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GRO_Taschenbuch_MUSTER

sagen mir einfach, warum

sagen mir einfach, warum Sie zu mir gekommen sind. Ich gehe mal davon aus, dass Sie keine schwangere Frau haben.“ „Womit Sie richtig liegen“, bestätigte ich. „Also?“ „Warum haben Sie damals nicht angezeigt, dass Sie an genau dem Küstenstreifen eine Geburt hatten, an dem nur ein paar Tage später ein Säugling gefunden wurde? Die Meldungen in den Medien können Sie ja kaum übersehen haben.“ Auch sie schob jetzt ihre Kaffeetasse beiseite und beugte sich auf dem Schreibtisch ganz leicht nach vorne. Irgendetwas an ihrer Fassade schien plötzlich zu bröckeln. Im Gegenzug bröckelte ein kleines Stück meiner Antipathie. „Ich könnte Ihnen jetzt natürlich erzählen“, sagte sie schließlich, „ich sei gleich nach dieser Geburt auf eine große Reise gegangen und hätte von dem ganzen Theater deshalb nichts mit bekommen…“ „Was ich Ihnen“, schob ich ein, „natürlich nicht glauben würde.“ „Sicher nicht“, sagte sie. „Und ich müsste Angst haben, dass Sie sich mit Ihrem Wissen an die Polizei wenden. Denn natürlich habe ich mich damals strafbar gemacht. Und deshalb sage ich Ihnen lieber gleich die Wahrheit.“ „Ich höre…“ Sie lehnte sich wieder zurück. Als einziges erkennbares Zeichen innerer Unruhe drehte sie minimal, dafür aber permanent ihren Stuhl hin und her. „Ich habe damals schon die Geburt nicht gemeldet“, fuhr sie schließlich fort, „wozu ich natürlich verpflichtet bin. Egal ob ein Kind gefunden wird oder nicht. Aber ich bin auch nicht zur Polizei gegangen, nachdem ich von dem Babyfund erfahren hatte. Obwohl mir sofort klar war, dass es sich um das Kind der Kirchhoffs handelte.“ „Und warum haben Sie es nicht getan?“, fragte ich. Eine Weile suchte sie nach den richtigen Worten. „Ich habe Bruno Kirchhoff geliebt“, sagte sie schließlich und sah mich direkt an. 184

Anzeige Als sie erkannte, dass ich nicht so erstaunt war wie sie es erwartet hatte, entspannte sie sich etwas. „Aber der war doch zu diesem Zeitpunkt schon tot“, sagte ich. „Oder etwa nicht?“ „Doch“, sagte sie schnell. „Natürlich war er tot. Aber ich hatte mich ja schon strafbar gemacht, indem ich die Geburt des Kindes, auf sein Verlangen hin, nicht gemeldet hatte. Und das war nicht das Einzige. Natürlich hatte ich mitbekommen, dass Bruno seine Frau in dem Ferienhaus wie eine Gefangene hielt. Wäre das alles ans Tageslicht gekommen, hätte ich meine Praxis sofort schließen können.“ „Also sagten Sie lieber nichts.“ „Nach allem, was ich über die Presse mitbekam“, entgegnete sie, „hatte ich auch nicht den Eindruck, dass dem Kind etwas fehlte.“ „Vielleicht seine Mutter?“ Nervös sah sie zur Uhr. Sie hatte von einem Termin gesprochen. „Darüber habe ich natürlich auch nachgedacht“, sagte sie und zum ersten Mal huschte ein leichter Zweifel über ihr Gesicht. „Aber schließlich hatte sie das Kind ja ausgesetzt. Fehlt eine solche Mutter dem Kind wirklich?“ 185