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theorie des hörspiels und seiner mittel - Mediaculture online

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<strong>des</strong> Hörspiels zutreffender: Das Stück wäre wirksamer gewesen, »wenn statt <strong>des</strong> Themas<br />

›Weltsolidarität‹ das Schicksal der Mannschaft im Vordergr<strong>und</strong> gestanden hätte.« 1931 ist<br />

schon als allgemein akzeptiert vorauszusetzen, was Kolb dann so formuliert: »Dem Funk<br />

fehlt die Ausdrucksmöglichkeit für das rein Realistische. Er stellt dieses nur in die<br />

Vorstellungswelt <strong>des</strong> Hörers durch Wort <strong>und</strong> Geräusch. Ein Herabsinken <strong>des</strong> Hörspiels in<br />

das grob Realistische widerspricht daher dem Wesen <strong>des</strong> Funks.« Um es noch deutlicher<br />

zu sagen: Realismus <strong>und</strong> Kollektivismus töten das Hörspiel als literarische Form, noch<br />

ehe es geboren ist.<br />

Ungleich überzeugender als Wolfs Stück <strong>und</strong> wahrscheinlich das vortrefflichste<br />

R<strong>und</strong>funkwerk jener Jahre (neben Reinachers Narr mit der Hacke) ist Ernst Johannsens<br />

Hörspiel. Freilich, wenn es ebenfalls als Aufnahme erhalten wäre, so fänden wir zweifellos<br />

auch darin genug Lärm investiert. Über den Unterstand der Brigadevermittlung, den<br />

»Augenpunkt« der Perspektive, aus der wir hören <strong>und</strong> sehen, wogt die Materialschlacht<br />

der Westfront von 1918. Vielleicht zu unserm <strong>und</strong> Johannsens Glück kennen wir heute<br />

das 1929 in München uraufgeführte Werk nur in einer Neuproduktion von Kurt Reiss (eine<br />

der letzten Inszenierungen vor seinem Tode 1960), in der sich die Geräuschökonomie<br />

modernen Hörspielstils <strong>und</strong> alle Zartheit dieses einzigartigen Funkregisseurs bewähren.<br />

Nur zwei »Erzähler«sätze am Anfang <strong>und</strong> am Schluß mußten am ursprünglichen<br />

Manuskript geändert werden: während 1929 ein einzelner Reisender angesichts <strong>des</strong><br />

ehemaligen Schlachtfel<strong>des</strong> sich erinnert, sind es nun zwei, Vater <strong>und</strong> Sohn, die beide hier<br />

gekämpft haben – in zwei Kriegen, »von denen min<strong>des</strong>tens einer überflüssig war«. Und<br />

dann trägt uns sozusagen eine Handbewegung <strong>des</strong> Älteren über den letzten Krieg hinweg<br />

zu jenem zuvor, <strong>und</strong> ein Hörspiel kann beginnen, das wie für unsere Gegenwart<br />

geschrieben zu sein scheint.<br />

Stil <strong>und</strong> Wirkung erinnern sehr bald daran, daß dieses R<strong>und</strong>funkwerk im selben Jahr wie<br />

Remarques Im Westen nichts Neues entstand <strong>und</strong> eines der Dokumente jener<br />

ausklingenden zwanziger Jahre ist, in denen mit überwältigender Zwangsläufigkeit die<br />

literarischen Reminiszenzen <strong>des</strong> Weltkriegsgeschehens aus dem allgemeinen<br />

Unterbewußtsein auftauchen. Zu Unrecht ist bisher neben dem einzigartigen Welterfolg<br />

<strong>des</strong> Remarque-Romans <strong>und</strong> neben dem großen Ruhm <strong>des</strong> Bühnenstückes Die andere<br />

Seite Ernst Johannsens Hörspiel vergessen worden. Damals wurde es in viele Sprachen<br />

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