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ArtMediaVerlag2013

4 KULTUR JOKER THEATER

Mit soviel Ansturm haben die

Gastgeber nicht gerechnet: Im

leergeräumten Wohnzimmer der

Freiburger WG gibt es auf dem

Teppich kein Plätzchen mehr,

komfortablere Sitzgelegenheiten

sind längst vergeben. Trotzdem

bimmelt es munter weiter an der

Haustür. Schließlich feiert das

2017 von Schauspieler Michael

Barop gegründete Theater Spielzimmer

hier nach fast 50 privat

gebuchten Vorstellungen die

Premiere seiner vierten Produktion

– mit Yasmina Rezas „Der

Gott des Gemetzels“ ein echtes

Kammerspiel (Regie: Leon Rüttinger).

Hektisch hantieren Michael

Barop und Carmen Sobotto als

Ehepaar Houillé noch zwischen

Küche und Klo herum, dann

klingelt es noch einmal: Auftritt

von Annette und Alain Reille

(Jana Skolovski, Dominik Berberich).

Die beiden haben sich

schick gemacht, pflügen spürbar

indigniert durch Schuh- und Jackenberge

und bremsen abrupt

beim vollgepackten Sofa: Wo

bitte sollen sie hier sitzen? Der

Grund ihres Besuches ist unangenehm

genug: Zwei Schneidezähne

hat ihr Sohn dem Sprössling

der Houillés mit einem

Stock ausgeschlagen – war das

Kammerspiel im Wohnzimmer

Theater Spielzimmer feierte Premiere mit Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“

Seelen-Striptease mit hohem Unterhaltungswert im Wohnzimmer

nun brutale Gewalt

oder nur eine harmlose

Jungs-Keilerei?

Da gehen die Meinungen

natürlich weit

auseinander, auch

wenn die beiden Elternpaare

fest dazu

entschlossen sind, die

unschöne Angelegenheit

kultiviert beizulegen.

Ha, von wegen!

Wer die beißende Gesellschaftskritik

von

Yasmina Reza kennt,

freut sich schon auf

Seelen-Striptease

mit hohem Unterhaltungswert.

Hautnah ist das Publikum

dabei, wenn in

der folgenden Stunde

aus verkrampftem

Geplänkel verbissener

Moralkrieg wird, Masken fallen,

Zivilisationsfirnis bröselt, Alkohol

und Tränen fließen. Es beginnt

mit angespannter Aufgeräumtheit:

Carmen Sobotto gibt

sich als strahlender Gutmensch

in blumigem Hippie-Style, unbeirrbar

hackt sie ihre Anklageschrift

in eine alte Schreibmaschine.

Dazu passen Bällebad

und getrocknete Kräuterbündel

im WG-Wohnzimmer wunderbar.

Michael Barop spielt den

von soviel Moralin eingeschüchterten

Ehemann mit friedfertiger

Resignation und hemdsärmeliger

Schlagfertigkeit: Erst ist

er mit Frau und Opfersohn solidarisch,

dann zaubert er eine

Flasche hervor und verbrüdert

sich mit Geschlechtsgenosse

Alain, der parallel zum Sofakrieg

einen skrupellosen Kampf

für ein Pharmaunternehmen am

Handy führt. Bis seine Frau die

Faxen dicke hat, erst kotzt, sich

dann betrinkt und schließlich

das Handy im Klo versenkt.

Da ist es dann auch mit seiner

Gockelei vorbei – eindrücklich

und sehr komisch wie Dominik

Berberich den Zusammenbruch

des bauernschlauen, dickfelligen

Anwalts spielt. Facettenreich

und mit nervöser Energie

gibt auch Jana Skolovski ihre

Annette: Ganz festgezurrte

Disziplin,

in deren Rissen viel

Gefühl und Unglück

lauern.

Blitzschnell bilden

sich so immer neue

Allianzen und Kriege,

dabei geht es um Bildung,

Kultur, Elternschaft,

sozialen Status

oder Geschlechterrollen.

Vor allem aber

um dunkle Seiten und

Peinlichkeiten. Wie

dieser Abend dann

auf engstem Raum

und mit hohem Tempo

eskaliert, ist ebenso

böse wie lustig, weil

fantastisch gespielt.

Die wichtigste Requisite

dabei: Der WG-

Staubsauger. Werden

doch bei jeder Aufführung neu

spezifische Raumbegebenheiten

und Wohnungselemente eingebaut,

die Ausstattung passt in

einen Rucksack.

Theater Spielzimmer ist buchbar

für private Wohnzimmer und

Gärten. Infos: www.spielzimmer-freiburg.de

oder 0761/612

504 89. Kosten: Gästekasse oder

Festpreis.

Marion Klötzer

Die erste Fassung von Verdis

Oper „Simon Boccanegra“ im

Jahr 1857 in Venedig fiel wegen

der verworrenen Handlung glatt

durch. Für die zweite Fassung

von 1881 überarbeitete Arrigo

Boito das Libretto. Rund ein

Drittel komponierte Verdi neu;

den Rest kürzte und verdichtete

er zu seinem gehaltvollen, melodisch

eher kargen Spätstil.

Aber auch die am Badischen

Staatstheater Karlsruhe gespielte

Zweitfassung ist eine Herausforderung:

musikalisch wie

szenisch. Die Badische Staatskapelle

brauchte unter dem in

Freiburg geborenen Dirigenten

Johannes Willig ein wenig, um

Geschichte wiederholt sich

Johannes Willig dirigiert, David Hermann inszeniert „Simon Boccanegra“ in Karlsruhe

die notwendige Konturenschärfe

zu entwickeln. Trotzdem ist

diese sensible, sehr bewegliche

Verdi-Interpretation in jedem

Moment hörenswert. Vor allem

legt Willig großen Wert auf

die richtige Balance. Die dynamische

Bandbreite der gerade

in den Holzbläsern exquisit besetzten

Badischen Staatskapelle

ist groß, das Farbspektrum

ebenfalls. Das Orchester entwickelt

einen erzählerischen

Ton, der hilft, die komplizierte

Geschichte, die im von Adelsfamilien

umkämpften Genua in

der Mitte des 14. Jahrhunderts

spielt, zu entflechten. Regisseur

David Hermann schafft

gemeinsam mit seinem Ausstatter

Christof Hetzer durch

konzeptionelle Eingriffe klarere

Strukturen. Die Titelfigur sieht

er als Bürgermeister von Genua.

Der Prolog mit der Vorgeschichte

wird als Traumvision

erzählt, wenn im Renaissance-

Rathaus plötzlich Figuren in historischen

Kostümen lebendig

werden und den Bürgermeister

zum ersten Dogen Genuas machen.

Politische Intrigen sind

zeitlos!

Daneben durchzieht Hermann

die Opernproduktion mit christlicher

Symbolik, was er mit

den zahlreichen kirchenmusikalischen

Einsprengseln wie

einem Miserere-Chor und der

auf Vergebung setzenden Politik

des Dogen begründet. Dass

der Mob am Ende des ersten

Aktes als frühchristliches Volk

in bodenlangen Leinengewändern

die Szenerie stürmt und

die unter dem Namen Amelia

Grimaldi auftretende, verschollen

geglaubte Tochter Boccanegras

als Gottesmutter Maria mit

hellblauem Mantel erscheint, ist

dann doch ein wenig plakativ.

Für das Schlussbild des Aktes

schart Simon Boccanegra

wie einst Jesus auf Leonardo

da Vincis Gemälde „Das

Abendmahl“ seine Jünger

an der langen Tafel um sich.

Der Verräter, den Boccanegra

sucht, heißt hier nicht Judas,

sondern Paolo. Für die drastische

Musik Verdis, die den

Fluch des Dogen illustriert, ist

das ein starkes Bild, wenn auch

die Einbindung ins Geschehen

nur begrenzt gelingt und auch

handwerkliche Ungenauigkeiten

auftreten.

Musikalisch gehört die Szene

zum Eindrucksvollsten.

Das neue Ensemblemitglied

Nicholas Brownlee macht mit

seinem dunklen, immer wieder

metallisch gehärteten Bassbariton

aus Paolo Albiani einen

fiesen Günstling, dessen kriminelles

Potential in jeder Phrase

durchschimmert. Seun-Gi Jung

zeichnet Simon Boccanegra

viel weicher, verbindlicher, geschmeidiger.

Jungs feines Legato

erzählt vom Friedenswillen

dieses Herrschers, der am Ende

einem Giftanschlag Paolos zum

Opfer fällt. Barbara Dobrzanskas

mächtiger Sopran, der über

unendliche Reserven verfügt,

macht aus Boccanegras Tochter

Maria (alias Amelia Grimaldi)

eine hochemotionale Frau, die

sich in der düsteren Männerwelt

mit Verve behaupten kann. Marias

Geliebter Gabriele Adorno

(wuchtig: Rodrigo Porras Garulo)

ist da nicht ganz auf Augenhöhe.

Nach der Pause inszeniert

David Hermann das Drama auf

der klug eingesetzten Drehbühne

als dichtes Kammerspiel. Am

Ende kommen die Gegenspieler

Simon Boccanegra und Jacopo

Fiesco (mit schwarzem Bass:

Konstantin Gorny) ein letztes

Mal an einem langen, mit Kerzenleuchtern

und Monstranz

geschmückten Altar zusammen,

ehe der Doge stirbt. Zum

Nachfolger wird Gabriele Adorno

bestimmt. Der Mörder Paolo

ist mit seinem Kumpanen Pietro

(Yang Xu) aber wieder als

Günstling am Start. Geschichte

wiederholt sich.

Die nächsten Vorstellun-gen:

8.2., 20.3., 7./11./29.4., 25.5.

2018, Staatstheater Karlsruhe

Georg Rudiger

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