Aufrufe
vor 2 Monaten

GRO_Taschenbuch_MUSTER

und ließen uns dort auf

und ließen uns dort auf das große Bett fallen. Eine kurze (oder lange?) Zeit lagen wir nur da, nebeneinander, unsere Schultern, unsere Arme, unsere Beine berührten sich. Unsere Blicke waren zur Decke gerichtet. Ich hatte ein Gefühl von sprachlosem Glück. Ich hatte nach Lara gesucht, jetzt hatte ich sie gefunden. „Ich habe gefunden“, hörte ich mich plötzlich sagen. Dann wiederholte ich den Satz noch einmal: „Ich habe gefunden.“ Ich lauschte den Worten nach. „Ich auch“, sagte Lara leise. „Ich habe auch gefunden.“ Ich schaute sie an. Sie lächelte so leise, dass man es kaum sehen konnte. Ich hatte das Gefühl, noch nie in ein so schönes Gesicht geschaut zu haben. Plötzlich fiel mir die Szene vom Friedhof wieder ein, ich hatte sie verdrängt wie einen Traum. „Warum bist du eigentlich vor mir davongelaufen?“, fragte ich. „Nein“, antwortete sie. „Das stimmt nicht. Ich bin vor mir selbst davongelaufen. Ich habe die ganzen letzten Jahre nichts anderes gemacht. Das heißt, ich habe es versucht. Aber es geht nicht.“ „Das meine ich nicht“, sagte ich. Ich lächelte über unser Missverständnis und erzählte ihr, wovon ich sprach. Wie ich sie auf dem Friedhof gesehen hatte und ihr gefolgt war. Und wie sie regelrecht vor mir geflohen war und sich danach in Luft aufgelöst hatte. „Ich war dort nicht“, sagte sie, aber es klang nicht überrascht. „Vielleicht habe ich zu dieser Zeit ganz fest an dich gedacht. Wenn ich das getan habe, hatte ich manchmal das Gefühl, körperlich bei dir zu sein. – Denkst du noch oft an Charlotte?“ „Sehr oft.“ „Ich auch“, sagte Lara. „In gewisser Weise gehört sie zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Sie hat so viel mit uns beiden zu tun.“ Ich drehte mich zu ihr. Mein Zeigefinger fuhr vorsichtig die Linien ihres Gesichtes entlang. „Versprichst du mir“, fragte ich, „dass du bei mir bleibst? Ich weiß nicht, ob ich so was wie die letzten Wochen noch mal durchstehen 194

kann.“ „Holst du uns ein Glas Champagner?“, sagte Lara. Ich richtete mich halb auf, um zu gehen und ihren Wunsch zu erfüllen. „Versprich es“, wiederholte ich. „Bitte.“ Lara nickte wortlos. Ich wusste nicht, ob mir das reichte. In der festen Absicht, die Champagnerflasche zu öffnen, stand ich vom Bett auf. Aber irgendwie kam es anders. Über eine Stunde später stand die Flasche weiter ungeöffnet am gleichen Platz. Sie wirkte seltsam unbeteiligt, wie ein diskreter Diener. Die Gläser links daneben waren die Handlanger des Butlers. Ich lag neben Lara im Bett. „Hey!“, sagte Lara plötzlich gespielt empört. „Was ist eigentlich los? Ich habe Durst. Traust du dich vielleicht nicht, den Korken fliegen zu lassen? – Na schön, dann mache ich das eben. Auch kein Problem.“ Mit diesen Worten stieg sie über mich hinweg und ging zum Fenster. Ich konnte meine Augen nicht von ihr lassen und wurde schon eifersüchtig bei dem Gedanken, dass jemand von draußen gegen das sanfte Licht im Zimmer ihre Silhouette hinter dem Vorhang sehen könnte. Lara war so schön, dass ich sie mit niemand teilen wollte, nie wieder. Der Gedanke, sie könne mich am Ende doch wieder verlassen, machte mich schon jetzt halb wahnsinnig. Ich stand auf und ging zu ihr. Es reichte mir nicht, sie weiter nur anzusehen. Ich musste sie berühren und spüren. Die ganze Zeit, in der ich sie gesucht hatte, war mir klar gewesen, dass ich sie vermisste. Aber wie sehr das war, das spürte ich erst jetzt. Ich hatte bis dahin nicht gewusst, dass man sich so intensiv nach einem Menschen sehnen kann. Meine Hände glitten über Laras Haut, erkundeten immer wieder ihren Körper. Ihre Haut war sanft und weich. Ich kannte nichts, was sich auch nur halb so gut anfühlte. Ich begehrte Lara. Mit jeder Faser, jeder Sehne, jedem Muskel meines Körpers, mit jedem Gedanken, jedem Gefühl in mir wollte ich nur noch einen Menschen: Lara. Und ich war vollkommen sicher, nie wie- 195