Die Jubiläumsausgabe - 15 Jahre wmd-brokerchannel.de

rmv2014

INTERVIEW I 15 Jahre wmd-brokerchannel.de

der anderen Seite führt der individuelle Schutz aber zu langen Klärungszeiträumen. Wie

immer im Leben gibt es diese beiden Seiten einer Sache. Auch bei der Leistungsdauer

einer BU-Rente gibt es viele Illusionen. Zum einen haben Reaktivierungen einen starken

Einfluss, beispielsweise bei psychischen Erkrankungen, die zum Glück nicht immer ein

Dauerproblem bleiben. Zum anderen wird unterschätzt, wie krank die Menschen eigentlich

sind, wenn sie einen BU-Leistungsantrag stellen. Vielfach ist der Beendigungsgrund für die

Rentenzahlung ganz einfach das Ableben, beispielsweise in der Gruppe mit schweren Herz/

Kreislaufproblemen und fortgeschrittenen Krebserkrankungen. Man diskutiert oft über die

Fälle, wo jemand mit 50 Prozent so gerade BU ist, doch die Mehrheit hat wirklich schwere

Erkrankungen. Denn in 60 Prozent der Fälle, in denen einem Kunden eine BU anerkannt

wird, würde er gleichzeitig auch Erwerbsunfähigkeitsrente bekommen.

Für einige Berufsarten ist die BU sehr viel teuer, für andere deutlich günstiger

geworden. Passen hier die Prämien?

Michael Franke: Gehen wir einmal davon aus, dass die Prämien grundsätzlich stimmig

sind. Was wir kritisieren ist aber, dass man das Kollektiv so weit auseinander zieht. Der

Versicherungsgedanke bedeutet, dass man durch Risikoausgleich einer großen Menge

von Menschen bezahlbaren Versicherungsschutz bieten kann. Die Gretchenfrage ist also,

ob beispielsweise alle 35 jährigen nichtrauchenden Bäcker ohne Reisetätigkeit und mit

Familienhintergrund ein Kollektiv darstellen oder eben alle Erwerbstätigen das Kollektiv

sind? Natürlich kann man heute die Kalkulation sehr weit herunter brechen und auf jedes

einzelne Berufsbild abstellen. Zusätzlich kann man Hobbys, Rauchverhalten, familiäre Situation

etc. einpreisen. Aber im Ergebnis bergen solch flache Kollektive auch für das Kollektiv

selbst große Risiken, denn schon leichte Abweichungen von den kalkulierten Schäden

können bei einer solch zugespitzten Kalkulation zu Verlusten führen. Nach unseren

Vorstellungen sollte man – auch in Sinne der Stabilität – die Kollektive möglichst breit

anlegen.

Seit einiger Zeit gibt es eine geförderte Variante der Berufsunfähigkeitsversicherung.

Voraussetzung ist, die BU-Rente wird im Leistungsfall bis zum

Ableben geleistet. Was ja für einen Teil der Selbstständigen und Menschen

mit geringen gesetzlichen Rentenansprüchen viel Sinn machen kann. Aber

die Versicherungswirtschaft hat darauf nicht wirklich reagiert, auf was

führen Sie das zurück?

Michael Franke: Ganz einfach, der Ansatz des Gesetzgebers ist völlig praxisfern.

Wir konnten zwar bei der Umsetzung dieses Gesetzesentwurfs bewirken, dass neben

der BU auch die Erwerbsminderungsversicherung aufgenommen wurde und zwar in

einer ähnlich dem gesetzlichen Muster entsprechenden Definition. Was wir und andere

allerdings nicht abwenden konnten, war die geforderte lebenslange Rentenleistung. Diese

Produktgestaltung führt dazu, dass die Prämien mindestens bei 200 Prozent des aktuellen

Niveaus liegen. Je nach Berufsgruppe sogar noch darüber. Dass man so viel Geld in

ein Produkt als Kunde investieren soll, das nur funktioniert wenn man krank wird, geht

meiner Meinung nach völlig an einer sinnvollen Absicherung vorbei. Es scheint fast so,

als hätte der Gesetzgeber nicht im Sinn gehabt, tatsächlich einen Mehrwert zu schaffen,

sondern nur sein Image zu pflegen. Im Ergebnis fließen jetzt keine Steuermittel

ab, denn solche Verträge schließt kein vernünftiger Mensch ab. Wir haben die Politiker

im Finanzausschuss vorher darüber informiert, dass diese Produkte für die meisten

Menschen nicht bezahlbar sind. Aus Sicht eines Versicherers würde ich auch kein Geld

in ein aussichtsloses Produkt stecken. Es gibt längst viel bessere Lösungen. So kann

man beispielsweise Berufsunfähigkeitsrisiken, Pflegerisiken und Langlebigkeitsrisiken

Jubiläumsausgabe 2016

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