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Michael Liska Ein Vergleich der rumänischen und bulgarischen Juden

Michael Liska Ein Vergleich der rumänischen und bulgarischen Juden

81 beurteilte Himmler

81 beurteilte Himmler die Lage in Rumänien bezüglich der Judendeportationen als hoffnungslos. Es geschehe ohnehin nichts mehr, also brauche man in Rumänien auch keinen Judenberater mehr. 176 Himmlers Einschätzung der Lage war richtig, die vormaligen Kollaborateure in Rumänien wandten sich mit der Zeit von den Deutschen ab. Es folgten politische Entwicklungen, die nur zwei Jahre zuvor, als die Armee die Juden nach Transnistrien trieb, undenkbar gewesen wären. Die Juden in Transnistrien waren noch immer in Lagern untergebracht, jedoch hatte sich ihre Lage etwas verbessert, nachdem Marschall Antonescu Hilfssendungen, beispielsweise Kleidung, Medikamente und Geld, der Juden aus Altrumänien nach Transnistrien zugelassen hatte. Das Geld mußte in eine eigene Währung Transnistriens umgetauscht werden. Zwei Drittel des Wertes wurden von den Rumänen als Spesen einbehalten, doch das übrige Geld war für die Juden noch immer von unschätzbarem Wert. Die Regierung erlaubte sogar einer Kommission der Centrala Evreilor din Romania im Jänner 1943, die Lager zu besuchen und sich einen Überblick über die Lage der dort lebenden Juden zu verschaffen. Diese baten die Delegation der Centrala, einen Briefverkehr nach Altrumänien zu ermöglichen, und um dringend benötigte Lebensmittel, Medikamente und Kleidung. Ebenso ersuchten sie um die Durchführung einer Volkszählung, um die Hilfeleistungen effektiver gestalten zu können. 177 Die Volkszählung war am 1. September 1943 abgeschlossen. Sie ergab 50.741 Überlebende, die von den Deportierten aus Bessarabien, der Bukowina und Dorohoi übrig geblieben waren. Ursprünglich waren etwa 160.000 Juden nach Transnistrien gebracht worden. Etwa 25.000 waren auf dem Weg zum Dnjestr umgekommen, weitere 10.000 waren 1941 von der Einsatzgruppe D erschossen worden. Das bedeutete, daß die rumänische Armee innerhalb von 2 Jahren 125.000 Juden erschossen oder erschlagen hatte oder sonst irgendwie umkommen ließ. Als die Deutschen erfuhren, daß man die Juden in Transnistrien nicht mehr drangsalierte, verlangte die Gesandtschaft in Bukarest vom Konsul in Odessa einen Bericht und gegebenenfalls Maßnahmen, um die Juden weiter zu unterdrücken. Dieser aber konnte seine Vorgesetzten beruhigen, die Juden hätten noch immer zu leiden. 178 Währenddessen machte sich die rumänische Regierung immer mehr Sorgen um das Schicksal der Juden Transnistriens. Die Rote Armee hatte bereits den Dnjepr überschritten und Kiew erobert und kam nun den rumänisch besetzten Gebieten im- 176HILBERG Raul, Die Vernichtung der europäischen Juden, Band 2, Frankfurt am Main 1993, S 851–852. 177HILBERG Raul, Die Vernichtung der europäischen Juden, Band 2, Frankfurt am Main 1993, S 852. 178HILBERG Raul, Die Vernichtung der europäischen Juden, Band 2, Frankfurt am Main 1993, S 852–853.

82 mer näher. Marschall Antonescu suchte nun nach einer Möglichkeit, die deportierten Juden nach Altrumänien zurückzuholen. Er hatte die berechtigte Befürchtung, daß die deutsche Wehrmacht auf dem Rückzug durch Transnistrien die noch verbliebenen Juden töten könnte. Diese brachte er in einer Besprechung mit dem Unterstaatssekretär für Sicherheit im Innenministerium, General Vasiliu, und dem Gouverneur der Bukowina, General Dragalina, vor. Auf dieser Besprechung wurde beschlossen, zumindest einen Teil der Juden nach Altrumänien zu evakuieren. Bemerkenswert ist dabei, daß sich Antonescu nicht mehr erinnern konnte, weshalb so viele Juden in Transnistrien starben. Über die hohe Anzahl von Toten war er etwas ungehalten, doch schien er vergessen zuhaben, wer für ihren Tod letztendlich verantwortlich war. Sich selbst sah er nicht als Schuldigen an. 179 Am 9. Juni 1944, kurz vor der Kapitulation vor den Sowjets, hielt Mihai Antonescu auf Weisung des Marschalls einen Ministerrat ab, auf dem die Judenfrage erneut besprochen wurde. Antonescu hatte sich inzwischen dazu durchgerungen, eine völlig eigenständige Politik gegenüber den Juden zu betreiben. Es wurden hier die zukünftige Abwicklung der Ausreise für die Juden festgelegt. In seiner Rede vor dem Ministerrat schilderte Mihai Antonescu die Entwicklung der Judenfrage in Rumänien während des Krieges in einem für die rumänische Seite äußerst vorteilhaften Sinne. Sein Bericht kann aber nicht als historische Quelle benutzt werden, da der Bericht vermutlich reine Erfindung ist. 180 Da es der rumänischen Regierung zu gefährlich schien, selbst die Verantwortung zu übernehmen, wurde ein halboffizielles „Emigrantenamt“ eingerichtet, dessen Leitung ein Jude übernahm und das mit Lecca in ständiger Verbindung bleiben sollte. Dieses Amt hatte die Verhandlungen mit dem Ausland zu führen und die Formalitäten der Ausreise aus Rumänien zu regeln. Ein Teil der Einnahmen des Emigrantenamtes war an den rumänischen Staat abzuliefern. Anfänglich wurden die Überlebenden aus dem Bezirk Dorohoi sowie Waisenkinder zurückgeschickt. Die anderen sollten im Laufe des Jahres 1944 folgen, wobei kommunistische Juden nicht ins Land gelassen wurden. Zur Verwirklichung der Rückführung kam es allerdings nicht mehr, die Änderung der Kriegslage verhinderte dies, da keine Transportmittel mehr zur Verfügung standen. Mit dem Zusammenbruch der rumänischen Ostfront flüchteten dann aber sehr viele Juden in zentrale Regionen Rumäniens und in die Bukowina. Die Unterdrückung der Juden endete schließlich mit der Kapitulation vor den Sowjets am 24. August 1944. 179Besprechung vom 17. November 1943, siehe HILBERG Raul, Die Vernichtung der europäischen Juden, Band 2, Frankfurt am Main 1993, S 853–856. 180Dokument bei den Nürnberger Prozessen NG-2704.

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