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90 „Bettelorden“

90 „Bettelorden“ Korrekturabzug lösen, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Tote begraben“ 12 . Dass sich bis dahin kaum eine kirchliche Organisation der Gefangenenbefreiung annahm, lag sicher auch daran, dass es sich um eine sehr beschwerliche, schwierige und spezialisierte Arbeit handelte. Auf den Umstand, dass diese Tat der Barmherzigkeit bisher missachtet wurde und diesem durch den Trinitarierorden Abhilfe zu schaffen wäre, wies Papst Innozenz III. in seinem Brief an Abu Abd Allah Muhammad al-Nassir, den Almohaden-König von Marokko, aus dem Jahr 1199 hin. Dieser Brief gilt auch als eines der ersten Zeugnisse von friedlichen Annäherungen und Verhandlungen zwischen Christen und Muslimen; zugleich wurde auch das kanonische Verbot aufgehoben, das untersagte, dass Christen mit Muslimen Geschäfte betreiben, und so eine Vorbedingung geschaffen, damit überhaupt Sklaven von beiden Seiten verkauft bzw. ausgetauscht werden konnten 13 . In dem Schreiben an den marokkanischen König betont Innozenz auch, dass der Orden aufgrund eines Zeichens von Gott und daher quasi von Gott selbst gegründet worden sei, ein in der islamischen Welt vermutlich auch nicht unerheblicher Hinweis 14 . Die „Wiederbelebung“ der sieben Werke der Barmherzigkeit im Hochmittelalter setzte ein gewisses Maß an Solidarität voraus; im Falle der Gefangenenbefreiung musste diese Solidarität über die Grenzen der eigenen Verwandtschaft oder Gemeinde hinaus und die damit verbundene Betroffenheit angesichts des Unrechts und Leids, das jemandem angetan wird, offensichtlich erst entwickelt werden. Mit der zunehmenden Urbanisierung, aber auch mit der Kreuzzugsidee wurde so im 12. und 13. Jahrhundert die weitgehende Beschränkung der sozialen Welt auf dörfl iche und abstammungsmäßige Gemeinschaften überwunden. Die Ordensgründungen des 12. und 13. Jahrhunderts erhoben demgemäß einen neuen Anspruch an die Welt und an sich selbst. Die Trinitarier sprachen in ihren Prozessionen, die sie mit Trompeten und Pauken untermalten, und bei denen sie, wenn möglich, auch ehemalige Gefangene mit sich führten, die von ihren Erlebnissen ergreifend erzählen sollten, das Mitgefühl und Mitleid der Menschen an. Die Sammlungen für die Befreiungsfahrten, die so genannten „Redemptionen“, fanden üblicherweise spezifi sch für eine Region statt, sodass die Bevölkerung derselben für die Verschleppten ihres Heimatlandes Verantwortung übernehmen sollten. Möglicherweise haben auch diese Almosensammlungen zur Ent- 12 Aus den im Matthäusevangelium genannten sechs Werken der Barmherzigkeit wurden im 3. Jahrhundert, seit Lacantius, sieben – wohl auch als Parallelisierung zu anderen biblischen Aufzählungen mit der heiligen Siebenzahl; das hinzugefügte „7. Werk“ betrifft die Totenbestattung. Vgl. Marlies GIELEN, Werke der Barmherzigkeit. In: Walter KASPAR u.a. (Hgg.), Lexikon für Theologie und Kirche 10 [LThK] (Freiburg - Basel – Wien 3 2006) 1098–1100. 13 d’ERRICO, Trinitarians (wie Anm. 6) 48. 14 d’ERRICO, Trinitarians (wie Anm. 6) 47.

„Bettelorden“ Korrekturabzug stehung eines über rein verwaltungsmäßige Zugehörigkeiten hinausgehenden regionalen Zusammengehörigkeits- und Solidaritätsgefühls beigetragen. Bei ihren Almosensammlungen sollten die Trinitarier aufgrund päpstlicher Privilegien auch nicht durch kirchliche (Diözesan-) oder weltliche Grenzen beeinträchtigt und durch keinerlei Behörden in ihrer Tätigkeit gehindert werden. Die Spendengeber ihrerseits konnten mit Ablässen ihrer Sündenstrafen rechnen 15 . Clemens VI. und Urban VI. erteilten 1343 bzw. 1384 zudem Weisungen an die Bischöfe, dass alle Priester, die die Trinitarier daran hinderten, um Almosen zu betteln, oder von ihnen einen Anteil des gesammelten Geldes oder der Gaben verlangten, hart bestraft werden sollten 16 . Eminente Bedeutung für das „Fund-Raising“ der Trinitarier hatten von Anfang an Bruderschaften, teils auch der Tertiarorden, welche sehr verbreitet waren und schon im 13. Jahrhundert einen beträchtlichen Teil des Geldes für die Freikäufe aufbrachten. Um das Jahr 1200 wurde auch ein weiblicher Zweig des Trinitarierordens gegründet, der sich hauptsächlich der Krankenpfl ege und später auch dem Unterricht von Mädchen widmete. Die Trinitarierinnen waren besonders in Spanien und Portugal verbreitet 17 . Die rechtmäßige Etablierung des Ordens wurde durch Papst Honorius III. am 9. Februar 1217 abermals bestätigt, außerdem wurde allen Bischöfen und Prälaten geraten, die Ausbreitung der Trinitarier zu unterstützen, was einer raschen Verbreitung den Weg ebnete. Der Höhepunkt der Ausdehnung des Ordens war im 15. Jahrhundert erreicht, mit angeblich 880, jedenfalls aber mehreren hundert Konventen und kleineren Niederlassungen 18 . Hierauf folgte aber, wie ja bei vielen geistlichen Gemeinschaften im Spätmittelalter, ein gewisser Niedergang der Trinitarier, die nun zu den etablierten Orden zählten und deren Mitglieder die ursprünglichen Ziele und Regeln vielfach vernachlässigten. Mit den Reformen Ende des 16. Jahrhunderts – nicht zuletzt im Zuge des Konzils von Trient und der beginnenden Gegenreformation – kam man den ursprünglichen Zielen wieder näher. Die Klöster der Trinitarier wurden im Allgemeinen in strategisch wichtigen Städten errichtet, so z.B. in Marseille oder Barcelona. Bereits im Spätmittelalter bestanden Niederlassungen in Frankreich, Spanien, Flandern, 15 d’ERRICO, Trinitarians (wie Anm. 6) 84. 16 d’ERRICO, Trinitarians (wie Anm. 6) 85, 96–97. 17 Vgl. Angelo ROMANO, Le Affi liazione dell’Ordine Trinitario. Appunti storici (Isola del Liri 1947) 25–32; Karl Suso FRANK, Trinitarier, Trinitarierinnen. In: LThK 10 (wie Anm. 12) 239. 18 Vgl. Max HEIMBUCHER, Die Orden und Kongregationen der katholischen Kirche (Paderborn 1933) I 450; Joseph HERGENRÖTHER u. Franz KAULEN, Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon oder Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hülfswissenschaften 12 (Freiburg 2 1901) 84. – Den Berichten des Mönches Alberich zufolge soll es schon 50 Jahre nach Bestehen des Ordens 600 größere und kleinere Häuser gegeben haben, vor allem in Frankreich, Spanien, England, Italien und Schottland; vgl. Moritz GMELIN, Die Trinitarier oder Weißspanier in Österreich. In: Österreichische Vierteljahresschrift für katholische Theologie 10 (1871) 345. 91

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