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E_1929_Zeitung_Nr.071

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Bern, Dienstag 20.

Bern, Dienstag 20. August 1929 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 7t Im heutigen „Autler-Feierabend": Von Anatol Krakowiecki. Deutsch von Dr. Leo Koszella. ^ Miss Bessie, schreiben Sie, bittet — Sofort, Mrs. Smith. — Einen Privatbrief. Nehmen Sie, bitte, mein Privatpapier. — Sind Sie so weit? •— All right. — «Geliebter Dick, alter Kakadu i • -.» '—€... Kakadu...» — «Ich wette mit dir um fünf Dollar, dass du nach der Lektüre dieses Briefes einen Wutanfall bekommst und dich an der nächsten Tanne aufhängst ...» — «... aufhängst...» — «Also ich habe, du ungehobelter Felsenbär, beschlossen...» Parenthese, bitte «und du weisst, dass mir alles gelingt...» Parenthese geschlossen ... zu heiraten. flätiger Tramp, in zehn Tagen zu mir, da meine Hochzeit ohne dich nicht stattfinden könnte. Aber bemühe dich nicht, mir dreinzureden; denn sonst schlage ich dich knok-out. Dein James. — Schluss, Miss Bessie. — Die Adresse? — Dort, in der Privatadressen-Mappe. Brams, Dick Brams. — Well. ! Seite Mrs. Smith 17 Va banque 17 Der stolze Johann 18 Seife der Frau 19 Die Frau im Stadion 19 Worauf die Frau achten sollte 19 Sport 20 Schöne Ecken des Schweizerlandes 21 Sprechsaal, Kreuzworträtsel 22 Mrs. Smith — Flugpost. Ha, der Alte wird überschnappen. 1 — Herr Smith.-., — Bitte .. — Ich gratuliere Ihnen. —Danke. Zu früh,-Sie weiss noch von nichts. .—*;Wieso"? ' -'•'• -- ,'" .-• "•— Wim,- weil sie nichts weiss. Zum Kuckuck, «e wild mich — vielleicht gar nicht erhören — in diesem Augenblick kam mir dieser Gedanke. Ach, das wäre furchtbar! — Wer ist es denn? — Geheimnis. Miss Bessie. Hübsch, sehr hübsch. Jung. Elegant. Vornehm. Lieb. Tausend Vorzüge. Hunderttausend Reize. Eine Million Unterpfänder der Fraulichkeit. Aber: Geheimnis ... — Ich gratuliere nochmals. — Zu früh. Der Himmel mag wissen. ; 9 — Werden Sie mich noch benötigen? — Heute nicht mehr... — Mabel — es ist schrecklich! >—i Was ist wieder los? — James heiratet.. •< ;— James Warwick? — Ach- nein. Was geht- mich der an.. Smith. , i — Ach so, dein Chef? — Mein Chef. — Nun, und? Bist du noch immer in ihn vernarrt. Mädel? — Nicht mehr, Schwesterchen, weshalb auch? Aber es ist mir unangenehm. — 0! — Heul' nicht! Bessie, heul' nicht! Ich gehe. — Wohin, Mabel? — Um ihm die Augen auszukratzen. — Mabel, bist du verrückt geworden. Das ist nicht unser Business. Soll er heiraten. — Dann heul' mich nicht an. Ich repräsentiere hier Vater, Mutter, Tanten, Grossvater. Die ganze Familie vom siebenten Grad angefangen. Heul' nicht. James Warwick hat auch viel Zeit... — Zeit, Mabel? — Zeit ist Geld. — Er liebt dich. — Ach derl ' — Und Brown, Bennet. Cornwell, Webbs? — Nichts! — Warner? Gray? Jackson? Mac Doole? Va banque Wagen um Wagen schob sich an den Startplatz. Brummen der Motoren, aufgeregtes Stimmengewirr, Sprachrohrkommandos von der Tribüne der Rennleitung her-' ab... Wieder einmal stand eine tausendköpfige Menge im Banne des Industrierennens von Berneck.. Werner Kettrupp lehnte sich tief in die Polsterung zurück und holte tief Atem. Es war sein erstes Rennen, das nun beginnen Komme also, du un- sollte. Noch vor kurzem ein unerreichbares Phantom und jetzt lebendigste Wirklichkeit! : Wie im Fluge lebte er die letzten Tage noch' einmal durch... Er schüttelte den Kopf: Toller Kerl, dieser Dr. Hülsmänn! Dass der ihm seinen Rennwagen, den er wie seinen Augapfel hütete, für das Bernecker Rennen geliehen hatte," war ja zur,Not zu verstehen: Bei einem so anerkannt glänzenden Fahrer wie Werner Kettrupp konnte Hülsmann das schliesslich riskieren... Aber es ging gegen Benno Borst! Gegen Borst, der mit seinem Bugatti-Grand-Prix- Wagen in Dutzenden von Rennen gesiegt hatte, der als rücksichtsloser Fahrer bekannt war! Wenn der eine Kurve nahm, traten die Zuschauer zehn Meter zurück!... Kettrupp kaute an seiner Oberlippe. - .!— Kindsköpfe! — Watt? Robinson? Cooper? Scraill? , —Lass' mich endlich in Ruhe! — Ach, Bessie, nur Smith ist ein Genie? Wie? — Er all — ein! Bessie betrat die Halle. Der Chef hatte sie zu seiner Heirat eingeladen. Der Ueberwurf hing auf dem Arm eines Lakaien, ein zweiter schritt hinter ihr. Bessie blickte in den Spiegel. Sie hatte heiss bemalte Lippen. Die rasierten Augenbrauen waren mit schwarzem Stift nachgezogen, die Abendtoilette schmiegte sich an ihren herrlichen Körper. Der nackte Rücken war kühl, lockend und weiss wie Schnee. Und unter den langen Wimpern blickten helle, junge Augen hervor. Ach, Bessie ist ein überaus schönes Weib. Der Lakai überholte sie. Er hob den Vorhang. Dann blieb er hochaufgereckt stehen und meldete mit andachtsvoller Stimme: — Mrs. Smith. — Mrs. Roonwell, die Dame des Hauses, und einige befrackte Herren gingen ihr entgegen. Unter ihnen befand sich augenscheinlich Mr. James Smith, 'Bessies Gatte. Wenn nur die Wette nicht wäre, die verdammte Wette! dachte er. So ein hoher Betrag: Hundert Mille! Die zu verlieren war schliesslich kein Pappenstiel, nicht einmal für einen Dr. : Hülsmann, trotzdem der reich war, sehr reich sogar! * Ein bellender Knall riss den Rennfahrer aus seinem Brüten heraus. Der Startschuss! Er war an der Reihe! Trotzdem Kettrupp.nie gespielt hatte, empfäriet'er in ! diesem Augenblick den gleichen Schauer wie der Spieler, der «Va banque» ruft. Und trotz allem: eine selbstsichere Ruhe durchtränkte ihn; er würde es schon schaffen! " ' *"• ' ' " Er schaltete wie ein Fahrlehrer; wie er's als junger Mensch gelernt, wie er's geübt durch viele Jahre hindurch: Erster Gang; Gas — Kupplung; zweiter Gang; Gas — Kupplung; dritter Gang... Und dann auf dem dritten den Motor auf Touren geschraubt ...! Ja, es war schon eine Lust, diesen Wagen zu fahren, der auf den leisesten Druck reagierte! — Langsam, unaufhaltsam schier rückte die Nadel des Tachometers vor: 120 — 140 — 145 — 148... Jetzt kam die S-Kurve! Kettrupp brauchte gar nicht zu überlegen, die Bewegungen lagen ihm im Blut: Gasi weg; 'Kupplung; kleinen Gang — Bremse S Der Tachometer rückte von 110 auf 90, von 90 auf 65. Hochauf spritzte der Sand auf der rechten Seite... und schon ging es mit Vollgas weiter: 90 — 110 — 130... Und der Fahrer hatte nicht im geringsten das Gefühl, sich in Gefahr zu befinden. Vielleicht fuhr er ja ein wenig schneller als sonst, vielleicht sogar ein wenig waghalsiger. Aber dafür war ja die Bahn frei; kein Hindernis konnte, wie sonst auf der Landstrasse, unvermittelt auftauchen! Immer mehr steigerte er das Tempo, aber das Gefühl der Sicherheit blieb. Eigentlich hätte er sich ein Rennen aufregender gedacht. So etwa als ein Spiel mit dem Tode, als eine unerhörte Bewährung des Selbsterhaltungstriebes gegen ungeahnte Gefahren* Aber in der Wirklichkeit war alles viel einfacher: Ruhe, Ueberlegung, scharfes Abschätzen der Entfernungen, exakte Ausführung gewisser Griffe... War das wirklich alles? * Zu seinem Erstaunen sah Kettrupp ßlötzlich nach einer Kurve den Bugatti vor sich; auftauchen. War es so leicht, zu gewinnen? Näher und näher rückte er heran. Dass er in einer knappen Runde fast sechs Minuten Vorsprung aufgeholt hatte, kam ihm so unbegreiflich vor, dass er Verrat witterte: Was führte Borst im Schilde, dass er sich* anscheinend absichtlich besiegen Hess? Als er aber noch näher an den Bugatti herankam, konnte er hören, was los war: Borsts Motor war noch zu kalt; das gab Fehlzündungen, die donnernd im Auspuffrohr zerknatterten. Nun wäre Kettrupp beinahe übermütig geworden: So leicht war es ja, so einfachwap es, zu siegen! Wenn er wollte, konnte er den Bugatti jetzt schon überholen! — Doch die Vernunft siegte, und einer plötzlichen Eingebung folgend, beschloss er, zu warten, um seinen Gegner nervös zu machen; Er-gafc Signal; als "Volle er überholeni Borst drehte sich um. Als er den blauen Renner so nahe hinter sich sah, schaltete er den Kompressor ein und mit einem sichtbaren Ruck sprang der Bugatti vorwärts. «Ein vorzüglicher Wagen,» dachte Ketfrupp, «wirklich ein erstklassiger Wagen! Da muss man sich schon anstrengen, wenn man sich nicht glatt abhängen lassen will!» Nun kam die sechseinhalb Kilometer lang« Gerade, und in höllischem Tempo riss die entfesselte Technik die beiden Wagen vorwärts. 175 — 180 — 183 zeigte die Tachometernadel! Der Schuldige Von Traugott Erni. (1. Fortsetzung) Der Untersuchungsrichter antwortete apathisch, dass ich mich darob nicht aufzuhalten hätte, das seien Formalitäten, die man in solchen Fällen nicht umgehen könne. Darauf nannte ich sechzig Stundenkilometer. Ich hatte mich durch diese Prozedur schon bedeutend verspätet. Irgendwie kam mir die Gemütlichkeit des Richters auf die Nerven. Nach langem Stillschweigen erhob ich mich: «Wenn Ihnen meine Angaben genügen, Herr Untersuchungsrichter, erlaube ich mir, mich zu entfernen, ich habe es eilig!» «Sie haben es eilig?» sagte der Untersuchungsrichter. «Sie stehen dringend in Verdacht, den Mann selbst überfahren zu haben. Sie verstehen meine Offenheit. Es hat doch für Sie, da Sie es eilig haben, keinen Wert, dass wir Katze und Maus spielen. Wenn Sie mir die Wahrheit sagen, werde ich Sie sofort auf freien Fuss setzen, andernfalls müsste ich Ihnen Bedenkzeit einräumen!» Ich trat zurück. Vor meinen Augen brannte es. Wie besinnungslos glotzte ich den Untersuchungsrichter an. Die Tatsachen! Der Boden schwand unter meinen Füssen. Ich musste mich auf den Stuhl setzen. Ich wollte mich verteidigen, aber ich konnte nicht. Ich weiss nicht mehr, ob ich deshalb plötzlich so mutlos und niedergeschlagen war, weil der Untersuchungsrichter in mir einen Verbrecher sah. oder deshalb, weil mir wie ein fürchterlicher Schlag zum Bewusstsein kam, dass ich verloren war, dass ich kein Beweismaterial in Händen hatte, dass alles gegen mich sprach, dass ich ja nur log, um mich meiner Strafe zu entziehen. Anfänglich hatte sich innerlich alles gebäumt und aufgelehnt; Hass kochte in mir gegen diesen Menschen, der vor mir sass und in sich eine solche Vermutung trug. Aber den armen Familienvater fahrlässig getötet. jetzt war ich auf einmal müde. Diese traurige Ohne das Bewusstsein wieder zu erlangen,, Wendung, dieses unglaubliche, schreckliche ist er gestorben.» Ereignis, hatte mich gelähmt. Träumte ich oder hatte jemand zu mir gesprochen? War das nicht der Untersuchungs-i Endlich wurde ich abgeführt — ins Gefängnis. Aber dieser Gang erschien mir innerlich rächter, der dort sass? Oder war ich zu Hause und phantasierte? 'Schien nicht die Sonne nichts weniger als mühselig. Irgendwie hatte mich die jämmerliche Ironie zerbrochen. zum Fenster herein, oder war's nur eine Am andern Morgen sprach der Untersuchungsrichter von Betrunkenheit: «Sie mö- Und waren das schwarze Wände um mich? Strassenlampe? Oder sass ich im Zuchthaus. gen wohl ehrlich glauben, dass nicht Sie es Ich drohte zusammenzubrechen. Autos waren. Aber ich muss Ihnen sagen, dass Sie tanzten um mich. Der Untersuchungsrichter sich in einem bedauerlichen Irrtum befinden.» verschwand vor mir und tauchte wieder auf. Anklage auf Anklage flog mir ins Gesicht. Nicht aus dem Bedauern heraus, dass dieser arme Mann gestorben war, nicht weil Beweis über Beweis wurden mir entgegen geschleudert. «Sie sind ganz ein gefährliches mein Samariterdienst vergeblich, war ich so Individuum,» sagte der Untersuchungsrichter, traurig, sondern deshalb, weil damit mein einziger Zeuge und Fürsprech für immer mit der ausgestreckten Hand auf mich zeigend, «aber nicht nur das. Sie sind auch ein schwieg. gewiegter Verbrecher! Es ist geradezu himmelschreiend, wie Sie sich aus der schlimmen scharf zu reden, so wie man auf verstockte Der Untersuchungsrichter begann nun sehr Affäre zu ziehen gedachten. Sie sind ein Mörder. Sie sollen es endlich wissen. Sie haben stehe, müsste er sofort eine Einvernahme Sünder einspricht. Wenn ich nicht sofort ge- in Ci garet ten Virg inier

Nach kurzer Zeit begann Kettrupp seinen Verlust wieder aufzuholen: 186 — 188 — 189 — Jetzt kam die berüchtigt© Spitzkurve beim Försterhaus. «Gas weg!» dachte Kettrupp und im selben Moment hatte er den Fuss vom Gashebel genommen. Doch..., was war das...? Ein eisiger" Schreck durchzuckte ihn: mit unverminderter, ja mit gesteigerter Kraft flog der Wagen vorwärts! 190 zeigte bereits der Tachometer! Das Brummen der acht Zylinder Hess nicht nach! Und die gefährliche Kurve kam mit jedem Bruchteil einer Sekunde näher...! Im Nu hatte Kettrupp begriffen: eine Zehntelsekunde genügte und er wusste es: einer «der neuen Vergaser klemmte sich, war infolge der .ungeheuren Beanspruchung zu 'heiss geworden! Die Zeit hatte gefehlt, um Einen Moment, bitte! Einen Speziaipreis für Strandbadbilder haben wir für unseren photographischen Wettbewerb ausgesetzt. Bedingungen im Autler Nr. 67. genau einzuregulieren, und nun rächte es sich bitter: er konnte das Gas nicht mehr wegnehmen, er konnte nicht mehr langsam fahren. In dieser fast verzweifelten Lage fühlte Kettrupp, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Er hatte seine Geschwindigkeit aufs äusserste auskalkuliert: bis hart an die Kurve mit Vollgas; Gas weg; scharf abgebremst; umgeschaltet und mit Vollgas weiter! So hätte es sein sollen! Aber konnte er das jetzt noch wagen, nachdem der Vergaser defekt war? Das Wichtigste war doch, dass er sofort wieder Vollgas gab, sobald die Räder eingeschlagen waren. Aber zu riesengross klaffte der Schlund des Vergasers, der Motor würde die verstärkte Brennstoffzufuhr nicht bewältigen können! Mit zuviel Gas würde er nicht sofort wieder anspringen, und dann... dann würde die Schleudergefahr zu gross! Einfach anhalten? Unmöglich! Er hatte damit gerechnet, dass er mit etwa 65 Kilometern in die Kurve gehen würde. Und diese 65 Kilometer konnte er nicht auch noch wegbremsen! Er wäre glatt in die Menge der in ihrer Neugier vorwitzigen Zuschauer gefahren! Das Bild des Unglücks, der Katastrophe, die dann entstehen konnte, vermochte er nicht zu ertragen. Dann war es wohl besser... in Gottes Namen: die Zähne zusammengebissen, das Aeusserste gewagt und... hindurch! Mit ohnmächtiger Wut verkrampfte sich Kettrupp in sein Lenkrad. Gleich im ersten Moment, als sich der Defekt herausstellte, hatte er den Schaltschlüssel herausgerissen, und an den Explosionen, die aus dem Auspuffrohr sprühten, konnte er hören, dass der Zug nach vorwärts aufgehört hatte. Ruckweise war die Tachometernadel zurückgesprungen: 135 — 115 — 95... Als er an das Tempo dachte, kam es wie eine Erleuchtung über ihn: wenn der Motor wieder anspringen sollte, wenn er das todbringende Schleudern vermeiden wollte, dann durfte er nicht auf 65 heruntergehen! Für den vierten Gang war 80 gerade wenig genug... Das war die Rettung! Er musste es wagen...! Tief in die Polsterung hinein duckte sich Kettrupp, als es in die lebensgefährliche Kurve hineinging. Jetzt begann der Wagen zu schleudern... Nun die Zündung wieder eingeschaltet... Ein mattes Brummen ertönte ... Wohl nur eine Hundertstelsekunde lang dauerte es. Aber mit welchem Grauen, mit welcher Qual bangte Kettrupp: würde es der Motor packen? Schon lag er am äussersten Rande der Chaussee, schon rutschten die Vorderräder über die Kante der Böschung hinweg... Da... der Ruck nach rechts hörte auf... Es war überstanden! Zögernd und fast widerwillig griff Kettrupp nach dem Schaltschlüssel, aber er zog ihn doch nicht ganz heraus: Kaum, dass er ernstlich daran gedacht hatte, aufzugeben, verspürte er einen beklemmenden Druck in der Herzgegend. Er konnte ja gar nicht aufgeben, solange der Wagen noch lief! Er war ja selbst schuld an dem Defekt, weil er ja den Einbau der verhängnisvollen Vergaser verlangt hatte!... Sich selbst musste er es zuschreiben, wenn er den Wagen jetzt nicht mehr in der Gewalt hatte! «Gas, der Borst läuft uns ja davon! Geben Sie doch Gas! Vollgas!» Es war sein Beifahrer, der Monteur Albert, der Kettrupp aus seinen trübsinnigen Gedanken riss. Die erste Reaktion war unwillkürlich: Er trat auf den Gashebel, ohne zu bedenken, dass der Vergaser defekt war, dass er das Tempo gar nicht mehr mit dem Gashebel regulieren konnte!... Er dachte nicht mehr daran, dass er erst vor wenigen Sekunden die Zündung durch Herausziehen des Schaltschlüssels unterbrochen hatte! Erst nach einer Weile begriff er, warum es sich handelte. Und da geschah das Merkwürdige: er fing an zu lachen, zuerst gepresst, dann aber frisch und herzhaft... Der hatte also keine Ahnung, in welcher Gefahr er noch vor einer Minute- geschwebt hatte, dem war die Spitzkurve nicht gefährlich vorgekommen! Und mit einer Ruhe, die nach dem Heiterkeitsausbruch unheimlich wirkte, wandte er sich zu Albert: «Lass es gut sein! Den Vorsprung halben wiir bald aufgeholt!» Bei jeder Kurve kam das Gefühl der Unsicherheit wieder. Sobald Kettrupp den Schaltschlüssel herausgezogen hatte, überlief es ihn kalt. Nun aber, da er die Situation zu begreifen glaubte, ging er mutig dagegen an. Eine Hundertstelsekunde lang schloss er die Augen... Gerade lange genug, um das Hämmern des Herzschlages zu spüren, das im gleichen Rhythmus mit dem Motor zu pulsieren schien. Dann aber strafften sich seine Sehnen, und er packte mit wuchtigem Griff in die Lenkung. Schon über eine Runde lang' lag der Blaue dicht hinter dem Bugatti; nur noch die SpitzkuTve, und Borst hatte sein© Position behauptet! Aber die Spannung war für Kettrupp unerträglich geworden. Er wodlte es wissen, er wollte die Entscheidung, die Entscheidung um jeden Preis!... In rasendem Tempo flog der Wagen an die Spitzkurve heran; Meter um Meter verringerte (sich der Abstand von dem vor ihm liegenden Bugatti... AUTOMOBIL-REVUE 1929— N° 71 Da... ein vielhundertstimmiger Aufschrei Menge, die panikartig auf die Böschung flüchtete: Mitten in der gefährlichsten Kurve des ganzen Rennens hatte der Blaue den Bugatti überholt! Die höllische Schleuderkraft triss Kettrupps Wagen derart zur Seite, dass die Räder schneller ausscherten, als der Wagen überhaupt lief. Wie ein Kreisel drehte sich der Wagen um sich selbst: eine ganze und noch eine Vierteldrehung, 390 iGrad! Aber da fing er sich wieder und sauste mit donnerndem Knattern weiter! Erst weit hinter dem Ziel kam der Blaue zum Stehen, denn nur mit Mühe konnte Albert, der Monteur, Kettrupp davon überzeugen, dass das Rennen vorbei sei! Im Nu waren die Zuschauer gefolgt und eine begeisterte Menschenmenge drängte sich um den Sieger. Auch Dr. Hülsmann war zur Stelle. Ueber die Karosserie hinweg umarmte er Kettrupp: «So einen kühnen Fahrer wie Sie gibt es nicht wieder! Die hundert Mille gehören natürlich Ihnen; Sie sollten sie ja sowieso bekommen. Aber Borst hat es auch wirklich verdient, das Geld zu verlieren!» Kettrupp hatte noch nicht aufgehört zu staunen, als auch Borst zu ihm trat. Auf Gehässigkeiten gefasst, lehnte er sich zurück, musste aber zu seiner Ueberraschung vernehmen: «Alle Wetter, Kettrupp! Bei Ihnen kann man tatsächlich noch lernen! Ihre Schileudertechnik ist ja einfach fabelhaft! Ihren Sieg haben Sie redlich verdient und ich bin der erste, der Ihnen von Herzen dazu gratuliert!» (Ralph Andor in «Dresdener Neueste Nachrichten».) Der stolze Bohemien Eines Tages lächelte Henry de Groux, dem letzten grossen Bohemien und wahren Künstler des Montmartre, das langersehnte Glück: er erhielt den Auftrag, die Ausstattung eines Schlosses durchzuführen und gleichzeitig eine Summe von 30 000 frs. ausbezahlt. Er kehrte mit diesem Vermögen in der Tasche nach Paris zurück, ging, wie sein Freund Flisseau in einer Wiener Zeitung zu erzählen weiss, am Kai spazieren — leider nicht auf der Seite, Wo die Buchhändler sind, sondern auf der andern, wo die Antiquitätenhändler ihre Läden haben — und das war das Unglück. Vor jedem Schaufenster blieb er stehen und freute sich an den schönen Dingen, die es da zu sehen gab. Besonders von einem konnte er Auf schönen Touren sollte man nie seinen Photoapparat vergessen. Beteiligen Sie eich am Photowettbewerb der c Illustrierten Automobil-Revue »• Bedingungen im cAutler-Feierabend» Nr. 67 oder durch die Redaktion der cA.-R.>. Photographleren Sie? Einen iSpezialpreis für Tourenbilder haben wir für. unseren photographischen Wettbewerb ousgesetzL Bedingungen im Autler Nr. 67. sich nicht trennen, in dem eine entzückende Miniatur lag, die es ihm angetan hat. «Welche Feinheit, welche Anmut, welche Lieblichkeit liegt doch im Lächeln dieser Frau!» rief er aus. «Wie wundervoll muss es gewesen sein, sie gekannt zu haben! Oder, wenn man wenigstens dieses Bild sein nennen könnte!, Ach, warum bin ich nicht reich...!» Im nächsten Augenblick aber, als ob dieses Wort ihm erst, nachdem er es ausgesprochen, seine volle Brieftasche zum Bewusstsein gebracht hätte, fuhr er beglückt fort: «Aber ich bin doch reich! Wie konnte ich nur vergessen!» Er betrat also den Laden und fragte mit der Gleichgültigkeit eines reichen Engländers: «Was kostet diese Miniatur?» Der Händler sah den nicht sehr respektabel aussehenden Mann mit den ausgetretenen Schuhen, dem zu weiten Ueberrock und dem zerknitterten Hut geringschätzig an und sagte: «Das ist nichts für Sie. Dieses Bild ist sehr teuer.» Jetzt wurde de Groux rot. «Ich habe Sie nicht um Ihre Meinung, sondern um den Preis gefragt!» sagte er zornig. i«Also schön: 35 000 Francs, wenn Sie es durchaus wissen wollen», antwortete der Händler und schickte sich an, ins Nebenzimmer zu gehen. «Bitte, warten Sie gefälligst,» sagte de Groux. «Ich kaufe das Bild.» Zog seine Brieftasche, zählte dreissig Tausendfrancscheine auf den Tisch und sagte zu dem erstaunten Händler: «Entschuldigen Sie, ich habe nicht so viel bei mir. Akzeptieren Sie für den Rest einen Wechsel auf drei Monate?» Man kann sich denken, wie rasch der Händler ja sagte. De Groux unterzeichnete also das Papier, was ihm zehn Jahre seines Lebens vergiften sollte, nahm die Miniatur und trollte sich vergnügt wie noch nie heimwärts. Auf der Strasse bemerkte er plötzlich, dass er hungrig sei. Aber vergeblich drehte er seine Taschen um — kein Sou war darin l Eine Stunde lang irrte er herum, zwischen der Miniatur und dem Verlangen seines Magens schwankend, und es kam, wie es kommen musste: er unterlag. «Ich habe mich wenigstens eine Stunde lang am Besitz dieser Köstlichkeit erfreut», beruhigte er sich selbst, dann trat er in den Laden eines Trödlers und verkaufte ihm den Schatz um fünfzig Francs. Um nichts in der Welt wäre er zu dem Manne zurückgegangen, bei dem er das Bild gekauft hatte : er ging in das nächste kleine Wirtshaus, ass und trank, und nach dem vierten Glase begann er den fremden Tischgenossen einen Vortrag darüber zu halten, wie schrecklich das Leben und die animalischen Bedürfnisse seien, die einen zwingen können* eine herrliche Frau nach ein paar Stunden aufzugeben, weil man seinen Hunger stillen müsse... Gegenwart des Leichnams veranlassen. Ebenso die Rekonstruktion des Unfalls in der Nacht. Die Tatsache, dass ich den Schwerverletzten im Auto zum Arzt gebracht hatte zu einer Zeit, da gewisse Zweifel über den genauen Hergang nicht ganz unberechtigt waren, sprach schon als Gesamtes gegen mich. Ich war der Mörder. Unter dem Vorwande, den Verunfallten auf der Strasse bewusstlos gefunden zu haben, brachte ich ihn in die nächste Ortschaft, um ihm einerseits vielleicht noch das Leben zu retten und anderseits jeden Verdacht von mir abzulenken. Dieser Versuch war für den Kriminalisten zu durchsichtig. Es gab also keinen Ausweg mehr. Ich war überliefert. Ich hatte also verkehrt gehandelt. Ich hätte ihn liegen lassen sollen. Das wäre vielleicht weniger menschlich gewesen, aber weniger gefährlich. Der Umstand, dass ich den ganzen vorhergehenden Abend gefeiert hatte, erklärte alles. Man hatte mit einem hartnäckigen und verbissenen Lügner zu tun. «Wenn Sie wirklich glauben, dass ich den Tod dieses Menschen verursacht habe, so nehme ich das Urteil an.» Hatte ich das gesagt? Oder war es nur noch mehr ein böser Geist, der mein Fürsprech war? «Gut», sagte der Untersuchungsrichter; er fühlte meine heuchlerische Rede. Er war seiner Sache ganz sicher. Aber irgendwie musste ihn die Gelassenheit, in der ich das hervorbrachte, zum Nachdenken veranlasst haben. Nachher sagte ich ihm noch etwas ins Ohr. Ober war es wieder nur ein böser Geist? Der alte Herr lächelte kalt. Nein, meine drei Freunde von der Geburtstagsfeier konnten nicht Zeuge sein. Das hatte auch gar keinen Wert. Das war zu unwesentlich. Aber jetzt nannte ich die Wirtin, die doch hinter dem Büffet sass und grinste. Die musste es doch wissen, ob ich wirklich betrunken war oder nicht. Und dann... dann... der Mann in der Ecke, der eine Zeitung las und uns dann und wann zuhörte! Drei Tage darauf wurden die Wirtin und der Mann «in der Ecke» verhört. Aber die Wirtin wollte sich nur noch mehr an Roman Abt erinnern, der eine schwere Zunge gehabt hatte. Und der Mann «in der Ecke»? Der musste es noch wissen. Und wirklich, er wusste es noch sehr gut. Aber nicht nur das. Er wusste es auch besser als ich selbst. Sie seien alle vier unvernünftig betrunken gewesen, sagte er. Der Untersuchungsrichter trat hart auf mich zu. Mit seiner kleinen weissen Hand zeigte er auf meine Stirne. Er wollte sprechen, aber er brachte in der Erregung kein Wort hervor. Man führte mich ab. Der Fall war erledigt. Am andern Morgen wünschte ich den Untersuchungsrichter ein letztes Mal zu sprechen. Aber er kam nicht mehr. Er wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Seine Untersuchung war abgeschlossen. Die Akten waren im Besitze des Staatsanwaltes. Aber ich liess nochmals eindringlich bit- ten. Nach langer Zeit kam er. Es schien mir, er habe Mitleid, Bedauern. Ich sagte ihm wieder etwas. Er lachte laut und bitter. «Sind Sie von Sinnen?» brüllte er. Ich schütteltet traurig den Kopf. Ich dachte an meine Angehörigen, an meine Freunde, mein Leben. Ich war vernichtet. Und meine Angehörigen dazu. Schatten erschienen an den Wänden und warfen mich zu Boden. Ich war der Raserei nahe. Drei Tage nachher stand der Name dea Untersuchungsrichters gesperrt in der Zei-i tung. Es war ihm gelungen, einen raffiniertem Fang zu tun. Der junge Mann aus der ent-< fernten Stadt wurde aus der Haft entlassen- Der Schuldige war der Mann «in der Ecke».. Er hatte sich in einem stundenlangen Kreuzverhör, ein richterliches Meisterstück, verra-* ten. Das Unglück hatte sich zwei Minuten vor meinem Hinzukommen ereignet. Aber der Automobilist war in der Nacht davongefahren... r (Fortsetzung folgtJ