte allein mit ihrem

Gipsfuß und einer guten Freundin

zu den Bermudas. „Denn, wenn du

was machen willst, findest du einen

Weg.“ Davon ist Marion überzeugt.

Sohn Luke lernten wir in Tobago

kennen, er kam täglich zum Cappuccino

auf die Risho Maru. Wie

herrlich, dass Eltern und erwachsene

Söhne sich so gut verstehen, gemeinsam

über den Atlantik segeln

und das als richtig gut empfinden.

„Segeln ist für Kinder das Beste“,

ist sich Marion sicher. Schon mit

klein Luke und Baby Töchterchen

Lucy ging es auf Törn rund um

Irland. Einmal geriet die Familie

in Nebel, verlor die Orientierung.

„Es ist besser, du ziehst jetzt allen

die Lifejackets an“, sagte James damals.

Das war schlimm. Aber das

ist lange her. Noch kein GPS!

AM BESTEN DIE FREIHEIT

Als Lehrerin in Belfast für 33 Jahre

weiß Marion, wovon sie spricht.

Segeln, das ist richtig gut für eine

Familie. Und James? „Seit 20 Jahren

sind wir verheiratet und manchmal,

jetzt hier, schauen wir uns an und

sagen: Hey, wir sind auf der anderen

Seite des Atlantiks!“

Gibt es etwas, das Marion nicht

mag beim Segeln? Schlimm ist

manchmal der Lärm, den der Wind

macht, da wäre sie am liebsten am

Strand. Aber so geht es vielen. Am

Marions Potatoes

Zutaten Basic: 1 kg Kartoffeln, 2 kleine Zwiebel, 30 g

Butter oder 20 ml Öl, 30 g Mehl, ¼ l Milch, ¼ l Wasser,

1 halber Brühwürfel (Gemüsebrühe), 3 EL geriebener Käse

(oder soviel man eben Gusto hat).

Zubereitung: Die Kartoffeln

in Scheiben

schneiden und

gar kochen. Bechamelsauce:

Zwiebel klein

würfeln, Butter

in einem Topf

zerlassen, Zwiebel

mit Mehl solange darin

erhitzen bis sie hellgelb

werden. Milch,

Wasser, Brühwürfelgemisch

langsam beifügen, dabei mit einem Schneebesen immer

rühren, damit keine Klumpen entstehen. Sauce circa 5 min

köcheln lassen. Aufpassen, spritzt und brennt schnell an!

Gekochte Kartoffeln zur Bechamelsauce beifügen, mit

Salz, Pfeffer und geriebener Muskatnuss abschmecken.

Fertig ist das Bordgericht!

Luxus-Tipp: In Auflaufform umfüllen, mit geriebenem

Käse bestreuen, circa 20 Minuten im Ofen bei 180° C

gratinieren. Warum Luxus? Auf einem Schiff muss Strom/

Gas grundsätzlich gespart werden. Frische Petersilie!

Lager-Tipp: Marions Potatoes schmecken auch kalt

hervorragend – aber meist bleibt nix übrig!

besten ist – die Freiheit! Und die

Nachtfahrten sind auch sehr cool.

„Listening to music, the stars and

the moon – that is magic.“

Einige Zeit später, zurück in Irland,

James in der Pension, starteten

sie noch einmal durch und umrundeten

in drei Jahren die Welt. Und

die Karibik? Ich war damals ziemlich

entnervt. Das El-Niño-Jahr

zeigte seine Krallen und heftiges

Am-Wind-Seglen war stets an der

Tagesordnung. „Great! Sailing in a

Bikini!“ jubelte Marion – in Irland

völlig unmöglich!

Schließlich wagte ich mich dann

doch noch aufs Klo. Dort empfing

mich Balu, der Talismanbär an

Bord. Draußen rauschte der viel zu

starke Passatwind besonders laut.

Doch diesmal war ich richtig froh

über diesen Lärm.


OCEAN WOMAN 2022 61


FOTOS: WOLFGANG SLANEC

Tänzerin im Sturm

AUSGABE 2/2022

So gut wir uns kennen, so knapp verpassten wir uns auf dieser Reise. Doris. Die Seefrau,

die ich schon kannte, bevor ich selbst überhaupt daran dachte, eine zu werden.

Wolf, Peters Freund seit

über 30 Jahren, fragte

Doris bei ihrem ersten

Rendezvous, ob sie mit ihm um

die Welt segeln würde. Sie sagte

ja, ohne je zuvor ein Boot betreten

zu haben. So weit, so romantisch.

Und dann wurde sie seekrank.

„Zum Kotzen – du möchtest

sterben“, sagt Doris heute noch.

Dennoch, sie ist zweimal um

die Welt gesegelt und das Schiff

Nomad ihr zu Hause. Sie, die in

bürgerlichen Verhältnissen aufwuchs,

maturierte, deren Laufbahn

als Fremdsprachensekretärin vorgezeichnet

war. Nett, hübsch, brav.

Aber dann: Kap Hoorn, die Gebirge

Chiles, die Flauten der Salomonen,

der Tafelberg, die Osterinseln,

St. Helena, die Kapverden, die

Nordwestpassage, Alaska, Grönland,

Hawaii.

„Es war so kalt in Patagonien,

dass ich sechs Wochen meinen

Kuschelfleecepulli anließ und mir

nicht die Haare wusch. Und einmal,

bei ganz schlimmen Böen am

Ankerplatz in Pitcairn, packte ich

die Pässe ein. Ich hatte Angst. Wir

fürchteten, die Nomad zu verlieren.

„Daheim“ ist Nomad, ihr Schiff.

Schlimm war, als die Mutter so

krank war zu Hause. Immer wieder

flogen sie in Abständen nach Österreich.

Aber das ist teuer. Leben auf

dem Schiff braucht wenig. Und

dann stirbt die „Mutti“. Allein

fliegt Doris von den Marshall-

Inseln ins triste Winter-Wien.

Zum Begräbnis. Schattenseiten

einer Aben teurerin.

DANCING STARS

Lieblingsrezept? „Krautfleckerl –

das geht immer und überall auf

unserer Welt. Sie sind auch Wolfis

Leibspeise! Und Kraut, das hält

doch ewig.“

Wir telefonieren heute in Wien.

Zurzeit sind sie wieder da, die

Seenomaden, nach einer atemberaubenden,

zweijährigen Corona-

Odyssee. Davon werden sie demnächst

berichten!

Australien hatte die Risho Maru

ausgelassen, während die Nomad

es anlief. Knapp verpasst – das ist

eben auch Segeln!

Doris liebt Wolf und Wolf liebt

Doris. Und sie lieben ihre Freiheit,

die nicht immer leicht zu tragen,

aber das ist, was sie wollen. Das

Beste in Doris’ Leben: „Wolf ge-

62 OCEAN WOMAN 2022


„Es begann zu dämmern, die Leichen hingen an den Bäumen, Erfrorene bedeckten

die Straßengräben, Bomben schlugen neben uns ein, Granaten zischten

uns um die Ohren. Panzer zermalmten lebende und tote Körper – es war ein

absolutes Chaos. Gliedmaßen flogen durch die Luft, alte Frauen saßen am Straßenrand

und beteten. Alle Engel im Himmel mussten ihre Flügel über uns

ausgebreitet haben, um uns zu schützen.“

Erschüttert lese ich Karlas Erinnerungen zum Grauen des Krieges und der

Flucht der Familie. Sie war damals acht oder neun Jahre alt. Ihre Persönlichkeit

ist so stark und geradlinig wie der Ton, in dem sie spricht. Auch wenn es in

ihren späteren Erzählungen um gefährliche Taifune, Überfälle, brenzliche Situationen

geht – immer ist da diese Frau, die alles nimmt, wie es kommt und sich

nicht erschüttern lässt. Ich frage sie am Telefon – sie, die gerade ihren Achtziger

14

Ihr erstes Geld investierte sie in schicke Garderobe, gekauft in der Theatinerstraße

in München: „Outfit wie die Schickeria, sodass sich die Leute nach mir

umsahen.“

Natürlich auch die Jungs! Nach der Arbeit und dem Tischtennistraining wurde

in den In-Kneipen Schwabings gefeiert. Beim Ersten, einem jungen Arzt – sie

dachte, er sei der Richtige –, fand sie „die Sache“ ziemlich blöd. „… eines ist

sicher, der hat seine Promotionsarbeit nicht über Sex geschrieben.“ Noch einige

andere Ereignisse dieser Art und Karla beschloss, sich aufs Tischtennis zu konzentrieren.

Gut so – im Internet steht nachzulesen: Karla Schulz ist eine deutsche Tischtennisspielerin,

die an der Europameisterschaft 1962 teilnahm. Dort traf sie

Bobby Schenk, den deutschen Hochschulmeister im Tischtennis. 1965 heirateten

sie. Mit ihm segelte Karla Schulz über die Weltmeere.

Innsbruck, Internationale Tischtennismeisterschaft, das Edelweißturnier.

Karla kannte Bobby nicht, sie wusste nur, dass er Tischtennisspieler war und ab

und zu einen Schläger „zerdonnerte“, wenn er wütend wurde. „Ich fand ihn

einfach sehr niedlich.“

Sie zogen zusammen. Karla war inzwischen leitende Angestellte und wissenschaftliche

Mitarbeiterin bei der Firma Bayer Leverkusen. „Das war die beste

Stellung, die es in Deutschland auf diesem Gebiet gab. So war meine berufliche

Tätigkeit gesichert und ich konnte mich wieder dem Sport widmen.“ Und natürlich

Bobby, der eigentlich Jura studierte, sich aber mit Fotografie, Kommunikations-Elektronik

und Karten spielen beschäftigte.

Haushalt? Vergiss es. Die schmutzigen Teller stapelten sich bis zur Decke. Die

Putzfrau, geschickt von Karlas Schwester Margot, räumte sich durch das Apartment

der beiden und stieß dabei sicher auch auf die Yachtzeitung, die Bobby vor

kurzem in die Hände gefallen war. Darin lautete einen Announce: Auf einer

Segelyacht von Nizza nach Sevilla.

Karla: „Das roch nach Meer und Abenteuer.“

Und so begaben sich eine Tischtennis-verrückte Apothekerin und ein Technikbegeisterter

Jurist, dessen Examen für den Staatsdienst reichte, auf ihre erste

schicksalsträchtige Segelreise.

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Weihnachten naht. Ich gebe Karla Bescheid, dass wir für eine

Woche auf Familientour unterwegs sind.

„Da geht’s uns gut! Keine Kinder, keine Enkelkinder, keine

Verpflichtungen. Weihnachten ist wie jeder Tag. Kein Stress.“

Geschenke gibt es keine, jeder kauft sich sowieso das, was er will.

Ach ja, ein Freund aus Malaysien kommt und sie gehen Ente

essen im Gasthaus gleich ums Eck.

Apropos Ente: In Indonesien leben zwei Enten namens Bobby

und Karla, einst von den beiden als Proviant geordert, lebend

geliefert, begnadigt und als Patenkinder zurückgelassen.

Frohe Weihnachten, Karla!

1982, vier Jahrzehnte nach dem Krieg und der Flucht: Auf der Thalassa II, 22 Tonnen Stahl werden von der

Aries-Windsteueranlage in die südlichen hohen Breiten gesteuert. Bananen reichen für den Sechs-Wochentörn

nicht lange. Wenn sie nach ein paar Tagen gelb werden, müssen sie innerhalb von drei Tagen weg – so oder so.

gefeiert hat: „Wie geht’s dir?“ Die jungenhafte Stimme kontert: „Wenn’s so bleibt,

wie es ist, passt es.“ Karlas absolut vorwärtsdenkende, positive Haltung war sicher

die Triebfeder, um sich in jegliches Abenteuer zu stürzen.

Irgendwann erzählt sie über ihren eigenhändigen Rückflug per Kleinflugzeug

Richtung Island: „Wir bemerkten ein Leck im Tank kurz vor dem Abheben,

wahrscheinlich hatte irgendwer mit den dicken Anoraks, die wir trugen, den

Benzinhahn bewegt. Das wäre eine Schlagzeile gewesen: Tod des Weltumsegler-

Ehepaares Schenk im Polarmeer! Nach nochmaligem Auftanken flogen wir dann

gemütlich los. Ich denke, ich hab’ einfach viel Glück in meinem Leben gehabt!“

Karlas Familie übersteht den Krieg wohlbehalten und Karla meint, was sie

damals mit 13 zu Kriegsende empfand, weiß sie nicht mehr, aber: „Heute würde

ich sagen, da trinken wir einen Shot drauf. Na denn mal Prost!“

Karla 1965 auf ihrer Hochzeitsreise in Velden am Wörthersee

Transatlantik ohne Compass & Co. – Karla mit Thomas im Cockpit der Sarita

Karla erinnert sich heute noch an den herzlichen Empfang auf der Farm des

Herren und die Worte: „Wenn ihr einmal jemanden schlecht über mich reden

hört, denkt einfach, die höchsten Bäume kriegen den meisten Wind.“

Wieder im Kleinflugzeug zurück nach Lüderlitz. Über die Skelettküste. Schiffsfriedhof.

Traumhafte Sandstrände. Kein Mensch weit und breit. Blick von oben.

Fliegen. Karla und Bobby sind fasziniert. Das wird Folgen haben.

„Ich bin wahrscheinlich eine der wenigen Sportlerinnen, die deutsche Spitzenklasse

in zwei Konkurrenzen war.“ Hier Tischtennis, dort Welt umsegeln. Hier

Kapstadt, dort die Azoren. Gerade noch Drinks an der Skelettküste und schon

im berühmten Café von Peter auf Horta. Der taube Kellner mit Gespür für

schlechtes Wetter, Frühstück mit den Neuseeländer Segelfreunden Bob und

Sheila, Abschiede, Wiedersehen, die gut gemeinte Suppe für den seekranken

Mitsegler Erwin, die Affen in Gibraltar, Schwester Margot in Spanien, Bobby mit

stolzgeschwellter Brust auf dem Weg nach Deutschland. Die brave, wohl behaltene

Thalassa im Hafen in Spanien – „Sie war immer der schrägste Vogel von allen!“

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FOTO: SHUTTERSTOCK

troffen zu haben und die Welt zu sehen.“

Und Tanzen – das war auch immer eine

große Leidenschaft – und nun tanzt Doris

eben auf den Wellen!


Infos zu Vorträgen und Büchern:

è www.seenomaden.at

Krautfleckerl à la Nomad

Zutaten: 400 g Pasta (Penne, Hörnchen, Farfalle), ½ Krautkopf, fein geschnitten,

1 große Zwiebel, geschnitten, 100 g Öl, etwas Gemüsebrühe, 2 TL Zucker, Salz, Pfeffer,

Kümmel.

Zubereitung: Zwiebeln in Öl andünsten. Zucker dazugeben, kurz karamellisieren,

mit Essig und Brühe ablöschen. Kraut unterheben, mit Salz, Pfeffer und Kümmel würzen.

Das Kraut 40 bis 50 Minuten dünsten. Man erkennt auch an der bräunlichen Farbe, dass

das Kraut gar ist.Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Die al dente gekochten Nudeln untermischen,

nochmals abschmecken.

Luxus: Die Fleckerl – typisch österreichisch die kleinen viereckigen Pastastückchen!

Daher auch der Name „Fleckerl“, so werden in heimischen Gefilden genau genommen

kleine Stoffstückchen genannt. Noch ein Luxus: frische Petersilie!

Tipp: Krautfleckerl in eine gefettete Auflaufform füllen, mit

Käse bestreuen und circa 20 min im Ofen backen. Wenn

die Oberfläche braun und knusprig ist, schmeckt

es besonders gut! Und wenn die Gäste aus der

Auflaufform die letzten knusprigen Reste

kratzen, war das Kochen ein voller Erfolg.

Kraut gibt es „around the world“. Es hält

sehr lange, wenn die äußeren Blätter braun

werden, einfach abschälen, innen bleibt das

Kraut wochenlang frisch.

Karla Schenk

Abenteurerin, Weltumseglerin,

Kap Hoorniere, Pilotin, verrücktes Huhn!

Ein kleiner, feiner Band über Karla Schenk,

eine der letzten großen Vertreterinnen einer

Abenteurergeneration, die mutig, entschlossen

und voller Neugier die Welt abseits

ausgetretener Pfade für sich erobert hatte.

Karla, diese außergewöhnliche Persönlichkeit,

war mit Seglerlegende Bobby Schenk

verheiratet. Alexandra Schöler-Haring traf

Segelpionierin Karla Schenk

erstmals auf Malaysien.

Das Ergebnis vieler weiterer

Begegnungen und Gespräche

zwischen den beiden

Weltumseglerinnen ist diese

erfrischende, sehr modern

geschriebene Biografie einer

großartigen Frau, die in keiner

Segler-Bibliothek fehlen

sollte.

Karla Schenk – Abenteu -

rerin, Weltumseglerin, Kap

Hoorniere, Pilotin, verrücktes

Huhn! Ein ocean7-Buch, Taschenbuch,

96 Seiten, zahlreiche

Fotos, 14,8 x 21 cm, 9,99

Euro zzgl. Versand. Bestellungen:

buch@ocean7.at

Auch als E-Book erhältlich

unter è ocean7.at/specials/

Karla und der Krieg

OCEAN WOMAN 2022 63

K & B

Karla am Telefon

Karlas Conclusio


Damen

der Meere

64 OCEAN WOMAN 2022


Anne Bonny und Mary Read,

die weiblichen Piraten

Gab es da nicht Ann Bonny,

die Piratenkönigin? Ihr

legendärer Ausspruch einem

besoffenen Crewmitglied

gegenüber: „Hättest du wie

ein Mann gekämpft, würdest du

jetzt nicht wie ein Hund sterben!”

Oder viel später die Britin Helen

Tew, die mit 88 Jahren im Jahr

2009 den Atlantik überquerte,

nachdem ihr Vater ihr den Wunsch

als Teenager abgeschlagen hatte.

Und als schließlich nach sechsundzwanzig

Tagen auf See Antiqua

sich am Horizont abzeichnete,

blieb der fünffachen Großmutter

nur zu sagen: „Sucks to you dad –

I have done it now!“

„Women were weak, feckless, hysterical beings who distracted men and brought bad

luck to ships, calling forth supernatural winds that sank vessels and drowned men.“

Wer immer diesen Satz geschrieben hat, hätte sicher die Berichte in einer der vielen

ocean7-Ausgaben nicht für möglich gehalten. Superschnelle, coole Regattaseglerinnen

und Frauen, die auf einem Minifloß den Ozean bezwingen? Undenkbar für die

Seefahrer von früher! Oder doch nicht?

WIE WAR DAS MIT DEN

FRAUEN UND DEM SEGELN?

Bücher wurden darüber geschrieben

und besonders gerne über die

Piratinnen, die hatten etwas Romantisches

und Gefährliches. Was

steckte aber wirklich dahinter?

Aus der Antike überliefert weiß

man heute noch von „Teuta von

Illyrien“, die die gesamte Küste des

ehemaligen Jugoslawien mit ihren

Piratenschiffen in der Hand hatte.

Oder Artemisia, die „Admiral Königin“,

von der Herodot schwärmte.

Und Dido, die unbezwingbare

Phönizierin, die lieber unter Segeln

Raubzüge anführte als einen libyschen

Herrscher zu ehelichen. Die

Wikingerinnen – die weißmähnigen

Wogengöttinen – hatten die

Nase voll von ihren untreuen Kriegern

und stachen selber in See.

Die Gotenprinzessin Athilda beschloss

Piratin zu werden, weil sie

ihren Lieblingsprinzen Alf nicht

ehelichen durfte. Romantisch? Athilda

wollte nur den heiraten, den

sie liebte.

Die unbequemen Seefrauen des

Mittelalters mussten wenigstens

nicht fürchten, als Hexen verbrannt

zu werden – man zollte diesen

furchtlosen Frauen hohen Respekt,

im Gegensatz zu ihren Geschlechtsgenossinnen.

OCEAN WOMAN 2022 65


Ann Davison. 1952 mit 23-Fuß-Boot solo über den Atlantik.

Kay Cottee. Die erste Weltumseglerin, 1983.

„Wikingerinnen hatten die Nase voll von ihren untreuen

Kriegern und stachen selber in See.“

Das Leben auf See bot Frauen ab

dem Mittelalter bis zum Beginn

des 20. Jahrhunderts die einzige

Möglichkeit, ein selbstbestimmtes

Leben zu führen. Vater, Bruder,

Ehemann entschieden für die

Frauen, gab es keine Familie, blieb

bittere Armut oder Prostitution.

Oder eben die Seefahrt. Natürlich

verkleidet als Mann, was verboten

war von Staat und Kirche – auf Todesstrafe.

Also ein hoher Einsatz

für die Freiheit.

Aus dem 15. Jahrhundert und

der Segelblütezeit des 17. und 18.

Jahrhunderts finden sich viele belegte

Berichte über Seefrauen. Die

irische Ikone Grace O’ Malley, die

schon erwähnte Ann Bonny und

ihre treue Gefährtin Mary Read,

die Spanierin Dona Katalina und

die hochverehrte Griechin Bouboulina.

Erstaunlich auch das Leben

der Chinesin Tang Chen

Chiao, die mit ihrer riesigen Flotte

das südchinesische Meer unsicher

machte.

MADAME DE LA MER

Dann, weil es keine Piratengeschichten

mehr gab, brachen die

Aufzeichnungen über Seglerinnen

ab. Zu finden noch einige Frauen,

die mit ihren Kapitäns-Ehemännern

mitsegelten – was im Amerika

des 19. Jahrhunderts nun erlaubt

war. Plötzlich 1908 eine Frau,

die Gold bei den Olympischen

Spielen ersegelt – die Britin Frances

Rivett-Carnac. In einem der

vielen Internetforen mit der Anmerkung

bedacht: „Wusste gar

nicht, dass Frauen damals schon

segelten.”

Und Virginie Heriot, die beste

Regatta-Seglerin der 1920er-Jahre,

genannt auch „Madame de la Mer“.

Schließlich segelte Ann Davison

1953 als erste Frau solo über den

Atlantik – unfreiwillig, nachdem

ihr Mann an der englischen Küste

ertrank. Und dann 1983 die erste

Weltumseglerin – Kay Cotee, eine

Australierin.

Athilda, Grace, Ann, Bouboulina,

Virginie, Kay – wie sie alle heißen,

hatten sicher gegen härtere

Widerstände anzukämpfen

als Nicht-

Mitgliedschaft in

elitären italienischen

Yachtclubs.

Vorhang auf für

eine Porträt serie

der Damen

der Meere!

Zu Ehren einer großen Seglerin

Virginie Heriot gewann in ihrer acht Meter langen Aile 1928 eine olympische Goldmedaille. Ihr

zu Ehren rief das Komitee des Yacht Club de France im Jahr 1946 den internationalen Yachtpreis

„Coupe Virginie Heriot“ ins Leben. Der Pokal wird in der Internationalen Dragon Class vergeben,

bleibt aber immer im Eigentum des Yacht Club de France.

66 OCEAN WOMAN 2022


Maiden: 12 Mädels für

alle Schoten und Falle

AUSGABE 6/2019

Vor 33 Jahren beschlossen zwölf Seefrauen, die Seemännerwelt auf den Kopf zu stellen.

FOTO: BOBFISHER/PPL/BNPS

Die ehemalige Schiffsköchin

Tracy Edwards hing nach

der Teilnahme am Whitbread

Round the World Race

1985/86 den Kochlöffel an den

Nagel und beschloss, als Skipperin

mit dem von ihr erworbenen

„Wrack mit Stammbaum“ und

mit ausschließlich weiblicher

Crew 1989/90 an der Regatta

teilzunehmen.

Das Schiff, die Maiden, hatte sie

bei ihrem ersten noch kulinarischen

Race bei Kap Hoorn segeln

gesehen und mit dem Skipper per

funk geplaudert. Dass sie nur wenige

Jahre später dieses Schiff mit

dem besten Ergebnis seit 17 Jahren

für England über die Ziellinie

segeln würde, wäre ihr wohl nicht

im Traum eingefallen.

Oder doch?

Gut möglich. Tracys Willen und

Energie waren wohl ausschlaggebend,

dass es überhaupt zum Rennen

kam. Sie nahm eine Hypothek

auf ihr Haus auf, denn Sponsoren

waren kaum zu finden. Potenzielle

Geldgeber rechneten bei einer

Frauencrew mit wenig Erfolg und

negativen Berichterstattungen.

Man war überzeugt, das das weibliche

Geschlecht einfach nicht

über die Kraft und Ausdauer verfüge,

so ein Rennen zu bestreiten.

Heute heißt das Rennen The

Ocean Race und findet alle drei

Jahre statt. Einmal um die ganze

Welt. Europa, Atlantik, rund

Afrika (1. Kap), indischer Ozean

über Südpazifik (2. Kap) nach

Süd- und Nordamerika.

Wikipedia sagt: „Aufgrund der

Wind- und Wetterverhältnisse,

vor allem im Südpazifik (Wellenhöhen

von 30 m und Windgeschwindigkeiten

von 110 km/h),

gilt die Regatta als eine der härtesten

He rausforderungen im Segelsport.“

Trotz aller Strapazen

während der Regatta um

die Welt segelten Tracy

Edwards und ihre Damencrew

1990 im Badeanzug

über die Ziellinie.

Tracy und ihre Frauen konnte

das nicht abschrecken. Sie absolvierten

die Etappen großartig –

unter dem Schutz ihrer Patin, der

Dutchess of York, die den Damen

finanziell unter die Arme griff.

Erspart blieb ihnen so wie den

Männercrews nichts. Eisberge,

extreme Minustemperaturen,

Frostbeulen, kein Satellitensignal

für neun Tage, schwerer Sturm bei

Kap Hoorn, ein Tornado auf der

finalen Etappe und kein Essen an

den letzen fünf Tagen. Statt zerlottert,

versalzen und mit Augenringen

die Härten des Segelsports zu

demonstrieren, packten sie für die

Zieleinfahrt ihre Badeanzüge aus

und schenkten der Segelwelt eines

der coolsten Fotos ever.

Bis heute sind die zwölf ungeschlagen.

Tracy Edwards hat nach

30 Jahren ihre Maiden aus dem

Dornröschenschlaf erweckt und

segelt nun um die Welt, um für

Frauenförderungsprojekte in Entwicklungsländern

zu werben.

WER DENKT, WER LENKT?

Tja, wenn ich so an unseren ver -

gangenen Kroatien-Törn denke,

wäre es vielleicht angebracht, dass

mehr Frauen das Steuer übernehmen.

Uns begegneten beim Segeln

unter Vollzeug im seichten Meer

vor Lignano Skipper, die direkt vor

uns wendeten und den Anker versenkten.

Oder mitten im Bojenfeld

ankerten – nach mehreren Anläufen.

Oder ein Charterkapitän, der

den Autopiloten mit vier handyfixierten

Kindern im Cockpit allein

ließ. Vielleicht ist es ja Zufall, dass

da immer Männer am Steuer waren?

Fair Winds!


OCEAN WOMAN 2022 67


Piepser, Pogos und

AUSGABE 2/2020

Segelpausen

Bald ist die Segeldurststrecke überstanden,

die Boot Tulln öffnet ihre Pforten!

Mein Skipper-Ehemann überbrückt

die segellose Zeit mit

kleinen Besuchen beim

Schiff. Einfach einmal nachschauen,

ob eh alles passt.“ Als hätten wir

dies nicht erst vor einem Monat erledigt.

„Schon einen Teil von unserem

Zeug aufs Boot bringen!“ Ehrlich,

das macht das Kraut auch nicht

mehr fett, bei dem hohen Aufkommen

von Tauwerk, Dingimotor-Ersatzteilen,

Segelsäcken, die unsere

Abstellkammer/Werkstatt belagern.

Manchmal kommt ihm ein Segelkollege

zu Hilfe. „In eurem Schiff

piepst es. Wir sind seit zwei Tagen

in der Werft und irgendwie klingt

das komisch.“

Rein ins Auto, Wien hinter uns,

quer durch die Steiermark, runter

durchs Kanaltal, atemlos in die

Werft, die Bordleiter rauf! Ja! Es

piepst! Hastig den Niedergang

aufgesperrt. Piep. Piep. Piep. Wo?

Was? Warum?

Des Rätsels Lösung: Unser sehr

verlässlicher Schiffswecker hatte sich

selbstständig gemacht. Die entnommene

Batterie bekommt einen Ehrenplatz

im Schwalbennest, neben

den Stirnlampen. Ansonsten auf

dem Schiff alles in bester Ordnung.

„Dennoch gut, dass wir da waren,

oder?“, murmelt der erleichterte

Skipper und streichelt beim Abschied

sanft den Bug seines Schiffes.

Auch in den Weihnachtsferien

ging sich ein kleiner Abstecher in

die Werft aus, erfreulicherweise

kombiniert mit einem mehrtägigen

Aufenthalt an der istrischen Küste –

ohne Schiff, aber mit stetem Blick

zum Horizont auf der Suche nach

weißen Segeln.

Wenn ich Städte und Orte besuche,

denke ich vorrangig ans Kaffeetrinken

– mein Skipper denkt dann

nur an Marinas. Als Segelersatz

sozusagen. Zuerst der malerische

Stadthafen von Triest, dann der

neue Marinahafen Porto Rocco in

Muggia, anschließend das bezaubernde

Izola, dann der kuschelige

Minihafen Piran und schließlich

das Sehenswerteste an Portorož –

die große Marina. Der Skipper liebt

nun mal Schiffe!

„Wahnsinn, schau, eine Pogo –

ein Traum!“ Die „Pogo“ wird so oft

in unserem Ehealltag erwähnt, dass

ich, wenn sie kein Schiff wäre, schon

ein bisschen eifersüchtig sein würde.

Sie ist sportlich, schnell und verdammt

unbequem. Letzteres ist

Skipper und Weltumsegler

Peter Schöler

bei seiner Lieblingsbeschäftigung:

Booteln.

meine Meinung. Der Skipper zeigt

mir die „Best of Pogos“-Youtube-

Videos. Innenausstattung nicht vorhanden.

Man fühlt sich ein bisschen

wie Jonas, der vom Wal verschluckt

wurde, denn Rippen zieren die Innenseite.

„Und das Klo?“ Gibt es

nicht. Dafür sausen diese Boote bei

der sogenannten Mini-Transat Regatta

über den Atlantik mit wagemutigen

Einhandseglern im überbreiten

Cockpit.

IM SCHLEUDERPROGRAMM

Als wir im Zuge unserer Weltumsegelung

Lanzarote streiften, trafen

wir auf die Teilnehmer der damaligen

Regatta. Ich dachte mir damals

nur, wenn die sich das trauen, mit

ihren sechseinhalb-Meter-Gefährten,

schaffen wir es mit unserer

12-Meter-Rishomaru wohl sicher

über den großen Teich. Warum die

Schiffe „Pogo“ heißen beziehungsweise

die Werft, ließ sich nicht klären.

Ein Zusammenhang mit dem

wilden Tanz der Punks war die

These des Jungskippers. Dazu passte

der Trailer zu „Sillages“, einer Doku

über den Mini-Transat. Wasch maschine

im Schleuderprogramm!

Der Skipper ist inzwischen wieder

ins Netz abgetaucht und segelt gerade

mit einem Waliser in der Südsee.

Oder er überlegt, wie er seinen zeitnahen

Lottogewinn maritim anlegen

könnte. Vielleicht in eine Pogo?

Ich bin mehr für einen Katamaran

mit Badewanne – ich meine, wenn

wir dann in Alaska segeln, ist das

sicher angenehm, oder?

Aber am ehesten wird es wohl

doch die Ägäis werden und vielleicht

eine Testsegelei auf der neuesten

Pogo – im Trockenen auf der

Bootsmesse!


68 OCEAN WOMAN 2022


Just the

two of us

AUSGABE 6/2018

Der Jungskipper ist diesmal nicht dabei –

Zivildienst bei den Johannitern und Freundin.

Erstmals nach 18 Jahren wieder zu zweit!

Das Handling der Segel zu zweit ist

zwar mühsam, aber inzwischen Routine.

Mist, jetzt musste ich wieder

Anlegen an der Boje üben,

und erstaunlicherweise

ging es ganz wunderbar, das Anlegen.

Das Nest – pardon, die Koje –

im Steuerbordrumpf ist leer.

Durch die Weltumsegelung war

unser Schiff das Zuhause und Teil

der Kindheit unseres Sohnes, und

so ist seine Abwesenheit doch sehr

spürbar.

Am schmerzhaftesten ist sie jedoch,

wenn ich beim Vorsegel-Einpacken

mithelfen muss. Jahrelang

habe ich das schon nicht mehr gemacht

– in der kroatischen Gluthitze

treibt mir diese anstrengende

Tätigkeit Schweißperlen auf die

Stirn.

Unser Schiff ist alles andere als

gewöhnlich und verlangt nach

vielen Hand griffen. Es gibt keine

elektrische Ankerwinsch und kein

Rollsegel, die Sonnendächer werden

je nach Einstrahlung gespannt.

Und es gibt einen Skipper, der

selbst aus der lauesten Brise zwischen

Poreč und Rovinj drei Knoten

rausschinden will: „Wir sind

kein Motorboot …“

Also Spinnaker rauf. Gleichzeitig

steuern, blaue Leine einholen,

grüne rauslassen, auf Kurs bleiben.

3,4 Knoten – geht doch! Gerade

als ich meinen E-Reader aus

dem Schwalbennest fischen will,

frischt der Wind auf. „Läuft super!“,

jubelt der Skipper und die

Skipperin denkt sich, dass das Bergen

des Spi-Segels mit dem Jungskipper

selbst bei viel Wind kein

Problem war. Aber jetzt – seufz!

SENILE BETTFLUCHT

Ich gehe in mich. Wie war das

vor Kinderzeiten? Diese ersten

Segeljahre in der Ägäis. Und in

den Kleinkindjahren auf Weltreise.

War ich damals stärker, cooler,

schneller?

Ich war routinierter. Und die letzen

Jahre ein bisschen fauler. Na

ja, ist doch auch schön, bei Bora

im Kvarner in der Koje zu liegen

und zu lesen, während draußen

an Deck die Männer beseelt in die

Wellen surfen. „Wir reffen!“ –

„Braucht’s mich?“ – „Nööö!“ Oder

bei der Nachtfahrt nach Italien zu

dritt zu sein. „Alles ok?“ – „Alles

bestens!“ – „Schlaf weiter!“ Oder

wenn die beiden Seemänner das

Dingi für den Landgang fertigmachten

und mein Beitrag dazu

auf möglichst elegantes Einsteigen

beschränkt war.

Dieses Jahr sah das alles ziemlich

anders aus und ich muss gestehen:

Es machte mir große Freude.

Mit höllischem Vergnügen knackte

ich die völlig unverständlich geschriebene

Anleitung unseres neuen

Auto piloten und fuhr fröhliche

Kreise zwischen Ilovik und Olib.

Zu zweit ist so ein Autopilot nämlich

schon sehr gemütlich.

Das tägliche Segelsetzen, Einpacken,

Trimmen wurde zum Oberarmtraining

par exellence, und

keine fixen Mahlzeiten einhalten

zu müssen, weil sonst der Teenager

verhungert, war auch cool.

Der Skipper nahm es gelassen.

Selbst spontanes Lossegeln mit der

Morgenbrise um 6.30 Uhr nach einer

kleinen Runde Yoga auf dem

Vordeck bürgerte sich ein.

„Senile Bettflucht“, diagnostizierte

der angehende Zivildienst-Sanitäter

beim wöchentlichen Telefoncheck.

Nichtsdestotrotz hörte man

die Sehnsucht des Seglers aus seiner

medizinisch angehauchten Sprache

heraus. Vielleicht lag es auch an den

zahllosen Foto- und Video-Messages,

die Frau Mama schickte, um ja

in Kontakt zu bleiben …

Der Skipper und die Skipperin

genossen die Zweisamkeit – wenn

auch oft unterbrochen von beseelten

Gesprächen über den besten

Jungskipper, Zivi, Sohn der Welt.

„ Jetzt sind wir also wieder da, wo wir vor 18 Jahren

schon waren und eines sei verraten: Wir können es

noch immer richtig gut!“

OCEAN WOMAN 2022 69


Die schönste Zeit im Ja

FOTO: SHUTTERSTOCK

Weihnachten, Neujahr, kuschelige Winterzeit – mal sehen, was der Klimawandel aus ihr macht! Egal – es wird

ein Törn geplant, denn was bleibt einem anderes übrig, wenn das Segelschiff eingemottet unter Segelplanen in der

Werft bei Venedig harrt und man hofft, dass es nicht durch das Italien-Tief Richtung Markusplatz gespült wird.

Man plant den Griechenland-

Törn, um einmal eine Kro -

a tien-Pause einzulegen. Ist

ja höchste Zeit, meint die Skipperin,

ohne jetzt erwähnen zu wollen, dass

Kroatien landschaftlich schön, aber

seemannschaftlich „schiach“ ist.

Ups, jetzt ist es doch herausgerutscht.

Passiert eben von Zeit zu

Zeit.

Ach ja, die Zeit. Noch besser:

Segeln und Zeit. Also, man plant,

von Italien und fern der kroatischen

Küste nach Vieste zu segeln.

„Dort könnten wir am 6. August

zusteigen“, meint der Schwager.

„Dann haben wir eine Woche Zeit,

bis wir den Flieger in Preveza erreichen,

oder?“

Der Kapitän schweigt, die Skipperin

nicht. Planen wir Gegenwinde

ein? Adria-Tief? Flaute? Oder gehen

wir vom perfekten NW-Wind aus,

der uns durch Tag und Nacht dem

ersehnten Hellas näher bringt? Wer

sagt, dass wir am 6. August schon in

Vieste sind? „Aber ihr segelt doch

am 3. fix los?“

Nix is fix beim Segeln!

Das wissen aber nur Segler. Auf

dem Atlantik bläst auch der Passatwind

nicht fix, selbst wenn man in

der besten Zeit segelt. Wir standen

sogar zwei Tage in der Flaute.

Dafür gab es dann am angeblich

sicheren Ankerplatz auf Barbuda

auflandigen Starkwind – sehr ungewöhnlich

zur Aprilzeit.

Unsere Freunde kamen 22 Stunden

aus Österreich in die Südsee

geflogen, um 72 weitere Stunden

am wackeligen Ankerplatz vor Papete

unperfekte Zeit zu verbringen.

Maramuu, der seltene Südwind,

verdrieste uns die Südsee.

In Neuseeland verbrachten wir

viel Zeit – zu viel, denn das Sturmtief

Richtung Neukaledonien kam

deutlich früher als vom Wetterrouter

vorhergesagt.

Oder: Die Schwiegermutter der

norwegischen Seglerfamilie saß

sieben Tage allein in einem Resort

in Ägypten fest, weil ihre Lieben

hinter einem Riff versteckt lagen,

wegen des massiven Nordwinds

im Roten Meer. Dort Termine auszumachen,

ist wahrlich Zeitverschwendung.

OLD SCHOOL

Viele Skipper schwören ja auf ihre

Wetterapps und sagen, die werden

immer genauer. In den alten Zeiten

ist man einfach losgesegelt und das

wars. Zu Zeiten von James Cook

wusste keiner etwas von Hurricane

Seasons oder Passatstärken oder

Gewitterzelle oder Trögen oder

Adria-Tiefs. Andererseits hatte

Cook auch selten Familienmitglieder

zeitgerecht zum Flieger zu bringen

oder vom Resort zu holen. Er

nahm sich einfach Zeit, segelte in

der Gegend herum und entdeckte

70 OCEAN WOMAN 2022


In the heat of the boat

AUSGABE 5/2019

Hitzewelle. Und nicht nur in Kroatien. Dort ist das im Juli

inzwischen normal. Auch in unser Wiener Wohnzimmer

ist diese Welle geschwappt. Welle! Apropos!

hrAUSGABE 1/2020

Kontinente. Ich kann das verstehen.

Weil wir Zeit hatten – der Junior-

Skipper sollte in Zadar abgeholt werden

–, dümpelten wir durch die Gegend

und entdeckten eine sichere

Ankerbucht mit völlig unprätentiösen

Fischerdörfern, in denen das einzige

Lokal schon lange zugesperrt hatte.

Alte Zeiten in Kroatien. Ohne Bojen.

Noch.

Greta Thunberg segelte old school

mit Boris Herrmann und Pierre

Casiraghi auf der Malizia nach Amerika

– und machte sich mit den You-

Tubern Elayna und Riley auf der La

Vagabonde wieder auf den Weg zurück

nach Lissabon.

Ich wünsche allen Abenteurern in

jedem Fall eine sichere und schöne

Segelzeit! Auch wenn dabei keine

Kontinente neu entdeckt werden:

Wir seien daran erinnert, dass es an

uns liegt, auf die einst – nicht nur,

aber überwiegend – auf dem See wege

gemachten wunderschönen Entdeckungen

achtzugeben!


In Neuseeland verbrachten

wir viel Zeit

– zu viel, denn das

Sturmtief Richtung

Neukaledonien kam

deutlich früher als

vom Wetter router

vorhergesagt.

Was tut man auf einem

Segelboot, wenn es

heiß ist? Ins Wasser

springen. Aber vorher die Segel

bergen wäre sinnvoll, sonst

kann man das Heck seines

Schiffes aus ungewohnter

Perspektive sehen – nämlich

beim Segeln.

Wenn ich so überlege, war es

eigentlich beim Segeln nirgends

auf der Welt so heiß wie im

Mittelmeer. Ausnahme vielleicht

Indonesien. Da schwitzt

man schon, wenn man nur

da rüber nachdenkt, sich in Bewegung

zu setzen. Allein ein

Blinzeln beschert einem einen

veritablen Schweißausbruch.

Überall sonst – Passat-Brise!

Kann natürlich sein, dass dort

auch der Klimawandel inzwischen

alles auf den Kopf stellt.

Meist schien es mir am Schiff

temperaturmäßig erträglicher

zu sein als an Land.

Heiß war es auch in Cartagena,

Kolumbien! Dort, umgeben

von Mangroven und Moskitos,

fand kein Windhauch den Weg

auf unseren Ankerplatz direkt

vor der berühmten Festung.

Diese wurde ja von den Engländern

nie eingenommen.

Kein Wunder – die Engländer

kollabierten wahrscheinlich bei

der Hitze schon im riffigen Einfahrtskanal.

Aber sie waren sicher

korrekt gekleidet – weil der

englischen Krone verpflichtet.

Übrigens zum Thema „Korrekt

gekleidet“: Touristen – ja, leider

auch Segler – flanieren in Bikini

und Badehose durch zauberhafte

Inselorte wie Ilovig, den dicken

Bauch am Pier im gemütlichen

Fischlokal fröhlich entblößt in

die Sonne gestreckt. Das ist ja

nichts Neues. Dass sie fast nackt

auf ihren Motor- und Segelbooten

am Steg sonnenbaden überrascht

auch keinen mehr. Das ist

wohl die große Freiheit. Weil, es

ist ja so heiß im Mittelmeer!

Vielleicht sind die Besucher in

der Karibik und Südsee, im Indischen

Ozean hitzeresistenter.

Die sind nämlich stets bekleidet.

Auch die Segler.

Ich stelle mir immer vor, all

diese freiheitsliebenden Nacktschwärmer

würden von Touristenscharen

in ihren Orten/Städtchen

und Dörfern in Österreich

oder sonstwo überfallen, in Bikini

und Badehose herumlaufend

oder in den Gastgärten und

Wirtshäusern sitzend. Mit

nacktem Oberkörper schnell

im Supermarkt Wurstsemmeln

kaufen. Auf dem Kirchplatz

oben ohne die Sonne genießen

oder im Surfershort beim Bürgermeister

erscheinen, um die

Kurtaxe zu bezahlen. Weil es so

heiß ist. Uff!

Da hilft jetzt nur mehr eins:

Musik. Ich lege mir Marcos Valle

auf und tanze ein Ründchen

mit meinen Skipper durch die

dampfende Wohnung. Dann

springen wir in die kalte Badewanne

– angezogen – denn die

langsam trocknende Kleidung

am Körper erfrischt erst so

richtig! Und lässt Vorfreude

aufkommen auf den kurz

bevorstehenden Segeltörn!

Songlist für heiße Tage/Nächte

In the Heat of the Night/Ray Charles

Too Hot/Kool and the Gang

Hot Tamales/Carlos Santana

Hot and heavy/Herbie Hancock

OCEAN WOMAN 2022 71


Pension Schöler

jazz/pop/chanson

Alexandra Schöler-Haring · Peter Schöler · Florian Paul Ebner

Unsere Band auf Facebook:

www.facebook.com/Pension-Schöler-109581518355768

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