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GRO_Taschenbuch_MUSTER

von diesem Ort. Egal

von diesem Ort. Egal wohin. Nur weg. Es war die einzige Möglichkeit, mein Baby zu retten. Er hatte mich eingesperrt, aber ich lauerte mit all meinen Sinnen auf den Moment der Schwäche und Unkonzentriertheit bei ihm, von dem ich wusste, dass er irgendwann kommen musste. Er war kein Übermensch, beileibe nicht. Und auch wenn ich einen vollen Tag darauf warten musste: Meine Chance kam. Bruno holte Holz aus dem Schuppen, um den Kaminofen damit anzufeuern und vergaß, die Tür zu meinem Zimmer zu verschließen. Ich streifte mir und Maurice in aller Eile eine Jacke über und wickelte ihn in eine Decke. Die Tür nach draußen war nur angelehnt. Ich riss sie auf und rannte hinaus. Es war eiskalt. Um das Haus herum war alles hell beleuchtet. Bruno war im Schuppen. Ich rannte einfach los. Mein erstes Ziel war es, den Schein des Lichtes hinter mir zu lassen. Aber kaum hatte ich das geschafft, hörte ich auch schon Bruno in wilder Wut meinen Namen rufen. Es war so dunkel, dass er mich unmöglich sehen konnte. Das Haus war so abgelegen, dass es in weitem Umkreis weder andere Häuser gab noch Straßenlaternen. Bruno hatte es sorgfältig ausgewählt. Er konnte mich zwar nicht sehen, aber wahrscheinlich hörte er mich. Aus dem Lichtschein heraus kam er genau auf mich zu. Ich rannte, rannte einfach wild drauflos. Die Wege waren mit einer dicken Eisschicht überzogen. Ich musste sehr vorsichtig sein mit Maurice auf dem Arm. Ich rannte zum Deich, dort hinauf und auf der anderen, der Wasserseite, wieder hinunter. Zuerst hörte ich Bruno noch hinter mir, mindestens eine oder zwei Minuten lang. Zwischenzeitlich war ich mir sicher, dass er näher kam, meine Panik wuchs. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis er mich eingeholt hatte. Fast war es, als spüre ich schon seine Hand auf meiner Schulter. Aber dann schien er wieder zurückzubleiben. Das Geräusch seiner Schritte entfernte sich. Und irgendwann hörte ich nur den Wind, der auf der Wasserseite viel stärker war, und meinen eigenen Atem. Aus irgendeinem Grund schien Bruno zurückzubleiben. 168

Anzeige Maurice war die ganze Zeit über vollkommen ruhig. Ich glaube, er spürte die Gefahr. Mehrere Minuten lief ich am Wasser entlang, ohne mich auch nur ein einziges Mal umzuschauen. Es war sehr glatt und es fiel mir schwer, mich auf den Beinen zu halten. Ein paar Mal war ich kurz davor zu stürzen, konnte es aber immer im letzten Moment verhindern. Inzwischen hatte ich Bruno schon lange nicht mehr gehört. Ich begann, mich ein kleines bisschen sicherer zu fühlen. Endlich traute ich mich, erstmals kurz stehen zu bleiben und mich umzudrehen. Im nächsten Augenblick erschrak ich so sehr, dass mein Herz fast stehen geblieben wäre. Keine hundert Meter hinter mir sah ich ihn. Schwach erkannte ich die Umrisse seines massigen Körpers. Mir wurde klar, dass ich ihn nur deshalb nicht gehört hatte, weil der Wind alle Geräusche gefressen hatte. Auch Bruno hatte offenbar Schwierigkeiten, nicht zu stürzen, kam 169