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Psychotherapeutenjournal 3/2013 (.pdf)

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Gesetz zur Stärkung

Gesetz zur Stärkung eines aktiven Schutzes von Kindern und Jugendlichenschutzgesetzes nun sogar bundesweit angebotenwerden.Im Sinne der Anwendungsmöglichkeit sekundärpräventiver oder weiterer Interventionsangeboteist es notwendig, frühzeitigGefährdungssituationen zu erkennen, umHilfen, da wo sie notwendig sind, zum Einsatzbringen zu können. Hier ist eine möglichstfrühe Information oder Zuweisungauch durch Multiplikatoren und Fachleuteverschiedener Professionen hilfreich. Ausdiesem Grund ist die Entwicklung und Etablierungmultiprofessioneller verbindlicherNetzwerke ein wichtiges Anliegen des Gesetzgebers.Bewegt man sich auf dem erwähnten Kontinuumder Schutzmaßnahmen ausgehendvon den primär- und sekundärpräventivenAngeboten über die freiwillige Inanspruchnahmenicht antragspflichtigeroder antragspflichtiger Leistungen der Kinder-und Jugendhilfe (siehe Kasten 2) weiter,so kommt man in den Bereich der Interventionen,die durch eine gerichtlicheEntscheidung veranlasst wurden, bis hinzur Inobhutnahme oder sogar dem Entzugder elterlichen Sorge.Die Grundlage für eine nicht freiwilligeHilfsmaßnahme, die einen staatlichen Eingriffin das Elternrecht darstellt, ist danngegeben, wenn eine Misshandlung oderVernachlässigung vorliegt oder „Gefahr fürLeib und Leben des Kindes“ besteht. ImFalle einer bereits eingetretenen oder drohendenVernachlässigung, Misshandlungoder bei sexuellem Missbrauch sind diebereits angesprochenen Maßnahmen derInobhutnahme oder Herausnahme desKindes aus der gefährdenden Situationmitunter die einzige Möglichkeit, denSchutz des Kindes zu realisieren. Diesekann für die Dauer von bis zu 48 Stundendurch das Jugendamt vorgenommen werdenund bedarf danach – wenn sie fortgesetztwerden soll und ohne das Einverständnisder Sorgeberechtigten initiiertwurde – einer gerichtlichen Entscheidung.„Werden dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunktefür die Gefährdung eines Kindesoder Jugendlichen bekannt, so hat esdas Gefährdungsrisiko (…) einzuschätzen.(…)“ So beginnt der Wortlaut des § 8aLeistungen ohne Antragspflicht:• ErziehungsberatungLeistungen, die einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung als Grundlage haben:• Soziale Gruppenarbeit, Erziehungsbeistandschaften, sozialpädagogische Familienhilfe,Erziehung in einer Tagesgruppe, Vollzeitpflege, Heimerziehung• Ein Antrag auf Hilfe zur Erziehung führt zu einem sogenannten Hilfeplanverfahren, indem zunächst eine möglichst passgenaue Hilfe ausgewählt und etabliert wird, diedann im Rahmen von Hilfeplangesprächen unter Einbeziehung der Familien und derLeistungsanbieter begleitet und auf ihre Wirkung kontrolliert wird.Kasten 2: Jugendhilfeleistungen nach § 27 SGB VIIISGB VIII, der den staatlichen Schutzauftragbei Kindeswohlgefährdung beschreibt. Dabeihandelt es sich bei einer solchen Kindeswohlgefährdungum „eine gegenwärtige,in einem solchen Maße vorhandeneGefahr, dass sich bei der weiteren Entwicklungeine erhebliche Schädigung mit ziemlicherSicherheit voraussehen lässt“ (BGHFamRZ 1956, 350 = NJW 1956, 1434).Aus der Definition lassen sich drei für dieBeurteilung und daraus folgende Handlungenrelevante Aspekte ableiten:• Es ist von der Gefahr einer vorauszusehendenSchädigung die Rede (dieSchädigung muss also noch nicht eingetretensein).• Diese Schädigung muss erheblich undmit ziemlicher Sicherheit vorhersehbarsein (das staatliche Eingriffsrecht wirdbegrenzt).• Eine individuelle Bewertung hinsichtlichder Sicherheit dieser Prognose ist notwendig.Für die Einschätzung dieses Gefährdungsrisikoshat der Gesetzgeber im gleichenParagrafen die „in Fragen des Kindesschutzesinsoweit erfahrene Fachkraft“ als beratendeund prozessbegleitende, d. h. in derAbwägung einer Gefährdungssituation unterstützendeFachkraft benannt, die bislangden Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfezur Verfügung gestellt wurde.Durch das Bundeskinderschutzgesetz istdieses Angebot nun auch auf außerhalbdes Systems der Kinder- und Jugendhilfetätige Berufsgruppen, die im Kontakt mitKindern und Jugendlichen stehen, erweitertworden. Und auch, wenn man aus derArbeit mit Eltern oder Bezugspersonen vonKindern Informationen über die vorhandeneoder drohende Gefährdung des Wohlesvon Kindern erhält, besteht ein Anspruchauf Unterstützung, will man diesen Hinweisennachgehen. Der Gesetzgeberräumt diesen Berufsgruppen, zu denenauch die Psychologischen Psychotherapeuten/-therapeutinnen(PP) und KinderundJugendlichenpsycho the rapeuten/-therapeutinnen (KJP) gehören, einenRechtsanspruch auf Beratung gegenüberdem örtlichen Träger der öffentlichenJugendhilfe ein.In einer vom Verfasser im Jahr 2006 – alsovor Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes– selbst durchgeführten Erhebungder Verfahrensweise in Kinderschutzfragenkritisierten Kinderärzte und KJP,dass sie bei Anrufen im Jugendamt mit derForderung konfrontiert gewesen seien,Auskünfte über die betroffenen Personenzu machen, die Anlass für das Ersuchenum Unterstützung hinsichtlich einer Gefährdungseinschätzungwaren. So warendie Anfragenden in der misslichen Lage,noch vor Erhalt von Unterstützung zu entscheiden,ob sie die Gefahr als so gravierendbetrachten, dass eine Befugnis für dieDatenweitergabe besteht und eine Verletzungder Schweigepflicht dadurch zurechtfertigen wäre.Für diese Problematik hat der Gesetzgebernun ein Lösungsangebot bereitgestellt. DieInanspruchnahme einer „insoweit erfahrenenFachkraft“ ist kostenfrei und erfolgtanonym, also ohne die Notwendigkeit, Angabenzu den Daten der betroffenen Personenzu machen. Sie dient der Beratungund Unterstützung bei der Gefährdungs-276 Psychotherapeutenjournal 3/2013

J. Hermannabschätzung und bei Überlegungen zureigenen weiteren Handlungsweise. DieVerantwortung und Entscheidung bleibtbei der anfragenden Fachkraft (also z. B.dem/der PP/KJP) selbst.Rolle und Qualifikation der insoweit erfahrenenFachkraft sind bisher jedoch nichtabschließend und verbindlich beschrieben.Es wird einerseits auf langjährige Tätigkeitim Bereich von Kinderschutzfragenund Arbeit mit Familien abgehoben, andererseitsdie Notwendigkeit spezieller durchFortbildung zu erwerbender Expertise hingewiesen.Eine hohe Beratungskompetenzund Rollenklärung erscheinen unabdingbar.Der aktuelle Fortbildungsmarktbietet diverse z. T. curriculare Angeboteunterschiedlichen Umfangs durch verschiedeneAnbieter, die mal mit, mal ohneZertifikat abschließen, wobei allgemeingültigeBedingungen für eine Zertifizierungbislang fehlen. Es bleibt abzuwarten, obsich diese etwas unübersichtliche Situationzukünftig klären wird. Ein Beratungsangebotdurch qualifizierte Fachkräfte solltealso schon jetzt gewährleistet sein, seineverbindlich geregelte Qualität ist es wohlnoch nicht.Das durch das Bundeskinderschutzgesetzneu geschaffene Gesetz zur Kooperationund Information im Kinderschutz (KKG)regelt auch die nach dem Feststellen einergefährdenden Situation mögliche Weitergabevon Informationen an das Jugendamt.Der Gesetzgeber hat hier ein mehrstufigesVorgehen vorgesehen.1. Erörterung der Situation mit Kindern/Jugendlichen und ihren Personensorgeberechtigten,2. Hinwirken auf die freiwillige Inanspruchnahmevon Hilfen,3. Beratung durch eine „insoweit erfahreneFachkraft“ und4. Befugnis zur Weitergabe von Informationenan das Jugendamt.Dabei ist zu beachten, dass das Einbeziehendes Kindes oder der Personensorgeberechtigtennur dann erfolgen soll, wennder Schutz des Kindes oder des Jugendlichendadurch nicht infrage gestellt wird.Für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeutenergibt sich in solchen Fällen oftdie Situation, nicht nur hinsichtlich der Einschätzungder Gefährdung des betroffenenKindes eine Abwägung vorzunehmen,sondern auch eine Güterabwägung zwischender Gefährdung des betroffenenKindes einerseits und der Auswirkung aufdie therapeutische Beziehung andererseits,z. B. wenn die Patientinnen und Patientenmit einem solchen Verdacht konfrontiertwerden. Diese sicherlich komplexeund auch verfahrensspezifisch zu betrachtendeProblematik soll an dieserStelle nicht vertieft werden. Es soll aber aufdie auch für solche Konflikte oder Abwägungenbewährte Möglichkeit der Bearbeitungin der (kollegialen) Supervision hingewiesenwerden.Im Sinne des Gesetzes sind – wenn möglich– einvernehmliche Lösungen unterBeteiligung der betroffenen Personen anzustreben.Das gilt auch für den Umgangmit Informationen. Der vermeintliche „Königsweg“liegt also auch hier in der durchEntbindung von der Schweigepflicht vorgenommenenWeitergabe von Informationen.Das dient in aller Regel auch demFortbestand und der Qualität der therapeutischenBeziehung. Sollte das nichtmöglich sein, sind aber die Bedingungen,die bei einer Abwägung dieses Schrittes zuberücksichtigen sind, wenn er ohne odersogar gegen den Willen der Betroffenengegangen werden soll, klar dargelegt.Das Gesetz zur Stärkung eines aktivenSchutzes von Kindern und Jugendlichenpräzisiert die Bedingungen und Abläufeder Weitergabe von Daten, wenn ein Kindin Gefahr ist. Gleichzeitig stellt es Berufsgruppen,die mit Kindern und Jugendlichenin Kontakt stehen, ein Beratungsangebotzur Verfügung, das bei der Gefahrenabschätzungund Vorgehensweise prozessbegleitendwirken soll. Damit ist dasGesetz sowohl für KJP als auch für PP, diein eigener Praxis tätig sind, und selbstverständlichauch für angestellte Kolleginnenund Kollegen durchaus relevant. Übrigensfür einige nicht zuletzt deswegen, weil sieals Beschäftigte in der Jugendhilfe selbstdie Funktion einer „insoweit erfahrenenFachkraft“ ausüben.Weiterführende LiteraturRenner, I. & Sann, A. (Hrsg.) (2010). Forschungund Praxisentwicklung FrüherHilfen. Köln: Nationales Zentrum FrüheHilfen.Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe– AGJ (Hrsg.) (2012). SozialgesetzbuchVIII auf dem Stand desBundeskinderschutzgesetzes – Gesamttextund Begründungen. Berlin:AGJ.Kindler, H., Lillig, S., Blüml, H., Meysen, T.& Werner, A. (Hrsg.) (2006). HandbuchKindeswohlgefährdung nach § 1666BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst(ASD). München: Deutsches Jugendinstitute. V.Dipl.-Psych. Jörg Hermann, PsychologischerPsychotherapeut, ist Leiter der Beratungsstellefür Eltern, Kinder und Jugendlichedes Landkreises Wolfenbüttel, Mitgliedim Vorstand der PsychotherapeutenkammerNiedersachsen sowie des Redaktionsbeiratsdes Psychotherapeutenjournals.Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind die Beratungund Psychotherapie von Eltern mitSäuglingen und Kleinkindern, die Koordinationder „Frühen Hilfen“ sowie Beratungsangeboteals „insoweit erfahreneFachkraft“ im Kinderschutz.Dipl.-Psych. Jörg HermannBeratungsstelle für Eltern, Kinder undJugendlicheHarztorwall 2538300 Wolfenbütteljoerg.hermann@pknds.dePsychotherapeutenjournal 3/2013277

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