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NK 02_2018

16 TRAINING WIE WICHTIG

16 TRAINING WIE WICHTIG IST, WAS ANDERE ÜBER DICH DENKEN? Völlig frei und unabhängig davon sein, was andere von einem denken oder über einen sagen, das ist DIE Königsdisziplin für alle „Rule- Breaker“. Alexandra Reinwarths Buch „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“ (erst jüngst im Titelinterview der Network-Karriere) steht nicht umsonst seit Monaten auf den Bestseller-Listen ganz oben, was dar­ © Andrey Kiselev/Fotolia auf schließen lässt, wie groß die Sehnsucht von uns allen ist, einfach unser Ding machen zu können, ohne Eingemische, Erwartungsdruck, Gedenke und Gelaber der lieben Mitmenschen. größte Fessel. Und da- Nicht missverstehen: Denn natürlich sollen wir uns weiter für sind wir selbst verantwortlich. Es geht immer um 100-prozentige Ei- mit anderen Menschen über unsere genverantwortung. Ideen austauschen, uns Sparrings- Es ist nur relevant, was wir kontrol- Partner suchen, wir brauchen Freun- lieren können. Was steht nun aber de, Kritiker, Weggefährten, das ist in unserer Macht? Was haben wir wichtig, um voranzukommen. Aber die größte Angst, die Angst, die uns am meisten behindert und hemmt, ist doch die, von anderen nicht gemocht zu werden, dass die lästern, blöde Dinge über uns sagen oder © Antonioguillem/Fotolia unter Kontrolle? Epiktet schrieb in seinem „Handbüchlein der Moral“ – ca. im Jahr 70 nach Chr.: „Einige Dinge haben wir in unserer Macht. Andere nicht. Wir beherrschen unser Denken, unsere Entscheidungen, unsere Wünsche unsere Abneigungen, kurzum, alles, was sich aus uns selbst heraus entwickelt. Wir be- „Was soll mein Chef sagen? Das Es ist die Angst davor, unser Gesicht leicht allerhöchstens darüber nach, herrschen nicht unseren Körper, geht doch nicht! Das macht man doch zu verlieren, es ist die Angst vor was wir von ihnen denken. Je mehr unseren Besitz, unser Ansehen, un- nicht!“ – uns so sehr hemmt. Sich dem Gerede und Gedenke der An- einem das bewusst wird, desto abs- sere Stellung, … die anderen Men- von dem zu lösen, was andere den- deren. Genau das ist es doch. truser und skurriler kommt uns das schen um uns … kurzum, alles, was ken, sagen oder erwarten, das gibt „Wenn man wüsste, wie wenig Ge- plötzlich vor. sich nicht aus uns selbst heraus uns die größte Freiheit und Unab- danken sich die Leute über einen Und was bedeutet das? Wir sind entwickelt.“ © Jacob Lund/Fotolia hängigkeit überhaupt. Schöne Grüße an dieser Stelle übrigens von Pippi Langstrumpf. Warum ist zum Beispiel Scheitern schlimm? Scheitern kann ich gut! Zum Beispiel bin ich schon als Gründerin und Unternehmerin wunderbar „ge- machen, würde man sich keine Gedanken mehr darüber machen, was sie denken.“ Was für eine Erkenntnis! Halleluja! Diese Textstelle ist aus dem Buch „Handwerk Humor“ von John Vorhaus. frei! Die Welt ist unsere! Meine Welt. Mein Spiel, meine Regeln, wir sind Drehbuchschreiber, Regisseur und Hauptdarsteller in einem, es ist unser Film! Für die Gamer: unser Game. Für die ITler: Es ist unser Programm, unser Code. Und wie produktiv, in- Heißt: Wir haben keinen Einfluss, auf gar nichts, was von außen kommt: auf Geschehnisse, auf Dinge, auf Menschen, auf Situationen. Es passiert, was passiert. Aber wir werden so erzogen, wir wachsen so auf, Angst davor zu ha- denken. Es ist scheitert“. Und als Comedian bin ich Diese Erkenntnis ist der Hammer! novativ und kreativ wir erst sein ben, was andere denken. Und eben die Angst, dass wir auch schon heftig auffe Fresse ge- Bitte mitnehmen, abfotografieren, an könnten, wenn wir die Zeit, in der wir genau nicht frei zu sein. Unsere gan- deren Erwartungen nicht erfüllen flogen. Ist es eigentlich wirklich so den Kühlschrank hängen. Denn nicht mehr darüber nachdenken, was ze bisherige Welt, unser ganzes Sys- können. Es ist dieses verhuschte schlimm? Die größte Angst ist doch wenn wir das im Kopf und Herz ha- andere über uns denken oder sa- tem ist darauf aufgebaut. Alles in und völlig dämliche „Was sollen gar nicht das Versagen selbst, dass ben, uns immer wieder reinziehen, gen, für richtig coole Sachen und unserer Gesellschaft läuft im Kern bloß die Nachbarn sagen?“. wir etwas falsch machen oder schei- ey, ich verspreche, unser Leben wird Projekte nutzen würden! Oder ein- auf Kontrolle raus. Werbung, Mar- Äußerlich haben wir alle das große tern. Wenn wir das nämlich sachlich so viel einfacher und freier. Dass die fach nur, um zu knutschen! keting und Co. reden uns Bedürfnis- Glück, frei und unabhängig zu sein. faktisch betrachten, juckt uns das anderen was auch immer über uns se ein, die wir gar nicht haben, die Mach doch, was du willst! Du kannst doch gar nicht. Ist vielleicht ´n büschn denken, ist nur ein Gedanke. Mehr Kümmere dich nicht um das, was schlechte Gefühle und Gedanken jeden Morgen zur Arbeit fahren, du ärgerlich, weil wir ungeduldig und nicht. Ein doofer Gedanke noch dazu. du nicht kontrollieren kannst kreieren, wie wir zu sein haben, du kannst aber auch – eigentlich – ein- perfektionistisch veranlagt sind, weil Marcus Aurelius sagte dazu nur ganz Und wenn jemand doch was Schlech- musst so und so sein, um der per- fach mal ans Meer fahren. Aber wa- wir wollen, dass es klappt. Aber was stoisch, höhö: „Die Außenwelt zu er- tes sagt oder denkt – na und? Was fekte Ehemann zu sein, so und so, rum tun wir das nicht? Weil wir IN- verursacht wirklich die Bauchschmer- zürnen, wäre töricht. Sie kümmert macht das mit uns? Fallen wir um? um die perfekte Mutter zu sein, das NERLICH nicht frei sind. Und das zen? Dieses fiese Ziehen im Bauch? sich nicht darum.“ Wir sind über- Sterben wir? Nö. Ist sein Problem. darfst du, das darfst du nicht. Das ist haupt nicht so wichtig, wie wir im- Wir können das eh nicht kontrollie- alles Kontrolle, alles Macht. Letzt- mer denken! Niemand denkt an uns. ren. Und da sind wir auch schon lich geht es immer ums Kaufen und Das klingt erst mal: Was? Nein! Oh! beim nächsten Aspekt. Kontrolle. ums Kohle machen. Wenn ich mich Schöne Grüße an dieser Stelle von Es ist auch deshalb völlig egal, was schlecht fühle, kaufe ich. Und ich Louis de Funès. andere denken, sagen, machen, fühle mich schlecht, wenn ich mir Ich bin beleidigt! Wie?! Niemand tun, weil wir es nicht kontrollieren zu sehr darüber den Kopf zerbreche, denkt an mich?! Frechheit! Aber gibt können. Und deshalb haben wir nur was der Nachbar sagt. Dann versu- nicht genau das uns eine unglaubli- eine Aufgabe: uns nicht darum zu che ich, mein Loch zu füllen und su- che Freiheit? kümmern. Aber uns um uns selbst che das Glück im Außen. Angst vor Und glauben wir wirklich, dass un- zu kümmern. Schon Goethe wusste: dem Gerede der anderen schürt Henriette Frädrich http://henriette-fraedrich.com sere Mitmenschen, unsere Kollegen, Freunde, Partner, wer auch immer, dass die nichts Besseres zu tun ha- „Wenn jeder sich um sich kümmert, wie schön wäre die Welt!“ Der berühmte Besen vor der eigenen Tür. das Feuer nur. Machen wir es uns also bitte zu unserem Mantra: Es ist egal, was an- © Christian Kröhl ben, als den ganzen Tag über uns nachzudenken?! Die denken viel- Echte Freiheit erlangen wir nur durch innere Freiheit. Das ist unsere dere denken. Es ist egal, was andere denken … 02.2018

TITELINTERVIEW 17 ©Michael Zargarinejad DR. ECKART VON HIRSCHHAUSEN: „DIE STIMMUNG IN DEN KRANKENHÄUSERN UND PRAXEN MACHT MIR ERNSTHAFT SORGEN!“ Die Wissenschaft hat die Magie aus der Medizin vertrieben. Aber nicht aus uns Menschen. Wenn ich als Kind hingefallen war, tröstete mich meine Mutter. Sie pustete und sprach die magischen Worte: „Schau mal, Eckart, da fliegt das Aua durchs Fenster!“ Und ich habe es wirklich fliegen sehen. Sogar durch geschlossene Fenster. Mein ganzes Medizinstudium habe ich darauf gewartet, dass mir ein gelehrter Professor erklärt, warum das Aua fliegen kann. Denn ich wusste ja seit meinem vierten Lebensjahr, dass es geht. Diese Phänomene werden aber in der langen und teuren Ausbildung mit keiner Silbe erwähnt. Und je länger ich darüber nachdenke, desto beschränkter finde ich das. Ich bin heilfroh über alles, was es heute an Wissen und Möglichkeiten gibt, von der Schmerztablette bis zur Palliativmedizin. Aber manchmal braucht es nur jemanden, der dich einfach in den Arm nimmt und pustet! Selbst wenn ich als erwachsener Mensch irgendwann so aufgeklärt, so abge­ klärt, so zynisch geworden bin, dass ich an die Flugfähigkeit von Schmerz nicht mehr glauben kann oder mag ... Kurz gesagt: Es wäre dem Kind gegenüber immer noch eine unterlassene Hilfeleistung, aus Klugscheißerei NICHT zu pusten! Wissen ohne Zuwendung bleibt kalt. Und Zuwendung ohne Wissen bleibt manchmal unter unseren Möglichkeiten. Dr. Eckart von Hirschhausen kennen die meisten Deutschen besser als ihren Hausarzt. Er ist der Doktor, der zur besten Sendezeit im Fernsehen so schön und vor allen Dingen humorvoll erklären kann, wie unser Körper funktioniert, wie man ihn gesund erhält und dass man nicht jedem Wehwehchen mit Hammerpillen zu Leibe rücken muss. Eckart von Hirschhausen möch te die Gesundheitsbildung in Deutschland voranbringen. Mit Schulprogrammen, Platt formen im Internet und mit einer Suchmaschine der Vernunft, die den Menschen bei der Orientierung im Krankheitsfall hilft. Network-Karriere: Sie machen Fernsehen, schreiben Bücher, halten Vorträge, sind mit Ihrem Medizinischen Kabarett auf Tour, bringen mit Ihrer Stiftung HUMOR HILFT HEILEN Hoffnung und Lebensmut in die Krankenhäuser und engagieren sich bei einer ganzen Reihe sozialer Projekte. Wie schaffen Sie das alles? Dr. Eckart von Hirschhausen: Es stimmt, ein Nine-to-five-Job ist das sicher nicht, aber dafür wäre ich auch nicht geeignet. Aber jede Krankenschwester oder Hebamme arbeitet mehr als ich. Doch da meine Tätigkeit in der Öffentlichkeit stattfindet, entsteht schnell der Eindruck, ich wäre Tag und Nacht aktiv. Bin ich aber nicht. Zudem empfinde ich das, was ich tue, nicht als Last, weil ich es mir selber aussuche und die Arbeit meinen Stärken entspricht und mir nichts mehr Freude macht, als auf der Bühne zu stehen und Menschen zum Lachen und Nachdenken zu bringen. NK: Man sollte bekanntlich nicht Wasser predigen und Wein trinken. Wie gehen Sie mit Ihrem Körper um und wie ernähren Sie sich? Dr. Eckart von Hirschhausen: In der Tat feiere ich gerade einen für mich große Erfolg: Ich habe mit Intervallfasten zehn Kilo abgenommen! Für mein eigenes Magazin „Dr. v. Hirschhausen Gesund Leben“, das gerade frisch im Zeitschriftenhandel erschienen ist, war ein Titelthema übers Abnehmen geplant – das war für mich wie eine kleine öffentliche Wette. Vorgenommen abzunehmen hatte ich mir – wie wahrscheinlich jeder zweite Deutsche – jedes Silvester die vergangenen zehn Jahre. Aber wenn es als Titelgeschichte eingeplant wird, dann muss man auch liefern! NK: Also weitgehend oder ganz vegan? Der Gesundheit oder der Umwelt zuliebe? Dr. Eckart von Hirschhausen: Ich esse in der Tat weniger Fleisch als früher und glaube auch, dass das sehr sinnvoll ist – einmal für den eigenen Körper, aber auch für unseren Planeten. Ich bin da aber nicht ideologisch unterwegs und allergisch auf idiotische Ernährungsberater, die nächstes Jahr das Gegenteil erzählen. Haben die Ernährungswissenschaften womöglich kollektiv auf das falsche Pferd gesetzt? Beim Intervallfasten geht es nicht um Kalorienzählen, sondern um Stunden, die der Körper Zeit hat, Fett abzubauen und kaputte Zellen zu reparieren – deshalb verlängert es auch das Leben. Und was ist mit dem Genuss? Vielleicht geht es gar nicht um „vernünftige Ernährung“, sondern ums Essen mit Freude! Und mit Freunden! © Michael Zargarinejad