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OceanWoman Band 1 (2018)

Von Adria-Skippern im Adamskostüm bis zum Bach-Konzert am Strand von Tonga. Autorin Alexandra Schöler segelte mit Mann Peter und Sohn Finn viereinhalb Jahre um die Welt. Seit 2010 ist sie als OceanWoman-Kolumnistin mit an Bord der Redaktion und unterhält unsere LeserInnen mit launigen Beträgen, viel Witz und dem feinen Gespür einer Frau über die Welt der Langfahrtsegler. Eine Top-Auswahl ihrer Geschichten von 2010 bis 2018 wurde nun in dieser Sonderausgabe aufgelegt – zur erlesenen Unterhaltung erfahrener SkiperInnen, aber auch zum lockeren Einstieg angehender BlauwasserseglerInnen!

Von Adria-Skippern im Adamskostüm bis zum Bach-Konzert am Strand von Tonga.
Autorin Alexandra Schöler segelte mit Mann Peter und Sohn Finn viereinhalb Jahre um die Welt. Seit 2010 ist sie als OceanWoman-Kolumnistin mit an Bord der Redaktion und unterhält unsere LeserInnen mit launigen Beträgen, viel Witz und dem feinen Gespür einer Frau über die Welt der Langfahrtsegler.
Eine Top-Auswahl ihrer Geschichten von 2010 bis 2018 wurde nun in dieser Sonderausgabe aufgelegt – zur erlesenen Unterhaltung erfahrener SkiperInnen, aber auch zum lockeren Einstieg angehender BlauwasserseglerInnen!

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YACHTING, REISEN UND MEER

SONDERAUSGABE 2018

OCEAN

WOMAN

Von Adria-Skippern im Adamskostüm bis zum Bach-

Konzert am Strand von Tonga: die launigsten Geschichten

unserer Kolumnistin ALEXANDRA SCHÖLER-HARING.

DAMEN AN BORD

Wie werde ich die

perfekte Seefrau?

Die Skipperin steckt in uns drin

und ist auf See leicht zu finden

GÄSTE AN BORD

Unter Segel

mit Freunden

Die besten Gäste sind die, die

keine Ahnung vom Segeln haben

BACKEN AN BORD

Kombüsengeflüster

Brot und Schokoladekuchen

gegen Hunger und Sturm


YACHTING, REISEN UND MEER

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• komplette

Jahrgänge

2008 bis 2017

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www.ocean7.at


Inhalt

BEST OF oceanwoman

4 Hallo, ist da jemand?

6 Wie werde ich die

perfekte Seefrau?

8 Seefrau und Odysseus

9 Wann ist man alt genug?

10 Meisterin Proper

geht segeln

11 Achtung, Frauen an Bord!

12 Was ist mit der

Segelmode los?

14 Auf den Hut!

15 Die Schöne und das Schiff

16 Kombüsengeflüster

18 Oh, mein Brot

20 Kaffeesegeln – what else?

22 Segelurlaub mit Freunden

24 See you, miss you, love you!

25 Das Crowhurst-Syndrom

26 What shall we do with

the drunken sailor?

28 Kapitän, ich bin im Kino!

29 Musik an Bord!

30 Gefangen im Netz

32 Sport an Bord

34 Seekrank

36 Aua!

37 What‘s up Doc?

38 Am schnellsten.

Am langsamsten.

Am glücklichsten.

40 Oje Boje

41 Ankergebühr – ein Einakter

42 I’m sailing in the rain

44 Sturm im Segelboot

46 So ein Mist

48 Der stille Ort an Bord

50 Noch Platz, Noah?

52 Chill, Mama …

53 Von großen und

kleinen Fischen

54 Wer geht an die Leinen?

56 Von Träumen, Schäumen

und Weltumsegelungen

58 Quo vadis, Albatros?

60 Segelfrauen,

Männer-Latein

62 Der Kran kommt!

64 Im Winterlager

66 Krieg gegen den Rost

68 Warum Segeln

nicht langweilig ist

70 Auf die Plätze, fertig, los!

72 Abendrot ist Seglers …

74 (Lese)Ratten an Bord

76 See in Rot-Weiß-Rot

78 Das Unheil Naht

79 10 Jahre! Wo ist die Zeit hin?

YACHTING, REISEN UND MEER

DAMEN AN BORD

Wie werde ich die

perfekte Seefrau?

Die Skipperin steckt in uns drin

und ist auf See leicht zu finden

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GÄSTE AN BORD

Unter Segel

mit Freunden

Die besten Gäste sind die, die

keine Ahnung vom Segeln haben

SONDERAUSGABE 2018

OCEAN

WOMAN

Von Adria-Skippern im Adamskostüm bis zum Bach-

Konzert am Strand von Tonga: die launigsten Geschichten

unserer Kolumnistin ALEXANDRA SCHÖLER-HARING.

BACKEN AN BORD

Kombüsengeflüster

Brot und Schokoladekuchen

gegen Hunger und Sturm

OCEAN WOMAN

IMPRESSUM

2. Auflage, März 2022.

GmbH

HERAUSGEBER UND EIGENTÜMER: Satz- und Druck-Team GmbH, Feschnig straße 232, 9020 Klagenfurt, Tel.

+43 463/461 90 25, www.ocean7.at, redaktion@ocean7.at, office@ocean7.at, Firmenbuchnummer 105347 y, Landes gericht

Klagenfurt, UID ATU 25773801 · ANWENDBARE VORSCHRIFT: Österreichische Gewerbeordnung, Medien gesetz (www.

ris.bka.gv.at) · MEDIENRECHTSINHABER: Satz- und Druck-Team GmbH · Geschäftsführung: Wolfgang Forobosko ·

CHEF REDAKTION: Tahsin Özen, 1180 Wien, redaktion@ocean7.at · ART-DIREKTION: Catharina Pichler · GRAFISCHES

KONZEPT: Thomas Frik, www.viertelbogen.at · BLATTLINIE: ocean7 ist das Lifestyle-Magazin für Fahrten- und Blauwassersegler,

Motoryachtfahrer und alle Wassersport-Fans. Die Redaktion berichtet in Zusammenarbeit mit namhaften Autoren

aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nicht nur über die neuesten Yachten und schönsten Reviere weltweit, sondern

widmet sich mit besonderem Engagement auch den Themen Charter, Equipment, Lifestyle, Genuss, Reisen, Umwelt

und Meer. ocean7 erscheint zweimonatlich als Print-Magazin und ist auch als E-Paper erhältlich. Die laufende Bericht -

erstattung inkl. Marketingaktivitäten erfolgt weiters auch über die Homepage www.ocean7.at sowie über Social Media ·

ABO- BE STELLUNG: abo@ ocean7.at, www.ocean7.at · VERTRIEB: Presse Großvertrieb Austria Trunk GmbH, St. Leonharder

Straße 10, 5081 Anif/Salzburg · Diese Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen Bei träge und Abbildungen sind ur -

heberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außer halb der engen Grenzen des Urheberrechts gesetzes bedarf der Zustimmung

des Herausgebers. Die Ver wendung von Zitaten aus Berichten für Anzeigen ist möglich. Durch Annahme eines Manuskripts

erwirbt der Herausgeber das ausschließliche Recht zur Veröffent lichung. Für unverlangt eingesandte Manuskripte

und Fotos wird keine Haftung übernommen. Alle Rechte, auch die Übernahme von Bei trägen nach § 44 Abs. 1 u. 2

Urheberschutzgesetz, sind durch den Herausgeber genehmigungspflichtig. Bei Nicht belieferung ohne Heraus geber-Ver -

schul den oder wegen Störungen des Arbeits friedens bestehen keine Ansprüche gegenüber dem Herausgeber.

JURY

3


xxxx


Hallo, ist da jemand?

XX X XX

Jemand, der mit „See” anfängt und mit „frau” aufhört?

AUSGABE 3-4/2010

Ich verstehe natürlich, dass nach der

Boot Tulln der Sättigungsgrad betreffend

Schiff und alles rundherum

erreicht ist. Ganz klar. Auch ich

bin neben, beziehungsweise hinter

meinem Mann, dem Kapitän, nachgeschlurft,

habe mehr oder weniger begeistert

das Innen leben der Dieselmotoren

betrachtet, mich in die Schlange

vor der größten Yacht zum Tag eingereiht

und bin mit eingefrorenem Lächeln

vor einem Herrn gestanden, der

die Vorzüge diverse Rettungsinseln

anpries.

Nein, ich meckere nicht. Ich bin

da sowieso abgehärtet. Mit meinem

Mann um die Welt gesegelt und in

zusammengerechnet 3.000 bis 4.000

Marinageschäften gestanden, kenne

die Marinas dieser Welt und ihre

Schiffe und habe sämtliche Yachtbekleidung

sämtlicher Yachtbrands

probiert oder zumindest betrachtet.

Ich mag Segeln noch immer.

Und um gleich eines klarzustellen,

ihr „Noch-nicht-Seglerinnen” da

draußen: Ich war nie ein Segelfreak!

Ich habe nie von den Weltmeeren geträumt

– außer jetzt, aber das ist eine

andere und lange Geschichte.

SEEFRAUEN, VEREINIGT EUCH!

Bevor ich auf meinen Mann traf,

wusste ich gerade einmal, dass Segel

weiß sind und man mit Stöckelschuhen

kein Schiff betritt. Ich las ab und

zu, wenn wirklich gar nichts anderes

mehr da war, auch in einem Yachtmagazin.

Das ist jetzt nicht gerade gute

Werbung hier und ich hoffe, ihr da

draußen seid etwas lesefreudiger und

kriegt diese Zeilen vor die Augen.

Vielleicht hat euer Geliebter die Zeitung

auf dem Klo liegengelassen oder

ordnungshalber mal wieder eure Magazine

zu Gunsten seiner Bootmagazine

entsorgt. Und gibt euch entschuldigend

diese Kolumne zum Lesen.

„Schau’ Schatz, da ist auch etwas für

dich drinnen!“ Ja, das will ich meinen.

Seefrauen dieser Welt: Vereinigt euch!

An diesem Wochenende in Tulln

habe ich mit vielen Frauen geplaudert

und die meisten starrten mich an und

meinten: „So etwas würd’ ich mich

nicht trauen, um die Welt segeln.“

Hab’ ich auch einmal gesagt und

während der Reise ganz selten, aber

doch überlegt, ob ich überhaupt noch

bei Trost bin. So im Sturmtief Richtung

Neuseeland, vier Tage ohne Dusche,

salzverklebte Haare, rote Augenlider,

Riesenwellen im Nacken.

Aber was soll ich sagen. Man glaubt

ja gar nicht, was man sich alles traut.

Vor allem muss man es einmal austesten.

Ich war erstaunt über mich. Und

wenn da draußen gerade ein paar

Mütter sind: Ich finde das erste Jahr

mit einem Baby und dem damit einhergehenden

Schlafentzug immer

noch um vieles härter als Nacht -

wachen, Stürme und ausgefallene

Autopiloten.

ICH GLAUBE, OFT WISSEN

WIR GAR NICHT, WAS WIR

ALLES AUSHALTEN.

So ging es zumindest mir. Schön war

es dann aber auch, mit ein paar Mädels

vom Aus trian Woman Sailing

Team zu plaudern. Da war diese hübsche

Blondine, die mir begeistert von

der letzen Regatta vorschwärmte, als

es volle Kanne blies; oder die sportliche

Brünette, die gerne einmal das

Motor-Service bei Papas Yacht übernimmt.

Nur, dass Segeln noch immer

eine Männerdomäne sei, das gestanden

beide sofort ein. Bei der letzten

Regatta stand es bei den Teams 8 zu 1.

Ratet einmal, wer die eins war?

Auf unserer Weltreise, muss ich sagen,

stand es immer fifty-fifty. Natürlich

gibt es die Einhandsegler, aber

Paare gibt es mehr. Und die Frauen

werden definitiv nicht auf die Kombüse

reduziert. Wäre auch nicht möglich

bei solch einem Unternehmen. Sie

schaukeln Kinder, Küche und Segelboot.

Sie trauen sich, sie schaffen das

und sie sind verdammt gute Seglerinnen.

Weltumseglerinnen!

Was ist es also, was uns so erschöpft

werden lässt, sobald Boote, Motoren,

Radar und Navigationsinstrumente

am Horizont erscheinen? Vielleicht

einfach die Tatsache, dass es schwierig

ist, in so einer Umgebung einen guten

Cappuccino zu kriegen.

Ich liebe Segeln. Ich liebe meinen

Mann und wenn er keine Spompanadeln

macht, auch unseren Auto -

piloten. Und natürlich den besagten

Cappuccino. Mhm. Ich mach’ mir

gleich einen und … Verdammt noch

mal, wo ist meine Kaffee literatur?

? Das darf doch nicht

wahr sein! Captain!


„Wenn man vor allem Angst

hat, verbringt man sein Leben

hinter dem Ofen.“

Karla Schenk (28.5.1932–15.2.2018), Weltumseglerin, Kap Hoorniere, Pilotin

OCEAN WOMAN 2018 5


Wie werde ich die

perfekte Seefrau?

XX

XX

AUSGABE 3/2016

Kürzlich erhielt ich die E-Mail

einer Leserin meines Karla

Schenk-Buches. Sie habe das

Buch verschlungen und sei nun sehr

traurig, schrieb sie, da sie nie so eine

Seefrau wie Karla Schenk oder ich

sein würde. Vor einem halben Jahr

waren sie und ihr Mann von Italien

aus losgesegelt. In Spanien hatte sie

genug. Ihr Mann weile nun in der

Karibik und sie wieder zu Hause in

der Schweiz. Sie arbeite wieder im

alten Job, er habe sich eine neue

Crew organisiert und plane, nach

Südamerika zu segeln. Sie möchte

jetzt ergründen, warum sie keine

perfekte Seefrau sein kann.

VOLLER ABENTEUER

Die E-Mail ging mir nicht mehr aus

dem Kopf. Wen oder was stellte sich

diese Dame unter einer perfekten Seefrau

vor? Eine Segelmaschine, die seit

frühester Kindheit Segelliteratur verschlingt,

sich über jeden Ölwechsel

diebisch freut, Segel hinter dem

Rücken des Ehemanns nachtrimmt,

um noch einen Knoten rauszuholen?

Im Sturm freudig gegen Wind, Welle

und Strom anstampft, riskante Ankerplätze

bevorzugt, nächtelang an Segler-Stammtischen

über Navigationssysteme

diskutiert, fischt, filettiert,

viersternig in Schräglage kocht? Kinder

auf verschiedenen Erdteilen zur

Welt bringt und dieselben auf Französisch,

Spanisch und natürlich Polynesisch

unterrichtet? Traumrevier: NW-

Route, Barfußroute absolutes No-Go!

6 OCEAN WOMAN 2018


FOTO: FOTOLIA

Die Seefrau in uns ist

immer schon da, nur auf

einer Segelreise lässt

sie sich eher blicken als

zu Hause im stressigen

Landalltag. Und das

Glück in einer Beziehung

hängt nicht mit

dem Leben auf einem

Segelboot zusammen,

sondern mit dem Leben

miteinander.

Apropos barfuß: immer pedikürt

und Haare gestylt oder im Gegenteil

ein Mannweib mit selbstgeschnittener

Kurzhaarfrisur und sonnengegerbter

Krokodilhaut?

Vor unserer Weltumsegelung kannte

ich zwei Seefrauen.

Die eine: Seenomadin Doris. Sanft,

bescheiden, ruhig, fröhlich. Angst?

„Ja, sicher, aber man wächst in dieses

Leben hinein und über sich hinaus.“

Die andere: Ingrid, Mutter einer

Vierjährigen, als sie mit Ehemann lossegelt.

Tough, charmant, humorvoll,

sportlich. Alles immer toll? „Es kommen

Augenblicke, da willst du nur

noch weg vom Schiff, aber es geht

nicht, und du schwörst dir und deinem

Ehemann, im nächsten Hafen

auszusteigen. Und dann sitzt du da

am Strand mit einem karibischen

Drink und bleibst, weil der Sonnenuntergang

einfach ein Traum ist!“

Ich fand diese beiden Frauen ziemlich

beeindruckend, aber hatte nicht

das Gefühl, Heldinnen vor mir zu haben,

die unerreichbar waren in ihrem

Mut und ihren Taten.

Vielleicht war das mein Riesenglück.

Die beiden sahen einfach beseelt

aus. Voller Abenteuer und Sommersprossen.

Lachfältchen und

Persönlichkeit.

DIE PERFEKTE SEEFRAU

GIBT ES NICHT

Mit der perfekten Seefrau ist es so wie

mit der perfekten Frau: Es gibt sie

nicht. Genauso wenig wie es den perfekten

Seemann gibt. Meine Theorie:

Die Seefrau in uns ist immer schon

da, nur auf einer Segelreise lässt sie

sich eher blicken als zu Hause im

stressigen Landalltag.

Auf dem Segelboot kommt sie vielleicht

schneller an ihre Grenzen,

wenn der Wind am Mast rüttelt und

ein Segel in Streifen reißt. Da zittert

und heult sie und denkt sich, nie

wieder – um am nächsten Tag fröh-

lich ein wirklich gelungenes Brot aus

dem Ofen zu holen und das gesamte

Ankerfeld zum Brunch einzuladen.

Oder sie steht in der Nachtwache an

Deck und genießt es, Herrin über

eine schlafende Crew zu sein. Den

Wind im Gesicht, die funkelnden

Sterne über sich. Sie erinnert sich

länger an stressige Überfahrten als

ihr Seemann, aber sie kann auch die

spanische Anleitung des neuen Autopiloten

mit ihren wenigen Französisch-Kenntnissen

übersetzen. Ihre

Segelsprösslinge und deren Matheaufgaben

hat sie fest im Griff, bis

dann der Spinnaker runter muss.

Noch ein Segel zu versenken sprengt

das Reisebuget, argumentiert sie und

der Segel-Ehemann kapituliert.

Sie ist Reiseleiterin, Medizinfrau,

technische Assistentin, Funkerin,

Navigatorin, checkt das Wetter und

die Verwandschaft im Internetcafé.

Sie findet das Ersatzteil, weil sie Spanisch

mit Hand und Fuß spricht und

tritt mit demselben gegen das Dingi,

weil der verdammte Außenborder

wieder spinnt, bevor sie die Ruder

packt und sich über ihre genialen

Oberarmmuskel freut. Und ja, es ist

absolut ok., Angst zu haben. Diese

kleinen Panikattacken werden wunderbare

Storys abgeben und stärker

machen, vertrauensvoller in das Boot.

Und in den eigenen Mann.

Natürlich: Manche Beziehungen an

Bord zerbrechen. Aber das tun sie

auch an Land. Und sicher öfter. Hängt

wahrscheinlich nicht mit dem Leben

auf einem Segelboot zusammen,

sondern mit dem Leben miteinander.

Das Leben auf dem Schiff ist wie unter

einer Lupe. Es kommt alles zutage.

Das Gute und das Schlechte. Das

Ängstliche und das Mutige. Das Fröhliche

und das Traurige. Das Menschsein

prinzipiell – und wie egal ist es

da, ob man Mann oder Frau ist?

Ein einziges Mal hatte ich das Gefühl,

der perfekten Seefrau doch gegenüberzustehen.

Als ich Karla Schenk

kennenlernte. Cool, elegant, furchtlos.

Aber wie heißt es so schön: Ausnahmen

bestätigen die Regel! Das gilt auf

dem Meer genauso wie an Land!

OCEAN WOMAN 2018 7


Seefrau und

Odysseus

XX

XX

AUSGABE 5-6/2010

FOTO: SHUTTERSTOCK

Also, es ist soweit! Die Segelsaison ist eröffnet! Und

da muss ich gleich ganz dringend mein Lieblings-

Chartersegelurlaub-Thema ansprechen: Ankern.

Unsere große Reise ließen wir

im Juli 2010 in Kroatien ausklingen.

Kreuzten meist gegen

den Wind Richtung Heimathafen

Italia – uns entgegen motorten sämtliche

Charterurlauber.

Aber das Motoren ist ein anderes

Thema und da soll mal jeder machen,

wie er will. Wir sind heute

beim Ankern. In der ersten überfüllten

kroatischen Bucht ging es nämlich

los.

„Runter damit, Schatzi“, brüllte ein

Charterkapitän ohne Badehose am

Steuer seiner Mietyacht. (Auch das

Nacktsegeln würde eine Kolumne

füllen, aber wie gesagt heute geht’s

ums Ankern.)

Seefrau am Anker bediente locker

die elektrische Ankerwinsch und

ließ die Kette runterrasseln. „Passt!“

Kapitän probierte weder den Rückwärtsgang,

um den Halt des Ankers

zu testen, noch tauchte er ab, um sich

den Ankergrund anzusehen, sondern

holte sich ein kaltes Getränk.

Schließlich vergnügten sich alle

wie die Kinder im Blau der Adria –

keiner an Bord.

Da – wie aus dem Nichts – schien

sich der Abstand zwischen unserem

Boot und dem des Herrn Kapitän

ziemlich verkleinert zu haben und

weiterhin zu verkleinern.

„Der slippt“, meinte mein Skipper.

Als alle wieder an Bord in der Sonne

glühten, fiel auch dem Charterkapitän

die große Nähe zu uns – seinen Nachbarn

– auf. „I glaub’, eicha Anker

slippt“, rief er vom Heck seines Schiffes

zu unserem Bug. Seltsam, gegen

den Wind nach vorne zu slippen

schien mir ein ziemliches Kunststück.

Mein Skipper machte sich Luft. Kapitän

schaute beleidigt, aber warf den

gerade abgekühlten Motor doch wieder

an, während er gut verständlich für

das Ankerfeld und die umliegenden

Inseln seine Frau anpfauchte: „Anker

rauf, aber schnell, Schatzi!“ Seefrau

stand wieder am Anker und hantierte

verdrossen an der Ankerwinsch.

NUR WER LENKT, DENKT?

Bei Fahrtenseglern hatte ich festgestellt,

dass meist die Männer am Anker

waren und die Frauen am Steuer.

Im Charterbetrieb war es immer umgekehrt.

Warum? Bei Fahrtenseglern

müssen beide erfahrenen Segler sein.

Also sollte es eigentlich egal sein, wo

man sich positioniert, überall muss

man Bescheid wissen. Und dennoch.

Bei uns war diese Einteilung vorrangig,

weil wir keine elektrische Ankerwinsch

haben (Ja, so etwas gibt es!).

Ankern war ziemliche Kraftanstrengung,

Steuern erforderte gutes Gefühl.

Peter und ich entwickelten uns

zu einem richtig guten Team. Und

eines vor allem: Peter brüllt nie.

Charterkapitäne und eventuell auch

andere Kapitäne, die ihre Frauen am

Ankerplatz anbrüllen, sind gar nicht

so selten, um nicht zu sagen ziemlich

oft zu erleben. Wir verständigen uns

vorrangig mit Handzeichen. Am Ende

der Reise reagierte ich oft schon vor

Peters Zeichen – ich wusste einfach,

was kommt.

Weibliche Intuition?

Frauen in Kroatien brüllen entweder

zurück oder sagen nichts und gehen

nicht mehr segeln. Beides keine

besonders guten Voraussetzungen für

einen netten Urlaub ohne Spannungen.

Ich weiß nicht, warum es umge-

8 OCEAN WOMAN 2018


Wann ist man alt genug?

XX X XX

AUSGABE 7-8/2010

Also, das ist schon interessant. Alle regen sich über die Jugend auf:

lasch, verwöhnt, desinteressiert, leidenschaftslos, faul – und dann

segelt eine 16-Jährige um die Welt und alle regen sich auf, wie

unverantwortlich das ist.

Risho Maru in einer Ankerbucht auf Vanuatu.

kehrt besser funktioniert, aber ich denke,

man sollte es versuchen. Vielleicht glaubt

der Kapitän, eine Katastrophe könnte

passieren, wäre er nicht am Steuer, denn

nur wer lenkt, denkt – denkt er, der lenkt

… oder … wie auch immer.

Oder die Frauen denken sich, na mit

der Maschine kenn’ ich mich nicht aus,

wie war das mit dem Vorwärtsgang?

Hallo? Autofahren ist schwieriger! Und

wer sind denn bitte rein statistisch die

besseren AutofahrerInnen?

Also ran ans Steuer!

Und vielleicht fällt dem Freizeitkapitän

vorne bei der elektrischen Ankerwinsch

mit einem Blick auf den Meeresgrund

auf, dass der Anker auf einem Flecken

Seegras nicht so gut hält wie auf einem

Flecken Sand. Oder es fällt ihm sogar ein,

ganz archaisch so wie Odysseus Mannen

den Anker runterzulassen bzw. aufzuholen,

ohne Elektrik, nur mit Muskelkraft,

die sich am Ende des Urlaubs auch andeutungsweise

an den Oberarmen und

eventuell sogar waschbrettbauchmäßig

zeigen wird – was der Seefrau sicher angenehm

auffällt.

Im Idealfall also passiert Folgendes:

Die Seefrau knallt den Rückwärtsgang

rein, bis der Anker einrastet und spart

sich so nächtlich die Panik eines Not-

Ankermanövers. Odysseus – pardon,

Kapitän springt klassisch vom Bug in

das Wasser und schaut, ob sich die Kette

spannt, gibt ein Victory-Handzeichen

und beide genießen dann ein kaltes Getränk

ihrer Wahl.

Ankern. Segeln. Ehekrisen. Das

kennt man doch. Ankern. Seefrau und

Odysseus. Das wäre doch einmal etwas

anderes, oder?


Dabei ist das Mädel mit 16 kein

Kind mehr, fit, zäh, interessiert

(offensichtlich), voller Leidenschaft

(fürs Segeln), fleißig – alles was sie doch

besser sein sollte. Komisch. Was hat

Jessica Watson also falsch gemacht?

Na ja, ich denke, das Problem war die

Weltumsegelung. Obwohl, das ist ja nichts

Besonderes mehr, hörte ich vor kurzem

von einem Bekannten. Das machen eh

schon so viele. Und bei der Jessica Watson

waren sicher die Eltern dahinter, dass sie

das macht, damit Geld ins Haus kommt.

Nur – äh, kleiner Zwischenruf! – keinen

Menschen kann man zu einer Weltumsegelung

zwingen. Auch wenn es angeblich

eh so viele machen. Die so vielen

tun es freiwillig! Eine Weltumsegelung ist

nicht wie ein Klavierabend oder eine

Tanzvorstellung, wo die Oldies sagen:

„Geh Spatzi, jetzt zeig’ doch einmal, was

du am Konservatorium gelernt hast!“ Und

dann klopfen sich alle auf die Schulter

und das Spatzi verzieht sich wieder mit

seinem Nintendo ins Jugendzimmer.

Natürlich findet sich der Profilierungszwang

mancher Eltern in unserer Gesellschaft.

Und ich gebe zu, ein 13-Jähriger

auf dem Mount Everest oder auf dem

Ozean ist bescheuert. Aber mit 16?

Einerseits soll die Jugend tough, fleißig

und zielstrebig sein, anderseits kann so

mancher 16-Jährige heutzutage nicht einmal

sein Frühstück selber machen und

ein paar Jährchen später wohnt er/sie

noch immer zu Hause bei Mama, weil es

halt so praktisch ist.

In Wirklichkeit geht’s nämlich gar nicht

um die Weltumsegelung, sondern um etwas

ganz anderes: um das Nicht-mit-dem

Strom-schwimmen. Um das Sich-trauenund-es-machen.

Uiuiuiuiu!

Das ist unser Thema! Ich erinnere

mich, als wir unsere Entscheidung loszusegeln

verkündeten, an die Reaktionen

der Umgebung. Die meisten fanden es

toll, aber fürchteten um unsere Wiedereingliederung

und die Erziehung unseres

Kindes. Andere gaben uns ein knappes

Jahr, um dann doch wieder in den Kreis

der Normalität zu finden. Und wieder andere

redeten plötzlich nur mehr von sich

und – ups – begannen ihr Leben zu rechtfertigen,

warum es für sie besser sei dazubleiben,

wegen Karriere, Kindern, Garten,

Arbeitskollegen. Ist ja alles fein, aber warum

das Gerede?

Weil es eben so ist, dass man weiß, man

sollte etwas ändern, aber man kann nicht.

Und dann kommt da jemand, der kann

und macht und dann muss man irgend -

etwas finden, um das zu erklären und um

sich zu erklären, dass eh alles so passt, wie

es ist und unausweichlich seinen Weg

geht.

Passt ja! Es muss nicht jeder eine Weltumsegelung

machen! Es will nicht jeder!

Aber wenn’s einer tut – warum denn

nicht? Obwohl, es machen ja schon so

viele. Fragt sich nur, warum nie die, die

das so normal finden.

Das Thema sorgt natürlich auch für

Diskussionsstoff in unserem Seglerfreundeskreis.

Und der Peter meinte dann einmal:

„Also wenn der Finn in der Pubertät

zu spinnen anfängt, schick’ ich ihn

auch über den Atlantik – allein!“ Darauf

tönte Sohnemann, der zufällig mit seinen

zehn Lenzen schon 29.000 Seemeilen

auf dem Buckel und wie immer mit

halben Ohr aus dem Nebenzimmer

gelauscht hatte: „Ok. Und was ist da

besonderes dabei?“


Jugend (Sohn Finn) am Ruder.

OCEAN WOMAN 2018 9


FOTO: SHUTTERSTOCK

Meisterin Proper

geht segeln

XX

XX

AUSGABE 6/2014

Die Seefrau, die nicht fürs Putzen an Bord verantwortlich

zeichnet, werfe den ersten Putzschwamm!

Ich lehne mich seufzend zurück und

überlege, ob es nun wirklich notwendig

ist, nochmal alle Kojen mit

Essigwasser auszuwischen. Ach, Essig

– aber dazu später!

„Pink and Blue jobs“, so umschreiben

amerikanische SeglerInnen, die

von außen betrachtet doch recht traditionelle

Geschlechteraufteilung an

Bord eines Segelbootes. Dass man

aber das Leben an Land nicht mit dem

auf einem Boot vergleichen kann, sollte

von Nichtseglerinnen, die befürchten,

zum Heimchen am Schiffsherd

degradiert zu werden, stets bedacht

werden. Wobei, seien wir uns ehrlich:

Wollen wir wirklich das Öl wechseln

und das Dingi ins Wasser hieven (blue

jobs)? Nein danke – da polier’ ich lieber

den Rumpf (pink job)!

Womit wir wieder beim Thema wären.

Ein Boot sauber zu halten, innen

und außen, kann zur Herausforderung

werden. Der Raum ist klein, heiß, stickig

und feucht, draußen lauern Salz

und Sand, drinnen lechzen Schaumstoffmatratzen,

versteckte Ecken und

vergessene Backs kisten. Fenster lassen

sich nur spaltbreit öffnen, wenn überhaupt.

Die Pantry umfasst eine Fläche

von ein bis eineinhalb Quadratmeter,

muss aber die gleiche Anzahl an Menschen

versorgen wie die Küche zu

Hause. Stauräume sind wunderbar, sofern

man sie nicht vergisst. Süßwasser

ist begrenzt, außer man will Kanister

schleppen oder den Wassermacher auf

Hochtouren bringen. Schimmel

schlägt Staub, Klo geruch verseucht

zeitweise selbst das gepflegteste Boot.

Außen sprießen Rostflecken,

schmieren Ölspuren, wachsen Algen -

flecken und hin und wieder wohnt

nach langen Landaufenthalten so

manche Hornissenfamilie friedlich

neben einem Ameisennest. Doch SeglerInnen

sind erfinderisch und der

Mensch mag es prinzipiell einfach und

bequem – also findet man im Netz

und bei freundschaftlichen Sundowner-Gesprächen

so manche guten

Tipps und Tricks.

OHNE KÜCHENROLLE

GEHT GAR NIX

Die wunderbare Karla Schenk war der

Meinung, dass ohne Küchenrolle gar

nix geht an Bord. Ich stimme ihr zu,

auch wenn ich umwelttechnisch damit

ein Problem habe. Diesen Fauxpas

versuche ich dann mit „grüneren“ Ideen

beim Putzmitteleinsatz auszugleichen.

Womit wir beim Essig wären!

Nichts, aber auch gar nichts geht über

das gute alte Essigwasser. Schon unsere

Großmütter haben damit Wasch -

becken und Klos gereinigt, die Essigessenz

richtig verdünnt ergab auch ein

veritables Salatdressing. Mehrfacheinsatz

eines Gegenstandes auf dem

Schiff ist immer willkommen! Je mehr

ich mir an Zusatzmaterial sparen

kann, umso weniger muss ich irgendwohin

verstauen. Als Katamaran-

Seglerin kommt dazu: Je weniger Gewicht,

desto schneller das Schiff, desto

weniger Entenmuscheln am Rumpf,

die abgekratzt werden wollen! (Aber

das ist jetzt wirklich schon für fortgeschrittene

Segelabenteuer!)

Der Schiffsgeruch ist ja an sich etwas

sehr Schönes – wie wenn man in

eine Berghütte kommt und es riecht

einfach nach Freiheit und Ferien.

Nur wenn der sanfte Feriengeruch in

Schimmelmuffel, gespickt mit Klo -

ausdünstungen, umschlägt, muss gehandelt

werden. Stauräume mit Essigwasser

auswischen, Ölzeug der letzen

20 Jahre ausmisten, und vielleicht ist

der Opposumfleece-Pullover aus Neuseeland

doch nicht fürs Sommersegeln

auf Cres nötig! Das Schiffsklo bedarf

wie schon erwähnt besonderer Beachtung

– auch hier Essig, Essig, Essig …

Draußen lauern dann putzbedürftige

Winschen, Relingstützen, Bordwände.

Es geht ans Polieren! Wüsste

ich ein schnell wirkendes, nicht giftiges

Geheimmittel, würde ich es nicht

verraten und mir mit der Idee lebenslanges

Segeln verdienen!

Angeblich soll Zitronensaft gut bei

Roststellen wirken, schreibt der kanadische

Segler Frank und gibt auch ein

offenes Säckchen Backpulver in die

Kühlbox, um nicht Seekrankheit nach

dem Öffnen derselbigen herauszufordern.

Essig zum Salat hatten wir

schon, mit Olivenöl kann man übrigens

wunderbar Holzinterieur pflegen!

Segelfreundin Edith verwendet

Feuchttücher, um in die hintersten

Winkel ihres Wharram-Kats zu kommen,

Seefrau Laura schwört auf Dr.

Bronners Seife für alles – Haare, Körper,

Teakdeck. Mein Mann liebt seinen

„Soda Antischimmel“-Spray von einer

bekannten Öko-Putzmarke mit

Frosch. Soviel zu pink and blue Jobs!

Vor einigen Wochen renovierten

wir unser Schiff und ich hatte mal wieder

die Ehre, die Schleifmaschine zu

schwingen. Die Auswirkung: Meine

Oberarme könnten Werbung fürs Fitnesscenter

ums Eck machen! Ich war

dann aber dennoch froh, als ich gemütlich

im Bikini die Schiffsaußenwand

per Schlauch befeuchtete und

per Geheimmittel säuberte. Herrlich!

Und ganz ehrlich. Die besten Jobs

an Bord? Die violetten!


Essig oder Zitronensaft

– das ist an Bord

die Frage. Seefrau

Laura schwört auf

Dr. Bronners Seife mit

dem Reinheitsgebot für

alles: Haare, Körper,

Teakdeck.

10 OCEAN WOMAN 2018


Achtung, Frauen an Bord!

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AUSGABE 3/2017

Was haben Frauen, Plattfüße, Bananen, rote Haare, Freitage und Katzen gemeinsam?

Sie bringen angeblich Unglück an Bord eines Schiffes.

FOTO: SHUTTERSTOCK

Stellt sich nun die Frage:

Warum sind Seemänner so

abergläubisch? Ganz einfach:

Ein Mann zu sein auf See bedeutete

früher eine haarsträubend kurze

Lebens erwartung. Das Leben war

hart, die Arbeit schwer, das Essen

schlecht, der Rum gepanscht und

Schiffsschlachten standen auf der

Tagesordnung.

Mann brauchte irgendeinen Aberglauben,

um das Gefühl zu bekommen,

dem Unglück entrinnen zu

können. Also galt es, am Freitag

nicht loszusegeln, denn an diesem

Tag war Jesus gekreuzigt worden.

Auch Donnerstag war kritisch,

da könnte man Thor, den Gott des

Sturmes und des Donners verärgern.

Blöd auch der erste Montag im April,

da erschlug der Kain den Abel und

am zweiten Montag im August wurden

Sodom und Gomorrha zerstört.

Am besten war noch Sonntag, aber

da hatte man meist den Kater vom

Vortag zu überstehen und keinerlei

Lust auf Wellengeschaukel.

APROPOS KATER

War einer an Bord und kam auf einen

zu, war das ein gutes Zeichen.

Doch wehe, er bog ab – Unglück auf

dem Vormarsch. Maunzte er jedoch

Frauen sind mehr als

nur Gallionsfiguren.

zu fröhlich, kündigte dies einen Hagelsturm

an!

Wenn jemand mit rotem Haar das

Schiff betrat, konnte man das Un -

glück abwenden, indem man ihn zuerst

ansprach, bevor er etwas sagen

konnte. Dürfte zuweilen ein bisschen

stressig gewesen sein, weil man ja

auch gleich checken musste, ob er

Plattfüße hatte. Warum gerade dieser

Fußtyp das Schicksal an Bord beeinträchtigen

könnte, kann wohl nur

ein segelnder Orthopäde erklären.

Und warum bringen Bananen

Unglück? Zu Zeiten der europäischen

Kolonialinseln in den Tropen zählten

die Bananentransporte zu den gefürchtetsten

unter Seeleuten, denn

viele dieser Großsegler verschwanden

auf Nimmerwiedersehen. Könnte natürlich

auch etwas mit den Jack Sparrows

dieser Zeit zu tun gehabt haben.

Belegt ist aber, dass giftige Spinnen,

die gerne zwischen den Bananenstauden

nisteten, so manchen

Seemann bissen und zur Strecke

brachten. Da soll einer nicht abergläubisch

werden!

Übrigens: Bis heute gilt das Singen

und Pfeifen in den Wind als höchst

gefährlich! Man könnte so einen

gewaltigen Sturm herbeirufen. Also

besser den Mund halten!

UND DIE FRAUEN?

Irgendwo wurde einmal berichtet,

ein Handelsschiff war in einen

schweren Sturm geraten und da

Frauen anwesend waren, wurden

sie alle über Bord geworfen, um

Poseidon zu beruhigen. Hat nicht

viel genützt – das Schiff ging trotzdem

unter.

Ziemlich sicher ist, dass dieser

Aberglaube mit dem Unglück durch

Frauen von einem Kapitän in die

Welt gesetzt wurde. Wenn die

Männer schon erst am Montag mit

Restrausch lossegeln konnten, dann

sollten sie wenigstens nicht von

Frauen abgelenkt werden. Die Regeln

wurden aber später etwas gelockert

und Kapitäne nahmen fortan ihre

Gemahlinnen mit!

Eines war den Herren damals aber

nicht entgangen: die Tatsache, dass

das weibliche Geschlecht besser

navi gieren konnte. Die Lösung: Die

wunderschönen, meist aus Holz geschnitzten

Galionsfiguren, die auf

Segelschiffen unter dem Bugspriet

angebracht wurden. Mit großen

Augen, um etwaige Riffe rechtzeitig

zu sehen, und nacktem Busen, um

Poseidons grantige Wogen zu glätten.

Und heute? Das Leben ist nicht

mehr gar so hart, die Arbeit an Bord

gerecht geteilt, das Essen ist richtig

gut, der Rum-Punsch vom Feinsten

und Schiffsschlachten gibt es nur,

wenn der Seemann seine Unterhosen

im Cockpit herumliegen lässt oder die

Seefrau mit ihren Haaren die Bilge

verstopft. Die Navigation fühlt sich

nach wie vor am wohlsten in den

Frauenhänden. Und nackt sind alle

einmal an Bord. Morgen ist Freitag?

Mädels, lasst uns segeln gehen!

Quellen:

è www.timelessmyths.co.uk/

women-board-ship-bad-luck

OCEAN WOMAN 2018 11


Was ist mit der

Segelmode los?

XX

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AUSGABE 9-10/2010

Warum ist Surfmode nur so viel cooler?

Das Ganze begann, als Peter,

mein Ehemann und Kapitän,

zur Panerai Classic Yachts

Challenges nach Cannes flog.

Er stand vor mir mit besorgtem

Blick, die Stirn gerunzelt und ich

wartete darauf, dass er sagen würde:

„Meine Güte, wir waren die letzen

sechs Jahre jeden Tag und jede Nacht

zusammen und jetzt fliege ich zwei

Tage weg – wie werden wir das

schaffen?“

Sagte er aber nicht. Über die Lippen

des Mannes, mit dem ich die

Welt umsegelt habe, kam: „Ich kann

nicht nach Cannes fliegen – nicht mit

meinen alten Segelschuhen.“

NOTHING CHANGED

Da waren wir also. Die Garderobe

der Segler. Ich beruhigte ihn und

meinte, er solle sich doch einfach

neue Segelschuhe kaufen, die gäbe

es doch sowieso zuhauf. Das schien

ihm sehr unangenehm. „Aber die

jetzigen haben endlich aufgehört

weh zu tun. Nach zwei Jahren.“

Das war nun schwierig. Ich fragte

mich zum wiederholten Male in den

letzen Jahren: Was ist mit der Segelmode

los? Meines Erachtens nach

nämlich nichts. Gar nichts. Als wir

nach viereinhalb Jahren auf den Ozeanen

heimkehrten und auf einer Bootmesse

umherschweiften, rettete ich

mich wieder mal zu den Bekleidungs-

FOTO: MARINEPOOL

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ständen und musste mit Schrecken

erkennen: Nothing changed.

Die gleichen marineblau-weißen

Sweater, V-Ausschnitt, Segelstrick-

Pullis, Einheitsfigur-Sporthosen, einige

in sanften Blautönen abweichende

Polo-T-Shirts – für Frauen etwas kleiner

geschnitten. Natürlich die multifunktionalen

Schwerwetterwesten,

ideal für die kalte, stürmische Sommersegelei

in der Adria. Besonders

anziehend: weiße Stretchhose. Jeder,

der nur zwei Tage auf einem Schiff

verbracht hat, weiß, dass weiß an

Bord keine gute Idee ist. Beliebt auch

die atmungsaktive Damen-Überhose

oder die gemütliche Bordhose – beständig

gegen jeden Verschleiß. Auch

beständig gegen jede Art von Figur –

die passt wirklich keinem. Aber

wenigstens wasserabweisend.

Ich habe auf unserer gesamten Reise

keine Segler gesehen, die so angezogen

waren. Die einzigen, die Segelmode

tragen, sind die Models in den

Segelmode-Katalogen. Wobei ich hier

wiederum das dumpfe Gefühl habe,

Farben der Südsee – Noumea.

Alexandra und Finn in Crocs:

„Können nass werden, halten ewig.“

dass diese immer strahlenden, schön

frisierten Menschen gerade zum ersten

Mal auf einem Segelboot stehen,

das wiederum in einer Ma rina steht.

Um meinen verzagten Mann etwas

zu unterstützen, langte ich nach dem

druckfrisch eingetroffenen Segelmoden-Katalog

und begann darin zu

blättern. Ich entdeckte eine winddichte

Wendeweste, die von einem jungen

Herrn getragen wurde, der offensichtlich

gerade einer Wiener Tanzschule

entkommen war. Sauber gebügeltes

kariertes Hemd, darüber fescher Pullunder

und eben die besagte Wendeweste.

Seine Schuhe konnte ich auf

dem Bild nicht erkennen. Ich fand

dann aber welche auf der nächsten

Seite, getragen von einem solariumgebräunten

Jungvater, der seine kleine

Tochter am Strand spazieren führte.

Sie ohne Schuhe (aber mit weißer

Hose), er mit Schuhen, die im Sand

versanken und wahrscheinlich schon

damit gefüllt waren. Ich stellte mir

vor, dass er auf sein in der Marina

geankertes Segelboot ging und die

Segelschuhe im Cockpit auszog.

Sand auf dem Schiff. Jaaa! Eines der

liebsten Dinge meines Kapitäns.

Eine Seite weiter saß die Dame des

Katalogs, schön geschminkt, Haare

perfekt gelegt, zwei weißbehoste

Waden unbequem über eine Klappe

gelegt. Besonders berührte mich das

Pärchen, das in aufeinander abgestimmten

schwarzen Thermal Base-

Unterhosen an Deck lag, nur das

Vorstag drängte sich zwischen die

Turteltäubchen. Im gesamten Katalog

fiel mir auf, dass die Herren prinzipiell

am Steuer standen und mit

strahlendem, aber doch entschlossenem,

mutigem Blick zu den nicht

gesetzten Segeln starrten.

„Hast du Schuhe gesehen?“, fragte

mein Kapitän. So weit war ich noch

gar nicht. Ich schlug ihm vor, doch

Gummistiefel anzuziehen mit dicken

Socken, die hatten sich im Sturm

nach Neuseeland auch bewährt,

wenn auch die Geruchsentwicklung

grausam gewesen war. Aber dazu

braucht man bei Bootschuhen keinen

Sturm. Ein bisschen Salzwasser genügt

und sie stinken für ewig. Und

sind hart und schmerzhaft. Da lobe

ich mir das Schuhwerk, das wir nahtlos

viereinhalb Jahre um die Welt

trugen: Crocs. Stinken nicht, halten

warm, können nass werden. Übrigens

von einem Surfer entworfen. So

wie die gesamte Mode der Crew der

Risho Maru eine auffallende Tendenz

Richtung Surfmode hatte.

Warum ist Surfmode so viel cooler

als Segelmode? Und soviel praktischer?

Und so viel funktioneller.

Unser Ölzeug war von der Marke,

die auch Rapper sofort adaptierten.

Und die so auch eine enorme Umsatzsteigerung

erfuhr.

WO GIBT‘S EINEN SEGELMODE-

KATALOG FÜR ECHTE SEGLER?

Ich denke, es liegt daran, dass Segeln

noch immer mit Worten wie elegant,

korrekt, dezent, ernsthaft, alt und

langweilig verkauft wird. Und wen

wundert es da, dass die Segelclubs

so wenig Nachwuchs haben?

Ich wäre absolut für einen Segel -

modekatalog mit richtigen Seglern. Da

würde es dann Sturmfrisuren regnen

und ausgebleichte Lieblings-T-Shirts,

bunte Surfer-Shorts, Surferbrillen,

übergroße Hoodies, Sarongs, Strohhüte

und Flip-Flops zu kaufen geben.

Am Ankerplatz würde keines der

Nicht-Models am Steuer stehen, sondern

in der Kombüse Spaghetti machen.

Und beim Segeln würde einer

den Autopiloten bewachen und dabei

Erdnüsse essen, der andere ein Buch

lesen. Und wenn’s ordentlich stürmt,

würde eh keiner mehr Fotos machen

und so würde dem geehrten Leser

für immer verwehrt sein zu wissen,

was echte Segler bei Sturmfahrt tragen.

Das gleiche übrigens wie echte

Rapper.

„Und gibt es irgendwelche guten

Seglerschuhe für mich?” Nein, mein

Schatz, aber schau doch einmal auf

YouTube, welche Schuhe der Herr

50 Cent trägt.

Nachtrag: Mein Kapitän segelte dann doch mit den alten

Segel schuhen und – Ausnahmen bestätigen die Regel –

mit seiner sehr schicken

-Softshell-

Jacke, die passt nämlich auch für Cannes!

OCEAN WOMAN 2018 13


Auf den Hut!

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XX

AUSGABE 4/2016

Alles eingepackt? Tablet mit aktuellstem Naviprogramm geladen? Bestseller-Hörbücher? Hightech-Flossen?

Neueste Drohne für Super-Segelshots von oben? GoPro für Wahnsinnshots beim Spinnaker-raufziehen?

Unterwasser-Spezial-Kamera, um den letzen Seestern der Adria zu verewigen? Multifunktionale Bordschuhe,

schicker Kaftan, Solar-Haarfön, wasserdichte Pads für die Kaffeemaschine? Vorfreude!

Eines fehlt aber sicher noch im

modischen Seesack: der passende,

extrem coole, schmeichelnde,

abenteuerversprechende Sonnenhut.

Denn egal, ob Frauenmagazin,

Männerzeitschrift, Tageszeitung,

Wochenpost – überall wird einem

bewusst gemacht, was für schlimme

Risiken das an der Sonne sein birgt.

Über „The sailors Disease“ steht genug

im Netz und – oh nein – es ist nicht

Mundfäule oder Syphilis damit gemeint.

Es sind die durch Sonne verursachten

Hautschädigungen …

ECHT IST DIE HACKLERBRÄUNE

Auf Weltumsegler-Blogs findet man

die Bilder braungebrannter Menschen

im Bikini, Sarong oder Surfershorts

mit sonnnengebleichten Haaren und

Sonnenbrillen. Man möchte meinen,

diese Aussteiger liegen den ganzen

Tag in der Sonne und braten glücklich

vor sich hin, damit sie ja dem Idealbild

des Abenteurers entsprechen.

Falsch. Ich kenne keinen einzigen

Weltumsegler und keine einzige Weltumseglerin,

die gerne in der Sonne

brät. Blauwassersegler pflegen die berühmte

„Haklerbräune“. Gesicht, Unterarme

und Waden braun – der Rest

weiß. Natürlich nicht alle. Aber mehr,

als man glauben mag. Meine Freundin

Tine besuchte uns in Neuseeland,

als wir dort wegen der pazifischen

Cyclone Season sechs Monate verbrachten

und schon bei der Begrüßung

meinte sie: „Du bist ja gar nicht

braun?“ Wir waren gerade zwei Monate

über die Nordinsel gewandert.

Nach der Atlantiküberquerung war

Segelfreund Brad bass erstaunt, warum

ich noch immer so käsig war wie

zwei Wochen zuvor. Seine rotbraun

verbrannte Nase schälte sich und die

Haut wirkte ungesund ledrig.

Ich fand mich eigentlich ziemlich

sonnengeküsst. Auch jetzt, wenn ich

mir die Fotos von damals ansehe, entsprachen

wir absolut dem Weltumsegler-Idealbild,

auch wenn wir Sun -

blocker 30 plus verwendeten,

möglichst immer im Schatten saßen

und niemals zum Sonnenhöchstand

Landausflüge unternahmen.

In Neuseeland zitterten wir vor

dem ersten Hautarztbesuch nach drei

Jahren. Hatten wir uns gut geschützt?

Der Hautarzt – ein aus Schottland

stammender Segler – beäugte uns

mit einer Lupe. Manche Muttermale

länger, manche kürzer, dazu raunte

er lapitare Kommentare wie „That’s a

friend“ oder „Give him a name“.

Nach einer Woche bangem Warten

wurde die Diagnose mit folgenden

(original schottischen) Worten überbracht:

„Ich habe zwei Nachrichten

für Sie – eine gute und eine schlechte.

Welche wollen Sie zuerst hören?“

„Die schlechte ...“ „Wir werden uns

nie wieder sehen. Die gute: alles ok.“

Doch zurück zum Hut!

AUF DEN HUT GEKOMMEN

Den idealen Seglerhut zu finden, ist

nicht leicht. Denn meist will man

nicht wie ein Vollidiot aussehen –

auch nicht, wenn man auf hoher See

ist. Zur Hutsuche kommen die verschärften

Bedingungen an Bord.

Wind, nicht gerade Freund jeglicher

Kopfbedeckung, erlaubt keinen schicken

Panamahut und auch bei so

mancher sportlichen Baseballkappe

kann es schnell einmal zu einem

Mann über Bord-Training kommen –

vor allem, wenn das Markenkäppchen

Blauwassersegler pflegen die

berühmte „Haklerbräune“.

teurer war als das neue GPS, was

durchaus möglich ist!

Auch die so eleganten Sonnenhüte

à la Grace Kelly im 1950er-Jahre-Stil

halten selten einem Wendemanöver

oder Sommergewitter stand. Ein festgezurrter

Allzweckhut aber erfüllt alle

Bedingungen, außer die, dass man

cool aussieht. Trotzdem findet es

mein Sohn extrem peinlich, dass er

seine ersten Weltumseglerjahre mit

Sonnenkappe plus Nackenschutz herumlaufen

musste. Ich fand, er sah wie

ein abenteuerlicher Entomologe aus –

besonders auf den Galapagos-Inseln!

Dort bestand er dann aber auf einen

Outdoorhut der kanadischen Marke

Tilly plus aufgebügeltem Hammerhai.

Hab ich heute noch als Souvenir tief

in einer Backskiste versteckt.

Ich persönlich liebe bis heute mein

Sonnenkäppchen, erstanden in einem

Surferladen in Kalifornien. Es ist verwaschen,

ausgebleicht, zerfranst, hat

einen Rostfleck – und passt mir einfach

großartig. Und schützt mich.

Natürlich gibt es Einwände mancher

Sonnenschutz-Polizisten, dass damit

nicht alle Gesichtpartien im Schatten

sein können. Aber dafür habe ich

meinen 60er-Sunblocker und die Gewissheit,

dass man auf unserem Schiff

immer ein schattiges Plätzchen findet!

Eine Hutsorte hätte ich jetzt fast

vergessen: die Kapitänsmütze. Erkennungszeichen

einer ganz besonderen

Seglerspezies, des Adriaseglers. Wobei

– insgeheim glaube ich, diese Mütze

hat wenig mit Sonnenschutz zu tun …

Egal. Hauptsache, gut behütet!

14 OCEAN WOMAN 2018


FOTO: SHUTTERSTOCK

Die Schöne

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AUSGABE 2/2014

und das Schiff

Erst kürzlich, als ich in einem kuschelweichen

Friseurstuhl mitten

in Wien versank und mich

vertrauensvoll in die Hände meiner

Lieblingsfriseurin begab, fiel mir Nula,

die Friseurin aus Panama City ein. Ich

hatte mit Hand und Fuß zu erklären

versucht (an alle zukünftigen FahrtenseglerInnen,

die ein bisschen eitel mit

ihren Haaren sind: Spanisch lernen

macht Sinn!), was sie denn mit meiner

salzverkrusteten, sonnengebleichten

Mähne machen sollte.

„Just a little“, mit Daumen und

Zeige finger versuchte ich zu unterstreichen,

wie wenig sie wegschneiden

sollte, denn schon aus Wien wusste

ich: FriseurInnen lieben Kürze. Nula

hatte mich verstanden. Nur etwas anders.

Sie ließ „just a little“ von meinen

Haaren übrig und ich trug für zwei

Wochen meinen Sonnenhut überall

und jederzeit.

Das mit der Schönheitspflege auf

dem Schiff ist so eine Sache. Einer seits

kann man locker behaupten, das

SeglerInnenleben macht schön.

Immer gebräunt, frische Luft, sportlich,

glitzernde Augen, glückliches Gesicht.

Anderseits hat man eben seine

Rituale im Laufe der segellosen Jahre

ent wickelt und gerade als Fahrtenseglerin

werden diese ordentlich über den

Haufen geworfen.

Beate, Seglerin aus Leidenschaft,

Ex-Managerin im schönheitschirurgischen

Bereich, tough bis zum Umfallen,

warf ihren gefüllten Schminkkoffer

schon bald über Bord. Früher

immer perfekt gestyled merkte sie:

An Bord reicht guter Sonnenschutz,

Lippenstift und etwas Wimperntusche.

Nur ihr „kleines Schwarzes“ mit

passenden High Heels hatte sie stets

in den Staufächern ihrer Monoyacht

und nein: Sie war keine Tussi.

Meine englische Segelfreundin

Samantha kam auf Lanzarote mit

Schamesröte im Gesicht aus dem

Marinaschwimmbad zurück. „Oh

my goodness!“. Sie hatte durch die Betreuung

ihrer beiden Kleinkinder und

der Überquerung der Biskaya ihre

Beinrasur etwas vernachlässigt und

war am Kinderschwimmbecken mit

einer französischen Vierfach-Mutter/

Seglerin mit Modelfigur und glatten

Waden ins Gespräch gekommen.

Solange, bis diese etwas kritisch die

britischen Beine beäugte. Ich fand

dennoch, Samantha sah – rasiert oder

unrasiert – immer aus wie aus einer

BBC-Verfilmung von Stolz und Vorurteil

entsprungen. Ich mochte auch

Renate von den Symi sehr, die zu jedem

Sundowner auf dem einsamsten

Atoll mit wunderschöner Holzkette

und Seidensarong erschien.

Selbst machte ich mich stets

„hübsch“ für den Landgang. Bis auf

die Flip-Flops, die schaffte ich selten –

nein, nie auszuziehen. Ich hatte aber

auch welche mit hübschen Perlen im

Repertoire.

Wirklich verwahrlost fühlte ich

mich eigentlich nie auf dem Boot.

Außer damals, als ich mir piratinnenmäßig

in Panama City ein Teil meines

Vorderzahns ausbiss. Aber in der

Shopping Mall meiner Friseurin gab

es auch eine Dental Clinic und dort

musste ich mein Anliegen nicht weiter

erklären. Auch fühlte ich mich

nach sieben Tage Sturm Richtung

Neuseeland nicht mehr so richtig

frisch und duftig. Dennoch, das erste

Steak am ersten Abend an Land genoss

ich mit Mascara und Lipgloss.

Ach, fühlte ich mich stark, schön und

verwegen!

UND WIE SIEHT’S MIT

DEN HERREN AUS?

Gut. Sehr gut. Unser Freund

Michael träumt seit langem von

einer Weltumsegelung, möchte sich

aber vorher das Rauchen abgewöhnen

und ein paar Kilos verlieren.

Michael: Segel los, spätestens in der

Karibik wird Robert Redford sich

einen neuen Job suchen müssen.

Im Grunde genommen kann man

überall auf der Welt seine Facials,

Pediküren, Maniküren, was auch

immer, bekommen. Kleidung

braucht man bekanntlicherweise

wenig, und dabei ist nur das Problem,

dass man sich selten ganz im

Spiegel sieht und deswegen Rost-,

Öl- und andere Flecken gar nicht

bemerkt.

Und sollte am Ankerplatz wirklich

eine Seefrau total aus dem Ei gepellt

daherkommen, dann ist es wahrscheinlich

Daria Werbowy, das kanadische

Supermodel, das gerade

wieder mal um die Welt segelt. Oder

Taru mit Alex, ihrem Ehemann,

beide bekannt als „das“ superfesche

Langfahrtenseglerpaar. Aber auch

die haben ihre „40-Knoten-Mist-

Wetter-Nachtwachen“ und spätestens

dann sind alle Segler Innen gleich!

Liebes Tagebuch …

Vava’u:

Peter hat mir die Haare geschnitten. Gar nicht schlecht.

Oder sagen wir so: Fällt keinem auf.

OCEAN WOMAN 2018 15


Alexandra in der Puppenküche

der Risho Maru.

XX

Kombüsengeflüster

Ob Charterboot, Eignerboot, Mega-Yacht, Motorboot, Hausboot – die Küche ist und bleibt die Kombüse.

XX

AUSGABE 1/2011

Und Kombüse mieft immer ein

bisschen nach Konserven -

futter. Nach Tortellini schön

schlatzig aus der Dose, Bohnensuppe

von Inzerberger (oder so ähnlich)

und die allseits schon seit den Camping-1970ern

beliebten Leberstreichwurstpasteten.

Für mich waren diese kulinarischen

Aussichten deprimierend, als

wir unsere mehrjährige Segelreise zu

planen begannen.

Das Schmökern in der absoluten

Fahrtensegler-Muss-Lektüre „Die

Proviantfibel“ machte mich auch

nicht gerade glücklich. Algensalat?

Trockenfisch als Zwischendurch-

Snack, Dosenbrot, Butter in Salzwasser

vor sich hin dämmernd. Panik!

Auch fand ich in fast jedem Fahrtenseglerbuch

ein Kapitel über die Versorgung

auf dem Schiff. Leute, die

Fleisch einkochen in Gläsern, damit

sie ihr Rinds-Geschnetzeltes auch in

der Südsee genießen können. Andere,

die Joghurtkulturen anlegten zur

Milchprodukt-Versorgung, und

schließlich der heiße Tipp zur Keimherstellung,

um Dinge wie Alfalfa

oder Alfafa oder so über ihr Streichwurstbrot

zu streuen.

Das fiel mir erst kürzlich wieder

ein, als ich in der italienischen Lagune

herzhaft in mein Mozzarella-

Basilikum-Panino, mit Olivenöl

beträufelt, biss.

Natürlich wird der Charter ur lau -

ber von heute in den zwei Wochen

seines Urlaubs nicht auf die Idee

kommen Vorräte anzulegen. Wobei –

wenn die Preise an der Adria weiterhin

so steigen, könnte sich das noch

ändern. Aber Segeln und Essen ist

schon etwas ganz Besonderes.

Eines kann ich jetzt wirklich sagen:

So gesund wie wir auf dem Schiff

während unserer Reise gegessen

haben, werden wir wohl nie wieder

essen. Konserve? Ha! Dazu später.

Ich schwor mir beim Losfahren: Lieber

esse ich drei Wochen Spaghetti

mit Olivenöl und Knoblauch, bevor

ich eine Gulaschdose öffne. Wir aßen

Fisch! Frischen Fisch. Und damit

16 OCEAN WOMAN 2018


Seglers Fusion-Cuisine:

Basilikum in Italien,

Kochbananen, Yams und

Kokosnüsse in der Südsee,

Käfer ohne Bohnen auf

einem Markt auf Phuket.

meine ich wirklich frischen Fisch, direkt

aus dem Meer in den Magen. Bei der

ersten Goldmakrele wusste ich, besser

geht’s nicht und heute bin ich gelernte

Fischköchin!

Die Märkte der Welt waren stets unser

erstes Ziel. Minikartoffel von den

Kanaren, Brotfrucht geröstet in der

Karibik, Kochbananen-Curry, Kokos -

brot selbst gebacken und Kokos tarte

zum Niederknien, gelernt bei Valo auf

den Tuamotus.

Einmal ging uns der Proviant aus –

auf den Inseln Venezuelas. Da lebten

wir eben von frischem Fladenbrot,

Spaghetti al olio und öffneten einige

Dosen. Das war einmal. Und diese

Konserven waren gut – gekauft in

Martinique und die Franzosen – sicher

keine Kostverächter – sorgen auch hier

für Delikatessen. Im Ernst: Wir kauften

Dosen-Spinat! Echt gut! Und ideal, um

in der Einsamkeit

einer fernen Insel noch eine Spinat-

Lasagne zu zaubern. Mit Dosen-Tomaten,

die einzig absolut erlaubten Schiffskonserven!

Immer viel Zwiebel an Bord,

immer Knoblauch und immer Olivenöl.

Und natürlich Mehl. Denn Brot, Pizza

und Kuchen an Bord zu backen ist meiner

Meinung nach Pflicht.

Man kann sich nicht vorstellen, wie

gut die wohlweislich vorgebackenen

Brownies in einer Sturmnacht schmecken.

Schokoladig, beruhigend, stär-

kend, nährend. Frisches Brot gab es

bei uns immer. Ich hortete mein

Roggenmehl von Italien bis zu den

Kanaren. Von der Karibik bis nach

Panama. In Neuseeland gab es das

beste Vollkornmehl, aber auch auf

Bali wurde ich fündig – bei einem

deutschen Bäcker! Mein Rezept war

schnell, gassparend und gut.

GERMTEIG IN DEN TROPEN

GEHT WIE DER TEUFEL

Dort ist es ja warm wie in einem

Backrohr. Lange hielt das Brot nie.

Meine Männer hatten einfach immer

Appetit! Ich lernte sogar, Tortilla -

Chips zu backen. Man hat viel Zeit in

den einsamen Atollen. Und einmal

machte ich sogar Strudelteig – hart

wie Beton –, verlegte mich dann

aber schnell wieder auf die tropische

Küche. Kombüsenküche.

Nur in Asien blieb die Küche kalt,

denn besser und günstiger isst man

nirgends auf dieser Welt! Als Seefrau

oder Schiffskoch muss man einfach

ein bisschen improvisieren. Aus

nichts oder wenig etwas zaubern.

Und vor allem zum rechten Augenblick

servieren. Oliven (aus dem

Glas) und Schafskäse (aus der Salzlake)

zum Sundowner, frisches Fladenbrot

(Wasser, Backpulver, Mehl)

mit Sardinen-Dip (Dose, Tube) zu

Mittag. Und abends natürlich Pasta

mit viel … wie schon oben besprochen.

Ja, und nie vergessen: das

Auge isst mit, die Auswahl der zum

Dinner passenden Ankerbucht liegt

natürlich beim Skipper.

Übrigens: Rinds-Geschnetzeltes koche

ich noch immer nicht. Dann schon

lieber schnelle Spaghetti, garniert mit

Erinnerungen an die Südsee!

Alexandras Sturm-Spaghetti

Zutaten

4 EL Olivenöl

1 große Zwiebel

1–3 Knoblauchzehen

1 kleine Sardine in Öl (nur für den salzigen Geschmack)

2 Dosen Tomaten (in Stückchen)

1 EL Kapern

1 EL Oliven (entkernt, in Scheiben)

Salz

Pfeffer

Oregano

Zubereitung

Topf mit Wasser zum Kochen bringen (halb Salz-, halb

Süßwasser). Zwiebel und Knoblauch kleinschneiden, in Öl

anbraten, alle weiteren Zutaten dazugeben, zuletzt die

Tomaten. 15 Minuten köcheln lassen.

Parmesan reiben. Spaghetti oder Penne bissfest kochen.

Spaghetti und Tomatensauce mischen, noch einmal mit

Salz und Pfeffer abschmecken, mit Parmesan bestreuen.

Luxus

Käse ist in den Tropen schwer zu bekommen. Eingeführten

amerikanischen Parmesan gibt es jedoch überall – und diesen

bereits gerieben. Ist zwar besser als kein Käse, aber

der erste Parmiggiano vom Farmers Market in Neuseeland

nach drei Jahren war einfach ein Genuss!

Mit frischer Petersilie bestreuen – frische Kräuter sind auf

See höchst selten!

Tipp

1/3 des Kochwassers mit Meerwasser ersetzen. Spart auf

dem Schiff kostbares Süßwasser.

OCEAN WOMAN 2018 17


Oh, mein AUSGABE 2/2016

XX

XX

Brot!

Weihnachten vorbei, Ostern naht und wann ist

das nächste Geburtstagsfest? Partys an Bord –

die gibt es immer und nicht nur zu den

Feiertagen. Da ein Potluck, dort ein Sundowner.

Eines wird an Bord fast immer angeboten:

Selbstgebackenes. Zumindest bei uns!

Mein erstes Brot wäre durchaus

als Dingi-Anker durchgegangen.

Die Konsistenz

war die eines Ziegels. Nein, ich begann

nicht erst als Seefrau zu backen,

sondern als ich Mutter wurde. So

in der Art: Jetzt wird es Zeit, mein

Kind, meine Familie zu nähren.

Archaisch und gesund, vollkornig

und händisch. Brotbackmaschine,

von einer guten Freundin vorgeschlagen,

ging und geht nach wie vor

gar nicht. War gut so, denn als ich einige

Jährchen später an Bord ging,

um dort längere Zeit zu bleiben, war

Brotbacken kein großes Thema mehr.

Inzwischen hat es sich unter

Segler Innen herumgesprochen, dass

frisches Brot oder gar ein Schokoladenkuchen

so manches Sturmtief

neutralisiert. Allein der Duft, der

sich aus der Kombüse ins salzwasserverkrustete

Cockpit schleicht, kann

Crew und SkipperIn zu Entspan-

So sah der „kleine Imbiss“

aus, den uns Tiroler See -

frau Edith“ auftischte.

Vielen Dank!

18 OCEAN WOMAN 2018


nung und dennoch Höchstleitung

anspornen.

BACKEN AN BORD

IST ANGESAGT

Unter Fahrtenseglern kann es dabei

durchaus zu Konkurrenzspielchen

kommen. Schweiz gegen Österreich

gegen Deutschland. Aus diesen Ländern

kommen die meisten maritimen

BäckerInnen.

Französische Crews schaffen es

fast immer, irgendwo in Baguette -

nähe zu segeln oder verzichten ganz

auf Brot. Amerikanische Crews verstehen

den Brotehrgeiz gar nicht, da

sie am Morgen ihre gut lagerbaren

Lieblingflocken in Milch einweichen.

Englische BlauwasserseglerInnen

haben Toastbrot an Bord, das mindestens

drei Jahre haltbar ist und

auch so schmeckt. Cookies sind bei

fast allen SeglerInnen aus Nordamerika

Nummer eins. Niederländische

Crews essen kein Brot – zumindest

die nicht, die wir trafen. Italiener-

Innen kreuzten nicht unsere Seewege

und die einzigen Süd afrikaner auf

unserer Strecke waren ein ausgewandertes

Paar aus Wien Ottakring –

also Schwarzbrot-Bäcker.

SCHWARZBROT AUF GOMERA

Schwarzbrot – das klingt in Fahrtenseglerohren

verheißungsvoll. Vor allem,

wenn man schon viele Seemeilen

auf dem Buckel hat und irgendwo

in den tropischen Breiten segelt.

Kaufen kann man Schwarzbrot zumindest

auf der Barfußroute nur bis

zu den Kanarischen Inseln – auf Gomera

bietet eine netten Schweizerin

auf dem Markt verschiedene Vollkornbrotarten

an. Mit dem Sprung

zu den Kapverden ändert sich die

Brotsituation schlagartig. Und noch

ein Stück weiter in der Karibik sollte

man sein Roggen- und Vollkornmehl

bereits eingelagert haben.

Wobei glücklicherweise die französischen

Inseln wunderbare Supermärkte

haben, um den Mehlvorrat

noch einmal so richtig aufzustocken.

Andererseits schließt man sich ge -

rade dort den französischen Segler -

Innen an und genießt goldene Baguettes

vom Feinsten!

Die bei uns üblichen Brotbackmischungen

finden sich immer seltener

in den karibischen Regalen und es

wird Zeit, selber ans Mischen zu gehen.

Roggenmehl wird ab dann wie

Gold gehandelt und Körndl wie Sonnenblumen,

Nüsse oder gar Kürbiskerne

sind Platingold für ambitionierte

BäckerInnen.

Auf Bali, in Neuseeland und auf

Tonga konnte ich Vollkornmehl direkt

beim Bäcker um teures Geld erwerben

– gratis dazu gab es Mehlwürmer

und anderes Getier, wobei

ich meinen Jungs nichts von den

Mitbewohnern erzählte und wie zu

Omas Zeiten aussiebte!

Auf dem Weg zum Bäcker auf Vava‘u, Tonga.

Blauwasser-Erbeertorte mit Kakaopulver

zum Geburtstag in Singapur.

Glücks-Krapfen von der Südsee (Bora Bora)

bis in die Adria (Ilovik).

Risho Maru-Brot

500 g Weizenmehl

21 g Trockenhefe

300 ml Wasser

etwas Salz

Rosmarin/Basilikum/grobes Meersalz zum Bestreuen

Und natürlich viel Back-Leidenschaft!

Sollte es nicht gleich auf Anhieb klappen: Einen Reserveanker

kann man immer brauchen!

Interessant waren auch die Ein-

Kilo-Trockenhefe-Pakete! Es dauerte

einige ungewöhnliche Brotkreationen,

bis die Mischung stimmte …

Leichter ist es da schon mit dem

weißen Mehl, das gibt es überall.

Kuchen, Palatschinken, Fladenbrote

– was für eine erfreuliche Ergänzung

des Seglerspeiseplans!

BLAUWASSER-FOCACCIA

Und da komme ich wieder zu den

Partys und Jahresfesten. Lebkuchenhaus

auf den Guna Yala Inseln bei

Panama (Lebkuchengewürz aus der

Heimat eingelagert), Krapfen auf den

Las Perlas, Geburtstagstorte in Curaçao/Samoa/Singapur/Bora

Bora

(meist mit Kakaopulver und ein einziges

wunderbares Mal mit frischen

Erbeeren!), Osterpinze auf Barbuda,

Vanillekipferl auf den thailändischen

Krabi Islands (Öl statt Butter – ein

Grauen …), und immer und überall

für unsere Sundowner-Gäste das berühmte

Risho Maru-Brot – eine Art

adaptierte italienische Focaccia mit

getrockneten Kräutern (genau die,

die noch in der Kombüse zu finden

sind).

Heute an Land, in der Stadt, gibt’s

unser Risho Maru-Brot regelmäßig

und selbst wenn gar nix mehr an

Bord – pardon, im Haus – ist, diese

Ingredienzien sind immer da!

OCEAN WOMAN 2018 19


Kaffeesegeln –

what else?

XX

XX

AUSGABE 1/2016

FOTO: FOTOLIA

Das Wort Kaffeesegeln hörte ich

das erste Mal in der Karibik,

als wir bei stürmischer See

und strahlendem Himmel nach Martinique

aufkreuzten. Dies sei nun

wirklich kein Kaffeesegeln, berlinerte

unser Segelfreund Michi in die morgendlichen

Funkrunde. Doch – für

mich schon, denn ich wusste, diese

Segelei würde mich zum ersten französischen

Café au lait seit langer Zeit

bringen!

Kaffee und Segeln. Nicht nur eine

Wortkreation, um Schönwettersegeln

zu beschreiben, sondern ein Team par

excellence! In Seglerforen rund um

die Welt finden sich außergewöhnlich

viele Meinungen zum perfekten Kaffee-zubereiten

an Bord. Das übertrifft

beinahe die Diskussionsbeiträge zum

Thema Wassermacher, den ich persönlich

völlig überbewertet finde.

Ohne Wasser macher um die Welt?

Sofort! Ohne Kaffee-Ausstattung –

niemals!

Was noch lange nicht heißt, dass

mein Skipper-Ehemann wegen mir

eine neue Solarzelle auslegen muss,

um diverse Kaffeemaschinen zu

versorgen. Wobei viele Seefrauen

und Seemänner darüber ganz anders

denken. Erst neulich freute sich eine

Segelfreundin über den neuen Generator,

der jetzt die „What else“-Maschine

großzügig mitfütterte!

In der Sailnet Community schrieb

oceanbuddy1, dass er jeden Morgen

den Dieselmotor zum Frühstück mitlaufen

lässt, um die sieben Kaffee-

Pads sorgfältig auspressen zu können.

Da freuen sich sicher die Nachbarn,

dachte ich mir und versuchte, die Diesel-Kaffeemischung

aus der Nase zu

kriegen.

Was tun, wenn man keinen Strom

für das Kaffeekochen aufwenden

will?

Vor allem Blauwassersegler sind

ja besonders geizig, was ihre Stromreserven

angeht – zu Recht, müssen

doch der Autopilot, das Radar, Kartenplotter,

der Bordstrom, Positionslichter

und dergleichen ausreichend

versorgt sein. Und das nicht nur bis

zum nächsten Fischrestaurant oder

in die Nachbarmarina, sondern über

den Atlantik oder zur nächsten Insel

in drei Tagen.

Löslicher Kaffee ist für manche die

schnellste und für mich grausigste

Methode, aber was tun, will man in

der Hundswache etwas Koffeinhaltiges

trinken? Eine Thermoskanne mit

Kaffee irgendwann am späten Nachmittag

bereitstellen und den Kaffee

langsam vor sich hindämmern lassen?

Was ist das gegen frischen Kaffee?

Zeit hat man viel auf dem Schiff

und segelt man nicht gerade in einer

Sturmnacht, ist es durchaus aufmunternd,

einen Kaffee machen zu gehen.

FRENCH PRESS ODER ITALIE-

NISCHE ESPRESSOMASCHINE?

Ich habe beides probiert und muss sagen,

bei Wellengang ist beides nicht

ungefährlich. Wobei man an Bord mit

der Zeit Taktiken ent wickelt – sei es

nun beim Segel einstellen, Sturm ablaufen

oder bei der Handhabung von

heißem Wasser. Man lernt, wo man

was einklemmen muss, um nichts zu

verschütten.Meine knallrote French

Press aus Tahiti ist bezaubernd schön,

aber aus Glas. Glas und Segeln hat

wenig Zukunft, wie ich bei meinem

Glasdeckel für die Bratpfanne auf

20 OCEAN WOMAN 2018


Italienisch oder Griechisch?

Flat White in Auckland.

dem Weg nach Neuseeland festellen

musste. Glasscherben auf dem Boden in

der Koje/Bilge/überall – und das bei

Wellengang – sind sehr unangenehm,

vor allem wenn man sie auf allen vieren

zusammenkehren muss. Und natürlich

für ein paar Tage barfuß auf die besonders

kreativ verstreuten Scherben tritt.

Meine italienische Espressokanne aus

feinstem Alu hielt lange durch und ich

war froh, mindestens drei Reservedichtungsgummis

mitgenommen zu haben,

denn in der Karibik bzw. Südsee gelten

diese also genauso selten wie frische

Kuhmilch. Deshalb auch die Freude auf

den Café au lait in Martinique!

Überzeugen konnte mich auch der

türkische Kaffee eines Einhandseglers

aus Istanbul, traditionell zubereitet mit

viel Zucker. Mein dafür nötiges kupfernes

Ibrik-Kännchen kriegte ich aber erst

fast am Ende der Weltum segelung in

der Südtürkei. Wie auch immer – ein

Cappuccino mit geschäumter Milch aus

Milchpulver war natürlich bei uns an

Salzluft verbessert den

Geschmack von Kaffee.

Bord immer zu haben, auch in

den abge legensten Atollen. Ritual

ist Ritual!

Mein batteriebetriebener Milchschäumer

schaffte den Atlantik bis

nach Panama, dann kapitulierte er vor

dem Flugrost und ein mechanischer

Italo-Schäumer nahm seinen Platz in

der Kombüse ein, wo er auch heute

noch steht. Importiert von einem enthusiastischen

Neapolitaner nach Panama

und von dort mit uns wieder

nach Italien gesegelt. Kleiner Rat für

zukünftige Fahrtensegler: Gleich den

Schäumer aus Italien mitnehmen! In

jedem Fall langlebiger als so manches

Wassermacher-Ersatzteil.

Zurück zum Kaffee. Noch eine Gemeinsamkeit

gibt es mit dem Segeln:

das Salz! Ein Hauch von Salz in den

frisch gemahlenen Kaffee (Handmühle!)

lässt ihn weniger bitter schmecken.

Angeblich. Wissenschaftlich ist

das nicht erwiesen, jedoch in Schweden,

Sibirien, der Türkei und Ungarn

ist es Tradition, und dunkel erinnere

ich mich, dass meine Oma auch diese

Angewohnheit hatte. Was jedoch belegt

ist, dass Kaffee im letzten Jahrhundert

mit Schiffen transportiert wurden,

da die salzige, feuchte, warme

Luft die Kaffeebeere schneller altern

ließ und den Geschmack dadurch sehr

positiv beeinflusste.

Heute wird in Indien die Methode

des Monsoonigs angewandt, die die

Kaffeebeeren der salzig-feuchten Luft

des Monsoons aussetzt, um den besten

Geschmack zu erzielen. Vielleicht

war deshalb einer der besten Kaffees

für mich auf unserer Weltumsegelung

der auf Bali, als wir uns vor dem

Monsoonregen in einer kleinen Kaffeerösterei

versteckten? Auch der aus

dem Hochland in Papua-Neuguinea

schmeckte vorzüglich, unvergesslich

der brühheiße Espresso in Kolumbien

und der aus der hauseigenen Rösterei

in Neuseeland. Oder der Kaffee mit

frischer Vanille aus Tahaa!

Doch nichts konnte nach diesen

viereinhalb Jahren um die Welt den

Espresso aus Italien toppen. Der ist

der beste. Sorry Wien! So, ich brauch’

jetzt ein Schälchen …


è blog.khymos.org

è www.sailawaygirl.com

OCEAN WOMAN 2018 21


FOTO: SHUTTERSTOCK

Segelurlaub mit Freun

Wer zahlt den Schinke

Sie planen segeln zu gehen –

gemeinsam mit Freunden?

Ich denke, es ist nötig, dieses

Thema nun – mitten in der

Vorbereitung zur Segelsaison –

anzusprechen.

Sie waren noch nie mit Freunden

segeln? Und Sie träumen

schon lange davon? Diese Ge -

mütlichkeit, einfach Zeit füreinander

zu haben, gut zu essen, Karten zu

spielen, ein bisschen Abenteuer,

ein bisschen verstopfte Toilette reparieren?

Ups – da ist mir etwas dazwischen

gerutscht. Kann nicht sein.

Da ein paar schöne Sonnenuntergänge,

dort ein stiller Abend in der

Traumbucht, hier ein bisschen Bora

und eine über die Reling reiernde

beste Freundin. Da schau her –

schon wieder.

Mit dem eigenen Boot unterwegs?

Wie schön. Den Traum vom Segeln

teilen, stolz sein schwimmendes Zuhause

zeigen, die kleine Küche, der

leere Süßwassertank? Was, schon

wieder kein Süßwasser nach ein -

einhalb Tagen?

JEDER MAG KAPITÄN SEIN

Na gut, es führt kein Weg vorbei – wir

müssen reden. Vielleicht haben sie

sich ja gerade mit ihrem -

Magazin irgendwo auf dem Boot verschanzt

und wollen nur ihre Ruhe!

Es ist nämlich so – meint mein Charter-erprobter

Ehemann und Skipper.

Eine Woche Gäste – perfekt. Zwei

Wochen an der Grenze, drei Wochen

Albtraum. Warum ist das so?

Stellen sie sich doch vor, sie würden

mit ihren besten Freunden zwei

22 OCEAN WOMAN 2018


den oder:

nspeck?

XX

XX

AUSGABE 3/2011

Wochen in einer 40-Quadratmeter-

Wohnung verbringen. Ein Klo –

klein, eng und heiß. Die Dusche im

Kleiderkasten und die Küche mit

Vorratsraum, so groß wie ihr Flat-

Screen-Fernsehapparat. Ginge das

wirklich gut?

Mögliche Verschärfung: Das ist

ihre eigene Wohnung und keine gemietete

Ferienwohnung. Das sind

ihre Sachen, die ihre Freunde benützen

und besetzen. Sie haben nicht

vor, an Bord zu kochen? Na ja – ein

Frühstück wird es schon werden.

Oder sieben in einer Woche. Und da

gibt es dann eine Bordkasse und vielleicht

eine beste Freundin, die nicht

versteht, warum sie den Schinkenspeck

mitbezahlen soll, wenn sie

doch nur Müsli und Orangensaft in

der Früh zu sich nimmt. Und warum

denn immer das Obst weggefressen

wird? Wer holt denn heute das Brot?

Warum ist denn schon wieder kein

Brot da? Müssen wir heute noch lange

segeln? Gibt es irgendwo einen

Sandstrand? Der dort drüben wäre

schön! Was heißt, da kann man nicht

ankern? Auflandiger Wind? So

schlimm kann es doch nicht sein.

Es ist nicht ganz einfach, mit

Freunden oder mit Bekannten segeln

zu gehen. Gut ist auch, wenn klar ist,

wer der Kapitän ist. Was beim eigenen

Schiff klar sein sollte, aber so

manchem Mitsegler ein Dorn im

Auge ist. Jeder mag Kapitän sein,

oder? Warum kann man bei starker

Bora nicht raussegeln? Können

schon, aber …

Kein Aber! Let’s go! Da kann es für

die Eigner recht einsam werden, weil

dann nämlich die Mannschaft einige

Stunden flach liegt und sich im nächsten

Hafen so unwohl fühlt, dass sie

lieber mit dem Bus zum Ausgangs -

hafen zurückfahren möchte, als noch

einmal ein Schiff zu besteigen. Für die

Gesamtstimmung ist das vielleicht

nicht so gut. Was soll denn das für

ein Urlaub sein? Segelurlauber wollen

baden, essen, gemütlich im Cockpit

plauschen – so wie es im Prospekt

gezeigt wird!

Man sollte ihnen aber vielleicht

auch sagen, Frühstückgeschirr wegräumen,

einkaufen, Wassertank füllen,

am Wind segeln, Gewitter in der

Nacht stehen ebenfalls auf dem Plan.

Natürlich gibt es die Segelurlauber, die

Rauschefahrt wollen, möglichst viele

Meilen, viele verschiedene Ankerbuchten

und Inseln, ein bisserl Sturm

– und dann einen einsamen Strand

mit Bar und Restaurant.

Was kann dann aber wer dafür,

wenn Flaute angesagt ist? Oder die

Rauschefahrt in die andere Richtung

zurück, gegen den Wind, nur halb so

lustig und schnell ist, aber gemacht

werden muss? Und dann: ein einsamer

Strand mit netter Bar und gutem

Restaurant. Das gibt es nicht. Nicht

in der Karibik, nicht in der Südsee,

nirgends.

Denn entweder gibt es auf dem

einsamen Strand kein Restaurant –

wer macht schon eines auf, wenn

keiner hinkommt? Eine nette Bar –

detto. Und wenn dort ein schöner

Strand ist, wie kann er einsam sein,

wenn jemand dort ein nettes Restaurant

aufmacht? Weiters, ein nettes

Restaurant, eine nette Bar könnten

Lärmbelästigung beinhalten. Dann

ist es vorbei mit der stillen Bucht.

LASSET SIE AN DER

ALLTAGSROUTINE TEILHABEN

Natürlich ist Segeln mit Freunden

schön, aber ich muss sagen, als Fahrtenseglerin

bin ich skeptisch. Da gibt

es den Spruch: Mach bloß nichts anderes

als sonst, wenn du Gäste hast!

Mach, was du sonst auch machst, iss,

was du sonst auch isst, lass sie an der

Alltagsroutine teilnehmen. Sie sind

da, weil sie sehen wollen, wie du

lebst. Sie wollen deinen Traum mit

dir teilen.

Ich denke, die besten Gäste sind

die, die keine Ahnung vom Segeln

haben. Blöd ist dann halt nur, wenn

keiner auf dem Schiff Ahnung vom

Segeln hat – eine Tatsache, die mir

beim Sommersegeln immer schon

auffiel. Schwarze Wand am Hori zont,

wir auf dem Schiff bei der Ankerwache,

Charterboot-Segler um uns

gehen gemütlich zum Abendessen.

Vielleicht ist es, weil unser Schiff

eben unser Schiff ist und man auf

seine eigene Wohnung einfach mehr

aufpasst. Kann sein. Aber was nützt

mir das, wenn mir dann ein anderes

Schiff auf den Bug treibt?

Ich geh’ jetzt einmal davon aus,

dass das hier nur Segler lesen, Interessierte,

die Ahnung haben und auch

schon einmal die Bordtoilette entstopfen

mussten. Allen anderen hoffe

ich, jetzt nicht den Urlaub völlig vermiest

zu haben.

Mein Tipp? Umsichtig sein, tolerant

und stets hilfsbereit. Dann kann ja

eigentlich nix mehr schiefgehen – und

dazu braucht man nicht einmal einen

Segelschein!


OCEAN WOMAN 2018 23


See you, miss you, love you!

XX XX

AUSGABE 2/2011

Canadier Ian und

Schweizerin Catharina

– Völkerverständigung

paarweise!

Laura und Mark lernten wir

kennen, als sie uns in Galapagos

das Taxiboot wegschnappten.

Da lässt man nämlich sein Dingi zu

Hause – pardon, zu Schiff –, wegen

der Stinkrobben, die es sonst belagern,

und leistet sich die 20 Cent für

das Taxi. Zuerst ließ also der Taxler

die Amerikaner einsteigen und erbarmte

sich dann doch noch unser.

Laura war mir gleich sympathisch

und streitet heute noch vehement ab,

dass sie den Taxiraub geplant hätte.

Zwei Tage später trafen wir sie wieder.

Auf Isla Isabella – immer noch

Galapagos – hatten wir gerade den

Hafenkapitän bestochen und durften

illegal eine Woche bleiben, als Laura

und Mark ums Eck bogen, ihre legale

400-Dollar-Ankererlaubnis vorwiesen

– und den Hafenkapitain trotzdem

bestechen mussten. Laura ärgert sich

heute noch, dass sie so blöd war, diese

Erlaubnis zu kaufen. Am Abend saßen

wir dann gemeinsam im illegalen

Grilllokal am Strand und wussten,

dass es auch mit Mitte dreißig noch

möglich ist, Freunde fürs Leben zu

finden. Eine Beobachtung, die sich

über all diese Reisejahre hinweg fortsetzen

würde. Auf den Marquesas trafen

wir Britta und Michael von der

Vera aus Berlin – mit denen wir nun

zurück in Österreich bereits zwei Skiurlaube

verbracht haben. Zuvor in der

Karibik waren wir in einer Runde von

Engländern, Franzosen und einigen

Schweizern zu finden. Sicher auch

wegen der Kinder, aber vielleicht auch

nicht.

Neuseeland schließlich wurde unvergesslich

durch Schelmi, den Tischler,

seine französische Frau Isabelle

und Antonio, den italienischen Millio

när, der uns am liebsten adoptiert

hätte. Dort trafen wir auch wieder auf

unsere Espis’ – Ilse und Helmut wohnen

jetzt praktisch bei uns ums Eck.

Und schließlich der Red Sea-Konvoi –

Skandinavien und Nachbarländer und

die Rishos. Große Aufregungen, tiefe

Freundschaften. Und das alles zu einem

Zeitpunkt in unserem Leben, an

dem man denkt, tja, so, mein Freundeskreis

ist komplett. Nix da. Und was

ist nun der Schlüssel dazu? Natürlich

das Segeln – eh klar. Man sitzt sozusagen

in einem Boot, hat gleiche Erfahrungen,

gleichen Mut bewiesen, alle

sind irgendwie Träumer, Abenteurer,

Fantasten.

DER TON MACHT DIE MUSIK

Noch ein Schlüssel? Ja. Englisch. Wir

wunderten uns immer etwas über die

abschätzigen Bemerkungen einiger

deutsch- bzw. österreichisch-beflaggten

Schiffe Amerikanern gegenüber.

Ein Schiff behauptete sogar, nicht zu

den Marchesas zu segeln, weil dort ja

alle „Amis“ seien. Wir waren auch

dort, mit gezählten vier österreichischen

Schiffen, drei Franzosen, zwei

Australiern und unseren einzigen

Amerikanern weit und breit – Laura

und Mark – in der großen Bucht bei

Nuku Hiva. Das erwähnte Schiff war

aber tatsächlich zu den abgelegenen

Gambier-Inseln gesegelt und hing

dort bald in der Flaute. 16 Tage ohne

Wind und ohne Amerikaner.

Ich wunderte mich schon damals.

Da segelt einer in die Welt und will

vor allem nur deutschsprechende

Leute treffen, da kann man doch

gleich in Deutschland oder Österreich

bleiben.

Des Rätsels Lösung brachte Laura.

Eines Tages am Ankerplatz in Papete,

dort wo sich wieder sehr viele Nationen

mischen, da jeder zum Carrefour-

Supermarkt einkaufen gehen will,

motorte Laura mit ihrem Dingi auf

ein deutsches Schiff zu, das sie schon

mehrmals gesehen, dessen Crew sie

aber nie kennengelernt hatte. Das besagte

„Ich-segel-nicht-zu-den-Marchesas

wegen-der-Amis“-Schiff. Davon

wusste Laura nichts. Ich beobachtete

das Treffen aus der Ferne – naja, ein

bisschen Schrebergarten darf doch

sein. Die Konversation war kurz und

unterkühlt, erzählte mir Laura.

ENGLISCH ALS ZWEITSPRACHE

Die Leute konnten kein Wort Englisch!

Das war es also! Sprachbarriere,

nicht Vorurteil! Laura und ich tranken

einen Cappuccino und ich vergaß

ganz, dass wir Englisch sprachen.

Peter begann englisch zu träumen,

und für Finn war Englisch irgendwann

eine Zweitsprache geworden.

Wie schön.

Und wie schön vor wenigen Wochen,

als Laura und Finn an unserem

Küchentisch in Wien die Köpfe zusammensteckten

und über einer Partie

Mancala grübelten. Oder Peter

Mark die Ingredienzien von Scheiterhaufen

auf englisch zu erklären versuchte.

Und als wir dann wieder

Adieu winkten, wussten wir einfach:

Egal, wie viele Jahre wir uns vermissen

würden, unsere Freundschaft

würde standhalten. Bye-bye, see you,

miss you, love you. Und nach den

viereinhalb Jahren mit der Risho

Maru weiß Finn eines ganz sicher:

Englisch lernt man nicht nur für die

Schule – sondern für das abenteuerliche,

aufregende Leben da draußen!

24 OCEAN WOMAN 2018


Das Crowhurst-Syndrom

XX XX

AUSGABE 1/2018

Da brachten die Jungs zehn Kilo Shrimps vom Fischtrawler, was blieb anderes übrig,

als die Elchkeule aus der Tiefkühle zu räumen …? Nichts ist schöner als an einem

gewöhnlichen Dienstagabend in Wien Segelfreunde nach einigen Jährchen wiederzusehen.

Der Abend war wirklich großartig.

Die Gastgeber-Weltumsegler

servierten selbst -

fabrizierte Wildschweinwürste. Dazu

Pecorino, Polenta und Wein – mitgebracht

aus Italien, aus der Latteria

hinter der Werft bzw. dem kleinen

Alimentari-Laden neben dem Weinbauern.

Die Gäste langten ordentlich zu.

Hungrig, denn die letzten Monate

waren fordernd gewesen. Die einen

hatten die Nordwestpassage passiert,

die anderen waren die Nordwest -

passage in die andere Richtung und

anschließend nonstop weiter von

Grönland nach Galicien, Spanien, um

dort die Großmutter der beiden Segelkinder

zu besuchen, gesegelt.

Die Gespräche drehten sich um

Packeis, Eisbären und die Probleme,

bei tiefen Wassertemperaturen

Fische zu fangen. Karl – der mit der

Schwiegermutter in Galicien – schilderte

die Möglichkeiten, einen Heilbutt

mit ordentlich Blei und einem

Plastik-Squid zu fangen. Seine Frau

Ali erzählte, während sie ihre Strickjacke

ablegte, dass es der ganzen Familie,

seit sie in Europa gelandet waren,

überall zu überheizt vorkam.

Die Jahresdurchschnittstemperatur

in Nuuk (Grönland) beträgt –1,4 °C.

Die höchsten Temperaturen werden

im Juli erreicht mit 10,6 °C. Also

kein Wunder. Die Seenomaden zeigten

dann ein Filmchen von einem

Ankerplatz irgendwo in der Nähe der

Beringsee. Dagegen ist die Bora-Welle

in der Kvarner im Juli Flachwasser.

Diese Abenteuer wurden alle im

gemütlichen Plauderton dargebracht.

Kein Aufschneiden – einfach Erzählungen

aus dem Alltag des Fahrten -

segelns. Das Gute, das Besch…, das

absolut Grandiose.

Wir waren gerade aus dem Einwinterungs-Wochenende

gekommen.

Und nein, ich erzählte nicht,

dass mir auf dem Schiff bei fünf

Grad kalt gewesen war. Wenigstens

gab es dort keine Eisbären – dafür

aber einige mit dem Crowhurst-Syndrom

behaftete Schiffsbesitzer.

EINE IRRE GESCHICHTE

Donald Crowhurst war ein Geschäftsmann,

der in den 1960er-Jahren

ein Navigationssystem erfand

und um es populär zu machen beschloss,

beim Sunday Time Golden

Globe Race – einmal nonstop um die

Welt – teilzunehmen. Allenfalls ein

Wochenendsegler, schaffte er es dennoch,

Sponsoren für den Bau eines

Trimarans zu finden und segelte los –

das Schiff unfertig, leckend, chaotisch.

Im südlichen Atlantik wurde

ihm klar, dass dieses Unterfangen

eine Nummer zu groß war. Doch er

musste gewinnen, da er das Geld und

den Ruhm brauchte. Und so beschloss

Crow hurst, seine Logbücher

und Funksprüche zu fälschen, um

vorzutäuschen, ganz vorn zu sein.

England glaubte ihm, bis man seinen

Trimaran im Nordatlantik treibend

fand. Crowhurst war nicht an Bord,

dafür seine Aufzeichnungen, die da -

rauf schließen ließen, dass er verrückt

geworden war.

Eine irre Geschichte, aber für mich

so wertvoll, weil ich endlich eine Diagnose

gefunden habe für Menschen,

die ohne Ahnung Schiffe bauen,

wahnwitzige Segelreisen ohne je gesegelt

zu sein planen, überzeugt sind

von sich, ihrem Können und ihrem

Schiff – selbst noch, wenn alles schon

den Bach, pardon, Ozean runtergeschwommen

ist. Manche enden (immerhin)

in der Karibik. Andere been-

den wegen kaputter Motoren (Segeln,

was ist das?), nicht vorhandener Stürme

und Haiattacken. Alles meist

medien wirksam in den sozialen

Netzwerken präsentiert.

Das Crowhurst-Syndrom. Eine

Mischung aus Ehrgeiz, Selbstüberschätzung,

Nichtwissen und Überheblichkeit.

An diesem außergewöhnlichen

Abend in Wien? Nichts

von alldem! Sondern vor allem Leidenschaft,

Mut, Respekt, Lebensfreude

und Humor.

Und wie war die Elchkeule? „Sehr

gut, aber bei zwei Wochen Sturm

schmeckt selbst der beste Elch nicht

besonders.“


+

+

The first drink on the other side of the ocean

… sagen die amerikanischen Yachties, wenn sie über das

beste der Atlantiküberquerung sprechen. Karla Schenk

mochte diese Weisheit. Karla blieb Karla, egal, wie oft sie

wo drübergesegelt oder -geflogen ist. „Prahlerei ist Bullshit“

sagen die Australier und Karla pflichtete dem bei.

Ich sah Karlas Ankunft in der Karibik mit dem letzten

„Büchsenlicht“. Es war Heiliger Abend.

Das Cockpit der Thalassa, Karla die Haare raspelkurz,

Shorts, die extravaganten Sonnenbrillen über die Stirn geschoben

– sie genoss die tropische Landschaft, die Wärme,

die Gesellschaft der Segelfreunde. Ein köstliches Dinner

an Land in frischer Luft, die romantischen Klänge der

Steelband. Sie erinnerte sich mit blitzenden Augen an das

Erwachen am ersten Morgen. „Wir waren aus dem tiefblauen

Meer in Las Palmas gestartet und hier in einer

helltürkisfarbenen Lagune vor Anker gegangen. Um uns

herum ein weißer Sandstrand, umrahmt von dunkelgrünen

Palmenwäldern. Man denkt, man ist im Märchen. Was

kann es Schöneres geben?“. Ruhe in Frieden, Karla.

Crowhursts vorgetäuschte

und tatsächliche

Position während

des Golden Globe Race

am 10. April 1969.

OCEAN WOMAN 2018 25


What shall we do with

Es war auf Tahiti. Wir hatten gerade den Anker fallen lassen nach einer

rauschenden Nachtfahrt von den Tuamotos. Vor uns ein uns nicht bekannter

Katamaran. Österreichische Flagge. Die Besitzer grüßten freundlich und riefen

schließlich: „Griaß’ eich! Kummt’s uma auf a Bier?“ Es war neun Uhr. Am Morgen.

Die Geschichte des Segelns ist

durchtränkt von Alkohol.

Nicht ohne Grund. Je weiter

sich die britisch/französisch/spanischen

Fregatten auf die Ozeane wagten,

um neue Welten zu erschließen

und in Folge zu kolonialisieren, desto

wichtiger wurde es, Lebensmittel

haltbar zu machen. 50 bis 100 Mann

galt es zu versorgen.

Ein Hauptproblem war das Wasser,

das schnell verrottete und nicht nur

ungenießbar wurde, sondern die

ganze Schiffsmannschaft außer Gefecht

setzte. So kam man auf die Idee,

Alkohol in Form von Wein und Bier

zu lagern. Jedoch auch da erwies

sich, das die Haltbarkeit äußerst

begrenzt war. Eine Atlantiküber-

querung z. B. dauerte damals 40 Tage

– wenn man schnell war. Cook segelte

auf der Suche nach einem neuen

Kontinent 117 Tage durch. Fast vier

Monate! Die Lösung war Rum.

WASSER MIT RUM

Durch die Erzeugung von Rum in

den karibischen Kolonien setzte eine

Wende ein. Die Engländer und Franzosen

bauten im 17. Jahrhundert Zuckerrohr

auf den karibischen Inseln

an, Europa verlangte nach Süßigkeiten.

Bei der Herstellung wurde ein

Teil der Molasse zur Erzeugung von

Rum verwendet. Zahllosen Fässer

konnten jedoch nicht in den Mutterländern

angebracht werden, da dort

Einfuhrverbot für Rum galt – man

wollte sich wohl den Whiskey-Markt

nicht ruinieren! Ein Kommandant

der Royal Army hatte dann die zündende

Idee: Man schenkte Matrosen

ab sofort ein halben Pint Rum pro

Tag aus. Gemischt mit zwei Teilen

Wasser war die Truppe zwar etwas

beduselt, aber der Durst war gelöscht,

die Haltbarkeit sensationell.

Und die Laune gut. Was bei den Lebensbedingungen

für Matrosen in

dieser Zeit nicht schaden konnte. Die

Mannschaften waren zufrieden, denn

mit etwas Alkohol im Blut stieg der

Mut, feindliche Schiffe zu entern

oder im Sturm um Kap Hoorn ans

Ende des Bugsprits zu balancieren.

Abgeschafft für die Tradition der

Royal Navy 1970. Man fand, dass

man die inzwischen höchst technisierten

Navigationsgeräte und andere

Tätigkeiten an Bord ohne Alkohol im

Blut besser und genauer bewältigte.

In Neuseeland durften Matrosen

Top-Location für Sun -

downer: Das Ankerfeld

auf den Marchesas.

26 OCEAN WOMAN 2018


the drunken sailor? AUSGABE 4/2015

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noch bis 1990 ihre Ration verlangen!

Das bringt mich zurück zum morgendlichen

Bierchen in Tahiti. Wir

baten um Kaffee. Und saßen im

knallheißen Cockpit auf Plastikbänken

von Bierdunst umhüllt. Fast wie

auf der alten Donau im Freibad, das

wir vom Jollensegeln kannten.

Die Crew des Katamarans machte

den Anschein, als würde sie auch im

Freibad gerne zu langen, wenn’s um

alkoholische Genüsse geht. Unterschied

dabei: Sie sitzen im Freibad

nicht auf einem Gefährt in der

Schwere eines Lkw, das sie jederzeit

manövrieren können sollten …

APROPOS MANÖVER

Manöverschluck, Auslauf-Bierchen,

Anlege-Schnäpschen. Oder Wende-

Stamperl, Anker-Viertel, Panik-Achtel

(bei Bora!), Zwei-Meter-Wellen-

Enzian, Drei-Meter-Wellen-Wodka

… die Liste lässt sich unendlich fort-

Genussvoll: Pastis mit

italienischen Spezereien.

Ein Manöverschluck muss

nicht hochprozentig sein.

setzen. Und wird auch eventuell gerne

vorgeschoben, um die zahllosen

kalten Biere im Kühlschrank anzukriegen.

Erst kürzlich war mein Skipper-Ehemann

zu einem Bootsausflug

geladen und wunderte sich nicht

schlecht, als es „vor dem Ablegen“

gleich einmal Alkoholika gab. Es war

zehn Uhr morgens – immerhin. Auf

Nachfrage, er hätte lieber Wasser,

waren die Organisatoren irritiert.

Wasser war keines eingekauft worden.

Nur Bier. Sonst nix.

Die Matrosen im 16. Jahrhundert

hätten es hingenommen und sich

gestärkt, um trotz 40 Knoten Wind

ungesichert 30 Meter in die Takelage

zu klettern und danach ihre Essensration

inklusive Madenbefall runterzuschlucken.

Und das für die nächsten

Monate oder Jahre.

Beim Bootsausflug gab es Wurstsemmeln

(ohne Maden) und die Reise

war nach einigen Stunden vorbei.

Die Stimmung war mehr feucht als

fröhlich. Mein Skipper grummelte

grantig: „Was hat das denn noch mit

Seemannschaft, Schifffahrt und Genuss

daran zu tun?“ Nun ja, vielleicht

haben die Seefrauen gefehlt, die ausdrücklich

nicht eingeladen waren.

Ich versuchte, ihn mit einem Shantey

aus Stevensons Schatzinsel aufzumuntern.

„Fifteen men on the dead man‘s

chest Yo-ho-ho and a bottle of rum,

drink and the devil had done for the

rest.“

Womit ich wieder beim Rum lande.

Die Tres Hombres segeln ihn aus

der Karibik nach Europa und es

spricht nichts dagegen, ein paar Pints

dieses vollmundigen Rums von Kroatien

nach Griechenland zu segeln

und zu genießen. Aber eben mit

Maß. Und Stil. Denn Traditionen

sind schön. Solange sie nicht ausarten

und grölende Männercrews in

Buchten zurücklassen. Oder Yachten

What shall we do with a drunken sailor

Drunken Sailor ist ein traditionelles Shanty (Arbeitslied der

Seefahrer) im dorischen Modus. Die Melodie wurde ursprünglich

dem traditionellen irischen Tanz- und Marschlied

„Oró Sé do Bheatha ’Bhaile“ entnommen.

Publiziert wurde der Liedtext erstmals 1891 unter dem

Titel What to Do With a Drunken Sailor?, wobei die Melo -

dien bereits 1824–1825 in Cole‘s Selection of Favourite

Cotillions in Baltimore herausgegeben wurden. Eine andere

Version schrieb Richard Runciman Terry, die im Liederbuch

The Shanty Book, Part I, Sailor Shanties abgedruckt.

Liedtext:

What shall we do with a drunken sailor,

What shall we do with a drunken sailor,

What shall we do with a drunken sailor,

Early in the morning?

Refrain:

Way hay and up she rises,

Way hay and up she rises,

Way hay and up she rises,

Early in the morning

Traditionelle Verse:

1. Put him in the long boat till he‘s sober,

2. Put him in the scuppers with a hose-pipe on him.

3. Shave his belly with a rusty razor.

4. Put him in bed with the captain‘s daughter.

5. Take him and shake him and try to awake him.

Zusätzliche Verse:

6. Have you seen the captain‘s daughter?

7. Put him in the bilge and make him drink it

8. Truss him up with a runnin‘ bowline.

9. Give ‚im a dose of salty water.

10. Stick on ‚is back a mustard plaster.

11. Send him up the crow‘s nest till he falls down,

12. Tie him to the taffrail when she‘s yardarm under,

13. Soak ‚im in oil ‚til he sprouts a flipper.

14. Put him in the guard room ‚til he‘s sober.

15. That‘s what we‘ll do with the drunken sailor.

16. Keel haul ‚im ‚til he‘s sober.

17. Put him in a hole with an angry weasel.

18. Scratch his back with a cat o‘ nine tails.

Variationen:

a. Keep him there and make ‚im bale ‚er.

b. Pull out the plug and wet him all over,

c. Shave his balls with a rusty razor.

d. Give ‚im a taste of the bosun‘s rope-end.

e. Heave ‚im by the leg with a runnin‘ bowline.

auf kroatischen Felsen parken. Oder

Ausflugsschiffe zu Heurigen umgestalten.

Die Katamaran-Segler aus Tahiti

luden wir dann im Gegenzug zum

Kaffee ein. Mit selbstgebackenen

Brownies. Sie fühlten sich wohl,

glaub’ ich. Es war zwei Uhr. Am

Nachmittag.


OCEAN WOMAN 2018 27


Kapitän, ich bin im Kino!

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AUSGABE 4/2011

(Gesungen:) „Ta, ta, tataaaa … tatat … tatatatatatat … tatataaaaaaaat tatata“.

Na? Haben Sie es erkannt? Natürlich!

Die Kennmelodie der

„Onedin Linie“. Peter Gilmore

– etwas brummiger, aber genialer

rothaariger Kapitän Onedin in Dauerkonkurrenz

mit einer anderen

Schiffslinie. Was für ein Kapitän!

Was für grandiose Segelboote, gleich

zur Eröffnung. Damals, als ich die

Serie sah, war ich noch ein unerfahrenes

Segelkücken. Aber heute, wenn

sie mir zwischen die Finger kommt,

sehe ich den hohen nautischen Anspruch.

Und dass auf Originalschiffen

gedreht wurde!

SEGELN UND FILME

Ist man wie ich mit einem Seemann

verheiratet, kommt man an diesen

Filmen nicht vorbei. Sobald ein

Fetzchen Segel auftaucht – auch wenn

nur in einer alte Columbo-Folge, in

der der Mörder auf dem Schiff lebt –

heißt es sogleich: „Ahh, schönes

Schiff, schlecht gesetzte Segel, die

Schauspieler haben echt keine Ahnung.“

Als gelernte Schauspielerin verteidige

ich dann meine Zunft und sage: „Na,

eigentlich sagen ja die Regisseure, was

zu tun ist? Und der Kameramann

filmt!“. Egal. Es kommt ja nicht so oft

vor, dass Nicole Kidman ein 47-Fuß-

Segelboot allein aufriggt und dabei

auch noch mit wallenden Gewändern,

toll geschminkt und perfekt frisiert

auf dem Vordeck steht. Bei 25 Knoten,

von der Seite. Immerhin muss sie

im Streifen „Todesstille“ ihren Mann

vor einem irren Massenmörder retten.

Es ist eben bei den Segelfilmen

genauso wie bei den Arztserien oder

Polizeithrillern: Wer Ahnung von

diesem Metier hat, sieht die kleinen

bis großen Ungereimtheiten, aber

sieht eben auch darüber hinweg.

Und dann ist es natürlich schon

besonders toll, wenn einer wie Jeff

Bridges das Kommando übernimmt!

Auch wenn er sein Schulschiff leider

in einem „White Squall“ versenkt. So

auch der Titel des Filmes.

Schade nur um seine hübsche,

tolle, coole Frau und Skipperin. Sie

wird mitversenkt und vielleicht liegt

es daran, dass ich mir den Film bis

heute nicht besonders gern anschaue.

Ein Freund schenkte uns in der Karibik

„Captain Ron“, Kurt Russell als

vertrottelter Charterkapitän. Sehr

blöd, sehr oberflächlich, sehr lustig.

Familie muss zwecks Erbe altes, verrottetes

Segelboot von der Karibik

nach Florida überstellen. Aus dem

faden Familienvater, der Tussen-

Mama und den beiden verwöhnten

Kids wird ein richtig tolles Team!

Na, wenn das nicht ein Ansporn ist,

mit der Familie segeln zu gehen!

Oder zum Beispiel Russell Crowe

in „Master and Commander“. Meine

Seemänner lieben diesen Film, Seeschlachten

ohne Motor – alles Taktik!

Und ich muss zugeben, Russell

Crowe passt die Frisur meines Mannes

sehr gut. Ja, auch mein Mann

hätte die Franzosen so gekonnt seglerisch

ausgetrickst – nur dafür sicher

den Oskar gewonnen, was Russell

Crowe nicht gelungen ist!

Aber es gibt auch Kapitäne, die ins

Wasser müssen – wie Kevin Costner

in „Message in a bottle“. Ein Schiffsbauer

an der amerikanischen Ostküste,

Holzschiffe natürlich, traumhaft

schön und dazu eine Liebesgeschichte.

Aber ohne Happy End!

In „Waterworld“ hingegen schafft

es der Kevin, dass alles gut ausgeht.

Auf einem heißen Trimaran übrigens.

Der Mann kann wirklich segeln

– oder er spielt es gut!

Bei Johnny Depp ist sie erwiesen –

die Schwäche zum Segelsport. Hat er

doch schon an einigen Regatten

teilgenommen, sein eigenes Schiff

ist aber eine Motoryacht aus den

1930er-Jahren. Ansonsten genial:

„Captain Sparrow“. Wankend, mit

Seemannsbeinen. Und natürlich zerfetzten

Segeln.

ABER BITTE WO SIND DENN DIE

FRAUEN IN DEN SEGELFILMEN?

Bis auf eine versenkte Skipperin ist

das Aufkommen rein seglerisch gering.

Selbst in „Seewolf “ – egal, ob

mit Kartoffel oder ohne.

Frauen an Bord sind schmückendes

Beiwerk. Da bin ich ja froh, dass

Geena Davids es doch schafft, in

„Die Piratenbraut“ den Säbel und die

Segel auszupacken. Blöderweise einer

der größten Kinoflops der Filmgeschichte.

Ach, dieses Hollywood! Gut, dass

im wirklichen Leben alles ganz anders

ist, oder?

„… Tatatatata … tatata … tatataaaaaaaaaaaa

…“ (Geigen).

28 OCEAN WOMAN 2018


I am sailing …

Musik an Bord!

Nicht nur Herr Rod Stewart mag Segeln und Musik. Auch wir,

mein Skipper und ich, musizieren an Bord und wenn nicht

anders möglich an Land – dann natürlich mit Band.

XX

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AUSGABE 1/2013

Skipper und Ehemann

Peter, die Gitarre

und das Meer.

Manchmal ist die Beschallung

an Bord auch unfreiwillig,

zum Beispiel letztes Jahr an

der Küste Istriens von Veruda bis

Umag. In jeder Bucht gab es ab 21

Uhr Disco, Techno, Schlager, Volkslied.

Gegen keine dieser Musik arten

wäre etwas einzuwenden, nur die

Ausführung ist bisweilen Ohren zerstörend.

Laut, schlecht und endlos.

Viel kann man dabei aber über Physik

und den Schall lernen. In welches

Eck der Bucht verhole ich mich, um

doch ein bisschen schlafen zu können?

Besonders schwierig war es in

einer bekannten istrischen Bucht mit

einem Wasserski-Lift. Das Hotel dort

spielte Disco und im Tanzschuppen

in der Nebenbucht gab es ein Rave.

Der Mix traf sich genau über unserem

Schiff. Um drei in der Früh waren

wir sicher, dass nun ein Ende in

Sicht war – doch nach der Pause ging

es beschwingt hämmernd weiter und

der letzte Ton entschwand um sieben

Uhr mit dem Morgendunst.

Unfreiwillige Beschallung kann

auch vom Nachbarschiff kommen:

Entweder wenn es dort eine Party zu

feiern gibt, oder wenn Segler ihr

Song-Repertoire auspacken. Bei österreichischen

Crews wird oft „Schifoan“

zum Höhepunkt der musikalischen

Darbietung, was auf einer

Yacht seltsam ist, außer vielleicht in

der oben genannten Wasserski-

Bucht. Glück hat man, wenn unser

segelnder Tiroler Karli am Ankerplatz

ist, da ertönt meist nach der

Mittagsschlafzeit die „Quetschn“

über das Ankerfeld. Karli übt fleißig

und macht super Fortschritte, findet

auch Sissi, sein Hund, der gern mitjault

– sorry, singt.

HARFENKLANG IM PAZIFIK

Auf unserer Weltumsegelung trafen

wir vor allem irische Segler, die zu

drei Gitarrenakkorden circa 200 ähnlich

klingende irische Folksongs anstimmten.

Je später die Abendstunde,

desto melancholischer, weil meist der

Biervorrat zu diesem Zeitpunkt ex -

trem geschrumpft war.

Die englischen Crews haben selten

Instrumente dabei, dafür lernten wir

durch sie ein Gesellschaftsspiel kennen,

das wahrscheinlich wegen der

hysterischen Lachsalven an Bord die

anderen Boote im Umkreis auch auf

die Palme brachten. Man teilt Kärtchen

aus, auf denen berühmte Songs

aus allen Sparten stehen, die man

nachpfeifen muss und die anderen

müssen draufkommen, welcher Song

es sein könnte. Versuchen Sie mal „I

Can’t Get No Satisfaction“ zu pfeifen!

Selbst mit größter Leidenschaft vorgetragen,

kann das Erraten unmöglich

sein.

Für Überraschung sorgte eine

Amerikanerin. Die Harfenistin Gail

schleppte ihr Instrument auf jede pazifische

Insel, dort wartete bereits die

coole Dorfjugend, um mit Ukulelenklängen

mitzu jammen. Auf Suwarow

trafen wir John, den Ranger des

Atolls, der sich als geschmeidiger

Rocksänger entpuppte. John hatte

etwas von Jack Johnson, dem singenden

Surfer, der sämtliche Charts

anführt und auch die Favorite-Song-

Liste auf unserer Risho Maru.

MUSIK UND SEGELN PASSEN

EINFACH ZUSAMMEN

Einerseits, weil man als segelnder

Musiker an wunderbare Plätze

kommt und Musiker trifft, anderseits,

weil man auch wieder schnell

abhauen kann, wenn der Musikgeschmack

der Nachbarn schmerzt.

Wer jetzt Lust auf ein Instrument

an Bord bekommen hat, dem sei die

allseits beliebte Gitarre empfohlen.

Das Triangel ist für Übfaule durchaus

eine Möglichkeit.

Seefrau Laura hatte ihr Yamaha-

Keyboard dabei und spielte Bach auf

Tonga. Eve aus Australien liebte ihre

Klarinette auch in Neuseeland. Beat,

der Geiger aus der Schweiz, spielte

auf den San Blas Inseln Weihnachtslieder.

Für kleine Boote empfiehlt

sich die Maultrommel – weil Mundharmonika

ist so was von out.

Wer gar nix kann, gönnt sich einen

iPod mit ordentlichen Segelsongs.

Vorschläge unten, Lautstärke mittel –

außer bei müden Nachtfahrten mitten

auf dem Ozean. Delfine mögen

übrigens balinesische Flötenklänge,

dazu passend wären Spinnaker und

tausend Sterne. Segeln – und alles ist

möglich!


Songlist der Risho Maru

Jack Johnson/In between dreams:

Am Ankerplatz nach dem Surfen

Pat Metheny/Missouri Sky: Blister Sailing bei flacher See

Marcos Valle: Zum Wachbleiben in langen Nachtfahrten

PAF/Wellenzeit: Für alle Fälle, einmal um die Welt!

OCEAN WOMAN 2018 29


Gefangen im

Und da war ich mal wieder. Auf

der Boot Tulln. ocean

woman wurde ja einst dort

aus der Taufe gehoben. Die erste Kolumne

ging damals erfolgreich, wenn

auch „bootsmessenkritisch“ über die

Seebühne. Es war der kritische Blick

einer Seefrau, die zwar gern segelt,

aber Hallen mit aufgebockten Plastik -

yachten, schlechter Luft und noch

schlechterem Kaffee definitiv nichts

abgewinnen konnte. Und daran hat

sich bis heute nichts geändert.

Aber dennoch, irgendwie bedeutet

die Bootsmesse in Tulln immer: Die

Segelsaison rückt näher! Ich setzte

mich an diesem Samstag auf eine

knallorange Plane unter einer großen

Yacht irgendeiner Marke – sorry, keine

Ahnung, welche – während meine

Seemänner eine drei Meter hohe Leiter

bestiegen, um sich in eine Menschenschlange

ohne Schuhe einzureihen.

Vor mir lag ein Hund und blickte

mich erwartungsvoll an. Vielleicht

wegen der typischen Bootmessen-

Snacks, die sich auf einem Kaffeehaustisch

neben mir türmten? Soletti,

Zuckerl, Chips, Speckbrotreste.

Der Yachtvertreter und Hundebesitzer

steuerte freudenstrahlend auf

mich zu. Ich schenkte dem Hund

meine Chips und flüchtete. Meine

Seemänner winkten mir fröhlich von

Deck und verschwanden im Polyesterbauch

der Yacht. Einige Meter

weiter stoppte ich abrupt, da ich –

oh Schreck – ein iPhone in einem

Aquarium versinken sah.

Braucht es Internet an

Bord? Im Urlaub? Nein.

Bei uns nicht. Nicht auf

dem Schiff. Wenn unbedingt

nötig, frequentieren

wir ein Internetcafé,

dies aber auch eher aus

nostalgischen Gründen.

menge, einer von ihnen warf sein iPad

dem iPhone nach. Mit Kondom natürlich.

„Toll, praktisch, perfekt, cool, genial

– wozu?“ fügte ich der Lobeslitanei

leise zu. Zu leise, keiner beachtete

mich. „Jederzeit einsteigen ins Netz,

überall Wetter runterziehen, Mail

checken, absolute Freiheit.“ Etwas abseits

stellte ich mir diese begeisterten

Messebesucher im Sommer auf ihren

Charter yachten vor, wie sie gerade

online ihr Handy im Bora-aufgewühlten

Adria-Gewässer versenkten und

die neueste Wetterkarte auf dem nassgespritzten,

salzkrustigen iPad-Gehülse

nicht entziffern können. „Scotty, es

könnte sein, dass wir eine Bora kriegen,

beam uns hier weg!“

Der Artikel „Life without the Web“

vom amerikanischen Comiczeichner

James Sturm rückte in mein Gedächtnis.

Der hatte sich freiwillig vier Monate

ohne Internet verschrieben. Das

Handy hatte er zwar eingeschaltet,

aber nur, um zu telefonieren und

sonst nix.

LEBEN OHNE INTERNET?

Wäre das möglich? Wäre das lebbar?

Wäre das sinnvoll? Ich erinnere mich

an meine erste Bekanntschaft mit Facebook.

Wir waren gerade vier Tage

von Sri Lanka zu den Malediven gesegelt.

Ein Minidorf ganz im Norden

der Inselgruppe, Häuser mit hohen

Lehmmauern, Männer die sich allesamt

als Agents, Tourist guides oder

Ship Chandler ausgaben.

Nach einigen Tagen lernten wir die

Menschen etwas näher kennen. Die

unverheirateten Mädels waren mitten

im Geschehen, fröhlich und mit Handys

ausgestattet, die in selbstgenähten

funkigen Täschchen an ihren Hälsen

baumelten. Als wir so ins Plaudern

TRAGÖDIE? NEIN, WERBUNG!

Das iPhone trug eine Art Handy-Plastikkondom

und schwebte langsam auf

den falschen Sandgrund seines Wassergrabes

zu. Rund um das Becken

stand eine staunende Messebesucher-

30 OCEAN WOMAN 2018


Netz

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AUSGABE 3/2013

kamen, fragten mich die Girls, ob ich

denn Michael Ballack kenne. Sorry,

keine Ahnung. The Soccer Star! German

guy, very good looking! Und

schon zückten sie ihre Handys, stiegen

ins Netz ein und Facebook erleuchtete

vor meinen erstaunten Fahrtenseglerinnenaugen.

Heute bin ich selber dabei. Klar. Ich

weiß, natürlich könnte ich hier schreiben,

dass mich so etwas gar nicht interessiert

– aber ehrlich: So stimmt das

nun auch wieder nicht.

Aber dafür im Sommer auf dem

Schiff einen kroatischen Internetstick

kaufen? Sicher nicht. Auch mein Skipper

pfeift auf Internet auf dem Schiff,

wenn wir drei Wochen durch die kroatische

Inselwelt zuckeln. Wenn unbedingt

nötig, frequentieren wir ein Internetcafé,

dies aber auch eher aus

nostalgischen Gründen. Auf unserer

Weltumsegelung war dies nun mal die

beste Verbindung nach Hause. Und ich

spreche hier von Weltumsegelung. Mit

fernem Pazifik, wildem Jemen, indonesischem

Dschungel. Nicht von Mali

Lošinj, Korcula und Murter.

Braucht es Internet an Bord? Im Urlaub?

Nein. Bei uns nicht. Nicht auf

dem Schiff. Wetter gibt es auch im Radio

oder noch besser: Schaut euch die

Wolken an, riecht die Luft und sucht

einen sicheren Hafen (in Kroatien gibt

es den wahrscheinlich alle zehn Seemeilen).

Und was ist mit meinen Mails,

Blogs, Jobs, Networks, Google, Twitter,

WhatsApp …?

Ok., bei der nächsten Weltum -

segelung sind wir wieder online beim

Segeln, aber sonst: Vielen Dank für

Ihre Nachricht! Ich bin am TT.MM.JJJJ

ab hh:mm Uhr wieder erreichbar. Ihre

Nachricht wird nicht weitergeleitet!

Mit den allerbbesten Grüßen, Ihre

oceanwoman.


Wellenzeit – Drei

segeln um die Welt

In viereinhalb Jahren umsegelten

Peter, Alexandra und Sohn Finn

(heute 18 Jahre alt) auf ihrem Katamaran

Risho Maru die Welt!

Sie trafen „Jungle Man“ in der Karibik,

entdeckten die glücklichen Inseln

der Südsee, auf denen auch Polizisten

Blüten hinterm Ohr tragen, und verliebten

sich in die süßen, aber furchtbar

stinkenden Seehunde auf den

Galapagos-Inseln. Und sie stellten

fest, dass der Erzherzog-Johann-

Jodler auch den Leuten im Insel -

archipel Vanuatu im Pazifik gefällt!

Und Sohn Finn?

Möchte nach der Matura mit

seiner Risho Maru um Kap Hoorn

segeln und wird dabei seine

E-Gitarren nicht zu Hause lassen.

Alexandra Schöler-Haring/Peter

Schöler: Wellenzeit – Drei segeln um

die Welt. E-Book, 294 Seiten,

52 Fotos, Aequator Verlag, ISBN-13

9783957370150, € 9,99

Ankunft in Italien nach

4,5 Jahren Weltumsegelung.

OCEAN WOMAN 2018 31


Sport an Bord

Oder: Hit the trail, Jack

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AUSGABE 5/2011

Es gibt Leute, die nicht segeln wollen, weil sie nicht genug Bewegung dabei

finden. Den ganzen Tag auf dem Boot sitzen. Die tägliche Routine des Joggens

im Park, des Fitnesscenterbesuchs, die Laufmaschine im eigenen Wohnzimmer

missen zu müssen. Das scheint unvorstellbar. Auch im Urlaub.

Ich spreche hier nicht vom anstrengenden

Regattasegeln, nein, ich

spreche vom fröhlichen Zwei-Wochen-Chartertörn

oder auch dem Leben

auf dem Schiff als Fahrtensegler.

Hier kommt die gute Nachricht für

Betroffene: Es gibt sie, die Trainingsprogramme

für Yachties! Ideenführend

dabei – die amerikanischen Fitnessgurus.

Im Internet. Natürlich.

„Use Steps!“, stand da fett auf einer

sportlich gelayouteten Yachting-Web -

site. Stufen? Ich überlegte einmal

stark, wo wir denn auf unserem

Schiff Stufen hätten. Der Niedergang!

In unserem Fall eine Leiter. Fünf

Sprossen. Ich las weiter. „Stop at the

gym“. Was? Beim Tipp „Order smart“

hatte ich’s kapiert. Die Yacht stand in

diesem Fall für Kreuzfahrtschiff –

hochhaushoch – da leuchtet das Stufen-Training

natürlich ein und das

Fitnesscenter und das Küchenservice.

Ich war aber auf der Suche nach einem

Fitnessprogramm für Segelboote!

Nicht unbedingt für mich selbst,

denn als Fahrtenseglerin war mir der

Gedanke an mehr Bewegung selten

gekommen. Selbst die 21-tägige Pazifiküberquerung

ließ bei mir keine

Fitnesslust aufkommen – ich war

damals von den Nachtwachen derart

übermüdet, dass das Setzen der Genua

mich so erschöpfte, als hätte ich

soeben 100 Liegestütze gemacht.

Aber ich wollte endlich argumentieren

können, wenn das Thema „Zu

wenig Bewegung an Bord“ angesprochen

wurde.

Und so lernte ich Jack kennen. Im

Internet. Natürlich.

Jack ging mit seinen Freunden an

der Westküste Amerikas segeln und

Jack wollte fit bleiben und sogar noch

ein bisschen fitter werden. Und er ist

Vegetarier. Jack wusste auf all meine

Fragen eine Antwort. Ich hatte keinen

Ahnung, wie Jack aussah – was

im Netz eher unüblich ist –, aber ich

kriegte nach und nach beim Lesen

seiner Fitness-Yachties-Tipps eine

Idee davon.

PRACTICE YOGA

Wo genug Platz zum Sonnenliegen,

da auch genug Platz zum Trainieren!

Ich höre gerade sämtliche Chartercrews

erschrocken die Luft anhalten

bzw. den Bauch einziehen. Dort vorne

am Bug, wo wir so gerne rösten,

sollen wir trainieren?

Jack schlug den „Sonnengruß“ vor.

Eine Kombination mehrerer Yogaübungen.

Und meinte, wenn es sehr

rau wird beim Segeln, hält er sich

beim Vorsegel fest, um die stehenden

Yogapositionen entspannt durchführen

zu können. Der Tänzer. Der

Krieger oder das Triangel. Der Seegang,

die Schräglage oder die Welle

ins Gesicht. Willkommen beim

Segel yoga. Vielleicht sollte ich da

Kurse anbieten? Aber sicher gibt es

das schon. Im Internet. Natürlich.

Ich gebe zu, das mit dem Yoga hab’

ich auch bei uns an Bord probiert.

Auf dem Katamaran mit viel Decksfläche.

Trotzdem hab ich mich bei

Winschen, Lukdeckeln und Wasserkanistern

angehauen, bin in Sonnendächern,

Seitenwanten und Relingstangen

hängengeblieben. Keine

Ausrede für Jack. In der Ankerbucht

geht’s an den Strand – mit Handtuch,

Matte oder der Bereitwilligkeit, etwas

sandig zu werden. Dazu Sonne, Meeresrauschen

und einige glotzende Strandgäste

– perfekter Friede für Körper und

Geist.

MEDITATE – MEDITIERE

Egal, ob quengelnde, seekranke, sich

lustig machende Mannschaft, „sei ganz

in dir, fühl’ die Bewegung der Wellen

und verbinde dich mit der großartigen

Energie rund um dich“. Und schlaf ’ dabei

nicht ein – das ist mein Tipp dazu.

HIT THE TRAIL

Übersetzt: „Geh’ joggen“. Ich hab’ das

mehrmals beobachtet. Vorwiegend bei

Chartergästen. Beim Fahrtensegeln

praktizierte ich das einmal. Auf den San

Blas-Inseln bei Panama. Wir waren drei

Tage wegen Starkwinds auf dem Schiff

eingeschlossen. Und das Inselchen, hinter

dem wir uns versteckt hatten, war

nach 20 Minuten zu Fuß gemütlich umrundet.

Also ging ich laufen. Aber nur

einmal – die Einheimischen schauten

mich an, als wäre ich nicht ganz bei

Trost.

WALK ON THE BEACH

Aber wehe, einer bleibt stehen um Muscheln

zu sammeln oder glaubt, ein

Besuch der Strandbar ist auch Training!

No way!

GO FOR A SWIM

Das bietet sich doch an. Zehnmal ums

Schiff. Blöd ist nur, wenn man gerade

wie meine Freundin Laura in Australien

segelt. Nun, dann kann man es sich aussuchen:

Krokodile oder Speckröllchen.

32 OCEAN WOMAN 2018


Kanutin Alexandra

auf Huhaine.

SEA KAYAKING

Die Gegend ohne Motorlärm erforschen

und dabei gegen wabbelige

Oberarme arbeiten. Kein Platz für

Boote am Boot? Es gibt aufblasbare

Kajakvarianten – da ist dann das

Aufblasen selbst schon ein Sport.

FIND SOME WAVES

Ok. Jetzt wusste ich, wie Jack aussah

– trainiert, braungebrannt und wahrscheinlich

Mitte zwanzig. Surfer.

Und was tun als Nicht-Surfer? No

Problem. Probieren Sie einmal, auf

einem Surfbrett bei Flachwasser zu

stehen. Das zirka eine Stunde lang

und man kann sich sämtliche Fitnesscenter,

Push up, Klappmesser et

cetera sparen. Und Farbe kriegt man

auch. Klingt gut!

EAT LOCAL

Lieber Jack, ich weiß inzwischen, du

segelst in der Baja California, bist

Skipper Peter

surfing Bonaire.

Kiten auf den Los

Roques, Venezuela.

Surfer und gehst mexikanisch essen

– vegetarische Tapas, Mangos, Papayas,

Ananas. Einmal Mittagessen – so

um die fünfzig Cent. Aber wir sind

hier zum Beispiel in Kroatien und

essen gehen kann ziemlich teuer

werden. Ich empfehle wieder meine

allseits bewährte Portion Spaghetti

mit Knoblauch, Chili und Olivenöl –

herrlich. Im Cockpit mit Kerzenlicht.

Und da kann man dann auch darüber

nachdenken, wie wichtig dieses

Fitnesstraining nun wirklich ist. Ob es

nicht wichtiger wäre, einfach einmal

dazusitzen und nichts zu tun. Zu

schauen und zu denken und vielleicht

sogar miteinander zu reden. Denn das

kann man auf dem Schiff wirklich gut.

Vor allem wohl deshalb, weil man auf

dem Schiff etwas schwieriger vor sich

selbst und anderen davonjoggen kann.

Was meinst du Jack?

Jack? … Wo bist du? … Oh – alles

klar … im Internet. Natürlich.

OCEAN WOMAN 2018 33


Seekrank

AUSGABE 4/2014

Von Pflastern, Kübeln und anderen Geheimmitteln.


Auf Kats wird man

nicht seekrank –

zumindest wir nicht!

Wie jedes Jahr schleppte ich

mich auch dieses Jahr auf

der Boot Tulln von Halle

zu Halle. Meine Männer waren wie

jedes Jahr voller Freude und Glück!

Ich fühlte mich ermattet, etwas

schwindlig, leichte Kopfschmerzen

pochten in meinen Schläfen, mein

Mund war trocken. Da stoppte

ich vor einem Stand, der all diese

Symptome großartig auf einem

Video ankündigte.

Interessiert blieb ich am Bildschirm

hängen und da erschien es:

das Pflaster. Hinter ein braungebranntes

Ohr geklebt, das unter einer

Seglerkappe an einem Seglerkopf

angewachsen war. Der Segler lachte.

Die Seglerin staunte. Ich war also

tatsächlich zum ersten Mal seekrank

geworden. Auf der Tullner Bootsmesse.

SEEKRANKHEIT, SEASICKNESS,

MAL DE MER, NAUSEA, BEWE-

GUNGSKRANKHEIT, KINETOSE

Egal, wie man es dreht, wendet oder

nennt: Seekrank zu sein ist übel.

Zuerst hat man Angst zu sterben,

schließlich wünscht man sich nichts

sehnlicher.

Ich spreche nicht aus Erfahrung,

denn bislang hatte ich an den ersten

Segeltagen höchstens etwas Kopfweh

und weniger Appetit. Natürlich, unter

Deck würde ich bei Seegang nicht

gerade Marmeladen einkochen und

Scrabble spielen. Unser Sohn Finn

hätte selbst damit kein Problem. Er

spielte schon als Kleinkind in seiner

FOTO: SHUTTERSTOCK

Koje kopfüber Lego oder las begeistert

Asterix und Obelix, während der

Rest der Crew dem Neuseeland-

Sturmtief trotzte.

Der Kapitän fütterte nur einmal

die Fische, als ich zwischen Lanzarote

und Teneriffa Backsoda statt Salz

in den Kartoffelauflauf getan hatte.

Interessant dabei: Den etwas seltsamen

Geschmack hatten wir uns mit

den ersten schaukeligen Seemeilen

nach einigen ruhigen Marina-Wochen

erklärt. Was ich stets vor längeren

Passagen machte, war vorzukochen.

Sagen wir mal so: Ein Topf

Chilli für drei Tage. Reicht völlig,

weil viel Appetit hat sowieso keiner.

Außer unser Sohn. Aber Ausnahmen

bestätigen die Regel.

Was sich bei uns in der Speisekoje

weiters türmt, sind Salzgebäck,

Grissini und Cracker. Das Segelessen

par ecellence! Erstens soll man ja –

von vielen Seiten bestätigt – immer

etwas im Magen haben und zweites

schmeckt es gut. Dazu das obligatorische

Cola und alle Anflüge von Seekrankheit

sind auf unserem Katamaran

eingedämmt.

Ahhhh … Katamaran! Der immer

sprühende Blauwassererzähler Bobby

Schenk ließ es sich auch diesmal

nicht nehmen, am

-Messestand

die Vorzüge des Katamarans

zu beschreiben. Das mit dem Schiffsbewegungen

stimmt, anderseits entsteht

Seekrankheit nicht bloß durch

Schwankungen, sondern ebenso

durch Angst, zuviel Party am Vorabend

oder zuviel Kaffee in der Früh.

Das mit der Angst lässt sich vermindern,

indem man genau weiß, was

vor einem liegt – sofern das beim

Segeln möglich ist.

Wetter, Seemeilen, Revier. Der

Rest liegt bei einem selbst. Nur eines

sei geschrieben: Ein Kater an Bord ist

nur in tierischer Form zu empfehlen.

WAS PASSIERT EIGENTLICH,

Der Kapitän

fütterte nur

einmal die Fische.

WENN MAN SEEKRANK WIRD?

Das Gleichgewichtsorgan macht

verärgert Meldung an das Gehirn,

welches bereits vom Auge wegen der

verrückten Schaukelei ebenso angeschnauzt

wurde. Histamin wird ausgeschüttet

und so enden viele Seemänner

und Seefrauen an der Reling.

Wobei, auf einem amerikanischen

Blog wird vor der Reling gewarnt –

wegen Mann/Frau-über-Bord-

Gefahr. Nicht wenige Betroffene

wünschen sich nichts mehr als den

Sprung ins erlösende Nass und so

mancher Kapitän musste schon

Crew-Mitglieder unter Deck ein -

sperren oder fesseln. Da bleibt dann

nur der Kübel und hoffentlich geht

nichts daneben. Denn man muss

wohl auch sagen, als Nicht-

Betroffene/r ist man dann zu diversen

Putzarbeiten verdammt.

Was vielleicht noch zum Thema

anzumerken ist, ist der Hang vieler,

ihre Seekrankheit herunterzuspielen.

Bloß nicht auffallen. Das ist nicht

klug, denn nicht viel später wird man

ganz gewaltig auffallen und kann

sich eventuell sogar selbst auf You -

Tube beim Erbrechen zusehen. Ein

Markt scheint dafür da zu sein, die

Videos kriegen bis zu 5.000 Klicks!

Wer sich das ersparen will, gibt

sich zu erkennen, bevor das die

Gesichtsfarbe für einen erledigt.

Am besten ist ran ans Steuer, fester

Blick zu Horizont und vielleicht ein

Ingwerzuckerl im Mund oder ein

lösliches Aspirin im Thermohäferl.

Und wenn gar nix mehr geht, schlafen

gehen – aber bitte mit Kübel.

Ich denke, mir würde das alles das

Segeln ziemlich vergällen. Nicht so bei

anderen Seglern. Ja, sogar Seenomadin

Doris ist darunter. Sie leidet lieber ein

paar Tage, als sich den Traum vom

Segeln entgehen zu lassen.

Ich kaufte mir das Seglerpflaster

dann doch nicht. Schleppte mich zurück

zum

-Stand und

tunkte ein bisschen köstliches Olivum

Kobas-Olivenöl bei Sandra.

Und siehe da: Genau das entpuppte

sich als absolutes Anti-Seekrankheits-Geheimmittel!



OCEAN WOMAN 2018 35


FOTO: SHUTTERSTOCK

Aua!

Über das Leben auf dem Segelboot.

Schön, wenn die untergehende

Sonne den Großbaum küsst

und nicht der eigene Kopf.

XX

XX

AUSGABE 5/2017

Hier sitze ich nun mit der

kalten Wasserflasche in der

Hand und drücke sie auf meine

Stirn. Ja, ich bin auf dem Segelboot

und nein, nicht irgendwo auf

einem der großen Ozeane dieser

Welt. Vielmehr sitze ich in der Werft,

unter mir keine blauen Wogen,

sondern Schotter und Beton. Antifouling-Dünste

liegen in der Luft, der

Bootskran macht die Musik dazu

und irgendwo surren die Wespen,

die es sich im Surfbrett cover seit

Ostern gemütlich gemacht haben.

Und dieses tiefe Brummen? Mein

Schädel, der heute zum dritten Mal

den Baum geküsst hat. Der Schmerz

lässt langsam nach, die Beule legt

rasch zu. Da ich gerade unfähig bin,

meinen Skipper beim Auswintern

des Bootes zu unterstützen, denke

ich nach – sofern es mein geprelltes

Gehirn erlaubt, über die unzähligen

Schmerzen, die ich auf diesem Boot

schon erdulden musste. Und nicht

nur ich. Aber dazu später.

Mein Blick fällt auf meinen kleinen

Zeh – verkrümmt, seit ich damals in

Griechenland als Frischling an Bord

selig zum Bug rennen wollte, weil

dort Delfine sprangen. Eine in der

Ägäis-Sonne glänzende Klampe

stoppte meinen Anlauf rapide und

renkte die Zehe aus. Sie ähnelte kurz

drauf und für die nächsten Wochen

einer reifen Zwetschke. Danke

Modewelt für die Erfindung der

FlipFlops! Im selben Sommer versuchte

ich, ein ausrauschendes Tau

festzuhalten – ja eh: Anfängerfehler

–, unvergesslich dafür das glasklare,

griechische Glitzerwasser und da rin

schön kontrastreich meine verbrannten,

roten, wunden Finger.

Im Jahr darauf war ich fast schon

Skipperprofi und stand einem schreienden

Chartergast zur Seite, der

seinen Fuß in ein Bodenbrett eingeklemmt

hatte und mit dem anderen

auf demselben Brett stand. Die

gesuchte Rumflasche in der Bilge

diente gleich zur Des in fektion.

Kurz vor unserer Weltumseglung

kam es dann zu einigen Renovierungen

an Bord. Neue Winschen da und

dort, neue Verletzungen hie und da.

Dann in der Karibik ein Abgang in

den Niedergang – kopfüber. Eigentlich

wollte ich nur das Fernglas vom

Navigationstisch holen, aber mich

nicht wirklich bewegen. Dass gerade

in diesem heiklen Moment eine fette

Atlantikwelle seitlich an die Bordwand

klatschte und ich mich gerade

noch durch Festhalten an den Stufen

vorm Schlimmsten bewahren konnte,

rechne ich meiner damaligen

Weltumseglerinnen-Fitness hoch an.

Zwar spürte ich das gezerrte Handgelenk

noch einige Zeit, aber ich ließ

es mir nicht anmerken und lachte

fröhlich mit, wenn meine Geschichte

zur Unterhaltung bei diversen

Sundownern herhalten musste. In einer

dieser fröhlichen Runden erzählte

dann jemand von der Frau, deren

Haare beim Wendemanöver in die

Winsch eingeklemmt wurden und

sie erst bei der nächsten Wende wieder

befreit werden konnte. Auch

wenn diese Story an den Haaren herbeigezogen

klang: Ich blieb auf weiteres

bei meinem Kurzhaar-Schnitt.

Kurze Verletzungsstatistik auf

Segelbooten: Aua am Schädel durch

Großbaum-Attacken ist gleich hinter

den fast schon üblichen Finger/

Hand-Verletzungen gereiht. Gleich

gefolgt von den Ausrutsch-, Stolper-,

„ins-Leere-treten“-Vorfällen.

ICH HASSE GROSSBÄUME

Nein, ich werde jetzt nicht die Geschichte

vom Segler zum Besten geben,

dessen Daumen sich in einem

Tau verhedderte und über Bord gespült

wurde. Der Daumen, mein ich.

Vielmehr fällt mir gerade ein, was

einer Segelgästin bei uns auf dem

Wharram-Kat auf der Toilette wiederfuhr.

Dazu muss man erläutern:

Bei uns steigt man von oben in die

Toilette ein und sitzt dann gemütlich

getrennt von allen wie in einem

Häuschen mit Blick in den Himmel.

Wie auch immer: Sie saß dort und

unser Hund Bärli rutschte an Deck

aus, als ich „Futter!“ aus der Kombüse

rief und die Gier ihn übermannte.

Was geschah? Der Hund fiel in die

Toilette und landete auf der Segelgästin,

die sich eigentlich schon

längst ins Buch der Rekorde ein -

tragen sollte für die erste und einzige

Frau der Welt, der beim Sch... ein

Hund auf den Kopf fiel.

So, das reicht für heute. Ich geh’

wieder auswintern. Aua! Ich hasse

Großbäume!


36 OCEAN WOMAN 2018


FOTO: SHUTTERSTOCK

What’s up Doc?

XX XX

AUSGABE 1/2012

Das leerste Krankenhaus bisher

hab ich auf Vanuatu gesehen.

Auf Erromango, einer kleinen

Insel in diesem zauberhaften Südseearchipel,

gibt es eine Krankenstation.

Von einem selbsternannten Guide

bekamen wir eine Führung durch

den ebenerdigen, langgestreckten

Betonbau mit Blick auf die Lagune.

Niemand war zu sehen. Ein Behandlungszimmer

war mit medizinischen

Utensilien aus den 1940er-Jahren

ausgestattet.

Dann ums Eck, in einem offenen

Türausgang zum Garten, saß eine

hochschwangere Frau mit ihrer

Freundin und kaute an einer Zuckerrohrstange.

Und was ist bei einem

medizinischen Notfall? Dann kommt

das Flugzeug von der Hauptinsel und

bringt einen ins Hospital. Dauer:

eine Stunde. Schön war auch die

Krankensta tion auf Fatu Hiva auf

den Marchesas. „Ferme! Bis auf weiteres

geschlossen“.

Sicherheitshalber absolvierte ich

vor unserer Reise den Kurs „Medizin

an Bord“ – das Schwierigste daran:

das Vernähen der Schweinshäute.

Nähen war nie meine Stärke (siehe

auch Seite 78). Und ich hoffte, keiner

würde anstelle der Schweinshäute

treten müssen. Interessant auch die

Beatmung einer unterkörperlosen,

als Fahrtensegler verkleideten Puppe.

Und natürlich der richtige Griff, um

jemanden aus dem Wasser zu retten.

Meine Frage: „Was macht man, wenn

man mitten auf dem Pazifik eine

Blinddarmentzündung hat?“, wurde

nur vage beantwortet. Antibiotikum

essen und auf einen Tanker mit Spitalstation

innerhalb der nächsten

zwei Tage hoffen. Oh mein Gott!

Panisch stellte ich eine Bordapotheke

zusammen, die ungefähr soviel

kostete wie ein Privathelikoper ins

nächste Spital. Aber egal. Ich war

gerüstet. Wespe in der Kehle oder

Schock durch Steinfisch? Meine

Adrenalinspritzen lagen bereit. Daumen

abgetrennt durch blödes Tau?

Einige Anti-Schmerz-Drogen waren

schon drauf auf meiner Liste, die verfeinert

war mit lateinischen Medizinfachausdrücken,

um Wirkstoffe für

alle Sprachen verständlich zu machen.

Ich kaufte mir auch ein Yachtie-Medizinbuch

für alle Fälle.

Geburt an Bord. Epileptische Anfälle.

Trombosen. Verlust des Auges.

Gesplittertes Schienbein. Das mit

den Zähnen hatten wir aber voll im

Griff. Denn wenn etwas mehr weh

tun kann als alles andere, dann ein

kaputter Zahn. Peter hatte nicht lange

gefackelt und eine Tasche Zahnzangen

zusammengestellt. Allein der

Anblick der kalt-glänzenden Instrumente

jagte einem den kalten Schauer

durch die Zahnwurzeln.

WIR WAREN NIE GESÜNDER

Antibiotika hatten wir für alle mög -

liche und unmögliche Fälle und

brauchten keine. In Neuseeland waren

die meisten auch abgelaufen und

so kaufte ich neue, die ich dann im

ersten Winter zu Hause in Wien bei

einer schweren Grippe einsetzte. Die

Salzlösungsinfusion liegt heute noch

auf der Risho Maru mitsamt allen

Nadeln. Kristallisiert und ungebraucht.

Glücklicherweise! Und die

vielen Einwegspritzen für was auch

immer verwenden wir gerne beim

Epoxy-abmischen. Sehr nützlich.

Einen Engpass hatten wir aber

dann doch. Die Aspirin C-Brause.

Diese gibt es nämlich nur bis zu den

Kanarischen Inseln und dann nicht

mehr. Und irgendwie wirkte sie perfekt

bei kleinen Schwächeanfällen

nach extensiven Nachtwachen oder

Sundownern. Die Verwandtschaft in

der Heimat gewöhnte sich daran, uns

Aspirin C-Brause, Manner-Schnitten

und Elmex-Zahncreme an diverse

Plätze dieser Erde zu schicken (Tipp:

Diese drei Produkte sind absolut

unverzichtbare Bestandteile jeder

Bordapotheke – und beiweitem die

preisgünstigsten!).

Und waren wir krank? Ich denke,

wir waren nie gesünder als in den

viereinhalb Jahren. Ein Fieber bei

Sohn Finn, ein Ohrenpolyp beim

Skipper (gibt es laut Yachtie-Medizinbuch

nicht einmal), eine Fischvergiftung

bei der Skipperin.

Und die anderen Segler um uns?

Detto. Und irgendwie sind diese informierten,

auf sich gestellten Fahrtensegler

auch ziemlich gefürchtet.

Holländische Freunde stellten nach

Lektüre des Klassikers „Where there

is no Doctor“ von David Werner einen

möglichen Bandwurm bei ihrem

Sohn fest. Der australische Arzt war

richtig beleidigt, als sie seine Dia -

gnose Bronchialhusten widerlegten

und recht behielten. What’s up doc?

Aspirin C-Brause gefällig?

Was macht man, wenn

man mitten auf dem

Pazifik eine Blinddarmentzündung

hat? Antibiotikum

schlucken und

auf einen Tanker mit

Spitalstation innerhalb

der nächsten zwei Tage

hoffen …?

OCEAN WOMAN 2018 37


Am schnellsten.

Am langsamsten.

Am glücklichsten.

XX

XX

AUSGABE 2/2012

In Zeiten wie diesen unglaublich beliebt: die Superlativen! Auch beim Segeln!

In fünfundvierzig Tagen segelte ein

Franzose mit dreizehn Mannen

auf dem Trimaran BAnQuE PoPu-

LAIrE um die Welt. Der Preis dafür:

die Jules Verne Trophy – die Trophäe

für den schnellsten Weltumsegler!

Was hätte Jules Verne wohl dazu gesagt.

Für seine Zeitgenossen waren

achtzig Tage um die Welt schon der

glatte Wahnsinn.

„Der glatte Wahnsinn“, stammelte

auch mein Skipper-Ehemann in

den letzten Wochen jedes Mal,

wenn er die Franzosen anklickte.

„Achtundvierzig Knoten Spitzen -

tempo!“

„Cool“, meinte der Skipper-Sohn

beim Anblick der über das Wasser

fliegenden Dreirumpf-Rennziege.

„Urgs“ dachte die Skipper-Seefrau,

die gerade in der Küche stand und

wieder einmal das schnellste, beste,

einfallsreichste Abendessen des Jahres

zusammenwarf.

KEINE TOILETTE. AM WIND.

Nein danke. Obwohl. Von Gibraltar

auf ein Abendessen nach Teneriffa.

In zwei Tagen in der Karibik.

In Panama traf ich Alexandra, die

mit einem Renn-Katamaran und ihrem

KTM-Mechaniker-Ehemann

unterwegs war. Zum Speed-Segeln

meinte sie damals: „Schnell ist super,

aber man fühlt sich wie in einer

Waschmaschine und da können zwei

Stunden auch lang sein.“ Heute segelt

38 OCEAN WOMAN 2018


auch anmerken, der nervigsten Song

des Jahrhunderts. Superlativen, wo

man hinschaut!

sie mit zwei Kindern und Hund in

Alaska. Und auf einem langsamen,

schweren Stahlschiff. Aber die Abenteurer

sind mit größter Wahrscheinlichkeit

die nördlichste Familiencrew

Österreichs!

Ich schob das Essen in den Ofen,

setze mich vor den Computer und

ging auf Segler-Superlativen-Suche.

AM LANGSAMSTEN

Die langsamste Weltumsegelung. Da

schau her! Zweitausendfünfhundert

Tage – bisher. Neville und Catherine

starteten vor sechs Jahren ihre Weltumsegelung

von New York aus und

segeln gerade in der Südsee. Als in

New York die Anker hochgingen,

dauerte der erste Schlag ihrer epischen

Reise genau zwei Stunden. Erstes

Ziel: die Nachbarbucht. „Oyster

Bay ist einfach einer unserer Lieblingsankerplätze

– wir blieben eineinhalb

Wochen“.

Finn fischt nach Slow-Food

auf Tuao in der Südsee.

AM KLEINSTEN

Das kleinste Weltumseglerboot unserer

Reise ankerte auf Sri Lanka neben

uns. Aron Meder mit seiner Sloop Carina.

Diese Sechs-Meter-Nussschale

hob und senkte sich im Schwell vor

der Hafeneinfahrt von Galle, als wir

gemeinsam auf den Zoll warteten. Auf

unserem Schiff kaum zu spüren, warf

der sanfte Schwell den Ungarn und

sein Boot hin und her. Was das draußen

auf See bedeutete, wollte ich mir

nicht ausmalen.

Auf das geringe Freibord seines

Schiffes angesprochen, antwortete

Aaron philosophisch: „Ich kann die

See streicheln, während ich steuere.

Das ist mehr als körperliche Nähe.“

Heute ist Aron einer der größten Segelhelden

seines Landes.

AM GLÜCKLICHSTEN

Um nicht melancholisch zu werden,

suchte ich nach der glücklichsten

Weltumrundung. Und fand sie! Im

Disneyland in LA fährt man per

Boot in circa zehn Minuten zum

Song „It’s a small world (after all)“

(YouTube) einmal um die Welt. Puppen

tanzen und zelebrieren die Einheit

der Welt in sämtlichen Sprachen.

Angeblich der populärste Disney-

Song weit und breit. Man könnte

AM BILLIGSTEN

Fröhlich vor mich herpfeifend fand

ich zufällig Tipps für die billigste

Weltumsegelung. Ganz einfach,

meint die Schöpferin dieses Postings:

Man segelt auf dem Schiff eines anderen

mit.

Warum die eigene Ersparnisse aufbrauchen?

Rund um die Welt werden

große Segelyachten schneller gebaut

als gelangweilte Angestellte ihre

sicheren Jobs verlassen können,

um qualifizierte Crew zu werden.

Es gibt mehr Schiffe als vorhandene

Crews! Selbst mit wenig Ahnung

vom Segeln kann man rasch einen

Platz auf einem Segelboot kriegen,

wenn man nicht gerade wie ein Kettensägenmörder

aussieht.

Reid Stowe, der Mann, der es 1.157

Tage auf einem Segelboot auf offener

See aushielt – freiwillig – sah nach

drei Jahren ohne Land ein bisschen

aus wie ein Kettensägenmörder. Lag

wohl auch daran, dass man da draußen

vielleicht doch ein bisschen verrückt

werden kann, wie schon Bernhard

Moitessier anmerkte. Reid

Stowes Frau Soyana verließ das Boot

nach einem Jahr. Nicht, weil sie es

hasste, nie an Land gehen zu können,

sondern weil sie schwanger wurde.

„Du darf nicht den Traum deines

Partners zerstören.“

Urgs. Mein Essen brannte beinahe

an. Als ich meine beiden Skipper am

gegenüberliegenden Schreibtisch am

Bildschirm kleben sah, die flotten

Franzosen bewundernd, fragte ich

mich, ob auch in den beiden vielleicht

ein bisschen etwas von Reid

Stowe oder Jules Vernes steckte.

Wahrscheinlich. Aber solange ich die

schnellste, knusprigste Lasagne des

Jahrtausends zaubern kann, brauche

ich mir darüber wohl keine Gedanken

zu machen!


è www.zeroXtE.com

è www.meder.hu/meder_en.htm

è www.escapeartist.com

è www.1000days.net

OCEAN WOMAN 2018 39


Oje Boje

Sommersegeln! Nach einem entspannten Törn über

den kroatischen Kvarner landeten wir in Premuda

an der Boje. Es ist schön dort, das Wasser türkis,

das Dörfchen fein, die Zikaden fröhlich …

XX

Wir waren guter Dinge,

kramten die verstaubten

Tauchsachen aus der Bilge

und wollten gerade ins Wasser springen,

als ein Motorboot mit Vollgas

neben unserem Schiff abbremste.

„Wie lang?“, waren die Begrüßungsworte,

die uns entgegenschossen wie

tödliche Blitze. Der Mann, der uns

durch spiegelnde Brillen anstarrte,

wäre absolut als Nachfolger von Marlon

Brando in „Apocalypse Now“

durchgegangen, nur noch dicker und

humorloser. Als er sich behäbig über

die Reling beugte, unsere zwölf Meter

notierte und die Rechnung ausstellte,

tropfte sein Schweiß auf die ausgestellte

Rechnung. Der Betrag hätte

für ein schönes Hotel inklusive Spa,

Swimmingpool und Abendessen

gereicht. Ich musste instinktiv kurz

an Jack denken. Wir hatten Jack, den

neuseeländischen Fahrtensegler, in

der Veruda Bucht Soline getroffen.

Er meinte, nirgends auf der Welt sei

Segeln so teuer wie in Kroatien. Und

er überlegte, ein Bojenfeld in der zauberhaften

Bay of Islands zu eröffnen

oder – noch besser – gleich für den

eigenen Anker zu kassieren.

Auf die Frage, warum wir doppelt

so viel zahlen sollten wie sonst wo,

verzog Colonel Kurtz 2 den Mund zu

einem verächtlichen Grinsen: „Catamarano

‒ more big ‒ more money.“

Da explodierte mein Skipper. Die 20

Tonnen-Motoryacht hinter uns, mit

dem seit unserer Ankunft stinkenden

und lärmenden Generator, zahlte

„Catamarano ‒ more big ‒

more money.“ Da

explodierte mein Skipper.

XX

AUSGABE 6/2012

gleich viel wie wir mit sechs Tonnen?

Hat vielleicht bei einer Boje das Gewicht

etwas mit der Bojenabnützung

zu tun? Oder werden Leinen durchgescheuert,

weil ein Schiff breiter ist

als ein anderes? Wortlos besserte der

Colonel den Betrag aus, nahm das

Geld und fuhr zur nächsten Yacht.

Den ausladenden Gesten des italienischen

Besitzers nach zu schließen,

verrechnete er dort das Dreifache.

NÄCHSTE STATION CRES

Die Bucht war traumhaft. Circa 15 Bojen,

alle ganz neu. Auch das Schild am

Strand, das bestätigte, dass dieses Gebiet

Nationalpark war, glänzte neu in

der Sonne und ließ den Verdacht aufkommen,

dass die Ernennung zum

Nationalpark eventuell etwas mit den

Bojen zu tun haben könnte. Egal.

Wir saßen zum Sundowner an Deck,

als eine österreichische Motoryacht mit

Vollgas ins Ankerfeld einfuhr. Alle

Schiffe schwankten, Schwimmer und

Schwimmerinnen erlangten ihre persönliche

Bestzeit beim Davonschwimmen.

Der Skipper stand ‒ nackt ‒ am

Steuer, seine weibliche Begleitung mit

Schiffshaken auf dem Vordeck. Er

bremste circa einen Meter vor der Boje

ab, die Frau schaffte das Unmögliche

und fing die Boje mit dem Haken. Sie

hielt so gut es ging fest, versuchte, sich

gegen die 25 Tonnen Schiffsgewicht zu

stemmen, verzerrte das Gesicht, kegelte

sich fast die Schulter aus und – platsch!

– lag der Schiffshaken im Wasser. Die

Frau wendete sich geknickt zum Mann,

der entnervt schrie: „Geh bitte, wieso

lasst du los?“ Warum müssen immer

die Frauen die Bojen fangen? Zu 99

Prozent beobachteten wir diese Rollenaufteilung!

Die Motoryacht machte einen zweiten

Versuch, die Frau hing über die

Reling und tastete nach der Boje, dabei

hatte aber die gesamte Crew nicht bemerkt,

dass eine weitere Boje knapp

hinter dem Schiff Aufmerksamkeit verlangte.

Trotz heftiger Zurufe unsererseits

flutschte die Boje in die Schraube.

Es krachte. Dann herrschte gespenstische

Stille. Das Schiff war an der Boje,

wenn auch nicht ganz wie gewollt.

Stumme Verzweiflung machte sich

an Bord der Yacht breit. Mein Skipper

mit Sohn hüpfte ins Dingi, sammelte

den Schiffshaken ein, den die Bora

schon fest im Griff hatte. Der italienische

Segler vor uns packte seine

Tauchflasche (!) und folgte meinen

Männern. Doch bevor beide die Yacht

erreichten, hatte dort der inzwischen

bekleidete Kapitän panisch einen Anker

ausgeworfen. Der Tauchskipper

schnitt die Boje aus der Schraube,

mein Mann befestigte das Schiff an

einer freien Boje und eine Boranacht

senkte sich über das Drama.

Die nächsten Tage sollten ruhig verlaufen.

In Rab gab es nur einen verschlafenen

Ankerplatz, den noch niemand

als Geldquelle entdeckt hatte,

und in Osor standen interessante Kanalmanöver

im Vordergrund. Vor allem

ein Motorbootfahrer, der die Kanalzeit

verpasst hatte und glaubte,

unter der Brücke durchzukommen,

sorgte für einigen Trubel. Es tut immer

weh, wenn Schiffe ruiniert werden.

Es blieb noch Ilovik, der nette Ort

mit Ankerfeld vor dem Franziskanerkloster

auf der Insel Petar. Wohl von

der franziskanischen Nächstenliebe erfüllt

freuten sich die Bojenmänner, begrüßten

uns freundlich und nahmen

wenig Geld und den Mistsack mit.

Nach einer Eiscreme in der zweiten

Reihe mit Spaziergang im Olivenhain

kamen wir gerade rechtzeitig auf unser

Schiff, um einen Segler zu beobachten,

der mitten im Bojenfeld ankerte. Auch

schön. Als er zuerst rechts touchierte,

dann links, dann hinten und schließlich

vorne wurde ihm klar, dass er da

wohl etwas im Segelkurs überhört hatte.

Auch dass man Bojen nicht mit dem

Wind fängt, scheint sich noch nicht herumgesprochen

zu haben. Und immer

die viel zu hohe Geschwindigkeit bei

den Manövern. Ich glaube, mit ihren

Autos würden die Freizeitkapitäne niemals

so rasant einparken. Der Schwell

der vorbeirasenden Motoryachten

wiegte uns in den Schlaf, die Bora pfiff.

Auch egal ‒ das beste an einem Bojenfeld

ist, dass kein Schiff slippen kann

und dabei unseres rammen!

40 OCEAN WOMAN 2018


Ankergebühr - ein Einakter

XX XX

AUSGABE 6/2017

Da war sie, die Löwin in mir. „No way!“, meine Stimme schallte in bester Burgtheater-Manier

über die Uvala Soline-Bucht. Dass der Skipperin der Kragen platzte, war eine Premiere.

Mein Publikum – zwei kaum

volljährige kroatische Marineros

in einem alten Holzboot –

starrte mich erstaunt an. Ebenso mein

Mann und Sohn an Deck – auf den

oberen Rängen sozusagen. Dass der

Skipperin der Kragen platzte, war eine

Premiere.

Die alten Griechen banden ihre

Schiffe einfach an Unterwasserfelsen

fest. Oder füllten Säcke mit Steinen, die

sie nach Bedarf versenkten. Erst mit

der Entdeckung des Eisens ent wickel -

ten sich Anker so wie wir sie heute

kennen. Der Stockanker wirkte, weil er

mindestens dreimal so schwer war wie

ein Muringblock in einem kroa tischen

Bojenfeld. Danach folgten die uns bekannten

Ankermodelle, die je nach

Skipper/ Schiff/Ankergrund/Geschmack/Erfahrung/Preis

mehr oder

weniger beliebt sind.

Unser Bügelanker hielt rund um die

Welt und wir taten viel für ihn. Wir

pflegten und hegten Schaft und Flunke,

kontrollierten die Imbusse des Ankerkettenwirbels

regelmäßig. Die Kette

wurde bei jedem Werftaufenthalt komplett

ausgelegt und Glied für Glied

kontrolliert, gesäubert, gesprayed. Der

Skipper winschte die 26 Kilo regelmäßig

an Deck. Fitnesscenter an Bord

ohne Jahresgebühr. Kurz, wir verwöhn(t)en

unseren Anker, wenn möglich

auch mit einer Süßwasserdusche.

Nur eines machten wir auf der ganzen

Reise nie: für ihn zahlen. Das wird

auch meines Wissens nach nirgends

auf dieser Welt eingefordert – außer in

Kroatien. Bestätigung holte ich mir aus

dem Netz.Frage: Zahlen für den eigenen

Anker? Mehrere Seiten zu Brot

und Gebäck öffneten sich. Ich wechselte

in den englischen Sprachraum.

Für den eigenen Anker bezahlen zu

müssen kommt in absoluten Ausnahmefällen

vor und wird besonders in

(Kosten-)Frei Ankern

außerhalb Kroatiens:

San Blas/Panama.

England einfach boykottiert. User Mermaid

schreibt im cruising forum: „There

is something wrong with fees when

no service is provided.“ Ein andere Seahorse

fragt: Wieviel kostet das und

was ist inkludiert? Internet, Pumpout,

Dingy dock, Duschen, Wasser?“ „16

Euro und das Müll sackerl wird mitgenommen“.

Zumindest in Kroatien.

WAR COOK IN KROATIEN?

Ganz sicher musste Odysseus nicht für

seinen Anker zahlen oder der alte

Cook, wenn er in irgendwelchen Buchten

zwischen seinen Ozean abenteuern

haltmachte. War Cook eigentlich in

Kroatien? Natürlich hätte er das Jahrespermit

bezahlt – ist absolut ok.,

mussten auch wir in Vanuatu oder

Guadeloupe. Die Leuchtturmsteuer

wäre ihm auch einleuchtend erschienen

und die Bojenfelder wären ganz

nach seinem Geschmack gewesen,

denn Stockanker bedeuteten wie erwähnt

ganz schön viel Arbeit. Besonders

hätte er die Bojen vor den Konobas

gemocht. Ein gegrillter Fisch übersteigt

zwar jede Bojengebühr um ein

Vielfaches, dafür ist es entspannter,

wenn während des Abendessens die

Bora auffrischt. Doch hätte Cook für

seinen Anker bezahlt?

Neuseeländer, die wir vor einigen

Jahren in besagter Veruda Bucht trafen,

überlegten, eine neue Geschäftsidee in

der Bay of Island umzusetzen. „I have

never heard of such an absurd fee!“ So

wie auch in manchen Bojenbuchten

Katamaran-Gebühren eingehoben werden.

Als ob sich die Breite eines Schiffes

in irgendeiner Weise auf die Muring

auswirkt! Cook hätte sich gefreut, seine

Endeavour so easy festzumachen, wäre

aber Seemann genug gewesen um zu

wissen, dass keine Muring die 350 Tonnen

seines Lieblings stemmen würde.

Im Gegensatz zum 30-Meter-Motor -

yacht-Besitzer, der im Bojenfeld in

Molat lustig festmachte. Ohne Widerspruch

der Bojenmänner – sie nahmen

den Müll mit. In Wahrheit sind die

Griechen die Erfinder der Bojenfelder,

mit ihren Felsen, die schon Odysseus

so praktisch fand. Nur dass sie bis heute

kein Geschäft daraus machen.

Die Typen vor mir im Holzkahn

strecken mir einen Ausweis entgegen.

Irgendeine Port Autority, die besagt,

dass in der Uvala Soline für den Anker

bezahlt wird. 16 Euro. Nie wieder. Es

gibt ja noch andere „freie“ Buchten in

Kroatien. Noch. Haben wir eigentlich

das aktuelle Griechenland-Hafen-

Handbuch?


OCEAN WOMAN 2018 41


FOTO: SHUTTERSTOCK

I’m sailing

in the rain

AUSGABE 1/2015

.

Dass ich in diesem Sommer in Kroatien meinen Opposum-

Fleecepullover aus den Tiefen unseres Segelbootes kramen würde,

war nicht vorauszusehen. Gut, dass ich ihn trotz bester Vorsätze

in meiner Putz-Kolumne vom letzten Mal nicht ausgemistet habe!

42 OCEAN WOMAN 2018


Auch hatte ich schon lange

nicht mehr unter meinem

blitzblauen Südwester hervorgeblinzelt.

Kleine Schiffskunde so nebenbei:

Südwester sind wasserdichte

Hüte mit einer breiten Krempe, die

hinten weit überhängt, damit Regenwasser

nicht in die Kleidung laufen

kann. Die Benennung nach der Himmelsrichtung,

aus der der meiste Regen

kommt, kommt vielleicht ebenso

wie der Hut selbst aus dem Norwegischen.

Ich hatte das gute Stück zuletzt

in Neuseeland aufgesetzt – lange

her, wie sich auch am Geruch und

Zerknitterungsgrad ablesen ließ.

Und weil wir gerade dabei sind:

Ölzeug (engl. Oilskin) bezeichnet

wetterfeste Oberbekleidung in der

Seefahrt, die den Träger vor Nässe

und Wind schützen soll. Ja, soll! Wie

undicht mein uraltes Ölzeug war,

war mir auf den letzten Kroatientörns

nie aufgefallen. Wahrscheinlich,

weil ich es nicht brauchte.

Ahh! Kroatien: Das Segelparadies

im Mittelmeer, voller Naturschönheiten

und spannenden Urlaubs-Möglichkeiten.

Nicht einmal zuviel versprochen,

denn schön ist es dort

allemal und spannend konnte man

es an Land, Wasser, Campingplatz in

diesen Sommer wirklich haben. Und

ich meine jetzt nicht den Motorschaden,

den wir in der zwölfstündigen

Totalflaute mitten in der Kvarner

Bucht hatten!

Unsere Regenplane versagte uns

den Dienst, just als es wie aus Kübeln

schüttete. Erinnerungen an den Monsoonregen

damals in Indonesien stiegen

hoch wie das Wasser in unserem

Mittelcockpit. In Indonesien waren

wir selig am Vordeck gestanden und

hatten uns die Haare gewaschen und

sämtliche Flaschen und Wannen mit

dem kostbaren Süßwasser gefüllt. All

das war so unendlich erfrischend

nach den heißen, windlosen Tagen

auf See. Nun standen wir pitschnass

unter Deck, fröstelten und trockneten

uns die Haupthaare mit den seit

Tagen feuchten Handtüchern.

Durch die Luken sahen wir verschwommen,

was Mali Lošinj im

November sein könnte: leere Strände,

leere Bojenfelder, ins Leere blickende

Chartersegler. Die Chartercrew neben

uns beschloss in einer Regenpause

mutig einen Ausflug an Land

zu wagen. Sie trugen Badehosen

kombiniert mit um die Schultern geknoteten

Badetüchern, auf dem Kopf

hatte jeder einen kleinen Müllsack.

Die Erfindung von Müllsäcken

wird auf die Kanadier Harry Wasylyk,

Larry Hansen und Frank Plomp

zurückgeführt, die den Müllsack in

den 1950er Jahren erfunden haben

sollen. Ob die Herren Segler waren?

Später, als wir übersetzten, um wenigstens

gut essen zu gehen, trafen

wir die Truppe bei der zweiten Nachspeise.

„Frustessen“ sagt der Salzburger

Skipper. Seine Frau murrte: „Am

Attersee hat’s 25 Grad!“

Wobei, das dürfte auch nicht angehalten

haben, Freunde flüchteten aus

dem sieben Grad kalten Salzkammergut

nach Grado, um sich dort

aufzuwärmen. 15 Grad plus und leider

hatten sie die warmen Sweater

nicht dabei.

Dieser Regen! Wir landeten in der

Veruda Soline Bucht und mein Bruder

filmte uns beim Ankommen von

Land aus. Es sieht aus, als würden

wir gerade Neufundland im Sturm

ansteuern …

UND DANN KAM DIE BORA

Würde sich gut bei einem Diavortrag

machen und da fallen mir gleich

die Naturschönheiten Kroatiens ein.

In den wenigen Sonnenstunden

strahlte die kroatische Inselwelt in

einem saftigen Grün, wie ich es seit

der letzen Schwammerlsuche in der

Steiermark nicht mehr gesehen hatte.

Die Tomaten in den kleinen Gärten

der Blumeninsel Illovik zeigten sich

in Höchstform und auf Olib spazierten

wir über grüne Wiesen. Nach

dem allabendlichen Gewitter froren

wir kurz im Cockpit und verzichteten

dann doch aufs Kartenspielen.

Der Wind war einfach zu kalt und

ich hatte vergessen, Tee einzulagern.

Und dann der erste traumhaft

schöne Tag! Sonne schon am Morgen,

wir segelten ums Eck und – kein

Wind! Aber was soll’s! Wir sahen den

blauen Himmel weit gespannt ohne

kleinste Anzeichen irgendwelcher

Schlechtwetterfronten. Das Schicksal

wendete sich also doch, dachte ich

freudig und wollte mich gerade ausnahmsweise

mal in die Sonne legen!

Ein Knall und unser Dieseloutborder

beschloss, nach 25 Jahren erstmals zu

streiken.

So hingen wir in der Flaute und

ich versuchte nicht zu verzagen: Hey!

Wenn uns das damals in Indonesien

passiert wäre, weit und breit so ziemlich

gar nix! War doch viel besser

hier! Eine Motoryacht nach der anderen

zog an uns vorbei, Segelboote

Erinnerungen an den

Monsoonregen damals

in Indonesien stiegen

hoch wie das Wasser in

unserem Mittelcockpit.

schaukelten wie wild im Schwell derselben.

Wir standen. Bis es dunkel

wurde.

Und dann kam die Bora. Und

mein Südwester und das undichte

Ölzeug. Und wir segelten wie damals

nach Neuseeland sehr flott bei

schlechtem Wetter drauf los, Richtung

Italien, bis in die Marina. Im

Zickzack durch die Lagune, den

Fluss Stella hinauf.

Irgendwie war es schön und das

Beste war: Ich hatte in einer vagen

Vorausahnung ein großes Glas Nutella

eingepackt. Für die Nachtfahrt.

Mit meinen Sommersöckchen in den

Schlechtwetter-Gummistiefeln. Links

Wetterleuchten, rechts die leuchtende

kroatische Küste, vor uns leuchtende

Fischerboote.

Und auf einmal war es wieder da.

Das Abenteuer. Und wenn ich nicht

hätte steuern müssen, hätte ich doch

glatt vor Aufregung einen kleinen

Stepptanz an Deck hingelegt.

I am sailing in the rain ...

OCEAN WOMAN 2018 43


FOTO: SHUTTERSTOCK

Sturm im

Segelboot

AUSGABE 5/2012

.

Segelsaison! Endlich!

Oder doch mit Vorsicht zu genießen?

Erst kürzlich las ich im Segelreport,

das Wetter würde sich

mehr und mehr verändern und

wir müssten mit massiven Stürmen

ozeanweit rechnen. Und das genau

zwei Wochen vor dem Segelurlaub.

Bin ja nur froh, dass wir unsere Weltumsegelung

schon geschafft haben!

Obwohl – auch damals prophezeite

man uns nichts Gutes. Natürlich

starteten wir in einem El Niño-Jahr

(wie irgendwie fast jeder). Das bedeutet

laut erfahrener Seebären viel,

sehr viel Wind aus ganz falschen

Richtungen. Gleich unter den Sturmprognosen

der Seglerplattform gab es

einen YouTube-Link über den letzten

Orkan im Ionischen Meer.

In einer Segelclubzeitung sah ich

passend zum Thema eine auf einem

Felsen geparkte Yacht.

„Wie wäre es heuer einmal mit Urlaub

in den Bergen?“, fragte ich meinen

Skipper. Er reagierte nicht und

zog sich im Internet Sturmsegelberichte

rein. Mein Skipper ist eher im

praktischen Bereich zu Hause. Stürme

findet er lästig und sie bedeuten

für ihn immer mögliche, noch lästigere

Reparaturen.

Ich wandte mich meinem Computer

zu und klickte auf den stür-mischen

Link. Nach dem „Orkan im Ionischen

Meer“-youtube- Filmchen

fand ich den „Segelboot im Tsunami

Desaster“-Mitschnitt und schließlich

das „Tanker gegen Monsterwelle“-Video.

Interessant auch der Trailer zum

Surf einer kleinen Yacht zwischen

Klippen in den sicheren Hafen an

der französischen Küste.

Warum schauen sich Leute solche

Filme an? Sind das alles Segler auf

der Jagd nach Informationen? Oder

fanatische Nicht-Segler auf der Suche

nach Bestätigung? Dass ich nicht als

einzige die Filmchen anklickte, ist

klar ‒ 30.000 Besucher sind die untere

Grenze.

WIE SIEHT ES DENN NUN WIRK-

LICH AUS MIT DEN STÜRMEN?

Vielleicht ist man als Segler auch einfach

sensibler bei Nachrichten dieser

Art ‒ so wie man überall Schwangere

sieht, wenn man schwanger ist.

Den schlimmsten Sturm hatten wir

auf der Fahrt von Neuseeland nach

Neukaledonien, da ging es echt zur

Sache und ich erinnere mich, dass ich

mir zwei Gläser Nutella genehmigte,

ohne zuzunehmen. Nerven-beruhigend

und wachhaltend. Denn wenn

ein Sturm etwas ist, dann ermüdend.

Außer für unseren Sohn. Die Neuseelandfahrt

begeisterte ihn: „Mama

schau, die Welle ist cool, was meinst

du, sechs oder sieben Meter? Und die

werden immer höher! Yippii!“

Oder die dreijährige Tochter eines

befreundeten englischen Segelpaares,

die sich bei 40 Knoten von der Seite

in die Koje stemmte und fröhlich jubelte:

„More, more, more!“

Also ich gestehe hier jetzt frei herraus,

ich bin eine „15–20 Knoten von

achtern bei flacher See und Sonnen -

schein“-Seglerin. Hab mir aber von

ganz anderen Naturellen erzählen lassen

von befreundeten Skippern, die

auf Wunsch der Chartercrew bei richtig

schlechtem Wetter raussegelten.

Zwar dauerte der Törn keine 20 Minuten

und sie kehrten mit bleicher

44 OCEAN WOMAN 2018


Crew wieder heim, aber wer nicht hören

will, muss fühlen ...

Es gibt ja im Internet auch Angebote

zum Sturmsegeln oder dem Schwerwettertraining.

Was ja prinzipiell eine gute

Idee ist, aber dennoch: freiwillig in

schlechtes Wetter segeln? Urgs!

Natürlich ist ein Filmbeweis schon toll,

um die Heldenhaftigkeit eines Sturmseglers

zu verewigen. Wir aber schafften es

nie, während eines Sturms auch noch zu

filmen. Und alle ernsthaften Segler, die

ich kenne, auch nicht.

Auch kommt dazu, dass Stürme auf

Video selten stürmisch rüberkommen.

Das Meer schaut immer flacher aus als in

Wirklichkeit und wenn die Sonne dabei

scheint, wirkt alles ganz gemütlich. Einmal

sah ich einen Dia-Vortrag über

Sturmsegeln in Süd-Georgien, nach der

15. Welle mit wackeliger Möwe musste

ich gähnen. Ja, wahrscheinlich war es eh

rau, aber wen interessieren 50 Wellenfotos

aus allen Blickwinkeln? Den besten Beweis

für die Wackelei an Bord brachten

wir in einer Szene unserer Multivisionsshow,

als unser Sohn Finn mich am

Funkgerät filmte. Was uns damals völlig

normal schien, sieht mit Abstand doch

ziemlich unruhig aus. Würden wir dabei

nicht blöde Witze machen und in die

Kamera grinsen, hätten wir dies spektakulärer

in den Vortrag einbauen können.

EIN STURM KANN AUCH

ETWAS GUTES HABEN

Ein Eintrag in unserem Website-Gästebuch

lautet: „Ihr könntet aber schon auch über

die schlechten Dinge eurer Reise, zum Beispiel

über Stürme, erzählen!“

Ok. Also einmal in Indonesien riss es

bei 40 Knoten am Ankerplatz meinen

Lieblingsbikini von der Leine. Unrettbar

verloren. Ein andermal ‒ bei Martinique ‒

leerte Sohnemann den Pinkelkübel gegen

den Wind aus. Die Hinterluke war dabei

leider offen. Darunter die Speisekammer.

Auf dem Weg nach Tonga vergaßen wir

auf einem Am-Wind-Kurs, die Vorderluke

zu schließen. Die Vorschiffskoje war

nass und die Gitarre unter dem Fenster

mit Salzwasser gefüllt. Aber seither klingt

sie noch besser als früher.

Da sieht man wieder: Ein Sturm kann

auch etwas Gutes haben.


Karla Schenk

Abenteurerin, Weltumseglerin,

Kap Hoorniere, Pilotin, verrücktes Huhn!

Ein kleiner, feiner Band über Karla

Schenk, eine der letzten großen

Vertreterinnen einer Abenteurergeneration,

die mutig, entschlossen und

voller Neugier die Welt abseits ausgetretener

Pfade für sich erobert hatte.

Karla, diese außergewöhnliche Persönlichkeit,

war mit Seglerlegende

Bobby Schenk verheiratet. Alexandra

Schöler-Haring traf Segelpionierin

Karla Schenk erstmals auf Malaysien.

Das Ergebnis vieler weiterer Begegnungen

und Gespräche zwischen den

beiden Weltumseglerinnen ist diese

erfrischende, sehr modern geschriebene

Biografie einer großartigen Frau,

die in keiner Segler-Bibliothek fehlen

sollte.

Karla Schenk – Abenteurerin, Weltumseglerin,

Kap Hoorniere, Pilotin,

verrücktes Huhn! Ein ocean7-Buch,

Taschenbuch, 96 Seiten, zahlreiche Fotos,

14,8 x 21 cm, 9,99 Euro zzgl. Versand.

Bestellungen: buch@ocean7.at

Auch als E-Book erhältlich unter

è www.ocean7.at/specials

28.5.1932–15.2.2018

Karla mit vier Männern – aber ohne

Bobby Schenk – auf dem Weg über

den Atlantik (1995).

OCEAN WOMAN 2018 45


So ein Mist.

AUSGABE 2/2013

Volle Windeln sind mistmäßig

wohl das Schlimmste, was

einem auf einem Segelboot

passieren kann. Unser Sohn Finn

war von Baby an mit uns segeln.

Unvergesslich: der süßlich, grausige

Duft aus dem festverschlossenen

Müllsack, der sich, wenn der Wind

die richtige Richtung einschlug, im

Cockpit bemerkbar machte. Diesen

Geruch bekam ich auf unserer Weltumsegelung

noch einmal in die Nase,

als wir im Konvoi unseren holländischen

Segelfreunden auf der Antares

Richtung Jemen folgten. Ihr Sohn

Marein, gerade zwei, schaffte es noch

nicht aufs Töpfchen. Vorteil: Antares

konnte man auch orten, wenn wegen

der Piratengefahr die Positionslichter

ausgeschaltet waren.

Das Bordleben zeigt einem noch

deutlicher vor Augen, wie viel Dreck

man in seinem Leben produziert. Als

Fahrtensegler ist eben der nächste

Müllkübel nicht im Hof zwei Stockwerke

tiefer. An Land gibt einem

das tägliche Müllsackerl nicht das

Gefühl, dass es gar so schwer ins Gewicht

fällt. Oder? Anders beim Fahrtensegeln.

Nach einer Woche sitzt

meist ein riesiger Müllsack im Cockpit

und stinkt. In Thailand erwischte

ich einmal Müllsäcke mit Erdbeer-

Kunst? Müllbaum in Premuda, Kroatien.

46 OCEAN WOMAN 2018


duft. Die Mischung aus künstlichem

Erdbeeraroma und Mist ist wirklich

einzigartig und fördert den Brechreiz

enorm, was auf einem Segelboot ja

nun wirklich gar nicht sein muss.

DAS EINZIGE, WAS BEIM MÜLL-

PROBLEM HALF UND HILFT:

WENIGER DRECK PRODUZIEREN

Plastik an Bord zu nehmen wurde

für uns zum absoluten No-Go.

Einkaufen gingen wir ab sofort mit

Stoff säcken und Körben. Trinkwasser

kauften wir in wiederbefüllbaren

20-Liter-Gallonen. Kartons und anderes

Verpackungsmaterial wurden

noch im Hafen bzw. Bucht ordnungsgemäß

entsorgt.

Und dann trafen wir auf Tonga unsere

Surferboys. Vier junge Kanadier

auf der Suche nach der perfekten

Welle, allesamt Riffforscher im

Auftrag ihrer Universität. Auf jeder

kleinen Insel, die die Jungs anliefen,

säuberten sie den Wetterstrand vom

Plastikmüll, verstauten ihn an Bord

und segelten damit in den nächstgrößeren

Hafen – in der Hoffnung, dort

auf Mülltrennung zu stoßen. Auch

wir entdeckten auf den entlegensten

Inseln Strände, die mit Computerbildschirmen,

Fischerbojen, zerborstenen

Bierkisten und Kühlboxen

übersät waren.

An Bord hämmerten wir sauber

ausgewaschene Konservendosen

flach, Papier und Plastik trennten

wir in Säcken, aber es blieb uns nicht

erspart, den Müll an unseren Zielorten

zu entsorgen.

Am einfachsten war es noch mit

dem Biomüll, den warf ich ohne

So einfach geht Mülltrennung.

Plastic Planet.

schlechtes Gewissen über Bord.

Nur auf dem Atoll Suwarrow, einem

National park, wurden wir vom Ranger

darauf hingewiesen, in keinem

Fall Fischreste über Bord zu werfen –

wegen der Haie! Die waren trotzdem

da, selbst wenn höchstens ein schim -

m liges Gurkenscheibchen die Reling

überflog!

Unsere Welt ist schön –

sorgen wir dafür, dass

sie so bleibt.

Interessant war aber auch beim

Biomüll, dass an Bord fast nichts

weggeworfen wurde, weil es eben begrenzt

zu haben war. Voller Geiz hütete

ich meine letzte Zwiebel auf der

Atlantiküberquerung und schaffte es

sogar, noch mit einem Viertel davon

in Tobago anzukommen. Zweieinhalb

Knoblauchzehen hatte ich noch

nach der Neuseelandüberfahrt. Und

eine halbe Limette schaffte es auf die

Marchesas. Seltsame Vorstellung,

wenn ich heute den Kühlschrank

aufmache und die welken Frühlingszwiebeln

und etwas angegatschen

Tomaten entsorgen will.

Zu selten denke ich hier, mitten in

der Stadt, an den im Nordpazifik

treibenden gigantischen Teppich aus

Kunststoffabfall. Auch im Nordatlantik

gibt es eine solche schwimmende

Deponie, drei weitere werden in den

Ozeanen der Südhalbkugel vermutet.

David Rothschild, ein Abenteurer

und Öko-Aktivist, wollte darauf mit

seinem Plastiki-Projekt aufmerksam

machen. Einem Katamaran, gebaut

aus 12.000 Plastikflaschen. Er wollte

ein Zeichen gegen die Verschmutzung

der Weltmeere und für Recycling

setzen. Gegen das qualvolle Sterben

der Meerestiere, gegen die

Ignoranz der zivilisierten Welt. Und

was tu ich? Ich mach’ aus den angegatschten

Tomaten ein Sugo und die

Zwiebel schneide ich auch hinein.

Vielleicht würde es etwas helfen,

wenn im Hof bei den Müll tonnen

ein paar Haie herumschwimmen

würden?


OCEAN WOMAN 2018 47


Der stille

Ort an Bord

.

AUSGABE 3/2012

Denke ich an meinen ersten Segeltörn

als fröhlicher Teenager

mit den Eltern der besten

Freundin auf einer 12-Meter-Monoyacht

vor der kroatischen Küste,

steigt mir dieser Geruch sofort wieder

in die Nase. Derselbe Geruch,

den auch die Toiletten des alten

Turnplatzes meines steirischen Heimatortes

umwehte. Der Turnplatz

war damals schon 50 Jahre alt und

genauso rochen die Toiletten und

genauso roch dieses Segelboot.

Ich möchte damit nicht sagen, dass

Turnplatz beziehungsweise Segelboot

ungepflegt waren. Gar nicht. Da wie

dort war alles picobello! Nur trotzdem

– es roch nach Klo. Dann noch

eng und heiß – und schon litt ich an

den Symptomen einer häufig auftretende

Chartersegler-Erkrankung.

Obstipation. Verstopfung.

Das kann einem den Urlaub verderben.

Trauben essen, eine Zigarette,

schwarzer Kaffee – nichts half, gar

nichts. Nur das erlösende Klo zu

Hause in Österreich.

Was tröstend ist: Ich war nicht die

einzige. Heute mit eigenem Boot und

Klo und Familiencrew sind diese

Probleme Vergangenheit. Für mich.

Im Hafen sehe ich immer noch

Crews direkt nach dem Anlegemanöver

in alle Himmelsrichtungen ausströmen

Richtung Taverne, Bar, Café.

Zum Kaffeetrinken? Möglich, aber

nicht nur.

Zusammenzwicken, verschieben

oder schwimmen gehen – das sind

für viele die Tücken des Segelurlaubs.

Haben Sie nicht auch schon öfters

Schwimmer in stillen Buchten weit

hinauskraulen sehen?

Schön, denkt man sich. Wie friedlich.

Doch dann machen dieselben

ein Kehrtwende und man hat das

Gefühl, sie würden verfolgt. Denn

ängstlich blicken sie immer nach

hinten, beschleunigen, schwimmen

im Zickzack – so als würden sie irgendetwas

abschütteln wollen, vor

etwas versuchen zu entkommen, das

sie hartnäckig verfolgt.

KENNT MAN SICH GUT

AN BORD, IST DAS ALLES

HALB SO SCHLIMM

Aber wehe, wenn es nicht so ist!

Nach dem Frühstück muss man zusehen,

als erster die Toilette zu stürmen,

denn der Mini-Schlitz des Lukenfensters

kann kaum der Entlüftung

dienen.

Worst case: Man ist nicht der Erste,

sondern vielleicht sogar der Letzte.

Und et voilá – Obstipation. Schon

sitzt man gezwungenermaßen sogar

länger als gewollt auf dem Klo, die

Yachtzeitungen des Eigners bis zu

den kleinsten Annoncen lesend. Als

Erinnerung für den Rest des Tages

den Abdruck der Klobrille am Hintern.

DER STILLE ORT AN BORD

Nun kommt aber zum Geruchsfaktor

auch noch den Geräuschfaktor. Ein

Boot ist klein. Ein Charterboot meist

aus dünnem Plastik und das lässt

wirklich alles durchschallen.

Wie peinlich. Man kann nur hoffen,

dass man seine Klositzungen an

den feucht-fröhlichen Cockpitabenden

vollzieht, während draußen die

Beatles ertönen, dröhnen drinnen …

Wie auch immer.

FOTO: NOUVELLE-CALÉDONIE TOURISME POINT SUD

Nach einer Umfrage meinerseits

stellte sich heraus, dass die meisten

weiblichen Crew-Mitglieder vor allem

die Bedienung der Toilette abschreckend

finden. Mädels, das kann

doch nicht war sein! Da checken wir

praktisch bereits alles selber, vom Ölkontrollstab

bis zur Programmierung

der Waschmaschine und dann das?

Die Hauptangst ist – wie ich nach

einigen Umfragen bestätigt fand –,

dass das „Geschäft“ den engen Ausgang

nicht passieren kann und man

pumpt und pumpt und es tut sich gar

nix und man muss dann unter größter

Peinlichkeit irgendjemanden einweihen,

der dann möglicherweise einen

Blick auf das private Stoffwech-

48 OCEAN WOMAN 2018


selprodukt werfen könnte. Abhilfe

naht! Nehmt eure iPads mit aufs Klo

und googelt auf YouTube „How to

use a head“.

Wie man seinen Kopf benützt?

Nein. Im Englischen heißt das Bordklo

Head. Früher, bei den großen

Schiffen, war die Freilufttoilette ganz

vorne neben dem Bugspriet, praktisch

neben dem Kopf der Gallionsfigur

am Bug. Dort, wo alles schön

sauber von den Meereswogen umund

abgewaschen wurde.

Das mit der Freilufttoilette finde

ich nun nicht wirklich so schlimm.

Natürlich, im Hafen eher nicht, aber

draußen auf See? Ein Kübel und die

Sache hat sich! Ohne Chemie, ohne

Gestank, ohne Kloputzen. Man sollte

nur darauf achten, in welchem Kübel

man später das Geschirr wäscht.

Aber das ist auch schon alles.

ELEKTRISCHE TOILETTEN

Natürlich höre ich da so manche:

„Was ist mit den elektrischen Toiletten?“

Ein Knopfdruck und die Sache

hat sich. Das sagen nur Leute, die

noch nie verstopfte Bordtoiletten

säubern oder elektrische Pumpen

warten durften.

Und ja, auch die elektrischen Toiletten

stinken. Auch die neuen Kompostierklos,

auch die Porto Pottis

und selbst die Vakuum-Toiletten.

Das teuerste Bordklo kostet übrigens

10.000 Dollar und ist aus Fiber

Carbon. Schaut elegant aus – solange

keiner reinsch… alles klar, schon

wieder das.

Aber ist Ihnen denn nicht auch

schon aufgefallen, dass Gespräche an

Bord immer irgendwann um dieses

Thema kreisen? Das hängt dann

wohl damit zusammen, dass man auf

dem Schiff zu sich findet und über

sein Leben nachdenkt. Eng verbunden

mit der Natur lebt, dem Wind,

der Sonne, dem Wasser.

Man öffnet sich und lässt los, außer

natürlich, außer, naja man hat …

Verstopfung.

Sorry! Aber irgendwer muss das

doch ansprechen!


Stille Bucht, aber kein

stilles Örtchen: Baie

d’Upi, Neukaledonien.

OCEAN WOMAN 2018 49


Noch Platz, Noah?

Von Seehunden, Meereskatzen und anderen Bordgefährten.

AUSGABE 6/2011

.

Schon Noah nahm einst Tiere

mit an Bord seiner Arche und

rettete damit die Welt. Sein

Vorteil war, dass damals zum Beispiel

Neuseeland auch unter Wasser war

und die Einwanderungsbehörde andere

Probleme hatte, als Hygienebestimmungen

zu überprüfen. Diese

waren nämlich der Grund dafür, dass

Koka per Flugzeug nach Canada

heimgeschickt wurde – von Tonga

aus. Aber alles der Reihe nach.

Während unseres Kroatien-Segeltörns

hatten wir an einem Tag in einer

Bucht vier Segelboote mit Hun-

den getroffen. Warum auch nicht?

Unter den Seglern dürften die Hundeliebhaber

genauso zahlreich vertreten

sein wie überall sonst. Warum man

sich natürlich auf beengtem Raum,

der meist kleiner ist als zu Hause

Rumpelkammer und Badezimmer zusammen,

auch noch einen Vierbeiner

einquartiert – sei es auch nur für zwei

Ferienwochen – ist nicht logisch zu

erklären. Muss man auch nicht. Die

Beziehung zwischen Mensch und Tier

ist eben nicht logisch – wie auch so

manch anderes Liebesgefühl. Die

Tiroler neben uns paddelten fröhlich

Gassi um sechs in der Früh und

Karli, der Skipper, meinte, er brauche

den Auslauf genauso wie seine

Sissi. Außerdem entdecke er so

manchen neuen Landstrich auf

seinen Wanderungen mit Hund.

Neben uns die Salzburger schickten

ihr Hundsvieh auf das Katzenklo

vorne am Bug. Burli, muss man

dazu anmerken, hat Katzengröße

und ist uralt. Schlecht wird ihm nie,

er schläft meist. Die Italiener mit

dem kaputten Dingimotor trieben

an uns vorbei und ihr Hund (Giovanni?)

wirkte etwas unrund, sprang

50 OCEAN WOMAN 2018


Schweindl in Vanuatu.

Wo ist das Sackerl fürs

Gackerl? San Blas-Inseln

ca. zwei Meter vor dem Strand ins

Wasser und kackte mitten zwischen

die Sonnenanbeter am Strand.

Schien niemand besonders zu stören,

was mich echt wunderte, aber

vielleicht bin ich einfach schon zu

zivilisiert und kann gar nicht mehr

ohne Sackerl fürs Kackerl.

Wir hatten übrigens auch einen

Hund. Jahrelang segelte er mit uns vergnügt

durchs Mittelmeer. Keine besonderen

Vorkommnisse. Außer vielleicht

der samt Angelhacken verschlungene

Köderfisch, ein Beinah-Tod durch Rattengift

und ein Riesenhaufen auf einer

tunesischen Kaimauer. Beim Beinah-

Tod versuchten wir verzweifelt, einen

Tierarzt auf einer griechischen Mini -

insel zu finden. Keine Chance. Der

Menschenarzt behandelte schließlich

den Hund heimlich im Stiegenhaus

und rettete sein Leben.

Der Angelhaken wurde restlos verdaut

und in Tunesien herrscht jetzt

Revolution. Die Ankerlieger in der

kroatischen Buch schienen mir alle

sehr entspannt. Kein Wunder, hier

kümmerte sich niemand um das Getier

– ganz im Gegenteil zum Rest

der Welt.

Fragt sich, wo die Tiere auf

Noahs Arche Gassi gegangen sind.

TIERE AN BORD

Wir trafen auf unserer Weltumsegelung

so manchen Tierliebhaber.

Nicht nur Hunde tummeln sich da

auf Segelbooten! Katzen sind sehr

beliebt – wie Koka, die dicke, weiße

Perserkatze unseres Segelfreundes

Ian aus Kanada.

Früher, zur Zeit der Großsegler,

wäre Kokas Job das Ratten- und

Mäuse-fangen gewesen. Nicht so bei

Ian. Hier lag sie faul über dem Niedergang

unter der Sprayhood und

starrte uns mit Riesenaugen an. Sie

ging nie von Bord. Uninteressant.

Dennoch, in Neuseeland verlangt

man bei Ankunft eine geimpfte, entseuchte

Katze. Ian hatte zu spät geimpft

– eine Woche zu spät – in Neuseeland

durften nur Katzen einreisen,

die genau sechs Wochen vor Ankunft

geimpft waren oder so höchst kompliziert

und mühsam. Koka bekam

ein Flugreiseticket und flog 1. Klasse

von Tonga nach Hause. Als Ian Koka

zwei Jahre später wiedersah, pisste

sie ihm in die Schuhe. Dann war alles

wieder ok. Tierliebe.

Auch in der Karibik und in der

Südsee kämpften viele Segler mit den

Hygienebestimmungen, einige Hunde

durften das Land nur vom Schiff

aus sehen. Gassiverbot. So manches

Herrl oder Frauerl schlich sich dann

mit ihrem Liebling natürlich in der

Nacht an Land. Die Karibik steht

heute noch und die Südsee auch.

Vor allem muss man dazu sagen,

dass wohl die einzig geimpften Tiere

auf diesen Inseln die Hunde der Segler

waren. Einmal trafen wir in Panama

Segler, die ein Aquarium an Bord

hatten plus Goldfischen. Die Wasserhöhe

so abgestimmt, dass bei Schräglage

kein Malheur passierte.

So mancher Fahrtensegler fand

sein Tier erst auf der Strecke, wie

Hugo Wehner seinen Honigbären

Taugenichts. Auf dem Cover seines

Buches „Tagedieb und Taugenichts“

springt ihm die Bärenliebe geradezu

aus dem Gesicht.

Ansonsten kamen uns keine Tiere

unter – außer die ungeliebten, nicht

eingeladenen wie Kakerlaken und

Rüsselkäfer. Dass ich Rüsselkäfer aus

Sri Lanka über den Indischen Ozean

durchs Rote Meer nach Italien einführte

– per Lasagnepackung –, das

interessierte keinen Hygiene- und

Seuchenbeamten dieser Welt.

Aber Noah hätte es gefreut! Auf

seiner Arche fand jedes Tier Platz –

egal wie grauslich! Fragt sich nur, wo

die alle auf der Arche Gassi gegangen

sind. Von Sackerln ist im alten Testament

nichts überliefert, oder?

Liebes Tagebuch …

Kenutu, Nr. 30, Tonga

Wal gesehen! Oder besser die exorbitant riesige Walflosse!

Das Segeln hier ist herrlich, wie auf dem Neusiedler See.

Ich mag dableiben. Morgen ist Kinderparty. Ronnie hat das

organisiert. Alle im Kostüm! Anchorage 13!

OCEAN WOMAN 2018 51


Chill, Mama …

Oder: Wespen-Alarm!

AUSGABE 6/2013

.

Es passierte kurz nach der Kvarner in einer türkisen Ankerbucht der

lieblichen Insel Mali Lošinj. Wir freuten uns, denn schon von weitem

war klar – wenige Schiffe! Kein Bojenfeld! Yippiie!

Der Anker war kaum gefallen,

als ich schon wild um mich

wedelte. Wespen! Rat des kundigen

Skippers und zahlreicher allwissender

Segler in internationalen

Foren: Nicht schnell bewegen, ruhig

bleiben. Und den Anker lichten,

würde ich beifügen.

Doch wir blieben, denn irgendwie

hoffte ich, dass die Wespen mit der

Sonne schlafen gingen. Ich tauchte

ins Glitzerwasser, erfreute mich der

karibisch-kroatischen Wassertemperaturen

und wedelte mich trocken.

Ich hasse diese Viecher!

Glücklicherweise verfügen wir

über zahlreiche Moskitonetze, die

gut zum Einsatz gekommen waren in

der Südsee, Indonesien, überall auf

der Welt, wo Moskitos ihr Unwesen

treiben. Wespen trafen wir übrigens

nirgends auf unsere Weltumsegelung.

Außer in Kroatien.

„Wir gehen an Land. Hier kann

man gut essen.“ Der Skipper hatte

immer die besten Ideen, wobei ich

mir sicher war, wir würden sofort

wieder aufs Schiff flüchten nach einer

desaströsen Wespeninvasion im Restaurant,

die Finn mit seinem aktuellen

Lieblingsfilm vergleichen würde.

World War Z, Invasion der Zombies

– pardon, Wespen.

Auf dem Weg zum Restaurant –

durch den Fahrtwind im Dingi von

der akuten Gefahr befreit – überlegten

wir, warum diese Insekten überhaupt

existierten. Warum vor allem

so viele und warum dieses Jahr und

nicht letztes Jahr, da hatten wir nämlich

einen der entspanntesten Abende

hier verbracht. Man muss aber

dazu sagen, die Ankerbucht platzte

damals vor Schiffen fast aus den

Nähten. „Wohl, weil es keine Wespen

gab“ fügte Sohnemann Finn seemännisch

hinzu.

Uns wurde ein besonders schöner

Tisch auf der Terrasse des Restaurants

zugeteilt. Angespannt beäugte

ich die Gäste rechts und links. Niemand

schien von Wespen belästigt

zu werden.

„Chill, Mama“, beruhigte mich unser

Teenager-Sohn, um kurz danach

ein „Boah, grindig!“ von sich zu geben.

Vor uns auf dem lieblichen

Dattelbaum hingen nicht nur reife

Früchte, sondern auch Plastikflaschen,

die zur Hälfte mit einer bräun -

lichen Flüssigkeit gefüllt waren. Die

Flüssigkeit schien vom Gestrampel

der sterbenden Wespen zu brodeln.

Verzweifelt versuchten sie sich aus

dieser Apokalypse zu befreien. Nichts

da. Wespen können offensichtlich nur

nach oben fliegen, der Flaschenhals,

durch den sie geflogen waren, war

aber in die Flasche gedrückt und so

zur Falle geworden.

WOZU WESPEN?

Das Internet behauptet, sie fressen

Moskitos und Fliegen. Also echt, jede

Fliege ist mir da lieber!

Bei nächster Gelegenheit googelte

ich die Wespen und siehe da, in fetten

Lettern sprang mir Folgendes ins

Auge: „Wespen-Angriff – Segelboot

versinkt“. Eine Seglerin war mit dem

Schiff in die Ufer böschung gekracht,

weil eine Wespe sie während des

Steuerns attackierte. Hatte sie vergessen,

an Deck alles zu vermeiden, was

süß ist und vielleicht sogar einen Saft

getrunken, vielleicht ungeschickterweise

aus der Dose? Höchst gefährlich

bei Wespengefahr! Die Seglerforen

strotzten vor guten Tipps!

Wespen mögen kein Kaffeepulver –

wenn man es entzündet! Hatte es

deswegen in der hübschen Bucht auf

Cres gebrannt? Sie lehnen Schokolade

ab. Aber nicht im Ernst?

Auch Marzipan scheint ihnen unangenehm.

Wer bitte nimmt aufs

Segel boot Marzipan mit?

Aber sie stehen unter Naturschutz

– die Wespen. Nur bei akuter Gefahr

solle man ein Nest entfernen, zum

Beispiel in der Nähe des Kinderzimmers.

Was, wenn ich eines nach dem

Winterlager unter der Dingiplane

entdecke?

Wespen mögen

keine Bora.

Wir fanden am Ende des Urlaubs

doch raus, was die Quälgeister nicht

besonders mögen.

Die Bora. Als wir wieder auf dem

Rückweg in derselben Mali Lošinj-

Bucht einkehrten, zeigte die Bora,

was sie von Wespen hielt. 30 Knoten

direkt auf die Nase. Oder hinter den

Stachel. Die Tage waren windig, aber

wespenfrei.

Übrigens waren auch da nur wenige

Segelboote vor Anker. „Wohl wegen

der Bora“ meinte Seemann Finn.

Da sieht man es wieder: Nichts wirkt

auf Kroatien-Segler abschreckender

als Wespen und viel Wind. Ich nahm

mir ein Stück Marzipan und tat das

einzig Richtige: Ich chillte.

Quellen:

è www.insidersegeln.com/Tipps/Wespen.php

è skippertricks.de/crew/crewbriefing.html

52 OCEAN WOMAN 2018


Von großen und

kleinen Fischen

Spricht man über Segeln bzw. Weltumsegeln, ist das Thema Meerestiere,

vor allem Haie, kaum zu vermeiden. Für manche Menschen ist nämlich die

Vorstellung, im satten Meeresblau zu schwimmen, sichtbar für unsichtbare

Seemonster, Riesenkraken und anderes Getier, schier unerträglich.

Urlauber dieser Art buchen

prinzipiell „All-inklusive“-

Schwimmbecken mit Meeresblick,

exklusive Haie. Urlaubsdestinationen,

will man meinen, sind

dann Thailand, die Malediven oder

Tunesien. Aber wo! Wir sprechen

vom lieblichen Kroatien!

Im Internet-Forum Kroatien

schreibt Herr K. besorgt, ob was an

den immer wieder kursierenden Haigeschichten

dran ist, denn er würde

vom 7.7.–13.7. auf der Insel Rab weilen.

Internetschreiber „diggerfisch“

antwortet: „Ja, es gibt dort Haie,

bevorzugt auf der Speisekarte!“

Im breitmaschigen Internetz geistern

Haivideos aus aller Herren Länder

herum, mehr oder weniger grauselig

oder undefinierbar. Haie aus der

Mittelmeergegend sehen dabei verdächtig

nach Rochen, Delfinen oder

Plastiksackerln aus. Da hilft auch raffiniert

eingefügte Weiße-Hai-Musik

nicht. Unsere Weltumsegelungs-Haigeschichten

packen wir manchmal

aus, um verängstigte angehende Blauwassersegler

oder Atlantikbezwinger

zu beruhigen.

Hai Numero Eins. Straße von Messina,

blöder Gegenwind, sinnloses

Aufkreuzen. Da! Ein flott gegen Wind

und Strömung schwimmender Hai.

Nur Rückenflosse sichtbar. Angst?

Nein! Neid!!! Ich hasse Aufkreuzen,

der Hai war wohl immun dagegen.

Hai Numero Zwei ging mir auf die

Nerven. Wir hatten mitten auf dem

Atlantik diesen Riesen-Thunfisch an

der Schleppangel. Letztendlich holten

wir nur einen Riesen-Thunfisch-Kopf

an Bord. Den Rest ließ sich wahr-

scheinlich ein Riesen-/Weiß-/Hammer-

oder Sichelhai – in jedem Fall

ein verfressener Hai – schmecken!

Hai Numero Drei knallte auf dem

Atoll Tuao an das Schienbein unseres

damals achtjährigen Sohnes. Er war

mit wenigen Zentimetern Körperlänge

ein Babyhai, der vor dem Inselhund

Balu flüchtete. Balu, ein dicker

Schäfersüdseemischling, liebte es,

Haie im flachen Riffwasser zu jagen,

so wie seine Artgenossen gerne Tennisbällen

apportieren.

Hai Numero Vier. Tauchen am Außenriff

in Bora Bora. Türkises Wasser,

auf dem Meeresgrund ein Grauhai.

Meine Mutter, damals zu Besuch,

meinte: „Naja, nicht besonders groß,

vielleicht zwei Meter.“ Sie hatte die 15

Meter Wassertiefe nicht eingerechnet.

Als mein Skipper ihr dies erklärte und

den Hai auf acht Meter schätze, sah

mein Sohn seine Oma so schnell wie

noch nie ins Dingi hechten.

Hai Numero Fünf. Suwarow. Ankerplatz.

Glasklares Wasser. Ich will

meine morgendlichen Schwimmrunden

ums Boot machen. Stehe auf der

Badeleiter, hab’ so ein Gefühl, setze

die Taucherbrille auf und sehe einige

Blacktip Riffhaie filmreif auf dem

Meeresgrund kreisen und zu mir

raufschielen. Fünf Meter mindestens!

Da kann mir das Internet tausendmal

argumentieren, dass Riffhaie nicht

mehr als zwei Meter groß werden! Ich

entschied, an diesem Tag lieber am

Atoll joggen zu gehen.

Warum immer Haie? Ich liebe Delfine!

Und sie lieben unseren Katamaran,

düsen mit ungeheurem Tempo

zwischen den Rümpfen durch, drehen

AUSGABE 3/2014

Hai Numero Zwei ging

mir auf die Nerven.

Wir hatten mitten auf

dem Atlantik diesen

Riesen-Thunfisch an der

Schleppangel. Letzt -

endlich holten wir nur

einen Riesen-Thunfisch-

Kopf an Bord.

FOTO: SHUTTERSTOCK

.

sich auf den Rücken, blinzeln mit

neugierigen Augen und pfeifen noch

dazu. Säugetiere wie wir, doch ohne

Angst vor dem großen Hai! Kompliment!

Dann die vielen Thunfische, die

wir kennenlernten – roh, gedünstet,

gebraten, paniert. Die güldenen Doraden

– besonders willkommen mit

Kokos reis, als Fischsuppe, als Sushi

mit scharfem Wasabi.

SCHNAPP’ DIR DEN SNAPPER

Meine Favoriten sind bis heute die

Kofferfische von den Los Testigos, einer

Inselgruppe vor Venezuela. Sohnemann

fischte vom Ankerplatz aus

eines dieser süßen Geschöpfe, die ihrem

Namen alle Ehre machen. Sie

sehen aus wie ein Rollkoffer mit

Flossen. Für Barbiepuppen wohlgemerkt.

Wir schenkten ihm die Freiheit.

Wenig später versammelte sich

die gesamte Kofferfischfamilie um

den erneut ausgeworfenen Angelhaken.

Offensichtlich um sich zu bedanken.

Da soll einer noch sagen, Fische

sind kalte, unpersönliche Wesen!

Nett waren auch eine Dorfgemeinschaft

von roten Rifffischen, die uns

allmorgendlich zum Tauchen begleitete.

Red Snapper, lasen wir im Fische-Lexikon

– und machten draus

am Abend Fish and Chips. Sorry

Snapper, manche Säugetiere sind eben

schlimmer als Haie!


OCEAN WOMAN 2018 53


Wer geht an

die Leinen?

Oder: Warum Leonardo

diCaprio sterben musste.

AUSGABE 4/2013

Als ich kürzlich eine kleine Reise als Crewmitglied antrat, fiel

es mir wie Schuppen von den Augen. Was bei mir, auf dem

eigenen Boot, im Leben, ganz selbstverständlich ist, scheint

so gar nicht im Wertesystem andere verankert zu sein.

Seemannschaft – eine vergessenen Tugend?

.

Wikipedia sagt über „Seemannschaft“,

dass man

darunter „die Fertigkeiten

versteht, die ein Seemann zur praktischen

Handhabung eines Wasserfahrzeuges

beherrschen muss“.

Zwei Negativ-Beispiele: Wenn ich

wegen überhöhtem Tempo gegen einen

Eisberg knalle oder zu nahe am

Ufer mit meinem Kreuzfahrschiff ein

Riff ramme, nennt man das schlechte

Seemannschaft.

Was ist nun aber, wenn eine Crew

die immense Kapazität von Außenlautsprechern

am Ankerplatz testet?

Jemand ganz schnell den Motorhebel

auf Anschlag drückt, wenn er/sie das

letzte Plätzchen an der Kaimauer erspäht?

Wenn es regnet und niemand

an die Leinen gehen will, weil man

sonst nass werden könnte und der

Kapitän das eh freiwillig macht?

Oder was ist mit FKK-Ankermanövern?

Oder Leuten, die mit der

Badehose zum Hafenkapitän spazieren?

Würden Sie in ihrer Heimatgemeinde

oben ohne beim Bürgermeister

antanzen? Und warum verführt

manche das Schiffsleben dazu, Frauen

auf die Venus und Männer auf

den Mars zu schicken?

Auf meinem letzen Trip drückte

ich einem bekennenden Hausmann

und Crewmitglied am dritten Tag

charmant lächelnd das Geschirrtuch

in die Hand und musste beifügen:

„Jeder macht einmal die Küche.

Auch auf dem Schiff!“ Und ich war

nicht einmal die Kapitänin. Oder

vielleicht doch?

GUTE SEEMANNSCHAFT

Seemannschaft war früher neben der

Überlebensfrage auch eine Charakter-

und Stilfrage.

Im Yacht Club de Monaco gibt es

eine Charta, in der wichtige Leitbegriffe

verankert sind, wie zum Beispiel:

Die Beachtung der nautischen

Etikette; die gegenseitige Unterstützung;

die beiderseitige Hilfe; würdiges

Verhalten an Land und auf See;

Achtung vor der Umwelt.

Mhm. Das klingt alles sehr nobel,

klar, aber alles ist auch auf dem

stinknormalsten Charterboot mach-

54 OCEAN WOMAN 2018


Früher war Seemannschaft auch eine Frage des Charakters

bar. Dazu braucht es kein klassisches

Rigg, keine Segel aus feinstem Tuch

oder blitzblank polierte Messingbeschläge.

Es reicht, die Vorrangregeln neben

das Steuer zu kleben, zu schauen,

ob man vielleicht doch zu nahe ge -

ankert hat, den Müllsack nicht in

einer Bucht zu „vergessen“.

Und ja – anzupacken, wenn es

nötig ist. Zum Beispiel die Leinen zu

nehmen und danach wieder aufzuschießen.

Oder einfach das Cockpit trockenzuwischen.

MIT ANPACKEN

Vielleicht ächzt jemand da draußen:

Meine Güte, wie altmodisch, wie

langweilig, wie unentspannt. Aber

hey, wer hat mehr zu erzählen? Die

SonnenliegerInnen auf dem Vordeck

oder die AbenteurerInnen am Steuer

nach einem gelungenen Ankermanöver?

Kann natürlich sein, dass es Leute

gibt, die nichts erleben wollen. Aber

vielleicht nur deshalb, weil sie noch

nie etwas erlebt haben.

Und mit Abenteuer ist nicht gemeint,

mit Vollgas an anderen Seglern

vorbeizudonnern, um als erstes

die letze Boje zu kriegen. Sicher –

man wird deswegen wohl nicht mit

einem geschichtsträchtigen Untergang

bestraft werden wie die Besatzung

der Titanic, aber man trägt

dazu bei, Höflichkeit, Hilfsbereitschaft,

Respekt und Verantwortung –

eben Seemannschaft – zu zeigen. Ein

solches Verhalten „adelt“ den Seemann

und es adelt die Mannschaft.

Außerdem: wäre doch schön gewesen,

wenn Leonardo DiCaprio nicht

wegen schlechter Seemannschaft

hätte erfrieren müssen, oder?

OCEAN WOMAN 2018 55


Auf der Liste: da steht sie. Im Kopf: da formiert

sie sich. Die Frau will meist nichts davon wissen

und die Kinder hält man bei der Stange mit

den aufregenden Piratengeschichten in diversen

Pixie-Büchern. Für manche ist die Route schon

klar und für die Fortgeschrittenen ist die außergewöhnliche

Umrundung durch besonders unbekannte

Gewässer gegen den Wind, gegen die

Hurrikan-Saison, gegen alle, Pflicht.

56

Ich wollte nie eine Weltumsegelung

machen. Mein Mann schon.

Risho Maru vor Vanuatu.


Von Träumen,

Schäumen und

AUSGABE 5/2013

.

Weltumsegelungen

Blöd nur, wenn die Weltumsegelung

in der Karibik endet.

Oder noch blöder auf den

Kanaren. Oder ganz blöd in Griechenland.

Vielleicht wundert mich

das alles nur so, weil ich nie eine

Weltumsegelung machen wollte.

Mein Mann schon. Der plante unsere

Reise ab seinem ersten Segelausflug

mit einem Autoreifen als Boot, Paddel

als Mast und Handtuch als Segel

– mit sieben Jahren.

Aber mein Mann sprach es nie aus,

machte es nie zum einzigen Thema,

Ziel, Listenpunkt. Als wir lossegelten,

war die Karibik das Ziel und danach:

Schau’ ma mal. Davor waren wir jahrelang

im Mittelmeer gesegelt, das

Schiff schon lange bereit für diesen

großen Schritt.

Und nun treffe ich immer öfter auf

Leute, die in einem halben Jahr losfahren

und noch kein Boot gefunden

haben. Ehefrauen, die ängstlich an

meinen Lippen hängen und hoffen

zu hören, dass das alles eh gut

ausgeht und eh ok. ist. Und Kinder,

denen das alles wurscht ist, Hauptsache,

die Eltern, Omas, Opas, Tanten

streiten deswegen nicht mehr

miteinander. Wegen der Weltumsegelung,

meine ich.

Vielleicht hat sich das so entwickelt,

weil eine Weltumsegelung

eigentlich heutzutage nichts Besonderes

ist – wie mir ein Veranstalter

einmal mitteilte. Das machen ja

schon 14-Jährige, oder? Das sollte

doch jeder hinkriegen! Also rauf auf

die Liste, rüber über die Weltmeere

und alle müssen mit.

BESSER ALS IM

STURM ZU HEULEN

Ein guter Bekannter ist erst kürzlich

von seiner Weltumsegelung, die in

der Karibik endete, zurückgekommen.

Das ist nichts für ihn, zu einsam.

Aber er hat’s probiert und seinen

Traum zumindest zum Teil

gelebt. Und er hat’s allein gemacht,

weil seine Frau diesen Lebensstil

nicht teilen wollte. Diese Entscheidung

fand ich von Frauenseite her

übrigens toll. Besser als dann heulend

im Sturm zu sitzen und alles

und jeden zu verdammen, der sie je

auf ein Schiff geschleppt hat. Nur leider

– die meisten machen es so nicht.

Da werden alle Leinen gekappt, auch

wenn Frau/Kind/Partner/Partnerin

zuvor nie segeln waren.

Ich glaub’, beim Träumen von einer

Weltumsegelung ist es für manche

wie beim Träumen von gemeinsamen

Kindern mit seinem geliebten

Partner. Oh, wie romantisch, wie

lieb, wie perfekt – und dann schlaf -

lose Nächte, entnervte Schreiduelle,

alles anders als im Babymagazin,

pardon, Segelmagazin.

SCHREIBT DENN KEINER,

WIE DAS WIRKLICH IST?

Ich schon! Hab’s in meinem Buch

„Wellenzeit“ mehr als deutlich dokumentiert

und dafür viel Lob von Seefrauen

und Seemänner bekommen!

„Meine Güte, wenn ich gewusst hätte,

dass es dir auch so geht!“ Wichtigster

Rat zur Ausführung einer

Weltumsegelung: Partner, die nicht

auf Teufel komm raus ihr Ding

durchziehen wollen! Beide sollten an

einem Strang oder Tau ziehen, dann

lassen sich die Hochs und Tiefs

(nicht nur die der Wetterkarte) gut

abwettern. Eine Weltumsegelung ist

kein Punkt auf der Liste der Dinge,

die Mann/Frau im Leben angeblich

schaffen sollte, gleich neben einem

Häuschen am Land/Mont Everest-

Besteigung/Tiefseetauchen im Mariannen-Graben.

Eine Weltumsegelung

macht man für sich selbst.

So wie Simon, der unser Buch las

und aus der Schweiz nach Wien flog,

um mit uns essen zu gehen. Er hätte

ein kleines Segelboot, er liebt das Segeln,

er wird das irgendwann machen,

mit seinem Sohn, aber er

braucht noch Zeit. Nächster Schritt

nach dem Wochenende bei uns:

Simons überstellt sein 8-Meter-Segelboot

vom Genfer See ins Mittelmeer.

Mal sehen, wie es ihm, seiner abenteuerlustigen,

aber noch nicht see -

festen Freundin und dem Teenager

wirklich dabei geht.

Ich fand das beeindruckend. Ich

denke, Simon wird einer von denen

sein, die einfach mal losfahren und

sagen werden: Weltumsegelung, keine

Ahnung, probieren wir es mal mit

der Karibik. Und außerdem: Wer

braucht schon Listen? Ich nicht einmal

zum Einkaufen. Fair Winds!

OCEAN WOMAN 2018 57


FOTO: SHUTTERSTOCK

Quo vadis,

Albatros?

AUSGABE 1/2014

.

Ein Schiffsname gibt viel über die Eigner preis, über ihren Intellekt, ihre Weltoffenheit, ihren Humor.

Also dann: Bumsti2. Hurricane.

Carpe Diem. Alimente. Wet

Dreams. OMG! Apropos: Die

alten Griechen waren die ersten, die

ihren Schiffen Namen gaben – Götter

standen Pate: der Meeresgott Poseidon,

der Gott der Winde Aiolos.

Die antiken Seefahrer wollten die

Chefs im Olymp gnädig stimmen

und erhofften sich, so Unheil und

Untergang zu ersparen. Nach der Legende

ist jedes Schiff nach seinem

Namen in „The Ledger of the Sea“

eingetragen – dem Hauptbuch des

Meeres und somit fest eingebrannt in

Poseidons Gedächtnis. Bei den Römern

war es genauso, Neptun ließ da

auch nichts durchgehen.

Bis heute hält sich der Aberglaube,

dass eine Schiffsumbenennung Unglück

bringe. Dieses Gerücht machte

sich schon die britische Admiralität

zu Nutze, um die extrem abergläubischen

Piraten daran zu hindern

Schiffe umzubenennen, denn so

konnten gestohlene Schiffe leichter

ausfindig gemacht werden.

HA, DIE RISHOS KOMMEN!

Was würde Poseidon eigentlich zu

Schiffen mit dem Namen Boatox, Biopsea,

Aquaholic, Bin Baden und

Männertraum sagen? Ich denke, er

hätte sich das nie träumen lassen.

Und am Funk? Darüber sollte man

sich wirklich Gedanken machen, will

man ein Schiff benennen. … Mayday,

Maday, this is sailingboat Quitschentchen

calling. We are sinking … Sailingboat,

sailingboat, please spell

your name ... Je weiter man sich vom

Mittelmeer entfernt, desto nötiger

wird der Funk. Klar, im Sommer in

Kroatien kann man immer noch per

Handy gerettet werden, weil wahrscheinlich

keiner weiß, wo die Handfunke

liegt. Und die meisten Charterboote

unverfängliche Namen wie

Antares, Azzuro, Aquarius tragen. Ab

Gibraltar gelten jedoch andere Gesetze.

Zum Einklarieren, auf sich aufmerksam

machen, um im schlimmsten

Fall einen Notruf auszulösen,

wäre ein genehmer Schiffsname nicht

so übel.

Wobei – ich sollte vorsichtig sein.

Mit unserer Risho Maru sind wir

auch nicht gerade leicht zu verstehen.

Aber der Name im Funkalphabet

steht bis heute über der Funke, auch

wenn wir ihn inzwischen im Schlaf

buchstabieren können. Beim Fahrtensegeln

übrigens verschmilzt die

58 OCEAN WOMAN 2018


Nomen est Omen: Schiffe auf dem Neusiedler See und auf anderen Wassern in aller Welt.

eigene Person mit dem Schiffsnamen!

Ha, die Rishos kommen! Grüß euch,

Esperanzas, habt ihr die Sabaticals gesehen?

Nein, die Veras haben gestern

mit ihnen gesprochen, schau, die

Symis! Huhu, Afriki!

Stellen Sie sich einmal vor, Sie machen

eine epische Weltumsegelung

und alle erinnern sich an Sie als die

Seezicken, Rumpelstilzchens, WTFs,

Piece of Ships?

Angeblich gibt es Leute, die ihr

Schiff Mayday nennen, ich finde Taifun

schon etwas vermessen, weil –

naja, Nomen est Omen?

NAMEN, NICHT ZAHLEN

Ich bin nicht sehr abergläubisch, denn

Frauen an Bord bringen ja angeblich

Unglück, doch unsere Weltumsegelung

ging gut aus. Auch der großartige

Herr Wilfried Erdmann meint, der

Name sein nun mal nicht so wichtig,

als ein wirklich seetüchtiges Boot zu

finden. Wobei: Auch er hat seine Kathena

nicht umgetauft, aber Nui drangehängt

– in der polynesischen Sprache

gleichbedeutend mit unerschrocken,

stark –, um sich Mut für seine

Reisen zu machen. Zahlen, findet er,

haben hinter dem Namen nichts zu

suchen – denn unser Leben ist sowieso

schon von Zahlen bestimmt. Danke,

Herr Erdmann!

Wobei Frauennamen mit Zahlen

hinten immer wieder zu finden sind.

Susi 2 zum Beispiel. Piraten wiederum

nannten ihre Schiffe gerne nach

Frauen – wahrscheinlich, weil sie auf

See selten welche zu Gesicht bekamen.

Aber im Ernst: Was soll man tun,

findet man wirklich sein Traumschiff

und es heißt Jürgen? Es gibt im Internet

einige Webseiten, die das Ritual

der Umbenennung anführen. Am allerwichtigsten

dabei: Alle Gegenstände,

auf denen der jetzige Name des

Bootes steht, müssen von Bord und

einige Flaschen Wein müssen an

Bord, um die Götter umzustimmen.

Dazu kommen viele Ansprachen an

diverse Gottheiten … und da bin ich

dann ausgestiegen. Zu kompliziert

und aufwändig. Ich bin froh, dass

unser Schiff so heißt, wie es heißt.

Risho Maru. Aus dem Japanischen

und bedeutet „Das Schiff verlässt

den Hafen und kehrt wieder sicher

zurück“.

Naja, vielleicht bin ich ja doch

ein klein bisschen abergläubisch?

Quellen:

è www.bootsbeschrifter.de/bootsnamenschiffsnamen-yachtnamen

è www.thechive.com

è www.themonkeysfist.blogspot.co.at

è www.wilfried-erdmann.de

è www.frugal-mariner.com

OCEAN WOMAN 2018 59


Segelfrauen,

Männer-Latein

AUSGABE 5/2014

.

Roger. Treffen uns in der Marina, direkt bei der Einklarierungsmole. Können danach frei

ankern, wenn der Wind nicht auflandig dreht. Vor dem Ablegen müssen wir aber noch die

Bilge mit Getränkevorräten füllen! Haben Netze an der Reling, also keine Sorge wegen der

Kinder! Over and out.

Dies sind klare Worte für Segler,

jedoch Rätsel für Chartergäste,

Bordgreenhorns, Inselhüpftouristen.

Ja, es gibt Mitmenschen,

die über ein Regal voller

nautischer Bücher und frisch gedruckter

-Magazine nicht

entzückt nach Luft schnappen! Gerade

jetzt in der schönen Feriensegelzeit

sollte besondere Rücksicht auf

sie genommen werden.

Wenn mich jemand danach fragt,

wo sich unser Schiff gerade befindet

und ich drauf sage, auf dem Trockendock

in der Werft und der jemand

dann meint, hey, ich bin da ganz in

der Nähe, wann seid ihr dort, ich

schau mal vorbei. Ja, dann ist Vorsicht

geboten!

Trockendock heißt, beim Pipi gehen

mitten in der Nacht zur Marina-

Toilette eine steile Leiter runter- und

raufkraxeln zu müssen, in der heißen

Koje schmachten mit (wahrscheinlich)

Antifouling-Geruch in der

Nase. Eine Freundin, Musikschul-

Direktorin, beneidete mich kürzlich,

als ich ihr erzählte, wir hätten Pfingsten

auf dem Schiff in der Werft verbracht.

Sie sah uns segelnd bei sanfter

Brise, dann im Sonnenuntergang

einen schönen Hafen anlaufend, direkt

vor dem Fisch lokal über die

Nacht festgemacht. Ja – so etwas gibt

es natürlich!

Aber wir hatten zu Pfingsten das

Mittelcockpit geschliffen und den

Mast gelegt, damit er sich nicht selbst

zu einem sicher ungünstigen Zeit-

FOTO: SHUTTERSTOCK

60 OCEAN WOMAN 2018


punkt legt. Die Freundin schaute

mich sichtlich verwirrt an. Dachte

aber wahrscheinlich insgeheim, na,

so schlimm kann dieses Werftgelände

nicht sein, wenn man davon derart

gut gebräunt heimkommt.

HEAD IST NICHT IMMER KOPF

Natürlich – Relingstützen polieren

kommt einem Besuch im Sonnenstudio

sehr nahe. Relingstützen?

Als ich mein erstes Mal auf unserer

Risho Maru segelte, war ich extrem

verwirrt von Ausdrücken wie aufschießen,

fieren, wenden und besonders

gefährlich klang auslaufen. Was würde

wo wie sehr auslaufen und könnte das

meine Gesundheit gefährden?

Nach einem Sommer mit dem geduldigsten

Kapitän von allen wusste

ich, dass die „Schnürdln“ Taue heißen

und hatte ohne deswegen extra

die Toilette zu besuchen gelernt, was

ein Bootsmannsstuhl ist. Zur Toilette

fällt mir der „Pützkübel“ ein. Den

Ausdruck hörte ich das erste Mal von

deutschen Fahrtenseglern, die mit

ihrem (randvollem) Pützkübel jeden

Morgen zur Marina-Toilette gingen.

Wir waren am Trockendock, eh klar!

Übrigens brauchte ich lange, um zu

kapieren, dass das Klo an Bord bei

den Engländern als „Head“ bezeichnet

wird. Warum „Kopf “ für genau

das Gegenteil? Weil früher auf den

alten Segelbooten das Klo ganz vorne

angebracht war, über dem Wasser,

um alles gleich sauber zu entsorgen.

Und diese Bezeichnung gilt bis heute.

Viele dieser nautischen Ausdrücke

stammen aus alten Zeiten und scheinen

Segelneulingen etwas altmodisch.

Dabei sind sie einfach präzise und

sorgen für Klarheit und Sicherheit.

Es ist nun mal wesentlich klarer, wenn

der Kapitän die Anweisung „Großsegel

fieren“ gibt als zu beschreiben,

man soll doch das Seil rechts von

einem, das um diesen Metalltopf

gewickelt ist, etwas locker lassen.

Ein Boot im Trockendock ist kein

Ort für einen Wellness-Urlaub.

Klar, wenn’s gemütliches Flachwasser/Schönwetter

Segeln ist, kann so

eine Erklärung perfekt sein, doch

wenn die Gewitterfront im Anmarsch

ist, könnte es ungemütlich werden.

ANKERN MITTEN IM ATALNTIK

Immer wieder fragten mich Nichtsegler,

wie es denn sei, mitten auf

dem Atlantik zu ankern.

Die Vorstellung, wie lange eine Ankerkette

sein müsste, um den Ozeanboden

zu erreichen, dringt in nicht

nautisch geprägte Gehirne nicht ein.

Das hat aber nichts mit Dummheit zu

tun. Es ist doch in jedem Interessensgebiet

so. Ich komme vom Theater und

ein Durchlauf bedeutet nichts Medizinisches,

sondern die Anweisung,

einmal das Theaterstück im Ganzen

durchzuspielen. Mein Sohn erzählt

mir, ein gewisser Typ hat den Swag,

was nicht bedeutet, dass er an einer

gefährlichen Infektionskrankheit leidet,

sondern einfach, dass er cool ist.

Oder mein Mann greift gerne zum

Ruder und meint damit nicht das alte

Plastikruder in unserem Dingi, sondern

seine Stratocaster E-Gitarre.

Swag? Strat? Dingi? Man kann immer

und überall dazulernen, oder?

JETZT FUNKT‘S

Und das war es, was mir schließlich unglaubliche

Freude auf dem Schiff machte.

Als ich plötzlich auch diese Sprache

zu sprechen begann und Segel-Kataloge

und -Magazine nicht verwirrend und

irritierend auf mich wirkten. Und jetzt

noch die Lösung des Sprachrätsels vom

Beginn der Kolumne – extra für Segeleinsteiger

und oceanwoman-

Kolumnen-Neulinge: Alles verstanden

(amerikanische Funkersprache). Ruft

mich am Handy an, wenn ihr da seid,

ich hol’ euch beim Eingang ab (Kurzfassung).

Wenn alles passt, gehen wir

heut noch Segeln (frei ankern lasse ich

aus – kann man in Kroatien eh bald

nicht mehr). Hoffe, ihr habt ihr die

Kids bei der Oma gelassen! Ciao.

Oben: Peter mit Flautenschieber (= Motor).

Links: Pfingsten beim Schiff (nur auf dem Trockendock).

Rechts unten: der Franzl (= unsere Windsteueranlage).

OCEAN WOMAN 2018 61


Der Kran kommt!

AUSGABE 6/2015

.

Kürzlich kam in der Werft ein Seglerfreund vorbei und fragte, ob wir dabei sein könnten,

wenn sein Schiff gekrant wird. Einfach so. Falls noch ein paar Hände benötigt würden.

Zum x-ten Mal gekrant und immer noch nervös! Ziemlich typisch, finden Sie nicht?

Ich erinnere mich gut, als ich das

ersten Mal beim Kranen unserer

Risho Maru dabei war. In Griechenland,

in einer mittelgroßen

Werft mit einer sehr kleinen Box, die

für einen Katamaran mit einem Außenboder

ohne Möglichkeit im Stand

zu drehen, schnell zu klein wurde.

Natürlich fegte ein starker Wind und

natürlich drückte die Strömung auch

noch von der Seite.

Ich hatte mich nicht nur in den

Skipper, sondern auch in dieses

Schiff verliebt und konnte mir unmöglich

vorstellen, wie unser Liebstes

je an Land stehen könnte, vor

allem jemals in diesem seltsamen

Gefährt auf vier Rädern mit zwei

Gurten hängen sollte – die mich an

diverse Transporte meines Pianos

in Wien erinnerten. Nur natürlich

größer und viel stärker.

Hoffentlich.

Mein Skipper schien ruhig und

konzentriert. Etwas sehr konzentriert

für meinen Geschmack. Vielleicht

doch nervös? Hatte er mir doch nicht

alles über das Kranen erzählt? Gut

nur, dass dieses erste Mal vor You

Tube-Zeiten passierte. Ich hatte also

keine Bilder vor mir von ins Wasser

kippenden Schiffen, von Mobilkränen

begraben, zerschmettert, zerhackt,

auf Grund gesetzt.

Immerhin schafften wir es unter

Müh’ und Not in die Mini-Box.

Heutzutage – das heißt seit diesem

Sommer – blitzt unter unserem

Schiff ein zweiter Außenborder und

das Beste an diesem Ersatzmotor ist

seine Fähigkeit, uns bzw. unser Schiff

im Stand zu drehen und das Bauchweh

vor dem Kranen um einige Prozent

zu reduzieren.

Damals lagen wir endlich in der

Box und bevor sich mein bis zum

Hals klopfendes Herz wieder beruhigen

konnte, jagte mir ein Schauer

62 OCEAN WOMAN 2018


Wir fragten den Kranfahrer, wie oft denn der Kran gewartet

wurde. Die Antwort: alle drei Monate – je nach Bedarf.

über den Rücken, ausgelöst vom

Lärm eines sich nähernden Gefährtes

– auch Travel Lift genannt.

Mein Skipper hatte mir am Vorabend,

um mich zu entspannen, bei

einem Gläschen griechischen Weins

erzählt, dass er sein Schiff schon auf

die abenteuerlichsten Arten in das

und aus dem Wasser geschafft hatte.

Höhepunkt war sicher in einer winzigen

Marina im Ionischen Meer gewesen,

mit einem Traktor, der das

Schiff über eingeseifte Planken gezogen

hatte.

Als das Schiff wieder ins Wasser

musste, wurden einfach die Kiele

eingeseift und ab ging es die Rutsche

runter! Auch ein Autokran war bereits

zum Einsatz gekommen. Hätte

der Kapitän damals eines dieser

„Yacht fällt vom Kran“-Videos gekannt

– lieber hätte er sein Schiff eigenhändig

aus dem Wasser gezogen!

GLÜCKLICH OHNE GURT

Auf unserer Weltumsegelung waren

uns natürlich auch einige Kranmethoden

untergekommen.

In Curaçao in der holländischen

Karibik befand sich die Marina hinter

der Ölraffinerie. Das Wasser hatte

Farbe und Geruch derselben, nichtsdestotrotz

erschien der Besitzer der

Marina im Neoprenanzug und mit

Taucherbrille und tauchte unter unserem

Schiff in dieser Brühe, um es

auf einer Art Anhänger richtig zu

positionieren. Der wiederum wurde

von einem traktorähnlichen Gefährt

aus dem Wasser gezogen.

In Neuseeland wurden wir auf einem

hydraulischen Trailer bei strömendem

Regen per Bagger aus der

Box gezogen. Der Marina-Angestellte

Cullum war in Ölzeug aus den

1950er Jahren gekleidet und sah aus,

als könne ihn nichts erschüttern.

In Malaysia mussten wir glücklicherweise

nicht aus dem Wasser, bewunderten

aber die schönen Marinas

und Werften und ein Fahrungetüm

namens „Sea Lift“, das alle Yachtbesitzer

glücklich machte, weil auf

Gurte verzichtet wurde.

Verständlich – die Geräusche, die

ein Schiff von sich gibt, wenn es mit

Gurten gehoben wird, sind angsteinflößend.

Ein Quietschen, Knarzen

und Raunzen, das selbst gestandene

Seebär innen und Seebären erzittern

lässt. Betrachtet man epische Kran-

Desaster, sind es immer die Gurte,

die versagen, oder besser die Gurtanleger,

die nicht wissen, wo genau

man denn so einen Gurt platzieren

sollte.

MACH’ DIR EIN BILD

Ein durch Gurte rutschendes Schiff,

ein in Gurten gefährlich schwingendes

Schiff, ein von Gurten gezweiteiltes

Schiff. Es gibt inzwischen an manchen

Schiffen Plaketten, die darauf

hinweisen, wo die Gurte liegen sollten.

Eine bekannte Schiffsversicherung

rät auf ihrer Website, das Schiff

im Kran zu fotografieren und es dem

Kranfahrer zu zeigen. Aber wer

schafft schon bei all dieser Aufregung,

den Fotoapparat oder das Handy

nicht auf dem Schiff zu vergessen?

Erstmals übrigens fragten wir diesen

Sommer den Kranfahrer unserer

Marina, wie oft denn der Kran gewartet

wurde. Die Antwort: alle drei Monate

– nach Bedarf. Nach Bedarf? Was

muss denn passieren, damit Bedarf …

Ach, lassen wir das Thema besser …

All das wusste ich natürlich damals

in Griechenland nicht. Ich hätte vor

Freude springen können, als unser

Schiff endlich an Land stand, fürchtete

mich aber gleichzeitig vor dem ins-

Wasser-Heben einige Monate später.

Heute geht’s mir nicht anders, auch

wenn ich inzwischen nach außen hin

Contenance bewahre und seemänisch

cool vor mich hinblicke.

So wie die meisten Skipperinnen

und Skipper – oder?


Kran, Traktor, Bagger:

Die Risho Maru

in der Stella Marina/

Italien, in der Curaçao

Marina/Curaçao und in

der Whangarei Marina/

Neuseeland.

OCEAN WOMAN 2018 63


FOTO: SHUTTERSTOCK

Im

Das Schiff ist gut versorgt, neue Teile sind bestellt, alte Teile entrostet, im

Schlafzimmer liegt der verzinkte Anker, im Jugendzimmerwandschrank

die neuen, blaugestreiften Sitzpölster, im Abstellkammerl der reparierte

Außen border. Chartersegler haben das Griechenland-/Italien-/Kroatien-/

Türkei-Törn video rechtzeitig zum Allerseelenkaffee bei den Schwiegereltern

präsentiert. Schön und gut. Es ist Winter. Auch für SeglerInnen.

Winterlager

AUSGABE 2/2015

Die Segelsaison in der Karibik

hat begonnen, leider

haben die Online-Segelshop-Bestellungen

das

Konto leergeräumt und der Stille

Ozean mit seinen Inselchen findet

sich höchstens am stillen Örtchen

mit seinen Yachtzeitungen. Nebensaison.

Oder für die meisten grad

gar keine Saison.

Was tut ihr SeglerInnen jetzt gerade

da draußen? Was ist euer Ventil?

Denn einfach so abschalten, ausstecken

lässt sich die Segelleidenschaft

ja doch höchstens, wenn der letzte

Kroatienurlaub sturmgepeitscht war.

Und selbst dann denkt man dran,

wie großartig die Erzählungen von

der Windhose vor Dubrovnik im

Freundeskreis angekommen sind.

Und die Nachtfahrt bei Bora, als der

Arbeitskollege über der Reling hing

und versprach, sämtliche Fenstertage

freiwillig zu übernehmen, wenn man

nur endlich ...

In meinem Seglerfreundeskreis

geht man wandern oder – wenn’s

Schnee gibt – auf Skitouren. Das ist

sehr beliebt, vor allem weil man

dann gleich das neue GPS testen

kann.

Manche finden sich in apfelverzierten

Fachgeschäften vor flachen

Narrenkasteln, die einem doch glatt

64 OCEAN WOMAN 2018


ausrechnen, wie lang man von Pula

nach Kuba braucht. In Seemeilen.

Oder von Lignano nach Tonga.

Korfu–Tahiti. Rovinj–Neuseeland.

Andere wiederum surfen nicht auf

der Welle, sondern im Netz. Betrachten

Promotion-Videos diverser Super-Klassikyachten,

moderiert von

einem Segeljournalisten, der sich vor

Glück nicht mehr halten kann, weil

die Inneneinrichtung sogar eine

Werkstatt inklusive Drehbank bietet!

Gar nicht zu reden von der Badewanne

mit Messinggriffen und intarsienverziertem

Handtuchwärmer.

Der nächste Handgriff? Der zum

Lottoschein. Es muss irgendwann

doch klappen!

Und was dann? Dann wird natürlich

dieser Katamaran aus einem

französischen Atelier erstanden! Das

Prachtstück stellen wir erstmal nach

Portugal. Für ein halbes Jahr. Und

schauen uns die Gegend an. Danach

über den Atlantik nach Belize. Nein,

vorher New York.

Dort leben wir in Maine, natürlich

auf dem Schiff, deswegen wäre die

18-Meter-Ausführung genau richtig.

Aha, sag’ ich, und stolpere beim Wäsche

aufhängen über die Ankerkette.

MODELLBOOT-AUSSTELLUNG

Das Handy läutet. Dran eine enthusiastische

Segelfreundin, die

eine Einladung bereithält. Modellboot-Ausstellung

in Weidling bei

Klosterneuburg.

Der Nebel zieht durch den Wienerwald,

drei Weltumsegler drücken

die Tür zur ortsansässigen Galerie

auf und flüchten in die maritim getränkte

Atmosphäre. Schiffe! Alte

Segler!

Santa Maria, Endeavour, Kon Tiki,

wunderschöne alte Yachten, Segeltuch

– viele Quadratzentimeter feinstens

verarbeitet, die verschiedenen

Decks vorwiegend von Männlein in

Legoformat bevölkert, die stumm

Befehle weiterleiten und noch stummer

ausführen.

Der Herr über diese Prachtstücke

ist Heinz, ein stiller, etwas schüchtern

wirkender Mittsechziger. Wir

outen uns als Freunde von den

Freunden, denen er als Tischler die

Inneneinrichtung ihres Kats gezimmert

hat, der vor uns am Austellungstisch

als grandioses Model

steht. Typisches Seglergeplauder.

Und dann: „Nein. Segeln geh’ ich nie,

das hat mich nie interessiert. Aber

das Bauen im Miniformat schon.“

Im Sommer, wenn das Bad offen ist,

geht der Heinz lieber schwimmen,

mit den Enkerln, aber sonst fließt

alle Energie ins Bauen seiner Schiffe.

Eines im Jahr oder zwei. Im Winter

ist noch mehr Zeit vorhanden.

„Segeln geh’ ich nie, das

hat mich nie interessiert.

Aber das Bauen im

Miniformat schon.“

„Und was ist an diesem Boot noch

nicht fertig“, fragt unser Sohn, der

15-jährige Weltumsegler, dabei auf

einen wunderschönen Doppelmaster

blickend? „Die cremefarbenen Taue

müssen dringend ausgewechselt werden!

Und die Ankerkette“.

„Ich hätte eine im Schlafzimmer“,

rutscht es mir fast heraus.

Ein Segelfan, der nicht segelt und

sich über Nebensaison, Winterlager

und dergleichen noch nie den Kopf

zerbrochen hat! Ich überlege kurz, ob

das Modellbauen eine Ersatzreligion

für mich wäre. Ein Blick auf die perfekte

Naht des Hauptsegels einer

Dschunke im Millimeterformat und

schon löst sich dieser Gedanke ebenso

schnell in Nichts auf wie der Novembernebel,

der gerade noch über

dem Wienerwald hing.

Wir kehren heim, schön war’s:

Schiffe, Segel und Menschen, die all

das lieben, mitten in der Nebensaison.

Passt doch, denke ich, als ich die

Wohnungstür aufsperre und der

schiffige Duft unseres Außenborders

meine Nase umschmeichelt. Winterlager.

Kann auch ganz schön gemütlich

sein!


OCEAN WOMAN 2018 65


Krieg gegen

den Rost

AUSGABE 5/2016

… und andere Arbeiten am Schiff

„Jetzt hast du dir aber eine Menge Arbeit gekauft“, sagt der Verkäufer der Yacht

zum Käufer. Dass dem tatsächlich so ist, weiß oceanwoman nur zu gut.

Schreib’ doch einmal eine Kolumne

über die Reling“, sagt

mein Skipper, als er mein verbissenes

Gesicht beim Entrosten der

Relingstützen sieht. Ein altes Schiff

ist wie ein altes Haus – man muss es

andauernd pflegen, hegen, streicheln,

ihm gut zureden und es entflugrosten.

tisch in Wien und deswegen geht

Abzählen gerade nicht. Der Skipper

ist mit dem Jung-Skipper segeln auf

der Alten Donau und wenn ich jetzt

beginne, die Schiffsfotos zu sichten,

werde ich nie mit dieser Kolumne

fertig. Ich denke, es sind insgesamt

zwölf. So viele?

Die Reling! Ich möchte sie dennoch

nicht missen. Der Name Reling

kommt laut Wiki pedia entweder aus

dem Neuenglischen – railing –, was

soviel wie Geländer heißt oder auch

aus dem Niederländischen – regeling

–, was mit Riegel schön übesetzt ist.

Es gibt die feste Reling oder die

offene Reling. Bei der festen Reling

findet sich in der Erklärung auch

das Wort Schanzkleid.

Oje, das Schanzkleid! Das wird

mein nächster Job. Unser Schiff besitzt

ein niedriges, hölzernes Schanzkleid,

das gerne durch Hitze und

Feuchtigkeit spröde bzw. rissig wird

und eingeölt werden muss. Mach’

ich im Herbst, versprochen!

In früheren Zeiten zogen die

Schiffsschreiner die Deckswand hoch

und verbauten sie mit Holz oder

Leinen. Dies diente zum Schutz vor

flachfliegenden Kugeln im Gefecht

oder eben Wind und Wasser.

Heute sieht man die „festen“ Relings

(ja, das ist die korrekte Plural-

ENTROSTEN!

Das ist mein Job und solange dieser

Lieblingsjob nicht bei 40 Grad Mittagshitze

auszuführen ist, hab’ ich

mich damit abgefunden und muss

gestehen, sogar fast etwas Meditatives

darin zu sehen.

Nachdem ich gedanklich die

Schiffs-To-do-Liste durch- und übergangen

bin, fällt mir, während ich den

Reibeschwamm wieder und wieder in

die Putzpaste drücke, ein, dass ich

nicht vergessen sollte, meine Steuererklärung

zu machen. Dieser Gedanke

verflüchtigt sich rasch, und ich lande

mitten in einem Rezept für Flammkuchen,

das ich für einen Brunch in zwei

Wochen unbedingt ausprobieren

sollte. Wäre das nicht auch ein tolles

Gericht an Bord zum Sundowner?

Ich bin bei der dritten. Relingsstütze,

mein’ ich. Von … wie vielen eigentlich?

Ich gestehe: Natürlich entsteht

diese Kolumne hier am Schreibform!)

bei Ausflugsschiffen, Fischerbooten,

Coastguarddampfern etc. –

auf Segelbooten eher selten, außer sie

stammen aus dem 18. Jahrhundert.

„Die offene Reling besteht aus einer

Reihe von senkrecht stehenden

Stützen, über denen waagrecht das

Relingprofil liegt.“ Einfach gesagt:

Das, was so aussieht wie ein Zaun,

rund ums Schiff.

WOZU EINE OFFENE RELING?

Zum Beispiel zum Wäsche aufhängen.

Oder Festhalten, wenn man Poseidon

opfern muss. Oder einfach,

um ein Gefühl von Sicherheit an

Bord zu haben. Netze, die zwischen

die Relingstützen gespannt werden,

bedeuten Kinder an Bord. Sehr oft

aber auch Katzen bzw. Hunde. Finde

ich nicht sehr sinnvoll, denn zur

absoluten Sicherheit müsste man

das ganze Schiff damit über- und

umspannen. Da wäre es dann wohl

besser, den nächsten Urlaub auf dem

Bauernhof zu verbringen.

Übrigens nennt man zusätzlich ans

hohe Schanzkleid angebrachte Netze

auf Hochseeschiffen Leichenfänger.

Leichen fängt man doch erst, wenn

sie schon im Wasser sind, oder?

Unsere Relingstützen sind genau

die vorgeschriebenen 90 cm hoch,

auf Ausflugsschiffen müssen sie

66 OCEAN WOMAN 2018


FOTO: FOTOLIA

xxxxx xxxx

110 cm hoch sein. Was aber nach wie

vor manch männliche Crew nicht

daran hindert, darüberzupinkeln.

Übrigens eine der unseemännischten

Verhaltensweisen weit und breit. Ist

bei uns an Bord absolut verboten.

Weiters kann man an der Reling

das Dingi festmachen, sich im Notfall

hochziehen (meist erfolglos), und

hat man einen Riesenfisch an der

Angel, kann man sich mit aller Kraft

dagegenlehnen. Vorausgesetzt, alle

Einzelteile des Schiffszauns sind entrostet

und gewartet. Und man kann

Blumenkästen daran festmachen.

Zuletzt gesehen auf dem Neusiedler

See auf einem Schrebergartenfloß.

Inzwischen putze ich Numero 10

und mein Skipper unterbricht kurz

das Motorservice. „Relingslogge –

Ich liebe diese Arbeit –

wenn sie fertig ist.

das hab ich früher oft gemacht“, und

verschwindet wieder im Dieselnebel.

GUTE ANREGUNG!

Man wirft ein kleines Hölzchen auf

der Leeseite des Buges ins Wasser

und misst die Zeit, die es braucht,

um am Heck des Schiffes anzugelangen.

Die folgende Division: Schiffslänge

durch gestoppte Zeit und et voilà: die

Fahrt in Knoten!

Andere Division: Zeit der Entrostung

durch zwölf Relingstützen ergibt

bei großer Hitze Anzahl der zu

trinkenden Wassergläser hoch Sommersprossen

verursacht durch Sonneneinstrahlung.

Ich liebe Mathematik. Und Relingstützen

entrosten. Am meisten,

wenn ich damit fertig bin.

PS: Der Skipper sagt gerade, es sind

20 Relingstützen … du meine Güte!

Saubere Reling, saubere Wäsche.

Immer schön schleifen …

Skipperin mit Putztrupp.

OCEAN WOMAN 2018 67


FOTO: SHUTTERSTOCK

xxxx

FOTO: SHUTTERSTOCK

Hin und wieder werde ich gefragt,

ob Segeln nicht furchtbar langweilig

wäre. Eine Bekannte beschwerte

sich kürzlich über einen Chartertörn

im Pazifik, weil es dort nichts zu tun gab.

Keine Shops, keine Restaurants, keine

Unterhaltung. Ich fragte, ob ihr die Atolle,

Schnorchelausflüge, Sonnenuntergänge,

Wolkenmalereien, Lesestunden, Inselerkundungen

nicht gefallen hätten? Doch,

aber für immer wäre das nichts für sie.

Es sei einfach zu langweilig.

Ich war etwas vor den Kopf gestoßen,

denn fad war mir noch nie an Bord. Meinen

Mann Peter fragte ich erst gar nicht,

ihm war noch nie in seinem Leben langweilig

und schon gar nicht auf seinem

Wharram-Katamaran mit einigen Jährchen

auf dem Buckel. Mein Sohn Finn

sah mich irritiert an. „Langweilig auf dem

Schiff? Nein, noch nie. Dann lese ich ein

Buch oder schau’ in die Weite oder geh’

ans Steuer.“ Nachsatz: „Tja, und wenn

man dann irgendwo wieder einmal

WLAN hat, freut man sich so richtig.“

Also setzte ich mich hin und überlegte

einmal, was SeglerInnen, die ich auf

unserer viereinhalbjährigen Weltumsegelung

kennengelernt hatte, so an Bord

trieben. Bei den Männern waren die Aktivitäten

klar und immer mit dem Schiff

verbunden. Eine Gemeinsamkeit der

Frauen: Die Männeraktivitäten gingen

allen meist nach einiger Zeit auf die

Nerven. Ja, ja – der Wassermacher ist ein

Universum für sich und seine Pumpen

ferne Galaxien. Aber deshalb drei Nachmittage

lang diskutieren und beraten?

Der Autopilot: Auch ich liebe einen,

der funktioniert. Nur: Kann man ihn

nicht einmal ein Wochenende vergessen?

Warum Segeln

AUSGABE 3/2015

nicht langweilig ist

Haben Sie schon einmal einem Harfenkonzert unter Palmen gelauscht, Bach auf

Tonga genossen, Seeigelstachel als Schmuck getragen? Nein? Dann wird’s aber Zeit!

68 OCEAN WOMAN 2018


Vor allem, wenn man grad sicher in der

Traumbucht liegt?

Nicht Helmut. Ihm schenkten wir

zum Geburtstag unseren alten Autopiloten.

Er hat selbst einen funktionierenden

und einen Ersatzpiloten, aber nichts

konnte Helmut mehr erfreuen als die

Aussicht auf eine langwierige, aussichtslose

Reparatur. Sein Frau Ilse explodierte

deshalb von Zeit zu Zeit. Als studierte

Ägyptologin interessierte sie alles, was

mit Geschichte zu tun hatte. Ob nun die

uralten heiligen Marestätten auf Raiatea

oder das Schifffahrtsmuseum in Ägypten.

Aber auch die Tapa-Malereien auf

Tonga im vergammeltsten Museum der

Welt betrachtete sie voller Entzücken –

ich an ihrer Seite nicht minder hingerissen.

Bei uns zu Hause auf der Toilette

hängt nun eine dieser Malereien und

mehrmals täglich fühle ich mich nach

Tonga zurückversetzt! Helmut hatte für

so etwas selten Zeit …

Architekt Michael aus Berlin wiederum

hatte mehrere Computer mit Grafik-

Planungsprogrammen an Bord, die ihm

dazu dienten, sein perfektes Schiff zu

planen. Wobei ich nichts mehr genoss

als die köstlichen Sundowner auf seinem

gemütlichen aktuellen Boot, zubereitet

von seiner Frau Britta, die sich zum Ziel

gesetzt hatte, Fische derart kreativ in

Soja und Salz einzulegen, dass sie wie

Tiroler Speck schmeckten. Britta war

auch eine der Frauen, die über alles

Technisch/Navigatorische/Nautische

an Bord perfekt Bescheid wusste. Beide

saßen stets am Morgen an Bord an den

Mast gelehnt und tranken Schwarztee,

den sie in der 100 Jahre alten Kanne

von Brittas Uroma servierten.

ARBEITE AN DIR SELBST!

Laura aus Rhode Island mag keine Museen,

es ermüdet sie, gestand sie mir

einst. Anderseits ist sie Spezialistin, um

perfekte Coffeeshops ausfindig zu machen,

in welchem Hafen dieser Welt

auch immer. Als wir völlig durchgerüttelt

in Neuseeland ankamen, packte sie

uns in ihr Leihauto und wir bekamen

eine kulinarische Einführung zum Thema

„Frühstücken in Neuseeland“. Flat

white und Egg Benedict. Unvergesslich

köstlich bis heute. Wenn Laura nicht das

Land erforscht, spielte sie an Bord ihres

Schiffes Bachmotetten auf ihrem E-Piano.

Wie damals an diesem stürmischen

Tag auf Tonga.

Die Australierin Gail transportierte

per Dingi sogar ihre Harfe auf das Atoll

Suwarow und gab im Mondlicht unter

Palmen „Heaven, I‘m in heaven“ zum

Besten. Die ansässige Rangerfamilie und

einige Segler lauschten verzückt. Der

Kanadier Ian bastelte sein eigenes Kuhhandel-Kartenspiel,

während er den

Indischen Ozean überquerte. Lehrerin

Hanne aus Dänemark unterrichtete freiwillig

auf jedem Fleckchen dieser Erde –

so auch unseren Sohn – in Weltreligionen.

Ihr Mann Bo, Fotograf, hatte zum

Thema ein Skript an Bord erstellt. Sam

Menschen treffen,

lesen, schreiben. Für

mich ist Segeln nie

langweilig.

aus England kannte jede essbare Frucht

auf dem Markt plus Rezept und Jack aus

Neuseeland jedes essbare Getier aus dem

Ozean plus Fangtechnik. Die Surferboys

aus Vancouver Island hatten sich zum

Ziel gesetzt, die besten Surfspots der

Erde zu besuchen. Und gleichzeitig

verschmutze Strände zu säubern.

Und wir? Mein Mann Peter liebt jeglichen

Wassersport, Inselwanderungen,

Fischen und natürlich die Shipchandler

auf der ganzen Welt. Meine Freude sind

örtliche Märkte, die Menschen, das Lesen,

das Planen eines Landausfluges und

das Schreiben. Hätte ich damit nicht auf

unserer Reise begonnen, gäbe es hier nix

zu lesen! Segeln ist niemals langweilig.

Eine befreundete Seglerin hatte zu

diesem Thema eine interessante These.

Sie erkannte eines Tages: Wenn etwas

langweilig ist, dann sie selbst. Und so

begann Ann an sich selbst zu arbeiten.

Dafür ist auf einem Schiff nun wirklich

viel Zeit vorhanden! Sie schenkte mir

übrigens auf Samoa eine bezaubernd

unstachelige Kette aus Seeigelstacheln.

Schon einmal Brotfrucht Oil down gekocht?

Oder Pandanus-Matten geflochten?

Nein? Dann wird’s aber Zeit!

Karla

Schenk

28.5.1932–15.2.2018

Wir waren auf unserer Weltumsegelung

in Malaysien in der Telaga Marina angekommen,

über die Stege gestrolcht und

hatten den Katamaran der Schenks entdeckt.

Wie spricht man solche Berühmtheiten

an, ohne lästig zu wirken? Karla grinste

mich an, ihre blauen Augen blitzten spitzbübisch.

„Karla. So wie Karl, nur mit A“,

sagte sie zu mir und streckte die Hand aus.

Karl? Dass ich nicht lache – die Frau ist eine

Mischung aus Meryl Streep, Piratenqueen

Ann Bonny und einem Schiffsjungen!

Ich hatte mir Karla größer vorgestellt.

Kräftiger. Immerhin – eine Abenteurerin

der Meere! Nicht nur, dass Karla den Atlantik

mehrmals „übersegelt“ hatte, so hatte sie

ihn auch überflogen – eigenhändig mit einem

einmotorigen Flugzeugwinzling von

Augsburg nach Feuerland in Argentinien.

Bobby ist natürlich dabei gewesen. Anschließend

ging man segeln am Kap Hoorn

und flog dann gemütlich – natürlich eigenhändig

– wieder über den Atlantik zurück.

Das war 1989. In einem der vielen Bücher

der Schenks sah ich ein Foto. Karla in Hotpants

mit Riesensonnenbrille und big, big

smile am Steuer der Thalassa. Die wilden

Siebziger! Kein Wunder, dass Bobby dieser

Frau zu Füßen gelegen ist. „Sportlich,

schrill, mit Schmuck behängt wie ein

Christbaum – das ist mein Stil!“ beschrieb

Karla sich selbst. In der Telaga Marina in

ihren letzen Segeljahren stellte sie sich gern

aufs Achterschiff und pfiff durch die Finger

– schon kamen die feschen Marinaboys dahergewieselt!

„Alle Abenteuer wären nie

passiert ohne Karla“, stellte Bobby damals

klar. Sie wollte, er zog mit. Glaub’ ich sofort.

Als ich Karla einige Jahre später auf einer

Bootsmesse wiedertraf, tranken wir Espresso

und redeten im Schatten der ausgestellten

Superyachten über alles andere als

Segeln. Karla liebte Storys, egal, ob wahr

oder nicht. Nur gut erzählt mussten sie sein.

Das was sie genauso wenig interessierte

wie mich, waren schwachphilosophische

Gespräche und Segelgeschwafel. Danke

für die wunderbare Zeit mit dir, Karla!

OCEAN WOMAN 2018 69


xxxx

Er: „Ich bin eher der Gewinnertyp“. Sie: „Ich eher

die Fahrtenseglertypin.“ Damit war das Gespräch

zwischen mir und einem Regattasegler eröffnet –

und fast beendet. Das eine schließt das andere

eben aus. Oder doch nicht?

Auf die Plätze, fer

Ich muss ganz ehrlich gestehen:

Meine Regattaerfahrungen reduzieren

sich auf eine abgebrochene Tall

Ship-Regatta in Neuseeland auf dem

Lastensegler Caliph unseres Freundes

Antonio und eine wegen Starkwind

abgesagten Clubregatta auf der Alten

Donau. Beide Events verband bzw.

unterschied der kulinarische Aspekt.

An der Donau gab’s Würstel und Nudelsalat,

in der Bay of Island Safran-

Risotto und Champag ner. Antonio

drehte sogar extra bei, damit auch der

Steuermann gemütlich essen konnte.

Womit man auch schon zusammenfassend

sagen kann, was beim Regattasegeln

besonderen Stellenwert hat:

das gemeinsame Feiern nach dem

Rennen!

Bevor unser Gespräch völlig versickerte,

merkte der Regattasegler

noch an, das besonders Witzige am

Regattasegeln sei: Am Abend machen

alle gemeinsam Party, am

nächsten Morgen sind alle Feinde.

Klingt nach großem Spaß, finde ich.

STREIT UM DIE HERRSCHAFT

Das Wort Regatta schien erstmals in

Venedig auf. Im Zuge eines Armbrusttrainings

der adeligen Herren der

Stadt hingen irgendwann im 13. Jahrhundert

deren rudernde Chauffeure

fadisiert in den Gondeln und beschlossen

spontan, sich zu matchen.

So wie ich die Italiener einschätze,

war auch schon damals die Kulinarik

nicht zweitrangig. Aus dem Venezianischen

frei übersetzt, heißt „regata“

soviel wie „Streit um die Herrschaft“.

Im Duden steht zweifach erklärend:

1. (Sport), auf einer markierten

Strecke ausgetragene Wettfahrt

für Boote.

70 OCEAN WOMAN 2018


AUSGABE 5/2015

tig, los!

2. (Textil), schmal gestreifter Stoff

aus Baumwolle oder Zellwolle.

Egal, ob in Baumwollstoff oder

kratzigerem Material gekleidet: Zu

Beginn wurde bei Regatten nur gerudert.

Die Engländer brauchten ein

bisschen länger, um Spaß am Wettkampf

zu finden. Im 16. Jahrhundert

wurde es den Fährschiffern auf der

Themse langweilig, vielleicht wurden

sie aber auch von ungeduldigen Passagieren

dazu angefeuert, schneller

zu sein als die anderen.

Jedenfalls wurde 1715 mit Dogget‘s

Coat and Badge das erste und bis heute

älteste Wettrudern der Welt organisiert.

Dogget war ein irischer Theaterkomödiant,

der angeblich von einem

Fährmann aus dem Wasser gerettet

wurde. Auch hatte er eine weite

Strecke zwischen seinem Wohnort

und dem Theater zu bewältigen und

was gibt es Peinlicheres, als zu spät ins

Theater zu kommen – vor allem als

Hauptdarsteller! Ein Grund mehr, die

Fährmänner mit einer Rennparty bei

Laune zu halten.

Zur selben Zeit gab es in den Niederlanden

die erste Yacht regatta zwischen

zwei königlichen Schiffen Kathrine

und Anne. Eines wurde vom

englischen König Charles, dem Zweiten

gesteuert. Der König verlor das

Rennen blöderweise – dies war aber

offensichtlich kein Grund, die Wettfahrt

für immer abzusagen. Viele Regatten

und 100 Jahre später gab‘s den

ersten America‘s Cup!

Bis heute gibt es dafür keine festgelegten

Regeln, vielmehr bestimmt der

Herausforderer die Regeln. 132 Jahre

lang waren die Engländer die Herausforderer,

dann übernahmen die Amerikaner

die Führung, wenige Male

unterbrochen von Schweizern und

Neuseeländern. Eine einzige Regel

ist in Schiffsplanken gemeißelt: Man

braucht verdammt viel Geld, um dort

überhaupt an den Start zu kommen.

Das wiederum unterscheidet sich

sehr vom Fahrtensegeln. Da kann jeder

mitmachen, der Träume und

handwerkliches Geschick beweist.

Und selbst wenn ihm beides fehlt, ist

er willkommen oder macht es trotzdem.

Natürlich ist ein Schiff Voraussetzung

– keine Frage –, aber wie dieses

aussieht, ist mehr als indviduell!

Bei Regatten sind solche Details

festgelegt: Laser-Boote, Optimisten,

Klassiker, Katamarane – whatever!

Das gemeinsame Ziel für alle, allein

im Ziel anzukommen!

Beim Fahrtensegeln ist der Weg

das Ziel und das Ziel meist bis auf

einige Infos aus dem Hafenhandbuch

unbekannt. Man braucht keine orange

Boje, um zu wissen, dass man auf

dem richtigen Kurs ist!

Wobei – ganz unkompetitiv ist

Fahrtensegeln natürlich auch nicht.

Ich erinnere mich mit Vergnügen, als

wir uns mit unseren amerikanischen

Segelfreunden von der Sabbatical

Three auf dem Weg nach Tonga

matchten. Am-Wind-Kurs, die Amel

46 Fuß legte sich ins Zeug und wir

mit Katamaran kämpften vor uns

hin. Dann in den frühen Morgenstunden

Winddrehung achterlich,

unsere Risho Maru flog dahin wie

der magische Teppich und unsere

rollenden Freunde winkten uns mit

grünlichen Gesichtern nach. Angekommen

sind wir alle und auch die

anderen Stahl/Holz/Alu/Plastik-Gefährte

in allen Größen und Designs.

A VOYAGE FOR MADMEN

Natürlich bleibt man vor dem Bildschirm

hängen, wenn diverse Rennspinnen

oder klassische Onedin-Linien-Vertreter

über das Wasser jagen

bzw. majestätisch schweben im Rahmen

von Veranstaltungen, die gern

nach Automarken, Uhrdesignern,

berühmten Städten wie Hobart,

Newport, Barcelona oder nach

Schriftstellern benannt werden.

Jule Verne zum Beispiel ist Namensvetter

einer Regatta, die als einzige

Regel hat, dass eine bestimmte

Strecke unter 80 Tagen zu bewältigen

sei. Oder man ist verrückt genug,

macht bei einer Round the World

Regatta mit und segelt dann statt ins

Ziel einfach weiter – so wie Bernhard

Moitessier.

Diese legendäre „Voyage for Madmen“

beendete nur einer von neun

Seglern, nämlich der berühmte Sir

Robin Knox-Johnson. Einer gab nach

dem Kap Hoorn auf, ein anderer sank

und einer names Crowhurst nahm

sich das Leben, nachdem er ziemlich

lange sein Logbuch gefaked hatte.

Moitessier segelte lieber weiter in

die Südsee mit der Begründung „Weil

ich auf dem Ozean glücklich bin und

vielleicht so meine Seele rette.“

Möglich ist natürlich auch, dass

man im Rahmen einer Regatta mit

seiner dollarhoch gesponserten Superyacht

einfach ein ziemlich großes

Riff übersieht und gezwungenermaßen

aufhören muss. Das sind dann

die Geschichten, die sich die Fahrtensegler

beim gemütlichen Zusammensitzen

am Lagerfeuer am Strand

erzählen. Einzige Regel beim Fahrtenseglen?

Gut ankommen. In diesem

Sinne: Fair Winds!

Quelle: A voyage for Madmen

Peter Nicols (2002)

è www.britannica.com

OCEAN WOMAN 2018 71


Abendrot ist

Seglers …

AUSGABE 6/2016

Und wieder einer dieser Sonnenuntergänge, die wohl nirgendwo sonst so herrlich zu

betrachten sind wie vom Cockpit einer Segelyacht aus. Man genießt das Leben an Bord

und den Sundowner in der Hand, lässt den Blick über die Bucht schweifen zu den

sanften Hügeln der Insel vis-à-vis, zum Horizont – Farbenspiele!

Und dann die beunruhigte

Stimme der Skipperin:

„Der Sonnenuntergang ist

aber sehr rot. Gibt es da nicht diesen

Spruch: ,Abendrot ist Seemanns Not‘

– oder so ähnlich?“

Auf der sich sanft in der Abendbrise

wiegenden Segelyacht entfacht

sich eine Diskussion, die erst enden

soll, als sich die Dämmerung wie ein

dunkelblaues Tuch über die Bucht

gelegt hat. Und das allwissende Netz

befragt wurde.

„Abendrot und Morgenhell sind

ein guter Wettergesell“, steht da zumindest

im Bauernkalender und

schließlich international: „Red sky

at night, sailors delight.“ Red sky in

the morning, sailor’s warning.

Uff! Entspannt lehnt sich die Skipperin

zurück und betrachtet die hell

blitzenden Sterne am Himmelszelt.

„Bei rotem Mond und hellen Sterne’

sind Gewitter gar nicht ferne.“ Das

neue Crew-Mitglied aus der Steiermark,

erstmals per Schiff on Tour,

hat nun mit dieser Weisheit aus dem

Munde seines bäuerlichen Großvaters

aus St. Stefan ob Stainz auch

seine Wortspende zum nächtlichen

Thema abgegeben.

BLICK NACH OBEN

Sind sie hell, die leuchtenden Sterne

über uns? „Es gibt keinen Mond!“,

streut der hungrige Teenager beiläufig

ein und beginnt, das Dingi für

den Aufbruch zum Strand-Restaurant

klar zu machen.

Kein Mond? Bringt Neumond nicht

Schlechtwetter? „Neumond mit

Wind ist zu Regen oder Schnee gesinnt“

– das WLAN der Konoba

funktioniert bestens an Bord. Zwar

streicht gerade ein sanfter Windhauch

über die kroatische Bucht, eines

ist dennoch sicher: Mit Schnee

ist nicht zu rechnen. Wobei ich mich

gerade mit Schrecken an einen gar

nicht lange zurückliegenden Sommer

an Bord er innere: Ich verzehrte mich

damals geradezu nach meinem Neuseeland-Fleecepullover.

Du meine

Güte, die Wolken formationen dieses

Sommers hätten ganze Fotobände

gefüllt!

APROPOS WOLKEN

Welche Wolken hatten wir denn heute,

als wir die etwas stürmische Kvarner

bezwangen? „Keine Wolken“,

brummelt der Skipper und sucht

seine Zigarillos im Schwalbennest.

Keine Wolken? Autsch, das klingt gefährlich

– so kann man ja überhaupt

nichts voraussagen! „WeatherOnline

spricht von einem stabilen Hoch“,

ruft der Skipper aus der Kombüse auf

der Suche nach einem Feuerzeug.

„Wetter-Apps! Dass ich nicht lache!

Sitzen die mit uns in einem Boot?“,

denkt die nervöse Skipperin und erinnert

die Mannschaft daran, dass

irgendwann nach dem Einlaufen am

Nachmittag am Himmel Cirren zu

sehen waren.

„Marestails and mackerel scales

make tall ships carry low sails.“

Unser steirisches Crew-Mitglied ist

bereits eingetaucht in eine mit vielen

Seglersprüchen gespickte britische

Website. Wie bitte? Marestail heißt

übersetzt Zinnkraut – und das hat in

seiner Form eine Ähnlichkeit mit

den Cirren. Die berühmten Cirrocumulus-Wolken

ähneln hingegen den

Schuppen der gemeinen Makrele.

Da erhebt der Skipper seine Stimme:

„Nun bleibt aber die Frage, ob diese

Cirren am Nachmittag von SW nach

NW gezogen sind? Das könnte

Schlechtwetter ankündigen …“ „Oh

nein!“, werfe ich ein. „… aber erst in

zwei Tagen und nur, wenn sie sich

verdichten“, ergänzt der Skipper und

lächelt ganz fein.

Kommt der Regen vor

dem Wind, nimm die

Segel weg geschwind.

72 OCEAN WOMAN 2018


Verdichtet haben sie sich nicht,

der Sonnenuntergang war makellos.

Aber rot. Ein sanfter Wind weht der

Skipperin eine Locke ins Gesicht.

Aus West, Ost, Nord oder Süd?

„Landwind, es riecht nach gegrillten

Calamares – ich hab’ Hunger“,

ruft der 16-jährige Junior aus dem

startklaren Dingi.

Es riecht nach Fisch. Das hatten

wir doch damals auch in der Megaflaute

auf dem Atlantik, oder? Folgte

dann nicht eine ausgewachsene Regenfront?

„Kommt der Regen vor

dem Wind, nimm die Segel weg geschwind.

Kommt der Wind vor dem

Regen, wirst bald Vollzeug setzen

mögen.“

„Der Spruch stimmt immer“,

meint der Skipper und zieht genüsslich

an seinem Zigarillo.

Der Rauch zwirbelt sich senkrecht

in die Höhe. „Steigt der Rauch ganz

gerade in die Höh‘n, bleibt das Wetter

lange schön“.

„Bauernkalendersprüche sind beruhigender

als jede Wetter-App!“,

denkt sich die Skipperin, gönnt sich

noch einen letzten Rundblick auf den

klaren Abendhimmel und macht sich

klar fürs Dingi. „Aber Vorsicht beim

Anlegen am Steg“, ermahnt das steirische

Crew-Mitglied und ergänzt:

„Ist der Steg gespalten, hat der Skipper

sich verschalten!“

Gemächlich tuckern wir Richtung

Konoba, hinter uns die immer kleiner

werdende Segelyacht, deren Mast

nach den Sternen zu greifen scheint.

Gut so, denn: „Scheint die Sonne auf

das Schwert, macht der Skipper was

verkehrt!“


„Bauernkalendersprüche sind

beruhigender als jede Wetter-App“,

denkt sich die Skipperin.

„Abendrot und Morgenhell

sind ein guter

Wettergesell“, steht

zumindest im Bauern -

kalender.

OCEAN WOMAN 2018 73


FOTO: SHUTTERSTOCK

xxxx

(Lese)Ratten an Bord!

Diesen Sommer waren es fünf in vier Wochen. Vorigen Sommer nur

zwei in zehn Tagen. Auf der Weltumsegelung waren es zwei pro Woche.

AUSGABE 1/2017

Bei der Durchquerung des

Mittelmeeres war man noch

gut versorgt – der Kapitän

zog zwar die Augenbrauen

hoch, als auch die Vorschiffkoje um

ein weiteres Regal zu bereichern war,

aber die Seefrau an Bord hatte

Durchsetzungsvermögen. Ab Gibraltar

wurden die Bestände etwas mager,

die deutschen Kolonien auf den

Kanarischen Inseln hatten jedoch einige

feine Shops mit erlesener Auswahl

zu bieten. Ab der Karibik waren

wir mit unseren deutschsprachigen

Büchern am Ende.

Nein, hier ist nicht die Rede von

Törnplanungs-Ratgebern, Hafen-

Handbüchern, Motorwartungs-Lektüre,

Yachtelektronik-Fachbuch oder

Literatur über Bootsbau und Refit

von Segelbooten und Segelyachten.

Es sind Bücher von Moitessier,

Gebhard, Schenk, Slocum etc., die

bei uns in der Navigationsecke stehen.

„Medizin an Bord“, „Where there

is no Doctor“ und „Die Proviant -

fibel“ verstauben in zweiter Reihe,

müssen aber einfach vorhanden sein.

SCHWIERIG IN DER KARIBIK

Erwähnte Sach- bzw. Pflichtliteratur

wird ja meist schon in frühen Jugendtagen

voller Abenteuerlust und

Vorfreude auf Segelreisen verschlungen.

Sie eignen sich aber auch hervorragend

zur Überbrückung des

graukalten Winters an Land. Hier ist

jedoch von den tatsächlich an Bord

gelesenen Büchern die Rede. Zwischen

Kroatien, Griechenland und

der Türkei beispielsweise. Nicht

wenige auch auf Menorca, Mallorca

oder Ibiza. Sommersegler präferieren

Bestseller, Sommerhits oder Bücher,

die nicht gerade zum Nachdenken

animieren, sondern einfach verschlungen

werden wie eine Handvoll

Chips beim Sundowner.

Blauwassersegler legen sich in der

Regel ein ansehnliches Repertoire

ausgewählter Bücher zu, bevor sie die

Leinen lösen. Bücher, die sie immer

schon einmal lesen wollten. Wälzer

über Geschichte, Naturwissenschaft,

74 OCEAN WOMAN 2018


Jetzt habe ich einen E-Reader und

verstehe, warum Segelfreundin Laura

die ganze Zeit so davon schwärmte.

Spannend entspannend:

Liegen und Lesen an

Bord der Risho Maru.

Astronomie, Weltliteratur. Zur Auflockerung

gibt’s zwischendurch spannende

Fälle diverser Kommissare aus

der Provence, Italien, Wales oder

Schweden, die die Crew auf Nachtwache

begleiten wie gute Freunde.

Schwierig wird es wie schon gesagt

in der Karibik, wenn man am Ende

der Atlantiküberquerung sogar das

Impressum der auf Lanzarote erstandenen

„Zeit“ ganz genau studiert hat

und auch den Wortlaut so mancher

Traueranzeige wortgenau wiedergeben

kann. Der englischen Sprache

mächtig zu sein macht dann nicht

nur Sinn, um sich mit anderen Leuten

und Mitseglern in der Welt da

draußen zu verständigen, sondern

bereitet auch Freude, wenn man das

„Book Swap“-Regal in so mancher

Marina oder Seglerbar entdeckt.

Dort hinterlassen Segler aller Nationen

ihre gelesenen Bücher und nehmen

sich im Austausch andere mit.

Bei einer Weltumsegelung gelangt

durch diesen regen Austausch einiges

an Literatur an Bord, die man zu

Hause eher links liegen gelassen hätte.

Zum Beispiel die Geschichte der

bodenständigen Giorgia, die sich im

Jahre 1830 in einen guten Samariter

verliebt, der unter Amnesie leidet

und sich letztendlich als Landgraf

entpuppt. Fünf Bände. Wunderschön!

Vor allem, wenn man noch

ein Monat warten muss, bis Besuch

von zu Hause mit frischer Lektüre im

Gepäck ankommt. Die „Mini Libreria“

im kolumbianischen Cartagena

fasst vier englischsprachige Bücher.

Alle von Garcia Marquez, alle schon

dreimal gelesen – denn Literatur einheimischer

Autoren hat höchste Anziehungskraft.

LIES, WO DU BIST

Aber auch Bücher mit Schauplätzen,

die man gerade durchsegelt – wie

zum Beispiel die spannende Geschichte

des Panamakanals in „The

Path between the Seas“ von David

McCullough. In einem Bookstore auf

der Antilleninsel Bequia entdeckte

ich V.S. Naipaul, den Literatur-Nobelpreisträger

aus Trinidad, dessen

Buch „A House for Mr. Biswas“

weltberühmt wurde. In der Südsee

schenkte mir ein Segler Kopien des

Buches „An Island for myself “ von

Tom Neal, dem verrückten Neuseeländer,

der mehrere Jahre auf dem

Atoll Suwarow lebte und sich mit einer

Salzwasserente anfreundete. Was

für ein Erlebnis, letztlich selbst in

seinem Haus auf Suwarow zu stehen

und sein Leben zu rekapitulieren.

In Penang in Malaysien kaufte ich

mir einige Kochbücher voller ungewöhnlicher

Gerichte, die ich nie

nachkochen werde, weil die Hälfte

der Ingredienzien sonst nirgendwo

auf der Welt zu kriegen ist. Auf Bali

kam ich natürlich nicht an „Eat, Pray,

Love“ von Elisabeth Gilbert vorbei.

Auf dem Indischen Ozean las ich

sämtliche damals erhältliche Dan

Brown-Thriller. Dies lenkte von

den unruhigen Gewässern vor dem

Jemen etwas ab.

Im Suezkanal zerstörte der grässliche

Nordwind „Das große Praxisbuch

der Traumdeutung“ von Klausbernd

Vollmar, weil es leider unter

einer schlecht verschlossenen Luke

lag. Die Seiten zum Thema „Schulträume“

kleben bis heute salzsauer ineinander.

In der Setur Finike Marina

in der Türkei durchforstete ich verzweifelt

die kleine Bibliothek und

vertiefte mich in eine Reihe von Romantic

Novels einer auf dem Cover

ausgewiesenen amerikanischen Bestsellerautorin,

von der ich noch nie

etwas gehört oder gelesen hatte.

Durch die Ägäis begleitete mich Paul

Theroux’s „In den Gestaden des Mittelmeers“,

ab Kroatien kauften wir

uns das Spiegel-Magazin.

Heutzutage schlafe ich zu Hause im

Alltagsleben nach zwei Seiten ein –

egal wie toll, aufwühlend, spannend

das Buch ist. Im Sommer auf dem

Schiff habe ich seit letztem Jahr einen

E-Reader und verstehe jetzt, warum

unsere Segelfreundin Laura die ganze

Zeit so davon schwärmte. Wie

herrlich, zwischen 800 Büchern wählen

zu können! Jaja, ich weiß schon:

Nichts ist schöner als ein richtiges

Buch zwischen den Fingern zu spüren.

Aber keine Nachtwache mehr

mit drückender Stirnlampe auf dem

Kopf hat auch seinen Reiz – selbst

die Lesebrille kann ich getrost im

Schwalbennest belassen!

Und Bücher, die in gedruckter

Form längst vergriffen sind, werden

Leseratten auf diesem digitalen Weg

wieder zugänglich gemacht. So auch

unser Buch „Wellenzeit – Drei segeln

um die Welt“. Wobei ich mit nicht

wenig Stolz sagen muss, dass unser

Buch von einer deutschen Seglerin

auf einem österreichischen Boot in

Australien im Bücherregal gesichtet

wurde – und dieses gedruckte Exemplar

trotz aller Bitten nicht verborgt

wurde.


OCEAN WOMAN 2018 75


See in Rot-

„Treffen sich vier Yachten aus vier Bundesländern in einer abgelegenen Südsee -

bucht …“ – ein Witz, möchte man meinen. Ist aber eine typisch österreichische

Geschichte nach einer wahren Begebenheit auf einer Insel im Südpazifik.

Der Horizont erstrahlt an

diesem Abend fernab der

Heimat in orange-gelb-türkiser

Südseepracht. Eine Ankerbucht

auf Nuku Hiva. Pazifischer Traum.

Schwarzer Sand. Grüne Berge.

Und dann Rot-Weiß-Rot. Österreicher

laufen ein. Ein ungewohntes

„Griaß enk!“ schallt von der Yacht

Schatzi, als sie unseren Katamaran

passiert.

Unsere amerikanischen Segelfreunde,

die genüsslich den Sundowner

mit uns teilen, staunen nicht

schlecht. Diese Austrians … Haben

keinen Ozean zur Verfügung, sind

aber wirklich überall auf den Weltmeeren

anzutreffen! Vier Yachten

aus vier Bundesländern in einer abgelegen

Südseebucht. „Tyrol? The

country of skiing and mountains?“

„Yes“, antworte ich, und der Anker

der Tiroler fällt klatschend vor

uns ins Wasser.

Nun springt der Außenborder

der Wiener von links hinten an.

Burli, der echte Wiener Dachshund,

wird Gassi geführt mit kurzem

Stopp bei den Neuankömmlingen.

„Servus!“, ruft der Wiener

Skipper Schurli. „Isch des bärig!“,

antwortet der Tiroler. „Mei, schian!

Ihr seid’s då!“

Man kennt sich auf den Welt -

meeren. Zumindest unter Öster -

reichern ist das recht auffällig. Der

Hang zum Schrebergarten wahrscheinlich.

„Wuits auf a Bier rüberkommen?“,

schallt es quer über die Bucht

von links vorne. Steirischer Riesen-

Katamaran. Skipper Ronnie unterwegs

mit drei Ehepaaren aus Graz,

die heute im Luxus-Ressort ein

Candle-Light-Dinner verzehren.

Risho Maru – irgendwo

im Paradies auf Erden.

76 OCEAN WOMAN 2018


Weiß-Rot

AUSGABE 2/2017

DIE EX? A BLEDE FUNZEN!

Ronnie – übrigens aus Bruck an der

Mur – hat sich gestern bei uns ausgeweint.

Viel lieber würde er die

Welt alleine umsegeln, aber leider:

Seit der Scheidung von seiner segelunwilligen

Ehefrau muss er sich erst

ein neues Schiff verdienen. „Blede

Funzen.“ Unsere Berliner Segelfreunde

von der Vera, die auch bei

uns im Cockpit sitzen, verstehen

kein Wort und denken kurz, der

Typ spräche Fidschianisch.

Alle freuen wir uns über die Ankunft

der Burgenländer Gerhard

FOTO: SHUTTERSTOCK

und Veronika zwei Tage später. Sie

segeln im Konvoi mit Holländern,

deren Motor den Geist aufgegeben

hat. Der steirische Skipper hat die

passenden Ersatzteile en masse an

Bord und mein Skipper plus der

Wiener Schurli basteln, bis der

Diesel wieder fröhlich brummt.

Die Amerikaner kochen am Abend

Fleischbällchen „for the austrians“

und anwesende Kinder dürfen Pink

Panther-Videos schauen.

Der Wiener meint „Na bumm!“,

als die Holländer einige Tage später

zum Training unter Segeln ablegen,

der Schurli ruft uns zu: „Baba und

foid’s net!“ Und Burli kläfft. Die

marquesianischen Flughunde

würden sich wahrscheinlich für

einige Wochen in die grünen Berge

verziehen.

Kurz habe ich die Vision einer

österreichischen Kolonialinsel mitten

im Pazifik. Irgendwo ein Eiland mit

österreichischer Flagge und einem

grantigem „Grüß Gott, de Papiere

bitte!“ beim Einklarieren. Danach

Wiener Schnitzel und Apfel strudel

im Beisl unter Palmen. Aus dem

Fensterchen mit den karierten Vor -

hängen sieht man die orange-gelbtürkise

Südsee. Schwarzer Sand.

Grüne Berge. Und dann Rot-Weiß-

Rot. Österreicher laufen ein. Oh, da

war ich doch gerade …


Spanish Water, die Fahrtensegler-Bucht

auf Curaçao.

Der Pazifik – in Rot-Weiß-Rot.

Ein junger Österreicher chillt

auf den Los Roques, Venezuela.

„In Spanish Water, der

Fahrtensegler-Bucht auf

Curaçao herrschte

Schrebergartenstimmung.

Die Yacht vor

uns ließ sich scheiden,

der amerikanische

Schoner hinter uns

hatte eine 20 Jahre jüngere

russische Freundin,

der Belgier schräg

vor uns kontrollierte

täglich im Stringtanga

seine Anker kette und

die Holländer neben

uns gingen nach dem

Frühstück nackt im

dreckigen Lagunenwasser

schwimmen.

Es wurde wirklich Zeit

abzuhauen, sonst würde

ich mich noch in den

Yoga-Kurs der Sarifundi-Marina

einschreiben

oder Peter zu den

Bingo-Nachmittagen

schleppen.“

Wellenzeit Seite 72, „Jedem Kap sein Hoorn“

OCEAN WOMAN 2018 77


Das

Unheil Naht

Mein Skipper hat ein neues Schiffshobby. Nein, nicht

Dieselmotoren-Kosmetik oder Winschen-Wellness,

Spinnaker-Beauty-Spa oder Solarzellen-Maniküre.

Er ist auf die Nadel gekommen. Er näht!

AUSGABE 2/2018

Wer oceanwoman

schon länger kennt, weiß

ob meiner tiefen Abneigung

gegenüber allem, was mit Nähmaschine,

Nähnadel und Zwirn zu

tun hat. Eindringlich geschildert im

Kapitel „Ich, Frau Lehman und der

Spinnaker“ im Buch „Wellenzeit“.

Frau Lehmann war meine Handarbeitslehrerin

damals im Stiftgymnasium

in der Steiermark und sie erkannte

sofort, dass kein großes

Talent in mir schlummerte: die

Handarbeit.

Nichts gegen Handarbeit im Allgemeinen.

Ich backe, koche, produziere

mit heller Begeisterung,

aber sobald zwischen mir und dem

zu Kreierenden eine Nadel Platz

hat, ist’s vorbei. Meine Finger werden

zu den verschwitzten Patschhändchen

einer Neunjährigen, die

verzweifelt versucht, eine Häkelnadel

durch ein Wollfadenchaos zu

würgen, Kreuzstiche nicht zu überkreuzen,

singende Nähmaschinen

nicht verstummen zu lassen.

Unsere Nachbarin hatte alle

Hände voll zu tun, um Faltenröcke,

Tischdecken etc. rechtzeitig zum

Schulschluss fertigzustellen, denn

mein Talent hatte ich eindeutig von

meiner Mutter geerbt, die Stoffe

gerne statt zu nähen tackerte!

Auch weiß ich nicht, ob mein

erster Teenie-Schwarm je in den

von mir produzierten Riesenstrickpulli

hineingewachsen ist oder ob

er ihn als Zelt verwendete. Mein

Vater lächelte stets milde über die

alljährlichen Geburtstagssocken,

die auch hervorragend als Motorradabdeckung

dienten.

Damals – also mitten im Atlantik

– nähte ich den zerissenen Spinnaker.

Er riss wieder, ich nähte wieder

– verzweifelt, weinend, mir schwörend,

würde ich diese Überquerung

überleben, nie wieder eine Nadel

anzugreifen. Als wir heimkehrten

nach Österreich, versuchte ich

noch ab und zu, etwas fürs Schiff

zu nähen. Glücklicherweise wohnte

wieder eine nette Nachbarin einen

Stock tiefer, die sich mit Freude der

Abdeckungen für die Luken annahm

und kommentarlos meine

asymmetrischen Winschschutzbezüge

um- bzw. neu nähte.

Und nun näht also der Skipper.

Wahrscheinlich reichte es ihm

einfach, meine Schimpftiraden zu

hören, sobald ich die alte Singer auf

den Küchentisch stellte. Auch

merkte er, dass mein Blick ins

Leere abschweifte, wenn in Seglerrunden

die Rede auf neue Sonnendächer

kam. Verwundert stellte ich

dann fest, dass viele Seefrauenrichtig

gerne nähen. Maßgeschneiderter

Steuerradschutz, Winterlager-

Bespannungen, Relingstützenverkleidungen,

abknüpfbare Cockpitverkleidungen.

Also probierte ich

es noch einmal und nähte einen

Vorhang für das Kombüsenregal.

Es krachte und die Nähmaschinennadel

steckte in einem seltsamen

Die perfekte Segel -

wäsche näht der

Mann – ich backe

lieber Kuchen.

Winkel im Fuß der alten Singer.

Diese gab nur noch ein leises Wimmern

von sich, um hernach beleidigt

zu verstummen und nie wieder

zum Leben zu erwachen.

KEINE MASCHINE, KEIN NÄHEN

Ich stellte meinen Skipper vor vollendete

Tatsachen: keine Maschine,

keine Näharbeiten. Zwei Tage später

stand eine Pfaff-Indus trie-

Nähmaschine auf dem Küchentisch.

Davor saß mein Skipper und werkte

beglückt an einem Sonnendach

aus Spezial-Canvas. Auch eine

Ösenpresse fand Einzug in den

Haushalt. Und unter dem Christbaum

lag „Canvas for Cruisers“

von Julie Gifford. Nicht meine Idee

– meine nähbegeisterte Schwägerin

war Wichtel meines Mannes und

hatte nun endlich jemand gefunden,

mit dem sie über Ecken nähen,

Nahtzugaben, Fadenlauf und

Coverlocks fachsimpeln konnte.

Ich fand wieder ein entspanntes

Verhältnis zu Sprayhoods, Kuchenbuden

und Persennings aller Art.

Während mein Mann jetzt auf der

Bootsmesse bei den Ösen, Segel -

fäden und Spezialnadeln zu finden

ist, kauf ’ ich einen neuen Tisch

fürs Cockpit, damit unsere Segelgäste

meine Kuchenvariationen gemütlich

genießen können.

78 OCEAN WOMAN 2018


10 Jahre! Wo ist die Zeit hin?

Wie bitte? Ich hab doch erst vor kurzem … – oder warte! Das waren doch

höchstens …? Nein, nie im Leben! Doch. Unglaublich. Die Zeit rennt.

Mein erste Geschichte für

schrieb ich vor

sieben Jahren, gerade frisch

von der Weltumsegelung wieder an

Land, auf der Suche nach einem Magazin,

das eventuell Interesse an unserer

Geschichte hatte. An den Geschichten

einer Zeit, die mir noch so

nah und doch schon so fern schienen.

Was sollte ich schreiben, um die

Aufmerksamkeit eines vielbeschäftigten,

E-Mail-bedrängten Chefredakteurs

zu erlangen? Etwas über die

blauen Lagunen der Karibik? Über einen

wilden Sturm im Atlantik? Über

Südseeträume und Coconut-Stories?

Piraten, Reparaturen oder doch die

netten Neuseeländer? Hm. Ich saß da

an meinem Schreibtisch im grauen

Februar-Wien und dachte nach. Und

kam zum Entschluss: Ich schreib’, wie

es ist, wieder da zu sein. Über die

Jetzt-Zeit. Wieder im Sog der Stadt

mitgezogen zu werden, der Zeit nachzurennen,

sie davonlaufen zu sehen.

Schmerzlich wurde mir klar: Meine

Güte, wie luxuriös waren die letzten

viereinhalb Jahre gewesen! Wir hatten

nämlich genau das gehabt, was wir

hier nicht so schnell kriegen konnten:

Zeit. Und wenn ich mir heute meine

- Geschichte „You can

have Papaya anytime” (Ausgabe

7-8/2010) durchlese, dann merke ich:

Mit der Zeit hat sich dieses Gefühl

von viereinhalb Jahren Einzigartigkeit

aber sowas von nicht verändert.

Ganz oft denke ich darüber nach,

wie lange die Tage und Nächte damals

waren, erfüllt mit Abenteuern,

mit Bildern, Menschen, Farben, Gerüchen.

Eine Woche schien auf dem

Schiff wie ein Monat. Oder mehr.

Drei Monate.

Dieses Gefühl ist sogar wissenschaftlich

erklärt! Erleben wir immer

das Gleiche – aufstehen, arbeiten,

Mittagspause, arbeiten, Abendessen,

schlafengehen –, braucht das Gehirn

keine neuen Informationen aufzubereiten

und umso schneller scheint die

Zeit zu vergehen. Doch stürzen neue

Eindrücke und Informationen auf

uns ein – Nachtfahrt, Gewitterfront

zum Frühstück, Zwei-Meter-Thunfisch

zum Mittagessen, Land in Sicht

am Nachmittag, Anker fällt in einer

von Palmen umsäumten Südseebucht,

hinter der sich massive grüne

Berge erheben, rumgefüllte frische

Kokosnüsse als Sundowner mit Segelfreunden

am Strand, ein türkisrot-rosa-dunkelblauer

Abendhimmel,

Riesen-Leuchtkäfer im dampfenden

dunklen Dschungel –, dann

hat das Gehirn wirklich zu tun, um

all dies für uns so aufzubereiten, damit

wir nicht vor Glück verrückt

werden. Und et voilà: Es scheint, als

würde die Zeit stillstehen!

Das ist das eine. Das andere ist die

Frage: Was ist denn Zeit überhaupt?

Dass der Wecker morgen wieder läutet

und mir schmerzlich klarmacht,

dass das lange Wochenende vorbei

ist? Oder die Tatsache, dass man seine

Papayas auf den Marchesas jederzeit

holen kann, weil immer irgendwer

da ist, um sie vom Baum zu

schlagen? Oder man den Anker dann

hochholt, wenn man will oder wenn

es der Wind bestimmt – und nicht

der Wecker? Wenn man sich treiben

lässt mitten auf dem Ozean, weil

Windstille herrscht und es doch egal

ist, ob man einen Tag früher oder

später ankommt? Die Freiheit, das zu

tun, was man will und vor allem,

wann man es will?

Einzig der Wind bestimmt den

Tages rhythmus, den Wochenplan,

den Monatsablauf. Heute rauscht

er fast lauter als die Autos auf der

Straße vor dem Fenster der Stadtwohnung.

Und das einzige, was er

eventuell bestimmt, ist die Kleidungsauswahl.

Ich muss auf die Zeit schauen,

es ist spät. Oder sollte ich mir einfach

Zeit lassen? Oder die Zeit lassen.

Und eintauchen in das Leben.

Und gemütlich mein

-Magazin lesen? Das mach’ ich jetzt.

Und übrigens: Gratulation zum

10-Jahre-Jubiläum!


ALEXANDRA SCHÖLER

ist Weltumseglerin,

Sängerin, Regisseurin,

Buchautorin und seit

2010 Ocean Woman.

kolumne@ocean7.at

Ich muss auf die Zeit schauen, es ist spät.

Oder sollte ich mir einfach Zeit lassen? Oder

die Zeit lassen. Und eintauchen in das Leben.

FOTO: STEFAN HARING


Pension Schöler

jazz/pop/chanson

Alexandra Schöler-Haring · Peter Schöler · Florian Paul Ebner

Unsere Band auf Facebook:

www.facebook.com/Pension-Schöler-109581518355768

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