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Köln, Herbst 1982: Die

Köln, Herbst 1982: Die ZVS schickt mich zum Studium nach Köln. Als Ganzjahresfahrzeug leidet die Honda, bleibt aber immer zuverlässig. Weil die Zylinderkopfdichtung dann immer mehr für ölimprägnierte Stiefel sorgt, zerlege ich mit dem Werkstatthandbuch in der einen Hand, dem Schraubenschlüssel in der anderen, den Motor auf dem Küchenhocker in der WG-Küche. Und ihr ramponiertes Äußeres wird bei der Gelegenheit mit der billigen elektrischen Spritzpistole aus dem Baumarkt auf dem Balkon aufgepeppt. Nachwuchs stellt sich ein, und da wir nun in der Regel zu dritt unterwegs sind, und in der Stadt das Fahrrad nutzen, wird sie nicht mehr so viel bewegt. Trotzdem bleibt sie im Haushalt, ein Verkauf steht nicht zur Diskussion, auch wenn das Geld sehr knapp ist. Die Jahre vergehen, das Studium zieht sich hin, die Honda parkt Sommer wie Winter auf der Straße. Die finanziellen Mittel sind knapp, längere Motorradreisen sind nicht drin. Dafür muss sie immer wieder schnelle Autobahnfahrten von Köln nach Backnang absolvieren. Während ich die Diplomarbeit schreibe, wird die 400er fast restlos zerlegt. Alles wird aufgearbeitet, und sie bekommt nach den diversen Farbwechseln der vergangenen Jahre endlich wieder die Original- Lackierung. Zeitgleich mit dem bestandenen Diplom steht sie wieder in ordentlichem Zustand vor der Haustür. Und ganz leise hat sie sich zum Oldtimer gewandelt. Köln, Sommer 1990: Der Wechsel ins Berufsleben steht unmittelbar bevor, und damit verbunden sehr viel weniger Flexibilität in der Urlaubsgestaltung. Ich will diese für 58 lange Jahre letzte Chance nutzen, und noch mal einen langen Urlaubstrip unternehmen, endlich soll der lange gehegte Wunsch einer Schottland-Reise in Erfüllung gehen. Im letzten Moment entschließt sich Albert, die Triumph Tiger zu satteln, und mitzukommen. Es herrsch Gluthitze, als wir Frankreich in Richtung Westen durchqueren, um von Calais nach Dover überzusetzen. In fünf Wochen nehmen wir Wales, Cumbria, Northumberland, Schottland, Nordirland und die Republik Irland unter die Räder. Es sollte ein traumhafter Motorrad-Urlaub mit einer Fülle unvergesslicher Erlebnisse werden. Gerade mal drei Tage Regen haben wir in der ganzen Zeit, in Schottland hole ich mir sogar einen Sonnenbrand. Überall fallen wir auf, werden angesprochen, die Engländer haben ganz offensichtlich eine völlig andere Beziehung zu alten Motorrädern. Und die beiden Motorräder laufen wie am Schnürchen. An der schottischen Westküste treffen wir die ersten Ex-DDR-Touristen, die mit dem Wartburg die neue Freiheit erobern. Die Welt hat sich verändert. Köln, Sommer 1998: Ein seltsam klackerndes Geräusch hatte mich auf die Spur des kaputten Lagers der Getriebe-Ausgangswelle gebracht. Und das gerade mal eine Woche vor der geplanten Norwegen-Tour. Es sollte mir aber nicht wie im vorangegangenen Sommer gehen, als mich die Honda mit Ölnebel am gesamten Motor am ersten Urlaubstag nach wenigen Kilometern Richtung Toskana zur Rückkehr und den Umstieg auf’s Auto zwang. Letztendlich war’s nur ein eingeklemmter Kurbelgehäuse-Entlüftungsschlauch gewesen – kleine Ursache, große Wirkung – und leider erst nach der Rückkehr aus dem unfreiwilligen Auto-Urlaub entdeckt. Nein, diesmal wollte ich trotzdem mit dem Motorrad fahren. Da mir der Job aber gerade kaum Zeit lässt, gibt’s nur einen Weg: Motor schnell ausbauen und zum Honda-Händler meines Vertrauens bringen. Und weil der Kilometerzähler in-

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