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Ättis 95-Geburtstag

Ättis 95-Geburtstag

Ättis

Ättis 95. Geburtstag Grossvater laut. Liefere nid lafere. Werner kommt mit einer Kiste Wein und der Geburtstagstorte. Er stellt die Torte vor den Grossvater, zündet die Kerzen an, bläst die Kerzen aus. Ig ha dänkt, me chönnt se de mau verschnide. De isch de när alles gfrässe. Eveline Flötle hani gseit, Sheila, tue jetz flötle. Sheila spielt auf ihrer Blockflöte, falsch wie der Teufel. Grossvater sehr laut. Gopferdami nomal, hört das wohl uf mit däm gottverdammte Lärm? Ufhöre jetz, sofort, das git ä Rapport, ä Rapport, verstande? Das isch hie ke Chindergarte, sondern dr Ärnschtfall, verstande? Drü Tag Scharfe git das, verstande? Kompagnie halt! Istah! Usrichte! Linksum! Einerkolonne! Abmarsch! Rueh dert hinde… Flaschen-Tanz: Mit jedem Befehl des Grossvaters reicht Werner eine Flasche aus der Kiste an die am Tisch Sitzenden weiter. Die Flaschen wandern von einer Person zur nächsten, bis vor allen eine volle Flasche Wein steht. Clemens klopft an eine Flasche, erhebt sich und gibt seiner Sprachlosigkeit wortgewaltig Ausdruck. Grossvater und Werner schlafen während der folgenden Rede ein. Sehr schön. Vielen herzlichen Dank. Es ist mir eine Freude und eine Ehre, mich hier in dieser festlichen Runde zu einem Toast aufgefordert zu sehen, wiewohl ich nicht blind bin für die Tatsache, dass es eine von nicht ganz unheiklen Verunreinigungen nicht ganz freie Verpflichtung bedeutet, den Wunsch nach einer kleinen Tischrede im Kreise hochgeliebter Menschen an sich herangetragen zu wissen. Zu meinem grossen Glück haben meine Vorrednerinnen und Vorredner mit ihren Toasts die Spur aber schon gezogen und mich um die Bürde erleichtert, die ein Entscheid darüber, auf welchem thematischen Terrain und mittels welcher stilistischer Mittel ich mein Wort © Teaterverlag Elgg in Belp. Kein Bearbeitungs- und Kopierrecht. Kein Aufführungsrecht. - 29-

erheben soll, allemal bedeutet. Hans-Ueli hat uns seine Botschaft übergeben, von Jean-Pierre wissen wir, dass er kandidiert, von Eveline, dass sie sich scheiden lässt, von Vater, dass er Frau Marti liebt, von Frau Marti, dass sie sich gut amüsiert, von Mutter, dass sie säuft und es im Bett gerne brutal hat. Ich möchte hier an die Offenheit und den persönlichen Ton von Hans-Ueli, Jean-Pierre, Eveline, Vater, Frau Marti und Mutter, der sich in ihren in bekenntnishafter Manier schimmernden Worten, deren Klang uns einen schwebenden Augenblick lang tief in uns hineinhorchen liess, so offenherzig manifestierte, mutig anschliessen und auch mein Seelenkästlein eine Spalte breit öffnen. Und was findet sich darin? Worte. Viel Ungesagtes. Seit zwanzig Jahren hätte ich dringend etwas zu sagen. Oft kitzelten mir die Wörter auf der Zunge, formten die Lippen schon eine Silbe, dann hiess es wieder „Ä Guete“. Und ich ass, bemerkte meinen Riesenhunger, leerte den Teller, schöpfte nach und vergass, was ich sagen wollte. Das Essen legte sich schwer auf meinen Magen, drückte mich auf den Stuhl und mir wurde schlecht, weil etwas nicht gesagt war. Was aber war dies? Manchmal rumpelten Worte durch meinen Leib, die waren wie Äxte, die einen Wald umlegen. Sie arbeiteten sich hoch aus dem Magendschungel und rodeten die Speiseröhre, sie kappten das Gaumensegel, schabten den Belag von der Zunge, hangelten über den Kiefer, schlugen ihre Schneide in zartes Lippenfleisch: Ä Guete, zum Wohl, Prost. Clemens schiesst mit der Pistole auf Vater und Mutter – ohne sichtbare Wirkung allerdings. Werner im Schlaf. Susanne, jetzt git’s de grad d Geburtstagsturte. Grossvater ergreift im Schlaf die Hand von Susanne. Hesch ghört Marie, es het no Turte. © Teaterverlag Elgg in Belp. Kein Bearbeitungs- und Kopierrecht. Kein Aufführungsrecht. - 30-

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