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Erbliche Defekte und Dispositionen beim Pferd - Vetsuisse-Fakultät ...

Erbliche Defekte und Dispositionen beim Pferd - Vetsuisse-Fakultät ...

Dennoch können

Dennoch können entsprechende Fluchtreaktionen oft im Gefolge von unerwarteten, lauten Geräuschen sowie bei plötzlichen optischen Reizen wahrgenommen werden. Wie äußert ein Pferd wahrgenommenen Schmerz? Eine grundlegende Schwierigkeit bei der Schmerzäußerung des Pferdes besteht in der Tatsache, dass derartige negative Empfindungen sich dem Betrachter nach menschlichen Kriterien nicht immer in deutlich wahrnehmbarer Form präsentieren. So ist der Umfang an Lautäußerungen und Mimik im Vergleich zu vielen anderen Spezies äußerst gering. PICK und PICK (1997) weisen darauf hin, dass dieser Umstand nicht dazu führen darf, den wahrgenommenen Schmerz als gering einzustufen. So verlangt die Bewertung eines Krankheitsbildes unter dem Gesichtpunkt der Tierschutzrelevanz ein geschultes, kritisches Auge, das auch minutiöse Veränderungen registriert. Nun geht es in der tierärztlichen Praxis nicht stets um Erkrankungen mit extremer Schmerzsymptomatik wie beispielsweise einem Kolikpatienten, der sich vor Schmerzen windet und zu Boden wirft. Weitaus häufiger finden sich Situationen, in denen der Eindruck von Schmerzen und Leiden in feinen Details bei der Untersuchung eines Patienten zu finden ist. Welche Schmerzen empfindet ein lahmendes Pferd? Wie stark leidet ein am Sommerekzem erkranktes Pferd unter Juckreiz? Ein chronischer Schmerzzustand kann sich anders äußern (zum Beispiel in Form von Unrittigkeit) als ein akut auftretender plötzlicher Schmerz wie beispielsweise bei einer akuten Lahmheit oder einem Entzündungsschub einer periodischen Augenentzündung. In jedem Fall muss jedoch objektiv beurteilt werden, ob der Patient leidet. Wie bei anderen Spezies gilt auch hier der Grundsatz, dass „Empfindungen nicht durch Maß und Zahl objektiviert werden können“ (SAMBRAUS 1997). Abweichungen vom Physiologischen sowie Verhaltenauffälligkeiten dienen als Bewertungsgrundlage für die Befindlichkeit des Individuums. Die im Befundteil dieser Dissertation aufgeführte Darstellung des klinischen Bildes der jeweiligen Erberkrankungen soll hier eine Hilfestellung - 82 -

leisten, um die Spannweite der möglichen pathologischen Veränderungen und das damit einher gehende Ausmaß von Schmerzen und Leiden besser beurteilen zu können. 4.3.6 Die tierschutzrechtliche Bedeutung von Schmerzen und Leiden für das Einzeltier und die Population In dem Bemühen, die tierschutzrechtliche Bedeutung von erblichen Defekten und Dispositionen anzuerkennen, ist es überaus wichtig, dass Schmerzen und Leiden eines Pferdes nicht ausschließlich am Einzeltier beurteilt werden, sondern ebenso hinsichtlich ihrer populationsgenetischen Bedeutung. So mag eine erblich bedingte Erkrankung eines einzelnen Tieres durch angemessene therapeutische Maßnahmen geheilt werden und somit dieses Tier in den Augen des Betrachters frei von Schmerzen und Leiden und wieder nutzbar sein, ohne in Konflikt mit dem Tierschutzgesetz zu geraten. Vermeidbare Schmerzen eines einzelnen Tieres sind tierschutzrelevant, unabhängig davon, ob sie erblich bedingt sind oder nicht. So darf ein deutlich wahrnehmbar lahmendes Pferd nicht an einem Turnier teilnehmen, egal ob diese Lahmheit durch eine Zerrung oder eine genetisch bedingte Hufrollenerkrankung ausgelöst wird. In beiden Fällen kann die Möglichkeit bestehen, durch eine erfolgreiche Therapie des Einzeltieres dem Tierschutzgesetz Genüge zu tun. Die Bedeutung erblicher Erkrankungen für bereits existierende oder potentielle Nachkommen findet hier allerdings noch keine Berücksichtigung. Im Bewusstsein des verantwortlichen Tierarztes, Züchters und Halters muss neben der Wahrnehmung eines einzelnen leidenden Tieres auch dieser gedankliche Schritt geleistet werden. Wer die tierschutzrechtliche Bedeutung von Erberkrankungen des Pferdes nicht hinsichtlich ihrer populationsgenetischen Bedeutung berücksichtigt und hinterfragt, ignoriert die möglichen Konsequenzen für die Nachkommenschaft in Form von Schmerzen, Leiden und Schäden, deren Umfang in Abhängigkeit vom Kenntnisstandes über die genetischen Voraussetzungen der jeweilige Erberkrankung schwer abschätzbar sind. - 83 -

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Abteilung Tierhaltung und Tierschutz, Vetsuisse Fakultät Bern
Hauterkrankungen beim Pferd - Tierärztliche Hochschule Hannover