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Cruiser im November 2015

Warum man im Spitzensport nicht schwul sein kann

26 SERIE

26 SERIE PERSÖNLICHKEITEN IKONEN VON DAMALS URIELLA In unserer Serie stellen wir Ikonen und Persönlichkeiten aus vergangenen Dekaden vor, berichten über gefallene Helden und hoffnungsvolle Skandalsternchen … aber auch über mutige Vorkämpfer. Uriella – das selbst ernannte Sprachrohr Gottes – ist nichts von all dem. Aber sie war schön schrill und verkaufte in den 90ern erfolglos eine «Medizin gegen Aids». VON HAYMO EMPL Sie lebt! So jubilierte der «Blick» im August 2015. Wir hätten geschrieben: «Es lebt!» Denn Uriella war jahrelang nur noch ein Phantom. Es gab keine Interviews, keine Talkshowauftritte und keine Weltuntergangsprognosen mehr. Umso erstaunter war man dann im Hause Ringier, als plötzlich ein Brief auftauchte. «Blick» schrieb im Sommer: «Gestern dann plötzlich ein Lebenszeichen des selbst ernannten ‹Sprachrohrs Gottes›.» In einem handschriftlichen Text an «Blick» setzte Uriella sich für den Berner Bubenschänder Beat Meier (69) ein. «Mein lieber Sohn Beat gehört nicht in die Strafanstalt Pöschwies», liess sie «im Namen von Jesus Christus» verlauten. Die besorgte Öffentlichkeit, Bubenschänder Beat und «Blick» fragten sich: Stammt diese Forderung wirklich aus Uriellas Feder? Oder ist die vermeintlich Heilige schon längst im Jenseits? Das wäre wirklich traurig, denn wir beim «Crui ser» hoffen ja immer noch, dass wenigstens Uriellas Ehemann Icordo ein Comeback als singende Tomate gibt. Immerhin, man war beim Blick nicht faul und analysierte den Brief. Es wurde ein Sektenexperte (nein, nicht Hugo Stamm, der darf nur für Tamedia arbeiten) engagiert. Ein Georg Schmid. Und der kam zum Fazit: FOTOS: PD (2), SCREENSHOT BLICK (1) CRUISER NOVEMBER 2015

27 OFFIZIELLES PRESSEBILD VON URIELLA (STARK FOTOGESHOPPT) UND ICORDO ICORDO ERHEITERTE IM SCHWEIZER FERNSEHEN ALS SINGENDE TOMATE DIE NATION. URIELLA VERTEIDIGTE IM BLICK IHREN SOHN BEAT, DER WEGEN MISS- BRAUCHS HINTER GITTER MUSSTE. «Sie lebt. Die krakelige Schrift im Brief ist diejenige Uriellas. Oder zumindest von jemandem, der sie perfekt imitieren kann.» Zum abgehobenen Wortlaut («Auf das, was Gott zu uns sagt, ist 100 % Verlass!») sagt Schmid: «Typisch Uriella! Andere Abschnitte aus dem Brief klingen eher nach Uriellas Gatten Icordo.» Rückblick: 1980 gründete Erika Bertschinger die Sekte «Fiat Lux». Sie gab an, fünf Jahre zuvor sei ihr eine Offenbarung zuteil geworden, URIELLA VERKAUFTE EIN HEILMITTEL GEGEN AIDS. und nannte sich fortan Uriella. Die Mitglieder von «Fiat Lux» erklären sich bereit, auf alles Weltliche zu verzichten. Anfänglich hatte die Sekte über 700 Anhänger. Icordo leitet das Tagesgeschäft von «Fiat Lux» – er ist quasi Uriellas CEO. Georg Schmid dazu im «Blick»: «Icordo klingt in diesem Brief wie ein Anwalt.» Der Brief ist also ziemlich sicher von Uriella und ihrem Ehemann gemeinsam verfasst worden. Was nun Bubenschänder Beat mit der ganzen Sache zu tun hat, ist unklar und mehr passierte dann auch nicht. Uriella verstummte wieder. (Was für ein «Sprachrohr» etwas irritierend ist). Das Schweigen passte auch sonst nicht so ganz, denn immerhin tönte Uriella in den 1990ern sehr laut und behauptete auch, Aids heilen zu können. Das hätte mittels ihres speziellen Wassers funktionieren sollen – gemäss «Blick» übrigens immer noch ein Bestseller. Denn obwohl die Sekte auf einen kleinen harten Kern geschrumpft ist, rollt der Rubel weiter. Immer noch ein Bestseller – eben dieses multifunktionale Wasser. In Uriellas Jargon: energetisch aufgeladenes Wasser. Schmid präzisiert im Blick weiter: «Uriella bezeichnet es als ‹Apotheke Gottes›. Analysen haben aber ergeben, dass in den Präparaten nichts als Salz, Wasser und viel Fantasie steckt.» Zu Spitzenzeiten soll sie mit ihrem sogenannten Zauberwasser Zehntausende Franken verdient haben – pro Tag! Ihr wundertätiges «Athrumwasser» stellt Uriella selbst her, indem sie 21 Minuten lang mit einem Silberlöffel normales Leitungswasser in einer Badewanne linksdrehend in Bewegung bringt. Den sogenannten «Athrumstrahl» nähmen angeblich auch auf Fotos neben der Badewanne imaginär anwesende Kranke auf, die via Fernheilung gesund würden, da Uriella die Gabe der Bilokation (Anwesenheit an zwei Orten gleichzeitig) habe. Anwesenden Kranken ziehe der Athrumstrahl die Krankheit aus den Fusssohlen, wenn sie in das Wasser steigen und Uriella ihnen die Hände auflegt. Eine Untersuchung der Gesundheitsbehörde Zürich im Jahr 1992 (die Aids-Welle war auf einem ersten traurigen Höhepunkt) ergab, dass das «Athrumwasser» hochgradig verseucht war mit Bakterien, Schimmelpilzen und Eitererregern. Die Ampulle mit «Medizin gegen Aids» durfte fortan nicht mehr verkauft werden. Uriella tat es dennoch. Offizielle Stellen resümierten damals treffend: «Es handelt sich bei ihr (Uriella) um eine Betrügerin oder ein spritistisches Medium, aber keinesfalls um eine Vermittlerin der ‹Kraft Gottes›». Uriella ist für die Mitglieder der Sekte – es sind nach offiziellen Angaben noch 130 – genau so unsichtbar wie für die Öffentlichkeit. Aber ihre abstrusen und gefährlichen Ansichten und Behauptungen halten sich (leider) weiterhin. Solange Icordo lebt, wird auch Uriella leben.