architektur FACHMAGAZIN People 2020

architekturonline.com

Was macht eine Stadt aus? Wie vielschichtig und facettenreich die Auseinandersetzung mit dem Thema „Die Stadt“ dieser Ausgabe von architektur PEOPLE sein kann, war eigentlich von Anfang an absehbar. So kommen auf den folgenden Seiten Expertinnen und Experten aus den Bereichen Architektur, Stadtstrukturforschung, Metropolenplanung ebenso zu Wort wie aus Verkehr- und Mobilitätsentwicklung, Lichtgestaltung oder Landschaftsplanung.

FACHMAGAZIN

WISSEN, BILDUNG, INFORMATION FÜR DIE BAUWIRTSCHAFT

Erscheinungsort Perchtoldsdorf, Verlagspostamt 2380 Perchtoldsdorf. P.b.b. 02Z033056; ISSN: 1606-4550

PEOPLE

Die Stadt


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3

Intro

Was macht eine Stadt aus?

Wie vielschichtig und facettenreich die Auseinandersetzung

mit dem Thema „Die Stadt“ dieser Ausgabe

von architektur PEOPLE sein kann, war eigentlich

von Anfang an absehbar. Schon allein die Zusammensetzung

der Gesprächspartnerinnen und -partner

aus den verschiedensten Bereichen ließ einen

guten Überblick über die Ist-Situation und Visionen

erwarten, die allesamt in Richtung bessere Zukunft

führen sollen. Die journalistische Kunst bei derartigen

Projekten ist, die fachspezifischen Auseinandersetzungen

entlang einer groben Themenlinie zu

führen, ohne dabei die Individualität einzuschränken.

Die Bewertung, wie gut uns das gelungen ist, wollen

wir unseren Leserinnen und Lesern überlassen.

So kommen auf den folgenden Seiten Expertinnen

und Experten aus den Bereichen Architektur, Stadtstrukturforschung,

Metropolenplanung ebenso zu

Wort wie aus Verkehr- und Mobilitätsentwicklung,

Lichtgestaltung oder Landschaftsplanung. Große

Überschneidungen gibt es bei der Einleitungsfrage,

was eine Stadt ausmacht. Hier sind abseits der

fachspezifischen Schwerpunkte vielfach Übereinstimmungen

bei den sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen

Pluspunkten zu erkennen. Vor allem

das Aufeinandertreffen von differenten sozialen und

ethnischen Gruppen, von unterschiedlichen Milieus

und der Auseinandersetzung damit, charakterisiert

für viele der Befragten den urbanen Raum. Damit

einher gehen Wünsche nach Orten und Räumen, an

denen Überschneidungen der verschiedenen Gruppen

stattfinden können. Stadt bedeutet aber neben

Schönheit, Attraktion, Konsum und Fortschritt auch

Dichte und Diversität, die immer auch ein gewisses

Maß an Konfliktpotenzial mit sich bringen.

Eine wesentliche Forderung an die weitere Entwicklung

der urbanen Räumen ist, dass die Architektur

nicht an der Gebäudegrenze endet, sondern vermehrt

auch die Zwischenräume, den halböffentlichen

Bereich gestalten soll. Die Ausformung der Grenze

zwischen öffentlich und privat wird als ein ganz wesentlicher

Erfolgsfaktor für die positive Entwicklung

einer Stadt gewertet. Und auch, dass der Einfluss

von privaten und kommerziellen Interessen auf den

Stadtraum begrenzt werden muss – so verhindere

etwa der ruhende Verkehr sehr stark die Umsetzung

eines sinnvollen grünen Infrastrukturnetzwerkes.

Gefordert werden auch strengere Widmungen und

Abgrenzungen der unterschiedlichen Nutzungen,

damit es wirkliche Zentren und auch wieder Freiflächen

gibt. Und auch flächenmäßig sollten urbane

Ballungszentren eingeschränkt werden, da zu große

Agglomerationen schlicht unplanbar und nie umfassend

nachhaltig sein könnten.

Die Stadt ist ein hochkomplexer Lebensraum aus

gebauter Struktur und sozialem Gemeinwesen. In

einem Statement in dieser Ausgabe wird es noch exakter

auf den Punkt gebracht: „Es geht um die Verdichtung

von Leben und um die Balance zwischen

Freiheit und Rücksicht.“

Walter Laser

MEDIENINHABER UND HERAUSGEBER Laser Verlag GmbH; Hochstraße 103, A-2380 Perchtoldsdorf, Österreich

CHEFREDAKTION Ing. Walter Laser (walter.laser@laserverlag.at) REDAKTION Alexandra Ullmann

GESCHÄFTSLEITUNG Silvia Laser (silvia.laser@laserverlag.at) MEDIASERVICE Nicolas Paga (nicolas.paga@laserverlag.at) Tel.: +43-1-869 5829-14

GRAFISCHE GESTALTUNG Andreas Laser DRUCK Bauer Medien & Handels GmbH


architektur PEOPLE

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Inhalt

PEOPLE

Die Stadt räumlich programmieren

Interview mit Architekt Stefan Mayr

Mehrwert durch Landschaftsarchitektur

Interview mit Landschaftsarchitektin DI Alice Größinger

Materialien quer durch die Zeit beobachten

Interview mit Künstler Andreas Fogarasi

Das Recht auf Grün

Interview mit Landschaftsplanerin Vera Enzi

Den sozialen Kontext einer Stadt betrachten

Interview mit Architektin Caren Ohrhallinger

Die Stadt mit Licht modellieren

Interview mit den Lichtgestaltern

Mag. art Iris Podgorschek und

Mag. art Michael Podgorschek

Den ländlichen Raum im

menschlichen Maßstab denken

Interview mit Architektin Sonja Hohengasser

und Architekt Jürgen Wirnsberger

Sich den Übergängen einer Stadt widmen

Interview mit Architekt DI Stefan Nussmüller

Stadt transdisziplinär begreifen

Statement von Assoc. Prof. DI Dr. habil. Angelika Psenner

Potentiale und Möglichkeiten

der Stadt(Landschaft)

Statement von Architekt DI Rudolf Steinkogler

und Architekt DI Michael Aigner

Veränderte Straßen für lebenswerte Städte

Interview mit Architekturtheoretiker

Dr. Mathias Mitteregger

Vielfältig dichte Städte schaffen

Interview mit Stadtforscherin DI Dr. Ida Pirstinger

Den Lehmbau die Stadt aneignen lassen

Interview mit Martin Rauch

Gedanken über die Zukunft für

nachhaltige Städte machen

Interview mit Architekt DI Franz Denk

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Inhalt

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architektur FACHMAGAZIN

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Stefan Mayr

Die Stadt räumlich

programmieren

Interview mit Architekt Stefan Mayr

Von Stefan Mayr und Roland Krebs wurde 2010

in Wien ihr Büro superwien urbanism gegründet.

Dabei beschäftigen sie sich vor allem mit Städtebau

und nachhaltiger Architektur. Die Projektbereiche

umfassen großmaßstäbliche Aufgabenstellungen,

genauso wie kleinmaßstäbliche. Sie

reichen von Metropolenplanung und Wohnbau

über Erdgeschosszonen-Strategien, hin zu Beteiligungsprozessen

und Place making. Angesiedelt

sind ihre Projekte in Österreich, Südosteuropa,

Zentralasien und Lateinamerika.

© superwien


www.architektur-online.com

7

Stefan Mayr

© superwien

Der Entwurf von superwien urbanism für ein Quartier in der Rösslergasse legt den Fokus auf die Schaffung von leistbarem Wohnraum und auf

vielfältige urbane Freiräume. Aktive und interagierende Sockelzonen stärken das urbane Leben und die Identität des Quartiers.

Was macht eine Stadt aus?

Für mich sind die Möglichkeiten, die

Vielfalt und die unterschiedlichen

Lebensweisen interessant, die sich

in einer Stadt ergeben. Natürlich

auch die Dichte und die Intensitäten,

durch die diese sich ergeben. Das

bezieht sich auf persönliche Entwicklungen

von Menschen, aber natürlich

auch auf die Räume, die man

dafür entwickeln muss.

Woran erkennt man eine

funktionierende Stadt?

Städte funktionieren meistens, denn

in Städten müssen immer eine Vielzahl

an Entscheidungen getroffen

werden. Man kann eine Stadt nicht

einfach sich selbst überlassen. In ärmeren

Ländern funktioniert das auch

informell. Es werden Räume geschaffen,

in denen sich Leute austauschen

und etwas zusammen entwickeln,

weil sie dort zusammenleben.

Warum ist der öffentliche Raum

für eine Stadt so bedeutend?

Der öffentliche Raum ist das Grundgefüge

der Stadt. Wenn man ihn als

gemeinsamen Raum denkt, dann

spiegelt er die Demokratie wider. Mit

ihm sind gewisse Rechte und auch

die Meinungsfreiheit verbunden. Öffentliche

Freiräume ermöglichen es

auch, auf die Auswirkungen des Klimawandels

zu reagieren.

Was zeichnet einen qualitätsvollen

öffentlichen Raum aus?

Da gibt es viele Kriterien und es

ist zum Teil sehr subjektiv, denn er

spricht viele Leute an. Im Prinzip sollte

er neutral in der Art sein, wie man

ihn nutzen kann, denn er sollte allen

Bevölkerungs- und Altersgruppen zur

Verfügung stehen. Öffentlicher Raum

zeichnet sich dadurch aus, dass niemand

bewusst ausgeschlossen wird.

Er steht allen in der Stadt zur Verfügung.

Das Gegenteil davon passiert

oft in Shopping Malls oder Gated

Communities, wo wertvoller Freiraum

der Öffentlichkeit entzogen wird und

mit privaten Regeln kontrolliert wird.

Das ist dann die falsche Richtung. u

Öffentliche und halböffentliche

Raumsequenzen

bilden am Grätzelplatz

des Oberen Hausfelds ein

engmaschiges Netzwerk.

So können spannende

und abwechslungsreiche

urbane Qualitäten

entstehen. Auf Basis des

von superwien urbanism

gestalteten Masterplans

wurde die Widmung

heuer vom Gemeinderat

beschlossen.

© superwien


Prague

architektur PEOPLE

8

Stefan Mayr

Welche neuen Aufgaben hat der

öffentliche Raum heute?

Übergeordnete Freiräume spielen als

Quartiersparks eine wichtige Rolle in

Bezug auf die höhere städtebauliche

Dichte, die man derzeit entwickelt.

Diese ist nur möglich, wenn man

gleichzeitig qualitätsvollen öffentlichen

Freiraum schafft. Er hat natürlich

auch eine Aufgabe hinsichtlich

des Klimas. Deshalb müssen Städtebau,

Verkehr und Freiraum zusammen

gedacht werden.

Welche Rolle spielt Partizipation

im Städtebau?

Stadtentwicklungsprojekte ohne

Dia log mit der Bevölkerung und

ohne partizipativen Anspruch in der

Planung funktionieren nicht mehr.

Meinungen sind gefragt und Möglichkeiten

muss man nutzen. Die

dort lebenden Leute haben natürlich

© superwien

P

TULLN

ST. PÖLTEN

C

Munich

WEISSENBACH

NEUHAUS

G

Tullnerfeld

GUTENSTEIN

W

PUCHBERG

AM SCHNEEBERG

A

SEMMERING

S

G

Purkersdorf

Pernitz

Grünbach

Breitenstein

DANUBE

St. Andrä

Wördern

Hadersdorf

Pottenstein a.d.

Triesting

Klosterneuburg

Berndorf

Oed

Willendorf

Payerbach

Reichenau

RETZ

Zagreb

D

Hollabrunn

Hütteldorf

Alpine

Park

Hirtenberg

Thermal

Park

Waldegg

Winzendorf

Gloggnitz

Wien Westbahnhof

Wittmannsdorf

P+R

Enzesfeld

Lindabrunn

Piesting

Bad Fischau

Pottschach

City

Upper

West

Side

Heiligenstadt

Sollenau

Stockerau

Korneuburg

Main Station

Vienna

Shopping

South Gate

Vösendorf

Mödling

Gumpoldskirchen

Guntramsdorf

Thallern

Golden Hills

Baden

Bad Vöslau

Leobersdorf

Felixdorf

Wiener Neustadt

Neunkirchen

Ternitz

P+R

W

S

Lanzenkirchen

Mistelbach

Wolkersdorf

Floridsdorf

Praterstern

Schwechat

Grillgasse

Teesdorf

D

Leopoldau

Siemensstraße

Pottendorf

Pitten

Gleißenfeld

LAA

a.d. THAYA

Aspang

Maria

Lanzendorf

S

Tattendorf

Neudörfl

ein Wissen und wollen mitgestalten.

Diesen Raum muss man ihnen schon

zu Beginn der Planung geben. Später

muss man dann konkret darauf

reagieren und ihnen Räume zur Verfügung

stellen, die sie in Besitz nehmen

und weiterentwickeln können.

Gibt es in letzter Zeit verstärkt Interesse

an partizipativen städtebaulichen

Projekten?

Partizipation in der Planung ist fast

nicht mehr wegzudenken. Bei uns

gibt es nahezu keine Projekte mehr,

die keinen partizipativen Teil haben.

Nur einen Plan zu machen und dann

umzusetzen funktioniert nicht mehr.

Man hat entdeckt, dass die Leute ihre

Lebensweise selber gestalten und

mitreden wollen. Politik und Planung

sollen keine neutralen Räume schaffen,

sondern Projekte, die von der Bevölkerung

mitgetragen werden.

Stadlau

Bad

Sauerbrunn

FRIEDBERG

Deutsch Wagram

Zentralfriedhof

Laxenburg

Traiskirchen

Trumau

Weigelsdorf

Civitas Nova

L

N

Hirschstetten

Wiesen - Sigleß

GÄNSERNDORF

International

P+R Airport

Vienna

M

Blumental

Hennersdorf

Achau

Mattersburg

Raasdorf

Lanzendorf

Rannersdorf

Münchendorf

Fischamend

Himberg

Mitterndorf

Unterwaltersdorf

Ebreichsdorf

Wampersdorf

Ebenfurth

Neufeld an der Leitha

Müllendorf

South District

Schattendorf

Gramatneusiedl

Central

Park

Eisenstadt

Wulkaprodersdorf

Ágalfa

F

Siebenbrunn-Leopoldsdorf

P

Maria Ellend

Orth

Klein-Neusiedl

Enzersdorf

an der Fischa

Schwadorf

Götzendorf

MANNERDORF AM

LEITHAGEBIRGE

Central Park

S

L

Draßburg

Baumgarten

SOPRON

Regelsbrunn

Trautmannsdorf

an der Leitha

Sarasdorf

Schützen

P+R

Untersiebenbrunn

National Park

Delta

Park

Wilfleinsdorf

Petronell-Carnuntum

Rohrau

Gerhaus

Beach

Neusiedl am See

Purbach

Food Park

Winden

Breitenbrunn

Welche Bedeutung hat

Mischnutzung für eine Stadt?

Mischnutzungen sind das Herz einer

Stadt. Auch im Sinne der Nachhaltigkeit

ist es wichtig, dass es vor

Ort einen Austausch gibt. Wohnen

und Arbeiten sollten gemischt sein

mit zusätzlichen Räumen, die auch

Möglichkeit zur Entfaltung geben.

Das bezieht sich dann bewusst auf

den Freiraum. Bei Stadtentwicklungsgebieten

ist der Übergang von

Freiraum zum Gebäude von Mischnutzungen

betroffen. Da kann man

Schwerpunkte setzen und bewusste

Verbindungen schaffen, um die Vielfalt

zu stärken.

Pachfurt

Jois

Schönfeld-Lassee

MALACKY

Bad Deutsch Altenburg

Bruck an der Leitha

F

L

Weiden am See

Lake

Neusiedl

Gols

B

Hainburg

Breitensee

Mönchhof

Parndorf

Lower

East Side

B

Wolfsthal

Plavecký

Štvrtok

Marchegg Zohor

Bratislava

Harbour

Pama

Gattendorf

Neudorf bei Parndorf

Frauenkirchen

Zurndorf

St. Andrä am Zicksee

Pamhagen

FERTÖSZENTMIKLÓS

192 193

Das Konzept der SuperWien Metropole betrachtet

die Städte Wien, Bratislava und Wiener Neustadt

in einem überregionalen Zusammenhang, für die

raumplanerische Ideen und Konzepte entwickelt

wurden. Die nationalen Grenzen dieser Metropolenregion

wurden dabei überwunden.

New European

P+R Park & Ride

High-Speed Rail A Alps-Carpathians Line

SuperRing Line B Beach Line

Local Mobility Ring C Central Line

Airport

D Delta Line

Kittsee

Pernek pri Zohore

Jablonové

Lozorno

Petrzalka

Nickelsdorf

E

CSORNA

KUCHÝNA

Hegyeshalom

Mosonszolnok

Jánossomorja

Hanság-Nagyerdö

Hanságliget v.m.

Bösárkány

E

East

District

East Port

Bratislava

Energy Park

Svätý Jur

Rača

Nové Mesto

Levél

Warsaw

ÚNS

Rusovce

E East Line

F Urban Farming Line

G Golf Line

L Leitha Line

M Marchfeld Farming Line

Myslenice

Vajnory

P+R

Rajka

Podunajské

Biskupice

Mosonmagyarórvár

C

Ivanka pri Dunaj

Bezenye v.m.

GYÖR

PEZINOK

Rovinka

A

Bernolákovo

SENEC

Theresienfeld

Oberwaltersdorf

MILO-

SLAVDVOR

DANUBE

N

M

Budapest

metro map

N National Park Line

P Central Park Line

S Semmering Line

S Shopping Line

W Wellness & Wine Line


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Stefan Mayr

Öffentliche Einrichtung

Fassadentransparenz

und Zugänglichkeit

ÖV-Knotenpunkt

Quartiersmanagement

Mindestgeschoßhöhe

Ausgleich kommerzielle und

nicht-kommerzielle Nutzungen

Möglichkeitsraum

Mietausgleichsmodell für

die EG-Nutzungen

Klimarelevante Freiraumgestaltung

Konzeptwettbewerb für

Baufelder mit hoher

Bedeutung

Ausbildung einer Vorzone

Die Studie von superwien urbanism über die Entwicklung von neuen Zentren ist in das Fachkonzept der MA 18 -

Stadtentwicklung und Stadtplanung „Mittelpunkte des städtischen Lebens - Polyzentrales Wien“ eingeflossen,

das im Dezember 2019 vom Gemeinderat beschlossen und 2020 veröffentlicht wurde. Dabei wurde untersucht,

welche Instrumente es bedarf, um das städtische Leben in einem polyzentralen Wien zu gestalten.

© Ma18, Stadt Wien

Welche Möglichkeiten bieten diese

Schwellenräume?

Der Freiraum ist das Grundgerüst

von Stadtentwicklung, Lebensraum

und Öffentlichkeit. Er verbindet

einzelne Gebäude und Nutzungen

miteinander. Wenn man den Schwellenbereichen

Aufmerksamkeit gibt,

dann muss man seine Nutzungen

aktivieren. Man kann sie bewusst

organisieren und auch zusammenführen,

um daraus Urbanität entstehen

zu lassen. Die Nutzungen auf

Straßenniveau spiegeln sich natürlich

im Freiraum wider. Bei unseren

Projekten geht es darum, über Baufelder

hinaus zu denken. Durch Straßenaufweitungen

entstehen soziale

Infrastruktur und Treffpunkte, die

dann auch die Nutzung der Erdgeschosszone

betreffen. Daraus entstehen

dann Grätzelplätze, die einige

Funktionen des Miteinanderlebens

aufnehmen können.

Gibt es Aufgabenbereiche, mit denen

Sie sich besonders gerne beschäftigen?

Ich beschäftige mich mit großmaßstäblichen

Aufgaben, aktuell mit

der Metropolenregion Wien-Bratislava-Wiener

Neustadt. Das ist ein

spannender Raum, weil es die administrativen

Grenzen fast unmöglich

machen diesen Raum zu planen. Die

Realität des Austausches ist aber

ein ganz anderer. Das betrifft die

Menschen, die innerhalb der Region

zur Arbeit pendeln, sowie auch

Landschafts- und Freiräume. Auf

der anderen Seite sind es auch ganz

kleinmaßstäbliche Projekte, wie Placemaking.

Dabei werden konkrete

Räume durch Interventionen aktiviert,

um so Urbanität zu stimulieren

und zu initiieren.

Von welchen Aufgabenstellungen

sollte es mehr geben?

Bei der Entwicklung von Stadtteilen

gibt es strategische Überlegungen,

wie groß Freiräume sind und wie sie

zusammenhängen. Diese Strategie

setzt man dann für Quartiersentwicklungen

in konkreten Projekten

um. An der Schnittstelle zwischen

strategischer und räumlicher Umsetzung,

die dann wirklich zu Wohnraum

und Freiraum führt, da könnte

man noch einiges mehr tun. Es geht

um Partizipation und den Dialog mit

der Bevölkerung, der Politik und den

Bauenden. Darauf muss man sich

einlassen. Daraus lässt sich eine

Stadt entwickeln und mit Inhalten

räumlich programmieren.

Worin soll eine Stadt unbegrenzt sein?

Die Stadt braucht mehr Freiraum und

mehr Möglichkeiten, um vielseitig zu

sein. Politische Grenzen braucht sie

weniger, weil sich die Stadtgrenze

und die Nutzungen im realen Raum

widersprechen. Diese ist im täglichen

Leben nicht vorhanden, schränkt

aber doch ein. Die Klimagerechtigkeit

ist der große Anspruch, den wir

jetzt an die Stadt haben. •

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architektur PEOPLE

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DI Alice Größinger

Mehrwert durch

Landschaftsarchitektur

Interview mit Landschaftsarchitektin DI Alice Größinger

Was macht eine Stadt aus?

Die Stadt steht für mich für Vielfalt

und das Leben in allen Bereichen. Sie

ist ein Zusammenspiel aus Anonymität

und gleichzeitiger Vertrautheit,

durch die ihr auch ein dörflicher Charakter

zugeschrieben werden kann.

Eine eigene Architektursprache und

ein breites Angebot an Freiräumen

gehören dazu. Die Vielseitigkeit einer

Stadt schlägt sich auch in der

Lebensqualität nieder.

Sehen Sie Landschaftsarchitektur

als eine städtische Disziplin?

Es muss nicht immer ein städtischer

Kontext vorhanden sein, doch meist

arbeiten wir in urbanen Räumen. Als

Landschaftsarchitektin beschäftige

ich mich mit der Umgebung gebauter

Räume, also mit Allem, was sich zwischen

den Gebäuden abspielt. Der Bezug

ist dabei immer objektspezifisch.

Im Unterschied zur Landschaftsarchitektur

beschäftigt sich die Landschaftsplanung

mit übergeordneten

Konzepten in größeren Maßstäben.

© Fotostudio Wilke

Die Landschaftsarchitektin Alice Größinger beschäftigt sich mit ihrem Büro idealice seit 2001 mit der

Gestaltung der Freianlagen von Wohnbauten, Bildungsbauten, Gesundheitseinrichtungen, privaten

Außenräumen und auch öffentlichen Räumen. Die Projekte entstehen dabei immer ergänzend zur

Architektur. Viele Architekturbüros schätzen ihre Kompetenz – unter ihnen querkraft, caramel, StudioVlayStreeruwitz,

Rüdiger Lainer, Feichtinger Architectes. Ergänzend lehrt Alice Größinger auch an

österreichischen Hochschulen und übernimmt Jurytätigkeiten bei Wettbewerben.

Warum ist Landschaftsarchitektur

wichtig für Städte?

Vom ökologischen Standpunkt her

leistet Landschaftsarchitektur wichtige

Arbeit im Bereich Nachhaltigkeit

und Verbesserung des (Mikro)

Klimas. Hinzu kommen soziale Aspekte,

die große Auswirkung darauf

haben, ob sich Menschen in einer

Stadt wohlfühlen und wie Freiräume

genutzt werden können. Großes

Potenzial bieten hierbei kooperative

Planungsverfahren, in welche auch

die Landschaftsarchitektur einge-


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11

DI Alice Größinger

bunden wird. In interdisziplinären

Planungsteams wird zusammen mit

den BauträgerInnen, der Gemeinde

oder auch den Magistratsabteilungen

die Gestaltung des öffentlichen

Raumes konzipiert. Wenn man für

viele Menschen plant, braucht man

gut funktionierende öffentliche Orte

für Kommunikation, als Treffpunkt,

zur Erholung und beispielsweise

auch für sportliche Betätigung. Gendergerechte

Planung verhindert die

Entstehung von Angsträumen oder

schafft es solche aufzuheben. Bei der

Landschaftsarchitektur geht es aber

nicht nur um die Menschen und den

klimasensitiven Städtebau, denn man

kann durch ausgewählte Pflanzen

auch die Artenvielfalt der Flora und

Fauna fördern. Das betrifft zudem

auch Insekten oder Vögel. Dafür arbeiten

wir mit Ökologen und - im speziellen

mit Tierökologen - zusammen.

Welche urbanen Bereiche besitzen Potenzial

für die Landschaftsarchitektur?

Teilweise ungenutzte Bereiche oder

Baulücken, die oft jahrelang leer stehen,

könnten eine Zwischennutzung

oder temporäre Nutzung erfahren.

Das wäre aus meiner Sicht eine große

Qualität und würde die Außenräume

aufwerten. Solche Flächen könnten

von der Stadtverwaltung temporär

freigegeben werden, um zwischenzeitlich

alternative Nutzungsmöglichkeiten,

wie zum Beispiel temporäre

zusätzliche Grünräume oder

Spielplätze, zu schaffen.

Welcher Zusammenhang besteht

zwischen Architektur und Landschaftsarchitektur?

In der Architektur liegt der Schwerpunkt

bei Gebäuden, in der Landschaftsarchitektur

in der Gestaltung

des Außenraumes und der Auswahl

der Bepflanzung. Um einen qualitätsvollen

urbanen Raum zu schaffen,

benötigt es eine enge Zusammenarbeit

beider Disziplinen, damit ansprechende

Ergebnisse erzielt werden

können.

Welche Rolle spielt die Lehre für die

Zusammenarbeit beider Disziplinen?

Unterschiedliche Disziplinen ergänzen

und bereichern sich im Berufsalltag

gegenseitig – deshalb sollten

Studierende bereits im Studium

lernen, effektiv zusammen zu arbeiten.

Beispielsweise sollten bei Projektarbeiten

KulturtechnikerInnen hinzugezogen

werden, wenn es um Fragen

des Wassermanagements geht. Das

sollte mehr in den Fokus rücken.

© Bruno Klomfar

Ist es mittlerweile selbstverständlich,

dass Landschaftsarchitekten in die

Planung einbezogen werden?

In Deutschland ist das bei allen Bauprojekten

Grundvoraussetzung, in

Österreich basiert es oft noch auf

Freiwilligkeit. Trotzdem werden

LandschaftsarchitektInnen aber zunehmend

einbezogen – vor allem in

Städten. Wenn Landschaftsarchitekt-

Innen von Anfang an in die Planung

miteinbezogen sind, wirkt sich das

auf die Qualität der Ergebnisse aus.

Das ist leider nicht immer der Fall -

derzeit arbeiten wir an einem Projekt,

wo das vom Gestaltungsbeirat gefordert

wurde. Leider waren wir nicht

von Beginn an dabei und als wir mit

der Planung begonnen haben, waren

uns die ArchitektInnen bereits einige

Planungsschritte voraus. Bei Wettbewerben

sind wir jedoch immer von

Anfang an eingebunden. u

Wohnen mit Naturbezug im Mio – (d)ein

lässiger Typ. Der Außenraum übernimmt

die Funktion eines Quartiersplatzes

für die Bewohnerinnen und Bewohner,

auch der Dachgarten steht zu ihrer

Verfügung. Seit kurzem befinden sich im

ersten Stockwerk des Gebäudes auch die

Büroräumlichkeiten der Landschaftsarchitektin

Alice Größinger.


architektur PEOPLE

12

DI Alice Größinger

Im Ladinigpark im 22. Wiener Gemeindebezirk gestalten idealice mit ihrem Projekt die „Perle von Kagran“ einen lebendigen und

vielfältigen Ort für Kinder und Jugendliche. Die Grundidee dabei ist eine „Spielperle“, die sich durch die gesamte Parkanlage zieht.

© Bruno Klomfar

Wie kann die Wertschätzung für Landschaftsarchitektur

gefördert werden?

In einigen österreichischen Städten

wird mittlerweile gefordert, dass

ein/e LandschaftsarchitektIn beim

Gestaltungsbeirat dabei ist. Auch bei

Wettbewerben ist das zunehmend

gewünscht – sowohl bei der Auslobung

als auch bei der Zusammensetzung

einer Jury. Für unsere Branche

ist das ein positiver Trend, denn

dadurch werden wir stärker wahrgenommen.

Viele Architekturbüros

sind sich bereits dessen bewusst,

dass die Zusammenarbeit mit LandschaftsarchitektInnen

einen Mehrwert

darstellt, der sich auf die Ergebnisse

sehr bereichernd auswirkt.

Welche Disziplinen spielen im städtischen

Umfeld mit der Landschaftsarchitektur

zusammen?

Bei der Projektarbeit ist Interdisziplinarität

ein wichtiges Thema. Wir

kooperieren mit den Disziplinen Architektur,

Raumplanung, Städtebau,

Bauingenieurswesen, Statik, Beleuchtungsplanung

und Kulturtechnik.

Auch die Zusammenarbeit mit

VerkehrsplanerInnen ist zentrales

Thema bei der Freiraumgestaltung.

Die Zusammenhänge sind sehr facettenreich

und vielseitig.

Worin soll eine Stadt unbegrenzt sein?

Die Stadt benötigt ersichtliche

Stadtgrenzen, um eine Zersiedelung

zu verhindern. Sie soll einen

qualitätvollen urbanen Raum bilden.

Ein solcher kann durch Projekte in

Wohngebieten gemeinsam mit LandschaftsarchitektInnen

entwickelt

werden. Die Förderung des urbanen

Lebens, in dessen Mittelpunkt der

Mensch steht, bedeutet für eine

Stadt ein Plus an Qualität. •

www.idealice.com

Durch einen partizipativen

Planungsprozess konnte

herausgefunden werden, was

sich die Bewohnerinnen und

Bewohner des Baufelds D12

in Wien Aspern von ihrem

zukünftigen Freiraum wünschen.

Berger + Parkkinen

und querkraft architekten

zeichnen für die Architektur

verantwortlich, idealice für

die Landschaftsarchitektur.

Die Höfe wurden als

Großraum gedacht, in dem

auch einige Terrassen als

Außenraum der Wohnungen

vorhanden sind. Sollten diese

nicht privat genutzt werden,

können sie der öffentlichen

Fläche zugeschrieben werden.

© Hertha Hurnaus


duscholux.at


architektur PEOPLE

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Andreas Fogarasi

Materialien quer durch

die Zeit beobachten

Interview mit Künstler Andreas Fogarasi

Als bildender Künstler arbeitet und lebt

Andreas Fogarasi in Wien. Für seine

Arbeit bedient er sich einer Vielzahl an

Medien: Fotografie, Film, Skulptur oder

auch mit gefundenen Gegenständen

(sog. Object trouvé). Als sein primäres

Medium bezeichnet er aber die Ausstellung,

weil ihm die physische Konfrontation

und der Maßstab wichtig sind. Sein

Interesse gilt der Architektur, der Stadt,

sowie den darin enthaltenen gesellschaftlichen

und urbanen Transformationsprozessen.

Seine Kunst wurde

bislang in zahlreichen internationalen

Ausstellungen und Einzelausstellungen

präsentiert. 2007 wurde er auf der 52.

Biennale di Venezia mit dem Goldenen

Löwen ausgezeichnet, 2016 erhielt er

für sein Werk den Otto Mauer Preis.

© Prae.hu / Oláh Gergely Máté

Was macht eine Stadt aus?

Das wesentliche ist die Dichte und

die Gleichzeitigkeit von vielen Dingen,

die man sich nicht aussucht

und denen man sich aussetzt. Eine

segregierte Stadt ist keine Stadt.

Man muss Dingen begegnen, die

einem gefallen oder auch nicht,

und die gleichzeitig am selben Ort

stattfinden. Es gibt ein menschli-

ches Bedürfnis, sich mit Ähnlichem

zu umgeben. Deshalb gibt es auch

immer die Tendenz, Stadtviertel zu

homogenisieren. Es ist die Stärke

der Stadt, dem entgegenzusteuern,

sodass man immer auch mit dem

Fremden und Anderen konfrontiert

ist. Ich finde es extrem wichtig, dass

man mit Dingen zu tun hat, die man

nicht kennt. Das ist der Schlüssel

dazu, um in der Welt intelligent

agieren zu können. Was mich außerdem

an der Stadt interessiert,

ist dass man alles was in der Gesellschaft

passiert, in komprimierter

Form beobachten kann. Dort wird

es gelebt, gebaut, ausverhandelt.

Gesellschaftliche Entwicklungen

werden in der Stadt wie unter einem

Vergrößerungsglas sichtbar.


www.architektur-online.com

15

Andreas Fogarasi

Die Ausstellung „Nine

Buildings, Stripped“ in der

Kunsthalle Wien untersuchte

die architektonischen Oberflächen

der Stadt. Materialien

von Gebäuden, die abgerissen

oder umgebaut wurden,

kombiniert Andreas Fogarasi

mit den Materialien, die

stattdessen hinkommen. So

einstehen zeitübergreifende

Portraits bestimmter Orte

und Gebäude.

© Jorit Aust

Woher kommt Ihr Interesse

für Architektur?

In der Architektur treffen künstlerische

Kreativität und finanzielle

Macht aufeinander. In gebauter

Form manifestiert sich dann etwas,

das in einem größeren Maßstab für

lange Zeit präsent ist. Es beginnt ja

mit Ideen und einer gewissen Unschuld

und Freiheit in ihrer Entwicklung.

Es gibt die Machtstrukturen,

die diese Ideen herausfordern und

ermöglichen. Diese beiden Faktoren

in ihrem Zusammenspiel zu betrachten,

bestimmt mein dokumentarisches

Interesse an Architektur. Ich

habe ja auch Architektur studiert,

mich aber dafür entschieden, vor

dem Diplom aufzuhören, um nicht

Architekt werden zu können. Die

Ausbildung hat mich aber stark geprägt.

Meine Arbeit ist häufig nahe

an Architektur, sowohl im Maßstab

als auch in der Strategie, folgt aber

einer anderen Logik. Es sind isolierte

architektonische Gesten, die versuchen,

für Dinge eine Wahrnehmung

zu schaffen, die man nicht sieht, die

gerade unpopulär sind oder von denen

wir abgelenkt werden, durch die

medienübergreifende Gesellschaft

des Spektakels.

Wie sehen Sie die Vielfalt der Materialien,

die aktuell in der Architektur in

Verwendung sind?

Es gibt das komplette Spektrum

von einfach und billig zu teuer und

spektakulär, und jeweils die ökonomischen

Logiken dahinter. Ein

Traumprojekt von mir wäre eine

umfangreiche Materialbibliothek

einer Stadt anzulegen. Einen Raum

zu schaffen, wo die ganze Vielfalt

architektonischer Oberflächen zu

betrachten ist, ein komprimiertes

Bildnis der Stadt, radikal abstrahiert.

Meine Ausstellung „Nine Buildings,

Stripped“ in der Kunsthalle Wien war

ein bescheidener Versuch so etwas

zu machen, ein Art „Case Study“ zur

Materialität von neun ausgewählten

Bauten in Wien.

Gibt es Veränderungen, die sie

bei der Materialwahl erkennen?

Materialien sind häufig gewissen

Zeiten zuzuordnen und auch die

Wertschätzung für sie ist zeitgebunden.

Da gibt es typische Zeiträume,

wo etwas modern, neu, spannend

und attraktiv ist. Dann tritt es aus

der Avantgarde in den Mainstream.

Irgendwann wird es dann altbacken

und uninteressant. Später kommen

sie dann wieder. Dieser Kreislauf ist

in der Mode schneller als in der Architektur,

man kann ihn aber in allen

kreativen Bereichen, quer durch die

Zeit beobachten. Ich vermeide es,

eine Wertung über ein bestimmtes

Material oder über das was neu ist

abzugeben. Die unkritische Begeisterung

für das Neue ist für mich

eine starke Erinnerung aus dem Architekturstudium.

Die Faszination

des Neuen, die die Architektenseele

durchdringt, ist ein wichtiger Impuls

für Kreativität, aber natürlich auch

gefährlich, weil sie genau so viel zerstört,

wie sie schafft. Als Nicht-Architekt

habe ich da die Möglichkeit,

dem ein bisschen den Spiegel vorzuhalten,

beziehungsweise dieses Alt

und Neu nebeneinander zu betrachten,

dem Zeitfluss zu entziehen.

Wird es in Zukunft hauptsächlich

um das Bauen im Bestand gehen?

Versiegelte Flächen gibt es genug.

Die Stadt verträgt wesentlich mehr

Dichte, in Wien ist da schon noch

einiges möglich. In dieser Stadt hat

man urbane Entwicklungen im Vergleich

zu anderen Städten immer wie

in Zeitlupe betrachten können, aber

das ist vorbei, die Dynamik hat in

den letzten zehn Jahren enorm zugenommen.

Was mich schmerzt ist,

dass ganz viele Sachen aus der Stadt

verschwinden. Das Gewerbe zieht an

den Stadtrand, das ist ein großer Verlust,

denn Großhändler und Handwerksbetriebe

mitten in der Stadt

erzeugen eine unglaubliche Qualität

durch funktionale Vielfalt. Es werden

reihenweise Hallen abgerissen, da

geht natürlich auch bauliche Vielfalt

verloren. Aber es genügt nicht, nur

die industriell-schicke Ziegelfassade

zu erhalten und mit demselben Inhalt

der umliegenden Gebäude zu füllen.

Wie man tatsächliche Vielfalt und

nicht nur eine Vielfalt der Oberflächen

erhält ist die Herausforderung.

Wie schätzen Sie aktuell den Umgang

mit schon vorhandener Bausubstanz

ein?

Es wird immer nur dort etwas erhalten,

wo es als vermarktbare Oberfläche

profitabel ist. Hinter alten

Fassaden neue Strukturen zu bauen

ist vielleicht einen Deut besser als

sie ganz abzureißen, es bleibt dann

aber eben nur Fassade. Man müsste

genauer hinschauen, was die räumlichen

und funktionalen Qualitäten abseits

der Oberflächen sind. Es wäre

spannender, bestehende Funktionen

u


architektur PEOPLE

16

Andreas Fogarasi

am Ort zu behalten und intelligent

nachzuverdichten. Alle Akteure sind

gefordert, Entscheidungen, z.B. ob

ein Umbau oder Neubau überhaupt

sein muss, stärker zu hinterfragen. In

den 1960er Jahren hat der britische

Architekt Cedric Price propagiert,

das Aktionsfeld der Architektur dahin

zu erweitern, dass man den Vorschlag

machen kann, nicht zu bauen.

Auch das ist Architektur. Dinge

nicht zu tun, ist oft die unsichtbarste,

stärkste und kraftvollste Geste, die

man setzen kann.

© Jorit Aust

Inwiefern wird die Identität einer

Stadt durch die Transformation von

Gebäuden beeinflusst?

Landläufig glaubt man, die Stadtidentität

wird von den wichtigen

Gebäuden ausgemacht, die sich als

Landmark präsentieren oder man als

Tourismusikone vermarkten kann.

Ich glaube aber, dass architektonische

Oberflächen - Fassaden, Pflasterungen,

Fliesen, Dächer, die man

oft kaum wahrnimmt, sehr viel dazu

beitragen, wie sich eine Stadt anfühlt,

wie sie klingt, das Licht reflektiert,

etc. In meiner Arbeit sammle

und dokumentiere ich diese Oberflächen

und Materialien, ordne sie

neben- und übereinander an, hänge

sie den Leuten vor die Augen, wie ein

dysfunktionales Moodboard.

Welche Wünsche, Ideen und Utopien

erkennt man an den Fassaden, die

aktuell entstehen?

Eine Weile war es ganz klar die

Transparenz. Glas bedeutet Transparenz,

was man auch an vielen politischen

Gebäuden gesehen hat. Im

Moment möchte man mit der starken

Konjunktur von Naturmaterialien

eine gewisse Erdverbundenheit und

Nachhaltigkeit signalisieren, vielleicht

auch Beständigkeit. Im Moment

ist alles in Grautönen. Es gibt

viel Naturstein oder häufiger noch

Keramikfliesen, die wie Naturstein

aussehen. Dabei geht es sicherlich

darum zu kommunizieren, dass man

sich der Ressourcen bewusst ist. Bei

Fassaden betrifft das aber häufig nur

die äußersten zwei Zentimeter eines

Gebäudes. Da muss man genauer

hinsehen.

Worin soll eine Stadt unbegrenzt sein?

Eine Stadt braucht so viel wie möglich

frei nutzbaren öffentlichen

Raum. Der Einfluss von privaten und

kommerziellen Interessen auf dessen

Nutzung muss begrenzt werden. Da

ist die Politik gefordert, dagegenzuhalten,

und auch selbstorganisierte

Initiativen zu unterstützen. Vor

allem aber muss eine Stadt Platz

für viele Sprachen, Kulturen und

Lebensweisen haben. Man kann in

ihr mehrere Identitäten und Gesellschaften

gleichzeitig leben. Die informelle

Vielfalt der Stadt muss auch

formell sichtbar werden. Es braucht

eine Sichtbarkeit für Minderheiten

in Medien und Politik, für das, was

oft angstvoll Parallelgesellschaft genannt

wird, und es auch bleiben wird,

wenn es an den Rand gedrängt wird.

All diese Vielfalt, die es gibt, muss

positiv umgewertet werden, damit

sie auch positiv wirken kann. •

Das Materialpaket der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft von Carl Appel

verweist auf das Material und die Gestalt der ursprünglichen Fassade: ornamentierte und mehrfach

geknickte Kassetten aus Aluminiumblech. Diese besondere Oberfläche wurde für dieses Gebäude

mit dem Künstler Helmut Gsöllpointner entwickelt und fand später auch noch an anderen Fassaden

Verwendung. Das Gebäude wurde bis auf den Stahlbetonkern rückgebaut und nach Plänen von ATP

Architekten neu gestaltet.


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architektur PEOPLE

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Vera Enzi

Das Recht

auf Grün

Interview mit Landschaftsplanerin Vera Enzi

Als CEO des Innovationslabors

grünstattgrau setzt sich die Landschaftsplanerin

Vera Enzi für Bauwerksbegrünungen

ein, die sie als

Notwendigkeit sieht, um mit dem

Klimawandel umgehen zu können.

Sie möchte in der Stadt eine grüne

Infrastruktur entstehen lassen und der

Landschaftsplanung mehr Bedeutung

zuschreiben. Stadtverwaltungen,

Investoren, sowie Planerinnen und

Planer werden von grünstattgrau zum

Thema Bauwerksbegrünung weitervernetzt

und in der Ausführung ihrer

Projekte unterstützt.

© grünstattgrau


www.architektur-online.com

19

Vera Enzi

Dachbegrünungen sind

eine Möglichkeit die Stadt

grüner zu machen, dafür

bieten auch historische

Gebäude Potenzial. Hier

eine extensive bis intensive

Dachbegrünung auf

einem Wiener Gebäude

von 1870.

© grünstattgrau

Was macht eine Stadt aus?

Dazu möchte ich ein paar Schlagworte

nennen: Lebensqualität, Wasser

und Mikroklima, Ökologie und

Umwelt, Energie und Ökonomie als

auch Innovation.

Wofür stehen für Sie die Farben

Grau und Grün?

Die Farbe Grau steht für etwas,

das veraltet und nicht mehr zeitgemäß

ist, vor allem in Zeiten des

Klimawandels. Es geht um die Herangehensweise,

wie wir Städte als

Siedlungen und als unser Umfeld

gestalten. Da gibt es eine Notwendigkeit

für eine Transformation von

Grau zu Grün. Grün steht für Innovation

und Leistung. Begrünung muss

als strategisches Instrument für eine

nachhaltige und an den Klimawandel

angepasste Stadttransformation eingesetzt

werden.

Wie sieht Ihre Vision einer grünen

Stadt der Zukunft aus?

Die grüne Stadt der Zukunft vereint

das Alte mit dem Neuen. Grau

soll man dabei nicht wegdenken,

denn Grau ist auch die Gebäudeund

die Infrastruktur. Aber auch

Grün ist Infrastruktur. Die grüne

Stadt der Zukunft beinhaltet, dass

wir Begrünungen als notwendigen

Infrastrukturausbau für die Gesellschaft

und unseren Naturhaushalt

verstehen. Dabei geht es nicht um

eine grüne Decke, die alles überwuchert,

sondern ein grünes Netzwerk,

das höchst effizient die geforderten

Leistungen erbringt.

Wie unterscheidet sich die Umsetzung

von Begrünung beim Bestandsbau

und Neubau?

Begrünung beim Neubau mitzudenken

ist eine ziemlich simple

Angelegenheit. Wenn das Grün im

Planungsprozess sehr früh eingebunden

ist, haben wir alle Möglichkeiten,

um sehr kostenoptimiert

Anpassungsmaßnahmen zu setzen.

Im Unterschied dazu ist im Bestand

schon vieles vorgegeben, oft jedoch

hier der Leidensdruck am höchsten.

Da muss man genau überprüfen, was

technisch möglich und sinnvoll ist.

Wichtig ist es, das Gebäude immer

im Kontext seiner Wechselwirkung

mit der Umgebung zu betrachten.

Welche Zusammenhänge bestehen

bei der Umsetzung von Begrünungen?

Es gilt den Bestand mit einem nachhaltigen

Entwicklungsziel für die

Anpassung an den Klimawandel zu

erschließen. Das hängt mit Sanierungen,

Energie, Mobilität und Digitalisierung

zusammen. Es geht aber

auch um die Nachbarschaft und sehr

viele soziale Aspekte, mit dem Ziel,

lebenswerte Umstände zu schaffen,

die uns auch helfen mit den bereits

stattfindenden Auswirkungen des

Klimawandels besser umgehen zu

können. Das muss diskriminierungsfrei

sein, denn eine Stadt bedeutet ja

auch, dass sehr viele unterschiedliche

Menschen mit verschiedenen

Hintergründen zusammenkommen.

Meistens wird Begrünung da am

meisten gebraucht, wo das Geld

knapp ist. Begrünung ist also auch

eine Art von Recht und sollte dementsprechend

Jedem und Jeder zur

Verfügung stehen.

Wieso gehört Begrünung

nicht längst zum Standard?

In Österreich haben wir da teilweise

einen ganz unterschiedlichen

Entwicklungsstand. Es gibt Verwaltungen,

die Grün bereits im Bebauungsplan

vorsehen und auch Bauordnungen

sowie Förderzuschüsse

dementsprechend angepasst haben.

Andere stecken gerade erst in diesem

Prozess drinnen. Ganz wenige haben

die Problemstellung noch gar nicht

erkannt und starten erst jetzt. Aus

meiner Sicht liegt das Problem dabei,

dass auch Länder und Bund Maßnahmen

setzen müssten und nicht nur die

einzelnen Stadtverwaltungen. Es geht

um ein gemeinsames Herangehen an

Ziele, Gesetzgebung und Förderung,

was wir durch unseren Green Market

Report festgestellt haben. u


architektur PEOPLE

20

Vera Enzi

Stadt sehen wir, dass Begrünungen

innerhalb der Verwaltung zunächst

in der Grünraumabteilung verankert

sind. Dabei bleibt es aber im Falle der

Bauwerksbegrünung fast nie. Eine

interdisziplinäre Herangehensweise

und eine sehr gute Kooperation zwischen

den unterschiedlichen Dienststellen

sind daher gefragt.

© grünstattgrau

Fassadenbegrünungen leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag um den Straßenraum

attraktiver zu gestalten, sie dienen auch als natürliche Beschattung. Hier

ausgeführt als eine Regalkonstruktion auf einem öffentlichen Gebäude in Wien.

Welche anderen städtischen Komponenten

müssen aktiv werden, um die

Stadt grüner zu machen?

Raumplanung, Verkehrsplanung und

Lichtplanung, sowie auch die Wasserwirtschaft.

Auch Förderungen,

Zuschüsse, steuerliche Erleichterungen

und Finanzierungen sind sehr

wichtig. Es geht darum, alles mit den

Entwicklungsstrategien der Stadt in

Einklang zu bringen. Konkret denke

ich dabei an erneuerbare Energie

und alternative Mobilitätskonzepte

in Kombination mit Begrünung.

Durch die kann eine Änderung im

Straßenquerschnitt erzielt werden

und Platz für Bäume geschaffen

werden. Flächen müssen multifunktional

genutzt werden, Fotovoltaik

kann mit Begrünung auch am Dach

einfach kombiniert werden. Die Energieraumplanung

einer Stadt ist hier

ebenso wichtig. Es geht darum, ein

attraktiveres und besseres Mikroklima

rund um das Gebäude zu schaffen

und Gebäude zuerst einmal zu

optimieren, bevor man aktiv technisch

kühlt.

Ist Ihr Green Market Report

Ihre wichtigste Grundlage?

Er ist sehr wichtig, weil er untersucht

hat, wie die städtische Vision in diesem

Zusammenhang zu schärfen

ist und wie man sie umsetzen kann.

Er hat gezeigt, dass Bauwerksbegrünung

ein marktwirtschaftliches

Potenzial besitzt. Das ist in den vergangenen

Jahrzehnten entstanden

und ist ein Teil der Bauwirtschaft.

Es ist eine sehr große Palette an

planenden, produzierenden Unternehmen

und auch an ausführenden

Unternehmen. Diese können Bauwerksbegrünungen

umsetzen und

auch pflegen. Darüber hinaus gibt es

in Österreich auch eine sehr bunte

Forschungslandschaft von unterschiedlichen

Institutionen, die wir

auch laufend begleiten. Eines der

größten Hindernisse ist, dass viele

öffentliche Apparate noch keine sehr

umfassende Datengrundlage zum

Thema haben.

Inwiefern muss Bauwerksbegrünung

Grenzen überschreiten?

Natürlich ist es ein sehr starkes

Schnittstellenthema, weil Bauwerksbegrünung

nicht nur am Bauwerk

oder in einer Eigentümerschaft stattfindet.

Wenn man an eine typische

zur Straße orientierte Fassadenbegrünung

denkt, dann befinden sich

die Wurzeln der Pflanze im Bodenraum

auf öffentlichem Gut, die Fassade

selbst ist aber privates Eigentum.

Es bedarf eigentümer- und liegenschaftsübergreifende

Umsetzungsmaßnahmen,

auch passender Vertragsgestaltung.

Auch innerhalb der

Fassaden, Dächer, Innenräume. Welche

weiteren Bereiche können in Zukunft

grün werden?

Die Straßenräume schätze ich dabei

als absolut wichtig ein. Sie bieten

Raum für Baumpflanzungen und das

Anlegen von Regengärten. Dabei

wird das Regenwasser gezielt genutzt,

damit mikroklimatisch wirksame

Pflanzen wachsen können. Auch

das Kanalsystem wird dadurch entlastet.

Es geht aber nicht nur darum

Leistung zu schaffen, sondern auch

um wertvollen Lebens- und Aufenthaltsraum.

In Zukunft werden sicherlich

auch Pocket-Parks und Urban

Orchards als auch Urban Farming

an Bedeutung gewinnen. Ich denke

auch, dass hin und wieder temporäre

Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung

stattfinden können, um sich zu


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21

Vera Enzi

© Oliver Wolf/UNIQA

Die Fassade dieses Grazer Gebäudes wird mit Bäumen und Kletterplanzen begrünt.

fragen, wieviel Raum man dem ruhenden

Verkehr denn noch überlassen

möchte. Wie die Wanderbaumallee,

die es in München gibt. Darauf

müssen aber Entsiegelung und dauerhafte

Baumstandorte folgen.

Wie kann man den Menschen und

vor allem auch den Planern die Bedeutung

von Grün näher bringen?

Das sehen wir als eine Hauptaufgabe

unseres Innovationslabors. Seit einem

halben Jahr bilden wir Planerinnen

und Planer mit unterschiedlichen

Hintergründen, sowie auch Stadtverwaltungen

zu diesem Thema weiter.

Wir möchten sicherstellen, dass die

transdisziplinäre Arbeit zwischen den

unterschiedlichen Sphären stattfinden

kann. Denn Bauwerksbegrünung

bedeutet auch, dass unterschiedliche

planende Disziplinen miteinander

arbeiten müssen. Es braucht ein

Umdenken und Respekt füreinander,

damit das Fachwissen der Landschaftsplanung

auch tatsächlich

im Planungsprozess landet. Auch

wichtig ist uns die Vermittlung der

Standardisierung von Bauwerksbegrünungen

aller drei Teilbereiche, die

eben noch nicht alle kennen. Die Normen

regeln den Minimumstandard.

Unser mobiler Ausstellungsraum

MUGLI, der von Stadt zu Stadt reist

und die Türen für alle Interessierten

öffnet, hilft uns, jede/n in Österreich

mit dem Thema zu erreichen.

Welche Rolle spielen dabei

die Universitäten?

Es ist notwendig, Planerinnen und

Planer unterschiedlicher Fachdisziplinen

sehr früh miteinander in Austausch

zu bringen. Man muss wissen,

wo das jeweilige Know-how und wo

die Schnittstellen liegen. Bis zu Ende

durchdachte Projekte können nur

entstehen, wenn an diesen Nahtstellen

ordentlich zusammengearbeitet

wird. Da gibt es sehr viele spannende

Entwicklungen in der Lehre, wie etwa

Kooperationslehrveranstaltungen.

Wenn viele Köpfe über ein gutes Projekt

nachdenken, kommt am Ende

des Tages ein viel besseres Projekt

heraus, als wenn nur Einer ein paar

Details zusammenstellt. Zudem ist

es immer wichtig, auch zum Thema

lebende Baustoffe den Studierenden

den Stand der Forschung zu vermitteln,

damit auch Innovation Einzug

halten kann in der Planungskultur.

Worin soll eine Stadt unbegrenzt sein?

Die Städte in Österreich sind grau

und versiegelt genug, ebenso gibt

es genug Individualverkehr. Der ruhende

Verkehr verhindert sehr stark

die Umsetzung eines sinnvollen grünen

Infrastrukturnetzwerkes für die

Stadt, da muss ein Umdenken erfolgen.

Die Städte müssen sich Ziele

und Visionen setzen, wo sie langfristig

hinwollen. Das muss die Politik

dementsprechend aufgreifen. Es

geht darum die Stadt lebenswerter

zu machen und sinnvoll in Grün zu

investieren. Mit Grün sind wir noch

heftig unterversorgt. Da dürfen wir

uns keine Grenzen setzen, da muss

wirklich sehr viel Innovation, Umdenken

und gemeinschaftliche Zusammenarbeit

her.


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architektur PEOPLE

22

Caren Ohrhallinger

Den sozialen Kontext

einer Stadt betrachten

Interview mit Architektin Caren Ohrhallinger

Caren Ohrhallinger ist Architektin, Prozessbegleiterin,

Moderatorin und Mediatorin und

seit 2003 Partnerin bei nonconform. Die für

das Büro für Architektur und partizipative

Raumentwicklung charakteristische Planungsmethode

der nonconform ideenwerkstatt

konnte mit ihr als Mitbegründerin ins Leben

gerufen werden, ebenso wie die nonconform

akademie, ein Weiterbildungsangebot für

innovative Bürgerbeteiligung, bei dem sie auch

die Funktion als Lehrende einnimmt. nonconform

begleitet Orte und Organisationen bei

räumlichen Veränderungen und beschäftigt

sich dazu neben der Architektur auch mit

Raumplanung, Gemeinde- und Stadtentwicklung,

Prozessbegleitung und Kommunikation,

Pädagogik, Kulturmanagement und den

Schnittstellen dazwischen. Genauso vielseitig

sind auch die Arbeitsschwerpunkte von Caren

Ohrhallinger, sie liegen vor allem in der partizipativen

Ortskern- und Stadtentwicklung,

Schulraumentwicklung und in der Schnittstelle

zur Organisationsentwicklung.

© Julia Puchegger

Was macht eine Stadt aus?

Die soziale Netzwerkdichte. Es ist die Komplexität,

resultierend aus der Vielfalt und

Verweildauer der Menschen, die sich im

Stadtraum aufhalten, und damit das Potential,

Gruppen verschiedener sozialer Identität

zu vernetzen. Das ist wichtig für eine nachhaltig

soziale Gesellschaft: Je mehr abgegrenzt

agierende, nicht vernetzte Gruppen

verschiedener sozialer Identität, je größer

die Schere zwischen Arm und Reich, desto

mehr wird die Freiheit aller beschnitten.

Sinkende soziale Sicherheit beeinflusst die

Bewegungsfreiheit aller und befeuert die

Überwachung des öffentlichen Raums und

Enklavenbildung wie Gated Communities.

Und die räumliche Segregation sozialer

Gruppen wirkt sich wiederum auf das Potential

des öffentlichen Raums aus, die verschiedenen

Gruppen zu vernetzen.

Was macht die Qualität einer Stadt aus?

Ausschlaggebend ist, was die Stadt an öffentlichen

Räumen bietet: Abhängig von der

(Klein)teiligkeit und räumlichen Qualität der

gebauten Struktur, der Erdgeschosszonen

und der Angebote, die es gibt, und ob es

konsumfreie oder von Konsum (und welcher

Art!) besetzte Räume sind. Wir brauchen dabei

Räume und Orte, an denen Überschneidungen

verschiedener sozialer Gruppen mit

dem Anspruch der Gleichwürdigkeit stattfinden

können. Das betrifft u.a. die Frage, für

welche Nutzungsgruppen der öffentliche

Raum geplant wird, wie wir mit Randgruppen,

wie etwa Obdachlosen, umgehen. Dazu

reicht eine rein physische Überlagerung


www.architektur-online.com

23

Caren Ohrhallinger

nicht aus und ein reibungsloses Nebeneinander

ist auch nicht das Ziel

- vielmehr müssen wir uns als Gesellschaft

mit diesen Herausforderungen

aktiv auseinandersetzen anstatt sie

zu verdrängen und räumlich zu verlagern.

Das bedeutet Arbeit und ist

auch nicht mit einem Mal erledigt,

sondern ist ein kontinuierlicher Prozess.

Dieses Problembewusstsein zu

haben, den sozialen Kontext genauso

zu betrachten wie den baulichen

Kontext, gehört auch zu den Aufgaben

der Planerinnen und Planer.

Für den sozialen Austausch mit Personen,

mit denen wir sonst keine

Berührungspunkte hätten, brauchen

wir Anlässe und Gelegenheiten zum

Andocken. Ein Aspekt dabei ist die

Aneigenbarkeit des öffentlichen Raumes:

Dazu braucht es niederschwellig

zugängliche Angebote zur Aneignung

mit Verantwortungsübernahme – in

öffentlichen Räumen, die genügend

Alltagsfrequenz für Sichtbarkeit und

Zufallsbegegnungen haben. Das kann

z.B. das Stück Gehsteig vor der eigenen

Haustür sein. Verantwortungsübernahme

bedeutet dabei, dass es

Personen gibt, die sich für das, was

sozial dort geschieht, verantwortlich

fühlen und sich darum kümmern. Die

Initiative der Grätzloase der Stadt

Wien ist da ein Schritt in die richtige

Richtung: Private nehmen temporär

ein Stück öffentlichen Raums unter

ihre Obhut und werden zum Gastgeber

für ihre Nachbarn. Solche Aktionen,

die sich auf bereits bestehende

Nachbarschaften beziehen, sind sehr

kleinräumig und haben gerade dadurch

hohe Wirkungskraft in die Tiefe.

Welche Rolle spielt die soziale

Durchmischung in einer Stadt?

Es sollen Räume und Möglichkeiten

geschaffen werden, damit man im Alltag

möglichst vielen Lebensrealitäten

begegnet. Ein Weg dazu ist, die verschiedenen

Organisationsweisen von

Wohnformen zueinander kleinteiliger

in Bezug setzen. Freifinanzierte, geförderte

und selbstverwaltete Organisationen

haben verschiedene Zielgruppen.

Wenn man es schafft, diese

gebäudeweise oder sogar geschossweise

zu mischen und eine Hausgemeinschaft

aufzubauen, dann ist das

ein Schritt in Richtung alltagsnaher

erlebbarer Durchmischung.

In welchen Bereichen braucht es

mehr Partizipation in der Stadt?

Wir arbeiten viel mit Stadtverwaltungen

und auch Bauträgern zusammen

und merken, dass es oft Unsicherheit

gibt, wie man Partizipation einsetzen

kann. Oft geht man erst in einer

sehr fortgeschrittenen Projektphase

an die Öffentlichkeit. Wir empfehlen,

so frühzeitig und gleichzeitig so offen

wie möglich hinauszugehen. Aus

unserer jahrelangen Erfahrung in

auch konfliktbehafteten Prozessen

wissen wir, dass Offenheit letztendlich

Vertrauen und Glaubwürdigkeit

fördert und man Bürgern auch Ungewissheiten

und Komplexität zumuten

darf. Wichtig ist der offene Diskurs

und das nachvollziehbar machen,

warum manche Dinge nicht möglich

sind. Andere Perspektiven müssen

sichtbar gemacht werden, dazu gehört

auch der globale Blick des Flächen-

und Ressourcenverbrauches.

Wenn diese Perspektive kein anderer

einnimmt, vertreten wir sie – wir sind

nicht nur Prozessbegleiter, sondern

auch Anwälte der Zukunft. u

Eine Insel in der

Stadt – die private

Initiative im

zweiten Wiener

Gemeindebezirk

schafft einen

konsumfreien

Aufenthalts- und

Begegnungsort

im öffentlichen

Raum.

© Caren Ohrhallinger


architektur PEOPLE

24

Caren Ohrhallinger

Muss die Vielfalt der Wohnformen

weitergedacht werden?

Das Thema Wohnformen ist schon

stark im Wandel, doch die Umsetzung

ist aus den verschiedensten Gründen

– Sicherheitsdenken, Kostengründe,

Trägheit – zeitverzögert. Die innovativsten

Ansätze sehen wir dort, wo

Lebensraum mit persönlichem Bezug

geschaffen wird – also entweder (von

einer Baugruppe) für sich selbst gebaut

wird, oder (von einem Investor)

in einem Ort gebaut wird, zu dem er

einen Bezug hat, dessen Entwicklung

ihm am Herzen liegt.

Wichtig ist, Vielfalt nicht nur auf

Ebene der Wohnformen zu denken,

sondern ein Gebäude auf struktureller

Ebene nutzungsoffen zu bauen,

sodass es nicht nur für Wohnen, sondern

genauso für gewerbliche und

andere Nutzungen funktioniert und

so auf sich ändernde Nachfrage von

Nutzungen reagieren kann.

Welche neuen Wohnformen

werden gebraucht?

Es müssen vermehrt neue Wohnformen

entwickelt werden, die eine

Weiterentwicklung der klassischen

Wohngemeinschaft mit eigenem

Zimmer und geteilter Küche und Bad

sind – die „WG 2.0“: Es geht um gemeinschaftliches

Zusammenleben

mit wenig Flächenverbrauch, um den

Trend zu immer mehr Fläche je Bewohner

und gleichzeitiger Anonymität

und Vereinsamung entgegenzuwirken.

Dabei wird sich das Verhältnis

von Privatheit und Gemeinschaft

ändern und die Bedürfnisse, die Ansprüche

an Exklusivität der Funktionen

werden differenzierter. Gleichzeitig

möchte und kann nicht jeder

wie in einer Baugruppe alles von

Grund auf gemeinsam entwickeln

und gestalten. Das heißt, es braucht

reproduzierbare Modelle, bei denen

die Balance zwischen Individualität

und Gemeinschaft anpassbar bleibt.

Auch Menschen in anderen Lebensaltern,

abgesehen von Studierenden,

werden zunehmend gemeinschaftliche

Wohnformen nutzen. Dabei versprechen

vor allem altersgerechtes

und generationenübergreifendes

Zusammenwohnen spannende symbiotische

Lösungsansätze - nicht nur

aufgrund der demografischen Entwicklung,

sondern für ein besseres

gesellschaftliches Miteinander.

Wieso erfahren gemeinschaftliche

Wohnformen aktuell ein so großes

Interesse?

Wir beobachten vermehrt die Forderung

der Menschen nach mehr

Mitbestimmung und Gestaltung des

eigenen Lebensumfeldes; und auch

der generelle Trend in verschiedenen

Bereichen der Gesellschaft, selbstorganisiert

und flachhierarchisch zu

agieren, nimmt zu. Das betrifft Unternehmen

wie Vereine und andere Organisationen,

und ist sicherlich auch

ein Grund, wieso Baugruppen mehr

nachgefragt sind.

Was macht eine funktionierende

Gemeinschaft aus?

Eine funktionierende Gemeinschaft

braucht zum einen als Basis ein gemeinsames

Verständnis des Zwecks

– dessen, was die Gemeinschaft ausmacht;

und zum anderen eine flache

Organisationsstruktur. Das bedeutet,

als Teil einer Gemeinschaft soll jede

Person einen Teil der Arbeit und der

Zuständigkeiten - und damit auch der

Verantwortung und Entscheidungskompetenz

– übernehmen. Nur so

kann gegenseitiges Verständnis für

Arbeit, Transparenz und damit Vertrauen

entstehen.

Worin soll eine Stadt unbegrenzt sein?

Begrenzt sein soll sie im Flächenverbrauch,

unbegrenzt in der sozialen

und geistigen Aufgeschlossenheit! •

www.nonconform.at

© nonconform

Organigramm aus Wohnbedürfnissen und Bewegungslinien

einer neuen Wohnform, die im Ideenlabor

– einer Beteiligungssimulation mit Betroffenen

und Expertenvertreter*innen - für ein Bestandsentwicklungsprojekt

in Berlin entwickelt wird.


www.architektur-online.com

25

Najjar & Najjar Architekten

BE PART

OF

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architektur PEOPLE

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Iris und Michael Podgorschek

Die Stadt mit Licht

modellieren

Interview mit den Lichtgestaltern

Mag. art Iris Podgorschek und Mag. art Michael Podgorschek

© Christoph Meinschäfer Fotografie

podpod design ist ein international renommiertes, vom Geschwisterpaar

Iris und Michael Podgorschek gegründetes Lichtplanungsbüro

aus Wien. Das Tätigkeitsfeld überspannt eine große Bandbreite, von

Projekten für Innen- und Außenbeleuchtung für historische, denkmalgeschützte

und zeitgenössische Bauten, urbane Lichträume, öffentliche

Beleuchtung bis hin zu Leuchtendesign. Im Rahmen des Deutschen

Lichtdesignpreises gingen podpod design als Preisträger vieler Projekte

hervor und wurden als Lichtplaner des Jahres 2014 ausgezeichnet.

Der Schwerpunkt liegt in hochwertigen, maßgeschneiderten Beleuchtungslösungen,

die in enger Zusammenarbeit mit den Auftraggebern

und Architekten, basierend auf technischem Know-How und künstlerischem

Feingefühl, entwickelt werden.


www.architektur-online.com

Was macht für Sie eine Stadt aus?

Michael Podgorschek (MP): Die

Dichte und die vielen Möglichkeiten

machen eine Stadt aus. Auf engem

Raum sind viele Optionen möglich,

sei es beruflich, in Bezug auf Freizeit,

kulturell oder kulinarisch. In der

Stadt geht es um eine gewisse Anonymität

kombiniert mit einer Enge,

die viele Reibungspunkte erzeugt,

denen man dauernd ausgesetzt ist.

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Iris und Michael Podgorschek

Iris Podgorschek (IP): Die Herausforderung

ist das Zusammenspiel all

dieser Strukturen, Interessen und Lebensformen.

Es geht um die Verdichtung

von Leben und um die Balance

zwischen Freiheit und Rücksicht.

Welche Herausforderungen gibt

es bei der Gestaltung von Licht im

Stadtraum?

MP: In einem Stadtraum ist es wichtig

zu wissen, von wo aus das zu beleuchtende

Objekt gesehen wird. Es

gibt sicherlich eine Hauptrichtung,

aber im Prinzip ist es eine komplexe

Wechselwirkung aus verschiedenen

Richtungen, die eine räumliche

Struktur aufspannen. Ob man an

dem Gebäude nah dran ist oder es

mehr auf die Ferne wirken muss, ist

auch mitzubedenken.

IP: In der Stadt ist es immer wichtig,

nicht nur einzelne Räume oder Objekte

zu berücksichtigen, sondern

zusammenhängende Lichträume.

Oft sind auf Plätzen nur einzelne

Gebäude beleuchtet. Uns wäre es

ein Anliegen, mehr den ganzen Platz

zu betrachten, denn es ist immer ein

Zusammenspiel aller Beleuchtungselemente.

Ganz wichtig ist auch, wie

die Leuchten tagsüber aussehen.

Es kommt dabei technisch nicht

nur darauf an, wo die Leuchte sitzt,

sondern auf die Detaillösung wie sie

sich integriert. Leuchten gehören zur

Stadtmöblierung.

Das großvolumige Gebäude wie die Wiener Staatsoper wird nicht flächig angestrahlt, sondern durch

nahe an der Fassade angebrachte Beleuchtungskörper mit Licht und Schatten modelliert.

Wie kann Licht eine Stadt

lebenswerter machen?

IP: Die Stadt ist auch in der Nacht

ein Lebensraum. Es geht dabei um

das Sicherheitsempfinden, das emotional

ist, aber auch real. Das Licht

ermöglicht, dass man sich furchtfrei

durch die Stadt auch bei Nacht bewegen

kann. Einerseits gibt es also

die sicherheitsrelevanten Beleuchtungen.

Dann gibt es aber auch solche,

die kulturell relevant sind und

sich damit beschäftigen, wie man

eine Stadt bei Nacht zeigen möchte.

Manche Gebäude treten dabei in

den Vordergrund, andere bleiben im

Hintergrund. Für die Identität und

Kultur der hier lebenden Menschen

ist das total wichtig und eben auch

für Besucher und Touristen. Es ist

auch wichtig zu sagen, dass man

diese Art der Beleuchtung ab Mitternacht

abschaltet und die Nacht

Nacht sein darf. Für Orientierung

und Sicherheit muss aber die ganze

Nacht gesorgt sein.

Besitzt Licht einen sozialen Aspekt?

MP: Ein wichtiges Schlagwort dazu

ist das Gender Mainstreaming. Ein

Stadtraum ist ein geteilter Raum,

den man gemeinsam nutzt. Es muss

also auf alle Rücksicht genommen

und auch die Schwächeren geschützt

werden. Vor allem in Wien

wird sehr viel Wert darauf gelegt,

dass die Beleuchtung flächendeckend

hochwertig ist, egal ob in den

äußeren Bezirken oder im Zentrum.

Für alle muss gutes Licht da sein.

Als Gegensatz dazu gilt Paris, wo im

Stadtzentrum alles funkelt und weiter

weg vom Zentrum wird es trist.

Man muss aufpassen, dass sich alle

in der Stadt lebenden Menschen

wohlfühlen und dass keine Ausgrenzungszonen

entstehen.

Kann man Licht als Ressource sehen?

IP: Es geht um einen intelligenten

Einsatz von Licht und der Leuchten.

Zu hell zu beleuchten ist kontraproduktiv,

denn wenn etwas zu

hell ist kann ich es auch schlechter

wahrnehmen. Das Licht soll nicht nur

einfach in den Himmel gestrahlt werden,

in der Hoffnung, dass dann auch

etwas davon am zu beleuchtenden

Objekt ankommt. Durch den Einsatz

von LED kann man immer präziser

arbeiten und das Licht wirklich dorthin

bringen, wo es hin muss, Licht ist

Berührung. Dadurch gibt es weniger

Lichtemission in den Nachthimmel

und zusätzlich braucht man auch viel

weniger Energie.

MP: Viele glauben, dass etwas besser

sichtbar ist, wenn es heller ist.

Es ist aber oft eher im Gegenteil

schlechter sichtbar.

Benötigt es Konzepte auch

für die Dunkelheit?

IP: Wenn am Abend alles herunterfährt

finde ich es wichtig, dass der

Konsens ist, dass alle gemeinsam reduzieren

und abschalten. Es ist viel

spannender, wenn eine Auslage zur

Bühne wird. Es geht mehr um das Inszenieren,

was sich jemand gestalterisch

überlegen muss. Es geht nicht

nur um das hell machen, sondern

um das Modellieren und das fein Arbeiten

mit Fingerspitzen. Die Arbeit

mit Licht hat zwar eine technische

Basis, sie braucht aber wirklich viel

Gefühl, künstlerisches Verständnis

und Erfahrung. Das macht dann die

Qualität aus.

u

© Jansenberger digitalimage.at


architektur PEOPLE

28

Iris und Michael Podgorschek

steigt immer weiter. Man weiß immer

mehr, wie wichtig Licht ist und wie

es Emotion und Wahrnehmung beeinflusst.

Es gab eine Befliegung der

Stadt Wien, bei der die Lichtemission

gemessen wurde. Ein Drittel stammt

dabei von der öffentlichen Beleuchtung

und zwei Drittel vom Verkehr,

privaten Gebäuden und Auslagen.

Berücksichtigen muss man dabei

auch Gebäude mit Glasfassaden, die

durch ihre Innenbeleuchtung auch

eine Auswirkung nach außen haben.

Eigens entwickelte Bodeneinbauleuchten mit einer Lichtverteilung entlang der Fassade verleihen der

Alten Residenz in Salzburg einen dezenten Lichtschimmer. Die Wege werden von unauffälligen Leuchten

am Dach und unter den Fensterbänken den denkmalpflegerischen Anforderungen gerecht beleuchtet.

Die Außenanlagen der

neuen BUWOG-Zentrale in

der Rathausstraße – von

den Architekten Schubert &

Schubert, Atelier Heiss und

den Landschaftsarchitekten

Lindle Bukor gestaltet – vermittelt

eine wohnliche Wohlfühlatmosphäre,

die auch am

Abend durch die Handschrift

der Lichtplaner podpod

design vermittelt wird.

Welchen Einfluss haben andere

Disziplinen auf das städtische Licht?

MP: Der Verkehr hat einen extremen

Einfluss, der wird aber nicht einberechnet.

Das Licht der Autoscheinwerfer

wird immer stärker und schärfer

gerichtet. Wenn man in einen

solchen Lichtkegel kommt wird man

sehr geblendet.

IP: Während des Corona-Lockdowns

gab es viel weniger Lichtemission.

Was sich dabei verändert hat, ist der

Verkehr, denn Fassaden-, Straßenoder

Auslagenbeleuchtungen wurden

nicht abgeschaltet. Es geht um einen

sinnvollen und intelligenten Umgang

mit Licht. Man muss sich überlegen,

wo Licht lebenswert und wichtig ist

und wo man es lieber abschaltet.

© podpod

Welchen Bezug gibt es zwischen

Lichtverschmutzung und Stadt?

MP: Es gibt zwei Arten von Lichtverschmutzung.

Die eine ist die naturbezogene,

wo Licht in den Himmel

strahlt und die Lichtglocke verstärkt.

Das ist eine Frage der Qualität der

Scheinwerfer und der Lichtplanung.

Dann gibt es auch noch die menschenbezogene

Lichtverschmutzung,

die sich auf die Emission

bezieht, durch die Menschen sich

gestört fühlen. Bei guten Projekten

werden Lichtgestalter schon von

Beginn an in den Planungsprozess

einbezogen, um diese Dinge zu berücksichtigen.

IP: Das Bewusstsein für Licht ist

auch schon sehr gestiegen und

Haben Sie Veränderungen beim Umgang

mit Licht in der Stadt feststellen

können?

IP: Die Straßenbeleuchtung hat große

Fortschritte gemacht in den letzten

Jahren, mit besserer Ausblendung

und bedeutend weniger Lichtemission

in den Nachthimmel. Man kann

aber alles immer noch besser machen.

In der Stadt könnte man auch

wärmere Farbtemperaturen verwenden.

Die Effizienz wird auch immer

besser. Dabei darf man aber auf die

Qualität nicht vergessen. Durch die

steigende Effizienz wird man sich

auch mehr gute Qualität leisten können.

Es gibt aber in der Stadt noch

immer viele Sünden, wo Lichtquellen

nicht gut ausgeblendet sind.

Worin soll eine Stadt unbegrenzt sein?

IP: Die Stadt muss mehr in Lichträumen

gedacht werden. Auf einem

Platz versucht der Eine oft heller zu

sein als der Andere. Wenn man ihn

als etwas Gemeinsames betrachtet,

dann kann man mit dem Beleuchtungsniveau

hinunterkommen, weil

es dann ausgewogener ist. Es geht

nicht nur darum einzelne Objekte zu

betrachten, sondern ganze Bereiche.

MP: Die Plätze sind genauso Akzente

der Stadt. Es darf nicht die

gesamte Aufmerksamkeit und das

Geld dorthin fließen. Sie sind wieder

ein Teil des Ganzen und werden als

Schmuckstücke hervorgehoben. Es

ist wie ein Musikstück zu mixen. Da

darf nichts besonders hervorstechen,

es muss eher als organisches

Ganzes funktionieren.


www.podpoddesign.at

© podpod


Seit 70 Jahren arbeitet Zumtobel kontinuierlich am Licht von

morgen und wird dabei unentwegt von einem einzigartigen Gestaltungsanspruch

geleitet. Zumtobel strebt stets danach, die Lebensqualität

des Menschen durch Licht zu verbessern und stellt für jede Tätigkeit zu

jeder Tages- und Nachtzeit das richtige Licht zur Verfügung.

Zumtobel. Das Licht.

#70 YEARSZUM TOBEL

MOUNTAIN.CABIN, LATERNS - VORARLBERG (AT) | FOTO: JENS ELLENSOHN | ZUMTOBEL.COM


architektur PEOPLE

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Hohengasser Wirnsberger Architekten

Den ländlichen Raum im

menschlichen Maßstab denken

Interview mit Architektin Sonja Hohengasser

und Architekt Jürgen Wirnsberger

Seit 2008 arbeiten Sonja Hohengasser und Jürgen Wirnsberger

zusammen, 2017 folgt die Gründung der Hohengasser

Wirnsberger ZT GmbH. In Spittal an der Drau angesiedelt

widmen sie sich regionalen Projekten im ländlichen

Kontext. An der FH Kärnten, der österreichweit einzigen

Hochschule mit Architekturausbildung im ländlichen Raum,

geben Sonja Hohengasser als Professorin und Jürgen

Wirnsberger als Lehrender ihre Erfahrungen und Wissen

zum Thema Rurales Bauen an die Studierenden weiter.

© Christian Brandstätter


www.architektur-online.com

31

Hohengasser Wirnsberger Architekten

© Christian Brandstätter

Für den Käsehof Zankl gestalteten Hohengasser Wirnsberger Architekten eine Hofkäserei im landwirtschaftlichen Kontext.

Was macht eine Stadt aus?

Sonja Hohengasser (SH): Was meine

persönlichen Erfahrungen während

der Studienzeit in Wien betrifft,

bedeutet Stadt für mich einerseits

Freiheit, Anonymität, ein großes kulturelles

und kulinarisches Angebot

anderseits aber auch Reizüberflutung

durch gestresste Menschen,

enormen Autoverkehr, schrille Beleuchtungen

– einfach ein Überangebot

von Allem. Ich habe sie sowohl

kreativitätsfördernd als auch als

Energieräuber erlebt. Man muss sich

mehr mit den Dingen auseinandersetzen

und herausfinden, was wirklich

wichtig ist und was nicht.

Jürgen Wirnsberger (JW): Um über

die Qualtäten einer Stadt sprechen

zu können, muss man aus meiner

Sicht zuerst deren Größenordnung

definieren. Eine Kleinstadt im ländlichen

Kontext kann andere Qualitäten

bieten als eine Großstadt. Für

mich ist die Großstadt immer inspirierend,

weil das Angebot vielfältig

ist. Ich habe aber nie, wie Sonja, lange

in einer größeren Stadt gelebt.

Was sind die Grenzen zwischen dem

ländlichen und dem städtischen Raum?

SH: Schwierig zu sagen. In Wien

habe ich die Stadtgrenze dort erlebt,

wo auch die Straßenbahn geendet

hat. Wenn man mit dem Auto unterwegs

ist, ist das wieder anders – die

Grenzen verschwimmen mehr. Die

Distanz ist viel kürzer und man fährt

auch aus der Stadt raus in die Natur,

um Sport zu betreiben.

JW: Ich glaube, dass es die definierte

Grenze nicht mehr gibt. Früher gab

es Stadtmauern oder andere Befestigungsanlagen,

durch die ganz klar

war, bis wohin die Stadt reicht und

wo die Landschaft beginnt. Heute

ist, durch den Umraum der Stadt, die

Festlegung einer Grenze viel schwieriger

geworden, wenn nicht unmöglich.

Braucht eine Stadt

dörfliche Strukturen?

SH: Ja, ich finde schon. Wenn man

länger in einem Stadtbezirk wohnt,

wird er zum Dorf. Man findet seine

Stammläden und seine Stammlokale,

die meist fußläufig erreichbar sind.

Ich habe Stadt erlebt, als mehrere

kleinere dörfliche Strukturen, die aneinandergereiht

sind.

JW: Ich denke, dass es in der Stadt

oft sogar besser funktionieren kann

als großteils am Land. Dort gibt es

die dörflichen Strukturen oft gar

nicht mehr oder sie sind am Verschwinden.

In vielen Dörfern gibt es

seit Jahren ein Sterben der Wirtshäuser

– was sich natürlich negativ

für das gesellschaftliche Zusammenleben

auswirkt.

Kann man nicht nur von „Landflucht“

sprechen, sondern auch schon von

„Stadtflucht“?

SH: Das kann ich nicht sagen, aber

was zu beobachten ist, ist dass fast

alle meine Freunde und Bekannte

aus Wien einen Zweitwohnsitz am

Land oder außerhalb der Stadt haben.

Sobald eine Familie gegründet

wird, verstärkt sich der Wunsch nach

Leben in oder mit der Natur dann

noch mehr. Auch die Corona-Krise

hat den Wunsch sicherlich noch verstärkt,

denn alle, die einen Garten

haben, konnten sich glücklich schätzen.

Ich sehe die Stadt als Erhalter,

um Geld zu verdienen und sich weiterzubilden.

Die Freizeit verbringen

viele Leute dann am Land. u


architektur PEOPLE

32

Hohengasser Wirnsberger Architekten

JW: Wenn man einen Zweitwohnsitz

hat, ist das für mich noch keine

Stadtflucht. Stadtflucht würde für

mich bedeuten, dass man die Zelte

in der Stadt tatsächlich abbricht und

aufs Land zieht. Das kann ich in einem

größeren Ausmaß nicht beobachten.

Viele ziehen von der Stadt in

die Speckgürtel, wo sie dann einen

eigenen Garten haben. In Wirklichkeit

gehört das aber noch immer zur

Stadt, weil sie von der Stadt versorgt

werden. Vielleicht sollte man diese

Tendenz eher als eine Freizeit-Stadtflucht

bezeichnen.

Wie kann der ländliche Raum als zukunftsfähige

Lebensumgebung gefördert

werden?

JW: Es muss ein Bewusstsein für die

Qualitäten eines Miteinanders und

von intakten Ortskernen gebildet

werden. Um überlebensfähig zu bleiben

braucht ein Ortszentrum, neben

öffentlichen Funktionen, wie einen

Kindergarten, vor allem auch bewohnte

Häuser. Ein Dorf hält die Außenentwicklung

auf Dauer nicht aus.

Um Ortskerne zu erhalten und zu

beleben, benötigt es viel strengere

Widmungsvorschriften mit mehr Gemeinwohl-

als Privatinteressen. Ein

weiterer wichtiger Punkt ist für mich

der öffentliche Raum – diese wichtigen

Orte für das gesellschaftliche

Leben sind nicht nur ein Stadtthema,

sondern gerade fürs Land wichtig

und notwendig!

SH: Die Wahrnehmung der Enge

spielt dabei auch mit. Am Land hält

man die Enge oft nicht aus, vor allem,

wenn zwei Autos nicht nebeneinander

vorbeifahren können. Gerade die

Enge bietet aber oft eine hohe Qualität.

Es benötigt Bewusstseinsbildung

und Schulung, damit der Mensch

und nicht immer das Auto der Maßstab

ist. Das ist ganz wesentlich, um

die dörflichen Strukturen und deren

Qualitäten zu erhalten.

Können alternative Wohnkonzepte

zum Einfamilienhaus am Land funktionieren?

SH: Mehrparteienhäuser gibt es

schon, aber verdichtete Wohnformen

wie Reihenhäuser oder Hofhäuser

gibt es relativ wenig. Viele können

sich nicht vorstellen so zu wohnen,

weil sie es nicht kennen. In der Lehre

versuchen wir die Studierenden mit

solchen Typologien zu konfrontieren.

Sie sind dann immer erstaunt, welche

Qualitäten solche alternativen

Wohnkonzepte haben können. Diesbezüglich

muss noch viel Bildungsund

Vermittlungsarbeit geleistet

werden. Gut wäre natürlich, wenn die

Förderungen die Entwicklung alternativer

Typologien mehr unterstützen

würden.

JW: Ich finde, dass beim Wohnen

gerade das genaue Gegenteil passiert.

Das Land wird für die Stadt als

Erholungsraum gesehen. In Kärnten,

wie vermutlich in vielen touristischen

Regionen Österreichs, wird

viel gebaut, aber leider meist nur

Zweitwohnsitze. Durch diese dann

überwiegend leerstehenden Häuser,

die wenige Male im Jahr genutzt

werden, wird auch die touristische

Infrastruktur zerstört. Als Nebeneffekt

steigen die Grundstückspreise

und das Wohnen wird für die Jungen

Die Schaukäserei Kaslab‘n mit

Hofladen entstand im Kärntner

Ort Radenthein. Der Bereich

vor dem Gebäude funktioniert

als öffentlicher Vorplatz.

© Christian Brandstätter


www.architektur-online.com

33

Hohengasser Wirnsberger Architekten

© Christian Brandstätter

Die bäuerliche Stube wird bei der Kaslab‘n als öffentlicher Ort neu interpretiert.

am Land nicht mehr leistbar. Einige

haben das Glück, entweder das Haus

von den Eltern weiterbauen zu können

oder einen Baugrund zu erben.

Wirklich verdichtete oder alternative

Wohnkonzepte am Land gibt

es wenige, aber vielleicht entsteht

gerade auf Grund der hohen Kosten

für Wohnraum in Zukunft vermehrt

Innovatives.

Sind alternative Wohnkonzepte in

der Stadt einfacher umzusetzen?

JW: Ja, ich denke schon. Die Offenheit

für zukunftsfähige Konzepte

sehe ich eher in der Stadt, da die

Menschen dort auch verschiedenste

Wohnmodelle und Milieus kennen

lernen. Ich hoffe aber, dass auch im

ländlichen Raum neue Wohnkonzepte

probiert werden, die eine Alternative

bieten zum alleinstehenden

Haus mit Abstandsgrün.

SH: Vielleicht wird es am Land zukünftig

mehr Wohngemeinschaften

oder Alterswohngemeinschaften

geben. Die bestehenden Häuser werden

den Bewohner*innen ja zu groß.

Man braucht solche Konzepte, die

dann vielleicht über ein Dorfservice

betreut werden. In der Stadt sind sie

aber sicherlich einfacher umzusetzen,

denn dafür am Land Nutzer zu

finden ist nicht so leicht. Vielleicht

sind das dann eher Leute, die einmal

in der Stadt gelebt haben und wieder

aufs Land zurückkommen.

Sehen Sie Ihre Tätigkeit als Lehrende

oder als Bauende unterstützender

für den ländlichen Raum an?

JW: Ich glaube es wäre schwierig in

der Lehre authentisch zu sein, ohne

in diesem Bereich auch zu bauen. Am

Land ist Authentizität aus meiner Erfahrung

wesentlich, um die Leute zu

erreichen. Ich habe das Gefühl, dass

das dann bei den Studierenden auch

so ankommt.

SH: Bei uns hängt beides stark zusammen.

Viele Gemeindevertreter*innen

kommen mit ihren Problemstellungen

zu uns. Diese werden

dann auch von den Studierenden als

Studienprojekte oder Diplomarbeiten

behandelt.

Worin soll das Land unbegrenzt sein?

SH: Generell sollte das Land auch

eine bauliche Struktur haben, damit

die Qualität erhalten bleibt. Daher

sollte die Bebauung begrenzt sein.

Es muss strenge Widmungen und

Abgrenzungen der unterschiedlichen

Nutzungen geben, damit es

wirkliche Zentren und auch wieder

Freiflächen gibt. Die Architektur darf

nicht an der Gebäudegrenze enden,

sondern auch die Zwischenräume

müssen gestaltet werden.

Nicht begrenzt sein soll das Land

beruflich, denn man kann manche

Berufe nicht ausüben, wenn man

hier wohnen möchte. Mit der Digitalisierung

ist dann auch am Land viel

mehr machbar.

JW: Unbegrenzt an Möglichkeiten

und Visionen!


www.hwarchitekten.at


architektur PEOPLE

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DI Stefan Nussmüller

Sich den Übergängen

einer Stadt widmen

Interview mit Architekt DI Stefan Nussmüller

Die Nussmüller Architekten

setzten unter

der Leitung von Stefan

Nussmüller verschiedene

Schwerpunkte.

Zu ihnen zählen

lebenswerte Quartiersentwicklungen,

Revitalisierungen

und Sanierungen,

genauso wie Holzbau.

Der Grundgedanke

dabei lautet stets:

Architektur als Produkt

unserer gemeinsamen

Vorstellung. Diese

Haltung sieht man den

Projekten des Grazer

Architekturbüros

auch an, die stets von

besonderer Kreativität,

Sensibilität und Nachhaltigkeit

zeugen.

© Miriam Raneburger


www.architektur-online.com

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DI Stefan Nussmüller

© Oberhofer

In der Grazer Max-Mell-Allee gestalteten die Nussmüller Architekten einen Wohnbau in Holzmassivbauweise,

für den sie 2019 den Steirischen Holzbaupreis erhielten. Jede der 38 Wohnungen ist von zwei

Seiten belicht- und belüftbar, an der Außenfassade steht jeder Wohnung eine private Freifläche mit

Blick ins Grüne zur Verfügung.

Was macht eine Stadt aus?

Eine Stadt ist für mich gekennzeichnet

durch den Begriff der Urbanität.

Urbanität hat mit dem Erleben von

Andersartigkeit, Diversität und Interkulturalität

zu tun. In der Stadt

treffen verschiedene Meinungen

aufeinander und daraus entsteht

ein Dialog. Der urbane Raum wird

dadurch beeinflusst und bereichert,

auch Konfrontationen gehören dazu.

Die Stadt hängt mit dem Leben in

einer Gemeinschaft aus verschiedenen

Personengruppen zusammen. Im

Unterschied steht dazu das Dorf, wo

es eine gewisse Homogenität der Bewohner

gibt. Der Austausch und die

Dichte an Möglichkeiten ist in einer

Stadt ungleich höher.

Wodurch wird die Qualität eines

Stadtquartiers beeinflusst?

Es geht dabei einerseits um die

räumliche Zusammensetzung des

Quartiers an sich, also um die Programmierung.

Diese bezieht sich

darauf, welche Arten von Wohnungen

für wen vorhanden sind, wie viel

öffentlichen Außenraum und sonstige

Angebote es für das tägliche

Leben gibt. Viel wahrnehmbarer und

manchmal auch wichtiger ist aber

andererseits die Qualität der Aufenthaltsbereiche

des öffentlichen Raumes

innerhalb eines Stadtquartiers.

Welches Potenzial bieten Stadtentwicklungsgebiete

für eine Stadt?

Ich habe festgestellt, dass Stadtentwicklungsgebiete

in Wien anders

verhandelt werden als im Rest

Österreichs. In Wien macht man

sich weitschichtiger über kooperative

Verfahren Gedanken und beschäftigt

sich damit, was ein neues

Stadt entwicklungsgebiet können

soll. Das passiert bevor der eigentliche

Stadtteil entwickelt wird. Dieser

Schritt vor der Planung hat für mich

großes Potenzial. Wir Planer beobachten

Stadtentwicklungsgebiete

über längere Zeit und erkennen,

dass jedes Stadtentwicklungsgebiet

immer versucht, am Puls der Zeit

zu sein und die besten Möglichkeiten

für die Zukunft zu kreieren. Ein

Stadtentwicklungsgebiet ist immer

auch ein kleiner Abdruck von dem,

was die Stadt schon bieten kann und

den Wunschvorstellungen, was sie in

Zukunft sein soll. Wenn man das vernünftig

diskutieren, verhandeln und

in Vorgaben zu Planungsprozessen

umsetzen kann, dann kommen sicher

gelungene Beispiele dafür heraus. u


architektur PEOPLE

36

DI Stefan Nussmüller

Wird Stadtentwicklung zu sehr auf

das Thema Wohnen reduziert?

Von öffentlicher Seite wird immer

versucht, eine stark durchmischte

Stadt zu formen, was unbestritten

gut und verfolgenswert ist. Der

freie Markt entwickelt aber gerne

ausschließlich Wohnungen, weil diese

am besten zu verkaufen sind. Es

braucht ein Regelset, womit zum

Beispiel die Nutzung von Sockelgeschossen

reguliert wird. Im Hinblick

auf die resiliente Stadt müssen auch

die Geschosshöhen so angepasst

werden, dass in den Wohnungen

auch andere Nutzungen ermöglicht

werden. Auch die Wohnungsgrößen

sollen unterschiedliche Möglichkeiten

zulassen, damit man Wohnungen

zusammenlegen und auch wieder

kleiner machen kann. Die Nutzungsart

sollte also über die Größe und Geschosshöhe

offengehalten werden.

Das Innere des Wohnblocks öffnet sich als gemeinschaftlicher Innenhof, von dem

aus alle Wohnungen erschlossen werden. Zusätzlich stellt er auch das soziale

Zentrum der Hausbewohner dar, die die Möglichkeit haben, sich die großzügige

Fläche vor ihrer Wohnung anzueignen.

Braucht es mehr Vielfalt

an Wohnformen?

Nicht jedes Gebiet verträgt die gleiche

Vielfalt hinsichtlich der Wohnungsgrößen

und sozialen Bedingungen.

Fest steht: Je höher die

Vielfalt ist, desto mehr soziologische

Betreuung benötigt man. Denn es

müssen unterschiedliche Personengruppen,

unterschiedliche Wünsche

des Wohnens und des sich Ausbreitens

berücksichtigt werden. Die Vielfalt

hat auch immer den positiven

Aspekt der gegenseitigen Beeinflussung,

aber den negativen Aspekt

der Konfrontation und beides muss

man bedenken. Gebiete in der Stadt

verlangen dabei ein höheres Maß an

Heterogenität. In den Randbezirken

sind gewisse Altersgruppen vorhanden,

die dann aber auch wieder vielfältig

durchmischt sein können.

Welche zukünftigen Herausforderungen

sehen Sie im Bereich Wohnen?

Es muss mit den unterschiedlichen

Lebenssituationen klarkommen

und dafür verschiedene Angebote

liefern. Natürlich soll auch die sich

verändernde Form des Wohnens,

Arbeitens und der Freizeitgestaltung

mitgedacht werden. Büroarbeit

für viele Arbeitsbereiche kann auch

von Zuhause gut abgearbeitet werden,

was uns die Corona-Pandemie

und der Lockdown gezeigt haben.

Die Entwicklung der Wohngebiete

auch hinsichtlich der Freizeit ist ein

wichtiger Punkt. Das betrifft vor allem

auch Kinder, die sich innerhalb

des Viertels frei bewegen können

und auch mehr Erlebnisbereiche bekommen

sollen, die über das Erlebnis

einer Kinderschaukel hinausgehen.

Dafür muss sich der Verkehr weitläufig

verändern. Wir merken jetzt

schon, dass der KFZ-Anteil in gut

erschlossenen städtischen Gebieten

stark zurückgeht und sich die Wohnbereiche

autofrei gestalten, damit

mehr Raum den dort lebenden Menschen

überlassen wird.

© Oberhofer


www.architektur-online.com

37

DI Stefan Nussmüller

Wie lassen sich diese Anforderungen

räumlich übersetzen?

Die unterschiedlichen Bewohnungsund

Nutzungsformen können durch

Extraflächen ergänzt werden, die

man zusätzlich zu seiner Wohnung

buchen kann. Aktuell gibt es servicierte

Gemeinschaftsflächen, die

über die Betriebskosten abgerechnet

werden. Für individuelle Zusatzflächen

gibt es derzeit wenig bis gar

kein Geschäftsmodell, obwohl es

ein sehr großes Potenzial hat. Man

hätte dadurch die Möglichkeit eine

Wohnung seinen Bedürfnissen anzupassen

und zusätzlichen Raum zuzumieten,

der etwa als Arbeitsraum,

Lagerraum oder Bastelwerkstatt genutzt

werden könnte.

Werden wir in Zukunft nur noch im

Bestand bauen?

Das Bauen im Bestand wird zunehmen,

aber nicht der bestimmende

Teil sein. Viele Bestandsbauten können

aufgrund ihrer Substanz nicht so

ein adäquater Wohnraum sein, wie

Neubauten. Damit geht natürlich die

energetische und ökologische Frage

einher. Bei Bauten, die thermisch

saniert werden müssen, ist abzuwägen,

in welcher Art und Weise gebaut

worden ist und ob es sich lohnt, den

Bau zu sanieren.

Welche Bedeutung hat die energetische

Betrachtung der Architektur?

Der energetische Aspekt muss unbedingt

betrachtet werden und

wird es natürlich auch. Man muss

sich vergegenwärtigen, dass circa

45 Prozent der Treibhausgasemissionen

durch den Neubau, Betrieb,

den Erhalt und die Entsorgung von

Gebäuden entstehen. All diese Bereiche

müssen sukzessive in den Griff

gebracht werden. Derzeit wird rein

der Energieverbrauch der Gebäude

betrachtet, was nur ein sehr kleiner

Teil des Ganzen ist. Der Lebenszyklus

der Gebäude muss betrachtet

werden, was sich wiederverwenden

lässt und was wie entsorgt wird. Es

braucht ein Bewusstsein für beides,

sowie eine Herkunftsbezeichnung,

ein Energielabel des Bauelements

und auch ein entsprechendes Entsorgungslabel.

Es reicht nicht, wenn

sich ausschließlich Wissenschaftler

damit beschäftigen, wie viel CO 2

in einem Material vorhanden ist. Es

muss auch beim praktischen Einsatz

der Bauprodukte ablesbar sein.

Wie beeinflusst die Energiewende

das Aussehen und die Identität einer

Stadt?

Das Aussehen unserer gebauten Umwelt

wird stark darauf ausgerichtet

sein, was es zum Teil jetzt schon ist.

In Stadtentwicklungsgebieten gibt es

eine sehr hohe Varianz an gerasterten

Fassaden. Es geht dabei um das

Verhältnis von Außenfläche und Volumen,

das als kompaktes Volumen

für energetische Gebäudeformen

ansprechend in den Stadtraum übersetzt

werden soll. Für grüne Fassaden

und die Nutzung von lokalen dezentralen

Energienetzen müssen die

Designwege dann auch noch weiter

gedacht werden. Generell hinkt das

Design immer ein bisschen hinterher,

denn man braucht immer erst ein gewisses

Erfordernis, um neue Dinge zu

designen. Grundsätzlich braucht es

immer Zeit, bis dafür in der Ästhetik

eine entsprechende Formulierung

gefunden wird. Das Beste setzt sich

dann hoffentlich durch.

0 5 10

20

Worin soll eine Stadt unbegrenzt sein?

Die Grenze zwischen öffentlich und

privat, wo sich das Halböffentliche

befindet, ist ein ganz wesentlicher

Bestandteil für die Entwicklung einer

Stadt. Es muss mehr Ausverhandeln

und bewusstes Ausgestalten dieser

Räume an der Schwelle zwischen öffentlich

und privat geben. Im Idealfall

gibt es keine Grenze, sondern etwas

Individuelles und Erlebbares. Ein guter

Wohnbau hat keine Zäune. Durch

diese Sperren würden zum Zaun hin

Leerräume entstehen, die verlorene

Bereiche sind. Wenn die Grenze

verhandelbar ist, dann können diese

Zwischenräume neu entdeckte halböffentliche

Bereiche sein. Es geht

dabei um die Übergänge zwischen

der eigenen Wohnung, dem Haus als

Wohnungsverbund, dem Block und

auch dem gesamten Stadtviertel.

Diese sind interessant für eine Stadt

und ich würde mich ihnen gerne

mehr widmen.


www.nussmueller.at

N


architektur PEOPLE

38

Angelika Psenner

Stadt

transdisziplinär

begreifen

Statement von Assoc. Prof. DI Dr. habil. Angelika Psenner

Angelika Psenner ist Professorin für

Stadtstrukturforschung am Institut

für Städtebau, Landschaftsarchitektur

und Entwerfen an der TU Wien.

Sie hat Architektur und Soziologie

studiert und zu Städtebau habilitiert.

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen

bei Erdgeschoss- und Straßenraumproblematik,

Resilienz im Städtebau,

nutzungsoffene Architektur, Mobilität,

Wahrnehmung von Architektur und

öffentlichem Raum und Stadtstrukturen

des 19. bis 20. Jahrhunderts.

© bene-croy; FoB Städtebau


www.architektur-online.com

39

Angelika Psenner

Mariahilfer Straße, Wien

– Erdgeschossnutzung

und öffentlicher Raum

stehen in Wechselwirkung

zueinander. Sie sind

deshalb systemisch als

Einheit zu behandeln, die

man als Stadtparterre

bezeichnen kann.

© Psenner

Eine Stadt ist ein Lebensraum, den ich aus unterschiedlichen

Perspektiven heraus erfahren kann

und der mir Rätsel aufgibt. Sie ist umgekehrt auch

die Summe unzähliger Lebenswelten ihrer Bewohner*innen

und Besucher*innen und damit eines der

komplexesten aller menschlichen Artefakte. Stadt

ändert sich einerseits ständig, andererseits weist sie

aber auch (gebaute) Strukturen auf, die über lange

Zeiträume hinweg Bestand haben. Das Spannende an

urbanen Ballungsräumen ist, aus dem vorliegenden

Material Zusammenhänge und Geschichten herauslesen

zu können. Dazu bedarf es des aufmerksamen

Hinschauens und Zuhörens. Dieses Aufnehmen sollte

bestenfalls unvoreingenommen passieren und

nicht von bestimmten Erwartungen und externen

Labellings geleitet sein.

Der in der österreichischen Stadtplanung seit Jahrzehnten

gehegte K(r)ampf zwischen jenen die „Theorie“

und jenen die „Praxis“ vertreten (in sich bereits

ein Widerspruch) ist weder für das Fach noch für die

Akteure hilfreich und bringt uns im Erkenntnisgewinn

zu Architektur und Stadt nicht weiter. Auch der Stellungskampf

zwischen den Disziplinen „Städtebau“

und „Stadtplanung“ – den es in dieser Form sowieso

nur im deutschsprachigen Raum gibt – ist sinnwidrig.

Am Land sozialisiert, zog ich mit 18 nach London.

Es dauerte Monate, bis ich verstand, wie diese

Stadt – oder überhaupt eine Stadt – funktioniert

und wie ich mich darin zurechtfinden konnte. Das

learning-by-doing war anstrengend, da mir das Verständnis

für Vieles fehlte. Aber das Lesen-Können,

das Zusammenhänge-Verstehen, das Mitspielen im

städtischen Habitus-Gefüge, das ich mir über die

Zeit meines Aufenthalts aneignete, war letztendlich

zutiefst befriedigend und erfüllend.

Diese Erfahrung war für mich dermaßen prägend,

dass ich das Erforschen von Stadt zu meinem Beruf

machte: Nach wie vor interessiert mich, wie bestimmte

vom Menschen geschaffene komplexe Lebensräume

funktionieren, wie ich und andere damit umgehen

und sie gestalten können.

Als ich nach meinem einjährigen London-Aufenthalt

nach Wien zog – in der Annahme, nun eine weitere

Hauptstadt „auszuprobieren“ – war ich zutiefst irritiert

von der Struktur, die ich damals, im Jahr 1987,

vorfand. Wien lag, an den Rand Europas gedrängt,

fernab jedes international durchmischten Gezappels,

das ich von der Commonwealth-Metropole kannte.

Eine ältere Dame sprach mich in den ersten Tagen

meines Hierseins in der Straßenbahn kritisch auf

mein Äußeres an und mir wurde erklärt, was sich

ziemt und schickt. Hier herrschte ein gemächliches

Gebrodel von durchschnittlichem, nicht aneckendem

Mittelmaß. Zumindest nahm ich das so wahr – bis mir

meine Kommilitonen das „andere Wien“ zeigten, jenes

der Musikszene, des Underground. Und wieder

lernte ich, dass es darum geht, eine Stadt gleich einem

Instrument „spielen“ zu können.

Auch Paris und New York City machte ich mir im

Rahmen meiner Ausbildung „zu eigen“. Paris im

Megastreikjahr 1995/96 – es war eine Stadt, die ich

durch-die-Straßen-wandernd erforschte – und NYC

im Jahr darauf für die Recherche zu meinem Diplom

„4/5 NYC“ – ein spannender dystopischer Ort,

der noch nicht gänzlich unter Giulianis „law and order“-Motto

„bereinigt“ war.

Derzeit sind mir zwar keine ausgedehnten monatelangen

Stadtstudien möglich, jedoch werden meine

Kongressreisen zu kleinen Kurzaufnahmen in den

jeweiligen Städten umfunktioniert; sodass mich die

vergangenen Jahre eine ganze Reihe von mitteleuropäischen

und einigen nordamerikanischen Städten

anknabbern ließen.

u


architektur PEOPLE

40

Angelika Psenner

© Psenner

Nutzungsstrukturplan: Untersucht werden von Angelika Psenner unter anderem auch Nutzungsstrukturen von Erdgeschosszonen.

Meine Forschungsarbeit führt mich immer wieder

zu Themen, die bis dato durch das Erkennungsraster

der einzelnen, sie behandelnden Fachbereiche

gefallen sind: Warum weisen gründerzeitliche Mietwohnungen

überdurchschnittliche Raumhöhen auf?

Warum scheinen in Wien manche alten Gebäude in

ihrer Umgebung zu versinken? Was hat es mit den

Niveauregulierungen des 19. Jahrhunderts auf sich?

Warum haben spekulativ agierende Immobilienentwickler

in die Fassadengestaltung gewöhnlicher

Zinshauskasernen investiert? Seit wann ist das

Parkieren in Straßen erlaubt und wem war dieser

öffentliche Raum davor zugewiesen? Warum sind

gründerzeitliche Mietskasernen in Europas Städten

im Grundriss unterschiedlich, obwohl ihre Fassaden

zum Verwechseln ähnlich sind? Warum ist Wien um

vieles kompakter verbaut als jede andere Stadt des

19. Jahrhunderts?

Es sind Umstände und Zusammenhänge, die uns,

wenn wir sie (er)kennen, in unserem Schaffen, im

Städte-bauen und im Städte-planen weiterbringen.

Deren Erforschung wir jedoch bis dato nicht in Angriff

genommen haben, da sich diese Fragen erst

stellen, wenn wir einen möglichst holistischen Zugang

zum Thema „Stadt“ versuchen; sie lassen sich

auch nur dann beantworten, wenn wir eine systemische,

fächerübergreifende Herangehensweise wählen.

Das ist nicht möglich, wenn wir einzelne Teile der

Stadt bzw. die Zuständigkeiten dafür (sowohl in der

Verwaltung als auch in der Planungs- und Baupraxis)

grundsätzlich getrennt behandeln.

Sonach kennt Stadt als Forschungsobjekt keine

Grenzen; zumindest keine von permanenter Art. Was

einzig wirklich begrenzt ist, sind die uns zur Verfügung

stehenden Ressourcen. Wobei dieser Umstand

nicht nur städtische Agglomerationen betrifft, aber

vielleicht dort besonders deutlich erfahrbar wird.

Wenn wir die Begrenztheit von Ressourcen als Grundfaktor

für unsere Entscheidungen hinsichtlich unserer

Lebensweise – nicht nur in Städten – anerkennen, so

ergibt sich folgerichtig eine klare Antwort darauf, was

Städte brauchen: Städte brauchen Entscheidungsträger*innen,

die die Endlichkeit unserer Ressourcen

als unumstößliche Wahrheit anerkennen und den Mut

haben, entsprechende Taten zu setzen. Auch wenn

das heißt, dass die aktuell machthabende Ökonomie

diese Entscheidungen (vorerst) nicht zu unterstützen

droht. Wenn sich das Wertebild neu justiert,

werden sich – so, wie sich in den vergangenen Monaten

vor dem Hintergrund der weltumspannenden,

Handlungsraster-brechenden Corona-Krise gezeigt

hat – die Argumentationslinien automatisch Richtung

nachhaltige Mobilität und Energieversorgung, resiliente

Lebensmittel- und Güterversorgung, und Stärkung

der lokalen Kleinökonomie und Kreislaufwirtschaft

verschieben und infolge das städtische Umfeld

entsprechend grundlegend verändern.


© Wimberger, Schremmer, Psenner

Wie das Stadtparterre aussehen könnte ist hier

dargestellt. Die Fußgängerbereiche sind erweitert

und die Nutzung der Erdgeschosszonen

tritt auch in den angrenzenden Außenraum.


architektur PEOPLE

42

Steinkogler Aigner Architekten

Potentiale und Möglichkeiten

der Stadt(Landschaft)

Statement von Architekt DI Rudolf Steinkogler

und Architekt DI Michael Aigner

© Martin Bilinovac

Das Architektenduo Steinkogler Aigner Architekten legt Wert auf einen behutsamen Umgang mit der Umgebung, die Anpassung an den

lokalen Maßstab und auf den Bezug zu traditionellen Bauweisen und Bauformen. Rudolf Steinkogler und Michael Aigner sind dabei überwiegend

im ländlichen Raum tätig. Für ihre Architektur setzen sie auf einen nachhaltigen und verantwortungsvollen Einsatz der Baustoffe und

Materialien. So soll über den Zweck der Gebäude hinaus ein sozialer Wert geschaffen werden.


www.architektur-online.com

43

Steinkogler Aigner Architekten

Eine Antwort auf die Frage nach den Grenzen der

Stadt hängt vom Betrachtungsstandpunkt ab. In den

letzten Jahren etablierten sich verschiedene Theorien,

um jene Städtethematik neu zu bewerten. Denn

die Trennlinien zwischen Stadt und Land verschwimmen

immer mehr zu einer gemeinsamen (Stadt)landschaft,

deren Bewohner je nach Bedarf und Bedürfnis

zwischen den einzelnen Polen hin und her pendeln.

Polemisierend könnte man gar die ganz Welt als eine

Stadt betrachten.

Statistisch gesehen ist es einfach, Stadt und Land

auseinander zu halten: In Österreich leben ca. 58%

der Bevölkerung in Städten, wobei per Definition

hierzulande Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohner

als Städte gelten. International gesehen liegt

Österreich somit etwas über dem Durchschnitt – allerdings

weist es verglichen mit anderen (west-)europäischen

Ländern einen deutlich geringeren Urbanisierungsgrad

auf.

Die Verstädterung, gepaart mit fortschreitender Digitalisierung,

generiert die Frage, inwieweit es heutzutage

überhaupt noch sinnvoll ist, eine Aufteilung in Stadt

und Land vorzunehmen? Das Bild vom Gegensatzpaar

Stadt vs. Land ist weitestgehend überholt, denn weder

die Eine noch das Andere stehen heute ausschließlich

für Fortschritt, Konsum, Tradition oder Natur.

Deutlich drückt sich das in der Angleichung der Lebensstile

aus - speziell das Landleben hat sich weit

vom althergebrachten Idyll entfernt, folgt nicht mehr

im gleichen Maß dem Lauf der Jahreszeiten und ist

unabhängig von Vieh und Ernteertrag. Selbst das

gesteigerte Interesse an Selbstversorgung, lässt Supermärkte

und Einkaufszentren als Grundlage der

Versorgungssicherheit nicht obsolet werden.

Eine auffällige Veränderung der letzten Jahre ist die

vermehrte Nutzung von Möglichkeitsräumen außerhalb

der dichten, urbanen Zentren. Waren es etwa

einstmals in Vergessenheit geratene Stadtviertel oder

von Industrie und Gewerbe geprägte Zonen, sind es

heute oft kleine Gemeinden im Umland der alten Stadtzentren,

in denen sich entsprechende Freiheiten bieten.

Dabei haben sich auch die Formen der Aneignung

mit der Zeit verändert – waren frühere Werkzeuge der

Urbanisierung etwa Underground Clubs, so sind dies

heute Bäckereien oder Bekleidungsmanufakturen.

Angetrieben wird diese Entwicklung von unterschiedlichen

Fraktionen. Oft sind es gut ausgebildete

Rückkehrer, die in der Stadt oder im Ausland berufliche

Erfahrungen gesammelt haben, beziehungsweise

engagierte Zugezogene, die Neues initiieren und

entstehen lassen. War es im vergangenen Jahrhundert

erstrebenswert, in einer Metropole zu leben, hat

sich nun das Ideal dahingehend gewandelt, aus dem

Hamsterrad auszubrechen und Ruhe und Beschaulichkeit

zu finden. Tatsächlich kommt es dabei aber

vielfach zu einer Vermischung städtischer Gedankenwelten

und Lebensweisen auf dem Land.

Wo aber lassen sich die hierfür nötigen Möglichkeitsräume

finden? Eine wesentliche Strategie ist dabei

die Nutzung bereits bestehender Gebäude. Die Beispiele

reichen vom ungenutzten Feuerwehrdepot

oder Bezirksgericht über umgebaute Hotels bis hin

zum Co-Working-Space im ehemaligen Stadel. Aber

nicht jeder Leerstand hat das gleiche Potential, weil

dessen Nutzung auch immer stark von den handelnden

Personen abhängt. Oft sind es eben jene zugezogenen

Einzelpersonen oder kleine Gruppen, die

Projekte lancieren und Initiativen starten.

Hier gilt es, Anreize für die Nutzung jener Leerstände

zu setzen. Darauf können Gemeinden durchaus steuernd

und unterstützend Einfluss nehmen – selbst

jenseits einer aktiven Bodenpolitik. So können Ortszentren

gestärkt werden, indem man dort Funktionen

konzentriert und verdichtet. Dies lässt sich beispielsweise

über Umbau und Sanierung erreichen, aber

ebenso gut über Neubau und Rückbau. Dabei wäre

es jedoch wesentlich, auf eine Mischung der Nutzungen

in den Gebäuden zu achten, damit bei Fluktuation

erneuter Leerstand vermieden werden kann. Wenig

Erfahrung, aber großes Potential gibt es darüber

hinaus auch bei der Umnutzung technischer Anlagen

und stillgelegter Infrastrukturen.

Der Fokus des Architekturdiskurses liegt nach wie vor

auf den urbanen Zentren, die jedoch nur einen Teil

Stadtlandschaft ausmachen. Und in dieser entstehen

auch abseits der Netzwerkknoten spannende Projekte,

welche den neuen Lebenswelten gerecht werden.


www.steinkogleraigner.at

© www.bokehdesign.at

Am Ortsplatz gelegen

bietet das „Arzthaus“ als

Neubau an Stelle eines

nicht mehr nutzbaren

eingeschossigen Gebäudes

Raum für Wohnungen,

Praxen und Co-Working-Büros.


architektur PEOPLE

44

Dr. Mathias Mitteregger

Veränderte Straßen

für lebenswerte Städte

Interview mit Architekturtheoretiker Dr. Mathias Mitteregger

Das Forschungsprojekt Avenue21 der

TU Wien erforscht die Entwicklungen

des Verkehrs und der Mobilität in

den urbanen Räumen Europas. Der

Architekturtheoretiker Mathias Mitteregger

leitete dieses über vier Jahre

andauernde Projekt. Für ihn steht

der Wandel, hin zum automatisierten

und vernetzten Fahren, unmittelbar

bevor. Dieser soll genutzt werden, um

die Städte positiv zu verändern und

vor allem dem Straßenraum eine neue

Bedeutung zuzuschreiben.

© Daniel Trindl


www.architektur-online.com

45

Dr. Mathias Mitteregger

Was macht eine Stadt aus?

Durch meinen architekturtheoretischen

Hintergrund habe ich einen

stark von der Geschichte geprägten

Blick darauf. Für mich ist Stadt

der Inbegriff des Politischen. Stadt

bedeutet Öffentlichkeit und eine arbeitsteilige

Gemeinschaft, die auf

Dichte und Diversität beruht. Das

bringt auch immer ein Konfliktpotenzial

mit sich.

Wie sieht der Verkehr

der Zukunft aus?

Wie wir uns den Verkehr der Zukunft

vorstellen müssen, ist ganz klar davon

geprägt, wie wir als globale

Gesellschaft auf die Klimakrise reagieren.

Der Entscheidungshorizont

hat nun deutliche Grenzen. Gerade

im Verkehrssektor müssen wir jetzt

unverzüglich reagieren. Das ist nicht

nur eine Frage der Verkehrsmittel,

sondern auch eine entscheidende

Frage der Architektur und Raumplanung.

Wir müssen also nicht zwingend

neue Verkehrsmittel erfinden

oder einführen, dazu fehlt uns in vielen

Fällen einfach die Zeit. Die Städte

und der ländliche Raum müssen so

geplant werden, dass wir zuallererst

Verkehr vermeiden.

Wie kann Verkehr

vermieden werden?

Verkehrsprobleme lösen wir nicht

durch den Verkehrssektor alleine,

man muss integriert denken. Davon

ist die Raumplanung, die Architektur

und der Städtebau betroffen. Aber

auch viele andere Sektoren, wie mittlerweile

die Informatik und Energiewirtschaft.

Da muss man bestehende

Grenzen einbrechen und in vielen

Fällen ganz neu denken. Man vermeidet

Verkehr z.B. durch kompakte

Städte oder – wie wir jetzt gerade erleben

– durch virtuelle Treffen. Wobei

hier die CO 2 -Bilanz unklar ist und

das nicht für alle Berufsgruppen ein

gangbarer Weg ist.

Wie wird sich die Mobilität verändern?

Der Schlüssel zu einer erfolgreichen

Mobilitätswende und auch für lebenswerte

Städte ist meiner Ansicht

nach der öffentliche Raum der Straße.

Wir müssen uns dabei ihre historische

Entwicklung präsent halten

und sie anders denken. Es war nicht

immer so, dass Straßen so eindeutig

dem Verkehr zugeordnet waren wie

heute. Bei der Bedeutung des Straßenraumes

als öffentlicher Raum

spielen Straßen und auch Plätze eine

entscheidende Rolle. Es braucht sie,

damit sich eine Öffentlichkeit formieren

kann, die sich kennt, sich austauscht,

die divers ist und mit sich

selbst konfrontiert bleibt. Es geht

nicht darum den Zustand vor dem

Automobil zu rekonstruieren, sondern

darum, neue Straßen zu schaffen,

die hochqualitative und großartige

Aufenthaltsräume in Städten

sein können. Das ist eine unglaublich

reizvolle gestalterische Aufgabe.

Wem soll die Straße in

Zukunft gehören?

Wir haben immer zwei Nutzungsansprüche

an den Straßenraum. Es

gibt die Transportnotwendigkeit.

Städte müssen versorgt und das

Produzierte und Konsumierte muss

auch verteilt bzw. entsorgt werden.

Auf der anderen Seite steht der Anspruch

der Personen, die die Städte

bewohnen, dort arbeiten oder dort

ihre Freizeit verbringen. Wir brauchen

die Straße als Erweiterung des

Raums, der uns innerhalb von Gebäuden

zur Verfügung steht! Beide

Ansprüche müssen berücksichtigt

und auch unterschiedlich gewichtet

werden. Die Notwendigkeit des

Aufenthaltsraumes muss heute viel

stärker berücksichtigt werden. Dies

ist möglich, wenn wir den Verkehr

vermeiden und Fahrten bündeln.

Wie lässt sich das räumlich umsetzen?

Da gibt es ganz interessante Konzepte,

wie etwa den Superblock. Es

geht dabei darum Quartierszentren

zu stärken, indem man den motorisierten

Verkehr explizit draußen

hält. In der Stadt werden Inseln geschaffen,

die sich zu einem Netz

verbinden, in dem das lebenswerte

Quartier im Zentrum steht. Mobilität

von Personen, Gütern und Informationen

wird es immer geben und sind

auch notwendig für das Überleben

von Städten. Sie müssen und können

aber eine lokalere Komponente haben,

damit sie sich stärker im Quartier

abspielen.

Welche Rolle spielen selbstfahrende

Autos in Zukunft?

An der TU Wien haben wir uns in

einem von der Daimler und Benz

Stiftung geförderten Forschungsprojekt

als interdisziplinäres Forschungsteam

angeschaut, was Automatisierung

und Vernetzung für den

Verkehr und auch für die Mobilität

in europäischen Städten bedeutet.

In der technologischen Entwicklung

von selbstfahrenden Autos stehen

wir heute soweit, dass ihnen gewisse

Eigenschaften unterstellt werden.

Die Technologie dazu ist aber noch

nicht in einem Maß entwickelt, wie es

medial kommuniziert wurde. Deshalb

mussten in den letzten Jahren gewisse

Hoffnungen relativiert werden.

Beispielsweise können selbstfahrende

Autos heute nur im geschützten

Areal zum Einsatz kommen und vielleicht

in näherer Zukunft auf Autobahnen.

Das Fahren in belebten innerstädtischen

Räumen bei höheren

Geschwindigkeiten liegt aber noch

viele Jahre in der Zukunft.

Welche anderen Entwicklungen

sind greifbarer?

Am Mobilitätsmarkt gibt es eine

hochdynamische Entwicklung, was

beispielsweise Carsharing, Bikesharing,

E-Scooter-Anbieter und Fahrdienstleister

betrifft. Es gibt überhaupt

neue Organisationsformen,

die sich davon wegbewegen, dass

Mobilität besessen werden muss,

sondern eher als Service konsumiert

wird. Ich bin davon überzeugt, dass

wir in einer Wende leben, die ähnlich

grundlegend verlaufen wird, wie die

der Entwicklung des Automobils vor

etwa einhundert Jahren. Wir müssen

heute von einem grundlegenden

Wandel der Städte ausgehen, der zu

dem jetzigen, frühen Zeitpunkt noch

gestaltbar ist. Diese Verantwortung

muss von der Stadtverwaltung und

Planung gesehen und es muss eine

Position bezogen werden, bevor der

Zug abgefahren ist.

u


architektur PEOPLE

46

Dr. Mathias Mitteregger

das größte Potenzial für automatisierte

und vernetzte Anwendungen.

Dort ist es bislang noch relativ unattraktiv

den öffentlichen Verkehr zu

nutzen. Am Stadtrand können wir

neue Alternativen gegenüber dem

Individualverkehr entwickeln, die

hochattraktiv sein können und damit

helfen, dass die Verkehrswende auch

akzeptiert wird. Radfahren und zu

Fuß gehen müssen gleichzeitig immer

gestärkt werden.

© Jonathan Fetka

Erste Tests für selbstfahrende Autos haben in Österreich in Koppl nahe Salzburg stattgefunden.

Derzeit können selbstfahrende Autos nur in geschützten Arealen eingesetzt werden, der nächste

Schritt wäre ein Einsatz auf Autobahnen. Für die automatisierte und vernetzte Mobilität stellen

sie nur einen Aspekt von vielen dar, der weiterhin näher erforscht wird.

Wie beeinflusst die sich verändernde

Mobilität die Architektur?

Wenn es nur annähernd stimmt, dass

die Entwicklungen so weitreichend

sein könnten wie beim Auto vor

einhundert Jahren, dann entstehen

ganz neue Gebäudetypen. Mit der

externen Erschließung hängt die interne

Erschließung von Gebäuden

untrennbar zusammen. Auch die

Erdgeschosszone ist davon abhängig,

was draußen passiert. Wenn die

verkehrliche Belastung sehr hoch

ist, betrifft es natürlich auch die Geschosse

darüber. Die Frage ist, was

wir im Erdgeschoss unterbringen

können und welche Rolle dabei der

Handel spielt. Auch in dieser Hinsicht

müssen wir integrierter denken.

Was ist automatisierter und

vernetzter Verkehr?

Automatisierung bedeutet, dass ein

System vorhanden ist, das die Fahrerin

oder den Fahrer entlastet bzw.

Fahraufgaben selbstständig übernimmt.

Vernetzung heißt, dass ich als

Konsument und auch die Fahrzeuge

untereinander kommunizieren. Beides

muss zusammen gedacht werden.

Betrifft das Konzept den Individualverkehr

und den öffentlichen Personennahverkehr?

Ein zentraler Baustein der anstehenden

Verkehrsrevolution ist, dass

Kategorien, die wir heute kennen, an

Bedeutung verlieren und ineinanderfließen.

Das betrifft den Individualverkehr

und öffentlichen Verkehr,

als auch Personenverkehr und Güterverkehr.

Welche Probleme bringt

dieses Konzept mit sich?

Sharing-Konzepte und Mobilität als

Service bergen alle Gefahren des

Plattformkapitalismus. Ich habe den

Eindruck, dass der Wandel hin zur

Mobilität teilweise zu blauäugig behandelt

wird. Da gibt es zuhauf Datenschutz-

und Überwachungsprobleme

und auch eine Prekarisierung

des Arbeitsmarktes, die zu wenig berücksichtigt

werden. Der politische

Kern der Stadt wird dadurch essenziell

angegriffen. Zudem sind die Hoffnungen

bezüglich einer Dekarbonisierung

des Verkehrs überzogen.

Sind neue Mobilitätskonzepte besser

im städtischen oder ländlichen

Raum umsetzbar?

Am besten kommen sie im Zwischenraum

zum Einsatz. Der Stadtrand hat

Worin soll eine Stadt unbegrenzt sein?

Sie braucht mehr Lebensraum, der

unterschiedliche Nutzungen zulässt.

Sicherheit ist auch ein großes Thema,

denn wir brauchen Straßen, wo z.B.

Kinder spielen können, ohne durch

den Verkehr gefährdet zu sein und die

Ruhepole nicht Stressfaktoren sind.

Die Stadt braucht Diversität, was sie

im Grunde schon immer ausgemacht

hat. Wir müssen nicht alles kontrollieren

und vordenken, einschränken und

lenken. Es benötigt mehr Vertrauen

in die Selbstverantwortung und Eigenständigkeit

der Bürgerinnen und

Bürger, denn die kann hochproduktiv

sein. Solche Städte sind in Zukunft

möglich, aber sie kommen garantiert

nicht von selbst.


www.avenue21.city

www.futurelab.tuwien.ac.at


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architektur PEOPLE

48

DI Dr. Ida Pirstinger

Vielfältig dichte

Städte schaffen

Interview mit Stadtforscherin DI Dr. Ida Pirstinger

© Rudolf Fric

In Graz lebend ist Ida Pirstinger als

Stadtforscherin tätig und widmet sich

als Vorsitzende der IG Architektur

auch verschiedenen anderen Themen

des aktuellen Architekturdiskurses.

Ihre Dissertation an der TU Graz im

Jahr 2013 widmete sie der Nachverdichtung

von Gründerzeitquartieren.

Zum Thema urbane Nachverdichtung,

Städtebau und Stadtentwicklung

forscht und lehrt sie auch an verschiedenen

österreichischen Hochschulen.


www.architektur-online.com

49

DI Dr. Ida Pirstinger

Wien, Barcelona und Manhatten mit ihrer Einwohnerdichte und ihrem Flächenbedarf im Vergleich mit Graz.

© Ida Pirstinger, Michael Renner, Johannes Kerschner, Thierry Draus

Was macht eine Stadt aus?

Die Stadt ist ein hochkomplexes

menschliches Artefakt als physisch

gebaute Struktur und vor allem als

soziales Gemeinwesen. Man kann sie

am ehesten mit einem lebendigen

Metabolismus vergleichen, der fähig

ist, sich ständig zu verändern und

erneuern. Die Stadt ist ein Möglichkeitsraum

für Vieles und für Viele,

deshalb ist sie schon seit den Frühzeiten

der Menschheit ein Erfolgsmodell.

Jede Stadt hat dabei ihren

eigenen Charakter und ihren eigenen

Code. Auch die Offenheit für Neues

und Unbekanntes zeichnet sie aus,

ebenso wie ihre Dichte. Die Dichte

an Menschen, an Gebautem, an Angeboten

und Interaktionen, also in

vielerlei Hinsicht. Das alles führt zu

einer gewissen Heterogenität, die für

ihr Funktionieren wichtig ist.

Wie hängt Urbanität mit

Dichte zusammen?

Urbanität steht für das städtische

Leben und auch für die Summe aus

Gebautem, Sozialräumlichem und

Gemeinschaftlichem und dem alltäglich

Gelebten. Da gibt es natürlich einen

Zusammenhang mit der Dichte,

der wieder entsprechend vielschichtig

ist. Das fängt schon beim Dichtebegriff

an, bei dem wir Architekten

zuerst an die Bebauungsdichte

in Geschossflächenzahlen denken.

Er ist aber nicht wirklich definiert

und wird von den unterschiedlichen

Fachrichtungen verschieden eingesetzt.

Trotzdem entsteht Urbanität

aus Dichte, aber nicht bedingungslos.

Die Urbanität spüren wir dort,

wo sich das Leben abspielt, also auf

der Straße im öffentlichen Raum. Nur

dicht zu bauen reicht dafür nicht aus.

Wir müssen Straßenräume schaffen,

die für menschliche Interaktionen

attraktiv sind, mithilfe von Durchmischung

und Vielfalt.

Ist es problematisch, dass man sich

immer nur auf die bauliche Dichte

bezieht?

Jede isolierte Betrachtung vermittelt

ein unvollständiges Bild. Die statistischen

Werte der Dichte beschreiben

nicht annähernd die unterschiedlichen

Bedürfnisse und Empfindungen

hinsichtlich verschiedener Situationen

im urbanen Raum. Dichte

wird individuell sehr unterschiedlich

wahrgenommen. Andererseits

braucht man diese Zahlenkennwerte,

um Regeln und Grenzen zu definieren.

Ich würde mir wünschen, dass

man nicht nur die Grenzen festlegt,

sondern auch die Umfeldqualitäten.

Menschliche Bedürfnisse sollen erfüllt

werden. Stadtentwicklung handelt

ja, so wie die Architektur auch,

als erstes vom Menschen.

Was macht eine dichte

Stadt lebenswert?

Dazu trägt Kompaktheit, Heterogenität

und Vielfalt bei. Wir brauchen eine

Breite und Diversität von Angeboten

auf einem relativ engen Raum in kleinen

Distanzen. Dazu gehören unterschiedliche

Gebäude, Nutzungen und

Funktionen, sowie soziale Diversität

und Kontaktmöglichkeiten. Man befindet

sich in einem offenen sozialen

Gefüge, in dem man Kontakt haben

oder auch anonym bleiben kann. Natürlich

spielt auch das Stadtbild eine

Rolle, allerdings nur sekundär. Primär

halten sich Menschen dort auf, wo

schon Menschen sind. Wichtiger als

die optische Gestalt sind dafür die

Funktion und das Gefühl der Sicherheit

und Sauberkeit. In Zeiten des Klimawandels

muss man die Stadt auch

viel mehr als Ökosystem verstehen

und denken.

u


architektur PEOPLE

50

DI Dr. Ida Pirstinger

Verschiedene horizontale und vertikale Möglichkeiten der Nachverdichtung, vorgeführt an einem

Grazer Gründerzeitblock. Die Zahlen stehen für die damit erreichte Bebauungsdichte.

© Ida Pirstinger

Warum sollen Städte

verdichtet werden?

Nachverdichtung ist im Hinblick auf

den Klimawandel, die Ressourcenverknappung

und auch in Verantwortung

der nachfolgenden Generationen gegenüber,

ein Gebot der Stunde. Wir

müssen Bauland verantwortungsbewusst

und sparsam einsetzen

und auch mehr mit Brachen und der

vorhandenen Bausubstanz arbeiten.

Durch Verdichtung ist deren Sanierung

und Erhalt möglich. Auch was

die technische und soziale Infrastruktur

betrifft können wir uns weitere

Zersiedelung eigentlich nicht leisten.

Diese zu Errichten und zu Erhalten

kostet extrem viel Geld. Fakt ist, dass

Stadtbewohner pro Person weniger

als Landbewohner brauchen, besonders

was das Mobilitätsverhalten und

den Flächenverbrauch betrifft.

Welche urbanen Bereiche

betrifft Nachverdichtung?

Sie kann überall dort sinnvoll sein,

wo die Bewältigung des Alltags für

die Bewohnerinnen und Bewohner

einfacher und wo ein Klimaschutzziel

adressiert wird.

Den Begriff der Nachverdichtung

verwende ich nicht mehr so gerne,

denn dieser wird sehr oft nur mit

Flächen- und Profitmaximierung

verbunden. Eher sollte man über

die Aufwertung des Bestehenden

sprechen, also Quartiers- oder Gebietsaufwertung.

Dabei kann Verdichtung

auch bedeuten, dass man

mehr öffentliche Freiräume oder

kürzere Wege durch Nutzungsmischung

innerhalb der Stadt schafft.

Nachverdichtung ist nicht nur in

wachsenden Städten sinnvoll, sondern

auch in schrumpfenden. Das

klingt paradox ist aber notwendig,

um diese wieder kompakter auf bestimmte

Orte zu konzentrieren. Um

positive Nachverdichtung schaffen

zu können braucht man die Bevölkerung

und die Politik. Grundsätzlich

sehe ich schon auch ein generelles

Umdenken der Menschen hinsichtlich

ihrer persönlichen Ansprüche als

notwendig an – einen individuellen

„Nachverdichtungsbedarf“.

Was sind verfolgenswerte Konzepte,

um Städte nachzuverdichten?

Es müssen dabei immer die Aspekte

beachtet werden, die eine Stadt lebenswert

machen. Die Verdichtung

gibt in dieser Hinsicht noch nicht so

gut funktionierenden Stadtquartieren

die Möglichkeit, sie hochwertiger

zu machen. Zum einen sind das

Konzepte, die keine bislang unbebauten

Bodenflächen beanspruchen,

sondern bestehende Strukturen

weiterbauen, beispielsweise durch

Aufstockung, oder sie auch ersetzen.

Zum anderen gehören die Flächen

von leerstehenden oder verfallenen

Gebäuden neu genutzt oder neu

bebaut. Wenn das nicht passiert, gehören

sie zumindest abgerissen und

der Natur zurückgegeben. Ebenso

gehören Baulücken geschlossen.

Alles was im Bestand passiert hilft

auch, Sanierungsrückstau zu beseitigen,

der ohne Nachverdichtung nicht

wirtschaftlich umsetzbar wäre, vor

allem wenn es sich um kleinteilige

Strukturen handelt.


www.architektur-online.com

51

DI Dr. Ida Pirstinger

Bieten der innerstädtische oder der

periphere Bereich der Stadt mehr

Potenzial für Nachverdichtung?

Das kann man sicher nicht verallgemeinern,

denn unterschiedliche

Städte und Bautypen sind unterschiedlich

gut für verschiedene

Nachverdichtungsformen geeignet.

In unseren Städten ist die Bebauungsdichte

zu den Zentren hin üblicherweise

höher als in der Peripherie.

In der Peripherie wäre also was Quadratmeter

und Volumen betrifft mehr

möglich, vor allem durch horizontales

Verdichten. Allerdings ist die

Infrastruktur in Zentrumsnähe viel

umfangreicher vorhanden, Urbanität

wäre dort also leichter entwickelbar.

In der Peripherie ist es schwieriger,

lebenswerten und gut strukturierten

Stadtraum zu erzeugen. Konzepte

zur Transformation von monofunktionalen

Wohnsiedlungen wären eine

wichtige Zukunftsaufgabe.

Wird es in Städten in Zukunft nur

noch um das Bauen im Bestand und

seine Nachverdichtung gehen?

Grundsätzlich ist die Stadtentwicklung

immer der Umgang mit dem

Vorgefundenen. Es könnte für mitteleuropäische

Städte ein Ansatzpunkt

sein, dass man klare Siedlungsgrenzen

festlegt und erst, wenn alles

verbraucht ist, über die Ausdehnung

in die Breite nachdenkt. Die Realität

sieht leider anders aus. Durch das

sehr große Wachstum der Städte ist

es derzeit schneller und unkomplizierter,

diese in die Breite auszudehnen.

Global betrachtet entstehen in

Asien und Amerika auch viele Reißbrettstädte

auf freiem Feld, da geht

es also in die umgekehrte Richtung.

Im europäischen Kontext reden wir

hauptsächlich über die Weiterentwicklung

schon bestehender Städte

in ökonomischer, finanzieller und

verkehrstechnischer Hinsicht. Wir

müssen Städte anders denken als

bisher. Manchmal habe ich den Eindruck,

dass die Fachwelt und die

Stadtbewohner und Stadtbewohnerinnen

diesbezüglich schon weiter

sind als die Politik.

Wann ist eine Stadt zu dicht?

Ich denke sie ist zu dicht, wenn sie

räumlich oder hinsichtlich der anwesenden

Personen, die da wohnen

oder arbeiten, erschöpft ist

und gleichzeitig etwas fehlt, um sie

lebenswert zu machen. Das kann

Freiräume, Rückzugsmöglichkeiten,

Jobs, Perspektiven und Ausweichmöglichkeiten,

usw. betreffen. Das

ist auch sehr vom individuellen Empfinden

abhängig. Im Prinzip geht es

darum, dass die Ressourcen ausgeschöpft

sind.

Worin soll eine Stadt unbegrenzt sein?

Die Möglichkeitsräume für das Gemeinwesen

der Stadt in Bezug auf

Chancen, Entwicklungsmöglichkeiten

und visionäres Denken sollen

immer unbegrenzt sein. In der Umsetzung

muss man sich dabei an

die Grenzen des Vernünftigen und

Machbaren halten. Man muss überlegen,

was der Entwicklung des sozialen

Gemeinwesens gut tut und was

nicht. Die Stadt ist deshalb ein Anziehungspunkt,

weil die Menschen in

ihr mehr Zukunftshoffnungen sehen.

In dem Sinne sollte die Stadt immer

als offene Gemeinschaft denken und

im Sinne des Gemeinwohls handeln.

www.urbandensity.at


Typische Gründerzeitquartiere aus Berlin, Wien und Graz sind hier einander gegenübergestellt.

© Ida Pirstinger


architektur PEOPLE

52

Martin Rauch

Den Lehmbau die

Stadt aneignen lassen

Interview mit Martin Rauch

Der Lehmbau wird von Martin Rauch seit über drei

Jahrzehnten theoretisch und praktisch erforscht,

mit dem Ziel, ihn an den heutigen Stand der Technik

anzupassen und in der zeitgenössischen Architektur

zu etablieren. Sein Interesse gilt dabei vor allem auch

Stampflehmbauten. Durch seinen Ehrgeiz und sein

Wissen zählt er zu den wichtigsten Lehmbauexperten

weltweit. Er unterstützt Architekturbüros bei der

Umsetzung von Lehmarchitektur und leistet mit seiner

Lehrtätigkeit, seinen Publikationen und Fachvorträgen

einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung von

Lehm als bedeutendes Baumaterial.

© Alexandra Grill


www.architektur-online.com

53

Martin Rauch

Was begeistert Sie an Lehm

als Baumaterial?

Lehm ist eines der ersten Baumaterialien

überhaupt und es ist auf der

ganzen Welt unbegrenzt verfügbar.

Es ist ein sehr ursprüngliches Material,

leicht formbar, nachhaltig und

gesund. Lehm ist sehr verkannt, das

macht es spannend ihn neu zu entdecken.

Inwiefern ist Lehm ein begrenzt

eingesetztes Baumaterial?

Gesellschaftsbedingt und auch

durch die Industrialisierung ist es so,

dass jedes neue Baumaterial besser

angesehen wird als das alte. Das Alte

hat man eigentlich immer wieder

vergessen. Lehm hat natürlich auch

seine Limits. Er ist relativ schwach

und praktisch wasserlöslich. Das hat

man oft als negatives Kriterium gesehen,

wobei die Wasserlöslichkeit

eigentlich auch die größte Tugend

ist. Dadurch kann er recycelt und so

oft man möchte wiederverwendet

werden. Wir haben verlernt mit den

Limits des Baumaterials zu arbeiten.

Die Grenzen von Lehm muss man

kennen, um mit ihm arbeiten zu können.

Lehm ist noch nicht zertifiziert,

wodurch es kompliziert ist ihn anzuwenden.

Etwas was man nicht kennt,

wird oft nicht in Erwägung gezogen.

Wieso ist Lehmbau wieder

verstärkt präsent?

Im Zuge der Klimafrage und der

Nachhaltigkeitsdebatte sucht man

natürlich neue Wege. Wir wissen,

dass die herkömmlichen Baumaterialien

zu viel CO 2 verursachen. Die

wirklichen Alternativen sind dabei

Holz und Lehm. In Bezug auf das

gesamte Bauvolumen in Europa ist

Lehm noch nicht wirklich präsent,

das Interesse ist aber ganz stark vorhanden.

Bei der Wahl der Baumaterialien

ist die Kostenfrage noch immer

größer als die nach Ökologie oder

Nachhaltigkeit.

Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, Vorzeigeprojekte

aus Stampflehm für den

„Eigenbedarf“ zu bauen, um zu zeigen,

was mit Lehm alles möglich ist?

Als Planer, Bauherr und Baumeister

kann ich ein Projekt mit mir selbst

ausmachen. Ich kann an die Grenzen

gehen und das Material ausloten. Das

sehe ich als Selbstversuch und Forschungsprojekt,

um aufzuzeigen, was

mit Lehm alles möglich ist. Der Selbstversuch

war immer ein wichtiges Instrument,

um Projekte risikofrei umzusetzen.

Die Projekte und Elemente

wurden ausprobiert und werden dann

weiterentwickelt. Denn Lehmbau

überzeugt durch gebaute Beispiele.

Sind Lehmbauten im städtischen

Umfeld denkbar?

In Zukunft werden immer mehr Leute

in der Stadt wohnen, es ist also

wichtig, den Lehm dorthin zu bringen.

Die Lehmbautechniken müssen

der Stadt gemäß entwickelt werden.

In der Stadt gibt es immer auch einen

gewissen Platzmangel, der es

erforderlich macht, dass man mit

vorgefertigten Modulen die Städte

zusammenfügt. Genauso wie man

Betonelemente zusammenfügt, kann

ich mir vorstellen, dass man Lehmbau

mit Modulen und Systembauweisen

städtisch weiterentwickeln wird.

Welche Eigenschaften des Lehmbaues

sind für die Stadt wichtig?

Er hat eine sehr gute akustische

Schutzfunktion, könnte also im Innenraum

gut für Wohnungstrennwände

verwendet werden. Er ist

feuchtigkeits- und klimaregulativ sowie

geruchsabsorbierend, was wichtige

Voraussetzungen für gesundes

Wohnen auch in der Stadt sind. Lehm

als Baustoff kann effektiv mithelfen,

mit weniger Technik und weniger

Energieeinsatz behagliche Behausungen

zu ermöglichen. Die Kombination

zwischen Holz und Lehm

könnte eine ideale Kombination

sein für zukünftiges Bauen in Städten.

Holz ist konstruktiv wahnsinnig

stark, ist aber sehr leicht und braucht

dazu eine entsprechende Speichermasse.

Lehm speichert die Wärme

und hat einen sehr guten Feuerschutz.

Wenn der Wille da ist, könnte

man aus dieser Materialkombination

neue Konstruktionen entwickeln. u

u

Vor mittlerweile fast 15 Jahren baute

Martin Rauch sein eigenes Wohnhaus in

Vorarlberg aus Stampflehm. Heute würde

er es zwar genauso bauen, aber noch konsequenter

und radikaler umsetzen.

© Beat Bühler


architektur PEOPLE

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Martin Rauch

Wieso wurden bis jetzt noch keine

größeren Lehmbauten im innerstädtischen

Bereich umgesetzt?

Die Voraussetzung der Machbarkeit

muss da sein. Es muss einen Bauteilkatalog

und genug Firmen geben, die

diese Produkte anbieten. Eine Zertifizierung

ist auch dringend notwendig.

Wenn das Einbauen von Lehmelementen

einfacher wird und ökologische

Vorgaben gesetzt werden, dann

ist es nur noch eine Frage der Zeit

bis sich der Lehmbau durchsetzt. Die

Qualität des Lehmbaues selbst ist

schon präsent, auch in den Köpfen

der Menschen und Planer. Das Bauen

mit Lehm ist in der Umsetzung noch

schwierig und hat noch Prototypcharakter.

Aus diesem müssen wir den

Lehm befreien, damit er zum Standardmaterial

werden kann.

© Benedikt Redmann

© Benedikt Redmann

Für welche Bauaufgaben kann der

Lehm in der Stadt eingesetzt werden?

Zuerst braucht es Pilotprojekte, was

Schulen, Kirchen oder Versammlungshallen

sein können. Die große

Masse liegt aber im Wohnbau. Damit

das in Zukunft möglich ist, arbeiten

wir an einem Bauteilkatalog, damit

man mehrgeschossige Wohnsiedlungen

mit Lehm und Holz relativ

einfach umsetzen kann. Das Bauen

mit Lehm und Holz muss einfacher

werden und es braucht Prototypen,

damit er im größeren Stil im Wohnbau

eingesetzt werden kann. Ich bin

überzeugt, dass sich das durchsetzen

kann und zu einem praktikablen

Konzept wird, damit ehrlich nachhaltiger

Wohnraum geschaffen wird.

Wird Lehm in Zukunft andere Baumaterialien

ersetzen?

Man darf nicht den Fehler machen

und glauben, dass Lehm Beton oder

andere Baumaterialien ersetzt, denn

er ist immer eine Hybridkonstruktion.

Beton ist eigentlich ein geniales Material,

wird aber zu inflationär verwendet

und muss auf das Minimum re-

Für das Ricola Kräuterzentrum schätzten

die Schweizer Architekten Herzog & de

Meuron die Expertise von Martin Rauch,

der sie bei der Umsetzung der Stampflehmfassade

einbrachte.


www.architektur-online.com

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Martin Rauch

© Olaf Wiechers

Der Alnatura Campus in Darmstadt wurde von haascookzemmrich STUDIO 2050 als Firmensitz für die gleichnamige Marke

gestaltet. Durch die Expertise von Martin Rauch konnte hier mit industrieller Vorfertigung Europas größtes Gebäude mit

Lehmfassade geschaffen werden. Dafür erfolgte die Auszeichnung mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur 2019.

duziert werden. Beton benötigt man

aber auch im Lehmbau, etwa als Fundament,

Tragkonstruktion oder Ringbalken.

Der Lehm ist in Kombination

stark, vor allem mit Holz oder Beton.

Um große Strukturen zu schaffen, benötigt

er immer eine Verbindung mit

verschiedenen Bautechniken. Dann

wäre Lehm im städtischen Kontext

auch ein Hauptmaterial, aber es ist

eben nicht das Alleinige.

Wie kann sich die Identität der Stadt

durch den Lehmbau verändern?

Der Lehmbau eignet sich die Stadt

an. Wir müssen uns als Benutzer und

Bauherr ändern und weg vom Überperfektionismus

kommen. Die Natur

und die Vergänglichkeit muss mehr

zugelassen werden. Die Außenwände

von Stampflehmbauten erodieren

und es werden die feinen Teile ausgewaschen.

Diese Veränderung ist

kein technisches Problem, denn die

Erosion kann kalkuliert werden. Es

ist eher ein psychologisches Problem.

Verwitterte Holzfassaden finden

schon langsam Akzeptanz, beim

Lehmbau ist das aber oft noch nicht

so. Da muss noch mehr geforscht,

vermittelt und vor allem mehr Beispiele

gesetzt werden. Dass man

vierzig Prozent der Baumasse einer

Stadt in Lehmbau ausführt ist durchaus

möglich. Diese Stadt schaut

dann aber anders aus als die, die wir

heute kennen.

Wie kann sich der Lehmbau in der

Architektur etablieren?

Für den Lehm müssen wir eine andere

Architektursprache entwickeln für

den Innen- und auch den Außenraum,

die diese Veränderungen des Lehmbaues

zulässt. Bei Wohnungsgrundrissen

muss man beispielsweise mit

dickeren Wänden arbeiten. Das heißt

wir müssen weg von Investoren dominierten

Quadratmeterkalkulationen,

hin zu Raumqualität durch Architektur

und Material. Wenn wir tiefgreifend

eine Stadt ökologisieren wollen,

dann schaut diese Stadt anders aus,

ist aber sicherlich lebenswerter. •

www.lehmtonerde.at

Die Werkhalle Erden wurde als Hybridkonstruktion von Holz und Lehm realisiert. In dieser

Technik konnte man die enorme Größe der 64 m langen und bis zu 24 m breiten Halle umsetzen.

In ihr möchte Martin Rauch Stampflehmelemente vorfertigen.

© Hanno Mackowitz


architektur PEOPLE

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DI Franz Denk

Gedanken über die Zukunft für

nachhaltige Städte machen

Interview mit Architekt DI Franz Denk

Was macht eine Stadt aus?

Stadt bedeutet für mich Schönheit,

Vielfalt, Möglichkeiten, Stress, und

Konsum. Stadt ist ein Ort des Fortschritts

und Experiments, der Attraktion

und des Angebots. Adolf Loos

hat die Stadt qualitativ als Möglichkeitsraum

beschrieben, dessen Einrichtungen

man nicht nutzen muss,

aber jederzeit nutzen könnte. Die

Stadt bietet, soziologisch betrachtet,

vielfältige Räume für Interaktion in

unterschiedlichsten sozialen Milieus.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie?

Nachhaltigkeit ist für mich die Gegenthese

zur Globalisierung: Wachstum,

Profitmaximierung, Konzentration,

Kapitaldominanz. Wenn ich von

all diesen Begriffen das Gegenteil

nehme, dann komme ich schnurstracks

in nachhaltiges Fahrwasser.

Globalisierung bedeutet ja permanentes

Stadtwachstum, aber diesen

Entwicklungen muss man entgegenwirken.

Gefragt sind vielmehr Dezentralisierung,

Kleinteiligkeit in den

Zentren oder umweltfreundlicher

Verkehr. Hauptziel muss es sein, unsere

Städte für möglichst viele Menschen

lebenswert zu gestalten.

© Franz Denk

Seit 2001 widmet sich der Architekt Franz Denk interdisziplinären Projekten zu den Themenschwerpunkten

Stadtentwicklung, Stadterneuerung und öffentlicher Raum. Als Sitz im

Stadtnachhaltigkeitsausschuss der Kammer der Ziviltechniker Wien-NÖ-Bgld leistet er einen

wichtigen Beitrag, um österreichische Städte nachhaltig für die Zukunft zu entwickeln. Zusätzlich

ist er auch Vorstandsmitglied im Architekturnetzwerk ORTE-NÖ, das unter dem Dach der Architekturhäuser

Österreich eine wichtige Vermittlerrolle für die Baukultur übernimmt.

Ist es am Land oder in der Stadt

leichter nachhaltig zu leben?

Der Unterschied zwischen beiden

verschwimmt ja zusehends. Die Stadt

verländert und das Land verstädtert.

Die Wege sind in der Stadt kürzer,

am Land komme ich ohne Auto fast

nirgends hin. Für die Stadt habe ich

eine viel konkretere Zukunftsvision,

bei der die Vorteile auf der Hand liegen:

etwa effiziente Energieversor-


www.architektur-online.com

57

DI Franz Denk

Bei dieser Vision stellt sich Franz Denk ein verdichtetes „Wien an die Donau“ vor, deren Ausgangspunkt

die drei dortigen U-Bahn-Standorte sind. Die städtebauliche Grundkonzeption umfasst

unterschiedliche konzentrierte Bauformen zwischen Hoch- und Reihenhäusern.

© Franz Denk

gung, geringerer Bodenverbrauch,

Marktakkumulation. Insofern bin ich

ein bekennender Urbanist.

Woran erkennt man eine

nachhaltige Stadt?

Auf den ersten Blick erkennt man sie

nicht. Die Nachhaltigkeit in Städten

umfasst Prozesse, Lebensweisen

und Regeln, die man erst nach längerem

Aufenthalt begreift. Wie der

Verkehr funktioniert, durchschaut

man ja relativ schnell, aber wie sind

die Wirtschaftskreisläufe geregelt?

Wie funktioniert die Mülltrennung?

Wie wird Partizipation gelebt? Diese

gesellschaftlichen Konventionen

entschlüsselt man nicht so schnell.

Die Frage ist ja, welche Strategien,

Konzepte und Szenarien bietet eine

Stadt an? Wie ist der Umgang mit Öffentlichkeit?

Eine Stadt, die sich solchen

Zukunftsfragen stellt, ist schon

auf dem richtigen Weg.

Wie lässt sich die Nachhaltigkeit

der Städte bewerten?

Nachhaltigkeit ist ein Bekenntnis,

das für jede Stadt subjektiv und spezifisch

ist. Jede Stadt muss selbst

entscheiden, welchen Themen sie

sich wann widmet. Wenn wir im

Stadtnachhaltigkeitsausschuss Flächenwidmungs-

und Bebauungspläne

bekommen, prüfen wir diese auf

Übereinstimmung mit den Zielen der

Stadt. Diese ist oft, aber nicht immer

gegeben. Ist es wirklich nachhaltig,

Schulfreiflächen mit Turnhallen zu

verbauen? Die bekannten Stadtrankings,

die man durchaus kritisieren

kann, basieren meist auf ziemlich

nachhaltigen Bewertungskriterien:

etwa das politische und soziale Umfeld,

die sozio-kulturelle Situation,

auf Gesundheit und medizinische

Versorgung, Sicherheit, Schule und

Bildung. Konsumgüter und Ökonomie

bilden da oft nicht die großen

Schwerpunkte.

u

Im Zuge des kooperativen Verfahrens

entwickelte Franz Denk für

das Sonnwendviertel ein Szenario,

bei dem Bebauung und Landschaft

miteinander verzahnt werden.


architektur PEOPLE

58

DI Franz Denk

© Franz Denk

Durch offene

Übergänge kann

der öffentliche

Raum erweitert

werden, hier am

Beispiel eines

Schulvorplatzes

in der Wiener

Kauergasse.

Welche Aufgabe haben Stadtentwicklungs-

und Flächenwidmungspläne?

Auf Basis von Konzepten und anderen

Grundlagen formulieren diese

die räumliche Entwicklung der Stadt.

Stadtentwicklungskonzepte sind in

Wien nicht verbindlich. Flächenentwicklungs-

und Bebauungspläne

schon, haben aber mit dem Bestand

mitunter wenig zu tun. Im Prinzip

geht es um ein Zukunftsszenario, das

vom Baulichen über den Freiraum

bis hin zu Infrastruktur und Konsum

reicht. Alle Bereiche des Zusammenlebens

sind betroffen.

Welche Punkte fehlen auf der Agenda,

um nachhaltige Städte zu schaffen?

Im Neubau sind die Baulose oft zu

groß und das führt in vielen Stadterneuerungsgebieten

zu ähnlichen

Strukturen mit reinen Wohngebieten.

Nicht die Dichte an sich, sondern die

unausgewogene Verteilung derselben

führt zu fragwürdigen Ergebnissen

mit omnipräsenten „Freien Mitten“

als Kompensation. In der aktuellen

Stadtplanung fehlen mir einfach echte

Zentren und urbane Stadtparks.

Man denkt zu wenig darüber nach,

wie man „Stadt“ durch Kleinteiligkeit

entwickeln kann. Das beinhaltet auch

das Thema der Durchmischung. Wo

bleiben Gewerbe und Kultur, wo gibt

es leistbaren Platz für Selbstinitiative?

Die Gründerzeitstadt hat uns

gezeigt, wie Durchmischung funktionieren

kann. Zugegeben, man ist zu

schnell mit Urteilen, denn es braucht

oft 10 - 20 Jahre, die man Stadtentwicklungsgebieten

zur Entfaltung

Zeit geben muss.

Was sind verfolgenswerte Konzepte,

um nachhaltige Städte zu schaffen?

Übergeordnete Konzepte sind

sehr intelligent, wie in Zürich die

2000-Watt-Gesellschaft oder das

Ziel von Kopenhagen bis 2025 CO 2 -

frei zu sein. Solche Langzeitkonzepte

geben Spielraum für Adaptierungen

und Korrekturen. Es gibt kein

Generalkonzept für Nachhaltigkeit,

aber jede Stadt muss ihre spezifischen,

ortsbezogenen Ziele festlegen

und umsetzen. Ich denke auch,

der internationale Städtewettbewerb

um Ideen ist hier sehr befruchtend.

Welches Potenzial hat Partizipation

in einer Stadt?

Eine qualitätvolle Stadt ist ein Mini-Modell

für Demokratie. In partizipativen

Prozessen soll die Bevölkerung

informiert und mit ihr eine

Entscheidungsgrundlage entwickelt

werden. Vorab müssen die Prozessgrenzen

dafür aber genau definiert

sein. Es geht um Vermittlung, um

Nachvollziehbarkeit und um Bewusstseinsbildung.

Je transparenter

ein Beteiligungsprozess, desto größer

die Akzeptanz der Bevölkerung.

Ich denke, die Leute müssen sich

artikulieren können und die eigentlichen

Entscheidungen müssen dann

die Verantwortlichen fällen. Bei partizipativen

Prozessen geht es auch

um das voneinander Lernen, denn

die Leute wissen am besten über

ihre Umgebung Bescheid. Sie sind

die wahren Experten.

Kann Architekturvermittlung

die Stadt verändern?

Architektur und Städtebau sind untergeordnete

Kategorien in der österreichischen

Kultur. Die Bewusstmachung

dieser Begriffe ist aber

unglaublich wichtig, denn erst damit

entstehen Problembewusstsein und

der Wille zur Auseinandersetzung.

Die Menschen verkennen ja den

großen Einfluss von Architektur und

Städtebau auf ihr Leben. Sie denken

viel zu wenig darüber nach, dass man

seine Wohn- und Umweltsituation in

Frage stellen könnte. Deshalb ist Architekturvermittlung

schon ab dem

Kindergartenalter wichtig. Und vermutlich

noch wichtiger für Politiker

und Entscheidungsträger. Denn die

Zukunft des städtischen und ländlichen

Raumes liegt in deren Händen.

Worin soll eine Stadt unbegrenzt sein?

Eine Stadt soll in ihren Möglichkeiten

der Entfaltung unbegrenzt sein. Aber

es gibt Grenzen: Megacities können

nie umfassend nachhaltig sein. Dort

überlagern die technischen Infrastrukturen

dann soziologische, städtebauliche

und stadträumliche Milieus.

Wasserversorgungsnetze oder

Flughafenzubringer dominieren die

Stadtplanung. Zu große Agglomerationen

sind schlicht unplanbar sind.

Daher setzt die Größenausdehnung

eine natürliche Grenze für die Nachhaltigkeit.


www.franzdenk.at


www.architektur-online.com

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Maximilian und Julia Kneussl

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der Architekten und Ingenieure

Mark Jenewein

LOVE architecture & urbanism Ziviltechniker Ges.m.b.H.

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7 Architekten. 7 Ingenieure. 7 Fragen.

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Andreas Jäger

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