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dass er seine Sache gut

dass er seine Sache gut macht. Meine Angst um Lara nimmt mir das nicht. Noch immer weiß ich nicht, was für ein Ende das alles hier haben soll. Macht es irgendeinen Sinn für sie, alle Qualen dieser furchtbaren Nacht noch einmal zu durchleben? Ich glaube es nicht wirklich. Aber ich habe ihr vorher versprochen, die Dinge auf keinen Fall zu früh zu unterbrechen. „Es ist Marlies Schwalm“, sagt Lara, jetzt relativ ruhig. „Übrigens heiße ich nicht Lara, sondern Isabelle.“ „Entschuldigung, natürlich Isabelle“, entgegnet Schuberth sanft. „Aber wer ist Marlies Schwalm, Isabelle? Welche Rolle spielt sie in dieser Geschichte?“ Und wie nebenbei sagt er: „Legen Sie sich wieder hin, Isabelle. Bleiben Sie ganz ruhig. Es geschieht Ihnen nichts, das verspreche ich Ihnen. Sie sind ganz sicher. Schließen Sie ruhig die Augen. Entspannen Sie sich ein wenig.“ Ich denke, dass jetzt etwas durcheinander geraten sein muss in Laras Erinnerungen. Marlies Schwalm ist zu diesem Zeitpunkt längst abgereist, hat ihre Aufgabe erfüllt. Aber Lara ist sich ganz sicher. „Die Hebamme“, erklärt sie, während sie Schuberths Anweisungen befolgt. „Marlies Schwalm ist die Hebamme. Sie hat mir geholfen, Jonathan zur Welt zu bringen. Ich mag sie nicht besonders, aber sie hat mir geholfen. Auch die Tage nach der Geburt war sie sehr wichtig für mich. Ohne sie hätte ich Vieles nicht geschafft.“ Dann macht sie eine Pause, als müsse sie sich erst neu besinnen. Plötzlich befürchte ich, dass sie den Faden verloren hat, was kein guter Zeitpunkt wäre. Wenn Marlies Schwalm damals tatsächlich noch oder wieder in dem Ferienhaus war, dann wirft das ein ganz neues Licht auf den gesamten weiteren Verlauf dieser Nacht. Aber ich befürchte, dass Schuberth sie nun doch zu lange angesprochen und damit unterbrochen hat. Dann wäre alles, was bisher geschehen ist, sinnlos. „Aber sie ist längst abgereist“, fährt Lara schließlich erstaunt fort. Langsam taucht sie wieder in ihre Erinnerungen ein, das ist ihr anzusehen. Sie schließt die Augen, geht fort in jene Nacht, die über zwei Jahre zurückliegt. 226

„Was machen Sie hier? Ich denke, Sie sind wieder in Hamburg. Ich …“. Es scheint, als nehme die Hebamme ihr das Telefon aus der Hand. Laras Hände greifen ihm vergeblich hinterher. „Aber ich muss die Polizei anrufen“, sagt sie. „Ich habe Jonathan ausgesetzt. Er … mein Mann, er will, er wollte …. Ich muss die Polizei anrufen. Geben Sie mir das Telefon zurück. Bitte.“ Ihre Unruhe hat sich sofort wieder gesteigert. Mit dem Oberkörper ist sie bereits wieder halb hochgekommen. Sie schaut über die Rückenlehne des Sofas. Dort steht Marlies Schwalm und denkt gar nicht daran, ihr das Telefon zurückzugeben. „Bitte!“, wiederholt sie. „Ich muss telefonieren. Bruno kann jeden Augenblick wieder hier sein. Geben Sie mir schnell das Telefon. Nun machen Sie schon!“ Langsam wird sie wütend. Aber dann fällt sie unvermittelt wieder in sich zusammen. Irgendetwas muss passiert sein. Nach außen ist aber nicht erkennbar, was das ist. „Was ist los?“, fragt Schuberth leise. „Ist Bruno gekommen?“ Lara nickt resigniert. „Er steht schon eine Weile da“, sagt sie, plötzlich weinerlich wie ein Kind. „Ich hab ihn nur nicht gesehen.“ Alles Leben scheint plötzlich aus ihr gewichen zu sein. Sie hat nicht mal mehr die Kraft, von sich aus weiterzureden. Ich sehe Schuberth an, dass er kurz davor ist, die Sitzung abzubrechen. Wahrscheinlich hat er Angst, dass die Dinge außer Kontrolle geraten. Wir stehen an einer Gabelung und es fehlt das Hinweisschild, welcher Weg der richtige ist. Die Entscheidung liegt allein bei Schuberth. Er ist unser Scout. Ein plötzlich zögerlicher Scout, was mich beunruhigt. Auch Lara wartet. Sie ist voller Angst. Mir wird klar, dass ich sie nicht lange in diesem Zustand belassen werde. Ich überlege ernsthaft, die Sitzung von mir aus zu unterbrechen. „Was passiert weiter?“, fragt Schuberth schließlich. Seine Entscheidung ist gefallen, aber ich bin nicht sicher, ob seine Zweifel sich aufgelöst haben. 227