Cruiser im Sommer 2017

cruisermagazin
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Es ist nun ja so: Fast in jedem Coming Out Film gehen die Protagonisten früher oder später BADEN! Das machen sie wirklich und fast immer. Warum ist dem so? Unser Autor versucht unser Sommerthema mehr oder weniger wissenschaftlich anzugehen und kommt zu erfrischenden Erkentnisen.

Ausserdem: Mario Puntillo, der tapfere Schneider und weitere spannende Portraits und...unser Sommerwettbewerb mit grossartigen Preisen.



Kein Sommer ohne unser Gewinnspiel: Dieses Jahr haben wir Wettbewerbspreise, die dich umhauen. Hier gehts zum Gewinnspiel.

cruiser

DAS

Sommer 2017 CHF 7.50

GRÖSSTE

SCHWEIZER

GAY-MAGAZIN

Slippery Subjects:

Warum in Coming-

Out-Filmen so

oft gebadet wird

Porno

Spielraum für Diversität?

Trans*

Fotografischer Annäherungsversuch

Altern mit HIV

Sterben war gestern

Super-Sommer-Wettbewerb

Wettbewerbspreise,

die dich umhauen


3

gaycity.ch

Editorial

Liebe Leser

Diese Ausgabe kommt mit einem Poster: Ganz in der bekannten «Bravo»-Tradition werden wir künftig

den guten alten «Starschnitt» wieder einführen. Unser Superheld ist die neue erste Figur der

#undetectable Kampagne der AIDS-Hilfe Schweiz. Bis es dann aber zum «Starschnitt» kommt,

dauert es noch einige Monate. Länger dauert es auch, bis wir nach dieser Doppelnummer «Sommer»

wieder zurück sind. Und damit die cruiserlose Zeit keine glücklose ist: Wir haben auf der Rückseite des Posters unseren

Knaller-Sommerwettbewerb, mit Preisen, die schlichtweg umwerfend sind. Genauso umwerfend wie unsere Hauptgeschichten:

Wir gehen der Frage nach, warum in Coming-out-Filmen so oft gebadet wird (Leute, es ist die Sommerausgabe!) und

wagen uns ans diffizile Thema «Porno». Das wird aber ganz züchtig, dafür hochspannend betrachtet. Viel Spass beim Lesen

und bis zum 1. September!

Herzlich; Haymo Empl Chefredaktor

inhalt

4 Sommerthema Slippery Subjects

8 Portrait Mario Puntillo

21 Kolumne Mirko!

22 Portrait Wolfgang Ohlert

Where to go in the little big city

10 Special Sommerposter

11 Special Wettbewerb

25 Serie Homosexualität in

Geschichte und Literatur

28 Forschung HIV und Alter

2

1

4

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16

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Herausgeber & Verleger Haymo Empl, empl.media

Infos an die Redaktion redaktion@cruisermagazin.ch

Chefredaktor Haymo Empl | Stv. Chefredaktorin Birgit Kawohl

Bildredaktion Haymo Empl, Nicole Senn. Alle Bilder mit Genehmigung der Urheber.

Art Direktion Nicole Senn | www.nicolesenn.ch

Agenturen SDA, DPA, Keystone

Autor_Innen Vinicio Albani, Anne Andresen, Yvonne Beck, Haymo Empl, Andreas Faessler,

Benjamin Hampel, Birgit Kawohl, Andreas Lehner, Moel Maphy, Martin Mülheim, Michi Rüegg,

Nathan Schocher, Alain Sorel, Peter Thommen

Korrektorat | Lektorat Birgit Kawohl

Anzeigen anzeigen@cruisermagazin.ch

Christina Kipshoven | Telefon +41 (0) 31 534 18 30

WEMF beglaubigte Auflage 11 539 Exemplare

13 news National & International

16 Kolumne Michi Rüegg

17 Porno Spielraum für Diversität?

20 Kultur Buchtipp

Druck Druckerei Konstanz GmbH

Wasserloses Druckverfahren

REDAKTION UND VERLAGSADRESSE

Cruiser

Clausiusstrasse 42, 8006 Zürich

redaktion@cruisermagazin.ch

Telefon 044 586 00 44 (vormittags)

30 Ratgeber Dr. Gay

31 Kolumne Peter Thommen

32 Flashback Cruiser vor 30 Jahren

33 Marktplatz Kleinanzeigen

Haftungsausschluss, Gerichtsstand und weiterführende

Angaben auf www.cruisermagazin.ch

Der nächste Cruiser erscheint am 1. September 2017

Wir vom Cruiser setzen auf eine grösstmögliche Diversität in Bezug auf Gender und Sexualität

sowie die Auseinandersetzung mit diesen Themen. Wir vermeiden darum Eingriffe

in die Formulierungen unserer Autor_Innen in Bezug auf diese Bereiche. Die von

den Schreibenden gewählten Bezeichnungen können daher zum Teil von herkömmlichen

Schreibweisen abweichen. Geschlechtspronomen werden entsprechend implizit eingesetzt,

der Oberbegriff Trans* beinhaltet die entsprechenden Bezeichnungen gemäss

Medienguide «Transgender Network Schweiz». Um es kurz zu machen: Im Cruiser

schreiben die Menschen als solche.

CRUISER Sommer 2017


4 Slippery

Subjects

Slippery

Subjects

5

Warum Kino-Coming-outs öfters

baden gehen

Eine Untersuchung von

über 160 Coming-out-

Filmen bringt Erstaunliches

zu Tage: In jedem

dritten Film gibt es

mindestens eine Szene,

in deren Verlauf eine

oder mehrere der

Hauptfiguren schwimmen

gehen. Warum

eigentlich?

von Martin Mühlheim

C

oming-out-Filme gibt es mittlerweile

viele, und entsprechend unterschiedlich

kommen sie daher: leichtfüssigkomisch

wie der britische Klassiker

Beautiful Thing (1996), eher nachdenklich

wie das brasilianische Kleinod Seashore

(2015), bisweilen auch zutiefst tragisch – so

im israelischen Drama Du sollst nicht lieben

(2009), das in der ultraorthodoxen Gemeinde

in Jerusalem spielt.

Angesichts solcher Unterschiede erstaunt

es umso mehr, mit welcher Regelmässigkeit

uns Coming-out-Filme Jungs oder

Männer zeigen, die – alleine, zu zweit oder in

Gruppen – schwimmen gehen. Nun könnte

man das natürlich als Zufall oder Nebensächlichkeit

abtun. Bei genauerem Nachdenken

zeigt sich allerdings, dass sich gleich

mehrere Gründe für diese erstaunliche Häufigkeit

finden lassen.

Nackte Haut ohne allzu viel Sex

Eine erste, nur scheinbar oberflächliche Erklärung

ist, dass (halb)entblösste Körper

sich nicht bloss auf der Leinwand, sondern

auch auf Filmpostern und DVD-Covern äusserst

gut machen. Schwimmszenen bieten

ein perfektes Alibi für das Zeigen von nackter

Haut: Sex sells, wie es so schön heisst.

Warum «Alibi»? Weil man – gerade bei

Filmen mit jungen Protagonisten – aufpassen

muss: «Sex sells» mag zwar zutreffen,

aber allzu explizite Sexszenen können

schnell mal zu hohen Altersfreigaben führen.

Dies wiederum möchten Filmemacher

in der Regel vermeiden: Filme, die erst ab 18

freigegeben sind, lassen sich nämlich weniger

einfach vermarkten. Auf Amazon.de

zum Beispiel werden Filme mit Altersfreigabe

18 nur an nachweislich volljährige Personen

verkauft – und gerade für Comingout-Filme,

die sich auch an ein junges Publikum

richten, ist dies sicher kein wünschenswerter

Effekt.

Filme, die erst ab 18

freigegeben sind, lassen

sich nämlich weniger

einfach vermarkten.

Schwimmszenen bieten hier eine perfekte

Kompromisslösung: Man kann nackte

Haut filmisch ansprechend inszenieren, dabei

aber allzu heisse Techtelmechtel tugendhaft

vermeiden (beispielsweise, indem der

Wasserspiegel immer über der Gürtellinie

bleibt, wie im niederländischen Film Jongens,

2014). Um das Rezept knapp zusammenzufassen:

Man nehme eine grosszügige

Portion feuchter Erotik, eine vorsichtige Prise

Sex – und um Himmels Willen kein Körnchen

Porno.

Eingetaucht ins Triebleben

Man täte den lesBischwulen FilmemacherInnen

aber unrecht, wenn man ihre erzählerischen

Entscheidungen allein auf finanzielles

Kalkül reduzieren wollte. Es gibt

nämlich auch ästhetisch-symbolische Gründe,

die Schwimmszenen für das Genre interessant

machen.

Da wäre zunächst die Funktion des

Wassers als Symbol für das Unbewusste.

Dieses Unbewusste, so weiss man spätestens

seit Sigmund Freud, hat viel mit der Triebnatur

des Menschen zu tun – und so erstaunt es

nicht, dass Hauptfiguren auf der Suche nach

ihrer sexuellen Identität sozusagen symbolisch

in die Tiefen des Unbewussten eintauchen

müssen, um ihr gleichgeschlechtliches

Begehren zu entdecken.

Figuren in der Schwebe

Darüber hinaus hat die Filmwissenschaftlerin

Franziska Heller in ihrem Buch über die

Filmästhetik des Fluiden (2010) gezeigt, dass

schwimmende Figuren immer wieder als

«schwebende Körper» inszeniert werden: oft

in Zeitlupe und seltsam herausgelöst aus

dem sonst zielstrebig voranschreitenden

Erzählprozess. Dieser Schwebezustand wiederum

ist eine wunderbare visuelle Metapher

für die Phase kurz vor dem Coming-out:

Man ist nicht mehr der oder die Alte, aber

auch noch nicht ganz in der neuen Identität

angekommen. Ein Film macht das Schweben

sogar explizit zum Thema: In Kinder Gottes

aus dem Jahr 2010 zeigt Romeo dem neurotisch-verklemmten

Johnny, wie befreiend

das «Floating» im Meer sein kann.

Neben der Inszenierung von Schwebezuständen

und dem Wasser als Symbol für

das Unbewusste ist drittens das Motiv von ➔

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CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


6 Slippery

Slippery 7

Subjects

Subjects

Ohne zu viel zu verraten: Sie bleiben nicht am Beckenrand … (Szene aus Heute gehe ich allein nach Hause)

Es gibt mehrere Gründe, die Schwimmszenen für Coming-Out-Filme attraktiv machen – und

gerade deshalb sind sie so überraschend häufig.

Tod und Wiedergeburt zu erwähnen. Das

christliche Taufritual ist eines von vielen religiösen

und mythischen Beispielen, in denen

das Ein- und Wiederauftauchen aus

dem Wasser als Zeichen für den Tod einer

alten und die Geburt einer neuen Identität

steht. Dieses Bild passt auch bestens zu Coming-out-Filmen:

Wenn beispielsweise der

noch ungeoutete Protagonist in Sommersturm

(2004) nach einem Streit mit seinem

besten Heterofreund ins düstere Wasser

springt, sieht das beinahe aus, als ob er er-

trinken würde: ein symbolischer Tod. Als er

dann zum Glück doch wieder auftaucht,

wartet am Ufer bereits eine Gruppe schwuler

Jungs, bei denen er eine neue Heimat findet

– als sozusagen frischgeborener Homo.

ten lassen Familie, Schulkameraden und

überhaupt alles Vertraute hinter sich, um irgendwo

im Wald oder an einem abgelegenen

Strand jenen Teil ihrer selbst ausleben können,

den konservative Geister gern als widernatürlich

bezeichnen: gleichgeschlechtliches

Begehren. Die idyllische Umgebung solcher

Schwimmszenen suggeriert nun aber, ganz

im Gegenteil, dass Homosexualität weder

verwerflich noch dekadent ist, sondern sich

natürlich-harmonisch in eine schöne, unverfälschte

Welt einfügen lässt.

Der springende Punkt ist nun nicht zu

behaupten, dass alle genannten Aspekte bei

jeder einzelnen Coming-out-Schwimmszene

relevant seien. Bei bestimmten Filmen mag es

primär um nackte Haut gehen, andere betonen

vielleicht das Thema Natürlichkeit, und

eine dritte Gruppe konzentriert sich womöglich

auf schwebende Körper oder das Motiv

von Tod und Wiedergeburt. Uns interessiert

hier aber nicht der filmische Einzelfall, sondern

die Häufigkeit von Schwimmszenen innerhalb

eines ganzen Filmgenres. Und diese

Häufigkeit lässt sich nun gut erklären: Gerade

weil Schwimmszenen aus vielen verschiedenen

Gründen attraktiv sind, kommen sie immer

und immer wieder vor.

Zwei Typen von Coming-out

Dies lässt sich am besten zeigen, wenn man

zwei Untergruppen von Coming-out-Filmen

unterscheidet. Auf der einen Seite stehen Filme

wie Get Real (1998) oder Der heimliche

Freund (2014), in denen die Hauptfiguren

noch auf der Suche nach der eigenen sexuellen

Identität sind. Auf der anderen Seite ha-

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CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017

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Natürlich schwul

Eine vierte Funktion von Schwimmszenen

hat mit einem rhetorischen Gegensatzpaar zu

tun. Viele Filme stellen der einengenden sozialen

Umgebung ihrer Hauptfiguren die freie

und befreiende Natur gegenüber. Protagonisben

wir Geschichten wie Was du nicht sagst

(2012), sie handeln von schwulen Protagonisten,

die ein Doppelleben führen: Man(n)

lebt bereits mit einem Freund, die Familie

weiss aber bisher noch nichts – und nun

droht sich das plötzlich zu ändern.

Um es gleich vorweg zu sagen:

Schwimmszenen gibt es in beiden Untergruppen.

Die Häufigkeit unterscheidet sich allerdings

deutlich. Während Filme über das Coming-out

nur in einem von zehn Fällen eine

Schwimmszene beinhalten, liegt der Anteil

bei Geschichten über die sexuelle Selbstfindung

bei beinahe 50 % – und ist somit rund

fünf Mal höher. Dies wiederum fügt sich bestens

ins entworfene Gesamtbild ein: Die Symbolik

von Tod und Wiedergeburt passt nicht

wirklich zum schwulen Mann mit Doppelleben,

aber hervorragend zum Thema Selbstfindung;

und da Filmhelden aus dieser Gruppe

tendenziell noch sehr jung sind, spielt die

Angst vor hohen Altersfreigaben mit Blick auf

das Zielpublikum eine grössere Rolle, während

es bei der anderen Gruppe um «reifere»

Themen geht und man deshalb dem eher älteren

Publikum die eine oder andere Sexszene

durchaus zumuten kann.

Spielen mit filmischen Motiven

Und wie geht es in Zukunft mit Schwimmszenen

weiter? FilmemacherInnen haben in der

Regel ein gutes Gespür für Konventionen und

Genreklischees. Wir dürfen uns also auf Filme

freuen, die dieses häufige Coming-out-

Motiv augenzwinkernd variieren oder auch

direkt parodieren. Und wir Zuschauer dürfen

Schwimmszenen gibt es in

beiden Untergruppen.

natürlich auch ein wenig mitspielen: Man organisiert

eine Gruppe eingeweihter Freunde,

wählt einen beliebigen Coming-out-Film –

und versucht dann vorauszusagen, ob und

wann es zu einer Schwimmszene kommt.

Top, die Wette gilt!

Sommer, rüchtchen und hopp hopp,

zur Erfrischung ins ip op!

DIENSTAGS BIS SAMSTAGS AB 18.30 UHR

Martin Mühlheim (39)

wuchs im Kanton St. Gallen auf und studierte

an der Universität Zürich (UZH) Englisch,

Geschichte und Filmwissenschaft. In seiner

Doktorarbeit beschäftigte er sich mit dem

Thema Heimat in der englischsprachigen

Literatur. Seit 2004 arbeitet er am Englischen

Seminar der UZH und interessiert sich neben

queeren Themen auch für Genre- und

Erzähltheorie. Darüber hinaus liegen ihm

Themen wie Migration und strukturelle

Ungleichheit am Herzen – politisch ebenso wie

akademisch. Seit 2016 lebt er in einer

Beziehung, die ihn unter anderem zum

Portugiesischlernen motiviert.

E

W H C S

T

H C A N R E Z I

MONTAG,

31. JULI 2017

GEÖFFNET.


8 Cruiser zu Besuch bei …

Cruiser zu Besuch bei … 9

Mario Puntillo

Mario Puntillo

«Ich mache keine

Wegwerfmode»

Mario Puntillo ist Schneider aus Leidenschaft. Das sieht man seiner Mode

an – und an seinen Schneiderkursen kann man diese auch erleben.

Mario Puntillo in seinem Verkaufsgeschäft in Zürich, welches auch Platz für sein Atelier bietet.

Von Haymo Empl

D

as Ladenlokal ist Atelier und umgekehrt:

Mario Puntillo steht hinter

seinem grossen Pult, welches auch

als Verkaufstresen fungiert und überlegt

sich, wie er seine Kollektionen auf die Frage

«Wie würdest du diese charakterisieren?»

beschreiben soll. Die Antwort liefert er

schliesslich nicht verbal, sondern er zeigt auf

seine Bilder, die im Ladenlokal an der Badenerstrasse

in Zürich hängen. Die Models

sind nicht die 17-Jährigen Hungerhaken wie

sonst bei Designern üblich, sondern attraktive

Menschen, denen man ansieht, dass sie

schon halbwegs begriffen haben, wie das Leben

funktioniert. Es sind starke Persönlichkeiten.

Eine Zeitung versuchte sich in der

Beschreibung seiner Werke einst mit dem

Wort «evolutiv». «Organisch wachsend»

würde es ebenso treffend beschreiben. Mario

Puntillo tut sich im Gespräch mit dem Cruiser

bei der Beschreibung seiner eigenen

Mode schwer, weder lässt sich seine Mode

noch seine Person einfach schubladisieren.

Er und seine Designs sind eher als Gesamtkonzept

zu beschreiben und zu verstehen; es

geht eine schon fast rührende Bescheidenheit

von seiner Person aus. Seine Zurückhaltung

entspricht ergo so gar nicht dem Klischee

des schrillen Designers, wie dies von

den Medien sonst gerne transportiert wird.

Nähen, nähen, nähen

Seine Mode ist tragbar, raffiniert und nur auf

den ersten Blick schlicht. Da sind Taschen in

den Jacken, in denen sich auch was verstauen

lässt, klassische Linien werden durchbrochen

und jede Naht ist ein Qualitätsbeweis.

Günstig sind die Kleider nicht – aber letztendlich

amortisiert sich der Preis, denn die

Die Mode von Mario Puntillo wirkt nur auf den ersten Blick schlicht. Bei genauerem Hinsehen

sind es raffinierte Schnitte mit vielen Details.

Mode von Mario Puntillo ist gedacht, um

über viele Jahre getragen werden zu können.

«Das entspricht auch dem Bedürfnis meiner

Kunden», erklärt der Schneider. «Die meisten

können mit der Wegwerfmentalität

nichts anfangen. Diesbezüglich hat sowieso

ein Umdenken stattgefunden», stellt der

48-Jährige fest. «Immer mehr Leute setzen

wieder auf Beständiges und haben von dem

Massenkonsum genug.» Seine Kollektionen

können nach Bedarf auch einem veränderten

Modeempfinden angepasst werden, er

spricht daher auch immer von «Basics», die

er kreiert und verkauft. Es ist eine One-

Man-Show, wobei die «Show» schon länger

nicht mehr Thema ist. «Ich habe mich weitestgehend

von Modezirkus verabschiedet.»

Mario erklärt: «Es gab und gibt in diesem

Geschäft schon immer die eine Fraktion, die

an den grossen Modeschauen in Paris und

Mailand präsentiert und die andere – die

wesentlich grössere – sind Leute, die hart arbeiten

und sich sehr viele Gedanken zum

Produkt machen.» Mario Puntillo zählt sich

zu den letzteren. Das heisst: Sein Handwerk

verstehen, sich vom Alltag inspirieren lassen

und nähen, nähen, nähen. Das setzt grosses

Können voraus. Der gelernte Industrieschneider

hat sich dieses Wissen im eigenen

Atelier über die Jahre on the Job angeeignet.

Aber: «Als Industrieschneider lernt

man natürlich bereits in sehr kurzer Zeit alles,

was man wissen muss, es ist eine solide

Grundlage für sämtliche späteren Tätigkeiten

in diesem Beruf. Sein Wissen wiederum

gibt der Schneider selbst auch weiter – Mario

bietet unter dem Namen «Piccoli Eroi» in

seinem Kurslokal auch Schneiderkurse an.

«Ich wurde immer wieder danach gefragt,

und daher habe ich mich dann vor einigen

Jahren entschlossen, mein Fachwissen weiterzugeben»,

erklärt der gebürtige Italiener.

In seinen Kursen lehrt er zuerst die Basics.

«Bei den Frauen wurde dieses Wissen früher

von der Mutter an die Tochter weitergegeben,

aber das ist ja schon länger nicht mehr

der Fall und daher beginne ich meistens

ganz von vorne», so Mario. Es sind aber bei

weitem nicht nur Frauen, die seine Kurse besuchen.

«Ich habe auch immer wieder Männer

in meinen Klein-Kursgruppen, egal ob

Homo oder Hetero.» In den meisten Fällen

sind es Hobbyschneider oder solche, die es

noch werden wollen – in allen Altersgruppen

und auf allen Niveaustufen.

«Piccoli Eroi» heisst auf Deutsch

«Kleine Helden». Der Name passt: «Es ist

für die meisten zuerst eine ziemliche Herausforderung,

manche waren noch gar nie

an einer Nähmaschine. Wenn meine Teilnehmer

dann ihr erstes, selbstgemachtes

Stück in den Händen halten, fühlen sie sich

effektiv wie kleine Helden.» Und verstehen

so ganz nebenbei auch, dass das Schneiderhandwerk

eine wahre Kunst ist. Eine Kunst,

die man aber erlernen kann.»

CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


10 Sommer-Poster

Sommer-Special 11

#undetectable

Wettbewerb

Die Superhelden

sind da!

Diesem Cruiser liegt ein Poster bei: Der «Mr. #undetectable»

ist ein Superheld – mit einer klaren Botschaft.

Der grosse Cruiser-Super-Sommer-Wettbewerb auf unserem Poster!

Trage alle Zahlen auf dem beiliegenden Poster in der richtigen Reihenfolge ein; diesen Code gibst du auf

www.cruisermagazin.ch/sommer ein. Wenn du den Code korrekt online eingetippt hast, kannst du deinen Lieblingswettbewerbspreis

auswählen und mit etwas Glück gewinnst du diesen. Du erfährst sofort, ob du gewonnen hast.

Und das sind die Preise:

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Von Andreas Lehner

D

ie Kampagnen und Aktivitäten der

Aids-Hilfe Schweiz werden nicht im

dunklen Kämmerchen entwickelt.

Alles,was passiert, stammt aus der Strategiegruppe

MSM. Das ist eine bunte Schar

von Vertretern und Vertreterinnen aus unterschiedlichen

Organisationen. Als wir im

letzten Herbst zusammensassen und die

Kampagnen für dieses Jahr besprachen,

wurde einhellig klar, dass wir eine eindeutigere

Grafik und noch klarere Botschaften

brauchen.

In Deutschland arbeiten die Präventionsorganisationen

gerne mit richtigen Menschen.

Aber wie können wir das in der kleinen

Schweiz tun? Wir denken, dass die

Population der Männer, die Sex mit Männern

haben, bei ungefähr 85 000 Personen

liegt und damit ca. einem Zehntel der entsprechenden

Männer in unserem deutschen

Nachbarland entspricht.

Auf der Suche nach Männern, die für

unsere Kampagne Paten stehen, wurde relativ

schnell klar, dass das ein schwieriges Unterfangen

sein wird. Zwar haben wir riesige

Fortschritte gemacht, nicht zuletzt unsere

Kampagne #undetectable hat viel verändert.

So haben wir verschiedene Männer getroffen,

die kein Problem damit haben, im

schwulen Umfeld offen mit ihrem HIV-Status

umzugehen. Aber in einer Printkampagne?

Wo durch irgendwelche Zufälle auf einmal

Oma, Opa oder Eltern den eigenen Sohn

sehen? Lieber nicht.

Da wir aber doch näher an unsere Zielgruppe

kommen wollten, entwickelten wir

die Superhelden.

Bis jetzt kennen wir Starman und Mr.

#undetectable. Die Superkraft von Starman

ist das Erkennen von sexuell übertragbaren

Infektionen. Mit seiner Brille kann er Geschlechtskrankheiten

entdecken und den

Leuten die Behandlung erklären. Denn diese

Geschlechtskrankheiten können ohne Symptome

verlaufen und übertragen sich, auch

wenn Kondome getragen werden. So denken

die Männer, dass alles in Ordnung sei, dabei

geben sie munter Syphilis, Tripper oder

Chlamydien weiter. Deshalb hat Starman im

Mai zum kostenlosen Test auf diese drei

Krankheiten aufgerufen. Mit einem überwältigenden

Erfolg.

Die Pride 2017 in Zürich war eine der

grössten Prides in Zürich überhaupt. Letztes

Jahr haben wir da mit der Botschaft «#undetectable

– HIV positiv. Nicht ansteckend.»

angefangen. Es war eine schlichte typografische

Lösung. Dieses Jahr haben wir Mr. #undetectable

eingeführt. Ein junger Mann, der

dank seines Superhelden-T-Shirts die Kraft

hat, zu seiner HIV-Infektion zu stehen und

die Angst davor zu überwinden. Ziel dieser

Kampagne ist, die gesellschaftlichen Vorbehalte

HIV-positiven Menschen gegenüber zu

verkleinern. Auch die Gefühle, die viele

HIV-Positive in sich selber tragen, sollen

dank Mr. #undetectable minimiert werden.

Ein Befreiungsschlag für alle. Denn ansteckend

sind Menschen, die denken, sie seien

negativ, in Wirklichkeit aber mitten in der

sogenannten Primoinfektion sind. In dieser

Phase – meist dauert sie ungefähr drei Monate

– wird das HI-Virus am einfachsten

übertragen. Ein Mann, der nicht auf PrEP ist

und kein Kondom verwendet, kann sich

beim ersten Mal Ficken anstecken.

So ist die Superheldenfamilie auf zwei

angewachsen. Wie viele noch kommen?

#undetectable

Das wissen wir nicht. Was wir aber wissen:

Für die HIV-Testkampagne im Oktober/

November kommt der dritte ins Spiel. Vom

Auftritt her wird er eher älter sein, woher er

kommt, ist noch geheim. Denn Diversität

ist uns auch bei unserer Superhelden-

Truppe wichtig.

Diesem Heft liegt ein Poster von Mr.

#undetectable bei. Zum Aufhängen, zum

Verschenken oder für die Lieblingsbar. Damit

wollen wir das Spiel der Superhelden beginnen.

Man darf gespannt sein, was noch

alles kommt.

Das Ziel all dieser Aktivitäten ist eine

befreite Sexualität. Keine Angst, viel Respekt

und Neugierde. Jeder so viel wie er mag. Mit

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12 Aktuell

News 13

PrEp-Studie

National & International

PREP: Oft fehlt die medizinische

Kontrolle.

Wer in der Schweiz auf den bekannten Dating-Apps unterwegs ist, hat

im Januar sicher die Umfrage zur HIV-Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP)

des Universitäts-Spitals Zürich bemerkt. Das Echo hat überrascht.

Von Benjamin Hampel

W

ährend knapp drei Wochen haben

fast 2500 Männer an der Umfrage

teilgenommen. Dies zeigt, wie gross

das Interesse der Community an dem Thema

zu sein scheint. Die Hälfte der Teilnehmer will

in den nächsten Monaten mit der PrEP beginnen

und sich so vor einer HIV-Infektion schützen.

Von denen, die bereits PrEP einnehmen,

sind viele nicht unter medizinscher Kontrolle

und riskieren somit Ihre Gesundheit.

Was ist PrEP?

HIV-PrEP (Prä-Expositionsprophylaxe) bezeichnet

ein Medikament, das täglich eingenommen

gegen eine HIV-Infektion schützt.

Grosse Studien haben gezeigt, dass PrEP, wenn

sie richtig eingenommen wird, im Schutz gegen

HIV mindestens genauso effektiv ist wie

ein Kondom. Die Einnahme scheint relativ sicher

zu sein, wenn sie medizinisch überwacht

wird. In keiner Studie kam es zu grösseren

Komplikationen durch die Einnahme des Medikamentes,

wenn die Anwender alle drei Monate

zu einer medizinischen Kontrolle gingen.

Die meisten Studien wurden mit dem Medikament

Truvada (Tenofovir disporxil fumarat/

Emtricitabin) durchgeführt. Truvada ist in der

Schweiz offiziell nicht zur Prophylaxe, sondern

nur für die Therapie von HIV zugelassen. Es

kann aber als sogenannte Off-Label-Anwendung

von Ärzten verschrieben und auch medizinisch

begleitet werden. Das bedeutet, dass

der Arzt bei der Verschreibung nach dem aktuellen

Wissensstand handelt, auch wenn das

Medikament nicht zugelassen ist. Das Medikament

muss dann allerdings vom Patienten

selbst bezahlt werden. Durch die relativen

hohen Kosten von Truvada (CHF 899.30 pro

Monat) bestellen viele User deutlich billigere

Generika online. Viele sparen sich dabei

auch gleich den Gang zum Arzt. Dies ist risikoreich,

da Truvada Nebenwirkungen hervorrufen

kann, die nicht sofort bemerkt werden.

Zudem können Resistenzen des Virus

entstehen, falls es trotz einer unentdeckten

HIV-Infektion eingenommen wird. Und bei

Onlinebestellungen im Internet weiss man

selten, was man wirklich erhält.

Andere sexuell übertragbare Krankheiten

(STI) werden durch die PrEP nicht geschützt

und können ebenfalls ohne Symptome

verlaufen. In Ländern, in der PrEP

zugelassen ist, erfolgen daher dreimonatige

ärztliche Kontrollen, inklusive Testung auf

andere STI. Dies ist auch in der Schweiz durch

die Eidgenössische Kommission für sexuelle

Gesundheit (EKSG) empfohlen.

Warum die Umfrage?

In vielen Ländern (USA, Norwegen, Frankreich,

Südafrika, Israel …) wird PrEP von den

Krankenkassen bezahlt und ist mittlerweile

fester Bestandteil der jeweiligen Präventionsstrategien.

Dort, wo die PrEP weit verbreitet

ist, beobachtet man einen deutlichen Rückgang

der HIV-Neudiagnosen. Hierzulande

scheinen Politik und manche HIV-Spezialisten

der PrEP nur wenig Bedeutung zuzuschreiben.

Schweizer Schwule, die sich mit

Hilfe der PrEP gegen eine HIV-Infektion

schützen wollen, sehen sich gezwungen, dies

in Eigeninitiative durchzuführen. Die Umfrage

will aufdecken, dass hier eine Entwicklung

stattfindet, deren sich die sich Politik

und Medizin annehmen muss.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Umfrage

– Die Hälfte aller Teilnehmer möchte im

nächsten halben Jahr eine PrEP einnehmen

und fast 80% können sich das in der

Zukunft vorstellen.

– Von den 82 Teilnehmern, die sagten, dass

sie bereits gegenwärtig eine PrEP einnehmen,

gaben nur 78% an, dabei medizinisch

überwacht zu werden. 9% von ihnen hatten

in den letzten 12 Monaten keinen HIV-

Test durchgeführt.

Was bedeutet das?

Die Ergebnisse zeigen, dass dringender

Handlungsbedarf besteht. PrEP wird in der

Schweiz zunehmen, egal ob sie zugelassen

wird oder nicht. Wer PrEP ohne die empfohlenen

Kontrollen einnimmt, riskiert seine

Gesundheit. Beratungsstellen wie die Checkpoints

und HIV-Behandler haben auf diese

Entwicklung reagiert und bieten nun

PrEP-spezifische Sprechstunden an. Hier

wirst Du selbstverständlich auch beraten

und begleitet, wenn Du die Medikamente

aus dem Internet beziehst oder einfach nur

mehr über PrEP erfahren willst. Adressen

für Beratungsstellen in Deiner Nähe findest

Du unter www.drgay.ch.

Benjamin Hampel (38)

ist Arzt am Universitäts-Spital Zürich und leitet

dort die PrEP-Sprechstunde. Hier geht es zur

kompletten Umfrage: http://onlinelibrary.wiley.

com/doi/10.1111/hiv.12521/full

NEWS

Beunruhigende weltweite Zunahme des Drogenkonsums

Der illegale Handel mit Opium und Kokain

nimmt nach Angaben der Vereinten Nationen

deutlich zu. So hat nach längerem Rückgang

die Anbaufläche für die Koka-Pflanze in

Südamerika in den vergangenen Jahren um

30 Prozent zugelegt. Dies geht aus dem jüngst

erschienenen Weltdrogenbericht der Vereinten

Nationen (UN) hervor.

Zugleich sei wegen einer besseren Ernte

die Opium-Produktion binnen Jahresfrist

um 30 Prozent auf 6380 Tonnen geklettert.

Gerade in Nordamerika steige offenbar die

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Ab sofort zu vermieten auf unbefristete Zeit: Vollständig eingerichtete und

möblierte 3-Zimmerwohnung

im oberen Stockwerk des Hauses MADIVA ob Brissago

als Ferienwohnung oder zur Dauermiete mit komplett

neuen Möbel, Geschirr und allem, was man so braucht.

Parkplätze befinden sich direkt vor dem Haus. Hunde,

Katzen sind willkommen. Kosten: Fr. 1‘250.– netto.

Zahl der Heroinsüchtigen. Auch in Europa

bleibt der Drogenhandel ein Milliardengeschäft.

Experten gehen davon aus, dass allein

in Europa Drogen im Schwarzmarktwert

von 20 bis 30 Milliarden Euro verkauft werden.

Das Darknet, ein abgeschirmter Bereich

des Internets, spiele dabei eine immer bedeutendere

Rolle, heisst es in dem Bericht.

250 Millionen Menschen greifen demnach

weltweit zu illegalen Rauschgiften. 29,5

Millionen hätten schwere Krankheiten wie

Hepatitis C und Tuberkulose oder seien

Die gleiche Wohnung im unteren Stockwerk des Hauses

wird vom Eigentümer und dessen Freund belegt. Besichtigung

auf Anfrage. Gleichgeschlechtliche Paare bevorzugt.

Anfragen sind an Ueli zu richten: 079 420 57 46

HIV-infiziert. Nur jeder sechste Kranke werde

angemessen behandelt. Mindestens 190 000

Menschen sterben den Angaben zufolge jedes

Jahr vorzeitig wegen ihrer Drogensucht.

CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


14 News 15

News

National & International

National & International

Ein frischer und schwuler Premier für das neue Irland

Lila Festival in den Startlöchern

Leo Varadkar: Jung, schwul, konservativ:

Der neue irische Premier Leo Varadkar ist

gleich in zweierlei Hinsicht ein Pionier.

Zum einen ist der Chef von Irlands konservativer

Fine-Gael-Partei mit seinen 38 Jahren

der bisher jüngste Premierminister seines

Landes. Zum anderen ist er auch der

erste offen schwule Taoiseach, wie der Regierungschef

auf Irisch heisst. Noch bis

1993 waren im katholisch geprägten Irland

homosexuelle Beziehungen strafbar. Als

Sohn eines indischen Einwanderers und einer

irischen Mutter gilt Varadkar als Mann

des Wandels, der die Interessen der progressiven

Stadtbevölkerung vertritt. Dies

hat er schon in seinem vorherigen Amt als

Sozialminister deutlich gemacht.

Varadkar interessierte sich schon früh

für Politik. Noch während seiner Schulzeit

an einer Privatschule in der Nähe von Dub-

lin wurde er Mitglied der konservativen Partei

Fine Gael und blieb auch als Student am

Trinity College Dublin politisch engagiert.

Varadkar wurde 2004 in West Dublin

in den Rat gewählt und wurde drei Jahre

später, im Alter von nur 28 Jahren, Parlamentsabgeordneter

für den Wahlkreis. Mit

seinem Ehrgeiz und seinem furchtlosen Auftreten

machte der wortgewandte Politiker

bald die Parteigrössen auf sich aufmerksam.

2011 wurde Varadkar zum Verkehrsminister

ernannt. Von 2014 bis 2016 war er Gesundheitsminister.

Ab Mai 2016 hatte er das Sozialressort

inne. Seine politische Ausrichtung

bezeichnet er selbst als «sozial- und wirtschaftsliberal»

– links in sozialen Fragen,

rechts, wenn es um die Wirtschaft geht. Als

Aktivist unterstützte Varadkar 2015 die erfolgreiche

Kampagne für die Homo-Ehe in

Irland. Seine Anhänger hoffen, dass er sich

auch für eine Lockerung des strengen Abtreibungsrechts

einsetzen wird.

Die Milchjugend schafft mit lila. das erste

Kulturfestival für LGBT-Menschen in der

Schweiz. Wir sind die Jugendorganisation

für lesbische, schwule, bi, trans* und asexuelle

Jugendliche und für alle dazwischen und

ausserhalb. Sich selbst bezeichnet die Milchjugend

wie folgt: «Wir sind ein bunter Haufen

toller Menschen, denen es egal ist, wie Du

aussiehst, was Du machst, ob Du Mann oder

Frau oder etwas dazwischen bist, wen und

wie Du liebst oder woher Du kommst. Wir

sind alle falsch(-sexuell) in den Augen mancher

Moralist_innen und genau das macht

uns alle so richtig». Nun ja. Wir vom Cruiser

finden Falschsexuell falsch – aber zurück

zum Festival Lila: das erste Kulturfestival der

Schweiz, das sich an junge und junggebliebene

LGBTQ-Menschen richtet und auf drei

Bühnen mit Musik, Tanz und Performance

gefeiert wird: Internationale Acts, Dragqueens,

Poetry Slam und mehr wird dich

überraschen. Unser Festivalgelände liegt in

Wittnau im wunderschönen Fricktal. Tickets

sind auf starticket.ch erhältlich.

Das Niederdorf erhält im September seine «Zürcher Ballade» zurück

In den 60er-Jahren, als das Zürcher Niederdorf

in den warmen Monaten in einen kulturellen

Sommerschlaf zu fallen drohte, sorgte

der Theaterproduzent Edi Baur mit einer

Schar Schauspieler für einen Theateranlass

der Extraklasse. Ruedi Walter, Margrit Rainer,

Jörg Schneider, Ines Torelli, Inigo Gallo,

Paul Bühlmann und weitere rechneten auf

der Freilichtbühne an der Trittligasse meist

liebenswürdig mit der Obrigkeit ab und liessen

das vergangene Jahr musikalisch und

kabarettistisch Revue passieren. Bis heute

hat die aus der «Zürcher Ballade» stammende

Niederdorfhymne «I de Mitti vo de City»

überlebt.

Der Unterhaltungskünstler und Amtsvorsteher

Christian Jott Jenny lässt den Anlass

am selben Ort unter dem Namen «Trittligass»

auferstehen. Der eigens dafür

gegründete Verein Neue Zürcher Balladen

arbeitet bereits seit zwei Jahren am Vorhaben.

Vereinspräsident ist der ehemalige Regierungsrat

Dr. Markus Notter. Auf der

Bühne an der Trittligasse stehen Christian

Jott Jenny und sein Staatsorchester sowie

Walter Andreas Müller, Heidi Diggelmann,

Barbara Baer, Samuel Zünd, Reto Hofstetter

und Cabaret-Rotstift-Legende Jürg Randegger.

Letzterer wirkte bereits im Original

1964 mit. Das neue Stück schrieb der in der

Altstadt lebende und arbeitende Autor Jeremias

Dubno. Er schliesst dort an, wo die

«Zürcher Ballade» in den 60ern aufhörte,

und schreibt eine unterhaltende Musikrevue,

welche die aktuellen Themen der Stadt

auf lustige und anregende Art und Weise

aufnimmt. Während Ruedi Walter sich über

die aufkeimende «High Society» auslassen

konnte, werden nun Themen wie Gentrifizierung,

Verkehrsüberlastung und das zur

Beliebigkeit tendierende Überangebot im

Bereich Kultur ins aktuelle Stück einfliessen.

Am selben Ort wie vor knapp 60 Jahren entsteht

ein kleines, aber feines Freilichttheater

mit 280 Sitzplätzen. Gespielt wird von Mittwoch

bis Sonntag bei schönem Wetter. Montag

und Dienstag sind als Ergänzungsdaten

vorgesehen, sollte es wider Erwarten dann

doch einmal regnen.

Freilichtspiel «Trittligass»

30. August bis 16. September 2017,

Trittligasse Zürich

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CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


16 KOLUMNE

Porno 17

MICHI RÜEGG

Spielraum für Diversität?

Die lieben kleinen verdammten

Rotznasen

Die schwule Community wird sich grundlegend

verändern, sobald die Heterosexualität das Monopol

aufs Kinderkriegen abgibt. Ein Grund zur Freude?

Mitnichten, findet Michi Rüegg.

Identitätsstiftung durch

Gay-Pornos

Pornographie scheint in der Gay Community eine andere Rolle zu spielen, als es

bei Heterosexuellen der Fall ist. Was ist der Grund für das entspannte Verhältnis

der Schwulen zur Pornographie?

VON Michi Rüegg

I

ch fliege nicht mehr allzu oft in der

Weltgeschichte umher. Vor allem, weil

Fliegen heutzutage eine Zumutung ist.

Soeben bin ich nach Berlin gereist. Mit einem

Nachmittagsflug. Wie bei allem, was an

einem Nachmittag stattfindet, war die Kinder-

und Seniorendichte im Flieger enorm.

Kaum hatten sie Platz genommen, stellten

die Senioren ihre Sitzlehnen zurück, schlossen

die Augen und begannen zu sabbern. Die

Kinder hingegen kreischten während der gesamten

Flugzeit vor sich hin. In der Ankunftshalle

kletterten sie aufs Gepäckband.

Wie schön, dass wir schwulen Männer

derzeit noch von Nachwuchs unbelastet

sind. Bei den Lesben hat sich das Kinderkriegen

ja schon eingebürgert. Es wird nicht

mehr lange dauern, da werden auch schwule

Paare Kinder haben. Die Weichen dafür sind

gestellt. Als ich mir mit Anfang Zwanzig

mein Gay-Leben zusammenzimmerte, war

für mich klar, dass Kinder darin nicht vorkommen

werden. Fragt man heute schwule

Teenager, tönt das anders: Mol, aso ich will

scho en Maa und Chind. Mal ganz davon abgesehen,

dass zwei Väter keinen Mutterschaftsurlaub

bekommen, werden noch weitere

Probleme die schwulen Familien plagen.

Denn hat unsereins erst einmal Söhne

und Töchter, entstehen Betreuungspflichten.

Man kann nicht mehr einfach tun und lassen,

was man will. Vor allem wird das Spontansein

erschwert. Andererseits tun sich

auch neue Märkte auf. So ist davon auszugehen,

dass Schwulensaunas künftig eine Kinderspielecke

anbieten müssen. So, du mümmelst

hier ganz lieb mit Leon und Paula,

während der Papi drüben ein bisschen fummeln

geht. Auch Gayclubs könnten solche

Angebote ins Programm aufnehmen. Bald

schon werden wir an den Hedonistenstränden

von Sitges und Ibiza kleine Kinder in

Dsquared-Badehöschen sehen, die Sandburgen

bauen.

Was tun mit Anne

Catherine und Carl

Johann, während

man dem gepflegten

Chemsex frönt?

Schwierig wird das Online-Dating. Hat

man auf Grindr erst einen kernigen Top oder

einen anschmiegsamen Bottom ausgemacht,

kommt die Frage: Was tun mit Anne Catherine

und Carl Johann, während man dem

gepflegten Chemsex mit einem muskulösen

Latino frönt? Hat man nicht zufällig eine

nette ältere Nachbarin, bei der man die Gofen

deponieren kann, ist man auf Hilfe von

aussen angewiesen. Ich arbeite derzeit an einer

App, einer Art Grindr für Notfallbabysitter.

Man schaut im Umkreis, ob irgendjemand

freie Zeit hat und kann dann die

Person zu sich bestellen, ihr die Kids übergeben

und sie zum Spielplatz schicken. Bezahlt

wird via Kreditkarte, wie bei Uber. Vielleicht

liesse sich der Service sogar mit Grindr verlinken,

und auf Knopfdruck kommt irgendwer

sitten.

Es empfiehlt sich auch, die Dildo- und

Accessoires-Sammlung gut zu verstauen. Es

ist zwar ein lustiger Anblick, wenn so ein

kleiner Wurm mit einem Doppeldong

Schlange-im-Urwald spielt, aber gelangen

solche Bilder nach aussen, steht bald einmal

die Kesb auf der Matte und bezweifelt die Erziehungsfähigkeit.

Vor allem aber sollten schwule Paare

vor der Anschaffung von Kindern daran

denken, dass die Scheidungsrate bereits bei

Heteros sauhoch ist und man ja irgendwie

auch an die Kosten denken sollte, die eine

Trennung verursacht. Ich sage nur: Internate

sind ja auch nicht grad günstig.

Es stehen Veränderungen an, doch die

Community wird auch mit denen umzugehen

wissen. Ein positiver Effekt der anstehenden

Kinderwelle: Wir werden uns nicht

mehr von unseren Heterofreunden entfremden,

kaum haben deren Frauen geworfen.

Kennt man, nicht? Wir treffen die ehemals

beste Freundin oder den ehemaligen Superkumpel

– doch deren Welt dreht sich nur

noch um das röchelnde kleine Teil, das sie in

einem sündhaft teuren ergonomischen Tragbett

mit sich rumschleppen. Jööö, lueg, er

hät kötzlet!

Ich persönlich werde dem schwulen

Kinderkriegen folgendermassen begegnen:

Geld sparen und nur noch First-

Class-Fliegen. Rücklehne zurückwerfen.

Sabbern.

Von Nathan Schocher

D

ie enge Verbundenheit der Gay Community

mit Pornographie hat ihre

Wurzeln in der Stigmatisierung der

Homosexualität. Die Strafbarkeit und Verfolgung

der Homosexualität führte dazu,

dass sich Schwule lange Zeit nur im Verborgenen

treffen konnten. So bildete sich bei

Schwulen eine Subkultur heraus, die bestimmte

ästhetische Codes entwickelte.

Diese den Heterosexuellen im Allgemeinen

unbekannten Codes bezweckten einerseits,

dass Schwule auf Partnersuche einander

leicht erkennen konnten. Andererseits hatten

sie den Effekt eines Community Building,

gemeinsame Codes schweissen eine

Szene, dessen Mitglieder sich im Alltag

nicht zueinander bekennen dürfen, zusammen.

So entstand eine schwule Identität, die

sich stark über ästhetische Merkmale definiert.

Welche Rolle spielt nun schwule Pornographie

in der Hervorbringung dieser

Identität?

Idealisierte Männlichkeit

Pornographie hat einen transgressiven Charakter,

das heisst, sie bietet dem Begehren, das

die sexuellen Normen der Gesellschaft überschreitet,

eine Plattform. Da Pornos zeigen,

was sich Menschen heimlich wünschen, zeigen

schwule Pornos natürlich eine ganze ➔

CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


18 Porno

Porno 19

Spielraum für Diversität?

Spielraum für Diversität?

Palette idealisierter Männlichkeiten und,

ebenfalls wichtig, detaillierte schwule Sexualpraktiken.

Dies ist deshalb nicht banal, weil

Wissen über schwule Sexpraktiken in der Öffentlichkeit

kaum zirkuliert, ausser als Diffamierung.

Nun könnte man einwenden, auch

heterosexuelle Pornographie zeige idealisierte

Frauenbilder und Praktiken, über die man in

der Gesellschaft nicht offen spricht. Der Unterschied

liegt jedoch darin, dass für heterosexuelle

Männer Pornographie nur die verborgene

Seite ihrer Sexualität repräsentiert, sie

leben im Alltag eine durch bestimmte Normen

sanktionierte Form der Sexualität und

überschreiten deren Grenzen im Geheimen

durch Pornographie. Da für Schwule aber der

gesamte Bereich ihrer Sexualität von der heterosexuell

geprägten Gesellschaft zur Unsichtbarkeit

verurteilt ist, entwickeln sie ein

ungebrochenes Verhältnis zur Pornographie.

Schwule Pornos stellen demnach wie

bestimmte Saunas, Parks oder Darkrooms

eine Parallelwelt dar, wo Männer für sexuelle

Praktiken verfügbar sind, die in der Gesellschaft

tabuisiert werden. Sie bilden eine

Fantasiewelt, wo schwules Begehren keinen

gesellschaftlichen Einschränkungen unterliegt.

Damit vermitteln Pornos eine virtuelle

Heimat für schwule Identität.

Im Bereich der Schwulenpornos lässt

sich eine Parallelität zum Kampf der Schwulenbewegung

um gesellschaftliche Akzeptanz

erkennen. Nachdem in den Schwulenpornos

der 60er-Jahre noch ein eher

zufälliges Durcheinander von Looks, Körpern

und Praktiken herrschte, setzte in den

80ern eine Normierungswelle ein. Die hat

mit dem Aufkommen der VHS-Kassetten zu

tun, das aus einem szeneinternen Untergrundphänomen

eine Massenware machte,

die sich jedermann diskret nach Hause bestellen

konnte. Schwule Pornographie erlangte

also eine viel grössere Verbreitung

zeitlich parallel zum vermehrten An-die-Öffentlichkeit-Treten

der Schwulen im Rahmen

der Schwulenbewegung.

Schwule Pornos und einschlägige Chatforen: Beides sind Parallelwelten.

Porno & AIDS

Eine ebenso wichtige Rolle spielt die Ausbreitung

von Aids. Auf der politischen Ebene

hat die Aidspanik und die sie begleitende

Stigmatisierung der Schwulen zu einem

Strategiewechsel innerhalb der Schwulenbewegung

geführt. Um die im wörtlichen Sinne

tödliche Stigmatisierung zu bekämpfen,

mussten die Schwulen ihre Anliegen vermehrt

an die breite Öffentlichkeit tragen, ihr

Privatleben öffentlich machen. Dieser Gang

an die Öffentlichkeit hatte eine gewisse Normalisierung,

aber auch Normierung dessen

zur Folge, was als schwule Identität lebbar

war, da ein Teil der schwulen Subkultur diesen

Gang an die Öffentlichkeit nicht mitmachen

konnte oder wollte. Kulturell hatte die

Aidspanik bei den Schwulen einen verstärkten

Schönheits-, Körper- und Fitnesskult zur

Folge, da man bestrebt war, gegenüber der

Schwule Pornos stellen

demnach eine Parallelwelt

dar, wo Männer für sexuelle

Praktiken verfügbar

sind, die in der Gesellschaft

tabuisiert werden.

tödlichen Bedrohung der Aidskrankheit das

gesunde und unversehrte Aussehen des Körpers

zu betonen. Sexuell hatte die Aidspanik

einen Aufschwung der Masturbation zur

Folge, da die Frage nach safen sexuellen

Praktiken längere Zeit ungeklärt war. Entsprechend

stieg auch die Bedeutung der Pornographie

für Schwule nochmals an.

Der All-American-Boy (hier im Bild Jeff Styker), der mit seiner jugendlichen properen Fitness die Schwulenpornographie der 80er-Jahre

dominiert hatte, macht seit den 90er-Jahren wieder einer grösseren Vielfalt an Looks und Praktiken Platz.

Spielraum für Diversität

Der All-American-Boy, der mit seiner jugendlichen

properen Fitness die Schwulenpornographie

der 80er-Jahre dominiert hatte, macht

seit den 90er-Jahren wieder einer grösseren

Vielfalt an Looks und Praktiken Platz. Insbesondere

das Aufkommen des Internets macht

es nochmals leichter, auf den jeweiligen Geschmack

zugeschnittene Pornographie zu finden.

Parallel hatte die Schwulenbewegung in

Sachen gesellschaftliche Anerkennung erste

Erfolge zu verzeichnen, die den Normierungsdruck,

der auf den Schwulen lastet, wieder ein

wenig lockert. Ein von der Schwulenbewegung

vermitteltes offizielles Bild von schwuler Identität

und schwulen Beziehungen besteht zwar

fort, doch daneben gibt es wieder mehr Spielraum

für Diversität. Mit der Entwicklung von

Medikamenten, die eine HIV-Infektion zu etwas

machen, das sich managen lässt, und dem

Erlangen eines rechtlichen Status für homosexuelle

Beziehungen, kommt es dann in den

Nullerjahren des 21. Jahrhunderts in der

Schwulenpornographie zum Tabubruch, indem

erstmals seit Mitte der 80er wieder

schwule Pornos produziert werden, in denen

die Darsteller keine Kondome verwenden.

Heute macht die sogenannte Bareback-Pornographie

einen grossen Teil des Markts für

schwule Pornographie aus. Nachdem Safer-Sex-Kampagnen

jahrelang unsafe Sexpraktiken

im realen schwulen Sexleben bekämpft

hatten, erstaunt ihr Auftauchen in der Fantasiewelt

der Pornographie nicht.

Hypermännlich & hypersexuell

Schwule Pornographie macht also sexuelle

Akte, die in der Gesellschaft stigmatisiert

sind, sichtbar und präsentiert diese als lustvoll.

Dies hat einen bestärkenden Effekt auf

schwule Männer. Gleichzeitig prägt die Hypermännlichkeit

und Hypersexualität der

Schwulenpornos die Gay Community derart

stark, dass ein abschreckender Effekt auf

Schwule, die diesen ästhetischen Standards

nicht entsprechen, wahrscheinlich ist.

Ein Beispiel hierfür: Auf Datingsites

präsentieren sich Schwule in Form von Profilen.

Dazu müssen sie sich anhand von Kategorien,

die aus der schwulen Pornographie entlehnt

sind, selber beschreiben und einstufen.

Dabei geht es sowohl um

äusserliche Merkmale wie

auch um sexuelle Vorlieben,

Praktiken und Fetische.

Dabei geht es sowohl um äusserliche Merkmale

wie auch um sexuelle Vorlieben, Praktiken

und Fetische. Dazu müssen die Profile mit

Bildern versehen werden, die sich stark an die

Ästhetik der Schwulenpornos anlehnen. Wer

sich dem nicht unterwerfen möchte, kann sich

zwar bei diesen Sites anmelden, er bleibt jedoch

für die Suchfunktionen und Ratings des

Portals weitgehend unauffindbar, seine Sichtbarkeit

ist deutlich eingeschränkt. Körperlich

Behinderte etwa oder Übergewichtige, für die

ja vielleicht solche Portale besonders wichtig

wären, werden so bereits durch die Vorgaben

der Sites unsichtbar gemacht.

Zusammenfasend lässt sich sagen, dass

das Überschreiten der Einschränkungen

durch die heterosexuell dominierte Gesellschaft

in der schwulen Pornographie offenbar

schwule Identität bestärken kann. Damit geht

jedoch das Problem einher, dass in diesem bestärkenden

Effekt das eigentlich Transgressive

der schwulen Pornographie wieder verlorengeht,

im Überschreiten der Grenzen der sexuellen

Identität werden neue Grenzen gezogen.

Damit hat schwule Pornographie ebenso normierende

Effekte wie heterosexuelle Mainstreampornographie.

Hoffnung machen hier die

Experimente der sogenannten Post-Pornographie,

die bewusst auf eine Vielfalt von Körpern,

Schönheitsidealen, Geschlechtern und

sexuellen Orientierungen setzt, um herrschende

Normierungen aufzubrechen.

Nathan Schocher

Schocher promoviert in Philosophie an der

Universität Zürich und ist Mitglied des

Graduiertenkollegs am Zentrum Gender

Studies der Universität Basel. Er arbeitet als

Programmleiter für Menschen mit HIV bei der

Aids-Hilfe Schweiz.

CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


20 Kultur

KOLUMNE 21

Buchtipp

Mirko

Ein Gefangener

der Schuld

Während es mittlerweile Dutzende schwule Romane gibt, ist das Thema schwul

als Muslim in der Literatur noch stark unterrepräsentiert. Saleem Haddad packt

mit seinem Roman «Guapa» ein heisses Eisen an.

LGBTIQ – Was sollen diese Buchstaben

miteinander?

Mirko kommt während der Pride ins Grübeln und

fragt sich, was uns so verbindet.

Von Birgit Kawohl

D

er hierzulande noch unbekannte Saleem

Haddad (*1983) ist so etwas wie

ein Weltbürger. Als Sohn einer irakisch-deutschen

Mutter und eines libanesisch-palästinensischen

Vaters verbrachte er

seine Kindheit und Jugend in Jordanien,

Kanada und Grossbritannien. Mittlerweile

arbeitet er für Ärzte ohne Grenzen vor allem

im Nahen Osten. Insofern ist er sicherlich

prädestiniert, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen,

das heutzutage im arabischen

Raum ein ganz wichtiges ist: Wie gehe

ich als Muslim damit um, schwul zu sein?

Rasa, ein 27-jähriger Araber, der in einem

nicht näher benannten Land des Nahen

Ostens als Übersetzer arbeitet, merkt

schon als Kind, dass er irgendwie anders ist

als die anderen Jungs in seiner Umgebung.

Die Situation ist in einer Kultur, in der

Schwulsein immer noch sanktioniert und

verachtet wird, sowieso schon schwierig.

Für Rasa wird alles aber noch schlimmer,

als zunächst seine Mutter verschwindet

und ca. ein Jahr später sein Vater an Krebs

stirbt. Da ist er zwölf und wird fortan von

seiner allseits präsenten Teta (Grossmutter)

aufgezogen, die sehr strenge Regeln an alle

Formen von Schicklichkeit und Anstand

anlegt. Eib (Schande) wird für ihn zum

Marker allen Tuns. Und dass Homosexualität

eib ist, ist ihm sofort klar. Sein Körper

wird für ihn zum Gefängnis, die verbotenen,

schwulen Gedanken dürfen nicht nach

aussen dringen.

In der Hoffnung, die Freiheit zu finden,

geht er für sein Studium in die USA, doch da

passiert etwas, das ihn zu einer anderen Art

von Aussenseiter stempelt: 9-11. Jetzt ist er in

der Freiheit und steckt doch in einem – politisch-ideologischen

– Gefängnis aus Vorurteilen.

Rasa ist hin- und hergerissen zwischen

seiner Herkunft und seiner Sexualität. Als er

dann nach seiner Rückkehr – er wohnt bei

seiner Grossmutter – die Liebe seines Lebens

trifft, scheint sich vieles für ihn zu ändern.

Verwoben mit diesen privaten Dramen

des Protagonisten, der alles aus der Ich-

Perspektive schildert, sind die Ereignisse,

die wir zumeist unter dem Begriff «Arabischer

Frühling» zusammenfassen. Die jungen

Araber versuchen eine Befreiung und

stossen immer wieder an die Grenzen der

Systeme, sei es die Politik oder die Religion.

Hier stellt sich beim Leser die Frage, warum

der Autor seine Handlung in einem fiktiven

Land ansiedelt. Dies nimmt diesem natürlich

die Schwierigkeit, die Ereignisse ganz

genau recherchieren und akkurat wiedergeben

zu müssen. Andererseits bekommt die

Geschichte von Rasa damit auch etwas Allgemeingültiges,

könnte sie doch in eigentlich

jedem muslimisch geprägten Land passiert

sein. Dem Leser wird damit auf jeden

Fall ein quasi hautnaher Einblick in eine

vom Islam bestimmte Kultur gewährt, den

man so nur selten erhält.

Haddad ist mit «Guapa» ein spannender,

gut geschriebener Roman gelungen,

der uns ein wenig die Augen öffnet für das

Dilemma, in dem auch bei uns viele Muslime

stecken.

Buchtipp

Saleem Haddad: Guapa. Albino Verlag

Preis CHF 23.90

ISBN 9783959850841

VON Mirko

I

ch, letschti so «Hey Alte, hättsch mi direkt

aagredt, statt dis Schwanzfoto per

Message geschickt, hätten wir schnell

im WC-Wage chönne ficken.»

«D Schwiiz wär weniger schön ohne

uns Balkanjungs.»

«Für mich ist die Pride zallererscht eine

grosse Salamiparty. Ja sorry, ich ha mir’s au

nöd usgsuecht, dass ich so eifach bi.»

Züri ist das gelobte Land für Schwule,

han i gläse. Wahrschiinlich flüged’s darum

die ganz Ziit uf Berlin und Sitges und weiss

ich woane. Nirgends kommt man so einfach

weg und irgendwo anders hin als in Zürich.

Liit halt guet, so zmitzt im schwule Europa

und mit eigetem Flughafe. Aber wie kann

Züri das gelobte Land sein, wenn man es do

nöd ushaltet und ständig weg muess?

Wahnsinnig viel läuft halt in Zürich

ausser an der Pride nicht. Aber dann hat’s

Typen zum Abwinken. Billig ist’s aber auch

da nicht. Als ich auf dem WC sass, ich ha ja

5 Franke zahlt und ich wollte was für de

Cash, dachte ich: E Rieseufwand, die Pride,

und die machen das all Jahr wieder und werden

nicht bezahlt, nur damit d Bitches dann

reklamieren chönned wägem Büchsebier für

7 Stutz, wenn sie unter dem riesigen Schattenzeltdach

– shit, das het ja es Vermöge

koschtet – stehen. Und was mached’s, wenn

sie nöd über d Priise jammeret? Fotos posten

und Grindr abchecken? Hey Alte, hättsch mi

direkt aagredt, statt dis Schwanzfoto per

Message geschickt, hätten wir schnell im

WC-Wage chönne ficken. Aber so isch’s mir

zdumm gsi. An der Pride will ich Diversity

in Reality.

Am Umzug hät’s nöd so viel Diversity

gäh soundmässig. Balkan Beats letztes Jahr

han i fresh gfunde – oder händ alle LGBTI-

GIQs den gleichen Musikgeschmack und

wenn ja, warum? Mängmol am Umzug hat

An der Pride will ich

Diversity in Reality.

mein Schädel nicht nur wegen der krassen

Sonne brummt: Pride ist mir zu kompliziert.

Muss ich alles verstehen, was da abläuft?

Müssen mama und tata das verstehen? Ich

ha denn dänkt, sie müend mi eifach in Rueh

loh. Mehr will ich nicht. Jede macht, wie er’s

guet findet. Aber d Details will ich lieber nöd

wüsse. Respect halt, das langet. Dafür muss

man nicht viel wissen.

Was weiss ich über Pride? Es gibt sie

jedes Jahr und überall e bitz. Es geht um Diversity,

gleiche Rechte und dieses Jahr ging’s

um Flüchtlinge. Gueti Sach. Meine Eltern

sind ja auch quasi geflüchtet vorem Wahnsinn

im Balkan, als niemand wusste, ob das

Abschlachten je wieder aufhört. Aber ich ha

nöd gwüsst, was und wie’s mit de Pride isch.

Bi froh gsi um de Spruch a de Brugg bi de

Polizei, dass Stonewall Riots wäge de

schwarze Transe usbroche sind. Ich ha’s nöd

checkt, aber denn googlet. Ich lehre gärn dezue.

Man kann auch viel wissen und kei Respekt

haben. Es het gnervt, dass üs da bi

dere Brugg e Frau aagschraue het vo Kapitalismus

und so. Mini Eltere sind im antikapitalistischen

Jugoslawien aufgewachsen und

das isch jo äbe nöd guet usecho, süsch wären

wir nicht hier. Ok, d Schwiiz wär weniger

schön ohne uns Balkanjungs. Alles hat seine

guten Seiten. Wäg dem Spruch über die

schwarze Transe: Ja sorry, dass z Züri weisse

Frauen und Männer an der Pride mitlaufen,

aber mit nur schwarze Transleute wär’s es

bitz leer. Hat halt hier nicht so viele davon.

LOL. Mehr Jugos und so, aber die, die da

schrieen von der Seite, die sahen weder nach

Jugo noch nach schwarzen Transmenschen

aus. Respect, enand sii loh, wie mer sind,

isch für alle nöd immer einfach. Ah, übrigens:

Respect für die Dadsters von Gaysport,

3 Stund in der heissen Sonne hüpfen,

hey, ich hätt mir de Fuess verknackst i de

Tramschiene oder süsch schlapp gemacht,

und ich bin ja mindestens es Vierteljahrhundert

jünger als die.

Aber was bliibt? Was haben wir gemeinsam?

Es hat schreiende Alternativen

und Polizisten bei uns. Die chönnd scho mal

nöd zäme. Und für mich ist die Pride zallererscht

eine grosse Salamiparty. Ja sorry,

ich ha mir’s au nöd usgsuecht, dass ich so eifach

bi. Es bleibt wenig gemeinsames mit all

den LGBTQIs, ausser dass wir Respect wollen

und Respect können wir untereinander

schon mal e bitz üebe.

CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


22 Portrait

Portrait 23

Wolfgang Ohlert

Wolfgang Ohlert

Wann ist ein Mann ein Mann und wann

ist man(n) eine Frau?

Nicht Mann, nicht Frau - dazwischen: Über Transgender wird viel gesprochen.

So viel, dass Transgender fast wie Trend klingt. Doch wie oft kommen wir

Transmenschen wirklich nahe? Der Fotograf Joseph Wolfgang Ohlert tut es.

Von Haymo Empl & Laura Lewandowski (dpa)

D

urch seine Kamera will Joseph Wolfgang

Ohlert den Menschen sehen, wie

er ist. Mann. Frau. Irgendwas dazwischen.

Klick. Wimpernschlag. Klick, klick.

Die dürren Schultern des Models kippen nach

vorne. Shot. Frauen aus Hochglanzmagazinen

könnten es nicht besser. Posieren. Ohlert

ist zufrieden. Wie immer, wenn er das Gefühl

hat, dass seine Fotos die Identität eines Menschen

widerspiegeln.

«Du bist, wer du bist, und so fotografiere

ich dich», sagt der 25-jährige Ohlert. Er

porträtierte schon Menschen in vielen Teilen

der Welt. Paris, New York, San Francisco.

Das Resultat nach rund zwei Jahren Arbeit:

293 Seiten, etwa 80 Fotos und ein Buch im

Selbstverlag mit dem Titel: «Gender as a

Spectrum». Es ist ein Buch über Transgender.

Über Leute, die jenseits der klassischen

Zweiteilung in Mann und Frau leben. «Nur

weil du einen Schwanz hast, bist du nicht automatisch

ein Mann», sagt Ohlert.

©Bild: Juergen Ostarhild

Wer bin ich eigentlich?

Und damit wären wir bei der Frage, die sich

der Fotograf auch für sich schon stellte: Wer

bin ich eigentlich? Was unterscheidet einen

Mann von einer Frau? Nehmen wir «Kaey»:

1979 geboren als Dennis Klein, mit einem

Penis. Kaey sieht sich selbst als Frau, sie liebt

Männer. Trans eben. In Berlin arbeitet sie als

Redaktorin beim «Siegessäule Magazin»,

eine Art deutschem Pendant zum Cruiser.

Die 37-jährige Kaey interviewte die Porträtierten

für Ohlerts Buch. Das Ziel der beiden:

den weniger bekannten «Betroffenen»

eine Stimme zu geben. Und sicher auch sich

selbst weiter auf die Spur zu kommen. Denn

das ist mitunter gar nicht so einfach, wenn

man nicht weiss, «wie viele es da draussen

sonst noch gibt». Denn: Verlässliche Zahlen

über Transmenschen im deutschsprachigen

Raum lassen sich nicht finden, für die

Schweiz existieren nicht einmal Anhaltspunkte.

Ableiten lässt sich eine Zahl vielleicht

von den registrierten Operationen. Im

Jahr 2014 legten sich 1051 Menschen in

Deutschland auf den Operationstisch, um

ihre Genitalien angleichen zu lassen. Längst

nicht alle wollen diesen Schnitt/Schritt tun,

auch Kaey nicht. Der Eingriff sei zu schwer,

das Risiko, dass etwas schiefgehe, zu hoch.

Ausserdem sagt sie: «Ich persönlich fühle

mich immer als Frau, trotz Penis.» Und trotz

1,90 Meter Körpergrösse, trotz tiefer Stimme.

Auf Brüste spart Kaey dennoch. Die

Hormone, die sie von 2011 an zwei Jahre genommen

habe, hätten nicht viel gebracht.

Wie verhält man sich dem anderen gegenüber,

bei dem man nicht sicher sagen

kann, ob «sie» oder «er» dort steht? Nicht ➔

Kaey sieht sich selbst als Frau und interviewte die Portraitierten in Wolfgang Ohlerts Buch.

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Sauna Bar

Studio 43

Monbijoustr. 123, 3007 Bern

Telefon 031 372 28 27

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CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


24 Portrait

Serie 25

Wolfgang Ohlert

Homosexualität in Geschichte und Literatur

Schwule Elitetruppen

demütigen Sparta

Mehr oder weniger versteckt findet sich das Thema Männerliebe in der Weltgeschichte,

der Politik, in antiken Sagen und traditionellen Märchen – aber auch

in Wissenschaft, Technik, Computerwelt. Cruiser greift einzelne Beispiele heraus,

würzt sie mit etwas Fantasie, stellt sie in zeitgenössische Zusammenhänge

und wünscht bei der Lektüre viel Spass – und hie und da auch neue oder

zumindest aufgefrischte Erkenntnisse. In dieser Folge: Soldaten, auf die zuhause

keine Frau wartet …

… und andere zurückhaltend.

Im Buch kommen diversere Protagonisten zu Worte – manche sind schräg und schrill …

wenige hätten Angst, bei einem Gespräch ins

Fettnäpfchen zu treten, sagt Fotograf Ohlert.

Auch er entspricht nicht unbedingt der Norm.

Ein schöner Mann ist er, dennoch kann es irritieren,

wenn er seine Haare mal blau gefärbt

trägt oder blau lackierte Fingernägel hat und

beim nächsten Mal die Mähne abrasiert ist.

Auch er als Schwuler wusste über Transgender

nicht immer so viel wie heute.

«Ich gehöre nicht zu denen»

Sein auffälliges Äusseres, seine sexuelle Orientierung,

das Künstlerdasein – diese Dinge

haben bewirkt, dass Ohlert häufig nachdachte

über die Ausgrenzung von Minderheiten.

Trotzdem – oder gerade deshalb –

versteht er, dass die Begegnung mit einem

Transmenschen befremdlich sein kann. Früher

habe er selbst zu denen gehört, die sagten:

«Ich bin stolz darauf, schwul zu sein. Ich

gehöre nicht zu denen.»

Nach Dutzenden Porträts und noch

viel mehr Bekanntschaften mit Transmenschen

fragt Ohlert heute Sachen wie: «Warum

fühlst du dich angegriffen, wenn jemand

sein Geschlecht selbst bestimmen will?»

Früher habe auch er oft nicht gewusst,

wie er den Dialog starten sollte. Doch man

müsse sich einfach auf die Leute einlassen.

Das könne mit der simplen Frage beginnen:

«Wie möchtest du angesprochen werden?

Das sagt alles. Das ist respektvoll.»

Buch

Gender as a Spectrum: 304 Seiten (ISBN-13:

978-3000504082)

Das Buch von Joseph Wolfgang Ohlert kann

direkt über seine Webseite bestellt werden:

Euro 48.—plus Euro 16.—für den Versand in

die Schweiz.

josephwolfgang.ohlert.de

©Bilder: J.W. Ohlert

VON ALAIN SOREL

E

liteeinheiten in Armeen: Es gibt sie

heute, es gab sie früher. Wir hören

immer wieder von Einsätzen der

amerikanischen Navy SEALs oder des britischen

Special Air Service. Im Altertum

hatte auch das griechische Theben eine

ganz besondere Sondertruppe.

Hyppolitos versorgt eine Wunde von

Andromachos, die sich dieser beim

Kampftraining zugezogen hat. Er desinfiziert

sie, indem er ein mit einem Brei aus

Honig und Schafgarbe bestrichenes

Rindenstück auf die verletzte Stelle am

Oberschenkel von Andromachos heftet.

Keine Spritze, kein Antibiotikum in ➔

CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


26 Serie

Serie 27

Homosexualität in Geschichte und Literatur

Homosexualität in Geschichte und Literatur

Nur für Gays

Bei der «Heiligen Schar» war eine gleichgeschlechtliche

Veranlagung Bedingung, um

aufgenommen zu werden. Erwünscht waren

Männer-Paare, zwischen denen es glühte vor

Leidenschaft. Männer-Paare wie Hyppolitos

und Andromachos.

Führende Offiziere Thebens hatten die

Einheit geschaffen, und die Absicht dahinter

funktionierte. Die schwulen 150 Soldatenpaare

taten alles füreinander, sie beschützten

sich in der Schlacht gegenseitig und wollten

unbedingt über den Feind triumphieren,

weil jeder auch persönlich etwas zu verlieren

hatte – den Geliebten. Weil sie hochmotiviert

waren, profitierte davon die ganze Armee

und letztlich die Heimat. Die Mitglieder

dieser verschworenen Einheit standen im

Kampf Seite an Seite, Rücken an Rücken, beherrschten

Schwert und Speer. Im Unterschied

zur regulären Armee waren sie Berufssoldaten.

Schwur auf schwulen Halbgott

Nicht von ungefähr hatten sich Thebens Offiziere,

darunter neben dem Befehlshaber

Epaminondas auch der Feldherr Pelopidas,

bei der Gründung der Truppe einen Helden

aus der griechischen Mythologie zum Vorbild

genommen: Herakles, der Sage nach ein

Sohn der Stadt. Der Halbgott, Sohn des Göttervaters

Zeus, hatte einen jungen Neffen,

Iolaos, mit dem er eine Liebesbeziehung unterhielt.

In zahlreichen Schlachten waren sie

ein unschlagbares Gespann, fein aufeinander

abgestimmt, deckte doch Iolaos als Wagenlenker

den Herakles. Es verwundert deshalb

nicht, dass Herakles Schutzpatron der

um das Jahr 378 v. Chr. gegründeten Truppe

wurde und die Männer auf ihn einen heiligen

Schwur leisteten.

Der Konflikt zwischen Sparta und Theben

schwelte jahrelang. Sparta versuchte die

ganze Zeit über, Theben kleinzuhalten; dieses

wollte Böotien unter seiner Führung einigen.

Es kam zu ersten Scharmützeln. Mit

der «Heiligen Schar» fühlte sich Theben

nach und nach imstande, auf dem Schlachtfeld

die endgültige Entscheidung herbeizuführen.

Der Tod setzte mancher

Liebe ein brutales Ende.

Sieg in der Schlacht, Gefahr für die

Liebe

Am 5. August 371 v. Chr. prallen die beiden

Heere bei Leuktra aufeinander. Sparta hat

etwa 10 000 Mann aufgeboten, die böotische

Seite rund 6000. Doch die geringere Anzahl

wird durch die Strategie des Epaminondas

wettgemacht, der das Überraschungsmoment

der Schiefen Schlachtordnung einsetzt.

Er macht mit seinen Sondereinheiten, darunter

auch der «Heiligen Schar», nicht den

rechten Frontabschnitt besonders stark, wie

nach der klassischen Phalanx-Taktik üblich,

sondern den linken. Damit bringt er Unruhe

in die nach der traditionellen Methode aufgestellten

Reihen der Spartaner. Diese wanken

und lösen sich später auf. König Kleombrotos

von Sparta fällt, und damit ist die

Niederlage seines Stadtstaates besiegelt. Theben

ist die neue Supermacht.

Viele der Gay-Paare der «Heiligen

Schar» kehrten aus Schlachten wie jener bei

Leuktra nicht mehr zurück. Der Tod setzte

mancher Liebe ein brutales Ende. Im Roman

von Adamson ist es Hyppolitos, der nach dem

Sieg über Sparta wie versteinert am Lager von

Andromachos sitzt, dem einer der Feinde

eine schwere Brustwunde zugefügt hat. Während

er über ihn wacht, wird ihm einmal

mehr bewusst, wieviel ihm der Freund bedeutet.

Wenn es nur nicht zu spät ist für sie.

Echte Navy Seals. Im Gegensatz zu unserer Geschichte im Artikel ist hier Homosexualität nach wie vor ein Tabu.

©Bild: U.S. Department of Defense

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Tablettenform, denn wir sind in der Welt

des Altertums. Die Natur muss heilen.

Die beiden jungen Männer sind Soldaten,

die für Theben kämpfen – die wichtigste

Stadt der mittelgriechischen Landschaft

Böotien. Andromachos soll möglichst

schnell wieder gesund werden, denn die Zeichen

stehen in diesem Schicksalsjahr 371 v.

Chr. auf Krieg. Auf Krieg mit dem mächtigen

Sparta, das unter den griechischen

Stadtstaaten eine Vormachtstellung einnimmt.

Aber Hyppolitos sähe den Freund

auch aus andern Gründen lieber heute als

morgen wieder in Topform. Andromachos

und er lieben sich, und jede Beeinträchtigung

des einen erfüllt den andern mit Sorge.

Sex muss warten

Andromachos ist aber nicht so schwer verletzt,

als dass ihn die helfenden Hände seines

Geliebten am Oberschenkel nicht beinahe

um den Verstand gebracht hätten. Er bedeutet

Hyppolitos unmissverständlich, dass er

sich zu ihm legen solle. Aber Hyppolitos

bleibt für einmal kühl und denkt für beide.

Es ist jetzt keine Zeit für Sex. Ihr Befehlshaber

Epaminondas erwartet sie. Die Elitetruppe,

in der Hyppolitos und Andromachos

dienen, muss sich auf den Einsatz gegen

Sparta vorbereiten.

Weil sie hochmotiviert

waren, profitierte davon

die ganze Armee und

letztlich die Heimat.

Die zwei sind die fiktiven Hauptfiguren

im hochspannenden Roman «Geliebter

Söldner» von Phil Adamson, in dessen Buch

die «Heilige Schar» im Blickpunkt steht: eine

militärische Sondereinheit der Thebaner.

Diese Truppe ist kein Phantasieprodukt von

Adamson. Es hat sie in der Antike tatsächlich

gegeben.

CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


28 Forschung

Forschung 29

HIV & Alter

HIV & Alter

Sterben war gestern:

Altern mit HIV

Dank moderner Medikamente haben HIV-Patienten eine fast ebenso

hohe Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Aber wie altert man

mit diesen Medikamenten?

Von Stéphane Praz & Haymo Empl

I

nsgesamt verlängerte sich die Lebensspanne

der nach 2008 behandelten

Aids-Kranken um zehn Jahre, wie aus

einer Studie in der Fachzeitschrift «The

Lancet HIV» hervorgeht. Heisst also, dass

an AIDS erkrankte Menschen, die ihre Behandlung

2008 oder später begonnen haben,

lange und gesund leben können. Für

die Studie werteten die Forscher der britischen

Universität Bristol Daten von mehr

als 80 000 HIV-Patienten aus Europa und

den USA aus. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse

seien wichtig, um Risikopersonen

zu Aids-Tests zu ermutigen, erklärten

die Wissenschaftler. Dennoch steht die

Krankheit im Verdacht, den «Alterungsprozess»

zu beschleunigen. Daher: Altern

HIV-positive Menschen schneller? Wenn

ja: alle? Auch in der Schweiz wird diesbezüglich

geforscht.

Rund um das Thema «HIV und Alter»

sind noch viele Fragen offen. Nun will die

Studie «Metabolismus und Aging», kurz

M+A, zu fundierten Erkenntnissen gelangen.

Wie das gelingen soll und welche Herausforderungen

sich dabei stellen, erklärt

Studienleiterin Helen Kovari im Interview.

Frau Kovari, wie funktioniert die

«Metabolismus und Aging» Studie?

Helen Kovari: Das Prinzip ist einfach: Wir

messen bei tausend HIV-Patienten, die

mindestens 45 Jahre alt sind, verschiedene

Werte wie Knochendichte, Nierenfunktion

sowie die geistige Fitness. Zwei Jahre später

führen wir dieselben Tests nochmals durch

und sehen dann, bei welchen Patienten die

Leistungen am stärksten abgenommen haben,

also der Alterungsprozess am schnellsten

fortschreitet. Bei 400 Patienten messen

wir zusätzlich, ob Verengungen oder Verkalkungen

der Herzkranzgefässe vorliegen

CRUISER Sommer 2017

und wie rasch diese innerhalb der zwei Jahre

fortschreiten. Diese Werte vergleichen

wir mit einer Kontrollgruppe HIV-negativer

Personen.

Was ist das Spezielle an dieser Studie

im Vergleich zu bisherigen Studien?

In der M+A-Studie untersuchen wir verschiedene

Organe gleichzeitig und über längere

Zeit. So können wir diverse Befunde miteinander

verknüpfen. Zum Beispiel werden wir

untersuchen, ob Verkalkungen der Herzkranzgefässe

einhergehen mit Abnutzungserscheinungen

an den Knochen oder mit vorzeitig

auftretender Demenz. Zudem wird die

Studie im Rahmen der Schweizerischen

HIV-Kohortenstudie SHCS (vgl. Box) durch-

geführt. Die SHCS ist im internationalen Vergleich

eine besondere Kohorte. Sie repräsentiert

die HIV-positive Bevölkerung sehr gut,

da sie drei Viertel aller HIV-Patienten in der

Schweiz umfasst: sowohl Frauen als auch

Männer, Personen, die sich über Drogenkonsum

angesteckt haben, über homosexuellen

Geschlechtsverkehr oder über heterosexuellen

sowie Migrantinnen und Migranten.

Warum untersuchen Sie Patienten ab

45 Jahren?

Mit 45 Jahren können sich auf Organebene

bereits Veränderungen zeigen. Das ist von

Person zu Person aber unterschiedlich. Dass

wir die Grenze bei 45 Jahren zogen, hat letztlich

auch praktische Gründe. Hätten wir die

Schwelle bei 60 gesetzt, dann hätten wir viel

weniger Patienten einschliessen können. Ein

bedeutender Vorteil dieser Studie ist die

grosse Zahl an Teilnehmern sowie deren Zusammensetzung,

die repräsentativ ist für die

HIV-positiven Personen in der Schweiz. Das

wird sich in den Resultaten spiegeln.

Liegen bereits Resultate vor?

Nein. Die erste Testreihe wurde erst im

Spätsommer 2016 bei allen Teilnehmern

abgeschlossen.

Wie geht eine solche Untersuchung vonstatten?

Für alle Tests bei einem Studienteilnehmer

benötigen wir einen ganzen Tag. Wir nehmen

Blut- und Urinproben (nüchtern) ab,

messen die Knochendichte, fahren eine koronare

Computertomografie und erfassen

mittels neuropsychologischer Testung die

geistige Fitness. Bei der Verlaufsuntersuchung

nach zwei Jahren führen wir zusätzlich

ein Interview zu den Ernährungsgewohnheiten

durch.

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Damit festgestellt werden, ob Menschen

mit HIV schneller altern als die Allgemeinbevölkerung,

muss mit einer

negativen Kontrollgruppe verglichen

werden …

Für die Herzkranzgefässe-Untersuchung

haben wir eine HIV-negative Kontrollgruppe.

In dieser erfassen wir zusätzliche

Informationen wie Risikofaktoren für

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Medikamenteneinnahme,

körperliche Tätigkeit

und weitere Informationen.

Doch für die gesamte M+A-Studie

haben wir keine HIV-negative Kontrollgruppe.

Das wäre logistisch und finanziell

eine grosse Herausforderung. Zudem wäre

es grundsätzlich schwierig, eine geeignete

Vergleichsgruppe zu finden.

Werden Sie die Frage, ob HIV das Altern

beschleunigt, beantworten können?

Ich hoffe es. Unsere Resultate werden ein

wichtiger Mosaikstein sein zur umfassenden

Beantwortung dieser Frage.

Helen Kovari

ist Oberärztin mit erweiterter Verantwortung

an der Klinik für Infektionskrankheiten und

Spitalhygiene des Universitätsspitals Zürich.

Als HIV-Spezialistin ist sie sowohl in der

Betreuung von Patienten wie in der Forschung

tätig. Im Rahmen der Schweizerischen

HIV-Kohortenstudie leitet sie zurzeit zwei

Studien, die sich mit dem Alterungsprozess

HIV- positiver Personen sowie dem Einfluss

von HIV auf die Leber beschäftigen.

* Das Interview ist in ausführlicher Form in den «Swiss Aids

News» des Bundesamts für Gesundheit (BAG) nachzulesen.

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30 RATGEBER

KOLUMNE 31

Dr. Gay

Thommen meint

Dr. Gay

Das

G-Wort

DR. GAY

Dr. Gay ist eine Dienstleistung der Aids-Hilfe

Schweiz. Die Fragen werden online auf

www.drgay.ch gestellt. Ein Team von geschulten

Beratern beantwortet dort deine Fragen,

welche in Auszügen und anonymisiert im

«cruiser» abgedruckt werden.

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schwuler Buchladen

40 Jahre, April 1977 – 2017

lesen | schreiben | weiterbilden

Rheingasse 67 | 4005 Basel

Telefon 061 681 31 32

VON Vinicio Albani

Ist Urintrinken gefährlich?

Ich trinke jeden Tag den Urin

meines Mannes. Wir finden das

beide richtig geil. Dabei macht er

mir meistens direkt in den Mund

und ich trinke alles. Meine Frage:

Kann das für mich schädlich sein?

Karl (33)

Hallo Karl

Das Trinken von Urin ist bezüglich HIV

ungefährlich. Du solltest aber auf den Urin

deines Mannes verzichten, wenn er krank

ist (z.B. Harnwegsinfekt oder Blasenentzündung),

um eine mögliche Infektion zu

vermeiden. Sexuell übertragbare Infektionen

(STI) die über Urin übertragen werden

können, sind Hepatitis B (und unter Umständen

auch A), sowie Tripper. Ich rate dir,

dich gegen Hepatitis A und B impfen zu

lassen. Wende dich dafür am besten an den

Checkpoint: mycheckpoint.ch.

Alles Gute, Dr. Gay

Das Kondom ist abgerutscht.

Was jetzt?

Ich hatte vor ein paar Tagen eine

Risikosituation und bin total

verunsichert. Beim Analverkehr ist

das Kondom abgerutscht und ich

habe es erst knapp eine Minute

später bemerkt. Ich war dabei der

Aktive. Mein Sexpartner sagte, er

hätte vor etwa zwei Monaten

ungeschützten Sex mit jemandem

gehabt, der HIV-positiv ist, aber

unter der Nachweisgrenze liege.

Wie hoch ist das Risiko, dass er

sich da angesteckt hat? Und wie

hoch ist mein Risiko?

Patrick (29)

Hallo Patrick

Unfälle können passieren. In deinem Fall

ist das Kondom abgerutscht und du hast

weniger als eine Minute ohne Kondom gefickt.

Ungeschützter Analverkehr gilt als

hohes HIV-Risiko. Ein wichtiger Faktor für

die Risikoeinschätzung ist aber auch die

Dauer der Exposition. Je länger sie dauert,

desto höher das Risiko. In deinem Fall war

die Dauer kurz. Dennoch war es ein Risiko.

Wenn du Klarheit möchtest, empfehle ich

dir einen HIV-Test machen zu lassen. Dieser

ist bereits 15 Tage nach Risiko möglich.

Wende dich für Test und Beratung am besten

an den Checkpoint (mycheckpoint.ch).

Analverkehr ohne Gummi mit einer

HIV-positiven Person, welche unter wirksamer

Therapie ist und bei der keine HI-

Viren im Blut nachweisbar sind, ist sicher.

Sogar sicherer als ein Kondom, weil eben

Kondompannen ausgeschlossen sind. Der

«Schutz durch Therapie» gilt als Safer Sex.

Mehr zum Thema #undetectable findest du

auf drgay.ch/undetectable.

Alles Gute, Dr. Gay

Seit geraumer Zeit gibt es Wörter, die mit Tabus belegt worden sind.

Sie werden mit den Anfangsbuchstaben abgekürzt: n- f- mf-.

Ähnlich der sexuellen Variationen bei den Buchstabenmenschen.

VON PETER THOMMEN

D

as «P-Wort» kennen fast alle und

damit wird immer wieder eifrig Politik

gegen Schwule gemacht. Aber

das G-Wort ist den meisten unbekannt.

Dabei leben wir in einer Kultur, die sich

mit älteren Männern nicht nur wegen der

Rente schwertut. Der Monotheismus gebietet

uns sogar, einen uralten Gott zu «lieben»

und «keinen anderen neben ihm» zu

haben.

Ich konnte nie etwas Sexuelles mit älteren

Männern anfangen und habe immer Verständnis

für die jüngeren und respektiere deren

Orientierung zu ihrer Altersgruppe.

Allerdings habe ich mich immer auch mit älteren

Männern unterhalten und mich notfalls

auch abgegrenzt. Klar kann ich nur mit wenigen

Älteren diskutieren – weil die meisten

sind für mich irgendwo mit 30 oder 40 «stehen

geblieben». Aber das ist mein Problem!

Zufällig bin ich kürzlich auf der Seite

des Sissymagazins in einer Filmbesprechung

folgenden prägnanten Worten begegnet:

«Und dann treten auch noch zwei alte Männer

als Widerständige einer Zeit auf, die

nicht mehr ihre ist. Alte schwule Männer,

die ‹grausam› aus der jungen queeren Szene

verbannt sind, wie es Filipe und Marcio sagen,

aber eben auch Vorreiter jener Rechte

sind, die die Jungen in Brasilien geniessen.»*

Die queeren Falschsexuellen beklagen

sich immer mal wieder über gegenseitige

Ausgrenzungen. Aber über die Ausgrenzung

der Alten innerhalb der eigenen Buchstabenreihen

verlieren sie kein Wort! Amen.

Nicht jeder Geronto-Sex ist

auch eine Gerontophilie

Zufällig kam heute ein junger Mann

mit farbigem Teint in den Buchladen herein,

scheu schaute er sich um und bemerkte lapidar:

Bücher. Um ihn nicht einfach «hängen»

zu sehen, fand ich in ein Gespräch und er

sagte schnell, er finde sich nicht zurecht. Ich

antwortete ihm, in den Jahren Anfang 20 sei

das nicht selten. Er hat Erfahrungen mit

Frauen, aber es zieht ihn immer mal wieder

sexuell zu älteren Männern. (Da war ich übrigens

froh, ihm nicht schon die Jugendgruppe

empfohlen zu haben.)

Aber im Ernst: Was tut ein junger

Mann, wenn er immer wieder spürt, dass die

Anwesenheit Älterer ihn irgendeine Wärme

spüren lässt, die im gesellschaftlich vorgege-

benen Konzept nicht vorkommt? Zufällig ist

er im allgemeinen «Heterokuchen» an zwei

oder drei Männer geraten, die seine Bedürfnisse

erwiderten. Aus diesen engen Grenzen

in der ganzen gesellschaftlichen Weite suchte

er zusätzliche Möglichkeiten. Wenn er

sein Bedürfnis gestillt hatte, interessierte ihn

der Partner nicht mehr weiter.

Die Gaysauna ist aktuell am idealsten für

seine Annäherungen an Männersex. Doch wie

er das in sein Leben integrieren kann, bleibt

offen. Frauen sind nicht interessiert, ihre Männer

mit anderen Männern zu teilen …

Nicht jeder Geronto-Sex ist auch eine

Gerontophilie (das «G-Wort»). So wie nicht

jeder Männersex auch eine Männerliebe ist

oder wird. Und dies kann auch nicht mit der

Öffnung der Ehe geregelt werden. So sind

und waren Schwule schon immer ein Medium

zwischen den «Falsch-» und den «Richtigsexuellen».

Von den anderen Buchstaben

ganz zu schweigen.

Das G-Wort gibt es auch bei den Heterosexuellen,

zwischen Männern und Frauen.

Da kommt allerdings die Fortpflanzung

dazu, die durch das Alter Grenzen setzt bei

den Frauen.

* «Das Nest» von Filipe Matzembacher und Marcio

Reolon, BR 2016, dt. Untertitel, Ed. Salzgeber Berlin.

CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


32 Flashback

Marktplatz 33

Cruiser vor 30 Jahren

Kleinanzeigen

Flashback

Cruiser feiert sein

30-jähriges Bestehen.

Daher blicken wir

während des ganzen

Jahres an dieser Stelle

auf die alten Ausgaben

zurück. Dieses Mal:

Der Tod des Alexander

Ziegler.

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deinen Absender nicht, sonst kann die Post

nicht weitergeleitet werden.

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Von Haymo Empl

N

ach der Premiere seines Stückes

«Kokain oder der einsame Kampf

des Philipp Neukomm» im Juli

1987 schluckte Alexander Ziegler Schlaftabletten,

um sein Leben zu beenden. Man

fand ihn im Zürcher Kammertheater tot

auf. Die Schweizerische Nachrichtenagentur

SDA fasste am 12. August 1987 zusammen:

«Laut dem Polizeisprecher fand eine

Putzfrau am Nachmittag die Leiche in einem

Buero des Kammertheaters Stok, in

dem derzeit Zieglers jüngstes Stück ‹Kokain›

läuft.» Es sei eine gerichtsmedizinische

Untersuchung angeordnet worden, die

Klarheit bringen solle, deren Ergebnisse

aber voraussichtlich erste Ende Woche vorlägen.

Der Cruiser trauerte seinerzeit mit

einigen Ziegler-Texten. Dieser hier stammt

nicht aus dem Cruiser-Archiv, sondern aus

demjenigen von Peter Thommen:

m

sauna

Mit unseren

Revisionsarbeiten

sorgen wir dafür,

dass deine

Lieblingssauna auch

in Zukunft so

schön bleibt, wie

sie ist.

Jeder schöne

schnauz

braucht etwas

Pflege…

… deshalb bleIbt das MOustache aM

dI 15., MI 16. &

dO 17. august

wegen revIsIOnsarbeIten

geschlOssen!

Täglich offen ab 11.30 Uhr

Freitag und Samstag

Nachtsauna bis 7 Uhr früh.

Moustache Sauna

Engelstrasse 4, 8004 Zürich

Tel: +41 44 241 10 80

info@moustache.ch

www.moustache.ch

CRUISER Sommer 2017 CRUISER Sommer 2017


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Wir wünschen einen

schönen Sommer!

Die Redaktion vom Cruiser verkriecht sich nun für die Sommerpause. Wir sind

ab 1. September wieder zurück am Start und freuen uns auf viele spannende

und queere Geschichten.

Anne Andresen

Tanzt dieses Jahr jedes

Wochenende auf einer

anderen Hochzeit und

wird sich anschliessend in

einem Haus am Meer davon

erholen.

Yvonne Beck

Yvonne wird sich diesen

Sommer ihrem neuen Urban

Gardening Projekt widmen

und in ihrer alten Heimat

Berlin einige laue Sommernächte

geniessen.

Haymo Empl

Wird hart an seinem Teint

arbeiten und hernach über

die faltige Haut jammern.

Andy Faessler

Wird sich in Thailand darin

üben, keinen Sonnenbrand

zu bekommen. Die Pläne

für danach sind noch

nicht geschmiedet.

Dr. Gay

Vinicio Albani wird sich

mental und musikalisch

vom Sommer inspirieren

lassen und chillige Sommertracks

produzieren.

Birgit Kawohl

Trainiert ihr Gehirn bei

«Familien Duell» auf «RTL

plus» und filmt sich mit der

GoPro beim Abtauchen in

der Adria.

Moel Maphy

Wird sich in den Glarneralpen

im Käsemachen

versuchen, ein Seminar ist

gebucht! Alleine unter

Heteros …

Mirko

Cruist zwischen Kroatien

und der Wohnung seiner

Eltern in Dietikon und weiss

noch nicht genau, wann er

wo mit wem sein wird.

Michi Rüegg

Geht campen in Südfrankreich

und macht sich am

Canal du Midi auf die Suche

nach einer verschollenen

Cousine.

Nicole Senn

Hat sommertechnisch keine

grossen Pläne und hält in

Zürich Stellung.

Alain Sorel

Bunkert sich ein gegen die

Sonne und versucht, an

kühlen Orten lesend die

grosse, die schreckliche

Hitze zu überdauern.

Peter Thommen

Wird mit seiner Schwester

Zugs- und Schiffsausflüge

machen und ab- und zu im

Internet nachschauen, ob

die Welt sich weiterdreht.

Anastasiya Udovenko

Geht baden. Und zwar so

richtig – mit Partner und

nach Süditalien.

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