Spolková zpravodajská služba a pražské jaro 1968

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Dokumente des Bundesnachrichtendienstes zum Prager Frühling 1968

Aspekte zum „Prager Frühling“ in

den Akten des Bundesnachrichtendienstes

(BND)

(Beitrag des BND)

Der Begriff „Prager Frühling“ steht als eine

politische Metapher für das Ende des in

den sechziger Jahren aufgekommenen

Glaubens an die Reformierbarkeit des Kommunismus.

Unter dem neuen Parteichef

der Komunistická strana Československa

(KPČ deutsch: Kommunistische Partei der

ČSSR, KPČ), Alexander Dubček (1921 –

1992), wurde der Versuch unternommen

einen „Sozialismus mit menschlichem

Antlitz“ einzuführen. Doch am 21. August

1968 marschierten Truppen des Warschauer

Paktes in die Tschechoslowakei ein und

sorgten für das Ende der Reformbemühungen.

Die gewaltsame Intervention versetzte

die Tschechoslowakei und auch die

westliche Welt zunächst in einen Schockzustand.

Schnell wurde hier neben den

vor allem politischen Auswirkungen, auch

über das Interesse bzw. Desinteresse der

eigenen Regierungen an den militärischen

Planungen der Sowjetunion, bzw. deren

Wissensstand darüber diskutiert. Damit

einhergehend wurde sogleich reflexartig

die Frage nach dem Versagen der Geheimund

Nachrichtendienste öffentlich gestellt.

Damit geriet zwangsläufig auch der BND

in die Kritik, zu dessen langjährigen Kernaufgaben,

neben der Deutschen Demokratischen

Republik (DDR) und Sowjetunion,

gerade auch die umfassende Aufklärung

der ČSSR gehörte. 9

Bereits einen Tag nach dem Einmarsch

der sowjetischen Streitkräfte und ihrer

Verbündeten in die ČSSR war die Tätigkeit

bzw. genauer gesagt die Untätigkeit des

9 Vgl. Chef des Bundeskanzleramtes Karl Carstens

an BND-Präsident Gerhard Wessel vom 24. Mai

1968, BArchv, B 136, Bundeskanzleramt, 3750.

MFGBND 9/2016

BND bezüglich der Invasion Gegenstand

der öffentlichen Diskussion. Die Nachrichtenagentur

der Deutschen Demokratischen

Republik (ADN) lancierte bereits am 22. August,

einen Tag nach Beginn der Intervention,

die Meldung, dass der BND während

der Vorbereitungen der „Hilfsaktion“ für die

ČSSR vollkommen versagt hätte. 10 Angeblich

hätte Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger

(1904 – 1988) seine Enttäuschung über

den Präsidenten des BND, Gerhard Wessel

(1913 – 2002), und die Fähigkeiten seines

Dienstes gegenüber dem Bundeskabinett

deutlich zum Ausdruck gebracht. 11 Die DDR-

Staatssicherheit vermutete jedoch schon

Mitte Juni 1968, dass der BND die demokratische

„Entwicklung in der ČSSR mit vorsichtigem

Optimismus“ beurteilte. 12

Der BND-Präsident Gerhard Wessel selbst

trug in der nachrichtendienstlichen Lagebesprechung

im Bundeskanzleramt am

30. August 1968 äußerst selbstbewusst

vor, dass die ČSSR-Krise durch den BND so

bewertet und analysiert wurde, „[…] dass

Besseres kaum zu erwarten ist“. 13 Aus Sicht

des BND wurde im Rahmen der Möglichkeiten

der Auftrag korrekt erfüllt. So betrieb

der BND von Beginn an über das Thema

„Prager Frühling“ zugleich auch eine

Art von gesteuerter Imagepflege zur Bestätigung

seiner Auftragserfüllung.

10 Vgl. „Kanzler zeitig informiert“, in: Magazin vom

1. Oktober 1968, S. 27.

11 Vgl. „Merkwürdiges Desinteresse“, in: Volksblatt/Volkszeitung

vom 3. September 1968.

12 Ausarbeitung der Zentralen Auswertungs- und

Informationsgruppe im Ministerium für Staatssicherheit

(MfS) „Fakten zu den westdeutschtschechoslowakischen

Beziehungen.“ Vgl. Tantzscher

Monika: Maßnahme ‚Donau‘ und Einsatz

‚Genesung‘. Die Niederschlagung des „Prager

Frühlings“ 1968/69 im Spiegel der MfS-Akten

(Analysen und Berichte, Reihe B, Nr. 1/1998), S.

78.

13 Notiz zur Kanzlerlage Gerhard Wessel vom 30.

August 1968, BND-Archiv, 18.668, Unterlagen

zur ČSSR-Krise [unpaginiert]

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