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Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Dynam.

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ tischer Bifurkationsbaum dargestellt. Es sind zwei Phänomene festzuhalten: (1) In fast allen Fällen kommt es zur bimodalen, meist asymmetrischen Bifurkation, welche die Qualität oder die Quantität des Vokals betrifft. In Nebensilben kommt es auch zum Schwund. Bei langen Vokalen sind Diphthongierungen (in der Folge auch wieder Monophthongierungen) häufig anzutreffen. Offensichtlich gibt es kontinuierliche Vokalveränderungen zuerst unterhalb der Phonemisierungsschwelle und dann auch kategoriale Veränderungen (vgl. Kap. 3.2.1). (2) Die Verzweigungsprozesse sind regelmäßig an andere Prozesse gekoppelt, wir können diese Koppelungen nach der Reichweite ihrer Effekte ordnen (globaler Einfluss, mittlerer Einfluss, lokaler Einfluss): Globaler Einfluss, z.B. Akzentwandel. So wird der im Indogermanischen noch freie Hauptakzent auf die Stammsilbe konzentriert, es entsteht eine Polarität Zentrum-Peripherie. Dadurch treten in den Flexionsund Ableitungssilben bei schwachem Akzent systematische Schwunderscheinungen auf. Mittlere Einfluss: Beeinflussung durch in der Phonemkette benachbarte Laute. Der Umlaut reduziert die artikulatorische Distanz und verschiebt somit den Laut. Durch Funktionstransfer (Grammatikalisierung des Umlautes) stabilisiert sich dieses Prozeßresultat, während die Ursache, z.B. das /i/ im Suffix, dem allgemeinen Schwund zum Opfer fällt. Lokaler Einfluss, z.B. Einfluss der Silbengrenze; vgl. die frühneuhochdeutsche Dehnung. Die Aufnahme von fremdem Wortgut und Sprachkontakte bewirken ebenfalls lokale Veränderungen, welche summativ und über Analogieprozesse die Struktur des Vokalsystems verändern können. Der Prozess, in dem eine Veränderung die Bedingungen für andere Veränderungen reguliert, ist autokatalytischer Natur. Allerdings sind die Systeme des historischen Lautwandels nicht so einfach, wie diejenigen, die PRIGOGINE für die Chemie beschreibt und insbesondere ist die Bildung stabiler Grenzzyklen, also fester, periodischer Schwankungen nicht beobachtet worden (allerdings treten Spiralen oder Pseudozyklen auf). Es scheint auch vorstellbar, dass in Sprachkulturen ohne starke Migrations- und Mischungserscheinungen und ohne Schrift stabile Prozessstrukturen anzutreffen sind. ad b: Die Verschiebung der Langvokale in der Geschichte des Englischen Während in der junggrammatischen Tradition eher Einzellaute untersucht wurden, die dann bei der Erklärung des Wandels auf andere Laute und eventuell auf das System der Laute bezogen wurden, versucht die strukturalistische Methode die Entwicklung eines ganzen Teilfeldes als kollektive Veränderung zu beschreiben. Wir haben in Abschnitt 3.1.1 Ansätze zu einer dynamischen Beschreibung phonologischer Kategorisierungen entwickelt, so dass wir in diesem Abschnitt nur die externe Dynamik des Systems thematisieren wollen. Abb. 3.11 zeigt die Systeme der Langvokale vor und nach der "großen Vokalverschiebung" (vgl. BYNON, 1981: 76, fußend auf Analysen von CHOMSKY und HALLE, 1968 und ANDERSON, 1973). 64

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ Abb. 3.11 Entwicklung der „großen Vokalverschiebung“. Die Gesamtdynamik lässt sich anschaulich durch zwei komplementäre Prozesse beschreiben: (1) Alle Langvokale werden in Richtung /+ vorne/ verschoben, d.h. die Artikulationsstelle wird generell nach vorne (von der Glottis zum Mund) verschoben. Akustisch bedeutet dies, dass der erste Formant in der Frequenz verringert wird (vgl. UNGEHEUER, 1962). (2) Es sieht so aus, als würden die an die obere Grenze des Formanten- bzw. Artikulationsraumes gelangten Phoneme ihren Charakter sprungartig verändern, indem sie von Lauten mit prototypischem Feld (Monophthonge) zu Lauten mit prototypischer Bewegung (Diphthonge) übergehen. Die Diphthonge sind akustisch als eine kontinuierliche Veränderung der Formanten F1 und F2 beschreibbar, artikulatorisch als (relativ schnelle) Bewegungen. Wir wollen für diese beiden Phänomene knappe Modellbildungsskizzen im Rahmen einer Theorie der Selbstorganisation geben. Generell handelt es sich wieder um gekoppelte Prozesse, wobei ein Teilprozess den anderen autokatalytisch verstärkt. Die Ursache des Wandels kann dabei in zufälligen Fluktuationen und günstigen Randbedingungen liegen; sie ist im gewissen Sinn nicht "causa" des Wandels, sondern nur Auslöser. Die eigentlichen "causae" sind die Selbstorganisationsprozesse im System. Wenn wir die Grenzzonen zwischen phonemischen Kategorien als Kante einer Kuspenkatastrophe interpretieren (vgl. Kap. 2.2), können wir die Wirkung der Zeitvariablen als kontinuierliche Verschiebung der Kuspe über den Kontrollraum beschreiben (vgl. WOODCOCK, 1978: 396). Damit geraten Punkte und Zonen, die zu einem Zeitpunkt T1 auf der Stabilitätsfläche sind, in einen Wechsel hinein und auf eine andere Stabilitätsfläche. In Abb. 3.12 sehen wir unten eine solche Zeitverschiebung für eine Grenze und oben das globale Bild der Verschiebung eine Funktion mit vier Minima (= Attraktoren) relativ zur phonetischen Skala; in diesem Falle an der Platzierung des ersten Formanten auf der Frequenzachse gemessen). 65

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