22.11.2021 Aufrufe

architektur FACHMAGAZIN People 2021

Rohstoffverknappung, Preisdruck, Covid 19, Digitalisierung und Klimawandel – Die Herangehensweise, mit der moderne ArchitektInnen den Gegebenheiten unserer Zeit begegnen, ist vielfältig. Welche Erfolgsstrategien können Architekturschaffende in diesen Zeiten für sich entwickeln, um den stetigen Wandel zu meistern? Wie können moderne Produkte, Bau­stoffe und Technologien diesen Prozess unterstützen? Was müssen diese leisten und wie können die Hersteller das gewährleisten? Was macht Architektur nachhaltig, effizient oder smart? Und um welche Entwicklung wird es in den nächsten Jahren keinen Weg herumgeben? Unsere ausgewählten GesprächsparterInnen geben ihre persönlichen Antworten auf diese und noch viele weitere Fragen.

Rohstoffverknappung, Preisdruck, Covid 19, Digitalisierung und Klimawandel – Die Herangehensweise, mit der moderne ArchitektInnen den Gegebenheiten unserer Zeit begegnen, ist vielfältig. Welche Erfolgsstrategien können Architekturschaffende in diesen Zeiten für sich entwickeln, um den stetigen Wandel zu meistern? Wie können moderne Produkte, Bau­stoffe und Technologien diesen Prozess unterstützen? Was müssen diese leisten und wie können die Hersteller das gewährleisten? Was macht Architektur nachhaltig, effizient oder smart? Und um welche Entwicklung wird es in den nächsten Jahren keinen Weg herumgeben? Unsere ausgewählten GesprächsparterInnen geben ihre persönlichen Antworten auf diese und noch viele weitere Fragen.

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FACHMAGAZIN

WISSEN, BILDUNG, INFORMATION FÜR DIE BAUWIRTSCHAFT

Erscheinungsort Vösendorf, Verlagspostamt 2331 Vösendorf. P.b.b. 02Z033056; ISSN: 1606-4550

PEOPLE

#4


Maßarbeit

statt Mainstream

Immer mehr Menschen folgen heute dem Trend, keinem Trend mehr zu Folgen. Für

diese Menschen gibt es die Berker Manufaktur. Hier werden in einer Verbindung aus

Hightech und Handarbeit Schalter, die es so kein zweites Mal gibt, gefertig.

Gemeinsam mit Architekten und Planern für ein ganz bestimmtes Objekt entwickelt

oder eine andere spezielle Aufgabe. Manche entspringen den ganz speziellen

Wünschen eines Bauherren, der etwas Exklusives sucht, was es so noch nicht gibt.

Die Berker Manufaktur kann diese Wünsche verwirklichen. Dabei zählt Individualität,

nicht Geschwindigkeit. Jedes Produkt ist ein Unikat. Und damit mindestens so

unverwechselbar wie die Umgebung und die Menschen, für die es gemacht ist.


www.architektur-online.com

3

Intro

Wie werden wir

in Zukunft bauen?

Zwar befindet sich die Baubranche ohnehin in stetigem

Wandel – doch besonders die Coronapandemie

hat ein verstärktes Umdenken in vielen Bereichen

des Arbeitstalltags von ArchitektInnen notwendig

gemacht. Neue Prozesse wurden geboren, alte

mussten adaptiert werden. Die ohnedies rasch voranschreitende

Digitalisierung beschleunigte sich zusätzlich

und verändert die Arbeit der ArchitektInnen

nachhaltig. Viele der Werkzeuge, die praktisch aus

der Not heraus aufgegriffen werden mussten, haben

sich als so effizient erwiesen, dass man auch weiterhin

kaum darauf verzichten kann und will. Wer Anfang

2020 schon Erfahrung mit all diesen Tools hatte,

war schwer im Vorteil. Das zeigte sich schon in vielen

der Statements der ArchitektInnen in unserer letzten

architektur PEOPLE Ausgabe vom Oktober letzten

Jahres. Doch wie geht es damit nun weiter, da ein regulärer

Arbeitsalltag wieder möglich ist? Was bleibt

und was ist wieder obsolet?

Die aktuellen Rohstoffverknappungen machen den

ArchitektInnen schwer zu schaffen. Diese führen zu

höheren Baukosten und logistischen Problemen. Mindestens

auf dem üblichen Niveau bleibt jedoch der

Preis- und Zeitdruck durch Investoren, Anleger und

Bauherren bestehen. Das verstärkt die ohnehin oft

sehr ausgeprägte Diskrepanz zwischen finanziellen

Interessen oder Möglichkeiten und dem Wunsch danach,

hochwertige Gebäude mit Mehrwert zu planen.

Über all dem steht noch die wohl größte Herausforderung

unserer Zeit. Der Klimawandel sorgt zunehmend

für Probleme und langsam sollte es jedem

gedämmert sein, dass wir nicht einfach so weitermachen

können wie bisher. Die Bauwirtschaft ist für

einen großen Teil des weltweiten CO 2 -Ausstoßes

verantwortlich. Dementsprechend groß ist auch der

Hebel, den ein Wandel zu klimafreundlicherer Architektur

haben kann. Die ArchitektInnen sind hier nicht

nur Passagiere, sitzen sie doch an einem wichtigen

Knotenpunkt zwischen Bauherren, ausführenden Unternehmen

und der Industrie. Sie können vermitteln,

alternative Lösungen aufzeigen sowie Innovationen

fördern und so wichtigen Einfluss nehmen.

Die Herangehensweise, mit der moderne Architekt-

Innen diesen und vielen weiteren Gegebenheiten

unserer Zeit begegnen, ist vielfältig. Welche Erfolgsstrategien

können Architekturschaffende in diesen

Zeiten für sich entwickeln, um den stetigen Wandel

zu meistern? Wie können moderne Produkte, Baustoffe

und Technologien diesen Prozess unterstützen?

Was müssen diese leisten und wie können die

Hersteller das gewährleisten? Was macht Architektur

nachhaltig, effizient oder smart? Und um welche

Entwicklung wird es in den nächsten Jahren keinen

Weg herumgeben? Unsere ausgewählten GesprächsparterInnen

geben ihre persönlichen Antworten auf

diese und noch viele weitere Fragen.

Viel Vergnügen mit dieser besonderen Ausgabe

Andreas Laser

MEDIENINHABER UND HERAUSGEBER Laser Verlag GmbH; Ortsstraße 212/2/5, 2331 Vösendorf, Österreich

CHEFREDAKTION Andreas Laser(andreas.laser@laserverlag.at) REDAKTION Linda Pezzei, Edina Obermoser, Alexandra Ullmann, Dolores Stuttner

GESCHÄFTSLEITUNG Silvia Laser (silvia.laser@laserverlag.at) MEDIASERVICE Nicolas Paga (nicolas.paga@laserverlag.at) Tel.: +43-1-869 5829-14

GRAFISCHE GESTALTUNG Andreas Laser DRUCK Bauer Medien & Handels GmbH


architektur PEOPLE

4

Inhalt

PEOPLE

Herausforderungen annehmen

Interview mit Architekt Patrick Batek

BATEK ARCHITEKTEN

Die Architektur mit Ideen aufladen

Interview mit Philipp Buxbaum

und Christian Kircher

smartvoll

Jedes Haus ein (wünschenswertes) Experiment

Interview mit Lehmbauexperten Andi Breuss

Der Umweltschutz als Anstoß für Innovation

Interview mit Architekt Martin Junger

junger_beer

Theorie praktisch denken

Interview mit Architekt Christian Hammerl

he und du

Die Möglichkeiten ausschöpfen

Interview mit Architektin Lisi Wieser

Ein Umdenken ist erforderlich!

Interview mit Architekt Günter Katherl

Caramel Architekten

Gebäude als Rohstofflager

Interview mit Architektin Eva M. Hierzer

und Architekt Stephan Brugger

NOW Architektur

Die Herausforderung der Vereinbarkeit

Interview mit Architektin Ute Stotter

Die Zukunft des Bauens ist CO 2 -negativ

Interview mit Architekt Patrick Lüth

Snøhetta

Nachhaltiges Bauen für eine lebenswerte Zukunft

Interview mit Architekt Andreas Moser

und Dr.-Ing. Werner Jager

Nachwachsende Rohstoffe haben noch

immer schlechte Karten

Interview mit Architektin DI Ursula Schneider

POS

Komfort, nicht Klima, macht nachhaltige Bauten

für viele interessant

Interview mit Architekt DI Simon Speigner

sps architekten

Innovation im Regionalen

Interview mit Architekt Sven Matt

Innauer Matt

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architektur FACHMAGAZIN

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Patrick Batek

Herausforderungen

annehmen

Interview mit Architekt Patrick Batek

BATEK ARCHITEKTEN aus Berlin stehen für

eine klare Gestaltung, die Räumen ihre Freiheit

lässt. Das Büro befasst sich mit Lösungen für

Architektur, Innenausbau und Möbeldesign mit

Schwerpunkten auf dem Aus- und Umbau von

Restaurants, Bars, Hotels, Arztpraxen, Büros

sowie Privatwohnungen an historischen Orten

und in Gebäuden mit bewegter Geschichte.

Patrick Batek spricht im Interview über Chancen

und Herausforderungen der neuen, digitalisierten

Berufswelt und zeigt dabei sowohl positive

wie negative Aspekte auf. Den Architekten

der Zukunft sieht er ganz klar in der Rolle des

Nachhaltigkeits-Managers – würde sich in

diesem Zusammenhang allerdings bezüglich der

Preisgestaltung, fairer und umweltfreundlicher

Produktion sowie innovativem Design noch mehr

Unterstützung seitens der Industrie wünschen.

© Marcus Wend


www.architektur-online.com

7

Patrick Batek

Die Berufswelt der ArchitektInnen

verändert sich praktisch täglich. Wo

sehen Sie hier Chancen und Herausforderungen?

Die Herausforderungen für ArchitektInnen

entstehen aus den Krisen

unserer Zeit – wie zum Beispiel der

Klimakatastrophe oder wachsenden

Ungleichheiten. Genau daraus ergibt

sich meiner Meinung nach aber

auch die Chance, diesen Schwierigkeiten

durch Fortschritt und

Innovation zu begegnen. Positiv

betrachtet, zwingt jede Einschränkung

zum Nachdenken und fordert

das Finden neuer Ideen und Lösungen,

von den Baumaterialien bis zu

den Raumkonzepten.

Wie gehen Sie persönlich mit

dem Wandel der Zeit um?

Der Wandel der Zeit, im Sinne von

Globalisierung, Digitalisierung, New

Work, Freiheitsbewegungen und

Klimakatastrophe, ist eine große Inspirationsquelle

für mich, die mich

zur ständigen Weiterentwicklung

antreibt und auch dazu, bestehende

Konzepte zu hinterfragen, Lösungen

zu finden und neu zu denken.

Hat die immer weiter voranschreitende

Digitalisierung Einfluss auf

Ihre Arbeit?

Die Digitalisierung beeinflusst mein

Arbeitsleben als Architekt sehr stark.

Viele Prozesse werden beschleunigt,

was nicht immer von Vorteil ist.

Durch die erhöhte Geschwindigkeit

besteht leider auch die Gefahr, dass

die Arbeit an Qualität und Tiefe verliert.

In Bezug auf neue Arbeitssoftware

und Technik empfinde ich die

Digitalisierung wiederum als sehr positiv.

Verschiedene Disziplinen werden

vereint und man findet immer

neue Wege zu konzeptualisieren. Design

und Technik verschmelzen.

Sollte sich der/die ArchitektIn der

Zukunft (noch) aktiver für den Klimawandel

einsetzen?

Ja, das finde ich absolut zentral. Es

gibt viele Ansätze in der Architektur,

um der Klimakatastrophe entgegenzuwirken.

Man sollte zum Beispiel auf

die Nachhaltigkeit und Langlebigkeit

von Baustoffen achten oder vorhandenes

Material am Bau wiederverwerten.

Auch verringerte Emissionen

beim Bauprozess sind ein wichtiger

Das Projekt RHE42 zeigt, wie auch mitten in der Stadt Berlin hochwertiger

Wohnraum auf kleiner Fläche geschaffen werden kann.

Aspekt. Wir sind spezialisiert auf

den Aus- und Umbau von Bestandsobjekten,

Restaurants, Bars, Hotels,

Arztpraxen, Büros sowie Privatwohnungen

an historischen Orten und in

Gebäuden mit bewegter Geschichte.

Der Respekt vor dem Bestandsraum

sowie dessen Charakter ist unser

fundamentales Prinzip.

Bei unserer Sanierung des Yorck

Kinos “Blauer Stern” haben wir beispielsweise

vorhandene Materialien

und Möbel – wie die alten Kinosessel

und den Linoleum Boden – wieder

eingesetzt. Zudem konnten wir den

Energieverbrauch durch die Umstellung

des gesamten Lichtsystems auf

LED erheblich senken. Nachhaltiges

Bauen sollte auf eine möglichst lange

Lebensdauer des gesamten Gebäudes

abzielen – ich denke da an hochwertige

und haltbare Materialien und

zeitlose sowie stringent durchdachte

Raumkonzepte.

u

© Marcus Wend

© Marcus Wend


architektur PEOPLE

8

Patrick Batek

© Marcus Wend

Der VAAY Flagship Store befindet sich im Erdgeschoss eines historischen Gebäudes in Berlin-Mitte.

Die neue Innenarchitektur setzt mit ganz in Weiß gehaltenen Einbauten auf Zurückhaltung.

Ein positiver Aspekt, den Sie aus

dem vergangenen Jahr mitgenommen

haben?

Das vergangene Jahr war für uns

ein digitaler Quantensprung. Durch

die Notwendigkeit, von zu Hause

aus zu arbeiten, hat sich unser Büro

neu organisiert. Unsere Arbeitsprozesse

wurden aus dem Analogen

ins Digitale umgesetzt und durch

Video-Meetings mit Bauherren und

Firmen konnten wir unsere Zeit letztendlich

wesentlich effizienter nutzen.

Der weitgehende Verzicht auf

Flugreisen und Papierausdrucke war

zudem sicherlich gut für die Umwelt.

Wie können moderne Produkte, Baustoffe

und Technologien Ihrer Meinung

nach den Prozess des Umdenkens

bezüglich des Klimawandels

unterstützen?

Da es gerade bei großen Bauprojekten

um Kosteneffizienz geht, müssen

moderne Produkte und Baustoffe

vor allem preislich attraktiv sein. Ich

finde jedoch, dass vor allem auch

eine faire Produktion entscheidend

sein sollte, um sowohl nachhaltig zu

agieren, als auch menschlich gerecht.

Innovatives Design kann durch neuartige

Technologien und nachhaltige,

recycelbare Materialien und Baustoffe

einen Beitrag zum Umdenken

leisten. Besonders sinnvoll wäre es

jedoch, bestehende Materialien zu

prüfen und gegebenenfalls wiederzuverwenden.

Anstatt immer auf neue

Produkte und Bauten zu setzen, wäre

es sinnvoller, langlebig zu bauen und

zu sanieren, wo es möglich ist.

Was macht den modernen Baustoff

aus und wie können Hersteller dem

gerecht werden?

Durch die oben genannten Faktoren

Preis, faire und umweltfreundliche

Produktion sowie innovatives Design.

Um welche Entwicklung wird es in

den nächsten Jahren Ihrer Meinung

nach keinen Weg geben?

Wie eingangs besprochen, wird kein

Weg vorbei führen an wirklich nachhaltigen

Materialien und Bauweisen.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden

Urbanisierung und Landflucht

wird bezahlbarer Wohnraum in den

Metropolen in den kommenden Jahren

immer wichtiger werden, wobei

der aktuelle Trend eher zur Suburbanisierung

geht, da die Mieten in den

Metropolen explodieren. In diesem

Zuge werden auch kleinere Wohnungen

und geschickte Raumkonzepte

für die Nachverdichtung immer relevanter

werden.


www.batekarchitekten.com

© Marcus Wend

Im Zuge der Sanierung des seit 1933

bestehenden, traditionsreichen Berliner

Programmkinos YORCK KINO BLAUER

STERN, wurde das Foyer erweitert und die

beiden Säle neu gestaltet.


Marva Net. Drehstuhl mit Netzbespannung und unsichtbar integrierten ergonomischen Funktionen. Design: Mathias Seiler

www.girsberger.com/marva-net


architektur PEOPLE

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Smartvoll

Die Architektur mit

Ideen aufladen

Interview mit Philipp Buxbaum und Christian Kircher

smartvoll ist das Team rund um Philipp Buxbaum und Christian Kircher, das

an komplexen Aufgabenstellungen wächst und durch die damit verbundenen

Herausforderungen aufblüht. Mit ihrer Arbeit spannen sie thematische

Bögen zwischen Adaptive Reuse und Klimaresilienz in der Architektur. Der

Entwurfsprozess ihrer Projekte ist gekoppelt an ein starkes Interesse an

Forschung, die parallel dazu abläuft. Denn für smartvoll gilt es, die Architektur

mit Ideen aufzuladen.


www.architektur-online.com

11

Smartvoll

Das Gemeindezentrum Großweikersdorf befindet sich in dessen Ortsmitte. Für Smartvoll

war es notwendig, es dort zu platzieren und nicht etwa außerhalb der Ortschaft. Unter

seinem Dach vereint es das Rathaus, das Vereinshaus und ein Ärztezentrum.

© Dimitar Gamizov

Welche Bedeutung hat

Forschung für Ihre Arbeit?

Philipp Buxbaum (PB): Wir vertiefen

uns bei unseren Projekten sehr in

die Recherche. Unsere architektonischen

Überlegungen sind gekoppelt

an Gedanken zu Gesellschaft,

Soziokulturellem und Umwelt. Diese

Aspekte vermischen wir mit unserer

Architektur zu etwas, das wir den

Leuten mitgeben können. Das aus

unserer internen Forschung gewonnene

Wissen möchten wir transportabel

machen. Wir wollen den Menschen

mitteilen, dass Architektur

ihr Leben täglich und auf eine sehr

positive Weise beeinflussen kann.

Aus diesem Grund finden wir auch,

dass Architektur ein Bestandteil der

Schulbildung sein soll.

Christian Kircher (CK): In die Vorentwurfs-

und Entwurfsphase fließt

bei unseren Projekten sehr viel Zeit

und Energie hinein. Wir möchten sie

so auf eine andere Ebene heben und

einen Mehrwert finden. Dazu passt,

dass wir uns mit Projekten wohl fühlen,

bei denen es komplizierter wird

und wir Herausforderungen haben.

Wie wählen Sie Wettbewerbe aus,

bei denen Sie mitmachen?

CK: Überall dort, wo wir Potenzial

sehen weiterzugehen, sind wir dabei.

Auch mit Bauherrn, die etwas entwickeln

wollen, arbeiten wir gerne

zusammen. Beim Gemeindezentrum

in Großweikersdorf beispielsweise

hat uns der Bürgermeister eingeladen

mitzumachen. Da war für uns

klar: Wenn er auf der grünen Wiese

außerhalb des Ortes bauen will, dann

machen wir nicht mit. Eine freie Fläche

zu versiegeln war dabei nicht

das Hauptargument dagegen. Eher

finden wir, dass ein Gemeindezentrum

in der Ortsmitte zu seien hat.

Glücklicherweise waren das auch die

Vorstellungen der Gemeinde, auf denen

wir dann aufgebaut haben.

PB: Dazu muss gesagt werden, dass

es für uns viel mehr Ausschlussgründe

als Einschlussgründe gibt.

Wir stellen an jedes Projekt vier Anforderungen:

Interesse, Mehrwert,

Entwicklungspotenzial und Finanzielles.

Vor allem geht es darum, ob die

Aufgabenstellung für uns als Team

interessant ist. Unser Anspruch liegt

nicht darin, uns mit einer Sache zu

quälen und diese einfach nur abzuarbeiten.

Das Projekt muss ein Mehrwert

sein, quasi ein Geschenk für die

Umgebung, an die darin wohnenden

Menschen oder ähnliches. Ebenso

relevant ist der Bauherr und seine

Herangehensweise an das Projekt.

Wenn wir ihn nicht auf eine Reise

mitnehmen können und er schon zu

Beginn das Ende der Reise kennt,

dann ist er der falsche für uns. Auch

technische Aspekte sind wichtig und

ob es finanziell okay ist. Wenn diese

vier Punkte nicht erfüllt sind, machen

wir das Projekt nicht.

Wie transportieren Sie den

Mehrwert Ihrer Projekte?

PB: Es gibt einen großen Unterschied

dazwischen, ein Projekt zu beschreiben

oder zu erklären. Beim Erklären

werden die Inhalte, die Überlegungen,

die Geisteshaltung und Einflüsse

transportiert, die zu dem Projekt

geführt haben. So kann man jemanden

viel stärker mitnehmen und klar

machen, was die Ideen dahinter sind.

CK: Es muss Möglichkeiten zur Identifikation

geben. Eine Verständnisebene

muss geschaffen werden,

die nicht nur ausdrückt, dass es ein

superlässiges Projekt ist. Es muss

weiters auch entmystifiziert werden,

sodass klar wird, was der Mehrwert

dahinter ist. Das funktioniert mittels

Emotionen, die wir durch das Projekt

vermitteln. Wenn wir während

des Arbeitsprozesses merken, dass

wir selbst nicht emotionalisiert sind,

dann ist es auch schwer die Emotionen

später rüberzubringen. u


architektur PEOPLE

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Smartvoll

Wie hat sich das Berufsbild der

ArchitektInnen verändert?

CK: ArchitektInnen sollten den Leuten

erklären, wie und warum sie

etwas machen. Das Aussehen der

Architektur steht mit vielen Einflüssen

im Zusammenhang, die weit weg

sind von Ästhetik und Funktion. Es

ist eine komplexe Querschnittsmaterie,

in die viele Ströme hineinfließen.

Wenn man das den Leuten einfach

aufbereitet und sie am Prozess teilhaben

lässt, dann ist das viel besser

als den Vorhang zuzumachen und ihn

am Schluss für das fertige Produkt

wieder zu öffnen. Den Prozess zu verstehen

und ihn erklären zu können,

schafft einen ganz anderen Identifikationswert

und eine bessere Verständnisebene,

als jemandem einfach

nur ein fertiges Haus vorzusetzen.

PB: Es geht darum Projekte zu erzeugen,

die nicht nur Hochglanzbilder

sind, sondern sie mit Ideen aufzuladen.

Diese Ideen muss man dann

auf entsprechenden Kanälen und mit

verständlichen Darstellungsmethoden

unter die Bevölkerung bringen

und ihr vermitteln. So beginnen die

Leute, etwas mit dir zu verbinden

und dein Gewicht steigt. Auf diese

Weise schafft man es auch, die Leute

einfacher zu überzeugen.

Welche Verantwortung tragen

ArchitektInnen heute?

PB: Wir versuchen unseren Bauherrn

verständlich zu machen, dass die

Entwicklung einer Architektur ein

langsamer, aber wichtiger Prozess

ist. Deshalb soll nicht in die Ausführungsplanung

das meiste Geld hineinfließen.

Es sollen dort Stunden

investiert werden, wo der größte

Mehrwert generiert wird.

CK: Gebäude stehen heute etwa hundert

Jahre. Der Sinn und Zweck der

Nachhaltigkeit liegt darin zu schauen,

wie lange das Gebäude steht

und Qualität bieten kann. In diesem

Sinne muss ein Gebäude als Möglichkeitsraum

für die Community, für

die Menschen und auch für alle anderen,

die in der Nähe sind und damit

zu tun haben, funktionieren. Auch ist

die Bauwirtschaft noch im „Abreißen-und-Neubauen-Modus“.

Als Architekten

leisten wir auch da unseren

Beitrag und sind meinungsbildend.

Wir können sagen, dass etwas nicht

abgerissen werden muss und stehen

bleiben soll. Da ist gerade etwas in

Bewegung, das den Architekten wieder

mehr Gewicht verleiht.

© Dimitar Gamizov

Im Inneren des Gemeindezentrums

Großweikersdorf zeigt sich ein Bild

einer noch ungewöhnlichen Gestaltungsart

eines Verwaltungsbaues:

transparent und zugänglich.


www.architektur-online.com

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Smartvoll

Über welche Themen sollte mehr

gesprochen werden?

CK: In der Architektur findet gerade

ein riesiger Paradigmenwechsel

statt. Es geht jetzt darum, etwas bei

den globalen Herausforderungen unserer

Zeit – vor allem das Klima und

die Mobilität betreffend – zu bewirken

und auch in der Architektur Antworten

darauf zu finden. Einerseits

muss man sich dazu selbst erst eine

Meinung bilden, andererseits auch

Research betreiben. Einen Architekturdiskurs

und eine Architekturkritik

gibt es in Österreich grundsätzlich

keine mehr. Fertiggestellte Projekte

werden überall nur abgelichtet,

spannender wäre es aber über die

Architektur an sich zu diskutieren.

Zu einem Diskurs gehören jedenfalls

Emotionen. Wenn die Gebäude an

sich emotionslos sind, dann ist es

auch der Diskurs darüber.

PB: Den Architekturdiskurs in Österreich

auf inhaltlicher Ebene bekommen

wir defacto nicht mit. Wenn

nicht mehr diskutiert wird, scheint

es keine Projekte mehr zu geben,

die etwas auslösen. Einen Schritt

weiter noch als emotionalisieren ist

polarisieren. Domenig oder Prix haben

zu ihrer Zeit Skandale mit ihren

Projekten produziert und damit die

Diskussion angeregt. Da kann man

dazu stehen wie man will, aber es hat

darüber zumindest einen Diskurs gegeben.

Ein Diskurs muss mehr in die

gesellschaftliche und soziokulturelle

Mitte gedrängt werden. Der erste

Schritt dazu ist Best-Practice-Beispiele

zu produzieren. Mit guten

Projekten, die einen gewissen inhaltlichen

und thematischen Bezug haben,

kann man die Leute begeistern.

Wann merken Sie, dass Sie den

richtigen Beruf gewählt haben?

CK: Für mich stehen die Emotionen im

Vordergrund. Wirtschaftlich gibt es sicher

lukrativere Berufe, aber Emotionen

bekommt man nirgendwo anders

so viele ab. Alleine schon die Ups und

Downs während des Entwurfs sind

spannend. Später auch, wie das Projekt

beim Bauherrn ankommt und natürlich

der Ablauf des Bauprozesses.

Zuletzt wird das Projekt mit Leben

gefüllt und man sieht, ob alles so wie

geplant funktioniert. Wenn dann noch

die Leute, die mit deinem Projekt zu

tun haben, emotionalisiert sind, dann

hat es sich gelohnt.

PB: Wenn wir merken, dass die Leute

in unserem Projekt einfach glücklich

sind, sich darin weiterentwickeln

und darin etwas gefunden haben,

dann geht das weit darüber hinaus

einfach nur das Gebaute zu sehen.

Denn dann wissen wir, dass es passt.

Auch die Architektur als generalistische

Disziplin mit ihrer riesigen

Querschnittsmaterie, bei der man

in viele unterschiedliche Bereiche

hineinschnuppern kann, macht es

aus. Es wird so nie langweilig. Das ist

auch der Grund, wieso wir bis zum

Schluss Spaß an unserem Beruf haben

werden.


www.smartvoll.com

Alt und Neu fügen sich beim Haus B in Klosterneuburg zusammen.

Das Haus mit seinen vielen Mängeln war für die sechsköpfige

Bauherrenfamilie zwar zu klein, sie wollten es aber

trotzdem unbedingt behalten. Deshalb wurde es kurzerhand

passend gemacht und mit den fehlenden Räumen erweitert.

© Dimitar Gamizov


architektur PEOPLE

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Andi Breuss

Jedes Haus ein

(wünschenswertes)

Experiment

Interview mit Lehmbauexperten Andi Breuss

Andi Breuss widmet sich mit seiner

Architektur und Forschung den naturverbundenen

Materialien Holz und

Lehm. Wie man damit nicht nur neu

baut, sondern auch mit Bestehendem

arbeiten kann, macht er mit seinen

Bauten vor. Mit naturnahen Produkten

und Systemen entstehen so eindrucksvolle

Referenzprojekte. Was ihm am

Markt fehlt entwickelt er selbst, etwa

ein Holz-Lehm-Verbundsystem oder

Lehmestrich. Neben dem Technischen

steht auch immer das Soziale im

Vordergrund. So lotet er die Lebenssituationen

und Bedürfnisse seiner

Bauherrn genau aus. So ergeben sich

Potenziale und Möglichkeiten, die jedes

Haus zu einem größeren oder kleineren

Experimentierfeld machen.


www.architektur-online.com

15

Andi Breuss

Im niederösterreichischen Mitterretzbach gestaltet

Andi Breuss ein altes Lehmhaus zu einem zeitgemäßen

Wohnhaus für eine neue Generation um.

Fotos: Romana Fürnkranz

Herr Breuss, wie beschreiben Sie Ihren

Beruf jemandem, der nicht vom

Fach ist?

Der Architektenberuf ist ein sehr

kreativer Beruf, der viel mit Ideen

und Gestaltung zu tun hat. Er umfasst

nicht nur den Planungsprozess

für den Bau eines Hauses, sondern

bringt eine große gesellschaftliche

Relevanz und Kompetenz mit sich.

Dabei geht es um die Umwelt, um

Nachhaltigkeit, um Gesellschaft, um

alles, was Wohnen und Arbeiten betrifft.

Insofern ist eine sehr umfassende

Zugangsweise notwendig.

Inwiefern hilft Ihnen ihr vorangegangenes

Studium der Psychologie und

Soziologie weiter?

Damals habe ich das Studium mit

einer wohnpsychologischen Arbeit

abgeschlossen. Es ging um eine Untersuchung,

wie die an das Wohnen

gerichteten Bedürfnisse mit dem tatsächlichen

Wohnverhalten übereinstimmen.

Da habe ich erkannt, dass

tatsächlich sehr wenig Bedürfnisse

deklariert und definiert werden. Man

hat das Wohnen einfach so genommen,

wie es ist. Mein Interesse daran

ist größer geworden und ich

habe aus dem Theoretischen heraus

versucht, gewisse Dinge neu zu definieren.

Mit diesem Interesse, ein

breiteres Angebot zu schaffen und

ein erweitertes Wohnbedürfnis herauszukitzeln,

bin ich dann in der Architektur

gelandet. Geholfen hat mir

vielleicht der Umstand, dass ich eben

nicht klassischerweise Architektur

studiert habe. Da bekommt man sehr

klare Vorgaben und Vorstellungen,

was Architektur zu leisten hat. Ich

bin da quasi den umgekehrten Weg

gegangen und habe mich zuerst

mit den sozialen und menschlichen

Komponenten auseinandergesetzt.

Wie hat sich Ihr Interesse für naturverbundene

Materialien entwickelt?

In der Auseinandersetzung mit

menschlichen Bedürfnissen geht

es nicht nur um soziologische und

gesellschaftliche Aspekte rund um

Architektur. Auch individuelle Erfahrungsebenen

spielen eine Rolle.

Der Mensch hat eine Beziehung zu

Material und Oberfläche, Atmosphäre

und Licht. Diese beeinflusst ganz

stark die Psyche und den seelischen

Zustand. Nach einer gewissen Zeit

habe ich erkannt, dass es Materialien

gibt, die toll ausschauen und ein super

Bild abgeben, aber man bekommt

Kopfweh von ihnen und sie stinken

wie eine Chemiefabrik. Da hat sich

dann die Frage gestellt, was ich stattdessen

nehmen kann. So bin ich auf

naturverbundene Materialien gekommen.

Schon vor und neben meinem

Holzbau-Studium habe ich mich mit

Lehm- und Strohbau beschäftigt. u


architektur PEOPLE

16

Andi Breuss

Wie gehen Sie an ein

neues Projekt heran?

Am Anfang steht ein sehr langes Gespräch

mit den Bauherrn, das meist

zwei oder drei Stunden dauert. Da

wird viel über Lebenssituationen und

Bedürfnisse gesprochen. Ich lote

sehr genau aus, was der Einzelne,

das Paar oder die Familie möchte.

Jeder Raum wird hinsichtlich seiner

funktionellen und kommunikativen

Anforderungen durchleuchtet. Daraus

ergibt sich für mich ein Bild,

auf das ich reagiere. Das kann dann

durchaus auch etwas Experimentelles

sein.

Welche Bedeutung hat das Experimentelle

bei Ihren Projekten?

Ich würde mir wünschen, dass jedes

Haus ein Experimentierfeld ist,

möchte es den Leuten aber nicht

überstülpen. Das kann ein Experiment

mit technischen Neuerungen

sein, wie das Haus in Mitterretzbach,

wo ein altes Lehmhaus in einen zeitgemäßen

Wohnbau für eine neue Generation

transformiert wurde. Auch

betreffend der Grundrissgestaltung,

wie Leute zusammenwohnen, versuche

ich neue Ansätze zu entwickeln.

Das Projekt in Reichhalms war

zuerst als Einfamilienhaus gedacht.

Nach den ersten Gesprächen mit der

Bauherrenschaft hat sich herausgestellt,

dass sie damit jedoch gar

nicht so glücklich waren und es auch

eine Unsicherheit gab, von der Stadt

aufs Land zu ziehen. Daraus hat sich

dann ein Co-Sharing-Projekt entwickelt,

das ebenfalls ein Experiment

war. Es wurde nicht eines, sondern

drei Häuser gebaut, wo mehrere

Personen wohnen und/oder arbeiten

können. Dadurch kann man auch soziale

Funktionen teilen, und fehlende

infrastrukturelle Angebote am Land

kompensieren.

Ist das Bewusstsein der ArchitektInnen

für gesundes Bauen und Wohnen

gestiegen?

In der Architektenschaft wundere ich

mich ein bisschen, denn jeder sagt,

dass das wahnsinnig wichtig ist.

Wenn man das wirklich ernst meint,

dann kann man aber nicht einfach

Materialien und bautechnische Lösungen,

so wie sie schon immer waren,

darüberstülpen. Es ist natürlich

mehr Aufwand sich die Produkte, die

man verwendet, genau anzuschauen.

Interessanterweise gibt es da viel

mehr Alternativangebote in der Industrie,

als man glaubt. Ich schreibe

beispielsweise in den Vertrag für den

Baumeister immer hinein, dass alle

Kanalrohre und Verrohrungen PVCfrei

sein müssen. Das sind Schritte,

wo der Planer durchaus etwas nachhaltiges

tun kann, wenn er das möchte.

Die CO 2 -Emissionen beim Bauen

sind sehr hoch. Zement wird immer

hauptverantwortlich gemacht, aber

natürlich sind das auch alle anderen

Materialien, hinter denen die Betonindustrie

und chemische Industrie

steht. Wir Planer sind mitverantwortlich

und können und sollen etwas tun.

Natürlich muss die Politik und der

Gesetzgeber auch nachziehen, denn

das Bauen ist viel zu kompliziert geworden.

Ebenso muss der Bauherr

bereit sein mitzumachen. Der Planer

ist jedenfalls derjenige, der dieses

Rädchen anfängt zu drehen.

Wie kann die wichtige Ressource

Lehm als Rohstoff und auch in Form

von alten Bestandsbauten näher ins

Bewusstsein rücken?

Ich versuche mit meinen Projekten

Referenzen zu bauen. In Mitterretzbach

fungiert der Umbau meines

eigenen Hauses als Forschungsbaustelle.

Hinten am Grund habe ich

eine große Lehmgrube ausgehoben.

Die Transformation und Sanierung

dieses alten Bauernhofes mache

ich ausschließlich aus dem Aushub

dieser Grube. Ich schaue, wie weit

ich mit diesem Lehm komme, um

synthetische Baustoffe zu ersetzen.

Die Verwendung als Lehmputz ist

klar, aber auch die Sanierung des alten

Mauerwerks und Anschlüsse im

Holzbau, wie z.B. die Luft- und Winddichtigkeit,

Gebäudeabdichtungen

und auch ein Stampflehmboden sind

möglich. Lehm ist als Grundmaterial

zu sehen, das je nach Mischung in

unterschiedliche Aggregatzustände

gebracht und für verschiedene Funktionen

angewendet werden kann. Ich

zeige, dass ich das Material direkt aus

dem Aushub verwenden, und damit

Baustoffe für unterschiedliche Anforderungen

herstellen kann. So bin

ich in der Lage einen zeitgemäßen

Bau herzustellen, der komplett ohne

Chemie auskommt. Erklären kann ich

diese Möglichkeit zwar oft, aber erst

das Herzeigen und Angreifen schafft

ein Aha-Erlebnis. Die zweite wichtige

Ebene der Bewusstseinsbildung ist

die Forschung. Den Aushub betreffend

möchten wir gerne ein einfaches

Messtool entwickeln, mit dem man die

prinzipiell wichtigsten Mischungen

des Lehms mit einer Art Werkzeugkasten

untersuchen kann. Dafür haben

wir aber noch kein Forschungsprojekt

bekommen. Wenn man einen

Aushub verwenden will, der beim

Straßenbau oder Hausbau anfällt,

kommt da neben Humus in den allermeisten

Fällen auch Lehm vor. Man

könnte versuchen den Lehmaushub

nicht auf eine Deponie sondern auf

den örtlichen Bauhof zu führen. In

historischen Zeiten hat die Gemeinde

sehr oft den Lehm der Bevölkerung

zur Verfügung gestellt. Man hat ihn

Dem Befürfnis nach Licht und Offenheit kommt die

Umgestaltung nach, ohne die Geschichte des Gebäudes

zu verbergen. Diese bleibt auch im Inneren ablesbar

und macht es so unverwechselbar.


www.architektur-online.com

17

Andi Breuss

Ein neuer Ansatz des Zusammenlebens im ländlichen Raum ist bei den Wohnbauten

im niederösterreichischen Reichenhalms erprobt worden. Als Co-Sharing-Haus

teilt es soziale Aufgaben unter den Bewohner:innen auf und versucht fehlende

infrastrukturelle Angebote durch die Gemeinschaft zu kompensieren.

gesammelt und wenn ihn jemand benötigt

hat, konnte man ihn kostenlos

nehmen. Für komplexere Lehmanwendungen

muss erst ein Bewusstsein

entwickelt werden. Dafür können

Prototypen mit einer ansprechenden

Architektur dienlich sein.

Welche Instrumente können geschaffen

werden, um den Lehmbau

weiter zu verbreiten?

Ich selbst habe ja ein paar Dinge

entwickelt und ich komme da natürlich

nicht weiter, wenn diese neu

entwickelten Lösungen nicht geprüft

werden. Ich muss nachweisen, dass

mein Bausystem zum Beispiel luftdicht

ist, und der Schallschutz und

Brandschutz den Anforderungen

entspricht. Sonst wird niemand ein

Haus damit planen und bauen. Für

den Lehmbau gibt es aktuell nur wenige

Normen. Ob eine Norm für den

Lehmbau das richtige ist bezweifle

ich, denn auf eine Norm wird dann

wieder eine andere Norm daraufgesetzt.

Dann wird das Ganze immer

komplizierter, was beim Lehm nicht

passieren sollte. Eher muss viel mehr

Geld in Prüfungen von Lehmanwendungen

investiert werden. Das

Netzwerk Lehm engagiert sich da

auch besonders und versucht Forschungsprojekte

aufzutreiben. Ziel

ist, Details mit geprüften Aufbauten

in einer Datenbank — ähnlich der von

Dataholz — zur Verfügung zu stellen.

Das würde den interessierten Planer

bei der Anwendung von Lehmbaustoffen

unterstützen und motivieren.

Ich kann von keinem Planer erwarten,

sich selbst einer jahrelangen

Forschung zu widmen. Mit besseren

Unterlagen hätte der Planer mehr

Sicherheit und kann auch besser vor

dem Bauherrn argumentieren.

Passt das Angebot an Produkten

und ausführenden Firmen für Naturmaterialien

mit der Nachfrage danach

zusammen?

Immer mehr Firmen beschäftigen

sich seriös mit dem Thema Nachhaltigkeit

und neuen bautechnischen

Ideen. Auch einige Baumeister

sind dafür mittlerweile sehr

offen. Sie treffen auf eine interessierte

Kundschaft. Da hat sich in

den letzten Jahren etwas bewegt,

auch speziell am Land. Das Interesse

ist da, aber das Know-how und

das Wissen fehlen oft. In der Baumeisterausbildung

könnte es zum

Beispiel verstärkt Zusatzangebote

für natürliches Bauen mit Holz und

Lehm geben. Auch Praxisseminare

helfen, die Angst vor dem Arbeiten

mit Lehm zu nehmen. Bei den Bauprodukten

sind meine Erfahrungen

auch eher positiv. Ich finde fast immer

das, was ich haben will und bekomme

jetzt auch schon häufig die

Kennwerte dazu. Mittlerweile wurde

verstanden, dass Untersuchungen

und die Angabe von technischen

Eigenschaften notwendig sind, um

neue Produkte zu verkaufen.

Nach welchen Kriterien wählen Sie

die Firmen aus, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Zuerst schaue ich, welche Firmen es

in der Umgebung gibt. Das ist praktisch,

denn sie kennen den Boden,

die Gepflogenheiten vor Ort und

auch die Behörden. Beim Holzbau

heißt es immer, dass Vorarlberg das

beste Holzbauland ist. Man kann

aber auch in Niederösterreich und

im Burgenland ausgezeichnete Holzbauer

finden, die sehr kompetent

sind, zusätzliche Ausbildungen gemacht

haben, viel Wissen mitbringen

und sich auch mit Naturbaustoffen

beschäftigen. Sie verstehen meine

Ansprüche und es entstehen immer

interessante Diskussionen, weil sie

ja aus der Praxis kommen und viele

Anwendungsbeispiele und Fehler

kennen, aus denen zu lernen ist.

Wo wünschen Sie sich, dass der

Lehmbau in zehn Jahren steht?

Ich wünsche mir, dass die Möglichkeiten,

die der Lehmbau bietet, auch

tatsächlich irgendwann zum Durchbruch

kommen. Bei den CO 2 -Emissionen

würde das wahnsinnig helfen

und auch die Wohnqualität würde das

enorm verbessern. Zudem wünsche

ich mir, dass die meisten Anwendungen

innerhalb eines Bauprozesses mit

Lehm und Holz ausgeführt werden

und das Bauen im Sinne der Kreislaufwirtschaft

selbstverständlich ist. •

www.andibreuss.at

www.netzwerklehm.at


architektur PEOPLE

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Martin Junger

Der Umweltschutz

als Anstoß

für Innovation

Interview mit Architekt Martin Junger

Architekt Martin Junger führt gemeinsam

mit Stefan Beer Junger das Architekturbüro

junger_beer in Wien. Dabei

blickt das Büro, das sich unter anderem

auf die Planung von Wohnhäusern und

Büros sowie Umbauten spezialisiert

hat, auf mehr als 20 Jahre Erfahrung

zurück. Während seiner Tätigkeit in

der Baubranche, hat Martin Junger

mit dem Einsatz von unterschiedlichen

Materialien Erfahrung gesammelt. In

diesem Interview gibt der Planer seine

Stellungnahme zur Wahl der Baustoffe

in der Architektur und deren Auswirkungen

auf den Klimaschutz ab.

© junger_beer architekten


www.architektur-online.com

19

Martin Junger

Gibt es Materialien, die Sie in der Bauplanung

in Bezug auf nachhaltige Bauten

als besonders wichtig ansehen?

Meiner Ansicht nach, sind vor allem

Brettsperrholzelemente und großformatige

Mehrschichtholzplatten für

klimaverträgliches Bauen besonders

wichtig. Doch gleichermaßen erachte

ich alternative Dämmsysteme – in

diesem Kontext sind unter anderem

Zellulose und Holzfaserdämmplatten

zu erwähnen – in puncto Nachhaltigkeit

als unverzichtbar. Es gilt

beim Hausbau aber immer, für jede

Situation die bestmögliche Lösung

zu finden. Aufgaben sind hier immer

individuell anzugehen.

Für den Umweltschutz in der Architektur

ist es grundsätzlich auch

notwendig, auf recyclebare Baustoffe

und Bauweisen zu setzen. Nur so

lässt sich auf lange Sicht der Verschwendung

von Rohstoffen entgegenwirken.

In der Baubranche besteht

in diesem Punkt auf jeden Fall

noch Aufholbedarf.

Von welchen Baustoffen kann die

Architektur – Ihrer Meinung nach

– in der Zukunft am meisten profitieren?

Welche Materialien kommen

womöglich in den nächsten Jahren

vermehrt zur Anwendung?

Zukunftsträchtig sehen wir auf jeden

Fall Baustoffe aus nachwachsenden

Rohstoffen an. Denn so ist es in der

Architektur möglich, nachhaltig zu

bleiben. Holz ist in diesem Fall ein

besonders wichtiger Rohstoff.

Doch auch sämtliche Materialien, die

in einer Kreislaufwirtschaft Bestand

haben, können die Baubranche bereichern

und diese in Zukunft auf ein

neues Level bringen. Es sollte das

Bestreben in der heutigen Zeit also

darin bestehen, Baustoffe so oft wie

möglich wiederzuverwenden. Das

Recycling hat in Bezug auf den Klimaschutz

damit auch in der Architektur

einen hohen Stellenwert. Nur

dann, wenn ein Baustoff die erwähnte

Voraussetzung erfüllt, ist es im

Bau möglich, klimaneutral zu bleiben.

Ist in Bezug auf die verwendeten

Materialien in der Baubranche ein

Wandel erforderlich? In welchen Bereichen

gibt es diesbezüglich Entwicklungsmöglichkeiten?

Es ist in der Baubranche sicherlich

ein Umdenken erforderlich, wenn

es um die Wahl und den Einsatz der

Materialien geht. In diesem Kontext

ist unter anderem die unbedingt notwendige

Reduktion von Stahlbeton

zu erwähnen. Dies liegt daran, dass

bei der Herstellung von Zement hohe

Mengen an CO 2 -Emissionen abgegeben

werden. Auch benötigt der gesamte

Prozess viel Energie, was sich

auf lange Sicht defintiv negativ auf

die Umwelt niederschlägt.

Es ist immer besser, auf erneuerbare

Materialien wie Holz zu setzen. In diesem

Punkt besteht in der Architektur

auf jeden Fall noch Aufholbedarf. u

Haus im Park: Die Realisierung eines Wohnhauses

durch junger_beer architekten in

einer ungewöhnlichen Lage.

© junger_beer architekten


architektur PEOPLE

20

Martin Junger

© junger_beer architekten

Holzhaus in Golling: Ein Beispiel für den Einsatz von Holz als Baustoff beim Einfamilienhaus.

Welche Chancen sehen Sie für die

Baubranche im nachhaltigen/klimaverträglichen

Bauen?

In diesem Punkt will ich die Automobilindustrie

als Beispiel erwähnen.

Denn hier entwickelten sich durch

den Einsatz klimaverträglicher Technologien,

wie beispielsweise der Einführung

von E-Autos, neue Märkte

und Arbeitsfelder.

Ähnlich könnte es letzten Endes

auch in der Architektur ablaufen.

Durch die vermehrte Investition in

den Umweltschutz, könnten sich für

Planer und Architekten innovative

Tätigkeitsfelder entwickeln. Dies

schafft natürlich neue Arbeitsplätze,

weshalb die nachhaltige Bauweise

für die Baubranche generell ein guter

Schritt in Richtung Zukunft ist.

Von welchen Neuerungen in puncto Klimaschutz

könnte die Architektur Ihrer

Meinung nach profitieren und warum?

Ich sehe die Chance der Architektur

in puncto Klimaschutz darin, dass

sich diese wieder vermehrt auf das

Wesentliche konzentrieren könnte.

Damit wäre es letztendlich möglich,

langlebige und anspruchsvolle Räume

zu schaffen. Es findet in diesem

Fall das Bauen mit dem Menschen im

Fokus statt.

Es gilt, der Gewinnmaximierung,

Ressourcenverschwendung und

Kurzlebigkeit der Gebäude entgegenzutreten.

Denn wie die derzeitige

Entwicklung zeigt, hat eine oberflächliche

Herangehensweise weder

in der Baubranche noch in anderen

Sektoren Zukunft.

Welche Rolle könnte die Architektur

in Bezug auf den Umweltschutz in

Städten spielen?

Ich sehe die Hauptaufgabe der Architektur

heute in erster Linie darin,

Denkanstöße für den Klimaschutz zu

geben. Sie kann aufzeigen, welche

Möglichkeiten und Lösungswege es

für das Problem gibt und wie sich

Herausforderungen in diesem Bereich

mit unterschiedlichen Herangehensweisen

meistern lassen.

Allerdings handelt es sich bei den

Verhaltensweisen, die heutzutage zur

Klimaerwärmung und der Umweltvernichtung

führen, schlussendlich um

ein gesamtgesellschaftliches, politisches

und wirtschaftliches Grundproblem.

Also erst dann, wenn bei der

breiten Masse und in der Politik ein

Umdenken stattfindet, kann auch in

der Architektur ein großformatiger

Wandel erfolgen. Es handelt sich hierbei

immerhin um Bereiche, die sich

gegenseitig beeinflussen. Für eine

Veränderung braucht es Zeit. •

www.jungerbeer.at


Dusch-WC SensoWash ® Starck f.

Ikonisches Design. Maximaler Komfort.

Mit SensoWash ® Starck f präsentieren Duravit und Philippe Starck eine neue Dusch-WC-Generation für moderne,

natürliche Toilettenhygiene. Technische Finessen wie Näherungssensor, Benutzerkennung, Fernbedienung,

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architektur PEOPLE

22

Christian Hammerl

Theorie

praktisch denken

Interview mit Architekt Christian Hammerl

Das Innsbrucker Architektenduo Christian Hammerl und

Elias Walch alias he und du machen Architektur mit ganz

viel Gefühl, immer bezogen auf den jeweiligen Bauherren

oder die Bauherrin sowie den Standort und die

damit einhergehenden Anforderungen. Dabei versuchen

sie den Geist ihrer Generation zu treffen, um auch für die

Zukunft eine lebenswerte, gebaute Umwelt zu schaffen.

Christian Hammerl spricht im Interview über den Einfluss

seiner praktischen Ausbildung als Tischler auf sein

Architekturverständnis, Holz als innovativen Baustoff

und die Rückbesinnung der kommenden Generationen

auf das eigene Heim und die Umgebung. Viel zu tun.


www.architektur-online.com

23

Christian Hammerl

Wie geht man als junges Architekturbüro

mit den Herausforderungen

dieser Zeit um?

Unsere Herausforderung besteht

tatsächlich in einer enormen Auftragsflut,

die wir so erst einmal gar

nicht erwartet hatten. Wir arbeiten

generell meist mit jüngeren Bauherren

und -frauen zusammen, die ihr

Geld momentan offenbar gerne in

Form eines Einfamilienhauses anlegen

wollen. Als junges Büro haben

wir natürlich nicht die Ressourcen

oder die Anzahl an MitarbeiterInnen

wie manch etablierter Kollege. Da

wir unsere Entwürfe niemals einfach

aus der Schublade ziehen, sondern

immer individuell an den Kunden

und das Grundstück angepasst planen,

herrscht da schon ein gewisser

Zeitdruck – wir wollen schließlich

auch unseren eigenen Ansprüchen

gerecht werden. In der Planung setzen

wir dabei oft auch auf den Umbau

von Bestandsgebäuden – das ist

einfach nachhaltiger und wir können

mit Baustoffen arbeiten, die vor Ort

verfügbar sind. Im Bezug auf unsere

MitarbeiterInnen versuchen wir dennoch

nicht exponentiell zu wachsen,

wir planen da lieber auf lange Sicht

und hoffen, dass wir als Team dann

auch länger Bestand haben und alle

Beteiligten frei von wirtschaftlichen

Zwängen arbeiten können – soweit

das überhaupt möglich ist.

Würden Sie sagen, dass Ihre Ausbildung

Sie für die anstehenden Aufgaben

gerüstet hat?

Elias und ich besuchten beide die

HTL für Innenraumgestaltung und

Möbeldesign, Elias Vater betreibt

Das mit dem Sanierungspreis ausgezeichnete Projekt GUT DRAUF setzt auf den

Baustoff Holz für die Konstruktion, Dämmung und Oberfläche. Ein baufälliger

Dachboden konnte ausgebaut und in Wohnraum verwandelt werden.

eine eigene Tischlerei. Dort wurden

uns auch geschichtliche und ästhetische

Aspekte der Möbelfertigung

nahegebracht. Wir haben also beide

schon immer gerne mit angepackt

und sowohl in Büros wie Tischlereien

gearbeitet. Diese praktische Erfahrung

bringt uns jetzt den Vorteil,

dass wir statische und konstruktive

Zusammenhänge intuitiv verstehen.

In Verbindung mit der Ausbildung

an der Uni ist das perfekt. Ich denke,

dass man als rein universitär ausgebildete/r

ArchitektIn heutzutage erst

einmal etwas “baufremd” in den Beruf

startet. Das Erleben von Architektur

mit allen Sinnen bleibt meiner Meinung

nach allzu oft auf der Strecke

und was von den ProfessorInnen vermittelt

wird, ist meist sehr abstrakt

– dafür aber wiederum auch sehr kreativ.

Dazu kommt die Verlagerung in

die digitale Arbeitswelt, die sicherlich

auch ihre Daseinsberechtigung hat.

Beim Modellbau ergeben sich aber

doch meist wichtige Erkenntnisse,

die so verloren gehen. Am Ende sind

auch wir sozusagen ins kalte Wasser

gesprungen und bilden uns seitdem

kontinuierlich weiter. Diese Art zu arbeiten

gefällt uns sehr gut. u

© David Schreyer

© David Schreyer


architektur PEOPLE

24

Christian Hammerl

© Christian Flatscher

LATTENBURG: Für die Sanierung des Gebäudes aus den 60er

Jahren kam für den Großteil der Möbel und Böden Massivholz

zum Einsatz – in speziell konischer Ausführung.

© Christian Flatscher

Welche Rolle spielt die immer weiter

voranschreitende Digitalisierung bei

Ihrer Arbeit? Fluch oder Segen?

Für mich ein zweischneidiges Schwert.

Wir planen selbstverständlich alles in

3D, nutzen BIM und versuchen die Programme

in ihrer Funktion so weit wie

möglich auszureizen. Auf der anderen

Seite arbeiten wir von Hand analog

am Modell: für uns unerlässlich, wenn

es um Atmosphäre und Proportionen

geht. Ich muss aber auch gestehen,

dass wir für Arbeitsmodelle mittlerweile

zu wenig Zeit haben – wenn es

aber ins Dreidimensionale geht, setzen

wir auf Karton und Holz anstelle

von VR oder 3D-Druck. Das hat einfach

nicht das Feeling. Zur Kommunikation

mit unseren Bauleuten nutzten

wir in Coronazeiten sehr gerne ZOOM

oder WhatsApp. Wobei gerade Letzteres

zum schnellen Austausch von

Fotos und Plänen so gut funktioniert,

dass wir dieses Kommunikationsmittel

wohl beibehalten werden.

Wo sehen Sie Ihre Rolle als “Gestalter

der Zukunft”?

Wir sind auf jeden Fall keine Denkmalbauer,

wir bauen für die Nutzer-

Innen. Uns ist es ein Anliegen, das

Bewusstsein für (gelungene) Architektur

in der Gesellschaft zu stärken.

Es existiert mittlerweile ja so etwas

wie eine “künstlerische Umweltverschmutzung”.

Nachhaltiges Bauen

ist auch ein großes Thema unserer

Zeit und Generation. Wir würden einen

Bestandsbau niemals abreißen,

wenn dieser noch zu retten wäre.

Da versuchen wir auch auf unsere

Bauherren und -frauen dementsprechend

einzuwirken. Auch das Ortskernsterben

ist eine Problematik, die

damit zusammenhängt. Zum Glück

wissen unsere KundInnen, dass wir

für diese Art von “Slow Architecture”

stehen. Die machen dann ohnehin

im Ausbau viel selber, um die Kosten

niedrig zu halten. Um Projekte auf

diese Weise umsetzen zu können,

braucht es verlässliche Partner am

Bau. Uns ist es ganz wichtig, dass wir

sowohl mit den ausführenden Firmen

als auch mit unseren Auftraggebern

auf Augenhöhe kommunizieren.

Ein positiver Aspekt, den Sie aus

dem vergangenen Jahr mitgenommen

haben?

Zum Einen können wir uns über

unsere Auftragslage wirklich nicht

beklagen. Zum Anderen finde ich

die Erkenntnis erbaulich, dass viele

(junge) Leute ihre Wohnung jetzt

bewusster wahrnehmen und diese

dementsprechend aktiv aufwerten

wollen. Auch die Umgebung unserer

Wohnungen gewinnt an Bedeutung –

ich meine damit die Natur, das Grün,

den Garten. Viele zieht es aus den

Städten hinaus auf das Land. Das

Wohlfühlen zu Hause ist zu einem

großen Thema geworden. Und ganz

abgesehen davon haben wir gelernt:

Immer positiv bleiben!


www.architektur-online.com

25

Christian Hammerl

© David Schreyer

Bei diesem „Schulprojekt“ der NMS Fließ waren die SchülerInnen von Anfang bis Ende in den Bauprozess involviert.

Durch das Mitanpacken konnten die Jugendlichen erleben, wie man Holz zu einer Wand/Decke „schichten“ kann.

Greifen Sie im Planungsprozess speziell

auf moderne Produkte, Baustoffe

und Technologien zurück?

Als Tischler ist Holz für uns, als einer

der ältesten und ökologisch nachhaltigsten

Baustoffe, das Nonplusultra.

Neben dem modularen Bauen und

der verkürzten Bauzeit durch die

Vorfertigung, lässt sich Holz sehr

vielseitig einsetzen und in verschiedenste

Formen bringen. Wir suchen

daher immer nach Herstellern und

Handwerkern, die hier am Puls der

Zeit sind. Viele arbeiten doch noch

sehr traditionell. Das sehe ich keinesfalls

negativ, aber nur, weil etwas

schon immer so war und sich bewährt

hat, heißt das nicht, dass es nicht

auch andere Wege geben kann. Da

sehe ich noch Potenzial. Im Moment

sind wir aber mit den Prozessen sehr

zufrieden, da wir beobachten können,

dass die räumliche Qualität mehr

zählt als spektakuläre Landmarks.

Wo seht ihr die Rolle der Hersteller

für die Zukunft? Wo gibt es noch

Potenzial?

Die Zusammenarbeit mit vielen Herstellern

vergleiche ich bildlich gerne

mit einer Autobahn. Solange man

in der Spur bleibt, funktioniert das

wunderbar. Will man jedoch spontan

abzweigen, ist da oft keine Ausfahrt

möglich. Gerade in Tirol mit dem immensen

Markt im Tourismussektor,

haben viele Hersteller beispielsweise

für sich erkannt, die 3S-Platte mit

Anleimer lässt sich problemlos und in

Masse verkaufen. Wenn wir nun mit

dem Wunsch nach einer individuellen

Sonderlösung kommen, besteht

da einfach kein (wirtschaftliches)

Interesse. Viele ausführende Firmen

haben zudem Angst vor Bauschäden

und möglichen Klagen seitens der

Bauleute, wenn sie doch einmal Mut

zum Experiment beweisen. Wir setzen

daher auf kompetente Partner mit Erfahrung,

echte Problemlöser, die nicht

nur auf die Norm schauen, sondern

auch mit Menschenverstand und kreativem

Elan an Dinge herangehen.

SUPERSTUDIO:

Bei dem Kellerausbau

wurde

die bestehende

Holztäfelung als

Verschalung für

die Schlafkoje

wiederverwendet,

dank der

großzügigen

Glasfassade wird

der Garten nun

auch im Inneren

erlebbar.

© He und Du

Inwieweit sollten Ihrer Meinung nach

Forschung, Industrie und Kreative

bezogen auf die Produktentwicklung

zusammenarbeiten?

Unserer Erfahrung nach gibt es zwischen

Universitäten und Industrie

in Tirol schon Schnittmengen, allerdings

basieren die häufig auf persönlichen

Kontakten. Eine echte Kultur

besteht dahingehend leider noch

nicht. Immerhin lassen sich einige

erfolgreiche Kooperationen beobachten,

die auf einzelne individuelle

Initiatoren zurückgehen. Da besteht

in Innsbruck aber noch ordentlich

Luft nach oben.


www.heunddu.me


architektur PEOPLE

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Lisi Wieser

Die Möglichkeiten

ausschöpfen

Interview mit Architektin Lisi Wieser

Lisi Wieser unterstützt mit ihrer

Plattform „Architektur für alle“

private Baufrauen und Bauherrn bei

Umnutzung, Umgestaltung, Umbau

und Erweiterung ihres Zuhauses. Spezialisiert

ist sie auf Projekte im kleinen

und kleinsten Maßstab, die sie architektonisch

betreut. Ihre Plancoachings

stoßen als skizzenhafte Beratungen

auf großes Interesse und vor allem

auch auf Bedarf. Mit ihrer Arbeit will

sie einen Beitrag dazu leisten, die Architektur

wieder mit mehr Wertigkeit

zu versehen.

Fotos: Kristina Brandstetter


www.architektur-online.com

27

Lisi Wieser

Auch und vor allem kleine Details können viel bewirken und

zur Wohlfühlatmosphäre beitragen: einladende Sitzplätze

zum Verweilen und Ausblicke an der richtigen Stelle. Dazu

stellt Lisi Wieser auch auf ihrem Blog viele Tipps und Tricks

zur Verfügung.

Was nehmen Sie aus der

Coronazeit für Ihre Arbeit mit?

Meine Plancoachings mache ich

seit Corona ausschließlich online.

Ich sitze Menschen gerne gegenüber,

somit hätte ich das ohne diese

Umstände wohl nicht ausprobiert.

Überraschenderweise haben wir

tatsächlich festgestellt, dass wir im

Online-Modus mehr Ideen haben,

mehr produzieren, schneller zum

Punkt kommen und auch weniger

Zeit brauchen. Zuhause scheinen

sich die Leute sicherer zu fühlen und

auch konzentrierter zu sein. Durch

die Live-Übertragung können sie

auch direkt bei dem mitschauen, was

ich am Tablet zeichne. Das ist eine

Kleinigkeit, aber am Papier zeichnend

habe ich immer meine Hand

vor dem Blatt. Am Bildschirm sehen

sie genau, was ich mache und können

mitreden.

Wer sind die Leute, mit denen

Sie Plancoachings machen?

Das sind Menschen, die umbauen

und viel selbst in die Hand nehmen

möchten. Mein spezieller Kundenbereich

liegt immer unter einem Budget

von 500.000 Euro. Oft geht es darum,

ein geerbtes Haus an ihre eigenen

Lebensumstände anzupassen. Ich

entwickle dazu ihre Grundrisse und

sie bekommen von mir Inputs, wie sie

das Haus oder die Wohnung, zu ihnen

passend, adaptieren können. Ich

entwerfe nicht nur für EigentümerInnen,

sondern auch für MieterInnen.

Diesen fehlt oft ein zusätzliches

Zimmer und sie fragen sich, ob es

notwendig ist, dafür in eine größere

Wohnung mit erheblichem Mietaufschlag

umzuziehen. Ich unterstütze

sie dann dabei, die bestehende Wohnung

umzubauen und umzunutzen.

Was zeichnet Ihren besonderen

Arbeitsbereich aus?

Ich arbeite in dem Privatbereich,

wo ArchitektInnen eigentlich zu viel

leisten müssen. Es gibt einen Grund,

wieso die meisten Architekturbüros

Projekte unter einem Bauvolumen

unter 500.000 Euro nicht bearbeiten.

Für die ArchitektInnen laufen da nur

Arbeitsstunden hinein und es schaut

dabei wenig heraus. Wirtschaftlich

ist das eigentlich nicht tragbar. Auch

leisten sich heutzutage nur wenige

dieser privaten Baufrauen und Bauherrn

ArchitektInnen, da viele schon

schwer den Umbau an sich finanzieren

können. Dadurch ist bei mir die

Kommunikation ganz wichtig. Das

Architekturwissen muss so übersetzt

werden, dass es mein Gegenüber

leicht und verständlich begreift.

Auf diese Art von Vermittlung bin ich

spezialisiert. Ich muss klar machen,

wieso beispielsweise diese Tür genau

da wichtig ist und nicht um einen

halben Meter verschoben werden

kann. Mein innerer Drang ist es, den

Leuten mitzuteilen, dass sie nur einmal

umbauen und das jetzt Überlegte

sie nichts kostet, aber trotzdem

total wichtig ist. Ob das Fenster in

der Morgensonne ist und einen Blick

ins Grüne hat, soll überlegt werden.

In Österreich gibt es dafür keine Ansprechperson.

Ich unterstütze sie sozusagen

dabei, ihre eigenen besten

ArchitektInnen zu sein.

Wie ist der Schwerpunkt Ihres

Büros entstanden?

Aus einer Beobachtung heraus habe

ich gemerkt, dass es viele Leute,

Freunde und Bekannte gibt, die ein

Haus bauen und dafür Hilfe suchen.

Es gibt Menschen, die Expertise

brauchen und bereit sind Geld dafür

auszugeben. Sie finden aber niemanden,

der ihnen etwas bietet, womit

sie etwas anfangen können. So ist

„Architektur für Alle“ entstanden, das

war für mich ein logischer Schritt.

Was ist Ihre Motivation, sich dieser Nische

am privaten Markt zuzuwenden?

Architektur wird heute noch in einer

Struktur geplant, die es schon über

einhundert Jahre gibt. Wir halten

uns akribisch an die Einteilung nach

unseren zehn Planungsschritten. Es

hat sich in der Zwischenzeit aber alles

komplett gewandelt und wir ziehen

die Struktur trotzdem über das

Internet, über Google, über BIM. Das

stelle ich in Frage, denn es gilt zu

schauen, was der Mensch überhaupt

braucht. Was die Lösung dafür ist,

weiß ich auch nicht. Aber ich denke,

idealerweise suchen viele Menschen

viele Wege. Diese veraltete

Struktur, die die ganze Welt in diese

Professionisten-Struktur zu pressen

versucht, hat mich sehr angetrieben.

u


architektur PEOPLE

28

Lisi Wieser

Es gibt Projekte – je größer umso

besser –, die gut darauf ausgelegt

sind und unglaublich viele andere,

die nicht hineinpassen. Gleichzeitig

hat die räumliche und atmosphärische

Ausbildung von ArchitektInnen

– vor allem im Wohnbau – sehr

wenig Bedeutung. Bei großen Projekten

hat Atmosphäre keinen Wert.

Das schätze ich bei meinen Kunden,

dass sie ein atmosphärisch cooles

Wohnzimmer haben möchten. Keiner

will ein weiß gefliestes Wohnzimmer,

weil es einfach zu putzen ist. Auch

deshalb habe ich mich dem privaten

Markt zugewandt. Ich möchte für

Menschen, für Charaktere, für Leute

planen, die ich anschauen kann und

nicht für die anonyme Masse. Im privaten

Bereich habe ich den größten

Impact auf die Architekturqualität.

Wie spiegelt Ihre Arbeit das wider,

was Architektur für Sie ist?

Architektur ist für mich der Mensch,

der drinnen ist. Ich mache gerade in

Berlin meinen PhD mit einem praxisbezogenen

Programm. Dessen Aufgabe

ist es, über die eigene Arbeit

zu schreiben und daraus für andere

Wissen zu generieren. Das lädt mich

dazu ein, viel über das Nicht-Sehen

des architektonischen Feldes nachzudenken,

in dem ich arbeite. Oft

gerate ich dabei zwischen die Fronten

bei der Ansicht dazu, was Architektur

überhaupt ist. Viele sagen,

dass es keine Architektur ist, wenn

es nicht ästhetisch und kein Design

ist. Für mich ist Architektur aber am

Fenster zu sitzen und in die Sonne

hinauszuschauen. Oder hinunterzugehen,

einen Baum zu sehen und

meiner Freundin in der Küche „Hallo“

zu sagen. Architektur ist für mich

Bewegung, Schauen und Licht. Da

entbrannten bereits Streits, ob ich

überhaupt Architektin bin oder nicht.

Wie kann der Arbeit von ArchitektInnen

mehr Bedeutung zukommen?

Es gibt zwischen Deutschland und

Österreich einen großen Unterschied:

In Deutschland braucht man

immer einen Architekten, da gibt

es nur ganz wenige Ausnahmen. In

Österreich braucht man im privaten

Bereich oft gar keinen Architekten.

Dann versteht auch keiner, wieso einer

notwendig ist. Es gibt auch einen

Unterschied zwischen privaten kleinen

und großen AuftraggeberInnen.

Den ersteren muss ich erklären, was

das Gute an unserer Planung ist. Das

versuche ich über meine Plattform,

wo ich quasi erkläre was der Nutzen

unserer Arbeit ist. Zum Glück gibt es

diese Attitüde nicht mehr, dass ich

schnell einen Entwurf mache und

dafür nichts verlange. Denn das geht

einfach nicht. Man muss unsere Arbeit

– jeden Strich und jede Zeichnung

– mit einer Wertigkeit versehen,

sonst ist sie einfach nichts wert.

Um welche Entwicklungen wird es in

den nächsten Jahren kein Herumkommen

geben?

In meinem Bereich geht es dabei um

alle Häuser, die zwischen 1940 und

1990 gebaut wurden. Diese kommen

jetzt alle in die Jahre und es

gibt einen riesigen Sanierungsbedarf.

Auf der einen Seite gibt es die

Wohnungsnot und andererseits Häuser,

die meist von nur ein bis zwei

Personen bewohnt werden. Gerade

werden viele davon weitergegeben

oder vererbt. Junge und auch ältere

Menschen wollen dort einziehen und

diese durchgewohnten Häuser adaptieren.

Das ist ein großes Thema und

gleichzeitig auch der CO 2 -Haushalt.

Daraus ergibt sich die Frage, wie

man umweltschonend sanieren kann.

Wir brauchen nämlich nicht mehr so

viel neu bauen, sondern der Bestand

muss erneuert werden.

Was möchten Sie der zukünftigen

ArchitektInnen-Generation auf den

Weg geben?

Schaut auf die Umwelt und auch darauf,

dass die Leute über eure Arbeit

Bescheid wissen. Es ist nicht gut, ein

vorgefundenes System zu übernehmen

und genauso weiterzumachen.

Es muss die Frage gestellt werden:

Finde ich das, was gerade gebaut

wird, toll? Werde ich etwas daran

verändern, wenn ich einen guten

Wettbewerbsbeitrag und einen tollen

Entwurf mache? Wenn ich das

für mich mit Nein beantworte, dann

gilt es zu überlegen, was Alternativen

sind und was ich ausprobieren

kann. Wir schöpfen zu 99 Prozent

nur eine Möglichkeit aus, Architektur

zu machen, obwohl es noch so

viele mehr gibt.


www.architektur-fuer-alle.at

Auch kleine Veränderungen sollen wohlüberlegt

geplant sein. So kann etwa ein

Kamin viel zur Wohnqualität beitragen,

wenn er gut positioniert und mit einem

angenehmen Sitzplatz kombiniert ist, der

auch im Sommer schöne Ausblicke bietet.


Nachhaltigkeit

Bauwerk ist das erste Unternehmen weltweit, das einen gesamten

Produktionsstandort nach Cradle to Cradle® zertifiziert hat.

Alle im schweizerischen St. Margrethen hergestellten Produkte

sind mindestens Cradle to Cradle Bronze zertifiziert, dies

entspricht mehr als 60 % des gesamten Bauwerk-Sortiments.

Für alle Silente-Produkte trägt der Parketthersteller sogar das

Zertifikat Cradle to Cradle Gold.

Erfahren Sie mehr in unserem Nachhaltigkeitsbericht, der nach

internationalem Reporting Standard (GRI) verfasst wurde:

www.bauwerk-parkett.com/at-de/ueber-bauwerk/nachhaltigkeit.html

Dieses Bauwerk-Produkt wurde zertifiziert durch:

ID 0316 - 11251 - 001


architektur PEOPLE

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Günter Katherl

Ein Umdenken

ist erforderlich!

Interview mit Architekt Günter Katherl

Günter Katherl ist Geschäftsführer

und Gründungsmitglied von Caramel

Architekten. Die Planer widmen sich

einer Vielzahl an Projekten, wobei sie

vor allem auf Innovation und umweltverträgliche

Konzepte Wert legen.

Welche Baustoffe werden in der Architektur

– Ihrer Meinung nach – in

der Zukunft vermehrt zum Einsatz

kommen?

Ganz sicher wird in der Zukunft Holz

noch gefragter als heute sein. Es ist

aber auch anzunehmen, dass verstärkt

Materialien wie Leichtbeton

zum Einsatz kommen. Letzteres wird

vor allem für monolithische Bauweisen,

wie das „geplottete“ Haus angewendet

– eine innovative Technologie,

die sich derzeit durchaus auf

dem Vormarsch befindet.

Welche Materialien sehen Sie in Bezug

auf nachhaltiges Bauen als essenziell

an?

Das wichtigste bei der Nachhaltigkeit

ist wahrscheinlich nicht nur das

Material an sich, sondern die leichte

Trennbarkeit der verwendeten Materialien,

um sie einer Wiederverwertung

zuzuführen – denn auch

die Herstellung der Baustoffe ist mit

schädlichen Auswirkungen auf die

Umwelt und das Klima verbunden.

Mit einem bedachtsamen Umgang

der Materialien, ließe sich auf lange

Sicht der ökologische Fußabdruck in

der Architektur verringern.

© Caramel Architektur


www.architektur-online.com

31

Günter Katherl

Mit welchen Herausforderungen sehen

Sie sich in der Vereinbarkeit von

Nachhaltigkeit und Funktionalität der

Baustoffe konfrontiert?

Schon immer bestand die besondere

Herausforderung bei der Materialverwendung

in der Sparsamkeit

bei der Planung. Es ist nicht immer

leicht, diesen Aspekt mit der Nachhaltigkeit

in Einklang zu bringen.

Nun haben verschiedene Materialien

unterschiedliche funktionale

Vorteile, die sie bei umweltfreundlicher

Verwendung nur beibehalten

können, wenn sie „sortenrein“ eingesetzt

werden können. Konkret heißt

das, dass nur eine bestimmte Art von

Baustoff – wie beispielsweise Holz –

beim Hausbau zum Einsatz kommt.

Ist bei der Wahl der Materialien im

Städtebau und in der Architektur ein

Umdenken erforderlich?

Selbstverständlich ist in der Architektur

ein Umdenken erforderlich,

wenn es um die Materialwahl geht

– aber nicht nur bei den Baustoffen

sind innovative Herangehensweisen

gefragt. So ist einerseits die Zubetonierung

des Landes an sich zu stoppen.

Der Flächenverbrauch ist im

Städtebau viel zu hoch und damit auf

lange Sicht nicht mehr vertretbar.

Andererseits ist der Verbrauch von

schädlichem Dämmmaterial zu verringern.

Es werden auch heute noch

tonnenweise der umweltschädlichen

Stoffe aufgewendet – diese Entwicklung

ist unbedingt aufzuhalten.

Von welchen innovativen Herangehensweisen

in puncto Materialwahl

könnte die Architektur Ihrer Meinung

nach profitieren und warum?

Die Architektur lebt von der Innovation.

Neue, kreative Herangehensweisen

sind immer gefragt in unserem

Job - und dies in jeder Hinsicht!

Es ist somit auch bei der Materialwahl

bei Neuerungen wichtig, neue

Wege zu finden und auf dem aktuellen

Stand zu bleiben.

Welchen Beitrag könnte die Architektur

in puncto Klimaschutz sonst

noch leisten?

Die richtige Gedankenfolge muss in

der Architektur immer noch wie folgt

lauten: Reduce – Reuse – Recycle.

Dies gilt im Großen wie im Kleinen:

Es sollte immer weniger neu gebaut

werden und mehr Umnutzung

stattfinden. Auch ist mit den Materialien

bedachtsamer umzugehen.

Ein Beispiel dafür könnte sein, dass

diese so oft wie möglich wiederzuverwenden

sind. Auf diese Weise ist

es möglich, Rohstoffe zu sparen und

der umweltschädlichen Herstellung

Einhalt zu gebieten.


Das HoHo in der Wiener Seestadt Aspern, von RÜDIGER

LAINER + PARTNER Architekten ZT GmbH, ist ein Beispiel

für den Einsatz von Holz als Baustoff im Stadtraum.

© Alexander Migl

www.caramel.at

Die Flächenversiegelung

durch

die Industrie in

Hamburg-Bilbrook

als Beispiel

für hohen Flächenverbrauch.

© Picerno


architektur PEOPLE

32

Eva M. Hierzer und Architekt Stephan Brugger

Gebäude als

Rohstofflager

Interview mit Architektin Eva M. Hierzer und Architekt Stephan Brugger

© Manuel Draschl & Emilian Hinteregger

Eva M. Hierzer und Stephan Brugger sind zwei der insgesamt vier

Partner, die hinter NOW Architektur, einem jungen Architekturbüro

mit ambitionierten Zielen, stecken. Mit jeder Menge Knowhow

im Bereich Bauen im Bestand und Holzbau wollen sie ökonomisch,

ökologisch und sozial nachhaltige Architektur schaffen,

die sich über ihren gesamten Lebenszyklus und darüber hinaus

definiert. Ihre Projekte verstehen sie als Bauten, die einen baukulturellen

Beitrag leisten und durch Flexibilität und hohe Qualität

eine lange Lebensdauer und deren Werterhalt garantieren.


www.architektur-online.com

33

Eva M. Hierzer und Architekt Stephan Brugger

Wie agieren moderne ArchitektInnen

zukunftsfähig und wie versuchen Sie

das auch selbst umzusetzen?

Eva M. Hierzer (EH): Ein ganz wichtiger

Punkt, den wir auch versuchen in

unserem Büro umzusetzen, ist es, Gebäude

nicht nur temporär oder als zukünftige

Sondermülldeponie zu denken,

sondern langfristig – sowohl im

baukulturellen Sinn als auch hinsichtlich

ihrer konstruktiven Qualität. Zu

unseren Grundprinzipien gehört außerdem,

mit allen Projektbeteiligten

daran zu arbeiten, gemeinsam bessere

Lösungen zu finden. Das geht bis

jetzt gut auf und ist meiner Meinung

nach ein zukunftsfähiger Ansatz.

Stephan Brugger (SB): Ich denke,

nicht nur wir ArchitektInnen, sondern

auch allgemein unsere Gesellschaft

muss sich überlegen, wie sie

in Zukunft baut und wie viel. Diesbezüglich

stecken wir noch in den Kinderschuhen.

Gewisse Themen kann

man heutzutage nicht mehr leugnen

– schon gar nicht, wenn man ein Architekturbüro

gründet. Aufgaben

wird es immer geben, aber sie verändern

sich. Da wird sich, glaube ich,

viel in Bestandssanierung und -umbau

verschieben. Es wird verstärkt

darum gehen, Potenziale zu erkennen

und Transformationen durchzuführen.

Das ist einerseits mit weniger

Ressourcen verbunden, andererseits

damit, dass wir neue Gebäude neu

denken müssen: als Rohstofflager,

aus denen man Rohstoffe auch wieder

rausnimmt. Hier gilt es, sich zu

überlegen, welche Bauteile wie lange

in einem Gebäude bleiben und was

mit ihnen passiert, wenn dieses abgebrochen

wird. Das gleiche gilt für

den Holzbau: Nur in Holz zu bauen

ist zu wenig.

Zum anderen bemerken wir aufgrund

der Ressourcenknappheit

Lieferengpässe, sowohl bei Holz und

Stahl als auch bei Betonfertigteilen

und Dämmstoffen. Das führt dazu,

dass man teilweise tatsächlich auf

der Baustelle – auch mit den Firmen

zusammen – umdenken und sich Alternativen

überlegen muss, um doch

noch rechtzeitig fertig zu werden.

SB: In gewisser Weise waren diese

Themen immer schon aktuell.

Im Endeffekt geht es im Bauwesen

stets auch darum, welche Baustoffe

gerade leistbar bzw. vorhanden sind.

Beim Beton entscheidet man sich

dann zwischen Fertigteilelementen

oder Ortbeton, im Holzbau zwischen

Brettsperrholz und Rahmenbau. Deshalb

ist es wichtig, eine gewisse Flexibilität

in der Planung zu bewahren.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf

und in Diskussion mit Bauherren

und Firmen versuchen wir im Büro

dann, die Projekte gemeinschaftlich

zu verbessern. Und das funktioniert

glaube ich sehr gut.

Wie hoch ist die Nachfrage nach nachhaltiger,

klimafreundlicher Architektur?

EH: Bei öffentlichen Auftraggebern

ganz stark, weil diese z.B. in Wettbewerben

Nachhaltigkeitskonzepte

verlangen, und Bauprojekte vermehrt

von Nachhaltigkeitszertifizierungssystemen

begleitet werden.

Da geht es dann um eine möglichst

optimierte, klimapositive Planung,

die Wahl der Baustoffe, Lebenszyklus-

und Betriebskosten. Auch private

Bauherren zeigen vermehrt Interesse

an nachhaltigen Bauweisen

und/oder Bestandstransformationen.

Allerdings schrecken die höheren

Kosten viele ab. Solange es keine

CO 2 -Bepreisung der Baustoffe gibt,

kommt man ohne das nötige Kleingeld

nicht so einfach in die nachhaltige

Schiene.

SB: Ich denke hier wäre es an der Zeit,

dass die Politik verstärkt versucht,

diese Themen voranzutreiben. Denn

wenn im großen Maßstab nachhaltig

(um-)gebaut wird, müssen auch die

Kleinen nachziehen – vor allem wenn

es einen preislichen Vorteil bringt.

Ökologisch zu bauen, bringt aber nur

preislich einen Vorteil, wenn es viele

bzw. alle tun. Und genau das sollte

unser Ziel sein als Gesellschaft. u

Der Entwurf für die Erweiterung der Kinder- und Jugendpsychiatrie Graz

setzte sich in einem EU-weiten Wettbewerb durch. Besonders der Umgang der

neuen pavillonartigen Holzbauten mit dem Bestand überzeugte die Jury.

Wie ist die aktuelle Lage für Architekturbüros

hinsichtlich Rohstoffverknappung

und Preisdruck?

EH: Für uns auf Planerseite wirkt sich

das zum einen in Form von extrem

schwer kalkulierbaren Preisen aus.

Man kann einfach die Entwicklung

und Marktlage nicht abschätzen.

Bedingt durch die Investitionsprämien

wird sehr viel gebaut und Firmen

haben eine hohe Auftragslage. Das

treibt den Preis dann natürlich weiter

nach oben.


architektur PEOPLE

34

Eva M. Hierzer und Architekt Stephan Brugger

Mit dem Wohn- und Seminarhaus realisierte NOW Architektur die Erweiterung

und Revitalisierung eines ehemaligen Wirtschaftsgebäudes.

Anstelle von Innenwänden organisierten sie das Projekt rund um raumbildende

Kuben und schafften drei getrennte Einheiten.

© Stephan Schmidt

Was sind gegenwärtig die größten Herausforderungen

in der Architektur?

EH: Ich glaube, generell die Tatsache,

dass es einen extremen Umbruch dabei

gibt, wie wir zukünftig bauen werden.

Das fängt jetzt langsam an, ist

aber ein großer Schritt, angefangen

von BIM-Planung und der Art und

Weise, wie wir bauen, bis hin zu den

Konstruktionsweisen, die wir wählen.

Das geht vermehrt in Richtung einfacheres

bzw. Low-Tech-Bauen und

hin zu zirkulären Bauweisen. Wenn

man ein Gebäude wirklich als Rohstofflager

sieht, kann z.B. der Bauteil

oder das Produkt später recycelt

oder eins zu eins wiederverwendet

© Stephan Schmidt

werden. Die große Herausforderung

dabei ist, dass das alles noch sehr

experimentell und in den Normen

noch nicht vorgesehen ist. Aufgrund

der Rohstoffverknappung wird man

zukünftig aber umdenken müssen.

SB: Wenn von Ressourcenknappheit

die Rede ist, sprechen wir ja auch von

Bodenverbrauch und Versiegelung.

Zurzeit wird Versiegelung sogar gefördert,

da gewisse Normierungen,

Gesetze und Förderungen sehr veraltet

und nicht mehr zeitgemäß sind

– da wäre wieder die Politik am Zug,

um zu einem generellen Umdenken

zu kommen.

Was sollten moderne Produkte können

und was könnten Hersteller verbessern?

SB: Was ich interessant fände, wären

zusätzliche Informationen hinsichtlich

des gesamten Lebenszyklus eines

Produkts – darüber erfährt man

im Moment meist wenig. Zum einen

will ich natürlich genau wissen, wie

ich ein Produkt anwende, zum anderen

aber auch, wie es hergestellt

wird, wie man es am Ende trennt,

deponiert bzw. wie es sich recyceln

oder zerlegen lässt. In Zukunft sollte

man die Rückbau- und Entsorgungskosten

auch verstärkt mit in die

Baukosten einfließen lassen. Derzeit

scheinen diese bis zum tatsächlichen

Rückbau nirgends auf, obwohl sie

ja Teil des Projekts sind. Bei gewissen

Baustoffen könnte es auch eine

Herstellerrücknahme geben, dieser

könnte sie dann im Idealfall entsprechend

wiederverwerten.

Was macht ein Produkt nachhaltig,

effizient und smart?

EH: In erster Linie seine Recycelbarkeit,

also ob man es eins zu eins

wiederverwenden kann, ohne dafür

viel weitere Energie aufzuwenden.

Wichtig sind neben Dauerhaftigkeit

auch die Demontage und die Zerlegbarkeit.

Das heißt, wie viel ist verklebt

bzw. kann man es einfach auseinandernehmen.

Im Holzbau ist das

natürlich produktunabhängig, aber

auch hier gibt es weitere Komponenten

wie Folien etc., die es zu berücksichtigen

gilt.

Abgesehen davon, ist bei Produkten

zu beachten, wie sie hergestellt

wurden und woher die Rohstoffe

kommen. Wenn das Holz dafür aus

Sibirien oder Kanada kommt, bringt

es nichts, einen Holzbau zu machen.

Das ist für den CO 2 -Abdruck nicht

viel besser.

Um welche Entwicklung wird es in

den nächsten Jahren keinen Weg

herumgeben?

SB: Ich denke, wir werden vermehrt

auf regionale Wertschöpfung achten

müssen – egal ob bei Produktherstellern

oder anderen Betrieben. Es geht

nicht nur um ökologische Nachhaltigkeit

von Produkten, sondern auch um

eine soziale Komponente. Kaufe ich

von der anderen Seite der Erde, oder

konzentriere ich mich auf Regionalität

und den Nutzen, den die Produktion

dem Ort bzw. der Region bringt.

EH: Also letztendlich bedeutet das,

je näher die Firmen bzw. Produkthersteller

an der Baustelle sind, desto

besser. Es wäre sicher eine wünschenswerte

Entwicklung, das mehr

zu berücksichtigen.


www.nowarchitektur.at


BUILD

BEYOND TOMORROW

Den CO 2

-Fußabdruck eines Gebäudes zu reduzieren, bedeutet für

uns, alle Emissionen zu berücksichtigen, die während des Lebenszyklus

eines Gebäudes entstehen. Um die Emissionen im Vorfeld als auch in

der Nutzungsphase zu reduzieren, bieten wir leistungsstarke, zirkuläre

Lösungen für Fenster, Türen und Fassaden für Gebäude in Städten und

urbanen Gebieten. Wir übernehmen Verantwortung für eine nachhaltigere

Zukunft.

Erfahren Sie mehr auf www.wicona.at

BUILD BEYOND TOMORROW.

Erfahren Sie mehr:


architektur PEOPLE

36

Ute Stotter

Die Herausforderung

der Vereinbarkeit

Interview mit Architektin Ute Stotter

Architektin Ute Stotter hat sich mit

ihrem Architekturbüro vor allem auf

die Planung und Realisierung von

Einfamilienhäusern gemäß umweltfreundlichen

Richtlinien spezialisiert.

Als zertifizierte Passivhausplanerin

entwirft sie Projekte für individuelle

Bauherren, wobei sie großen Wert auf

die Vereinbarkeit von Funktionalität,

den Wünschen der Auftraggeber und

Umweltschutz legt.

© Ute Stotter


www.architektur-online.com

37

Ute Stotter

Ein Beispiel für den Einsatz von Naturbaustoffen im Hausbau.

© Superikonoskop

Sie widmen sich der nachhaltigen

und energieeffizienten Gebäudeplanung

– mit welchen Herausforderungen

sehen Sie sich in diesem

Bereich konfrontiert?

Es ist nicht immer leicht, die Anforderungen

der Bauherren, die Aspekte

des Umweltschutzes mitsamt dem

Wunsch nach niedrigen Baukosten

unter einen Hut zu bringen. In der

Architektur ist es darum wichtig,

ganzheitlich zu denken. Mein Bestreben

besteht darin, einen integralen

Planungsansatz anzuwenden und

damit den Weg für Innovationen zu

ebnen. Es ist in der Baubranche nur

so möglich, sich von der Konkurrenz

abzuheben und wettbewerbsfähig

zu bleiben. Von Bedeutung ist es des

Weiteren, den Dialog mit Bauherren

und Partnern offen zu halten. Es sollte

ein steter Austausch stattfinden.

Nur so lässt sich sicherstellen, dass

in der Bauplanung alle Bedürfnisse

ausreichend berücksichtigt werden.

Welche Techniken werden sich in der

Architektur wahrscheinlich durchsetzen?

Gibt es Materialien, die Sie

als besonders wichtig ansehen?

Ich sehe natürlich viele Chancen im

Passivhaus. Auch ist es in der Architektur

wichtig, in umweltverträgliche

Techniken zu investieren. Gemeint

sind hiermit unter anderem Methoden

zur klimaneutralen Energiegewinnung,

wie beispielsweise Solaranlagen

– die Kraft der Sonne ist so stark,

dass sich mit ihr der Energiebedarf in

ganz Mitteleuropa decken ließe.

Diesbezüglich ist anzumerken, dass

Gebäude auf den Klimawandel einen

erheblichen Einfluss haben. Es sind

neue, innovative Ansätze gefragt,

um den Anforderungen des Umweltschutzes

Folge zu leisten. Bereitstellung

und Verbrauch von Energie sind

einem Wandel unterworfen, dem sich

auch die Architektur stellen muss.

Resilienz von Gebäuden lässt sich

einerseits durch eine hochenergieeffiziente

Gebäudehülle und andererseits

mit innovativen Energieversorgungskonzepten

erzielen. Es gilt hier

stets zu bedenken, dass wir immer

auch über Energie sprechen, wenn

von Architektur die Rede ist.

Welche Materialien sehen Sie in Bezug

auf nachhaltiges Bauen als essenziell?

Insbesondere erneuerbare Materialien,

die sich recyceln lassen, sehe ich

als zukunftsträchtig für die Architektur

an. Vor allem Holz kann zu einem

guten ökologischen Fußabdruck

beitragen. Jedes Haus, das klimaverträglichen

Standards entsprechen

soll, muss heute ausreichend

gedämmt sein. Dafür eignen sich in

erster Linie Dämmstoffe aus Zellulose.

Sie sind erneuerbar, nachhaltig

und gleichzeitig anwenderfreundlich.

Vor allem bei Dämmmaterialien ist es

essenziell, auf eine umweltfreundliche

Herkunft zu achten – denn im

Vergleich zu anderen Baustoffen,

können diese durch ihre aufwändigen

Herstellungsprozesse eine besondere

Belastung für die Umwelt sein. u


architektur PEOPLE

38

Ute Stotter

Ist bei der Wahl der Materialien im

Hausbau ein Wandel oder ein Umdenken

bei den Architekten erforderlich?

Es ist in der Architektur auf jeden

Fall ein Umdenken notwendig, wenn

es um den Einsatz der Materialien

geht. Wie bereits erwähnt, ist es in

der Bauplanung notwendig, vermehrt

auf erneuerbare Rohstoffe

sowie wiederverwertbare Baustoffe

zu setzen. Doch kommt es in diesem

Punkt auf die individuelle Situation

an. Bei der Sanierung von Altbauten

ist beispielsweise eine andere Herangehensweise

als beim Bau eines

Bürogebäudes gefragt.

Welchen Beitrag könnte die Architektur

in puncto Nachhaltigkeit

sonst noch leisten?

Geht es um die nachhaltige Bauweise,

muss sich die Architektur stetig

weiterentwickeln. Dies reicht von der

privaten Hausplanung bis hin zum

Städtebau. Die Hauptaufgabe der

Architektur besteht in der Planung

für den Menschen. Es geht darum,

individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen

und gleichzeitig gesamtgesellschaftlichen

Anliegen wie dem

Umweltschutz Folge zu leisten. In

der Vereinbarkeit dieser Faktoren

könnte die Architektur zukunftsweisend

sein und Denkanstöße liefern.

Welche Konzepte erachten Sie als

verfolgenswert, wenn es um den Umweltschutz

in der Bauplanung geht?

Es gibt derzeit viele verfolgenswerte

Konzepte in der Architektur.

Probleme gibt es in Bezug auf deren

Umsetzung in Bezug auf Politik

und Gesellschaft. Es braucht für einige

Neuerungen einen ganzheitlichen

Wandel. Ist dieser gegeben,

kann auch die Baubranche vollends

auf den Zug der Nachhaltigkeit mit

aufspringen. In der Architektur ist

außerdem die Kombination mehrerer

Herangehens- und Sichtweisen

erforderlich, um eine durchgehend

klimaverträgliche Bauweise zu gewährleisten.

Eine wirklich effektive

Bauökolgie geht beispielsweise nur

mit Energieeffizienz im Bau einher.

Welche Techniken letzten Endes Anwendung

finden, ist auch eine Frage

der Umsetzbarkeit. Diesbezüglich

ist es im Vorfeld notwendig, sich das

Projekt individuell anzusehen und

es zu analysieren. Auf diese Weise

Schema und Funktionsweise eines Passivhauses.

lassen sich personalisierte Lösungen

finden. Wichtig ist dies vor allem

dann, wenn es um Sanierungen des

historischen Bestands geht. Hier stehen

Architekten vor der Herausforderung,

eine nachhaltige Bauweise der

Machbarkeit gegenüberzustellen. •

www.architektur-stotter.at

Ute Stotter realisierte den Umbau des Technologieparks in Graz.

© Space One


architektur PEOPLE

40

Patrick Lüth

Die Zukunft

des Bauens

ist CO 2 -negativ

Interview mit Architekt Patrick Lüth

“Snøhetta ist ein Ort, von dem

niemand kommt, aber zu dem jeder

gehen kann.” Was aus einer Arbeitsgemeinschaft

aus Architekten und

Landschaftsarchitekten begann, ist

seiner interdisziplinären Denkweise

bis heute treu geblieben. Snøhetta

zielen darauf ab, durch eine intensive

Auseinandersetzung mit dem jeweiligen

Ort, dem Kontext, der Geschichte

und den Menschen, für die sie bauen,

spezifische Entwürfe zu entwickeln.

Kollektives Arbeiten auf Augenhöhe

– sowohl im Team, als auch mit den

Fachplanern und Bauherren – ist für

Patrick Lüth, Partner und Managing

Director von SNØHETTA Innsbruck,

mehr als ein Schlagwort, sondern vielmehr

eine Notwendigkeit unserer Zeit.

Ein radikales Umdenken im Bauwesen

ist für Lüth eine nicht aufzuhaltende

Entwicklung. Ein wichtiger Aspekt

hierbei: das CO 2 -negative Bauen.

© Thomas Schrott


www.architektur-online.com

41

Patrick Lüth

Die Berufswelt der ArchitektInnen

verändert sich praktisch täglich.

Welche Erfolgsstrategien können Architekturschaffende

in diesen Zeiten

generell entwickeln, diesem stetigen

Wandel zu begegnen?

Ich kann da nur für SNØHETTA

sprechen. Wir haben generell eine

ungewöhnliche Herangehensweise

an diese Thematik. Dadurch, dass

wir im Kollektiv arbeiten, gibt es kein

System des “von oben herab”. Wir

funktionieren als Team. Ich denke,

für die Zukunft müssen wir mehr solcher

Prozesse entwickeln, die diese

Form der (Zusammen-)Arbeit unterstützen.

Auch Corona hat diese Haltung

in keinster Weise beeinflusst.

Wir wissen jetzt, dass die rein digitale

Zusammenarbeit zwar möglich

ist, das Bedürfnis des physischen

Kontakts dabei auf die Dauer allerdings

unbefriedigt bleibt. Diese Form

der Kommunikation wandert also als

neues Werkzeug in unsere Toolbox.

Auf die Dauer gehen beim Hetzen

von Video-Meeting zu Telefon-Call

und zurück die leisen – und so wichtigen

– Zwischentöne leider verloren.

In einer so kreativen Disziplin wie

der unseren, sind es aber gerade die

Feinheiten, die einen Entwurf besonders

machen. Der direkte Kontakt ist

daher durch nichts zu ersetzen.

Birgt der Wandel der Arbeitswelt

dennoch auch positive Aspekte für

SNØHETTA ?

Ich denke, es besteht schon seit

geraumer Zeit eine grundsätzliche

Notwendigkeit, sich in der Bauwirtschaft

neu zu erfinden. Ich kann

hier Werner Sobek nur zustimmen,

der unlängst bei einem Vortrag auf

den Punkt brachte, dass wir unsere

Klimaziele nie erreichen werden,

wenn wir so weiterbauen wie bisher.

Wir müssen unsere technologischen

Grundlagen kurzfristig adaptieren

können. Vielleicht sind wir da (zum

Teil) auch schon auf einem guten

Weg. Dass CO 2 -sparendes Bauen

nicht beim Betrieb, sondern mit der

Errichtung beginnt, ist mittlerweile

immerhin auch bei vielen Investoren

und Bauherren präsent. Da ist eine

generelle Justierung am Markt notwendig.

Schade, dass in Momenten

wie diesen, wo eine breite Masse

den Holzbau für sich entdeckt hat,

die Preise steigen. Dem könnten allerdings

auch Mechanismen in der

Verwaltung oder der Politik entgegenwirken

– Stichwort E-Mobilität.

Leider haben die großen Baufirmen,

und damit der Massivbau, in Bezug

auf Kostensicherheit und Erfahrung

den ökologischeren Baustoffen noch

einiges voraus. Wenn wir es allerdings

schaffen, CO 2 -neutrales Bauen

zu propagieren und auch die Bauherren

ins Boot holen, dann wäre ein

großer Schritt getan.

Was wird von einem zukunftsgewandt

agierenden Architekturbüro

erwartet und welchen Einfluss hat

die Digitalisierung auf Ihre Arbeit?

Mit der, in den 90er Jahren einsetzenden,

Digitalisierung der Welt der

Architektur, sind auf der Grundlage

dieser neuen Möglichkeiten eine Reihe

abgefahrener Entwürfe entstanden.

Dieser Aspekt ist meiner Meinung

nach mittlerweile nicht mehr

wichtig. Anstelle dieser modischen

Erscheinungen ist heute der Inhalt

wieder ausschlaggebender als die

Form – was ich absolut begrüße. Die

Digitalisierung als solche ist dennoch

allgegenwärtiger Bestandteil unserer

Arbeitsprozesse, bestimmt aber

nicht den Output. Errungenschaften

wie BIM sind heute Standard und wir

greifen gerne auf die praktischen

Funktionen zurück. Die Werte, die

hinter einem Entwurf stehen, können

solche Programme allerdings nicht

berücksichtigen. Gerade Aspekte

wie Gesellschaft oder Nachhaltigkeit

fügen wir diesen digitalen Tools also

ganz analog hinzu. So empfinde ich

auch die Designplattform Spacemaker

weniger als Bedrohung für uns

Architekten, denn als Fingerzeig,

dass sich die Architektur stetig weiterentwickelt.

Gesellschaftliche Räume

emotional denken, können am

Ende nur wir selbst.

u

Leitmotive für den Masterplan von Budapest South Gate sind

Resilienz und Nachhaltigkeit, Identität und Diversität, Vision

und Pragmatik sowie natürliche und soziale Dynamiken.

© ZOA3D


architektur PEOPLE

42

Patrick Lüth

Das Powerhouse Telemark produziert über einen Lebenszyklus

von mindestens 60 Jahren gerechnet mehr Energie als es

verbraucht. Die nach Südosten ausgerichtete Fassade und das

Dach werden jedes Jahr 256.000 kWh erzeugen, was etwa dem

Zwanzigfachen des jährlichen Energieverbrauchs eines durchschnittlichen

norwegischen Haushalts entspricht. Überschüssige

Energie wird in das Stromnetz eingespeist.

© IVAR KVAAL

Wo sehen Sie den Architekten in seiner

Rolle in der Zukunft? Was wird

(oder muss) sich im Selbstverständnis

ändern?

Der Architekt als “Meister seines

Fachs” ist ein veraltetes Klischee.

Ich sehe ihn vielmehr in der Rolle des

Vermittlers – wobei das Gestalten

der konstruierten Umwelt die Hauptaufgabe

bleibt. Was sich wohl ändern

wird: Wir werden weniger Neues bauen,

sondern vermehrt an kreativen

Konzepten der Umnutzung arbeiten.

So lassen sich Kosten einsparen,

aber auch CO 2 , das ja bereits “verbraucht”

wurde. Oftmals erscheint

es dennoch leichter, neu zu bauen.

Da müssen wir die Akzeptanz der

Auftraggeber erlangen, aber auch

ein politisches wie gesellschaftliches

Umdenken anstoßen. Durch Aufklärung

und fachliche Diskussionen

können wir als Architekten und Planer

durchaus Einfluss nehmen. Meiner

Meinung nach wird die Rolle des

Städtebaus in diesem Zusammenhang

oft noch unterschätzt. Last but

not least gehört das Bewusstsein für

Architektur und Baukultur in Österreich

grundlegend gesellschaftlich

sensibilisiert. Da haben uns andere

Länder viel voraus.

© IVAR KVAAL


www.architektur-online.com

43

Patrick Lüth

Ein positiver Aspekt, den Sie aus

dem vergangenen Jahr mitgenommen

haben?

Die reduzierte Reisetätigkeit hat im

Alltag ein enormes Zeitkontingent

freigesetzt, ein sehr positiver Aspekt.

Auch die Erweiterung unseres

Arbeitsraumes in die virtuelle Welt

hat letztlich dazu geführt, dass wir

nun problemlos zwei Mitarbeiter im

Ausland sitzen haben – eine Sache,

die wir uns so vorher vielleicht nicht

hätten vorstellen können. Ich muss

da oft an ein Zitat denken, dass ich

während des Lockdowns gelesen

habe: “nothing should go back to

normal, normal wasn’t working”. Ich

sehe aber auch, dass da ein enormes

Bedürfnis zurück zur Normalität

besteht. Wir werden also sehen, was

bleibt. Wir jedenfalls hoffen auf ein

radikales Umdenken im Bauwesen

und werden definitiv Teil davon sein.

Was macht Produkte und Baustoffe

Ihrer Meinung nach nachhaltig, effizient

oder smart?

Ein heute geplantes Gebäude sollte

in Zukunft unbedingt rückbaubar

sein. Die Umsetzbarkeit dieses

Anspruchsdenkens hängt natürlich

auch vom Auftraggeber ab. Ich würde

mir jedenfalls eine nachvollziehbare

Dokumentation des CO 2 -Fußabdrucks

für jedes Bauteil und Gebäude

wünschen. Das gibt es ja bereits am

Markt, aber auch hier ist noch Luft

nach oben. Wenn Ausschreibungen

in Zukunft dahingehend justiert würden,

wäre das ein großer Ansporn

für die Hersteller. Eine Grundvoraussetzung

hierfür sind sicherlich die

Vorgaben in den Bebauungsplänen.

Da sehe ich die Politik und Kommunen

in der Verantwortung. Denn was

ganz klar ist: Wir haben kein Energie-,

sondern ein Emissionsproblem.

© Christian Flatscher

© Christian Flatscher

Wie sollte die perfekte Zusammenarbeit

mit den Fachplanern und Herstellern

Ihrer Meinung nach ablaufen?

Neben der Dokumentation des

CO 2 -Fußabdrucks sehe ich den Cradle-to-Cradle

Gedanken hier ganz

groß. Sortenreines Bauen muss in

Zukunft einfach möglich sein. Wir

haben bereits Low-Tech-Gebäude

umgesetzt, die absolut am Stand der

Technik sind. Für das Headquarter

von ASI Reisen in Tirol konnten wir

beispielsweise auf eine Lüftungsanlage

verzichten. Dazu bedarf es allerdings

des Bewusstseins der Architekten

sowie engagierter Fachplaner,

die von Beginn an mit eingebunden

werden. CO 2 -negative Gebäude müssen

logischerweise selbst Energie

produzieren. Das gilt es bereits im

Entwurf zu bedenken, um die Geometrie

und Ausrichtung dementsprechend

optimal planen zu können.

Die Ausbildung der Haustechniker

ist da vielleicht noch nicht innovativ

genug. Wir haben hier kompetente

Planungspartner im Boot, aber für

die breite Masse ist der Planungsaufwand

noch zu hoch – und nachhaltiges

Bauen damit oftmals zu teuer.

Das muss sich ändern.


www.snohetta.com

Alpinschule Innsbruck (ASI) office:

Das Konzept für den Holzbau setzt

auf die Symbiose zwischen Natur und

Mensch – ein Thema, das die Arbeit

der ASI prägt. Neben einem offenen

Büro-Konzept steht ein nachhaltiges

Energiekonzept im Mittelpunkt. Die

Fassade aus Kletterpflanzen fungiert

als „grüne Pufferzone“, deren Mikroklima

die benötigte Energie für die

Gebäudekühlung vermindert.


architektur PEOPLE

44

Andreas Moser und Werner Jager

Nachhaltiges Bauen

für eine lebenswerte Zukunft

Interview mit Andreas Moser und Dr.-Ing. Werner Jager

Zuerst eine Frage an den Architekten:

Welche Rolle spielen in Ihrem Planungsprozess

eigentlich heute recycelbare

bzw. nachhaltige Materialien?

Andreas Moser: Ganz klar: Eine

immer größere. Man muss jedoch

dazu sagen, dass unser Büro bei

den aktuellen Großprojekten auf

einen anderen Zeithorizont schaut

– diese haben ihren Ursprung meist

in 2013 bis 2016. Und da war das

Thema Nachhaltigkeit noch nicht

so prägend wie heute. Weil aber

die Zeitspanne bis zur Realisierung

so unglaublich lang ist, machen wir

das, was wir im Rahmen des weiteren

Planungsprozesses ermöglichen

können. Das ist oftmals nicht so

spektakulär vorzeigbar wie Projekte,

die von der ersten Idee an zum Beispiel

in Holz-Hybrid-Bauweise gedacht

worden sind. Aber im Rahmen

der Möglichkeiten setzen wir ganz

klar auf nachhaltige Materialien.

Ist die Berücksichtigung nachhaltiger

Materialien für Sie als Architekt

also eine Verpflichtung oder kommt

der Wunsch meist vom Investor oder

Bauherren?

Andreas Moser: Als Architekten verstehen

wir uns als Berater des Bauherrn.

Die Kollegen, die bei uns arbeiten,

wollen sich ja auch mit ihren

Gebäuden identifizieren. Ich finde, es

ist einfach unsere Pflicht, den Anteil

recycelbarer Materialien beim Bauen

Der Gebäudesektor ist für einen

beachtlichen Teil aller CO 2 -Emissionen

verantwortlich – vor diesem Hintergrund

rücken nachhaltige Konzepte

immer mehr in den Fokus. Recycelte

Materialien zum Beispiel bieten ein

enormes CO 2 -Einsparpotenzial und helfen

dabei, wertvolle Rohstoff-Ressourcen

zu schonen. Im Interview erläutern

Architekt Andreas Moser (cyrus moser

architekten BDA) und Dr.-Ing. Werner

Jager vom Aluminiumsystemhaus

WICONA, was nachhaltiges Bauen für

sie ausmacht und wie sie die zukünftige

Entwicklung einschätzen. Andreas

Moser ist Gründer und Mitglied der Geschäftsleitung

des Frankfurter Architekturbüros

cyrus moser architekten

BDA. Zudem ist der Dipl.-Ing. Architekt

im Städtebaubeirat Frankfurt sowie

im Architekten- und Ingenieurverein

Frankfurt aktiv.


www.architektur-online.com

45

Andreas Moser und Werner Jager

noch weiter zu erhöhen und das Thema

nach vorne zu tragen. Und das

ist eben keine Frage des Wunsches,

sondern nur des „wie“ – also wie setzen

wir das Thema Nachhaltigkeit

am besten im Gebäudekonzept um.

Wie sehen Sie das aus Sicht der

Bauindustrie, Herr Dr. Jager?

Dr. Werner Jager: Wiederverwendbare

Materialien sind natürlich ein

ganz wesentlicher Aspekt des zukunftsgerechten

Bauens. Das Thema

Nachhaltigkeit im Sinne von

„Nachhalten“ beinhaltet jedoch mehr

als das reine Material, das wiederverwendbar

ist. In diesem Kontext

finde ich zum Beispiel den Ansatz

des Zertifizierungssystems BREEAM

spannend. Dabei gibt es besondere

Punkte, wenn aus einem alten Gebäude

ganze Teile wiederverwendet werden

können. Konkret geht es dabei

darum, zum Beispiel Bestandsgläser

aus dem Altgebäude im neuen Kontext

wieder zu verwenden – natürlich

so, dass sie ins architektonische

Konzept des Neubaus passen. Auch

die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges

Bauen (DGNB) hat kürzlich

ein Zertifizierungssystem vorgestellt,

das sich gezielt mit dem nachhaltigen

Gebäuderückbau beschäftigt.

Mittlerweile gibt es am Markt auch

Online-Plattformen, die sich auf den

Handel mit bzw. den Verkauf von

wiederverwertbaren Materialien für

die Bauwirtschaft spezialisiert haben.

Das wäre dann der Trend zur Kreislaufwirtschaft

im eigentlichen Sinne

– also hin zu Cradle-to-Cradle?

Andreas Moser: Eine echte Kreislaufwirtschaft

ist definitiv ein wichtiger

Punkt. Doch das fängt natürlich schon

bei der Materialforschung und -zusammensetzung

an. Wir als Architekten

sind jedoch mehr im Prozess verhaftet

und nicht in der Erforschung von

neuen Materialien. Wir suchen eher die

Kompetenz der anderen, um sie in unseren

Projekten mit zu integrieren. Wir

sind „System-Integratoren“.

Dr. Werner Jager: Nachhaltigkeit

muss immer ganzheitlich gedacht

werden – das ist keine „One-Man-

Show“. Dazu gehört neben den

Architekten und der Bauindustrie

natürlich auch der Investor bzw.

Bauherr – dieser ist es ja, der das

Gebäude finanziert und bezieht. Und

dieser muss dieses Thema genauso

nachhaltig fordern und vorantreiben

wollen – auch wenn es manchmal

nicht kostenneutral zu realisieren ist.

Gutes Stichwort: Was kostet Nachhaltigkeit

heute?

Andreas Moser: Wenn man Nachhaltigkeit

nur wirtschaftlich betrachtet,

bedeutet nachhaltiges Bauen heute

immer einen Aufpreis im Vergleich

zum konventionellen Bauen. Kostenneutral

geht es (noch) nicht. Aber

nur die Wirtschaftlichkeit zu betrachten,

greift einfach zu kurz.

Dr. Werner Jager: Das stimmt, aber

ich bin mir sicher: Wenn ein Gebäude

nicht als reines Investment gesehen

wird, sondern auch die Nutzungsphase

mit einfließt, lässt sich

Nachhaltigkeit auf jeden Fall kostenneutral

darstellen. Deswegen ist es

immer gut, einen Investor im Boot zu

haben, der über den eigenen Investitions-Tellerrand

blickt und auch die

folgenden Phasen mit betrachtet.

Andreas Moser: Ergänzend dazu: Ich

würde sagen „es kostet, was es dir

wert ist“. Realität ist meistens, dass

das Projekt erstmal in puncto Wirtschaftlichkeit

betrachtet wird, sonst

wird es erst gar nicht realisiert. Wenn

in diesen ganz frühen Stadien Nachhaltigkeitsthemen

auf die Agenda

kommen, kommt ganz häufig das

Kosten-/Nutzen-Argument. Nachhaltigkeit

muss sich einfach rechnen

– gerade für Investoren.

In diesem Zusammenhang ist die Gebäude

Zertifizierung doch auch ein

gutes Argument. Wird diese eigentlich

von Investoren-Seite nachgefragt?

Andreas Moser: Das kommt immer

auf den einzelnen Investor an.

Diejenigen, die quasi reihenweise

Gebäude bauen und dann direkt

weiterverkaufen, interessiert eine

Gebäudezertifizierung meist nicht

wirklich. Bauherrn, die für sich bzw.

Dr.-Ing. Werner Jager ist Geschäftsführer

der Hydro Building Systems

Germany GmbH in Ulm. Vormals war

der Bauphysiker unter anderem als

Geschäftsführer eines eigenen Ingenieurbüros

tätig und lehrte zudem als

Professor an der Hochschule Augsburg.

ihr Unternehmen bauen und langfristig

denken, sind in der Regel auch

an Zertifizierungen interessiert. Wir

müssen noch viel tun, um nachhaltiges

Denken gerade bei klassischen

Investoren zu etablieren.

Dr. Werner Jager: Wir erleben aktuell

in Diskussionen vor allem mit größeren

Investoren-Gruppen, dass das

Thema Nachhaltigkeit immer stärker

in deren Unternehmenskulturen verankert

wird und von den Mitarbeitern

verinnerlicht wird. Für uns als

Aluminiumsystemhaus bedeutet das,

dass in Bezug auf unsere Systeme

viel öfter nachgefragt wird: Welche

Zertifikate haben Sie? Wie erfolgt

die Überprüfung der Angaben? Wird

das extern überwacht? Zahlen und

Daten sind gefragt und alles muss

transparent verfügbar sein. Das

klassische „Green Washing“ funktioniert

heute nicht mehr. All dies hat

natürlich auch mit dem Klimawandel

zu tun – fast jeder will mittlerweile

den CO 2 -Fußabdruck reduzieren und

den Einfluss auf die Umwelt entsprechend

minimieren. Es wird in der Baubranche

in Zukunft immer wichtiger

werden, ein nachhaltiges Gebäude

nachzuweisen. Das ist ein wichtiges

Verkaufsargument und spricht für

die Gebäudezertifizierung. u


architektur PEOPLE

46

Andreas Moser und Werner Jager

Der schlanke, 106 Meter hohe Senckenberg-Turm befindet sich im

Herzen des Senckenberg-Quartiers im Frankfurter Westen und

wurde mit einer Fassade aus Recycling-Aluminium realisiert.

Aktuell haben Sie beim Senckenberg-Turm

in Frankfurt zusammengearbeitet.

Dort ist die Fassade aus recyceltem

Aluminium erstellt worden.

Andreas Moser: Das ist richtig. Wir

als Architekten sind in dem Prozess

jedoch recht spät eingestiegen. Der

ursprüngliche Wunsch, den 106 Meter

hohen Büroturm möglichst ressourcen-

und umweltschonend zu

realisieren, kam vom Bauherrn – der

BNP Paribas Real Estate. Diese legt

als international agierendes Unternehmen

großen Wert auf Nachhaltigkeit.

Das haben wir natürlich auch

sehr begrüßt.

Wie ist da die Zusammenarbeit gelaufen

und was bringt der Einsatz

von recyceltem Aluminium?

Dr. Werner Jager: Wir waren als Systemgeber

quasi als verlängerter Arm

des ausführenden Metallbau-Betriebs

Rupert App tätig – dieser hat die

Fassade dann mit unseren Systemen

realisiert. Der Turm wurde zu 95 %

aus recyceltem Aluminium errichtet.

Dieses Material war schon einmal

in einem Aluminiumprodukt – zum

Beispiel einem Fenster – verbaut

und benötigt bei der Erzeugung nur

5 % der Energie von Primär-Aluminium.

Und das schlägt sich sichtbar

nieder. Während für die Herstellung

von einem Kilogramm Aluminium in

Europa durchschnittlich rund 8,6 kg

CO 2 ausgestoßen werden, sind es bei

unserem End-of-Life-Aluminium Hydro

CIRCAL 75R nur 2,3 kg CO 2 pro

1 kg Aluminium. Das schlägt sich

auch beim gesamten CO 2 -Fußabdruck

des Projekts nieder: Hier wurden

2.600 Tonnen CO 2 eingespart.

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft:

Wie sehen Sie das Thema

Nachhaltigkeit beim Bauen in den

nächsten zehn, zwanzig Jahren?

Dr. Werner Jager: Ob Cradle-to-Cradle

das Maß aller Dinge

wird, wird sich zeigen. Aber das Thema

Kreislaufwirtschaft wird sicher

noch wichtiger werden. Der ökologische

Fußabdruck eines verwendeten

Materials wird einen ganz zentralen

Stellenwert bekommen. Und damit

werden sich nicht nur hinsichtlich

des Materials, sondern auch im Bereich

möglicher Lösungsansätze

neue Themen ergeben. Ich denke

zum Beispiel an die Modularisierung

in der Gebäudehülle. Das heißt, eine

Fassade, die nach 40 Jahren demontiert

wird, wird ertüchtigt und kann

dann nochmal 40 Jahre genau in

der gleichen Funktion im ähnlichen

Design im Einsatz bleiben. Oder der

Rückbau und Austausch einzelner

Module – das ist auch spannend. Da

wird sich auch technisch noch einiges

ergeben.

Andreas Moser: Das Bauen ist nach

wie vor einer der größten CO 2 -Produzenten

weltweit. Aber gar nicht mehr

zu bauen, das geht natürlich nicht.

Also kann es zukünftig nur so gehen:

Graue Energie, Wiederverwendbarkeit,

Kreislaufdenken. Und über allem

steht natürlich der Klimawandel.

Und der ist eine gute Chance, jetzt

smart zu denken und endlich nachhaltiger

zu werden in der gesamten

Gesellschaft und auch beim Bauen.

Machen wir was draus!


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zirkuläre Bauwirtschaft.

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architektur PEOPLE

48

Ursula Schneider

Nachwachsende

Rohstoffe haben noch

immer schlechte Karten

Interview mit Architektin DI Ursula Schneider

Ursula Schneider beschäftigt sich seit

30 Jahren mit ökologischer, klimasensitiver

Architektur. Als Leiterin des

Wiener Architekturbüros POS, Lehrende

und Vorsitzende des Ausschusses

Nachhaltiges Bauen in der Kammer der

ZiviltechnikerInnen steht sie für nachhaltige

Themen wie passive Gebäudeplanung,

CO 2 -neutrales und kreislauffähiges

Bauen und gibt diese Werte

auch weiter. Ihr nachhaltiger Fokus war

von Anfang an vorhanden und entwickelte

sich von solarer Architektur hin

zu einem ganzheitlichen Ansatz voll

zukunftsfähiger Gebäudekonzepte.

© Danielle Basser


www.architektur-online.com

49

Ursula Schneider

Was sind die größten Herausforderungen

in der Architektur und für

ArchitektInnen?

Eine große Herausforderung ist bestimmt,

dass die Ausführungsplanung

immer komplexer wird und stets neue

Felder dazukommen. Vor allem im Bereich

Elektrotechnik und Haustechnik

bedeutet das einen großen Abstimmungsaufwand.

Oft gibt es dann

Schnittstellen, wo noch gar nicht

definiert ist, wer was zu bearbeiten

hat. Viele Bauelemente haben sich

technisch in den letzten zehn Jahren

enorm entwickelt und können heute

viel mehr – z.B. Türen. Die Planung

dieser zum Teil komplexen Komponenten,

wird dann nach wie vor bei

den ArchitektInnen gesehen, obwohl

uns selbst das Fachwissen fehlt.

Wo macht sich diese Entwicklung

besonders bemerkbar?

Es bilden sich vor allem im (elektro-)

technischen und Informatik-Bereich

neue Berufsfelder aus, die aber von

den Bauherren noch nicht beauftragt

werden. Für Steuerungen von Hochbauteilen

wie z.B. Türen, Lüftungsflügeln

oder Sonnenschutz gäbe es

heute Mechatroniker, die sich mit

dieser speziellen Art der Mess-Steuer-Regeltechnik

beschäftigen. Dass

diese auch beauftragt werden sollten,

wird aber oftmals vergessen.

Das Projekt Wohnen im 8ten zeigt wie Nachverdichtung aussehen kann. Mitten in

Wien treffen hier hochwertige Wohn- und Freiräume aufeinander. Energieeffizienz

und Langlebigkeit stehen mit optimierter Dämmung, Dreifachverglasung und

einer Natursteinfassade im Mittelpunkt.

© Liv Immobilien

Gibt es heutzutage noch weitere besondere

Herausforderungen für ArchitektInnen?

Neben den rasanten technologischen

Veränderungen, werden auch

die Normen und Gesetze immer mehr

und mehr. Diese Änderungen sind

teilweise sinnvoll, teilweise weniger.

Sie passieren mit einer Frequenz,

die es uns schwer macht, auf dem

neuesten Stand zu bleiben. Kaum ist

eine OIB-Richtlinie, Bauordnung oder

Norm draußen, kommt die nächste.

Schwierig ist dabei vor allem, dass

die Honorare oft nicht dem entsprechen,

was an Schulungen eigentlich

notwendig wäre.

Wie sehr wirken sich Themen wie

Rohstoffverknappung und Preisdruck

auf die Arbeit aus?

Derzeit sind durch Corona Lieferengpässe

bemerkbar. Manche Sachen

gibt es einfach nicht, oder ewig lange

nicht. Wir wollten bei einem aktuellen

Bauvorhaben ein paar Duschtüren in

einer bestimmten Farbe haben, die

bekommen wir erst in 5 Monaten.

Produkte wie Stahl werden seit einigen

Jahren kontinuierlich teurer.

Soviel ich weiß, gibt es in manchen

EU-Ländern auch schon eine Verknappung

bei Sand und Kies, bei uns

jedoch noch nicht.

Ist hinsichtlich Themen wie Klimawandel

und Nachhaltigkeit ein Umdenken

zu bemerken?

Um die Themen Klimawandel und

Nachhaltigkeit kommt heute niemand

mehr herum. Sie können keinem egal

sein. Speziell bei professionellen Auftraggebern

ist ein Umdenken zu bemerken,

dass dies schnell genug wäre,

könnte ich aber nicht behaupten. Die

Frage ist immer, wie ernst man die

Thematik nimmt und was man darunter

genau versteht: Betrachtet man

nur einzelne, wenige Teilbereiche

oder geht es um eine ganzheitlichere

und engagierte Betrachtung? u


architektur PEOPLE

50

Ursula Schneider

Sind die Auftraggeber die einzigen,

wo sich das bemerkbar macht?

NutzerInnen sehen das Thema Nachhaltigkeit

zwar wohl global, aber

nicht, dass es sie selbst betrifft und

sie viel dazu beitragen könnten. Gebäudeintegrierte

Photovoltaik sollte

z.B. einen Beitrag dazu leisten, dass

wir gesamtösterreichisch den Umstieg

auf 100% erneuerbare Energien

schaffen, nicht damit jeder einzelne

dann mit „reinem“ Gewissen mehr

Strom verbrauchen kann – und das

ist in der breiten Bevölkerung noch

nicht angekommen bzw. es wird zu

wenig darüber aufgeklärt. Man könnte

dem Otto Normalverbraucher sagen,

was sein Gesamtenergiebedarf

sein sollte, um einen ausreichenden

Beitrag zur Energiewende zu leisten

– von den eingesetzten Materialien

noch gar nicht gesprochen…

Prognosen der Klimakrise gibt es seit

den 80er-Jahren. Die Politik hat hier

geschlafen, sie denkt immer noch in

zu kurzen Zeiträumen und entscheidet

nur, was sie für mehrheitsfähig

hält. Wenn Österreich bis 2030 zu

100% auf erneuerbaren Strom umgestellt

sein soll, hätte man dafür

auch viel früher die Voraussetzungen

schaffen müssen. Wenn ich weitreichend

Dächer für Photovoltaik

nutzen will, muss das auch rechtlich,

technisch und von der Größe der

sinnvoll nutzbaren Flächen her möglich

sein. Das benötigt Vorbereitung.

Können Architekturbüros auch

dazu beitragen?

Natürlich könnten wir da mehr tun,

aber ArchitektInnen sind Dienstleister

und müssen vor allem das

machen, was seitens eines Auftraggebers

gewünscht wird – ist das

ein Gebäude aus nachwachsenden

Rohstoffen, planen sie das, wird

es nicht gefordert, scheidet diese

Variante meist aus. Einen Wettbewerb

gewinnt man mit Nachhaltigkeit

nicht, da sind andere Faktoren

wichtiger – damit würde man einen

Wettbewerb aber auch überfrachten.

Trotzdem sieht man bei einer Ausschreibung

sofort, wie ernst es ein

Auslober mit dem Thema Nachhaltigkeit

meint. Ambitionierte Ziele wie

ÖGNB-Zertifikate über 950 Punkte,

weitestgehend erneuerbare Energiebereitstellung

auf dem Grundstück,

Anforderungen hinsichtlich Rückbaubarkeit

oder möglichst wenig

Abfall im Bauprozess stehen leider

kaum drin.

Inwiefern wirkt sich die voranschreitende

Digitalisierung auf die Arbeit

von ArchitektInnen aus?

Das bemerkt man darin, dass Architekturbüros

auf BIM-Planung

umsteigen. Die Arbeit der unterschiedlichen

Disziplinen an einem

gemeinsamen Gebäudemodell

steckt meiner Meinung nach aber

noch in den Kinderschuhen, da es

die Datenmengen noch kaum zulassen

– das ist aber bestimmt die Zukunft.

Momentan arbeiten wir über

Schnittstellen. Schwierig ist dabei,

dass die einzelnen Beteiligten ganz

unterschiedliche Parameter abfragen

müssen und deshalb im Aufbau

völlig unterschiedliche 3D-Modelle

brauchen. Einfacher wird der Prozess

bzw. die Arbeit durch die Digitalisierung

nicht, man setzt damit vor allem

komplexere Dinge als früher um.

Für das Sperlgymnasium in Wien entwarf POS architecture einen Neubau, der

den Bestand harmonisch ergänzt. Automatisierte Fenster, Speichermasse und als

Lernzonen ausgebildete Lufträume regulieren das Raumklima.

© Hertha Hurnaus © Hertha Hurnaus


www.architektur-online.com

51

Ursula Schneider

© POS architekten, Tim X.C.

© Lucko Prawito

Was müssen moderne Produkte,

Baustoffe und Technologien können,

um diesen Prozess zu unterstützen?

Ich denke, da ist sehr viel Entwicklung

im Gange, die durchaus auch

einer Ökologisierung zugutekommen

könnte. Für mich geht es hauptsächlich

um zwei Punkte: Zum einen wird

man meiner Meinung nach auf Seite

der Verarbeiter aufrüsten müssen,

um vermehrt auf ökologischere, oft

aufwendiger zu verarbeitende Produkte

umsteigen zu können. Heute

sind die Arbeitskräfte am Bau in vielen

Bereichen immer noch ungelernt.

Zum anderen könnte es verstärkt in

Richtung Robotik und 3D-Druck gehen.

Damit lassen sich ganz andere

Formen realisieren. In beiden Fällen

müsste man die Leute in völlig neue

Richtungen qualifizieren.

Was macht für Sie ein Produkt nachhaltig,

effizient bzw. smart?

Seine Inhaltsstoffe. Wichtig sind Kriterien

wie die Humantoxizität, die Auswaschung

von bedenklichen Stoffen

in den Boden bzw. ins Wasser und ob

ein Produkt rückgebaut werden kann.

Beispielsweise Verbundwerkstoffe

lassen sich später schwierig trennen,

das würden wir vermeiden.

Um welche Entwicklung führt in den

nächsten Jahren kein Weg herum?

Mehr Sanierung. Wir werden auch

vermehrt die spätere Umnutzbarkeit

von Gebäuden bedenken und dementsprechend

planen müssen. Außerdem

müssen Materialien so eingesetzt

werden, dass sie ihre Stärken

ausspielen können und nicht um jeden

Preis. Stahlbeton ist ein sehr wesentliches

Produkt – aber oft ließe

sich auch Holz oder Lehm einsetzen.

Natürlich sollte viel mehr auf nachwachsende

Rohstoffe gesetzt werden.

Hier braucht es eine Kostenwahrheit

bei den Materialien. Diese

ist heute nicht gegeben, da Dinge wie

Wasser- und Energieverbrauch, Umwelt-

und Luftverschmutzung bzw.

spätere Entsorgung nicht miteinberechnet

werden – das führt dazu,

dass Styropor sehr billig ist, Produkte

wie z.B. Stroh jedoch viel teurer. Damit

haben nachwachsende Rohstoffe

derzeit immer schlechte Karten, den

Preis bezahlen wir aber alle. •

www.pos-architecture.com

Wie funktioniert die Zusammenarbeit

mit Lieferanten und Herstellern

bzw. gibt es Verbesserungsbedarf?

Im Großen und Ganzen funktioniert

sie gut. Hinderlich ist manchmal,

dass wir mit den ausführenden Firmen

keinen Kontakt aufnehmen können

– weil diese im Planungsprozess

noch nicht feststehen. Hinsichtlich

Produktherstellern wäre es interessant,

wenn diese die Zusammenarbeit

mit uns suchen würden. Generell

reagieren die Firmen vor allem auf

gesetzliche Rahmenbedingungen.

Hier ist wieder der Gesetzgeber gefragt:

Es braucht mehr ökologische

Rahmenbedingungen. Dann würden

große Hersteller und Industrien ihre

Produktpalette umstellen und sich

in eine nachhaltigere Richtung entwickeln.

Ohne gesetzliche Vorgaben

stecken sie aber natürlich weniger

Ressourcen in eine diesbezügliche

Forschung, weil sie nicht wissen, ob

sie damit auch reüssieren werden.

Die österreichische Botschaft in Jakarta war nicht nur das erste

„grüne Botschaftsgebäude“, sondern auch das erste Passivhaus

Indonesiens. Mit minimaler Haustechnik und lokalen Materialien

vereint es Raumqualität, Klimakomfort und Nachhaltigkeit.

© Lucko Prawito


architektur PEOPLE

52

Simon Speigner

Komfort, nicht Klima,

macht nachhaltige Bauten

für viele interessant

Interview mit Architekt DI Simon Speigner

Ästhetisch, authentisch aber auch

nachhaltig wertvoll und natürlich –

dafür steht die Architektur von sps

architekten und damit die von Simon

Speigner. Diese Werte spiegeln auch

die Räumlichkeiten des Planungsbüros

wider: Sie befinden sich in einem

ökologischen „Kulturkraftwerk“ aus

Stampfbeton und Holz mit Photovoltaikanlage

am Dach – dem oh456 in

Thalgau. Simon Speigner beschäftigte

sich bereits früh mit Themen wie

Bauökologie. Heute blickt er auf diverse

Auszeichnungen und Preise zurück

und gibt sein Wissen als Lehrbeauftragter

weiter.

© sps architekten


www.architektur-online.com

53

Simon Speigner

Wie verändert sich die Berufswelt

der ArchitektInnen und was müssen

diese machen, um den stetigen Wandel

zu meistern?

In der Architektur müssen wir sehr

umfassend denken. Dieser Spagat

zwischen Kreativ- und technischem

Beruf ist oft gar nicht so leicht und

auch die Ausbildung, die man bekommt,

oft gar nicht so vielseitig

und spezifisch. Das digitale Zeitalter

wirkt sich natürlich auch auf unseren

Berufsstand aus: Wir brauchen weniger

Wissen, da wir auf Google alles

jederzeit abrufen können, ein Fachbuch

ersetzt das für mich aber nicht.

Generell glaube ich, dass wir wieder

ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln

müssen, um zukunftsfähig zu sein.

Mit Profitgier und Eigensinn allein

kommen wir nicht weiter. Miteinander

geht es leichter – das gilt für die

Architektur, den Bausektor und unsere

Gesellschaft.

Wie beeinflusst die Digitalisierung

die Arbeit von ArchitektInnen?

Die Digitalisierung bietet für unseren

Berufsstand enorm viele Möglichkeiten.

Heute schafft man mit Robotern

oder einem Fräskopf verschiedenste

Formen, dazu kommen die neueste

Plot-Technik und sogar Drohnen.

Das vereinfacht auch die Arbeit auf

der Baustelle. Dort müssen am Ende

zum Teil nur noch die fertigen Teile

zusammengebaut werden. Gleichzeitig

ist die digitale Fertigung für mich

aber nicht an traditionellem Handwerk

zu messen. Für mich bleibt das

Handwerk der reizvollere Prozess:

diese Umsetzung vom Geist in die

Hand. Das ist etwas völlig anderes

als das Füttern von Maschinen.

Auf welche Dinge sollten sich Architekturschaffende

dabei konzentrieren?

Wir müssen uns vor allem auf Themen

wie Langlebigkeit konzentrieren.

Dinge, die wir heute schaffen,

sollten nicht nur digital und möglichst

schnell gebaut werden, sondern

über Generationen hinaus bestehen.

Derzeit sind wir davon weit

entfernt, weil wir viel Müll produzieren.

Wirklich gute Bauten gibt es wenige.

Wenn ich etwas baue, das ohne

viel Zutun über 20 Jahre und länger

seine Qualität hält, wäre das meiner

Meinung nach Nachhaltigkeit. Vor

allem in der Architektur kommen

häufig beschichtete, lackierte Materialien

zum Einsatz, die sich schnell

abnützen. Natürliches, geöltes Holz

wäre hier oft die bessere und umweltfreundlichere

Wahl, da es mit der

Zeit schön altert und die rohe Schönheit

eines Gebäudes hervorkehrt.

Dann kann man sich auch wieder

mehr auf die Qualität der einzelnen

Räume konzentrieren, anstatt sich

nur von einer glänzenden Fassade

blenden zu lassen.

Ist bei Auftraggebern hinsichtlich

des Klimawandels ein Umdenken

festzustellen?

Lediglich bei kritischen Geistern. Bedingt

durch den nachhaltigen Fokus

unseres Büros ziehen wir natürlich

eine bestimmte Klientel an. Aber

grundsätzlich interessieren sich die

Menschen für die Thematik eher aufgrund

eines Komforts, den sie sich

wünschen, nicht aber wegen des Klimas.

Sie wollen Photovoltaik – aber

nicht um dem Planeten etwas Gutes

zu tun, sondern weil sie eine gewisse

Unabhängigkeit bzw. einen gewissen

Komfort wollen.

Wie sehr sind die Auswirkungen der

Pandemie immer noch zu spüren?

Bedingt durch die Investitionsprämie

haben wir derzeit mehr Aufträge

denn je. Natürlich macht sich die

Verknappung von Rohstoffen bzw.

Baustoffen bemerkbar. Der Preis

steigt, weil eben auch die Lieferketten

unterbrochen wurden. Durch die

Kurzarbeit in den Betrieben und die

Tatsache, dass die Rohstoffe an den

Bestzahlenden gehen, kommt natürlich

alles zusammen. Ein bisschen

lässt sich das mit den Klopapier- und

den Hamsterkäufen in den Supermärkten

vergleichen – die gibt es im

Bausektor genauso. Einige Firmen

konnten es sich leisten, ihre Lager

vor der Preissteigerung zu füllen,

aber eben nicht alle. Für viele scheint

das Geld heute ohnehin keine Rolle

mehr zu spielen, die bauen, koste es

was es wolle.

u

Mit oh456, dem ökologischen „Kulturkraftwerk“,

schufen sps architekten einen Hybridbau aus

Stampfbeton und Holz und kreierten damit ein

gesundes Arbeitsumfeld für ihr eigenes Büro.

© Kurt Hoerbst


architektur PEOPLE

54

Simon Speigner

Wie sollte die perfekte Zusammenarbeit

mit Lieferanten, Herstellern und

Entwicklern aussehen?

Auch hier ist für mich wieder das Miteinander

der Schlüssel zum Erfolg.

Mit Partnern, die nur auf den eigenen

Vorteil bedacht sind, funktioniert

für mich die Zusammenarbeit nicht.

Es sollte nicht immer nur um die billigsten

Preise, sondern vor allem um

hochwertige, langlebige Ergebnisse

gehen. Innovative, qualitative Produkte

und eine faire, nachhaltige Firmenethik

sollten einem immer mehr

wert sein. Firmen dieser Art sind es

für mich auch, die sich auf lange Frist

auf dem Markt durchsetzen werden.

Gibt es Firmen, mit denen die Zusammenarbeit

besonders gut funktioniert?

Da gibt es viele kompetente Partner,

Firmen, mit denen wir besonders

gern zusammenarbeiten. Bei denen

stimmt das Gesamtpaket und man

weiß, dass man nicht nur zuverlässige

Produkte, sondern auch den dazugehörigen

Service bekommt. Und

das rechtfertigt für mich auch einen

höheren Preis.

Was macht ein Produkt nachhaltig

bzw. effizient und was muss es in Zukunft

können?

Bei Produkten ist für mich besonders

wichtig, dass sie auf die Energie, die

sie beinhalten – über ihren gesamten

Lebenszyklus gesehen – getestet

werden. Dazu gehören nicht nur

ihre Herstellung, sondern auch was

am Ende mit ihnen passiert. Das beinhaltet

ihre CO 2 -Bilanz ebenso wie

Wasser- und Energieverbrauch.

Um wirklich nachhaltig zu sein, müssen

sie in einen Kreislauf rückgeführt

werden können und das gilt es, schon

in der Produktion zu berücksichtigen.

Bis jetzt gibt es für die einzelnen

Materialien keine wahre Kostenrechnung,

was aber notwendig wäre.

In Zukunft sollte man sich auch darauf

konzentrieren, der Wegwerfkultur

im Bausektor ein Ende zu setzen. Intelligente

Produkte können zwar sehr

viel und öffnen uns viele neue Türen,

über Themen wie Reparatur, Wiederverwertung

und Entsorgung machen

sich allerdings die wenigsten Gedanken.

Hier sollte der Fokus darauf

liegen, zerlegbare Produkte zu entwickeln,

die nicht nur im Müll landen.

Was ist bei modernen Produkten

noch wichtig zu beachten?

Für mich müssen Produkte den Eigenschaften

des Materials entsprechen.

Beispielsweise Holz ist zwar

ein ökologischer Baustoff, was die Industrie

daraus aber teilweise macht,

ist grenzwertig. Mit Chemie werden

die einzelnen Lagen verleimt und

damit eine spätere Entsorgung oder

Wiederverwertung äußerst schwierig

bzw. unmöglich gemacht. Darüber

hinaus sollte verstärkt auf die individuellen

Bedürfnisse und Qualitäten

vor Ort eingegangen werden. Die

Globalisierung macht alles überall

verfügbar. Dass es aber oft wenig

sinnvoll ist, das gleiche Produkt in

verschiedenen Klimazonen einzusetzen,

vergessen viele. Nur weil etwas

auf der Nordhalbkugel gut funktioniert,

gilt das nicht automatisch für

den globalen Süden – das ist einfach

nicht effizient. Unser Planet bietet

eine enorme Vielfalt. Diese sollten

wir uns auf jeden Fall bewahren und

die Besonderheiten und Potenziale

der unterschiedlichen Landschaften

nutzen, anstatt zu versuchen, sie

immer mehr zu vereinheitlichen und

aneinander anzugleichen.

Um welche Entwicklung gibt es in den

nächsten Jahren keinen Weg vorbei?

Ich träume von einem Haus, das

einfach zusammenfallen kann, das

vollkommen kompostierbar ist. Das

haben wir versucht mit oh456, dem

Bau, in dem sich unser eigenes Büro

befindet, umzusetzen: Unser Vollholzparkett

besteht aus gelaugter,

geseifter Eiche und wurde eingenagelt.

Er ist nicht nur langlebig,

sondern kann am Ende für andere

Projekte verwendet oder einfach

recycelt werden. Die Fassade kleiden

Holzschindel, die am Ende ihres Lebenszyklus

einfach verrotten. Dazu

kommen unbewehrte Stampfbetonwände,

die das ganze Jahr für ein

angenehmes Raumklima sorgen. An

ganzheitlichen Projekten dieser Art,

die auf die Eigenschaften der Materialien

eingehen und ihre Stärken nutzen,

führt für mich auch in Zukunft

kein Weg vorbei.

Außerdem gilt es – auch in der Zusammenarbeit

mit Unternehmern –

verstärkt auf Regionalität zu setzen.

Beispielsweise in der Sterneküche

wirbt man mit lokalen Zutaten aus

der Region und sieht das als Qualitätsmerkmal

an – warum sollte das

im Bauwesen anders sein? •

www.sps-architekten.at

Auch beim Feuerwehrhaus Unterdorf in

Thalgau lag der Fokus auf Nachhaltigkeit

und Energieeffizienz. Es ist komplett in

Vollholz umgesetzt. Das lokale Naturmaterial

sorgt nicht nur für eine zeitlose Optik,

sondern verkürzt auch die Transportwege.

© Andrew Phelps


Fokus

Qualität &

Innovation

Design: UPPERCUT.at | Photos: © David Boyer Photographe , Adobe Stock

hasslacher.com


architektur PEOPLE

56

Sven Matt

Innovation

im Regionalen

Interview mit Architekt Sven Matt

Die Vorarlberger Architekten Markus

Innauer und Sven Matt sehen sich

selbst als sehr klassisches Architekturbüro,

das weniger den lauten Paukenschlägen

als vielmehr den leisen

Zwischentönen zugetan ist. Ihre Lösungen

orientieren sich nie am Zeitgeist,

sondern immer am Kunden und der

Bauaufgabe selbst. Die so entstandenen

Charakterprojekte sind im Laufe

der vergangenen zehn Jahre vielfach

prämiert und ausgezeichnet worden.

Sven Matt spricht im Interview über die

Rolle des Architekten sowie die damit

einhergehenden Herausforderungen

im Laufe der Zeit. Ein wichtiger Aspekt

für ihn: Regionale Baustoffe und traditionelles

Handwerk auf Augenhöhe,

ohne dabei zu dogmatisch zu werden.

© Christian Anwander


www.architektur-online.com

57

Sven Matt

Stichwort: “Bauen für die Ewigkeit” –

Wie kann man als Architekt heutzutage

mit dem schnelllebigen Wandel

der Zeit noch Schritt halten?

Da stellt sich mir zuerst einmal die

Frage: Was bedeutet “Bauen für die

Ewigkeit”? Sind das zehn Jahre, 100

oder mehr? Aus meiner Sicht hängt

die Antwort ganz von der Aufgabe an

sich ab. Wir versuchen jedenfalls der

Schnelllebigkeit etwas entgegenzusetzen.

Und auch, wenn wir vielleicht

nicht für die Ewigkeit bauen, dann

hoffen wir, so doch für eine recht lange

Zeitspanne. Funktion und Gestaltung

sollten meiner Meinung nach

schon Bestand haben, auch über

das Modische hinaus. Dennoch ist es

nicht von der Hand zu weisen, dass

die äußeren Einflüsse immer vielfältiger

werden und damit das Bauen generell

schnelllebiger. Hier gilt es für

die Architekten, einen Weg zu finden,

eine möglichst lange Gültigkeit des

Gebauten zu Erreichen. Das hängt

natürlich auch von der Bauaufgabe

selbst ab – eine Kirche hat per se

eine andere Halbwertszeit als ein

Einfamilienhaus. Denn auch, wenn

Letzteres adaptierter geplant werden

kann, so wird es dann doch eher

trivial und eben nicht mehr individuell

zugeschnitten auf den Nutzer.

Revitalisieren, Umnutzen und Aufwerten anstatt Abriss und Neubau:

Das Atelier von INNAUER-MATT ARCHITEKTEN in Bezau.

Wie kann die Lebenszeit eines Bauwerks

durch den Architekten aktiv

verlängert werden?

Durch den im Moment vorherrschenden

Mangel an Ressourcen gewinnt

der (qualitätsvolle) Bestand zunehmend

an Bedeutung. Man überlegt

sich vielleicht zweimal, ob man ein

Bestandsgebäude unbedingt abreißen

muss, oder ob sich noch andere

Lösungswege auftun. In Zukunft

wird es wohl vermehrt zur Aufgabe

des Architekten werden, Konstruktionen

und Materialien auf lange Sicht

zu bewerten. Rückbau- und Umbaumöglichkeiten

werden aus meiner

Sicht noch zu wenig bedacht. Das ist

definitiv ein Thema, das uns im Büro

momentan stark beschäftigt. Ich

denke dabei auch an das Vereinfachen

von Konstruktionen. (Nachhaltige)

Materialien aus der Region werden

in Zukunft noch an Bedeutung

gewinnen. Gerade jetzt, wo die Holzpreise

steigen, zeigt sich die Problematik,

wenn man zu sehr auf Importware

setzt. Ich denke auch, dass es

der Branche guttun würde, etablierte

Bauweisen zu hinterfragen. Die Massivholzbauweise

– die ich nebenbei

bemerkt sehr schätze – hat in Vorarlberg

beispielsweise eigentlich keinerlei

Grundlage, weil es hier keinen

regionalen Produzenten gibt. Hier

sind wir abhängig vom Weltmarkt,

obwohl Holz an sich doch eigentlich

ein absolut regionaler Baustoff ist.

Welche positiven (oder negativen)

Aspekte bringt die immer weiter voranschreitende

Digitalisierung Ihrer

Meinung nach mit sich?

Unser Arbeitsalltag ist stark von der

Digitalisierung geprägt. So konnten

wir trotz Lockdown effizient weiterarbeiten

und auch die Zusammenarbeit

mit den Fachplanern hat

reibungslos funktioniert. Man merkt

generell, dass vieles jetzt etwas

schneller geht – die Arbeit an sich

wird aber auch komplexer, ich denke

dabei konkret an BIM. Durch die

wachsende Komplexität kann meiner

Ansicht nach die Architekturqualität

auf lange Sicht leiden. Zudem bereitet

mir die Schnelllebigkeit der Technologien

Sorge: Werden die Daten in

20 Jahren überhaupt noch einlesbar

sein? Die Digitalisierung ist für mich,

ungeachtet ihrer Vorteile, daher kein

Allheilmittel. Wir setzen ganz klassisch

noch auf Pläne aus Papier und

physische Modelle.

Wird sich die Rolle des Architekten Ihrer

Meinung nach in Zukunft verändern?

Die Ansprüche an das Bauen (Haustechnik,

Lebensdauer…) verändern

sich ständig. Während alles an Komplexität

gewinnt, sollte die Planung

meiner Meinung nach radikal reduziert

und vereinfacht werden. Ich

denke auch, dass sich die Rolle des

Architekten über die Jahrhunderte

nicht so sehr gewandelt hat – der

Architekt ist immer noch die Person,

die alle Fäden in der Hand hält.

Heute herrschen eben andere Rahmenbedingungen

vor, man ist nicht

mehr der klassische Einzelkämpfer,

steht mehr und mehr in ständigem

Austausch mit den Fachplanern.

Auch, wenn das Schaffensfeld stetig

breiter wird, die Kernkompetenzen

bleiben.

u

© Darko Todorovic


architektur PEOPLE

58

Sven Matt

Auf lange Sicht gebaut: Die Bergkapelle Wirmboden

im Bezirk Bregenz in Vorarlberg.

Ein positiver Aspekt, den Sie aus

dem vergangenen Jahr mitgenommen

haben?

Wir haben gelernt, dass nicht jeder

Termin physisch stattfinden muss

und dass vieles auch digital funktioniert.

Für uns hat das einen enormen

Gewinn an produktiver Zeit bedeutet.

Dennoch würde ich sagen, was

bei der Ausführung(splanung) recht

gut funktioniert, gestaltet sich im

Entwurfsprozess nicht so einfach.

Hier hat uns das Gemeinsame schon

gefehlt. Die digitalen Planungsbesprechungen

wollen wir aber – wo es

Sinn macht – beibehalten.

© Adolf Bereuter

Wie können moderne Produkte, Baustoffe

und Technologien Ihrer Meinung

nach auf die Herausforderungen

unserer Zeit Antworten geben?

Ist NEU immer die beste Lösung?

Hier komme ich gerne nochmal auf

das Thema Brettschichtholz zurück.

Auch wenn dieser Baustoff gegenüber

dem Rahmenbau sehr vorteilhaft

ist, so rückt einem die jetzige Krise

wieder ins Bewusstsein, dass es eben

nicht alle Werkstoffe “regional” gibt.

Wir stellen uns daher immer die Frage:

Welche Bauweise passt zu welcher

Bauaufgabe? Will man der Abhängigkeit

vom Weltmarkt entfliehen, muss

man sich ohne Frage auf regionale

Werkstoffe rückbesinnen. Das stärkt

auch die Handwerksbetriebe vor Ort

und zeugt von einer gewissen inneren

Haltung gegenüber dem Bauen. Wenn

es zwischen Planern und Ausführenden

Offenheit und Respekt gibt, dann

kann auch aus Altbewährtem innovatives

Neues entstehen.

Was erwarten Sie von modernen Baustoffen

– und auch von den Herstellern?

Wir versuchen, mit dem zurechtzukommen,

was schon vorhanden ist.

“NEU” heißt für uns nicht immer

GUT oder BESSER. Es ist klar, dass

dieser Gedanke in der heutigen Gesellschaft

und auch in der Architektur

vorherrscht. Wir nähern uns

Neuerungen jedenfalls zumeist kritisch

– falls wir den Nutzen für uns

erkennen, verschließen wir uns dieser

Erkenntnis aber selbstverständlich

nicht. Dennoch sind wir hier

eher klassisch eingestellt: Wir setzen

gerne auf erprobte Lösungen. Das

heißt allerdings nicht, dass wir nicht

nach neuen und besseren Lösungen

suchen, wenn es diese noch nicht

gibt. Für unser Projekt “Kunstraum

Kassel” haben wir für die Fassade

beispielsweise eigene Glaslinsen

gestaltet. Bezeichnenderweise war

es letztlich einzig eine Vorarlberger

Firma, die bereit war, das Risiko der

Produktentwicklung auf sich zu nehmen.

Diese Motivation, der Spaß am

Tüfteln und das Verständnis der eigenen

Arbeit – das würde ich mir von

den Herstellern noch mehr wüschen.

Und dass neben dem reinen Profit

eben auch noch andere Dinge in der

Architektur wie im Leben zählen. •

www.innauer-matt.com

Im Bau: Für den Kunstraum Kassel haben INNAUER-MATT

ARCHITEKTEN eigens Tageslichtlinsen als grafische und identitätsstiftende

Besonderheit entwickelt.


untermStrich ®

das Organisations- und Führungstool

der Architekten und Ingenieure

Martin Lesjak

INNOCAD Architektur ZT GmbH

So geht Plan A!

Fotocredits: KAMPFHAMMER

7 Architekten. 7 Ingenieure. 7 Fragen.

14 international erfolgreiche Planer öffnen die Türen zu ihren kreativen Zentralen und verraten,

was sie an die Spitze ihrer Branche befördert hat. Was macht gerade sie erfolgreicher als andere?

Im Interview Martin Lesjak von INNOCAD.

www.untermstrich.com/de/so-geht-plan-a


Andreas Jäger

Klimaexperte

Für den Klimaschutz

in Österreich:

CO 2

-Emissionen lassen

sich eindämmen.

Dank der hervorragenden

Dämmwirkung der Austrotherm

Dämmstoffe lassen sich nicht

nur die CO 2

- Emissionen deutlich

reduzieren, sondern auch die Heizund

Kühlenergiekosten. Nur einer

von vielen Beiträgen, den wir bei

Austrotherm für den Klimaschutz in

Österreich leisten. Heute und

auch morgen.

austrotherm.com

Gutes Klima. Gutes Leben.

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