Ulf Miehe - Facetten eines Autors

photeurberlin

Ulf Miehe – Facetten eines Autors ist der Versuch einer Biografie in Selbstzeugnissen und Dokumenten, die einen Überblick zu Leben, Persönlichkeit und Werk des Schriftstellers, Filmautors und Regisseurs Ulf Miehe (1940 Wusterhausen|Dosse – 1989 München) geben. Zitate verbinden sich mit Aussagen von Zeitzeugen, Interviews, Essays von renommierten heutigen Autoren und Bildzeugnissen. So entsteht ein facettiertes Bild von Ulf Miehes Denken und Schreiben.
Durch das hier zusammengetragene Material eines kreativen Lebens voller Wendepunkte werden auch die gesellschaftlichen Spannungen thematisiert, aus denen ein knappes Werk seine große Lebendigkeit schöpft.
Herausgegeben von Horst Kløver, Angelika Miehe und dem Wegemuseum Wusterhausen|Dosse.

Schilfkranz, lege dir an

die Krone; Rohrkolben das

Zepter, erklär dich der

schlafenden Rohrdommel.

Gut herrschen wirst du,

dein Freund ist der Faun,

sein struppig roter Bart

zittert im Wind, wenn er

sich neigt.

Sanft sprichst du zu den

Vögeln im Ried, gerecht mit

den Seetieren; bist den Tieren

des Waldes bekannt. Niemand

wird stören dein heimliches Reich.

Bei Vollmond ruft die Nacht

den Prinzen aus.

Im überschwänglichen, bedeutungsvollen Pathos schwingen in diesen Gedichten Anklänge mit,

die auf den Einfluss berühmter zeitgenössischer Lyriker wie Ingeborg Bachmann oder Paul Celan

schließen lassen.

Hier und in weiteren Gedichten mystifiziert Miehe sehnsuchtsvoll Naturphänomene und -elemente

und komponiert bildhafte Fabelwelten. Die Natur und die Weite des Himmels wirken hier als magisch

konnotierte Sehnsuchtsorte und Perspektiven einer (un-)möglichen Flucht. Ein mystisches

Raunen der Landschaft schimmert durch in diesen Texten. Es steht im Kontrast zur häuslichen

Enge des märkischen Dorfes, wie das Gedicht Bei Priegnitz veranschaulicht.

Wusterhausen|Dosse, Klempowsee, Postkarte

Bei Priegnitz

„Wir haben Wurzeln geschlagen über Nacht.“

Philip Roth

Wir haben Wurzeln geschlagen

über Nacht im stickigen Zimmer

im Haus mit dem Wappen der Pferde.

Nacht trug uns empor zu den Kiefern

und Föhren, übern Giebel empor des

Hauses mit dem Wappen der Pferde,

sah uns der Schäfer bei Priegnitz,

stand gehüllt im zerrissenen Schafspelz;

flogen wir, gingen wir, Sand stäubte,

Gras schnitt die Beine;

frag uns nicht, Schäfer.

Schweig, Kiefer und Föhre.

Keilschrift des Bussards

am Nachthimmel

wies uns den Weg.

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