Bildende Kunst und Literatur

lalegion.pictures.com

Bildende Kunst und Literatur

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci

tat in Mailand, wo ihn die Gunst des Schicksals im Herzog Lodovico

Moro einen Vaterersatz finden läßt. Aber bald bewährt sich an ihm die

Erfahrung, daß die fast völlige Unterdrückung des realen Sexuallebens

nicht die günstigsten Bedingungen für die Betätigung der sublimierten

sexuellen Strebungen ergibt. Die Vorbildlichkeit des Sexuallebens macht

sich geltend, die Aktivität und die Fähigkeit zu raschem Entschluß be-

ginnen zu erlahmen, die Neigung zum Erwägen und Verzögern wird

schon beim heiligen Abendmahl störend bemerkbar und bestimmt durch

die Beeinflussung der Technik das Schicksal dieses großartigen Werkes.

Langsam vollzieht sich nun bei ihm ein Vorgang, den man nur den Re-

gressionen bei Neurotikern an die Seite stellen kann. Die Pubertätsent-

faltung seines Wesens zum Künstler wird durch die frühinfantil bedingte

zum Forscher überholt, die zweite Sublimierung seiner erotischen Triebe

tritt gegen die uranfängliche, bei der ersten Verdrängung vorbereitete

zurück. Er wird zum Forscher, zuerst noch im Dienste seiner Kunst,

später unabhängig von ihr und von ihr weg. Mit dem Verlust des den

Vater ersetzenden Gönners und der zunehmenden Verdüsterung im

Leben greift diese regressive Ersetzung immer mehr um sich. Er wird

»impacientissimo al pennello«, wie ein Korrespondent der Markgräfin

Isabella d’ Este berichtet, die durchaus noch ein Bild von seiner Hand

besitzen will 1 . Seine kindliche Vergangenheit hat Macht über ihn be-

kommen. Das Forschen aber, das ihm nun das künstlerische Schaffen

ersetzt, scheint einige der Züge an sich zu tragen, welche die Betätigung

unbewußter Triebe kennzeichnen, die Unersättlichkeit, die rücksichts-

lose Starrheit, den Mangel an Fähigkeit, sich realen Verhältnissen an-

zupassen.

Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten Fünfziger jähren, zu einer Zeit,

da beim Weibe die Geschlechtscharaktere bereits zurückgebildet sind,

beim Manne nicht selten die Libido noch einen energischen Vorstoß

wagt, kommt eine neue Wandlung über ihn. Noch tiefere Schichten sei-

nes seelischen Inhaltes werden von neuem aktiv; aber diese weitere Re-

gression kommt seiner Kunst zugute, die im Verkümmern war. Er be-

gegnet dem Weibe, welches die Erinnerung an das glückliche und sinn-

lich verzückte Lächeln der Mutter bei ihm weckt, und unter dem Ein-

fluß dieser Erweckung gewinnt er den Antrieb wieder, der ihn zu Be-

ginn seiner künstlerischen Versuche, als er die lächelnden Frauen bildete,

geleitet. Er malt die Mona Lisa, die heilige Anna selbdritt und die

1 [»Sehr unlustig zum Malen«] v. Seidlitz (1909, Bd. 2, 271).

155

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine