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architekturonline.com

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FACHMAGAZIN

WISSEN, BILDUNG, INFORMATION FÜR DIE BAUWIRTSCHAFT

Erscheinungsort Perchtoldsdorf, Verlagspostamt 2380 Perchtoldsdorf. P.b.b. 02Z033056; ISSN: 1606-4550

Architektur für

die Zukunft


architektur PEOPLE

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Stephan Ferenczy von BEHF

A place

to retreat.

NEU

Showroom Wien Gumpendorfer Straße 15 / 9 1060 Wien

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Die Office Cube-Lösung

für offene Bürolandschaften.

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Intro

Architektur für

die Zukunft

Bei der Gestaltung der Zukunft weist die Gesellschaft

eine nahezu unüberschaubare Menge an Erwartungen

und Aufgaben der Verantwortung der Architektur und

damit den in diesem Bereich handelnden Personen zu.

Dass diese Gruppe diesen Anforderungen im richtigen

Rahmen gerecht werden kann oder könnte, zeigen

weltweit viele recht unterschiedliche Umsetzungen: Die

Bauschaffenden können bewiesener Maßen ökologisch,

nachhaltig, umwelt- und ressourcenschonend, energiesparend,

für Generationen flexibel, sozial verträglich,

optisch ansprechend und noch vieles mehr – und das

alles auch noch zusammenhängend – planen und bauen,

wenn man sie nur lässt und diese Eigenschaften auch

fordert und forciert.

Unsere heutige Gegenwart ist (war) die Zukunft früherer

Generationen – also gestalten wir heute die spätere Gegenwart

unserer Kinder und Kindeskinder. Grund genug

also, sich mit dem Thema Zukunft in unserem Wirkungsbereich

auseinander zu setzen und zu fragen: Was hat

die Architektur eigentlich von der Zukunft und umgekehrt

zu erwarten. Diese Fragen bilden das Leitthema

dieser Ausgabe von architektur PEOPLE.

Auf Projektberichte haben wir „PEOPLE-like“ wieder

verzichtet und dafür eine Reihe von interessanten Menschen

zu Wort kommen lassen. Von ArchitektenInnen

unterschiedlicher Generationen und Spezialisierungen

über Architektur-Professoren und prämierte Designer

bis zum Landschaftsvisionär oder Immobilienspezialisten

– in Statements und Interviews weisen sie uns auf

den folgenden Seiten ihren Weg in die Zukunft.

Lesen, reflektieren und selber gestalten!

Die Zukunft ist wie immer schon Herausforderung und

Chance zugleich.

Walter Laser

Coverbild:

© Snøhetta / Filippo Bolognese

Original auf S. 30

MEDIENINHABER UND HERAUSGEBER Laser Verlag GmbH; Hochstraße 103, A-2380 Perchtoldsdorf, Österreich

CHEFREDAKTION Ing. Walter Laser (walter.laser@laserverlag.at) REDAKTION Alexandra Ullmann, mag. arch. Peter Reischer, Mag. Heidrun Schwinger

GESCHÄFTSLEITUNG Silvia Laser (silvia.laser@laserverlag.at) MEDIASERVICE Nicolas Paga (nicolas.paga@laserverlag.at) Tel.: +43-1-869 5829-14

GRAFISCHE GESTALTUNG Andreas Laser WEB Michaela Strutzenberger DRUCK Bauer Medien & Handels GmbH


architektur PEOPLE

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Inhalt

Den sozialen Wiener Wohnbau

in die Zukunft führen

Statement von Stadträtin Kathrin Gaál

Doch einer der Großen

Interview mit Architekt Heinz Neumann

Antworten auf anstehende Energiefragen geben

Statement von Univ. Prof. Brian Cody

Das Ausgleichen von kompakten Wohnungen

Interview mit Architektin DI Katharina Bayer

Der Sprung der Fünfzig

Interview mit Univ.Prof.Arch.Mag. Gerhard Steixner

Architektur ist immer Zukunft!

Interview mit dem Zukunftsforscher Franz Kühmayer

Architektur der Zukunft – Zukunft der Architektur

Statement von Arch. DI Arkan Zeytinoglu

Die wahren architektonischen

Fragestellungen beantworten

Interview mit Architekt Patrick Lüth

Zukunft der Architektur und digitale Städte

Statement von Landschaftsarchitektin

Prof. DI Maria Auböck

Bauen als Ausdruck der Gesellschaft

Interview mit Architekt Dieter Blocher

Design auch wieder aus der Welt schaffen

Interview mit Designer Dr. Harald Gründl

Die Nähe wiederentdecken

Interview mit dem Verkehrsplaner DI Helmut Koch

Architektur und Vermarktung

Interview mit Ing. Mag. (FH) Peter Weinberger,

GF Raiffeisen Immobilien

Die Architektur hochhalten

Interview mit Architekt Mag. arch. Martin Kohlbauer

Vegetation in der Stadt von morgen

Interview mit Gartenarchitekt Mag. DI Markus Meyer

Zeitlos und energieautark

Interview mit den Architekten

DI Andrea und DI Dr. Herwig Ronacher

Mehr als die einzelnen Teile

Interview mit den noa* Architekten

Stefan Rier und Lukas Rungger

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Inhalt

„Die Zukunft hat

jedenfalls schon begonnen.

Genau jetzt.“

sagt unser Gründer und Weichensteller Dr. Werner Siblik

Siblik SmartHome

Jedes Zuhause ist anders. Jedes Büro und jeder

Zweckbau auch. Denn Architektur, Ausstattung und

Funktion folgen bestimmten Vorlieben und Maßgaben.

Verwirklichen Sie Ihre eigene Idee von Komfort, Effizienz

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architektur PEOPLE

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Stadträtin Kathrin Gaál

Den sozialen Wohnbau

in die Zukunft führen

Statement von Stadträtin für Wohnen, Wohnbau,

Stadterneuerung und Frauen, Kathrin Gaál

Seit Mai 2018 ist Kathrin Gaál amtsführende

Stadträtin für Wohnbau, Stadterneuerung

und Frauen in Wien. Die soziale Nachhaltigkeit

von neuen Wohnbauprojekten liegt ihr dabei

besonders am Herzen.

Für mich stehen Architektur der Zukunft

und Zukunft der Architektur ganz im Zeichen

der großen, erfolgreichen und kontinuierlich

fortgesetzten Tradition des sozialen

Wohnbaus in Wien. Schon in der Zeit des

,Roten Wien‘, der Geburtsstunde der Wiener

Gemeindebauten vor 100 Jahren, war es der

Anspruch, möglichst vielen Menschen ein

sicheres und schönes Zuhause zu ermöglichen.

Grünräume, eine gute Infrastruktur,

gemeinschaftsfördernde Einrichtungen – all

das wurde damals bereits mitgedacht.

Wien hat das soziale und leistbare Wohnen

ständig ausgebaut – mit rund 220.000 Gemeindewohnungen

und fast noch einmal so

vielen geförderten Wohnungen genießt unsere

Stadt heute Weltruf. Gerade in Zeiten, in

denen Städte vor massive Herausforderungen

gestellt werden, steht Wien damit auch

im Bereich des Wohnens auf einem sehr soliden,

trag- und zukunftsfähigen Fundament.

Wien kann auf bewährte Partnerschaften

mit hervorragenden Architektinnen und Architekten

und Bauträgern, die im sozialen

Wiener Wohnbau tätig sind, zählen. Sie führen

den sozialen Wohnbau gemeinsam mit

der Stadt in eine Zukunft, in der die Architektur

den baulich-gestalterischen Rahmen

für ein sozial sicheres und selbstbestimmtes

Leben im 21. Jahrhundert schafft.

Mein Bezug zur Architektur und insbesondere

zur Zukunft der Architektur ist eng

mit den Kernthemen meines Ressorts verknüpft:

dem leistbaren Wohnen und dem

Ziel, verstärkt Wohnmodelle anzubieten, die

den Bedürfnissen und Chancen von Frauen

entsprechen.

© David Bohmann / PID

Dabei ist es mir ein Anliegen, den Nutzerinnen

und Nutzern und insbesondere Frauen

und Seniorinnen und Senioren in den verschiedensten

Lebenslagen alltagsgerechte

Lösungen zur Verfügung zu stellen. Dazu

zählt auch ein gebautes Umfeld, das Bewohnerinnen

und Bewohnern die Bewältigung

des Alltags und die Teilnahme an sozialen

Netzwerken erleichtert. Ich habe deshalb im

vergangenen Jahr, gleich zu Beginn meiner

Tätigkeit als Wohnbaustadträtin, ein neues

Wohnungsprogramm für Alleinerziehende

ins Leben gerufen. Zusammen mit der

Steigerung des besonders kostengünstigen

Wohnungsangebots – der SMART-Wohnungen

– sowie 4.000 neuen Gemeindewohnungen

hat die Stadt wichtige Schritte für

eine gute und leistbare Wohnzukunft der

Wienerinnen und Wiener gesetzt.

Die Architektur steht aber nicht nur vor

Aufgaben wie einer zunehmend vielfältigen

Gesellschaft, sondern auch vor klimatischen

und technischen Herausforderungen, die

sie integrieren muss. Hier geht es meines

Erachtens einerseits darum, umweltschonende

Verfahren und Abläufe kreativ zu entwickeln

und umzusetzen, aber andererseits

auch auf Altbewährtes, wie z.B. den außenliegenden

Sonnenschutz, zurückzugreifen.

Wir wollen, insbesondere auch mit dem Einsatz

unserer Wohnbauförderung erreichen,

dass die Wienerinnen und Wiener, egal, in

welchem Familienstand und Alter sie sich

befinden, ein Zuhause haben, auf das sie

sich verlassen können. Das stellt eine große

Herausforderung für die Architektur

dar, weil nicht nur die Wohnungsgrundrisse

zählen, sondern das ganze Viertel oder

Grätzel in der Lage sein muss, ein solches

Zuhause-Gefühl zu vermitteln.

Die Fachleute haben uns gezeigt, dass der

Einsatz moderner Technologien und die

Nutzung der Vorteile der Digitalisierung

Möglichkeiten darstellen, mit denen wir

auch in Zukunft den geförderten Wohnbau

auf qualitativ hohem Niveau weiterentwickeln

können. Wir wissen, dass die Umsetzung

des neuen sozialen Wohnens und

die bauplatzübergreifende Organisation

von sozialen Angeboten in Quartieren gute

technische Hilfsmittel benötigen, die seitens

der digitalen Welt angeboten werden.

Mit der „IBA_Wien Neues Soziales Wohnen“

setzen wir als Stadt und insbesondere als

Ressort für Frauen und Wohnen auch in diese

Richtung ein starkes Zeichen.

Wohnbaupolitik ist für mich eine große

Leidenschaft. Denn ich bin zutiefst davon

überzeugt, dass leistbares und lebenswertes

Wohnen ein Grundrecht ist. Gemeinsam

mit unseren Architektinnen und Architekten

die einzigartige Erfolgsgeschichte des

sozialen Wiener Wohnbaus in die Zukunft

zu führen, ist für mich eine ehrenvolle und

wunderschöne Aufgabe.


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ICH KANN

MICH NICHT

UM ALLES

KÜMMERN.

DI Anna Detzlhofer und DI Sabine Dessovic

ABER

WIR!

Wir sorgen dafür, dass Ihre großen Visionen nicht an kleinen

Details scheitern. Dafür garantieren unsere Komplettlösungen

von der Planung über das Projektmanagement bis hin zur

Bauausführung. In uns haben Sie 1 Ansprechpartner bis zur

schlüsselfertigen Übergabe.

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architektur FACHMAGAZIN

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Heinz Neumann

Doch einer

der Großen

Interview mit Architekt Heinz Neumann

© HNP

Einer der bekanntesten österreichischen (Wiener) Architekten ist Heinz Neumann. Er kokettiert zwar gerne damit, kein sogenannter

Stararchitekt zu sein, macht das aber so offensichtlich, dass man um ihn nicht herumkommt. Er hat mittlerweile zwei

Partner (Arch. DI Florian Rode und Arch. DI Oliver Oszwald) und das Architekturbüro firmiert unter HNP architects. Auf der

Homepage ganz oben steht der Slogan: „Wenn Sie über Architektur sprechen wollen ... rufen Sie uns an.“ Sinngemäß auch

auf englisch: „If you want to talk about architecture ... contact us.“ Peter Reischer folgte dieser Aufforderung und führte mit

Architekt Heinz Neumann in einem wunderschön revitalisierten Backsteinbau in Wien Döbling folgendes Gespräch.

Herr Architekt Neumann, hat die

Architektur eine Zukunft?

Eine stehende Redewendung von mir

ist: „Architektur ist ein Spiegelbild

der Gesellschaft.“ Das ist die Realität

und jeder, der daran vorbeibaut,

kann zwar sehr berühmt werden, ist

aber ein dürrer Ast.

Dann will ich meine Frage präzisieren:

Was haben wir jetzt für eine Gesellschaft

und was haben wir für eine

Architektur?

Wenn ich jetzt sehr kritisch bin, dann

sage ich: Wir haben eine Gesellschaft

ohne Werte. Wir haben weder ein

sinnvolles Geld – das wird ständig

abgewertet, noch haben wir Moralbegriffe

wie Treue, Tapferkeit, Mut

usw., die existieren in der heutigen

Zeit nahezu nicht mehr. Wenn Sie

die Aufsätze von Solschenizyn lesen

– er hat in einem kommunistischen

Land gelebt und die westliche Welt

beurteilt – da kommt das klar zum

Ausdruck. Sieger ist der, der sich die

besten Rechtsanwälte leisten kann

und das ist ein trauriges Zeichen.

Welche Architektur ergibt sich aus

dieser Festsetzung? Eine Gesellschaft

ohne Werte, bedingt das auch

eine wertelose Architektur?

Wir haben eine sehr gleichförmige

Architektur, die sich leider internationalisiert

hat, aber das Wunderbare

an den alten Bauwerken ist ja das

Lokalkolorit. Wenn ich mir die Bauten

in der islamischen Welt anschaue,

sprechen die eine andere Sprache

als die Bauwerke, die bei uns stehen.

Französische, deutsche, italienische,

englische Architektur war immer ablesbar,

das ist heute alles zu einem

Einheitsbrei geworden.

Der Architekt Richard Meyer (der sicher

ein großartiger Architekt ist) ist

international ablesbar, er baut seine

weiß gekastelten Häuser in Frankfurt,

in Hongkong, in Amerika und

überall gleich. Es kann doch nicht


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Heinz Neumann

sein, dass jeder Bauplatz die gleiche

architektonische Antwort verdient.

Meyer würde das wahrscheinlich mit

seiner individuellen architektonischen

Sprache begründen?

Ja, das ist eine Antwort, aber ob das

eine sinnvolle Vorgangsweise ist, das

stelle ich infrage. Ich kann nicht im

Hochgebirge eine Flachdachkiste

aus weißem Blech hinstellen und sagen:

Das ist Architektur!

Sie sagen, die Architektur ist nicht

mehr ablesbar. Wenn sie nach China

schauen, dann weiß man bei den

Bauten der sogenannten Stararchitekten

nicht mehr, ob es sich um ein

Museum, einen Bahnhof, ein Kunstoder

Sport- oder Shoppingzentrum

oder um einen Flugplatz handelt.

Jetzt frage ich Sie, ob dieser Architekturexport,

den der Westen in

die Ostländer und die sogenannten

Entwicklungsländer betreibt, nicht

ein Fortschreiben eines Kolonialisierungsgehabes

ist?

Im Zuge der Globalisierung wird

man das schwer kritisieren können.

Wir sind uns ja in allen unseren gesellschaftlichen

Ausprägungen sehr

ähnlich geworden. Ob das jetzt die

Kleidung oder unser Gehabe oder

die Architektur ist.

Ich will da eine kleine Anekdote erzählen.

Es gab einmal einen skandalösen

Wettbewerb: Der Prado hatte

eine Umgestaltung des Museums

ausgeschrieben und da haben sich

900 internationale Architekten beworben.

Ich bin natürlich auch ins

Flugzeug gestiegen und hingeflogen,

beim Besuch des Prados traute

ich meinen Augen nicht. Rund herum

hat es von lauter schwarz gekleideten

Männlein und Weiblein mit Umhängetasche

und Fotoapparat gewimmelt

– eben lauter Architekten.

Die Menschen fahren nicht nach

Bilbao um Bilbao zu sehen, sondern

weil dort Frank Gehry das Guggenheimmuseum

gebaut hat. Trägt also

die Architektur zu einem Verlust der

Orte bei?

In diesem Fall stimmt das, weil die

Stadt durch diese Architektur zerstört

worden ist. Das Museum steht

wie ein Flugzeugträger in einem kleinen

Küstenhafen da.

Sehen Sie bei so einer internationalen

Stararchitektur noch einen Konnex

zum Menschen?

Nein, der ist nicht vorhanden.

Wie stehen Sie dem Starkult um die

Architekten gegenüber?

Ich will da nicht das eigene Nest

beschmutzen, es ist ja schön als

Architekt hervorzutreten und etwas

Sinnhaftes, Ästhetisches, etwas

Finanzierbares – wo der Bauherr

nicht in den Konkurs geht – zu entwickeln.

Bei Zaha Hadid, die eine Bibliothek

gebaut hat, bei der man im

Seitenschritt über die Stiege gehen

muss, weil sie so schräg ist – da werde

ich sehr nachdenklich.

Können wir nochmals zum Ausgangspunkt,

zur Zukunft der Architektur

zurückkehren?

Die Zukunft können wir nicht voraussagen,

nicht die Architekten machen

die Architektur – der Architekt erfindet

ja kein Großraumbüro. Das ist

ein Gedanke, der aus dem Wunsch,

möglichst wenig Bürofläche den Mitarbeitern

zur Verfügung zu stellen,

entstanden ist.

Das ist der Maximierungszwang, unter

dem unsere Gesellschaft leidet.

Das ist es! Nicht der Architekt entwickelt

neue Fassadensysteme, die Industrie

und die Wirtschaft sind das.

Wir benutzen diese Produkte nur, die

Ressourcen werden immer geringer,

wir verbrauchen so viel Sand für Betonerzeugung,

dass weltweit bereits

eine Sandknappheit entstanden ist –

da liegen die Fragen der Zukunft. Die

Architektur ist wie eine Pflanze, sie

wächst mit einer Selbstverständlichkeit

mit der Industrie und der Wirtschaft,

Auswüchse verdorren eben.

Eine Maxime von mir ist eine „Architektur

der Selbstverständlichkeit“.

Was definieren Sie als Kriterien für

diese „Selbstverständlichkeit“?

Keine unnötigen bautechnischen

Kunststücke, keine mutwillige Farbgebung,

keine sinnlosen Details ...

kein Krampf. Die Finanzierbarkeit,

die Bauzeit und die Akzeptanz durch

die Menschen. Diese „Wundergebäude“

(der Stars) werden oft von den

Menschen gar nicht akzeptiert.

Der Office Park

4 am Flughafen

Wien ist in puncto

Nachhaltigkeit

ein Vorzeigeprojekt

von HNP

architects.


architektur PEOPLE

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Heinz Neumann

Beim gesamten

Bauvorhaben

ist die TU Wien

von Anfang an

eingebunden um

einen schonenden

Umgang mit

Ressourcen zu

sichern.

Würden Sie als Kriterien auch die

Nachhaltigkeit nennen?

Ein wunderbares Beispiel ist die Nachhaltigkeit,

das hat man vor 20 Jahren

nicht berücksichtigt. Damals hat man

über die Wiederverwendbarkeit eines

Bauwerkes oder der Materialien nicht

nachgedacht. Heute muss ich nachdenken,

ob es in 10 Jahren noch Sand

zum Betonieren geben wird – das sind

die Dinge, die Architektur heute und

morgen ausmachen.

Gibt es aus Ihrem Portfolio ein Beispiel,

bei dem Sie eine größtmögliche,

erreichbare Nachhaltigkeit konstatieren

würden?

Ja, das ist im Moment im Bau und es

ist der Office Park 4 am Flughafen

Wien. Für den Betrieb lässt sich jetzt

schon eine Reduktion des CO 2 -Ausstoßes

auf 70 Prozent prognostizieren.

Bei dem ganzen Bauvorhaben ist

die TU Wien eingebunden, um vorbildhaft

einen schonenden Umgang

mit der Energie und den Ressourcen

sicherzustellen. Das wird ein Vorzeigeprojekt!

Wie sieht es mit der sozialen Komponente

der Selbstverständlichkeit der

Architektur aus?

Wenn die Architektur selbstverständlich

ist, ist sie menschlich

und hat Maßstäbe, die der Mensch

akzeptiert. Ein Bau, wie das T Center

in St. Marx (von meinem Freund

Domenig) ist maßstabslos, diese gigantischen

Hallen kann ich bei einer

Kirche, aber nicht bei einem Bürogebäude

machen.

Das ist aber auch das, was Sie zuerst

gesagt haben, ein Spiegelbild

unserer Gesellschaft: Maßlosigkeit.

Ist das nicht eine sehr bedauerliche

Entwicklung?

Ja, das ist es!

Wie können wir angesichts der Tatsache,

dass der sogenannte Welterschöpfungstag

(Earth Overshoot

Day) heuer schon am 29. Juli war,

wir also noch ein halbes Jahr vor uns

aber keine erneuerbaren Ressourcen

mehr zur Verfügung haben – überhaupt

noch Architektur machen,

noch Bauen?

Ich glaube, dass wir den Menschen

in seinem Gehaben kaum verändern

können. Der Mensch ist ein Irrläufer

der Evolution. Er hat mit jeder Maßnahme,

die er gesetzt hat, eigentlich

mehr zerstört, als er repariert hat.

Deshalb wird unser Aufenthalt auf

dieser Kugel ziemlich endlich sein. Wir

gehen sehenden Auges diesen Weg.

Die Politiker sollten hier regulierend

eingreifen und nicht im Brustton der

Überzeugung die abermalige Steigerung

des Bruttosozialproduktes

verkünden. Wir als Wähler sind auch

schuld, weil wir voll narkotisierte Bewusstseinsbankrotteure

wählen, die

dann nichts anderes im Kopf haben,

als die permanente, sich perpetuierende

Machtausübung. Statt zu tun,

was dem Volk zugute käme.

Was meinen Sie im Hinblick auf die

Bildungspolitik, die ja diese Entwicklung

mitverursacht. Sollte die Architektur

nicht als Fach in den Schulprogrammen

verankert werden?

Ja, unbedingt!

Wo würden Sie sich als Architekt,

stilmäßig einordnen?

Darüber habe ich nicht nachgedacht.


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Heinz Neumann

LINDNER AUSTRIA

INNENAUSBAU LIEGT IM DETAIL

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Die Lindner GmbH beweist Qualität im Detail, z. B. als Komplettanbieter für den Innenausbau und bei individuellen

Projektlösungen für Aufträge in ganz Österreich. Das Raum-in-Raum System Lindner Cube ist ein autarkes, in sich

abgeschlossenes Raumsystem, das im Open-Office die nötigen Rückzugsorte bietet. Für ein rundum besseres Gefühl

in jedem Raum.

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architektur PEOPLE

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Univ. Prof. Brian Cody

Antworten auf anstehende

Energiefragen geben

Statement von Univ. Prof. Brian Cody

Ab 2020 muss laut EU-Richtlinie jeder Neubau in

Europa als „Nearly-Zero-Energy-Building“ gebaut

werden. Das ist ein Anfang. Die beschlossenen Ziele

hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung sind

damit alleine natürlich nicht zu erreichen. Vielmehr

bedarf es einer radikalen Umstrukturierung unserer

physischen Infrastruktur; wir müssen die Stadt als

System neu denken. Mit einer bloßen Optimierung

der bestehenden Strukturen werden wir die notwendige

Halbierung unseres derzeitigen Energiebedarfs

in Europa nicht erreichen.

Gebäude stellen jedenfalls bei Weitem den größten

Energieverbraucher der technischen Infrastruktur

unserer Gesellschaft dar und bilden somit einen großen

Teil des Problems ab. Architektur kann damit ein

Großteil der Lösung sein. Alte Architekturkonzepte

mit Wärmedämmung und Fotovoltaik-Paneelen zu

bekleiden, löst das Problem jedoch nicht. Die Architektur

muss architektonische Antworten auf die anstehenden

Energiefragen liefern.

Gebäudeplaner haben sich bisher vorwiegend damit

beschäftigt, die Schutzfunktionen der von ihnen

entworfenen Gebäude zu optimieren. Alleine

die Begriffe, welche im Bauwesen heute verwendet

werden, zeigen die Denkweise des verfolgten Ansatzes:

Wärmedämmung, Sonnenschutz, Windschutz,

Dampfbremsen etc. Es ist an der Zeit, einen Paradigmenwechsel

im Denken und Handeln zu vollziehen –

statt immer effektivere Schutzmaßnahmen gegen die

natürlichen Kräfte, warum diese Kräfte nicht nutzen?

Statt darauf zu fokussieren, wie der negative Impakt

des entworfenen Gebäudes auf die Umgebung minimiert

werden kann, sollten wir versuchen, seinen

positiven Impakt zu maximieren – Gebäude, welche

nicht nur nehmen, sondern auch geben!

Das Energiekonzept für das neue „Science and Technology

Museum“ in Xingtai, China, das wir in Zusammenarbeit

mit dem Architekturbüro Coop Himmelb(l)au

entwickelt haben, zeigt den Ansatz von

„Buildings which give“. Der Entwurf hat den internationalen

Wettbewerb für den neuen Museumsbau

im vergangenen Sommer gewonnen und beinhaltet

eine Vielfalt von passiven und aktiven energetischen

Strategien, welche den thermischen Komfort und

die Luftqualität für Besucher und Angestellte bei

gleichzeitig minimiertem Energiebedarf optimieren.

Das Konzept geht jedoch weit darüber hinaus und ist

weitaus ambitionierter als die bisher bekannte energieeffiziente

Gebäudeplanung.

Xingtai, mit einer Bevölkerung von über 7 Millionen

Menschen, gilt als die am stärksten luftverschmutzte

Stadt in einem Land, das infolge des Industrieausmaßes

und der in den letzten Dekaden rasanten

wirtschaftlichen Entwicklung mit starken Luftverschmutzungsproblemen

in den meisten seiner vielen

Städte und Metropolen kämpft. Das Ziel bei unserem

Konzept war, über die Systemgrenzen des Gebäudes

hinaus zu gehen und das urbane Mikroklima und die

Luftqualität in der unmittelbaren Umgebung des Gebäudes

zu verbessern. Das Gebäude leistet dabei einen

wichtigen Beitrag zur Qualitätsverbesserung der

Luft in seiner Umgebung. Ein Gebäude, das gibt und

nicht nur nimmt. Das entwickelte Konzept zeigt, wie

individuelle Gebäude einen Beitrag zur Optimierung

des Gesamtsystems Stadt leisten können.

Der Gebäudeentwurf sieht eine vertikale Schichtung

der Nutzungen vor, bei der esich in begrünter großzügiger

öffentlicher Außenraum im Zentrum des Gebäudevolumens

befindet. In einem nahegelegenen

Park haben wir zwei hohe Türme geplant, welche die

vorherrschenden Winde einfangen und mithilfe von

Niedrigdruck-Axialventilatoren die Luft anschließend

in einem unterirdischen System von Erdkanälen

durchleiten, wobei sie mittels Luftwäscher und einem

Niedrigdruck-Luftfiltersystem von der atmosphärischen

Luftverschmutzung gereinigt wird. u


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Univ. Prof. Brian Cody

Als Universitätsprofessor am Institut für Gebäude

und Energie an der TU Graz setzt Brian Cody seinen

Schwerpunkt auf die Maximierung der Energieperformance

von Gebäuden und Städten. Auch einer breiteren

Öffentlichkeit möchte er die Thematik mit seinem

Buch „form follows energy“ näher bringen.

© Hatice Cody


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Univ. Prof. Brian Cody

Nachdem die Luft gereinigt und durch das Erdreich

temperiert wird, tritt sie durch „Luftbrunnen“ im

zentral gelegenen öffentlichen Außenraum ein, wo

sie zur Schaffung eines angenehmen Mikroklimas

und verbesserten Luftqualität beiträgt. Von hier aus

strömt die Luft hinaus in die Gebäudeumgebung.

Die Energie, die benötigt wird, um dieses Luftreinigungssystem

zu betreiben, liefern großflächige

solare Module, welche im Gebäudedach und in den

Turmoberflächen integriert sind. Mittels integrierter

Mediasysteme in den Fassaden der Türme wird die

Öffentlichkeit über den aktuellen Status der Luftreinigungsprozesse

informiert. Die Systeme bilden einen

integralen Teil des Ausstellungskonzeptes für

das neue Science and Technology Museum.

Die Zukunft der Architektur wird im Wesentlichen

dadurch bestimmt, in wieweit architektonische Antworten

zu den anstehenden Herausforderungen

einer nachhaltigen Entwicklung – und damit neue

hierfür geeignete architektonische Formen – gefunden

werden können. Architektur „verbraucht“ nicht

Energie, Architektur ist Energie. Jede gezeichnete

Linie auf Papier, welche eine architektonische Intention

darstellt, impliziert auch Jahrzehnte und mitunter

gar Jahrhunderte von damit einhergehenden

Energie- und Stoffströmen. Vor dem Hintergrund des

Klimawandels, der rasant zu Neige gehenden fossilen

Energieressourcen, des exponentiellen Bevölkerungswachstums

und der aus der Ungewissheit der

zukünftigen Energieversorgung resultierenden geopolitischen

Instabilität, zusammengenommen mit der

Tatsache, dass Gebäude für etwa 40% des weltweiten

Energieverbrauches verantwortlich sind, ist es

naheliegend, dass es keine gute Architektur ohne ein

gutes Energiekonzept mehr geben kann.

Dabei muss ein Paradigmenwechsel im Denken noch

vollzogen werden. Im Namen der Nachhaltigkeit wurde

während der letzten 20 Jahre immer mehr bei der

Planung von Gebäuden der Versuch unternommen,

den negativen Impact des geplanten Gebäudes auf

seine Umgebung zu minimieren. Das ist jedoch noch

zu wenig. Vielmehr muss es darum gehen, den positiven

Impact des Gebäudes auf sein Umfeld zu maximieren.

Aus meiner Sicht suggeriert auch der Begriff

Nachhaltigkeit eine viel zu konservative Haltung. Es

kann nicht lediglich darum gehen, alles so zu erhalten

wie es ist, sondern vielmehr darum, wie wir mit

unseren Handlungen die Situation jetzt und für die

Zukunft viel besser machen können.


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Architektin Marion Gruber von PLOV

Simplex 3D. Drehstuhl mit dreidimensionaler Beweglichkeit – multifunktional und universell einsetzbar. Design: Greutmann Bolzern

www.girsberger.com/simplex


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DI Katharina Bayer

Das Ausgleichen von

kompakten Wohnungen

Interview mit Architektin DI Katharina Bayer

Das Wiener Architekturbüro einszueins

architektur lässt Einfamilienhäuser

hinter sich und beschäftigt sich lieber

mit Baugruppen, Partizipation und

kooperativer Stadtplanung. Über diese

(noch) besondere Spezialisierung sprachen

wir mit Katharina Bayer.

© He Shao Hui


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DI Katharina Bayer

Frau Architektin, sehen Sie die Zukunft

der Architektur positiv oder

negativ?

Positiv. Als Architektin braucht man

eine positive Einstellung, um den Herausforderungen

begegnen zu können.

Was soll die Architektur der Zukunft

ermöglichen?

Die Architektur soll sich auf die gesellschaftlichen

Herausforderungen

konzentrieren. Der Klimawandel und

der demografische Wandel sind Themen,

mit denen sich Architektur auseinandersetzen

muss. Sie soll Lösungen

für komplexe Probleme bieten.

In welche Richtung soll sich die Architektur

im Hinblick auf den Wohnbau

entwickeln?

Durch die Spezialisierung unseres

Büros auf Baugruppenprojekte verfolgen

wir einen besonderen Ansatz.

Auch wir haben mit der Planung von

Einfamilienhäusern und anonymen

großvolumigen Wohnbauten begonnen.

Bei beiden sehen wir Defizite:

der hohe Flächenverbrauch beim

Einfamilienhaus und die Anonymität

und fehlende Selbstermächtigung

beim großvolumigen Wohnbau. Die

Individualisierung und die Ökologie

sowie soziale Vielfältigkeit haben wir

als das Positive aus beidem genommen.

Durch unseren Schwerpunkt

integrieren wir die NutzerInnen frühzeitig

in den Planungsprozess von

mehrgeschossigen Wohnbauten. Dadurch

können sie mitgestalten und

ihre individuellen Wohnbedürfnisse

miteinbringen. Es entstehen vielfältige

und nachhaltige Wohnformen

für den Wohnbau. Das gilt als wesentliche

Grundlage für zukünftigen

Wohnbau, der keine Fließbandlösungen

zur Verfügung stellen kann und

auf Bedürfnisse und Situationen eingehen

muss.

Baugruppenprojekt am Nordbahnhof in der Krakauerstraße in Wien

als Teil des Gesamtbauvorhabens „Wohnen mit Alles“

Welche Wohnmodelle wird es in Zukunft

geben?

Die Wohnformen werden sich immer

stärker ausdifferenzieren. Man

muss auf die stärkere Individualisierung

eingehen, aber auch auf den

Bedarf nach neueren Wohnformen

beispielsweise in Bezug auf Pflege.

Das kann wohl nicht mehr in großen

Modellen oder Systemlösungen

abgedeckt werden, sondern durch

kleinteiligere maßgeschneiderte Lösungen.

Insofern sind gemeinschaftliche

Wohnformen wichtig, bei denen

Partizipation der NutzerInnen möglich

ist. Flexibilität und Anpassbarkeit

sind wichtige Schlagworte für

den zukünftigen Wohnbau.

Wie kann das Thema Gemeinschaftlichkeit

stärker in der Architektur

umgesetzt werden?

Bei unseren bewusst gemeinschaftlich

angelegten Baugruppenprojekten

gibt es schon viele Möglichkeiten,

Gemeinschaft, Solidarität und Sharing

zu leben. Auch bei geförderten

Wohnbauten wird die soziale Nachhaltigkeit

dadurch schon vielfach

umgesetzt. Bei ganz vielen Wohnformen

im frei finanzierten Wohnbau

gibt es aber noch immer zu wenige

Möglichkeiten dafür. Da werden die

Wohnungen aufgrund der Leistbarkeit

immer kompakter. Es geht weniger

darum, im geförderten Wohnbau

noch mehr gemeinschaftliche Angebote

zu schaffen, sondern das mehr

in die Breite zu bringen und auch den

frei finanzierten Bereich dabei zu integrieren.

Die Stadt Wien ist dabei

in vielen Bereichen schon auf einem

sehr guten Weg, aber es braucht natürlich

Anstrengung, damit das so

bleibt und nicht die Investoreninteressen

im Vordergrund stehen.

Kann man also sagen, dass die Wohnungen

immer kleiner werden zugunsten

der Gemeinschaftsbereiche?

Im Idealfall stimmt das. Wir glauben,

dass der Trend der kompakten Wohnungen

an sich kein schlechter ist. Im

Sinne der Nachhaltigkeit ist es auch

wichtig, wie wir mit Raumressourcen

umgehen und vor allem, wie wir diese

verteilen. Der Hauptgrund, wieso

Wohnungen immer kleiner werden,

ist aber, dass Wohnraum sehr teuer

geworden ist. Diese Reduktion ist oft

unfreiwillig und passiert hauptsächlich

bei sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen.

Man muss diesen

Trend also differenziert betrachten.

Manchmal ist er durchaus positiv zu

sehen, wenn die Kompaktheit durch

Gemeinschaftsflächen kompensiert

wird. Problematisch ist er zu sehen,

wenn er Ausdruck von fehlender

Leistbarkeit und fehlenden Möglichkeiten

ist. Wir unterstützen diesen

Weg, dass Räume aus dem individuellen

Bereich geholt und in den gemeinschaftlichen

verlagert werden,

wenn das Sinn macht. Dazu zählen

zum Beispiel Gästezimmer oder Kinderspielräume.

Ist der Begriff „Smartwohnung“ zu

einem reinen Marketingvokabel geworden?

Die Idee der Smartwohnung ist,

dass man alltagstaugliche kompakte

Grundrisse schafft z.B. ohne sinnlose

Gangflächen, um das Wohnen

günstiger zu machen. Grundsätzlich

ist das unterstützenswert und Marketing

gehört natürlich auch dazu.

Man muss darauf schauen, was als

Ausgleich dafür in den Allgemeinbereichen

geschaffen wird. Durch

die kleineren Wohnungen muss man

öfters hinaus und dazu soll es auch

Möglichkeiten geben. Dass parallel

zu den kompakteren Wohnungen

keine Ausgleichsflächen oder gemeinschaftliche

Angebote entstehen,

darf so nicht sein.

u

© Hertha Hurnaus


architektur PEOPLE

18

DI Katharina Bayer

Flexibilität und

Mehrwert für alle

beim Baugruppenprojekt

am Wiener

Nordbahnhof in der

Krakauerstraße von

einzueins architektur.

Wie ist das Feedback der Bewohner

zu den Gemeinschaftsräumen bei Ihren

Projekten?

Bei unseren Projekten werden die

Gemeinschaftsflächen so genutzt,

wie sie geplant wurden, denn die

künftigen Bewohner entscheiden

mit, welche Räume sie nutzen wollen

und wie diese ausgestattet werden

sollen. Das hängt auch damit zusammen,

dass sich die Hausgemeinschaft

schon vorher organisiert und

Regeln für diese Flächen festlegt.

Problematisch ist das bei Projekten,

wo es keine Partizipation in der

Gestaltung und keinen Prozess des

Kennenlernens gibt. Eine soziale Begleitung

für die Besiedlungsphase ist

hier vor allem im geförderten Wohnbau

notwendig. Wenn so etwas komplett

fehlt, ist eine gute und intensive

Nutzung der Gemeinschaftsräume

unwahrscheinlich. Man darf die Bewohner

mit dieser Aufgabe nicht alleine

lassen.

Wie viel Mehraufwand stellt die aktive

Miteinbeziehung der Bewohner in

die Planung dar?

Bei umfassender Partizipation muss

man mit einem Drittel Mehraufwand

in der Planung rechnen. Das ist aber

ein Mehraufwand, der von beiden

Seiten geschätzt wird und in der Regel

auch von den Bewohnern finanziert

wird.

Planen Sie auch Einfamilienhäuser?

Aus ideologischen Gründen unterstützen

wir die Alternativen zum Einfamilienhaus.

Einfamilienhäuser sind

für uns nicht nachhaltig, weder auf

gesellschaftlicher Ebene noch auf individueller

Ebene. Wenn es eine Veränderung

geben soll, muss ein Umdenken

auf verschiedenen Ebenen

passieren und Alternativen müssen

angeboten werden. Unser Ziel ist, an

diesen Alternativen zu arbeiten.

Wird es in Zukunft noch

Einfamilienhäuser geben?

Es wird auch in Zukunft Einfamilienhäuser

geben. Unser Büro hat da

einen ersten Schritt gemacht, Alternativen

aufzuzeigen. Die Politik muss

Schritte setzen, um wichtige Raumplanungs-

und Raumordnungsfragen

zu klären. Ein einzelner Architekt

oder ein einzelnes Architekturbüro

wird da nicht die große Veränderung

bereden können, denn es braucht

politische Anstrengung dafür. Die

Sehnsucht nach dem Haus im Grünen

führt auf individueller Ebene oft

zu nicht nachhaltigen Entscheidungen.

Das sollte von der Politik aber

nicht weiter gefördert werden.

Wie definieren Sie Nachhaltigkeit?

Die Grunddefinition, dass es um ökologische,

ökonomische und soziale

Nachhaltigkeit geht, unterstütze ich.

Beim Bauen geht es dabei nicht nur

um Baustoffe und Energieverbrauch,

sondern um eine breitere Sicht auf das

Thema. Nachhaltig ist, was den Herausforderungen

der Zukunft begegnet

und auch für kommende Generationen

die Lebensgrundlage erhält.

Wie wohnen Sie aktuell?

Ich bin gerade in ein Baugruppenprojekt

im Sonnwendviertel eingezogen.

Unser Büro haben wir ja auch in so

einem Projekt. Insofern versuche

ich, im Selbstversuch zu leben, was

wir auch planen. In diesem gemeinschaftlichen

Wohnprojekt bin ich

sehr zufrieden.

Welche Anforderungen stellen Sie

persönlich an eine Wohnung?

Die Wohnung muss meiner aktuellen

Lebenssituation entsprechen. Mit

Kindern als Patchwork-Familie brauchen

wir Platz. Für mich ist wichtig,

dass es die Möglichkeit eines

Freiraumes und des Austausches

mit anderen gibt. Mein Wohnen soll

nicht an der Wohnungstür aufhören,

sondern ein Umfeld und eine aktive

Nachbarschaft haben. Ich wohne

gerne in der Stadt und möchte alle

Möglichkeiten zu Fuß erreichen. Eine

gute Infrastruktur ist wichtig, damit

ich meinen Alltag einfach und ohne

Auto bewältigen kann.

Wie kann man es schaffen, gute,

langfristig funktionierende Architektur

zu gestalten?

Grundsätzlich soll das Planen für das

Hier und jetzt passieren. Im Idealfall

stehen Gebäude aber hundert Jahre

oder länger. Dadurch muss die Architektur

auch Möglichkeiten für Veränderung

und Flexibilität lassen. Bei

den partizipativen Projekten beachten

wir, dass es eine Baukonstruktion

gibt, die Umbaubarkeit und eine Anpassung

der Raumstruktur langfristig

zulässt. Insofern sind flexible statische

Systeme und das Einplanen

von Möglichkeiten der Veränderung

eines Gebäudes notwendig.

Was ist für Sie ein Leitprojekt

für die Zukunft?

Das Hunziker Areal in Zürich ist für

uns ein Vorbild für nachhaltige Quartiersentwicklung.

Wir haben immer

noch den Wunsch, dass es über das

Einzelprojekt hinaus einen integrativen

Planungsansatz gibt. In Wien

passiert das in Teilbereichen und

könnte noch stärker sein. Sonst gibt

es eigentlich nie das eine Projekt. Es

ist wichtig, sich den örtlichen Herausforderungen

zu stellen und diese zu

bewältigen. Alle Projekte, die da einen

Schritt weitergehen und neue Lösungen

anbieten, sind bewundernswert.

Die Zukunft der Architektur/Architektur

der Zukunft ist für mich …

….ein Prozess, der sich mit den aktuellen

Herausforderungen des Lebens

beschäftigt.

© Hertha Hurnaus


www.architektur-online.com

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Najjar & Najjar Architekten

Fotos © Göllner

GELUNGENER STILBRUCH

IN MATTSCHWARZ

INSPIRATIONS

CLOSE TO YOU

Die Vision eines Kundenehepaars

von zwei außergewöhnlichen Einfamilienhäusern

reizte Innenarchitekt

Jens Göllner so sehr, dass er

den Auftrag nicht nur annahm, sondern

kurze Zeit später sogar als aktiver

Käufer in das Projekt einstieg.

„Genauso wie ich waren die Auftraggeber

sehr gestaltungsorientiert

und hatten Lust, etwas Neues auszuprobieren“,

erzählt der Geschäftsführer

von RUGE + GÖLLNER. Mit der

Holzfassade sollten stilistisch die

Kunde: Privat

Architekturbüro: RUGE + GÖLLNER GmbH

Projekt: Bau privater Einfamilienhäuser

Herausforderung: moderner Stilbruch

in Holzfassade

Lösung: Duropal XTerior compact

eingesetztes Dekor: Pfleiderer U12000,

Vulkanschwarz

Oberflächenstruktur: Exterior Matt (EM)

alten Kotten aus der Region Vechta

wiederaufgegriffen werden. Als stilbrechendes

Element dient dabei der

große schwarze Monolith aus dem

matten Fassadenmaterial XTerior

compact von Pfleiderer, der wie eingeschoben

wirkt und die beiden

Häuser auf einzigartige Weise miteinander

verbindet. Göllner: „Wir

haben uns sehr darüber gefreut,

nun auch das neue Fassadenmaterial

austesten zu können. Denn im

Innenbereich setzen wir seit Jahren

sehr gerne Produkte von Pfleiderer

ein – dort sind die Materialien durch

ihre Kratzfestigkeit und Beständigkeit

nur schwer zu toppen. Und so

konnten wir nun Innen­ und Außendesign

perfekt aufeinander abstimmen.“

Das vulkanschwarze Dekor

U12000 verwendete Jens Göllner

daher sowohl als Fassadenmaterial

für den prägnanten Monolithen als

auch in seiner Küche: „Diese matten

Oberflächen wirken einfach nur absolut

edel und sind stets ein wahrer

Hingucker.“

Anfang November 2018 wurden die

privaten Wohnhäuser beim niedersächsischen

Holzbaupreis für ihre

ökologische Bauweise mit dem zweiten

Platz honoriert.

Mehr zu XTerior compact auf

www.pfleiderer.com


architektur PEOPLE

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Univ.Prof.Arch.Mag. Gerhard Steixner

Der Sprung

der Fünfzig

Interview mit Univ.Prof.Arch.Mag. Gerhard Steixner

Durch seine Ausbildung in der

Meisterklasse von Roland Rainer an

der Akademie der bildenden Künste

wurde Architekt Gerhard Steixner

nachhaltiges Gestalten von Architektur

vermittelt. Seit 2009 ist er selbst

Universitätsprofessor an der TU Wien

und möchte das ebenso den Studierenden

näher bringen.

Herr Architekt, würden Sie eher behaupten,

dass die Zukunft die Architektur

beeinflusst oder die Architektur

die Zukunft?

Die Architektur der Zukunft ist jene

die wir heute bauen.

© Gerhard Steixner

Befindet sich die Architektur auf einem

richtigen Weg?

Wir müssen mehr mit der Natur arbeiten

und sie nicht aus den Städten

treiben. Das ist schon lange bekannt,

das haben wir nur wieder vergessen.

Begrünte Dächer und Fassaden sind

dafür zu wenig und sind nur Greenwashing

mit oftmals beträchtlichem

Ressourceneinsatz. Wir sind dabei

noch nicht am richtigen Weg. Es

geht auch nicht darum, Gebäude mit

Schaum einzupacken und dann zu

begrünen, sondern für den Wohnbau

Gebäudestrukturen nach den

Wünschen und Bedürfnissen der BewohnerInnen

und den ökologischen

Erfordernissen für die grüne Stadt

anzulegen. Die Typologie des Terrassenhauses

wurde schon in den 20er

Jahren des vorigen Jahrhunderts

„erfunden“ und in den 1960er- und

70er Jahren dann auch europaweit

weiter entwickelt und in wunderbaren

Beispielen realisiert. Die Leute

können dabei auf ihren Terrassen

selbst anpflanzen, was sie haben

möchten. Die Gebäude mit ihren

hängenden Gärten verändern sich

dann auch mit der Jahreszeit und

durch die Aktivitäten der Bewohner.

Das ist nicht nur ein ästhetischer

Mehrwert, sondern vor allem auch

ein ökologischer für die Stadt und

heute im Kontext des Klimawandels

wichtiger denn je.


www.architektur-online.com

21

Univ.Prof.Arch.Mag. Gerhard Steixner

© Archiv HB2

Ausstellung von Studierendenarbeiten der TU Wien zum Thema „Luxus für alle – Prototypen für die grüne Stadt“

Wann und warum wurde der Weg

verlassen, dass man die Natur in die

Wohnbaukultur holt?

Harry Glück war nicht der einzige

und erste, der diesen Ansatz hatte.

Auch zuvor und parallel gab es diesen

in ganz Europa, etwa in Frankreich,

England, Italien, Deutschland

und im ehemaligen Jugoslawien.

„Das größtmögliche Glück für die

größtmögliche Zahl“ war ein politisches

Bekenntnis. Man wollte allen

zugestehen, was sich zuvor nur die

Reichen leisten konnten. Gegen

Ende der 1970er Jahre ist man dann

von diesem Weg abgekommen. Bis

dahin waren die Kurven der Produktivitätssteigerung

und die der Löhne

deckungsgleich. Ab diesen Zeitpunkt

haben sie sich voneinander gelöst.

Die Produktivität ist enorm angestiegen,

im Unterschied zum Lohn,

der schon lange stagniert. Es ist eine

Frage der Verteilungsgerechtigkeit.

Wir bauen heute schlechter als wir

es könnten, weil wir wieder zurück in

feudale Strukturen kommen.

Wird sich das in Zukunft ändern?

Es wird sich noch weiter zuspitzen,

bis wir die Talsohle erreicht haben.

Dann kommt es zu einem Wandel.

Wie dieser erfolgen wird, wissen wir

nicht, aber wir können uns schon

jetzt auf das Neue vorbereiten.

Würden Sie sagen, dass das Grün in

der Architektur als Marketinginstrument

verwendet wird?

Das ist vollkommen okay, wenn es

richtig eingesetzt wird. Nur Kritik daran

zu üben, ist zu wenig. Man muss

vorgeben, wohin es gehen soll, damit

PolitikerInnen ein Verständnis dafür

entwickeln können. Dann können sie

dieses auch vertreten und die Rahmenbedingungen

für eine Weiterentwicklung

festlegen.

Werden die Architekten

mehr zu Politikern?

Als Architekt muss man ein politischer

Mensch sein. Wir sind die

Anwälte der NutzerInnen. Es ist

seltsam, wenn man das sagen muss,

denn es scheint selbstverständlich.

Es muss vielmehr ins Bewusstsein

rücken, dass wir für Menschen bauen

und nicht für kurzfristige Kapitalund

Wirtschaftsinteressen.

Was sind weitere Kompetenzen,

die ein Architekt braucht?

Der Architektenberuf ist ein Beruf

des Generalisten, sozusagen ein

Spezialist für alles. Er ist einzigartig.

Wir müssen die Gesamtheit der

Phänomene in einem Entwurf zur

Deckung bringen. Wenn das gelingt,

dann ist es gute Architektur. Ein breites

Wissen ist also notwendig, ebenso

wie Empathie für die NutzerInnen.

Wenn wir auf die Bauten der 1960er

und 70er Jahre zurückschauen, können

wir sehr gut sehen, was angenommen

und geliebt wird.

Was ist für Sie Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist nur ein Wort. Zu

meiner Studienzeit bei Roland Rainer

haben wir es nicht benutzt, aber das

Denken und Handeln war natürlich

ein umweltbewusstes und nutzerorientiertes.

Es sollte eine Selbstverständlichkeit

sein, dass man mit

Ressourcen sparsam umgeht.

Stellen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit

für Sie einen Widerspruch dar?

Mit der Ökologie und dem Sozialen

gehört auch die Ökonomie zu den

Säulen der Nachhaltigkeit. Das ist

kein Widerspruch. Harry Glück hat

in seiner Dissertation nachgewiesen,

dass seine Terrassenhäuser trotz der

Schwimmbäder am Dach zu niedrigeren

Kosten realisiert wurden als

andere geförderte Wohnbauten aus

derselben Zeit.

Brauchen wir in Zukunft mehr Vorgaben

bzw. Richtlinien, um der Nachhaltigkeit

mehr Gewichtung zu geben?

Grundsätzlich haben wir schon zu

viele davon. Es braucht aber ein Reformprogramm

für die Wohnbauförderung,

in dem es klare Richtlinien

gibt, welche Maßnahmen gefördert

werden, und diese müssen vorrangig

die Bedürfnisse und Wünsche der

Bewohner reflektieren, da sie es ja

sind, die die Mittel dafür in Form von

Steuern bereitstellen.

Wie beurteilen Sie die Miteinbeziehung

der künftigen Bewohner in die

Planung von Wohnbauten?

Das gab es schon in den 1970er Jahren.

Damals wie heute ist das aber ein

sehr unbedanktes Bemühen, denn bei

einem Wohnungsgrundriss von 70 m 2

gibt es nicht viel Spielraum und die

Klientel dafür ist überschaubar. Es

geht heute eher um die Bereitstellung

von privaten und gemeinschaftlichen

Freiräumen und um Gemeinschaftseinrichtungen,

um Aneignungsoptionen.

Das Verhältnis von Stadt und

Natur muss neu gedacht werden,

sonst bleiben die Bewohner Statisten

in Architekturkulissen.

u


architektur PEOPLE

22

Univ.Prof.Arch.Mag. Gerhard Steixner

Was sind Gestaltungskriterien,

auf die Sie viel Wert legen?

Jede Wohnung sollte einen direkt

erreichbaren Freiraum in Form einer

Terrasse haben und die Möglichkeit,

dort etwas anzupflanzen. Wenn wir

uns die Qualitätssprünge der 1920er

und der 1970er anschauen, dann sehen

wir, dass es bald wieder soweit

sein könnte für einen Schub in Richtung

grüne Stadt, für die Emanzipation

der großen Zahl.

Also denken Sie, kommt es wieder zu

einem Umschwung?

Ja klar, auf alle Fälle.

In welchen Bereichen wird sich der

am stärksten auswirken?

Am stärksten wird er sich im Bewusstsein

auswirken, dass Wohnen

ein Menschenrecht ist. Diesbezüglich

gibt es seit einiger Zeit das Problem

der Leistbarkeit. Die Wohnkosten

sind viel stärker gestiegen als die

Haushaltseinkommen. Mittelfristig

wird es notwendig sein, die Wohnungsfrage

von der Marktlogik zu

entkoppeln, zusammen mit der Vergemeinschaftung

von Grund und

Boden. Ich bin zuversichtlich, dass

wir wieder in Bahnen kommen, wo

es aufwärts geht. 1968 war das Bild

vom Mond aus auf den blauen Planeten

ein sehr starkes. Das „Wir“ ist uns

dabei bewusst geworden. Die Idee

von Gesellschaft ist dann allerdings

wieder erodiert bis hin zur Ich-AG.

Ein neuerlicher Anlauf in Richtung

Demokratisierung und Ökologisierung

von Architektur und Städtebau

ist notwendig. Der Sprung der fünfzig

Jahre steht bevor. Vor allem die

Jungen müssen das Gefühl dafür

© Gerhard Steixner

Der Architekt Harry Glück möchte mit einem seiner Terrassenhäuser

– hier Terrassenhaus Arndtstraße 21 – das Grüne in die Stadt bringen.

entwickeln, sich einbringen und sich

nicht von fragwürdigen Effizienzforderungen

einschüchtern lassen.

Auch nicht während des Studiums.

Inwiefern beeinflussen Sie die Trends,

die es aktuell gibt, bei der Lehre?

In Bezug auf die Digitalisierung zeige

ich den Studierenden manchmal,

wie wir früher gearbeitet haben. Wie

wir etwa auf einen Tisch Papier gespannt

und nass gemacht haben. Im

getrockneten Zustand war es dann

gespannt und eine super Arbeitsfläche.

Mit der Reißschiene und dem

Lineal wurde dann gearbeitet. Wir

brauchten keine Software und auch

keinen Strom. Jeder konnte das machen.

Das war ein demokratisches

Werkzeug. Es ist schon bemerkenswert,

wie sehr wir in die totale Abhängigkeit

der Softwareindustrie

geraten sind, zumal die heutigen

Bauten mit diesen Tools ja nicht besser,

kostengünstiger oder schneller

errichtet werden.

© Gerhard Steixner

Welche Tipps geben Sie den Architekturstudenten

mit auf den Weg für

die Zukunft?

Machen Sie nur das, was sie wirklich

vertreten können. Das Studium ist

nicht nur Ausbildung, sondern auch

Bildung, nehmen Sie sich Zeit dafür.

Nützen Sie den Freiraum für Ausflüge

in die Politik, Kunst und Kultur,

Wissenschaft. Nehmen Sie aktiv und

auf Augenhöhe am Stadtwerden teil.

Was ist für Sie ein Leitprojekt für die

Zukunft?

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren

mit der Architektur zwischen

1958 und 1978 in Europa und auch

außerhalb. Da gibt es wunderbare

Gebäude, die nicht nur eine gute

Ausstrahlung haben, sondern auch

sehr benutzerfreundlich sind. Heute

wären viele dieser Bauten in Bezug

auf Bauphysik, Barrierefreiheit und

„Sicherheit“ gar nicht mehr erlaubt.

Der Ressourceneinsatz bei diesen

Gebäuden ist sehr kontrolliert und

minimal. Wenn man das Ganze hochrechnet,

stellt man fest, dass sie aber

im besten Sinne nachhaltig sind. Für

die Zukunft des Wohnbaus sehe ich

die Typologie des Terrassenhauses

als eine leitende. Mit unserer Ausstellung

Luxus für Alle! im Jahr 2017

ist es uns gelungen, die Idee der

grünen Stadt zu visualisieren und

ein Bewusstsein für das Mögliche zu

wecken.

Ausblick vom Innenraum über den davorliegenden

Freiraum der Wohnhausanlage Bessemerstraße in

Wien von Architekt Gerhard Steixner.

Die Zukunft der Architektur/Architektur

der Zukunft ist für mich…

...klar positiv.


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23

Einladung am 19. November 2019 in die Bauwerk Parkettwelt Wien

«TOWARDS A CIRCULAR

ARCHITECTURE»

Lecture von Arthur Mamou-Mani

Najjar & Najjar Architekten

Am 19.11.2019, ab 18.30 Uhr

in der Bauwerk Parkettwelt Wien

Gonzagagasse 17, 1010 Wien

Vortrag in Englisch.

Anmeldung: wien@bauwerk.com

Begrenzte Plätze!

Zu seinen bedeutendsten Arbeiten

zählt der Burning Man Tempel Galaxia.

GLAXIA - Burning Man Tempel 2018, Nevada.

Fotos: Jamen Percy und Christine Bärnthaler


architektur PEOPLE

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Franz Kühmayer

Architektur ist

immer Zukunft!

Interview mit dem Zukunftsforscher Franz Kühmayer

Wo liegt die Zukunft der Architektur, wie wird sie

aussehen und was bedeutet das für die Gesellschaft.

Mit diesen Fragen konfrontierte Peter Reischer

den Zukunftsforscher Franz Kühmayer vom

Zukunftsinstitut in Frankfurt und Wien.

Herr Kühmayer, Sie sind Zukunftsforscher –

wenn man den Aspekt auf FORSCHEN legt,

was kann man da erforschen, wie würden

Sie Ihre Aufgabe beschreiben?

Es ist immer die Frage, ob das, was man in

der Zukunftsforschung, in der Trendforschung

prognostiziert – überhaupt eintritt,

ob man die Zukunft vorhersehen kann. Ich

finde es spannend, welche mentalen Modelle

wir uns für oder über die Zukunft machen.

Das ist entscheidender, als der ganz

exakte Inhalt einer Prognose.

Wer sich die Zukunft linear vorstellt, also

sagt, das Morgen wird eine Variante des

Heute sein, der wird sich auch mit Menschen

und Systemen umgeben, die in diese

Richtung zeigen. Wer allerdings glaubt,

dass das Morgen mit dem Heute wenig zu

tun hat, also für eine exponentielle Veränderung

eintritt (so wie das in der Start-up

Branche oder in der Digitalisierung der Fall

ist), der wird sich mit anderen Menschen

und Systemen umgeben. Das sieht man

auch daran, dass größere Organisationen

und Firmen mit diesem „Auseinanderspreizen“

ringen. Da kann Trendforschung ein

wenig helfen.

In welchen Zeitspannen denken

und arbeiten Sie dabei?

Veränderungsströme, die Jahrzehnte übergreifend

wirksam sind – das bezeichnen wir

als Megatrends. Was es nicht gibt, ist der Megatrend

im Burgenland 2019. Wir beobachten

Themenlagen, zum Beispiel wenn man

über gute Arbeit spricht – da bekommen wir

von unseren Eltern andere Antworten als

von unseren Kindern. Die Veränderungen,

die sich in den Antworten ausdrücken sind

„epochal“ und komplexer, als man annimmt.

Sie sind nicht linear, sondern da gibt es auch

Schleifen und Rekursionen.

© Zukunftsinstitut

Sie bewegen sich ja hauptsächlich in den Gebieten

der Arbeit, der „Working Scene“. Diese

findet jedoch unbestritten in Architektur

statt. Also beeinflusst das eine das andere.

Das ist 100%ig richtig, das sind kommunizierende

Gefäße!

Wie sieht nun ein Zukunftsforscher die Zukunft

der Architektur oder die Architektur

der Zukunft?

Den zweiten Teil der Frage kann man metaphysisch

betrachten, aus welchen Bausteinen

besteht die Zukunft?


www.architektur-online.com

25

Franz Kühmayer

Wenn man beim ersten Teil – Zukunft der

Architektur – bleibt, ist die erste Erkenntnis:

Architektur ist immer Zukunft. Weil sie

nach vorne gerichtet ist und ihr Ergebnis

meist jahrzehntelangen Bestand hat. Da tut

sich Büroarchitektur in den letzten Jahren

schwerer als früher, weil sich die Veränderungszyklen

in ihrer Dynamik unterscheiden.

Arbeit verändert sich schneller als Architektur

Schritt halten kann. Das gilt aber

auch für andere Systeme, wie zum Beispiel

die Kultur.

Wenn ich Sie jetzt nach der Zukunft der Architektur

frage, ist das nicht ein bisschen,

wie aus der Glaskugel oder aus dem Kaffeesud

lesen, gerade auch wegen der angesprochenen

schnellen Veränderungen?

Wenn wir darüber nachdenken, ist der Ausgangspunkt

die Frage: Wie wollen wir in

Zukunft arbeiten? Wir sind ja nicht Opfer

einer Veränderung, wir sind Täter, wir verändern

selbst. Ein wesentlicher Fehler, den

Unternehmen machen, ist zu sagen, wie

bauen andere das Büro oder die Architektur

der Zukunft – und dem muss ich mich jetzt

anschließen. Dabei vergisst man „zukunftsversessen“

den Sinn der Architektur. Und

der ist nicht der, Funktionalität zu erzeugen,

sondern Kultur zu fördern, vielleicht sogar zu

erzeugen. Architektur hat viel mit Identität

zu tun, wer sind wir? Das muss ich in die Zukunft

projizieren können und nur dann kann

ich über eine Architektur der Zukunft reden.

Eine der Grundfunktionen der Architektur

war immer „shelter“ also die Schutzfunktion.

Die ist aber in der heutigen Architektur

nicht mehr vorhanden. Heute bauen wir nur

auf Funktionalität und auf Image.

Der Einwand mit „shelter“ ist vollkommen

richtig, es gibt aber noch einen zweiten

Begriff, die „community“, die da mitspielt.

„Community“ kann eine Kraftquelle sein

(kolaboratives Arbeiten, Kommunikation),

kann aber auch störend wirken. Bei der Büroarchitektur

der 60er und 70er ist dieser

Schutz vor der Gemeinschaft im Mittelpunkt

gestanden, damals war es der Rückzug

auf die Individualität.

Der Leitgedanke der letzten Jahre war: Das

Büro ist NICHT mehr der einzige Ort für

Einzelproduktivität. Es ist ein Ort der Teamproduktivität.

Dem entspricht auch das

Phänomen der „Büroflucht“ in größeren Unternehmen,

wenn Mitarbeiter in Ruhe und

konzentriert arbeiten wollen oder müssen.

Sehen Sie die Zukunft der Architektur eher

in sozialen, partizipativen oder in Cocooning-Bereichen?

Die klassische Antwort lautet: beides! Wenn

ich mir die Mischbüros und die Open-Space-Büros

ansehe, dann glaube ich, dass der

Gedanke der Community, des Sozialen hier

als eine Pendelbewegung zu stark ausgeschlagen

hat.

Ist die Gesellschaft wieder einmal

in das Extreme gewandert?

Vielleicht hat es dieses Extrem auch gebraucht,

um Verkrustungen aufzubrechen,

um sich aus der Isolierung des Einzelbüros

hinauszubewegen. Sowohl ergonomisch

wie auch psychologisch ist das Büro als

Kaffeehaus oder Bar nicht das Letzte. Das

funktioniert nur in einem Start-up, solange

ich 25 bin und das zwei Jahre lang mache.

Der Gedanke der Ergonomie muss wieder

kommen, denn man will sicher nicht ein Leben

lang auf Holzpaletten sitzen und Latte

macchiato schlürfen.

Sehen sie – auf die Architektur bezogen

– das Problem des Klimawandels, als ein

Gesamtes oder als die Summe vieler Probleme?

Kann der Einzelne gewisse Schritte

setzen, oder ist er machtlos?

Wir sind nie machtlos, ich habe ein sehr optimistisches

Zukunftsbild. Wir sind als Arbeitnehmer

nicht machtlos, weil Ansprüche

formuliert werden. Als Konsumenten stellen

wir die Frage, ob wir überhaupt kaufen

sollen oder nicht. Wenn ich solche Fragen

stelle, übe ich Macht auf das System aus.

Damit diese sich manifestiert, braucht es

Multiplikation.

Ein gutes Beispiel ist „Friday for Future“!

Genau! Aber es muss nicht immer diese

explizite Gemeinschaft geben, es gibt auch

das implizite – das ist der Wertewandel. Die

Automobilindustrie kämpft damit, dass die

Jugend sagt: Besitz (eines Autos) interessiert

mich nicht mehr! Der Besitz von Fahrzeugen

hat als Statussymbol nachgelassen.

Das „Haben und Sein“ (Erich Fromm) hängen

insofern zusammen, weil wir etwas haben

wollen, um jemand zu sein. Das merkt man

bei der Architektur sehr stark, das Image, die

Herrschaftsarchitektur, im Büro brauche ich

ein Einzelbüro, nicht weil ich konzentriert arbeiten

will, sondern weil ich etwas darstellen

will. Und genau dieses Denken zerbricht gerade,

weil die Erfolgsgleichung der Vergangenheit

immer stärker (hauptsächlich von

der Jugend) hinterfragt wird. Das Geld, der

Bonus als Schweizermesser für die Motivation

funktioniert nicht mehr.

Á propos positives Denken: Für mich ist die

Tatsache, dass aus der Jugend, also Bottom

up ein Druck auf die Gesellschaft in Richtung

(Werte)Wandel aufgebaut wird, die

größte Hoffnung auf eine Wende zum Guten,

auch in der Architektur.

Die Kraft der Jugend zieht sich durch die

Geschichte. Revolutionen haben immer mit

Jugend zu tun und kommen von unten. Da

steckt die Unvernunft (im positiven Sinn)

dahinter.

Das Querdenken?

Ja, denn Vernunft will sich anpassen, ist

systemkonform. Veränderung kann nur

durch Unvernunft ausgelöst werden.

Da müsste man eigentlich im Hinblick auf

die Architektur sagen: „Stop building – hört

auf zu bauen!“

Der erste Ansatz, um radikal über neue Architektur

nachzudenken, ist die Frage: Warum

bauen wir? Und da kann die Antwort ja

nicht lauten, weil alle anderen es auch tun.

Da kommt man mit Unvernunft viel näher

an den Sinn der Frage.

Sehen sie eine Krise, die uns zum

Umdenken zwingt, auch in der Architektur?

Ich sehe sie, aber noch zu wenig. Ich sehe

sie dort, wo die Besitzverhältnisse (Büroarchitektur)

nicht mehr so im Vordergrund

stehen. Das Eckbüro hat nicht nur an Status

eingebüßt, sondern löst, vor allem bei jungen

Menschen, sogar das Gegenteil aus.

Wir müssen heute anerkennen, dass wir die

Veränderungen in der Welt ausgelöst haben,

und dass wir uns verändern müssen, damit

wir nicht vom Aussterben bedroht sind.

Manchmal braucht es wahrscheinlich krisenhafte

Situationen, um uns unserer Veränderungsbereitschaft

bewusst zu werden.

Eine Tatsache ist, dass wir mit Migration

zu tun haben und um passende Lösungen

ringen. Diese Entwicklung wird an Dynamik

noch zunehmen, wenn das Klima uns um die

Ohren fliegt, die Klimaflüchtlinge werden

deutlich mehr werden. Vielleicht braucht

es das, um uns die Konsequenzen unseres

Handelns bewusst zu machen.


architektur PEOPLE

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DI Arkan Zeytinoglu

Neben Architektur und Musik beschäftigt sich Architekt Zeytinoglu mit Menschen,

Kulturen, Licht, zukunftsfähigen sowie ganzheitlichen Konzeptionen und plädiert

für die Skizze als wesentliches Entwurfselement. Nach dem Studium in Graz und

New York gründete er 1995 sein Architekturbüro in Wien. Seitdem hat das Büro

Arkan Zeytinoglu Architects zahlreiche Projekte mit Schwerpunkt Hotelbau im Inund

Ausland realisiert.

© Deborah Sarah Drexler


www.architektur-online.com

27

DI Arkan Zeytinoglu

Architektur der Zukunft –

Zukunft der Architektur

Statement von Arch. DI Arkan Zeytinoglu

Über die Zukunft der Architektur wird wohl wie über

das Weltbild zur Zeit der Aufklärung diskutiert werden

müssen.

Paradoxerweise meinen viele noch immer, dass die

Erde eine Scheibe ist. Aber wie in der Renaissance,

der empirischen Antike oder der industriellen Revolution,

wo es auf Reformen zur Gegenreformation

kam, ist in Anbetracht des Zustandes der Erde Feuer

am Dach der Architektur. Es geht hier nicht mehr um

Schönes oder Wohlproportioniertes, Modernes oder

Funktionelles. Auch nicht mehr um Stararchitekten

oder Eleganz und Coolness. Nicht die Erde ist am

Ende ihrer Ressourcen, sondern der Mensch samt

bisherigem Architekturverständnis.

So wie in sozialen, politischen und gesellschaftlichen

Belangen hat aufgrund der zunehmenden Verbrennung

der Erde bzw. unseres Lebensraums ein Paradigmenwechsel

zu erfolgen. Das Weltbild der heutigen

Gesellschaft bzw. die zukünftige Architektur hat

sich insofern zu ändern, als der Mensch mit der Natur

und Umwelt lebt, statt gegen sie zu wirken.

Das Weltbild, in welchem die Erde bzw. der Mensch

das Zentrum alles Geschaffenen ist, hat sich überholt,

dennoch agieren wir auf unserem Planeten, als

wären wir die einzige Gattung, welche die Regeln für

alles Dagewesene bzw. die Zukunft erstellt.

Es scheint auch nicht verwerflich, dass gerade jene

Länder, Völker und Gemeinschaften, welche durch

den Erdölverkauf an energiehungrige Nachbarn satte

Profite machen, in Wüstengebieten Wolkenkratzer

aus Glas errichten. Im Gegenzug wird das Glas samt

Konstruktion, produziert mit und aus Erdöl, Planung

und Arbeitern reimportiert. Ob das sinnvoll ist, gilt es

zu hinterfragen.

Auch drängt sich die Frage auf, ob unsere Gesellschaften

sich letztendlich so angleichen (wollen),

dass sich in Zukunft ungeachtet des Klimas und der

topografischen Gegebenheiten identische Architekturen

entwickeln. Die globale Architektur für ein

ausgeglichenes Gesellschaftsbild. Wie Instagram,

Pinterest und Co wird die Architektur als binärer Algorithmus

weltweit verbreitet. Sie generiert sich von

selbst. Vielleicht schafft es eben dieser, unsere Probleme

in Zukunft zu lösen.

Auch hier gibt es Gegenbewegungen: zurück zur

Natur! Nur, was ist das? Eine romantische Sehnsucht

nach verloren gegangenem Idyll? Bauen wir jetzt

den Wald in der Stadt? Beispiele für Dachgärten und

begrünte Fassaden gibt es schon zuhauf, nur funktionieren

sie noch nicht so richtig, weil sie nur ein

Bruchteil einer Lösung sind, um einen ökologischen

Kosmos nachzubilden.

Die Zukunft der Architektur ist somit keine Gestaltungsfrage,

sondern eine Einstellung in der über

Millionen von Jahren von der Evolutionsgeschichte

geschaffenen Balance, die es zu erreichen gilt.

© Zeytinoglu ZT GmbH

Die Neuinterpretation einer Jurte im Hotelbetrieb von La Donaira,

einem 5-Sterne Eco-Resort: als Gestaltung und funktionaler Ansatz

nachhaltiger Architekturtypologie übersetzt als „nicht-nomadischer”

Gebäudetypus. Ausgezeichnet mit dem Hotel Application Award 2017

in der Kategorie „Best Innovative Concept“.


architektur PEOPLE

28

Patrick Lüth

Die wahren architektonischen

Fragestellungen beantworten

Interview mit Architekt Patrick Lüth

In einer kollektiven

Arbeitsweise

sieht Patrick

Lüth die Zukunft

der Architektur.

Seit 2011 leitet er

dieser Haltung

entsprechend das

Snøhetta Studio

in Innsbruck und

gestaltet Gebäude

mit Mehrwert.

Es geht darum, einen Mehrwert auf

verschiedenen Ebenen zu schaffen.

Neben einem etwaigen gesellschaftlichem

Mehrwert sind unsere

Powerhouse-Projekte beispielsweise

CO 2 -positiv. Das heißt, sie sind keine

Passivhäuser, die im Verbrauch

relativ wenig Energie benötigen. Es

sind Gebäude, die über ihren Lebenszyklus

gerechnet mehr Energie

produzieren als sie selbst verbrauchen

können. Die gesamte graue

Energie ist dabei mit eingerechnet.

Welche der verschiedenen Ebenen

mehr Gewichtung hat, ist dabei projektabhängig.

In der Bearbeitung von

unseren Projekten ist der Kontext

ja immer sehr unterschiedlich. Aber

dass unsere Projekte sozial und ökologisch

nachhaltig sind, steht bei uns

ganz weit oben auf der Agenda.

Was ist das Prägende an der zeitgenössischen

Architektur?

Das sind für mich Projekte, bei denen

einer größeren Benutzergruppe

ein Mehrwert ermöglicht wird. Ein

gutes Beispiel ist dabei die Oper in

Oslo. Das Gebäude ist eigentlich ein

Opernhaus und gleichzeitig auch

ein öffentlicher Platz. Es geht darum,

dass Architektur etwas in einem

© Thomas Schrott

gesellschaftlichen Diskurs bewirken

kann. Es sollte Grundvoraussetzung

sein, dass ein Projekt nicht nur die

eigene Funktion beleuchtet, sondern

auch über das Projekt hinaus gedacht

wird.

Ist der Mehrwert von Gebäuden auch

immer die Grundlage für die Projekte

von Snøhetta?

Wie geht man in Zukunft

an Entwurfsaufgaben heran?

Für uns ist beim Entwurf „Co-Creation“

schon immer ein wichtiges Thema,

das meiner Meinung nach künftig

noch wichtiger wird. In moderierten

Workshops versuchen wir, gemeinsam

mit unterschiedlichen Akteuren

wie Auftraggebern und anderen Stakeholdern

eine gemeinsame Basis,

ein gemeinsames Verständnis der

Entwurfsaufgabe und der übergeordneten

Fragen herzustellen, um

dann aus dem jeweiligen Kontext

spezifische Lösungen zu entwickeln.

Auf Basis der im Workshop erarbeiteten

Ideen und Ergebnisse entwickeln

wir den Entwurf weiter.

In dieser Phase ist es mir wichtig, das

gesamte Repertoire an Gestaltungswerkzeugen

zur Verfügung zu haben,

um für die spezifische Aufgabe

das beste auswählen zu können. Wir

haben im Büro eine große Werkstatt,


www.architektur-online.com

29

Patrick Lüth

© Ketil Jacobsen

170 Snøhetta Mitarbeiter beim jährlichen Treffen im Dovre Nationalpark in der von Snøhetta

entworfenen Tverrfjellhytta, einem Pavillon zur Rentier-Beobachtung.

einen 3D-Drucker, ein VR-Setup und

auch Leute, die mit komplexen geometrischen

Modellen umgehen können.

Die Simultanität dieser Medien

ist wahnsinnig wichtig. Es ist auch

hilfreich, um unsere eigene Arbeit

zu evaluieren. Die Parallelität von

analog und digital ist wichtig, damit

man dieser Überprüfung standhalten

kann. Das Analoge brauchen wir.

Durch die haptische Komponente,

durch das Auseinandersetzen mit

einem Material und durch das Bauen

eines Modells wird nicht nur die

Wahrnehmung, sondern auch der

Intellekt angesprochen. Im besten

Fall denkt man dabei darüber nach,

wieso der Entwurf so ausschaut, wie

er ausschaut.

Wird das analoge Arbeiten seinen

hohen Stellenwert beibehalten?

Ich bin ein Verfechter des Modells.

Auch deshalb, weil es auch ein wichtiges

Kommunikationswerkzeug ist.

Das dürfen wir in dieser von Bildern

dominierten Welt nicht aufgeben.

Jedes Modell hat nämlich einen wesentlich

höheren Abstraktionsgrad

als zum Beispiel ein Rendering. Für

Renderings muss man Entscheidungen

treffen, die in einem frühen

Entwurfsstadium noch überhaupt

nicht relevant sind. Bei einem Modell

unterhalten wir uns zuerst über

Form, Geometrie, Wirkung oder auch

Städtebau. Im Unterschied zum Rendering

ist VR dafür auch ein dankbares

Medium, weil es dabei auch

möglich ist, das Modell untexturiert

zu betrachten.

Steigen Sie dann bei neuen Entwurfsaufgaben

vom Analogen erst

nach einiger Zeit ins Digitale um oder

läuft das von Anfang an parallel?

Das kommt darauf an. Grundsätzlich

liegt der Unterschied darin, ob man

mit dem Bauherrn etwas entwickelt

oder ob es ein anonymer Wettbewerb

ist. Ersteres ist uns lieber, denn

wir arbeiten lieber im Dialog. Da ist es

so, dass wir bei Workshops mit dem

Auftraggeber unsere ersten Ideen in

handgreiflichen Modellen erarbeiten.

Wenn das nicht der Fall ist, starten

wir meistens schon digital. Es gibt

immer viele Grundlagen, die man

beachten muss. Diese kann man gut

digital vorbereiten. Ich muss schon

zugeben, dass viel vom Entwurfsprozess

digital abläuft. Die Gewichtung

ist dabei sicherlich 80 Prozent digital

und 20 Prozent analog, mehr ist davon

nicht übrig.

Was kann die Architektur-

Software noch nicht?

In der Entwurfsthematik stellt sich

diese Frage nicht. Denn da kann sie

alles und es wird sogar überbewertet,

was sie können muss. Bei der

Ausführung sehe ich durch BIM viel

Potenzial, aber auch viel Gefahr. Die

Industrie kann dadurch einen so

starken Einfluss entwickeln, dass wir

Architekten in unserer Bedeutungsfreiheit

sehr stark beeinträchtigt

werden. Für den sozialen Wohnbau

ist es hilfreich, nicht aber wenn es

um innovative Lösungen geht. Die

Architektur darf nicht auf der Strecke

bleiben und dafür muss es flexibler

werden.

Inwiefern beeinflussen digitale Gestaltungsmethoden

den Entwurf?

Ich glaube, dass wir da drüber stehen.

In den frühen 2000er Jahren

war das wesentlich stärker, dass

man versucht hat auszuprobieren,

was alles mit dem Computer und den

3D-Programmen möglich ist. Jetzt

verstehen wir, dass es nicht unbedingt

notwendig ist, solche Geometrien

zu machen. Es geht darum,

die wahren architektonischen Fragestellungen

zu beantworten. Dazu

kommt, dass man es nicht geschafft

hat, solche Geometrien wirtschaftlich

zu realisieren. Die Verhältnismäßigkeit

der eingesetzten Mittel muss

zu dem gesellschaftlichen Nutzen

betrachtet werden. Man muss sich

fragen: Warum mache ich das und

kann ich das nicht mit einer simpleren

Geometrie bewerkstelligen? Für

grundlegend relevante städtebauliche

Aufgaben sind diese überhaupt

nicht notwendig. Wir haben ein Kulturzentrum

in Saudi-Arabien mit extrem

komplexen Geometrien realisiert.

Der Entwurf stammt noch aus

dem Jahr 2007/2008, also noch vor

der Krise. Ich glaube, dass wir so etwas

nicht mehr machen werden, weil

sich der Diskurs verändert hat.

Würde es Snøhetta ohne die

Digitalisierung geben?

Das ist eine sehr spekulative Frage,

die ich nicht genau beantworten

kann. Unser Weg wurde dadurch

stark beeinflusst und sie ist sicher

ein Teil unserer Geschichte. Aber

am Anfang stand auch der Wettbewerbsgewinn

für die Bibliothek in

Alexandria. Dieser Entwurf wurde

komplett von Hand gezeichnet. Die

digitalen Mittel schaffen weitere

wichtige Handwerkszeuge, die einiges

erleichtern und auch ermöglichen.

Aber was am Ende zählt sind

die grundlegenden Ideen. u


architektur PEOPLE

30

Patrick Lüth

Soll der Kontakt zwischen Auftraggeber

und Architekt persönlich hergestellt

werden?

Ja, der persönliche Kontakt zwischen

Auftraggeber und Architekt

ist sehr wichtig. Am Anfang eines

Projektes muss man sich auf jeden

Fall persönlich treffen. Das tut mir

zwar weh, wegen dem CO 2 -Fußabdruck

durch das Fliegen. Ich versuche

aber, so viel wie möglich mit dem

Zug zu fahren. Man muss sich aber

physisch treffen und an einen Tisch

zusammensetzen. Wenn das einmal

gemacht wurde, funktioniert auch

eine Videokonferenz tadellos. Aus

meiner Erfahrung braucht es eine

persönliche Ebene.

Brauchen wir in Zukunft noch konventionelle

Darstellungsmethoden?

Auf jeden Fall. Vielleicht nicht alle,

aber nehmen wir zum Beispiel den

Grundriss. Prinzipiell erfüllt er unterschiedliche

Aufgaben. Er ist ein

Kommunikationswerkzeug einerseits

zwischen Architekt und Auftraggeber,

zwischen Auftraggeber

und Käufer, zwischen Auftraggeber

und Baufirma oder zwischen Architekten

und Baufirma. Es ist ein sehr

universelles Medium, das sich über

Jahrhunderte etabliert und gut bewährt

hat und das wir nicht ganz

hinter uns lassen können. Man muss

die unterschiedlichen Schnittstellen

betrachten. Zwischen Architekt

und Baufirma hat ein BIM-Modell

Vorteile. Jedoch sind da noch einige

Fragen ungeklärt, wie zum Beispiel

Haftungsfragen. Neben den konventionellen

werden sich auch zusätzliche

Darstellungsmethoden, wie BIM

und VR etablieren, und zwar an anderen

Schnittstellen. Ganz ersetzen

werden sie Grundrisse, Schnitte und

Ansichten aber nicht.

Wie können sich Architekturwettbewerbe

verändern?

Ich fände es gut, wenn es auch bei

© Snøhetta / Filippo Bolognese

2018 gewann Snøhetta den internationalen städtebaulichen Wettbewerb für einen neuen, gemischten

Stadtteil in Budapest. Wasser prägt nicht nur die Identität des neuen Quartiers, sondern schafft auch

neue Freiräume am Wasser, die auch als Retentionsflächen und für eine ökologische Wasserbewirtschaftung

zur Verfügung stehen.

Wettbewerben eine Reihe unterschiedlicher

Formate gäbe, auch

nicht anonymisierte Verfahren. Bei

vielen Fragestellungen wäre es wesentlich

besser, wenn man sich auch

bereits im Wettbewerb mit dem Auftraggeber

unterhalten kann. Ich habe

schon oft beobachtet, dass bei anonymen

Wettbewerben dem Auftraggeber

schlussendlich kein Projekt

uneingeschränkt gefallen hat. Zu beachten

ist, dass es auch um Chemie

geht. Zwischen Auftraggeber und

Architekt gibt es ein persönliches

Verhältnis und die Frage ist, ob beide

miteinander zurechtkommen. Wenn

nicht, dann gibt es oft genug danach

ein Problem. Das ist uns auch schon

ein paar Mal passiert. Architekturwettbewerbe

sollten generell weniger

Teilnehmer haben, damit man

einen Dialogprozess führen kann.

Dadurch wird die Qualität besser und

man kann mit dem Auftraggeber gemeinsam

einen Prozess entwickeln.

Das ist natürlich für den Auftraggeber

schwieriger, lohnt sich aber.

Wie kann man dabei die Wettbewerbsfähigkeit

gewährleisten?

Ich traue den Auftraggebern zu, dass

sie professionell differenzieren können.

Braucht es diese persönliche Ebene in

Zukunft auch für ein Architekturbüro

in Form eines physischen Standortes?

Ein physischer Standort ist sehr

wichtig, weil Leute gerne in Gruppen

arbeiten und sind. Dafür braucht es

einen Raum. Darüber hinaus sind

die Atmosphäre des Raumes, das

Licht und die Akustik wichtig für

den kreativen Output. Und für die

Art der Zusammenarbeit, die wir

präferieren. Ich bin ein Befürworter

einer möglichst kollektiven Strategie,

Ideenfindung und auch Büroführung.

Für mich ist die Zeit des

Meisterdenkens vorbei. Mit meiner

Meinung unterscheide ich mich sehr

stark von anderen Architekturbüros,

speziell im deutschsprachigen Raum.

Aber unsere bebaute Umwelt ist so

komplex, dass wir viel Wissen aus

unterschiedlichen Disziplinen brauchen.

Meine Rolle als Leiter eines Architekturbüros

ist es, diese Prozesse

zu organisieren und zum Teil auch

zu moderieren. Ich möchte nicht der

sein, der eine Idee vorgibt. Ob andere

das auch so sehen weiß ich nicht,

aber für mich ist das das einzig legitime

Zukunftsszenario.

Was ist für Sie ein Leitprojekt

für die Zukunft?

Unser Städtebau-Projekt für das

South Gate Projektin Budapest ist

für mich ein zukunftsweisendes Projekt.

Dabei geht es um multifunktionale

Landschaften, um Resilienz und

um möglichst offene und demografische

Durchmischung.

Die Zukunft der Architektur/Architektur

der Zukunft ist für mich …

kollektiv.


www.architektur-online.com

31

Angelika Fitz

FORM FOLLOWS

PERFECTION

Die Dinge in Perfektion zu vollenden. Dafür steht AXOR. Diesen Anspruch unterstreichen

die Brauseprodukte von AXOR. Sie sind das Nonplusultra in der Dusche. Ein

perfektes Beispiel: der AXOR ShowerHeaven 1200⁄300 4jet mit dem sanft umhüllenden,

innovativen PowderRain. Die Inszenierung von Wasser. Einzigartig.

In jeder Dimension.

axor-design.de


architektur PEOPLE

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Prof. DI Maria Auböck

Zukunft der Architektur

und digitale Städte

Statement von Landschaftsarchitektin Prof. DI Maria Auböck

Maria Auböck führt seit 1987 mit János Kárász das Atelier Auböck + Kárász in Wien.

Von 1999 bis 2017 war sie Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in München.

© Atelier Auböck und Kárász

Der folgende Text basiert teilweise auf der Veröffentlichung

„Digitale Städte brauchen public design“ in

„Garten und Landschaft “ 8/219.

Kennen Sie den Schwarzplan von Rom, den Giovanni

Battista Nolli 1748 präsentierte? Er zeigt auf einmalige

Weise die Straßen und Plätze der italienischen Hauptstadt

gemeinsam mit den Erdgeschosszonen. Er wurde

zum Vorbild des Städtebaus und des public design.

Im Digitalzeitalter ist diese Zusammenschau wieder

topaktuell. Jetzt geht es darum, für die Architektur

das alltägliche Leben und seinen osmotischen Austausch

in der Stadtlandschaft zu erhalten. Dafür

müssen wir beginnen, die richtigen Fragen nach den

Bauformen, deren Gebrauch und der Haltung zur

Wandlung der Stadträume zu stellen. Wir müssen

die Architektur in ihrer Rolle der Raumbildung in den

Diskurs miteinbeziehen und uns fragen, ob Smart Cities

alleine dank der Technologien ein vitales Stadtleben

garantieren können – wie es beispielsweise die

spanische Stadt Santander zeigt – oder ob die Umstellung

auf neue Technologien Teil der Architekturdiskussion

ist.

Christopher Alexander beschrieb in seinem Standardwerk

„Pattern Language“ 1977 umfassend die

zeitlosen Bedürfnisse der Menschen – quer durch

Generationen und Kulturen. Kevin Lynch vermittelte

durch seine Stadtkartierungen – wie zum Beispiel

„Good City Form“, 1981 – Generationen von Planern

die Bedeutung der Architektur der Stadtlandschaft

als kleinteiliges komplexes System und unterstützte

damit deren kritisches Denken zu den damals bereits

erkennbaren Erosionen der Stadtlandschaft.


www.architektur-online.com

33

Prof. DI Maria Auböck

© Archiv Atelier Auböck

Einblick in neue Arbeitswelten: Erste Campus, Wien Henke-Schreieck Architekten.

Strategie im digitalen Zeitalter: Partizipation

Gelten diese Überlegungen heute noch? Im Zeitalter

der Digitalisierung ändert sich das Gesicht der Stadt

– unter anderem durch Interneteinkäufe und deren

Anlieferung mittels präziser Transportlogistik. Schon

bald wird es keine Vitrinen, Verkaufskultur mehr geben.

Die städtischen Verwaltungen können auf diese

Veränderungen nicht parzellenscharf reagieren.

Neue Strategien sind nötig.

Ein möglicher Ansatz ist der der Beteiligung. Auf diese

setzt die Stadtplanerin Christa Reicher von der RWTH

Aachen. Sie fordert in den „Aachener Nachrichten“ im

November 2018 von der Stadt Aachen, Teilhabe und

Verantwortung für die Stadt zu organisieren. „Stadtgestaltung

ohne Partizipation funktioniert heute nicht

mehr. Die Herausforderung besteht darin, einen aktiven

Diskurs mit der Stadtgesellschaft mit fachlichem

Leadership intelligent zu verbinden.“

Amazon, Facebook und Google ersetzen keinesfalls

die direkte Kommunikation auf Augenhöhe, den

Austausch der Menschen und deren Suche nach

Beteiligung und Geborgenheit. Wie können innovative

Bauwerke reagieren? Die Fachwelt ist sowohl für

den Wohnbau wie die Gewerbebauten gefordert. Das

kleinteilige Gewerbe und der Einzelhandel wird aus

den Straßen verschwinden. Dazu kommt die Verarmung

der Wohngebiete, deren Erdgeschosszonen

fensterlose Fassaden oder einfache Lüftungselemente

für Müllräume und Garagenplätze zeigen.

Künftig bestellen Stadtbewohner ihre Waren vom

Bildschirm aus, die Päckchen bringt dann der Drohnen-Lieferdienst

zum Küchenfenster oder auf den

Balkon. Und die neuen Entwicklungen betreffen nicht

nur DHL oder UPS, auch andere Lieferanten wie

Uber und die rasante Entwicklung der autonomen

Fahrzeuge verändern die Benutzung der Stadt. Architekten,

Stadtgestalter und Planer von public design

werden dazu reagieren müssen und strategische

Überlegungen zur Architektur der Zukunft anstellen.

Richard Sennett wies in seinen Publikationen wie

„Handwerk“, 2008 und „Die offene Stadt“, 2018, die

von der Stadt und dem Handwerk im digitalen Zeitalter

handeln, auf diese Phänomene hin und heizte die

aktuelle Debatte der Planer an.

Es gilt zu handeln, denn das nächste Päckchen ist

schon bestellt.

Wohnen mit Balkon im halböffentlichen Raum, am

Beispiel In der Wiesen, artec Architekten, Wien.

© Archiv Atelier Auböck


architektur PEOPLE

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Dieter Blocher

Bauen als Ausdruck

der Gesellschaft

Interview mit Architekt Dieter Blocher

Gemeinsam mit seiner Frau Jutta

Blocher gründete Dieter Blocher 1989

blocher partners, ein international führendes

multidisziplinäres Architekturund

Designbüro. Zu den Schwerpunkten

zählen die Bereiche Wohnungsbau,

öffentliche Bauten, Hybridbauten und

Handel. Neben der strategischen Ausrichtung

verantwortet Dieter Blocher

in der Unternehmensgruppe mit mehr

als 210 Mitarbeitern an den Standorten

Stuttgart, Berlin, Mannheim und Ahmedabad

unter anderem die Bereiche

Projektentwicklung, nachhaltiges

Bauen und die internationalen Hochbauprojekte.

© blocher partners/Bernd Kammerer


www.architektur-online.com

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Dieter Blocher

Der aus zwei 17-geschossigen Türmen mit einer Höhe von 70 Metern bestehende Bürokomplex Mondeal Heights

prägt die Skyline der indischen Millionenstadt Ahmedabad. Für das moderne Business-Center in minimalistisch

angelegter Architektursprache wurden blocher Partners mit dem Reality Plus Excellence Award ausgezeichnet.

© Purnesh Dev Nikhanj

Warum braucht es auch in

Zukunft Architekten?

Weil Häuser auch in Zukunft für

Menschen gebaut werden und nicht

für Algorithmen. Offenbar gehören

Architekten nicht zu den Berufen,

die durch Big Data und AI unmittelbar

gefährdet sind. Kreativität entzieht

sich glücklicherweise Formeln.

Architektur hat die große Chance,

sich die neuen Technologien als

Werkzeuge zu eigen zu machen, um

in einer hochkomplexen, vernetzten

Welt für Menschen zu entwerfen.

Welche Eigenschaften werden in

Zukunft für einen Architekten noch

wichtiger sein als heute?

Die Kunst, einen Schritt zurückzutreten

und sich gezielte Auszeiten

zu nehmen vom „Immer-Online“.

Man darf ruhig mal einem Gedanken

nachhängen. Sind die Batterien

wieder aufgeladen, ist auch das

Sensorium wieder geschärft für das

Eigentliche: Lösungen für Menschen

zu schaffen. Wer das versteht, kann

vernetzt denken, über die eigene

Disziplin hinaus. Denn es wird nichts

mehr gehen ohne transdisziplinäres

Arbeiten. Architektur war schon immer

eine Querschnittsaufgabe, die

angewandte Soziologie und Psychologie

ebenso umfasste wie Statik

oder Bauphysik. In Zukunft wird dieses

Denken entscheidend werden.

Welche Voraussetzungen für Architektur

müssen geschaffen oder verbessert

werden?

Vielleicht lohnt es, zwischen Planung

und Realisierung zu unterscheiden.

Vor allem die Umsetzung ist Ausdruck

einer Gesellschaft. Warum

aber wird hier so wenig gestritten –

und wenn, dann nur über Kosten und

Termine? Architektur braucht mehr

direkte und informelle Kontakte in

die Gesellschaft, für die sie arbeitet.

Dann müssen wir auch nicht mehr

über Fassaden streiten, wenn eigentlich

wichtige Funktionen gemeint

sind, die sich eben nicht auf den ersten

Blick erschließen, dann können

wir Streitkultur als Baukultur erleben.

Was muss sich Ihrer Meinung nach

ändern, damit der Beruf des Architekten

auch in Zukunft nicht an Bedeutung

verliert?

Gegenfrage: Warum sollte er an Bedeutung

verlieren in einer Welt, die

immer mehr nach Anhaltspunkten

und Orientierung sucht?

Ist ein Paradigmenwechsel in der Architektur

notwendig?

Dieser Paradigmenwechsel ist in vollem

Gange! Bald wird es nicht mehr

notwendig sein, die Nachhaltigkeit

von Gebäuden herauszustellen, weil

es sinnlos wird, nicht-nachhaltig zu

bauen. Ein Haus nach 30 Jahren abzureißen

und etwas völlig Neues zu

bauen, werden wir uns nicht mehr

leisten können. Was ist darüber hinaus

notwendig? Zwei Dinge: Das

Bauen muss preiswerter werden.

Wir bauen immer noch wie im Mittelalter.

Vorfertigung (in der Fabrik)

und vernetzte Logistik auf der Baustelle

können tatsächlich Kosten

senken helfen (bei höherer Qualität).

Schließlich sollten wir uns dem ausufernden

Gestrüpp an Vorschriften

stellen und kritisch hinterfragen, ob

stetig wachsende Vorgaben zu besseren

Häusern führen.

u


architektur PEOPLE

36

Dieter Blocher

© Diringer und Scheidel Unternehmensgruppe | Fabian Aurel Hild

Fünf neue Stadthäuser mit hundert Wohnungen formen ein markantes Ensemble mit einem hohen gestalterischen Anspruch

im Mannheimer Glückstein-Quartier, mit der Innenstadt in nächster Nähe und dem großen Park unmittelbar nebenan.

Was sind die derzeit größten Herausforderungen

für ein Architektenbüro?

Unsere Mitarbeiter sind das größte

Kapital. Sie zu entwickeln und uns

mit ihnen, ist eine wunderbare Herausforderung.

Neue Mitarbeiter zu

finden, ist in Zeiten des Booms ebenfalls

spannend. Der „War for Talents“

zieht sich von Amerika bis Indien und

von Berlin bis Stuttgart. Wir als international

tätiges Büro freuen uns über

kreative Stimmen, neue Einsichten

und überraschende Ansichten, die

uns flexibler und schneller machen,

wenn es darum geht, die (Bau)- Aufgaben

der Zukunft anzugehen.

blocher partners hat neben Planungsbüros

in Deutschland auch ein

Büro in Indien. Was sind die wesentlichen

Unterschiede? Gibt es Themen,

die die Sichtweise beeinflussen und

direkte Auswirkungen auf die Planung

im jeweiligen Land haben?

Wir sind ja in vielen asiatischen Märkten

tätig, nicht nur in Indien, wo wir

seit mehr als zehn Jahren ein Büro in

Ahmedabad haben. Generell hilft uns

die Rückbesinnung auf die uralten

Kulturen. Ein immer wichtiger werdendes

Thema ist auch in Indien die

Nachhaltigkeit, auch weil der spätere

Käufer sehr genau hinschaut.

Welches Thema beschäftigt

Sie besonders?

Unsere Arbeit prägt von jeher das

vernetzte Denken. Das wird noch

wichtiger in Zukunft. Daher geht es

darum, auch im Büro Strukturen zu

schaffen, die flexibel und ergebnisoffen

sind und die dafür sorgen, dass

die jeweils beste Idee gewinnt.

Die Zukunft der Architektur / Architektur

der Zukunft ist für mich? Mein ganz

persönlicher frommer Wunsch heißt?

Die Gestaltung der Städte als l(i)ebens -

werte Orte ...

Das in der Nachkriegszeit entworfene Baudenkmal in Hannover

verwandelten die Architekten von blocher partners in ein modernes

Parlamentsgebäude, das sich nun besonders offen und

transparent zeigt.

Mit hoher räumlicher Flexibilität und maximalem Gestaltungsfreiraum folgt

das AOK Projekthaus auf dem GETRAG Areal in Ludwigsburg ganz den

Leitgedanken des New Workspace.

© Joachim Grothius © Joachim Grothius


www.architektur-online.com

37

Maximilian und Julia Kneussl


architektur PEOPLE

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Dr. Harald Gründl

Design auch wieder

aus der Welt schaffen

Interview mit Designer Dr. Harald Gründl

Mit ihren Produkten möchte das Designteam

EOOS die Welt in eine positive

Zukunft lenken. Harald Gründl betont

dabei die Wichtigkeit des fächerübergreifenden

Denkens und von Kreisläufen.

© Elfie Semotan


www.architektur-online.com

39

Dr. Harald Gründl

© Stefan Lux/MAK

Bei der diesjähringen Vienna Biennale for Change 2019 zeigen EOOS bei ihrer Ausstellung "KLIMAWANDEL! Vom Massenkonsum

zur nachhaltigen Qualitätsgesellschaft" fünf Designinstallationen, die diese Transformation unterstützen können.

Ist Design eher etwas künstlerisches

oder funktionales?

Die künstlerische Konnotation von

Design kommt eher aus der Vergangenheit

und stellt eine sehr elitäre

Wahrnehmung dar. Die frühere

Zuschreibung des Designs zur

angewandten Kunst umfasst beide

Begriffe. Heute ist es nicht auf eine

spezifische Berufsgruppe eingrenzbar,

sondern ein kooperativer Prozess.

Designprozesse sind interdisziplinär

und stammen nicht von einer

Einzelperson, die im Atelier hinter

einem Schreibtisch sitzt und sich

etwas ausdenkt. Durch Partizipation

können komplexe Probleme entsprechend

gelöst werden, was ja auch auf

die Architektur zutrifft.

Was kann in Zukunft als Maßstab für

gutes Design gelten?

Weltverträglichkeit. Um das zu erreichen

darf man sich nicht nur einzelne

Dinge anschauen, sondern ganze

Lebensstile. Es geht darum, wie uns

das Ding hilft, ein gutes weltverträgliches

und solidarisches Leben

zu führen. Die Beurteilung des Dinges

an sich ist dabei nicht relevant,

sondern die Beziehung, die es zu anderen

Dingen hat. Es kann ein Ding

sein, das schlecht ist, wenn es mir

gehört, aber es kann gut sein, wenn

ich es mit anderen teile.

Die Weltverträglichkeit ist also bei

EOOS die wichtigste Grundlage?

Genau, je nach Kontext, in dem wir

gerade arbeiten, kann das beispielsweise

auch die Langlebigkeit sein.

Sie stellt einen Unterbegriff von Weltverträglichkeit

dar. Was kurz lebt,

schnell weggeworfen wird und wofür

es noch kein kreislauffähiges System

gibt, fällt nicht unter diesen Begriff.

Die Langlebigkeit ist ein wichtiges

Kriterium für viele unserer Projekte.

Was machen Sie, damit ihre Produkte

die Zeit überstehen?

Das ist eine Frage des schönen Alterns

und des modisch Seins zu einer

bestimmten Zeit. Wir arbeiten in einem

Designsegment, wo Mode nicht

in dieser Kurzlebigkeit auftritt wie in

anderen Bereichen wie beispielsweise

Kleidung, obwohl es auch für Möbel

gewisse Moden gibt. Auch Dinge,

die lange eine Bedeutung haben,

sind auch nicht immer unter dem Begriff

„zeitlos“ einzuordnen. Nichts ist

zeitlos. Bei EOOS entwickeln wir Dinge

aus unserer Haltung und unseren

Werten heraus mit Firmen, die diese

teilen. So entstehen dann Dinge, die

länger Bestand haben. Etwas zeitlos

zu nennen, ist hohe Spekulation,

denn viele „zeitlosen“ Designklassiker

waren damals radikal und haben

mit gängigen Wahrnehmungen gebrochen.

Sie bestehen nicht dadurch,

dass sie damals zeitlos waren, sondern

mit ihrer Zeit gebrochen haben.

Sie finden es also nicht notwendig, immer

die neuesten Produkte zu haben?

Am Ende zählt die Gesamtbilanz eines

Lebensstils. Wie die individuellen

Schwerpunkte dabei gesetzt werden

,überlasse ich jedem selbst. Insgesamt

müssen wir so leben, dass es

sich für alle ausgeht. Es wäre wichtig,

ein Feedback für den eigenen

Lebensstil zu bekommen, um zu sehen,

ob dieser ökologisch und sozial

verträglich ist.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie?

Diesem Wort sind wir mittlerweile

schon ein bisschen überdrüssig geworden,

auch weil es von der Werbung

ständig für Greenwashing verwendet

wird. Bei der Nachhaltigkeit

geht es um das maßvoll sein und auch

um ein Denken über Generationen hinaus.

Sie bezieht sich auf unser heutiges

Wirken und setzt es in Relation zu

zukünftigen Generationen. u


architektur PEOPLE

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Dr. Harald Gründl

Das modulare Kühlschrank-System „Greenfreeze 2“

Wo kann das Design der Zukunft

eine Inspirationsquelle finden?

In der Natur gibt es eine unglaubliche

Vielfalt an Lösungen, die die Erde

aber über all die Jahre nicht kaputt

gemacht haben. Das Kreislaufdenken

in der Wirtschaft ist im Grunde durch

die biologischen Kreisläufe der Natur

inspiriert. Auch für das Design und

die Architektur ist es wichtig, den

Kreislauf fertig zu denken. Man soll

sich nicht nur überlegen, wie man

Dinge in die Welt schafft, sondern

auch wie man sie wieder aus der Welt

schafft. In Australien muss für neue

Gebäude auch wieder ein Plan hinterlegt

werden, wie man es wieder

weg bekommt. In einem kleineren

Maßstab wird das auch für Design

notwendig sein. Für Materialien muss

ein Bewusstsein geschaffen werden,

wo diese herkommen, unter welchen

Bedingungen diese hergestellt werden

und ob sie später ein zweites

Leben haben können. Dieses von der

Natur inspirierte Wirtschaftsdenken

in Kreisläufen muss in Design und Architektur

ganz schnell Einzug halten.

Welche Aufgaben wird dann Design

in der Zukunft zu erfüllen haben?

Es muss uns klarmachen, dass unsere

Zukunft nicht alternativenlos

ist, wie uns das die Politik und Wirtschaft

zum Teil weismachen möchte.

Es gibt viele Alternativen für alle

Bereiche unseres Lebens. Design

ist ein wunderbares Werkzeug, um

uns Menschen zu zeigen, welche

Zukünfte vor uns liegen. Bestimmte

Zukünfte sollen dadurch zur Diskussion

gestellt und gesellschaftliche

Prozesse sollen angestoßen werden.

Unsere aktuelle Ausstellung im MAK,

die mit „Klimawandel“ übertitelt ist,

versucht genau das. Wir müssen

jetzt Formen und auch Institutionen

schaffen, durch die wir unsere

Zukunft verhandeln können. Design

ist dafür das Werkzeug. Es soll auch

spekulative Zukünfte in den Raum

stellen, wo wir gemeinsam als Gesellschaft

herausfinden und diskutieren

können, wo wir hin wollen.

Sehen Sie der Zukunft

positiv entgegen?

Die Zukunft ist das, was wir daraus

machen. Eine der wichtigsten Aufgaben

von Design ist es, die gesellschaftliche

Rolle ernst zu nehmen.

Die Transformation vom Massenkonsum

zu einer nachhaltigeren Gesellschaft

soll es aktiv mitgestalten und

Lösungen in den Raum stellen. Wir

müssen kritisch sein und auch bleiben,

vielleicht sogar noch kritischer

werden. Wenn das Design lediglich

einer Marktlogik folgt, würde diese

transformative Kraft nicht entfaltet

werden können. Leider muss man sagen,

dass in der Wirtschaft kurzfristiges

Handeln und das nicht Abgehen

von alten Geschäftsmodellen einem

Wandel extrem im Weg stehen.

Was ist für Sie ein Leitprojekt

für die Zukunft?

Eine Grundbedingung für ein Leitprojekt

für die Zukunft ist ein vernetztes

und systematisches Denken über die

Disziplin hinaus. Abstrakt gesehen

soll es schnell diesen Wandel hin zu

einer Kreislaufgesellschaft ermöglichen.

Gute Lösungen müssen vielen

Menschen schnell zugute kommen.

Alte Geschäftsmodelle müssen neu

gedacht werden, obwohl Copyrights

und Patente sicher noch länger existieren

werden. Für EOOS ist dabei

ein Projekt ganz wichtig, an dem wir

seit fast zehn Jahren mit der Bill &

Melinda Gates Foundation arbeiten:

eine Toilettenlösung, bei der der

Urin in der Toilette abgetrennt wird.

Dieser kleine Schritt hat große Auswirkungen,

denn man kann ihn dazu

benutzen, um weniger Dünger zu verwenden

und in weiterer Folge gibt es

dadurch weniger Stickstoffeintrag in

die Flüsse. Mit einer Reform hin zu einer

biologischen Landwirtschaft würden

wir den Einsatz von künstlichen

Dünger zukünftig vermeiden können.

Man sieht, dass eine kleine Sache riesengroße

Auswirkungen haben kann

und das nur, weil man sie systemisch

denkt. Alle Projekte, die dem Klimawandel,

der Umweltzerstörung und

der sozialen Ungleichheit Lösungen

gegenüberstellen, sind Leitprojekte

für die Zukunft. Es braucht neue

Akteure, ein fächerübergreifendes

Denken und ein kritisches Auge auf

die aktuellen Geschehnisse. Unsere

schwierige Situation ist nicht unveränderlich.

In diese haben wir uns jetzt

hineingebracht, aber da kommen wir

mit der Kreativität von allen wieder

hinaus und dazu zählen eben nicht

nur Designer.

Die Zukunft des Designs/Design der

Zukunft ist für mich …

weltverträglich.


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41

Architekt Professor Klaus Loenhart


architektur PEOPLE

42

DI Helumt Koch

Die Nähe

wiederentdecken

Interview mit dem Verkehrsplaner DI Helmut Koch

Als Leiter des Verkehrsplanungsbüros

komobile in Gmunden engagiert sich

Dipl.-Ing. Helmut Koch für innovative

Verkehrslösungen, aktive Mobilität und

den öffentlichen Verkehr. Im Zuge des

Interviews betont er immer wieder die

Wichtigkeit des öffentlichen Raumes

und der Multimodalität im Verkehr.

© Helmut Koch

Herr Diplomingenieur Koch, wie

glauben Sie, werden wir uns in Zukunft

fortbewegen?

In Zukunft wird es regional sehr unterschiedliche

Mobilitätsmuster geben.

Dabei wird sich der städtische

Raum weiterhin vom ländlichen Raum

unterscheiden. Durch die fortlaufende

Urbanisierung wird aber das Mobilitätsverhalten

in der Stadt maßgeblich

sein. Dort wird man aktiver sein, also

sich aus eigener Kraft mit dem Fahrrad,

E-Bike, Scooter oder Ähnlichem

fortbewegen. Mobilität wird multimodaler,

also abwechslungsreicher und

es werden vermehrt Mobilitätsservices

– wie CarSharing oder BikeSharing

– in Anspruch genommen. Man

borgt sich lieber ein Fahrzeug aus als

es privat zu besitzen. Im ländlichen

Raum wird der private PKW weiterhin

seinen Stellenwert behalten. Kraftfahrzeuge

werden aber nicht fossil

angetrieben sein, sondern, wie es derzeit

aussieht, elektrisch.

Was sind mögliche Verbindungen

zwischen dem städtischen und ländlichen

Raum?

Für die Schnittstelle zwischen Umland

und Stadt Lösungen zu finden,

ist sicherlich am schwierigsten. Der

problemverursachende Straßenverkehr

in den Städten ist ja vor allem

Stadt-Umland-Verkehr. Die Mobilität

von Stadtbewohnern und jener des

Umlandes unterscheiden sich signifikant.

Eine stärkere Kooperation zwischen

Städten und Umlandgemeinden

ist notwendig. Es gibt aktuell

immer noch zu viele Kompetenzgrenzen.

Attraktive ÖV-Achsen, vorzugsweise

auf der Schiene, müssen ausgebaut

werden und in der Region gut

erreichbar sein. Ein Denken in Agglomerationen

über die Stadtgrenzen hinaus

ist unbedingt notwendig.

Worin sehen Sie weitere Problematiken

bei der aktuellen Verkehrssituation

in Österreich?

Man denkt immer noch zu oft in großen

Lösungen. Wir brauchen aber

mehr Lösungen für die Nähe. Knapp

die Hälfte aller mit dem Auto zurückgelegten

Wege ist kürzer fünf

Kilometer. Hier bestehen große Po-


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43

DI Helumt Koch

Auch in Kleinstädten sind

nachhaltige Mobilitätslösungen

möglich. In Gmunden

wurde durch den

Neubau einer 700 Meter

langen Gleisverbindung

die attraktive Traunsee-

Tram geschaffen.

© Stern&Hafferl Verkehr

tenziale für mehr aktive Mobilität,

die es zu heben gilt. Wenn die Rahmenbedingungen

passen und die

Motivation stimmt, werden diese

Wege auch problemlos zu Fuß, mit

dem Fahrrad oder E-Bike zurückgelegt.

Auch wenn es auf den ersten

Blick paradox erscheint: Radwege

und gemischte urbane Strukturen

lösen Verkehrsprobleme effizienter

als neue Autobahnen. Das Verkehrssystem

reagiert sehr flexibel auf die

bereitgestellte Infrastruktur.

Sind die Städte der Zukunft

also autofrei?

In den Kernbereichen wird es autofreier

werden, dass es aber überall

Fußgängerzonen gibt glaube ich

nicht. Das ist auch nicht notwendig.

Die Anzahl der Kraftfahrzeuge wird

in den Städten zurückgehen. In den

Wohngebieten wird es künftig größere

autofreie Bereiche geben. Dadurch

entstehen wieder qualitativ

hochwertige öffentliche Räume und

mehr Nähe. Fahrzeuge parken nicht

am Straßenrand, sondern in Sammelgaragen,

von denen aus man auf

kurzem Weg das Ziel erreicht. Motorisierten

Individualverkehr wird es

weiterhin geben, die Motorisierung

wird aber weiter zurückgehen.

Wird der Mensch weiterhin die Verkehrsmittel

steuern?

Vollständig autonomes Fahren wird in

den Städten erst in einigen Jahrzehnten

alltäglich sein. Die aktuelle Euphorie

ist verfrüht, es gibt noch eine

Reihe von ernsten technischen Problemen,

die zu lösen sind. Autonomes

Fahren wird sich zuerst in einfach zu

beherrschenden Umgebungen durchsetzen

– das sind die Autobahnen.

Selbstfahrende Busse, der jetzt probeweise

eingesetzt werden, könnten

einen Beitrag zur Attraktivierung des

öffentlichen Verkehrs leisten.

Wie kommen Sie persönlich eigentlich

täglich zur Arbeit?

Ich wohne in einer Kleinstadt, deren

kompakte Struktur mir kurze Wege

ermöglicht. Von Zuhause gehe ich

zu Fuß ins Büro. Wenn ich keine

Auswärtstermine habe, brauche ich

tagelang keine motorisierten Verkehrsmittel.

Ich lebe damit in einer

privilegierten Situation. Ziel der Planung

müsste es ein, für mehr Menschen

ähnlich privilegierte Situationen

zu schaffen.

Was bedeutet Mobilität für Sie?

Mobilität heißt Beweglichkeit, also

die Möglichkeit sich zu verändern.

Räumlich gesehen geht es um Ortsveränderungen.

Der Begriff ist gesellschaftlich

sehr positiv besetzt.

Eingriffe in die räumlichen Mobilitätsmöglichkeiten

werden häufig

emotional diskutiert. Politiker sind

deshalb sehr vorsichtig, wenn Entscheidungen

getroffen werden müssen.

Es dominiert eine egoistische

Grundeinstellung: Jeder möchte

möglichst in einer Fußgängerzone

wohnen, mit dem eigenen PKW aber

möglichst ungehindert und schnell

überall hinfahren können. Mit dieser

Diskrepanz muss man als Politiker,

aber auch als Verkehrsplaner leben.

Finden Sie es notwendig,

ständig mobil zu sein?

Nein. Auch hier gibt es einen Zwiespalt

im Menschen. Einerseits will

man nicht gezwungen sein, täglich

viele Kilometer zu fahren, andererseits

stört es die Leute nicht, freiwillig

weite Strecken zurückzulegen,

zum Beispiel in der Freizeit. Wir beobachten

noch immer zunehmende

Distanzen, zum Beispiel zwischen

Wohn- und Arbeitsort. Steigende

Pendeldistanzen werden für eine

(vermeintlich) höhere Wohnqualität

am Land oder geringere Wohnkosten

in Kauf genommen. Manches davon

ist nicht notwendig und könnte zum

Beispiel durch Homeworking ersetzt

werden. Wir Planer sollten Strukturen

schaffen, wo man mehr Aktivitäten

im Nahbereich durchführen kann.

Diese erlauben es, mobil zu sein und

gleichzeitig nachhaltiger zu leben.

Wie wird das Sammeln von Daten

den Verkehr und die Verkehrsplanung

in Zukunft beeinflussen?

Wir sind schon heute durch unsere

Handys ein „offenes Buch“, auch

wenn es Vielen nicht bewusst ist.

Durch das Tracken von Bewegungsmustern

unserer Handys können

Fahrzeiten in Routenplanern genau

prognostiziert werden. Das erzeugt

einerseits Unbehagen, andererseits

sind das für die Verkehrsplanung

wertvolle Grundlagen. Durch Digitalisierung

wird der ohnehin sehr komplizierte

öffentliche Verkehr leichter

nutzbar. Ich sehe das Sammeln von

Daten und die Digitalisierung grundsätzlich

positiv, wenn persönliche

Daten nicht in unangemessener Weise

weitergegeben werden. u


architektur PEOPLE

44

DI Helumt Koch

© Helmut Koch

Wie wird das Thema Mobilität die Architektur

der Zukunft beeinflussen?

Die Architektur muss sich künftig

umfassender mit den Ansprüchen

der Mobilität befassen. Neben den

heute üblichen PKW-Stellplätzen

sind Abstellmöglichkeiten für Fahrräder

einzuplanen, und zwar direkt

vor den Eingängen. Fahrradräume

in der Erdgeschosszone sind notwendig,

niemand nutzt das Fahrrad,

wenn man es erst vom Keller

über Stiegen hinauftragen muss.

KFZ-Stellplätze müssen nicht unbedingt

mit dem Lift von der Wohnung

aus erreichbar sein. Besser sind

Sammelgaragen am Rand von Siedlungsgebieten.

CarSharing-Systeme

und andere Verleihsysteme sind

zu integrieren, am besten in Form

von Mobility Points, damit können

Zweitautos eingespart werden. Eine

verringerte Zahl von Pkw-Stellplätzen

kann einen Beitrag zu leistbarerem

Wohnen leisten.

Was sind Mobility Points genau?

Das sind Mobilitätsdrehscheiben, die

in Siedlungsgebieten oder bei Stationen

des öffentlichen Verkehrs positioniert

sind. Angebote für CarSharing,

Mietwägen, Lademöglichkeiten für

Elektrofahrzeuge, E-Bikes und Fahrradabstellmöglichkeiten

sind hier

kombiniert. Man deckt dort Mobilitätsbedürfnisse

ab, informiert sich,

borgt Fahrzeuge aus oder wechselt

das Verkehrsmittel. In einigen Städten

gibt es bereits erfolgversprechende

Umsetzungen, wie in Graz,

Wien und Linz. Aber auch Kärnten

verfolgt dieses Prinzip landesweit.

Werden Verkehrsplaner also zu spät

in die Planung miteinbezogen?

Wir haben in der Praxis damit zu kämpfen,

dass das Thema Mobilität manchmal

erst in einer späten Planungsphase,

oft erst im Genehmigungsverfahren,

aufpoppt. Dann heißt es, Feuerwehr

spielen. Richtig wäre, Mobilitätskonzepte

von Anfang an mitzudenken,

und entsprechende Rahmenbedingungen

für die Planung am Beginn eines

Prozesses festzulegen.

Was raten Sie als Verkehrsplaner

den Architekten und Architektinnen

sonst noch?

Die Aspekte der Verkehrsplanung

ernst zu nehmen und von Anfang

an in die Planung zu integrieren. Das

heißt, nicht nur die Autostellplätze zu

berücksichtigen, sondern auch die

Ansprüche der anderen Verkehrsteilnehmer.

Der Raum zwischen den Objekten

ist eine genauso wichtige Gestaltungsaufgabe

wie der Hochbau

selbst. Die Qualität des öffentlichen

Raumes ist ein riesengroßes Thema.

Was ist für Sie ein Leitprojekt

für die Zukunft?

Es gibt eigentlich schon viele umgesetzte

Beispiele mit innovativen Planungsansätzen.

Das sind zum Beispiel

die Seestadt Aspern in Wien oder im

ländlichen Raum die Siedlung „Sonnengarten

Limberg“ in Zell am See.

Die Mobilität der

Zukunft ist für mich...

aktiver, multimodaler, weniger motorisiert,

mehr im Sinne eines Services zu

verstehen und elektrisch angetrieben.

Digitalisierung unterstützt die Flexibilität

der Verkehrsteilnehmer. Der private

PKW-Besitz wird zurückgehen.


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45

Dipl.-Ing. Helumt Koch

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architektur PEOPLE

46

Ing. Mag. (FH) Peter Weinberger

Architektur

und Vermarktung

Interview mit Ing. Mag. (FH) Peter Weinberger, GF Raiffeisen Immobilien

Bei der Behandlung des gesetzten Leitthemas

„Zukunft der Architektur – Architektur

der Zukunft“ darf der Bereich, der letztendlich

für die Vermarktung der gebauten Werke

verantwortlich ist, mit seiner ganz speziellen

Sichtweise nicht fehlen. Exemplarisch für

die Immobilienbranche sprachen wir mit Ing.

Mag. Peter Weinberger, einem der beiden

Geschäftsführer von Raiffeisen Immobilien.

Welche Bedeutung hat der Themenbereich

Architektur für Sie und Ihr Unternehmen?

Die Architektur hat zweifelsfrei einen großen

Stellenwert beim Verkauf einer Immobilie.

Auffällig ist aber, das manche Architektur

etwas übertrieben ist und die Käufer

diesen Anspruch gar nicht haben. Oftmals

wird dadurch das Objekt unnötig verteuert,

da die Konsumenten diese Ansprüche gar

nicht stellen.

Ein Beispiel dafür?

Etwa der Einsatz von teuren Materialen nur

für die optische Wirkung. Oder die derzeit

modischen Galerien, die der zukünftige Nutzer

in Wahrheit aber so gar nicht braucht.

Ab und zu geht meiner Meinung nach die

Architektur den Weg des zu Schönen, des

zu Prunkvollen und damit einhergehend

des zu Teuren. Die aktuelle Situation am

Markt ist aber ohnedies angespannt, da wir

mit sehr hohen Grundstückspreisen konfrontiert

sind und das Bauen selbst ebenfalls

recht teuer ist. Wenn dann auch noch

die Architektur über ein vernünftiges Maß

schießt, wird die Immobilie für viele einfach

unleistbar. Es ist jedenfalls ein klarer

Trend, dass sich architektonisch einfacher

ausgeführte und kostengünstigere Objekte

wesentlich leichter verkaufen lassen.

Das größe Problem bei der Umsetzung des

Wohntraums ist die Leistbarkeit – die Leute

wollen schon etwas Schönes, aber wenn sie

sich das nicht leisten können?

Wie steht es mit der Bedeutung der Nachhaltigkeit?

Ist das ein Thema für Ihre Käufer?

Ehrlicherweise ist es derzeit noch kein wesentliches

Thema bei der Kaufentscheidung.

Aber es ist zu merken, dass das Interesse

an Umweltschutz und Nachhaltigkeit

steigt. Bei annähern gleichem Preis fällt

schon jetzt die Wahl eher auf Projekte, die

mit nachhaltigen Baustoffen entstanden

sind. Die Kaufentscheidung selbst basiert

aber weniger auf technischen Kriterien, es

wird überwiegend emotional entschieden.

Da ist eher das Thema „schön“ und „weniger

schön“ entscheidend.

© Petra Spiola

Man kann also einen höheren Preis nicht

mit Nachhaltigkeit argumentieren?

Ich fürchte, das kann man nicht, da es die

Leute nicht zahlen können. Wir sind in Summe

für nationale Verhältnisse schon sehr

teuer. Meiner Meinung nach sind wir bei

den Immobilienpreisen in Österreich sogar

schon am oberen Ende des Leistbaren.

Gibt es Unterschiede zwischen dem Projekt-

und dem Privatverkauf?

Was sicher viel komplexer ist, ist ein Projekt

vom Plan weg zu vermarkten. Objekte

zur Eigennutzung lassen sich so nur sehr

schwer verkaufen. Bei Anlageobjekten, wo

der Käufer als Investor nicht selbst Nutzer

sein wird, ist es hingegen einfacher. Hier

stehen das Vermieten und die Rendite und


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47

Ing. Mag. (FH) Peter Weinberger

nicht das selber Wohnen im Vordergrund.

So gesehen ist der Unterschied zwischen

Eigennutzung und Anlage gravierend und

muss bei der Vorbereitung der Vorverwertung,

des Verkaufens ab Plan, besonders

berücksichtigt werden.

Gebrauchtimmobilien lassen sich dem gegenüber

einfacher verkaufen, da die Interessenten

die Immobilie sehen, fühlen und auch

das Umfeld erleben können. Speziell im Osten

wird gerne an der Mauer geklopft. Und

da gebrauchte Immobilien gegenüber neuen

Objekten in der Regel etwas günstiger sind,

ist der Entscheidungsprozess in der Regel

bei bestehenden Objekten etwas kürzer.

Verkaufen vom Plan weg – wie kann man

sich das vorstellen? Den Plan in die Realität

zu denken fällt auch Fachleuten nicht immer

so leicht!

Wir nutzen dafür zunehmend die virtuelle

Welt und machen die Objekte durch

Virtual-Reality-Touren erlebbar. Ich denke,

dass diese Technologie in Zukunft einen

Aufschwung erleben wird. Aktuell bringen

die VR-Touren aber noch keine spontanen

Kauf entscheidungen. Das wird erst passieren,

wenn man diese Besichtigungen zu

Hause am Fernsehbildschirm machen und

mit der ganzen Familie durchführen kann.

Dann wird auch die Vermarktungsvorbereitung

für ein Projekt eine neue Bedeutung

bekommen. Derzeit ist VR bei der Vermarktung

aber eher noch ein schönes Spiel.

Der Digitalisierungsgrad der Bauwirtschaft

nimmt rasant zu. Wie sieht es da im Bereich

der Vermarktung aus?

Die nachfolgenden Generationen leben

viel digitalisierter und das wird auch unsere

Branche zunehmend betreffen. Für

unseren Bereich kann das neben den erwähnten

VR-Touren etwa auch den Einsatz

von Robotern bei den Erstbesichtigungen

bedeuten – der Interessent öffnet die Tür

mit dem übermittelten Code und im inneren

führt ein Roboter durch die Immobilie.

Für die tatsächliche Kaufentscheidung wird

meiner Meinung nach aber weiterhin der

persönliche Kontakt wichtig sein. Rein digital

glaube ich nicht, dass der Vertrieb einer

Immobilie funktioniert.

Hat es bei der Vermarktung Vorteile, wenn

das Projekt von einem sehr bekannten Architekten

stammt?

Ja, ich glaube schon, dass es ein Vorteil ist.

Aber nur dann, wenn der Preis deswegen

nicht höher ist.

Und wieder der Preis?

Ist nur der entscheidend?

Der Preis ist eben ein sehr wichtiges Kriterium

und im Durchschnitt das Essentiellste.

Es hilft dem Interessenten nichts, wenn alles

super ist und gefällt, aber er erhält keine

Finanzierung und kann es sich nicht leisten.

Ich spreche da vom durchschnittlichen

Menschen und nicht von den Mehrverdienern.

Letztendlich zählt das Preis-Leistungsverhältnis

und natürlich auch die

Lage. Aber in Summe wird es weniger darauf

ankommen, wer das geplant und gebaut

hat, wenn es gut geplant und gebaut ist.

Es gibt also im Verkauf keinen

Bonus für bekannte Architekten?

Ich glaube nicht, dass es einen Bonus dafür

gibt. Aber zweifelsfrei sind Objekte von Architekten,

die sich persönlich sehr stark bei

ihren Projekten einbringen und ergründen,

was sie selber gerne hätten, was sie stört, und

die das dann bei der Umsetzung berücksichtigen

mehr gefragt. Am Markt zählt nicht nur

die Optik – gefordert ist vielmehr die Funktionalität.

Wo die fehlt, wird es für uns schwierig.

In welche Richtung wird sich der Immobilienmarkt

weiter entwickeln? Preislich hoffen

Sie ja offensichtlich, dass es nicht noch teurer

wird. Wie sieht es bei den Nutzflächen

aus? Wie bei den Lagen?

Ein immer bedeutenderes Kriterium ist

die Erreichbarkeit. Ein Großteil der jungen

Menschen in den Städten besitzt heute kein

eigenes Auto mehr – und viele wollen auch

keines. Im ländlichen Bereich kommt dem

öffentlichen Verkehr bei der Kaufentscheidung

eine sehr große Rolle zu.

Bei den Nutzflächen erwarte ich keine weitere

Reduktion. Wenn ich einen Interessenten

fragen würde, ob er für 400.000 Euro

100 Quadratmeter will, oder 50, würde der

Intelligente fragen „wo“. Sie sehen, neben

dem Preis ist es auch eine Frage der Lage

und ich glaube auch nicht, dass generell der

Wunsch nach kleinen Wohnflächen besteht.

Wir haben zwar viele Singlehaushalte, dort

ist Größe sicher ein Thema. Wenn man aber

von Jungfamilien oder Familien spricht,

werden 50 Quadratmeter nicht wirklich reichen.

Es kommt also bei diesem Punkt stark

darauf an, wer der Nachfragende ist.

Meiner Erfahrung nach kann eine gut geschnittene

75 bis 80 Quadratmeter Wohneinheit

das Ideal darstellen. Man braucht keine

200, aber auch keine 50 Quadratmeter,

wenn man selber darin wohnen will. Wichtig

ist einfach eine vernünftige Zimmeraufteilung.

Deswegen glaube ich nicht, dass Eigenheime

in Zukunft kleiner werden.

Und aufgrund des Preis/Fläche-Verhältnis

sehen wir auch, dass immer mehr Menschen

in ländlichere Regionen ausweichen,

da sie dort mehr Fläche für das gleiche

Geld bekommen. Dort ist dann aber entscheidend,

welche öffentliche Anbindungen

vorhanden sind. Deswegen ist es für diese

Gebiete enorm wichtig, die notwendige Infrastruktur

zu haben, um das Leben auf dem

Land zu ermöglichen.

Was verbinden Sie mit dem

Begriff „grüner Wohnen“?

Wir wohnen schon vergleichsweise grün.

Vor allem in den Ballungszentren ist das

„grünere Wohnen“ in den Plänen schon zu

erkennen, in den Errichtungen hingegen

noch nicht. Ich sehe aber, dass dieses Thema

von den Konsumenten schon angenommen

wird. Die sommerlichen Temperaturen

spielen da stark hinein – Klimaanlagen

waren z.B. lange kein Thema, spielen heute

aber eine sehr große Rolle. Deswegen

liebe ich es, wenn ein Bauträger erklärt, er

bereitet die Klimaanlage vor. Da denke ich:

Mach sie oder mach sie nicht, was soll eine

vorbereitete Anlage dem Käufer bringen?

Oder wenn heute am Insektenschutz gespart

wird. Ist ein stehendes Gewässer in

der Nähe, ist der fehlende Insektenschutz

ein Kriterium, das beim Verkauf ganz sicher

angesprochen wird. Es sind oft Kleinigkeiten,

an denen es dann scheitert.

Wenn Sie ein neues Projekt übernehmen:

Sehen Sie da gleich, ob es leicht oder

schwer zu verkaufen sein wird?

Ja, das sehen wir aufgrund unserer 35 jährigen

Erfahrung eigentlich sofort. Wir freuen

uns daher auch, wenn wir schon vor der Planung

involviert werden und ergründen können,

wer genau dort die Käufer sein werden.

Es ist sehr logisch, sich mit den Zielgruppen

und deren Anforderungen im Vorfeld auseinander

zu setzen, um nicht an der Nachfrage

vorbei zu bauen.

Dabei kristallisiert sich meistens eine

Hauptgruppe heraus, für die eine Immobilie

in Frage kommt – und an der man sich

hauptsächlich orientieren kann. Sind deren

Wünsche und Anforderungen dann eruiert,

kommen von uns etwa die Vorschläge über

die gefragten Wohnungsgrößen oder auch

die erforderliche Ausstattung. Für ein erfolgreiches

Projekt ist das Zusammenspiel

von Planung, Errichtung und Vermarktung

jedenfalls enorm wichtig – viele Bauträger

laden uns als Immobilienvermarkter deshalb

schon vor Baubeginn zur Zusammenarbeit

ein. Daraus resultieren dann Projekte,

die vermarktbar sind.


architektur PEOPLE

48

Mag. arch. Martin Kohlbauer

Die Architektur

hochhalten

Interview mit Architekt Mag. arch. Martin Kohlbauer

Die Handskizze ist für den Architekten Martin Kohlbauer das wichtigste Ausdrucksmittel

und hilft ihm, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Seine

Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste in Wien schloss er in der

Meisterklasse von Gustav Peichl erfolgreich ab. Heute führt er ebenso eindrucksvoll

sein Architekturbüro im Nestroyhof des zweiten Wiener Gemeindebezirks.

© Daniela Klemencic


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49

Mag. arch. Martin Kohlbauer

Skizzieren gehört für Martin Kohlbauer zu seinem

Alltag - hier für das Fernwärmewerk Wien Süd.

Herr Architekt, was wünschen Sie

sich von der Architektur?

Dass sie berührt. Architektur ist in

hohem Maße ein emotionales Thema.

Wohlbefinden und Weiterkommen

sind stark davon abhängig, dass

man sich in räumlichen Sequenzen

bewegt, die einem positiv konnotieren.

Als Wichtig erachte ich eine

frühzeitige Auseinandersetzung

mit architektonischen Themen. Die

Verankerung der Architektur in den

Lehrplänen aller Altersstufen tut Not.

Lange Zeit gab es im Fach Bildnerische

Erziehung noch die Initiative

„der Architekt kommt in die Schule“,

der ich mich zu Beginn meiner Karriere

immer wieder zur Verfügung gestellt

habe. Schulbildung ist das Eine,

eine mediale Präsenz das Andere.

Architektur ist leider generell ein

Minderheitenprogramm. Eine aktive

Auseinandersetzung der Menschen

mit Architektur muss gefördert und

unterstützt werden. In den alltäglichen

Medien kommt Architektur de

facto nicht vor. Kultur wird lediglich

mit dem Theater in Verbindung gebracht.

Wer die neue Buhlschaft ist,

bewegt ganz Österreich. Bauen ist

Kulturaufgabe, das ist eine wichtige

Botschaft. Denn Bauen ist Kultur. Damit

sollte sich die Gesellschaft auch

entsprechend auseinandersetzen.

Das passiert aber viel zu wenig und

aus meiner Sicht immer weniger.

Wie nehmen Sie die Wiener

Architektur wahr?

Wie in vielen wichtigen europäischen

Städten ist die Wiener Architektur

auch stark von der Geschichte geprägt.

Das Imperiale und der kompakte

Stadtkern sind äußerst präsent.

Dabei geht es nicht nur um den

ersten Bezirk, sondern auch bis zum

Gürtel und darüber hinaus. Das prägt

die städtische Substanz. Es sind

immer die dichten, urbanen Bereiche,

die uns faszinieren. Der soziale

Wohnbau spielt in Wien eine wichtige

Rolle. Nicht nur die Architektur des

„roten Wien“ aus den 1920er Jahren,

sondern auch die aktuelle Situation

findet international hohe Beachtung.

Welchen Stellenwert hat das

Geschichtsbewusstsein?

Die Architektur ist eine Beziehungsgeschichte

und steht immer in einem

zeitlichen Kontext. Man braucht für die

Architektur Geschichtsbewusstsein.

Architektur studieren heißt ja auch,

die Weltarchitektur in ihrem Zusammenhang

zu studieren. Das ist wichtig,

wenn ich etwas Besonderes machen

möchte oder einen spezifischen Input

in eine Aufgabe geben möchte. Bezüge

herzustellen, ist eine Kunst und

macht gute Architektur aus.

Ist Architektur also Kunst?

Es gibt die immerwährende Debatte,

ob Architektur Kunst oder Dienstleistung

oder Sonstiges ist. Architektur

ist Kunst! – ohne Wenn und Aber.

Sich von dieser Haltung zu verabschieden,

würde bedeuten, sich vom

Architekturanspruch zu verabschieden.

Eines der allerwichtigsten Dinge

ist, dass man diesen Anspruch verfolgt

und trotz permanenter Einwände

nicht weich wird. Kompromissbereitschaft

ist völlig in Ordnung, aber

man muss wissen an welcher Stelle.

Sehen Sie sich als einen

typischen Wiener Architekten?

Der Titel meiner zuletzt erschienen

Werkmonografie lautet „A Viennese

Architect“. Dabei handelt es sich nicht

um eine bloße Ortsangabe, sondern

um ein kulturelles Bekenntnis. Wien ist

meine Heimat in vielerlei Hinsicht. Ich

fühle mich den Traditionen der Wiener

Großstadtkultur sehr verbunden.

Wie wird das Image von Wien durch

die Architektur mitbestimmt?

Das Image einer Stadt wird meist

von der Außensicht betrachtet und

davon generiert. Die Reduktion auf

Stephansdom, Schloss Schönbrunn

und Riesenrad wird noch lange gepflegt

werden. Als Architekt ist man

in der glücklichen Lage, eine umfassendere,

vielschichtigere Wahrnehmung

entwickelt zu haben, die einem

als reflektierenden Reisenden immer

wieder zu Gute kommt.

u


architektur PEOPLE

50

Mag. arch. Martin Kohlbauer

Sehen Sie die Zukunft der Architektur

in der Vertikalität oder in der Horizontalität?

Die Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts

ist stark geprägt von einem

vertikalen Drang. Das wird auch weiterhin

so bleiben. Man kann dadurch

zwar eine gewisse Dichte erzeugen,

aber es bringt auch durchaus

Nachteile mit sich. Betrachtet man

die Wirtschaftlichkeit eines Hochhauses,

so hat es durch den Kern im

Inneren eine marginale Nutzfläche.

Vertikalität und Horizontalität sind

jedoch beide wichtig und können

gut nebeneinander existieren, sowie

eben auch Alt und Neu.

Sehen Sie die Zukunft der Architektur

am Land oder am Wasser?

Persönlich habe ich gern sicheren

Boden unter den Füßen, obwohl Venedig

einer meiner Lieblingsorte ist.

Wasser hat eine besondere Kraft und

bietet eine wunderbare Aura und

Qualität. Die Beziehung zu Wasser ist

also sehr wichtig. Eine Zukunft unter

Wasser sehe ich jedenfalls nicht und

hätte auch keine Lust dazu.

Könnte man vielleicht auch am Land

einen Schritt weiter gehen und die

Städte nach unten hin verdichten?

Es gibt faszinierende Beispiele von

unterirdischer Architektur, nicht nur

aus Gründen des Versteckens, sondern

auch unter Einbeziehung der

Topografie. Für eine kompakte Struktur

kann das Nutzen von unteren

Ebenen sehr sinnvoll sein. Ich denke

an den Louvre oder Sportbauten von

Dominique Perrault. Die aktuelle europäische

Kulturhauptstadt 2019 Matera

ist ein wunderbares Beispiel.

Was kann man aus der Architektur der

Vergangenheit und der Gegenwart für

die Architektur der Zukunft lernen?

Die Architektur der Vergangenheit

sollte man kennen und studiert haben,

denn man kann daraus unendlich

viel lernen. Als Architekt lernt

man ohnehin ununterbrochen und

das auch aus Negativbeispielen. Das

Gesehene wird sofort überprüft und

reflektiert. Das sollte sowohl mit Vergangenem

als auch mit Zeitgenössischem

passieren, das ist eine wichtige

Basis und hat wesentlichen Einfluss

auf das Kommende. Mein persönliches

Prinzip lautet „zuerst den Rucksack

vollpacken“. Um aus dem Vollen

zu schöpfen braucht man solch eine

Grundlage. Meine weitere persönliche

Basis ist die Zeichnung. Jedes Projekt

beginnt mit einer Skizze.

Wird man in Zukunft noch

händisch skizzieren?

Menschen wie ich sicherlich. Meine

Arbeit ist immer verbunden mit dem

Blick aufs Wesentliche. Einer der

Vorteile der Skizze ist, dass man viele

Aspekte unmittelbar auf das Wesentliche

reduziert. Der Computer

kann viel und hat tausend Möglichkeiten,

wird diese kreative Fähigkeit

jedoch auch in Zukunft nicht ersetzen

können.

Was werden wichtige Werkzeuge

des Architekten sein und wie beeinflussen

sie die Architektur?

Die wichtigsten Werkzeuge bleiben

immer noch Hirn und Bauch des Architekten.

Nur diese befähigen zu

Gespür und Empathie. Zu meiner

Studienzeit haben wir darüber Witze

gemacht, ob das Kurvenlineal die

Formensprache beeinflusst. Natürlich

hat die digitale Revolution viele

Formen generiert. Ob das ein Mehr

an guter Architektur ermöglicht,

bezweifle ich. Es gibt viele Formen,

wo man sich fragen kann: „warum

nicht“? Aber die wichtige Frage nach

dem „Warum“ wird dadurch nicht

kausal beantwortet.

Was ist für Sie ein Leitprojekt

für die Zukunft?

Das „Viertel Zwei“ in der Wiener

Krieau. Hier gibt es höchsten Anspruch

an die Architektur, an die

Freiräume, an das Zusammenspiel

von Alt und Neu, von Hoch und Nieder,

sprich an das Wohlbefinden der

Menschen, Nachhaltigkeit wurde von

Beginn an nicht nur als Schlagwort

groß geschrieben.

Was wird die Architektur der

Zukunft nicht sein?

Eigentlich eine Frage auf die man

keine Antwort haben kann. Eines

wird sie aber sicher nicht sein: überflüssig!

Ganz im Gegenteil. Die Architektur

ist hochzuhalten.

Mit wenigen Linien wird die Grundidee des Wohn- und Bürogebäudes

Korso bei dieser Skizze zum Ausdruck gebracht.


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52

Mag. DI Markus Meyer

Vegetation in der Stadt

von morgen

Interview mit Gartenarchitekt Mag. DI Markus Meyer

Überall auf unserem Globus wird es

heißer. Temperaturen von 38° bis 42°

sind in mittel- und nordeuropäischen

Städten heutzutage bereits die Regel.

Auch Wien sei auf dem Weg zu einer

regelrechten „Wüstenstadt“ – nicht

zuletzt durch die fortschreitende Vernichtung

von Vegetationsflächen im

urbanen Raum, erklärt der in Mödling

bei Wien lebende Gartenarchitekt

Markus Meyer.

Inwieweit wirkt sich Überhitzung auf

unsere Lebensqualität aus?

Abgesehen von der Hitze? Umweltmediziner

haben herausgefunden,

dass latenter Schlafmangel – bedingt

durch die Hitze – nicht nur zu

körperlichen Beeinträchtigungen,

sondern auch zu psychischen Schäden

führen können. Panikattacken

und Depressionen sowie Unwohlsein,

Verdauungsproblemen u.v.m. hängen

damit zusammen.

Können hier Pflanzen helfen?

Pflanzen sind tatsächlich unsere

botanischen Sanitäter. Im urbanen

Raum machen Solitärbepflanzungen,

robuste Bäume, Sinn, weil sie

den Wasserhaushalt regeln, Staub

einfangen und Lärm dämmen, sie

kühlen auch und binden CO 2 . Zudem

produzieren sie den Sauerstoff, den

wir zum Überleben brauchen. Botanische

Klimaanlagen also, die wesentlich

wirkungsvoller arbeiten und

zudem wesentlich günstiger sind.

Dasselbe gilt für Pflanzinseln in urbanen

Räumen.

Unabhängig davon ist eine Schirmplatane

(Platanus acerifolia) als Schattenspender

in einem sogenannten

Schanigarten wesentlich angenehmer,

effektiver und vor allem günstiger

als ein Sonnenschirm, der eigens

produziert und nach einiger Zeit auch

wieder entsorgt werden muss. Ein

Baum hingegen erfreut auch noch die

nächsten Generationen.

Ist die Hitze nicht auch für Pflanzen

ein Problem?

Pflanzen sind viel älter und klüger als

wir und auch erstaunlich vielseitig.

Bäume und Sträucher wie die Gleditsie

(Gleditsia triancanthus), Blauglockenbaum

(Paulownia tomentosa)

oder Judasbäume (Cercis siliquatsrum)

kommen sehr gut mit den „neu-


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53

Mag. DI Markus Meyer

en“ klimatischen Rahmenbedingungen

zurecht. Sie spenden nicht nur

Schatten, kühlen und versprühen ein

angenehmes Wohlgefühl, sondern

fangen auch Staub und Lärm ein.

Verändert sich bereits die Vegetation

in den Stadtparks?

Auf Wiesen oder Wiesen-ähnlichen

Grünflächen sind Schafgarbe (Achillea

millefolium) und Borstenhirse

(Setaria verticillaria) häufig zu finden.

Wie Geranium molle (Weicher

Storchschnabel) werden sie respektlos

als „Unkraut“ tituliert, sind aber

essbare Heilpflanzen.

Auf Parkflächen finden wir vereinzelt

bereits Gleditsien (Gleditsia triancanthos)

oder Robinien (Robinia pseudoacacia),

die in Ergänzung zu bekannteren

Arten wie der Rotbuche (Fagus

sylvatica) oder dem Blasenbaum (Keolreuteria

paniculata) u.ä., zukünftig das

urbane Bild prägen werden.

Und wenn es noch heißer wird?

Mit dem Klima wandert natürlich

auch der Standort bekannter Pflanzenarten.

Vielleicht werden wir in

Zukunft am Weg zum Brandenburger

Tor Olivenplantagen und Orangenhaine

passieren – wäre das so

schlimm? Feigen entlang städtischer

Hauswände, herrliche blühende

Seidenbäume (Albizia julibrissin),

Judasbäume (Cercis siliquatsrum)

oder Gingkos (Gingko triloba) in

Pflanzinseln, sie alle halten dem savannischen

Einfluss stand, spenden

Schatten und kühlen.

Würden Sie auch Dach- und Fassadenbegrünungen

empfehlen?

Definitiv. Nicht begrünte Fassaden

erzeugen eine Abstrahlwärme, die

Unwohlsein und Schwerfälligkeit

verursacht. Grüne Fassaden und

Dachbegrünungen wirken dagegen

wie eine botanische Klimaanlage, die

noch dazu Lärm und Staub reduziert.

Sie wirken im Sommer kühlend und

im Winter wärmedämmend, fungieren

als urbane Sauerstoffpumpe und haben

schon allein durch ihren Anblick

eine beruhigende Wirkung auf uns.

Welche Pflanzen eignen sich für

Fassade und Dach?

Die Idee einer sogenannten Fassadenbegrünung

ist schon weit über

4000 Jahre alt. Damals wurden bereits

Efeu und auch Wein als Schattenspender

an Häusern, aber auch

auf Schiffen gepflanzt. Auch Geißblatt,

Winden und Wicken, Bohnen

und wilde Erbsen wurden schon vor

langer Zeit an Wänden hochgezogen.

Im Grunde gilt, dass es zu jedem

Zweck, für jeden Standort, für jede

bauliche Konstruktion oder Maßnahme

die passende Pflanze gibt.

Man muss nur wirklich schauen und

auch über den Tellerrand hinausblicken.

Denn die Vielfalt an Lösungen,

die die Pflanzen uns liefern, sind fast

grenzenlos.

Welche Fehler beobachten

Sie bei der Umsetzung?

Oft werden „Begrünungsversuche“

lediglich in Hinblick auf eine werbewirksame

Reputation so dilettantisch

umgesetzt, dass der eigentliche Sinn

verloren geht. Generell sollte man sich

immer zuerst fragen, welche Maßnahme

Sinn macht, welche Änderung

erwünscht ist, und anschließend erst

über die Pflanzenauswahl nachgedacht

werden, denn wie oben erwähnt,

es gibt immer die passende Pflanze.

Stimmt es, dass manche Pflanzen die

Fassade zerstören?

Es gibt keine Pflanze, die irgendetwas

zerstört. Wer vermeiden will,

dass die Fassade beschädigt wird,

sollte natürlich auf Selbstklimmer

wie Efeu (Hedera helix) oder Kletterhortensie

(Hydrangea anomala) verzichten,

zumal diese Pflanzen auch

giftig sind. Eine Alternative wären

essbare Kletterpflanzen wie die Kiwi

(Actinidia deliciosa), da die urbanen

Räume ja immer heißer werden.

Wieviel Pflegeaufwand brauchen Bepflanzungen

an Wand und Dach?

Für mich bedeutet ein erhöhter

Pflegeaufwand schlichtweg eine

verkehrte Auswahl an Pflanzen. Am

richtigen Standort braucht die Pflanze

selbst keinerlei Pflege. Wer regelmäßig

zurückschneiden will, kann

das aber natürlich veranlassen. Meist

lässt sich das nach einer Einführung

von eigenen Mitarbeitern ohne großen

Aufwand bewerkstelligen. Nur

ein fachgerechter Obstbaumschnitt

sollte von einem Fachmann durchgeführt

werden.

Wann ist der beste Zeitpunkt, um mit

der Planung und Umsetzung

zu beginnen?

Immer. Aber in der Regel macht die

Planung und Vorbereitung im Winter

am meisten Sinn. Man sollte sich vor

allem Zeit dafür nehmen. Die Ausführung

selbst hängt natürlich vom

Wetter ab, im Hochsommer sollte

man bekanntlich nicht pflanzen.

Und wie sieht es mit den Kosten aus?

Jedes Projekt ist anders und es wäre

fahrlässig, fixe Kosten verbindlich

zu äußern. Ich kann dazu nur sagen,

dass die Kosten für botanische Maßnahmen,

sei es die Bepflanzung, die

Kultivierung oder letztlich die Pflege,

immer günstiger sind, weil sie

schlichtweg einfacher durchzuführen

sind.

Außerdem lassen sich durch Pflanzen

viele Vorteile generieren, der

ökologische Impetus, dass allgemeine

Wohlgefühl und auch die positive

Reputation des Hauses. Selbst bauliche

Mängel können einfach kaschiert

werden. Im Vergleich mit den Kosten

alternativer Maßnahmen sind die

Kosteneinsparungen durch die richtige

Bepflanzung geradezu eklatant!

Efeu oder Wilder Wein (Parthenocissus quinquefolia), wie

im Wiener Boutiquehotel Stadthalle, sind Selbstklimmer, die

bei Hitze kühlen und sich bei Wind und Kälte als Kälteschutz

eignen. Besonders Efeu als immergrüne Kletterpflanze

kommt auch mit dem lichtarmen Standort zurecht und ist

in der Pflege absolut zuvorkommend. Im Frühling oder

Spätsommer – solange kein Frost herrscht – lässt er sich

ganz nach Wunsch zurechtschneiden.

© Boutiquehotel Stadthalle/Tina Herzl


architektur PEOPLE

54

Andrea und Herwig Ronacher

Zeitlos und

energieautark

Interview mit den Architekten DI Andrea und DI Dr. Herwig Ronacher

Die Architektur von heute und der

Zukunft sollten wir sinnvollerweise

im Kontext mit anderen Aspekten

beziehungsweise Qualitäten unserer

Zeit betrachten. Die ökologische Bewegung

ist – wie in vielen Lebensbereichen

– auch im Baugeschehen der

wohl konstruktivste Ansatz für eine

Erneuerung, vor allem die Renaissance

des konstruktiven Holzbaus.

Davon sind die Architektin DI Andrea

Ronacher und Architekt DI Dr. Herwig

Ronacher überzeugt. Seit 1987 führen

sie gemeinsam ein Büro mit 15 Mitarbeitern

in Khünburg bei Hermagor in

Kärnten, seit 2015 ein gemeinsames

Baumanagement Büro mit DI (FH)

Thomas Freunschlag. Zu den bisherigen

Auszeichnungen zählen unter

anderem mehrere Landespreise für

vorbildliches Bauen in Niederösterreich,

der Österreichische Eurosolarpreis

sowie die Holzbau preise Kärnten

und Steiermark.

Ökologiebewusstsein allein, so die

Architekten, reicht jedoch noch

nicht aus, eine neue zukunftsorientierte

Basis für eine Baugesinnung

zu schaffen, die dem Harmoniebedürfnis

der Menschen entspricht. Im

Sinne gediegener Landschafts- und

Städtebilder plädieren sie daher dafür,

dass Kontinuität und Innovation

im Baugeschehen zu einem ausgewogenen

Verhältnis finden.


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Andrea und Herwig Ronacher

© Hannes Pacheiner

Der Weber: Umwandlung eines historischen Bauernhauses in ein PH-Haus bzw. Energie-Plus-Haus

Welche Aufgabe hat Architektur?

Sie hat in erster Linie den Menschen

zu dienen. Dies bedeutet Formensuche

in der Einfachheit und Klarheit,

ohne das Wohlbefinden der Menschen

außer Acht zu lassen.

Was kann in Zukunft als Maßstab

für gute Architektur gelten?

Für uns gibt es fünf Aspekte für gutes

Baues, welche in einem ausgewogenen

Verhältnis zueinanderstehen

sollten. Diese sind: Funktion, Ökonomie,

Ökologie, Technik und Ästhetik.

Dies entspricht etwa den drei wichtigsten

Grundwerten der alten Griechen:

Güte, Wahrheit und Schönheit.

Wo sehen Sie Österreich im

internationalen Vergleich?

Führend, vor allem hinsichtlich des

nachhaltigen Bauens, nicht zuletzt

aufgrund unserer noch weitgehend

intakten Natur, die auch die wichtigste

Inspirationsquelle für eine

ökologische Architektur darstellt.

lange Zeitspannen überdauert haben.

Dies ist leider bei vielen Bauten

der letzten Jahre nicht zu erwarten.

Nachhaltigkeit betrifft aber auch die

Wahl zeitloser Formen.

Ist grüne Architektur meist

nur reine Fassade?

Grüne Architektur darf dann als ökologisch

angesehen werden, wenn

das „Grünsein“ mit vertretbarem

Aufwand erreicht wird. Dazu gehören

vor allem Gründächer (sowohl

extensive als auch intensive) und

Terrassenbegrünungen. Bei grünen

Fassaden hingegen gibt es viele

Systeme am Markt, welche teilweise

mit einem sehr hohen Aufwand umgesetzt

werden. Bodengebundene

Fassadensysteme – wie etwa Spalierpflanzen

– sind ökologischer.

Passivhaus bzw. Plus-Energie Haus in reiner Holzbauweise

Sehen Sie der Zukunft

positiv entgegen?

Auch wenn manche Entwicklungen

unserer Zeit fragwürdig und oftmals

sogar beängstigend erscheinen, versuchen

wir, die neuen Strömungen

in unserer Welt positiv zu sehen und

hoffen, dass die Menschen zunehmend

die Genialität der Schöpfung

erkennen, achten und in ihrem Sinn

fortführen.

Was ist für Sie ein Leitprojekt

für die Zukunft?

Als Leitprojekte für die Zukunft sehen

wir vor allem energieautarke

Häuser und Siedlungen, welche den

natürlichen Schöpfungsprozess – im

Sinne bionischer Bauten – zum Vorbild

nehmen und durch ihre Ästhetik

das Herz der Menschen erfreuen.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie?

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist in

letzter Zeit ziemlich inflationär gebraucht

worden. Für uns bedeutet

Nachhaltigkeit vor allem die Verwendung

von naturnahen Materialien

wie Holz, Stein, Ziegel und Lehm.

Was den Holzbau anbelangt, sind wir

der Meinung, dass wir jene Beispiele

als Vorbilder nehmen sollten, welche

© Nationalparkverwaltung Hohe Tauern


architektur PEOPLE

56

Stefan Rier und Lukas Rungger

Mehr als die

einzelnen Teile

Interview mit den Architekten Stefan Rier und Lukas Rungger

© Alex Filz

noa* – network of architecture, das

sind vor allem Stefan Rier (SR) und

Lukas Rungger (LR). Die beiden Architekten

waren bei Matteo Thun in

Mailand für Projekte in den Bereichen

Tourismus, modernes Wohnen

und zeitgemäße Arbeitswelten verantwortlich,

bevor sie 2011 ihr eigenes

Büro in Bozen gründeten. „Wir

haben noa* ganz bewusst als Netzwerk

konzipiert, weil dies den Geist

unserer Arbeit, die Art wie wir denken,

fühlen und handeln, nachhaltig

reflektiert”, so Rier. Das junge und

mittlerweile mehrfach ausgezeichnete

Team setzt auf eine interdisziplinäre

Entwurfsmethodik, die sich

je nach Anforderung des jeweiligen

Projekts in stetigem Wandel befindet.

Das Konzept der Emergenz, wo

das Ganze weit mehr ist als die Summe

der einzelnen Teile, wird zur zentralen

Strategie einer holistischen

Herangehensweise an jeden von

noa* konzipierten Entwurf. Kreative

Teams werden dazu jeweils zeitlich

variabel zusammengestellt, um sich

mit interdisziplinären Herausforderungen

und innovativen Lösungen

zu befassen. noa* dient folglich als

Bühne (oder auch Plattform) für

Architekten, Interior Designer, Produkt-,

Mode- oder Grafikdesigner bis

hin zu Musikern, Schriftstellern und

Historikern, mit dem kollektiven Ziel,

Fachkenntnisse der unterschiedlichen

Spezialisten synergetisch zu

optimieren. Lukas Rungger: „Der

klassische Architektenberuf wandelt

sich, er wird als methodologische

Konsequenz ersetzt durch interdisziplinäre

Kreative aus diversen gestalterischen

Sparten: Wir empfinden

uns mehr und mehr als Dirigenten,

die ein Orchester konzertieren.”


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57

Stefan Rier und Lukas Rungger

Renderings: Le Colline Incantate / © noa*

Was ist für Sie gute Architektur?

(LR) Ich denke, es geht vor allem um

Relevanz.

Können Sie dafür ein

Beispiel nennen?

(LR) Ein Beispiel ist für mich „Le

Colline Incantate“ in Sirmione am

Gardasee. Wir haben dort auf die Zusammenarbeit

mit dem Familienpsychologen

Paul Hofer gesetzt und so

die konzeptionelle Grundidee eines

„Single parenting retreat“, also eines

Hotels ausschließlich für geschiedene

Eltern und deren Kinder, entwickelt

und diese dann auch in der

Architektur umgesetzt.

Inwieweit spiegelt die

Architektur diese Idee?

(LR) Ein radial evolvierender Entwurf

bespielt etwa in den Außenbereichen

exklusive Inseln für wenige Familienmitglieder,

was sich dann nach Innen

verdichtet und graduell sozialer und

inklusiver wird, um auf der zentralen

Piazza bis zu 200 Personen an einem

Ort zu vereinen, und damit Antworten

bietet für die offensichtlichen Probleme,

die Menschen bewältigen müssen.

Geht es immer um soziale Relevanz?

(LR) Dieses Projekt ist nur ein Beispiel

einer Quelle der Inspiration, die

zu einem unheimlich relevanten, weil

fundamentalen Succus führt, dass

nämlich die Architektur der Zukunft

sich Ihrer verantwortungsvollen Rolle

im Dienste der Kultur und Gesellschaft

stellt.

Woran kann sich Architektur

künftig orientieren?

(LR) Ich denke, vor allem jene Architektur

wird zukunftsweisend

sein, die sich am besten am Interdisziplinären

orientiert, indem sie

klassische Schemen überwindet und

den Austausch mit verwandten und

vor allem unkonventionellen Disziplinen

forciert. Als Inspiration dient

auch uns bei noa* sehr oft das Interpretieren

und Neuerfinden, dabei

arbeiten wir z.B. mit Kinderpsychologen,

Musikern, Kunsthandwerkern,

Denkmalpflegern, die uns dabei helfen

keine Häuser zu planen, sondern

Geschichten zu bauen.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit

für Sie bzw. für Ihre Kunden?

(LR) Gerade in der Hotellerie gewinnt

dieses Thema zunehmend an Bedeutung.

Ein Projekt, bei dem das Thema

Nachhaltigkeit in all seinen Facetten

zelebriert wird, ist etwa das Hotel

Zallinger auf 2000 m Meereshöhe.

Die Speisen werden zum Großteil regional

beschaffen, die Zimmer gibt’s

ohne Internet und Fernseher, sogar

die Erschließung erfolgt autofrei und

auch die Außenbeleuchtung ist nur

mobil und minimalinvasiv. Zertifiziert

als Klimahotel vereint es damit eine

Reihe an sehr relevanten und miteinander

verwobenen Bereichen. u


architektur PEOPLE

58

Stefan Rier und Lukas Rungger

Fotos: Zallinger / Alex Filz

Ist grüne Architektur gerade im Tourismus

nicht oft einfach nur Fassade?

(LR) Leider beobachten wir immer

öfter Beispiele, deren „grüner“ Gedanke

auf eine bepflanzte Oberfläche

reduziert wird und damit zum

reinen Dekor degeneriert. Dies ist

ganz sicher nicht noa*s Auffassung

einer holistischen Emergenz, wo im

Gegensatz dazu das Thema Nachhaltigkeit

in die Tiefe geht und das

nachhaltige Planen in einen gesamtheitlicheren

Kontext tritt, der mehrere

Lebensbereiche miteinbezieht

und zusammen weit mehr als die

Summe der Einzelteile generiert.

Sehen Sie der Zukunft

positiv entgegen?

(SR) Ja, wir sehen der Zukunft positiv

entgegen. In der Hotelindustrie gibt

es noch sehr viel zu tun. Die immer

genauer definierten Zielgruppen der

Gäste stellen uns vor stets neue Herausforderungen.

Neue Typologien in

der Hotellerie entstehen bereits. Der

Markt ist im ständigen Wandel.

Und wie sehen Sie die

Architektur der Zukunft?

(SR) Architektur der Zukunft ist für

mich vor allem nachhaltig – nicht nur

in Bezug auf die Materialien. Die Architektur

der Zukunft wird sich auch

mit der Reduktion des Verkehrs auseinandersetzen

müssen, so wie wir

das beim Projekt Zallinger versucht

haben. Architektur der Zukunft versucht

den Menschen aber auch zu

berühren, indem sie Geschichten erzählt,

die sich mit der Tradition des

Ortes und deren Menschen auseinandersetzt.

Nur so kann die Lebensdauer

der Architektur verlängert

werden. Nur so kann man von einer

nachhaltigen Architektur sprechen.

Im Grunde ist es wie mit einem Objekt,

das man besitzt. Wenn im Objekt

eine Geschichte steckt, welche

uns bindet, dann wollen wir das Objekt

nicht wegwerfen. So sehe ich

das auch bei Architektur.

© Alex Filz


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die controlling management software

der Architekten und Ingenieure

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Maximilian und Julia Kneussl

untermStrich® X3 – wir. wissen. warum.

© Guilherme Silva da Rosa/ AllesWirdGut

„Thx für eure coole software –

sind fest am eingeben :) und auswerten!! Weiter so!“

Zitat von Herwig Spiegl

AllesWirdGut Architektur ZT GmbH

untermStrich® software GmbH,

Mittergasse 11 - 15, 8600 Bruck/Mur

Tel. +43 3862 58106

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GIVES ROOMS AN AURA

PENDELLEUCHTE | DESIGN BY DELUGAN MEISSL ASSOCIATED ARCHITECTS | ZUMTOBEL.COM/TEELA

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