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PDF-Datei: Pädagogische Anthropologie - Egon Schütz Archiv

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-28-<br />

dem Begriffsraster unterstellt, um sie darin zu ordnen, nicht<br />

aber um den Begriffsraster an den Erscheinungen zu prüfen,<br />

verliert die Fülle historischen Lebens an Farbe und Gestalt.<br />

Das Begriffsschema tritt an die Stelle des Lebendigen, die<br />

statische Ordnung an die Stelle geschichtlicher Bewegung, und<br />

die Selbsterkenntnis wird zum Machtspruch, wo sie als Frage<br />

sich entfalten sollte. Es ist also das Verhältnis von Begriff<br />

und Geschichte, das von Herder nachdrücklich in Bewegung gesetzt<br />

und als aufsteigende Wechselwirkung interpretiert wird. *<br />

Es gibt keinen zureichenden Begriff vom Menschen ohne einen<br />

zureichenden Begriff von seiner Geschichte und umgekehrt.<br />

Indem Herder aber das Verhältnis der über-und Unterordnung<br />

von Begriff und Geschichte in ein Verhältnis der dynamischen<br />

Wechselwirkung auflöst - auf diese Weise elementar seinen<br />

historischen Sinn bekundend -, verflüssigt er auch den Begriff<br />

der Bildung selbst. Denn Geschichte ist jetzt nicht mehr, was<br />

sie auch sein könnte, ein Erinnerungsvorrat/über den man auf<br />

Abruf verfügt. Sie ist kein äußerer Bildungsinhalt, kein vorgegebener<br />

Stoff für bildenden Unterricht - vielmehr: Bildung ereignet<br />

sich als Geschichte, als "historische Produktion" je<br />

spezifischer Kultur unter verschiedenen und überdies wechselnden<br />

Bedingungen. Nur die Geschichte allein vermittelt, was<br />

es is-t mit der Bildung eins Volkes oder eines Einzelnen auf sich<br />

hat. Eben weil der Mensch wesenhaft geschichtlich existiert.<br />

Und das bedeutet, so wenig es den abstrakten Begriff des<br />

Menschen als sinnvolle Orientierung für Humanität gibt, so wenig<br />

gibt es den Begriff der Bildung, der allen Bildungen<br />

geschichtlicher Zeiten adäquat sein könnte. Deshalb kann ein<br />

gebildetes Volk - wie etwa das Volk der Griechen - zwar beispielhaft<br />

für eine Vollendungsgestalt geschichtlicher Bildung<br />

sein. Doch der Beispielssinn wird zerstört, wenn man griechische<br />

Bildung zum absoluten Vorbild aller nachfolgenden Zeiten stilisiert.<br />

Denn dann würde man weder dem geschichtlichen Griechen-<br />

!<br />

turn gerecht noch der geschichtlichen Selbstaufgegebenheit späterer<br />

Generationen, die ihre eigene Bildung unter den für sie zutreffenden<br />

Bedingungen und vom Standort ihrer Selbsterkenntnis

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