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Arabische Pferde IN THE FOCUS 1/2018 (Vol. 13) - Leseprobe

Sport Distanzreiten

Sport Distanzreiten Distanzsport im Kreuzfeuer Auch in dieser Saison sind im Mittleren Osten bereits wieder neun Pferde während der Distanzrittsaison im wahrsten Sinne des Wortes "auf der Strecke geblieben". Wir sprachen mit Ahmed Al Samarraie, langjähriger Organisator von CEI 3*-Distanzritten sowie einer FEI Junioren-Europameisterschaft in Deutschland, über die Hintergründe, was dagegen getan werden kann, und welche Auswirkungen dieser Skandal auch in unseren Breiten hat. Arabische Pferde: Herr Al Samarraie, ihre Familie ist seit vielen Jahren im Distanzsport unterwegs. Was waren die größten Erfolge, die sie zusammen feiern konnten? Ahmed Al Samarraie: Da waren beispielsweise die Jugend-WM Teilnahmen unserer ältesten Tochter Joana in Pratoni del Vivaro 2003 und in Bahrain 2005, ihr DJM Titel 2004, ihr Sieg im Nationenpreis des CEIOJY 2004 und damit Gold für das deutsche Team. Der Deutsche Meistertitel 2007 meiner Frau Klaudia mit unserem ersten selbstgezogenen Pferd Ayman sowie ihre erfolgreiche Teilnahme an der Europameisterschaft der Senioren 2011 in Florac mit unserem selbstgezogenen ShA-Hengst Olymp. Dann natürlich in jüngerer Zeit die dreifachen Deutschen Jugend-Meistertitel unserer zweitjüngsten Tochter Moira und ihre erfolgreiche Junior-Europameisterschaftsteilnahme in Rio Frio 2016, alles mit unserer selbstgezogenen ShA-Stute Zarah, die letztes Jahr auch noch „Araber des Jahres“ wurde. Nicht zuletzt der Deutsche Jugend-Vizemeistertitel unserer Tochter Nayla mit der von uns gezogenen Trakehnerstute Famosa, die im Besitz von Gudrun Sauerbeck ist. Last not least – der Höhepunkt des letzten Jahres war Naylas erfolgreicher 14. Platz auf der Jugend-WM in Valeggio mit unserer selbstgezogenen Warsana AA. Florac gilt nicht umsonst aufgrund der Topografie und des Geläufs als der schwierigste Distanzritt in Europa – hier haben Reiter eine Chance, die mit technischem Können aufwarten. 40 AP: Aufgrund ihrer Leistungen im Distanzsport wurden ihre Töchter schon mehrfach zum "HH The President of United Arab Emirates Endurance Cup" nach Abu Dhabi eingeladen, so auch dieses Jahr ihre Tochter Nayla. Aber sie, bzw. das Team Samarra, hat öffentlich die Einladung abgelehnt. Wie kam es dazu? A.A.S.: Wenn man die Entwicklung des Endurance Sports der letzten Jahre insbesondere im arabischen Raum betrachtet, dann stellt man fest, dass die Geschwindigkeiten sowohl im Durchschnitt als auch auf dem letzten Loop unglaublich viel schneller wurden. Weltrekorde wurden erritten, wenngleich es in diesem Sport keinen Weltrekord geben darf, denn die Strecken sind gemäß Reglement immer unterschiedlich, so dass es eigentlich keine direkte Vergleichbarkeit geben kann. Doch die Strecken wurden bei den Wüstenritten immer flacher und stets so präpariert, dass sie einer Rennbahn gleichen. Dabei werden Pferde trotz aller Möglichkeiten von Training und veterinärmedizinischer Begleitung, zunehmend an und über ihre physiologischen Leistungsgrenzen gebracht, was einige – wahrscheinlich mehr als wir erfassen können – mit dem Leben bezahlen. Die prestigeträchtigsten, weil auch am höchsten dotierten Rennen dieser Art sind über die Jahre auch zu einer Art von Ankaufsveranstaltung entwickelt worden, mit dem gleichzeitigen Ziel, Imageförderung zu betreiben. Die Einladung der „besten“ Reiter aller oder mindestens der meisten © ARABISCHE PFERDE - IN THE FOCUS 1/2018

Nationen mit gleichzeitiger Aufforderung, schon bei der Nennung den möglichen Kaufpreis für das mitgebrachte Pferd zu benennen, spricht für sich. Wir sehen in diesen Rennen keinen sportlichen Anreiz und wollen nicht an diesen Spektakeln teilnehmen, wenngleich die Erlebnisse und Erfahrungen rund um die Rennen gerade für unsere Töchter durchaus interessant sein könnten. Unsere Entscheidung ist auch unter dem Aspekt zu sehen, dass wir als langjährige Zuchtstätte in einem Land, wo im Vergleich zum nahen europäischen Ausland, sehr wenig für gute Distanzpferde bezahlt wird, weder Pferde über diesen Weg verkaufen möchten, noch die Möglichkeit nutzen, die seit kurzem übliche Ankommerprämie mitzunehmen. In Dubai wurden, soweit mir bekannt, im Januar etwa 22.000 US$ und jetzt im Presidents Cup in Abu Dhabi über 30.000 US$ jedem ausländischen „Ankommer“ bezahlt. Da wir von einigen Leuten persönlich in den sozialen Medien, per mail oder auch telefonisch angesprochen wurden, ob wir denn der Einladung folgen, haben wir, auch um es zu erklären, beschlossen, unsere Absage öffentlich mit einem klaren Statement zu verbinden. Durch seine Teilnahme an diesen privaten Rennen akzeptiert jeder Teilnehmer die Veranstaltung so wie sie ist. Man hat uns auch vorgeworfen, warum wir dann in Valeggio an der Jugend-WM teilgenommen hatten. Aber eine Teilnahme an einer Meisterschaft, auch an einer internationalen, ist nicht jedem möglich, der könnte oder möchte. Vielmehr muss man sich durch Leistung qualifizieren und wird durch das jeweilige Land über die jeweilige FN zur Teilnahme genannt. Das ist ein großer Unterschied, den wir auch in den anschließenden Diskussionen erklären mussten, weil dies wohl vielen nicht klar ist. 1/2018 - www.in-the-focus.com Auch in der Wüste lassen sich Distanzritte durchführen, die nicht auf die Kosten der Pferde gehen - natürliche Tracks reduzieren die Geschwindigkeit, so dass die Gefahr einer Überforderung verringert wird. alle Fotos: G. Waiditschka / IN THE FOCUS AP: Was genau sind Einladungsrennen, und welchem Zweck dienen die Einladungen an internationale Reiter wie beispielsweise beim "Presidents Cup"? A.A.S.: Mit den Einladungsrennen verfolgen die Gastgeber mehrere Ziele. Zum einen lädt man die aktuell erfolgreichsten ReiterInnen fast jeder Nation ein, was dann einer Art von eigener Weltmeisterschaft gleichkommt. Die eigenen Reiter messen sich quasi mit den „Besten" aus aller Herren Länder, was früher tatsächlich zutraf, wenngleich die ausländischen Pferde ja immer mit dem Handicap der langen Anreise und meist auch des extremen Klimawechsels gehandicapt sind. Zum anderen waren diese Rennen auch immer Schaufenster einer sich zunehmend professionalisierenden Szene, die vor allem auf das „große Geld“ durch den Ankauf eines Pferdes, welches sich im Rennen besonders gut gezeigt hat, hoffte. Heute hat sich das verselbstständigt und es sind ganz klar Ankaufrennen, die Preisangabe bei Nennung ist zwar freiwillig, aber die Gastgeber lassen sich auf diese Art und Weise eine Menge guter Pferde quasi vor die Haustür liefern, um dann Pferde mit Potenzial, die auch noch vor Ankauf praktischerweise durch die Teilnahme geprüft werden, zu erwerben. Einerseits schwächt das den Wettbewerb, wenn die guten Pferde nicht wieder mit nach Hause gehen und dann den Sportlern in den anderen Nationen nicht mehr zur Verfügung stehen. Andererseits ist der „Verbrauch“ an guten Pferden erheblich, die nächste Saison ruft und man braucht belastbare hoch talentierte Pferde, um den stetigen, fast schon abonnierten nächsten Championatstitel wieder zu erlangen. Ein letzter Effekt ist der erhoffte und weitestgehend eintretende Imagegewinn, der auch durch die Varianten der großen Rennen in Europa, die mit Reisekostenzuschüssen und Ankommerprämien locken, eintritt. Wenn viele internationale Reiter an diesen Rennen teilnehmen, dann werden diese wohl mehrheitlich von den perfekt organisierten Abläufen, der Gastfreundschaft und der guten Stimmung berichten - dabei werden aber die Schattenseiten zurückgedrängt, oder gar negiert. AP: Der Distanzsport hat sich in den letzten 10-15 Jahren stark verändert, unter anderem tritt das Motto "angekommen ist gewonnen" immer weiter in den Hintergrund. Heute scheint der Maßstab aller Dinge die Geschwindigkeit zu sein, auch bei uns. Im Mittleren Osten werden Geschwindigkeiten von über 40 km/h pro Loop geritten, denn schließlich ist (laut FEI) ein Distanzritt ein "Wettbewerb gegen die Uhr". Was läuft hier falsch? 41 A.A.S.: Gleich mehrere Dinge: Erstens werden alle möglichen Ziele dieser eigentlich fantastischen Reitsportart auf ein einziges Ziel, nämlich „Erster“ zu werden, reduziert. Hinzu kommt, dass ein „immer schneller“ als Dauerentwicklung dem "biologischen System Pferd" erheblich schadet und einen hohen Preis von unseren tierischen Partnern verlangt. Das ist leider bereits Realität geworden, weil solche Geschwindigkeiten nur möglich sind, wenn man entgegen der internationalen Regeln, die Strecken nahezu zu 100 % präpariert, permanentes Crewing zulässt, das Anreizsystem so auslegt, dass „gewinnen um jeden Preis“ zum höchsten Ziel erklärt wird und Weltrekorde ermöglicht werden. Flache Strecken ohne große Richtungs- und Geläufwechsel lassen monotone Bewegungsabläufe zu, permanentes Kühlen durch Wasser täuscht den Metabolismus der Pferde und behindert körpereigne Frühwarnsysteme. Die Begleitung durch die Fahrzeuge ist mit unerlaubtem „Ziehen“ gleichzusetzen, was ebenfalls Pferde manipulieren kann, denn diese folgen den parallel fahrenden Fahrzeugen wie Artgenossen. Von veterinärmedizinischen Hilfen jenseits der ethisch vertretbaren Grenzen im Training ganz zu schweigen, genauso von der Skrupellosigkeit, mit der die besten Pferde dann im Wettkampf bis an den Zusammenbruch benutzt werden. Im Rennsport gibt es keine Weltrekorde sondern nur Jahressieger, weil ein "immer schneller" eben nicht möglich ist. Wie man in Boudheib gesehen hat, senken die regelkonformen natürlich belassenen Streckenteile erheblich die Geschwindigkeit und damit das Risiko für die Pferde – und es gibt dennoch Sieger. AP: In wieweit trifft die FEI eine Mitschuld an dieser Entwicklung? A.A.S.: Die FEI setzt ihre eigenen Regeln nicht durch. Sie läßt zu, dass Weltrekorde erklärt werden, regelt nicht die notwendigen Sperrzeiten für Pferde nach Einsätzen mit bestimmten Durchschnittsgeschwindigkeiten. Sie lässt zu, dass es nun über den bisher höchsten Wettbewerbsklassen, den CEI 4* Veranstaltungen – EM und WM für Junioren oder Senioren – neue CEI 5* Veranstaltungen eingeführt wurden, die vor allem mit hohen Preisgeldern locken und alleine dadurch nur von Veranstaltern durchgeführt werden können, die entweder selber die Mindestgewinnsumme von 50.000 CHF und mehr aufbringen können oder die entsprechend gesponsert sind. Dahinter steht auch der Versuch, mit mehr Medienpräsenz, die zwingend zu einem 5* Event gehört, mehr Öffentlichkeit für unseren Sport zu gewinnen. Was verständlich erscheint, aber angesichts der sich häufenden Vorfälle gleichzeitig auch sehr riskant ist. Im Spannungsfeld zwischen Professionalität, Sport Distanzreiten