AJOURE´ Magazin Juni 2019

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AJOURE / ERFOLG & MOTIVATION

können. Schuld kann zum Beispiel durch

eine Entschuldigung reguliert werden. Dadurch

wird das Gesicht gewahrt und die soziale

Verbindung wiederhergestellt.

Anders als bei Eifersucht oder Trauer kann

man sich sehr wohl für andere Menschen

schämen. Was genau bedeutet dies? Wenn

dir deine beste Freundin darüber berichtet,

wie traurig sie ist, weil sie sich von ihrem

Freund getrennt hast, bist du vielleicht mitfühlend

doch dieselbe Trauer, die sie gerade

erlebt, kannst du nicht empfinden. Erzählt

sie dir jedoch von einem peinlichen Moment,

kannst du dich selbst ebenso für sie

schämen, wie sie es selbst getan hat.

Doch auch für eine Person, die dir vollkommen

fremd ist, kannst du dich schämen,

wenn du zum Beispiel siehst, dass Essensreste

im Bart eines Mannes auf der Straße

kleben etc.

Eine Situation, die wir alle kennen: Casting-Shows.

Hier schämen wir uns oft für

Menschen, die wir absolut nicht kennen.

Studien belegen zudem, dass es egal ist, ob

der Betroffene mit voller Absicht oder unabsichtlich

einen Fauxpas begeht.

Das Gefühl des Fremdschämens

ist im Trend!

Beim Fremdschämen handelt es sich nicht

um ein neues Gefühl. Doch wir alle kennen

meist vor allem Gefühle wie Hass, Liebe

und Eifersucht. Das Schämen für andere

erreichte unser Bewusstsein bisher nicht

so sehr. Erst seit dem Jahr 2009 gibt es das

Wort Fremdschämen offiziell in unserem

Wortschatz, denn da nahm es der Duden

auf. Verdanken haben wir das Wort übrigens

ebenfalls den vielen Casting-Shows.

Doch warum genau schämen wir uns eigentlich

so oft fremd? Warum empfinden

wir nicht einfach nur Schadenfreude, sondern

schämen uns tatsächlich gerne für die

andere Person mit? Was genau passiert eigentlich

bei Fremdscham?

Wir alle sind besonders mitfühlende Wesen,

auch wenn uns das nicht immer bewusst ist.

In Situationen, in denen wir uns für andere

Menschen schämen, können wir uns prinzipiell

sehr gut in diese hineinversetzen. Man

kann also davon ausgehen: Je empathischer

wir veranlagt sind, desto mehr neigen wir

auch dazu, uns für andere Personen zu

schämen. Die Hirnaktivität ist bei empathischen

Menschen aktiver. Fremdschämen ist

sozusagen Seelenpein. Erstaunlich ist zudem,

dass wir uns umso mehr für eine Person

schämen, wenn wir von den Außenstehenden

mit dieser Person assoziiert werden.

Wozu dient das

Fremdschämen

eigentlich?

Was sagt es nun über dich aus, wenn du

dich für andere schämst? Viele Menschen

denken, dass das Fremdschämen etwas mit

Arroganz zu tun hat. Doch dem ist nicht

so. Vielmehr ist es so, dass sich diese Menschen

um die sogenannte soziale Integrität

der Personen sorgen. In der Tat befürchten

viele Menschen, dass die betroffenen Personen

selbst nicht bemerken, dass sie mit

ihrem peinlichen Verhalten ihre Umgebung

verunsichern oder verärgern. Im Grunde ist

dies also in der Tat eine Art von Mitgefühl.

Fremdschämen ist also eine soziale Funktion.

Läufst du beispielsweise vor Scham rot

an, meldest du der Person zurück, dass du

dich für sie schämst. Und warum schämst

du dich für sie? Weil sie sich unangebracht

verhalten hat. Man zeigt durch das Fremdschämen

also, dass man sich in die andere

Person hineinversetzen kann. Dies ist

praktisch eine Grundvoraussetzung für ein

menschliches Zusammenleben. Wenn man

das Leid von anderen nicht wahrnehmen

kann, kann man auch die Grenzen dieser

Personen nicht erkennen und beachten.

Wie kann man das

Fremdschämen

wieder loswerden?

Wenn das Fremdschämen zu stark wird,

kann dies auch belastend sein. In diesem

Fall sollte man genau hinsehen, woher das

Fremdschämen kommt. Meist wird das

Schämen für andere stark, wenn man selbst

Angst hat, in solch eine Situation zu geraten.

Das Fremdschämen erinnert also auch an

die eigene Unsicherheit. Im Alter nimmt

die Scham für andere übrigens meist ab. Mit

den Jahren werden wir ruhiger und gelassener

und natürlich auch selbstsicherer. In

jedem Fall solltest du in vielen Momenten

einfach das Lustige an der Situation sehen.

Dadurch kannst du das Fremdschämen ein

wenig bekämpfen.

Schämst du dich für jemanden anderen,

solltest du dich also fragen, was die Situation

gerade in dir auslöst. Schäme dich

nicht fremd, sondern freue dich lieber über

eine lustige Situation, die du gerade erleben

durftest! Dies führt übrigens auch oft dazu,

dass du dich selbst nicht mehr peinlich berührt

fühlst, in Situationen, in denen du dir

einen Fauxpas erlaubt hast.

AJOURE MAGAZIN SEITE: 63 | JUNI 2019