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Erbliche Defekte und Dispositionen beim Pferd - Vetsuisse-Fakultät ...

Erbliche Defekte und Dispositionen beim Pferd - Vetsuisse-Fakultät ...

So emotional der Umgang

So emotional der Umgang mit Pferden heutzutage auch geprägt sein mag, so sehr fehlt dennoch das Bewusstsein für die Bedeutung erblicher Defekte und Dispositionen. Betrachtet man die in dieser Arbeit dargestellten Erberkrankungen sowie die Auflistung der Erkrankungen mit potentiell erblicher Beteiligung, so wird deutlich, dass dieser Erkrankungskomplex keine veterinärmedizinische Randerscheinung darstellt, sondern dass es sich um fast tägliche „Begleiter“ der tierärztlichen Praxis handelt. Nicht selten werden vom praktizierenden Tierarzt Empfehlungen ausgesprochen, die hinsichtlich ihrer Tierschutzrelevanz und ihrer Konsequenzen für nachfolgende Generationen nicht ausreichend hinterfragt werden. So sollte beispielsweise eine Stute, die infolge einer erblich bedingten Lahmheit zur Turniersaison ausfällt, nicht für den Zuchteinsatz empfohlen werden. Dies ist nur eines von zahlreichen möglichen Beispielen dafür, dass aus Ignoranz oder auch aus Unkenntnis nicht der notwendige Einfluss auf das Zuchtgeschehen ausgeübt wird. Jedoch gilt auch hier der Grundsatz, dass Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. Dieser Umstand gibt jedoch einen deutlichen Hinweis auf hohen Handlungsbedarf an anderer Stelle. So sollte in der Ausbildung von Tierärzten dem Bereich der Zuchtbetreuung und –bewertung ein höherer und entsprechenden Tierschutzaspekten angemessener Stellenwert zugestanden werden. Dies gilt sowohl für das Studium der Veterinärmedizin wie auch für verpflichtende Weiterbildungen von Tierärzten und Fachtierärzten, die mit der Zuchtbetreuung befasst sind. Hiermit muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass im Bereich der erblichen Defekte und Dispositionen hinsichtlich der genetischen Hintergründe, der verfügbaren Diagnostik und der daraus folgenden zuchthygienischen Maßnahmen von einem kontinuierlichen Wissenszuwachs auszugehen ist. Diese neuen Erkenntnisse müssen umgehend als selbstverständliches „Handwerkzeug“ vom praktizierenden Tierarzt eingesetzt werden, um eine effektive Einflussnahme auf das Zuchtgeschehen zu ermöglichen. - 90 -

Mit den Tierschutzgesetzen der in dieser Arbeit berücksichtigten Staaten existieren gesetzliche Grundlagen, die den tierschutzrechtlichen Rahmen für die Tierzucht bildet. Dieser Rahmen muss jedoch im Hinblick auf die einzelnen, bereits als erblich bestätigten Defekte und Dispositionen inhaltlich gefüllt werden. Hierfür sollten entsprechende Verordnungen und Richtlinien durch unabhängige Fachleute erstellt werden, die objektive Kriterien zur Bewertung von Erberkrankungen liefern und angemessene zuchthygienische Maßnahmen festlegen. Die Verpflichtung, die entsprechenden Verordnungen zu vollziehen, muss hierbei den Pferdezuchtverbänden zukommen. Diese wiederum sollten im Rahmen regelmäßiger amtlicher Kontrollen durch unabhängige Institutionen unter Beweis stellen, dass sie den tierschutzrechtlichen Anforderungen entsprechen. Die rechtliche Basis aller Pferdezuchten ist üblicherweise in den Satzungen und Zuchtprogrammen festgelegt. Zwar berücksichtigen einige wenige Zuchtverbände bestimmte Erberkrankungen, beispielsweise hinsichtlich der Körung von Deckhengsten, jedoch kann keine der hier dargestellten Satzungen dem Rechtsanspruch des Tierschutzgesetzes genügen. So sollten bereits als erblich bekannte und bestätigte Erkrankungen zwingend in den Zuchtprogrammen aufgeführt werden und je nach zugrunde liegendem Erbgang nicht nur betroffene Deckhengste, sondern gegebenenfalls auch Zuchtstuten aus der Zucht ausgeschlossen werden. Folgende Erkrankungen sind bereits als erblich bestätigt und erscheinen in ihrer möglichen klinischen Ausprägung ausreichend tierschutzrelevant, um in der tierärztlichen Arbeit und ebenso in den Zuchtprogrammen der einzelnen Pferdezuchtverbände berücksichtigt werden zu müssen: Osteochondrosis dissecans Sehnenstelzfuß des Fohlens Podotrochlose-Syndrom Spat Hyperkaliämische periodische Paralyse Letales Weißes-Fohlen- Syndrom Darüber hinaus sollten solche Erkrankungen mit unbewiesener, aber stark angenommener erblicher Beteiligung wie beispielsweise Kehlkopfpfeifen, Allergisches Sommerekzem, - 91 -

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Abteilung Tierhaltung und Tierschutz, Vetsuisse Fakultät Bern
Hauterkrankungen beim Pferd - Tierärztliche Hochschule Hannover