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Cruiser im Winter 2022/2023

Doppelnummer Ausgabe Januar/Februar 2023

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4 Queer-Art<br />

Wenn Kunst Akzeptanz schafft<br />

10 Die USA<br />

(K)ein Land der unbegrenzten<br />

Möglichkeiten<br />

14 Heavy Metal<br />

«Harte» Männer als queere<br />

Vorbilder<br />

cruiser<br />

KUNST, KULTUR & LEBENSSTIL FÜR DIE LGBT*-COMMUNITY<br />

SEIT 1986 DAS ÄLTESTE QUEERE MAGAZIN DER SCHWEIZ – JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong> CHF 8.10


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Foto: Zoo Zürich, Jean-Luc Grossmann<br />

EDITORIAL<br />

Liebe Leser*innen<br />

Die Schweiz soll am traditionellen binären Geschlechtermodell festhalten. Das hat<br />

der Bundesrat <strong>im</strong> Dezember beschlossen. Vor einem neuen Geschlechtsmodell<br />

brauche es zuerst einen gesellschaftlichen Diskurs. Nun. Dieser findet eigentlich<br />

schon längst statt. Und hat längst schon stattgefunden. Da fragt man sich<br />

manchmal schon, was denn die vielen Prides, Kampagnen, Artikel, Insta-Posts usw.<br />

gebracht haben. Eine Änderung hätte weitreichende Konsequenzen, die bisher<br />

kaum diskutiert worden seien, schreibt der Bundesrat. So müsste beispielsweise<br />

die Bundesverfassung angepasst werden – etwa <strong>im</strong> Bereich der Militär- und<br />

Ersatzdienstpflicht, weil diese keine Regelung für Personen enthält, die nicht als<br />

HERR UND HERR PINGUIN:<br />

NATÜRLICH VERLIEBT.<br />

männlich oder weiblich <strong>im</strong> Personenregister eingetragen sind. Hat es denn nicht<br />

auch weitreichende Konsequenzen für all jene Personen, die sich eine Identität<br />

wünschen? Es ist mittlerweile längst bekannt, dass Gender nicht binär ist. Warum<br />

also dieses Festhalten an unsinnigen Normen? Wir <strong>im</strong> <strong>Cruiser</strong> versuchen seit<br />

Dekaden zu zeigen, dass es nicht nur 1 oder 0 gibt, dass es nicht nur schwarz oder<br />

weiss sein muss. In dieser Ausgabe mehr denn je; beispielsweise mit unserem<br />

Artikel über queere Kunst ab Seite 4. Ebenso gucken wir einmal mehr auf den<br />

Gut gelaunt ins neue Jahr, ob mit oder ohne Schnee.<br />

Das Lächeln von Ernesto lädt auf jeden Fall dazu ein.<br />

4 VERANSTALTUNG<br />

DISKUSSION ZU QUEERER KUNST<br />

Seiten 8 und 20 alternative Familienmodelle an<br />

und zeigen auf, dass sogar die Musiksparte<br />

8 GESELLSCHAFT<br />

HOMO-EHEN UND KINDER<br />

«Heavy Metal» direkt und indirekt für Queerness<br />

stehen kann.<br />

10 INTERNATIONAL<br />

FORTSCHRITT IN DEN USA<br />

Wir freuen uns auf euch und auf ein tolerantes,<br />

buntes und fröhliches <strong>2023</strong>!<br />

14 KULTUR HEAVY METAL<br />

Herzlich; Haymo Empl<br />

18 KOLUMNE MICHI RÜEGG<br />

Chefredaktor<br />

21 KULTUR REGENBOGENFAMILIE<br />

IM HECHTPLATZ<br />

IMPRESSUM<br />

22 GESELLSCHAFT<br />

HIV AM ARBEITSPLATZ<br />

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CRUISER MAGAZIN PRINT<br />

ISSN 1420-214x (1986 – 1998) | ISSN 1422-9269<br />

(1998 – 2000) | ISSN 2235-7203 (Ab 2000)<br />

Herausgeber & Verleger medienHay GmbH<br />

Infos an die Redaktion redaktion@cruisermagazin.ch<br />

Chefredaktor Haymo Empl<br />

Stv. Chefredaktorin Birgit Kawohl<br />

Bildredaktion Haymo Empl, Astrid Affolter.<br />

Alle Bilder mit Genehmigung der Urheber.<br />

Art Direktion Astrid Affolter<br />

Agenturen SDA, DPA, Keystone<br />

Autor*innen Vinicio Albani, Mark Baer, Haymo Empl,<br />

Valeria Heintges, Birgit Kawohl, Moel Maphy, Barbara<br />

Munker, Hannes Rudolph, Michi Rüegg, Alain Sorel<br />

Korrektorat | Lektorat Birgit Kawohl<br />

Anzeigen anzeigen@cruisermagazin.ch<br />

Christina Kipshoven | Telefon +41 (0)31 534 18 30<br />

WEMF beglaubigte Auflage 11 539 Exemplare (2016)<br />

Druck Druckerei Konstanz GmbH<br />

Wasserloses Druckverfahren<br />

REDAKTION UND VERLAGSADRESSE<br />

<strong>Cruiser</strong> | Clausiusstrasse 42, 8006 Zürich<br />

redaktion@cruisermagazin.ch<br />

Haftungsausschluss, Gerichtsstand und weiterführende<br />

Angaben auf www.cruisermagazin.ch<br />

Der nächste <strong>Cruiser</strong> erscheint am 27. Februar <strong>2023</strong><br />

Unsere Kolumnist*innen widerspiegeln nicht die Meinung<br />

der Redaktion. Sie sind in der Themenwahl, politischer /<br />

religiöser Gesinnung sowie der Wortwahl <strong>im</strong> Rahmen der<br />

Gesetzgebung frei. Wir vom <strong>Cruiser</strong> setzen auf eine grösst -<br />

mögliche Diversität in Bezug auf Gender und Sexualität sowie<br />

die Auseinandersetzung mit diesen Themen. Wir vermeiden<br />

darum sprachliche Eingriffe in die Formulierungen unserer<br />

Autor*innen. Die von den Schreibenden gewählten Bezeichnungen<br />

können daher zum Teil von herkömmlichen Schreibweisen<br />

abweichen. Geschlechtspronomen werden entspre -<br />

chend <strong>im</strong>plizit eingesetzt, der Oberbegriff Trans* beinhaltet<br />

die entsprechenden Bezeichnungen gemäss Medienguide<br />

«Transgender Network Schweiz».<br />

24 SPRACHE<br />

LEXIKON QUEERER BEGRIFFE<br />

26 KULTUR SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH<br />

28 SERIE HOMOSEXUALITÄT<br />

IN GESCHICHTE UND LITERATUR<br />

30 KULTUR BUCHTIPP<br />

32 SERIE IKONEN VON DAMALS<br />

34 RATGEBER DR. GAY


4 VERANSTALTUNG<br />

VERANSTALTUNG 5<br />

DISKUSSION ZU QUEERER KUNST<br />

DISKUSSION ZU QUEERER KUNST<br />

Queere Kunst stellt Hetero- und Cis-<br />

Normativität in Frage<br />

Im Januar wird <strong>im</strong> Zürcher Kaufleuten über Queer Art diskutiert. Hat Homound<br />

Trans-Kunst in Museen, die eigentlich Orte des Kompromisses sind, Platz?<br />

VON MARK BAER<br />

Queere Kunst gibt es in ganz verschiedenen<br />

Formen und Variationen. Für<br />

die Kunstvermittlerin Elena Grignoli,<br />

die am Kunsthaus Zürich arbeitet, findet<br />

Queer Art nicht in erster Linie <strong>im</strong> Museum<br />

statt. Diese Kunstform gibt es in ihrer authentischsten<br />

Form in queeren Spaces: An<br />

Orten also mit Drag Shows, Mini Balls oder<br />

Voguing, aber auch an Treffpunkten, an denen<br />

es Lesungen oder Konzerte gibt und wo<br />

sich das Publikum und die Kunstschaffenden<br />

als queer definieren.<br />

Als Beispiel nennt Grignoli die «Porny<br />

Days». Dabei handle es sich nicht um ein<br />

typisches Filmfestival, sondern eben um<br />

queere Kunst. Dies vor allem, weil die «Porny<br />

Days»-Veranstalter*innen seit dem Anfang<br />

versuchen würden, mit den Normen<br />

das Mainstream-Pornos zu brechen.<br />

Für die 30-jährige Kunsthistorikerin<br />

gehört dazu, dass in der queeren Kunst<br />

LGBT*-Werte erkennbar sind und dass zum<br />

Beispiel mit traditionellen oder bürgerli-<br />

chen Konventionen gebrochen wird. Ein<br />

typisches Merkmal queerer Kunst sei auch,<br />

dass sie für eine queere Community gemacht<br />

werde, sich also in erster Linie an andere<br />

queere Menschen richte – ohne dabei<br />

nicht-queere Menschen auszuschliessen.<br />

Queer Art findet man – wie ausgeführt –<br />

am häufigsten in LGBT*-Spaces, in Off-<br />

Spaces aber auch in der «angewandten<br />

Kunst», also überall, wo Menschen aus der<br />

Community in gestaltenden oder entwerfenden<br />

Berufen tätig sind. Queere Kunst bediene<br />

sich häufig einer Sprache, die – wie<br />

Grignoli sagt – durch andere queere Personen<br />

besonders gut verstanden werde. «Oft<br />

werden Schmerz, Verletzlichkeit oder Unsicherheit<br />

offen thematisiert.» Zudem finde<br />

jeweils eine sehr differenzierte Auseinandersetzung<br />

mit der eigenen Identität und<br />

den eigenen Werten statt.<br />

In einem Museum, besonders in einem<br />

mit eigener Sammlung, werde Kunst ausgestellt,<br />

die einen best<strong>im</strong>mten Wert habe, über<br />

den sich die Mehrheit der Besuchenden und<br />

der Entscheidungs träger* innen einig seien.<br />

«Man muss also in einem Museum <strong>im</strong>mer<br />

eine grosse Bandbreite von Menschen erreichen<br />

und versuchen, keine Gruppe zu vergraulen.»<br />

Museen seien somit Orte des Kompromisses<br />

und des Verhandelns.<br />

Natürlich könne queere Kunst in Museen<br />

einen Platz finden, erklärt Elena Grignoli<br />

weiter. Aber Museen müssten dann aufpassen,<br />

dass künstlerisches Schaffen dort<br />

nicht didaktisch wirke. «Es ist wichtig, dass<br />

die queere Kunst an solchen Orten einfach<br />

Platz hat, ohne das Queere repräsentieren<br />

zu müssen.»<br />

Grignoli, die in Olten aufgewachsen<br />

ist, lernte ihre queere Lieblingskünstler*-<br />

innen nicht <strong>im</strong> Museum kennen. In der Phase<br />

ihrer Identitätsbildung waren etwa der<br />

spanische Filmregisseur Pedro Almodóvar<br />

oder die US-Moderatorin und Komikerin<br />

Ellen DeGeneres wichtig für sie. «Beide haben<br />

als LGBT*-Personen eine grosse Bühne<br />

Am Verzaubert-Anlass Ende Januar <strong>im</strong> Kaufleuten werden die Kunstvermittlerin<br />

Elena Grignoli (Bild links) und der deutsche Comiczeichner<br />

Nino Bulling (Bild rechts) über das Thema Queer Art diskutieren.<br />

Das Bild in der Mitte zeigt den*die Schriftsteller*in K<strong>im</strong> de L’Horizon,<br />

welche*r vergangenes Jahr den deutschen Buchpreis gewonnen hat.<br />

K<strong>im</strong> wird zwar nicht am Event in Zürich teilnehmen, die nicht binäre<br />

Person hat mit ihrem Debütroman «Blutbuch» aber schon einiges für<br />

die queere (Schweizer) Kunst geleistet.<br />

Bild Elena Grignoli © Cinthya Soto / Bild K<strong>im</strong> de L’Horizon © Anne Morgenstern / Bild Nino Bulling © zVg<br />

mit <strong>im</strong>menser Reichweite geschaffen, wo sie<br />

ihren Stil vermitteln bzw. ihre Persönlichkeiten<br />

promoten konnten und dies <strong>im</strong>mer<br />

noch tun.» Und DeGeneres wie auch Almodóvar<br />

kamen natürlich vor allem be<strong>im</strong><br />

LGBT*, aber eben auch be<strong>im</strong> nicht-queeren<br />

Publikum sehr gut an und gelten deshalb<br />

bei vielen Menschen als cool. «Zu diesem<br />

Erfolg kamen sie durch Mut und Durchsetzungsfähigkeit,<br />

aber auch durch extrem<br />

harte Arbeit».<br />

«Es ist wichtig, dass die queere<br />

Kunst an solchen Orten einfach<br />

Platz hat, ohne das Queere<br />

repräsentieren zu müssen.»<br />

Elena Grignoli<br />

Mit Kunst Akzeptanz schaffen<br />

Hart arbeiten auch die Macher*innen des<br />

queeren Zürcher bzw. Frauenfelder Filmfestivals<br />

Pink Apple. Der jährliche LGBT*-<br />

Event gibt es bereits seit 25 Jahren. Queere<br />

Menschen und Filme waren 1997, besonders<br />

in der Ostschweiz, nicht sichtbar. Um<br />

die Akzeptanz und Emanzipation homosexueller<br />

Menschen voranzutreiben, gründete<br />

eine Gruppe schwuler Männer in Frauenfeld<br />

das Pink Apple. «Als queere Kunst, in<br />

unserem Fall Filme, verstehen wir alles,<br />

was Hetero- und Cis-Normativität in Frage<br />

stellt und so einen Safe Space für queere<br />

Personen und Kunstformen kreiert», fasst<br />

Sina Früh den Begriff Queer Art zusammen.<br />

Früh bildet zusammen mit Andreas<br />

Bühlmann die Künstlerische Leitung des<br />

Filmfestivals. Laut der 32-Jährigen trägt<br />

das Publikum auch stark dazu bei, ob und<br />

wie ein Kunstwerk als queer gelesen wird.<br />

«Es entsteht quasi ein Spiel zwischen<br />

Künstler*in und Empfänger*in.»<br />

Auf die Frage, was ein gutes Beispiel<br />

zeitgenössischer queerer Kunst sei, muss<br />

Andreas Bühlmann nicht lange überlegen.<br />

Sofort beginnt er von K<strong>im</strong> de L’Horizon zu<br />

schwärmen: «K<strong>im</strong> hat mit dem ‹Blutbuch›<br />

ein sprachgewaltiges Werk kreiert, das bisherige<br />

Grenzen der Sprache sprengt.» Solche<br />

Künstler*innen seien ausschlaggebend<br />

für einen neuen Diskurs zu Gender und Sexualität<br />

in der breiteren Gesellschaft. Und<br />

weiter nennt der 36-Jährige den argentinischen<br />

Erfolgsregisseur Marco Berger. Dieser<br />

gilt seit 15 Jahren als eine*r der wichtigsten<br />

Vertreter*innen des Gay Gaze. Dabei<br />

geht es um den objektivierenden, sexualisierenden<br />

Blick auf den Männerkörper.<br />

«Der Male Gaze wird neu gedacht und von<br />

der Objektivierung der Frau gelöst», erklärt<br />

der Künstlerische Co-Leiter des Pink Apple<br />

Filmfestivals.<br />

Kunst zu kreieren, kann laut Sina Früh<br />

ein Ventil sein, gerade für Menschen, die<br />

Diskr<strong>im</strong>inierungen ausgesetzt sind. «Und<br />

die Werke wiederum, die dadurch entstehen,<br />

können in der Gesellschaft breite Wellen<br />

schlagen – und wesentlich zum Wandel<br />

beitragen.»<br />

«Ich hoffe, dass das Buch einige<br />

der Fragen widerspiegelt, die<br />

wir uns stellen und dass es<br />

Trost gibt und Spass macht»<br />

Nino Bulling<br />

Kunst als Trostspender<br />

Zu einem Wandel beitragen möchte auch<br />

der Berliner trans Künstler Nino Bulling. Er<br />

hat mehrere dokumentarische Comicbücher<br />

gemacht und kürzlich seine erste fiktive<br />

Geschichte veröffentlicht. Das Buch «abfackeln»<br />

richtet sich in erster Linie an<br />

Leser*innen, die wie er nicht binär sind<br />

oder die gerade das eigene Geschlecht anzweifeln.<br />

«Ich hoffe, dass das Buch einige<br />

der Fragen widerspiegelt, die wir uns stellen<br />

und dass es Trost gibt und Spass macht»,<br />

sagt der 36-Jährige gegenüber dem <strong>Cruiser</strong>.<br />

Der Comiczeichner als Konsument<br />

queerer Kunst steht auf die Gedichte von Eileen<br />

Myles. Die 72-jährige Person wurde<br />

durch ihre Gedichte und exper<strong>im</strong>entelle<br />

Prosa zu einer lesbischen Ikone und hat vor<br />

ein paar Jahren angefangen, geschlechtsneutrale<br />

Pronomen zu benutzen. «Ich finde<br />

es schön, wenn auch ältere Menschen Sprache<br />

als formbar erleben.»<br />

Nino Bulling, der nicht ausschliesslich<br />

Kunst über queere Themen macht, wird am<br />

31. Januar Teilnehmer des «Verzaubert»-<br />

Talks <strong>im</strong> Klub Kaufleuten in Zürich sein.<br />

Der Live-Talk «Verzaubert» bietet drei- ➔<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


6 VERANSTALTUNG<br />

VERANSTALTUNG 7<br />

DISKUSSION ZU QUEERER KUNST<br />

DISKUSSION ZU QUEERER KUNST<br />

Ali Rose-May Monod (hier links <strong>im</strong> Bild) arbeitet mit vielen unterschiedlichen Elementen. Die künstlerisch tätige Person ist in der Romandie aufgewachsen und lebt<br />

seit 2016 in Bern. Ali wird am Verzaubert-Talk auf der Bühne unter anderem mit Joshua Amissah diskutieren, der als Kurator, Editor, Bildredaktor und Kunstvermittler<br />

tätig ist. Die Diskussionsrunde am 31. Januar führen wird Anna Rosenwasser (Bild rechts). Die Moderatorin arbeitet auch als LGBT*-Aktivistin und Polit-Influencerin.<br />

«Die queeren Communities<br />

sind unglaublich divers und ihr<br />

künstlerisches Schaffen ist<br />

derart vielseitig, dass es mir<br />

sehr schwerfällt, dieses weitläufige<br />

Spektrum in einen<br />

bunten Topf zu werfen.»<br />

Joshua Amissah<br />

Die Gründe für ein Queer Coding in<br />

grossen Kunstinstitutionen haben sich in<br />

den letzten Jahren verändert, sagt die<br />

Kunstvermittlerin Elena Grignoli. «Wenn<br />

man <strong>im</strong> professionellen Bereich das Queere<br />

etwas versteckt hält oder nicht zum Thema<br />

macht, dann wahrscheinlich vor allem, weil<br />

man nicht mit einem LGBT*-Label oder als<br />

queeres Label auftreten will.»<br />

Ins gleiche Horn stösst Joshua Amissah,<br />

der ebenfalls als Kunstvermittler und<br />

Kurator arbeitet. Bei Ausstellungen <strong>im</strong> Museumskontext<br />

könne queere Kunst in unseren<br />

Breitengraden heute grundsätzlich<br />

(ohne Codes) gezeigt werden. Queer Codings<br />

seien zudem längst demokratisiert<br />

und würden bisweilen auch ausserhalb der<br />

Community gefeiert. «Dieses Zelebrieren ist<br />

zwar schön, aber es besteht auch die Gefahr<br />

einer Exotisierung.» Deshalb sei es ein<br />

zweischneidiges Schwert.<br />

Amissah wird am «Verzaubert»-Talk<br />

unter der Leitung von Anna Rosenwasser<br />

mit Nino Bulling, Elena Grignoli und Ali<br />

Rose-May Monod ebenfalls das Thema<br />

Queer Art mit all seinen Facetten live auf<br />

der Bühne diskutieren. Für sein Buchprojekt<br />

«Black Masculinities», das bald auf den<br />

Markt kommen wird, war es dem Editor und<br />

Bildredaktor ein Anliegen, auch LGBT*-<br />

Fotograf*innen miteinzubeziehen. Trotzdem<br />

mag er die Begrifflichkeit «queere<br />

Kunst» nicht sonderlich. Dies, weil es sich<br />

um eine universelle Kategorisierung handle,<br />

die schwammiger nicht sein könne. «Nur<br />

schon die queeren Communities sind unglaublich<br />

divers und ihr künstlerisches<br />

Schaffen ist derart vielseitig, dass es mir<br />

sehr schwerfällt, dieses weitläufige Spektrum<br />

in einen bunten Topf zu werfen.» Die<br />

Diskussionsrunde <strong>im</strong> Kaufleuten dürfte somit<br />

also spannend werden.<br />

Der «Verzaubert»-Live-Talk zum Thema «Queere<br />

Kunst» findet am Dienstag, 31. Januar <strong>2023</strong>,<br />

um 20 Uhr <strong>im</strong> Kaufleuten statt. Tickets gibt es<br />

auf kaufleuten.ch.<br />

«Wenn es um Sexualitäten,<br />

Beziehungen und Begehren<br />

geht, machen sich Menschen<br />

<strong>im</strong>mer auch verletzlich.»<br />

Ali Rose-May Monod<br />

bis viermal pro Jahr eine «andere» Sicht auf<br />

Kultur, Ereignisse und Biographien. Dieses<br />

Mal wird die Journalistin und Feministin<br />

Anna Rosenwasser wird sich mit ihm und<br />

weiteren Gästen auf der Bühne über das<br />

Thema Queere Kunst unterhalten.<br />

Mit auf der «Verzaubert»-Bühne wird<br />

Ende Januar auch Ali Rose-May Monod<br />

sein. In deren Arbeit als Artist und Curator<br />

sei Ali’s eigene queere Dyke-Identität zentral.<br />

Das kuratorische Schaffen, unter anderem<br />

für den Space Cabane B* in Bern, sieht<br />

die Westschweizer-Person nicht getrennt<br />

von ihrer künstlerischen Arbeit. «Ich verstehe<br />

die Kuration als Akt der Einladung in kollektive<br />

Räume», erklärt der 32-jährige heute<br />

in Bern lebende Mensch. «Eine Einladung<br />

zum ‹coming together›, bei dem man sich<br />

austauscht und wo queere Erfahrungen kollektiviert<br />

werden.»<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

Ihre Arbeit als Künstler-Person, wo sie<br />

hauptsächlich mit Text, Video, Textilien<br />

und installativen Elementen arbeitet, richte<br />

sich vor allem an ihre Peers. Es sei aber<br />

auch schön, wenn sich ebenfalls nichtqueere<br />

Menschen angesprochen fühlten.<br />

«Das könnte eine weitere Entwicklung für<br />

uns bedeuten», sagt die leidenschaftliche<br />

Künstler*in. «Es ist wichtig hier in die Verbindung<br />

zu gehen und nicht in die Trennung.»<br />

Ali erwähnt das Essay «On Connection»<br />

von Kae Tempest. Tempest ist eine<br />

britische Person, die in der Lyrik und Literatur<br />

tätig ist. «Kae schreibt für Dykes like<br />

them, schlussendlich richtet sich Kae’s<br />

Schaffen aber an alle, was mich sehr berührt.»<br />

Queer Coding, um keinen Verdacht<br />

zu erregen<br />

Queere Elemente und Botschaften sind ein<br />

Spiegel, wie die Gesellschaft mit queeren<br />

Menschen umgeht. Weil homosexuelle<br />

Handlungen bei uns lange unter Strafe<br />

standen und in vielen Ländern noch <strong>im</strong>mer<br />

strafbar sind, bedienten und bedienen sich<br />

Künstler*innen einer verschlüsselten Bildsprache.<br />

Das Queer Coding ist dazu da, dass<br />

die LGBT*-Minderheit in der breiten Öffentlichkeit<br />

keinen Verdacht erregt. Meistens<br />

können nur queere Menschen die verborgenen<br />

Botschaften der Künstler*innen lesen.<br />

Ali Rose-May Monod hat schon mit<br />

Queer Codings gearbeitet. «Es kommt jeweils<br />

auf den Kontext an», verrät die Person.<br />

Je nach Umfeld gebe es schon Situationen,<br />

in denen sie eher vorsichtig gearbeitet habe<br />

und wo vieles eher zwischen den Zeilen zu<br />

lesen war. «Das habe ich gemacht, um das<br />

Umfeld zu schützen, in dem ich tätig war.»<br />

Weil homosexuelle Handlungen<br />

bei uns lange unter Strafe<br />

standen und in vielen Ländern<br />

noch <strong>im</strong>mer strafbar sind,<br />

bedienten und bedienen sich<br />

Künstler*innen einer verschlüsselten<br />

Bildsprache.<br />

Monod ist auch Mitgründer*in des<br />

queer feministischen Pornographie-Festival<br />

«Schamlos» in Bern. «Wenn es um Sexualitäten,<br />

Beziehungen und Begehren<br />

geht, machen sich Menschen <strong>im</strong>mer auch<br />

verletzlich», erklärt die Queerfeminist*in.<br />

Bild Ali Rose-May Monod © Karin*Etienne Scheidegger / Bild Joshua Amissah © Elio Donauer / Bild Anna Rosenwasser © brandertainment<br />

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8 GESELLSCHAFT<br />

9<br />

HOMO-EHEN UND KINDER<br />

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Homo- oder Hetero-Eltern: für das Identitätsgefühl von<br />

Kindern egal<br />

Viele internationale Studien belegen inzwischen: Weder Kindeswohlgefährdung<br />

noch andere Nachteile für Kinder in Regenbogenfamilien!<br />

Kleinkind adoptierten Kinder <strong>im</strong> Vorschulalter<br />

gerne spielten und wie genderkonform<br />

ihr Verhalten fünf Jahre später war.<br />

Bei der Vorschulalter-Analyse wurde<br />

den Kindern zur Auswahl traditionell jungen-<br />

und mädchentypisches sowie neutrales<br />

Spielzeug angeboten. Zudem wurden die<br />

Eltern in einem standardisierten Verfahren<br />

zu den Spielvorlieben der Kinder befragt –<br />

etwa, ob sie raue oder ruhige Spiele bevorzugten.<br />

Im zweiten Studienabschnitt wurden<br />

die dann etwa achtjährigen Kinder mit<br />

einem Standardtest zu ihren Spielvorlieben<br />

befragt. Viele hatten zu diesem Zeitpunkt<br />

bereits gleichfalls adoptierte Geschwister.<br />

Ganz so harmonisch wie auf diesem Stockfoto einer Bildagentur ist die «Causa LGBT*» zwar noch nicht,<br />

wir sind aber auf gutem Weg dahin.<br />

VON MOEL MAPHY<br />

Mama und Papa, Mama und Mami<br />

oder Papa und Papi – auf das Identitätsgefühl<br />

von Kindern hat die<br />

Familienform einer US-Studie zufolge keinen<br />

Einfluss. Die sexuelle Identität des<br />

Nachwuchses wird demnach nicht davon<br />

beeinflusst, ob er von herkömmlichen oder<br />

gleichgeschlechtlichen Paaren betreut wird.<br />

Die Analyse von Spielvorlieben weise<br />

darauf hin, dass es für die empfundene Geschlechtszugehörigkeit<br />

egal ist, ob ein Kind<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

bei klassischen Eltern oder einem Männeroder<br />

Frauenpaar aufwächst, berichten Forscher<br />

<strong>im</strong> Fachjournal «Sex Roles».<br />

Die Wissenschaftler um Rachel Farr<br />

von der University of Kentucky hatten in zwei<br />

Stufen das Spielverhalten und die Entwicklung<br />

adoptierter Kinder aus insgesamt 106<br />

amerikanischen Familien mit les bi schen,<br />

schwulen oder heterosexuellen El ternpaaren<br />

untersucht. Verglichen wurde unter anderem,<br />

was und mit welchem Spielzeug die als<br />

Familienform hat keinen Einfluss<br />

Die Auswertung zeigte, dass es in allen Familienformen<br />

ähnlich viele Kinder gab, die<br />

sich entweder genderkonform oder aber<br />

non-konform verhielten – und dieses Verhalten<br />

recht konstant über die Jahre hinweg<br />

beibehielten. «Die sexuelle Orientierung<br />

der Eltern und der Familientyp hatte darauf<br />

keinen signifikanten Einfluss», sagte Farr.<br />

Es zeigte sich lediglich überall eine leichte<br />

alterstypische Hinwendung zu mehr genderkonformem<br />

Verhalten <strong>im</strong> Schulalter.<br />

«Es scheint, dass ein männliches und<br />

ein weibliches Rollenvorbild zuhause weder<br />

notwendig sind, um eine typische Genderentwicklung<br />

bei Adoptivkindern zu unterstützen,<br />

noch um sie von Gender-Nonkonformität<br />

abzuhalten», so das Fazit von Farr.<br />

Auch andere internationale Studien<br />

haben gezeigt, dass sich Kinder mit gleichgeschlechtlichen<br />

Eltern mindestens ebenso<br />

gut entwickelten wie solche mit Hetero-<br />

Eltern. Eine Studie zu fremdadoptierten<br />

Kindern wies darauf hin, dass Homo-Paare<br />

sogar besondere Elternkompetenzen zeigen<br />

würden.<br />

Derzeit aktuell: Das Theaterstück «Vier werden<br />

Eltern». Alle Infos auf Seite 20.<br />

Freitag, 17.02.<strong>2023</strong><br />

Volkshaus Zürich<br />

Tickets auf ticketcorner.ch<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


10 INTERNATIONAL<br />

INTERNATIONAL 11<br />

FORTSCHRITT IN DEN USA<br />

FORTSCHRITT IN DEN USA<br />

Ein kleiner Fortschritt auf dem Weg zur<br />

Gleichberechtigung<br />

Die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen – vielerorts eine Selbstverständlichkeit.<br />

Nun jubelten in den USA viele über das von Biden unterzeichnete Gesetz.<br />

richten über Angriffe auf Clubs von oder<br />

Anlässe der LGBT*-Community, so <strong>im</strong> November<br />

<strong>2022</strong> in Colorado Springs. Hier kamen<br />

fünf Menschen ums Leben, 25 weitere<br />

wurden verletzt. Um zu verstehen, wie das<br />

zusammenpasst, müssen wir einen Blick in<br />

die – für europäische Verhältnisse – kurze<br />

(queere) Geschichte des Landes werfen.<br />

Alles begann mit den Indigenen<br />

Für uns Mitteleuropäer geht der erste Gedanke<br />

in Bezug auf die indigene Bevölkerung<br />

Amerikas schnell in Richtung Winnetou,<br />

der ja nach Karl May eine sehr innige,<br />

quasi gar homoerotische Beziehung zu Old<br />

Shatterhand hatte. Ganz so sah es <strong>im</strong> Mittleren<br />

Westen in der Realität zwar nicht aus,<br />

aber es gab auch keine Verteufelung der<br />

nicht heteronormativ lebenden Menschen.<br />

Im Gegenteil, man hatte für diese eine eigene<br />

Kategorie, nämlich die der «two spirits». Diese<br />

stellte eine Art zusätzliches Geschlecht<br />

dar, welches gleichberechtigt neben den Kategorien<br />

Männer und Frauen stand. Leider<br />

kam es mit der Unterwerfung der indigenen<br />

Bevölkerung durch die Europäer zu einem<br />

fast vollständigen Verlust dieser Sichtweise,<br />

denn bald übernahmen die ab Anfang des 17.<br />

Jahrhunderts in Scharen einwandernden<br />

Puritaner das Zepter und damit auch die Ablehnung<br />

von Homosexuellen. In den folgenden<br />

Jahrhunderten hing dann auch die<br />

(Nicht-)Akzeptanz von Queers stark mit der<br />

Macht und dem Einfluss der Religion in der<br />

Gesellschaft zusammen.<br />

Die Industrialisierung brachte erste<br />

Freiheiten<br />

Mit der aufkommenden Industrialisierung<br />

<strong>im</strong> 19. Jahrhundert traten für Homosexuelle<br />

erste Erleichterungen in den Lebensumständen<br />

ein, auch wenn man noch weit von<br />

einer Form der Akzeptanz entfernt war.<br />

Denn mit dem Bau von Fabriken entwickelten<br />

sich mehr und mehr (grosse) Städte, die<br />

für viele Menschen jeglicher Art Platz hatten.<br />

Die dort oftmals herrschende Anonymität<br />

war ein <strong>im</strong>menser Vorteil gegenüber<br />

dem bisherigen Landleben, das nur begrenzte<br />

Freiheiten bot, weil eben jede*r<br />

jede*n kannte. Die nun aufblühenden Möglichkeiten<br />

galten allerdings nicht für alle<br />

Die indigene Bevölkerung Amerikas<br />

hatte für nicht heteronormativ<br />

lebenden Menschen eine<br />

eigene Kategorie, nämlich die der<br />

«two spirits». Eine Art zusätzliches<br />

Geschlecht, welches gleichberechtigt<br />

neben den Kategorien<br />

Männer und Frauen stand.<br />

gleichermassen, denn schwarze Homosexuelle<br />

hatten mit einem doppelten Makel zu<br />

kämpfen und waren weiterhin am Ende der<br />

Nahrungskette <strong>im</strong> übertragenen Sinn angesiedelt.<br />

So dümpelten die Rechte und Möglichkeiten<br />

von Schwulen, Lesben, trans Menschen<br />

etc. eine ganz Zeit lang vor sich hin,<br />

bis ein unerwartetes Ereignis in die Weltgeschichte<br />

hereinbrach, das zunächst einmal<br />

gar nichts mit Sexualität und Gender zu<br />

tun hat: der Zweite Weltkrieg. ➔<br />

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Eine Koproduktion des Theater am Hechtplatz mit Just4Fun Entertainment und den Kammerspielen Seeb<br />

Vier werden Eltern<br />

Eine Komödie über Kinderwunsch und Regenbogenfamilie<br />

von Roman Riklin & Michael Elsener · Regie Alexander Stutz<br />

Mit Florian Butsch, Michèle Hirsig, Sebastian Krähenbühl, Dominik Widmer<br />

Wer queere Fahnen in den USA wehen lässt, bekommt schnell den Zorn der Evangelikalen und Konservativen zu spüren. Daran wird wohl auch das jüngste Gesetz<br />

nicht viel ändern.<br />

VON BIRGIT KAWOHL<br />

Die USA: Für viele <strong>im</strong>mer noch das<br />

Land der unbegrenzten Möglichkeiten<br />

mit Mythen, die durch die nicht<br />

zu leugnende Dominanz von Lady Liberty<br />

unterstützt werden. Vom Tellerwäscher<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

zum Millionär, alles scheint möglich zu<br />

sein, wenn man sich nur genug anstrengt.<br />

Alles? Nein, denn eine gut sichtbare, vielleicht<br />

sogar grösser werdende Gruppe an<br />

(evangelikalen) Republikanern unterdrückt<br />

teils mit beachtlichem Erfolg jegliche Bestrebungen<br />

in Bezug auf die Legalisierung<br />

von Abtreibungen oder aber auch in Bezug<br />

auf die Gleichstellung von Queers. Immer<br />

wieder erreichen uns schockierende Nach-<br />

shakecompany.ch<br />

Uraufführung<br />

THEATERHECHTPLATZ.CH 17. Jan. – 26. Feb. <strong>2023</strong><br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


12 INTERNATIONAL<br />

INTERNATIONAL 13<br />

FORTSCHRITT IN DEN USA<br />

FORTSCHRITT IN DEN USA<br />

Das «Stonewall», ein Markenzeichen homosexuellen Widerstands, den es heutzutage leider <strong>im</strong>mer noch<br />

braucht.<br />

Der Krieg als Chance<br />

Was zunächst einmal völlig absurd klingt,<br />

war tatsächlich so: In der Armee kam es zur<br />

grössten legalen Ansammlung von Schwulen<br />

zur damaligen Zeit, obwohl die Militärführung<br />

Homosexualität eigentlich unterdrücken<br />

wollte. Aber man brauchte Männer,<br />

die in den Krieg zogen, und so nahm man es<br />

nicht ganz so genau. Im Gegenteil, dadurch<br />

dass die Armee eine zunächst rein männliche<br />

Gesellschaft war, konnten bzw. mussten<br />

hier auch kulturelle Formen wie Drag<br />

Shows gestattet werden, damit die Soldaten<br />

zumindest ein wenig Ablenkung vom harten<br />

Kampfalltag hatten. Es gab zwar auch<br />

eine weibliche Einheit (WAC), die von den<br />

Männern getrennt war, in der parallel aber<br />

eine lesbische Subkultur entstand. Der Eintritt<br />

der Homosexuellen in die Armee erfolgte<br />

meist «unentdeckt», von 18 Mio. gemusterter<br />

Männer wurden lediglich 5000<br />

aufgrund von Homosexualität abgelehnt.<br />

Dass man die Schwulen häufig nicht entlarvte,<br />

lag auch daran, dass sich viele Betroffene<br />

durch besonders «männliches»<br />

Verhalten hervortaten und z. B. ihren Dienst<br />

bei den Marines verrichteten.<br />

Dass das allerdings nicht <strong>im</strong>mer gut<br />

ging, zeigt die Zahl von 10 000 wegen Homosexualität<br />

aus der Armee Entlassenen («blue<br />

discharge»), die anschliessend kaum noch<br />

Chancen auf ein gesellschaftlich anerkanntes,<br />

diskr<strong>im</strong>inierungsfreies Leben hatten.<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

Quäker, McCarthy, Stonewall<br />

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt<br />

sich abwechslungsreich: Mit den Quäkern<br />

mischt sich einmal mehr eine religiöse<br />

Gruppe in die Frage nach der «richtigen»<br />

Sexualität ein. Von ihnen wird Homosexualität<br />

als psychische Störung klassifiziert,<br />

was wiederum einen Heilungsgedanken<br />

<strong>im</strong>pliziert. Dies bildet den Ursprung der<br />

auch heute noch vor allem in den USA populären<br />

Konversionstherapien. Parallel<br />

dazu gab es aber von kirchlicher Seite<br />

durchaus Öffnungsbewegungen hin zu Toleranz<br />

und Gleichberechtigung. So wurden<br />

und werden in den evangelischen «mainline-Kirchen»<br />

<strong>im</strong>mer wieder Segnungsgottesdienste<br />

abgehalten und auch die Katholiken<br />

haben mit der Organisation «Dignity<br />

USA» einen Zweig, der Homosexualität anerkennt<br />

und Betroffene unterstützt.<br />

In der McCarthy-Ära wird dann alles<br />

verfolgt, was nicht bei zwei auf den Bäumen<br />

ist, oder anders gesagt: Wer für subversiv gehalten<br />

wird. Dabei stehen Kommunisten,<br />

oder Menschen, die für solche gehalten werden,<br />

an der Spitze der Verfolgten. Homosexuelle<br />

geraten aber leicht auch in den Strudel<br />

kruder Verschwörungstheorien, in denen<br />

Hitler und Stalin ihren Platz finden, und<br />

werden ebenso heftig verfolgt und bestraft.<br />

1962 wird nach zähem Ringen das <strong>im</strong>mer<br />

noch geltende Sodomiegesetz aufgehoben,<br />

was für viele Schwule ein Meilenstein<br />

in der Befreiung war, was aber durch eine<br />

schnell einsetzende Gegenbewegung zunichte<br />

gemacht wurde.<br />

Und dann endlich Stonewall – das Ereignis,<br />

das inzwischen jedes Jahr mit unzähligen<br />

Prides rund um den Globus gefeiert<br />

wird. Danach muss doch eigentlich alles<br />

gut sein, oder?<br />

Fortschritt und Rückschritte <strong>im</strong><br />

21. Jahrhundert<br />

Mit Barack Obama ging durch viele Gesellschaftsschichten<br />

ein Seufzer der Hoffnung,<br />

stand der erste schwarze Präsident doch für<br />

Gleichberechtigung und Toleranz. Bereits<br />

<strong>im</strong> Jahr 2012 sagt Obama «Ja» zur Ehe für<br />

alle, unter ihm wurde 2014 die Diskr<strong>im</strong>inierung<br />

von Mitarbeitern der Bundesverwaltung<br />

aufgrund ihrer sexuellen Orientierung<br />

oder Geschlechtsidentität untersagt,<br />

betroffen waren damals rund 16 Mio. Mitarbeiter*<br />

innen. Allerdings muss auch er<br />

Einschränkungen in der Gleichbehandlung<br />

von Betroffenen hinnehmen, da er nicht auf<br />

alle politischen Entscheidungen in den einzelnen<br />

Bundesstaaten Einfluss nehmen<br />

kann. Und selbst verhält er sich auch nicht<br />

<strong>im</strong>mer ganz loyal gegenüber Betroffenen: So<br />

wird in seiner Amtszeit ein schwuler Offizier<br />

aus der Armee entlassen, obwohl dort seit<br />

1993 die (fadenscheinige) Regelung «don’t<br />

ask, don’t tell» galt, die allerdings Ende 2010<br />

aufgehoben wird. Unterzeichnet hat dieses<br />

Aufhebungsgesetz ... Barack Obama.<br />

In der McCarthy-Ära begann in den USA eine Jagd<br />

auf so genannte «Subversive», die nach Überzeugung<br />

von Joseph McCarthy die amerikanische<br />

Regierung auf allen Ebenen infiltriert hatten, um<br />

das Land dem Kommunismus auszuliefern. Den<br />

«Subversiven» wurden auch homosexuelle (Männer<br />

& Frauen) zugerechnet.<br />

Bilder © WIKIPEDIA<br />

CRÉATION : ©PHOTO KRIS DEWITTE<br />

In Bezug auf die Ehe erklärte der Supreme<br />

Court 2015 diese in allen Bundesstaaten<br />

für zulässig und gleichberechtigt. Da die<br />

rechtliche Anerkennung jedoch zum Grossteil<br />

auf bundesstaatlicher Ebene geregelt ist,<br />

gibt es in dieser Frage noch <strong>im</strong>mer starke<br />

Differenzen. Diese würden <strong>im</strong>mer wieder,<br />

so die Journalistin Ines Pohl am 16.10.<strong>2022</strong><br />

auf DW.com, stark von der religiösen Rechten<br />

beeinflusst, die wiederum besonders<br />

stark bei den Republikanern vertreten seien.<br />

Deswegen wurde den <strong>im</strong> November<br />

durchgeführten Midterms auch von der<br />

queeren Community eine grosse Bedeutung<br />

beigemessen.<br />

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DAmBRine<br />

«Ein wunderbar subtiles Drama mit<br />

einer gewaltigen emotionalen Wucht.»<br />

THE TELEGRAPH<br />

AB 2. FEBRUAR IM KINO<br />

GUSTAv<br />

De WAele<br />

Émilie<br />

DeQUenne<br />

ein film von lUKAS DHonT<br />

Pop-Star Cindy Lauper hat sich schon in den<br />

1980er-Jahren zur kämpferischen Ikone für die<br />

LGBT*-Community entwickelt. Vor über zehn<br />

Jahren eröffnete sie in New York City ein Obdachlosenhe<strong>im</strong><br />

für junge Schwule, Lesben und Transsexuelle,<br />

die von ihren Eltern auf die Strasse<br />

gesetzt wurden.<br />

Republikaner*innen versus<br />

Demokrat*innen<br />

Unter den sich stark als Gegner*innen hervortuenden<br />

Republikaner*innen stechen so<br />

(für uns) absurde Persönlichkeiten wie die<br />

Abgeordnete Marjorie Taylor Green hervor,<br />

eine Frau, die ihre He<strong>im</strong>at unter Verschwörungstheoretiker*innen<br />

hat und die das erste<br />

nationale anti-trans-Gesetz eingebracht<br />

hat. Dieses Gesetz verbietet Hormonbehandlung<br />

minderjähriger trans Personen<br />

und droht behandelnden Ärzt*innen mit<br />

Haftstrafen bis zu 25 Jahren.<br />

Zur Erinnerung: Wir befinden uns <strong>im</strong><br />

Jahr <strong>2022</strong>!<br />

Dieses Gesetz habe zwar laut Ines Pohl<br />

momentan keine Chance auf Durchsetzung,<br />

dennoch zeige sich hierin eine grundsätzliche<br />

Haltung innerhalb der konservativen<br />

Republikaner*innen und den prinzipiellen<br />

Möglichkeiten <strong>im</strong> Umgang mit Queers.<br />

Gerade deswegen ist Bidens Schritt<br />

zum Schutz und zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher<br />

Ehen kurz vor Weihnachten<br />

<strong>2022</strong> ein <strong>im</strong>menser Schritt und ein wichtiges<br />

Zeichen in Richtung der Konservativen,<br />

auch wenn es sich für uns selbstverständlich<br />

anhört, dass gleichgeschlechtliche<br />

Ehen in allen Bundesstaaten anerkannt<br />

werden, selbst wenn dieser Bundesstaat das<br />

Schliessen der Ehe für alle eigentlich verbietet.<br />

Dass Biden sich für diesen Akt mit<br />

Cindy Lauper eine Ikone der LGBT*-Gemeinde<br />

ins Haus geholt hat, war ziemlich<br />

clever, denn so wurde eine Öffentlichkeit<br />

generiert, die einer einfachen Gesetzesunterzeichnung<br />

ansonsten häufig verwehrt<br />

bleibt. Man mag hoffen, dass dies nicht der<br />

letzte Akt eines liberalen US-Präsidenten<br />

für die Gleichberechtigung war.<br />

lÉA<br />

DRUCKeR<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


14 KULTUR<br />

KULTUR 15<br />

HEAVY METAL<br />

HEAVY METAL<br />

Harte Männer als<br />

Kämpfer für Queerness?<br />

Led Zeppelin sind so gut wie jedem*r bekannt, auch wenn einigen nur wegen<br />

ihrer üppigen Frisuren. Aber wie gehen Heavy Metal und queer zusammen?<br />

VON BIRGIT KAWOHL<br />

Ich erinnere mich noch gut an den<br />

Spruch meiner Mutter: «Lange Haare<br />

sind okay, aber gepflegt müssen sie<br />

sein.» Logischerweise war von langhaarigen<br />

Männern die Rede, ob bei Frauen die<br />

langen Haare gepflegt waren, war augenscheinlich<br />

nicht von Belang, denn Frauen<br />

hatten <strong>im</strong>mer schon lange Haare, langhaarige<br />

Männer waren aber – zumindest für<br />

meine Mutter – etwas Neues. Mit den langen<br />

Haaren kam Anfang der 1970er-Jahre auch<br />

eine neue Musikrichtung in die Ohren der<br />

Allgemeinheit: Heavy Metal. Oder gab es<br />

erst Heavy Metal und dann erreichten die<br />

langen Haare der Musiker die Augen des<br />

Publikums? Das ist wohl eine Frage wie die<br />

nach der Henne und dem Ei, denn irgendwie<br />

gehören die Musik, übrigens eine Weiterentwicklung<br />

aus dem Hardrock, und das<br />

Aussehen und Gebaren der Musiker*innen<br />

untrennbar zusammen.<br />

Das Ganze geschah in einer Zeit, in der<br />

es (langsam) zur sexuellen Revolution kam,<br />

die Ereignisse rund um den Stonewall-Aufstand<br />

lagen erst kurz zurück und in den europäischen<br />

Staaten formierte sich studentischer<br />

Widerstand. Es war also durchaus eine<br />

Bewegung des Zeitgeistes, die nun auch in<br />

der Musik Neuerungen hervorbrachte.<br />

Nun hatten die männlichen Heavy<br />

Metal-Musiker zwar häufig lange Haare,<br />

also eine durchaus weibliche Komponente<br />

<strong>im</strong> Aussehen, andererseits bestachen ihre<br />

Outfits – Lederjacken, Nieten, Stiefel – durch<br />

betonte Härte und Stärke. Dadurch setzte<br />

sich in vielen Köpfen auch das Bild der heteronormativen<br />

Männlichkeit für Heavy Metal<br />

durch, zumal die Fans auch überwiegend<br />

Männer sind. Doch gerade diese Lederoutfits<br />

haben ihre Ursprünge in der schwulen<br />

Fetischszene. Also bestand offenbar ein enger<br />

Austausch beider Lebenswelten.<br />

Doch gerade diese Lederoutfits<br />

haben ihre Ursprünge in der<br />

schwulen Fetischszene. Also<br />

bestand offenbar ein enger Austausch<br />

beider Lebenswelten.<br />

Ein Austausch, der <strong>im</strong>mer wieder in<br />

beide Richtungen stattfindet. Man denke an<br />

Marilyn Mansons Konzeptalbum «Mechanical<br />

An<strong>im</strong>als» aus dem Jahr 1998, in der die<br />

androgyn-intersexuelle Figur Alpha vorkommt,<br />

die vom Sänger der Band, Brian<br />

Hugh Warner, dargestellt wird. Ein androgyner,<br />

bis auf die roten Haare komplett<br />

weisser Marilyn Manson selbst ziert das<br />

Cover der LP. Er trägt zudem Brustprothesen<br />

und sein Penis ist nur als Ausbeulung ➔<br />

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typisch Heavy Metal. Die Musikrichtung<br />

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16 KULTUR<br />

KULTUR 17<br />

HEAVY METAL<br />

HEAVY METAL<br />

1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020<br />

erkennbar, was den weiblichen Aspekt seines<br />

Aussehens noch verstärkt. Oder auch<br />

das 1992 erschienene Video zu dem Song<br />

«Easy» der Band «Faith no more»: Hier<br />

scheint Queerness selbstverständlich zu<br />

sein, da das «girl» aus dem Text einem<br />

Bandmitglied mit blonder Perücke verkörpert<br />

wird.<br />

1943<br />

Der Kreis<br />

1957<br />

Kreis-Ball<br />

1973<br />

Gay-Liberation<br />

1986<br />

AIDS<br />

2004<br />

Partnerschaftsgesetz<br />

Demo<br />

Und genau hier liegt auch<br />

die von Ehmke beschriebene<br />

Chance für queere Jugendliche,<br />

denen ein mutiges Bild von<br />

Männlichkeit gezeigt wird,<br />

auf das es gar keine negative<br />

Reaktion geben kann.<br />

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<strong>2022</strong><br />

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Bilder © CreativeCommons<br />

Heavy Metal als Rollenvorbild<br />

Ob es sich dabei wirklich um den Ausdruck<br />

einer Selbstverständlichkeit handelt oder<br />

eher um den Wunsch des Schockierens,<br />

müsste man von Fall zu Fall entscheiden.<br />

Allerdings klingen <strong>im</strong>mer beide Versionen<br />

der Interpretation als Möglichkeit mit, sodass<br />

es hier mehr Offenheit als in anderen<br />

Musikstilen zu geben scheint.<br />

Der Journalist Jakob Ehmke sieht<br />

daher <strong>im</strong> Metal auch eine wichtige Funktion<br />

gerade für schwule Jugendliche, denn<br />

«[a]ndrogyne Inszenierungen <strong>im</strong> Metal<br />

können ein wichtiger Faktor [...], speziell in<br />

der Gender-Entwicklung von männlichen<br />

Jugendlichen» sein durch das Hinterfragen<br />

und Durchbrechen von ansonsten scheinbar<br />

feststehenden Rollengefügen. Die «harten»<br />

Metal-Männer, die sich z. B. auf der<br />

Bühne in Netzstrümpfen und Strapsen zeigen.<br />

Bestes Beispiel für dieses Crossdressing<br />

ist ein Auftritt von Dee Snider von<br />

«Twisted Sister» <strong>im</strong> Jahr 2007, der zu seiner<br />

langen, blonden Mähne blau geschminkte<br />

Augen und überhaupt viel Make-up trägt,<br />

begleitet von einem durchsichtigen schwarzen<br />

Body und Strapsen. Wow, möchte man<br />

da schon sagen, dafür braucht es schon eine<br />

gehörige Portion Selbstbewusstsein. Und<br />

genau hier liegt auch die von Ehmke beschriebene<br />

Chance für queere Jugendliche,<br />

denen ein mutiges Bild von Männlichkeit<br />

gezeigt wird, auf das es gar keine negative<br />

Reaktion geben kann.<br />

Das Marilyn Manson-Cover ist ein<br />

beachtliches Zeitdokument, in dem<br />

der Heavy Metal-Musiker geschickt<br />

mit Rollenbildern spielt und so ein<br />

androgynes Wesen kreiert.<br />

Im Heavy Metal kam es schon<br />

relativ früh zu Bekenntnissen<br />

von schwulen Musikern und Solidarisierungen<br />

mit der Szene.<br />

Bereits in den 1970er-Jahren<br />

kam Rob Halford (*1951) von<br />

«Judas Priest» direkt aus einem<br />

Gay-Club auf die Bühne und keiner<br />

störte sich daran.<br />

Nicht mehr Homophobie als<br />

anderswo<br />

Vorbilder, die offenbar ihre Wirkung zeigen,<br />

denn so kam es <strong>im</strong> Heavy Metal schon relativ<br />

früh zu Bekenntnissen von schwulen<br />

Musikern und Solidarisierungen mit der<br />

Szene. Bereits in den 1970er-Jahren kam<br />

Rob Halford (*1951) von «Judas Priest» direkt<br />

aus einem Gay-Club auf die Bühne und<br />

keiner störte sich daran. Im Gegenteil, sein<br />

Kleidungsstil (Leder und Nieten) setzte sich<br />

schnell durch.<br />

Der Erste war der Keyboarder Roddy<br />

Bottum (*1963) von «Faith no more», der bereits<br />

1993 den Weg in die Öffentlichkeit<br />

suchte und seine Homosexualität <strong>im</strong> US-<br />

Magazin «The Advocate» bekanntmachte.<br />

Mittlerweile hat Bottum sogar mit seinem<br />

Partner Joey Holman ein neues musikalisches<br />

Projekt, Man on Man, gestartet.<br />

Aber was ist mit Homophobie und<br />

Frauenfeindlichkeit, die man der Metal-<br />

Szene <strong>im</strong>mer wieder nachsagt? Stellt man<br />

darüber Nachforschungen an, kann man<br />

keine klaren Anzeichen für den klaren Fall<br />

von systematischer Diskr<strong>im</strong>inierung ausmachen.<br />

Klar, es kommt <strong>im</strong>mer wieder mal<br />

zu Anfeindungen, aber wo gibt es sie – leider<br />

– nicht in unserer Gesellschaft? Andererseits<br />

hört man <strong>im</strong>mer wieder von<br />

Teilnehmer*innen von Festivals, z. B. Wacken,<br />

dass die St<strong>im</strong>mung dort vollkommen<br />

entspannt und tolerant sei. Gerade weil<br />

man sich über den Faktor Musik treffe,<br />

herrsche eine grosse Solidarität.<br />

Wer übrigens mehr über Heavy Metal<br />

und Queerness erfahren möchte, dem sei<br />

die Sendung «Heavy Metal saved my Life,<br />

Teil 2» in der ARD Mediathek ans Herz gelegt.<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


18<br />

KOLUMNE<br />

MICHI RÜEGG<br />

Das Wunder<br />

von Doha<br />

Eben noch homophob wie ein tschetschenischer Milizkommandant, ist Fussball nun<br />

gayfreundlicher als der Nacktstrand von Sitges. Darüber wundert sich Michi Rüegg.<br />

VON MICHI RÜEGG<br />

Die Fussball-WM ist vorbei. Und wir<br />

sind alle froh zu wissen, dass der<br />

FIFA-Präsident für einen Tag eine<br />

schwule arabische Bauarbeiterin war. Ich<br />

bin unglaublich glücklich darüber, dass das<br />

Theater vorbei ist. Wobei mich bei dieser<br />

Ausgabe der Fussball selbst für einmal am<br />

wenigsten genervt hat. Stattdessen habe ich<br />

mich über das scheinheilige Gerede über<br />

Homophobie in Katar, die Stellung der Frau,<br />

die Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter<br />

und so weiter geärgert.<br />

Finde ich Unterdrückung von LGBT*<br />

gut? Mitnichten, nirgendwo. Sollten Frauen<br />

in Katar bessergestellt werden? Natürlich, bei<br />

uns übrigens auch in vielerlei Hinsicht. Hätten<br />

die Bauarbeiter aus halb Asien zu weniger<br />

gemeinen Bedingungen angestellt werden<br />

sollen? Absolut, vermutlich hätten sie auch<br />

lieber in Europa gearbeitet, mit Gesamtarbeitsverträgen<br />

und obligatorischen Einzahlungen<br />

in Rentensysteme, aber Europa will<br />

solche Leute halt nicht haben.<br />

Vor vier Jahren hat Russland die WM<br />

gehostet. Russland, das gerade dabei ist, seine<br />

Sammlung dokumentierter Kriegsverbrechen<br />

in der Ukraine drastisch zu erweitern.<br />

Russland, das über Jahre ein gay-feindliches<br />

Gesetz nach dem nächsten erlassen hat.<br />

Russland, das Land, in dem Männer Frauen<br />

schwängern können, ohne auch nur einen<br />

Rubel Unterhalt zu bezahlen. Russland, dessen<br />

Diktator seit vielen Jahren jegliche aufmüpfigen<br />

zivilgesellschaftlichen Strukturen<br />

zerbröseln lässt. Und das bereits Jahre vor<br />

dem Anpfiff des ersten Spiels die Kr<strong>im</strong> völkerrechtswidrig<br />

annektiert hatte.<br />

Während wir <strong>im</strong> Fall von<br />

Russland seit Jahren zuschauen<br />

können, wie Demokratie, Menschenrechte<br />

und die Freiheit als<br />

solche den Bach runtergehen,<br />

hat sich in Katar in den vergangenen<br />

Jahren doch das eine<br />

oder andere Erfreuliche getan.<br />

Hat das irgendeine Sau vor vier Jahren<br />

wirklich interessiert? Klar, man hat da und<br />

dort gewisse Bedenken geäussert. Aber so<br />

richtig darüber aufregen mochte sich niemand.<br />

Und nun, <strong>im</strong> Fall von Katar, sind wir als<br />

Kollektiv plötzlich über alle Massen betroffen,<br />

und sorgen uns ums Wohlbefinden und<br />

die Sicherheit möglicher schwuler Fussballfans<br />

in Doha. Und wenn die Captains der<br />

Nationalligen keine tuntigen Armbinden<br />

tragen dürfen, ist das ein Skandal sondergleichen.<br />

(Der FC <strong>Winter</strong>thur wollte dieses<br />

Jahr übrigens auch keine Trikots mit Regenbogen<br />

tragen. Gab aber keinen Aufschrei.)<br />

Während wir <strong>im</strong> Fall von Russland seit<br />

Jahren zuschauen können, wie Demokratie,<br />

Menschenrechte und die Freiheit als solche<br />

den Bach runtergehen, hat sich in Katar in<br />

den vergangenen Jahren doch das eine oder<br />

andere Erfreuliche getan. Ich führte vor vier<br />

Jahren in New York ein Gespräch mit der katarischen<br />

UNO-Botschafterin und war erstaunt,<br />

wie zielgerichtet und professionell<br />

sie die Mission ihres Landes bei den Vereinten<br />

Nationen führte. Dabei kommandierte<br />

sie ihre männlichen Angestellten ziemlich<br />

forsch herum. Passt das ins Bild der armen,<br />

unterdrückten Musl<strong>im</strong>in, die ihren bärtigen<br />

Cousin heiraten muss, weil Gott und<br />

die Familie es so wollen? Natürlich nicht.<br />

Dieses Erlebnis liegt ausserhalb der gebetsmühlenartig<br />

wiederholten Botschaften<br />

über Frauenrechte in arabischen Ländern.<br />

Es passt nicht ins Narrativ. Wie gut, dass bei<br />

uns in der Schweiz die letzten Frauen bereits<br />

1991 wählen durfte. Man stelle sich vor,<br />

ein Skirennen am Lauberhorn wäre wegen<br />

so etwas Ende der Achtzigerjahre <strong>im</strong> Ausland<br />

boykottiert worden.<br />

Aber vielleicht übertreibe ich hier<br />

masslos und sehe die Dinge völlig falsch. Offenbar<br />

ist eine der traditionell homophobsten<br />

Bubble der Gesellschaft, der Fussball,<br />

plötzlich ein Hort grenzenloser Toleranz.<br />

Weg ist jegliche toxische Männlichkeit, vorbei<br />

ist die Gewalt pöbelnder Hooligans. Nun<br />

herrschen unter den strahlenden Farben des<br />

Regenbogens Eintracht und grenzenlose<br />

Liebe und Zuneigung auf und abseits des<br />

Spielfeldes. Gut, unter diesen Umständen<br />

würde man sich wohl wünschen, dass ein<br />

paar Fussballer mehr den Mut hätten, wie<br />

Gianni Infantino ein Coming-out zu wagen.<br />

Warum sie dies angesichts der neuen Offenheit<br />

und Toleranz in dieser Sportart nicht<br />

tun, bleibt ihr Gehe<strong>im</strong>nis.<br />

Wer hätte gedacht, dass sich <strong>im</strong> Fussball<br />

innerhalb so kurzer Zeit so viel zum Guten<br />

wendet. Man könnte meinen, ein Wunder<br />

sei geschehen. Das Wunder von Doha.<br />

Szene mit Daniel Lommatzsch, Sebastian Rudolph, Patrycia Ziólkowska aus «Sonne, los jetzt!» am Schauspielhaus Zürich © Philip Frowein<br />

szene &<br />

kultur<br />

CRUISER SZENE: AM PULS DER LGBT*-COMMUNITY.<br />

AKTUELL, INFORMATIV UND MITTENDRIN.<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


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20 KULTUR 21<br />

REGENBOGENFAMILIE IM HECHTPLATZ<br />

Mach mit bei Europas grösstem<br />

LGBTIQ-Sportevent in Bern<br />

26 – 29 Juli <strong>2023</strong> • Jetzt anmelden:<br />

www.eurogames<strong>2023</strong>.ch<br />

Vier werden ...<br />

Eltern<br />

Roman Riklin und Michael Elsener bringen mit ihrer Komödie aktuelle Themen<br />

auf die Bühne. Das tun sie bemerkenswert unaufgeregt. Dafür umso lustiger.<br />

chere Situationen hinein, bis selbst das Publikum<br />

ins Schwitzen gerät. «Vier werden Eltern»<br />

ist ein turbulentes Schauspiel voller überraschender<br />

Wendungen, das Mut macht, das<br />

Setting Familie neu zu denken.<br />

Ein Theaterstück, welches definitv<br />

schon längt fällig ist und unbedingt gesehen<br />

werden muss!<br />

Vier werden Eltern<br />

Eine Komödie über Kinderwunsch und<br />

Regen bogenfamilie von Roman Riklin und<br />

Michael Elsener als Koproduktion des Theaters<br />

am Hechtplatz mit Just4Fun Entertainment<br />

und den Kammerspielen Seeb.<br />

Badminton Basketball Bowling Chess Dance sport<br />

Dodgeball<br />

(Trampoline)<br />

Field Hockey<br />

Turbulentes Leben – wir kommen! Wird es eine aussergewöhnliche Lebensgemeinschaft werden oder<br />

endet es pragmatisch be<strong>im</strong> Akt der Kind-Zeugung? Und was ist überhaupt das Konstrukt «Familie»?<br />

Mit: Florian Butsch, Michèle Hirsig, Sebastian<br />

Krähenbühl, Dominik Widmer und Reto Mos<strong>im</strong>ann<br />

(spielt nur in Seeb)<br />

Regie: Alexander Stutz<br />

Bühnenbild und Kostüme: Carmen Weirich<br />

17. Januar bis 26. Februar <strong>2023</strong><br />

<strong>im</strong> Theater am Hechtplatz Zürich<br />

1. März bis 7. Mai <strong>2023</strong><br />

in den Kammerspielen Seeb<br />

Alle weiteren Infos auf www.hechtplatz.ch<br />

Flag Football Floorball Football Golf Handball<br />

Hyrox<br />

Challenge<br />

Pride Run<br />

5K & 10K<br />

VON HAYMO EMPL<br />

Quidditch Roller Derby Rugby Rugby Touch Squash<br />

Street Workout<br />

Tennis T<strong>im</strong>ed Hiking Track & Field Volleyball Water Polo Wrestling<br />

Sw<strong>im</strong>ming<br />

Bilder © Tabea Hüberli<br />

Binja und Samy haben jahrelang probiert,<br />

Eltern zu werden. Trotz Versuchen<br />

mit künstlicher Befruchtung,<br />

ist es aufgrund Samys Fruchtbarkeitsstörung<br />

nicht geglückt. Ihre Freunde, Nico und<br />

Janosh, wollten ihrerseits ein Kind adoptieren.<br />

Doch die Behörden lehnten ihre Bewerbung<br />

ab. Be<strong>im</strong> gemeinsamen Abendessen<br />

der Paare entsteht die Idee, zusammen eine<br />

Familie zu gründen. Mittels Samenspende<br />

von einem der schwulen Männer soll der gemeinsame<br />

Kinderwunsch erfüllt werden<br />

und eine Regenbogenfamilie entstehen.<br />

Bald stellen sich den angehenden Eltern<br />

aufwühlende Fragen, auf die es keine einfachen<br />

Antworten gibt. Da Binja aufgrund ihrer<br />

traumatischen Erfahrung mit Hormon-Therapien<br />

und Inseminationen auf natürlicher Befruchtung<br />

besteht, landen die Vier bald zum<br />

Zeugungsversuch auf dem Bettsofa ... Co-Elternschaft,<br />

Leihmutter schaft und künst liche<br />

Befruchtung: Roman Riklin und Michael Elsener<br />

bringen mit ihrer Komödie aktuelle und<br />

kontrovers diskutierte Themen auf die Bühne.<br />

Mit hinter listiger Leichtigkeit reiten die Autoren<br />

ihre Figuren tabulos in <strong>im</strong>mer unmögli-<br />

Das Autorenduo Martin Elsener (l.) und Roman<br />

Ricklin (r.) ist eine feste Grösse in der helvetischen<br />

Theater-& Comedyszene. Michael Elsener tourt<br />

seit 2008 als Comedian durch die Schweiz,<br />

Deutschland und New York City. Roman Riklin<br />

feierte seinen bisher grössten Erfolg mit dem<br />

Musical «Ewigi Liebi» (Prix Walo), bei dem er als<br />

Autor und Arrangeur verantwortlich zeichnete.<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


22 GESELLSCHAFT<br />

GESELLSCHAFT sliPPery 523<br />

HIV AM ARBEITSPLATZ<br />

HIV AM ARBEITSPLATZ SubjeCtS<br />

Im Kampf<br />

gegen Diskr<strong>im</strong>inierung<br />

In der Schweiz leben 20 000 Menschen mit HIV oder Aids.<br />

Die Aids-Hilfe Schweiz hat eine eigens dafür eingerichtete Fachstelle.<br />

INTERVIEW: HAYMO EMPL<br />

Wozu braucht es eure Fachstelle?<br />

Trotz der medizinischen Fortschritte<br />

zieht eine HIV-Diagnose<br />

auch heute noch eine deutliche Schlechterstellung<br />

in zahlreichen Bereichen des<br />

alltäglichen Lebens nach sich. Benachteiligungen<br />

<strong>im</strong> Arbeitsumfeld, <strong>im</strong> Gesundheitswesen,<br />

gegenüber Sozial- und Privatversicherungen,<br />

aber auch Daten schutz -<br />

verletzungen kommen häufig vor. Die<br />

Rechtsberatung der Aids-Hilfe Schweiz setzt<br />

sich dafür ein, dass Menschen mit HIV zu<br />

ihrem Recht kommen und unterstützt sie<br />

<strong>im</strong> Kampf gegen Diskr<strong>im</strong>inierungen.<br />

Existiert denn <strong>im</strong>mer noch eine «Diskr<strong>im</strong>inierung»<br />

am Arbeitsplatz?<br />

Leider kommen solche Diskr<strong>im</strong>inierungen<br />

<strong>im</strong>mer wieder vor. Knapp 10% der uns <strong>2022</strong><br />

gemeldeten Diskr<strong>im</strong>inierungen betrafen<br />

das Arbeitsumfeld. Und 20% der Anfragen<br />

an die Rechtsberatung <strong>im</strong> Jahr <strong>2022</strong> bezogen<br />

sich aufs Arbeitsrecht.<br />

Kannst du ein Beispiel nennen?<br />

Ein Mann eröffnete seiner Vorgesetzten <strong>im</strong><br />

Vertrauen, dass er HIV-positiv ist. Ohne<br />

seine Einwilligung informierte diese in der<br />

Folge die ganze Belegschaft darüber aus<br />

Angst, dass sich jemand anstecken könnte.<br />

Daraufhin wurde der Mann von gewissen<br />

Mitarbeitenden so gemobbt, dass er die<br />

Stelle kündigen musste.<br />

VoN MARTIN MüHLHEIM<br />

rungen. Weiter erfasste die Aids-Hilfe<br />

C<br />

Schweiz oming-out-Filme Diskr<strong>im</strong>inierungen gibt es <strong>im</strong> mittlerweile<br />

Arbeitsbereich<br />

(9), viele, bei und Einreise- entsprechend und Aufenthaltsrechten<br />

(4) lich und kommen <strong>im</strong> Strafrecht sie daher: (3). 20 leichtfüssig-<br />

Diskr<strong>im</strong>i-<br />

unterschied-<br />

komisch nierungen wie betrafen der weitere britische Bereiche, Klassiker z.B.<br />

Beautiful Bildung, Verwaltung, Thing (1996), Justiz, eher nachdenklich<br />

Wohnen, Familie<br />

das und brasilianische soziale Medien. Kleinod Seashore<br />

wie<br />

(2015), bisweilen auch zutiefst tragisch – so<br />

<strong>im</strong> Inwiefern israelischen unterscheiden Drama Du sich sollst die Anliegen nicht lieben /<br />

(2009), Probleme das in in der der Rechtsberatung ultraorthodoxen bei / zwischen Gemein-<br />

den in LGBT*-Menschen Jerusalem spielt. und der heterosexuellen<br />

Angesichts Bevölkerung? solcher Unterschiede erstaunt<br />

Unsere es Rechtsberatung umso mehr, bietet mit welcher Unterstützung Regelmässigkeit<br />

an bei Rechtsfragen uns Coming-out-Filme und Diskr<strong>im</strong>inierungen, Jungs oder<br />

Männer die in direktem zeigen, Zusammenhang die – alleine, zu zweit mit HIV oder stehen.<br />

In diesem – schw<strong>im</strong>men Bereich gehen. sind grundsätzlich<br />

Nun könnte<br />

in<br />

Gruppen<br />

man keine das Unterschiede natürlich zu als verzeichnen.<br />

Zufall oder Nebensächlichkeit<br />

abtun. Bei genauerem Nachdenken<br />

HIV und zeigt Aids sich sind allerdings, nicht mehr dass «sichtbar»,<br />

gleich<br />

mehrere eigentlich Gründe sollte daher für diese Krankheit erstaunliche <strong>im</strong> Alltag Häufigkeit<br />

und Berufsleben finden lassen. kaum mehr eine Rolle spielen.<br />

Gibt es Fälle und Situationen, in denen eine<br />

Nackte HIV-positive Haut Person ohne dennoch allzu viel eine Sex Angabe<br />

Eine diesbezüglich erste, nur machen scheinbar muss? oberflächliche Erklärung<br />

In der Schweiz ist, dass gibt (halb)entblösste es keine Pflicht, den Körper Arbeitgeber<br />

nicht über bloss die auf HIV-Infektion der Leinwand, zu sondern infor-<br />

sich<br />

auch mieren, auf Filmpostern auch nicht <strong>im</strong> und medizinischen DVD-Covern äus- Bereich,<br />

gut und machen. ein Arbeitgeber Schw<strong>im</strong>mszenen hat kein Recht, bieten<br />

serst<br />

ein nach perfektes HIV zu fragen. Alibi für Tut das er dies Zeigen trotzdem, von nackter<br />

man Haut: das Sex Recht, sells, die wie Frage es so falsch schön heisst. zu beant-<br />

hat<br />

worten. Warum Es gibt «Alibi»? aber <strong>im</strong>mer Weil wieder man – gerade Leute, die bei<br />

Filmen den Arbeitgeber mit jungen freiwillig Protagonisten über ihre – HIV-Infektion<br />

muss: informieren «Sex sells» möchten. mag zwar Diese zutreffen, reagie-<br />

aufpassen<br />

aber ren manchmal allzu explizite sehr gut, Sexszenen manchmal können kommt<br />

schnell es dann mal aber zu auch hohen zu Altersfreigaben Diskr<strong>im</strong>inierungen führen.<br />

oder Dies Datenschutzverletzungen. wiederum möchten Filmemacher<br />

In den Antragsformularen<br />

der Regel vermeiden: von Taggeld- Filme, die und erst Lebens-<br />

ab 18<br />

in<br />

versicherungen sowie von Pensionskassen<br />

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<strong>im</strong> überobligatorischen Bereich wird oft<br />

freigegeben nach HIV sind, und lassen anderen sich vorbestehenden<br />

nämlich weniger<br />

Krankheiten einfach gefragt. vermarkten. Da dies Auf Privatversicherungen<br />

Beispiel sind, werden haben Filme sie das mit Recht, Altersfreiga-<br />

solche<br />

Amazon.de<br />

zum<br />

be Fragen 18 nur zu an stellen nachweislich und als volljährige Antragsteller_in Personen<br />

hat man verkauft die Pflicht, – und die gerade Fragen für wahrheitsgemäss<br />

zu beantworten. die sich auch Meistens an ein junges verweigern Publi-<br />

Comingout-Filmekum<br />

dann richten, die Versicherungen ist dies kein die wünschenswerter<br />

oder bringen Effekt. einen Vorbehalt für HIV an.<br />

Aufnahme<br />

Besonders <strong>im</strong> Bereich der Taggeldversicherung,<br />

welche die Lohnfortzahlung <strong>im</strong><br />

Krankheitsfall gewährleistet, kann dies einschneidende<br />

Filme, die<br />

Konsequenzen<br />

ersT ab 18<br />

haben. Der medizinische<br />

Fortschritt wird von den Versicherungen<br />

noch viel<br />

FreiGeGeben sind,<br />

zu wenig<br />

lassen<br />

berücksichtigt.<br />

sicH nämlicH WeniGer<br />

einFacH VermarKTen.<br />

«Die Rechtsberatung der<br />

Aids-Hilfe Schweiz setzt sich<br />

«In der Schweiz gibt es keine<br />

Schw<strong>im</strong>mszenen bieten hier eine perfekte<br />

dafür Kompromisslösung: ein, dass Menschen Man kann mit nackte<br />

Haut HIV zu filmisch ihrem ansprechend Recht kommen inszenieren, dabei<br />

aber allzu heisse Techtelmechtel tugendhaft<br />

vermeiden (beispielsweise, indem der<br />

und unterstützt sie <strong>im</strong> Kampf<br />

Wasserspiegel gegen Diskr<strong>im</strong>inierungen.»<br />

<strong>im</strong>mer über der Gürtellinie<br />

bleibt, wie <strong>im</strong> niederländischen Film Jongens,<br />

2014). Um das Rezept knapp zusammenzufassen:<br />

Man nehme eine grosszügige<br />

Portion Wie ist das feuchter konkrete Erotik, Vorgehen, eine vorsichtige wenn jemand Prise<br />

eure Sex Fachstelle – und um kontaktiert? H<strong>im</strong>mels Willen Was passiert kein Körnchen<br />

nach Porno. der ersten Kontaktaufnahme?<br />

Die Kontaktaufnahme erfolgt telefonisch<br />

Eingetaucht oder schriftlich. ins Persönliche Triebleben Beratungen<br />

Man bieten täte wir den keine lesBischwulen an, da wir national FilmemacherInnen<br />

sind. Je aber nach unrecht, Anfrage wenn können man wir ihre diese erzäh-<br />

di-<br />

tätig<br />

lerischen rekt telefonisch Entscheidungen oder per Mail allein beantworten. auf finan-<br />

In den meisten Fällen handelt es sich aber<br />

zielles Kalkül reduzieren wollte. Es gibt<br />

nämlich Pflicht, auch den ästhetisch-symbolische Arbeitgeber über Gründe,<br />

die die HIV-Infektion Schw<strong>im</strong>mszenen zu für informieren,<br />

das Genre interessant<br />

machen.<br />

auch nicht <strong>im</strong> medizinischen<br />

Da wäre zunächst die Funktion des<br />

Wassers Bereich, als und Symbol ein für Arbeitgeber das Unbewusste. hat<br />

Dieses kein Recht, Unbewusste, nach so weiss HIV man zu fragen.» spätestens<br />

seit Sigmund Freud, hat viel mit der Triebnatur<br />

des Menschen zu tun – und so erstaunt es<br />

nicht, dass Hauptfiguren auf der Suche nach<br />

ihrer sexuellen Identität sozusagen symbolisch<br />

um umfangreichere in die Tiefen des Beratungen, Unbewussten bei eintauchen<br />

beispielsweise müssen, um eine ihr Kontaktaufnahme gleichgeschlechtliches mit<br />

denen<br />

Begehren dem Arbeitgeber, zu entdecken. der IV-Stelle, der Krankenkasse,<br />

des Gerichts oder einer anderen<br />

Figuren Institution in oder Schwebe<br />

Person notwendig ist. Um<br />

Darüber dies tun zu hinaus können, hat die benötigen Filmwissenschaftlerin<br />

Klient_innen Franziska Heller eine Vollmacht. in ihrem Buch Im über Bereich die<br />

wir von den<br />

Filmästhetik des Sozialversicherungsrechts des Fluiden (2010) gezeigt, bieten dass wir<br />

schw<strong>im</strong>mende auch Rechtsvertretungen Figuren <strong>im</strong>mer an (Einsprachen, wieder als<br />

«schwebende Einwände und Körper» Beschwerden). inszeniert werden: Dies sind oft<br />

in umfangreiche Zeitlupe und Beratungen, seltsam herausgelöst die sich über aus<br />

dem Jahre sonst hinziehen zielstrebig und sehr voranschreitenden<br />

viele Stunden in<br />

Erzählprozess. Anspruch nehmen Dieser können. Schwebezustand wiederum<br />

ist eine wunderbare visuelle Metapher<br />

für die Phase kurz vor dem Coming-out:<br />

Man ist nicht mehr der oder die Alte, aber<br />

auch noch nicht ganz in der neuen Identität<br />

angekommen. Menschen mit HIV Ein / Aids Film und macht ihre das Angehörigen, Schweben<br />

sogar Beratende, explizit Arbeitgebende, zum Thema: Ärzte, In Kinder Ärztinnen Gottes und<br />

aus andere dem Interessierte Jahr 2010 können zeigt Romeo sich mit dem Rechtsfragen,<br />

die in einem direkten Johnny, Zusammenhang<br />

wie befreiend<br />

neurotisch-verklemmten<br />

das mit HIV «Floating» / Aids stehen, <strong>im</strong> Meer telefonisch sein kann. oder schriftlich<br />

an den Neben Beratungsdienst der Inszenierung der Aids-Hilfe von Schwebezuständen<br />

wenden. Die und Rechtsberatung dem Wasser ist als kostenlos Symbol und für<br />

Schweiz<br />

das erfolgt Unbewusste absolut diskret. ist drittens E-Mail: das recht@aids.ch Motiv von ➔<br />

www.aids.ch<br />

«Was geht mich meine Gesundheit an!»<br />

Wilhelm Nietzsche<br />

Wir sind die erste Adresse für diskrete Beratung in allen Gesundheitsfragen.<br />

Dr. iur. Caroline Suter vom Rechtsdienst der Aids-Hilfe Schweiz stellt fest, dass es nach wie vor zu<br />

Diskr<strong>im</strong>inierung aufgrund der Diagnose HIV/AIDS kommt. Sie und ihr Team beantworten kostenlos Fragen<br />

rund um HIV und Recht. Foto: Mary Manser<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

Wie viele Fälle werden von eurer Fachstelle<br />

konkret bearbeitet?<br />

Pro Jahr gelangen 300 bis 400 Personen mit<br />

rechtlichen Fragen rund um HIV an die<br />

Rechtsberatung. Diskr<strong>im</strong>inierungen werden<br />

uns jedes Jahr rund 100 gemeldet. <strong>2022</strong><br />

betrafen 30 Diskr<strong>im</strong>inierungen das Gesundheitswesen,<br />

27 Fälle die Privatversicherungen<br />

und 13 Fälle die Sozialversiche-<br />

Bild © Mary Manser<br />

Ihr Gesundheits-Coach.<br />

Stampfenbachstr. 7, 8001 Zürich, Tel. 044 252 44 20, Fax 044 252 44 21<br />

leonhards-apotheke@bluewin.ch, www.leonhards.apotheke.ch<br />

CRUISER JANUAR CRUISER / FEBRUAR SommER <strong>2023</strong> 2017


24 SPRACHE<br />

SPRACHE 25<br />

LEXIKON QUEERER BEGRIFFE<br />

LEXIKON QUEERER BEGRIFFE<br />

Trans, cis, binär: Was ist nun eigentlich<br />

was und wer?<br />

<strong>Cruiser</strong> präsentiert den ult<strong>im</strong>ativen, aber nicht abschliessenden Guide für<br />

spannende Begegnungen*** <strong>im</strong> LGBT*-Sternchendschungel.<br />

Und dann?<br />

Es ist ganz unterschiedlich, was t rans Menschen<br />

mit ihrer Situation anfangen. Manche<br />

outen sich, manche leben <strong>im</strong>mer oder nur in<br />

best<strong>im</strong>mten Lebensbereichen <strong>im</strong> passenden<br />

Geschlecht, einige ergreifen medizinische<br />

Massnahmen, um ihr Äusseres ihrem<br />

Geschlecht anzugleichen. Einigen sieht<br />

man das trans-Sein an, anderen nicht. Einige<br />

ändern ihre Papiere, andere nicht. Häufig<br />

haben trans Menschen mehr Probleme mit<br />

der Gesellschaft als mit sich selbst. Es wird<br />

aber besser.<br />

Und was sind cis Menschen?<br />

Menschen, deren Geschlechtsidentität mit<br />

der Zuweisung bei der Geburt übereinst<strong>im</strong>mt.<br />

Vermutlich die meisten Menschen.<br />

es auf Deutsch kein geschlechtsneutrales<br />

Pronomen in der dritten Person («es»<br />

kommt für die meisten nicht in Frage). Manchen<br />

ist das Pronomen egal, manche wechseln<br />

auch. Wenn Sie ein falsches Pronomen<br />

verwenden, werden Sie sicher informiert,<br />

was die Person passend findet.<br />

Und falls ich mich verspreche?<br />

Kann passieren. Kurz entschuldigen und<br />

weiter <strong>im</strong> Thema.<br />

Häufig haben trans Menschen<br />

mehr Probleme mit der Gesellschaft<br />

als mit sich selbst.<br />

Wie kann ich trans Menschen unterstützen?<br />

Wenn sich andere versprechen, korrigieren.<br />

(Für Sie ist das einfacher als für die trans<br />

Person.) Anreden, Formulare und WCs haben,<br />

die auch auf nicht binäre Menschen<br />

passen.<br />

Noch etwas?<br />

Ja. Trans Menschen sind keine wandelnden<br />

Geschlechterklischees. Manche trans Frauen<br />

haben den Flugschein und würden sich niemals<br />

schminken. Und manche trans Männer<br />

bringen Kinder auf die Welt und finden<br />

rosa toll.<br />

Echt?<br />

Ja.<br />

Sag ich «Herr» oder «Frau»?<br />

Entsprechend der Geschlechtsidentität.<br />

Wenn Sie die nicht wissen, können Sie die<br />

gegenderte Anrede erst einmal weglassen<br />

(«Grüezi» resp. «Hallo»). (Falls Sie mit der<br />

Person länger zu tun haben werden, fragen<br />

Sie diskret nach: «Spreche ich Sie mit ‹Herr›<br />

an?» oder «Ist ‹sie› das richtige Pronomen?»)<br />

Und was ist mit den nicht binären Personen?<br />

Trans Personen, die weder ausschliesslich<br />

männlich noch ausschliesslich weiblich<br />

sind, sagen meist be<strong>im</strong> Vorstellen, wie sie<br />

angesprochen werden möchten. Übliche<br />

Varianten sind «Miko Müller» statt «Frau<br />

Müller» oder «Miko» statt «er» oder «sie».<br />

Viele nicht binäre Personen wählen einen<br />

geschlechtsneu tralen Vornamen. Leider gibt<br />

Warum ist die Anrede so wichtig?<br />

Jeder Mensch – ganz egal wer – ist genervt,<br />

wenn er falsch angesprochen wird. Für<br />

trans Menschen ist Angesprochenwerden<br />

<strong>im</strong> «falschen» Geschlecht besonders frustrierend.<br />

Die korrekte Anrede ist ausserdem<br />

der einfachste Weg, trans Menschen zu zeigen,<br />

dass Sie sie akzeptieren.<br />

Was ist noch wichtig?<br />

Keine Fragen unter der Gürtellinie, wenn<br />

Sie nicht Urologin sind oder sonst einen<br />

dringenden Grund haben. Und was kaum<br />

jemand weiss: Wenn Sie den alten Namen<br />

einer trans Person kennen, behalten Sie ihn<br />

für sich. Wir sind sehr dankbar.<br />

* Damit dieses Sternchen – welches in vielen<br />

<strong>Cruiser</strong>texten verwendet wird – nochmals<br />

erklärt sei: * steht für alle gendermöglichen<br />

Varianten, die nicht mit den Buchstaben LGBT<br />

abgedeckt sind.<br />

** Hannes Rudolph ist nicht nur Geschäftsführer<br />

der HAZ, sondern auch Gründungsmitglied von<br />

Transgender Network Switzerland (www.tgns.ch).<br />

Als Psychologe leitete er zehn Jahre lang die<br />

Fachstelle für trans Menschen <strong>im</strong> Checkpoint,<br />

die trans Menschen, deren Angehörige und andere<br />

Interessierte in trans-Fragen berät.<br />

*** Wie spannend diese Begegnungen letztendlich<br />

werden, hängt von euch ab, liebe<br />

Leser*innen.<br />

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Wer sich in der queeren Community bewegt, kann sich leicht <strong>im</strong> Sprachendschungel unbekannter Begriffe verlaufen.<br />

VON HANNES RUDOLPH**<br />

Deine fabelhafte<br />

Was soll ich machen, wenn mir ein<br />

trans Mensch begegnet? Keine Panik.<br />

Vermutlich sind Ihnen schon<br />

viele begegnet, ohne dass Sie es bemerkt haben.<br />

Vielen trans Menschen sieht man nicht<br />

an, dass sie trans sind.<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

Was ist trans überhaupt?<br />

Trans Menschen haben eine Geschlechtsidentität<br />

(innere Gewissheit über das eigene<br />

Geschlecht), die nicht mit der Zuweisung<br />

bei der Geburt übereinst<strong>im</strong>mt. Trans Männer<br />

sind Männer, die bei ihrer Geburt aufgrund<br />

des Körpers als Mädchen eingeordnet<br />

wurden. Trans Frauen sind Frauen, die<br />

als Jungen einsortiert wurden. Und nicht<br />

binäre trans Menschen sind weder Männer<br />

noch Frauen, egal wie sie bei der Geburt<br />

einsortiert wurden.<br />

LGBT*-friendly<br />

Hairstylistin freut sich<br />

auf deinen Besuch.<br />

Schreinerstrasse 44 | 8004 Zürich | Telefon 044 291 39 90 | www.haargenau.ch<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


26 KULTUR<br />

KULTUR 27<br />

SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH<br />

SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH<br />

Das alles ist<br />

mein Werk<br />

Nicolas Stemann holt in seiner Uraufführung Jelineks Monolog der Sonne<br />

schmerzhaft auf die Erde.<br />

«Das ist alles mein Werk», kommentiert die Sonne (Karin Pfammatter).<br />

Bilder © Philip Frowein<br />

VON VALERIA HEINTGES<br />

Daniel Lommatzsch, Lena Schwarz, Patrycia Ziólkowska, Alicia Aumüller, Sebastian Rudolph: Sie teilen<br />

sich den Jelinek-Text untereinander auf und machen das grossartig.<br />

A<br />

uf der Weltnaturkonferenz <strong>im</strong> kanadischen<br />

Montreal diskutierten letztens<br />

fast 200 Staaten, ob sie den<br />

Artenschwund stoppen wollen. 30 Prozent<br />

der Land- und Meeresflächen könnten unter<br />

Schutz gestellt werden, aber wie stark<br />

der ausfallen soll, darüber wird gestritten.<br />

Die Berichterstattung darüber ist einhellig:<br />

Während sich Länder wie die Schweiz oder<br />

Deutschland als Kl<strong>im</strong>aretter aufspielen,<br />

macht ein genauerer Blick klar, dass sie ihre<br />

Hausaufgaben nicht einmal <strong>im</strong> eigenen<br />

Land erfüllen. «Be<strong>im</strong> Schutz der Arten vielfalt<br />

hinkt die Schweiz hinterher», titelte etwa<br />

die NZZ in einer ihrer Dezember-Ausgaben.<br />

Und zwar einen Tag vor der Premiere<br />

von «Sonne, los jetzt!» am Schauspielhaus<br />

Zürich. Nicolas Stemann, Regisseur des<br />

Abends und Co-Intendant des Hauses, liest<br />

Elfriede Jelineks Werk <strong>im</strong> Pfauen als unausweichliches<br />

Untergangsszenario. «This is<br />

how the world ends», rezitiert eine St<strong>im</strong>me<br />

das Poem «Hollow Men» von T.S. Eliot, «not<br />

in a bang, but in a wh<strong>im</strong>per». Die Welt ende<br />

nicht mit einem Knall, sondern mit einem<br />

Winseln.<br />

Dann ist minutenlang nur die St<strong>im</strong>me<br />

von Karin Pfammatter zu hören, sie selbst<br />

kaum <strong>im</strong> Hintergrund zu sehen, wie sie den<br />

Monolog, den Jelinek der Sonne in den<br />

Mund legt, ins Mikrofon spricht, ruhig,<br />

konzentriert, erhellend. Es ist ein typischer<br />

Jelinek-Text, lange, mäandernde Sätze, die<br />

be<strong>im</strong> Vorlesen widerwillig ihren Sinn freigeben.<br />

Aber es sind weniger Kalauer darin, weniger<br />

Wortspiele, mehr Trauer. «Sonne, los<br />

jetzt» und das mit ihm zusammen veröffentlichte<br />

«Luft», aus dem Stemann Passagen<br />

entn<strong>im</strong>mt, drehen sich, grob vereinfacht,<br />

um den Widerspruch zwischen Fruchtbarkeit<br />

und Furchtbarkeit, den die Sonne verkörpert,<br />

zwischen Helligkeit und Verbrennen,<br />

zwischen Tag und Nacht, zwischen<br />

Endlichkeit und Unendlichkeit des Lebens,<br />

der Erde.<br />

Langsam schälen sich Silhouetten aus<br />

dem Dunkel, schwarze Gestalten, selbst ihr<br />

Gesicht verdeckt eine Maske. Zur Unkenntlichkeit<br />

von der Sonne verbrannt. «Es ist zu<br />

spät», konstatieren sie. Sie haben versagt;<br />

das haut ihnen auch Greta Thunberg mit<br />

ihrer Rede auf der Uno-Kl<strong>im</strong>akonferenz um<br />

die Ohren. «How dare you?», wie konntet ihr<br />

es wagen, nichts zu ändern?<br />

Moment mal, mag sich manche*r da<br />

gedacht haben, ist das hier nicht eine Stemannsche<br />

Jelinek-Uraufführung? Hat dieser<br />

Regisseur bisher nicht schon neun Mal<br />

aus den beinahe brutal wirkenden Textflächen<br />

überraschend komische, fast klamaukige<br />

Inszenierungen kristallisiert? Da kommen<br />

unter den düsteren Kostümen – ein<br />

Reissverschluss kehrt innen nach aussen –<br />

helle, funkelnde Röcke zum Vorschein<br />

(Kostüme Katrin Wolfermann). Ab sofort<br />

teilen die sechs grossartigen Darsteller den<br />

Text untereinander auf. Gespielt wird unter<br />

einer riesigen, <strong>im</strong> Laufe des Abends <strong>im</strong>mer<br />

stärker lädierten Sonne, die deshalb schon<br />

bald zum Schadensfall erklärt und mit gelbschwarzem<br />

Plastikband grosszügig abgesperrt<br />

wird (Bühne Katrin Nottrodt).<br />

Gespielt wird unter einer<br />

riesigen, <strong>im</strong> Laufe des Abends<br />

<strong>im</strong>mer stärker lädierten Sonne,<br />

die deshalb schon bald zum<br />

Schadensfall erklärt wird.<br />

Die Sonne als Zerstörerin<br />

Auf dieser Baustelle spielt sich das Elend<br />

der untätigen Menschheit ab: Eine Dame<br />

frönt dem Sonnenbad und ertrinkt in den<br />

Wellen. Ein Gletscher, stolz gekrönt mit<br />

Schweizer Fahne, schmilzt in sich zusammen.<br />

Drei Damen wünschen sich Fernreisen<br />

«an die Sonne» und zerreissen sich die<br />

Mäuler über die Bademode der anderen.<br />

Dazu kommentiert die Sonne: «Das alles ist<br />

mein Werk.» Karin Pfammatter, mit Freiheitsstatuen-ähnlichem<br />

Strahlenkranz auf<br />

dem Kopf, nippt an der Kaffeetasse und<br />

raucht schmauchend ihre E-Zigarette.<br />

Ja, jetzt wagt der Abend den Tanz zwischen<br />

höchstem Ernst und Dinner-for-one-<br />

Stolperwitzen, Improvisationen mit dem<br />

singenden Publikum inklusive. Doch fordert<br />

solche Abstürze und Aufstiege auch der<br />

Jelineksche Text, der sich in Wittgensteinsche<br />

Höhen und kalauernde Niederungen<br />

wagt, aber vor allem verzweifelt und vergeblich<br />

versucht, die Menschen aus der Lethargie<br />

zu wecken. Und so kommt es, wie es<br />

kommen muss: Die Tiere sterben aus. Der<br />

Königspinguin 2020, der Feldhamster und<br />

der Rotfuchs <strong>2022</strong>. Die Liste geht weiter,<br />

unaufhaltsam. Der Berggorilla 2024, der<br />

Eisbär 2025. Homo Sapiens 2058. Das Ende?<br />

Nein. Der Rauhaardackel 2059, das Hausschwein<br />

2060. Das Ende? Nein. Denn 2070<br />

kommt der Orang-Utan, 2075 der Königspinguin<br />

wieder. Der Mensch hat die Erde<br />

ausgemessen, kartografiert und sich verabschiedet.<br />

Das letzte Wort hat nicht er, sondern<br />

eine Computerst<strong>im</strong>me, die Jelinek-<br />

Texte vorliest. Sie gibt sich redlich Mühe.<br />

Allein: Verständlich ist sie nicht.<br />

Es muss nicht so kommen. Aber es ist<br />

möglich. Stemann und sein Team zeigen<br />

eine Arbeit, die zuweilen Werkstattcharakter<br />

hat. Man könnte ihr Zerfaserung vorwerfen,<br />

würde nicht mit äusserst theaterspe -<br />

zi fischen Mitteln durchgehend die düstere<br />

Zukunft der Erde erzählt, die Jelinek aus der<br />

distanzierten Sicht der Sonne erzählt und<br />

die Stemann schmerzhaft nahe zu uns heranholt.<br />

Diverse Vorstellungen <strong>im</strong> Januar und Februar.<br />

Tickets unter schauspielhaus.ch.<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


28 SERIE<br />

SERIE 29<br />

HOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATUR<br />

HOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATUR<br />

Schwule Elitetruppen demütigen<br />

die Supermacht Sparta<br />

eine militärische Sondereinheit der Thebaner.<br />

Diese Truppe ist kein Phantasieprodukt<br />

von Adamson. Es hat sie in der Antike tatsächlich<br />

gegeben.<br />

Eliteeinheiten in Armeen: Es gibt sie heute, es gab sie früher. Im Altertum hatte<br />

auch das griechische Theben eine ganz besondere Sondertruppe.<br />

Da die Kämpfer <strong>im</strong> Altertum häufig nur gering bekleidet daherkamen, lassen ihre Geschichten viel Platz für<br />

(erotische) Fantasien.<br />

VON ALAIN SOREL<br />

Hyppolitos versorgt eine Wunde von<br />

Andromachos, die sich dieser be<strong>im</strong><br />

Kampftraining zugezogen hat. Er<br />

desinfiziert sie, indem er ein mit einem Brei<br />

aus Honig und Schafgarbe bestrichenes<br />

Rindenstück auf die verletzte Stelle am<br />

Oberschenkel von Andromachos heftet.<br />

Keine Spritze, kein Antibiotikum in Tablettenform,<br />

denn wir sind in der Welt des Altertums.<br />

Die Natur muss heilen.<br />

Die beiden jungen Männer sind Soldaten,<br />

die für Theben kämpfen – die wichtigste<br />

Stadt der mittelgriechischen Landschaft<br />

Böotien. Andromachos soll möglichst<br />

schnell wieder gesund werden, denn die<br />

Zeichen stehen in diesem Schicksalsjahr<br />

371 v. Chr. auf Krieg. Auf Krieg mit dem<br />

mächtigen Sparta, das unter den griechischen<br />

Stadtstaaten eine Vormachtstellung<br />

einn<strong>im</strong>mt. Aber Hyppolitos sähe den Freund<br />

auch aus andern Gründen lieber heute als<br />

morgen wieder in Topform. Andromachos<br />

und er lieben sich, und jede Beeinträchtigung<br />

des einen erfüllt den andern mit Sorge.<br />

Sex muss warten<br />

Andromachos ist aber nicht so schwer verletzt,<br />

als dass ihn die helfenden Hände seines<br />

Geliebten am Oberschenkel nicht beinahe<br />

um den Verstand gebracht hätten. Er<br />

bedeutet Hyppolitos unmissverständlich,<br />

dass er sich zu ihm legen solle. Aber Hyppolitos<br />

bleibt für einmal kühl und denkt für<br />

beide. Es ist jetzt keine Zeit für Sex. Ihr Befehlshaber<br />

Epaminondas erwartet sie. Die<br />

Elitetruppe, in der Hyppolitos und Andromachos<br />

dienen, muss sich auf den Einsatz<br />

gegen Sparta vorbereiten.<br />

Die zwei sind die fiktiven Hauptfiguren<br />

<strong>im</strong> hochspannenden Roman «Geliebter<br />

Söldner» von Phil Adamson, in dessen Buch<br />

die «Heilige Schar» <strong>im</strong> Blickpunkt steht:<br />

Bild rechts © U.S. Department of Defense<br />

Es musste einer schwul sein,<br />

um aufgenommen zu werden.<br />

Nur für Gays<br />

Bei der «Heiligen Schar» war eine gleichgeschlechtliche<br />

Veranlagung Bedingung,<br />

um aufgenommen zu werden. Erwünscht<br />

waren Männer-Paare, zwischen denen es<br />

glühte vor Leidenschaft. Männer-Paare wie<br />

Hyppolitos und Andromachos.<br />

Führende Offiziere Thebens hatten die<br />

Einheit geschaffen, und die Absicht dahinter<br />

funktionierte. Die schwulen 150 Soldatenpaare<br />

taten alles füreinander, sie beschützten<br />

sich in der Schlacht gegenseitig<br />

und wollten unbedingt über den Feind triumphieren,<br />

weil jeder auch persönlich etwas<br />

zu verlieren hatte – den Geliebten. Weil<br />

sie hochmotiviert waren, profitierte davon<br />

die ganze Armee und letztlich die He<strong>im</strong>at.<br />

Die Mitglieder dieser verschworenen Einheit<br />

standen <strong>im</strong> Kampf Seite an Seite, Rücken<br />

an Rücken, beherrschten Schwert und<br />

Speer. Im Unterschied zur regulären Armee<br />

waren sie Berufssoldaten.<br />

Schwur auf schwulen Halbgott<br />

Nicht von ungefähr hatten sich Thebens Offiziere,<br />

darunter neben dem Befehlshaber<br />

Epaminondas auch der Feldherr Pelopidas,<br />

bei der Gründung der Truppe einen Helden<br />

aus der griechischen Mythologie zum Vorbild<br />

genommen: Herakles, der Sage nach ein<br />

Sohn der Stadt. Der Halbgott, Sohn des Göttervaters<br />

Zeus, hatte einen jungen Neffen,<br />

Iolaos, mit dem er eine Liebesbeziehung unterhielt.<br />

In zahlreichen Schlachten waren sie<br />

ein unschlagbares Gespann, fein aufeinander<br />

abgest<strong>im</strong>mt, deckte doch Iolaos als Wagenlenker<br />

den Herakles. Es verwundert deshalb<br />

nicht, dass Herakles Schutzpatron der<br />

um das Jahr 378 v. Chr. gegründeten Truppe<br />

wurde und die Männer auf ihn einen heiligen<br />

Schwur leisteten.<br />

Der Konflikt zwischen Sparta und<br />

Theben schwelte jahrelang. Sparta versuchte<br />

die ganze Zeit über, Theben kleinzuhalten;<br />

dieses wollte Böotien unter seiner<br />

Führung einigen. Es kam zu ersten<br />

Scharmützeln. Mit der «Heiligen Schar»<br />

fühlte sich Theben nach und nach <strong>im</strong>stande,<br />

auf dem Schlachtfeld die endgültige<br />

Entscheidung herbeizuführen.<br />

Heute treffen Kampftruppen einen ganz anderen Geschmack: Eingepackt bis zur Unkenntlichkeit sprechen<br />

vor allem ihre Waffen für sich.<br />

Die schwulen 150 Soldatenpaare<br />

beschützten sich gegenseitig.<br />

Sieg in der Schlacht, Gefahr für<br />

die Liebe<br />

Am 5. August 371 v. Chr. prallen die beiden<br />

Heere bei Leuktra aufeinander. Sparta hat<br />

etwa 10 000 Mann aufgeboten, die böotische<br />

Seite rund 6000. Doch die geringere<br />

Anzahl wird durch die Strategie des Epaminondas<br />

wettgemacht, der das Überraschungsmoment<br />

der Schiefen Schlachtordnung<br />

einsetzt. Er macht mit seinen<br />

Sondereinheiten, darunter auch der «Heiligen<br />

Schar», nicht den rechten Frontabschnitt<br />

besonders stark, wie nach der klassischen<br />

Phalanx-Taktik üblich, sondern<br />

den linken. Damit bringt er Unruhe in die<br />

nach der traditionellen Methode aufgestellten<br />

Reihen der Spartaner. Diese wanken<br />

und lösen sich später auf. König Kleombrotos<br />

von Sparta fällt, und damit ist die Niederlage<br />

seines Stadtstaates besiegelt. Theben<br />

ist die neue Supermacht.<br />

Viele der Gay-Paare der «Heiligen<br />

Schar» kehrten aus Schlachten wie jener bei<br />

Leuktra nicht mehr zurück. Der Tod setzte<br />

mancher Liebe ein brutales Ende. Im Roman<br />

von Adamson ist es Hyppolitos, der<br />

nach dem Sieg über Sparta wie versteinert<br />

am Lager von Andromachos sitzt, dem einer<br />

der Feinde eine schwere Brustwunde zugefügt<br />

hat. Während er über ihn wacht, wird<br />

ihm einmal mehr bewusst, wieviel ihm der<br />

Freund bedeutet. Wenn es nur nicht zu spät<br />

ist für sie.<br />

HOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE<br />

UND LITERATUR<br />

Mehr oder weniger versteckt findet sich das<br />

Thema Männerliebe in der Weltgeschichte, der<br />

Politik, in antiken Sagen und traditionellen Märchen<br />

– aber auch in Wissenschaft, Technik,<br />

Computerwelt. <strong>Cruiser</strong> greift einzelne Beispiele<br />

heraus, würzt sie mit etwas Fantasie, stellt sie<br />

in zeitgenössische Zusammenhänge und<br />

wünscht bei der Lektüre viel Spass – und hie<br />

und da auch neue oder zumindest aufgefrischte<br />

Erkenntnisse. In dieser Folge: Soldaten, auf die<br />

zuhause keine Frau wartet ...<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


30 KULTUR<br />

31<br />

BUCHTIPP<br />

KAUFLEUTEN, DIENSTAG, 31. JANUAR 23, 20.00 UHR<br />

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Leben <strong>im</strong><br />

Irgendwie<br />

Dass einen Liebe sprichwörtlich blind macht, ist bekannt. Wie weit das aber gehen<br />

kann, zeigt Brüns in seinem autobiografisch geprägten Roman eindrücklich.<br />

VON BIRGIT KAWOHL<br />

Mitte der 1980er-Jahre in Westdeutschland.<br />

In der Uni-Stadt Göttingen<br />

treffen Freigeister, Punks,<br />

Hausbesetzer, Autonome und Studenten<br />

be<strong>im</strong> Diskutieren und Feiern in WGs, auf<br />

Anti-AKW-Demonstrationen und auf Partys<br />

aufeinander. Tom macht gerade seinen<br />

Zivildienst in einem Krankenhaus, wo er<br />

Felix, einen Medizinstudenten, kennenlernt.<br />

Obwohl Felix augenscheinlich mit einer<br />

Frau zusammen ist, werden die beiden<br />

schnell ein Paar. Tom findet es zwar anfangs<br />

irgendwie falsch, dass Felix seine Freundin<br />

betrügt, andererseits ist er so verliebt, dass<br />

er dafür alles in Kauf n<strong>im</strong>mt.<br />

Die Beziehung wird bald auf eine harte<br />

Belastungsprobe gestellt, denn Felix bekommt<br />

die Diagnose «positiv». Was das in<br />

den 80er-Jahren (noch) bedeutet, ist allen<br />

klar: Es ist quasi ein Todesurteil auf Raten.<br />

Felix will die Krankheit ignorieren, will sich<br />

nicht sein nun mehr kurzes Leben verderben<br />

lassen. Tom, der Ich-Erzähler, aus dessen<br />

Perspektive wir alles miterleben, hadert<br />

mit dieser Einstellung <strong>im</strong>mer wieder, will<br />

Felix zu Therapie-Versuchen überreden und<br />

fühlt sich andererseits auch übergriffig,<br />

wenn er solche Forderungen stellt.<br />

Als Leser*in bekommt man bald das<br />

Gefühl, dass Tom von Felix ausgenutzt wird,<br />

denn egal, um was es geht, <strong>im</strong>mer best<strong>im</strong>mt<br />

Felix die Richtung, in die es gehen soll. Tom<br />

wehrt sich kaum dagegen, denn er lebt <strong>im</strong><br />

Irgendwie. Irgendwie weiss er nicht, was er<br />

will, irgendwie sind ihm Sachen nicht so<br />

wichtig, irgendwie, will er mit Felix zusammen<br />

sein. Wenn es zum Streit kommt, kann<br />

Felix die Sache mit wenigen Worten in seinem<br />

Sinne geradebiegen, Tom scheint meist<br />

das Nachsehen zu haben. Dass er sich dagegen<br />

nicht wehrt, kann man kaum nachvollziehen,<br />

mehrfach möchte man ihn be<strong>im</strong> Lesen<br />

anschreien: «Jetzt mach’ doch mal was!<br />

Sag’ auch mal ‹nein›! Triff deine eigenen Entscheidungen!»<br />

Die Beziehung scheint in<br />

eine ganz ungute Richtung zu laufen.<br />

Als Tom dann einen Studienplatz in<br />

Berlin bekommt, gerät die Beziehung aus<br />

der Balance, aber in eine andere Richtung,<br />

als manche*r Leser*in sicherlich vermutet<br />

hat.<br />

Brüns gelingt es, dass man<br />

sich in die damalige Zeit des<br />

studentischen Protests und des<br />

Kampfes gegen Unterdrückung<br />

sowie in die Zeit des Schreckens<br />

von AIDS und des allseits<br />

zu beobachtenden Sterbens<br />

hineinversetzt fühlt.<br />

Felix Brüns hat mit «Felix» einen gut<br />

lesbaren, leichten Roman geschrieben, der<br />

aber niemals banal oder billig daherkommt.<br />

Ihm gelingt es vielmehr, dass man sich in<br />

die damalige Zeit des studentischen Protests<br />

und des Kampfes gegen Unterdrückung<br />

sowie in die Zeit des Schreckens von<br />

AIDS und des allseits zu beobachtenden<br />

Sterbens hineinversetzt fühlt. Dazu kommt<br />

eine wohl austarierte Portion Psychologie,<br />

die auch zum Nachdenken über eigene Beziehungsmuster<br />

und -strukturen anregt.<br />

Ein gelungener Roman für alle, deren<br />

Köpfe und Mägen noch von den Dezember-<br />

Feierlichkeiten gefüllt sind und die nun<br />

eine entspannte Lektüre für den Kopf benötigen.<br />

BUCHTIPP<br />

Felix Holger Brüns: Felix. Albino Verlag <strong>2022</strong>.<br />

Preis CHF 33.90<br />

ISBN 978-3-86300-345-6<br />

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CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


32 SERIE<br />

SERIE 33<br />

IKONEN VON DAMALS<br />

IKONEN VON DAMALS<br />

Von der Demo direkt zum Dreh:<br />

Jane Fonda<br />

Eigentlich kann man sich die Filmwelt gar nicht mehr ohne sie vorstellen.<br />

Und dann ist sie auch noch Polit-Aktivistin. Chapeau, Jane Fonda!<br />

zu einem Filmposter für die Roadtrip-Komödie<br />

«80 for Brady», die diesen Februar in<br />

die Kinos kommen soll. Der Film mit dem<br />

grauhaarigen Damen-Quartett (<strong>im</strong> Alter<br />

von 76 bis 91 Jahren) ist von einer wahren<br />

Geschichte inspiriert. Vier beste Freundinnen<br />

reisten 2017 zum Super Bowl, um den<br />

Star-Quarterback Tom Brady zu erleben.<br />

Der American-Football-Superstar spielt in<br />

dem Streifen natürlich auch mit.<br />

Jane Fonda in ihren frühen Jahren: strahlendes Lächeln in Schwarz-Weiss. Noch ahnte niemand, was alles<br />

in ihr steckt.<br />

VON BARBARA MUNKER, DPA & HAYMO EMPL<br />

Jane Fonda hat unlängst ihren 85. Geburtstag<br />

vorgefeiert und dabei auf<br />

eine grosse Party mit Promi-Gästen<br />

verzichtet. Sie könne ihr Leben nicht verlängern,<br />

aber sie könne es «breiter und tiefer»<br />

machen, sagte Fonda vor ein paar Wochen<br />

der US-Zeitschrift «People». «Ich hoffe, ich<br />

kann jungen Menschen ein Beispiel sein, so<br />

dass sie keine Angst davor haben, älter zu<br />

werden.»<br />

Fonda, die sich neben der Schauspielerei<br />

seit den 60er-Jahren für Frieden, Feminismus<br />

und verstärkt für den Umweltschutz<br />

einsetzt, ist ganz die liberale Aktivistin geblieben.<br />

Mit knallrotem Mantel und rotem<br />

Hut trat sie Anfang Dezember bei einem<br />

«Fire Drill Fridays»-Protest in Washington<br />

kämpferisch vor die Menge. Seit 2019 ist<br />

Fonda bei den Demonstrationen gegen den<br />

Kl<strong>im</strong>awandel dabei, mehrmals schon wurde<br />

sie festgenommen.<br />

Die Chemo hilft<br />

Von ihrer Krebserkrankung wolle sie sich<br />

nicht bremsen lassen, hatte sie <strong>im</strong> September<br />

erklärt, als sie die Öffentlichkeit per Instagrambotschaft<br />

wissen liess, dass bei ihr<br />

ein sogenanntes Non-Hodgkin-Lymphom<br />

diagnostiziert worden war. Sie habe mit<br />

einer Chemotherapie begonnen und vertrage<br />

diese recht gut, schrieb die zweifache<br />

Oscar-Preisträgerin in dem sozialen Netzwerk.<br />

Erkrankung und Behandlung würden<br />

ihren Einsatz für den Kl<strong>im</strong>aschutz nicht<br />

bremsen, beteuerte sie. Dies sei ein sehr<br />

wichtiger Zeitpunkt in der Geschichte der<br />

Menschheit, um sich gemeinsam für Veränderungen<br />

und für die Zukunft einzusetzen.<br />

Auch vor der Kamera mischt Fonda<br />

mit 85 Jahren noch mit. «Was soll ich dazu<br />

sagen? Lily Tomlin, Rita Moreno, Sally Field<br />

und ich haben gerne ein bisschen Spass!»,<br />

schrieb sie Mitte Dezember auf Instagram<br />

Bilder © CreativeCommons<br />

Fonda, die sich neben der<br />

Schauspielerei seit den 60er-<br />

Jahren für Frieden, Feminismus<br />

und verstärkt für den Umweltschutz<br />

einsetzt, ist ganz die<br />

liberale Aktivistin geblieben.<br />

Wieder vereint<br />

Damit treffen die alten Freundinnen Fonda<br />

und Tomlin (83) wieder aufeinander, die seit<br />

2015 über sieben Staffeln hinweg die Netflix-Comedy-Serie<br />

«Grace und Frankie»<br />

drehten. Darin spielen sie langjährige Ehefrauen,<br />

deren Männer sich unerwartet als<br />

schwul outen. Notgedrungen ziehen die<br />

Managerin und die Kunstlehrerin zusammen<br />

und meistern mit vereinten Kräften<br />

das neue Leben.<br />

So kennen wir sie spätestens seit «Grace und<br />

Frankie», älter, aber <strong>im</strong>mer noch wahnsinnig<br />

ausdrucksstark.<br />

Das zweite Leben der Jane Fonda: Neben der Schauspielerei widmet sie viel Zeit politischen Aktivitäten<br />

und dem Kampf für Gleichberechtigung.<br />

Fonda hat eine bewegte Vergangenheit.<br />

Sie war zwölf Jahre alt, als ihre Mutter<br />

sich das Leben nahm. Sie wuchs bei der<br />

Grossmutter <strong>im</strong> US-Staat Connecticut auf.<br />

Als Tochter des Bühnen- und Filmstars<br />

Henry Fonda und Schwester von Peter<br />

Fonda lag ihr die Schauspielerei <strong>im</strong> Blut. An<br />

dem berühmten New Yorker Actors Studio<br />

lernte sie ihr Handwerk.<br />

New Yorker Theaterkritiker feierten sie<br />

1960 als «beste Nachwuchsschauspielerin».<br />

In der romantischen Komödie «Tall Story»<br />

(1960) stand sie mit Anthony Perkins erstmals<br />

vor der Filmkamera. Dem französischen<br />

Regisseur Roger Vad<strong>im</strong>, der zuvor<br />

Brigitte Bardot entdeckt hatte, folgte sie wenig<br />

später nach Paris. Er gab ihr mehrere<br />

Rollen und machte sie durch den erotischen<br />

Science-Fiction-Streifen «Barbarella» zum<br />

weltberühmten Sexsymbol.<br />

Zurück in Hollywood holte sich Fonda<br />

als Marathontänzerin in dem Drama «Nur<br />

Pferden gibt man den Gnadenschuss» ihre<br />

erste Oscar-Nominierung. Den begehrten<br />

Preis gewann sie zwe<strong>im</strong>al: 1971 für ihre<br />

Prostituiertenrolle in «Klute» und 1978 für<br />

das Vietnamkriegsdrama «Coming Home».<br />

Es folgten Filme wie «Das China-Syndrom»<br />

und das Familiendrama «Am Goldenen<br />

See» – der erste und einzige Film, in dem<br />

Fonda an der Seite ihres bereits todkranken<br />

Vaters auftrat.<br />

Be<strong>im</strong> Filmfest in Venedig 2017 wurden<br />

Fonda und Robert Redford mit dem Goldenen<br />

Löwen für ihr Lebenswerk gefeiert.<br />

Gleichzeitig stellten sie ihren neuen Liebesfilm<br />

«Unsere Seelen bei Nacht» vor, ihr vierter<br />

gemeinsamer Film nach «Ein Mann wird<br />

gejagt», «Barfuss <strong>im</strong> Park» und «Der elektrische<br />

Reiter».<br />

Aerobic! Aerobic!<br />

Mit Aerobic-Videos, später auch mit Stretching<br />

und Yoga, baute Fonda in den 1980er-<br />

Jahren ein Fitness-Imperium auf. Jahrzehnte<br />

später erhielt sie ein künstliches<br />

Kniegelenk und eine neue Hüfte. Im vorigen<br />

April sprach sie über das Älterwerden. «Ich<br />

bin mir sehr bewusst, dass ich dem Tod näher<br />

bin. Und das macht mir eigentlich nicht<br />

so viel aus», sagte sie in der Fernsehsendung<br />

«CBS Sunday Morning». «Die Tatsache ist,<br />

dass ich mit 85 noch lebe und arbeite. Wow!<br />

Wen kümmert es, wenn ich meine alten Gelenke<br />

nicht mehr habe? Und nicht mehr Skifahren,<br />

Radfahren oder joggen kann?» Man<br />

könne sich mit 60 richtig alt fühlen und mit<br />

85 richtig jung.<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong>


34 RATGEBER<br />

35<br />

DR. GAY<br />

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Ich bin 60 Jahre alt und gegen Hepatitis A und B ge<strong>im</strong>pft.<br />

Da ich regelmässig zu Sexarbeitern gehe, möchte ich<br />

wissen, ob eine HPV-Impfung in meinem Alter noch ein<br />

Thema ist? Hans-Jürg (60)<br />

Ich möchte mich auf verschiedene Geschlechtskrankheiten<br />

testen lassen. Ich habe keine Symptome, möchte<br />

aber wissen, ob ich mich angesteckt habe. Ich denke, die<br />

Inkubationszeiten sind unterschiedlich. Wie sind sie für<br />

Syphilis, Tripper, Chlamydien und Hepatitis C? Leo (24)<br />

Hallo Leo<br />

Die Inkubationszeiten verschiedener sexuell<br />

übertragbarer Infektionen (STI) sind<br />

tatsächlich unterschiedlich. Bei Syphilis<br />

beträgt die Inkubationszeit zirka 2–3 Wochen,<br />

kann aber in Ausnahmefällen auch<br />

bis zu drei Monate dauern. Bei Tripper sind<br />

es etwa 2–8 Tage (<strong>im</strong> Schnitt 3 Tage), bei<br />

Chlamydien 1–3 Wochen. Bei Hepatitis C<br />

können es 2 Wochen bis zu 6 Monaten sein,<br />

in der Regel aber 6–9 Wochen. Dazu ist<br />

wichtig zu wissen, dass Hepatitis C von Blut<br />

zu Blut übertragen wird. Be<strong>im</strong> Sex ist eine<br />

Ansteckung zwar möglich, aber auch bei<br />

ungeschütztem Vaginal- oder Analverkehr<br />

sehr selten. Das Risiko ist dann erhöht,<br />

wenn Blut <strong>im</strong> Spiel ist (z.B. bei härteren Sexpraktiken<br />

wie Fisten oder be<strong>im</strong> gemeinsamen<br />

Verwenden von Gleitmitteltöpfen etc.).<br />

Durch die verschiedenen Inkubationszeiten<br />

ist es schwierig, einen idealen Zeitpunkt<br />

für den Test festzulegen. Es ist darum<br />

sinnvoller, die Tests in regelmässigen<br />

Abständen zu machen. Je mehr sexuelle<br />

Kontakte, je kleiner die Zeitabschnitte zwischen<br />

den Tests. Neben dem Testen empfehle<br />

ich auch das Impfen. Hier findest du<br />

Test- und Impfempfehlunge, sowie empfohlene<br />

Test- und Impfstellen: https://<br />

drgay.ch/safer-sex/testen-und-<strong>im</strong>pfen.<br />

Mehr zu den verschiedenen STI erfährst du<br />

hier https://drgay.ch/safer-sex/was-heisstsafer-sex/das-wichtigste-zu-sti<br />

oder <strong>im</strong><br />

persönlichen Beratungsgespräch bei einer<br />

Teststelle.<br />

Alles Gute, Dr. Gay<br />

cruiser<br />

braucht<br />

dich!<br />

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Hallo Hans-Jürg<br />

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt<br />

die HPV-Impfung für Jugendliche und<br />

jungen Erwachsene. Der ideale Zeitpunkt<br />

ist mit 11 bis 14 Jahren, vor Beginn der sexuellen<br />

Aktivität. Aber noch bis zum Alter<br />

von 26 Jahren kann die Impfung sinnvoll<br />

sein. Für vulnerable Gruppen kann eine<br />

Impfung auch <strong>im</strong> späteren Alter Sinn machen,<br />

denn auch dann kann sie gegen diejenigen<br />

HPV-Typen schützen, mit denen<br />

sich eine Person noch nicht angesteckt hat.<br />

Ab 50 ist es in jedem Fall wichtig, eine regelmässige<br />

Vorsorgeuntersuchung gegen<br />

Prostata- oder Darmkrebs durchführen zu<br />

lassen. Genauere Informationen kann dir<br />

dein*e Ärztin geben. Er oder sie kennt deine<br />

Krankengeschichte und kann dich in einem<br />

persönlichen Gespräch entsprechend be-<br />

CRUISER JANUAR / FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

raten. Bedenke bitte, dass andere sexuell<br />

übertragbare Infektionen (STI) wie zum Beispiel<br />

Syphilis, Tripper oder Chlamydien bei<br />

fast allen Sexpraktiken übertragen werden<br />

können. Kondome schützen zuverlässig vor<br />

HIV, vor anderen STI aber nur sehr bedingt.<br />

Aus diesem Grund empfehle ich dir regelmässige<br />

STI-Tests, auch wenn keine merkbaren<br />

Symptome da sind. Hier findest du<br />

Testempfehlungen: https://drgay.ch/ safersex/testen-und-<strong>im</strong>pfen/test-empfehlungen.<br />

Wissenswertes über HIV und an dere STI<br />

und wie du dein Risiko be<strong>im</strong> Sex reduzieren<br />

kannst, steht hier: https://drgay.ch/safersex/was-heisst-safer-sex<br />

Alles Gute, Dr. Gay<br />

DR. GAY<br />

Auf drgay.ch findest du viele Infos und kannst<br />

eigene Fragen stellen. Hinter Dr. Gay stehen<br />

Mitarbeiter*innen der Aids-Hilfe Schweiz.<br />

Wir engagieren uns für die sexuelle Gesundheit<br />

von schwulen, bi & queeren Männern.<br />

drgay.ch<br />

drgay_official<br />

@drgay_official<br />

Vorname | Name<br />

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